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Die Maschine des Theodulos Energeios

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Textdaten
Autor: Carl Grunert
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Titel: Die Maschine des Theodulos Energeios
Untertitel:
aus: Das neue Universum 43
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1912
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scans auf Commons
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[1]
Die Maschine des Theodulos Energeios
Von Karl Grunert


I.

»– – und ich glaube nun beinahe, daß Rabbi Ben Akiba recht hat!« sagte mein Freund Hintze.

Wir standen in seinem Laboratorium. Mein Freund hatte soeben die verblüffend kühne Behauptung aufgestellt, daß das geheimnisvolle Radium und die radioaktiven Stoffe lange vor Madame Curie schon einmal entdeckt worden seien.

»Und wer war der geheimnisvolle Entdecker?«

»Ein griechischer Gelehrter, Theodulos Energeios –« antwortete mein Freund – »und das wunderbarste an seiner Entdeckung scheint mir, daß er wahrscheinlich gar keine Ahnung von seinem wundersamen Funde gehabt hat, ja, darüber weggestorben ist, ohne ihre eigentliche Bedeutung erkannt zu haben –«

»Wenn Sie sich etwas weniger geheimnisvoll äußern würden, lieber Freund,« konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken, »würde es für die Sache selbst und für mein Verständnis entschieden besser sein!«

»Schön!« erwiderte Freund Hintze, »ich weiß aber im voraus, daß Ihnen die ganze Sache unsinnig erscheinen wird, wenn ich sie mit dem Namen nenne, den Theodulos Energeios ihr gegeben hat; er gehört leider zu den sonderbaren Käuzen, die da glauben, das ›Perpetuum mobile‹ erfunden zu haben –«

Ich wandte mich enttäuscht ab.

»Sehen Sie,« sagte mein Freund lächelnd, »ich wußte es. Mir ging es ja ebenso! – aber ich freue mich, daß ich trotzdem der merkwürdigen Geschichte näher getreten bin – und mit Ihrer Hilfe bis auf den Grund zu kommen hoffe. Es ist ja nicht das erstemal, daß ein Entdecker etwas ganz anderes entdeckt, als er selber glaubt: Kolumbus hat sein Lebtag gemeint, die Küste Indiens gefunden zu haben – und hatte doch eine neue Welt entdeckt! –«

»Aber ein Perpetuum mobile kann nur ein Unkundiger zu erfinden glauben,« warf ich verächtlich ein.

»Seien wir nicht zu stolz,« sagte mein Freund. »Als die ersten Nachrichten von der Entdeckung des Radiums und seiner schier unerschöpflichen Energieabgabe durch die Welt schwirrten, tauchten in so manchem Kopfe unserer naturwissenschaftlich geschulten Generation die alten Träume von der Möglichkeit eines solchen Perpetuum mobile wieder auf! Deswegen laß’ ich mir den alten Theodulos Energeios nicht schelten –«

[2] »Und welche Arbeit leistet denn diese wunderliche Maschine?« fragte ich spöttisch.

»Sie ist nach dem Berichte ihres Erbauers eine Universalmaschine: Sie liefert je nach der Einschaltung: Wärme, Licht, Elektrizität oder chemische Arbeit –«

»Also eine Idealmaschine, wie wir sie auch in unseren Tagen immer noch sehr gut brauchen könnten –«

»Ja –« bestätigte mein Freund – »und wie wir sie bisher in kleinen, eben nur in einem einzigen Stoffe der Welt, im Radium vor uns haben.«

Ich mochte wohl noch immer ein sehr ungläubiges Gesicht machen; denn der Freund setzte hinzu: »Ich erzähle, was ich gehört habe. – Wieviel davon in Wahrheit geleistet wird, kann ich freilich nicht sagen –«

»Aber – woher haben Sie denn überhaupt die Nachricht von dem Perpetuum mobile des Theodulos Energeios, lieber Freund?«

»Von ihm selber!«

»Also nicht aus einer wissenschaftlichen Schrift?«

»Aus einem Manuskripte des Theodulos Energeios!«

»Und wie sind Sie dazu gekommen?«

»Ich habe es gefunden!«

»Wie? Gefunden? Aber wo?«

»Unter alten Papieren! – Theodulos Energeios ist – seit hundert Jahren tot!«

Abermals starrte ich meinen Freund erstaunt an.

»Hören Sie zu, lieber Freund; ich will nicht länger mit Ihnen Versteck spielen! – Sie wissen, daß mir der amtliche Auftrag wurde, die wissenschaftliche Hinterlassenschaft Professor Bambergs für das hiesige Naturwissenschaftliche Institut zu sichten. Der Mann hat zeitlebens die seltsamsten und kostbarsten Apparate und Konstruktionen zusammengebracht; merkwürdige Dinge finden sich darunter! – Beim Durchstöbern der Kataloge, Beschreibungen und dergleichen stieß ich auf ein altes Manuskript – in griechischen Lettern – neugriechisch! – Und darin beschreibt Theodulos Energeios – das Schriftstück stammt aus dem Jahre 1808! – ausführlich seine Entdeckung und gibt auch eine – leider fast verblichene, sehr schlecht erhaltene Zeichnung der auf Grund seiner Entdeckung erbauten Maschine —«

»Eine Mystifikation!« warf ich zweifelnd ein.

»Durchaus nicht; lautere Wahrheit! Das Manuskript trägt nämlich einen später hinzugefügten Anhang, worin die Behörde Athens beglaubigt, daß der Verfasser des Schriftstücks, eben unser Theodulos Energeios, den jedermann als einen rüstigen Fünfziger gekannt habe, plötzlich zum schneeweißen, zitternden Greise geworden sei, und daß man auf seinen Wunsch bei seinem Tode die von ihm konstruierte Maschine an einer verborgenen Stelle seines Gartens vergraben habe.«

»Sonderbar! – Und seine Maschine? Ruht sie noch in klassischer Erde?«

»Nein!« entgegnete mein Freund mit geheimnisvollem Lächeln.

[3] »Und wo ist sie geblieben?«

»Sie steht heute unter dem ausrangierten Apparatengerümpel, das wir auf dem Boden des Professor Bambergschen Laboratoriums gefunden haben.«

»Haben Sie sie schon gesehen?«

»Ja! Das heißt: die Kiste, in der sie verborgen wurde!«

»Nun und –?« fragte ich in großer Spannung.

»Gestern habe ich eine schwere, dick mit Eisen beschlagene Kiste entdeckt, auf deren Deckel ein vergilbter Papierstreifen klebt – mit der gleichen Aufschrift, wie sie das Manuskript trug –«

»Und wann gedenken Sie die geheimnisvolle Kiste zu öffnen, lieber Freund?«

»Wollen Sie mir dabei helfen?«

»Selbstverständlich! – Selbst auf die Gefahr hin, daß uns der alte Grieche noch nach hundert Jahren an der Nase führt!«

»Das hoffe ich nicht. Aber auf etwas anderes muß ich Sie vorher aufmerksam machen: Für mich ist es sicher, daß zwischen der Maschine des Theodulos Energeios und seinem plötzlichen Greisentum ein ursächlicher Zusammenhang besteht! Das Dynamin – so heißt nämlich der Stoff, den er als unerschöpflichen Generator in seiner Maschine verwendet, ist meines Erachtens nichts anderes als eine höchst energische radioaktive Substanz – und ihre verderbliche Strahlung hat ihn vorzeitig seiner körperlichen Kraft und Gesundheit beraubt. Wir wissen zwar noch nichts über die Wirkung größerer Radiummengen auf den menschlichen Körper; aber es ist sicher anzunehmen, daß sie diejenige der Röntgenstrahlen gewaltig übertreffen wird. Unser Experimentieren mit der geheimnisvollen Maschine birgt also eine Gefahr in sich, umso unbekannter und unberechenbarer, als die Wissenschaft bisher kein Beispiel für das Arbeiten mit so großen Mengen radioaktiver Stoffe kennt! – Dabei muß ich Ihnen doch mitteilen, wie sich Theodulos Energeios diese von ihm zu spät erkannte organismuszerstörende Wirkung seines ›Dynamins‹ zu erklären versucht hat.«

Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt.

»Hier – lesen Sie, bitte. Ich habe Ihnen die Stelle – es ist der Schluß seines Manuskripts – aus der Übersetzung abgeschrieben –«

Und ich las:

»Darum fing meine Maschine plötzlich an, langsamer zu gehen! Nicht das Dynamin also war die Quelle seiner bisher ununterbrochenen Tätigkeit gewesen, sondern – ich selbst! Meine Lebenskraft setzte und hielt die Maschine in Gang! Und nun das Öl auf meiner Lebenslampe zu versiegen begann, versagte auch die kunstvoll erdachte Maschine! Mein Dynamin war kein Generator lebendiger Energie, sondern nur ein Transformator. Vom Kapitale meines Organismus hatte die gefräßige Maschine die Kosten ihres Betriebes bestritten! Ich Tor habe in Wahrheit meine Entdeckung mit meinem Leben erkauft! – Wenn die [4] kunstreiche Maschine in wundervollem Rhythmus schwang, daß mein trunkenes Auge sich nicht satt zu sehen vermochte an dem Spiel ihrer glitzernden Wellen und Scheiben und Räder, wenn sie mir unerschöpflicher Fülle je nach Wunsch Licht oder Wärme oder Elektrizität oder chemische Umwandlungen lieferte – mein Leben pulsierte in ihr, meines Daseins Faden haspelte sich ab auf ihrer rastlos sausenden Spule! Ich Tor, ich blinder, stolzer Tor! Ein Spielzeug der Parzen hab’ ich gebaut! Über Nacht bin ich plötzlich um mein Leben betrogen worden – mein entsetztes Auge sieht plötzlich in einem Winkel meiner stillen Werkstatt sie alle drei hocken: Klotho, Lachesis und Atropos! Und schon hebt Atropos die grausige Schere –«

Damit brach das Manuskript ab. Ich gab es meinem Freunde zurück.

»Nicht wahr,« sagte er lächelnd, »für einen trockenen Gelehrten viel Phantasie! Eine zufällige Störung im Gange seiner Maschine und die schließlich eintretende lähmende Wirkung langdauernder Radiumbestrahlung so poetisch in Zusammenhang zu bringen! An dem alten Theodulos Energeios ist ein Dichter verdorben! – Aber wir haben ja Mittel, uns gegen die schädliche Wirkung der β- und γ-Strahlen zu schützen. Ich frage Sie daher: Wollen Sie mir helfen, die Maschine des Theodulos Energeios auszupacken und in Betrieb zu setzen?«

Freund Hintze sah mir gerade ins Gesicht. Um keinen Preis der Welt hätte ich in diesem Augenblicke nein sagen mögen, so unbehaglich mir auch bei der ganzen Sache zumute war!

»Ich will!« sagte ich.

»Ich hatte es erwartet,« antwortete mein Freund.

»Wann wollen wir beginnen?« fragte ich nun in nervöser Ungeduld.

»Morgen früh, lieber Freund –«

»Aber – warum nicht noch heute?«

»Heute bin ich nicht ganz Herr meiner Zeit – leider, so sehr ich Ihre Neugier verstehe und teile. Also – morgen früh!« 

Damit trennten wir uns.


II.

Ich hatte eine schlechte Nacht.

Die Maschine des Theodulos Energeios spukte in meinen Träumen. Deutlich erblickte ich die Niegesehene vor mir: über die Wand des Zimmers vor mir breitete sich ein riesiges Netz feiner Fäden, und in der Mitte des verwirrenden Gewebes hing wie eine ungeheure Spinne ein sausendes und schnurrendes Ungetüm mit funkelnden Augen; gierige Fangarme schossen gleich züngelnden Schlangen aus dem schwarzen Körper hervor und haschten nach mir.

Und sie packten mich, so sehr ich mich auch sträubte und wehrte, und rissen mich heran an das schnaubende Ungetüm, immer näher, immer näher.

Und als ich dicht herangekommen war, sah ich plötzlich aus all dem [5] dunklen Gewirr ein bleiches Menschengesicht auftauchen! Und dieses Antlitz hatte zwei furchtbare Augen! Unter ihrem steinernen, entsetzlichen Blicke starb mein letzter Widerstand. –

Schweißgebadet erwachte ich.

Es war Morgen. Ich kleidete mich an und ging zu meinem Freunde, wenn ich offen sein soll: sehr zögernd, sehr in Gedanken.

Freund Hintze hatte bereits die schwere eisenbeschlagene, ziemlich umfangreiche Kiste in das Laboratorium schaffen lassen.

Ich begrüßte ihn und – erzählte ihm meinen Traum!

Er lächelte eigen. »Ungefähr denselben hätte ich Ihnen auch erzählen können,« sagte er dann. »Messen Sie ihm irgendeine besondere Bedeutung bei? Haben Sie Ihren Entschluß geändert? Fürchten Sie sich vor der Maschine des Theodulos Energeios?«

»Gewiß nicht. – Aber ganz soll man solche ›inneren Warner‹ doch nicht mißachten.«

»Das unterschreib’ ich! Mit aller Vorsicht wollen wir zu Werke gehen; wir sind ja gewarnt durch den Entdecker selber! Sein Dynamin ist gewiß kein harmloser Körper. Deshalb habe ich hier für Sie und mich Schutzkleidungen besorgt, wie sie bei längerem Arbeiten mit Röntgen- und Radiumstrahlen nötig sind: den mit Bleiplättchen dicht benähten Schutzkittel, die bleierne Gesichtsmaske und die Handschuhe aus Aluminiumgewebe!«

Damit legte er seinen »Strahlenschützer« an, und ich tat das gleiche.

Ich mußte doch lachen, als ich uns beide so maskiert erblickte.

»Ans Werk!« sagte Freund Hintze.

Wir traten an die Kiste heran. Hintze deutete auf die vergilbte Aufschrift.

»Der Kasten ist zwar ein Kubus, der auf jeder seiner Flächen gleich sicher zu ruhen vermag; aber die Aufschrift deutet wahrscheinlich doch die Seite an, die zuletzt geschlossen wurde –«

Und schon hatte er Hammer und Stemmeisen ergriffen und begann den Deckel zu lüften.

Mir wurde doch etwas schwül dabei. – Aber mein Freund arbeitete unbeirrt weiter – und bald war der Deckel ringsum gelöst und ließ sich abheben.

Da lag das unheimliche Ding vor uns, in einer Umhüllung von Papier und Leinwand, beides vergilbt von der Länge der Zeit!

Vorsichtig hoben wir sie aus der Kiste heraus und entfernten stückweise [6] die Hüllen. Das Herz klopfte mir, und auch Freund Hintzes Hände zitterten, als die letzte fiel. –

Das also war die Maschine des Theodulos Energeios, aus hundertjähriger Verborgenheit wieder ans Licht gebracht!

Ein fast zierlich zu nennender Apparat, beinahe überall metallisch geschlossen; eine entfernte äußerliche Ähnlichkeit mit einem der heutigen großen Elektrizitätszähler für Wechselstrom erhielt er durch eine Reihe von Zifferblättern an seiner Vorderseite.

Unbeweglich ruhten die Zeiger auf ihren weißen Scheiben – in hundertjähriger Ruhe. –

»Was nun?« fragte ich, nachdem wir von allen Seiten den Apparat betrachtet hatten.

»Nach der Beschreibung ihres Erbauers –« damit brachte mein Freund ein ziemlich umfangreiches Heft zum Vorschein – »befindet sich mitten in der Maschine der Dynaminbehälter –«

»Dabei möchte ich doch fragen,« warf ich ein, »was der Erfinder über die Herkunft dieses geheimnisvollen Stoffes Dynamin verrät –«

»Leider – sind seine Aufzeichnungen gerade über diesen Punkt, der mich schließlich am meisten interessierte, sehr lückenhaft. Er sagt nur, daß er nach jahrelangem Suchen im Kaukasus ein Mineral entdeckt habe, aus dem – ich zitiere wörtlich! – ›sich durch Ätzen und Glühen ein metallisches Pulver abschied, dem an Glanz und Gewicht kein Metall der Erde gleichkam‹. – Von dem Dynaminbehälter aus gehen leitende Verbindungen nach allen Teilen des Apparats –«

»Und die Zifferblätter? Welche Bedeutung mögen sie haben?«

Freund Hintze zeigte auf die linke der vier mit einer Kreisteilung versehenen Scheiben. Ich folgte seinem deutenden Finger und entdeckte unter ihr, in das Metall graviert, ein paar griechische Buchstaben.

»Thermos« buchstabierte ich.

»Und unter der nächsten steht ›Phos‹,« setzte mein Freund hinzu.

»Wärme und Licht also messen die Angaben dieser beiden Zifferblätter,« sagte ich, »aber unter dem dritten und vierten Kreise fehlt eine solche Angabe.«

»Ja –« fuhr Hintze fort, »unter dem dritten und vierten finden sich ein paar eingravierte Zeichnungen, die eine stellt eine Spindel dar, die andere eine – Schlange, die sich in den Schwanz beißt –«

»Was soll die Spindel?« fragte ich verwundert, und der Schluß des Manuskripts fiel mir wieder ein mit den drei Parzen, die den Lebensfaden abspinnen.

»Der alte Theodulos Energeios war ein origineller Kauz und liebte das Seltsame,« antwortete mein Freund. »Die vornehmen griechischen Frauen zu den Zeiten Homers benutzten Spindeln aus Bernstein. An diesen Bernsteinspindeln hafteten beim fleißigen Gebrauche die Fasern des Flachses fest, weil der Bernstein elektrisch wurde –«

»Elektron – Elektrizität!« rief ich rasch aus, und ohne Hintzes Bestätigung [7] abzuwarten, setzte ich mit aufblitzendem Verständnis hinzu: »Nun finde ich auch die Gedankenbrücke zum Zeichen des vierten Zifferblattes: die zum Ringe geschlossene Schlange findet sich als Symbol der Ewigkeit auf vielen ägyptischen Denkmälern; Ägypten, das uralte ›Kemi‹, ist die Heimat der ›Alchemie‹ – Chemie soll das letzte Zeichen bedeuten. Habe ich es getroffen?«

Mein Freund nickte. »Wenn ich nicht Ihre Vorliebe für das alte Ägypten kennte, müßt’ ich eigentlich diese Kombinationsgabe bewundern,« sagte er dann lächelnd. Dann fuhr er fort: »Was der Apparat liefert, wissen wir also; wenn wir nur erst wüßten, wie er liefert!«

»Vielleicht ist jede der vier Seiten – die Maschine ist auf nahezu quadratischer Grundfläche montiert – zur Abgabe einer der vier Energien bestimmt?« sagte ich.

»Der Gedanke erscheint einleuchtend,« erwiderte mein Freund, »aber ins Innere der Maschine kommen wir damit noch immer nicht hinein.«

»Und doch spricht der alte Theodulos Energeios von ›dem Spiel der Wellen und Räder und Scheiben‹, das ihn so manchesmal entzückt habe?«

»Freilich – freilich,« antwortete mein Freund nachdenklich.

»Und das Manuskript – die Zeichnung? Gibt sie keinen Aufschluß?« fragte ich weiter.

Mein Freund antwortete nicht. Sein Auge haftete wie gebannt auf den Zifferblättern der Maschine.

»Was sehen Sie?«

»Haben Sie sich die anfängliche Zeigerstellung gemerkt?« fragte er zurück.

Ich verneinte. Aber ich ahnte, was er meinte! Starr betrachtete nun auch ich die weißen Scheiben.

Aber es war doch wohl nur eine Augentäuschung gewesen: unbeweglich standen die vier Zeiger – wie seit hundert Jahren.

Nein – nicht unbeweglich! Langsam – ganz langsam wanderte der Zeiger des Zifferblattes, unter dem das Symbol der Ewigkeit stand!

»Die Maschine arbeitet!« sagte mein Freund flüsternd zu mir, »sie geht – nach hundertjährigem Stillstand – geht von selbst –«

»Vielleicht – hat sie überhaupt noch nicht stillgestanden,« setzte ich ebenso hinzu, »und wenn das Dynamin ein radioaktiver Stoff ist, wäre dies ja auch nichts Unmögliches; nur schade, daß wir so gar nichts von ihrer Arbeit zu sehen bekommen!«

Wir traten näher an den sonderbaren Apparat heran. Wie gebannt starrten wir auf die weißen Scheiben. Und mir war, als ob von der Maschine des Theodulos Energeios rätselhafte magnetische Anziehungskräfte ausgingen; ich vermochte mich nicht wieder loszureißen – eine sonderbare Willenlosigkeit, wie beim Beginn einer Hypnose, eine wohlige Mattigkeit, ein einlullendes Gefühl lässigen Behagens erfüllte mich!

Und plötzlich vernahm ich ein rhythmisches Klopfen aus dem Innern der Maschine – ein helles metallenes Klingen!

[8] Und mit einem scharfen Klappen fiel mit einem Male die metallische Umhüllung der Maschine auf allen vier Seiten herab – das Innere des geheimnisvollen Wunderwerks lag plötzlich vor uns!

Und da war der durchsichtige Behälter mit seiner schimmernden Masse; da waren die glitzernden Räder und Wellen und Scheiben, die einst das stille Entzücken des alten Theodulos Energeios gewesen waren!

Und immer schneller, immer rasender schienen sich die funkelnden Glieder dieses Zauberwerkes zu bewegen, ja, es war, als ob blitzende Strahlen aus allen Teilen seines Mechanismus heraussprühten!

Ich konnte mich nicht satt sehen an dem wundersamen Spiel; Freund Hintze aber forschte an der Hand der alten Zeichnung, die er seiner Brusttasche entnommen hatte, nach den Geheimnissen der inneren Konstruktion. Und seine sichere, unbeirrte Ruhe, die ich so oft bei unseren gemeinsamen, zuweilen gefährlichen Experimenten bewundert hatte, ließ ihn die unheimliche Maschine ebenso kühl und systematisch untersuchen, wie einen beliebigen anderen Apparat. Seine Festigkeit gab mir die meine wieder.

Unter jedem der vier Zifferblätter fanden wir ein vorher verdecktes Elfenbeinknöpfchen. Freund Hintze drückte das erste nieder.

Der Zeiger des darüberstehenden Zifferblattes begann zu wandern; aber sonst schien sich nichts an dem Gange der Maschine zu ändern.

Und doch! Die eine der sich drehenden Scheiben verlangsamte allmählich ihre Bewegung. Nun stand sie plötzlich still – und im gleichen Augenblicke war es mir, als ob eine flammende Glut mein Gesicht versengte!

»Strahlende Wärme!« rief ich aus, vom Apparat zurückprallend. Und mein Freund empfand das gleiche. Rasch drückte er das zweite Knöpfchen nieder.

Eine Lichtflut brach da plötzlich aus der Maschine hervor, wie aus dem Fokus eines riesigen elektrischen Scheinwerfers, daß wir geblendet die schmerzenden Augen schließen mußten!

»Den dritten Knopf!« rief ich, die Augen noch mit der vorgehaltenen Hand schützend, »das ist ja, als ob man in die Sonne selber sähe!«

Aber mein Freund zögerte.

»Wir kennen nicht die Höhe der elektrischen Spannung, die der Apparat zu erzeugen vermag,« sagte er nachdenklich, »wir wollen uns nicht den Entladungen der Maschine unnötig aussetzen –«

Damit übersprang er den dritten Knopf der Maschine und drückte auf den letzten, der den Apparat auf chemische Wirkung einstellte.

Und da geschah etwas Seltsames, das unsere beiderseitige Aufmerksamkeit so sehr fesselte, daß wir uns selbst und die ganze sonderbare Lage vergaßen …

Der Dynaminbehälter stand durch gläserne Verbindungsröhren mit einer Anzahl kugelförmiger Vorlagen in leitendem Zusammenhange.

In dem Augenblicke, als Freund Hintze den vierten Knopf niederdrückte, trübte sich die eine der durchsichtigen Phiolen! Ein feiner, [9] wolkiger Dunst erfüllte sie, der immer dichter und dichter wurde; plötzlich bildeten sich an der durchsichtigen Wandung Tropfen, die immer zahlreicher wurden und schließlich fast die Hälfte der Vorlage mit einer leicht beweglichen, scheinbar lebhaft siedenden, schwach opalisierenden Flüssigkeit anfüllten.

»Was mag das für ein chemischer Stoff sein, der sich da vor unseren Augen bildet?« fragte ich.

Mein Freund zuckte die Achseln und wollte eben etwas erwidern. Da ertönte ein betäubender Knall, der uns auf Minuten die Besinnung raubte!

Als wir uns wieder fanden, heil und unverletzt, fielen unsere Blicke auf den geheimnisvollen Apparat.

Er stand – scheinbar unberührt – noch auf seinem alten Platze. Noch immer wanderte der Zeiger!

Aber die eine der gläsernen Vorlagen war durch die Explosion von dem Dynaminbehälter losgerissen und in Stücke zerschmettert worden!

»Woher kam die Explosion?« fragte ich den Freund. Er antwortete nicht; sein Auge hing wieder an dem Apparat.

Hatten wir doch unrichtig experimentiert? War die Übergehung der elektrischen Vorrichtung der Maschine doch ein Fehler gewesen, der ihre Energie zu rasch gesteigert hatte? Oder – war in der Maschine noch von früher her ein Kraftvorrat aufgespeichert, der ihr nun verderblich wurde?

Ich weiß es nicht.

Dicht vor mir auf dem Fußboden lag ein größeres Stück der zersprungenen Phiole. Ich bückte mich, um es aufzuheben. Dabei lockerte sich meine Gesichtsmaske; ich nahm sie ab, um besser beobachten zu können.

Mit einem Ausruf der Verwunderung gab ich das Bruchstück meinem Freunde.

Die ganze Innenwand des Scherbens war mit phosphoreszierenden Kristallen übersät!

Und diese Kristalle lebten!

Unaufhörlich änderten sie Form und Größe, wuchsen und wanderten! Es gelang meinem Freunde, einen der größten schnell beweglichen Kristalle mit der Pinzette zu fassen. Er legte ihn in seine hohle Hand. Aber auch hier wechselte das wunderbare Gebilde unaufhörlich seine Lage.

Er faßte den Kristall mit den Fingerspitzen.

»Er ist elastisch!« rief er, ihn mir in die Hand legend.

Ich prüfte ihn auch und schloß die Hand fest zusammen. Mir war, als ob ich ein lebendes Etwas in den Fingern hielte, das sich gegen die Einsperrung sträubte.

[10] Da faßte mich plötzlich mein Freund am Arme und sagte, wie von einem Schreck ergriffen: »Wissen Sie, was sich in diesen Kristallen aufgespeichert hat, die uns das verunglückte Experiment lieferte?«

»Nun – was?«

Er sah mich nochmals ernst prüfend an, dann führte er mich vor den kleinen Spiegel, der über der Waschvorrichtung des Laboratoriums hing.

Da sah ich mich – plötzlich um Jahre gealtert!

Und als die Maske vom Antlitz des Freundes sank, da entdeckte ich auch bei ihm die gleichen verräterischen Zeichen!

Leben war in den hüpfenden Kristallen aufgespeichert, Leben von unserem Leben, Sein von unserem Sein, Kraft von unserer Kraft!

Der alte Theodulos Energeios hatte doch recht gehabt! Trotz aller unserer Schutzmaßregeln gegen die radioaktiven Stoffe hatte sich an uns beiden die verderbliche Wirkung der Maschine wiederholt: uns beiden zugleich hatte die unheimliche Maschine ihre Energie entnommen; aus den Lebenskräften unserer Organismen durch Vermittlung des rätselhaften Dynamins die Triebkraft ihres Mechanismus gesogen! Und ich dachte an die Schlußzeilen aus dem Manuskripte des alten Theodulos Energeios von den Parzen und ihrem Spielzeug – und an meinen sonderbaren Traum.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Leben von unserem Leben!

War die Maschine des gelehrten alten Griechen es wert, daß wir zu ihrer Untersuchung dieses unersetzliche Kapital darangegeben hatten?

Ich will darüber nicht rechten.

Und schließlich – gleicht nicht eine jede unserer Tätigkeiten und Beschäftigungen ein wenig der Maschine des Theodulos Energeios? Spinnen sie nicht alle schneller oder langsamer den kostbaren Faden unseres Lebens ab – bis die Parze die Schere hebt –?

Und die geheimnisvolle Maschine?!

Sie steht noch immer in einem verschlossenen Seitenkabinett des Naturwissenschaftlichen Instituts und wartet – wartet auf neue Opfer.