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Die Krönungsburg der Czaren

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Textdaten
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Autor: Julius von Altenau
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Titel: Die Krönungsburg der Czaren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 328, 330–331
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[328]

Die Krönungsburg der Czaren.[1]

Von Julius von Altenau.

In den Tagen, da die vorliegende Nummer unseres Blattes zur Ausgabe gelangt, sind die Blicke der Welt spannungsvoll auf die alte Czarenstadt an der Moskwa gerichtet. Alexander der Dritte, Kaiser aller Reussen, der nach dem tragischen Ende seines Vaters im März 1881 den russischen Thron bestiegen, begeht erst jetzt die aus gewichtigen Gründen wiederholt und lange hinausgeschobene Feier seiner officiellen Krönung. Wie unsern Lesern bekannt, repräsentiren die Beherrscher unseres nordischen Nachbarreiches neben der höchsten staatlichen zugleich die höchste kirchliche Gewalt: sie sind Kaiser und Patriarchen in einer Person, und so hat denn eine russische Czarenkrönung nicht blos eine politische, sondern gleichzeitig eine wesentlich religiöse Bedeutung, dergestalt, daß, bevor dieser Ceremonie genügt worden, der neue Czar dem rechtgläubigen Russen von altem Schrot und Korn kaum als rechtmäßiger, als legitimer Herrscher erscheinen mag. Fast siebenundzwanzig Jahre sind verstrichen, seit der Welt sich zum letzten Male dieses imposante Schauspiel geboten; um so weniger mögen wir die sich eben jetzt wieder darbietende Gelegenheit, unseren Lesern den auch an sich, durch seine Größe und Pracht denkwürdigen Schauplatz einer solchen Feier im Wort und Bild zu veranschaulichen, unbenützt vorübergehen lassen.

Der Kreml in Moskau.
Nach einer Photographie.

„Wer Neapel gesehen, der mag ruhig sterben,“ sagt ein bekanntes italienisches Sprüchwort. „Wer Moskau nicht gesehen hat, der weiß nicht, was schön ist,“ meint ein russisches Seitenstück. Und wirklich, sie haben Beide Recht, Jeder in seiner Art, der ernste und bedächtige Steppensohn aus dem äußersten europäischen Nordosten nicht minder als der sorglos bewegliche Anwohner des zauberhaften Golfs im Süden. Denn ohne Frage bietet auch der altehrwürdige Czarensitz, in dessen Straßen man einer wahren Musterkarte sämmtlicher Völkertypen des unendlichen Reiches begegnet, eine Fülle eigenartiger, interessanter, malerischer Erscheiunungen. Gleich Rom und Byzanz ist auch Moskau eine „Siebenhügelstadt“; aber hier ist noch nicht das Morgenland mit seiner sonnenglänzenden Farbenpracht, hier ist auch nicht mehr das alte Europa im westlichen Sinne; was uns hier entgegentritt, das ist ein überaus charakteristisches Gemisch von beiden, eine Verschmelzung von Orient und Occident, die auf den fremden Beschauer eine überraschende, man könnte sagen, eine verblüffende Wirkung ausübt. Wem immer es beschieden war, sein Ange über dieses fast unabsehbare Häusermeer mit seinen rothen und grünenu Dächern, mit den buntbemalten Thürmen, mit den schier unzähligen goldenen Kuppeln und Kreuzen dahinschweifen zu lassen, dem wird sich die eigenartige Großartigkeit dieses Panoramas für immer unverlöschlich eingeprägt haben, dem wird die Begeisterung und die fast kindliche Verehrung, mit der der echte Russe seiner alten Reichshauptstadt gedenkt, begreiflich erschienen sein. Aber noch mehr: auch mit dem Nimbus einer gewissen Heiligkeit ist „die Stadt der weißen Mauern“ für den Altrussen umwoben: während er auf St. Petersburg, diese modern künstliche Schöpfung eines eisernen Autokraten, scheelen und überlegenen Blickes hinabsieht, erscheint ihm sein zärtlich geliebtes „Mütterchen Moskau“ als der Mittelpunkt seines Glaubens, seiner Vaterlandsliebe, seiner Geschichte, hier schlägt das Herz seines Reiches, und nur hier stellt sich der feierliche Act der Czarenkrönung ganz und voll als die heilige Handlung dar, als die er sie auffaßt.

[330] Der Ursprung der heute so gewaltigen und einen für die Einwohnerzahl ganz unverhältnißmäßig ausgedehnten Flächenraum bedeckenden Stadt verliert sich im Nebel der vorgeschichtlichen Zeit; urkundliche Erwähnung findet sie zuerst im Jahre 1147. Mehr denn sieben Jahrhunderte sind seitdem über Moskau dahingezogen und wechselvoll genug gestalteten sich innerhalb dieses Zeitraumes die Geschicke seiner Bewohner. Von feindlichen Horden wiederholt überfallen, geplündert, verwüstet und eingeäschert, erhielt sich dennoch der Charakter der Stadt nach der jedesmaligen Wiederherstellung unverändert: echt russisch; und wenn auch sie den nivellirenden Einflüssen der Neuzeit sich nicht völlig zu entziehen vermocht hat – ihr Grundtypus blieb trotzdem der alte, und die während der letzten Jahrzehnte nach westeuropäischem Muster zahlreich angelegten großartigen Boulevards vermögen im kunstverständigen Beschauer nur den Eindruck hervorzurufen, als paßten sie verzweifelt wenig in den Gesammtrahmen dieses „Nürnbergs der russischen Architktur“.

Mit dem jedem Russen innewohnenden Triebe, sich ein eigenes, wenn auch noch so kleines und bescheidenes Heim zu errichten, hängt es nämlich zusammen, daß noch gegenwärtig in Moskaus Straßen die stolzesten Paläste mit niedrigen und unscheinbaren Häuschen abwechseln, was der nach europäischen Begriffen wünschenswerthen Regelmäßigkeit der Straßenanlagen keineswegs zum Vortheile gereicht. Gewahrt man außerdem, wie noch heute zahlreiche Gärten, Seen, ja hin und wieder weitgedehnte Ackerfelder so manchen Theilen dieser merkwürdigen Stadt ein fast ländliches Gepräge aufdrücken, ein Gepräge, das selbst durch den Wiederaufbau nach dem letzten großen Brande vom Jahre 1812 nicht völlig verwischt wurde, so wird man sich unwillkürlich versucht finden, dem schon vor sechszig Jahren abgegebenen Urtheil des Fürsten von Ligne: „Moskau ist eigentlich keine Stadt, sondern nur eine Vereinigung von mehreren hundert von ihren Dörfern und Gärten umgebenen Schlössern,“ auch jetzt noch eine gewisse, wenn auch eingeschränktere Berechtigung zuzuerkennen.

Gilt Moskau überhaupt dem Russenthum als eine durch die geschichtlichen Ueberlieferungen geheiligte Stätte, so darf man den im Mittelpunkte dieses Häusermeeres und unmittelbar am Ufer der Moskwa sich hoch auftürmenden Kreml mit seinen goldschimmernden Kuppeln, Kreuzen und Zinnen füglich als das Allerheiligste auf altrussischer Erde bezeichnen. Was die Akropolis und das Capitol für das alte Athen und das alte Rom waren, das ist für die Hauptstadt der Czaren seit Jahrhunderten der Kreml.

Der ursprüngliche Name dieser heiligen Burg des Russenthums war „Djetjinetz“, das heißt Citadelle, festes Schloß; seine spätere und noch gegenwärtige Bezeichnung, der übrigens die gleiche Bedeutung innewohnt, ist tatarischen Ursprungs und datirt erst seit 1328, in welchem Jahre Großfürst Iwan Danilowitsch mit dem Beinamen Kalita, das heißt der Beutel, Moskau zu seiner Residenz erhob. Im Grunde genommen bildet er eine kleine Stadt für sich, dieser Kreml; beläuft sich doch noch jetzt die Zahl seiner Bewohner auf fast 2000 Köpfe. In früheren Zeiten freilich bezifferte sie sich weit höher; denn so lange die Burg den Czaren als Residenz diente, wohnten hier alle zum Hofhalte gehörigen Personen, und außerdem hatte auch die höhere Geistlichkeit, sowie eine bedeutende Anzahl der vornehmsten Bojaren des Reiches hier ihr ständiges Domicil aufgeschlagen. Noch um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts soll der Kreml mehr als zwanzig Gassen umfaßt haben, von denen jetzt nur noch eine, die Commandantenstraße, übrig geblieben ist.

Außer dem großen kaiserlichen Palaste, dem riesigen Synodalgebäude, dem Senatspalaste, dem Arsenale und der Caserne birgt der mächtige steinerne Complex noch jetzt nicht weniger als drei Kathedralen, von denen der prachtvolle Uspénsky-Sobór, auf den wir weiter unten zurückkommen werden, in jeder Beziehung den ersten Rang einnimmt; außerdem zwölf keinere Kirchen, eine Capelle und zwei Klöster, sämmtlich angefüllt mit Kunstschätzen, Kleinodien und Seltenheiten von fast unschätzbarem Werthe. Von gewaltigen Verhältnissen sind auch die Mauern, von denen die Burg eingefaßt wird, und durch die fünf Thore in die umliegenden Stadtheile führen.

Noch im gegenwärtigen Jahrhundert sollten diese Quadern eine schwere Probe rühmlich bestehen, Kaiser Napoleon, der 1812 in diesen verödeten Räumen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, gab, als er sich zum verhängnißvollen Rückzuge gezwungen sah, in ohnmächtiger Wuth den Befehl, den ganzen Kreml in die Luft zu sprengen. Die Ausführung dieses Vandalismus scheiterte jedoch an der außerordentlichen Stärke des Mauerwerkes. Nur ein kleiner Theil desselben wurde zerstört, dieser Schaden aber von den zurückgekehrten Russen so vollständig ausgebessert, daß heute keine Spur davon wahrzunehmen ist.

Auch ein Wassergraben trennte vormals das Schloß von der Stadt; erst in neuerer Zeit wurde derselbe ausgefüllt und an seiner Stelle ein prachtvoller Boulevard angelegt, während die ursprünglichen, nunmehr viele Jahrhunderte alten Burgmauern mit ihren achtzehn Thürmen von der Regierung mit pietätsvoller Sorgfalt fortwährend in baulichem Zustande erhalten werden. Ueberhaupt darf man sagen, daß kaum irgendwo in der Welt ein zweites Fürstenschloß existirt, welches sich seinen ursprünglichen Charakter dermaßen unverändert bewahrt hätte, wie der Kreml von Moskau, und so sehen denn die Russen in ihm, der mit allen Wechselfällen des Reichs unzertrennlich verknüpft ist, mit Recht die Stein gewordene Geschichte ihres Landes.

Schon aus weiter Ferne fällt dem Reisenden, der sich der Czarenstadt nähert, ein gewaltiger Thurm in’s Auge, der nicht blos ganz Moskau, sondern sogar die sämmtlichen übrigen Bauten des Kremls erheblich überragt. Es ist der Glockenturm „Iwan der Große“, dessen vergoldete Kuppel mit einem kolossalen, gleichfalls schwer vergoldeten Kreuze geschmückt ist. Unter der Regierung Boris Godunow’s um das Jahr 1600 auf der höchsten Stelle des Kremls errichtet und bis zur Kreuzesspitze nahezu hundert Meter hoch, gewährt dieser Thurm eine unbeschreiblich prachtvolle Aussicht über die ganze Stadt mit ihren im Sonnenlichte funkelnden Kuppeln bis weit hinaus in das unbegrenzte Flachland. Dem echten Moskauer gilt der „Große Iwan“ denn auch für die größte Sehenswürdigkeit, für das eigentliche Wahrzeichen seiner Stadt. In der Osternacht, wenn auf dem Platze, den die drei Kathedralen umschließen, Tausende von Andächtigen mit brennenden Kerzen in den Händen versammelt sind, lauscht jedes Ohr erwartungsvoll, bis endlich vom „Großen Iwan“ her der Schlag seiner Riesenglocke erdröhnt, das Zeichen für alle anderen Kirchen, mit ihrem Glockengeläute einzufallen und das Fest der Auferstehung zu verkünden. Uebrigens befindet sich dieser tönende Koloß, dessen Stimme auf stundenweite Entfernung vernehmbar ist, nicht im eigentlichen Thurme selbst, sondern er ist in einem Anbaue desselben untergebracht; sein Gewicht beläuft sich auf nicht weniger denn 60,000 Kilogramm, eine Ziffer, von deren Bedeutung unsere Leser sich erst dann eine annähernde Vorstellung werden machen können, wenn wir daran erinnern, daß die bei uns zu Lande so berühmte Kaiserglocke im Kölner Dome kaum 9000 Kilogramm wiegt.

Wenden wir nunmehr unsere Schritte vom „Großen Iwan“ weiter nach links, so gelangen wir auf den an geschichtlichen Erinnerungen überaus reichen, mit Steinplatten belegten und mit einem Gitter eingefaßten Platz vor den drei Kathedralen, um hier vor der vornehmsten derselben, dem schon weiter oben gedachten prachtvollen „Uspénky-Sobór“, auf Deutsch „Maria-Himmelfahrtskirche“, für einen Augenblick Halt zu machen.

Seit länger denn drei Jahrhunderten gilt dieser Dom dem Russenthume für die berühmteste unter allen Kathedralen Moskaus, ja des ganzen Reichs. Erbaut wurde er um’s Jahr 1500 vom Meister Ridolfo Fioraventi aus Bologna. Renaissance, romanische, byzantinische und tatarische Motive schwirren bei diesem Baue bunt durch einander, dergestalt, daß von einem einheitlichen Stile nicht entfernt die Rede sein kann; treten wir jedoch in das Innere des durch Größe und Höhe ausgezeichneten Gotteshauses ein, so fesselt unsern Blick eine wahrhaft blendende Pracht der Ausschmückung. Goldene und silberne Zierrathen sind überall in verschwenderischer, nach europäischen Begriffen in überladener Menge angebracht, mit Edelsteinen reich besetzte Heiligenbilder, unter denen namentlich das Palladium des Reiches, ein angeblich vom Evangelisten Lucas gemaltes Bild der Mutter Gottes von Wladimir, hervortritt, glitzern und funkeln uns allerorten entgegen, kostbare Meßgewänder, mit Perlen und Diantanten besäete Evangelienbücher und massive Altargefäße von unschätzbarem Werthe vervollständigen das heilige Inventar – kurz, das Auge weiß kaum, auf welcher von all diesen sinnberauschenden Herrlichkeiten [331] es haften soll, und dasselbe schließt sich ermüdet von so viel Glanz.

Was aber dieser Kirche eine ganz besondere Weihe verleiht, das ist der Umstand, daß sie seit dem Czaren Iwan dem Schrecklichen, also seit mehr denn drei Jahrhunderten, die altherkömmliche Stätte bildet für die feierliche Krönung und Salbung der russischen Selbstherrscher.

Das glänzende Schauspiel einer Czarenkrönung wird in diesen Tagen abermals an unserm Blicke vorüberrauschen, und der Uspénsky Sobór sich nach derselben wiederum in Dunkel und träumerisches Schweigen hüllen. Möge es lange dauern, bis sich seine Pforten wieder öffnen, und möge die Regierung Alexander’s des Dritten seinem weiten Reiche und den Nachbarländern den Segen des Friedens bringen.


  1. Wir empfehlen Angesichts des allgemeinen Interesses, welches gegenwärtig die Ereignisse im russischen Reiche beanspruchen, das soeben im Erscheinen begriffene, treffliche Prachtwerk „Rußland, Land und Leute“, herausgegeben von Hermann Roskoschny (Leipzig, Greßner u. Schramm).