Zum Inhalt springen

Die Marianne

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Marianne
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 564
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[564] Die Marianne. Dieser merkwürdige, man darf wohl sagen furchtbare Name taucht seit einigen Wochen mit größerer Intensität als bisher in den Zeitungen aus. Maria und Anna, die heiligen Frauen, genossen von jeher in Südfrankreich einer ganz besondern volksthümlichen Verehrung. Bei Prozessionen wurden ihre Wachsbilder vorangetragen; zuweilen auch wurden sie durch festlich gekleidete Mädchen vorgestellt. Im Jahre 1793 sah man dafür neue Allegorien im Festzuge einherschreiten; die Vernunft und die Freiheit erschienen in der Gestalt von schönen, in antiker Weise drapirten Frauenzimmern. Aufgereihte Volksschaaren im Süden stimmten damals in ihrer tonreichen Mundart den Gesang an: „l'haven le Marianno!“ d. h. nun haben wir endlich die wirkliche Maria und Anna. Nach der Schreckenszeit erhielt sich das Wort, aber es wurde zu einer symbolischen Geheimformel, das bald die Guillotine, bald mit dem Ausdruck unbestimmter Hoffnung die Volksherrschaft bezeichnete. Als nach der Februar-Revolution die socialistischen Parteien die Nothwendigkeit einsahen, mit Beseitigung ihrer Unterschiede sich der sogenannten blauen Republik entgegenzustellen, vereinigten sie sich anfangs unter Ledru-Rollin in dem vielverzweigten Bund Solidarité. Aber von Süden aus wurde bald der noch immer lebendige Name Marianne an die Stelle gesetzt, und bald war er der herrschende. Französische Flüchtlinge in England behaupten, die Marianne habe im Jahre 1851 eine Million Mitglieder gehabt; von diesen ging in den südlichen Landschaften die Erhebung gegen den Staatsstreich aus. Durch den blutigen Kampf, später durch die Transportation verloren sie ihre Leiter; doch wühlt Marianne noch immer mit ungemeinem Erfolg. Sie wirkt nicht für irgend einen Mann; sie erkennt kein geistiges Oberhaupt an; sie will künftig überhaupt keine Regierenden, sondern nur Beamte des Volks (clercs de la nation) dulden. Ihr leitender Ausschuß besteht aus wenigen, wie es heißt, nur aus drei Mitgliedern; der Bund aber umfaßt bereits wieder über 60,000 Personen, und die Gesellschaften La Militante und andere scheinen nur seine Zweigvereine zu sein. Die Marianne besitzt die Eigenschaften, durch welche von jeher Verbindungen mächtig wurden: einen bestimmten Zweck, Muth, Gehorsam und Verschwiegenheit.