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Die Majestät an der Ziehflasche

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Textdaten
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Autor: C. Clß
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Titel: Die Majestät an der Ziehflasche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 219–220
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Majestät an der Ziehflasche.

Aus dem zoologischen Garten zu Dresden.

Thiere sind, sagt Hippel, unsere Grenznachbarn. Die Grenzregulirung des Thierreichs hat den Naturphilosophen viel Kopfzerbrechen gekostet. Während die Philosophen des Alterthums, Aristoteles, Plinius, begeistert von den Seelenthätigkeiten der Thiere sprechen, nennt Descartes letztere Maschinen ohne irgendwelchen Verstand und Empfindung. Der Mensch, der so gern, als Herr der Schöpfung sich fühlend, mit souveränem Stolz auf Alles herabsieht, was fliegt und kriecht, wird bald von diesem Wahne und seinen schlimmen Folgen geheilt, wenn er herabsteigt zu dem Thiere und sich die Mühe nimmt oder, richtiger gesagt, das Vergnügen macht, sein Thun und Treiben aufmerksam zu betrachten. Er wird dann zu der Einsicht gelangen, daß es jedenfalls tausend Menschen giebt, die weit mehr Maschinen sind als Thiere, und tausend Menschen, statt deren Gesellschaft man lieber, ohne als Misanthrop zu erscheinen, die Gesellschaft harmloser Thiere wählt. Die neuere Naturwissenschaft, welche die Thierwelt nicht mehr blos von der Studirstube aus beschreibt, ist zu einer unparteiischeren, richtigeren Erkenntniß des geistigen Verhältnisses des Menschen zum Thiere wieder gelangt, welches Verhältniß Scheitlin treffend in die Worte zusammengefaßt hat: "Alles Thier ist im Menschen, aber im Thier ist nicht aller Mensch."

In der Liebe des Thieres zu seinen Jungen, in der Anhänglichkeit, womit dasselbe für seines Gleichen entbehrt und arbeitet und kämpft, liegt eine gewisse Sittlichkeit. So überraschend und rührend aber auch oft die Züge sind, welche nach dieser Richtung hin das Thier dem Menschen näher rücken, so werden wir doch immer der Thierwelt gegenüber daran erinnert, daß dieselbe von der bewußten Kindesliebe des Menschen weit entfernt bleibt, denn sobald sich der Fortpflanzungstrieb wieder einstellt, existiren die Jungen nicht mehr für das alte Thier. Aus diesem Grunde mußte man im zoologischen Garten zu Dresden die im August vorigen Jahres geworfenen Löwenzwillinge schon in den ersten Wochen von der Alten entfernen und, um sie vor der letzteren Mißhandlung zu schützen, in einem anderen Käfig unterbringen. In einem früheren derartigen Falle hatte man eine Hündin als Amme bestellt, der junge Löwe war jedoch dabei eingegangen. Man beschloß, diesmal die Thiere mit Kuhmilch mittels der Flasche aufzuziehen, und bediente sich hierzu einer gewöhnlichen Kindertrinkflasche mit Gummisauger, welche die Thiere auch, nach kurzem Widerstreben, sehr schnell willig und gern annahmen.

Die Art der Fütterung, das Aufbäbeln, mit der wilden Löwennatur in der Idee wenigstens so grell contrastirend, hatte etwas Komisches, und immer fanden sieh zahlreiche Zuschauer zu diesem Lustspiele ein. Die Thiere, jungen Fleischerhunden nicht unähnlich, liessen ihr Spiel, liefen unruhig hin und her, wenn die Stunde der Fütterung kam, knurrten und winselten und richteten sich am Gitterwerk auf, wie die Hunde mit den Vorderpfoten bettelnd. Reichte ihnen dann der Wärter die Flasche, so legten sie sich ruhig hin, nahmen, ohne den Hals der zerbrechlichen Glasflasche durch irgend eine Tölpelei zu gefährden, einer nach dem andern den Sauger regelrecht in das Maul und liessen es sich wohlschmecken. Sie vertilgten zusammen täglich schließlich gegen neun Kannen Milch. Es muß dahinstehen, inwieweit die Milch frommer Denkungsart der Löwennatur bekommt; bis jetzt, im achten Monat ihres Lebens, in welchem die Thiere bereits Kaninchenfleisch erhalten, haben sie sich ganz wohl dabei befunden. Die gefährlichste Periode im Löwenleben ist die ungefähr mit dem achten Lebensmonat anhebende Periode des Zahnens, die meisten und zwar besonders die männlichen Löwen gehen darüber zu Grunde; nicht blos in der Gefangenschaft, auch in der Freiheit. Im Allgemeinen giebt es viermal soviel weibliche Löwen, als männliche, obschon durchschnittlich nicht weniger Löwen als Löwinnen geboren werden. Man will diese Erscheinung auch durch die tödtlichen Kämpfe erklären, mit denen die Männchen, um die Gunst der Löwinnen werdend, sich befehden.

Die hier von Leutemann ’s geschickter Künstlerhand portraitirten Löwen sind übrigens nicht die ersten ihres Geschlechts, welche im Dresdner Garten geboren worden sind. Gegen neun Stück haben bereits in der kurzen Zeit, seit welcher unser zoologischer Garten besteht, hierselbst das Licht der Welt erblickt. Der größere Theil davon ist gediehen, verkauft und pro Stück mit fünf- bis achthundert Thalern bezahlt worden. Auch die unnatürliche Löwenmutter, von welcher die abgebildeten Zwillinge abstammen, ist eine Eingeborene des Gartens. In einem früheren Wochenbette zeigte sie sich getreuer ihrer Mutterpflicht. Als sie nach vier Wochen die Wochenstube verlassen und ihren gewöhnlichen, dem Publicum zugänglichen Käfig wieder beziehen sollte, setzte sie sich diesem Ansinnen entgegen und trug die Jungen, sobald sich eines herauswagte, ängstlich in den dunkeln Verschlag zurück. Sie säugte die Jungen gegen neun Monate lang. Die Löwenmutter mit ihren Kindern, wenn diese wie Kätzchen munter miteinander spielten, während die Alte mit geruhiger Würde an dem kindlichen Treiben sich erfreute, bot ein überaus fesselndes Familienbild. Ueberhaupt ist zur Ehre des Löwengeschlechtes noch zu bemerken, daß Pflichtvergessenheit, wie die hier in Betracht kommende, immmerhin eine Ausnahme von der Regel ist. Man hat in der Gefangenschaft, in Thierbuden selbst, da es nichts Seltenes ist, daß eine Löwin hier Junge wirft, oft beobachtet, daß die Löwin für letztere die größte Zärtlichkeit zeigt. In der Freiheit soll die Löwin, so lange die Jungen saugen, höchst selten das Lager verlassen; der Löwe sorgt für die Nahrung und schützt sie und ihre Jungen mit großer Aufopferung. Er lebt, indem er lange Zeit noch bei der säugenden Löwin bleibt, gewissermaßen mit dieser, was kein anderes Raubthier thut und welcher Zug geistigen Wesens — wie Brehm in seinem trefflichen „Thierleben“ sagt — den Löwen allein schon groß macht.

Neben dem Leben des Löwen hatten wir kürzlich auch sein Sterben zu beobachten im Dresdner Garten eine Gelegenheit. Das kranke sterbende Thier, der Fall der Kraft, die Majestät und Schrecken athmete und jetzt, vom Giftpfeil tödtlicher Krankheit getroffen, gebrochen einem Mächtigeren unterlag, bot einen traurigen, ja fast tragischen Anblick dar. Es war eine Lungenkrankheit, welche das Thier hinraffte, die Krankheit, welcher von tropischen Thieren in der Regel am schnellsten die Affen, weniger sonst die großen Katzen in unserem Klima zum Opfer fallen. Auf letztere, auf Löwen und Tiger, äußern unsere klimatischen Verhältnisse durchaus nicht den nachtheiligen Einfluss, den man wenigstens früher anzunehmen pflegte: Man kennt Fälle, daß Löwen in europäischer Gefangenschaft gegen sechszig Jahre gelebt haben; freilich muß immer zugestanden werden, daß sie auch bei der besten Pflege ziemlich früh altern und viel von ihrer ursprünglichen Schönheit einbüßen. Wie auf ihre Lebensdauer, ebenso scheint auf ihre Fortpflanzung die Gefangenschaft in unserem Klima keinen nachtheiligen Einfluß auszuüben. Vor zwei Jahren hat in England die Löwin Alexandra in Mander’s bekannter Menagerie neun Junge geworfen, ein in der Naturgeschichte des Löwen höchst seltener Fall von Fruchtbarkeit.

Die Löwenbekanntschaft der Dresdner ist nicht von heute und gestern. Schon in früheren Jahrhunderten wurden in Dresden Löwen, der Kampfspiele wegen, gehegt. In einem kurfürstlichen Befehle vom Jahre 1554 wird angeordnet, daß auf der Elbbrücke ein Bau „zu Behaltung etzlicher Löwen“ ausgeführt werden sollte. Dieses Löwenbehältniß, das dem Befehle gemäß hergestellt wurde, befand sich angeblich unter dem ehemaligen Brückenwächterhäuschen und diente wirklich seiner Bestimmung, denn bei einem 1558 im Schloßhofe abgehaltenen Kampfjagen wird der „Brückenlöwen“ gedacht. Die Thiere wurden später umquartiert in das 1612 erbaute Löwenhaus auf der Schössergasse und 1722 nach Neustadt in den Jägerhof. Das Löwenhaus auf der Schössergasse mit einem viereckigen, niedrigen Thurme, „in welchem unterschiedene Arten rarer wilder Thiere in absonderlich dazu gemachten Behältnissen oder Fängen verwahrt wurden“, ward erst 1834 abgetragen. Im Jägerhof, unter August des Starken Regierung, spielte eine der zahlreichen Löwengeschichten, welche Lenz berichtet. Er erzählt: Ein Wärter stand mit dem Löwen, der seiner Fürsorge anvertraut war, im besten Einvernehmen und pflegte stets das Futter in den Käfig hinein zu bringen und dem Thiere vorzusetzen Gewöhnlich trug der Wärter dabei eine grüne Jacke. Eines Tages ging der Wärter zur Kirche und hatte sich dazu schwarz gekleidet. Nach der Kirche brachte er, noch in dieser Kleidung, dem Löwen Futter. Die ungewöhnliche Kleidung befremdete das

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Beim Frühstück.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

Thier, es stutzte, sprang unwillig auf und schlug seine Pranken um die Schulter des Mannes. Dieser redete ihm sanft zu, und die bekannte Sprache brachte auch den Löwen halb zur Besinnung. Zweifel durchkreuzten seine fürchterlichen Mienen, doch ließ er nicht los. Leute, welche dazukamen, holten die Wache, und einige Mann derselben erboten sich zu schießen, da kein anderes Mittel, dem Löwen beizukommen, sich zeigen wollte. Der Wärter, der den Löwen lieb hatte und denselben schonen wollte, bat noch zu warten und glaubte allein mit dem Löwen fertig zu werden. Wohl eine Viertelstunde capitulirte er mit seinem fürchterlichen Feinde, der schlechterdings nicht losließ, wild die Mähne schüttelte und mit dem Schweif sich peitschte, während sein Auge unheimlich aufblitzte. Endlich konnte der geängstigte Mann die fürchterliche Situation nicht mehr ertragen; er bat, man solle schießen. Die Musketiere legten durch das Gitter, an und trafen den Löwen so, daß er auf der Stelle zusammenstürzte. Aber fallend hatte er im Todeskampfe Arm und Rückgrat des Wärters zerquetscht und zerbrochen. Beide lagen todt da.

C. Clß.