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Die Rechte des Herzens

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Titel: Die Rechte des Herzen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40–43, S. 533–536; 549–552; 565–569; 577–582
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[533]

Die Rechte des Herzens.


I.

„Es drängt mich, Sie zu sprechen, Henriette, ich muß Sie sprechen, denn ich leide! Doch nein, ich leide nicht, ich bin im Gegentheil glücklich, da ich Sie diesen Abend auf dem Balle sehen kann. Ach, Sie werden in Ihrem blauen Kleide so schön sein, daß Sie einem Engel glichen, wenn Sie nicht schon ein Engel in Wirklichkeit wären. Da ich vermeiden will, daß die schlechte Welt unsere Liebe ahnt, beklatscht und bekrittelt, so werde ich mich auf dem Balle nur wenig mit Ihnen unterhalten; aber finden Sie sich um elf Uhr, wo der Tanz am lebhaftesten ist und Niemand unsere Abwesenheit bemerkt, in der Orangerie eh. Als Zeichen der Gewährung meiner Bitte befestigen Sie die rothe Rose in Ihrem Gürtel, die ich Ihnen während des ersten Walzers, den wir zusammen tanzen, geben werde. Ich bringe ein schweres Opfer, indem ich Sie den ganzen Abend am Arme eines Andern sehe, aber ich bringe es der Welt wegen.

Adolf M ..“

Diesen Brief hatte Adolf Morgens an die Adresse befördert, und Abends war er der erste, der mit hoffnungsfrohem Herzen das kleine duftende Wäldchen betrat, denn er hatte die rothe Rose in Henriette’s Gürtel gesehen. Aber auch die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt, die Eifersucht auf einen jungen Mann, der oft mit der reizenden Henriette getanzt hatte. In tödtlicher Unruhe erwartete er die Stunde des Stelldicheins. Es war das erste Mal, daß ein Zweifel, eine finstere Ahnung in ihm erwachte.

Endlich schlug die ersehnte Stunde; aber es verging noch einige Zeit ehe Henriette erschien. Sie war sichtlich aufgeregt und zitterte.

Die beiden jungen Leute traten Arm in Arm in die Dunkelheit des Wäldchens. Die ruhige, aber mondlose Nacht verbreitete nur einen schwachen Schimmer über die schlummernde Erde. Geheimnißvoll, wie die Liebesgedanken, welche diese beiden Herzen bewegten, war das rings herrschende Schweigen.

„Warum sind Sie so traurig, mein lieber Freund?“ fragte Henriette mit sanfter, schmeichelnder Stimme.

Er antwortete nicht sogleich, die Eifersucht beherrschte ihn völlig. Erst nach einigen Augenblicken schilderte er mit Schmerz und Leidenschaft die Ahnungen, die sich ihm aufdrängten, und die Furcht, daß dieser Ball ihrer Liebe verhängnißvoll werden könne.

„Sie sind thöricht!“ rief sie aus. „Also deshalb, weil ich mit einem andern jungen Mann getanzt habe, quälen Sie sich mit Sorgen und Befürchtungen! Gestehen Sie es nur, Sie sind auf Otto Winter eifersüchtig!“

„Ja, Henriette, ich bin auf ihn eifersüchtig!“

„Ich schwöre Ihnen, Adolf, daß er nicht ein Wort von Liebe zu mir gesprochen hat.“

„Wahrhaftig? Ach, Henriette, dieses Geständniß macht mich unaussprechlich glücklich! Aber es schien doch, daß er sich oft zu Ihnen neigte. Jedes Wort, das Sie ihm sagten, war für mich ein Dolchstoß.“

„Er unterhielt mich von meiner Cousine Friederike, die Sie kennen; auch befragte er mich über das Vermögen meiner Tante.“

„So will er Friederiken wohl heirathen?“

„Man möchte es glauben.“

„O welch’ ein Glück!“

Nun folgte ein süßes Schweigen, das den Verliebten eine glückseligere Unterhaltung gewährt, als die leidenschaftlichsten Worte. Dieses Schweigen unterbrach Henriette; ganz leise, als ob sie fürchtete von einem Lauscher gehört zu werden, flüsterte sie:

„Sie wissen es ja, Adolf, daß ich nur Ihnen angehören werde!“

„O wiederholen Sie noch einmal diesen süßen Schwur, daß ich ihn in mir aufnehme und in den geheimsten Falten meines Herzens aufbewahre!“

Und wie schon oft, so wiederholten jetzt feuchte Blicke und zärtliche Händedrücke zum hundertsten Male jene heiligen Gelübde, die nur Gott allein hört.

Das Gesicht des jungen Mannes flammte in Purpurröthe; er ergriff die Hand Henriette’s, legte sie auf sein heftig klopfendes Herz, und sagte:

„Wie Sie, habe auch ich einen Eid zu leisten – wie Sie, Henriette, nehme auch ich Gott zum Zeugen, daß ich Sie liebe, und daß ich nie eine Andere lieben werde! Ich schwöre, daß ich von Morgen an alle Energie und Kraft, die in mir ist, anwenden werde, um Ihrer würdig zu werden und Sie vor den Augen der Welt besitzen zu können. Nehmen Sie diesen Eid an, Henriette, und wenn ich je meineidig werde, so verdammen Sie mich ohne Mitleiden!“

Der Engel der Liebe, der die Herzen und Gewissen durchschauen kann, und mit Liebe aufrichtige Seelen sucht, um einen Augenblick bei ihnen zu ruhen, hätte vor Glück erbeben und den reinen Duft zu Gottes Thron emportragen müssen, der diesen Abend dem geheimnißvollen Wäldchen entströmte.

„Bewahren Sie die rothe Rose, die ich Ihnen geschenkt habe und die Sie im Gürtel tragen,“ fügte Adolf hinzu.

„Und ich gebe Ihnen diese rothe Rosenknospe, die ich für Sie gepflückt habe!“ sagte Henriette.

[534] „Diese beiden Blumen werden uns wie Blicke des Himmels bis zu dem Augenblicke beschirmen, wo ich Ihrer würdig sein werde!“

Die beiden Glücklichen vergaßen, daß sie sich auf der Erde befanden. Da plötzlich umschwirrte eine Fledermaus mit ihren schwarzen Flügeln die Häupter der Liebenden. Henriette schmiegte sich erschreckt an den jungen Mann; dieser wehrte den Unglücksvogel mit der Hand ab. Aber Adolf war tief erschüttert – ein kalter Schauer durchrieselte seinen ganzen Körper. Beide sagten sich indessen so oft, daß sie sich liebten, sie entwarfen so viel thörichte Pläne, daß sie für den Augenblick die unheilvolle Vorbedeutung vergaßen.

Henriette kehrte in den Ballsaal zurück. Der junge Mann, berauscht von seinem Glücke, machte einen Spaziergang auf das Land, der sich auf die ganze Nacht ausdehnte – erst spät am Morgen betrat er die Stadt wieder.


II.

Der Leser wird fragen, wer ist, was arbeitet Adolf; was für einen Zweck verfolgt er, und was hofft er in der Gesellschaft für eine Stellung einzunehmen, die er seiner Henriette bieten kann? Was will er werden? Adolf war ein armer Künstler, der sich einen Ruf erwerben wollte, ein Künstler, der keinen andern Schutz hatte, als den Gottes und seines Genies, der keine andere Hoffnung hegte, als daß einst die Menge sich nach ihm drängen und ihm Beifall spenden sollte. Es war dies eine etwas kühne Hoffnung – aber einem Musiker schien die Verwirklichung derselben nicht unmöglich. Rührt nicht die Musik, mehr noch als die Dicht- und Malerkunst, die Herzen der Menge? Ist sie nicht das sympathetische Band zwischen dem Menschen und Gott, die unsichtbare Leiter von den sichtbaren zu den unsichtbaren Dingen, die geheimnißvolle Stimme, die auf der Erde die Sprache des Himmels zu reden scheint?

Adolf hatte keine Eltern mehr. Die Unwissenheit eines Vormundes hatte ihm seine Carrière gehemmt; aber dadurch war sein Eifer nur noch reger geworden. Er war nur erst einundzwanzig Jahre alt, und schon hatte er sich bemerkbar gemacht, aber leider nicht so bemerkbar, daß er eine Stellung einnahm. Adolf sollte noch ein Jahr eifrig studiren, und dann, so hatte man ihm versprochen, würde er Gold und Ehre ernten. Seit er Henrietten das feierliche Eheversprechen gegeben, studirte er mit einem glühenden Eifer die Partituren Weber’s, Mozart’s und Beethoven’s. Er hoffte eine Krone zu gewinnen, die der reinen Stirn seiner Geliebten würdig war.

Getrieben von seinen edeln Gesinnungen, arbeitete der junge Künstler Tag und Nacht, um groß und geachtet zu werden. Er zählte fest auf Henrietten; die Liebe verklärte den Horizont seiner Zukunft mit einem rosigen Scheine, und wurden ja einmal Zweifel wach, so fragte er sich: was habe ich zu fürchten? Henriette hat mir im Angesicht? Gottes einen feierlichen Eid geschworen, und Gott gibt nicht zu, daß man vergebens einen Eid schwört.

Die kleine rothe Rose, die Henriette mit ihren Lippen berührt, war längst verwelkt; aber Adolf trug sie stets wie einen Schatz auf seiner Brust.

Wie ist man doch glücklich mit einundzwanzig Jahren, und wie gut denkt man von Welt und Menschen!

Eines Abends kehrte er aus dem Conservatorium der Musik in seine Wohnung zurück. Sein Gesicht verklärte ein edler Stolz, denn der Direktor hatte ihm angekündigt, daß er bei einer ausgeschriebenen Konkurrenz den ersten Preis verdient habe. Dieser Diamant war kostbar genug, um ihn der Geliebten anzubieten. Der glückliche Musiker dachte nur an den Augenblick, wo er Henrietten würde sagen können:

„Diese Krone und dieser Ruhm, der meine Stirn verklärt, gebührt Ihnen, denn ich habe ihn mit einem Theile meiner Seele erkauft, und meine ganze Seele ist ja schon seit langer Zeit Ihr Eigenthum!“

Als er sein Zimmer betrat, fand er einen Brief auf dem Tische, den man für ihn in seiner Abwesenheit abgegeben hatte. Da er nicht ahnte, von wem er kam, erbrach er ihn erst nach einigen Minuten. Er las folgende Zeilen:

               „Mein Herr!

     „Unterzeichnete beehren sich, Ihnen anzuzeigen, daß Ihre Tochter Henriette gestern mit Herrn Otto Winter, Wechselagenten an hiesigem Platze, verheirathet ist. Das junge Ehepaar

geht heute auf das Land.
F. Wilda und Frau.“

Es waren kaum acht Monate verflossen, seit Henriette ihm geschworen hatte, nie einem andern Manne als ihm anzugehören, und schon hatte sie sich Otto Winter hingegeben, oder – verkauft!

Der arme Adolf stieß keinen Schrei der Wuth, keine Verwünschung aus; er vergoß weder Thränen der Verzweiflung noch des Schmerzes. Ruhig legte er den Brief auf den Tisch zurück, setzte sich auf einen Stuhl, stützte die Stirn in die Hand, und starrte mit trockenen, brennenden Augen das Papier an. Sein Verstand verwirrte sich! Eine Art Wahnsinn bemächtigte sich seiner, als er so plötzlich das Band zerreißen sah, das sein ganzes Wesen umschlungen hielt; sein Geist konnte die Last eines hoffnungs- und resultatlosen Lebens nicht ertragen. Adolf’s Zustand war mehr eine völlige Muthlosigkeit und Zerschlagenheit, als Wahnsinn.

Der arme Musiker war einem Bewohner des Himmels zu vergleichen, den Gott zur Erde sendet und verdammt, Jahrhunderte unter schlechten und gleichgültigen Menschen zu leben.


III.

Es liegt nicht in der Absicht des Verfassers, alle die kleinen Hülfsmittel, die Blicke, Galanterien, Versprechungen, Toilettenkünste u. s. w. zu erzählen, die Otto Winter angewendet, um Henriette Wilda zu besiegen. Es würde dies eine uninteressante Geschichte werden. Die Andeutung genügt: Henriette war ein vorzeitig gereiftes Kind. Sie mochte achtzehn Jahre alt sein, als eine ihrer Tanten einst sagte:

„Henriette wird eine Frau, die Kopf hat!“

Ich weiß nicht, ob der Leser die Frauen von Kopf liebt; aber ich muß gestehen, daß mir Frauen von Kopf wie frühzeitig gereifte Kinder vorkommen. In beiden Fällen hege ich kein Vertrauen zu diesem Ueberflusse von Hirn. Kinder und Frauen brauchen Herz, viel Herz, und nicht einen großen Reichthum von Geist. Der Geist bildet sich stets nur auf Unkosten des Herzens; er gleicht einer rasch aufblühenden Blume, die keinen Duft verbreitet.

Die geistreiche Henriette nun hatte mit kaltem Verstande über die Liebe kalkulirt, und die Wünsche ihrer interessirten Eltern hatten sie nur zu rasch gelehrt, die positive Seite des Lebens im Auge zu halten. Es gibt übrigens in dem Herzen aller Frauen einen geheimnißvollen Ort, den nie eine Sonde erreicht hat; sie werden oft von einem Taumel ergriffen, der sie, ohne daß sie es wissen, hinreißt, und Gefühle in ihnen erzeugt, aus denen jene Thaten hervorgehen, die zu analysiren der Romantiker verzichten muß.

Am 30. Juni brachte ein Journal folgenden Artikel: „Gestern fand mit der gewöhnlichen Feierlichkeit die Vertheilung der Preise an unserm Conservatorium der Musik statt. Der Minister, Herr von F., hat eine Rede gehalten, die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Seltsam war es, daß Herr Adolf M., der in diesem Jahre den ersten Preis errungen, bei der schönen Ceremonie fehlte. Der junge Mann ist seit einigen Tagen verschwunden, und Niemand weiß, wo Forschungen nach ihm anzustellen sind.“

Der Verfasser weiß es, und er beeilt sich, es den freundlichen Lesern mitzutheilen.

Als die Nacht anbrach, saß Adolf immer noch in dem Stuhle; seine starren Blicke hingen immer noch an dem Briefe, der auf dem Tische lag. Er schien unfähig zum Denken zu sein – selbst das Athmen fiel ihm schwer. Plötzlich schien ein Lichtstrahl seinen Geist zu erhellen; er stand auf, holte die vertrocknete Rose von seiner Brust, legte sie in den verhängnißvollen Brief, und schloß den Brief in ein Portefeuille, in dem sich bereits das Portrait Henriette’s befand. Dann packte er seine Kleidungsstücke und seine Violine ein, steckte zwanzig Louisd’or zu sich, die er in einem Secretär aufbewahrte, ließ seine wenigen Möbel als Zahlung für die Wohnung zurück, und verließ das Haus und die Stadt, um nie zurückzukehren. Er vergoß keine Thräne, äußerte kein Wort – dachte an Nichts!

Die ganze Nacht hindurch setzte er hastig seinen Weg fort. [535] Mit dem Anbruche des Morgens hatte er eine Eisenbahnstation erreicht. Er kaufte sich ein Billet, stieg in den Wagen als der Zug ankam, und fuhr der Schweiz zu, die er vierundzwanzig Stunden später erreichte. Mit der Post reisete er nach Genf. Hier miethete er eine kleine Wohnung, und richtete sich bescheiden ein. Dann schrieb er an seinen Vormund, bat ihn, seine Rechnungen zu ordnen, und ihm die Hälfte des Vermögens zu senden, da er mündig geworden sei. Die andere Hälfte solle der Vormund behalten. Die Wünsche Adolf’s waren bald erfüllt: er erhielt die Hälfte seines Vermögens.



IV.


Zwei Jahre sind verflossen.

Adolf bewohnte ein bescheidenes, aber freundliches Stübchen, das ihm Collin, ein armer Uhrmacher, vermiethet hatte. Vater Collin konnte nicht mehr arbeiten, weil seine Augen so schwach geworden waren, daß er in einer ewigen Dämmerung lebte. Er hatte früher ein eigenes Geschäft gehabt, war aber durch Unglücksfälle herabgekommen und hatte dann, um eine zahlreiche Familie zu ernähren, in einer der großen Uhrenfabriken Genfs arbeiten müssen. Seine drei ältesten Söhne hatten bereits das väterliche Haus verlassen, um sich selbst zu ernähren; zwei lebten in Paris, einer war nach Deutschland gegangen. Nur Melanie, ein reizendes Mädchen von achtzehn Jahren, war noch bei ihren Eltern; sie half der stets kränklichen Mutter in der Wirthschaft, und vermehrte die spärliche Einnahme, indem sie für ein großes Magazin feine Stickereien fertigte.

„Vater,“ sagte Mutter Collin eines Tages zu ihrem Manne, „hast Du nicht bemerkt, daß mit unserer Melanie eine Veränderung vorgegangen ist?“

„Du weißt, Mutter, daß ich über ihr Aussehen nicht entscheiden kann. Vor einem Jahre war es mir mit Hülfe meiner Brille noch möglich, zu erkennen, daß unsere Melanie ein schönes, blühendes Gesicht und einen gesunden, frischen Körper hatte. Ist es jetzt nicht mehr so?“

„Nein, das meine ich nicht. Trotzdem die gute Melanie oft bis spät in die Nacht arbeitet, so hat dennoch ihr frisches Aussehen nicht gelitten, und ich muß sagen, daß sie mit jedem Tage schöner wird.“

„O, über die Eitelkeit einer Mutter!“ rief Vater Collin, indem er sich lachend in seinem Sorgenstuhle aufrichtete. „Willst Du nicht auch die Behauptung aufstellen, daß Melanie das schönste Mädchen in der Stadt ist? Sprich es nur aus, Mutter, denn ich merke schon, es drückt Dir das Herz ab!“

„Nun, ich will nicht leugnen, daß ich unsere Melanie für ein sehr schönes Mädchen halte, und wer uns nicht kennt, wird sicherlich nicht glauben, daß sie die Tochter armer Eltern ist. Ach, Georg, könntest Du nur ihr Madonnengesicht und ihren eleganten Wuchs sehen, ihre kleinen Füße und ihre kleinen Hände, Du würdest Dich nicht minder darüber freuen, als ich.“

„Bleibe bei der Sache!“ rief ungeduldig Vater Collin. „Du sprachst von einer Veränderung, die mit unserer Melanie vorgegangen sein soll.“

„Melanie ist nicht mehr so heiter, als sonst; sie spricht wenig, und sucht sich der Gesellschaft zu entziehen. Stunden lang sitzt sie in ihrer Schlafkammer allein, und dabei arbeitet sie so emsig, als ob sie nicht genug verdienen könne. Gestern hörte ich sie einen tiefen Seufzer ausstoßen. Was fehlt Dir, Melanie? fragte ich erschreckt. Da ward sie feuerroth, zitterte am ganzen Körper und trocknete schnell die Thränen, die sich aus ihren Augen hervordrängten. Dann warf sie wie ärgerlich die Stickerei bei Seite, indem sie sagte: da habe ich schon wieder eine schöne Blume verdorben! Mir will Nichts mehr gelingen, seit ich für das neue Magazin arbeite! – Während sie sich eine Beschäftigung in der Küche machte, sah ich die Stickerei nach: Georg, die Arbeit war wunderschön, daß selbst ein Maler nichts daran zu tadeln gehabt haben würde. Du weißt, daß ich solche Sachen beurtheilen kann. Das arme Kind hatte diesen Vorwand ersonnen, um mich zu täuschen.“

„Und was glaubst Du nun, Mutter?“

„Ich glaube, daß Melanie verliebt ist.“

„In wen?“

„In unsern stillen Miethsmann, der das kleine Giebelzimmer bewohnt. Sobald sie ihn sieht, erheitert sich ihr Gesicht; sie grüßt ihn selbst mit einer Art Ehrfurcht. Sein Stübchen hält sie so sauber und rein, als ob sie es selbst bewohnte. Die Blumen pflegt sie mit einer besonderen Vorliebe, und neulich erst hat sie eine schöne Monatsrose in das Fenster gestellt, wahrscheinlich um ihm eine Freude zu bereiten, denn er liebt die Rosen mehr als alle andern Blumen.“

„Herr Adolf wäre nun eben der Mann nicht, den ich mir zum Schwiegersöhne wünschte!“ murmelte Vater Collin. „Der deutsche Musiker ist ein Sonderling. Man kann zwar Nichts gegen ihn sagen; aber sein stilles verschlossenes Wesen gefällt mir nicht. Seit einem Jahre wohnt er bei uns, und wenn er nicht zuweilen auf seiner Geige spielte, die er mit seltener Virtuosität zu behandeln versteht, so würden wir kaum wissen, daß wir einen Miethsmann im Hause hätten. Nein, Mutter, Melanie ist ein zu aufgewecktes, lebensfrohes Mädchen, sie kann an dem düstern Menschen keinen Gefallen finden. Hast Du bemerkt, daß er Aufmerksamkeit für Melanie zeigte?“

„Nein; er grüßt sie artig, aber kalt, wie er stets gethan. Und hierin glaube ich den Grund des Kummers unserer Tochter zu erblicken, denn ich lasse es mir einmal nicht nehmen: Melanie hat Kummer.“

Das Gespräch wurde durch Melanie’s Erscheinen unterbrochen. Die Mutter hatte nicht zu viel von der Schönheit ihrer Tochter gesagt – das junge Mädchen war ein reizendes, elegantes Geschöpf. Sie war sehr einfach, aber äußerst sauber und geschmackvoll gekleidet. Nachdem sie den kleinen Strohhut und den leichten Sommershawl abgelegt hatte, küßte sie zuerst dem halb erblindeten Vater, dann der Mutter die Stirn. Sie lächelte, aber es sprach sich in diesem Lächeln eine Melancholie aus, die ihrer Anmuth einen rührenden Reiz verlieh. Hätte Vater Collin sehen können, er würde der Ansicht seiner Frau beigepflichtet haben.

In diesem Augenblicke ließen sich die Töne einer Geige vernehmen. Vater Collin warf den Kopf in die Lehne feines Stuhls zurück, sah starr nach der Decke des Zimmers, und horchte mit dem Entzücken, das die Musik in erblindeten Menschen zu erregen pflegt. Mutter Collin, die jedes Geräusch zu vermeiden suchte, um ihrem Manne den Genuß nicht zu stören, ließ sich still neben dem Fenster nieder; aber dabei beobachtete sie Melanie, die in dem Augenblicke, in dem die Musik begann, wie eine Statue neben dem Tische stehen blieb; sie faltete die kleinen Hände und horchte den elegischen Tönen, als ob sie eine wunderbare, himmlische Musik hörte. Und wahrlich, es mußte ein Meister sein, der dem Instrumente solche Töne zu entlocken wußte. Der stille Miethsmann, wie ihn Vater Collin nannte, gab nur auf diesem Instrumente Lebenszeichen von sich, und wollte man von diesen Zeichen auf sein Leben schließen, so mußte man die Ansicht gewinnen, daß es ein trauriges, ein kummervolles war, denn seine improvisirten Melodien sprachen eine tiefe Melancholie, einen rührenden Seelenschmerz aus.

Während der Vater mit angehaltenem Athem lauschte, betrachtete die Mutter verstohlen ihre Tochter. Melanie schien zu beten; ihr feines, reizendes Gesicht drückte eine schwermüthige Freude aus. Plötzlich schien sie sich zu erinnern, daß man sie beobachten könne; sie sah zu ihrer Mutter hinüber. Madame Collin schüttelte das greise Haupt und drohete der überraschten Tochter mit dem Finger. Melanie ward purpurroth; sie wandte sich ab, und schlich leise aus dem Zimmer. Draußen trocknete sie zwei Thränen, die wie Perlen in den langen Augenwimpern flimmerten.

„Es unterliegt keinem Zweifel!“ dachte Mutter Collin. „Das empfindsame Mädchen hat sich durch die Musik von dem armen, aber interessanten Geiger fangen lassen? Gebe Gott, daß es noch Zeit ist, vorzubeugen.“



V.


Acht Tage später ereignete sich ein Vorfall, der die besorgte Mutter in ihrer Ansicht bestärken sollte. Sie war auf dem kleinen Vorsaale mit der Besorgung ihrer Wirthschaft beschäftigt, als die Glocke gezogen wurde. Mutter Collin öffnete die Thür. Ein langer, stattlicher Mann stand auf der Schwelle. Hinter ihm, [536] auf der ersten Stufe der Treppe, stand ein Bediente in glänzender Livree.

„Madame, wohnt hier der Musiker Adolf Mölling?“ fragte der Fremde in einem Dialekte, der den Ausländer verrieth.

„Ja, mein Herr!“

„Kann ich ihn sprechen?“

„Er befindet sich in seinem Zimmer.“

Der Fremde trat ein, nachdem er seinem Diener durch ein Zeichen angedeutet, daß er draußen warten möge. Mutter Collin öffnete die Thür des kleinen Zimmers, das ihr Miethsmann bewohnte.

„Herr Mölling,“ flüsterte sie, „ein vornehmer Herr wünscht Sie zu sprechen.“

Adolf war angekleidet, er wollte ausgehen. Ueberrascht empfing er den Fremden, der sich bücken mußte, um nicht mit dem Kopfe an die niedere Decke zu stoßen. Als die Thür geschlossen war, befand sich Mutter Collin allein auf dem Vorsaale. Die Neugierde, die allen Frauen eigen ist, erwachte in ihr. Die gute Alte hielt es für keine Sünde, ein wenig zu horchen, sie glaubte selbst ein Recht dazu zu haben, seit sie wußte, daß die arme Melanie in den Musiker verliebt war. Die Wände waren so dünn, daß sie ohne große Mühe jedes Wort des folgenden Gesprächs verstehen konnte.

„Ah, Sie sind Herr Mölling!“ sagte die volltönende Stimme des Fremden.

„Kennen Sie mich?“ fragte Adolf bescheiden.

„Ich kenne und bewundere Sie, mein junger Freund!“

„Aber, mein Herr –!“

„Sie haben gestern Abend in dem Concerte, das die armen Italiener gaben, vortrefflich gespielt. Ich komme, um Ihnen meine Bewunderung auszudrücken, und einen Antrag zu machen. Wie armselig wohnt ein Künstler, den ich zu den besten zähle, die ich kenne. Man sollte es kaum für möglich halten! Wollen oder können Sie aus Ihrem herrlichen Talente keinen Vortheil ziehen?“

„Mein Herr, wer gibt mir die Ehre seines Besuches?“ fragte Adolf in sichtlicher Bewegung.

„Ich bin der russische Fürst W…“ (er nannte seinen Namen.)

Adolf verbeugte sich.

„Die Musik ist diejenige Kunst, die ich am meisten liebe und achte,“ fuhr der Fürst fort. „Deshalb halte ich mir in meinem Vaterlande eine kleine, aber tüchtige Kapelle. Mir fehlt ein Virtuos, wie Sie sind. Ich biete Ihnen einen jährlichen Gehalt von tausend Silberrubeln – haben Sie Lust, mir nach Moskau zu folgen?“

Mutter Collin schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

„Tausend Silberrudel für das Jahr!“ flüsterte sie. „Mit einer solchen Summe könnte meine Melanie, die an Sparsamkeit gewöhnt ist, schon haushalten.“

Gespannt wartete sie aus die Antwort des Musikers. Nach einer kurzen Pause fuhr der Fürst fort:

„Und damit Ihre Zukunft gesichert, ist, werde ich einen Kontrakt auf zehn Jahre mit Ihnen abschließen. Nach dieser Zeit zahle ich oder mein Erbe Ihnen die Hälfte des Gehaltes als Pension.“

Melanie’s Mutter zitterte vor Aufregung an: ganzen Körper; sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß Adolf vor freudiger Bestürzung nicht zu Worte kommen konnte, und daß er den Kontrakt begierig annehmen würde.

„Sie sind bewegt,“ hörte sie den Fürsten sagen. „Die plötzliche Umgestaltung Ihrer beschränkten Lage mag Ihnen vielleicht wunderbar erscheinen – aber zweifeln Sie nicht daran, es steht bei Ihnen, sich eine glückliche Zukunft zu schaffen. Uebrigens gebe ich Ihnen acht Tage Zeit zu überlegen – ich wohne im Hotel Belle vue, besuchen Sie mich, sobald Sie einen Entschluß gefaßt haben.“

„Gnädiger Herr,“ sagte Adolf mit fester Stimme, „ich werde die Ehre haben, Ihnen sogleich meinen Entschluß mitzutheilen.“

„Das ist gescheidt!“ dachte Mutter Collin. „Wenn man das Glück beim Zipfel hat, muß man es nicht aus der Hand lassen.“

„Ihr Antrag, gnädiger Herr, ist für mich so ehrenvoll, daß ich vergebens nach Worten suche, um Ihnen meinen Dank auszudrücken. Trotzdem aber ist es mir unmöglich, Ihnen zu folgen.“

„Wie?“ fragte der Fürst.

Mutter Collin glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

„Ich kann Genf nicht verlassen,“ fügte Adolf hinzu.

„Ich errathe,“ rief lächelnd der Fürst: „vielleicht fesseln Sie süße Bande!“

„Gewiß, gewiß!“ flüsterte die Lauscherin. „Er liebt Melanie, und das Mädchen liebt ihn wieder.“

„Wenn das ist,“ fuhr der Fürst fort, „so können wir uns arrangiren. Der Kapellmeister des Fürsten W… wird ohne Zweifel Gehör finden, wo er anklopft. Die Kosten der Reise und der Einrichtung in Ihrer neuen Heimath trage ich. Noch einmal: es wird mir Freude machen, wenn ich einen so tüchtigen Künstler, wie Sie sind, besitzen und glücklich machen kann. Ueberlegen Sie reiflich und theilen Sie mir binnen acht Tagen Ihren Entschluß mit.“

Der Fürst trat aus dem Zimmer, ging an der erstarrten Lauscherin vorüber, und verließ die Dachwohnung. Als Mutter Collin aus dem Fenster in die Straße hinabsah, fuhr eine glänzende Equipage davon. Der Diener, der auf der Treppe gestanden hatte, saß bei dem Kutscher auf dem Bocke.

„Er will Melanie’s wegen Genf nicht verlassen!“ flüsterte die Alte. „Seine Liebe muß wahrlich groß sein. So weit sind die beiden Verliebten also schon gekommen. Und ich habe es erst seit einigen Tagen bemerkt! Großer Gott, wo habe ich denn meine Augen gehabt? Das ist eine ernste Geschichte: nimmt Herr Adolf den Posten an, so kann er Melanie heirathen, aber wir müssen uns von ihr trennen, müssen sie nach dem fernen Moskau ziehen lassen, und es fragt sich, ob wir sie je wiedersehen; lehnt er den Antrag ab, so bleibt er zwar in Genf – aber an eine Heirath ist nicht zu denken, denn wir sind arm, und er ist arm, wie wir. Ich bin doch neugierig, was mein Alter dazu sagt.“

Kaum war die gute Frau mit den Betrachtungen zu Ende, als Adolf aus seinem Zimmer trat; er grüßte höflich, indem er vorüberging, und verließ die Wohnung.

„Er sieht sehr bleich aus,“ dachte Mutter Collin; „aber er ist doch ein schöner Mann. Ich wollte, der Fürst hätte seine Residenz in Genf!“

Zehn Minuten später wußte Vater Collin, was vorgegangen war; er schüttelte den Kopf und murmelte:

„Der deutsche Musiker ist kein Mann für meine Tochter“



VI.


Denselben Abend hatte Melanie ein scharfes Examen zu bestehen. Vater Collin, der den ganzen Nachmittag sehr unruhig gewesen war, wollte Gewißheit haben, um seine Vorkehrungen treffen zu können. Der Gedanke, das Glück seiner Tochter mit einer vielleicht ewigen Trennung erkaufen zu müssen, lag mit Centnerlast auf seiner Seele. Adolf Mölling war zwar schon länger als ein Jahr sein Miethsmann, und hatte stets pünktlich die Monatsrechnungen bezahlt; aber der halbblinde Mann, der sich gern unterhielt, hatte ihn noch nicht kennen gelernt, ein flüchtiger Gruß und das Geigenspiel war Alles, was er von ihm gehört hatte. Adolf war ihm ein völlig unbekannter Mann, und wenn Vater Collin ihn für einen Sonderling oder Melancholiker hielt, der für seine lebensfrohe Tochter nicht paßte, so hatte er allerdings Grund genug dazu. In der Meinung, daß seine Frau sich täuschte, nahm er sich vor, sorgfältig zu sondiren, ehe er den väterlichen Machtspruch that.

„Frau,“ sagte er, „wenn ich mit Melanie spreche, wirst Du sie beobachten, nichts weiter, als beobachten – hörst Du? Später theilst Du mir mit, was Du gesehen hast. Also merke Dir: Du siehst für mich, und ich spreche für Dich. Jetzt gib mir meine Brille, und dann suche Melanie unter irgend einem Vorwande zu veranlassen, daß sie in diesem Zimmer bleibe. Aber ich wiederhole Dir: schweige so lange, bis ich Dir die Erlaubniß zu sprechen gebe.“ [549] „Gut, Georg; nur um eins bitte ich Dich,“ sagte Mutter Collin, indem sie ihrem Gatten das Brillenfutteral überreichte.

„Was willst Du?“

„Sei nicht zu hart mit dem armen Mädchen, und schone Herrn Adolf, wenn Du von ihm sprichst.“

„Ich weiß, was nöthig ist. Hast Du Dich getäuscht, wie ich glaube, so bleibt Alles beim Alten. Jetzt gehe und schicke mir unsere Tochter.“

Mutter Collin entfernte sich. Der alte Uhrmacher setzte die große Hornbrille mit den dunkelblauen Gläsern auf die Nase, denn mit ihrer Hülfe verstärkte er die schwache Sehkraft ein wenig, die ihm noch geblieben war, so daß er die Umrisse der Gegenstände in seiner unmittelbaren Nähe gewahren konnte. Gleich darauf erschienen Mutter und Tochter. Melanie eilte zu dem Vater, der in seinem Lehnstuhle saß, und küßte ihm, wie sie stets pflegte, wenn sie eintrat, die Stirn. Mutter Collin holte ein Packet Strickgarn aus dem Schranke, und legte einen Theil davon um die ausgebreiteten Hände Melanie’s; dann setzte sie sich ihr gegenüber und wickelte einen Knäuel. Es war dies das geeignetste Mittel, den ihr angedeuteten Zweck zu erreichen. Melanie hatte keine Ahnung von dem, was man mit ihr beabsichtigte. Vater Collin hielt sich für einen klugen Mann, und hier glaubte er, seine Klugheit im hellsten Lichte zu zeigen. Uebrigens war er von Herzen gut, wenn auch ein wenig heftig. Nachdem er wohl fünf Minuten nachdenkend die Decke angesehen, glaubte er den geeigneten Anknüpfungspunkt gefunden zu haben.

„Mutter,“ begann er, „unser stiller Miethsmann hat Dir also diesen Nachmittag seine Wohnung aufgekündigt?“

Die Alte nickte mit dem Kopfe.

„Das ist mir nicht lieb,“ fuhr der Vater fort; „er ist ein pünktlicher Zahler, und lieferte uns einen hübschen Beitrag zu unsern Ausgaben. Ich möchte wohl wissen, was für einen Grund der sonderbare Mensch dazu hat. Nun, meinetwegen mag er ziehen, wir werden schon einen andern Miethsmann bekommen.“

„Wie, Herr Mölling will ausziehen?“ fragte Melanie überrascht.

„Ja, mein Kind!“

Das junge Mädchen ließ die Hände sinken, und sah die Mutter an; aber ihre Züge verriethen nur Ueberraschung und nicht Schrecken, wie die beiden Inquisitoren erwartet hatten. Dann hob sie die Hände mit den Fäden wieder empor.

„Wie gesagt,“ begann der Uhrmacher nach einer Pause wieder, „ich habe nichts dagegen; nun werde ich auch das melancholische Geigenspiel nicht mehr hören, das mich so oft trüb gestimmt hat. Ja, wenn er lustige Weisen gespielt hätte, so wäre es eine Unterhaltung für mich gewesen! Die Nähe eines Menschen, der ein leidendes Gemüth hat, taugt nicht für einen Blinden.“

„Ach Gott, wenn wir nur nicht so arm wären!“ seufzte Melanie.

„Warum? Beklage ich mich darüber?“

„Das eben, lieber Vater, macht mir Kummer. Ich möchte Ihnen so gern ein sorgenfreies, freundliches Leben bereiten; aber meine Arbeit wird ja so schlecht bezahlt - -“

„Und mir macht es Kummer, mein liebes Kind, daß Du Dich für Deinen blinden Vater so abmühen mußt, daß Deine schönsten Jahre unter angestrengtem Arbeiten vergehen. Ach, uns hat ein trauriges Loos betroffen! Doch, fasse Muth, wie ich; der Himmel wird schon sorgen.“

Mutter Collin begriff, daß sie dem Gespräche eine andere Wendung geben mußte.

„Melanie,“ begann sie, „würdest Du Dich wohl entschließen, nach Moskau zu gehen, wenn Du dort so glücklich würdest, daß Du unsere Noth beseitigen könntest?“

„Nach Moskau?“ flüsterte das junge Mädchen bestürmt.

„Mutter, was schwatzest Du für Zeug?“ fuhr der Uhrmacher auf.

„Ich meine ja nur!“

„Um Gottes willen, Mutter, wie kommen Sie auf Moskau?“ fragte Melanie mit zitternder Stimme.

„Holla,“ dachte Vater Collin, „mir scheint, die Alte hat den rechten Fleck getroffen, ohne es zu wissen. Frau,“ sagte er laut, „es ist wahr, wie kommst Du auf Moskau?“

„Ich habe gehört, Herr Mölling wird bei einem russischen Fürsten in Moskau Kapellmeister, und erhält einen Jahresgehalt von tausend Rubeln. Der Fürst hält sich gegenwärtig in Genf auf; aber in acht Tagen will er abreisen, und seinen neuen Kapellmeister mit sich nehmen. Da habt Ihr den Grund, der ihn veranlaßt, seine Wohnung zu kündigen.“

„In acht Tagen schon reist der Fürst ab?“ stammelte das junge Mädchen.

„Unwiderruflich!“

Melanie erbleichte; ihre Hände zitterten so heftig, daß ihnen die Fäden entsanken..

„Du lieber Gott, Kind, was hast Du denn?“ rief die ängstliche Mutter. „Man möchte ja glauben, daß die Abreise des Fürsten Dein Unglück wäre!“

„Ich kenne ja den Fürsten nicht, liebe Mutter!“

„Das glaube ich Dir!“ rief Vater Collin, indem er aufstand. „Aber Du kennst den Kapellmeister, den er mit sich nehmen will.“

[550] Die Mutter schloß die zitternde Tochter in ihre Arme, küßte zärtlich die Stirn derselben, und flüsterte:

„Melanie, Du birgst ein Geheimniß vor uns, das Dir Kummer macht. Hast Du denn kein Vertrauen mehr zu Deinen alten Eltern? Theile Dich uns mit, und sei überzeugt, daß wir Alles aufbieten werden, um Dir die Ruhe wiederzugeben!“

„Meine Tochter,“ begann der Blinde mit vor Aufregung zitternder Stimme, „jetzt höre auch mich an. Wir haben seit einiger Zeit mit Bedauern die Veränderung bemerkt, die mit Dir vorgegangen ist. Du weißt, daß ich Dich zärtlich liebe, und daß ich nur Dein Glück wollen kann: darum antworte offenherzig auf meine Fragen.“

„Was wollen Sie wissen?“ flüsterte Melanie, die sich wieder erholt zu haben schien.

„Macht Dir die Abreise des deutschen Musikers Kummer?“

„Nein, nein, Vater, sie ist mir gleichgültig!“ rief die Tochter, indem sie sich an die Brust des Vaters warf.

„Aber Du weinst doch, befindest Dich in außerordentlicher Aufregung?“ fragte die Mutter.

„Du willst uns wegen Deiner Trennung nicht besorgt machen!“ rief der blinde Vater. „Wenn das ist, so sprich es nur aus, wir fordern kein Opfer von Dir, das Du nicht bringen kannst.“

Melanie erhob ihren Kopf, und sagte mit fester Stimme: „Glauben Sie mir denn nicht, Vater? Ich wünsche Herrn Mölling alles Glück der Welt; aber ich denke nicht daran, ihn zu begleiten – er ist mir völlig gleichgültig.“

Dann küßte sie den Vater und die Mutter, und verließ rasch das Zimmer.

Vater Collin sank sinnend in seinen Lehnstuhl. Mutter Collin schüttelte den Kopf und murmelte:

„Das arme Kind! Sie mag sagen, was sie will – ich bleibe dabei, sie hat den bleichen Musiker gern. Sie weiß, daß sie unsere einzige Stütze ist, und darum bekämpft sie das Gefühl in ihrer Brust.“

„Mutter,“ rief der Blinde nach einer Pause, „Mölling muß doch ein braver Mann sein, der es ehrlich mit unserer Tochter meint, da er ein so glänzendes Anerbieten abschlägt. Trotzdem aber bleibt es eine traurige Geschichte.“

Die beiden alten Leute erschöpften sich in Vermuthungen; aber alle widerstritten der Versicherung Melanie’s: er ist mir völlig gleichgültig. Sie blieben bei der Ansicht, daß die erste Liebe sich der Herzen der jungen Leute bemächtigt habe.

„Hätte der Mensch nie unsere Wohnung betreten!“ murmelte Collin vor sich hin. „Dies fehlte auch noch, um meine Sorgenlast vollständig zu machen.“

„Ich will mein Kind trösten,“ dachte Mutter Collin, die es bereute, das Mittel der Unwahrheit angewendet zu haben. „Mag er ihr nun gleichgültig sein oder nicht, sie soll die Wahrheit wissen.“

Sie schlich in das Arbeitsstübchen ihrer Tochter. Die Abenddämmerung erfüllte bereits den kleinen freundlichen Raum. Melanie saß nachdenkend am Fenster, durch das die kühle Abendluft einzog. Als sie die alte Mutter eintreten hörte, sah sie mit thränenschweren Augen empor.

„Kind,“ flüsterte die Alte, „wir haben Dir die Unwahrheit gesagt, um Dich zum Geständnisse Deines Kummers zu bewegen – und Du hast Kummer, das läßt sich nicht hinwegleugnen. So vernimm denn: Herr Adolf hat es dem Fürsten nicht nur rund abgeschlagen, ihm nach Moskau zu folgen, er denkt auch nicht daran, seine Wohnung aufzugeben.“

Melanie reichte schmerzlich bewegt der Mutter die Hand.

„Liebe Mutter,“ sagte sie lächelnd, „machen Sie sich deshalb keine Sorgen; der Entschluß unseres Miethsmanns übt auf mich keine Wirkung aus.“

„Aber warum weinst Du denn, sonderbares Mädchen?“

„Lassen Sie mir mein kleines Geheimniß, Mütterchen!“ bat sie mit einschmeichelnder Stimme.

„Nun gut; aber verlaß Dich darauf, der Fürst wird in acht Tagen ohne ihn abreisen, ich weiß es ganz genau.“

Melanie fuhr erschreckt zusammen.

„Sie wissen es genau?“ fragte sie, gewaltsam nach Fassung ringend. „Wer sagte es Ihnen?“

„Der Fürst war diesen Mittag bei dem Musiker; er selbst hat es ihm gesagt. Ich war auf dem Vorsaale beschäftigt, und hörte das ganze Gespräch.“

Wäre es nicht so finster gewesen, so hätte die Mutter sehen können, wie Melanie erbleichte, die sich abwandte und das Fenster schloß. Die Mutter ging in die Küche, um das Abendessen zu bereiten. Als eine halbe Stunde später die kleine Familie am Tische saß, erschien Melanie ruhig und gefaßt. Die peinliche Stimmung, die sich aller Personen nach den Vorgängen des Tages bemächtigt, ward durch das Spiel des stillen Miethsmannes noch erhöht, der heute seinem schönen Instrumente die wehmüthigsten Melodien entlockte.



VII.


Schon früh am nächsten Morgen sehen wir Adolf Mölling an dem Ufer des Sees, der dicht an der Stadt beginnt. Hastig geht er durch die duftende Allee der großen Lindenbäume, ohne dem prachtvollen Schauspiele des Sonnenaufgangs einen Blick zuzuwenden. Nach einer Stunde hat er ein kleines Wäldchen erreicht; er geht an dem Saume desselben hin, bis er zu einem einfachen Landhause kommt, dessen weiße Mauer lieblich durch ein Akaziengebüsch schimmert. Hinter dem Hause breitet sich ein großer Obstgarten aus. Adolf öffnet eine kleine Thür in der hohen Lindenhecke, und tritt mit einer Sicherheit in den Garten, die vermuthen läßt, daß er hier bekannt ist. Auf einem zwischen Zwergobstbäumen hinführenden Wege erreicht er bald einen kleinen Pavillon, der an einem mit hohen Schilfe umkränzten Weiher liegt. Zehn Schritte von dem Pavillon befindet sich eine kleine Geißblattlaube. Adolf betritt sie, läßt sich auf einer Bank nieder, holt ein Buch aus der Tasche, und beginnt zu lesen.

Einer jener schönen Tage war angebrochen, wie man sie nur an den Ufern des Genfer Sees erlebt. Alles war still wie in einer Kirche; das Gehölz wehrte dem frischen Morgenwinde, der über den See kam, es bewegte sich kein Blatt.

Das Buch schien die Aufmerksamkeit des Lesers nicht zu fesseln, oft sah er darüber hinweg nach dem Pavillon, der, weil er erhöht lag und offen war, sich völlig überblicken ließ. Wohl eine Viertelstunde mochte Adolf mit getheilter Aufmerksamkeit gelesen haben, als eine Magd den Pavillon betrat, den Tisch deckte und die Chocolate darauf niedersetzte. Kaum hatte sich die Magd entfernt, als eine Dame erschien. Trotzdem Adolf sie erwartet zu haben schien, zuckte er heftig zusammen; das Buch entsank seiner Hand.

Die Dame trat auf den kleinen Balkon, lehnte sich auf das Geländer, und sah sinnend auf die spiegelglatte Fläche des Weihers hinab. Sie hatte eine Stellung gewählt, die dem bangen Lauscher erlaubte, ihr Gesicht zu sehen. Die sinnende Dame war von schlanker Gestalt; sie trug einen seinen weißen Batistmantel, der sie völlig einhüllte. Den großen italienischen Strohhut mit blauem Bande hatte sie beim Eintreten auf den Tisch gelegt; ihr volles schwarzes Haar, das sich über der Stirn einfach scheitelte, fiel in zwei schweren langen Flechten über den Rücken herab. Das ovale Gesicht war trotz der Blässe, die durch das schwarze Haar und den weißen Mantel noch gehoben ward, wunderbar schön. Die großen blauen Augen mit den langen Wimpern und die regelmäßigen Züge drückten eine tiefe Melancholie, einen nagenden Seelenschmerz aus. Sollte vielleicht diese verwandte Gemüthsstimmung unsern bleichen Virtuosen so anziehen, daß er die schöne Frau mit einem Erstaunen, das man Begeisterung nennen möchte, betrachtete? War es überhaupt die ergreifende Poesie, die für den gefühlvollen Mann in der Erscheinung einer leidenden Frau liegt? Allerdings fand sich Adolf dadurch angezogen, aber mehr noch durch die wunderbare Ähnlichkeit, die diese Frau mit der treulosen Henriette hatte, mit dem Gegenstande der ersten Liebe des armen Geigers. Und wahrlich, man hätte sie dafür halten können, wenn ihr Gesicht blühender, ihre Formen üppiger und ihr Wesen lebhafter gewesen wären.

Adolf konnte seine Henriette nicht vergessen, und hier fand er ihr vollkommenes Ebenbild. In seiner Schwärmerei wollte er dem verwundeten Herzen dadurch einen lindernden Balsam verschaffen, daß er sich jetzt einer rein geistigen, bewundernden Liebe hingab. Und wahrlich, seine Phantasie war stark genug, um in der Frau mehr als die Frau zu erblicken, um glücklicher in dieser Bewunderung zu sein, als in dem wirklichen Besitze der feurigsten Liebe.

Aber wer war denn diese Frau? Durfte der Bewunderer hoffen, daß er sich ihr nähern, daß er ihre Aufmerksamkeit und [551] Gegenliebe erwecken könne? War sie noch frei, und welchen Grund hatte der Kummer, der sich unverkennbar in ihrem ganzen Wesen aussprach? Adolf trug kein Verlangen, Gewißheit über diese Punkte zu erhalten; er wollte das verkörperte Ideal anbeten, das in ihm lebte, und während dieser heiligen Stunde um so lebhafter in der Erinnerung schwelgen, die mit seinem schwärmerischen Herzen verwachsen war. Auf einer seiner einsamen Streifereien durch die Wälder hatte er die Dame gesehen, die wunderbare Aehnlichkeit erkannt, und sich ihr unvermerkt genähert. Seit vier Wochen besuchte er jeden Morgen die Geißblattlaube, und nur mit wenigen Ausnahmen hatte er das Glück gehabt, sein Ideal jeden Morgen in dem Pavillon zu sehen.

Das Sinnen der Dame ward durch leise Schritte unterbrochen, die sich bei der Stille des Morgens auf den Stufen der Treppe vernehmen ließen. Als die Dame sich wandte, betrat ein junges Mädchen den Pavillon; es trug einen einfachen Strohhut, eine leichte, blaue Mantille, und unter dem Arme einen Karton.

„Ah, meine kleine Stickerin!“ sagte die Dame in gutem Französisch.

„Zu dienen, Madame!“ antwortete das junge Mädchen, indem es sich graziös verneigte. „Es ist mir möglich gewesen, Ihren geschätzten Auftrag bis heute auszuführen. Hier ist die Stickerei.“

Beide traten zu dem Tisch und öffneten den Karton.

Adolf war erstarrt, wie Loth’s Salzsäule. Er hörte zum ersten Male die Stimme seines Ideals, aber die wenigen Worte, die sie gesprochen, hatten genügt, um ihn eine Aehnlichkeit mit der weichen, einschmeichelnden Stimme Henriette’s, die noch immer vor seinen Ohren klang, erkennen zu lassen. Vielleicht trug seine aufgeregte Phantasie die Schuld daran, aber die Täuschung wäre vollkommen gewesen, wenn er deutsche Worte gehört hätte. Dem ersten Erstaunen gesellte sich ein zweites bei: er hatte Melanie, die Tochter Vater Collin’s erkannt. Mit angehaltenem Athem fuhr er fort zu lauschen.

„Bewunderungswürdig!“ rief entzückt die bleiche Dame. „Das ist ein Meisterstück von Kunst, Geschmack und Geduld! Die Blumen scheinen nicht gestickt, sie scheinen lebendig zu sein! Man hat mir nicht zu viel von Ihrer Kunstfertigkeit gerühmt.“

„Sie sind sehr gütig, Madame!“ antwortete die beschämte Melanie. „Ich bin glücklich, wenn es mir gelungen ist, Ihren Beifall zu erwerben.“

„Henriette! Melanie!“ flüsterte Adolf vor sich hin.

„Und nun geben Sie mir Ihre Rechnung, mein liebes Kind.“

Melanie überreichte, sich verneigend, ein Papier. Die Dame las es.

„Fünfundsechzig Francs?“ rief sie erstaunt.

„Verzeihung, Madame!“ stammelte Melanie bestürzt. Die Auslagen – eine vierzehntägige Arbeit –!“

„Nein, nein, mein liebes Kind; ich finde, daß nicht einmal die Arbeit, geschweige denn die Kunst bezahlt ist. Sie erhalten hundert Francs, und nun sprechen wir kein Wort mehr über diesen Punkt!“ fügte die Dame in einem fast befehlenden Tone hinzu.

Melanie war vor freudigem Erstaunen keines Wortes mächtig; sie ergriff die weiße Hand der Dame, die sich so gütig zeigte, und drückte einen Kuß darauf.

Die Dame begann zu frühstücken, nachdem sie die Stickerin eingeladen, ein wenig zu ruhen. Gleich darauf erschien die Magd wieder, und überreichte ihrer Herrin einen Brief, den diese sofort erbrach und las.

„Mein Gott!“ flüsterte sie bestürzt. Dann las sie die wenigen Zeilen noch einmal, und verbarg das Papier mit zitternder Hand in der Tasche ihres Mantels. Adolf bemerkte, wie sie mit dem weißen Taschentuche die feucht gewordenen Augen trocknete.

„Folgen Sie mir in das Landhaus!“ sagte sie dann zu Melanie. „Ich hätte mich gern noch einige Zeit mit Ihnen unterhalten; leider ist es mir nicht vergönnt.“

Die Frauen verschwanden aus dem Pavillon. Noch eine Viertelstunde blieb Adolf sinnend in der Laube zurück, dann verließ er auf umbüschten Wegen den Garten, schlug einen Waldpfad ein, und kam gegen Mittag in seiner Wohnung an. Melanie öffnete ihm die Thür. Er grüßte artig das junge Mädchen, und betrat sein Zimmer. Gleich darauf hörte man die klagenden Phantasien des Virtuosen; sie waren der Ausdruck seines zerrissenen Gemüths.




VIII.


Drei Tage hatte Adolf erfolglos seine Spaziergänge fortgesetzt; stundenlang war er in der Geißblattlaube gewesen – er hatte sein Ideal nicht wieder gesehen. Noch drei Tage lagen zwischen heute und dem Termine, den ihm der Fürst zur Abgabe einer bestimmten Erklärung gesetzt. Der arme Adolf befand sich in einer peinlichen Lage: sein kleines Vermögen war aufgezehrt, sein Ideal war verschwunden, wahrscheinlich in Folge des Briefes, der ihr einen so großen Schrecken bereitet, und nun mußte er sich zu einer raschen Entscheidung entschließen, wenn ihm die Gelegenheit, sein Glück zu gründen, nicht entgehen sollte. Die Aussicht, in seiner Kunst mit Erfolg thätig zu sein, stachelte den Ehrgeiz des Virtuosen, der zwar geschlummert hatte, aber nicht völlig erstickt gewesen war. An wen sollte er sich wenden, um Aufschluß über die Dame zu erhalten? Eine Annäherung in dem Landhause war unmöglich, ihm blieb nichts, als sich an Melanie zu wenden, die ohne Zweifel wenigstens den Namen der bleichen Dame kannte. Wie aber sollte er das junge Mädchen ausforschen, ohne seine wahre Absicht zu verrathen? Wie sollte er die Vermuthung beschönigen, daß gerade Melanie ihm Auskunft geben könne? Der Tag verfloß, und immer noch hatte er kein Mittel gefunden, seinen Zweck, wie er es wünschte, zu erreichen.

Gegen Abend kam ihm der Zufall zu Hülfe. Als er die Wohnung verließ, .um einen Spaziergang zu machen, trat ihm schüchtern ein Knabe auf der Treppe entgegen.

„Lieber Herr,“ sagte der neun oder zehn Jahre alte Knabe, „Sie wohnen wohl bei Herrn Collin?“

„Ja. Und warum?“

„Ich habe einen dringenden Brief an Demoiselle Melanie Collin abzugeben.“

„Von wem?“

„Meine Mutter gab ihn mir, und sagte - -“

Der Knabe stockte.

„Daß Herr und Madame Collin nichts davon erfahren sollten?“ fragte Adolf.

„Ja!“ flüsterte lächelnd der kleine Bote.

„Gib mir den Brief; ich werde ihn besorgen, ohne daß Jemand etwas davon bemerkt.“

„Sogleich?“

„In diesem Augenblicke.“

Der Knabe übergab den Brief, und verschwand in der Biegung der schmalen Treppe. Adolf betrachtete die Adresse: die feste Hand eines Mannes hatte sie in schönen Zügen geschrieben.

Schmerzlich lächelnd dachte der junge Mann:

„Es gab eine Zeit, in der ich ähnliche Briefe schrieb! Kommen diese Zeilen von einem Verehrer, so wünsche ich ihm, daß er glücklicher sein möge, als ich gewesen bin!“

Mit Hülfe seines Schlüssels öffnete er die Thür wieder, und trat auf den Vorsaal zurück, erfreut, einen Grund gefunden zu haben, sich dem jungen Mädchen heimlich zu nähern. Indem er an der Thür des Wohnzimmers vorüberging, hörte er, daß Mutter Collin ihrem blinden Manne mit lauter Stimme vorlas. Das war wiederum ein glücklicher Zufall, denn er hatte nun von dieser Seite her keine Ueberraschung zu fürchten. Behutsam schlich er zu Melanie’s Thür, und klopfte leise an. Eine weiche Stimme forderte zum Eintreten auf. Im nächsten Augenblicke stand der Musiker vor Melanie, die sich überrascht, fast erschreckt, erhob, und eine saubere Stickerei mit zitternder Hand bei Seite legte. Sie wohnte mit dem stillen Miethsmann zwei Jahre unter einem Dache, ohne mehr als einen flüchtigen Gruß von ihm gehört zu haben – was konnte ihn heute antreiben, ihr Zimmer still und geheimnißvoll zu betreten? Das liebliche Mädchen bot in der grenzenlosen Verwirrung einen reizenden Anblick. Indem sie durch eine Verneigung grüßte, hielt sie sich mit der kleinen Hand an der Lehne des Arbeitsstuhles.

„Mademoiselle, man hat mir einen Brief für Sie übergeben,“ begann Adolf.

„Für mich?“ stammelte sie. Und die Purpurröthe ihrer Wangen verwandelte sich in dunkele Glut.

„Ich übergebe ihn, wie man mir aufgetragen: unter vier Augen!“

Sie nahm den Brief mit zitternder Hand, und verbarg ihn in einem Kasten ihres kleinen Arbeitstisches.

„Ich danke Ihnen, Herr Mölling!“ flüsterte sie dann.

[552] Jetzt bemächtigte sich Adolfs eine peinliche Verlegenheit; er fühlte, daß er keinen Grund mehr hatte, länger zu bleiben. Trotzdem aber konnte er sich nicht entschließen, den Rückweg anzutreten, ohne über die dringendste und wichtigste Angelegenheit seines Lebens gesprochen zu haben. Eine zweite günst’ge Gelegenheit konnte sich ihm so bald nicht bieten.

„Der Brief ward als dringend bezeichnet,“ sagte er; „ich bitte, lesen Sie ihn - - “

Mit einer Art Aengstlichkeit schob Melanie den Kasten zu.

„Ich glaube den Inhalt zu kennen,“ antwortete sie; „eine vornehme fremde Dame gibt mir definitiven Auftrag zu einer Arbeit, die wir bereits besprochen haben. Die Heimlichkeit desselben ist mein Wunsch – ich habe meiner guten Mutter eine Überraschung zugedacht – der Ertrag der Arbeit ist zu einem Geburtstagsgeschenke bestimmt – ach Gott, welch’ ein trauriger Kontrast drängt sich mir auf!“ fuhr sie verwirrt fort. „Ich soll ein Trauerkleid sticken, und der Lohn für diese Arbeit ist zu einem Geburtstagsgeschenke bestimmt!“

„Ein Trauerkleid?“ fragte Adolf rasch.

„Die Dame ist so gut – wie bedauere ich, daß sie so unglücklich ist!“

„Die fremde Dame?“

„Sie weiß meine Arbeit zu schätzen. Ich forderte den in Genf gewöhnlichen Preis – die gute Dame zahlte mir fast das Doppelte.“

„Wer ist sie denn?“ fragte Adolf mit unsicherer Stimme.

Je länger Melanie sprach, je größer ward ihre Verlegenheit; man sah es ihr an, daß sie den angeregten Stoff benützte, um die Unterhaltung von dem Briefe abzulenken. Dem armen Adolf konnte nichts gelegener kommen; jedes Wort war für ihn von der größten Wichtigkeit.

„Ich weiß nur, daß sie die Gattin eines reichen holländischen Kaufmanns ist,“ fuhr Melanie fort, beichtend wie eine reuige Sünderin. „Den Kaufmann habe ich nie gesehen, sie lebt seit dem Frühjahre allein in einem Landhause, das unfern des Sees liegt. In dem Magazine, für das ich früher arbeitete, hat sie meine Stickereien kennen gelernt, und da sie eine große Freundin von feinen Arbeiten ist, hat sie mehrere Bestellungen bei mir gemacht. Die letzte ist ein Trauerkleid, – „Wen betrauert sie?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ihren Mann?“ fragte Adolf, als ob er unfähig sei, richtig zu denken.

„Ich weiß es nicht!“ wiederholte Melanie mit steigender Angst. „Als ich das letzte Mal bei ihr war, erhielt sie einen Brief, der ihr die Trauerkunde brachte. „Großer Gott!“ rief sie aus, und Thränen rannen aus ihren Augen. Dann mußte ich ihr in das Landhaus folgen, wo sie mir hundert Francs auszahlte.“

„Ganz recht, Sie sind in dem Landhause gewesen.“

„Wie, Sie wissen, Herr Mölling –?“

„Sie haben es mir gesagt, Mademoiselle!“

„Ach ja!“

„Also in dem Landhause erhielten Sie Geld und den Auftrag, ein Trauerkleid zu flicken?“

„Die vornehme Dame sagte: „ich habe das Theuerste auf dieser Welt verloren, und werde eine tiefe Trauer anlegen; richten Sie danach Ihre Arbeit ein.“ Nun folgte eine kurze Besprechung. Ich entfernte mich – die arme Dame sank weinend auf einen Stuhl. Das ist Alles, was ich weiß.“

„Und jener Brief?“

Melanie’s Verwirrung hatte den höchsten Grad erreicht. Das beharrliche Fragen des jungen Mannes, dessen Zweck sie sich nicht erklären konnte oder falsch verstand, brachte sie außer Fassung.

„Der Brief gibt mir Andeutungen über die Arbeit!“ stammelte sie.

„In diesem Falle muß er doch eine Unterschrift haben. Mir liegt daran, den Namen der Dame zu erfahren.“

„Mein Gott, was kann Ihnen daran liegen!“ flüsterte die bestürzte Melanie. „Glauben Sie mir, es ist ein Geschäftsbrief –“

Sie konnte nicht weiter reden; Adolf’s unheimliche, durchbohrende Blicke raubten ihr die Kraft und den Willen dazu. Sie sank auf den Stuhl und bedeckte schluchzend ihr Gesicht mit dem Taschentuche. Adolf erschrak über diese heftige Gemüthsbewegung.

„Ich will Sie nicht kränken, Mademoiselle!“ rief er aus.

„Ach, wenn Sie wüßten, welche Gründe mich veranlassen, nach der Unterschrift des Briefes zu fragen. Ich schwöre Ihnen, daß das Glück meines Lebens davon abhängt. Mademoiselle, geben Sie mir Gewißheit!“

Melanie erinnerte sich des Verdachts, den ihre Eltern hegten; sie dachte daran, daß Adolf die Anstellung bei dem Fürsten abgeschlagen hatte – konnte sie noch zweifeln, daß er sie liebte, daß ihn die Eifersucht auf den Schreiber des Briefes stachelte?

Mitleidig sah sie ihn einige Augenblicke an.

„Sie wollen mich also der Ungewißheit nicht entreißen, die mich unglücklich macht?“ sagte er schmerzlich. „Ach, Sie wissen nicht, was ein zerrissenes Gemüth ist!“ fügte er schwärmerisch hinzu. „Leben Sie wohl!“

„Wohin wollen Sie?“ fragte Melanie, erschreckt über den seltsamen Gesichtsausdruck des Musikers.

Adolf verließ das Zimmer. Auf dem halbdunkeln Vorsaale fühlte er hastig seine Hand ergriffen.

„Zweifeln Sie nicht daran, Melanie liebt sie!“ flüsterte eine Stimme.

„Madame Collin, was sagen Sie?“

„Still, daß mein Mann nichts hört; er darf noch nicht darum wissen!“

„Um Gotteswillen, wenn Sie Recht hätten!“

„Ich täusche mich nicht. Gehen Sie, gehen Sie, es wird noch Alles gut werden!“

Die Stimme des blinden Vaters ließ sich hören.

„Gleich, lieber Mann!“ antwortete Madame Collin.

Dann schlüpfte sie in Melanie’s Stübchen. Adolf verließ die heiße Dachwohnung; er fühlte das Bedürfniß sich in der kühlen Abendluft zu erholen.

Als Mutter Collin leise eintrat, stand Melanie am Fenster und las so eifrig einen Brief, daß sie die Eintretende nicht bemerkte.

Thränen rannen über ihre rosigen Wangen.

„Melanie!“

„Mutter!“

„Was schreibt Dir Herr Mölling?“

Das junge Mädchen verbarg hastig den Brief; dann starrte es bestürzt die Alte an.

„Was er schreibt?“

„Leugne nicht, mein armes Kind, ich weiß nun Alles! Adolf hat Deinetwegen den Antrag des Fürsten abgelehnt, und Du – –“

„Mutter, Mutter!“ rief Melanie, indem sie sich an die Brust der alten Frau warf, um ihre Thränen und die Blässe ihres Gesichts zu verbergen.

„Ich brauche nicht weiter in Dich zu dringen, mein liebes Kind. Und nun beruhige Dich, Du weißt ja, daß ich nur Dein Glück will. Auf mich kannst Du zählen, aber den Vater müssen wir behutsam vorbereiten, er ist gegen Herrn Mölling eingenommen.“

Die Mutter eilte auf wiederholtes Rufen zu dem Blinden zurück, nachdem sie die Tochter zärtlich geküßt hatte. Melanie sank weinend auf einem Stuhle nieder.

[566] „Die Belehrung ist also in meiner Abwesenheit vollständig geworden!“

„Nennen Sie die Veränderung, die mit mir vorgegangen, wie Sie wollen – ich kann nicht länger eine Maske tragen, die ich mir hatte anlegen sollen.“

„Was ist das? Was ist das?“

„Es ist das Bekenntniß einer unglücklichen Frau!“ sagte Henriette mit demselben schmerzlichen Ernste, den sie seit dem Beginne der Scene gezeigt hatte.

Der Gatte bot der Gattin mit kalter Artigkeit die Hand, und führte sie zu der Ottomane zurück. Beide ließen sich zugleich nieder.

„Henriette,“ begann er im kalten Conversationstone, „ich habe die entgegengesetzte Wirkung von dem Briefe gehofft, in dem ich Ihnen den Tod Adolf Mölling’s anzeigte. Sie sind seit zwei Jahren meine Frau, ich zeigte Ihnen das Leben mit allen Freuden, die der Reichthum, dieser allmächtige Hebel, zu erschaffen vermag – Sie danken mir, der ich Sie aus uneigennütziger Liebe heirathete, meine Aufmerksamkeiten durch eine Empfindelei, die durch dieses Trauerkleid einen hohen Grad von Lächerlichkeit annimmt. Bei Gott, man möchte an eine Sinnesverwirrung glauben, wenn Ihre Worte weniger das Gepräge eines ruhigen Nachdenkens trügen.“

„Otto!“ rief Henriette mahnend.

„Unterbrechen Sie mich nicht, Madame, ich bin noch nicht zu Ende. Um Sie zu zerstreuen, führte ich Sie in die schönsten Gegenden Europa’s, erfüllte jeden Ihrer Wünsche, ehe Sie ihn aussprachen – Genf gefiel Ihnen, und ich kaufte dieses Landhaus; Sie waren des Reisens müde, und ich reiste allein nach Amsterdam, wohin mich ein dringendes Geschäft rief. Für alle diese Beweise von Liebe forderte ich nichts von Ihnen, als ein freundliches Gesicht und das Bestreben, eine Neigung zu vergessen, die ich zu den flüchtigen Gefühlen der Kinderjahre rechne.

Auf meiner Rückreise war ich gezwungen, vierzehn Tage in Rotterdam zu verweilen. Die ganze Stadt war in Aufregung, denn man bereitete die Hinrichtung eines Giftmischers vor. Man erzählte mir, daß Adolf Mölling, ein deutscher Musiker, aus niederer Habsucht einen Verwandten vergiftet habe, der ihm zu lange die reiche Erbschaft vorenthielt. Die Person des Mörders war für mich von großem Interesse – ich stand am Fenster, als der traurige Zug vorbei kam – ich sah den Delinquenten auf seinem Karren, und erkannte zu meinem Entsetzen denselben, dem meine verblendete Gattin einen Meineid geschworen zu haben wähnt. Denselben Tag noch zeigten die Zeitungen an, daß das Haupt des Missethäters gefallen sei; ich beeilte mich, Ihnen die Nachricht von diesem Ereignisse zu senden, und fügte den betreffenden Zeitungsartikel als Beleg bei. In dem Glauben, daß dieses Ereigniß Ihre Gewissensscrupel beseitigt habe, daß Sie nun die Vergangenheit mit andern Blicken betrachten und mir eine lebensfrohe Gattin sein würden, fliege ich, als meine Geschäfte beendet waren, nach Genf zurück, und finde meine Gattin in Trauer um – einen Verbrecher! Henriette, Sie kennen die Leidenschaft, die ich zu Ihnen hege, Sie wissen, daß ich stolz auf Ihren Besitz bin – aber treiben Sie mich nicht zum Aeußersten; ich bin es meiner Ehre und Ihrem Glücke schuldig, daß ich von diesem Augenblicke an jede zarte Rücksicht außer Acht lasse, daß ich einen Schmerz nicht ehre, den ich für Koketterie halte. Und deshalb bitte ich Sie, sofort andere Toilette zu machen – ja, ich befehle es Ihnen selbst!“

„Sie befehlen es mir!“ wiederholte Henriette, schmerzlich lächelnd.

„Ich werde Sie leiten wie ein Kind, das nicht weiß, was es thut.“

„Hören Sie mich an, Otto, und urtheilen Sie, ob ich mich in einer Verfassung befinde, die es nöthig erscheinen läßt, daß ich wie ein Kind geleitet werde. Hören Sie mich an, und fordern Sie dann noch, daß ich eine andere Toilette mache, so werden Sie mich gehorsam finden.“

„Ich höre!“ sagte Otto, indem er sich mit sichtlicher Ueberwindung zur Geduld zwang.

„Man sagte mir einst,“ begann Henriette, „daß mich die Natur mit einer besondern Schönheit beschenkt habe. Ich war eitel auf diesen Vorzug, den zu verdienen ich nichts gethan hatte, und nahm die Huldigungen der Männer als einen mir gebührenden Tribut an. Adolf Mölling liebte mich wahr und aufrichtig, und ich verhehle nicht, daß ich mich bewogen fühlte, ihm vor allen andern den Vorzug zu geben. Ich liebte ihn, und versprach ihm durch einen feierlichen Eid, dessen Ernst ich jetzt erst begreife, ihm treu zu bleiben, bis er mir die Hand reichen könne.

Da kamen Sie, Otto, und imponirten meinen Eltern durch Ihr Vermögen. Sie kennen ja die Mittel, die man anwendete, um mich Ihren Bewerbungen geneigt zu machen, Sie wissen, wie man meine Eitelkeit reizte, wie man von den Pflichten der Kindesliebe sprach, und welche Zukunft man mir in Aussicht stellte, wenn ich der thörichten Liebelei – so nannte man meine Neigung zu Adolf – nicht entsagte. Ich war schwach genug, mich verblenden zu lassen, und Ihnen ohne Liebe meine Hand zu reichen. Adolf verschwand, ich hörte nichts wieder von ihm. Anfangs hatte der Reichthum, mit dem Sie mich umgaben, einen Reiz für mich; später aber ward er zur Gewohnheit, und das Herz machte seine Rechte geltend; ich sehnte mich nach dem Gegenstande meiner ersten Liebe und empfand Gewissensbisse über den falschen Eid, den ich geschworen hatte. Die Strafe folgte dem Verbrechen auf dem Fuße. Der Reichthum ward mir gleichgültig, aber auch der Mann, der mich zur Treulosigkeit verleitet hatte.“

„Ah, Madame,“ rief Otto mit Bitterkeit, „Mangel an Offenherzigkeit kann man Ihnen nicht zum Vorwurfe machen! Also nicht nur das Gewissen, sondern auch die Liebe hat Ihnen Kummer bereitet?“

„Ich verhehle es nicht!“

„Und jetzt erst? Jetzt, nachdem Sie zwei Jahre meine Gattin sind?“

„Sie haben mich durch Ihre Sophismen, die Sie geläuterte Lebensansichten nannten, den bessern Regungen in meiner Brust taub machen wollen, und ich bemühete mich, Ihnen in der Erreichung dieser Absicht beizustehen; es war vergebens – die Nachricht von dem furchtbaren Tode Adolf’s hat mich zur völligen Selbsterkenntniß gebracht, und ich klage mich[WS 1] jetzt an, durch meine Treulosigkeit den ersten Grund zu seinem tragischen Geschicke gelegt zu haben. Glauben Sie mir, Otto, ich habe viel gekämpft und viel gelitten, meine Ehe, so glänzend sie von Außen erschien, war eine traurige. Was Sie Empfindelei nennen, war das strafende Gewissen, das sich in mir regte, und Ihr letzter Brief zeigte mir, wie strafbar ich bin.“

„Ja wahrlich, Madame, mir gegenüber sind Sie sehr strafbar!“ rief Otto.

„Klagen Sie mich nicht allein an!“ entgegnete Henriette.

„Und wen noch, wenn es Ihnen beliebt?“

„Klagen Sie sich selbst an, denn Sie verblendeten mich durch den Schimmer Ihres Reichthums und nahmen meine Hand ohne mein Herz, das einem Andern gehörte.“

Otto neigte lächelnd den Kopf.

„Und was denken Sie nun zu beginnen?“ fragte er.

„Ich werde in Geduld die Strafe büßen, die ich verdient habe. Das Herz fordert seine Rechte, und ich muß sie ihm gewähren. Gönnen Sie mir Zeit zur Trauer – hat der Schmerz ausgetobt, kann ich Ihnen vielleicht eine bessere Gattin sein, als ich bisher gewesen bin. Verzeihung, Adolf,“ rief sie, in Thränen ausbrechend, „ich kann nicht anders! Mein Verstand liegt mit dem Herzen im Kampfe – –“

Otto Winter verließ rasch seinen Platz.

„Madame,“ rief er, „Sie sind eine überspannte Närrin! Ich habe Nachsicht mit Ihnen gehabt, so lange es mir die Ehre des Mannes erlaubte, und weil ich hoffte, daß die Zeit Sie eines Bessern belehren werde. Jetzt vermag ich es nicht mehr. Wenn der Verstand und das Ehrgefühl Sie nicht veranlassen können, Ihre Pflicht zu erfüllen, so werde ich von den Rechten Gebrauch machen, die mir zustehen. Ich hoffe, Sie werden mich morgen und nie mehr daran erinnern, daß ein Verbrecher mein Rival gewesen ist.“

Er grüßte kalt, und verließ den Saal.

Henriette trug in einem goldnen Medaillon die längst verwelkte Rose, das letzte Geschenk Adolf’s; weinend küßte sie dieses Medaillon.

„Ich verkenne Dich nicht, armer Freund!“ flüsterte sie. „Du hast nach Reichthum gestrebt, weil ich Dich Deine Armuth schmerzlich empfinden ließ, weil sie Dein Unglück ward. O, ich begreife [567] die Verblendung! Und habe ich nicht ebenfalls ein Verbrechen begangen, um reich zu werden, um in der Welt zu glänzen? Du hast einen reichen Verwandten vergiftet – ich habe Dein Leben vergiftet, ich habe Dich in den Zustand versetzt, der Dich zu dem fähig machte, was Du gethan. Verzeihe mir, verzeihe mir, mein armer Freund! Ich büße ja meine Verirrung durch die fürchterlichsten Qualen. Otto hat mich nicht aus Liebe, er hat mich aus Eitelkeit zu seiner Frau gemacht. Der reiche Mann wollte nicht nur um sein Vermögen, er wollte auch um seine Frau beneidet sein. Wenn er mich liebte, so würde er meinen Schmerz ehren, würde mich beklagen!“

Mitternacht war längst vorüber, als die arme Frau zu Bett ging. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht stand sie wieder auf. Ihr Gesicht war bleicher, als sonst, ihre Augen waren trübe vom Wachen und Weinen. Sie rief die Kammerfrau, um Toilette zu machen.

„Bringe mir das einfache schwarze Kleid, Lisa, das ich gestern getragen habe!“

„Verzeihung, Madame!“ stammelte Lisa.

„Was soll ich verzeihen?“

„Der Herr Kommerzienrath hat mir untersagt, Ihnen das schwarze Kleid zu bringen.“

Henriette zuckte zusammen.

„Er compromittirt mich in den Augen meiner Domestiken!“ dachte sie, und ihr Stolz erwachte. Sie sann einige Augenblicke nach, dann sagte sie: „Lisa, ich befehle Dir, das Kleid zu bringen!“ „Das wird unmöglich sein, Madame!“ „Unmöglich, warum?“

„Weil es der Herr Kommerzienrath diesen Morgen verbrannt hat.“

Die bleiche Frau preßte beide Hände auf ihr Herz, als ob sie einen jähen Schmerz fühle, den sie unterdrücken wollte.

„Es ist gut, Lisa! Bringe mir den weißen Batistoberrock!“

„Madame, der Herr Kommerzienrath hat Ihnen nur die Garderobe von farbigen Stoffen gelassen.“

„Auch das noch!“ flüsterte Henriette. „Er will mich zwingen, in schreienden Farben zu erscheinen. Wohlan denn, ich füge mich, weil er mein Mann ist, weil ich nicht anders kann!“

„Was für ein Kleid befiehlt Madame für heute?“

„Wähle nach Gefallen, Lisa; das einfachste ist mir das liebste!“

Lisa erschien wieder mit einem eleganten Kleide von hellgelber Seide, das reich mit weißen brüsseler Spitzen verziert war. Henriette erinnerte sich, daß Otto oft gesagt hatte, diese Farbe stände ihr vorzüglich. Sie konnte nicht zweifeln, daß Lisa nach seinem Befehle handelte. Schweigend ließ sie sich ankleiden. Als die Toilette vollendet war, ging sie in den Saal. Otto erwartete sie zum Frühstück. Bewundernd sah er seine Frau an, denn sie war trotz der Blässe von einer Schönheit, die ihn entzückte. Das marmorbleiche Gesicht drückte nicht mehr den rührenden Schmerz und jene Schwärmerei aus, die gestern den verliebten Gatten verletzten – in den reizenden Zügen lag eine eisige Ruhe, ein Anflug von Trotz, der ihre Schönheit pikant machte. Der Kommerzienrath verfehlte nicht, den artigen Gatten zu spielen, wenn auch mit jener Affektation, die eine natürliche Folge der gestrigen Unterhaltung war. Wie es schien, hatte sich Henriette gefügt, und Otto dachte mit großer Genugthuung:

„Was meine Nachsicht und Zärtlichkeit nicht vermochte, bewirkt dir Strenge; Henriette wird mir später Dank wissen, daß ich sie geheilt habe! Fahren wir fort in dem neuen Systeme!“

Hätte der Kommerzienrath in der Seele seiner Frau lesen können, er würde gefunden haben, daß der eingeschlagene Weg nicht zu dem erwünschten Ziele führte. Der arme Mann wußte nicht, daß in Henrietten eine Leidenschaft schlummerte, die Alles bewältigte, selbst die Autorität eines Ehemannes.



X


Die Worte der Mutter Collin in Betreff Melanie’s hatten Adolf Veranlassung zum ernsten Nachdenken gegeben. Das junge Mädchen war ihm nicht mehr gleichgültig, es erregte Anfangs Interesse, und später die regste Theilnahme. Der junge Mann kannte die Pein unglücklicher Liebe, und er bedauerte Melanie von Herzen, wenn sich bestätigte, daß ihre erste Liebe auf ihn gefallen sei. Melanie hatte keine Ahnung von dem, was die Schwatzhaftigkeit ihrer Mutter angerichtet hatte. Es entstand ein seltsames Verhältniß zwischen den beiden jungen Leuten. Während Melanie den Musiker eifersüchtig auf den Schreiber des Briefs, den er ihr gebracht, wähnte, schloß Adolf aus dem befangenen Benehmen Melanie’s, daß sie ihn wirklich liebte. Adolf war bestürzt über diese Entdeckung, und Melanie zeigte eine jungfräuliche Schüchternheit, die ihre anmuthige Schönheit noch erhöhete.

Eines Tags saß Adolf nachdenkend in seinem Zimmer; seine Geige lag vor ihm auf dem Tische, die Musik gewährte ihm keine Zerstreuung, da die bleiche Dame und Melanie ihn ernstlich beschäftigten.

„Es ist Zeit,“ murmelte er vor sich hin, „daß ich meinem Leben eine Richtung gebe, die mir ersprießlich ist. Ich verlasse dieses Haus und Genf – ein Vorwurf kann mich nicht treffen, denn ich habe der armen Melanie kein Wort von Liebe gesagt, viel weniger noch ein Versprechen gegeben. Um ihr die Ruhe des Herzens wiederzugeben, bringe ich das Opfer, jene bleiche schöne Frau nicht mehr zu sehen. Morgen werde ich dem Fürsten sagen, daß ich ihn nach Moskau begleiten will.“

In diesen, Augenblicke klopfte man leise an seine Thür. Er öffnete und Melanie trat ein. Sie trug einen Karton unter dem Arme.

„Herr Mölling,“ flüsterte sie, „ich möchte Sie um eine Gefälligkeit bitten.“

Der Musiker verneigte sich schweigend. Erst heute erkannte er, daß Melanie anmuthig schön war, wie eine Rose, die sich zu entknospen beginnt. In ihrer Erscheinung lag eine Poesie, die der schwärmerische Virtuos in ihrem ganzen Umfange erfaßte.

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich heimlich an einer Stickerei arbeite, deren Ertrag zu einem Geburtstagsgeschenke für meine Mutter bestimmt ist.“

„Ja, Mademoiselle! Sie sprachen von einem Trauerkleide.“

„Ich habe es diese Nacht vollendet. Wollen Sie es sehen?“ fragte sie mit der naiven Freude über die gelungene Arbeit.

Adolf fand wenig Interesse daran; aber er konnte es dem reizenden Kinde nicht abschlagen.

„Erlauben Sie mir, daß ich Ihre Kunst bewundere!“ antwortete er.

Melanie öffnete den Karton und zeigte eine Stickerei, die wirklich bewunderungswürdig war. Blumen und Blätter von schwarzem Schmelz wanden sich durch das schwarze Kleid vom feinsten Seidenflor. Die Blumen stellten aufgeblühte Rosen dar, und die Blätter Immortellen. Adolf lobte die sinnreiche Arbeit.

Hätte er gewußt, daß er das Kleid bewunderte, in dem Henriette seinen Tod betrauern wollte!

„Nun erlaube ich mir, die Bitte auszusprechen,“ begann Melanie, indem sie den Karton wieder schloß. „Ich kann die Arbeit erst morgenfrüh abliefern, und den heutigen Tag muß ich in dem Magazine zubringen. Meine Mutter hat bereits Verdacht geschöpft, und sie wird jedenfalls meine Abwesenheit benutzen, um ihre Neugierde zu befriedigen – würden Sie erlauben, daß dieser Karton in Ihrem Zimmer bleibt?“

Adolf öffnete einen Schrank in der Tapete, setzte den Karton hinein, verschloß die Thür und überreichte Melanie den Schlüssel.

„Dessen bedarf es nicht!“ sagte sie ablehnend.

„Nehmen Sie, Mademoiselle; Sie können dann zu jeder Zeit über Ihre Arbeit verfügen.“

Melanie nahm dankend den Schlüssel und wollte sich entfernen. Adolf hielt sie sanft bei der Hand zurück.

„Mademoiselle,“ sagte er mit bewegter Stimme, „ich werde in einigen Tagen Genf verlassen, um einem ehrenvollen Rufe nach Moskau zu folgen. Uebernehmen Sie es, Ihren guten Eltern meine Abreise mitzutheilen, damit sie über dieses Zimmer weiter verfügen können.“

„Nach Moskau wollen Sie gehen?“ flüsterte Melanie.

„Mit dem Fürsten W., der mich in seiner Kapelle angestellt hat.“

Melanie zitterte am ganzen Körper; sie ward blaß wie eine Lilie.

„Mein Gott, was ist Ihnen?“ fragte Adolf bestürzt.

Sie entwand ihm ihre bebende Hand.

„Ich wünsche Ihnen Glück, Herr Mölling!“ antwortete sie mit gewaltsam angeeigneter Fassung. Dann verneigte sie sich, und verließ rasch das Zimmer.

„Die Mutter hat Recht!“ murmelte er traurig vor sich hin.

„Das arme Mädchen ist zu beklagen. O könnte ich ihm helfen.“

[568] Seine Gedanken beschäftigten sich nicht minder mit Melanie, als mit Henrietten und der bleichen Dame.

„Ich kann nicht in Genf bleiben!“ rief er aus. „Es ist selbst meine Pflicht, daß ich abreise!“

Er machte Toilette, und suchte das Hotel des Fürsten auf. Der Fürst hatte seine Abreise eingetretener Hindernisse wegen um acht Tage verschoben, er befand sich in diesem Augenblick mit einigen Freunden auf dem Lande. Adolf erreichte seinen Zweck nicht; er faßte den Entschluß, die Komposition einer Symphonie zu vollenden, und mit den Menschen so wenig als möglich in Berührung zu kommen, so lange er noch in Genf zu bleiben gezwungen war.



XI.

In dem Landhause am See herrschte eine unheimliche, peinliche Stimmung. Henriette erschien zwar stets in prachtvoller Toilette, sie schien selbst eine besondere Sorgfalt darauf zu verwenden; aber in ihrem Geiste war eine Veränderung vorgegangen, die den Gatten mit Besorgniß erfüllt haben würde, wenn er sie erkannt hätte. Der Kommerzienrath hielt das stille, stolze Benehmen seiner Frau für Trotz, und nach seiner Ansicht mußte dieser Trotz gebrochen werden. Otto fuhr fort, die arme Henriette galant, aber kalt und spöttisch zu behandeln.

Eines Morgens erschien Henriette in einem rosarothen Atlaskleide. Ihr schwarzes Haar schmückte eine weiße Kamelie, und an ihrem schlanken Halse flimmerte der Brillantschmuck, den sie am Trauungstage getragen hatte. Ihr Gesicht war bleich und kalt wie Marmor, und ihr großes Auge glühete in einem unheimlichen Feuer. Als sie in den Salon trat, empfing sie Otto mit der gewöhnlichen Höflichkeit; er reichte ihr an der Thür den Arm, und führte sie zum Frühstückstische.

„Wie schön Sie heute sind!“ begann er, ironisch lächelnd. „So wünsche ich, daß mir meine Gattin erscheine: in den frohen Farben des Lebens, würdig eines Millionairs.“

Er küßte ihr die Hand, die in Fieberhitze brannte. Henriette duldete es, indem sie ihn mit einem fast geistlosen Blicke ansah.

„Was beginnen wir heute?“ fuhr der Kommerzienrath aufgeräumt fort. „Der Tag ist schön und ruhig – ich schlage eine Spazierfahrt auf dem See vor.“

„Verzeihung,“ antwortete Henriette, „ich werde heute das Landhaus nicht verlassen.“

„Warum?“

„Weil ich einen Brief an meinen Vater schreiben will, den ich schon so lange vernachlässigt habe.“

„Fügen Sie dem Briefe den Inhalt dieses Portefeuilles zu; er wird genügen, um für ein halbes Jahr die Ausgaben des alten Mannes zu decken.“

Otto warf ein Portefeuille auf den Tisch.

„Ich nehme es an,“ sagte Henriette mit tonloser Stimme, während die Lippen bebten und alle ihre Gesichtsmuskeln zuckten.

„Sie sind es ihm schuldig, da er es redlich verdient hat.“

Dann verbarg sie das zierliche Portefeuille in der Tasche ihres Kleides. Otto erhob sich, legte beide Hände auf den Rücken, und ging mit raschen Schritten durch den Saal, um den aufsteigenden Groll zu unterdrücken. Henriette schlürfte scheinbar nachlässig, aber im Grunde mit großer Anstrengung, ihre Chocolade.

Der Kommerzienrath warf mehr als einen gehässigen Blick auf seine Frau.

„Also auch Ihren Vater klagen Sie an?“ fragte er nach einer Pause, indem er vor ihr stehen blieb.

Henriette schwieg.

„Madame,“ fuhr der gereizte Otto fort, „man rühmte mir Sie als eine Dame von Verstand und Charakter, die berufen sei, in der Welt zu glänzen und das Glück eines Mannes zu machen, der zu leben weiß. Für dieses Anpreisen habe ich allerdings eine erkleckliche Summe gezahlt, und ich würde nicht bereuen, sie gezahlt zu haben, wenn man mir die Wahrheit gesagt hätte. Jetzt komme ich zu der Erkenntniß, daß ich einen argen Fehlgriff begangen, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe. Sie besitzen weder Verstand noch Charakter, Sie sind eine engherzige Frau, die dem niedern Kreise nicht hätte entrissen werden sollen, dem sie angehörte. Als Frau eines Musikers wären Sie an Ihrem Platze gewesen – der Reichthum und das große Leben erdrücken Sie. Man begeht eine große Thorheit, sich von einer hübschen Larve verführen zu lassen, und eine Mesallianz zu schließen. Dieser unüberlegte Schritt, Madame, ist einmal geschehen, und läßt sich nicht rückgängig machen. Meine Verbindung mit Ihnen machte großes Aufsehen, man tadelte, man belachte, man bedauerte und ich verhehle es nicht – man beneidete mich, denn Sie galten für schön. Leider hörte ich weiter keine Stimme, als die der Eitelkeit, leider verschloß ich den verständigen Rathschlägen meiner Freunde das Ohr – soll ich jetzt der Lächerlichkeit anheimfallen? Soll ich jetzt bekennen, daß ich mich durch eine kalte, herzlose Schönheit habe bestechen lassen? Das wird nie, nie geschehen, Madame! Mein Stolz ist zu groß, als daß er sich durch eine fehlgeschlagene Hoffnung beugen ließe. Ich habe mir vorgenommen, Sie mir zur Gattin zu erziehen, wie ich Sie haben will, und glauben Sie mir, es wird mit der ganzen Energie geschehen, die man an mir kennt, und der ich meinen Reichthum verdanke. Alle gütlichen Mittel sind erschöpft – so nehme ich denn von jetzt an meine Zuflucht zu der Strenge, die mir um so leichter wird, da Sie sich nicht bemühen, meine Liebe zu erwerben, und mir Achtung aufzuerlegen. Von morgen an erscheinen wir wieder in der großen Welt, von morgen an ist unser Landhaus glänzenden Gesellschaften geöffnet, und ermangeln Sie Ihrer Pflicht, die Ihnen als meiner Gattin obliegt, so werde ich Sie an einen Ihrer würdigen Ort schaffen, in das – Narrenhaus!“

„In das Narrenhaus!“ flüsterte Henriette, ohne sich zu regen,

„Ich sehe, Sie erschrecken vor der Aussicht, die ich Ihnen eröffne. Es ist ein trauriges, schreckliches Mittel; aber ich schwöre Ihnen, daß ich es anwende. Darum vermeiden Sie es, Henriette, und zeigen Sie sich als die Gattin eines Millionairs. Der Fürst W. reist in einigen Tagen nach Rußland zurück – ich werde ihm ein Abschiedsfest geben, wie es mein Stand und meine kommerziellen Verbindungen mit ihm erfordern. Sie machen die Honneurs als Frau vom Hause, und empfangen die Damen. Sparen Sie keine Kosten, um eine Toilette herzustellen, die Ihrer Schönheit und meinem Range angemessen ist.“

Er grüßte und verließ den Saal, nachdem er einen stechenden Blick auf seine Gattin geworfen. Eine halbe Stunde später sah man ihn in einer glänzenden Equipage nach der Stadt fahren.

Henriette ging in ihr Boudoir, verschloß die Thür, und setzte sich an ihren Schreibtisch. Mechanisch führte sie alle Bewegungen aus. Nachdem sie eine Zeit lang sinnend das Haupt gestützt, ergriff sie die Feder und begann zu schreiben. Thränen flössen aus ihren Augen auf das Papier – es waren die letzten Thränen, die sie weinte. Den Brief und die Banknoten, den Inhalt des Portefeuilles, schloß sie in ein Couvert. Den Brief in der Hand, wollte sie das Boudoir verlassen, als die Kammerfrau ihr entgegentrat.

„Madame, die Stickerin ist angekommen!“ meldete Lisa.

„Man führe sie sogleich in mein Zimmer!“

Mit diesen Worten trat sie zurück und wartete.

„Man beobachtet mich,“ flüsterte sie; „alle Domestiken, und selbst meine Kammerfrau, gehorchen dem Manne, der mich herzlos seiner Eitelkeit opfert. Ich bin seine Gattin nicht mehr – ich bin es ja überhaupt nie gewesen! Das junge Mädchen kann mir nützlich sein!“

Melanie trat ein, einen großen Karton unter dem Arme tragend. Sie grüßte die bleiche Frau mit einem Blicke, der ihre Dankbarkeit, ihre Ergebung verrieth.

„Madame,“ flüsterte sie mit gepreßter Stimme, „ich bringe das fertige Trauerkleid. Es ist in demselben Magazine hergestellt, das mir Ihr Befehl bezeichnet hat.“

„So kann ich es anlegen, wie es ist?“

„Ja, Madame! Man hat Ihr letztes Atlaskleid zum Muster genommen.“

Melanie öffnete den Karton. Henriette sah mit einem seltsamen Lächeln die kostbare schwarze Stickerei an; es sprach sich eine unheimliche Freude in ihren bleichen Zügen aus. Dann öffnete sie einen Sekretair, und verbarg die neue Robe. Den Schlüssel des Sekretairs steckte sie zu sich. Nun forderte sie die Rechnung; Melanie überreichte sie ihr.

[577]
IX.


„Mein Kind, ich habe Sie lieb gewonnen,“ begann Henriette bewegt; „und der letzte Dienst, den Sie mir durch die rasche und heimliche Herstellung jenes Trauerkleides erwiesen, hat mich zu Ihrer dankbaren Schuldnerin gemacht. Ich werde mich bemühen, Ihnen nach Verdienst zu lohnen.“

Dem jungen Mädchen traten die Thränen in die Augen.

„Wollte Gott,“ rief es aus, „daß ich Ihnen bei einer frohen Gelegenheit hätte dienen können! Glauben Sie es nur, ich habe Sie während der Arbeit innig bemitleidet!“

„Sie haben mich bemitleidet, und kennen nicht einmal meinen Schmerz in seinem ganzen Umfange!“ sagte Henriette mit einem kummervollen Lächeln. „Ach, wohl bin ich des Mitleides werth! Doch, sprechen wir jetzt von Ihnen, mein liebes Kind!“

„Von mir, Madame?“

„Ich will wissen, wie ich mich Ihnen am Nützlichsten zeigen kann!“

„Sie haben ja meine geringe Arbeit so überschwenglich belohnt, daß es unbillig wäre – –“

Henriette ließ die Stickerin nicht ausreden; mit freundlicher Gewalt zog sie sie zu der Ottomane. Beide saßen nebeneinander. Henriette betrachtete in großer Bewegung das schöne, blühende Gesicht Melanie’s; sie schien eine wehmüthige Freude bei diesem Anblicke zu empfinden.

„Ich erinnere mich, daß auch mir der Spiegel einst ein so frisches Gesicht zeigte, ein lachendes Auge, einen lachenden Mund. Die Zeit liegt noch nicht so weit hinter mir – und doch ist mein Gesicht heute blaß und welk, mein Haar beginnt zu bleichen!“

„Ach, Madame,“ rief Melanie, „Sie sind ja so gut und freundlich, daß der gerechte Himmel sie wieder glücklich machen muß!“

Henriette schüttelte schmerzlich das Haupt.

„Besitzen Sie nicht Alles, um jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen?“ fragte Melanie. „Hat die Vorsehung nicht das Füllhorn des Glückes über Sie ausgeschüttet? Fassen Sie Muth, und vertrauen Sie auf Gott!“ rief das unschuldige Kind, um die leidende Dame, die sie innig bemitleidete, zu trösten.

„Sie haben den Luxus im Auge, der mich umgibt; diese Ansicht verräth mir, daß die Armuth zwischen Ihnen und einem Ziele steht, nach dessen Erreichung sich Ihr Herz sehnt. Sie schlagen die Augen nieder – ich habe Recht, nicht wahr, ich habe Recht? Sie beklagen Ihre Armuth, und vielleicht auch die Ihres Geliebten?“

„Madame, Sie lesen in meiner Seele!“ stammelte Melanie verwirrt.

„Dies kann mir nicht schwer werden, da ich mich einst in derselben Lage befunden habe. Ich war arm und schön, wie Sie, mein Kind – ich liebte einen jungen Mann, der mich anbetete – ich schwor ihm ewige Treue, obgleich er arm war – da erschien ein Mensch, der mich mit seinem Reichthums verblendete – ich opferte mein Herz dem Verstande, und ward eine reiche, vornehme Dame. Aber das Herz ist mächtiger als der Verstand, es läßt sich wohl auf kurze Zeit unterdrücken, aber nicht besiegen. Ich habe gefehlt, und büße meinen Fehltritt durch eine Reue, die mir das Herz zernagt. Sie beneiden mich um meinen Reichthum – o, mein Gott, wie gern gäbe ich ihn hin, könnte ich die beiden letzten Jahre meines Lebens damit zurückerkaufen. Er ist mir lästig, er ist mir unnütz doch nein, nein, fügte sie hastig hinzu, ich kann ihn zu Ihrem Wohle verwenden – ich weiß jetzt, wie ich mich Ihnen dankbar erweisen kann! Sie lieben einen armen Mann?“

Melanie nickte tief erröthend mit dem Kopfe.

„Lieben Sie ihn, lieben Sie ihn, bleiben Sie ihm treu, mein armes Kind! Sie sind schön, wie ich einst schön war – die Versuchung wird ihren Arm nach Ihnen ausstrecken; Sie sind jung und eitel, wie ich es einst war – die Eitelkeit wird der Versuchung den Sieg erleichtern: lassen Sie mich Ihr schützender Engel sein, lassen Sie mich durch eine gute That mein begangenes Verbrechen sühnen, und nehmen Sie von mir die Aussteuer, die Sie Ihrem armen Geliebten bringen. Dann hat mein kummervolles Leben doch einen Zweck gehabt, und ich habe mich Ihnen dankbar bewiesen, wie ich es gewollt und gewünscht habe.“

Henriette stand hastig auf, holte ein mit Banknoten gefülltes Taschenbuch, und drückte es der erstaunten Melanie in die zitternden Hände. Dann küßte sie ihr die reine, jungfräuliche Stirn.

„Sie haben mir eine schöne Stunde bereitet, indem. Sie mir Gelegenheit gaben, mein Herz auszuschütten. Außer Ihnen kennt Niemand mein Geheimniß.“

„Madame,“ rief Melanie schluchzend, „ich werde Ihr Vertrauen zu würdigen wissen!“

„Und meinen Rath?“

„Werde ich befolgen.“

In dem Vorzimmer ließ sich ein leises Geräusch vernehmen.

Henriette hatte es gehört.

„Still!“ flüsterte sie.

[578] Beide standen auf.

„Es ist Zeit, daß wir uns trennen!“ fuhr Henriette leise, aber eifrig fort. „Man beobachtet mich mit argwöhnischen Blicken. Da ich Ihnen vertraue, bitte ich Sie um den letzten wichtigen Dienst.“

„Zählen Sie auf mich, Madame, ich schwöre Ihnen, Ihre Aufträge gewissenhaft zu vollziehen.“

Henriette gab ihr den Brief, den sie kurz zuvor geschrieben hatte.

„Hören Sie mich an,“ sagte sie leise und mit zitternder Stimme. „Dieser Brief ist an meinen Vater gerichtet; ich spreche darin von Dingen, die morgen oder übermorgen in Erfüllung gehen werden, wie ich allen Grund zu vermuthen habe. Sind sie in Erfüllung gegangen, so werde ich behindert sein, meinem Vater Nachricht davon zu geben, und doch muß er sie wissen.

Habe ich bis übermorgen den Brief von Ihnen nicht zurückgefordert, so lassen Sie ihn durch die Post abgehen. Und nun leben Sie wohl, meine liebe Freundin – wir haben uns heute das letzte Mal gesehen. Denken Sie meiner, wie einer geschiedenen Freundin.“

„Ich werde Sie segnen, und für Sie beten!“ stammelte Melanie, die vor ihr niedersinken wollte.

Henriette verhinderte sie daran.

„Mein liebes Kind,“ flüsterte sie noch einmal in einem mahnenden Tone, „bleiben Sie stets dem Manne ihrer ersten Liebe getreu – eine Untreue bereuet man zu spät, wenn das Herz seine Rechte fordert.“

In dem Augenblicke, als sie die Thür öffnete, erschien Otto.

„Besorgen Sie meine Aufträge pünktlich!“ sagte Henriette kalt und gefaßt. „Vergessen Sie nicht, daß ich keine Kosten scheue!“

Melanie verneigte sich, und verließ eilig das Zimmer.

„Wer ist jenes junge Mädchen?“ fragte der Kommerzienrath.

„Meine Putzmacherin.“

„Gut, Henriette, das habe ich gern! Denken Sie an die Freuden des Lebens, an Ihren Stand und an meinen Reichthum.

Der Fürst tritt übermorgen seine Reise an – wir werden morgen Abend das Fest geben.“

„Morgen Abend?“

„Ich bewillige Ihnen zweitausend Francs zur Vervollständigung Ihrer Toilette.“

„Sie wird vollständig sein!“ antwortete die bleiche Gattin mit Bestimmtheit.

„Wie ich es wünsche?“ fragte Otto, sie scharf ansehend.

„Wie es meine Ehre erfordert?“

„Sie werden mit mir zufrieden sein.“

Otto küßte die Stirn seiner Frau. Henriette zitterte bei diesem Kusse.

„Man muß sie überwachen!“ dachte der mißtrauische Kommerzienrath, indem er sich dem Anscheine nach beruhigt entfernte, um die Befehle zu den Vorbereitungen des Festes zu geben.

Henriette blieb den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Außer Lisa hatte keine Person Zutritt zu ihr. Der Kommerzienrath fuhr noch einmal nach der Stadt. Als er Abends zurückkehrte, ließ er die Kammerfrau kommen.

„Wie benimmt sich meine Frau?“ fragte er.

„Sie spricht zwar wenig, aber sie ist ruhiger geworden, Herr Kommerzienrath.“

„Womit beschäftigt sie sich?“

„Mit Lesen. Außerdem hat sie mir Auftrag gegeben, eine rothe Camelie zu besorgen, die Sie morgen Abend als Haarputz tragen will.“

„Ueberwache die Toilettengegenstände, die die Putzmacherin bringt, Lisa! Sorge dafür, daß Deine Herrin glänzend und in heitern Farben erscheine. Die wunderliche Grille meiner Frau wird vorübergehen, und Du kannst Dich meiner Dankbarkeit versichert halten. Nimm als Abschlagszahlung diese Goldstücke.“

Lisa wartete vergebens auf die Putzmacherin; Melanie erschien nicht wieder.



XII.


Der Kommerzienrath hatte einen kleinen, aber ausgewählten Zirkel in seinem Landhause versammelt, dessen Mittelpunkt der russische Fürst war: Die Gesellschaft bestand aus acht Herren und sechs Damen. Alle waren reiche Leute, die den Sommer an den herrlichen Gestaden des Genfer See’s verbrachten, und zum Winter in ihre Städte zurückkehrten. Die Gesellschaft befand sich in dem großen Saale des Erdgeschosses, dessen Glasthüren, die zu einer Terrasse führten, geöffnet waren. Otto hatte die letzten Gäste empfangen, aber immer noch fehlte Henriette; er bereuete, das Fest veranstaltet zu haben, denn es drängte sich ihm die Befürchtung auf, daß sein Vertrauen auf die Fügsamkeit seiner Frau zu groß sei. Die Abreise des Fürsten, mit dem er in Bankgeschäften stand, hatte ihm einen passenden Vorwand zu der Strafe gegeben, die er Henrietten zugedacht. Otto war ein energischer, harter Charakter, der nichts begann, ohne ein Resultat zu erlangen. Henriette selbst sollte diesen Abend über ihr Schicksal entscheiden. Und sie entschied darüber.

Otto befand sich in einer sehr gereizten Stimmung, die dadurch um so peinlicher ward, daß er sie den Gästen gegenüber verbergen und den feinen, taktvollen Wirth spielen mußte.

Die Damen verlangten nach der Frau vom Hause.

„Man meldete mir so eben,“ antwortete entschuldigend der Wirth, „daß meine arme Frau durch ein plötzliches Unwohlsein an der Vollendung ihrer Toilette behindert gewesen sei. Das Unwohlsein ist vorüber und sie wird nicht lange auf sich warten lassen.“

„Eine Dame von Welt muß die Toilette sehr ernst nehmen!“ sagte Frau von Luceval, eine Pariserin. „Madame Winter besitzt einen bewunderungswürdigen Geschmack, und ich verzeihe ihr gern die Verzögerung, da sie in untadelhafter Toilette erscheinen wird. Zürnen Sie ihr deshalb nicht,“ fügte sie bittend hinzu, als sie sah, wie der Kommerzienrath seine Lippen zusammenbiß. „Madame Winter weiß, daß sie, bezüglich der Toilette, vor strengen Kritikern zu erscheinen hat!“

Die Pariser Dame nahm sich Henriettens auf eine Weise, an, welche die Gereiztheit Otto’s erhöhete; er begriff, daß er durch die Entschuldigung die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Punkt gelenkt hatte, der ihm die größte Sorge machte und unter den kritischen Verhältnissen hätte unberührt bleiben müssen. Henriette’s verzögerten Erscheinen ließ auf eine Demonstration schließen, und er hätte sich gern entfernt, um zu untersuchen, ob seine Befürchtungen gegründet seien; es war unmöglich, der Anstand fesselte ihn an die Gesellschaft. Er verwünschte das gewagte Spiel mit der überspannten Närrin, und seine Ungeschicklichkeit dazu. Es kostete ihm Mühe, sich zu beherrschen.

In diesem Augenblicke öffnete ein Diener die Flügelthür, und Henriette erschien. Otto erbleichte, er war keines Wortes mächtig – seine Frau trug ein prachtvolles Trauerkleid. Sie war bleich wie der Tod, und ein unheimliches Feuer sprühete aus ihren Augen. Hals, Schultern und Arme waren marmorweiß, es schien, als ob alles Leben, alles Blut daraus gewichen sei.

Henriette bot einen Anblick, der die Gäste in sprachloses Erstaunen versetzte.

„Sie ist wirklich krank!“ flüsterten die Damen nach einer Pause, in der sich die trauernde Frau grüßend nach allen Seiten verneigt hatte.

„Ja sie ist krank!“ rief Otto, vor Wuth seiner Sinne kaum noch mächtig.

Dann sprang er auf, reichte ihr den Arm, und wollte sie aus dem Saale führen. Henriette machte schwankend einige Schritte, dann brach sie ohnmächtig zusammen. Man brachte die leblose Frau auf ihr Zimmer. Die Gäste drückten ihr Bedauern aus, verabschiedeten sich, und verließen das Landhaus, in dem für dieses Mal kein Vergnügen mehr zu erwarten stand.

Otto hatte nach der Stadt zu einem Arzte geschickt. In einer unbeschreiblichen Verfassung ging er in dem Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit einen Blick nach dem Bette werfend, auf dem Henriette in ihrem Trauerkleide lag. Sie athmete nicht, ihre Augen waren geschlossen. Die Kammerfrau lag auf den Knien und betete.

„Wie ist meine Frau zu dem Trauerkleide gekommen?“ fragte er hastig.

„Ich weiß es nicht, Herr!“

„Du hast meine Befehle nicht beachtet!“

„Ich schwöre zu Gott, daß kein Mensch bei Madame gewesen ist!“ rief die weinende Lisa.

[579] „Und wer ist ihr bei der letzten Toilette behülflich gewesen?“

„Madame hat in dem verschlossenen Zimmer ohne Hülfe Toilette gemacht. Es war unmöglich, mir Eingang zu verschaffen. Als sie die Thür öffnete, erschien sie in Trauer und schritt, ohne mich anzusehen, die Treppe hinab in den Saal. Gleich darauf trug man sie leblos in das Zimmer zurück.“

Der Kommerzienrath befahl der Kammerfrau, sich zu entfernen. Dann betrachtete er schweigend eine Zeit lang die bleiche Gattin. Zum ersten Male empfand er Mitleid; aber es war nur das Mitleid mit der zerstörten Schönheit. Henriette war auch jetzt noch schön wie eine Heilige.

„Sie hat mich nie geliebt!“ murmelte er. „Unsere Verbindung war eine Geschäftssache, und keine Herzensangelegenheit. Von allen meinen Unternehmungen ist dies die einzige, die mir fehlgeschlagen. Das Weib bleibt Weib!“ fügte er mit Bitterkeit hinzu. Henriette regte sich; sie fuhr mit der Hand nach der Stirn und öffnete die Augen. Dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus.

„Henriette!“ rief Otto.

Sie sah ihn starr und regunglos an. Dann erhob sie mühsam den Kopf und nahm eine sitzende Stellung ein. Otto wollte sie unterstützen – sie wehrte ihm durch eine Bewegung der Hand.

„Lassen Sie die Kammerfrau kommen!“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Ich habe zu einem Arzte geschickt; er kann nicht lange mehr bleiben.“

„Die Hülfe des Arztes bedarf ich nicht. Ich will keinen Arzt!“ fügte sie hastig hinzu.

„So mag die Kammerfrau eintreten. Die Unterredung, die Ihr rücksichtsloses Benehmen nothwendig gemacht hat, kann stattfinden, wenn Sie sich erholt haben!“ sagte Otto kalt. Dann wollte er die Glocke ziehen.

„Bleiben Sie! Bleiben Sie!“ rief sie mit gewaltsamer Anstrengung. „Sie haben mit mir zu reden – ich fühle mich stark genug, Sie anzuhören. Vielleicht habe auch ich Ihnen noch etwas, zu sagen. Führen Sie mich zu dem Sessel am Fenster dort.“

Henriette saß an dem Fenster, dessen Flügel offen stand. In langen Zügen athmete sie die frische Luft ein, die vom See herüber kam. Die Abendröthe beschien ihr todtbleiches Gesicht, dessen Muskeln von Zeit zu Zeit wie im Krampfe zuckten. Ihre großen, trockenen Augen schwammen in einem seltsamen Glanze. Der aufgeregte Otto gewahrte diese verhängnißvollen Zeichen nicht, er dachte nur daran, seinen Groll auszulassen.

„Madame, trotz Ihrer Schwäche haben Sie es gewagt, mich in den Augen jener ausgewählten Gesellschaft zu compromittiren – ich kann Ihrem Zustande kein Mitleiden zollen, denn sie haben mit einer Berechnung gehandelt, die einen hohen Grad von Bosheit voraussetzen läßt.“

Die bleiche Frau lächelte wie eine Wahnwitzige.

„Ihre Voraussetzung ist nicht falsch!“ flüsterte sie. „Sie haben Recht, wenn Sie meinen festen Willen Bosheit nennen. Bin ich Ihre Sklavin? Sind Sie mein unumschränkter Herr? Es steht Ihnen frei, mich zu hassen, selbst mich zu verachten – aber Sie haben nicht das Recht, mich zu mißhandeln. Ehe ich diese Welt verlasse, wollte ich Ihnen zeigen, daß ich Charakter besitze. Jetzt geben Sie Auftrag, daß man mich in das Irrenhaus schafft. Man wird Ihnen glauben, daß ich wahnsinnig bin – Sie können sich jener Herren und Damen aus der großen Welt, die mich in dieser Trauertoilette gesehen, als Zeugen bedienen. Was wollen Sie mehr? Komme ich Ihrem Wunsche nicht entgegen? Als Sie mich von meinem Vater kauften, war ich eine ebenso folgsame Tochter, als ich heute eine fügsame Gattin bin, wo Sie sich meiner wieder entledigen wollen. Um den Kaufpreis sind Sie betrogen, Herr Kommerzienrath; man zahlt Ihnen für eine zerstörte Schönheit nichts zurück.“

„Unglückliches Weib, wer hat diese Gedanken in Ihnen angeregt?“

„Sie, mein Herr, Sie, und Ihr trauriger Reichthum! Hätten Sie Ihr goldenes Netz nicht ausgespannt, ich wäre heute ein glückliches Geschöpf, und der arme betrogene Mann wäre nicht auf dem Schaffotte gestorben. Sie haben ihn, Sie haben mich gemordet!“ rief sie in einer furchtbaren Aufregung. „Und nun verlassen Sie mich, daß ich ruhig sterben kann!“

„Jetzt begreife ich Alles!“ murmelte Otto erschüttert vor sich hin.

Henriette hatte die Hände gefaltet, und bewegte wie betend die Lippen. Zwischen den kleinen weißen Händen, die heftig zitterten, hielt sie das Medaillon mit der verwelkten Rose. Dem Kommerzienrath schien es, als ob sie, trotz der erschrecklichen Leichenblässe, so schön sei, wie sie noch nie gewesen. Die rothe Camelie, das schwarze üppige Haar, die Blässe des Gesichts und das Trauerkleid bildeten schneidende Kontraste. Otto ward von Befürchtungen und Mitleiden ergriffen. Das schöne Geschöpf, an dessen Seite er glänzen und sich beneiden lassen wollte, war rasch wie eine Blume vergangen.

Der Arzt erschien. Henriette sah ihn mit einem schmerzlichen Lächeln an, als wollte sie sagen: jede menschliche Hülfe ist vergebens; sie entzog sich jedoch einem Examen nicht, und antwortete auf alle an sie gerichteten Fragen. Der Doktor forderte, daß die Kranke zu Bett ginge, und schrieb ein Recept.

„Ich komme morgenfrüh wieder!“ sagte er. Dann entfernte er sich. Otto begleitete ihn bis in das Vorzimmer, wo er ihm die letzten Vorgänge mittheilte. Dann forderte er einen unumwundenen Ausspruch des Doktors.

„Madame ist sehr krank!“ antwortete er. „Es verbindet sich ein moralisches Leiden mit einem physischen, die, Beide vereint, rasche Fortschritte gemacht haben.“

„Ist sie noch zu retten? Was ist zu thun?“

Der Arzt zuckte die Achseln.

„Lassen Sie diejenigen meiner Collegen kommen, denen Sie das meiste Vertrauen schenken – ich kann mich irren. Madame ist jung und scheint eine große Nervenstärke zu besitzen.“

Nachdem der Doktor dringend Ruhe anempfohlen, entfernte er sich mit dem Versprechen, am nächsten Morgen zwei Collegen zu einer Berathung mitzubringen.

Otto kehrte zu seiner Frau zurück, und bat sie, zu Bett zu gehen; sie weigerte sich, blieb in dem Lehnstuhle am Fenster sitzen, und fuhr fort, andächtig den Sonnenuntergang zu beobachten. Die Bergen jenseits des See’s glüheten im ersten Abendröthe. Die abendliche Stille des Gartens unter dem Fenster ward nur durch den Gesang einzelner Vögel unterbrochen. Otto war unschlüssig, was er beginnen sollte. Die Kranke schien sich seiner Anwesenheit nicht bewußt zu sein, sie richtete keinen Blick auf ihn. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, und das Zimmer ward dunkel. Auf den Befehl des Herrn kam die Kammerfrau mit Licht. Die rasch eintretende Abendkühle machte die Kranke frieren, sie zitterte am ganzen Körper. Trotzdem weigerte sie sich noch immer, zu Bett zu gehen; sie schloß das Fenster und ließ sich von der Kammerfrau zu dem Divan führen. Die arme Frau war so schwach geworden, daß sie sich nur mühsam fortschleppen kannte. Aus ihren Befehl mußten noch die Kerzen eines dreiarmigen Leuchters angezündet werden, das Zimmer war ihr nicht hell genug.

„Ihr Verstand hat wirklich gelitten!“ dachte Otto. „Ich kann nicht mit ihr rechten.“

Er empfahl der Kammerfrau die größte Aufmerksamkeit, und wollte sich entfernen, da ihm der Anblick der Kranken peinlich ward. Kaum hatte er das Vorzimmer betreten, als er auf dem Korridor das Geräusch hastiger Schritte und die Stimme seines Kammerdieners hörte, die einem Ankommenden den Eintritt zu weigern schien.

„Wo ist Herr Winter?“ hörte man eine Stimme rufen.

„Bleiben Sie, ich werde Sie melden!“ antwortete der Diener, indem er die Thür öffnete und eintrat.

Ein bleicher junger Mann mit langen schwarzen Haaren folgte ihm auf dem Fuße.

„Hier ist mein Herr!“

Der Kommerzienrath wich bestürzt zurück.

„Was ist das? Was ist das?“ murmelte er, indem er den mit Schweiß und Staub bedeckten jungen Mann anstarrte. „Adolf Mölling!“

„Erbeben Sie vor einem Todten, den Sie als Verbrecher auf dem Schaffotte sterben ließen?“ rief Adolf mit durchdringenden Stimme. „Die Todten, mein Herr, verlassen ihre Gräber nicht, aber die Lebenden kommen, um ihre Ehre zu rächen!“

„Nicht weiter!“ rief der Kommerzienrath, der seine Fassung wiedergewonnen hatte. „Hier waltet ein Mißverständniß ob – folgen Sie mir in mein Zimmer, wir werden uns erklären!“

„Zählen Sie darauf, daß ich mich Ihnen erkläre!“ rief Adolf, dessen Augen glüheten. „Zuvor aber werde ich einer Sterbenden Verzeihung bringen, wenn es nicht zu spät ist.“

[580] „Wie, mein Herr, Sie wissen –?“

„Wo ist Henriette? Wo ist Henriette? Im Namen Gottes, mein Herr, führen Sie mich zu ihr!“ rief Adolf, indem er flehend die Hände ausstreckte. „Sie muß wissen, daß ich kein Verbrecher bin, daß ich der Liebe, die sie mir bewahrt hat, stets würdig gewesen!“

Der Kommerzienrath biß sich in die Lippen, seine Hände zuckten krampfhaft zusammen.

„Fragen Sie morgen die Aerzte!“ murmelte er mit eisiger Kälte, um seine Verachtung auszudrücken. „Man leuchte dem Herrn die Treppe hinab!“ befahl er dem Diener. „He, Bediente, alle meine Leute sollen kommen!“ fügte er im Tone des Mannes hinzu, den der Reichthum mächtig macht.

„O, mein Herr, ich begreife Sie!“ sagte Adolf mit unbeschreiblicher Bitterkeit. „Ihr Stolz duldet nicht, daß ein armer Künstler die letzten Liebesworte eines Herzens hört, nach dessen Besitze Sie vergebens strebten. Hinweg, oder ich bahne mir mit Gewalt einen Weg, um meine Ehre bei einer Sterbenden zu retten!“

Ein durchdringender Schrei ließ sich in dem angrenzenden Boudoir vernehmen. Adolf riß, ohne daß man es zu verhindern suchte, die Thür auf – Henriette lag wie leblos auf der Schwelle. Wimmernd sank Adolf neben ihr nieder, und bedeckte ihre kalten Hände mit heißen Thränen und Küsten.

„Henriette, Henriette, höre mich; ich bin kein Verbrecher!“ rief er in herzzerreißenden Tönen aus. „Ich wähnte Dich treulos, aber ich bewahrte meine Liebe zu Dir und meine Ehre! Man hat uns Beide verrathen! Siehst Du noch, daß ich lebe? Hier, hier ist die Rose, das Pfand Deiner Liebe – ich trug sie stets auf meinem Herzen! Henriette, scheide nicht von dieser Erde, ohne noch einmal mir in’s Angesicht §u sehen! Du mußt wissen, daß ich lebe, daß Du mich nicht verachten darfst!“

Starren Blickes und mit angehaltenem Athem lag er auf den Knien, und wartete auf die Wirkung seiner Worte. Da schlug die bleiche Henriette noch einmal die Augen auf. Der junge Mann stieß einen lauten Schrei aus. Dann legte er sanft ihren Kopf in seinen Arm.

„Ich liebe und achte Dich!“ flüsterte sie leise. „Sieh, ich trauere um Dich, weil ich Dich achte! Im Trauerkleide wollte ich aus dieser Welt scheiden. Ich habe viel gelitten – das Herz war stärker als die Eitelkeit und der Verstand – Adolf, kannst Du mir verzeihen?“

„Ich verzeihe Dir, armes, armes Opfer!“ rief er überwältigt aus.

Ein seliges Lächeln schwebte über Ihre bleichen Züge.

„Dank, Dank!“ hauchte sie kaum vernehmbar. „Nun sterbe ich zufrieden, und Gott wird mir verzeihen! Auch Ihnen, Otto, verzeihe ich – Adolf, achte die Rechte des Herzens – mein Gott, ich komme – zu dir!“

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust – sie war verschieden. Eine peinliche Stille herrschte in den prachtvollen, hell erleuchteten Räumen. Der Kommerzienrath lehnte mit verschränkten Armen in einer Fenstervertiefung, während Adolf die leblose Hülle Henriettens auf das Bett trug, die kalten Lippen noch einmal küßte, die Vorhänge zusammenzog und dann das Vorzimmer wieder betrat. Mit ihm zugleich erschien der Kammerdiener, der seinem Herrn ein Zeitungsblatt überreichte. Otto gab Adolf das Blatt.

„Lesen Sie, mein Herr!“ sagte er kalt. „Jede weitere Erklärung wird dann unnütz sein.“

Adolf las: „Rotterdam … Heute fand die Hinrichtung des Giftmischers Adolf Mölling statt. Der junge Verbrecher war ein deutscher Musikus aus D.; er leugnete die schreckliche That nicht, und bekannte offen, daß er sich rasch in den Besitz des Vermögens seines geizigen Vetters habe setzen wellen, um seine Braut heimzuführen, die ohne Reichthum nicht zu erlangen gewesen sei. Sein Rechtsbeistand hatte ihm gerathen, die Gnade des Königs anzuflehen, da die Leidenschaft, die ihn zu der That verleitet, ein Milderungsgrund sei; Mölling aber hatte sich geweigert, indem er gesagt: da ich das Mädchen nicht besitzen kann, das ich liebe, denn es ist in der Zeit meines Prozesses die Gattin eines Andern geworden, so ist mir der Tod willkommen. Der junge Schwärmer bestieg mit einer Ruhe das Schaffot, die das allgemeine Interesse für ihn erweckte.“

Adolf gab erschüttert das Blatt zurück.

„Henriette hat Ihnen verziehen,“ sagte er zu dem Kommerzienrathe, „ich habe Ihnen nichts mehr zu verzeihen. Jener Verbrecher führte zufällig meinen vollständigen Namen und übte die Kunst, die ich übe – vielleicht war dies eine Fügung der Vorsehung.“

Er verließ das Landhaus und ging träumend und langsam nach Genf zurück. Es war Mitternacht, als er sein kleines Stübchen betrat.

Wir haben den Lesern zu erklären, wie Adolf von den Vorgängen in dem Landhause unterrichtet wurde. Melanie hatte, wie wir wissen, den Brief Henriette’s zur Besorgung übernommen. Dieser Brief fiel Mutter Collin, die das Zimmer ihrer Tochter durchsuchte, in die Hände. Da die Adresse deutsch geschrieben war, und die gute Alte nur französisch verstand, ging sie zu ihrem Miethsmanne und bat ihn, ihr die Worte zu übersetzen.

Man denke sich das Erstaunen des armen Adolf, als er den Namen F. Wilda von der Hand Henriette’s geschrieben erblickte.

Die bleiche Dame, die so viel Kummer zu leiden schien; das Trauerkleid, das Melanie für sie gestickt hatte; eine gewisse Hoffnung, die plötzlich in ihm aufstieg – Alles dies versetzte ihn in eine Aufregung, daß er, seiner selbst nicht mächtig, zum größten Schrecken der Alten den Brief erbrach, und folgende Zeilen las:           „Mein Vater!

„Sie haben mich verkauft, Sie haben mich unglücklich gemacht, und mit mir den armen Adolf, den braven jungen Mann, der in seiner Verzweiflung ein Verbrechen begangen hat, und auf dem Schaffotte gestorben ist. Er ist durch mich, durch Sie gestorben! Meine Ehe, die der Verstand geschlossen, war eine unglückliche; aber vielleicht würde ich sie dennoch ertragen haben, wenn die Nachricht von Adolf’s schrecklichem Tode mich der Verzweiflung nicht preisgegeben hätte. Das Leben ist mir eine Last, ich werfe sie ab und zerreiße das Band, das Sie um mich und den reichen Mann geschlungen. Gehen Sie sparsam mit beifolgender Summe um, denn sie ist die letzte, die Ihnen aus dem Heirathsgeschäfte wird. Während ich diese Zeilen schreibe, beginnt das Gift, das ich genommen, seine Zerstörung – nehmen Sie mit Gewißheit an, daß ich bei dem Manne meiner ersten Liebe bin, wenn der Brief in Ihre Hände gelangt. Leben Sie wohl, mein Vater, und beklagen Sie – Ihre

unglückliche Henriette.“

Adolf hatte den Brief auf den Tisch geworfen, die Wohnung verlassen und eine Stunde später das Landhaus betreten, in dem sich nun die Scenen ereignet, die wir bereits geschildert haben.

Die erschreckte Alte glaubte, ihr stiller Miethsmann sei plötzlich wahnsinnig geworden. Sie ging zu ihrem Manne und erzählte, was geschehen. Vater Collin schüttelte den Kopf, verbarg den Brief und sagte:

„Wir müssen warten!“

Gegen Abend kam Melanie nach Hause; sie war so erschöpft, daß sie Kopfschmerzen vorschützte, und zeitig zur Ruhe ging. Um Mitternacht hörten die beiden alten Leute auch den Musiker sein Zimmer betreten. Beruhigt legten sie sich schlafen. Am nächsten Morgen ließ Vater Collin den Musiker ersuchen, in sein Zimmer zu kommen. Adolf, der die Nacht wachend verbracht, erschien bleich und mit trüben Augen.

„Mein Herr,“ sagte der Blinde, „bekennen Sie offen, daß Sie meine Tochter nach Moskau entführen wollen!“

Der Geiger antwortete lächelnd:

„Wahrlich, nein, Herr Collin! Ich beabsichtige zwar, nach Moskau zu gehen, aber Melanie wird mich nicht begleiten.“

Nun erzählte er mit der größten Offenheit seine Lebensgeschichte.

„Um Sie zu beruhigen, habe ich Ihnen nichts, verschwiegen!“ schloß er. „Urtheilen Sie, ob ich je in der Verfassung gewesen bin, mich Ihrer Tochter zu nähern.“

„Warum aber erschrak Melanie, als sie hörte, daß Sie uns für immer verlassen wollten?“

„Darauf kann ich Dir Antwort geben!“ rief Mutter Collin, die eintretend diese Frage gehört hatte.

„Was ist Dir, Frau? Du bist aufgeregt, Du weinst –?“

„Die arme Melanie ist krank, sie hat mir Alles gestanden.“

„So erkläre Dich endlich!“ rief der ungeduldige Collin.

„Ach, das ist eine Unglücksgeschichte!“ schluchzte die Alte. „Unsere Tochter hat den Secretair des russischen Fürsten kennen [581] gelernt – und liebt ihn! Morgen oder übermorgen reist der Fürst ab, und die arme Melanie – –“

In diesem Augenblicke ward die Glocke an der Thür gezogen. Mutter Collin eilte hinaus, und ließ gleich darauf den Fürsten eintreten. Mit der ihm eigenen Leutseligkeit grüßte er.

„Herr Mölling hat sich nicht erklärt,“ sagte er lächelnd; „ich nehme an, daß mein Wunsch nicht in Erfüllung geht.“

„Gnädiger Herr, ich stand im Begriffe, Ihnen meine Dienste anzubieten!“ rief Adolf lebhaft. „Verfügen Sie über mich – ich kann heute, in dieser Stunde noch abreisen!“

[582] „Gut, so ernenne ich Sie zu meinem Kapellmeister! Finden Sie sich in meinem Hotel ein, mein Secretair wird Ihnen den Kontrakt vorlegen und das Weitere mittheilen.“

Adolf verneigte sich und trat zurück, als er sah, daß der Fürst sich zu dem Blinden wenden wollte.

„Mein lieber Freund,“ begann er, „vielleicht gelingt es mir, auch mit Ihnen ein Engagement abzuschließen.“

„Du lieber Gott, Sie wollen doch meinen Mann nicht etwa in Ihrer Kapelle anstellen?“ sagte Mutter Collin, die vor Verwirrung kaum noch wußte, was sie that. „Er hat früher einmal Flöte geblasen, aber seitdem er blind ist – –“

„Nein, nein, gute Frau,“ antwortete lächelnd der Fürst;’ „die Flöte ist in meiner Kapelle vorzüglich besetzt. Aber meinem Secretair, einem rechtschaffenen, braven jungen Manne, den ich wie einen Sohn liebe, ist ein großes Unglück begegnet; er hat sich in eine schöne Genferin verliebt, und gestern Abend hat er es mir mit Thränen in den Augen gestanden.“

„Auch das junge Mädchen liebt ihn!“ rief Adolf eifrig.

„Ich weiß es, und darum habe ich es übernommen, die Verbindung des jungen Paares zu fördern. Melanie Collin willigt ein, wenn ihr Vater – –“

„Gnädiger Herr!“ riefen Vater und Mutter zugleich.

„Mein Secretair Casimir hat ein jährliches Einkommen von zwölfhundert Rubeln; ich erhöhe diese Summe, in Anbetracht der vermehrten Ausgaben, auf fünfzehnhundert Rubel. Was hat mir Herr Collin auf meine Bewerbung zu antworten?“

„Gnädiger Herr, das Glück meiner Tochter liegt mir am Herzen, und ich begreife, daß sie unter Ihrer Obhut wohl versorgt ist; aber in diesem Augenblicke – –“

„Kann ich meinem Secretair sagen, daß die Unterhandlungen eröffnet sind?“

„Vater, begehe keine Thorheit!“ flüsterte Mutter Collin.

Der alte Uhrmacher verbeugte sich.

„Gut, so ist meine Sendung erfüllt! Mein Secretair bleibt noch zwei Monate in Genf, um einige wichtige Geschäfte zu ordnen. Dieser Zeitraum wird wohl genügen, daß Sie sich mit ihm verständigen können. Hoffentlich sehen wir uns in Moskau wieder!“

Der Fürst grüßte und entfernte sich. Melanie’s Mutter begleitete ihn zur Thür.

„Herr Collin,“ rief Adolf, „Melanie liebt, ich weiß es – zerstören Sie das Glück, das Leben Ihrer Tochter nicht! Die Rechte des Herzens muß man hochachten!“

„Herr Mölling, bringen Sie mir den Secretair!“ rief Vater Collin.

Drei Tage später reiste Adolf Mölling, nachdem er noch einmal Henriettens Grab besucht hatte, im Gefolge des Fürsten ab, um in der Ausübung seiner Kunst den Schmerz zu bekämpfen, der an seinem Herzen nagte. Der Secretair des Fürsten wandte seine Zeit gut an; er wußte die Einwilligung der Eltern seiner Geliebten zu erlangen, trat mit Melanie vor den Altar, und reiste mit seiner jungen Gattin und seinen glücklichen Schwiegereltern nach Moskau.

Otto Winter ging nach Paris. Noch in demselben Jahre verheirathete er sich mit einer pariser Salondame, die das große Vermögen des deutschen Kommerzienrathes besser zu würdigen verstand, als die unglückliche Henriette.



  1. Vorlage: micht