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Die Hauptstadt des himmlischen Reiches

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Titel: Die Hauptstadt des himmlischen Reiches
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 617–619
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Hauptstadt des himmlischen Reiches.

Wir haben die Chinesen bis jetzt größtentheils durch Engländer kennen gelernt, durch Engländer, welche durch die auswärtige, chinesische Politik innere, parlamentarische Politik machten. Cobden stürzte den Premier Palmerston über dessen chinesische Politik. Palmerston „appellirte an das Land“ und bekam eine glänzende Majorität. Aber wie?

Vor und während der Wahlen trat der chinesische Bäcker Allum auf, der auf Befehl des Gouverneurs Yeh von Canton – des Erzfeindes der Engländer – diesen vergiftetes Brod gebacken, Alles gestanden hatte und zum Tode verurtheilt, item auch erschossen worden war. Vor und nach den Wahlen hatte Yeh 175,000 Menschen köpfen lassen u. s. w. Nichts erschien sonach nothwendiger, christlicher, verdienstlicher, als Canton zu bombardiren und große Löcher nach China hineinschießen zu lassen, just wie es auf Palmerston’s Geheiß geschehen war. Dieser bekam also die glänzendste Majorität. Hinterher freilich – aber hinterher – kam’s heraus, daß der Bäcker Allum nicht gestanden, nicht verurtheilt, nicht erschossen, nicht Brod vergiftet, kurz nichts von alledem gethan, was ihm zu Gunsten Palmerston’s aufgebürdet worden war. Selbst englische Geschworne hatten ihn freigesprochen, obgleich der von Palmerston nach China geschickte Staatsanwalt Anstey in seiner Anklage die Geschwornen himmelhoch gebeten, sie möchten den Bäcker Allum verurtheilen, obgleich er unschuldig sei, weil dessen Freisprechung wie Feigheit u. s. w. erscheinen könne. Auch das Scheusal Yeh verwandelte sich bei näherer Besichtigung und persönlicher Bekanntschaft (die Engländer nahmen ihn ja gefangen) in einen äußerst genialen und großen staatsmännischen Charakter. Diese politisch gefärbten, erlogenen, im besten Falle blos von Canton abgeleiteten Darstellungen der Chinesen wurden den englischen Zeitungen von deutschen, französischen u. s. w. nachgebetet und Palmerston demgemäß in allen Sprachen gepriesen.

Der ehrliche Gützlaff, der nach einem dreißigjährigen persönlichen Leben und Studium in China vor etwa einem Jahrzehente nach Deutschland kam und die Chinesen nach einem dreißigjährigen Leben mit ihnen beinahe in den Himmel erhob, war und ist vergessen. Eben so ging’s dem braven Le Huc, der China und die Chinesen aus dem Innersten heraus kennen gelernt hatte und darstellte. Er war allein und einzig durch das ganze Innere von China gewandert, bis nach Tibet hinauf. Aber, kann man einwenden, auch richtige Darstellungen der Engländer stimmen darin überein, daß die Cantonesen eine schauderhafte Bande seien u. s. w., die Chinesen also Barbaren und Hallunken.

Richtig. Die Cantonesen sind Summa Summarum der liederliche Auswurf China’s. Alle Genies, Taugenichtse, Hals- und Beutelschneider, See- und Landräuber und die professionelle weibliche Demoralisation scheint sich von ganz China her in Canton zusammenzufinden. Die Gondeln der Prostitution, die Messerverschlucker und Jongleurs, die dem Schwerte und Galgen entlaufenen gröbsten Verbrecher, die Roués und Bonvivants, der Bodensatz von Schmugglern, Matrosen und Seeräubern haben ihren Brennpunkt, ihre Hauptstadt, ihre Waarenlager in Canton, welches daher von allen übrigen Chinesen scharf gehaßt wird. Auch versteht man nun den Yeh besser, diesen massiven, chinesischen Jupiterkopf, der das Amt übernommen hatte, diese Residenz aller Taugenichtse, Verbrecher und liederlichen Genies zu regieren.

Wir sehen schon, daß Canton nicht China ist. Im Gegentheil, China nach Canton zu beurtheilen, wäre viel schlimmer, als ganz Deutschland nach den gemüthlichen Wienern, oder nach den spitzigen Berlinern, oder nach den hyperökonomischen Frankfurtern oder nach den groben Hanauern.

Auch dann lernen wir die Chinesen, die nicht zu Canton gehören, noch durchaus nicht kennen, wenn wir sie nach ihrem Benehmen gegen die Engländer der Palmerston’schen Politik beurtheilen. Als die Engländer opiumkriegerisch zum ersten Male in das Innere China’s eindrangen, machten sich anständige Familien thatsächlich tausendweise selbst todt, nur, um nicht in die Hände der „rothborstigen Barbaren“ zu fallen (Vergl. die furchtbaren Gemälde Gützlaff’s aus dessen eigener Anschauung). Jetzt suchen Chinesen, wenigstens Cantonesen, die Engländer tausendweise todt zu machen, so daß der glänzende Friedens-Vertrag, der ihnen ganz China eröffnet, vielleicht ganz China grimmiger verschließt, als je. Wenigstens darf es so bald kein Engländer wagen, sich als Freund unter den Chinesen zu zeigen. Gegen andere Fremde sind sie bekanntlich übertrieben höflich und liebenswürdig.

Doch enfin, sie sind doch nun in Peking, wo die Russen, beiläufig gesagt, längst diplomatisch stark vertreten waren, um sich und ihren blühenden russisch-chinesischen Handel zu schützen, ohne daß sie vorher bombardirt und Opiumkriege geführt hatten, so daß sie nun auch – wegen des Contrastes, den die Engländer bilden, stärker in Peking sind, als je.

Sehen wir uns die Hauptstadt des himmlischen Reiches etwas näher an, in welchem beinahe ein volles Drittheil der ganzen lebenden Menschheit wohnt, die Compaß, Buchdruckerkunst und sogar das Pulver erfunden hatten, als die Europäer noch die Kunst studirten, auf Bärenhäuten zu schlafen.

Peking breitet sich in der Mitte eines sehr fruchtbaren, überaus [618] cultivirten Districtes aus, voller schattiger Haine und Grotten, aus deren üppigen Laubdächern goldenschimmernde Tempel, malerische Bonzenklöster und garten- und springbrunnenumhegte Privatresidenzen hervorleuchten. Dazwischen kreuzen sich Labyrinthe von Wegen und Straßen mit endlosem Gewimmel von Last- und Lustwagen, seiden auswattirten Tragstühlen, Frucht- und Gemüsekarren, Fuhrleuten mit Mukden-Butter oder mongolischem Arac. Aus diesem malerischen, vielfarbigen Wirrwarr ragen die Hälse und Rücken schwerbeladener Dromedare, die russische Producte weither von Kiachta und vom Amur herbeiwiegen und chinesische Theekisten, Seidenstoffe, Schnitzwerke u. s. w. wieder davontragen. Näher nach der Stadt drängen sich schwarze Zöpfe, gelbe Gesichter und blaue Kittel um zahllose „Theater im Freien“, Luftspringer, Jongleurs, Tabuletkrämer oder Verbrecher, deren Köpfe aus schweren Bretern, die sie tragen müssen, hervorragen.

Endlich kommt man durch dieses Ameisengewimmel von Menschen in die Nähe eines der sechzehn Thore, die alle ganz egal aussehen in ihrer thurm- und festungsartigen Architektur und ihren blauen Dächern. Man windet sich durch einen großen Bogengang, der in einen großen, umhegten Raum führt, wo Wachtposten und Beamte verschiedene polizeiliche Functionen vorzunehmen scheinen. Der große Raum dient hauptsächlich als Exercirplatz für Truppen. Am Ende desselben muß man durch einen zweiten Bogengang, an dessen Seiten Cavalleriewege auf die schweren, dicken, breiten Mauern hinaufführen. Sie umgeben 45 Fuß hoch die tatarische und 30 Fuß hoch die chinesische Stadt und sind so breit, daß vier Wagen oder acht Reiter nebeneinander passiren können. Unten aus den Wänden und von oben drohen zahlreiche Kanonen. Die Mauern beider Stadttheile haben einen Umfang von 24 englischen Meilen. Mit den Vorstädten bedeckt Peking mehr Raum, als das größte Städteungeheuer London. Nach den Namen der Thore und Straßen zu schließen, haben die Chinesen mehr Geschmack und Poesie, als wir Europäer. In London heißt Alles Victoria- oder Albert-, Wellington-, Königs-, Königinnen-, Herzogs-, Russel-, Jones-, John-, Johnsen-, Johnston- (zu Deutsch: Schulz-, Schulze-, Schultz- und Schultzen-) Straße, Platz, Square oder Terrain, in Berlin Alles Friedrichs-, Wilhelms- oder gar Puttkammerstraße, in Amerika hören die Namen ganz auf und die Straßen sind blos numerirt. Die zwei nördlichen Thore Pekings heißen übersetzt (wodurch sie freilich langstielig und lächerlich werden): „Thor erhabener Tugend“ und „Thor ewigen Friedens“. Ersteres ist stets geschlossen und wird blos für den Einmarsch siegreicher Armeen (die ganz aus der Mode gekommen zu sein scheinen) geöffnet. Das „Thor weiser und gelehrter Männer“ führt in das Professoren- und gelehrte Mandarinen-Viertel.

Aus dem Gebäude-Meere der Stadt ragen 700 Tempel und Klöster hervor, nach unsern Begriffen seltsam und bizarr in Bau, und Construction, aber phantasiereich, pompös und farbenglänzend. Im größten Buddhisten-Tempel sitzen fortwährend 300 Priester bewegungslos auf Postamenten an den Tempelsäulen.

Nach außen bilden die Häuser der Straßen in der Regel nur einförmige, polizeilichen Classen- und Standesregeln angepaßte Formen. Die Chinesen wohnen aber nicht nach der Straße, sondern nach dem Hofe und Garten zu. Hinter den Eingängen (und das sind hauptsächlich die Straßenfronten) entfaltet sich oft feenhafte Gartenpracht mit Parks, Felsen, Cascaden, Wasserfällen, klaren Flüßchen mit goldenen und silbernen Fischchen, üppigen Blumenbeeten, Zierteichen, Springbrunnen, Brücken, Grotten, Gondeln, luftigen Gartenhäusern, seidenen Vorhängen, weichen Polstern, elfenbeinausgeschnitzten Ornamenten, goldenen, silbernen und porzellanenen Geräthen aller Art. Vor den Fenstern dieser Gartenhäuser Außen-Gallerien ringsum, an deren Geländern üppige Schlinggewächse sich wiegen, blühen und duften. In diesen Gärten künstliche Berge mit zarten, glockenklingenden Thürmchen, von denen man weit umher über die Stadt und Haine, Gärten, Parks und künstliche Wälder blickt, auch auf den Kinhaï-See, den goldenen, umgeben von reichtöniger Vegetation, von Kiosks, Tempeln und Villen.

Dies gilt im vollsten Maße allerdings nur von den kaiserlichen Gärten, aber die der Großen, Reichen und Wohlhabenden sind wenigstens alle in diesem Style gehalten, wenn auch nur im dichtesten, kleinsten, überladenen Miniatur.

Die kaiserliche Residenz mit den Gärten bildet eine ganze, große, roth und gelb ummauerte Stadt für sich selbst: Tsen-king-sing, d. h. die verbotene Stadt. Die sonst ummauerte innere Stadt heißt Neï-tsching. Hier fallen zunächst die beiden großen, geraden, vierundzwanzig Schritte breiten Hauptstraßen durch ihren Läden- und Verkehrsreichthum auf. Die wogenden Meere von Menschen darin verstehen sich von selbst. Man sieht sie vor ihnen selber, wie den Wald vor Bäumen, nicht, desto mehr riecht man sie. Im Allgemeinen kleiden sich die Chinesen weder aus zum Schlafengehen, noch um, nachdem sie aufgestanden. Außerdem gibt’s 20–30,000 ganz obdachlose Menschen in Peking, die des Nachts schlafen, wo und wie sie eben können. Dazu kommt, daß die Leute allen Koth und Mist, den sie und Andere machen, sorgfältig in großen Steingefäßen aufbewahren, bis sich Gelegenheit zum Verkaufe oder zur Verwendung auf eigenen Grundstücken findet. Aus diesen und anderen Gründen sind die Chinesen nichts weniger, als „ruchlos“.

Die Läden haben keine Schilder, sondern große, seidene Fahnen an langen Stangen vor den Eingängen mit Verzeichnissen der verkäuflichen Artikel. Dies gibt über dem Gewimmel unten ein malerisches, heiteres Flattern und Flappen von oben. Viele Verkäufer in den Läden fabriciren gleichzeitig und zwar vor den Thüren, wo auch die meisten Handwerker schmieden und schneidern, pochen und hämmern, schnitzeln und schneiden. Zwischen dieser Arbeit unter freiem Himmel treiben sich Bonzen-Bettler (für Klöster), Kunststückmacher aller Art, Köche mit Kuchen und Speisen, Tabaks-, Schnupftabaks- und Opiumhändler, Geldverleiher, Buchhändler und Papierlaternen-Höker umher.

Diese Nordseite der Stadt gehörte früher ausschließlich dem Militair, das aber mit der Zeit dem Handwerker- und Handelsvolke Platz machte. Jetzt sind die 80,000 tatarischen Truppen Pekings in verschiedene Districte oder „Banner“ von verschiedenen Farben vertheilt.

Auch gibt es eine „Bürgerwehr“ oder Nationalgarde, Siang-dschung, welche aber, ganz wie bei uns, eigentlich blos die Nachtwächter ersetzt und des Nachts durch die Straßen patrouilliren muß. Vom Militair sind die eigentlichen Chinesen ausgeschlossen. Das Militair ist ein Privilegium der Tataren, die vor mehr als zwei Jahrhunderten China eroberten. Die Südstadt gehört den Civil-Chinesen, in welche keine Soldaten oder Staatsbeamte ohne Erlaubniß gehen dürfen. Deshalb sieht’s in dieser eigentlichen militair- und beamtenlosen Südstadt auch lustiger und heiterer aus, als je im Norden. Hier, besonders in den Straßen Ta-tschalar und San-yeou-keou sieht’s aus, als könnten die Chinesen nichts weiter, als sich den ganzen Tag auf das Höchste amüsiren, und dazu allerhand Delicatessen (darunter delicat zubereitete Mäuse, Ratten und Hunde) genießen. Man findet hier die reizendsten und großartigsten Blumen- und Fruchthandlungen. Eine andere Hauptstraße, Vaï-lo-tsching, gehört fast ausschließlich den Künstlern, Schauspielern, Musikern, Taschenspielern, Schlangenbeschwörern und Rhapsoden, die, wie einst Homer in Griechenland, den Leuten auf den Straßen ihre eigenen und anderer Poeten Schöpfungen mit Instrumentalbegleitung vorsingen. Dahinter der Richtplatz, wo die schweren Verbrecher allemal im Herbste hübsch mit einander aus freier Hand geköpft werden. Nur politische Verbrecher können auch im Frühling wie im Sommer und Winter geköpft werden. Der Henker ist blutroth gekleidet, hat aber eine weiße Schürze vor und eine lange, gerade in die Höhe stehende Feder auf der rothen Mütze. Die zum Tode Verurtheilten werden eines schönen Octobermorgens auf den Richtplatz geführt, begleitet von Polizei, einem kaiserlichen Beamten und dem Henker. Der Beamte hat das Todesurtheil für Jeden, vom Kaiser eigenhändig untersiegelt, bei sich; er liest eines nach dem andern vor. So wie eins abgelesen ist, ergreift der Henker den „Verlesenen“, bringt ihn auf die Kniee, beugt ihm den Kopf herunter und schlägt ihn ab, ehe der Gebogene daran denkt, sich wieder aufzurichten. Die Andern sehen zu, bis die Reihe auch an sie kommt.

Aus Vaï-lo-tsching kommen wir in die Straße der Juweliere und Edelsteinschleifer, welche in die Straße der Theater führt. Wenigstens findet man hier sechs Tempel der dramatischen Kunst täglich von 12 Uhr Mittags bis 12 Uhr Nachts offen und activ, so daß die Leute 12 Stunden hinter einander immerwährend spielen sehen können, notabene, ohne etwas dafür zu bezahlen. Nur besondere Sitzplätze und Logen sind nicht unentgeltlich zugänglich. Aber das Parterre unten ist frei für Jedermann, der das Gedränge und den Geruch nicht scheut, und den Zopf vorher wie ein Halstuch umbindet, damit er wenigstens nicht im Gedränge leide.

Eine große Rolle spielen die Tempel, von denen aber bis jetzt [619] Niemand etwas Gescheidtes weiß. Nur der größte Buddha-Tempel, Thian-Thau, innerhalb eines Mauerumfangs von zwei englischen Meilen, ist dem Namen nach und wegen der grandiosen Procession bekannt, mit welcher ihn der Kaiser jedes Jahr einmal besucht. Die Truppen bilden Spalier, durch welche der „Sohn des Himmels“, begleitet von hundert Instrumental- und tausend Vocalmusikern, welche die Fundamental-Glaubenshymne (geschrieben vor mehr als 4000 Jahren) spielen und singen, und von einem glänzenden Beamtengefolge, einherzieht, mit dem Stifter der verbreitetsten Religion, dem Königssohne Buddha, seine Huldigung darzubringen.

Das sind einige erste Blicke auf die Hauptstadt eines Staates, der viel über 300,000,000 Einwohner zählen soll. So wenig Bestimmtes wir bis jetzt auch sehen, so viel ist handgreiflich, daß nur die frechste Unverschämtheit dieses Volk mit einer solchen Hauptstadt und Tausenden blühender Städte und vielen Millionen der meister- und musterhaft bestellten Felder und Gärten, mit Druckereien, Zeitungen und Bibliotheken in jedem Dörfchen als „Barbaren“ bezeichnen kann. Im Gegentheil ist Alles, was man Cultur und Luxus nennt, so ungeheuer und fein und übertrieben ausgebildet, daß man die Chinesen der „Ueberfeinerung“ und Verweichlichung beschuldigen muß. Mit dieser Feinheit werden sie auch nie Freunde der Engländer werden, zu denen nach dem neuesten Kriege auch die Franzosen gehören.

Friede und Vertrag sind in einer Vorstadt Pekings abgeschlossen und unterzeichnet worden. Aber in Canton steht folgende Proclamation der „Bravo’s“ an allen Straßenecken und wird nach Kräften ausgeführt:

„Die Nation der rothhaarigen ausländischen Hunde ist bekannt als eine Nation von Dieben, die oft unser blumiges Königreich der Mitte heimsuchen. Wir, die Bravo’s der Provinz Kwang-tung, bekriegten in dem Jahre 22 des Tao-kwang den Ellot (Capitain Elliot) und enthaupteten Pama (?) am südlichen Ufer. Es ist Schade, daß wir sie damals nicht alle umbrachten. Sie würden dann nicht im 11ten Monat vorigen Jahres mit Hülfe der französischen Teufel, vorgebend, daß sie keine Feindseligkeiten beabsichtigten, die Mauern unserer Stadt zerschmettert, 10,000 Häuser und Läden zerstört, das Volk seiner Habe beraubt, Frauen entehrt und friedliche Leute mit Knütteln niedergeschlagen haben. Sie erließen Proclamationen, nach denen sich unser Volk richten sollte. Wir, die Untergebenen des himmlischen Thrones, hochgepriesen vom Kaiser, wollen uns diesen Barbaren nicht unterwerfen. Es sind blos 2–3000 englische und französische Hunde in unserer Stadt. Wir aber zählen nach Tausenden von Tausenden. Wenn nur Jeder von uns eine Waffe trägt, und jeden dieser Fremden, der ihm begegnet, umbringt, werden wir sie bald alle getödtet haben. Jeder, der mit einem dieser ausländischen Hunde handelt oder ihm Lebensmittel gibt, soll ergriffen und nach den Gesehen bestraft werden. Jeder in Amt und Brod dieser Hunde muß binnen hier und einem Monat seine Stelle verlassen. Wenn nicht, werden seine Angehörigen ergriffen und behandelt, als wenn sie selbst Roth-Kopf-Rebellen wären. Jede Ortschaft, die unsren Bestimmungen entgegenhandelt, wird der Erde gleich gemacht, und deren Bevölkerung bestraft. Jeder, der Blut und Leben hat, ist verpflichtet, den Kummer unseres Kaisers zu theilen. Wer dagegen Bedenken hat, wird als Dieb behandelt, Jeder kann ihn tödten. Die Amerikaner, Spanier und andere fremde Nationen stehen in gutem Vernehmen mit unserm Volke. Die Zerstörung und die Stauung des Verkehrs ist allein durch die englischen und französischen Hunde verursacht worden.“

Die Belohnungen für Engländer- und Franzosenköpfe sind doppelter Art, private von den „Vornehmen“ und officielle, staatliche von dem neuen Gouverneur von Canton. Der jetzige Gouverneur hat folgende Proclamation und folgende Preisliste an die Straßenecken schlagen lassen (in der von Engländern und Franzosen siegreich eingenommenen Stadt!):

„An die Soldaten:

1) Jeder, der einen englischen oder französischen Häuptling fängt, erhält eine Belohnung von 5000 Dollars.

2) Jeder, der einen barbarischen Rebellenkopf abschneidet erhält 50 Dollars.

3) Jeder, der einen barbarischen Rebellen lebendig fängt, erhält 100 Dollars.

4) Jeder, der einen Verräther fängt, wird mit 20 Dollars belohnt.

5) Jeder, dem es gelingt, ein großes Dampfkriegsschiff zu verbrennen, erhält 10,000 Dollars.

6) Jeder, der ein kleineres Dampfschiff verbrennt, erhält 2000 Dollars und wird für künftige Belohnungen empfohlen.“

Dies gilt gegen die Engländer und Franzosen.

Der Friede ist in Peking unterzeichnet: ganz China steht den Engländern und Franzosen offen – mit den Proclamationen obiger Art an den Straßenecken. Das ist keine Oeffnung, sondern ein sehr kostbarer Verschluß, hinter welchem andere Völker handeln und profitiren mögen, aber nicht die „heiligen Alliirten“.

Nutz und Lehre hieraus: Man soll weder einzeln, noch in Gesellschaft in die Häuser und Länder der Leute einbrechen, sondern hübsch anklopfen, ob sie etwas kaufen oder verkaufen oder (dem Bettler) geben wollen.