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Die Rache

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Rache
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 191–194
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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Bearbeitungsstand
fertig
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[191]
64. Die Rache

Es war einmal ein Knabe namens Ma. Sein Vater unterrichtete ihn selbst im Hause. Das Fenster des oberen Stockwerks ging hinten hinaus auf die Terrasse des alten Wang, der einen Chrysanthemengarten hatte. Eines Tages stand der Knabe frühe auf. Er stand ans Fenster gelehnt und sah zu, wie der Tag zu dämmern begann. Da stieg der alte Wang auf seine Terrasse und begoß seine Chrysanthemen. Wie er eben fertig war und wieder zurück wollte, kam ein Mistträger herauf, der zwei Eimer auf der Schulter trug, und schien beim Gießen helfen zu wollen. Der Greis wurde unwillig und wies ihn zurück. Aber der Mistträger wollte [192] durchaus herauf. So zerrten sie sich am Rande der Terrasse hin und her. Es war regnerisches Wetter, die Terrasse war glatt, der Rand schmal und hoch, und als der Greis den Mistträger mit der Hand zurückstieß, verlor dieser das Gleichgewicht, glitt aus und stürzte hinunter. Nun eilte der Greis hinab, um ihm aufzuhelfen; aber die beiden Eimer waren ihm auf die Brust gefallen, und er lag mit ausgestreckten Beinen da. Der Greis erschrak aufs äußerste. Ohne einen Laut von sich zu geben, nahm er den Mistträger bei den Füßen und schleppte ihn zur Hintertür hinaus an das Ufer des vorbeifließenden Flusses. Darauf holte er die Eimer und stellte sie zur Seite der Leiche nieder. Dann ging er heim, schloß die Tür und legte sich wieder zu Bett.

Der junge Ma dachte trotz seiner Jugend, daß es besser sei, über eine solche Sache, wo es sich um ein Menschenleben handle, nicht zu sprechen. Er schloß das Fenster und zog sich zurück. Die Sonne stieg allmählich höher, und er hörte draußen ein Geschrei: „Am Flußufer liegt ein Toter!“ Der Büttel machte Anzeige, am Mittag kam der Richter unter Gongschlägen an, der Leichenbeschauer kniete nieder und deckte den Leichnam auf, doch hatte er keine Wunde. Da hieß es: „Er ist ausgeglitten und hat sich zu Tode gefallen.“ Der Richter fragte die Nachbarn, die Nachbarn beteuerten alle, sie wüßten von nichts. Da ließ ihn der Richter in einen Sarg tun, drückte sein Siegel darauf und erließ einen Befehl, nach den Verwandten des Verstorbenen zu suchen. Dann ging er weg.

Neun Jahre waren seitdem vergangen. Der junge Ma war einundzwanzig Jahre alt und war Bakkalaureus geworden. Sein Vater war tot, die Familie arm. Darum versammelte er in dem Zimmer, wo er früher selbst gelernt hatte, einige Schüler um sich, die er in den Schriften unterrichtete.

Die Zeit der Prüfungen nahte heran. Ma war frühe aufgestanden, um zu arbeiten. Er öffnete das Fenster und [193] sah in einer fernen Gasse einen Mann mit zwei Eimern auf der Schulter allmählich herankommen. Er sah genauer hin, da war es der Mistträger. Aufs äußerste erschrocken, dachte er, er komme, um sich an dem alten Wang zu rächen. Doch ging er an der Tür des Alten vorbei, ohne einzutreten. Er ging einige Schritte weiter bis zum Haus der Familie Li; da ging er hinein. Die Lis waren reiche Leute, und als nahe Nachbarn pflegten die Familien einander zu besuchen. Die Sache kam ihm bedenklich vor; er machte sich auf, ihm nachzugehen.

Vor dem Tor der Familie Li begegnete er einem alten Diener, der herauskam und sagte: „Unsre Frau sieht ihrer Niederkunft entgegen. Es ist sehr dringend. Ich will eben eine Hebamme holen.“

Er fragte ihn: „Ist nicht gerade eben ein Mann mit zwei Eimern zu euch gekommen?“

Der Diener verneinte. Noch ehe sie ausgeredet hatten, kam eine Magd aus dem Haus und sprach: „Ihr braucht die Hebamme nicht mehr zu rufen, die Frau ist eben mit einem Knaben niedergekommen.“ Da ging es dem Ma auf, daß der Mistträger gekommen war, um wiedergeboren zu werden, nicht um sich zu rächen. Nur verwunderte er sich, womit der Mistträger es verdient habe, in einer so reichen Familie geboren zu werden. Er behielt die Sache im Auge und erkundigte sich nach dem Ergehen des Knaben.

Wieder waren sieben Jahre vergangen, und der Knabe wuchs allmählich heran. Er hatte keine Lust am Lernen; doch liebte er es, Vögel zu halten. Der alte Wang war noch immer gesund und rüstig. Er war nun mehr als achtzig Jahre alt, und mit dem Alter hatte seine Liebe zu den Chrysanthemen noch zugenommen.

Eines Tages war Ma wieder einmal frühe aufgestanden und lehnte an seinem Fenster. Da stieg der alte Wang auf seine Terrasse und begoß seine Chrysanthemen. Der kleine Li saß im oberen Stock seines Hauses und ließ seine Tauben fliegen. Plötzlich flogen einige Tauben auf das Geländer [194] der Blumenterrasse. Der Knabe fürchtete, sie könnten davonfliegen, und rief ihnen mehrmals. Die Tauben rührten sich nicht. Der Knabe wußte sich nicht zu helfen; er hob Steine auf und warf nach ihnen. Aus Versehen traf er den alten Wang. Der Alte erschrak, glitt aus und fiel über die Terrasse herunter. Die Zeit verstrich, und er richtete sich nicht auf. Mit ausgestreckten Beinen lag er da. Der Knabe erschrak aufs äußerste. Ohne einen Laut von sich zu geben, schloß er leise das Fenster und ging. Die Sonne stieg allmählich höher, und die Söhne und Enkel kamen alle, den Alten zu suchen. Sie fanden ihn und sprachen: „Er ist ausgeglitten und hat sich zu Tode gefallen.“ Und sie begruben ihn, wie es der Brauch war.

Anmerkungen des Übersetzers

[400] 64. Die Rache. Quelle: Sin Tsi Hiä.

Das Märchen ist ein literarisches Meisterstück, namentlich durch die genaue Art, wie die Strafe der geheimen Tat folgt, nachdem sie schon längst verjährt und alles Unheil glücklich vorüber zu sein scheint.