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Die Moltkefeier in Berlin

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Textdaten
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Autor: Hermann Heiberg
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Titel: Die Moltkefeier in Berlin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 799–802
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Moltkefeier in Berlin.

Von Hermann Heiberg.

In vielfachster Weise hat das deutsche Volk Vorbereitungen getroffen, um den Ehrentag eines seiner größten Mitbürger, des Generalfeldmarschalls Grafen von Moltke, zu feiern. Das Königshaus hatte im Lauf der Zeiten schon wiederholt den unvergleichlich bewährten Diener des Thrones und Staates belohnt; Wilhelm II., des siegreichen Kaisers Enkel, gab in Dankbarkeit die Anregung zu einer Feier, wie sie selten einem Irdischen zutheil geworden ist. Aber er setzte nur in Thaten um, was jeder Patriot wünschte als kleinen Dankessold abzutragen. Und doch ist dem greisen Feldmarschall schon so viel geschehen, daß auf eines Mannes Schultern an Ehre wohl kaum je so viel gehäuft worden ist. Moltke ist Ehrenbürger der Hauptstadt und zahlreicher anderer deutscher Städte des Reiches; seine Statue steht in öffentlichen Räumen und Privathäusern neben denen unserer Herrscher, öffentliche Standbilder von ihm werden schon bei Lebzeiten aufgerichtet und sein Bild fehlt in keinem illustrirten historischen Werk über unsere Tage. Die Frage: Wer ist Moltke!? beantwortet schon heute der kleinste Ränzelträger, und gedenkt ein Deutscher, welchen Namen er trage und welchem Beruf er angehöre, der vergangenen gewaltigen Zeiten, so drängt sich ihm neben dem Kaiser Wilhelm I. und Bismarck der Name des Mannes auf, der nun am 26. Oktober seinen neunzigsten Geburtstag begangen, und der namentlich in Berlin eine Huldigung erfahren hat, wie sie nur den Hohenzollern selbst und dem eisernen Reichskanzler geworden ist. Was sich dem unbefangenen Zuschauer besonders aufdrängt, wodurch sich die ungewöhnliche Gestalt Moltkes so glanzvoll und strahlend abhebt, das ist in ihm das Zusammenfließen von geistiger Bedeutung und höchster Männertugend. Größe paart sich mit Selbstlosigkeit und Bescheidenheit! Goethe hat in Anwendung auf ungewöhnliche Menschen das Wort gebraucht, es sei starker Schatten vorhanden, wo viel Licht sei; hier sehen wir nur Licht, und so verehrt das deutsche Volk in Moltke nicht nur den Mitlenker seiner Geschicke, sondern das Ideal eines Mannes. Auf solcher Grundlage allgemeiner [800] Anschauungen war es nur natürlich, daß man sich in jeder kleinsten Stadt zu einer Feier rüstete, daß aber auch Berlin insbesondere seine Fackeln anzündete und Moltke seine Huldigung zu Füßen legte.

Die Fahnen der Berliner Garnison werden in die Wohnung des Generalfeldmarschalls gebracht.

Eins der großartigsten Schauspiele, die Berlin je gesehen hat, vollzog sich am Vorabend des Geburtstages in dem Fackelreigen, welcher sich, vom Kupfergraben beginnend, an dem Generalstabsgebäude vorüberzog.

Kurz nach halb acht Uhr hatten die dem endlosen Zuge voranreitenden Herolde den Zielpunkt erreicht. Die Halle des Generalstabsgebäudes war mit Pflanzen geschmückt, aus denen sich Draperien und Wappenschilder hervordrängten. Auf den Stufen stand der Feldmarschall, umgeben von seinen Angehörigen und höheren Militärs, und dankend und grüßend hob sich die Hand, als in unabsehbarer Fülle der Strom sich entfaltete.

Fast zwei Stunden währte es, bis alle vorüber waren; unbewegt verharrte der Neunzigjährige mit dem ehernen Antlitz, nur dann und wann belebten sich in dem historisch schweigsam ernsten Gesicht, bald von Rührung ergriffen, bald zum Lächeln angeregt, die Züge, wenn in den Ernst der Lage der Humor sich mischte. Und umstrahlt war seine Gestalt von dem Lichte der Tausende von Fackeln, bald düsterroth, bald in magischem Glanze des Magnesiumlichtes: ein für die Erinnerung unauslöschliches Bild! – –

In der ersten Abtheilung des Zuges waren die Berliner Hochschulen durch etwa zweitausend Mitglieder vertreten. Die Chargirten in vollem Wichs fuhren in offenen Wagen und neigten die Fahnen und Banner, sobald sie vor dem Jubilar erschienen. Und so ging’s fort. Vor der technischen Hochschule schritt die Musikkapelle des zweiten Garderegiments. Ein Halt erscholl; der Sprecher nahm das Wort, kurz, kräftig und zündend, und kaum hatte er geendigt, da begleitete das jubelnde Hoch ein Knattern, Brennen und Prasseln; Feuergarben und Leuchtkugeln stiegen vom Königsplatz in die Luft und gleichzeitig ward dem Feldmarschall von einer Bürgerdeputation ein silberner Kranz in die Hand gelegt.

Moltkes Antwort erfolgte – durch ihre Einfachheit von um so größerer Wirkung.

Auf die dann heranmarschirende Berliner Schützengilde folgte ein Sängercorps. Aus ihren Kehlen drang, wie schon vorher einmal vom Märkischen Centralsängerbund, der „Das ist der Tag des Herrn“ gesungen hatte, durch die Nacht ein ergreifendes „Gott grüße Dich!“ Nachdem die Töne verschollen waren, folgten neue Scharen: die Bürgervereine, ein endloser Zug, in den auch Moltke in seinen verschiedenen militärischen Chargen durch lebende Personen zur Darstellung gebracht war. Alle Moltkes, auf einen eigenartig ausgestatteten Wagen postirt, grüßten militärisch und empfingen einen Gegengruß. Es zogen die Brauereien und Fabrik-Etablissements auf, der christliche Verein junger Männer, die Bollesche Meierei mit einem von der Bläserkapelle gespielten Choral, der von schönster Wirkung war. Dann Jünglingsvereine, Radfahrer in Kostüm – überall, wohin das Auge schaute, kostümirte Menschen, geschmückte Wagen, Fahnen, Banner, fast ermüdend, bis dann die Künstlerabtheilung mit neuen farbenreichen Ueberraschungen dem Blick auch neue Reize bot und dem Fackelzug den eigentlichen Glanzpunkt verlieh.

Die Gratulation des Kaisers.

Ein ungeheures Gewühl von uniformirten Truppen aus allen Zeitaltern: Mannschaften zu Fuß und zu Roß, Zietenhusaren und Lützowjäger, Hellebardenträger und Paukentrommler, Herolde, Germanen in Pelzen und Riesengardisten in Blechmützen. Auch ein wilder phantastischer Tanz ward aufgeführt von einem braunen Mädchen und einem Kamerun-Soldaten, bis dann der Triumphwagen der Germania heranrollte und durch seine wahrhaft märchenhafte Schönheit alle Zuschauer hinriß. Nach den von der Germania gesprochenen, von Wildenbruch gedichteten Versen nahm Moltke noch einmal das Wort, um die Huldigung von sich selbst auf des Sinnbildes Inhalt, auf das deutsche Volk zu übertragen. Und als alles vorübergezogen war, stürmte die Volksmasse auf den Jubilar zu, um noch einmal ihrem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Nur schwer entrang sich Moltke diesen aus der Liebe und Verehrung des Volkes hervorgehenden Kundgebungen. –

Und dann kam als zweiter, bedeutungsvollster Akt in dem großen Schauspiel der eigentliche Festtag, der 26. Oktober, an dem unser Kaiser den Feldmarschall ehrte, wie noch kein Preuße je zuvor von seinem Herrscher gefeiert worden ist. Und in der That trug die Huldigung, welche Wilhelm II. dem Feldmarschall zutheil werden ließ, einen so ergreifenden Charakter, daß der Neunzigjährige sich, überwältigt von seinen Empfindungen, tief und lange auf die Hand seines Kaisers herabneigte.

Der Kaiser hatte die Spitzen der ganzen deutschen Armee entboten. In gestickter Generalsuniform, bedeckt mit Ehrenzeichen und Ordensbändern, fuhren die Generalinspekteure der Armee, der Generalfeldmarschall Prinzregent von Braunschweig an der Spitze, der Oberbefehlshaber in den Marken, Generaloberst von Pape, sowie sämtliche kommandierenden Generale vor und begaben sich zur Aufstellung in das Generalstabsgebäude. Die Feier begann mit der Gratulation der Offiziere und Beamten des Generalstabes und der Landesaufnahme um 9½ Uhr. Geführt von dem Chef des Großen Generalstabes, Graf Waldersee, betraten diese den großen Empfangssaal und statteten dem Jubilar ihre Glückwünsche ab. Nach der Aufstellung erfolgte zunächst die Vorstellung, soweit eine solche erforderlich war, und dann richtete Moltke einige warme Worte an die Versammelten. Nach diesem ersten Akt trat eine Pause ein, während welcher der Feldmarschall in seinem Studierzimmer, unterstützt von seiner Familie, die eingegangenen Telegramme und Briefe, gegen zweitausend, öffnete und durchsah.

Um diese Zeit schmetterten die ersten Trompeten. Das Musikcorps des Eisenbahnregiments brachte dem Jubilar den Morgengruß.

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Der Fackelzug in Berlin am Vorabend von Moltkes 90. Geburtstage.
Zeichnung von H. Lüders.

[802] Um 11 Uhr trat Moltke aus dem Hause; dort vor dem Hauptportal des Generalstabsgebäudes waren die Zöglinge der Hauptkadettenanstalt aufgestellt, welche vom Kaiser hierher befohlen waren, damit sie Zeugen der erhebenden Feier wären. Einem „Guten Morgen“ folgte ein kräftiges „Guten Morgen, Excellenz“, und der Jubilar richtete auch an einen der jungen Krieger beim Abschreiten der Front einige huldreiche Worte. –

Inzwischen war es 11½ Uhr geworden. Da erschien unter einem wahrhaften Jubelsturm aus den Kehlen der Massen, die sich ringsum aufgestellt hatten, der Kaiser, um selbst Moltke seine Glückwünsche darzubringen. Er wartete zunächst das Eintreffen der auf dem Königsplatz aufgestellten und sich sofort in Marsch setzenden Fahnen- und Standartenträger ab. Unter den schmetternden Klängen des Pariser Einzugsmarsches nahte sich die erste Compagnie des zweiten Garderegiments, voran die flatternden Feldzeichen in sechsfachen Reihen, und alsbald wurden diese, gleich darauf auch die Standarten der Kavallerie in das Generalstabsgebäude gebracht; erst dann begab sich der Kaiser selbst in das Innere des Gebäudes, und, gefolgt von seinem persönlichen Dienst, in den auch der Reichskanzler von Caprivi eingereiht war, in den Empfangssalon. – Nachdem lautlose Stille eingetreten war unter den Fürsten und Vertretern der Armee, befahl der Kaiser, den Jubilar in den Festsaal zu geleiten. Er schritt dem Feldmarschall bis an die Thür des Saales entgegen, und an seines Herrschers Hand nahm Graf Moltke in der Mitte der im Halbkreis aufgestellten Anwesenden seinen Platz. Dann ergriff der Kaiser das Wort und Dankeslaute, die aus dem Innern des Herzens drangen, gingen über seine Lippen und riefen sichtlich nicht nur in der Brust des Gefeierten einen gewaltigen Eindruck hervor. Der Kaiser verwies in seiner Rede auch auf die versammelten Fürsten, insbesondere auf den König von Sachsen, der sich persönlich eingefunden habe, um dadurch seine Empfindungen für den Jubilar an den Tag zu legen.

Nachdem Moltke aus den Händen seines Kaisers noch einen prächtigen Marschallstab entgegen genommen und tiefbewegte Dankesworte gesprochen hatte, endete dieser Theil des Festes, und der Kaiser begab sich in offenem Wagen über die Linden nach dem Schloß zurück. –

Diese Straße war zu Ehren des Tages festlich geschmückt. Fahnen in allen Farben wehten auf Dächern und Fenstern, und von früh bis spät fand eine gewaltige Menschenansammlung hier und bis über das Brandenburger Thor hinaus statt. In und bei dem Generalstabsgebände aber regte sich gewaltiges Leben, das auch jetzt nicht nachließ. Unabsehbare Wagenreihen hielten vor dem Gebäude und entluden Gratulanten und Boten, welche Gaben brachten. In der Wohnung des Feldmarschalls waren die ersten Geschenke schon in der Frühe eingetroffen und aufgebaut worden; aber immer neue Spenden trafen ein aus Berlin und aus dem ganzen Deutschen Reiche. Schon um Mittag brachen die Tische fast unter der Last und Fülle. Wohl das werthvollste Geschenk unter allen war dasjenige, welches die Großherzogin von Baden dem Jubilar gespendet hatte: die Schreibmappe des Kaisers Wilhelm I. Freilich, neben der Glücksempfindung, ein so kostbares Andenken in Händen zu halten, brachte es dem Feldmarschall auch eine wehmüthige Erinnerung an denjenigen, an dessen Seite er einst die unsterblichen Siege erfochten hatte, an denjenigen, der nicht mehr Zeuge sein konnte, in welcher Weise das deutsche Volk die Verdienste seiner großen Mitlebenden ehrt.

Und noch eines mag die Seele Molkes bewegt haben: die Stadt Schleswig, auf deren Friedhof das Grab seiner Mutter sich befindet, bittet, in Zukunft für den Hügel derjenigen sorgen zu dürfen, die einem der größten Menschen, die je gelebt haben, das Leben gegeben!