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Die Nelke (Löhr)

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Die Nelke
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 155–159
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[155]
18. Die Nelke.

Ein König hatte sich lange besonnen, wem er wohl heirathen sollte. Er wollte ein Mädchen haben, die ein gutes Herz hätte, sanft und fromm, bescheiden, still und sittsam wäre und aus dem Mittelstande herstammte, denn da, meinte er, bekäm er gewiß etwas Gutes. Es war aber nicht leicht, ein solches gutes Kind zu finden und darum mußte er sich so lange besinnen.

Zuweilen glaubte er gefunden zu haben, was er suchte, aber wenn er recht zusahe, war es nicht wahr.

So sann er denn auch einmal, indem er eben am Fenster stand, da die Leute zur Kirche gingen. Da sah er ein wohlgekleidetes Mädchen mit in die Kirche gehen, das sahe so wunderlieblich aus und so sittig, und es war ihm, als stände es auf ihrem Gesicht geschrieben, daß sie herzensgut sei.

Weil er ein König war, so hatte er es bald heraus, wer sie sei, nach Stand und Gemüth, und es war Alles so, wie er wünschte. [156] Da bat er sie, ihn zu heirathen, und weil er ein grundguter Herr war, so that sie es, und sie waren beide recht glücklich, daß sie einander hatten; als aber der liebe Gott der Königin ein Prinzchen bescheerte, da waren sie noch viel, viel glücklicher.

Nun aber wußte der König wieder nicht, wen er zum Pathen des Kindes nehmen sollte, denn in Dingen solcherlei Art hatte er seine eigenen Gedanken und war gar nicht voreilig. Als er darüber nun nicht mit sich einig werden konnte, so dachte er: „Ich will ein Bißchen unbekannt und verkleidet ausgehen und der Erste, der mir auf der Straße begegnet, soll mein Gevattermann und des kleinen Jungen sein Pathe sein.“

Da begegnete ihm ein Mann, schlicht gekleidet, mit ernstem Angesicht, den eben Niemand zu kennen schien. Dem ging er von weitem nach, sahe, wo er wohnte, und als er sich nach ihm erkundigte, wußte Keiner eben Etwas von ihm, als daß er sich mit der Welt nicht viel abgebe, sondern lebe so vor sich hin, thue aber Niemand etwas zu Leide, Vielen Gutes, jedoch im Stillen.

„Das ist mein Mann! sagte der König, ging hin und bat ihn zu Gevattern.

Der Mann kam, bat aber, daß er das Kind allein zur Kirche tragen dürfe, die verschloßen werden müße. Das wurde ihm denn versprochen.

Es hatte aber ein neugieriger Gärtner, dem der Wunsch des Mannes seltsam vorkam, sich vorher in die Kirche geschlichen und versteckt. Der sahe, wie der Mann das Kind auf seinen Armen zum Altar trug, machte Zeichen über daßelbe, sprach Worte über das Kind, und verlieh ihm die Gabe, daß Alles, was es wünschen würde, ihm gewährt sein solle.

[157] „Das soll dir ein Vortheil sein,“ sagte der Gärtner und sann sich Böses aus.

Als die Königin einmal mit dem Kinde auf dem Arme im Schloßgarten spatzieren ging – denn das Kind ließ sie niemals von sich – brach plötzlich aus dem Gebüsch ein Bär auf sie ein, der hatte zwei Hörner am Kopfe, Greiffüße und greuliche Krallen, womit er der Königin, die in Ohnmacht fiel, das Kind entriß und dabei brummte: „Ich will es freßen.“ – Die Wärterin aber war gleich davon gelaufen.

Die Aeltern waren trostlos, der Bär aber fraß das Kind nicht, denn es war der Gärtner, der sich vermummt hatte.

Der Gärtner trug das Kind weit, weit weg in einen Wald, wo weit und lang keine Menschen wohnten, als ein Förster, der sein alter Schulkamerad war. Dem offenbarte er Alles und stellte ihm vor, was sie einmal für Gewinn von der Gabe des Prinzen haben wollten.

Der Förster hatte eine Tochter, die war von gleichem Alter mit dem Prinzen und wuchs mit ihm auf. Sie hieß Marie.

Die Kinder wuchsen auf und spielten und lernten mit einander und ließen nicht von einander. Der Prinz wurde ein Jägersmann und war brav und ehrlich, und Marie besorgte den Haushalt, und war sanft und fromm, aber auch klug und schlau. Weil der Gärtner oft kam, wenn der Prinz im Walde war und heimlich viel mit ihrem Vater zu sprechen hatte, paßte sie auf und brachte Alles heraus, und sagte es dem Prinzen.

„Gut, sagte der Prinz; aber von dir laß ich nun und nimmermehr, obschon ich ein Prinz nun bin, denn wir sind beisammen aufgewachsen und mit einander zusammengewachsen, wie die beiden Linden im Walde, die du ja kennst.“

[158] Als nun bald darauf der Gärtner einmal wieder kam und von dem Prinzen, der immer darauf gelauert hatte, erblickt wurde, verwünschte der ihn zu einem Pudel, seine Marie aber wünschte er zu einer Nelke.

Er ging sogleich an seines Vaters Hof, ließ den verwandelten Gärtner als Pudel neben sich herlaufen, aber seine Marie steckte er als Nelkenstrauß vor seine Brust.

Er ward Jäger am Hofe seines Vaters, der den ernsten, stillen Burschen bald recht lieb gewann und mit ihm, ach wie oft, ganz allein auf die Jagd ritt. Wenn Niemand ein Wild erlegt hatte, so brachte er immer von allerlei Art. Das war aber keine Kunst, weil er ja nur zu wünschen brauchte. Er verlangte auch keinen Lohn für seinen Dienst und auch kein Eßen, ob es ihm gleich der König schon tausendmal angeboten hatte. „Nein, gnädiger König, sagte er dann immer, ich will Euch nur aus Liebe dienen.“ – Eine eigene Kammer hatte er gefordert, die er verschließen konnte, und hatte sie bekommen.

Seine Kameraden fanden das Alles wunderlich und wurden auch wohl ein wenig neidisch und späheten und Einer sahe einmal durchs Schlüßelloch. Schau! da saß der Jäger vor einem Tisch, der mit den herrlichsten Speisen und auch mit Wein besetzt war, und ein hübsches Mädchen saß ihm gegenüber, und beide aßen und sprachen mit einander vergnügt und vertraulich. Das Eßen hatte sich der Jäger nur zu wünschen nöthig gehabt, und seine Marie durfte ja keine Nelke bleiben, wenn er daheim war, sondern bekam ihre natürliche Gestalt.

Die Jäger brachen auf seine Stube ein, als er einmal nicht zu Hause war, und meinten, sie müßten große Reichthümer finden, aber sie fanden nichts als eine wunderschöne Nelke, in einem Glase [159] mit Waßer. Deß wunderten sie sich sehr, die Nelke aber trugen sie ihrer Wunderschönheit wegen zu dem König. Dem gefiel sie ganz unaussprechlich, und er beschloß sie dem Jäger für großes Geld abzukaufen. Aber als die Nelke im Zimmer des Königs war, trauerte sie und ließ die Blätter hängen.

Der Jäger kam aus dem Walde, der König bot ihm großes Geld für die Nelke, der Jäger aber sprach: „Nein, edler Herr, die Nelke taugt nicht in Euren Händen – seht, wie sie die schönen Blätter hängen läßt. O nein! liebe Nelke, sagte er, indem er sie nahm, dich laße ich ja nun und nimmermehr!“

Da fing die Nelke an, sich wieder frisch aufzurichten und einen wunderlichen Geruch umher zu verbreiten.

„Was sind das für wunderliche Dinge, mein Sohn?“ fragte der König.

Ja! sprach der Jäger, Euer Sohn bin ich wirklich, und damit entdeckte er dem Vater Alles. Der Pudel mußte gestehen, denn der Prinz verwandelte ihn wieder in den Gärtner, und als er gestanden hatte, wieder in einen Pudel. Die Aeltern waren überfroh; die treue Marie mußte den Prinzen gleich heirathen, und der Pudel mußte Pudel bleiben und unter dem Tische der Stallknechte sein Brodt und seinen Knochen suchen. – Alles, Alles im Schloße, in der Stadt und im Lande war froh, aber der Pudel war es nicht.