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Die Huberbäuerin

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Textdaten
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Autor: H. Schmid
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Titel: Die Huberbäuerin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–5, S. 1–4, 30–32, 46–48, 62–68
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[1]
Die Huberbäuerin.
Aus dem bairischen Gebirge. Von H. Schmid.
1.

„Gib mein’ lieben Mutterl und allen christglaubigen Seelen die ewige Ruh’, und das ewige Licht leuchte ihnen – Herr, laß sie ruhen im Frieden – Amen!“ so schloß ein hübsches, aber sehr bleich aussehendes Bauermädchen sein Nachtgebet, indem sie Stirne, Mund und Brust andächtig mit dem Kreuze bezeichnete. Gleichzeitig erhob sie sich, schob den hölzernen Stuhl, vor dem sie gekniet hatte, bei Seite, setzte den Wachsstock auf den nebenan stehenden Schrank und wollte eben das alte Gebetbuch schließen. Da fielen die Blätter etwas über, und zwischen den großbedruckten gebräunten Seiten wurde ein dürres Kleeblatt sichtbar.

Das Mädchen hielt einen Augenblick inne und betrachtete das Blatt, während über ihr vom kleinen Wachslicht schwach beleuchtetes Gesicht etwas gleich einer wehmüthigen Bewegung glitt. „Was thust Du noch da?“ fragte sie halblaut vor sich hin. „Hab’ gemeint, der Wind hätt’ Dich schon lang mitgenommen und verweht, wie dieselbe Zeit, wo Du grün gewesen bist! – Flieg ihr nach nun … Du gehörst nicht recht herein mehr unter die frommen Sprüche und Gebeter …“ Damit blies sie das Wachslicht aus, trat an das kleine niedrige Fenster und ließ das Kleeblatt in die Sommernacht hinaus fallen, die schwarz und lautlos über der Gegend lag.

Eine geraume Zeit starrte sie in das Dunkel hinaus, und ließ sich die Nachtluft um Stirne und Hals wehen. Sie kam kühl aus den Tiefen herauf, vom Moore her, das unten sich so schwarz hinstreckte, daß es trotz der Nacht zu erkennen war. Drüber hinaus stiegen Hügelreihen auf, mit finsteren Tannenwäldern und hie und da einem Gehöfte besetzt, dessen weiße Wände weithin leuchteten. Nirgends aber war eine Spur von Leben wahrzunehmen, und wenn manchmal ein Laut hörbar wurde, war es das Rauschen vom fernen Mühldamme, das manchmal ein Windstoß herüber trug. „Es ist doch recht einsam da heroben in der Einöde,“ flüsterte Rosel „und man könnt’ sich fast fürchten … Aber ich will machen, daß ich auch in’s Bett komme, es muß bald Mitternacht sein …“ Leise schloß sie das Fenster und trat an’s Bett, um sich niederzulegen, hielt aber plötzlich inne.

„Ich bin doch ein dummes, fürchtiges Ding,“ lachte sie dann halblaut vor sich hin, „jetzt wäre es mir in meiner Einbildung fast vorgekommen, als wenn ich was hätte krachen hören im Hause …“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als sich das wahrgenommene Geräusch wieder hören ließ und zwar so bestimmt, daß von einer Einbildung oder Täuschung nicht mehr die Rede sein konnte. Deutlich vernahm man das Krachen von Holzpfosten, dazwischen schwere dumpfauffallende Schläge, verworrenes Geräusch roher Männerstimmen, mitunter auch den kreischenden Hülferuf einer Weiberstimme.

„Heilige Mutter von Oetting,“ schrie Rosel entsetzt, „das ist die Stimm’ von der alten Bäurin … da gibt’s ein Unglück! Das sind Schelmenleut’, die im Hof’ eingebrochen sind.“

Halb entkleidet wie sie war, sprang sie zur Kammerthüre hin, riß sie auf und taumelte betroffen zurück, denn vom Hausgange her und die Treppe herauf loderte ihr die Helle von Kienfackeln entgegen. Beim Scheine derselben sah sie einen großen Mann in bäurischer Kleidung stehen, der in der einen Hand die Fackel empor hielt, mit der andern sich auf eine große Holzaxt stützte. Er schien als Wache an die Stiege gestellt zu sein, und wie er, durch das Knarren der Thüre aufmerksam gemacht, das heraustretende Mädchen bemerkte, sprang er mit hochgeschwungenem Beile auf sie zu.

„Rühr’ Dich nicht, oder Du bist hin,“ rief er ihr zu, und Rosel gehorchte wider Willen, denn vor Schrecken war ihr die [2] Zunge wie gelähmt und ihre Kniee knickten zusammen, daß sie, um nicht ganz umzusinken, sich am Thürgerüst anklammern mußte.

Die Schwäche dauerte aber nur einen Augenblick; ebenso schnell als Rosel von dem Eindrucke überwältigt worden war, durchzuckte und richtete sie der Gedanke wieder auf, daß sie sich zusammennehmen und einen Entschluß fassen müsse. Vom Erdgeschosse herauf erscholl fortwährend das drohende Durcheinanderrufen wüster Stimmen, immer seltener von den Klagelauten des Bauers und der Bäuerin unterbrochen, die also schon überwältigt sein mußten. Sie begriff rasch, daß ein Angriff oder Vertheidigungs-Versuch von ihr ganz erfolglos sein und nur mit ihrer eigenen Verwundung oder Tödtung enden würde; sie dachte daher auswärtige Hülfe herbeizurufen. Das Brandl-Gut lag zwar als Einöde auf dem Hügel, und das nächstgelegene Haus war mindestens eine halbe Viertelstunde entfernt; aber wenn es nur gelang, ein Nothzeichen zu geben, so war dieses vielleicht im Stande noch rechtzeitig Hülfe herbeizurufen, oder es konnte doch die Räuber erschrecken und verscheuchen. Eine qualvolle Minute verging unter vergeblichem Brüten, während dessen Rosel und der Wache haltende Mann einander laut- und regungslos gegenüber standen.

Jetzt fiel Rosel das Glöcklein ein, das auf allen Bauerhäusern in der Gegend in einem kleinen Thürmchen angebracht ist, um die weit im Felde zerstreuten Arbeiter zum Essen herbeizurufen. Wenn es ihr gelänge die Glocke zu läuten, so war es möglich, daß die Nachbarn das bei Nacht ganz ungewöhnliche Geläut hören und herbeikommen würden! Aber um zu dem Orte zu kommen, wo das Zugseil herabhing, mußte sie an der Stiege und dem dort stehenden Mann vorüber, und es war gewiß, daß er bei der ersten bedenklichen Bewegung sie zu Boden schlagen werde.

Unter den Wimpern hervorlauernd betrachtete sie ihn jetzt genauer, und es entging ihr nicht, daß er sie nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit beobachtete, sondern zum Theil nach dem hinhorchte, was unten an der Treppe im Erdgeschosse vorging. „Da unten wären wir fertig,“ rief eine grobe Stimme herauf, der man es anhörte, daß sie der Verstellung wegen gewaltsam hinabgedrückt war. „Jetzt wollen wir droben das Nest ausleeren. Wie steht’s droben?“

„Ganz gut,“ erwiderte der Wächter ebenfalls mit verstellter Stimme, das rußgeschwärzte Gesicht nach der Stiege richtend. „Es ist kein Mensch da, als die Dirn’, und die rührt sich nicht!“

Rosel fühlte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei; was geschehen sollte, mußte geschehen, eine Secunde später war es unmöglich und unnütz. „Heilige Mutter von Oetting, steh’ mir bei,“ murmelte sie fieberhaft zitternd vor sich hin, dann raffte sie sich gewaltsam auf und stürzte sich mit ihrer ganzen Kraft auf den nichts befürchtenden Räuber. Mit einer geschickten Bewegung unterlief sie ihn, daß er das Gleichgewicht verlor und unter Poltern und Fluchen rücklings die Stiege hinabstürzte. Im Fluge war sie den Hausgang entlang geeilt und hatte die Thüre entriegelt, die auf die offne Gallerie führt, die nach dortiger Sitte an keinem Hause fehlt. Dort, in der Ecke gegen den angebauten Stadel zu, hing das Zugseil des Glöckchens.

Jetzt stand sie keuchend an der wohlbekannten Stelle, aber – das Seil war nicht zu sehen. Es war abgeschnitten, ganz oben in unerreichbarer Höhe hing der Rest des Stricks; es war also offenbar, daß Jemand von den Hausgenossen selbst um den Raubanfall wußte und deßhalb im Voraus die Möglichkeit beseitigen wollte, fremde Hülfe herbeizurufen.

Rosel hatte sich bis dahin gewaltsam aufrecht erhalten – jetzt drohten ihr die Sinne zu schwinden, es ward ihr dunkel vor den Augen und sie griff krampfig nach dem Geländer, um nicht zusammenzusinken. Es brauste ihr vor den Ohren und wie durch das Geräusch von fallendem Wasser hörte sie das Rufen des Räubers, der sich wieder aufgemacht hatte und nun mit Mehrern an der Thüre zur Gallerie arbeitete und rüttelte. Schon krachten und brachen die Breter … im nächsten Augenblick war sie von den Räubern erreicht …

In den Knieen liegend blickte Rosel mit der sinnlosen ängstlichen Hast der Verzweiflung um sich. Sie erblickte nichts als vor sich das Geländer und seitwärts in der Ecke den Vorsprung des Scheunendachs mit der in ein aufgesperrtes Drachenmaul auslaufenden Dachrinne … „Liebs Mutterl,“ flüsterte sie halb bewußtlos, „hilf Du Deiner Rosel … zeig Du mir einen Ausweg …“

Nochmal blickte sie um sich, nochmal blieb ihr Auge an dem Dachvorsprunge der Scheune haften … „Wenn ich mich an die Rinne anhangen und auf’s Dach hinaufschwingen könnte," dachte sie, aber sie konnte den Gedanken nicht weiter erwägen, denn eben fiel die Thüre zertrümmert auf die Gallerie.

Die Räuber stürzten hinaus, voran ein starker, breitschultriger Mann mit einem gewaltigen rothen Bart, der fast das ganze Gesicht verdeckte und kaum erkennen ließ, daß es mit einer schwarzen Maske bedeckt war. „Hab’ ich Dich, Bestie?“ schrie der Mann und sprang auf Rosel zu.

Diese hatte im Moment, als sie die Thüre fallen hörte, sich halb besinnungslos aus das Geländer geschwungen. Fest hatte sie mit beiden Händen die Dachrinne erfaßt und war eben im Begriff sich auf das Scheunendach zu schwingen, als sie sich von starken Armen gepackt und zurückgerissen fühlte.

Ohne einen Laut von sich zu geben, faßte nun auch Rosel den Räuber und rang mit ihm, auf dem Geländer stehend. Ein Fehltritt hätte sie hinabgestürzt und ihr den Tod gebracht. Keuchend suchte der Angreifer sich von ihr los zu machen, aber umsonst.

„Zum Teufel,“ rief er dem Genossen zu. „was stehst Du da und reißest das Maul auf! Gib der Dirne Eines auf den Kopf, daß ihr das Drosseln vergeht …“

Der Gescholtene hob die Axt zum wuchtigen Streich, aber ehe sie niederfiel, hatte Rosel sich rasch ihren Vortheil ersehen, machte sich die Hände frei, und indem sie mit äußerster Anstrengung wieder die Rinne ergriff, stieß sie den Räuber mit dem Fuße gewaltsam mitten in’s Gesicht.

Schreiend taumelte er einen Augenblick zurück, aber es war genug ihm sein Opfer zu entreißen. Mit der Kraft der Verzweiflung hatte Rosel sich aus das Dach geschwungen, und ohne sie erreichen zu können, mußte er zusehen, wie sie sich vollends auf demselben erhob und dem Glockenthürmchen zukletterte.

„Das ist Dir nicht geschenkt, Bestie,“ rief er ihr nach, „wir treffen schon noch einmal zusammen … Aber jetzt macht, daß wir weiter kommen,“ fuhr er zu den Genossen gewendet fort. „Wenn die droben zu lauten anfängt, könnten sie leicht kommen und uns die gute Beute abjagen!“

Hastig ward der Befehl vollzogen. Nach wenigen Secunden huschten die Räuber aus dem Hause über den Hofraum weg nach dem nahen Walde zu. Im Hause selbst war es todtenstill, vom Dache aber wimmerte und heulte die Glocke, wie eine jammernde und klagende Stimme. Schon begann im Osten der erste graue Streifen zu dämmern; auf den entlegenen Gehöften der Flurnachbarn begann es schon sich hier und da zu regen, und so wurde das Nothzeichen bald gehört. Ehe eine halbe Stunde verging, strömten von allen Seiten die Männer und Bursche mit allerlei Waffen herbei. Sie fanden die Thüren des Hauses und Kisten und Kasten in ihm erbrochen, durchwühlt und ausgeleert. Der Bauer und die Bäuerin lagen gebunden und geknebelt in ihrer Schlafstube am Boden; Rosel mußte mit einer Leiter vom Dache herabgeholt werden.

„Das ist wieder kein Anderer gewesen,“ sagten die Bauern zu einander, als ihnen das Vorgegangene erzählt und die Person des Anführers geschildert wurde. „Das ist niemand gewesen, als der rothe Hannickel mit seiner Bande! Das ist nun der vierte Raub und Einbruch seit einem Vierteljahr, und drinnen auf dem Erdinger Landgericht schreiben sie einen Act um den andern zusammen und bringen doch nicht heraus, wo der rothe Hannickel steckt und wer es ist.“

Kopfschüttelnd, in schwerer Besorgniß um die Sicherheit ihres eigenen Hab’ und Guts gingen sie dann auseinander; Einer ward abgesendet, um beim Landgericht die Anzeige zu machen, und einige blieben als Wache in dem geplünderten Hause. Die Bewohner waren zu angegriffen und erschöpft, um für sich sorgen oder irgend eine Vorkehrung treffen zu können.

Rosel war wieder in ihre Kammer gegangen und kniete in der aufflammenden Morgenröthe am Bette nieder zum Gebete. „Das hab’ ich Dir zu verdanken, mein’ guts Mutterl,“ sagte sie heiß und innig. „Du hast mir den Gedanken eingegeben und die Kraft dazu!“

Als sie ihre Andacht vollendet hatte, legte sie sich noch auf ein paar kurze Morgenstunden zur Ruhe nieder, aber es dauerte lange, bis sie einzuschlafen vermochte. Die so neuen und furchtbaren Erlebnisse hallten noch lang in ihrer Seele nach, noch lang sah sie den Räuberhauptmann mit der schwarzen Larve und dem [3] rothen Barte vor sich, und als ob sie diese Stimme schon anderswo gehört hätte, klangen ihr immerwährend, selbst durch Schlaf und Traum dessen letzte Worte nach … „wir treffen schon noch einmal zusammen!“




2.

Der dunklen Nacht war ein blauer sonnenheller Himmel gefolgt. Die ganze Gegend schimmerte und flimmerte im reichlich ausgesprengten Thau, die fernen Tannenwälder hoben ihre dunkelgrünen Häupter bestimmt und scharf in die klare Morgenluft empor, ein angenehmer Ostwind schüttelte überall den Duft von frisch gemähtem Heu von den Flügeln, die Lerchen wirbelten hoch in der Luft – es war als ob die Natur sich ebenfalls angeschickt hätte, den Sonntag der Menschen festlich zu begehen.

Von nah und fern, schwächer und deutlicher scholl Glockengeläut’ von den Kirchthürmen, die über die ganze Gegend hin zerstreut sich emporstreckten, um anzuzeigen, daß unter den Bäumen um sie herum sich eine Handvoll genügsamer Menschen zusammen gefunden und den eignen Heerd gebaut hatte. Es war um die Zeit, zu welcher überall der Frühgottesdienst gehalten wurde, und von allen Seiten, nach allen Richtungen hin, einzeln und in Gruppen gingen die Bewohner der kleinern Ortschaften, die keine Kirche hatten, und der Einzelgüter an den Rainen und Abhängen, zwischen Stoppelfeldern und noch üppig schwankenden Getreidefeldern hin, in den Gotteshäusern für das Gedeihen der vergangenen Arbeitswoche zu danken und den Segen zu erbitten für die kommende.

Auch auf dem Huberhofe schickten sich die zahlreichen Knechte und Mägde zu dem frommen Gange und verließen nach und nach im höchsten Sonntagsstaat das Haus. Die Bäuerin wollte ebenfalls fort; aber der Bauer und ein paar Knechte mußten ausnahmsweise zu Hause bleiben, denn der in der Nacht vorgefallene Raub mahnte zu besonderer Vorsicht. Es war hie und da schon vorgekommen, daß die Räuber zu ihren Einbrüchen gerade die Stunden gewählt hatten, wo sie die Höfe wegen des Kirchenbesuchs von den meisten und kräftigsten Bewohnern entblößt wußten.

Der Huberhof lag ganz allein, eingeschlossen von zusammengehörigen Aeckern, Wiesen und Waldung, auf einer schönen, sanft ansteigenden Anhöhe. Das stattliche mehrstöckige Haus mit seinen blanken weißen Wänden, den vielen hellen Fenstern und den freundlichen grünen Läden war stundenweit sichtbar. Seine Pracht und die zahlreichen Nebengebäude verriethen die Wohlhabenheit des Besitzers, und Mancher, der am Fuße des Hügels auf der Landstraße durch das breite trübselige Moor dahinschritt, mochte einen Augenblick stille halten und den Glücklichen beneiden, dem ein solches Eigenthum geworden.

Gegenüber, jenseits des Moors, stieg eine ähnliche Hügelreihe empor. Auf ihr, fast eingeschlossen von einem kleinen Tannengehölz, lag das in der vergangenen Nacht beraubte Brandlgut.

Auf der Bank vor dem Huberhofe saß dessen Besitzer; er hatte die Hände über den etwas hinaufgezogenen Knieen zusammengelegt und blickte in den blitzenden Morgen und die leuchtende Landschaft hinaus. Sein Blick war aber nicht der des freudigen Naturfreundes oder des frohen Besitzers, der sich an dem Erreichten erfreut – sein Blick war starr und glanzlos und streifte an den gedankenlosen Ausdruck des Blödsinns. Die Züge des Gesichts waren abgespannt und schlaff und bildeten einen abstechenden Gegensatz zu der Kraft, die sich in dem ganzen gedrungenen Körperbau des Mannes ausprägte.

Unfern des Bauers, um ihn völlig unbekümmert, lehnte an einer Zaunbrüstung ein junger Mensch in bäuerlicher Sonntagstracht, eine schlanke, fast fein gebaute Gestalt mit einem hübschen ausdrucksvollen Gesichte, dem nur der etwas unstäte Blick Eintrag that. Auch die Blässe desselben war störend, weil sie nicht zu dem ganzen Aussehen der Gestalt paßte und unwillkürlich den Gedanken an das wüste Leben hervorrief, dem sie ihre Entstehung dankte. Auch der Bursche sah starr vor sich in die Gegend hinaus, aber auch er sah nichts von der Schönheit des Morgens und der Gegend; wilde leidenschaftliche Gedanken gingen in ihm hin und wieder, und wenn sein Auge an irgend einem Gegenstande mit dem Ausdrucke des Bewußtseins haften blieb, war es das einzelne einsame Brandlgut gegenüber

Das Geräusch eines auf der Landstraße daherrollenden Wagens störte Beide aus ihrem Brüten auf.

Es war eine einfache Landkutsche, in welcher ein Herr in Uniform mit einem zweiten unscheinbar aussehenden Menschen saß. Es war der vom Landgerichte abgeordnete Assessor nebst Schreiber, die wegen des in der Nacht verübten Raubes den Augenschein vorzunehmen hatten. Der zu Pferde nachtrabende Gerichtsdiener machte die Commission vollzählig.

Der Bauer hatte eine Secunde lang aufgeschaut, sank aber sogleich in seine vorige theilnahmlose Stellung zurück. Der Bursche dagegen richtete sich hoch auf, – wie krampfig, als wollte er etwas zur Abwehr ergreifen, faßte er nach einem der Zaunpfähle und blickte fest auf den heranrollenden Wagen.

Jetzt war derselbe an dem Feldsträßchen angekommen, das von der Hauptstraße nach dem Huberhofe abzweigte. Der Beamte wechselte ein paar Worte mit dem begleitenden Reiter, worauf der Wagen in den Seitenweg ablenkte. „Sie kommen zu uns,“ murmelte der Bursche vor sich hin, „das hat was zu bedeuten!“ Rasch wendete er sich und schritt dem Hause zu, vor welchem er gleichzeitig mit der Kutsche anlangte.

Der Bauer hatte seine Mütze gezogen und stand nun mit gekrümmtem Rücken und blöd lächelnder Miene am Wagenschlage. „Ein’ schön gut’n Morgen, Gnaden Herr Assessor,“ sagte er, „das ist ja eine ganz seltsame Ehr’, daß Sie auf den Huberhof kommen.“

„Ich komme auch nicht zu Euch Huber, das wißt Ihr wohl,“ erwiderte der Beamte, „aber weil der Weg so hart bei Euch vorbeiführt, und weil Ihr doch dem Brandlgut so recht gegenüber liegt, wollte ich doch vorerst fragen, ob Ihr mir nichts erzählen könntet von der unglückseligen Geschichte.“

„Nein, Ihr Gnaden,“ antwortete der Bauer mit stumpfsinnigem Lachen. „Um solche Sachen kümmert sich der Huber nicht. Der Huber weiß von gar nichts.“

„Das glauben wir ihm auf’s Wort,“ sagte der Beamte halblaut gegen den Gerichtsdiener. „Das ist ein wahres Prachtexemplar von Beschränktheit! Der Himmel mag wissen, wie dieser Dummkopf zu einem solchen Weibe gekommen ist!“

Der Schreiber nickte mit grinsendem Lächeln; der Gerichtsdiener aber, eine martialische Figur mit fast ganz kahlem Kopfe und einem riesigen Schnurrbart im rothen Gesicht, stieß einen grunzenden Ton aus, der als Lachen gelten sollte. Dabei riß er den Hut vom Kopfe und machte vom Pferde herab eine so zierliche Verbeugung, als er sie noch aus der Zeit im Gedächtniß hatte, da er Chevauxlegers-Wachtmeister gewesen war.

Der Gruß galt der Huberbäuerin, die, von dem Knechte herbeigerufen, eben im vollsten Putz aus der Thüre trat. Es war ein schönes stattliches Weib von etwas ungewöhnlich großem Körperbau, aber mit einem Gesichte, so weiß und rosig, wie das der feinsten Städterin. Die bestimmten ausdrucksvollen Züge, die großen dunklen Augen und das reiche pechschwarze Haar machten es wohl erklärlich, daß sie in der ganzen Gegend nicht anders hieß, als die schöne Huberin. Daß sie diesen Namen verdiente, zeigte sich am Besten darin, daß nicht einmal die hohe unkleidsame Pelzmütze, die sie nach der Sitte der Gegend trug, die Anmuth ihrer Erscheinung zu schwächen vermochte. Nur die schmalen, etwas eingekniffenen Lippen gaben ihr, wenn sie nicht eben lächelte, einen schlimmen keifenden Zug. Das war aber selten, denn sie lachte gern, entweder weil sie das wußte, oder weil dadurch eine weitere Schönheit sichtbar wurde, – ihre blendend weißen Zähne.

„Nun, Huberin,“ redete sie der Beamte an, „könnt auch Ihr mir nichts erzählen, was uns auf die Spur des Gesindels führen könnte?“

„Wenn ich das könnt’, Ihr’ Gnaden,“ erwiderte sie, indem sie lächelnd an den Wagen trat und die Hand zum Gruße hineinbot, „dann hätt’ ich nicht auf die Frag’ gewartet. Es liegt wohl Niemand mehr daran, daß die Schelmenleute aufkommen, als mir! Wer steht mir dafür, daß der rothe Hannickel nicht in der nächsten Nacht über mein Haus kommt und mich zur Bettlerin macht!"

„Es ist unbegreiflich,“ sagte der Beamte kopfschüttelnd und ernst. „So zu verschwinden, als wenn sie von der Erde eingeschluckt würden!“

„Sie machen’s gar schlau,“ erwiderte die Bäuerin. „Man sieht und hört nichts, und wenn man noch so nahe dabei ist. Ich war diese Nacht mit all’ meinen Leuten keinen Schuß weit vom Brandl weg, und Niemand hat was gemerkt oder gehört, bis das Läuten anging.“

„Wie war das möglich?“ fragte der Assessor. „ Erzählt doch.“

[4] „Sehn Sie dort drüben am Fuße des Gehänges, auf dem das Brandlgut liegt, die große Ackerbreiten? Die ist mein, ich hab’ dort Weizen stehen gehabt, der war geschnitten und lag zum Einführen da. Weil’s nun gestern Abend so aussah, als bekämen wir bald nasses Wetter, hab’ ich meinen Leuten ein Fässel Bier für die Extra-Arbeit versprochen, und so sind wir noch Nachts Alle hinüber und haben den Weizen hereingebracht, Gott sei’s gedankt, trocken und schön, daß es eine Freude ist. Wie wir den ersten Wagen vollgeladen hatten, sind ich und der Hans damit heimgefahren, wie wir aber gegen den Hügel kamen, wo’s aus dem Moor herausgeht, da haben wir’s in der Finsterniß versehen, der Wagen ist umgefallen und wir mußten mit den Pferden zurück, um Leute und einen andern Wagen zu holen. Bis wir das halbe Stündel zurückkamen, ging gerade das Läuten los beim Brandl, und meine Leute sind unter den Ersten gewesen, die gerade recht gekommen sind, die Thür zuzumachen, wie die Kuh aus dem Stall’ war.“

Der Beamte schwieg nachsinnend; der Gerichtsdiener aber drehte die Spitzen seines Schnurrbartes steif hinauf und grunzte wieder wie zuvor. „Das ist wahr,“ sagte er dann. „Ich bin gerade heimgeritten vom Dorfner Jahrmarkt, und dachte Wunder schon, was ich für einen Fang gemacht hätte, als ich sah und hörte, daß sich unten im Straßengraben ’was rühre. Da war’s die Frau Hubern mit ihrem Knecht, die sich vergebens abplagten, den umgestürzten Getreidewagen wieder in die Höhe zu bringen. Bin auch abgestiegen und habe mitgeholfen, aber unser Einer versteht das nicht.“

„Sonderbar! Sehr sonderbar!“ meinte der Assessor, immer nachdenklicher. „Es müssen Leute von großer Schlauheit sein oder sie stecken an einem Orte, wo es Niemand einfällt, sie zu suchen! Aber immerhin, auch diese Bösewichter wird die Hand der Gerechtigkeit noch ereilen: es ist nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonnen!“

Damit grüßte er und befahl, weiter zu fahren. Die Bäuerin grüßte entgegen und blieb nachblickend stehen, bis der Wagen mit seiner Begleitung hinter der nächsten Heckenreihe verschwunden war. Ueber dieselbe hinüber hob sich der rothe Gerichtsdiener noch einmal aus dem Sattel empor und grüßte und grunzte zurück so freundlich, als er es zu Stande brachte.

Schon bei der letzten Rede des Beamten war über das schöne Gesicht der Huberin eine Bewegung geflogen, die ihm einen stark höhnischen Ausdruck gab. Dieser wuchs noch, als Alles verschwunden war und sie im Umwenden dem stumpfen Lächeln ihres Mannes begegnete, der wieder brütend und hinstarrend wie zuvor auf der Bank saß. Rasch aber glitt ihr Blick auf den Knecht, der in der Thüre hinter ihm stand; er war noch bleicher als zuvor, bis in die Lippen hinein, und mußte sich, wie vom Schwindel befallen, am Thürgerüst anhalten.

Im Begriffe, in’s Haus zu treten, wendete sie sich nochmals um und rief ihrem Manne zu: „Es ist mir nun schon zu spät, um noch in die Kirche zu gehen! Ich will nach der Küche sehen, und Du kannst immer allein Dich auf den Weg machen …“

„Mag nicht allein“, sagte der Bauer, ohne sich von der Stelle zu regen und nach der Seite hin knurrend. „Will auch daheim bleiben.“

„Nein, Eines von uns muß in der Kirche sein,“ erwiderte die Bäuerin gebieterisch „Es ist der Leute wegen. Also zieh’ Deinen Rock an, nimm Deinen Hut und mach’ daß Du fort kommst.“

Der Bauer regte sich immer noch nicht und zeigte keine Lust, zu gehorchen. Da trat die Huberin hart vor ihn, richtete ihre schwarzen funkelnden Augen auf ihn und fragte halblaut: „Muß ich Dir noch einmal sagen, daß Du gehen sollst?“

Der Bauer wurde unruhig; er vermochte den gespannten Blick des Weibes nicht zu ertragen, den er auf sich lasten fühlte, wenn er ihm auch nicht mit dem Auge zu begegnen vermochte. Furchtsam und scheu erhob er sich dann und murrte: „Du siehst ja, ich geh’ schon, Urschi, Du brauchst mich nicht so anzufahren." Damit drückte er sich hastig an ihr vorüber in’s Haus hinein und verschwand in der Wohnstube.

Die Bäuerin ging ebenfalls in’s Haus und, ohne ein Wort zu sprechen, an dem jungen Knechte vorüber, der noch immer wie angemauert am Thürgerüst lehnte – aber im Vorbeigehen winkte sie ihm schnell und unmerklich mit den Augen. Dann stieg sie die Treppe zum obern Geschoß des Hauses hinauf.

Der Knecht blieb noch eine Weile wie nachdenkend stehen; dann wandte er sich hastig und eilte dem Nebengebäude zu, in welchem sich der Heuboden befand, das aber an die Rückseite des Wohnhauses angebaut war.

Einige Augenblicke nachher trat auch der Bauer aus dem Hause und eilte, ohne sich umzusehen, den Hügel hinunter dem Kirchwege zu.

[30]
3.

Inzwischen war die schöne Bäuerin in der sogenannten „guten Stube“ im ersten Stockwerk in unverkennbarer Aufregung eingetreten. Sie warf keinen Blick auf die für ein Bauernhaus ungewöhnlich feine und zierliche Einrichtung, an der sie sonst wohl ihre Freude hatte; vergeblich lockte aus den halbgeöffneten Kästen und Schränken die Fülle der schönsten Leinwand, zierlich in Stücken zusammengestellt – nachdem sie hastig die Thüre ins Schloß geworfen [31] und den Riegel vorgeschoben hatte, ging sie einigemal mit hastigen Schritten die Stube auf und nieder. Ihr Gesicht hatte einen von dem sonnigen Charakter ganz verschiedenen Ausdruck von Wildheit angenommen; es war, als ob sie eine Maske getragen und nun abgenommen hätte.

Nach einer Weile blieb sie vor dem Spiegel stehen, um ihrem Gesichte wieder den vorigen Ausdruck der Freundlichkeit zu geben. Dann blieb sie wie horchend stehen, und als sich weder in noch außer dem Hause ein Laut hören ließ, trat sie mit zufriedenem Nicken an einen hohen Wandschrank, wie sie in den Stuben wohlhabender Bauersleute als eine Art Prachtstück zu stehen pflegen.

Sie öffnete ihn, schob die Kleidungsstücke, womit er ganz ausgefüllt war, auseinander und drückte im Hintergrunde an eine in der Vertäfelung angebrachte Leiste. Im Moment wich diese dem Druck; eine enge, in einen völlig dunklen Raum führende Thür wurde sichtbar, schloß sich aber eben so schnell hinter dem Eintretenden.

Es war der junge Knecht, der zuvor unter der Thür gestanden.

Er war noch immer blaß und wie verwirrt und blieb mit gefalteten Händen, wie eine Bildsäule vor sich auf den Boden starrend vor der Bäuerin stehen, die ihn mit einem scharfen, in die Seele dringenden Blick betrachtete.

„Was willst Du?“ fragte er endlich kleinlaut, „Du hast mir heraufgewinkt.“

„Muß ich das nicht, Hans?“ entgegnete freundlich die Bäuerin, indem sie, rasch in eine andere Rolle übergehend, den Widerstrebenden neben sich auf die Bank zog. „Muß ich das nicht, wenn ich Dich sehn will? Du bist mir ein trauriger Schatz! Sonst hast Du den Weg zu mir ohne Wink zu finden gewußt!“

Der Knecht saß regungslos neben dem Weibe und erwiderte keine der Liebkosungen, mit denen sie ihn überhäufte, ja er schien sie nicht einmal zu fühlen. Nur bei der Erinnerung an das Sonst in der Rede der Bäuerin zog ihm eine dunkle Gluth über Stirn und Wange, seine innere Beschämung oder Entrüstung ankündend.

Mit einem Male aber schien er zu sich selbst zu kommen. Wie erschreckt fuhr er empor, schlug die Hände wie krampfhaft vor die Augen und keuchte: „Laß mich los, Urschi – es ist Sünde, unverzeihliche Sünde! Du bist eines Andern, bist meines guten Herrn Weib, und ich …“

„Und Du?“ fragte forschend die Bäuerin, mit Mühe ihre Aufregung verbergend.

„Ich bin ein elender, verworfener Mensch!“ jammerte Jener düster vor sich hin. „Ich bin nicht werth, daß mich die Sonne anscheint!“

„So sage nur,“ schmeichelte das Weib, „was Dich mit einem Male so verändert hat? Ich kenne Dich nicht mehr!“

„Das will ich Dir sagen. Wie vorhin der Assessor daher gefahren kam und vor dem Haus gehalten hat, da hab’ ich erst in mich hineingelacht, daß er umsonst fragen und nichts finden wird. – Wie er aber mit Dir sprach und das alte Sprüchl sagte, daß nichts so fein gesponnen ist, es kommt doch an die Sonnen, da kam es mir vor, als hätte er mich dabei gerade und starr angesehn … mir verging das Sehen und Hören; ich mußte mich an der Thür halten, damit ich nicht umgefallen bin, aber in mir und um mich herum schrie es in Einem fort: Morgen kommen sie und holen Dich!“

„Einbildung! Du bist krank,“ erwiderte die Bäuerin, welche ernstlich besorgt zu werden anfing, obwohl ihr Beweggrund mit der Liebe am wenigsten gemein hatte. „Du mußt Dich niederlegen und Medicin nehmen, daß Dir die wilden Gedanken vergehen!“

„Die vergehen mir mein Lebtag nicht wieder,“ seufzte Jener, „dafür gibts keine Medicin! Aber ich will mir doch Ruhe verschaffen! Und ich weiß was ich thun muß! Ich will nichts mehr wissen von Dir, Du schöner Teufel, der mich verführt hat! Ich will hin und will Alles gestehen!“

Die Bäuerin erschrak. „Narr,“ rief sie, „was fällt Dir ein? Bedenkst Du auch, was Dir bevorsteht? Sie werden Dich für immer ins Zuchthaus sperren, wenn sie Dir nicht den Kopf vor die Füße legen.“

Der Knecht antwortete nicht gleich; er vermochte es nicht, denn seine Brust arbeitete im heftigsten Kampfe. „Meinetwegen,“ sagte er dann dumpf, „mir gehört’s nicht besser, und wenn’s an die Sonnen gekommen ist, hab’ ich doch nichts Anderes zu erwarten!“

„Du mußt im Ernst krank sein, Hans,“ sagte die Bäuerin ärgerlich! „Wie wär’s nur möglich, daß irgend was aufkäm’! Keine menschliche Seel’ denkt daran, den rothen Hannickel da zu suchen, wo er zu finden ist! Du weißt, daß selbst von den Cameraden kein Einziger ihn kennt, Du allein weißt Alles! Und Du wolltest hingehen und schwach werden und Alles verderben, was wir so schön ausstudirt haben? Noch eine ganz kurze Zeit, dann haben wir so viel beisammen als wir brauchen! Dann gehen wir mit einander fort, nach Ungarn hinunter oder gar über’n Meer hinüber, wo uns kein Hahn nachkeäht! Und das Alles wolltest Du selber zernichten?“

Der Bursche schwieg, aber die Natur schien die krampfhafte Anspannung, in der er sich befand, nicht länger ertragen zu können. Die Sehnen ließen nach, und mit einem tiefen, herzbrechenden Seufzer brach ein Strom von Thränen aus seinen Augen.

Die Bäuerin bemerkte listiger Weise sogleich die eingetretene weichere Stimmung und bemühte sich sie möglichst zu benutzen. „Und an mich,“ fuhr sie mit schmeichelndem gerührtem Tone fort, „an mich denkst Du gar nicht? Willst Du Dich mir entreißen, die nicht leben kann ohne Dich? Willst Du mich in’s Unglück stürzen zum Dank dafür, daß ich Dir mein Ehre, mein Vermögen, ja mein Leben selbst in die Hände gegeben habe? Du wirst nicht! Wenn Du wieder gescheidt, wenn Du der beherzte Bursch’ wieder bist, als den ich Dich so oft gesehn hab’ in der größten Gefahr, dann wirst Du über Dich selbst und über Deine Verzagtheit lachen und wirst Dich schämen, daß ein einfältiges Sprüchl Dich so zum Kind hat machen können … Du weißt …“

Das Weitere verlor sich in immer leiserem Flüstern. Der Knecht widerstand dem freundlichen Andringen nicht länger; er wurde wärmer und vergaß bald unter den Liebkosungen des schönen Weibes seine Vorsätze und seinen Schrecken. Geraume Zeit hatten beide gekost, als sich ein leises Klirren vernehmen ließ und die Thürklinke begann sich hin und wieder zu bewegen. Dem Falkenblick der schönen Huberin entging das nicht; wortlos deutete sie dem Knecht darauf hin. Diesem mußte das Zeichen nicht unbekannt sein, denn gleichfalls ohne ein Wort zu erwidern, schlüpfte er in den Kasten, aus dem er gekommen war.

„Und wirst Du mir nun keine Narrheit mehr begehn?“ flüsterte ihm die Bäuerin noch nach.

„Ich bin Dein und wenn’s in die Hölle ginge,“ erwiderte Hans ebenso hastig – und er war verschwunden.

Mit der unbefangensten Miene zog die Bäuerin geräuschlos den Thürriegel zurück; dann trat sie vor einen der Schränke und gab sich, mit dem Rücken gegen den Eingang gewendet, den Anschein, als sei sie mit dem Ordnen der Wäsche beschäftigt. Dabei ließ sie aber einen vor ihr hängenden Spiegel keine Secunde aus den Augen, denn in ihm konnte sie Alles wahrnehmen, was hinter ihr vorging.

So bemerkte sie, daß die Thüre wie von Jemand, der horchen will, behutsam geöffnet ward und daß in der Spalte der Kopf ihres Mannes sichtbar wurde. Sein Gesicht trug den Ausdruck eines wilden lauernden Zorns, wie er aber die Katzenaugen im Zimmer umher gleiten ließ, verlor sich derselbe und machte dem gewohnten dummen Lächeln Platz. Er zog sich wieder zurück und schloß die Thüre ebenso leise, sichtbar froh, nicht bemerkt worden zu sein.

„Steht es so?“ murmelte die Bäuerin vor sich hin, als sie sich wieder allein wußte. „Wie gut, daß ich den heimlichen Zug an der Thür’ hab’ anbringen lassen, der es sogleich zeigt, wenn Jemand die Stiege betritt! – Er hat also Verdacht? … Und Hans …? Für diesmal hab’ ich ihn noch von seinem Fieber curirt, aber wer steht mir dafür, ob es nicht wieder kommt? Und ob ich dann noch im Stand bin, Einhalt zu thun?“

Sie sann einen Augenblick nach. und der häßliche Zug um ihren Mund trat stärker hervor. „Nun,“ sagte sie dann nach einer Weile und wandte sich entschlossen der Thüre zu, „ich will schon vorsorgen, sie sollen sehen, daß die schöne Huberin sich zu helfen weiß!“




4.

Dem schönen Morgen war ein schöner Tag gefolgt, wolkenlos und tiefblau, aber niederdrückend schwül. Schon hatte in den Dörfern ringsum das Glockenzeichen die Beendigung des nachmittägigen Gottesdienstes angekündigt und noch regte sich kein kühler Lufthauch, [32] wie sie sonst die angenehmen Boten des Abends zu sein pflegen. Die Luft flimmerte und schimmerte im Sonnenglanz, und wer es vermochte, flüchtete aus der Helle und Schwüle an irgend ein Plätzchen, wo Schatten und Kühle frei aufzuathmen gestatteten.

Ein solches Plätzchen war ein an der Erdingerstraße gelegener Sommerbierkeller, der von einer heitern Anhöhe unter großen Linden und Kastanienbäumen die Gegend beherrschte und darum ein gewöhnlicher Zielpunkt für Sonntags-Spaziergänger aller Art war. Dahin strömte das Landvolk der nähern und fernern Umgebung, und auch die Bürger und Honoratioren des Städtchens ließen sich’s nicht verdrießen, die anderthalb Stündchen auf der sonnigen Landstraße dahin zu marschiren. War man doch reichlich entschädigt durch einen Platz auf der offenen schattigen Terrasse, vor einem Kruge des trefflichsten erfrischenden Bieres, bei dessen Genuß sich die weite, nicht reizlose Landschaft doppelt behaglich übersehen ließ.

Heute war der Besuch besonders zahlreich, denn in den meisten der umliegenden Fluren war die Getreideernte beendigt, was jährlich mit einer besondern Lustbarkeit gefeiert wurde. Deshalb waren alle Plätze unter den breiten Kastanien und Linden von munterem Landvolk besetzt, und in der anstoßenden kühlen Fässerhalle ward trotz des rauhen Fußbodens zum Tanze hergerichtet. In einer Ecke waren ein paar Fässer zusammengestellt, von denen herab Baßgeige, Clarinette und Trompete, das unerläßliche Dreiblatt, die muthwilligsten Ländler ertönen ließen. Die Bursche und Mädchen ließen sich auch nicht lange vergebens locken, und bald dröhnte die Halle von dem Schleifen, Stampfen und Jauchzen der Tanzenden wieder.

Draußen vor der Halle waren ebenfalls einige Sitze neben der Einfahrt angebracht. Hier konnte man die ganze vorbeiziehende Straße nach beiden Seiten übersehen und Niemand konnte vorübergehen, ohne von den dort Sitzenden bemerkt zu werden.

Diese waren eine Schaar junger kräftiger Bauernbursche voll des trotzigen und etwas rohen Uebermuths, der die Landleute der dortigen Gegend kennzeichnet. Die halb bäurische, halb städtische Tracht verrieth die vielfache Berührung, in welche sie durch reichen Getreideverkehr mit Stadt und Städtern gekommen; dennoch hatten sie noch etwas von der ursprünglichen ländlichen Einfachheit behalten, das sich in der Liebe zum Gesang und in dem steten, freilich etwas grobkörnigen Witze kund gab. Die meisten trugen hohe, bis an’s Knie reichende Stiefeln, in denen die weiten Lederbeinkleider steckten, dann den schwarzen Sammtspenser mit blanken Silberzwanzigern oder Halbgulden als Knöpfe, und den niedern breitkrempigen Hut, um welchen eine echt goldene Schnur sich mehrfach schlang und in stattlichen Quasten herunter hing.

Die lustige Schaar bestand aus einigen reichen Bauerssöhnen und vier bis fünf Knechten vom Huberhofe, lauter Gesichtern, die sich wohl darum wußten, daß sie auf einem der ersten Güter der Gegend dienten, und von Vielen wegen des großen Lohnes, der dort üblich war, beneidet wurden. Sie hatten die Taschen voll Geld und wußten es wohl zu zeigen, denn der Krug, aus dem Alle gemeinschaftlich tranken, ward so oft in der Runde geleert, daß die Kellnerin fast nicht von dem Tische weg kam und die übermüthig hingeworfenen Münzen nur so herumsprangen. Dazwischen riß der Gesang nicht einen Augenblick ab, der jedoch den Sängern mehr Vergnügen gewähren mochte, als den Hörern, denn die nicht sehr abwechselnden Melodieen wurden von Allen einstimmig und in widerlich hoher Tonlage abgeleiert.

Der Schweigsamste war Hans und ein ganz junges Bürschlein von kaum siebzehn Jahren, das erst vor wenigen Wochen auf dem Huberhofe in Dienst getreten war.

„Nun, was ist Dir über’s Leberl gelaufen, Pauli?“ rief Einer während einer augenblicklichen Pause den jungen Menschen an. „Du schaust ja d’rein, als wenn Dir der Hund das Brod genommen hätt’, und auch der Hans macht ein Gesicht, als wenn er nicht fünfe zählen könnt’!“

„Das kann ich Dir schon sagen,“ lachte ein Zweiter, „sie sind alle zwei verliebt und Jeder lamentirt um sein’ Schatz, der Pauli, weil er ihn nicht kriegen kann, und der Hans, weil er ihn angebracht hat!“

„Du wirst viel wissen von unsere Schätz’, Hies,“ sagte Hans kalt und ein bischen verächtlich. „Ich mein’, Du bist noch nie botenweis’ gegangen für mich!“

„Das braucht’s nicht,“ rief der Andere wieder, „deßwegen hab’ ich doch die Spatzen auf’m Dach pfeifen hören! Kennst Du etwa die Blumhuber-Rosel gar nimmer, weil Du sie hast sitzenlassen? Oder reut’s Dich, weil sie sich heut’ Nacht so tapfer gehalten hat?“

„Was meinst Du damit?“ fragte Hans verwundert. „Ich weiß von nichts.“

„Stell Dich nicht so unschuldig,“ war die Antwort, „man redt ja schon überall davon. Sie ist Unterdirn auf dem Brandlgut, und ist heut Nacht die Einzige gewesen, der die Schelmen nicht Herr geworden sind. Sie hat mit dem rothen Hannickel gerauft, wie ein Mannsbild, und hat sich losgemacht und auf dem Dach das Freßglöckl geläut’t. Der Hütbub hat sich unterm Holz verkrochen gehabt und hat Alles mit ang’schaut!“

Hans ward einen Augenblick roth, als ob ihm Blut in’s Gesicht geschüttet worden; im nächsten aber war er wieder bleich, wie zuvor, und stand ganz ruhig auf. „Ich hab’ davon gehört,“ sagte er, „aber nicht gewußt, daß das die Rosel war … Mich wundert’s aber nicht, sie war alleweil’ eine kreuzbrave Person …“ Damit ging er dem Tanzboden zu und lehnte sich in einen Winkel, mehr um ungestört zu sein, als um den Tanzenden zuzuschauen.

Die Bursche draußen lachten ihm nach. „Es ist schon so, Hies,“ riefen sie, „Du hast schon den rechten Fleck bei ihm getroffen! Wollen sehn, ob Du beim Pauli auch so geschickt bist!“

„Ja, bei dem ist’s schon schwerer,“ spöttelte Hies, „der fallt ganz vom Fleisch; das kommt aber blos daher, weil er mit dem Löffel den Weg in’s Maul nimmer findet, so oft er beim Essen seine schöne Dienstbäuerin ansieht …“

Die Flammenröthe des jungen Menschen verrieth, daß der Spötter auch hier sehr wohl zu zielen verstanden hatte. Zornig sprang er auf, schlug herausfordernd mit der Faust auf den Tisch und rief: „Wer untersteht sich, der Huberin was nachzureden?“

Allgemeines Gelächter scholl ihm entgegen. „Wer redet davon?“ schrieen sie durcheinander. „Wir wissen schon, daß sie von Dir nichts will, aber das wissen wir auch, das Du verschossen bist in die schöne Huberin!“

Der Bursche faßte den zunächst Stehenden am Kragen, dieser griff ihm dagegen an die Kehle, und alle andern Bursche drängten sich im Nu in einen Knäuel um die Streitenden, bereit, für und gegen Partei zu nehmen. Das Haupt-Sonntagsvergnügen, die Rauferei, hätte sofort begonnen, wenn nicht die Bräuerin begütigend in’s Mittel getreten wäre.

[46] Die Frau Wörglin war eine kleine, unmäßig dicke Gestalt, nicht eben gemacht, um zu imponiren, aber sie galt in der ganzen Gegend als eine so gescheidte und leutselige Frau, daß man überall gern ihre Vermittlung suchte und ihren Rath holte. So war sie bei den jüngern Bauernburschen nicht ohne Einfluß, und hatte schon manchen drohenden Sturm zu beschwichtigen gewußt.

„Gebt mir Ruh’, Ihr Buben,“ rief sie, „wenn wir gut Freund bleiben sollen! Wer mir Spectakel anfängt, ist zum letzten Male auf dem Wörglkeller gewesen, darauf könnt Ihr Euch verlassen! Und laßt mir auch das nichtsnutzige Gered’ unterwegs. Es schickt sich nicht, daß man von einer braven und ordentlichen Frau so was sagt, und wenn sie zehnmal nichts davon wissen soll; die Leut’ sind gar schlimm, und es bleibt gar zu gern etwas hängen. Und eine brave Frau ist die Huberbäuerin, das muß ihr der ärgste Feind nachsagen, ordentlich und ehrbar und haushälterisch und ein wahres Muster von einer richtigen Bäuerin.“

Die Bursche stimmten ein und setzten sich beruhigt wieder zum Trinken und Singen nieder. Sie hätten’s ja nicht bös’ gemeint, sagten sie, und beim Bier gehe ja wohl ein Wörtel drein.

„Ja, ja, meinetwegen,“ rief die Frau, indem sie sich gegen den Tanzplatz wendete, „aber ich sag’ immer: Unrecht Gut thut kein Gut, ein unrecht Wort find’t bösen Ort; das könnt Ihr Euch auch merken, es wird Euer Schaden nicht sein.“

Damit ging sie; Paul, der sich nicht mehr gesetzt hatte, neben ihr.

„Wie ist’s, Frau Wörglin,“ sagte er halblaut, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, „könnt Ihr kein Wildpret brauchen? Ich hab’ wieder einen wunderschönen Rehbock gefunden.“

„Du bist mir der saubere Finder,“ sagte die Frau, ebenfalls mit gedämpfter Stimme und stillstehend. „Kannst halt das Wildern nicht lassen, und ich sollte Dich auch nicht unterstützen drin … aber was will ich machen! Die Herren im Casino wollen immer was Besonderes essen für ihre paar Groschen, und wenn ich das Wildpret vom Förster kaufen wollte, dürft’ ich nur gleich die Küch’ zusperren! Was soll er denn kosten, der Bock? Drei Gulden will ich Dir geben!“

„Aber, Frau Wörglin,“ erwiderte der Bursche schüchtern, „die Wilddecke allein ist mehr werth …“

„Warum nicht gar!“ eiferte die Wirthin. „Ich soll Dir wohl jedes einzelne Haar im Pelz bezahlen! Einen Spitz von meinem rothen Wein geb’ ich noch drauf, der Dir so schmeckt …“

Der Bursche kraute hinter den Ohren. „Die vier Gulden, Frau Wörglin,“ sagte er, „Ihr sagt ja immer: Unrecht Gut thut nicht gut!“

„Ja, das sag’ ich,“ rief die Wirthin, „und bleibe auch dabei! Merk’ Dir’s nur auch! Also, wenn Du willst, kannst Du den Bock heut’ Abend hinten in den Schuppen an den gewohnten Ort legen und Dir dann Dein Geld holen!“

„Meinetwegen,“ sagte der Bursche, „ich muß halt in den sauren Apfel beißen. Paßt also auf, nach Gebetläuten komm’ ich!“ Beide trennten sich, als die Bursche gerade ein Freudengeschrei erhoben und auf die Straße hinabliefen, wo sie sich so in der Reihe aufstellten, daß dieselbe ganz abgesperrt war.

„Grüß’ Dich Gott, Blumhuber-Rosel,“ riefen sie; „das ist schön, daß Du kommst! Du darfst nicht vorbei, ohne daß Du uns Bescheid gethan hast; Du bist die richtigste Dirn’ im ganzen Erdinger Gericht! Wie Du den rothen Hannickel heim geschickt hast, das thut Dir so leicht Keiner nach!“

Das bleiche Mädel gerieth in Verwirrung und sah so schüchtern aus, daß ihr Niemand die Kraft und die Kühnheit zugetraut haben würde, die sie bewiesen hatte.

„Mein, laßt’s mich gehn, Ihr g’schupften Buben,“ sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Ich hab’ mich eben um meine Haut gewehrt, und das ist Alles. Laßt’s mich aus, ich muß noch zu meiner Gothen nach Altenerding ’nüber, und wenn Ihr mich versäumt, komm’ ich vor Nachts nicht wieder heim.“

Alles Sträuben und Weigern war vergebens; um nur loszukommen, mußte Rosel einwilligen, einen Augenblick in den Keller einzutreten und den Begrüßenden durch Nippen an den dargebotenen Krügen Bescheid zu thun. Auch viele von den übrigen Gästen wurden aufmerksam, kamen herzu und umringten neugierig und fragend das Mädchen, das inzwischen Muth gefaßt hatte und das Erlebte mit einfachen kurzen Worten erzählte.

Zu dem Kreise der Zuhörer hatte sich auch Hans eingefunden und stand unbeachtet von Allen Rosel gegenüber, doch so hinter den Leuten verdeckt, daß sie ihn nicht wahrnehmen konnte. Das Blut schoß ihm bei ihrem Anblick in’s Gesicht, sein Herz schlug hörbar und vor den Augen zog es ihm feucht vorüber, wie wenn man in den Regen hinausschaut. Als die Erzählerin ihren schlichten Bericht schloß und die Zuhörer unter einander verwundert plauderten, benutzte sie die Gelegenheit, sich der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entziehen, und schlüpfte gegen den dunklen Eingang der Fässerhalle zu, in welcher Musik und Tanz eben eine Pause machten.

Hans hatte ihre Absicht bemerkt, er folgte ihr, ohne selbst klar zu wissen, was er that, und an einer halbdunklen, augenblicklich menschenleeren Stelle trat er ihr unerwartet entgegen.

Sie stieß einen leisen Laut schmerzlicher Ueberraschung aus und machte eine halbe Bewegung nach dem Herzen, während es wie Wiederschein einer fernen Beleuchtung röthlich über ihre Züge flog – dann standen sich Beide eine Secunde lang lautlos und ohne Regung gegenüber.

„Grüß’ Dich Gott, Rosel,“ brachte Hans endlich hervor.

„Grüß’ Dich Gott, Hans,“ erwiderte sie ruhig und fuhr, da er nichts weiter hinzusetzte, fort: „Willst Du mir was?“

„Ja,“ sagte Hans, ohne die Augen aufzuschlagen. „Es leidet mir’s nicht länger mehr … ich muß Dir’s sagen, daß ich’s einseh’, wie schlecht ich an Dir gehandelt hab’ … daß es mich reut, so viel ich Haar’ auf dem Kopf habe .. und daß ich Dich um Verzeihung bitten will …“

„Ich trag’ Dir nichts nach,“ sagte Rosel nicht ohne Bewegung, „meinetwegen brauchst Du Dich nicht zu kränken – ich wünsch’ Dir alles Gute.“

„Ja, Du bist alleweil die gute Stund’ selber gewesen,“ seufzte Hans aus tiefster Brust, „aber ich … ich! O Rosel, Rosel, ich wollt’, ich wär’ nie auf den Huberhof ’kommen!“

„Der Ort macht’s nicht aus, Hans. Der Huberhof ist das rechtschaffenste Haus weit und breit – es wird uns schon so aufgesetzt gewesen sein, daß wir auseinander haben kommen müssen.“

„Nein, nein, es hat nicht sein müssen,“ rief Hans wieder, „ich allein bin dran schuld, daß es so geworden ist … aber ich wollt’ ja gern Alles thun, wenn’s wieder werden könnt’, wie damals!“

[47] „Ja, wenn man das könnt’,“ erwiderte Rosel und verbarg die Thräne nicht, die sie sich aus dem Auge wischte. „Aber die Lieb’ ist nicht wie ein Gemüspflanzl, das allemal wieder anwurzelt, wenn man’s versetzt … wenn die einmal ausg’rissen ist, dann gehn die Wurzeln ein und verdorren für alle Zeit …“

„Und ist das Pflanzl ganz ausg’rissen in Dein’ Herz’? Und kann’s net wieder Wurzeln treiben?“

Rosel weinte, aber sie schüttelte heftig und bestimmt den Kopf.

Hans gerieth in immer heftigere Aufregung. „Rosel,“ rief er und seine Stimme zitterte fieberhaft, „sag’ nicht, daß es so ist! Sag’s nicht, und wenn’s Dir selber nit so um’s Herz wär’! Lug’ mich lieber an – es ist der einzige Strohhalm, an den ich mich noch halt’, ….. Rosel, ich geh’ zu Grund’ an Leib’ und Seel’, wenn Du Dich nicht um mich erbarmst ….“

„Sprich nit so,“ entgegnete sie weinend, „so arg wird Dich der liebe Gott nicht verlassen! Ich merk’ freilich wohl, daß bei Dir nit Alles ist, wie’s sein soll, aber wie soll ich Dir helfen können? …“

Sie wollte noch mehr hinzufügen, aber die Musik regte sich, die Tanzlustigen näherten sich wieder und scheuchten das Paar auseinander. Rosel drückte sich seitwärts in die Ecke, Hans verschwand nach der andern Seite. Beides aber konnte nicht so schnell geschehen, daß es nicht von dem zuerst eintretenden Tänzer-Paare bemerkt worden wäre.

Dieses Paar war ein ungewöhnliches und sehr ansehnliches, denn die Tänzerin war niemand anders als die schöne Huberin, der Tänzer aber der große kahlköpfige Gerichtsdiener. Die Bäuerin war eben ganz stattlich angefahren gekommen, und der galante Mann, seit Kurzem Wittwer, hatte ihr sogleich beim Aussteigen die Ehre angethan, sich ihre Hand auf einen Ländler zu erbitten. War es ihr auch nicht sehr angenehm, so mußte sie es doch als eine Auszeichnung ansehen, denn der Herr Kriegelsteiner war, was man gewöhnlich einen gemachten Mann nennt, reich, und als die rechte Hand des Landrichters von nicht geringem Ansehen. Er war in der Seele vergnügt, daß er der Erste war, der mit der schönen Frau zum Tanze ging; stolz schritt er mit ihr am Arme dahin, mit der andern Hand den Schnurrbart drehend oder über den kahlen Kopf streichend, als wenn es ihm dort zu heiß würde. Er sprach eifrig mit ihr und ließ dazwischen jenen grunzenden Ton hören, der ihm statt des Lachens diente. Nicht so gut gelaunt war die Bäuerin; sie war wortkarg und als sie vollends das gestörte Pärchen bemerkt hatte, ließ sie sich jedes Wort abnöthigen und klemmte unmuthig die Unterlippe zwischen die Zähne.

Als sie einen Ring umgetanzt hatten und wieder in der Reihe anstanden, begann sie gleichwohl selbst das Gespräch. „Ich muß immer lachen,“ sagte sie, „wenn ich daran denk’, wie vorhin die Zwei auseinander gefahren sind. Die haben wir in der besten Unterhaltung gestört!“

Herr Kriegelsteiner grunzte. „Ich weiß doch nicht,“ sagte er dann, „ob die Zwei sich gerade gut mit einander unterhalten haben. Kanntet Ihr sie denn nicht? Der Bursche war ja Euer Oberknecht Hans ....“

„So?“ sagte die Bäuerin mit erkünstelter Gleichgültigkeit. „Ich habe so genau gar nicht hingeschaut … Und wer war denn das Mädel? Hab’ ich doch nie davon gehört, daß der Hans eine Bekanntschaft hat …“

„Er hat auch keine mehr,“ erwiderte der Gerichtsdiener. „Das Mädel war die Blumhuber-Rosel, die beim Brandl als Unterdirn’ dient. Ihr kennt sie wohl, die Leut’ reden jetzt viel von ihr, denn sie hat ja heut’ Nacht beim Einbruch auf dem Brandlgut mit dem rothen Hannickel gerauft und hat ihn versprengt …“

Die Bäuerin bemeisterte nur mit Mühe die zornig wilde Bewegung, die in ihr aufloderte. „Die Blumhuber-Rosel?“ fragte sie dann mit kaum merklich bebender Stimme. „Ich hab’ sie früher gekannt, aber sie hat sich stark verändert. Wenn ich gewußt hätt’, was sie für eine merkwürdige Person ist, hätt’ ich sie schon besser angeschaut.“

„Die war’s,“ entgegnete der Gerichtsdiener, „sie hat den Hans zum Schatz gehabt, aber seit ein paar Jahren ist’s aus damit. Sie sind seitdem an einander vorbeigegangen, als wenn sie sich gar nicht kennten, und werden heut’ wohl noch eine übrig gebliebene Heimlichkeit von dazumal auszumachen gehabt haben.“

Die schöne Bäuerin biß sich fast die Lippe wund. „Wie Ihr nur das Alles so wißt!“ sagte sie mit gezwungenem Lachen.

„O,“ entgegnete er selbstzufrieden, indem er wieder zum Tanze mit ihr antrat, „ein Gerichtsdiener muß Alles wissen! Man weiß nie, ob man es nicht einmal brauchen kann!“

Der Tanz ging bald zu Ende, und Herr Kriegelsteiner führte seine Partnerin mit der Miene eines siegreichen Feldherrn an den Platz, wo sie von ihrem Manne erwartet wurde, der in der kurzen Zeit schon so viel und so schnell getrunken hatte, daß seine ausdruckslosen Augen noch starrer, und glanzloser geworden waren. Der galante Tänzer benutzte den Weg, um noch einige Schmeicheleien und halbverdeckte Liebeserklärungen anzubringen, die ihm längst auf der Zunge gebrannt hatten.

„Ihr solltet mir das nicht anthun,“ sagte die Bäuerin, deren steigender Unmuth nach einem Auswege suchte. „Solches Gered’ ist eine Beleidigung für eine ordentliche, ehrbare Frau!“

„Ach, warum seid Ihr eine Frau!“ jammerte der Gerichtsdiener. „Warum seid Ihr nicht auch frei und ungebunden, wie ich! Ich ließe nicht nach, bis wir ein Paar wären!“

„Mein Mann,“ sagte die Bäuerin in rückhaltslos spitzem Tone, „mein Mann ist ein guter Lapp, dem ich ein recht langes Leben wünsche. Und wenn ich auch Wittib wär, thät’s doch mit uns Zwei nichts werden, mein’ ich. Ihr taugt nicht zu einem Bauern, und in’s Amthaus zu den Schergen und Spitzbuben ging’ ich nicht – dazu steht der Huberin die Nase zu hoch!“

Damit wendete sie sich ab und ließ den Verblüfften stehen, der dann hastig davon eilte, wilde Flüche vor sich hinmurmelnd.

„Huber,“ sagte die Bäuerin zu ihrem Manne, „mir ist nicht recht wohlauf, ich will heim.“

Der halbtrunkene Bauer richtete sich ungeschlacht auf und wollte eine rauhe Ablehnung vorbringen. Wie er aber den Mund öffnete, begegnete sein Blick dem fest auf ihn gerichteten seines Weibes, und er verstummte. Wie gebannt von diesen unheimlich funkelnden Augen stund er vollends auf und wankte dem Wägelchen zu, das auf der Straße von einem Knechte mit den Pferden gehalten wurde. Er war willenlos, wie man von den kleinen Thierchen erzählt, welche eine große Schlange so lange mit den giftigen Augen anstiert, bis sie sich ihr selbst in den aufgesperrten Rachen stürzen. Die Umstehenden merkten es wohl, stießen einander auch mit den Ellbogen an und brummten, „die Huberin habe ihren Mann gut gezogen und führe ein strenges Commando –“ man gab ihr aber nicht Unrecht, denn bei dem Halbsimpel und Bruder Saufaus mochte das wohl nothwendig sein.

Die Bäuerin dagegen schritt mit freundlichem Grüßen an den Leuten vorüber und trat eben an den Wagen, als auch Rosel die Einfahrt herabkam, um ihre unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Sie sah nicht links noch rechts und wollte unbeachtet vorüberschlüpfen, aber die Bäuerin rief sie schon auf dem Wagen sitzend an.

„Wie, Rosel!“ sagte sie, „ist das auch recht, daß man an den alten Bekannten so vorbeigeht, als wenn man sie sein Lebtag nicht gesehen hätt’?“

Rosel blieb stehen. „Ich hab’ nicht geglaubt, Huberbäuerin, daß Du noch an die Zeit denkst, wo wir nebeneinander Dienstboten g’wesen sind. Aber es freut mich, daß Du nicht hoffärtig bist, und so sag’ ich Dir von Herzen: grüß’ Gott!“

Sie reichte die Hand hin, in welche die Bäuerin hastig einschlug und sie derb schüttelte. „Warum sollt’ ich hoffärtig sein!“ lachte sie, „aber Du kannst leicht stolz werden, weil Du so ein Heldenstück aufgeführt hast mit dem rothen Hannickel. Du mußt mich einmal heimsuchen und mußt mir das Alles auf’s Haar erzählen, was er gethan und geredt hat und wie er ausschaut! Möchtest wohl nicht in Dienst zu mir? So resolute kräftige Leut’ kann ich brauchen!“

„Ich hab’ keine Klag beim Brandl,“ sagte Rosel, „die alten Leut sind an mich gewöhnt, ich möcht’s ihnen nit anthun, daß ich wegging’!“

„Dann mußt Du mich so einmal besuchen und in Heimgarten zu mir kommmen; ich mein’ wir hätten allerhand zu plaudern mit einander,“ erwiderte die Bäuerin, indem sie das Mädel mit einem eigenthümlich lauernden Blicke maß. „Du siehst nicht darnach aus, man sollt’s nicht meinen, daß Du so stark bist …“

„Es ist auch nicht so fürchterlich mit der Stärk’,“ lachte Rosel, „aber die Noth gibt halt Kräften. Ich will schon sehen, wann ich einmal frei hab’, daß ich Dich heimsuchen kann.“

Während des Gesprächs waren die muthigen Pferde immer unruhiger geworden, daß der Bauer sie kaum zu bändigen vermocht [48] hatte. Jetzt waren sie nicht mehr zu halten, sie rannten fort und die Unterredung war abgeschnitten. Die schöne Huberin wandte sich noch einmal im Wagen um und rief Rosel mit angestrengter Stimme, um über das Wagengerassel hinaus verstanden zu werden, einen Gruß zu. „B’hüt Dich Gott,“ schrie sie, „wir treffen schon noch einmal zusammen!“

Fort rollte der Wagen, Rosel aber that einen lauten Schrei und mußte sich an der Stiegenwand halten, um nicht umzusinken. In den letzten Worten hatte sie die Stimme des Räuberhauptmanns wieder gehört, die ihr noch von der Nacht her im Ohre klang. „Der rothe Hannickel!“ flüsterte sie, indem es ihr schwarz vor den Augen ward. Ebenso schnell aber war die Anwandlung der Schwäche wieder überwunden, als die Leute herbei eilten und sie mit frischem Wasser bestreichen wollten.

„Laßt mich nur,“ sagte sie abwehrend, „es ist schon wieder vorbei!“

Damit ging sie eilig weiter, aber in der Richtung nach ihrer Heimath zu, bestürmt von den widerstreitenden Empfindungen, Erinnerungen und Gedanken, welche die letzten Stunden und Augenblicke in ihr wachgerufen.




5.

Der Abend auf dem Huberhof war außerordentlich still. Der Bauer hatte sich kurz nach der Heimkehr auf’s Bett gelegt und war aus dem Zustande thierischer Trunkenheit in einen gleichen Schlaf versunken, woraus ihn nichts aufzurütteln vermochte. Die Knechte waren mit schweren Köpfen nach Hause gekommen, hatten die Arbeit in Stall und Scheune beschickt und dann auch ihr Lager gesucht, denn am andern Morgen mit Sonnenaufgang begann das Tagwerk wieder, das ausgeruhte Kräfte verlangte und hellgeschlafene Augen. In der Stube, wo sonst alle Hausgenossen zum Abendessen zusammenkamen, fanden sich außer den Mägden nur Paul und Hans ein, während die Bäuerin in Besorgung ihrer Geschäfte abwechselnd ab und zuging. Die Unterhaltung war lahm, denn die beiden Bursche nahmen keinen Theil daran und überließen es den Mägden, die Lustbarkeiten des verlebten Feiertags zu zergliedern.

Paul setzte sich gleich Anfangs auf die breite, um den Ofen laufende Bank und stellte sich, als ob er schlafen wollte, im Grunde aber that er es nur, weil er die Bäuerin ohne Auffallenheit im Auge behalten und jede ihrer Bewegungen verfolgen konnte.

Hans aß nur wenig; sobald das laute gemeinschaftliche Tischgebet vorüber, griff er nach dem in der Nische stehenden Oellämpchen, um es anzuzünden. „Wenn Du nichts mehr schaffst, Bäuerin,“ sagte er, „so geh’ ich auch. Gute Nacht.“

„Warte noch, Hans,“ erwiderte die Bäuerin, „es fällt mir eben ein, daß morgen in die Mühl’ gefahren werden muß. Da wird’s wohl nothwendig sein, daß Du noch das Viertelstündchen hinüber laufst und bei dem Haselmüller ansagst.“

Hans zögerte einen Augenblick wie unentschlossen; ehe er antworten konnte, trat Paul vor und sagte: „Den Gang kann ich auch machen, Bäuerin, wenn’s Dir gleich ist.“

„Ich hab’ nichts dawider,“ erwiderte diese. „Richte dem Müller einen schönen Gruß aus und richte mir wieder aus, was er gesagt hat. Ich werd’ heut’ doch noch lang nicht zum Schlafen kommen.“

Paul ging, die Mägde folgten, indem sie gute Nacht wünschten, sich bei der Thür aus dem dort angebrachten Kesselchen mit Weihwasser besprengten und bekreuzten. Hans machte sich auf einen Augenwink der Bäuerin noch mit seinem Lämpchen zu schaffen, bis sie Alle aus der Stube waren.

„Was willst Du noch von mir?“ fragte er.

„Ich hab’ den Pauli nur in die Mühl’ geschickt, um ihn wegzubringen,“ antwortete das Weib. „Ich hab’ mit Dir noch zu reden, weil ich wissen muß, wie ich daran bin mit Dir! Hab heute recht schöne und auferbauliche Sachen von Dir gesehen und gehört. Hast ja recht herzbrechenden Abschied genommen von Deinem alten Schatz, der Blumhuber-Rosel? Oder hast wohl auf’s Neue angebandelt mit ihr? Ihr seid ja recht rührend neben einander gestanden alle zwei, und ist nichts ab’gangen, als der Maler, der Euch ab’zeichnet hätt’ .…“

Hans sah finster vor sich hin. „Spöttle nur,“ sagte er dann, „Du hast ganz recht! Warum bin ich so ein Narr g’wesen und hab’ geglaubt, ich könnt’ noch einmal umkehr’n und wieder der Mensch werden, der ich einmal g’wesen bin!“

„Es ist nur gut,“ sagte die Bäuerin, „daß ich Dich nicht in’s Brandlgut hinein mitgenommen hab’, sondern draußen aufpassen ließ … wenn Dir das liebe Schatzl drinn begegnet wär’, wärst Du ihr am End’ um den Hals gefallen und hätt’st uns Alle verrathen!“

„Sag’ mir nichts mehr davon!“ rief Hans wild. „Es ist vorbei, für ewige Zeiten vorbei, und ich gehör’ wieder ganz Dein und dem Teufel!“

„Höflich bist Du grad’ nicht,“ lachte das Weib, „aber mir ist’s recht, daß Du Dich besonnen hast. Ich hab’ Dir’s ja vorher gesagt, daß es so gehn wird. Es soll Dein Schaden nicht sein, und ich will Dir was Wichtig’s sagen dafür.“

„Ich kann mir’s schon einbilden …“ murmelte der Knecht finster.

„Vielleicht auch nicht,“ entgegnete sie. „Hör’ nur.“

Das Gespräch war bisher schon nur halblaut geführt worden, jetzt sank die Stimme der Bäuerin zum leisesten Flüstern herab.

„Wir sind jetzt bald am Ziel,“ sagte sie, „bald haben wir so viel, daß wir den rothen Hannickel nicht mehr brauchen. Ich hab’ drum unser Geld alles schon zusammengethan und an einen sichern Ort gebracht. Nur einen einzigen Brocken gibt es noch zu holen, den fettesten von allen. Ich habe die ganze Gelegenheit ausgekundschaftet, denn der Bauer, dem wir einen Besuch machen wollen, hat mich selber im ganzen Haus herumgeführt und hat mir seine versteckten Schubladen voll Kronenthaler gezeigt. Am Mittwoch geht’s los. Du weißt den alten Marterstock im Schwarzbühel. Da gehst Du heute noch hin und steckst den Zettel da hinter das Armenseelenbildl, das daran genagelt ist. Es ist die Bestellung für Mittwoch Nachts. Wir kommen bei dem Wetterkreuz auf der Sandriß zusammen, sobald es im Dorf drunten elf g’schlagen hat. Hast Du mich verstanden und willst gehn?“

„Ich gehe,“ sagte Hans, den Zettel nehmend, „aber versprichst Du mir auch, daß es das letzte Mal ist, daß ich einen solchen Gang machen muß?“

„Ist’s Dir denn gar so zuwider?“ fragte sie höhnisch. „Siehst Du, Hans, ich hätt’ ein Mannsbild werden sollen! Mir ist ganz anders, mir ist’s leid, wenn ich dran denk’, daß das Alles aufhören soll! Huberbäuerin kann jede dumme Gans sein, aber die Unterhaltung, und die Abwechslung und die Spannung, die beständige Gefahr und doch die Gewißheit, daß man mir nicht ankann, und daß ich die ganze Welt an der Nas’ herumführen kann, das ist mehr werth, als der Huberhof! Das wird mir hart abgehn – aber,“ setzte sie mit einem zweideutigen Seitenblick hinzu – „ich versprech’ Dir’s, daß das der letzte Gang ist, den Du machst.“

„Dann will ich mich auch gleich auf den Weg machen,“ sagte Hans. „Bis zum Marterstöckl im Schwarzbühel ist eine Glockenstund’ …“

„Ja – und der Weg geht nicht weit vom Brandlgut vorbei – wie leicht, daß Du da aufg’halten werden könntest!“

„So gib mir Wegzehrung mit, daß ich nicht in Versuchung komm’,“ flüsterte Hans und wollte sie an sich ziehn. Sie wehrte ihn aber mit einer Art Schauer von sich ab. „Jetzt nicht,“ sagte sie, „wir sind hier nicht allein, aber morgen sollst Du’s einbringen, oder wenn Du wiederkommst.“

Er ging, und bald verhallte sein Tritt in der ungewöhnlich dunkel hereingebrochenen Nacht.

[62] Nach dem Weggange des Knechtes Hans setzte sich die Bäuerin an den Tisch und nahm eine Näharbeit vor, von Zeit zu Zeit horchend, ob Paul noch nicht zurückkomme.

Als er endlich in die Stube trat, nahm sie seine Nachricht über die Bestellung in der Mühle ganz gleichgültig auf und beugte sich tief über ihre Arbeit. Manchmal, als ob sie sich einen Augenblick vergessen hätte, seufzte sie tief auf oder fuhr gar mit der Hand über die Augen, wie wenn sie eine Thräne abwischen wollte.

Keine dieser Bewegungen ging Paul, der wieder den Sitz auf der Ofenbank eingenommen hatte, verloren. Jede wirkte wie ein elektrischer Schlag auf ihn und mehrte die verderbliche Gluth, die in ihm loderte, denn die Scherze seiner Dienstgenossen hatten nur zu sehr die Wahrheit gesagt. Paul liebte seine schöne Dienstfrau mit allem Feuer einer ersten Neigung und war bemüht, ihr eine Art von bäuerischer Ritterlichkeit zu erweisen, die dieser nicht entging, wenn sie es auch nicht zu erkennen gab. Durch diese versteckte Duldung erhitzte sich Pauls Eifer immer mehr, und er lechzte nach einer Gelegenheit, seine Liebe durch eine recht entscheidende offene That zu zeigen.

Nach einer kurzen Pause, die Paul die Brust zusammenschnürte, versuchte er schüchtern, ein Gespräch anzuknüpfen.

„Du bist heut’ nicht guten Humors, Bäuerin,“ sagte er.

„Ich hab’s auch nicht Ursach’,“ erwiderte sie, anscheinend kurz, innerlich aber über die Anrede erfreut.

„Was ist’s dann, was Dir auf dem Herzen liegt?“ fragte Paul muthiger wieder. „Darf man’s wissen?“

„Wozu? Du hilfst mir doch nicht.“

Das Gesicht Pauls überlief es glühend heiß; der Athem wurde ihm zu kurz, daß er nur halblaut zu murmeln vermochte. „Wenn’s Einer kann, Bäuerin, so kann ich’s.“

Er wollte mehr sagen, aber die Bäuerin, ihre beendigte Arbeit zusammennehmend, war aufgestanden und unterbrach ihn.

„Ein guter Freund könnt’ helfen – aber wo soll ich den hernehmen?“

Das war zu viel für Paul; unfähig zu reden sprang er auf und stellte sich vor die Bäuerin, als wolle er ihr durch den Augenschein den Freund zeigen, den sie suche.

„Du?“ sagte sie wie staunend, indem sie ihn mit einem weichen, halb zärtlichen Blick ansah, der ihm durch alle Nerven zuckte. „Ich weiß, Du bist ein guter Bursch’, der was auf mich hält … aber würdest Du Alles thun, was ich von Dir verlange?“

„Alles!“

„Verstehst Du mich auch wohl – Alles? … Wenn ich nun einen Feind hätte, der mich so furchtbar beleidigt hätt’, daß ich zu Grund’ geh’n muß, wenn ich mich an ihm nicht rächen kann …“

„Sag’ wer es ist, Bäuerin,“ rief Paul außer sich, „und ich steh’ Dir gut dafür, daß er Dich nicht mehr beleidigt!“

„Wie, Du wolltest? … Aber wenn der Mensch ein gewandter, starker Bursch’ wär … Du bist noch gar so jung!“

„Sorg’ nicht – ich hab’ nicht umsonst schon manchem Hirsch oder Bock eins auf’s Blatt hinauf gesetzt.“

„Das wär’ freilich das Beste und Sicherste! Aber,“ fuhr sie scheinbar einlenkend fort, indem sie etwas näher trat, „so gefährlich soll’s nicht herunter geh’n – ich hab’ Dich nur probiren wollen. Wenn Du also Alles thun willst, was ich Dir sage …“

Paul machte eine heftige Gebehrde der Ungeduld.

„Nun ja, ich glaube Dir schon,“ sagte sie, „ich hab’ es doch schon lang’ merken müssen, daß Du mich gern hast, und wenn Eins nicht wäre, und wenn ich wüßte, daß Du schweigen kannst, wer weiß was vielleicht geschäh’ –“

„Das Eine,“ rief Paul, „sage mir das Eine!“

„Ich will’s versuchen. Thu’, als ob Du zu Bette gingst; komm’ in einer halben Stunde wieder, aber leise, daß Dich Niemand hört … und dann – … Du kannst immer Deine Büchse herrichten. Du mußt heut’ Nacht noch einen Gang machen für mich – da kann’s in keinem Fall schaden, wenn Du sie zur Hand hast.“

Sie stocherte dabei an der Kerze herum, die sie, zum Gehen bereit, in der Hand hielt, und es war wohl mehr als Zufall, daß sie darüber erlosch. Im Augenblick fühlte sie sich von kräftigen Armen umschlungen, ein sengender Kuß brannte auf ihren Wangen, und mit einem halblauten „Ich komme“ war Paul verschwunden.




6.

Etwa eine gute Stunde später stand Paul mit der Flinte bewaffnet im Walde auf einer buschigen Anhöhe, von der man eine schmale Waldblöße überblickte. Er stand an einer hohen Tanne und spähte mit glühendem Gesichte vor sich hin, das die kalte Nachtluft nicht abzukühlen vermochte. Alle seine Sinne waren im gewaltigsten Aufruhr; wie im Fieber schlugen seine Pulse, und die Gedanken und Bilder rannen ihm unklar und nebelhaft zusammen.

Die Nacht hatte inzwischen begonnen sich zu lichten, denn der Mond sollte bald aufgehen und sandte bereits über die Tannenwipfel seine bleiche Dämmerung voraus. Desto schwärzer hoben [63] sich die finsteren Bäume selbst von dem Nachthimmel ab, wie eine gespenstige Versammlung, die rings aufgestellt war, das Kommende zu belauschen. Hier und da rauschte und knickte es in dem todtenstillen Wald, dann fuhr Paul nach dem Gewehre, ließ es aber immer wieder sinken, denn es war entweder ein spätes Wild, das durch die Zweige brach, oder eine Eule, die sich kreischend von ihrem Sitze erhob. Endlich aber wurde ein bestimmtes Geräusch hörbar, sich immer gleich wiederholend und immer näher kommend; es waren die Tritte eines Menschen.

„Er ist’s,“ murmelte Paul, spannte leise den Hahn und lauerte dann, den Kolben an’s Gesicht gedrückt, auf die jetzt vom vollen Mondlicht beschienene Waldblöße hin.

Aus den Bäumen trat allmählich die dunkle Gestalt eines Mannes hervor, und kam den Waldpfad heran, aber nicht wie Jemand, der Eile hat, sondern bedächtig und zögernd, als wäre das Herz nicht bei dem Wege, den die Beine gingen.

Es war Hans.

Schon zuckte Paul’s Finger an dem verhängnißvollen Drücker – da erklang aus weiter Ferne, halb verweht, aber doch deutlich hörbar, das feine Glöckchen herüber, das im Dorfner Kloster die Mitternacht anläutete. Es war, als ob mitten im einsamen Walde eine Menschenstimme wach geworden wäre und zu den Beiden sprach, die sich so nahe gegenüber standen.

Hans stand eine Secunde still, nahm den Hut ab und bekreuzte sich – Paul aber ward es dunkel vor den Augen, der Gewehrlauf senkte sich unwillkürlich und Hans ging seines Weges, nicht ahnend wie nahe ihm der Tod gewesen.

In wahnsinniger Aufregung stürzte Paul durch das Gehölze fort, pfadlos dem Huberhofe zu.

Jetzt trat Hans aus dem Walde hervor, und vor ihm lag die ganze Gegend im hellen Mondlicht da. In der Tiefe, zwischen den Hügelreihen hin ruhte der Nebel wie ein weißes breites Gewässer auf dem Moorgrunde, die Hügelreihen zu beiden Seiten aber ragten in voller Klarheit daraus hervor, und jedes Fenster der Höfe und Häuser auf ihnen war zu erkennen.

Unwillkürlich wendete Hans seine Augen nach dem Brandlhofe zu, der so ruhig da lag, als wäre es nur ein Traum gewesen, was seinen sichern Frieden erst vor so kurzer Zeit und so furchtbar unterbrochen hatte. Lange blickte er hinüber, die Gedanken flogen mit den Blicken zu Rosel, und es kam ihm vor, als wäre eines der Fenster noch beleuchtet. Das mußte Rosel’s Fenster sein – sie war also so spät noch wach; sie weinte und trauerte – vielleicht seinetwegen, denn das hatte sie nicht zu verstecken vermocht, daß auch sie ergriffen gewesen war bei dem letzten Gespräch. Wenn er hinüber eilen würde – es war ja nur eine kurze Strecke, und zu dem unglückseligen Bildstock im Schwarzbühel kam er immer noch früh genug! Vielleicht konnte er sie sehen und noch einmal mit seinen Betheuerungen bestürmen, vielleicht ….

Ehe er sich den Entschluß selbst klar gemacht hatte, waren auch die Füße den Augen und Gedanken gefolgt; er schritt die Anhöhe hinan und stand bald unter der großen Linde vor dem Brandlgute, gegenüber den Fenstern, wo sich nach der gewohnten Einrichtung die Schlafkammern der Dienstboten und also auch Rosel’s befinden mußten.

Rosel hatte ihr Nachtgebet schon geraume Zeit beendet, das Gebetbuch der Mutter geschlossen und den Wachsstock ausgelöscht – aber die Ruhe und der Schlaf wollten nicht kommen. Was sollte sie thun? Sie mußte sich selbst auslachen, wenn sie dachte, daß sie einen Augenblick hatte glauben können, die schöne Huberin, eine kreuzbrave Person, ein Weibsbild, sei der gefürchtete Räuberhauptmann! Welch’ ein Unheil könnte sie anrichten, wenn sie einen solchen Gedanken laut werden ließe! Und doch, wenn sie sich den Ton zurückrief, womit ihr die Bäuerin dieselben Worte zugerufen, wie der Räuber, dann fühlte sie es bestimmt, daß sie sich nicht täuschte! War es denn nicht doch möglich, daß die Bäuerin und der rothe Hannickel eine und dieselbe Person waren? Und sollte sie nun ihren Verdacht verschweigen und dadurch vielleicht schuld sein an weitern Unglücks- und Frevelthaten? Warum hatte Hans es so schmerzlich bitter bereut, daß er auf den Huberhof gekommen war? Es war offenbar, daß er etwas Schweres auf dem Gewissen hatte – vielleicht wußte er um die Schandthaten der Bäuerin, war vielleicht selbst einer von den Räubern … sie konnte damit nicht in’s Reine kommen.

„Ich will einmal darüber schlafen,“ sagte sie zuletzt, „und morgen, wenn’s Tag ist, hinübergehen zum Herrn Pfarrer. Das ist ein gescheidter, freundlicher alter Herr, der wird wohl einen Rath für mich haben.“

Sie trat noch einen Augenblick an das geöffnete Fensterchen und sah beruhigtern Gemüthes in die taghelle schweigende Mondnacht hinaus. Da kam ihr wieder Hans in den Sinn. „Es ist recht schade,“ sagte sie still hin, „daß wir nicht haben ausreden können! Wer weiß, was er mir gesagt hätt’, denn weh ist ihm um’s Herz gewesen – bitter weh – das hab’ ich wohl gesehen – und ganz vergessen hat er die Rosel auch noch nicht … Aber vielleicht hat er sich auch nur so gestellt! Er ist ein gewandter, leichtsinniger Bursch’, und ich bin ein dummes Ding, daß ich noch an ihn denk’! Die schönen Worte sind bei den Mannsleuten wohlfeil, und wenn’s ihm so Ernst wär’, wüßt’ er mich wohl zu finden …“

Rosel brach in diesem Sellstgespräch plötzlich ab und mußte mit Gewalt an sich halten, um nicht aufzuschreien. Regte sich nicht dort etwas unter der großen Linde? Kam nicht ein Bursch’ aus dem Schatten des Baumes halb heraus in den Mondschein? Also hatte sie sich doch nicht getäuscht; er kam wirklich, ihr sein bedrängtes Herz auszuschütten – es war Hans.

Bald verschwand auch der letzte Zweifel, denn sie hörte ganz deutlich, wie er leise ihren Namen rief. Sie schwieg, aber sie schloß das Fenster nicht; das war nach dortiger Sitte das Zeichen, daß sie den Besuch des Burschen, der zu ihr „zum Fensterl’n“ gekommen war, nicht zurückwies.

Hans wußte das auch wohl zu deuten, denn schon im nächsten Augenblicke war er an dem Holzvorrathe, der unter dem Fenster aufgeschichtet lag, emporgeklettert. Er stand ihr nun so nahe, daß er mit ausgestrecktem Arme bis zum Fenster empor reichen und Rosel’s Hand fassen konnte, wenn sie ihm selbe durch das Gitterkreuz entgegen gereicht haben würde.

„Was willst Du noch bei mir?“ fragte Rosel nach einer kurzen Pause beiderseitiger Befangenheit.

„Du weißt es, Rosel,“ erwiderte Hans leidenschaftlich. „Ich hab’ Dir’s heute schon gesagt, aber Du bist mir die Antwort darauf schuldig geblieben.“

„Ich hab’ Dir Alles gesagt, was ich sagen kann!“

„Also ist’s aus mit uns für ewige Zeiten? Du stoß’st mich ganz von Dir? Du willst es haben, daß ich zu Grund’ geh’ für Zeit und Ewigkeit?“

„Red’ nicht so lästerlich! Wie soll ich das wollen! Du liebe Mutter von Oetting, ich wünsch’ ja nur, daß es Dir recht gut geh’n soll!“

„Dann mußt Du mich auch anhören, Rosel … mußt mir wieder gut sein … o mein blutiger Heiland, wenn Du Alles wüßtest …“

Rosel schrak zusammen, eine Secunde lang hatte sie vermocht, alle ihre Sorgen und Befürchtungen zu vergessen. Sie schlug die Hände zusammen und rief schmerzlich … „Hans, Hans, ich fürcht’ alleweil – ich weiß schon mehr als gut ist! Deine Bäuerin …“

„Hast Du’s errathen, Rosel?“ rief Hans mit zitternder Stimme. Und als Rosel nicht gleich antwortete, frug er dringender: „Rosel, Du weißt’s, aber sag’, wie ist das möglich gewesen?“

„Ich hab’ sie heut’ wieder erkannt an der Stimm’ … Es ist also wirklich wahr, sie ist der rothe Hannickel? Und Du, Hans … Du weißt davon? Du bist vielleicht selbst einer von ihren Raubgenossen?“

Hans vermochte nicht zu sprechen, aber sein Schweigen war nicht minder verständlich. „O du liebe Mutter von Oetting,“ wimmerte das Mädchen, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und benetzte die Eisenstangen des Gitters, an das sie die heißen Wangen drückte.

„Du glaubst es nicht, was sie für ein Weib ist,“ sagte endlich Hans, „sie hat mich verblend’t und verführt … sie ist kein Mensch, wie ein anderer – sie ist der leibhaftige Teufel! Aber jetzt, wo Du Alles weißt, jetzt sag’ mir, hilf mir, rathe mir, was ich thun soll, wie ich mich los machen kann, wenn’s nicht schon zu spät ist! …“

Rosel lag mit dem Gesicht auf ihren thränenübergossenen Armen und brauchte geraume Zeit, ehe sie sich fassen konnte. „Zum Umkehren und Besserwerden ist’s nie zu spät!“ sagte sie endlich. „Aber was sollst Du thun? Der Weg überallhin ist ein gar bitterer! Ist’s denn möglich – Du, der liebe gute Hans, der keinem Kind was zu Leid’ hätt’ thun können, Du bist so ein schrecklicher Mensch geworden? Ist’s denn möglich, daß Dich der liebe Gott so arg hat verlassen können? …“

[64] Sie weinte von Neuem, so schmerzlich, daß es Hans in die tiefste Seele schnitt, und doch that ihm diese Theilnahme unendlich wohl. Sie weinte ja um ihn, den Verstoßenen, den Verbrecher, der sich selbst schon verloren gegeben hatte! Er war ihr also nicht ganz gleichgültig, sie liebte ihn noch — das wehte ihn an, wie die erste Hoffnung der Verzeihung; die Thränen fielen auf sein Gemüth gleich den Tropfen eines warmen Frühlings-Regens und schmolzen vollends die Eisrinde, die sich um sein Herz gebildet hatte.

Endlich ermannte sich Rosel. „Mit dem Flennen ist da nichts genutzt,“ sagte sie, „da maß angepackt werden. Ich will Dich nit verstoßen, armer Hans, aber Du mußt mir versprechen, daß Du thust, was ich von Dir verlang’.“

Sie streckte die Hand aus dem Fenster; Hans ergriff sie begierig und drückte sie zum Zeichen seines Gelöbnisses.

„Dann gehst Du morgen in aller Früh’ nach Erding, meldest Dich beim Herrn Landrichter und erzählst und gestehst ihm Alles haarklein …

Hans fuhr zurück. „Zum Landrichter? Aber denkst Du auch … er wird mich festhalten, in’s Loch stecken, wird …“ „Das wird er freilich thun,“ entgegnete Rosel traurig, „aber es muß sein. Du mußt Dein Recht leiden von der weltlichen Obrigkeit, wenn Du im Himmel wieder angenommen werden willst als der verlorne Sohn …“

„Aber Rosel könnt’ ich denn nicht …“

„Davon geh’n, meinst Du? Und das schlechte Gewissen herumtragen in der weiten Welt? Und schuld sein, daß hier noch mehr Unheil geschieht? Und einmal hinfahren als ein versteckter und verstockter Sünder? — Nein, Hans, es muß sein, wie ich sag’ …“

„Dann bin ich doch ein verlorner Mensch,“ jammerte Hans. „Wer weiß, welche Straf’ sie mir zusprechen …“

„Das weiß ich auch nicht, aber das Gericht und der König wird’s Dir gewiß anrechnen, wenn Du von freien Stücken kommst und Ursach’ bist, daß dem Unheil ein End’ gemacht wird …“

„Und wenn sie’s auch thun, ich muß doch in’s Zuchthaus, wer weiß auf wie lang’, und wenn ich ja wieder heraus komm’, was ist’s dann mit mir? Dann deuten die Kinder mit den Fingern auf mich, Niemand will von dem Zuchthäusler, von dem Sträfling was wissen, und Alle weichen vor mir aus, wie vor dem bösen Feind!“

„Alle, Hans?“ sagte Rosel innig. „Nein, Alle nicht! Und wenn Dich Jedes verstoßt, ich werd’s nicht thun. Ich will morgen den sauren Gang zum Gericht mit Dir machen; aber ich will mich Deiner auch nicht schämen, wenn Du in der Straf’ bist. Ich komm’ zu Dir, so oft es sein darf, und tröst’ Dich, damit Du nicht verzweifelst und so recht bereu’st, was Du verbrochen hast. Und wenn sie Dich wieder frei lassen, dann wird die Rosel am Zuchthausthor steh’n und sich Deiner wieder nit schämen, sondern bei Dir bleiben und mit Dir aushalten, was kommt …“

„Rosel … o Du leibhaftiger Engel,“ schluchzte Hans erschüttert. „Rosel … das wolltest Du thun?“

„Ich versprech’ Dir’s, Hans, so g’wiß, als ich einmal mit mein’ guten Mutterl im Himmel z’sammen kommen will! Im Land, wo Dich Alles kennt, können wir dann freilich nicht bleiben … aber dann geh’n wir miteinander fort. Es wird schon ein Plätzl geben in der weiten Welt, wo wir uns verbessert und ehrlich unser Bisse! Brod verdienen können … Willst Du?“

„Ich will,“ sagte Hans … „aber was mach’ ich nun mit dem Zettel da? Den soll ich unter das Armenseelbildl stecken am Marterstöckl im Schwarzbühel … es ist die Bestellung für die Andern zu einem neuen Einbruch …“

„Herr Gott im hohen Himmel,“ rief Rosel … „den Zettel gib mir, Du aber, versprich mir’s, Du gehst ruhig heim, redst mit keinem Menschen ein Wort, und morgen um sieben Uhr wart’ ich auf Dich, wo die Sempt aus dem Moos herauskommt — dann gehen wir miteinander — Du weißt wohin!“

„So muß ich halt fort von Dir,“ sagte Hans, „ich kann Dir gar nit sagen, mir wird’s auf einmal so schwer um’s Herz … ich wollt’ ich könnt’ da bleiben — mir geht’s vor, ich seh’ Dich nit wieder!“

„Nimm Dich zusamm’, Hans,“ erwiderte Rosel, gleich ihm erweicht, „mach’s herzhaft durch, was sein muß. Der liebe Gott sieht Dein Herz, er wird’s ja machen, daß Alles recht wird.“

Zögernd nur entschloß sich Hans zu gehen. Als er den Holzstoß herabgeklettert war, rief er noch ein wehmüthiges „B’hüt Dich Gott, Rosel,“ hinauf — dann verschwand er langsam, noch oft zurücksehend und winkend, in dem angrenzenden Gehölz.

Nach einigen Secunden schlüpfte auch Rosel geräuschlos aus dem Haus. Sie war in leichter Nachtkleidung, hatte nur ein großes Tuch über den Kopf geworfen und eilte in entgegengesetzter Richtung dem Walde zu.

… Inzwischen war Paul längst am Huberhofe angekommen. Er wollte in seine Kammer, aber sein böser Engel, die schöne Huberin, hatte am Fenster seine Zurückkunft belauscht. Leise rief sie ihn heran, als sie aber erfuhr, daß die ihm aufgetragene That nicht geschehen war, gerieth sie außer sich. Sie schlüpfte aus der Kammer und ließ den halb wahnsinnigen Burschen in die verlassene Stube des Erdgeschcsses ein. Unter den leidenschaftlichsten Klagen zog sie den Verwirrten an sich und verschwendete alle Liebkosungen, alle Künste der Ueberredung, bis er das Versprechen erneute und noch einmal forteilte, den dem Tode Geweihten auf dem Rückwege zu morden.

Die schöne Huberin stand lange am Fenster, unbekümmert um den frischen Morgenwind, der ihr heftig um Stirn und Nacken blies. - Schon leuchtete im Osten ein grauer Streifen auf — da hallte vom düstern Walde das Echo eines schwachen Schusses herüber.

Kaltblütig schloß sie nun das Fenster, indem sie vor sich hinmurmelte: „Gott geb’ Dir die ewige Ruhe, Hans — Du wirst mich nicht verrathen – aber ich hab’ Dir doch Wort gehalten, daß das der letzte Gang war, den Du gemacht hast!“

[65]
7.

Hastig wie ein verscheuchter Vogel strich Paul querfeldein durch Thau und Gras. Es war die erste Stunde des erwachten Morgens; sein Bote, ein frischer Luftzug, rauschte durch die Haselbüsche am Wege und schüttelte brausend die Tannenwipfel des Waldes, in dem das Blut des Ermordeten noch warm zum Himmel rauchte. Der Morgen wurde immer glorienhafter, aber Paul sah nichts von aller Schönheit der wieder auflebenden Natur; seine Seele war außer dem mechanisch forteilenden Körper von Entsetzen geschüttelt, erschreckt von dem rauhen Schrei eines aufflatternden Raben, gescheucht von dem Rauschen der Zweige, das ihm klang wie das letzte Röcheln aus der Brust seines Opfers.

Auch jetzt erwartete ihn die Huberbäuerin. Sie hatte sich nach dem Schusse ganz befriedigt noch zur Ruhe gelegt, allein nur der kräftige Körper sank in Schlaf, die Seele blieb stürmisch bewegt und warf wilde blutige Bilder wirr und entsetzlich durcheinander. Stöhnend und schreckhaft sprang sie empor, denn es war ihr vorgekommen, als stehe Hans vor ihr, blutend, verwundet, aber nicht todt und hätte drohend die Hand gegen sie erhoben. Fieberisch strich sie die losgegangenen Flechten des reichen schwarzen Haares von der Stirn zurück und fühlte sich zum ersten Male in ihrem Leben von den Zwangschrauben der Angst gefaßt. – Wenn Paul ihn gefehlt oder nur verwundet hatte, dann war sie verloren, dann hatte sie von seiner Rache Alles zu fürchten!

Schon begann es im Haus sich zu regen, da sah sie Paul über das Feld herankommen. Rasch eilte sie ihm entgegen, nur nothdürftig gekleidet, damit er Niemand vor ihr begegne, damit Niemand irgend einen Argwohn schöpfe. Mehr todt als lebend wankte der Bursche heran – nicht mehr das Bild voller blühender Jugend, wie noch gestern, nein, eine von wenigen Stunden verwüstete und gezeichnete Jammergestalt.

„Nun,“ rief sie ihm mit rohem Scherz entgegen, der auch darauf berechnet war, ein allenfalls verborgenes Lauscher-Ohr zu täuschen, „nun, ist’s jetzt die Zeit, heimzugehn? Dir sieht man ja die Freinacht auf zehn Schritt’ an … ist der Tanz endlich einmal aus?“

„Es ist Alles aus,“ sagte der Burschen und die Bäuerin athmete hoch auf, als wenn ihr eine Centnerlast von der Brust genommen wäre. „Du bist ja ganz verwirrt,“ sagte sie dann leiser, indem sie mit ihm in’s Haus trat. „Nimm Dich zusammen, es ist jetzt einmal nicht anders, also laß Dir nichts anmerken! Bis morgen ist’s überstanden, und Du denkst nimmer dran. Aber jetzt leg’ Dich nieder und schlaf. Du kannst den ganzen Tag liegen bleiben, daß Du Dich ganz erholst. Später kommst Du dann zu mir, wie gestern, und erzählst mir erst genau, wie Alles gegangen ist … oder reut’s Dich etwa schon, was Du mir versprochen hast? Hast schon vergessen, was ich gethan hab’ für Dich …“

„Ich will mich niederlegen,“ erwiderte Paul, „vielleicht vergeht mir dann der Zustand! Mir ist, als wenn mir das Blut den Kopf zersprengen wollt’! Ich komm’ dann …“

„Halt,“ rief ihm die Bäuerin nach, als er gehen wollte, „noch Eins! Du hast ihn doch …?“ fragte sie mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die das Einscharren des Leichnams bedeutete.

„Nicht?“ schrie sie entsetzt, als Paul stumm verneinte. „Du hast den Todten liegen lassen? So wird er gefunden, und wir sind miteinander verloren!“

„Ich hab’ ihn in’s Gebüsch hineingezogen, wo das Steingeröll ist,“ erwiderte düster der Mörder, „da findet ihn so leicht Niemand!“

„Die Jäger mit ihren Spürhunden kommen überall hin, die finden ihn, eh’ der Tag vergeht! Nein, das ist nichts, Du mußt nochmals hinaus und mußt ihn verscharren, so tief es geht!“

„Das kann ich nicht!“ rief Paul mit einer abwehrenden Gebehrde des Entsetzens und bebend vor tiefem innerlichen Schauder … „ich geh’ nicht wieder hin!“

„Und warum nicht?“

„Ich kann nicht,“ wiederholte Jener, „er ist auf den Schuß zusammengestürzt wie ein Stück Holz und hat keinen Laut mehr von sich gegeben – nur ein paarmal gestreckt hat er sich und mit der Hand in die Luft gegriffen. Wie er sich dann nicht mehr rührte, bin ich hinzugeschlichen und hab’ ihn hereingezogen vom Gangsteig weg in’s Gebüsch und hab’ das Blut am Platz zugedeckt mit Erde und Blättern. Dann hab’ ich ein tiefes Loch gegraben … aber ich hab’ ihn nicht hineinlegen können, denn wie ich wieder hinzuging, da war’s schon so dämmrig hell geworden, daß man wohl was unterscheiden konnte … Da ist er dagelegen mit weit offenen Augen … und die haben so fest hingeschaut auf mich … es kam mir vor, als wenn er anfangen wollt’ zu reden und sich wieder zu rühren … Da – da hab’ ich Alles hingeworfen und bin davongelaufen … und dahin, nein, um Alles in der Welt geh’ ich nicht wieder!“

Die Bäuerin sah ihn kopfschüttelnd an, und ein höhnisches Lächeln zuckte um ihren Mund. „Ihr seid mir saubere Leut’, Ihr Mannsbilder,“ sagte sie, „auf Euch kann man sich verlassen! Aber geh’ nur, ich seh’ wohl, daß Du nit kannst … leg’ Dich nieder und schau’, ob Du bis auf die Nacht Deine fünf Sinn’ [66] wieder z’samm’ klauben kannst. Ich muß halt auf was Andres denken, denn so liegen bleiben darf er um keinen Preis …“

Paul entfloh der Scheune zu und vergrub sich in den hintersten Winkel des Heulagers, wohl vor den Leuten, aber seine qualvollen Sorgen wühlten sich mit ihm hinein.

Die Bäuerin trat nach kurzem Besinnen in’s Schlafzimmer, wo ihr Mann noch tief schlafend im Bette lag. Eine Weile betrachtete sie ihn mit demselben Ausdrucke des Hohns, wie er so ungeschlacht und plump dalag, eine geistlose Masse Fleisch. „Auch ein schönes Muster von einem Mannsbild,“ murmelte sie, „aber sie sind im Grund Alle gleich, und ich weiß nit, ob mir nicht zuletzt der Simpel noch der Liebere ist – der folgt mir doch wie ein Hund!“ Sie faßte den Arm des Schlafenden und rüttelte ihn so kräftig, daß er erschrocken auffuhr und sie mit verschlafenen Augen verblüfft anglotzte. „Steh’ auf, Huber,“ sagte sie, „und hör’ mir zu – es ist was ganz Besonderes passirt.“

Der Blöde richtete sich halb empor und sah sie erwartend an.

„Antworte mir erst,“ begann die Bäuerin wieder, „weißt Du noch, wie ich in Dein Haus gekommen bin?“

„Wie sollt’ ich das nicht mehr wissen?“ grinste er, „für so dumm mußt Du mich doch nicht halten! Ich weiß es noch gar wohl, wie Du auf den Hof gekommen bist, als eine arme Magd und Dein Päckl unterm Arm.“

„Und wie Du mir nachgegangen bist auf Schritt und Tritt, und nicht geruht hast, bis ich Ja g’sagt hab’? Und was Du mir damals versprochen hast, daß ich’s gethan, weißt Du das auch noch?“

Der Bauer schwieg, denn er wußte nicht, wo die Bäuerin hinaus wollte mit ihrer Frage.

„Tu hast mir versprochen,“ fuhr sie fort, „daß ich Herr sein soll im Haus, daß Du mir nix Einreden willst, daß Du blindes Vertrauen zu mir haben und mich nicht mit Eifersucht plagen willst, und wenn Du auch meinst, Du hätt’st Ursache dazu! Und wie hast Du Dein Wort gehalten? – Meinst Du, ich hab’s nit gemerkt, wie Du mich überall scheel angeschaut hast wegen dem Oberknecht, dem Hans, daß die andern Dienstboten die Köpf’ zusammenstecken und einander mit dem Ellbogen anstoßen? Ich hab’ Dich wohl geseh’n, wie Du mir gestern früh nachgeschlichen bist in die obere Stub’n und hast spionirt wie ein Spitzbub’!“

Der Bauer war verlegen, sich ertappt zu wissen, und sah dumm lächelnd vor sich hin.

„Ich bin die Person nicht,“ fuhr die Bäuerin fort, „die so mit sich umgehen laßt. Ich kann mir aber schon einbilden, wer Dir das in den Kopf gesetzt hat – es wird’s wohl der Hans selber gewesen sein! Wer weiß, wo er gered’t und geprahlt hat, weil ich ihn vielleicht einmal freundlich ang’schaut hab’ …. Drum hab’ ich g’sorgt, daß er Dir und mir nimmer im Weg umgeht!“

„Hast ihn fortgeschickt?“ fragte tückisch der Bauer.

„Dummheiten! Warum nit gar! Daß er mich ausschreit und in’s Gered’ bringt bei den Leuten? Nein, ich hab’ ihm ’s Maul g’stopft, daß er’s gewiß nit wieder aufmacht.“

„Versteh’st mich nit?“ fuhr sie fort, da der Bauer sie fragend anstierte. „Ich hab’ ihn durchthun lassen – draußen im alten Steinbruch im Schwarzbühelholz liegt er erschossen!“

Der Blöde hörte zu, wie Jemand, der wohl etwas vernimmt, aber es nicht begreift; aber allmählich schien ihm das Verständniß aufzudämmern, seine starren Augen funkelten und eine wilde unheimliche Freude zog über sein Gesicht, das dadurch dem eines Thieres noch ähnlicher wurde. „Ist das wahr?“ rief er lachend, „der Hans ist hin?“

„Hin,“ entgegnete kaltblütig die Bäuerin, „das hab’ ich Dir zu lieb gethan, damit Du siehst, daß ich ein braves Weib bin und daß Du mir nit wieder so Unrecht thust! Aber jetzt ist’s an Dir – jetzt zeig’, daß Du ein solches Weib verdienst. Geh’ hinaus in den Steinbruch – wenn Du nicht willst, daß Dein treues Weib Deinetwegen in Ketten und Banden kommt, so scharr’ ihn ein, daß ihn Niemand find’t, und dann komm’ wieder und sag’ mir’s!“

Der Bauer bedurfte keiner weitern Ueberredung oder Aufforderung – mit wildem Sprunge war er aus dem Bett, warf sich unordentlich und hastig in die Kleider und eilte fort mit der Hast eines beutegierigen Raubthieres, das Fraß wittert. „Sei vorsichtig,“ mahnte die Bäuerin, „geh’ beiseit’, daß Dir Niemand begegnet, und wenn Dir doch wer in den Weg kommt, so sag’, Du gehst in unsern Schlag hinaus und willst einen Wassergraben auswerfen.“

Er hörte kaum die Mahnung, die übrigens auch unnöthig war, denn instinctmaßig wählte er einen Umweg durch’s Moor, wo ihm nicht leicht jemand entgegen kam und von wo er nur einen Büchsenschuß weit in den Wald hatte. Er sprang mehr als er ging. indem er manchmal wilde unverständliche Worte vor sich hinbrummte, manchmal die über der Schulter liegende Grabschaufel wie eine Keule über’m Kopfe schwang. Bald war er im Wald und hatte gleich einem Spürhunde schnell die Blutstelle aufgefunden. Mit wildem Hohngelächter sprang er auf die Leiche zu, als er sie erblickte, und riß sie aus dem Gesträuche heraus; dann setzte er sich gegenüber auf einen Baumstumpf, stützte das Gesicht in die beiden Hände und sah eine Zeit lang mit wilder Freude in die starren Augen und die verzerrten Züge des Todten.

Dann sprang er auf und zerrte den Leichnam in die von Paul schon bereitete Grube, und schaufelte und grub wie wüthend mit aller Kraft, daß sie in wenigen Minuten eingefüllt und der arme Hans ein paar Klafter tief verscharrt war. Boshaft stampfte er dann noch auf der lockern Erde herum und holte kriechend aus dem Gebüsche allerlei Moos, abgefallenes Laub und Gestrüpp herbei, um der Stelle das Ansehen des gewöhnlichen Waldbodens wieder zu geben. Mit dem Ausdrucke wohlgefälliger Verschlagenheit überblickte er dann sein Werk und eilte nach Hause.

Als die schöne Huberin ihn kommen sah, athmete sie hoch auf, denn jetzt wußte sie sich sicher. Sie lachte laut auf in übermüthigem Trotze und veränderte keine Miene, als einer der Knechte mit der Botschaft heran kam, daß der Oberknecht Hans nirgends im ganzen Hause zu finden sei und der jüngste Knecht Paul wie betrunken im Heu liege. „Das muß wahr sein,“ rief sie im verstellten Zorn, „gut versehen bin ich mit meinen Leuten! Der Eine kommt die ganze Nacht nicht heim, und der Andere ist am hellen Tag noch nicht nüchtern – aber ich will nicht die Huberbäuerin sein, wenn ich nicht Ordnung hinein bring’ in die Bursche!“

Während das auf dem Huberhofe geschah, saß die traurige Rosel schon lange auf einem Straßenrain an der Brücke, wo die Sempt aus dem Moose hervorkommt. Längst hatte es auf den Kirchthürmen des nahen Städtchens sieben Uhr geschlagen; Viertelstunde um Viertelstunde schlich dahin, ohne daß Hans erschien, um mit ihr den verabredeten Gang zum Gerichte zu machen. Rosel wollte sich fast die rothgeweinten Augen ausschauen nach ihm, aber er war nirgends zu erblicken. Jetzt schlug es auf der Hauptkirche schon acht Uhr; der tiefe, ernste Glockenton schwebte so recht feierlich durch die stille Gegend hin und drang mahnend an des Mädchens Ohr und Herz.

„In Gottes Namen,“ sagte sie endlich aufstehend, „er kommt nicht! Ich kann’s nicht glauben, daß er sein heiliges Versprechen nicht halten sollt’, also kann er wohl nicht kommen, und sie haben ihm gar ein Leids angethan! … Wie’s aber auch ist, ich muß hinein, muß Alles sagen, was ich weiß, mag es ihm und mir dann gehn, wie’s will!“

Plötzlich blieb sie horchend stehen, und glühende Röthe stieg ihr in’s Gesicht. „Das wird er sein,“ sagte sie, „ich höre gehn“ … Er war es aber nicht; ein wildfremder Mensch schritt achtlos an ihr vorüber. „O mein liebs guts Mutterl,“ seufzte sie in das Taschentuch hinein, „steh’ Du mir bei auf dem schweren Gang“ – dann schritt sie ruhiger dahin, dem Gerichtsgebäude zu.




8.

Der Abend des zweiten Tages war gewitterhaft zu Ende gegangen und hatte einer undurchdringlich finsteren Nacht Platz gemacht. Die ganze Gegend lag todesstill, Ruhe war in und über allen Häusern und Hütten, denn nichts von dem Vorgefallenen hatte verlautet. Nur in der Richtung gegen eine am Waldsaume befindliche, halb übergraste Sandgrube, an deren Rand ein verwittertes Wetterkreuz emporragte, war es in geheimnißvoller Weise lebendig. Dunkle bewaffnete Männer schlüpften in den Wald hinein, und zwischen den Bäumen blitzte es hier und da wie ein Gewehrlauf oder eine Bajonnetspitze. Allmählich jedoch ward es auch hier ruhig, und bald war nichts hörbar als das Rauschen der Bäume, die sich den Stößen des Gewitterwindes beugten.

Schon ging es nahe auf eilf Uhr, als hier und da eine verdächtige Gestalt vorsichtig über die Felder heranstrich und ihren Weg zu dem finster ausblickenden Wetterkreuz richtete. Stillschweigend sammelten sie sich dort, und schon war eine ansehnliche Schaar [67] beisammen, als vom Kirchthurme aus der Tiefe herauf die elfte Stunde schlug. Da kam Leben in die unheimliche Gesellschaft, und bald bewegte sie sich wie ein dunkler Knäuel gegen den Hügelabhang vorwärts.

Da blitzten plötzlich ringsum verborgen gehaltene Fackeln und Lichter empor, und von allen Seiten scholl den Räubern ein drohendes Halt entgegen. „Teufel, wir sind verrathen!“ schrie der Anführer mit der schwarzen Maske und dem bekannten rothen Bart. „Schlagt Euch durch, Buben! Haut die Schergenknechte zusammen !“ Instinctmäßig folgten die Männer und drangen auf ihre Gegner mit den Beilen, womit sie bewaffnet waren, ein, auch einzelne ziellose Flintenschüsse krachten, aber die militairisch geleiteten Angreifer hatten sich so schnell im Kreise geordnet und zusammengezogen, daß ihnen von allen Seiten eine undurchdringliche Reihe von Bajonneten entgegenstarrte. Heulend warfen einige der Männer die Waffen weg, fielen in die Kniee und schrien in verzweifelnder Entmuthigung um Gnade, andre drangen auf die Soldaten ein und suchten einen blutigen Ausweg zu erzwingen, aber die Uebermacht war zu groß, und schwer verwundet mußten sie bald von dem vergeblichen Versuche ablassen. Zu den Letztern gehörte der Anführer der Bande, der sich mit solcher Wuth auf die Feinde stürzte, als könne er es nicht ertragen, ihnen lebendig in die Hände zu fallen, und suche den Tod. Diese aber, ihres Fanges sicher, schonten ihn sichtbar und trachteten, ihn lebend und unversehrt der Gerechtigkeit zu überliefern. Endlich gelang es ihnen auch, ihn unter wuthschäumenden Flüchen und Lästerungen nieder zu ringen und zu binden.

Der Ueberfall war vollständig gelungen, acht Räuber mit dem rothen Hannickel lagen geknebelt am Boden, von den Gerichtsdienern mit gezogenen Säbeln bewacht, während die Soldaten die Gewehre zusammenlehnten und die Ankunft der Wagen zum Transport der Gefangenen abwarteten.

Der Assessor, welcher mit dem Hauptmanne das Ganze geleitet hatte, begann indeß seine richterliche Thätigkeit, indem er in einer nahe gelegenen Streuhütte den Vorfall zu Protokoll nahm und die Persönlichkeit der einzelnen Räuber feststellen ließ. Die meisten waren Bauernbursche aus den anliegenden Gerichtsbezirken, vielfach nicht zum Besten bekannt, einzelne auch von tadellosem Ruf. Zuletzt ward auch dem Anführer der rothe Bart und die Maske abgenommen, und wenn noch ein Zweifel möglich gewesen, ob darunter wirklich die schöne Huberin verborgen sein könne, so war er jetzt gelöst.

Totesbleich stand sie da, aber aufrecht und keck wie immer, und ihre funkelnden Augen machten mit dem Ausdrucke des wildesten Hasses die Runde unter den Umstehenden. Auch Rosel war darunter, denn da das Gericht nothwendig ihre Anzeige prüfen mußte, hatte man sich ihrer Person versichert und sie zu dem nächtlichen Streifzug mitgenommen.

„Also Dir hab’ ich’s zu verdanken!“ knirschte die Huberin, als sie das Mädchen erblickte, „jetzt begreif’ ich Alles – aber es geschieht mir ganz recht, warum hab’ ich mich auf den Weiberlapp von einem Burschen verlassen!“

„Das brave Mädchen,“ sagte der Beamte mit gebieterischer Würde, „hat seine traurige Schuldigkeit gewissenhaft gethan, und Ihr seht, daß ich doch Recht hatte, als ich vor ein paar Tagen Euch zurief, es sei nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonnen.“

Trotzig schwieg das Weib und ließ sich abführen, als die Wagen angekommen waren, sie mit ihren Genossen in’s Gefängniß zu bringen.

Als der Zug das nächste Dorf erreicht hatte, strömte ihm, obwohl noch kaum der Morgen graute, Alt und Jung daraus entgegen; als die Wagen geholt worden waren, hatte sich das Gerücht verbreitet, der rothe Hannickel und seine ganze Bande sei gefangen, die schöne Huberin sei der Räuberhauptmann gewesen, und so gerieth wie bei einem plötzlich entstandenen Brande das Dorf und bald die ganze Umgegend in Allarm. Wüthend drängte sich das Landvolk in dichten Schaaren um die Wagen, Drohungen und Verwünschungen erschallten von allen Seiten, und hätte nicht die Escorte von Soldaten sie umgeben, so wäre sicher wenigstens die schöne Huberin das Opfer der allgemeinen Erbitterung geworden. Sie aber blickte kalt und lachend auf die tobende Menge hin, und der in jeder Ortschaft sich steigernde und wiederholende Empfang schien ihrem wilden Stolze zu schmeicheln.

Allmählich und bei anbrechendem Morgen kam man dem Huberhofe näher, und es mochten wohl Empfindungen eigener Art sein, welche die Gefangene ergriffen, als das schöne Besitzthum so stattlich und friedlich herniedersah; sie schien einen Augenblick erschüttert, aber auch nur einen Augenblick, dann wandte sie sich ab – ihr scharfes Auge hatte schnell auch dort die bunten Farben von Uniformen und das Blitzen von Gewehren bemerkt.

Während der Streifzug zur Aufhebung der Bande abgegangen war, hatte gleichzeitig eine Abtheilung den Huberhof umstellt und verlangte Einlaß. Das ganze Haus wurde durchsucht, aber nichts Auffallendes gefunden, als die verborgen in den Heuboden eingebaute Kammer, welche durch den Wandkasten in die obere Stube führte. Wahrscheinlich wurde sie in der Regel als Versteck der Waffen, Masken und der Beute benutzt, doch wurde nicht das Kleinste vorgefunden, was den Verdacht bestätigen konnte, das Nest war vollständig ausgeräumt. Dagegen ergab die Durchsuchung etwas, was man nicht vermuthet hatte, denn die sinnlose Gewissensangst Pauls und der Schrecken des Bauers, als sie die Gerichts-Personen erblickten, führten zur Entdeckung des an Hans verübten Mordes. Der hier thätige Beamte säumte nicht, ihre Bekenntnisse festzuhalten und in ihrer Begleitung die Ausgrabung der Leiche vorzunehmen.

Vom Walde mit den beiden Gefangenen zurückkehrend, begegnete der Zug der großen militairischen Escorte mit der Huberin und den übrigen Räubern. Paul lag halb bewußtlos auf dem Wagen, der Bauer stierte stumm auf seine kettenbelasteten Hände – die Bäuerin richtete nicht einen Blick auf sie. Sie sah, daß Alles entdeckt war, und dachte nur darauf, wie es möglich sein konnte, der Untersuchung und Strafe zu entgehen. Ohne ein Zeichen innerer Erregung, fest und kalt sah sie auf die Volksmenge, die sich in dem Städtchen vor dem Gefängnisse, Kopf an Kopf drängte – sie schien es gar nicht zu bemerken, als ihr am Eingange desselben der große Gerichtsdiener mit grimmig aufgedrehtem Schnurrbarte entgegentrat und ihr höhnisch zurief: „Ei, ei, steht der Frau Huberin jetzt die Nase nicht mehr zu hoch, daß sie in’s Amthaus, kommt zu den Schergen und Spitzbuben?“

Tags darauf wurde Hans auf dem nächsten Dorfkirchhofe begraben, unter ungeheurem Zulauf und, zu Rosels größtem Trost, mit kirchlichen Ehren. Alle ihre Angaben bei Gericht hatten sich so vollkommen als wahr erwiesen, daß man ihr auch Glauben schenkte, daß Hans die Absicht gehabt habe, sich dem Gericht zu stellen, und daß er also als ein Bereuender hinüber gegangen war.

Rosel hatte vom ersten Augenblicke an gefürchtet, daß es Hans durch die Bäuerin unmöglich gemacht worden war, zu kommen; die Bestätigung hatte sie daher zwar tief erschüttert, aber nicht gebrochen. Es lag sogar etwas Beruhigendes in dem Gedanken, daß ihn der Tod mitten in guten Vorsätzen ereilt hatte und daß er aller irdischen Schande und Strafe entzogen sei. Sie hatte sich ausgeweint und folgte ihm thränenlos zum Grabe, und kniete noch lange betend an demselben, als alle Begleiter den Kirchhof verlassen hatten. Dann ging sie gefaßt hinweg nach dem Brandlgute, packte ihre Sachen zusammen und nahm Abschied von den alten Leuten, denen sie so lieb geworden war. Sie wollte nicht in der Gegend bleiben, wo alle Augen auf sie gerichtet waren und wo Alles ihr so bittere Erinnerungen hervorrief. Standhaft und mit einer Art Entrüstung hatte sie auch jede Belohnung ausgeschlagen, die ihr dafür geboten worden war, daß sie die Entdeckung und Gefangennehmung der Räuber veranlaßt und möglich gemacht hatte. Ohne ihren rasch ausgeführten Entschluß, den Bestellungszettel selbst an das Marterstöckl zu heften, wäre Beides, oder doch die Ueberführung viel schwieriger, wo nicht unmöglich gewesen.

„Haltet mich nicht auf und red’t mir nicht zu,“ sagte sie, indem sie sich anschickte, zu gehen, „es ist besser so. Ich geh’ hinein in’s Gebirg’, wo mich Niemand kennt, und wenn Ihr mir eine Freundschaft thun wollt, so gebt manchmal dem Grab von mein’ guten Mutterl ein Weihwasser, bet’t ein Vaterunser davor und auch vor dem andern Grab … Ihr wißt schon, was ich mein’!“

– Innerhalb der Mauern des Gefängnisses begann nun das damals noch in dieses Geheimniß gehüllte Werk der Untersuchung, draußen war die Bewegung in einigen Monaten verhallt, man erfreute sich der wiedergekehrten Ruhe und Sicherheit und erzählte sich bald das Geschehene mit allerlei Ausschmückungen, wie der Aberglaube und der romantische Sinn des Volkes sie erzeugte und liebte. Es gab Viele, die es sich nicht nehmen ließen, daß die schöne Huberin [68] Alles, was sie gethan, nicht mit natürlichen Dingen zuwege gebracht habe und daß sie nothwendig eine Hexe sein müsse.

Jahre vergingen, eh’ nach dem damaligen Verfahren die Acten geschlossen waren und eh’ der endgültige Spruch erfolgte. Das Benehmen der Bäuerin hatte die Sache auch verzögert, denn trotz der Geständnisse Pauls, des Bauers und einiger Genossen leugnete sie die gegen sie erhobenen Anschuldigungen und hatte mit vieler List ein Märchen ersonnen, an dem sie hartnäckig festhielt. Darnach bestand ihre ganze Schuld darin, daß sie Hans geliebt und aus Liebe zu ihm dessen räuberische Unternehmungen geduldet und nicht angezeigt habe. Er war der Räuberhauptmann, und nur das letzte Mal, als er zur bestimmen Zeit nicht nach Hause gekommen, hatte sie der Versuchung nicht widerstehen können, aus Neugierde seine Vermummung anzuziehen und an den ihr benannten Sammelplatz zu gehen, wo sie ganz unschuldig mit gefangen wurde. Sie beklagte unter bitteren Thränen, daß er nicht mehr am Leben sei, denn er würde gewiß die Wahrheit sagen und sie nicht in dem Unglück stecken lassen. Seine Ermordung war ohne ihr Wissen von Paul aus eigenem Antriebe aus Eifersucht geschehen.

So abenteuerlich die Erfindung klang, fand sie doch Jemand, der ihr nach und nach Glauben schenkte, das war Herr Kriegelsteiner, der schnurrbärtige Gerichtsdiener. Durch die mehrere Jahre andauernde Haft kam er mit ihr täglich und so oft in Berührung, daß der schwache Mann dem Eindrucke ihrer Schönheit in die Länge nicht widerstand. Sie wußte auch gegen ihn die leidende Unschuld mit großer Schlauheit zu spielen und den Unmuth, womit er sie empfangen hatte, zu entkräften. Bald hatte sie ihn ganz in ihr Netz gezogen und befand sich in’s Geheim durchaus nicht als Gefangene, sondern genoß alle möglichen Erleichterungen und Annehmlichkeiten.

Das Eintreffen des Endurtheils änderte die Sache. Paul wurde zum Tode, die Huberin nebst den meisten ihrer Genossen auf Lebensdauer in die Ketten verurtheilt. Die Todesstrafe konnte nach den bestehenden Gesetzen nicht gegen sie erkannt werden, weil ihr Bekenntniß fehlte. Der Bauer kam mit geringer Freiheitsstrafe davon; man hatte seine volle Zurechnungsfähigkeit bezweifelt.

Der Tag der Vollstreckung kam heran. Paul, von der Folter seines Gewissens und der langen Haft zu einem Skelett herabgesiecht, erlitt reuig und ergeben die Strafe, die sein Leben wohl nur um wenige schmerzliche Wochen verkürzte.

Tags darauf sollte die schöne Huberin in’s Zuchthaus abgeliefert, vorher aber eine Stunde auf dem Pranger öffentlich ausgestellt werden. Eine unabsehbare Volksmenge wogte und drängte auf dem Platze, wo der Schandpfahl errichtet war, und der Assessor, dem manches graue Haar gewachsen über der Riesenarbeit, die zu bewältigen war, erschien im Gefängnisse, die Verbrecherin zum letzten Acte abzuholen und damit seine Thätigkeit zu beschließen.

Aber die Ankunft derselben verzögerte sich von Minute zu Minute … dagegen erscholl aus den obern Gängen des Gefängniß-Gebäudes, wo die Keuche der Huberin war, verworrenes Geschrei und Durcheinanderlaufen. Besorgt eilte der Beamte hinauf und stand mit den verblüfften Gerichtsdienern vor der – leeren Zelle. Die Huberin war verschwunden, auf die rätselhafteste Weise, denn weder Thür und Schloß, noch Fenster und Gitter waren verletzt und geradezu unbegreiflich, wie sie zu entkommen vermocht hatte. Wer allein vielleicht Aufschluß geben konnte, schwieg weislich und wenn ihn auch mancher bedenkliche Blick traf, fehlte es doch an Anhaltspunkten, ihn geradezu zu beschuldigen.

Die Bäuerin ward nie mehr gesehen und nie eine Spur mehr von ihr angetroffen. Nur an der hintern Ecke des Huberhofes fand man eine frisch aufgebrochene, früher Niemand bekannte Nische in der Mauer. Wahrscheinlich hatte sie dort ihre Beute verborgen gehabt und auf der Flucht geholt.

Als sich das lärmende und schreiende Volk verlief, war wenigstens um die Hälfte mehr zu dem Glauben bekehrt, daß die schöne Huberin eine Hexe gewesen.




... Nach einigen Jahrzehnten hatte die stille Sehnsucht und Schwermuth ihres Gemüths auch Rosel in die Gegend zurückgeführt, wo ihr alle Freuden und Leiden des Lebens begraben lagen. Die dankbare Gemeinde gab ihr ein Stübchen zur Wohnung, wo sie, ein vergessenes altes Mütterchen, von ihrer Ersparniß und leichter Handarbeit lebte.

Ihre Hauptbeschäftigung aber war das Gebet, und jeden Tag kniete sie auf dem Dorfkirchhofe vor zwei Gräbern, die nicht einmal mehr mit Kreuzen bezeichnet waren. Ob der Sommer die unscheinbaren Hügel neu übergrast oder der Winter eine Schneedecke darüber geworfen hatte; ob die Sonne sich freundlich in dem blanken Kreuze des Kirchthurms spiegelte, oder Sturm und Regen durch die Grabkreuze fuhr – sie fehlte nicht zur gewohnten Zeit und betete eine Stunde lang.

Auch der Erzähler, auf einer Fußwanderung vom Unwetter überfallen und genöthigt unter dem vorspringenden Kirchen-Portale Schutz zu suchen, hat sie noch knieen gesehen. Als das Gewitter rasch vorübergegangen, suchte er ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, und der guten Alten, um deren Kummer und Gebet wohl schon lange Niemand mehr gefragt haben mochte, schien die Theilnahme wohlzuthun. Sie erzählte, was ihr begegnet war, einfach und schmucklos, wie es hier wieder gegeben ist. Als der Erzähler das Jahr darauf gerade zu der Stunde wieder vorüber fuhr, in der die Beterin sonst am Grabe zu knieen pflegte, war der Platz leer, und sie war wohl auch in der unscheinbaren Ecke hingelegt worden neben die, welche sie geliebt und für die sie gebetet hatte im Leben.



Anmerkungen (Wikisource)