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Die Hamburger Milchleute

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Textdaten
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Autor: Carl Reinhardt
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Titel: Die Hamburger Milchleute
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 745–746
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Hamburger Milchleute.

Hamburger Milchleute im Eis.

Der Bewohner einer großen Stadt, dem alle Lebensbedürfnisse in’s Haus gebracht werden, denkt selten daran, welche Anstrengungen und Mühseligkeiten die Herbeischaffung eines Gegenstandes verursacht, dessen Dasein, da er regelmäßig vorhanden ist, gar nicht beachtet wird, dessen Wichtigkeit oder Annehmlichkeit aber dann an den Tag kommt, wenn er uns einmal fehlt.

Wer Morgens seinen Kaffee mit gutem Rahm vermischt zu trinken gewöhnt ist, würde sich sehr unangenehm betroffen fühlen, wenn der Letztere einmal ausbliebe und er seinen Mokka schwarz hinunterschlucken müßte. Damit nun ein solches Unglück möglichst verhindert werde und die Hausfrauen ihre sonst nöthige Milch regelmäßig erhalten, sind Hunderte und Tausende von Leuten rings um die Städte beschäftigt, dieses Nahrungsmittel zu produciren und unter allen Umständen nach der Stadt zu schaffen.

Von allen Milchleuten, welche in Deutschland existiren, haben nun wohl die auf den Hamburgischen und Hannoverschen Inseln wohnenden den abenteuerlichsten und gefährlichsten Weg nach der Stadt zu machen, und müssen oft Leib und Leben daran setzen, um ihre Kunden zu bedienen; – dafür sind sie aber auch ein kräftiges, wetterhartes, lebenslustiges Völkchen, dem es endlich zur Gewohnheit wird, sich mit den Elementen herumzubalgen und sich jeden Tag das Leben zu gewinnen.

Im Sommer, wenn Luft und Wasser warm und ruhig sind und der Wind gerade stark genug bläst, um die rothen Segel zu füllen und das Fahrzeug vorwärts zu treiben, dann haben die Hamburger Milchleute wohl viel vor allen Anderen auf ihrer vergnügten Fahrt voraus. Die flachbodigen, vorn und hinten spitzen Ewer mit ihrem starken hohen Maste liegen ruhig am Ufer der heimathlichen Elbinsel. Von allen Seiten kommen Männer und Weiber mit den stets roth angemalten Milcheimern, in denen der weiße Inhalt glänzt, an Bord und setzen sich inmitten des Fahrzeuges zu ihren Gefäßen, und zwar so, daß sie die Männer bei der Handhabung desselben nicht geniren. Der mit allen Flußströmungen und irgendwie eintretenden günstigen oder ungünstigen Wetterzufällen vertraute Steuermann nimmt seinen Platz ein und die Segel werden, wenn der Wind nur im geringsten zu gebrauchen ist, aufgezogen. Ist gänzliche Windstille und der Fluth- oder Ebbestrom der Fahrt günstig, so werden zwei lange Ruder in Thätigkeit gesetzt, an deren jedem drei bis vier Mann arbeiten, damit sich das Fahrzeug steuern läßt. Ist indeß weder Wind noch Wasser der [746] Fahrt förderlich, so müssen sich die Männer, mitunter wohl auch eine handfeste Frau, bequemen, auf den Seitenbänken des Ewers hinlaufend, denselben mit langen Stangen vorwärts zu bringen, um zu rechter Zeit nach der Stadt zu kommen.

Anders gestaltet sich die Sache schon im Herbst, wo das stürmische Wetter eintritt und die Elbe mitunter recht hübsche Wellen macht. Dann sind die mit rother Oelfarbe angestrichenen Segel oft bis zum Platzen gespannt, ein Mann benetzt sie auf der Windseite vermittelst einer Holzschaufel noch mit Wasser, damit sie sich möglichst zusammenziehen und ja keinen Wind durchlassen, und das Fahrzeug schneidet, von der sichern Hand des Steuermannes gezwungen, durch das Wasser, daß der Schaum, vom scharfen Schnabel zertheilt, darüber hinfliegt und die Wellen auf der Leeseite hineinschlagen. Hier hat wiederum ein Mann die Obliegenheit, das überflüssige Wasser hinauszuwerfen, während einige Andere bei den Schoten der Segel stehen, um dieselben auf den Ruf des Steuermannes Back- oder Steuerbord anzulegen. Dabei müssen ein paar auf die Schwerter – ein paar schwere, breite, fischfloßartige Breter, welche an den Seiten des Schiffes herunterhängen, und zwar ein paar Fuß tiefer, als der flache Boden – Achtung geben, damit sie das Abtreiben des kiellosen Fahrzeuges verhindern. – Das Schwert auf der Windseite wird jedes Mal aus dem Wasser gezogen, damit es die Fahrt nicht hindert, wogegen das auf der Leeseite, der vom Wind abgekehrten, hinabgelassen wird. Da die Männer bei solchem Wetter mit Südwestern und Oeljacken und weiten Schifferhosen, „Schlifbüxen“ genannt, bekleidet sind, so sehen sie richtigen Seeleuten oder Lootsen eher ähnlich, als friedlichen Milchleuten. Das meiste Unglück geschieht wohl in der Zeit der Frühjahr- und Herbststürme, wo oft durch das Umschlagen eines Fahrzeuges fünfzehn bis zwanzig Personen ertrinken. So gute und vortreffliche Segler auch die Leute sind, manchmal bringt ihre Sicherheit, welche durch einige Gläser Grog mehr, als gerade das kalte Wetter verlangt, zur Tollkühnheit gesteigert wird, sie um das Leben.

Hat der Milchmann seine Waare an die Kunden abgeliefert und seine Eimer unmittelbar darauf am Brunnen rein gewaschen und ganze Bündel, wie Weintrauben an jeder Seite der Trage hängend, in den Ewer getragen, so will der Magen auch was haben. Man will die Reform lesen oder Nachrichten von Freunden und Bekannten von den benachbarten Inseln einziehen und steigt in den wohlbekannten Keller hinab, wo sich Alles findet, was das Herz des Milchmannes, erfreut – ein Rundstück mit Käse oder Rauchfleisch, ein Stück saurer Aal von zwei Fuß und ein Glas Grog „stark und seut“, d. h. mit so viel Rum und Zucker und so wenig Wasser, als möglich, ist in der Regel sein Begehr. Bei der Bestellung des Grogs nimmt er den Wirth etwas auf die Seite und fügt die Worte „aber stark und seut“ gewöhnlich in leisem, vertraulichem Tone bei, worauf ihm der Wirth mit einem Auge zublinkt und durch fast unmerkliches Kopfnicken anzeigt, daß nichts geschont werden soll. Im Sommer wird statt Grog wohl ein „Poolschen“ Rothwein verlangt. Im Winter jedoch für jeden Grad Kälte ein Glas Grog, so daß der vor dem Fenster hängende Thermometer so ziemlich als Rechenbret gelten kann.

Mit dem Tage, wo sich auf der Elbe das erste Treibeis zeigt, beginnt die mühseligste Zeit des Milchmannes. Es ist beinahe eine Unmöglichkeit, über den Fluß nach der Stadt zu kommen, und doch soll und muß die Milch hinübergeschafft werden. Mit ungeheuerer Anstrengung zwängen die Leute dann ihre Fahrzeuge durch die Schollen, welche nicht stark genug sind, einen Mann zu tragen, und doch durch ihre Masse dem Schiffe die Fahrt versperren. Manchmal nimmt ihre Menge so überhand, daß das Fahrzeug, dem Willen und der Berechnung der Schiffer entgegen, Stunden weit mitgenommen wird, ja, es sind schon Fälle vorgekommen, wo es den Leuten erst nach zwölfstündiger Arbeit gelang, das einige hundert Schritt weite Ufer zu erreichen.

Kommt das Eis endlich zum Stehen und bedeckt eine dünne unsichere Eisdecke kaum den Fluß, so betreten die Milchleute mit rücksichtsloser Verwegenheit den glatten, trügerischen Pfad, der schon Manchem von ihnen zum spurlosen Grabe ward. Wenn es noch Niemand für möglich hält, daß das Eis einen Menschen tragen kann, sieht man diese kühnen, unverdrossenen Männer auf der Elbe aus dem Winternebel oder Schneegestöber auftauchen. Mit langen Stangen bewaffnet gehen Einige voraus und untersuchen Schritt für Schritt das Eis, umgehen verdächtige Stellen und suchen auf Umwegen ihrem Ziele, der Stadt, näher zu kommen. Ihnen folgen mit den schweren milchbeladenen Schlitten die Cameraden, stets bereit, bei dem Krachen des Eises den Schlitten im Stiche zu lassen und ihren Gefährten beizuspringen, welche sich im Falle eines Durchbruchs an die auf das Eis gelegten Stangen halten und so der Gefahr, unter das Eis zu kommen, entgehen. Sind sie glücklich herausgearbeitet, wobei die Helfenden ihr Leben ohne Zaudern in die Schanze schlagen, so müssen sie mit den nassen Kleidern, die bald zu Eisrüstungen erstarren, ihren Weg fortsetzen, und ein extrasteifer Grog muß dann in Hamburg gebraut werden, bei dem das Abenteuer besprochen und der Mann getrocknet wird. Für solche Fälle, in denen Grog stets als unfehlbare Medicin betrachtet wird, haben übrigens die Bewohner von der Unterelbe bis an die Nordsee einen besonders wirksamen erfunden, den sie Fliedergrog nennen. Man kocht erst Fliederthee und bereitet dann Grog daraus. Wer auf diese Mischung nicht in den Schweiß kommt, bei dem ist Hopfen und Malz verloren.

Wenn die Eisdecke der Elbe eine sichere Fläche bietet, auf der dann Zelte und Breterbuden aufgeschlagen werden, in denen etwas „Warmes“ zu haben ist, so tritt wieder ein Ruhepunkt im Leben des Milchmannes ein. Dies ist eine gefahrlose Zeit, wo er gemächlich hinter seinem Schlitten herschlendert und auf dem Nachhausewege ein Viertelstündchen in einem der Zelte verschwindet, wo etwas „Warmes“ zu haben ist. Diese Zeit dauert oft Monate lang, bei gelindem Winter aber nur kurze Zeit, und der Kampf mit dem Eis beginnt von Neuem.

Die Eisdecke, welche dann, in größere und kleinere Schollen zertrümmert, mit der Ebbe und Fluth auf- und abwärts treibt, zwingt die Milchleute, von ihren Eiskähnen Gebrauch zu machen. Eine solche Scene zeigt unser Bild. Die Milch wird nun, statt in Eimer, in lange, kleine Fässer gefüllt, damit sie bei dem Hin- und Herwerfen des Kahnes nicht verschüttet wird. Der Kahn selbst ist ein leichtes, etwa sechzehn bis achtzehn Fuß langes Fahrzeug, ganz wie die großen Ewer gebaut und zum Segeln und Rudern eingerichtet. Vier bis acht Mann bedienen sich eines solchen Fahrzeuges und arbeiten sich durch Wasser und Eis rastlos vorwärts. Nur ist eine Hauptbedingung, daß die Eisschollen stark genug sind, um die Männer und den Kahn zu tragen. Mit den Rudern arbeiten sich nun die Leute durch die freien Wasserstellen, bis eine Eisscholle ihnen den Weg versperrt. Sofort schlagen ein paar Männer ihre Haken in das Eis und halten den Kahn fest, während in demselben Augenblicke einige Andere auf das Eis springen und die Spitze des Fahrzeuges hinaufziehen, dann steigen auch die Uebrigen aus, und Alle packen den Kahn am Bord und ziehen ihn vollends hinauf, und lustig geht’s nun im vollen Lauf über die Scholle fort auf das nächste freie Wasser zu, in welches der Kahn ohne Aufenthalt geschoben wird. Die Vordermänner sind schon, sobald die Spitze das Ende des Eises erreichte, hineingesprungen und haben die Ruder ergriffen, während sich die Hintermänner beim Hinabrutschen des Bootes in’s Wasser über den Rand hineinkollern, so daß oft noch ihre Beine aus dem Fahrzeuge gen Himmel gerichtet sind, wenn die Ruderer schon volle Arbeit haben. So geht es fort, bald im Wasser, bald auf dem Eis, bis die Landungsstelle erreicht ist, von wo dann später der Rückweg nach der Heimath auf dieselbe Weise angetreten wird.

Aber auch hier, auf festem Grund und Boden, hat der Milchmann nicht immer Ruhe und muß selbst in seinem Hause oft mit dem Strome kämpfen, wenn derselbe bei Sturmfluthen die Dämme durchbricht. Dann ist der Ewer manchmal eine ungleich sicherere Zuflucht, als das Haus, und muß bei wachsender Noth wohl auch das Vieh aufnehmen, von dessen Rettung die fernere Existenz der Leute abhängt.

Wie verschieden das Leben eines Hamburger Milchmannes von denen anderer großer Städte, z. B. eines Berliner oder Wiener Milchlieferanten, ist, geht wohl aus Obigem leicht hervor. Nur Eins haben sie alle gemein, das ist die Leidenschaft, Wasser unter die Milch zu gießen, und ein Ding gibt es, was sie Alle fürchten und hassen, das ist der Milchmesser!

C. Reinhardt.