Zum Inhalt springen

Die Morgenröthe

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
>>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Morgenröthe
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter. Erste Sammlung. S. 167–168
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1785
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[167]

Die Morgenröthe.

––––

Eine Schaar frölicher Mädchen begieng mit Tänzen und Lobgesängen das Fest der Aurora. „Schönste, seligste Göttin, sangen sie, du in Rosengestalt, in ewiger Jugendschönheit. Täglich erwachest du neu, gebadet im Quell des Genusses und der erquickenden Blüthe!“ – Als eben, da die Sonne aufgieng, Aurora ihr Gespann zu ihnen lenkte und vor ihnen stand, die schönste, aber nicht die glücklichste aller Göttinnen. Thränen waren in ihren Augen, und der Duft des Schleiers, den sie von der Erde gezogen hatte, lag wie eine feuchte Wolke vor ihrem leuchtenden Rosenantlitz.

     Kinder, sprach sie, die ihr mich mit Lobgesängen ehret, eure jugendliche Unschuld hat mich hergezogen, euch mich wie ich bin zu zeigen. Ob ich schön sey? sehet ihr selbst; ob ich glücklich sey? mögen euch die Thränen sagen, die ich täglich in den Schooß meiner Schwester Flora weine. [168] Unbedachtsam in meiner Jugend, vermählte ich mich jenem alten Titon, aus dessen Armen ihr mich täglich so früh emporeilen sehet. Ihm und mir zur Strafe ward ihm seine graue Unsterblichkeit ohne Jugend, die auch mir so lange ich bey ihm bin, Glanz und Schönheit raubet. Deswegen eile ich so früh an mein kurzes Geschäft die Schatten zu verjagen, und verberge mich Tagüber im Stral der Sonne, bis ich von ihm, so bald er mich wieder erblickt, mit Thränen und Schaamröthe in sein graues Bette hinuntergezogen werde. Spiegelt euch, ihr Mädchen, an meinem Beyspiel, und glaubt nicht, daß die schönste von euch auch die glücklichste seyn müsse, wenn sie nicht auch so weise als schön ist und sich einen ihr gleichen Gatten zur Glückseligkeit wählet.

     Aurora verschwand; aber ihr Bild glänzte fortan den Mädchen in jeder Thräne des Thaues wieder. Sie priesen sie nicht mehr als die glücklichste der Göttinnen, weil sie die schönste sey, und wurden weise durch ihr Exempel.