Zum Inhalt springen

Die Jugendspiele in ihrer gesundheitlichen und pädagogischen Bedeutung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Moritz Schreber
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Jugendspiele in ihrer gesundheitlichen und pädagogischen Bedeutung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 414-416
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[414]
Die Jugendspiele in ihrer gesundheitlichen und pädagogischen Bedeutung.
Von Dr. med. Schreber in Leipzig.

Die Heilkunde hat die hohe Aufgabe, die körperlichen und geistigen Uebel und Gebrechen der Menschheit nach Möglichkeit zu verringern, und zwar nicht blos am einzelnen Menschen, sondern als sociale Heilkunde am ganzen Geschlechte. Denn will sie wirklich radical eingreifen und als Wissenschaft und Kunst sich die Krone der echten Humanität verdienen, so darf sie nicht von hinten anfangen, darf nicht blos oder hauptsächlich die Heilung des eingetretenen Uebels, sondern muß die Verhütung des voraus zu berechnenden Uebels an die Endspitze ihrer Perspective stellen. Sie soll dahin wirken, die Entwickelung des menschlichen Culturlebens in die naturgemäßen Bahnen zu leiten, Alles zu entfernen, was Mangel gründlicher Erkenntniß der menschlichen Natur und ihrer daraus hervorleuchtenden Bestimmung, was Rohheit, Schlaffheit, Weichlichkeit und Sinnlichkeit, was finstere Dummheit, was niedrige Sonderzwecke der Herrschsüchtigen an naturgesetzwidrigen Schattenseiten, an Giften des körperlichen und geistigen Lebens der Cultur aufgeimpft haben. Ja, hätten die praktischen Staatsmänner, Theologen, Pädagogen und Schulmänner das Studium der Menschennatur zur Grundlage ihrer Berufsthätigkeit gemacht, oder wäre von erleuchteten Aerzten nur ein Theil der unermeßlichen Mühe und Sorgfalt, welche seit Jahrhunderten schon allein auf den Ausbau der zu 7/8 unfruchtbaren Arzneimittelchen verwendet wird, auf den Ausbau der socialen Gesundheitslehre verwendet worden, – so stände es wahrlich besser um das Wohl der Culturvölker.

Diese Anschauung scheint auch in der heutigen Heilkunde mehr und mehr vorwaltend zu werden und eine praktische Richtung zu gewinnen. Bei aller Höhe und Würde, welche in dieser Aufgabe der Heilkunde liegt, bleibt danach ihr Wirkungskreis doch immerhin ein mehr negativer.

Nächst dieser muß man eine noch höhere und, wenn irgendwo, so zunächst von hier aus zu erfüllende positive Aufgabe der socialen Heilkunde zuerkennen, nämlich die: die Menschheit in den verschiedenen Stadien der allgemeinen Culturentwickelung nicht nur immer wieder auf die naturgesetzlichen Grundbedingungen hinzuweisen und zurückzuführen, sondern sie von da aus auch auswärts zu führen und von Generation zu Generation zu veredeln, dahin zu wirken, daß aus der menschlichen Natur mehr und mehr das gemacht werde, was aus ihr zu machen ist nach Maßgabe des in ihr dargelegten schöpferischen Gedankens (nach Maßgabe der in ihr liegenden Fülle von edlen Kraftanlagen und Entwickelungsmöglichkeiten), wie dieser als erfüllbar sich herausstellt im Zusammentreffen mit den einem Lande, einem Volke und dem Einzelnen gegebenen unabänderlichen Lebensverhältnissen.

Manchem wird vielleicht eine solche Auffassung zu ideal erscheinen. Aber ich glaube doch, daß auch der nüchternste Denker schließlich darin übereinstimmt, daß allen menschlichen Bestrebungen, die auf Höherentwickelung abzielen, ein entsprechendes Ideal zu Grunde liegen muß, daß die je höchstmögliche Fortschrittsstufe, das wirklich Erreichbare nur zu erreichen ist durch das Streben nach dem kaum oder nicht erreichbaren Höchsten. Jedes menschliche Streben nach edlen Zielen bleibt schließlich hinter dem Ziele des Strebens zurück, und – nur erst mit seinen Zielen wächst der Mensch. Wer vorwärts will, muß ideale Ziele fest im Auge behalten.

Dies ist der Gesichtspunkt, von wo aus wir die Bedeutung der Jugendspiele für körperliche und geistige Gesundheit, für die gesammte Entwickelung des kindlichen Lebens, einer näheren Betrachtung unterwerfen wollen.

Von dem Zeitpunkte an, wo das Kind zur ersten Stufe der Selbstständigkeit gelangt ist, wo es die Fähigkeit in sich fühlt, nach Willkür sein eigenes Wesen zu handhaben, und mit Willkür auch auf die Außenwelt einzuwirken und mit ihr in Wechselverkehr zu treten, drängt der natürliche Trieb (die sich anhäufende Summe körperlich-geistiger Kraft) zur Thätigkeit, zur Aeußerung und Verwendung der Kraft.

Die Befriedigung dieses Triebes gewährt zunächst das Spiel, und zwar in dem Alter zwischen zwei und sieben Jahren das Spiel ausschließlich, gleichviel, ob es ein stilles (ein Alleinspiel), oder ein gemeinschaftliches Spiel ist. Beide Gattungen des Spieles sollen in richtiger Abwechselung die Zeit in diesem Alter ausfüllen. Das Kind liebt und sucht das Spiel also nicht etwa als einen passiven Genuß, um sich dadurch unterhalten zu lassen, sondern vielmehr deshalb, um daran seinen eigenen Thätigkeitstrieb zu befriedigen und in dieser natürlich-angenehmen activen Erregung seine Unterhaltung zu finden. Daraus erhellt die hohe, noch viel zu wenig erkannte Wichtigkeit einer entsprechenden Wahl der Spielmittel und einer verständigen Ueberwachung des Spieles selbst. Wie das Kind spielt, so wird es auch einst sein, leben und arbeiten. Die Spielzeit ist die Elementarclasse der Lebensschule.

Verlangt nun auch der natürliche Thätigkeitstrieb in dem Alter der Schulreife ebenso dringend die Beschäftigung mit ernsten Dingen zur Bereicherung des Wissens und Könnens, so bleibt doch nicht weniger auch hier das Spiel, die entsprechende Abwechselung desselben mit den ernsten Beschäftigungen, ein wahrhaftes und unentbehrliches Bedürfniß, sowohl zur körperlichen und geistigen Auffrischung überhaupt, als auch zur Gewinnung von Kraft, Lust und Ausdauer für die ernsteren Beschäftigungen insbesondere.

Dieser Punkt, die Bedeutung der Spiele des reiferen kindlichen Alters, der Knaben- und Mädchen-Spiele für körperliches und geistiges Leben und die Nothwendigkeit ihrer Beachtung von Seiten der Schulerziehung, ist es, worauf wir hier besonders unsere Aufmerksamkeit richten wollen. Es wird sich dabei herausstellen, daß hierin nicht nur eine wichtige Aufgabe der elterlichen, sondern auch der Schulerziehung liegt.

Das, was von den Jugendspielen die Schule besonders unter ihr Auge zu nehmen hat, sind die gemeinschaftlichen, also meistens im Freien geschehenden Spiele. Daß auch der Schulerziehung diese Pflicht mit zufällt, liegt in der allgemeinen Aufgabe der Schule. Diese besteht darin, das Kind auf eine höhere Lebensstufe zu heben, es lebenstüchtig und menschenwürdig auszubilden. Da sich aber die menschliche Natur nicht halbiren oder halbirt behandeln läßt, so muß da, wo der Geist gebildet werden soll, auch der Körper soweit möglich mit gebildet und entwickelt werden, denn [415] letzterer ist die Wurzelhälfte des ersteren. Insofern nun die Jugendspiele, wie wir bald näher darlegen wollen, nicht nur körperliche Kräftigungs- und Entwickelungsmittel, sondern zugleich sehr wichtige direct geistbildende Erziehungsmittel sind, so haben sie doppelte Berechtigung, in den Kreis der Schulpflege mit aufgenommen zu werden.

Wenn der gesellige Umgang mit seines Gleichen dem Menschen im Allgemeinen die ergiebigste Quelle geistiger Nahrung, das naturgemäßes Mittel geistiger Belebung, Läuterung, Verjüngung, Veredlung, daher ein wesentliches Lebensbedürfniß ist, so gilt dies im höchsten Grade vom Kinde. Unter seines Gleichen fühlt sich das Kind erst ganz heimisch und behaglich. Durch diesen Wechselverkehr und Wetteifer wird jeder noch so verborgene Funke der geistigen Individualität der Kinder geweckt und entzündet. Leben entzündet sich an Leben, wie Flamme an Flamme. In dieser belebenden Wirkung liegt der angenehme Reiz, welcher dem natürlichen Bedürfnisse des Kindes so ganz entsprechend ist. Erfindungsgabe, Witz, Entschlossenheit, Muth beziehen aus dieser Quelle ihre Hauptnahrung. Der diesem Alter ohnedies eigene Nachahmungstrieb ist in solchen Momenten am lebendigsten. Die Pforten des geistigen Lebens sind für alle Arten der Einwirkung geöffnet. Daher die Nothwendigkeit einer das Verderbliche fernhaltenden und auf Veredelung gerichteten Ueberwachung gemeinschaftlicher Spiele. Darüber später.

Ferner besteht ein wichtiger praktischer Nutzen der gemeinschaftlichen Spiele der Kinder darin, daß sich der Eigenwille an einem gleichberechtigten anderen Willen bricht. Das Kind lernt seinen Willen mit dem Willen Anderer in Einklang bringen, wobei, wenn nur das überwachende Auge Gerechtigkeit walten läßt, unbeschadet der individuellen Selbstständigkeit, manches Schroffe, manches Scharfe und Eckige ganz von selbst sich glättet und rundet. Ein großer Gewinn für’s Leben!

Mit dieser Eingrenzung des Eigenwillens fällt die Abschleifung des Eigensinnes, die Umdämmung des Uebermuthes und die Herabstimmung der allzugroßen Reizbarkeit, Launigkeit und weichlichen Empfindelei zusammen. Mit etwas Takt begabt, wird die Oberleitung ihre Aufgabe, Alles im richtigen Geleise zu erhalten, hier leichter erfüllen können, als wenn sie es mit dem einzelnen Kinde zu thun hat. Nur muß jeder Gifttropfen von Ungerechtigkeit, ernster Kränkung, des Spottes, Hohnes, Neides, bösartiger Neckerei und Schadenfreude ein für allemal aus dem Kreise verbannt werden. Munterkeit und Frohsinn sollen ungetrübt walten, Scherze und Neckereien in den Grenzen voller Harmlosigkeit bleiben. Durch Consequenz und Takt der Oberleitung gewinnen die Kinder überaus schnell selbst so viel natürlichen Takt, daß dem überwachenden Auge fast nur noch eine passive Rolle übrig bleibt. Nur muß man es verstehen, in ihnen, wie überall, so auch hier das Ehrgefühl für ein richtiges Benehmen rege zu erhalten.

Zur Entwickelung und Veredelung des Willens, der Thatkraft und des Gefühles, also zur Bildung des Charakters, der ja den ganzen moralischen, aber auch praktischen Werth des Menschen bestimmt, ist nur das Thatleben geeignet. Der Charakter kann nur im Thatleben sich bewähren, kräftigen und reifen, nicht aber im gewöhnlichen Schulleben, welches fast nur in aufnehmender, empfangender Thätigkeit besteht. Das ernste, schaffende Thatleben steht dem Kinde fern, und doch soll und muß letzteres darauf vorbereitet und gebildet werden, um seine dereinstigen Lebensaufgaben erfüllen zu können.

Die Jugendspiele sind daher fast die einzige Sphäre, in welcher sich das Thatleben der Kindheit, das selbstständige, freie, von innen heraus sich gestaltende Leben und Wirken entfalten kann. Gerade die gemeinschaftlichen Jugendspiele haben den hohen Werth, daß sie das Ich mehr oder weniger vergessen, es irgend einem allgemeinen Zwecke sich unterordnen lassen, daß sie spielend vorbereiten auf das Leben und Wirken für gemeinschaftliche Zwecke, daß sie Gemeinsinn wecken und fördern, daß sie dabei Entschlossenheit, Muth und selbstschaffende Thatkraft, Erfindungsgeist, körperliche und geistige Frische und Gewandtheit bringen. Das begabtere Kind reißt das weniger begabte aufwärts und mit sich fort. Eins hebt das andere, und schließlich heben sich Alle durch Alle.

Von all diesem bietet das Leben im Familienkreise fast nichts, das Leben auf den Schulbänken gar nichts. Und doch fällt es der Schule mindestens zum gleichen, wenn nicht größeren Theile zu, die Jugend für das spätere große Leben, für das Leben in und mit der Welt, für die Tüchtigkeit im Staatsbürgerleben nach Möglichkeit vorzubereiten.

Ich habe bisher von dem eigentlichen gesundheitlichen Werthe der Jugendspiele geschwiegen. Nun, er ist so einleuchtend, daß eine nähere Auseinandersetzung desselben überflüssig erscheint. Ein öfteres Austummeln in freier Luft schafft besser Gewandtheit, Kraft und Jugendmuth, macht und erhält besser vertraut mit Klima und Jahreszeit, verschafft überhaupt einen viel, unaussprechlich viel gedeihlicheren Genuß der freien Luft, als eine jeweilige steifbeinige Familienpromenade. Man braucht sich, um von der Dringlichkeit allgemeiner Begünstigung und Förderung der Jugendspiele recht überzeugt zu sein, nur daran zu erinnern, wie unsere Jugend theils durch die steigenden Anforderungen des gewöhnlichen Schullebens, theils durch ganz mißverstandene Begriffe von Sitte und Anstand immer mehr und mehr eingesperrt und von diesem Lebenselemente des kindlichen Alters zurückgehalten wird.

Besonders ist es die Jugend der größeren und in neuester Zeit reißend schnell anschwellenden Städte, welche daran darbt und unter diesem Mangel schwer leidet. Weder Schule noch Haus kümmern sich darum. Die Jugend würde sich wohl selbst helfen, wenn sie könnte. Aber nicht genug, daß Schule und Haus nichts dafür thun, arbeiten sie vielmehr dagegen: die erstere durch fast völlige Beschlagnahme der Zeit, das letztere durch modische Ablenkung und Vernichtung des kindlichen Sinnes, durch weibische Aengstlichkeit und Weichlichkeit oder durch blasirte Vornehmthuerei. Die Gemeindebehörden, anstatt für passende, gut eingerichtete und überwachte Spiel- und Tummelplätze der Jugend besorgt zu sein, geizen mit dem Platze und denken bei dessen Verwendung an Alles, nur nicht an die Jugend. Wenn nicht einzelne Kinder – und wie selten ist dazu die Gelegenheit! – etwa in größeren Gärten zum Spiele sich zusammenfinden können, so haben sie außerdem gewöhnlich fast nichts der Art, sondern werden, wenn sie ja einen verstohlenen Versuch auf irgend einem freien Plätzchen machen wollen, als polizeiliche Sträflinge behandelt. Daher sind auch eine Menge hübscher Spiele, an denen wir, die wir früheren Generationen angehören, in unserer Jugend uns ergötzten und erfrischten, aus den jetzigen jugendlichen Kreisen vollständig verschwunden.

Die Turnplätze und Turnanstalten bilden allerdings eine wichtige, ganz unentbehrliche Bedingung namentlich unseres gegenwärtigen Culturlebens. Nur schade, daß ihre Verbreitung noch viel zu gering und auch da, wo solche bestehen, ihre Benutzung noch viel zu wenig allgemein ist. Aber selbst wenn dies auch anders wäre, würden die Turnanstalten an sich, wenn nämlich nicht zugleich mit ihnen große freie Spielplätze verbunden sind, die eigentlichen Spiel- und Tummelplätze, wie sie der Gesammtentwickelung der Jugend nothwendig sind, doch nicht ersetzen können. Wie schon oben bemerkt, das Spiel als solches, die Gemeinschaftlichkeit, das innerhalb gewisser Grenzen freie Gebahren der Jugend, hat einen zu wichtigen selbständigen Werth.

England ist in dieser Beziehung schon etwas voraus. Obgleich das Turnwesen des Continents (Mitteleuropa’s) hier noch wenig Eingang gefunden hat, weil man andere Ersatzmittel dafür zu haben glaubt und sich gegen alles von außen Kommende möglichst lange stemmt: so hat doch hier jede Stadt ihre geräumigen Spiel- und Tummelplätze für die Jugend. Selbst jede Dorfschule und Dorfgemeinde hat ihr Cricket-field, ihren Schlagballspielplatz, wo sich Jung und Alt an dem Cricket-Spiele, das Schnelligkeit, Gewandtheit, Muth und Kraft trefflich übt, erfrischen und belustigen. Dafür ist auch die Bevölkerung Englands im Allgemeinen kräftiger, als die anderer großer Länder, wenn man die Bevölkerung der Fabrikdistricte Englands ausnimmt, welche durchschnittlich ein trauriges Bild der Entwickelung der menschlichen Natur gibt.

Ist man erst von der Wichtigkeit der Sache überzeugt, so wird es auch nirgends an einem dazu tauglichen Platze mangeln, da ja jeder für andere Zwecke bestimmte freie Platz, jede Trift, jeder Exercirplatz etc. dazu mitbenutzbar ist; so wird auch keine Gemeinde die geringen Kosten scheuen, welche die sogleich zu erwähnende weitere Einrichtung verlangt.

Um den Zweck vollständig zu erreichen, ist nämlich die einfache Ueberlassung eines Platzes an die Jugend, wie dies in England der Fall, nicht hinlänglich, sondern der Platz und die darauf vorzunehmenden Spiele müssen auch planmäßig eingerichtet und überwacht sein. Die Eltern aus allen Ständen und Classen der Bevölkerung müssen mit vollem Vertrauen, mit voller Beruhigung darauf blicken können, wenn eine allgemeine Benutzung nicht verfehlt werden soll.

Ich meine nicht etwa eine polizeiliche Ueberwachung im gewöhnlichen Sinne, sondern eine väterliche Aufsicht, um Mißbrauch, [416] Unfug und Rohheit fernzuhalten und auch eine, in aller Weise positiv veredelnde und bildungsförderliche Einwirkung auf das Jugendspiel auszuüben. Dazu würde ein Mann zu wählen sein, der mit gehöriger Bildung Sinn und Liebe für die Sache verbände, für das Leben und Treiben auf dem Platze verantwortlich gemacht würde und die etwaigen Spielgeräthschaften unter seinem Gewahrsam hätte. Selbstverständlich müßte er seine Wohnung auf oder unmittelbar an dem Spielplatze haben. Wünschenswerth würde ein Verheirateter sein, damit die weibliche Jugend auch weiblichen Einfluß genösse. Das Turnlehrer- oder Militairpersonal würde die reichlichste und passendste Auswahl bieten.

Diese Aufsicht müßte besonders darüber wachen, daß bei vollster Freiheit des jugendlichen Treibens doch jedem Einzelnen, wie auch den einzelnen Abtheilungen der Jugend Recht und Ordnung, und dem Ganzen heitere Harmlosigkeit und Sitte gesichert wären.

Von Seiten der Schulbehörden würde dann die leicht auszuführende Obercontrole und zugleich die Einwirkung auf allmähliche Vervollkommnung und Veredelung der Spielgattungen zu übernehmen sein, doch dies Alles, ohne die natürliche und – insoweit sie eine edle oder wenigstens unschuldige ist – selbstschaffende Thätigkeit und Freiheit des jugendlichen Sinnes zu stören.

Nur durch eine solche Einrichtung würde man die vielfachen und in mancher Hinsicht besonders wegen Sittenverderbniß gerechten Bedenken beseitigen können, welche außerdem alle diejenigen Eltern haben würden, die um das körperliche wie geistige Wohl ihrer Kinder zart besorgt sind. Nur bei einer dergestalt gewährleisteten Einrichtung ist kein vernünftiger Grund mehr denkbar, weshalb Eltern ihre Kinder von der Betheiligung an den so heilsamen gemeinschaftlichen Jugendspielen zurückhalten sollten. Diese Betheiligung würde dann ebensowol von Seiten ganzer Schulabtheilungen regelmäßig an bestimmten Tagen und Stunden, als auch nach Befinden von Einzelnen in irgend einem passenden Freistündchen, ein Mal so unbedenklich wie das andere Mal geschehen können.

Die harmonische und kräftige Entwickelung des jugendlichen Organismus legt den Grund für die gedeihliche Durchführung des ganzen späteren Lebens. Sie schafft den Kern, aus dem das spätere Leben Blüthen und Früchte entwickeln soll, von dessen Beschaffenheit die Beschaffenheit der letzteren bedingt wird. Von ihr in erster Instanz hängt Glück oder Unglück ab. Soll aber die körperliche und geistige Entwickelung des Kindes gedeihen, soll es gut und mit dauerndem Erfolge lernen, soll es zum Lernen die organische Kraft und die entgegenkommende Neigung haben, so muß es neben dem Lernen auch spielen können. Das elterliche Haus kann fast nirgends das bieten, was die Schule und eine allgemeine Einrichtung darin zu bieten vermag.

Die Jugendpflege ist ja die fundamentalste Lebensfrage des Staates. Nur der allseitig kräftig und gut entwickelte Mensch kann seine Lebensaufgabe für sich und für die Welt vollständig erfüllen, kann dem Staate sein, was er sein soll. Diese erste und allgemeinste Vorbedingung des ganzen Lebens ist zu wichtig, als daß nicht auch der eben besprochene Gegenstand die volle Aufmerksamkeit aller das wahre Wohl ihrer Kinder erstrebenden Eltern, aller Schul- und Staatsbehörden auf sich ziehen sollte.

Möchten diese Andeutungen nicht erfolglos verhallen!