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Die Kunst im Hause

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Textdaten
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Autor: Waldemar Sonntag
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Titel: Die Kunst im Hause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 16, 18–20
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[16]
Die Kunst im Hause.
Von Waldemar Sonntag.

Daß die Kunst eine der edelsten Zierden des menschlichen Lebens sei, darüber ist unter den Gebildeten nur eine Stimme. Mit Entzücken stehen wir vor den Werken der griechischen Künstler, die einen Zeus, einen Apollo, eine Hera, eine Pallas in vollendeter Schönheit aus Marmor gebildet haben. In Schrift und Wort, in Liedern und Gesängen, in Formen und Farben, in profanen und religiösen Darstellungen entfaltet die Kunst ihre unerschöpflich reichen Kräfte, und täglich werden ihr neue Altäre errichtet; täglich strömen ihr neue Jünger und Verehrer zu. Wenn man in Zeitungen und Zeitschriften auf jeder Seite Besprechungen von Kunstwerken, Berichte über Kunstausstellungen, Recensionen über Theater und Concerte findet, so sollte man beinahe glauben, die Kunst sei längst Gemeingut Aller geworden, und die Musen seien tägliche Gäste in jedem Hause. Und doch: wie stiefmütterlich wird die Kunst gerade in den Räumen behandelt, die uns täglich umgeben, die uns an die Arbeit fesseln und zur Erholung rufen, die unser Theuerstes, unsere Familie einschließen – in den Räumen unseres Hauses! Nur Leute von fürstlichem Vermögen dürfen sich rühmen, in ihren stolzen Häusern auch den Künsten eine Heimstätte zu bereiten, und oft genug muß hier prahlende Eitelkeit den Mangel an Verständniß und Geschmack ersetzen. Was aber thun wir, die minder Begüterten, welche Sorgfalt wenden wir auf, um wenigstens nach unseren Kräften dem Dienste der Schönheit ein Plätzchen in unseren bescheidenen Wohnungen zu gewähren? Mustern wir nur flüchtig einmal diese unsere Räume mit dem Auge des guten Geschmacks!

Wir beginnen mit dem Kleinen, oder besser mit der Behausung des Kleinen, mit der Kinderstube. Daß Kinder Spielsachen haben müssen, ist eine Forderung, die dem Reichsten wie dem Aermsten einleuchtet. Und auch in der Wahl der Gegenstände macht die Verschiedenheit der Stände keinen großen Unterschied: in allen Kinderstuben findet man Geräthe, Thiere, Puppen, Bilderbücher. Nun aber gebe man sich die Mühe und nehme von diesem Spielzeuge das eine oder das andere in die Hand, um es aufmerksam zu betrachten! Was für Geräthe sind das! O ihr armen kleinen Mädchen, ist dieses eure Puppenstube und jenes eure Küche? Aus den schlechtesten Stoffen, mit den elendesten Bindemitteln, mit Leim, der nicht klebt, und mit Nägeln, die nicht haften, hat man euch einen Plunder zurecht gemacht, der schon nicht mehr zusammenhält, wenn ihr das luftige Zeug in die kleinen Finger nehmt. Ist das dein Säbel, mein Sohn, und das dein Schießgewehr? Elende Trümmer, obgleich erst vor einer Stunde der Vater die Sachen aus dem Fünfzigpfennigbazar heimbrachte; du sollst sie zerbrochen haben, behauptet die Dienstmagd, du hast sie nicht zerbrochen – sie waren schon zerbrochen, als du sie anfaßtest, denn sie waren niemals ganz. Und was für Thiere sind das? Grüne Ochsen und blaue Hunde, Pferde mit kerzengeraden, stricknadeldünnen Beinen, Katzen mit Hörnern und Füchse ohne Schwanz. Und gar erst die Puppen – daß Gott erbarm’! Naturwidrige Geschöpfe von Drechslers Gnaden! Und die feinen, die theueren in Sammt und Seide stolzirenden, Papa und Mama sagenden: wie unsäglich dumm und einfältig sie aussehen mit ihren Gründerfranzen vor der winzigen Stirn und den bemalten Wangen, gerade wie – die Puppen. Soweit es sich um unsere ganz Kleinen handelt, mögen wir immerhin, was die Haltbarkeit der Spielsachen betrifft, nicht gar zu ängstlich sein; denn die Lust des Zerstörens steckt nun einmal in diesen kleinsten unter den kleinen Weltbürgern, und auch das Haltbarste wird ihnen zum Opfer fallen. Aber geschmackvoll und vor Allem naturwahr soll auch all das sein, was wir unsern Jüngsten bieten, und Gott sei Dank! fehlt es in Deutschland neben [18] vieler Dutzendwaare nicht an wirklich künstlerischen Leistungen auf dem Gebiete der Spielwaarenfabrikation.

Das Gefühl für das Schöne und Wahre will frühzeitig geweckt und geübt sein. Das gilt namentlich auch von den Bilderbüchern. Halt – da ist gleich eines. Bist du es, Unvermeidlicher? Wahrhaftig, es ist der alte Tröster, der Struwwelpeter. Die alten Fratzen, die alten Carricaturen! Aber sie machen den Kindern Vergnügen, versichert die Mama, die nicht wenig stolz darauf ist, ihren Lieblingen gerade diesen Schatz bescheert zu haben. Schlimm genug, wenn Nicolas mit dem großen Tintenfaß und Conrad mit dem Daumen im Munde den Kleinen Freude machen, und zugleich Beweis, daß sie nichts Besseres gewohnt sind. Wann wird man begreifen, daß für die Kinder das Beste eben gut genug sei? Nicht Zerrbilder, nicht Scheusale soll man den Augen derselben vorführen, sondern richtig gezeichnete, schön geformte, correct gefärbte, dichterisch verklärte Gestalten. Wie gern betrachten die Mädchen Blumen, die Knaben Thiere, und wie tief prägen sie die im Bilde geschauten Formen und Farben dem Gedächtniß ein, um in der Natur die Originale wiederzusuchen! Wie unermüdlich sind sie, sich selbst zu belauschen in den Darstellungen des Kindeslebens, denen Gott sei Dank auch Meister ihren Stift zu leihen beginnen! Aber wer kann die theuern Bücher kaufen? fragt der sparsame Vater. Sie sind nicht theuerer als der buntbeklexte Schund; für ein paar Mark erwirbt man heutzutage eine der köstlichsten Gaben von Ludwig Richter, Oscar Pletsch und Eugen Klimsch. Daß der Humor nicht ausgeschlossen werden dürfe, bestätigt ein Blick in die Werke der genannten Künstler. Wie bequem machen wir Eltern uns in der Regel dasjenige, dem wir aus Liebe zu unsern Kindern die peinlichste Sorgfalt schuldig wären! Wenn Weihnachten naht, bestellt die Frau Mama – denn der Papa hat keine Zeit, sich mit dergleichen Allotria zu kümmern – beim Buchhändler die obligaten Bilderbücher. Gretchen ist zehn Jahre alt, Ernstchen sieben, Laura drei; das Stück darf nicht über zwei Mark kosten – für das Uebrige wird der Buchhändler sorgen, dafür ist er ja Buchhändler. Und doch kommt für die geistige Entwickelung der Kinder unendlich viel darauf an, welche Speise man ihnen reicht.

Aber nicht blos empfangen wollen die Kleinen, sie wollen auch produciren. Welcher Dreijährige wollte nicht malen? Aus dem Papierkorbe sucht er die Fetzen, von des Vaters Schreibtisch stibitzt er die Stifte, um Tapeten zu bekritzeln. Habt ihr schon mehr dazu gethan, ihm das abzugewöhnen, als daß ihr ihn auf die Finger geschlagen habt? Lohnt es wirklich nicht der Mühe, fünf oder zehn Minuten des Tages euch abzumüßigen, um eurem Söhnchen einen Schimmel, eurem Töchterchen eine Rose zu zeichnen oder zu tuschen? Aber gesteht es nur, ihr könnt es nicht, denn ihr habt es nicht gelernt, so wenig eure Kinder es lernen werden. In der That, es ist erstaunlich, wie achtlos wir die Anlagen unserer Kinder vernachlässigen, deren Ausbildung ihnen zum Vergnügen und Nutzen gereichen würde. Dagegen wird ein Talent bei fast allen Kindern stillschweigend vorausgesetzt und rücksichtslos gefordert, das Talent zur Musik. An das Pianino müssen sie, sie mögen wollen oder nicht, die zarten Finger quälen sich, das vorgeschriebene Pensum herunterzuklappern; Thränen fallen auf die gemarterten Tasten – keine Gnade! Es wäre ja eine Schande, wenn Otto keine Mozart’sche Sonate und Laura keinen Chopin’schen Walzer spielen könnte. Die elende Clavierklimperei! Man zeige den Kindern gute Bilder; man lehre sie dieselben mit Verständniß betrachten und, soweit es angeht, nachbilden; man gebe ihnen Anleitung, Brücken und Thürme mit dem Baukasten zu construiren, und sie werden wenigstens nicht ganz unvorbereitet an öffentliche Bauten herantreten.

Von der Kinderstube pflegt es nicht weit zur Küche zu sein. Die Kunst in der Küche? höre ich verwundert fragen. Damit soll doch wohl nur die Kochkunst gemeint sein? Ich will nicht in Abrede stellen, daß sie nicht selten auch von ernsthaften Männern für eine edle Kunst gehalten wird. Allein nicht mit der eigentlichen Zubereitung der Speisen haben wir es hier zu thun, sondern mit der Herrichtung derselben für den Tisch und mit der Ausrüstung des Küchengeräthes und Eßgeschirres. Wie kommt es, daß ein sauber arrangirter Braten, ein zierlich geschmückter Salat uns besser munden, als ein in plumper Schüssel schmucklos dargebotenes Gericht? Der Magen ist ein Tyrann, aber er will gern von gefälligen Händen bedient sein. Und wie weit sind die Formen unserer Küchengeräthe hinter denen der Alten zurück! Welche schön gehöhlten Schüsseln, welche schlanken Kannen, welche geschweiften Krüge dort – und welche nichtssagenden, nüchternen Näpfe und Töpfe hier! Warum kaufen wir den Klempnern und Töpfern bereitwillig ab, was ihre ungeschickten Lehrlinge als Fabrikwaare dutzendweise herstellen? Warum zwingen wir nicht durch erhöhte Ansprüche die Meister, nach alten, guten Mustern zu arbeiten?

Das Mittagsmahl ist fertig; die Hausfrau ladet uns in das Wohnzimmer ein. Wie viel kann sie, wie viel können die heranwachsenden Töchter durch sinnige Anordnung des Tisches dazu beitragen, die Stillung des Hungers und Durstes zu einem doppelten Genusse zu machen! Eine Vase mit Blumen, eine geschmackvolle Schale mit Obst sollten nirgends fehlen, anstatt daß wir an schmucklosem Tische hastig verschlingen, was die Kelle bietet. Kaum haben wir Zeit, uns in dem Eßzimmer ein wenig genauer umzusehen. Und was wir sehen, ist in der Regel nicht geeignet, uns zu erfreuen. Denn unsere Tischler sind, dank den Fortschritten der Industrie, Möbelfabrikanten geworden; was sie liefern, ist meistens nichts als Fabrikwaare. Selten nur sieht man noch alten, würdigen, wohl erhaltenen Hausrath, solide eichene Tische, geschnitzte Stühle, aus edeln Holzarten kunstreich gebaute Schränke. Alles sieht bei Schulze’s aus wie bei Müller’s, bei Lehmann’s wie bei Schmidt’s. Die Originalität in der Ausstattung der täglich benutzten Wohnräume ist fast ganz abhanden gekommen. Ueberall nur leichte, zerbrechliche Waare, fade Linien, nüchterne Farben! An den Wänden eine Fünfzigpfennigtapete, grau in grau gedruckt, am Fußboden ein abscheuliches, monotones Deckenzeug, der Verdruß der Kinder, die darüber stolpern, der Aerger der Dienstboten, die den mißbräuchlich Teppich genannten Fetzen jeden Morgen vom Staube zu säubern haben.

Doch Geduld! Eine Flügelthür thut sich auf: treten Sie ein in die „gute Stube“! Ja, die gute Stube! Hier also ist das eigentliche Heiligthum des Hauses, der Raum, in welchem wir uns an Sonn- und Feiertagen mit der Familie zusammenfinden, um nach harter Arbeit der Muße und Erholung zu pflegen, die Stätte, wo wir aus festlicher Veranlassung unsere Gäste begrüßen. Sollte man nicht annehmen dürfen, daß alle Sorgfalt und aller Geschmack aufgeboten sei, um wenigstens diesen Raum würdig und elegant herzurichten? Und wie sieht er zumeist in Wirklichkeit aus! Zunächst die Möbel! Es ist nicht leicht, die vorhandenen Stücke so zu vertheilen, daß jedes einzelne an einer passenden Stelle seinen Platz finde und der Gesammteindruck dadurch ein angenehmer werde. Freilich ist dazu auch unbedingt nothwendig, daß Einheit in Form und Farbe vorhanden sei. Es ist schlechterdings unmöglich, daß ein hellpolirter Schreibtisch neben einen dunkelgefärbten Schrank zu stehen komme. Es giebt „gute Stuben“, wo die Sophas, Kommoden und Servanten in Paradestellung aufgepflanzt sind, wie die preußischen Grenadiere. Ein massives Musikinstrument macht sich dicht am Fenster breit, ein winziges Spieltischchen verschwindet in der dunkeln Ecke dahinter. Vor einem blauen Sopha steht ein schwarzer Tisch, auf dem eine gelbe Decke liegt; darunter ein in allen Regenbogenfarben schillernder Teppich. Der Divan ist nach französischer Art gepolstert, sodaß kein Holz sichtbar wird, die Fauteuils zeigen schwerfällige Holzlehnen.

Nicht besser steht es um den sonstigen Schmuck. Tapeten in schreienden Mustern, faustdicke Rosenbouquets in metergroßen Zwischenräumen beleidigen das Auge; ein centnerschwerer Kronleuchter droht ein ovales Tischchen mit zierlich geschweiften Beinchen zu erdrücken. Der Stolz jeder braven Hausfrau sind weiße Gardinen. Weiße Gardinen – unverzeihlich geschmacklose Erfindung einer alten Jungfer, deren Seele so rein war, wie die Vorhänge ihrer Fenster! Das einfallende Licht zu dämpfen, nicht es aufzufangen, es zurückzuweisen, es in hundert Falten und Spitzen widerzuspiegeln, ist die Aufgabe der Fensterverhüllungen.[1]

Wie traulich ist ein Gemach mit dunkeln, zweifarbigen oder bunten Gardinen! Und wie bequem für die Hausfrauen! Sie haben nicht nöthig, mit ängstlichen Blicken dem Brande jeder Cigarre [19] zu folgen, die der rücksichtslose Gatte im Heiligthume zu rauchen sich erkühnt. Sie brauchen auch nicht die gespenstischen weißen Fahnen alle vier Wochen herunter zu nehmen, um sie zu waschen. Lange wird der Gatte sich so wie so hier nicht aufhalten, denn die Stube ist kalt; sie wird nur zu Weihnachten geheizt. Und mit welchem Ofen! Kaum ist auf irgend einem Gebiete die Anspruchslosigkeit und der Ungeschmack größer, als auf dem der Oefen. Schwarze, rußige Eisenhaufen, oder spindeldürre, jedes Zierrathes entbehrende Kachelsäulen vertreten, namentlich in Mittel- und Süddeutschland, die Stelle künstlerisch aufgebauter Apparate, wie man sie allenfalls noch im Rheinlande findet, wo dieselben seltsamer Weise einen Theil des transportabeln Hausrathes bilden. Auch die Lichtspender zeichnen sich meist durch kahle prosaische, ungefällige Formen aus. Und doch ist eine Lampe mit lebendigem Fuße, der eine ganze Figur aus Bronzeguß oder auf kräftigem Sockel eine Karyatide bilden mag, nicht viel theurer, als der ewig wiederkehrende weiße Glasstengel.

Selbstverständlich darf in einer Putzstube der Bilderschmuck nicht fehlen. Wenn nur eine Spur von Kunstgeschmack in einem Hause ist, an diesem Punkte müßte sie sich doch zeigen. Aber wie unverantwortlich wird hier gesündigt! Es ist eine unbedingte Geschmacklosigkeit, Oeldruckbilder neben Oelgemälde, Kupferstiche und Photographie durch einander aufzuhängen. Photographien gehören überhaupt nicht an die Wände, sondern in die Mappen, um vorkommenden Falls hervorgeholt und betrachtet zu werden. Es ist ein nichtswürdiger Anblick, die ganze Familie, vom Großvater bis zum jüngsten Enkel, in unnatürlich gespreizten Stellungen photographirt, gruppenweise über dem Staatssopha aufgehängt zu sehen. Und dabei nimmt man es gar nicht übel, runde, ovale und viereckige Rahmen dicht neben einander abwechseln zu lassen. Daß die Gegenstände der bildlichen Darstellungen in einem und demselben Raume nicht völlig verschiedenartige sein dürfen, sollte kaum zu erwähnen nöthig sein. Ein Christuskopf von Guido Reni und die geschmückte Braut des Herrn Sohnes als Pendants sind ein Unding. Ich habe im Staatszimmer eines Gutsbesitzers erstens das Conterfei der Großmutter in Daguerrotypausführung, zweitens ein Preisdiplom auf den stärksten Zuchtstier einer Viehausstellung unter Glas mit Goldpapierborde, drittens eine büßende Magdalena, Stahlstich in braunpolirtem Rahmen, friedlich neben einander prangen sehen.

Aber unsere Predigt über die „Kunst im Hause“ kann nicht umhin, noch einen Schritt über die Einrichtung hinaus zu thun. Ich rechne zu meinem Thema die Kleidung, ich rechne dazu die geistige Beschäftigung mit der Kunst im Familienkreise.

Gewiß ist es richtig, die Bedeutung und den Werth eines Menschen nicht nach seiner äußeren Erscheinung, sondern nach seiner Gesinnung und sittlichen Beschaffenheit zu beurtheilen. Allein das Gewand steht doch für das Gefühl in einem gewissen, fast möchte ich sagen organischen Zusammenhange mit der Person, die es trägt. Wenn von Kleidern die Rede ist, lassen wir billiger Weise jenem Geschlecht den Vortritt, dem mit der Anmuth und Schönheit zugleich die Gabe und Aufgabe zuertheilt worden, die Reize der körperliche Erscheinung zu verhüllen oder durch Schmuck zu vermehrter Geltung zu bringen. Da ist nun ein großer Unterschied zwischen den Frauen im Hause und den Frauen außerhalb des Hauses. Die Frauen im Hause sind, um von gut bürgerlichen Verhältnissen zu reden, nicht selten Muster von Einfachheit und Anspruchslosigkeit, um nicht zu sagen von Nachlässigkeit und Nonchalance. Altmodische, vertragene Kleider, dicke formlose Tücher, massive Jacken, vertrackte Hauben, die von der Nachtmütze nur den Namen verleugnen, darunter ungeordnetes Haar, mit naiver Beiseitelassung der nur für die fremden Augen bestimmten Extra-Flechten und -Zöpfe, – in diesem Aufzuge bewegen sich vielfach die lieben Frauen den größten Theil des Vormittags im Hause umher. Für wen sollten sie sich auch schmücken, da sie doch Niemand zu Gesicht bekommt als – der Mann und die Kinder? Ihr irrt euch, ihr liebe Frauen, wenn ihr glaubt, für das Haus sei das Schlechteste eben gut genug. Wollt ihr stets anziehend sein, so müßt ihr auch stets angezogen sein, nämlich sorgfältig und gut angezogen, ohne Prunk, aber mit Geschmack, ohne Ballast, aber mit dem nothwendigen Schmuck. Doch wir schweigen schon, denn ihr vertröstet uns auf den Abend: „wir werden Gäste bei uns sehen“, und ihr werdet, wie die übrigen Damen, im allermodernsten Gesellschaftsanzuge euch präsentiren.

Es mag trivial erscheinen, wenn Männer über die Mode räsonniren, von der sie nach dem einstimmigen Beschlusse aller Frauen nichts verstehen. Es mag richtig sein, daß der männliche Anzug gleichfalls Angriffspunkte genug bietet – ich bin kein Vertheidiger des Fracks und des Cylinders, und der Mann thut am Ende auch nichts weiter im Interesse eines geschmackvollen Anzugs, als daß er dem Schneider „einen modernen Schnitt“ empfiehlt. Aber die stabile Form unserer Anzüge läßt kaum eine Wahl, um den Geschmack walten zu lassen, während die Veränderlichkeit des weiblichen Anzugs eine persönliche Verantwortlichkeit für den Ungeschmack mit sich führt. Und das behaupte ich, allen Pariser Modistinnen und allen Berliner Modezeitungen zum Trotz: die Kunst hat bei dem jüngsten Kinde der Mode nicht Gevatter gestanden. Den unkleidsamen, dreisten, stoffvergeudenden Reifrock sind wir glücklich los geworden, aber dafür sind wir aus dem Regen in die Traufe gekommen. Da thut man, als wolle man vor allen Dingen Stoff ersparen, und schneidet den abgeschrägten Rock so buchstäblich auf den Leib zu, daß derselbe mit unübertrefflicher Plastik dasteht, was man aber auf diese Weise erübrigt hat, das hängt man in Falbeln und Fetzen, in Falten und Streifen, in Frisuren und allerlei Schnickschnack dem eingeengten Kleide auf. Zu einer freien Bewegung, zu einem elastischen Gange, zu einem schönen Faltenwurf des Gewandes läßt die Fußangel, welche die Mode den armen Geschöpfen anlegt, es kaum noch kommen. Aber geduldig macht es die Eine der Andern nach, denn so will es die Mode. Ihr blindlings zu gehorchen, ist die erste Pflicht des Weibes – was fragt sie nach Schönheit und Kunst? Haltet euren Frauen ernsthafte Vorlesungen über die Häßlichkeit und Unnatur dieser Watschelei, verspottet sie durch Caricatur in Bild und Wort, sie werden lächeln oder zürnen und – fortfahren, sich mit sclavischer Selbsterniedrigung zu kleiden, wie die Mode es ihnen vorschreibt.

Dürfen wir nach dem unerschrockenen Aussprechen dieser Ketzereien noch wagen, Zeugen der geselligen Unterhaltung der Hausbewohner und ihrer Gäste zu sein? Nur noch ein Wort – eben über diese Unterhaltung! Die Kunst, behaupten wir, pflegt an ihr einen mehr als bescheidenen Antheil zu nehmen. Wehe, wenn die unvermeidlichen Photographie-Albums vorgezeigt und von kundigem Munde erklärt werden! Wer kennt die braven Tanten, und wen interessiren die pausbäckigen Neffen? Und doch – wie viel Gelegenheit bietet sich bei dem freundschaftlichen Verkehr mit den bekannteren Gästen des Hauses, auch die Kleinodien der Kunst mit prüfendem und beglücktem Auge zu betrachten! Gerade die Photographie ermöglicht es, Darstellungen aller Sehenswürdigkeiten der Welt bequem von Hand zu Hand gehen zu lassen, um sie in der Mappe bis zur nächsten Veranlassung aufzubewahren. Wir haben eine Schweizreise gemacht, und es gewährt uns ein eigentümliches Vergnügen, die Ufer des Vierwaldstädter Sees, das schneebedeckte Haupt der Jungfrau, den Rhonegletscher im Bilde abermals zu begrüßen. Wir wollen nach Italien reisen – wie dürften wir wagen, den geweihten Boden zu betreten, ohne vorher gewisse vorbereitende Studien gemacht zu haben? Glücklicher Weise haben wir in dieser Beziehung einen höchst erfreulichen Fortschritt in der Vervielfältigung der Kunstwerke zu verzeichnen. Unsere besseren illustrirten Zeitschriften überbieten sich in der Wiedergabe von Bauwerken, Sculpturen und Gemälden. Die Lust, unsere große Dichter zu lesen, Goethe, Schiller, Shakespeare zu täglichen Gästen unseres Hauses zu machen, hat durch die illustrirten Ausgaben der letzten Jahre einen neuen Antrieb erhalten. Wie kann die Kunst im Hause leichter und nutzbringender gepflegt werden, als durch „Reinecke Fuchs“, „Hermann und Dorothea“, Shakespeare’s Dramen u. s. f. in lebendigen Gestalten?

Aber wird denn wirklich die Kunst im Hause ganz und gar vernachlässigt? Eine Kunst wenigstens läßt sich fast in jedem Hause vernehmen, sie findet überall bereite Hände und offene Ohren: die Musik. Aber was für Musik? In neunundneunzig von hundert Fällen geht dieselbe nicht über Clavierspiel und etwas Gesang der Töchter hinaus. Wie mangelhaft die Durchschnittsleistungen derselben und wie zweifelhaft das Vergnügen sei, sie anhören zu müssen, ist ein öffentliches Geheimniß. Diese Stümperei und Klimperei – die auch zu den Ungezogenheiten der Mode gehört – ist eine Calamität ersten Ranges für unser gesellschaftliches Leben geworden. Kaum ist es gelungen, eine leidlich vernünftige Unterhaltung am Familientische zu Stande zu bringen, [20] so erinnert uns das „Erwachen des Löwen“, das „Gebet der Jungfrau“ oder gar der kleine vielgereiste „Postillon“ schmerzlich daran, daß unser Zeitalter das der musikalischen Unwahrheit ist. Denn wirkliches Gefallen an solchen Fingerübungen findet – die Hand auf’s Herz – außer der ausübenden Künstlerin gewöhnlich nur die Frau Mutter, die das Geld für die Clavierstunden nun doch nicht weggeworfen sieht.

Ja es liegt in dieser Modekrankheit eine positive Gefahr für die geistige und sittliche Entwickelung des weiblichen Geschlechts. Nichts liegt dem Weibe näher, als eine Fülle unklarer Empfindungen, deren Woher und Wohin gleich bedenklich ist, und nichts erscheint mehr geeignet, diesen unklaren, verschwommenen Empfindungen neue Nahrung zuzuführen, als das textlose und deshalb meist gedankenlose Clavierspiel. Man entlasse aus dem erzwungenen Unterricht alle unbegabten Schüler und Schülerinnen, man verlange von den wirklich talentvollen den Vortrag gediegener Tondichtungen, aber man füttere nicht die Mittelmäßigkeit mit den Bettelsuppen unbekannter Holzmißhändler, und man ziehe nicht die göttliche Kunst der Musik in den Staub durch ein erlogenes Dudeldei! Ich wenigstens gestehe gern, daß ein einziges Volkslied, deren wir Deutsche unendlich viele besitzen, von der ganzen singhaften Familie im Chor gesungen, wenn es nicht anders geht, einstimmig, wenn es sein kann, mehrstimmig, mir eine reinere Freude bereitet, als ein ganzer Abend voll Capriccios und Nocturnos, vorausgesetzt, daß diese Compositionen nicht von Künstlern gesetzt sind und von Künstlerhänden gespielt werden.

Mit der Musik verbinden sich von selbst dramatische Darstellungen. Sie gewähren die willkommene Gelegenheit, die Aussprache zu bilden, das Gedächtniß zu üben, die körperliche Haltung zu veredeln, selbst den Charakter zu kräftigen und zu heben. Kein bürgerliches Haus ist zu klein, um seine Räume von Zeit zu Zeit zur Vorführung von einzelnen Scenen aus Trauerspielen und Schauspielen oder von ganzen Lustspielen hergeben zu können. Der leitende Gesichtspunkt muß wirkliches Interesse an der dramatischen Kunst sein, nicht aber darf die Koketterie den Regisseur machen, nicht die Liebelei hinter dem Vorhang hervorgucken. Wie ärmlich sind meist unsere üblichen Declamationen bei Polterabenden und Hochzeitsfesten! Immer dasselbe: bestellte Arbeit, fades Zeug. Hat ein Goethe nicht verschmäht, eine ganze Anzahl von Gelegenheitsdichtungen aus festlichen Veranlassungen zu schreiben, so wird auch unseren Poeten keine Perle aus der Krone fallen, wenn sie zu ähnlichen Zwecken Festspiele kunstreich und geschmackvoll zusammenstellen.

Ich komme zum Schlusse mit dem Bewußtsein, daß ich noch nicht zu Ende bin. Denn überschwänglich reich und wahrhaft unerschöpflich ist die Kunst, die ein guter und freundlicher Gott uns gab, die Häßlichkeit der wirklichen Dinge zu verhüllen, die Niedrigkeit des täglichen Denkens zu erheben, die Traurigkeit schmerzlicher Erfahrungen zu erheitern, um aus der Noth und dem Jammer der Erde in einen reineren und glücklicheren Himmel zu entfliehen. Nur dann aber ist die Kunst ein Gemeingut des ganzen Volkes, wenn sie auch am Herd des Hauses eine Heimstätte findet.

Jedes Kunstsinnes baar ist Keiner; jeder pflege ihn nach dem Maße seiner Anlagen, seiner Zeit und seiner Mittel! Jeder sei darauf bedacht, durch die Gestaltung seiner täglichen Umgebungen, durch Schönheit der Form und Farbe, Zusammenstellung des Passenden, Vermeidung des Ungefälligen und Störenden, durch Wort und That, durch Beförderung des Kunstgewerbes aller Gattungen, sich und den Seinigen sein Haus zu einer Stätte des Geschmacks, zu einem Zufluchtsorte des Behagens, zu einem Tempel der Reinheit und edeln Freude zu machen. Dann werden wir nicht mehr mit Schiller zu klagen haben, daß die Götter Griechenlands auf ewig von uns geflohen seien, dann doppelt beglückt einander die stolzen Worte unseres Dichters zurufen dürfen:

„Im Fleiß kann Dich die Biene meistern,
In der Geschicklichkeit ein Wurm Dein Lehrer sein,
Dein Wissen theilest Du mit vorgezognen Geistern –
Die Kunst, o Mensch, hast Du allein.


  1. Wie sehr übrigens die Ansichten über diesen Punkt aus einander gehen, dürfte beispielsweise unsere „vernünftige Hausmutter“ (siehe die Plauderei auf Seite 8 ff. unserer heutigen Nummer!) bezeugen.
    Die Redaction.