Zum Inhalt springen

Die Influenza (Gartenlaube 1892, Heft 6)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. W. Heß
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Influenza
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 184–187
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht zum Kampf gegen Influenza-Epidemien 1889/90 und 1891
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[184]

Die Influenza.

Von Dr. W. Heß.

Die räthselhafte Krankheit, die in der letzten Zeit zweimal hintereinander ganz Europa von einem Ende zum andern überzog, kann als beinahe erloschen gelten. Unbegreiflich ist sie verschwunden, wie sie unbegreiflich gekommen war. Plötzlich war sie da zu Beginn des Winters, ebenso plötzlich und zu derselben Jahreszeit wie 1889, und sie verschwand in diesem Jahre, genau so wie 1890, mit dem Monat Februar. Damals überfiel sie die europäische Menschheit wie der Feind, der mitten in der Nacht ein wehrloses Lager schlafender Krieger überfällt. Niemand war auf sie vorbereitet; seit mehr denn dreißig Jahren hatte man nichts von ihr gehört, man hatte sie vergessen und der größte Theil der lebenden Aerztegeneration hatte niemals ihre Bekanntschaft gemacht. In diesem Winter hingegen war man gerüstet; man empfing den Feind mit kräftiger Gegenwehr, man lernte seine Tücken kennen, man untersuchte seine Natur und fand eine Reihe von Waffen, mehr oder weniger wirksam, die man mit Geschick und Erfolg anzuwenden wußte. Die Aerzte schlossen sich zusammen und in den Laboratorien wurde das gesammte gewaltige Arsenal moderner Forschung aufgeboten, womit man den bacillären Infektionskrankheiten – als eine solche war die Influenza schon lange erkannt worden – heute auf den Leib rückt. Die Erfolge sind keine geringen gewesen, und als Ausdruck derselben sieht dieser Monat März zwei Erscheinungen ins Leben treten, welche die bisherige Forschung über die Influenza gewissermaßen zusammenfassen: die „Sammelforschung“ des Berliner „Vereins für innere Medizin“ und die „Influenza-Konferenz“, die in London zusammentreten wird.

Um das Dunkel zu lichten, das über der Krankheit lag, die man heute mit dem italienischen Namen „Influnenza“ bezeichnet und die früher „Grippe“ genannt wurde, erwählte der „Verein für innere Medizin“ zu Anfang des Jahres 1891 einen Ausschuß, um eine sogenannte Sammelforschung über die Seuche anzustellen. Eine „Sammelforschung“ nennt man eine Erhebung, die durch Fragebogen bewirkt wird; man schickt die sorgfältig ausgearbeiteten Fragebogen an alle Personen, von denen man voraussetzen darf, daß sie über die betreffende Sache etwas zu sagen wissen.

Der Umfrage des Berliner „Vereins für innere Medizin“ haben nicht weniger als 6000 Aerzte entsprochen! Man kann sich denken, welch’ eine Riesenarbeit es sein mußte, ein so ungeheures wissenschaftliches Material zu sichten und methodisch zu verarbeiten. Indessen ist diese Arbeit doch schon so weit gefördert, daß sie nahezu als abgeschlossen bezeichnet werden darf. Die Antworten der Aerzte beziehen sich naturgemäß in ihrer großen Mehrzahl auf die Epidemie von 1889/90; aber auch die diesjährige Epidemie konnte doch schon in gewissem Grade berücksichtigt werden. So wird die Publikation des Berliner Vereins den Verhandlungen des Londoner Kongresses eine breite Grundlage geben; Sache des Kongresses wird es sein, die Arbeit deutschen Forscher- und Sammelfleißes durch die Erfahrungen jüngsten Datums und die Beobachtungen aus anderen Ländern zu ergänzen.

Ein besonderer Werth wird dem Werke des „Vereins für innere Medizin“ verliehen durch die beigegebenen Karten. Es befindet sich darunter zunächst eine allgemeine Uebersichtskarte über die Ausbreitung der Influenza von 1889/90 über alle Erdtheile. Ergänzt wird diese Karte durch zwei andere: auf einer von ihnen sind für alle Länder die Zeiten dargestellt, in welchen die Epidemie geherrscht hat, auf der zweiten sind die Zeitpunkte des Auftretens der Seuche in den hauptsächlichsten Städten Europas zur Anschauung gebracht. In weiteren 22 Karten werden die Mit- und Nachkrankheiten der Influenza im Verhältniß zur Bevölkerung und zur Zahl der Erkrankten übersichtlich vorgeführt. Doch beziehen sich diese Karten nur auf Deutschland.

Ueber alle Fragen, die hinsichtlich der Influenza aufgetaucht [185] sind, bringt das Werk des „Vereins für innere Medizin“, das man wohl als epochemachend bezeichnen kann, umfassende, in einigen Punkten erschöpfende Aufklärung. Die Zeit ist vorbei, da die Aerzte der tückischen Krankheit als Neulinge gegenüberstanden. Auch die geschichtliche Forschung hat ihre Bearbeiter gefunden, und dabei hat es sich herausgestellt, daß die Influenza, weit entfernt, eine neue Krankheit zu sein, eine der ältesten ist, welche die Menschheit geplagt haben. – Schon in den überlieferten Schriften der Alten finden sich Hindeutungen auf eine Krankheit, die mit der Influenza identisch gewesen sein muß. Nach einer Beschreibung des Hippokrates, des Stammvaters der Aerzte, und einer späteren Erwähnung des römischen Historikers Livius muß im Jahre 412 v. Chr. eine Influenza-Epidemie in den Mittelmeerländern gewüthet haben. Ganz sicher festgestellt ist das Erscheinen der Influenza im Jahre 1387, seit welcher Zeit sie in regelmäßiger Wiederkehr aufgetreten ist, in mehr oder weniger ausgebreiteten Epidemien. Germain Sée, der berühmte Pariser Kliniker, veröffentlicht folgendes Dokument aus dem Jahre 1427, entnommen dem „Tagebuch eines Bürgers der Stadt Paris unter den Königen Karl VI und Karl VII“, also eines Zeitgenossen der Jungfran von Orleans:

„Item, zu dieser Zeit, ungefähr fünfzehn Tage vor Sainct Rémy (d. h. um den 15. September, da Saint Rémy am 1. Oktober ist) war eine schlechte verdorbene Luft, welche eine sehr böse Krankheit herbeibrachte, genannt die ‚Dando‘, und es gab nicht einen einzigen Menschen, der sie nicht fühlte während der Zeit, da sie andauerte. Und so war die Art, wie sie verlief: sie begann in den Nieren und in den Schultern, und es war keiner, von dem sie Besitz ergriffen hatte, der nicht glaubte, blasenkrank zu sein, so grausame Schmerzen verursachte sie, und danach bekamen alle starke Fieberschauer, und es dauerte wohl 8 oder 10 oder 15 Tage, daß man weder trinken, noch essen, noch schlafen konnte, die einen mehr, die andern weniger; danach bekam jeder einen so bösen Husten, daß, wenn man in der Kirche war, man nicht hören konnte, was der Prediger sagte, wegen des großen Geräusches der Huster.

„Item, blieb sie von großer Heftigkeit wohl bis 15 Tage oder mehr über Toussains (Allerheiligen, 1. November). Und es wurde nicht mehr Mann oder Weib gefunden, so nicht Mund oder Nase mit schwerem Ausschlag bedeckt hatten, und wenn man sich begegnete, fragte einer den anderen: ‚Hast du noch nicht die Dando gehabt?‘ Wenn er nein sagte, antwortete man ihm alsbald: ‚So nimm dich wohl in acht, daß du sie nicht zu schmecken bekommst!‘ Und man lügt wahrhaftig nicht, daß es damals weder groß noch klein, weder Weib noch Kind gab, die nicht Entzündung oder Fieber oder langdauernden Husten hatten.“

Damals also hieß die Influenza „Dando“, wahrscheinlich ebenfalls ein italienischer Ausdruck. Das 16. Jahrhundert erlebte vier heftige Epidemien: 1510, 1557, 1580 und 1593; während der ersten von diesen starben z. B. in Rom 9000 Menschen. Mit der letzten aber erleidet die Influenza eine seltsame Veränderung geographischer Natur. Bis dahin wanderte sie nachweisbar von Westen nach Osten; seit dem 17. Jahrhundert jedoch sind alle Influenzaseuchen von Osten gekommen und haben sich westwärts verbreitet, so daß einige Forscher früher, allerdings irrthümlich, annahmen, der Herd der Krankheit sei in China zu suchen. Merkwürdig ist auch die Veränderung, die in der Geschwindigkeit ihres Laufes eingetreten ist. Die Epidemie brauchte 1780 mehr als sechs Monate, um von Petersburg nach Paris zu kommen; 1837 legte sie denselben Weg in weniger als sechs Wochen zurück; 1890 aber in drei Tagen. Wenn man noch 1857/58, in dem Jahre, wo Europa die letzte Grippe-Epidemie zu überstehen hatte, ein Jahr rechnete für die Zeit, welche die Krankheit brauchte, um sich über den ganzen Erdtheil auszubreiten, so haben die letzten Epidemien von 1889/90 und 1891/92 gezeigt, daß sie jetzt dazu nur weniger Wochen bedarf. Diese Beschleunigung hängt wahrscheinlich mit der Beschleunigung des Verkehrs zusammen. Die Eisenbahnzüge führen den Ansteckungsstoff an einem Tage über Hunderte von Meilen fort.

Um ein richtiges Verständniß von der Sache zu gewinnen, ist es erforderlich, daß man die Ausbreitungsweise, den Gang der Epidemie von 1889/90 kennenlernt. Man hat sie bis nach Buchara in Turan zurückverfolgt; dort trat sie schon im Mai 1889 auf. Von hier aus verbreitete sie sich in zwei Richtungen: nach dem Kaukasus und nach Sibirien. Von diesen beiden Seiten her überzog sie Rußland, in erster Reihe die großen Städte befallend. [186] Nun schritt sie schnellen Ganges in westlicher Richtung weiter über ganz Europa, vornehmlich die mittleren und nördlichen Striche des Erdtheils überziehend, bog dann aber wieder nach Osten um und durcheilte Südeuropa, Afrika, Australien und Südasien. Zu gleicher Zeit durchwanderte sie Amerika von Norden nach Süden. Fast überall war die Epidemie in 6–8 Wochen abgelaufen, nachdem sie ihren Höhepunkt, der zugleich auch allerorten mit der größten Sterblichkeit zusammenfiel, Wochen nach dem ersten Auftreten erreicht hatte. In Berlin wurden die ersten Erkrankungen Ende November beobachtet. Anfangs erkrankten hauptsächlich solche Personen, deren Beruf sie fast beständig in frischer Luft hält: Soldaten, Arbeiter, Feuerwehrleute, Polizisten, Briefträger u. s. w. An anderen Orten wurde dieselbe Beobachtung gemacht. Später kamen andere Berufsarten hinzu, alsdann Frauen, Kinder und Greise. Zeitweise war die Ziffer der Erkrankten beunruhigend hoch. So fehlten am 7. Januar 1890, zu einer Zeit, wo der Höhepunkt der Seuche schon überschritten war, in den Berliner Gemeindeschulen von 170318 Kindern 11532 und von 3110 Lehrern 130. Nach dem Bericht des preußischen Kriegsministeriums waren in der deutschen Armee während dieser Epidemie im ganzen 55263 Mann erkrankt, d. i. nahezu 12%. Nirgends wurde die Influenza anfangs erkannt, dann aber als Modekrankheit vielfach bespöttelt. Als sie indessen allmählich ein ernsteres Gesicht zeigte, ja als gar erst einige Todesfälle bekannt wurden, da trat eine allgemeine Bestürzung ein. Die frühere Nichtachtung verwandelte sich in eine fast krankhafte Furcht vor der Influenza.

In diesem Winter ist die Influenza nicht so verbreitet und nicht so heftig gewesen als vor zwei Jahren. Wenn man allgemein eine entgegengesetzte Ansicht hegte, so war’s deswegen, weil einmal die Seuche gleich zu Anfang einen ernsteren Charakter aufwies, namentlich Lungenentzündungen und schwere nervöse Erscheinungen häufig waren, dann aber auch, weil in diesem Winter eine ganz besonders große Anzahl bekannter Männer von der Influenza hingerafft wurde. Es genügt, an die Souveräne Dom Pedro von Brasilien und Tewfik, den Khedive von Aegypten, an den englischen Thronerben, Herzog von Clarence, an die letzten Todesfälle im österreichischen Kaiserhause, an die Diplomaten Lytton und White, an die Kardinäle Manning und Simeoni, an die Gelehrten Janssen, Quatresages, Laveleye, Brücke, Lagarde, an den Maler Spangenberg zu erinnern, um verständlich zu machen, daß diese zahlreichen Todesfälle großes Aufsehen erregten und die Furcht vor der Influenza zur Panik steigerten. Die Mitte Januar veröffentlichte Statistik des kaiserlichen Reichsgesundheitsamtes beweist aber deutlich, daß, wie es dort heißt, „das neuerliche Auftreten der Influenza während der beiden letzten Monate des Jahres 1891 in den größeren Städten des Deutschen Reiches dem Auftreten der Seuche vor zwei Jahren weder an Ausdehnung (Extensität) noch – soweit die Sterblichkeit beeinflußt wurde – an Heftigkeit (Intensität) entsprach.“

Die diesmalige Seuche unterschied sich, gleichfalls nach der Statistik des Reichsgesundheitsamtes, vornehmlich dadurch von der vorangegangenen, daß sie ein sehr starkes Ansteigen der Sterbefälle für die höchsten Altersstufen von 60 Jahren und darüber aufwies. Daher die zahlreichen Todesfälle unter den bekannten Männern, die jene Altersgrenze zum großen Theile überschritten hatten.

Die Influenza ist ohne Zweifel unter Umständen ein höchst gefährliches Leiden. Ein unangenehmes Kältegefühl, oder selbst ein heftiger Schüttelfrost, oft verbunden mit einer bis zur förmlichen Ohnmacht sich steigernden Schwäche, leitet die Scene ein. Gleich am Anfang ist auch ein mehr oder weniger heftiges Fieber vorhanden, das indessen meist nur wenige Stunden oder Tage anhält. Wie sehr aber der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen wird, erkennt man an der ungewöhnlich langen Zeit, die der Betroffene auch nach leichteren Erkrankungen braucht, um seine früheren Kräfte wieder zu gewinnen. Ja dieser Umstand sichert häufig erst die Annahme, daß es sich im vorliegenden Falle wirklich um Influenza und nicht um eine gewöhnliche Erkältungskrankheit gehandelt hat. Die Genesenden schweben ferner noch lange Zeit in der steten Gefahr, von einem Rückfall oder einem neuen Anfall ergriffen zu werden, die namentlich dadurch gefahrvoll sind, daß sie in höherem Maße als die erste Erkrankung zu lebenbedrohenden Mit- und Nachkrankheiten führen.

Wie tritt nun die Influenza überhaupt in die Erscheinung? Man hat, um die verwirrende Mannigfaltigkeit des Bildes einigermaßen übersichtlich zu gestalten, drei Formen oder Gruppen dieser Krankheit aufgestellt, aber, wie gesagt, mehr, um mich so auszudrücken, aus Bequemlichkeitsgründen, da in der Wirklichkeit eine solche scharfe Trennung niemals beobachtet wird. Schließen auch wir uns aus gleicher Ursache dieser Eintheilung an. Danach unterscheidet man eine nervöse, eine katarrhalische und eine gastrische Form der Influenza, welcher Ausdrücke im weiteren auch wir uns bedienen wollen, weil sie, ist man sich über den Inhalt derselben klar geworden, diesen am kürzesten und schärfsten bezeichnen. Man versteht aber unter der ersten diejenige Form, bei der vorzugsweise das Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen ist, die zweite bezieht sich in gleicher Weise auf die Athmungs-, die dritte auf die Verdauungsorgane. Meist kommen, wie gesagt, alle drei Formen miteinander vermischt zur Beobachtung. Doch gehen wir des besseren Verständnisses wegen dieselben im einzelnen durch!

Daß das Nervensystem vorwiegend angegriffen ist, äußert sich in erster Reihe in einer hochgradigen Mattigkeit und Hinfälligkeit, die häufig mit der Leichtigkeit der Erkrankung in gar keinem rechten Verhältniß steht. Es gesellen sich bald dazu Verstimmung, Muth- und Willenlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen die Umgebung, Schlaflosigkeit oder auch Schlafsucht, mehr oder weniger heftige Kopfschmerzen, hin und wider ein kurzes Delirium, währenddessen der Kranke phantasiert und die Lage verkennt, und schließlich auch ein unüberwindliches Angstgefühl, als sei er nunmehr in eine langwierige und gefährliche Krankheit gefallen. Dazu kommen in vielen Fällen noch häufige Ohnmachten, Abnahme des Gehörs, Klingen oder Sausen in den Ohren, Lichtscheu und Augenschmerzen. Alle Influenzakranken leiden ferner an Schwindelgefühl und an oft höchst lästigen und schwächenden Schweißausbrüchen, zwei Plagen, die sich häufig noch bis weit in die Genesungszeit hinein hinziehen. Fast alle Influenzakranken werden zudem von ziehenden und reißenden oder blitzartig durchschießenden Schmerzen heimgesucht, und namentlich sind es die Kreuzschmerzen, auf die sich die meisten Klagen beziehen.

Sehr viele, ja die meisten der bisher erwähnten Krankheitszeichen finden sich nun auch bei den beiden anderen Formen der Influenza ein. Was zunächst die katarrhalische Form anbetrifft, so werden hier alle diejenigen Erkrankungen beobachtet, die auch sonst sich als Folgen von Erkältungen einzustellen pflegen, wie Schnupfen, Rachenkatarrh, Husten, Heiserkeit, Lungenkatarrh u. a. Auch die gastrische Form zeigt keine besonderen Merkmale. Wir finden eine stark belegte Zunge, Appetitlosigkeit, sich häufig steigernd bis zum gänzlichen Widerwillen gegen jede Nahrungsaufnahme, mehr oder weniger quälendes Durstgefühl, Uebelkeit, Brechneigung, öfteres Erbrechen, Durchfälle oder Stuhlverstopfung (jene öfter bei Kindern, diese öfter bei Erwachsenen). Nicht selten macht der Zustand ganz den Eindruck, als handle es sich um einen schweren Typhus. Verwechslungen in dieser Richtung sind vorgekommen und schließlich auch entschuldbar. Die gastrische Form der Influenza ist zwar die am seltensten vorkommende Art der Erkrankung, hingegen erholen sich die von ihr Betroffenen am allerlangsamsten; monatelang noch haben sie oft mit Magenbeschwerden aller Art zu kämpfen, selbst dann, wenn sie sich früher einer vollständig gesunden Verdauung zu erfreuen gehabt hatten.

Mit dem Ueberstehen aller dieser Krankheitserscheinungen ist indessen in vielen Fällen die Sache nicht abgethan. Die Influenza ist nicht nur ein vielseitiges, sondern auch ein tückisches Leiden, das, unter einer anscheinend harmlosen Außenseite verborgen, den Keim legt zu verderbenbringenden neuen Leiden. Das sind die Mit- und Nachkrankheiten, die „Komplikationen“ der Influenza. Die häufigste und zuglelch gefährlichste derselben ist die Lungenentzündung, ein um so unheimlicherer Feind, als er sich gerade, oder wenigstens mit großer Vorliebe, die lebenslustigsten Personen zu seinen Opfern auswählt. Der Vorgang spielt sich nicht selten mit erschreckender Schnelligkeit ab, und das „heute roth, morgen tot“ ist hier keine ungewöhnliche Erscheinung. Für alte oder schon früher lungenkrank gewesene oder sonstwie geschwächte Personen wird auch ein einfacher Lungenkatarrh gefährlich. Indessen sind nicht alle Komplikationen so ernster Natur, oder wenigstens handelt es sich bei den meisten nicht gleich um Leben und Tod. Oft beschränkt sich die Sache auf eine eitrige Entzündung der Nase und ihrer Nebenhöhlen oder führt auch wohl zu Entzündungen und Geschwürbildungen im Kehlkopf. In anderen Fällen entwickeln sich entzündliche Prozesse im Brustfell, im Herzbeutel oder im Herzen [187] selber, die, wenn auch nicht ganz harmlos, so doch keine unmittelbare Lebensgefahr in sich schließen. Andere Zustände sind mehr schmerzhaft oder unangenehm und die Lebensfreude störend, so die oft hartnäckigen Nervenschmerzen (Neuralgien), eine anhaltende, allen Mitteln Trotz bietende Schlaflosigkeit und die sogenannte „Nervosität“, die indessen, im Gegensatz zu der gewöhnlichen, leicht heilbar ist. Auch Lähmungen und Krämpfe sind keine seltenen Erscheinungen, ebenso Geistesstörungen, vorzugsweise hypochondrische und melancholische Zustände, die als letzte Nachzügler sich gewöhnlich erst während der Genesungsperiode einstellen. Von geringerer Bedeutung sind die Komplikationen von seiten der Augen und der Ohren, auch aus dem Grunde, weil sie im Verhältniß zu den anderen Nachkrankheiten selten auftreten. Mehr unschuldiger Natur sind die masern-, scharlach- und nesselfeuerartigen Hautausschläge, wie sie vereinzelt beobachtet und nicht selten für wirkliche Masern oder Scharlach gehalten worden sind; hier seien diese nur der Vollständigkeit wegen erwähnt.

Zu Anfang Januar dieses Jahres trat eine Entdeckung ans Licht, die geeignet erscheint, der Influenzaforschung eine exakte Grundlage zu verleihen. Man glaubt, den Erreger der Krankheit, den Influenza-Bacillus, gefunden zu haben. Von zwei verschiedenen Seiten war man dem Ruhestörer aller fünf Erdtheile auf den Leib gerückt, man faßte ihn gleichsam im Rücken und in der Front zu gleicher Zeit. Im Rücken, indem man ihm auf seinem Wege in den menschlichen Körper folgte, der durch Mund und Nasenhöhle führt, und die schleimigen Auswürfe der Kranken untersuchte; in der Front, indem man ihm entgegenging dort, wohin er endlich gelangen muß, wenn er das Innere der Lungen bis in die feinsten Verästelungen der Luftwege durchsetzt hat, nämlich im Blute der Patienten und, leider muß man in diesem Falle oft sagen, der Gestorbenen. Jene Angriffsstellung nahm man in dem bakteriologischen Institut Robert Kochs zu Berlin ein, des Hauptes der neuen Wissenschaft der Bakteriologie, der bekanntlich die feinsten Methoden erfunden hat, den winzigen Lebewesen auf die Spur zu kommen; diese Angriffsstellung nahm man ein in dem Berliner städtischen Krankenhaus Moabit, in der Abtheilung des Direktors Dr. Guttmann. Dort stieß Dr. Robert Pfeiffer, der Schwiegersohn Kochs, im Verein mit dem begabten japanischen Forscher Dr. Kitasato auf einen Bacillus, in dem er den Influenzaerreger erkannt zu haben glaubt; hier gelang dasselbe dem Dr. Canon. Geheimrath Koch selber unterzog sich der Mühe, die Identität der beiden gefundenen Bacillen festzustellen. In der Sitzung der Gesellschaft Berliner Charité-Aerzte vom 7. Januar machten beide Entdecker die erste offizielle Mittheilung von ihrem Funde.

Am 29. November 1891 wurden die ersten Influenzakranken dem Kochschen Institut eingeliefert und vom Leiter dem Dr. Pfeiffer zur Untersuchung überwiesen. Pfeiffer hatte nach etwa 14 Tagen den Bacillus im Sputum (Auswurf) der Patienten festgestellt. Die Suche war deswegen eine so schwierige, weil das Sputum erst vollkommen von den unzähligen Bacillen der Mundhöhle, die mit der Influenza nichts zu thun haben, gereinigt werden mußte. Zu diesem Behuf erfand Geheimrath Koch ein eigenes, ganz besonderes Verfahren, das er indeß noch nicht bekannt gegeben hat. Nach dem glücklichen Verlauf dieses Prozesses gelang es, den Bacillus zu erkennen und sogleich sah man, warum alle Versuche, die 1889/90 angestellt wurden, um ihn zu finden, vergeblich gewesen waren. Der Bacillus nämlich erwies sich von einer Kleinheit, die bisher auch in dem Reiche der unendlich Kleinen, im Reiche der Mikroorganismen, nicht erlebt worden war. Der kleinste bekannte Bacillus war bisher der Träger der Septicämie (fauligen Blutvergiftung). Der neu entdeckte Bacillus ist noch etwa dreimal kleiner als der Bacillus der Septicämie. Anfangs erschien er als Kugel, als Kokkus, nicht unähnlich dem Friedländerschen Pneumoniekokkus, dem Erreger der Lungenentzündung. Erst bei Anwendung der stärksten Vergrößerungen erkannte man seine echte Stäbchen-(Bacillen-) Natur. Da fand man, daß er etwa doppelt so lang wie breit sei und daß er an beiden Enden keulige Verdickungen trage (Hantelform), die sich auch lebhafter färbten als das schlanke Mittelstück. Neben den größeren Formen wurde diese kleine um so leichter übersehen, als ihre Kulturen nicht zusammenfließen, sondern isoliert bleiben.

Seit dem 15. Dezember züchtete Dr. Kitasato den Bacillus in Reinkulturen auf Agar-Agar, einem sehr brauchbaren Präparat aus ostindischer Meeresalge, die, beiläufig gesagt, auch zur Appretur und zum Leimen des Papiers verwandt wird. Kitasato erhielt bis zehn Generationen. Die Kontrolversuche an Thieren, die Pfeiffer anstellte, hatten ziemlich günstige Ergebnisse. Er impfte Reinkulturen auf Kaninchen, Ratten, Tauben, Meerschweinchen und Affen über; es reagierten allerdings nur Kaninchen und Affen; bei ihnen aber stellten sich Anzeichen der Influenza ein. Pfeiffer fand den Bacillus beim Menschen massenhaft in den Bronchien und im Speichelauswurf, und zwar nur, wenn Influenza vorhanden war, sonst nicht – nicht bei einfachen Katarrhen, nicht bei Lungenentzündungen, nicht bei Tuberkulose.

Unabhängig von Koch, Pfeiffer und Kitasato arbeitete Canon im Moabiter Krankenhause. Er untersuchte das Blut von Patienten, die sehr schwer an Influenza leidend oder an Influenza gestorben waren. Er fand denselben Bacillus und hat ihn auch aus dem Blute gezüchtet. Der Bacillus ist ein andrer als der, den Kirchener fand und für den Influenza-Bacillus hielt.

Mit der Entdeckung der Krankheits-Ursache wäre ein großer Schritt vorwärts geschehen. Zwar ist ein Heilmittel damit noch nicht gefunden, aber es ist dann eher Aussicht vorhanden, ein Spezifikum zu entdecken. Außerdem aber giebt die Erkenntniß der Ursache prophylaktische (vorbeugende) Fingerzeige. Der Bacillus kommt zu Milliarden im Schleimauswurf Kranker vor und es ist die Ansicht Pfeiffers, daß die Influenza vorzugsweise durch diese im Schleimauswurf enthaltenen Bacillen verbreitet wird. Sowie der Schleim austrocknet, bleibt der bacillenhaltige Rest als Staub übrig, den jeder Luftzug emporwirbelt und davonführt. Es ist also vor allem geboten, daß man den Auswurf von Influenzakranken in verschlossenen Glasgefäßen sammelt.

Die Kleinheit und Massenhaftigkeit dieses Bacillus würde sowohl die große Verbreitung der Krankheit als auch einen andern höchst merkwürdigen Umstand erklären. Sowie nämlich irgendwo eine Indluenzaseuche ausbricht, treten die anderen ansteckenden Krankheiten, selbst wenn sie zu Epidemien ausgeartet wären, zurück. Masern, Scharlach, Diphtheritis, selbst akute rheumatische Erkrankungen weichen. Es ist, als ob die Influenzabacillen mit den anderen Mikroben einen Kampf auf Leben und Tod führten und vermöge ihrer Ueberzahl den Sieg davontrügen. Freilich heißt das für die leidende Menschheit, den Teufel durch Beelzebub austreiben. Gesellt sich Influenza zu anderen Krankheiten, so werden diese arg verschlimmert. Die Influenza beraubt den Körper der Widerstandskraft, die er gegen die Krankheit noch besaß; so verschlimmern sich namentlich Herz- und Lungenleiden, auch Geistesstörungen. Auch auf Operationswunden wirkt die Influenza ungünstig ein. Tritt sie hinzu, so entstehen zuweilen Fälle von Blutvergiftung, die aller Antiseptik spotten.

Es ist festgestellt, daß das einmalige Ueberstehen der Influenza keine Gewähr leistet, von ihr fernerhin verschont zu bleiben, wie es bei Masern, Scharlach, Blattern und ähnlichen Leiden der Fall ist. Dagegen läßt sich jetzt noch nicht mit Sicherheit entscheiden, ob die Influenza auf miasmatischem Wege, d. h. durch Keime, die in der Luft schweben, sich verbreitet, oder durch Ansteckung von Person zu Person. Die Versuche von Pfeiffer sprechen für letzteres, doch auch das erstere ist nicht ausgeschlossen. Ja, man ist sich noch nicht einmal klar darüber, ob die neue Epidemie selbständig war oder nur das Aufflackern der noch nicht ganz erloschenen vorigen. In Bezug auf die Behandlung dagegen sind einige Fortschritte zu verzeichnen. Namentlich scheint das neueste Mittel, das Salipyrin, sich zu bewähren; es wird jetzt allgemein den früheren Mitteln, Chinin, Jodkalium, Naphthol, Salol, Antipyrin, vorgezogen. Im allgemeinen muß man sich heute noch auf eine rein symptomatische Behandlung beschränken, d. h. auf eine solche, welche die hervorstechendsten Krankheitserscheinungen bekämpft. Am besten ist es wohl, dem Influenzabacillus tüchtig einzuheizen. Er hat die gute Eigenschaft, schnell zu degenerieren, zu entarten. Diese Neigung unterstütze man, indem man sich möglichst warm und bei Kräften erhält. Man vermeide die Wechselfälle der freien Luft, bleibe in einem wohlgeheizten und wohlgelüfteten Zimmer, man wechsle häufig Strümpfe und Unterkleider, vermeide kalte Getränke, aber auch ein Uebermaß von warmen alkoholischen, halte gute Diät und bleibe womöglich im Bett, bis der böse Feind degeneriert ist und uns in Ruhe läßt.

Es ist nicht unmöglich, daß die Influenza nach zwei bis drei Jahren wiederkehrt. Man wird sie dann hoffentlich noch besser gerüstet empfangen können. Die Londoner Konferenz wird sich mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen haben.