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Die Halbinsel Krimm

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Halbinsel Krimm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 436–437
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Halbinsel Krimm.


Nachdem die Welt Sebastopol in- und auswendig kennen gelernt hat, ist es nicht mehr als billig, uns einmal die ganze Halbinsel anzusehen, als deren äußerster russischer Halt im schwarzen Meere es oft beschrieben ward. Die Halbinsel Krimm ist auch ohne Krieg, ohne Engländer, Franzosen und Russen in Soldatenuniform interessant genug. Sie war einst der Hauptsitz des großen tartarischen Mongolenreichs, das unter Temudschin oder Dschingis Khan zu Anfange des 13. und besonders unter Timur Tamerlan im Anfange des 15. Jahrhunderts Europa in Schrecken setzte, nachdem es ganz Asien unterworfen und die erobernden Fanatiker der Lehren Muhamed’s zurück- und niedergeworfen hatte. Spuren dieses alten Reiches und Volkes finden sich noch in ganzen Ländern und Stämmen Asiens, ganz besonders in der Krimm. Diese Halbinsel ist in ihrer eigenthümlichen geographischen Lage südlich von der ungeheuern Steppe, die von Ungarn bis China reicht, ganz besonders geeignet zur Entwickelung nomadischer Kraft. Von dem schwarzen und asow’schen Meere rings umgeben, hängt sie mit dem asiatischen Festlande blos durch die schmale Landzunge von Perekop zusammen, Und der Weg daher war noch eine bessere Festung gegen äußerliche Angriffe, als die beiden Meere, er war und ist zum Theil noch unwirthliche Steppe. Beinahe zwei Drittel der Insel vom Lande her sind Senkung von den Gebirgen der Südküste am schwarzen Meere und nur ein Fünftel davon durch künstliche Colonisation Deutscher, Griechen und Bulgaren der wilden Steppe für den Ackerbau und die Cultur gewonnen. Es war besonders die aus Deutschland auf den russischen Kaiserthron gestiegene Katharina II., welche durch Aufmunterung und Belohnung deutscher Auswanderung nach der Krimm die dortige Kornkammer der Natur zu verwerthen suchte. Die Krimm war ihr Liebling. Sie wollte das herrliche Stück Land zu einem russischen Italien erheben und suchte sich selbst durch persönliche Inspection von dem Fortgange ihrer Krimm-Cultur-Pläne zu überzeugen.

Die eigentliche Herrlichkeit der Krimm drängt sich nach der gebirgigen Südküste hin, zwischen Sebastopol und Kaffa oder Theudosia, welche durch eine 40 Meilen lange Dampfschiffverkehrslinie in Verbindung stehen und von Sebastopol landeinwärts nach Simferopol, in deren Mitte sich die alte Mongolenhauptstadt Baktschi Seria in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit erhalten hat. Die ungeheuere Fruchtbarkeit des Bodens hier unter einem italienischen Klima drückte dem Leben und den Sitten der alten tartarisch-mongolischen Bewohner eine merkwürdige Ländlichkeit und Natur-Aesthetik auf. Noch heute nisten die Tartaren wie Schwalben an den Felsmauern, aber umgrünt und umblüht von einer Naturfülle, welche durch künstliche Unterstützung zur Schönheit wird. In ihrer Nationalität, die einst ganz Asien beherrschte, haben sie sich vollkommen unabhängig gegen die russischen Eroberer und die deutschen, griechischen und bulgarischen Kolonisten erhalten. So gering auch der Rest dieser einst herrschenden Raçe erscheint, sie können doch bei einer etwaigen politischen Veränderung der Krimm sehr bedeutend werden. Sie haben ihre alte blutige Geschichte nicht vergessen, sind freisinnige Muhamedaner (ohne den kirchlichen und gesellschaftlichen Zwang bei den Türken) und im Uebrigen derb, muthig, brav, von natürlichem Edelmuth, gastfrei und offen in Haus und Herz. Die Tartarendörfer kleben in großen Mengen zwischen den Bergen an der Küste des schwarzen Meeres zwischen den Städten Balaklava, Baidar und weiter herum von Sebastopol nach Kaffa herum: Alupka, Yalta, Aluchta, Kurusen, Uskute, Sudak und Koze und auf der Landseite nach den Thälern herunter um Baktschi Seria, Simferopol und Karasu Bazar. Deutsche Bauern findet man besonders nördlich von Sebastopol an vier Flüssen, Alma, Bulganak u. s. w. bis nach den Städten Sarabus (am Salghirfluss) und Eupatoria oder Koslov an der Kalamita Bay den Donaumündungen gegenüber. Weiter landeinwärts in nördlicher Richtung hört Cultur- und Menschenleben oft auf 6 bis 20 Meilen ganz auf. Nur die Landstraße von Eupatoria bis Jukur, wo sie mit der Hauptlandstraße, welche die ganze Insel von Perekop und dem armenischen Bazar in der Landenge über Simferopol und Baktschi Seria bis Sebastopol durchschneidet, ist mit einigen Städten und vielen kleinen schmutzigen Dörfern und Kneipen von Russen bevölkert, noch mehr natürlich die Hauptlandstraße deren Hauptstationen zwischen Jukur und Simderopol ziemlich gedeihliche Städte sein sollen. Es sind besonders drei: Trek Album. Aibar und Diurman. Auf der Ostseite am asow’schen Meere stellt sich jenseits gähnender Steppen zuerst wieder etwas Kultur und Stadtleben nach den Mündungen der Flüsse Salghir und Karasu ein. An deren Zusammenflüsse liegt Tokur, weiterhin Schakut, dann die Festung Arabat am Eingange zu der ungeheuern, schmalen Landzunge von Arabat, welche den „faulen See“ fast ganz vom asow’schen Meere trennt. Der sich weithin nach dem Kaukasus hinstreckende Zipfel der Insel, der zwischen dem asow’schen und schwarzen Meere, der Krimm und Cirkassien die Meerenge von Kertsch bildet, ist ganz eben und wird als ein immerwährender Garten geschildert, zwischen denen sich sechs bis sieben Städte und eine Menge Dörfer eines wahren paradiesischen Lebens erfreuen sollen. Gewiß weiß es wohl kein „Europäer,“ da die Krimm erst durch den Krieg wieder Interesse bekam und unseres Wissens keiner der vielen deutschen, englischen und französischen Reisenden, die Bücher von ihren Fahrten machen, dieses russische Paradies, diesen Mittelpunkt der seebadenden russischen Aristokratie, zum Gegenstande seiner Studien gemacht. Das Werk des Engländers Oliphant, die einzige Originalquelle neuen Styls, beschränkt sich blos auf Sebastopol und die Umgegend.

In geschichtlicher Beziehung bemerken wir nur noch, daß die Krimm nach Verfall des großen Mongolenreiches zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts dem türkischen Reiche bis 1474 tributpflichtig war. Die Krimm-Tartaren machten sich mehreremals frei. so daß sich Rußland öfter einmischte, um sie zu ihrer Unterthanenpflicht gegen den Sultan zurückzubringen. So nahm es dieselbe im Jahre 1783 ein, übergab sie 1784 der Türkei und bekam sie ohne Vorbehalt im Jahre 1791 mit Zustimmung aller europäischen Großmächte, von denen Einige behaupten, daß sie, trotz der englisch-französischen Expedition, dieselbe dem Eigenthümer auch jetzt nicht wieder nehmen wollen.

Das Leben und die Dörfer der Tartaren würden für Buch-Reisende sehr interessanten Stoff liefern. Am Häufigsten findet man solche Dörfer an die obersten Terrassen von Bergen angeklebt. Die Moscheen erheben sich aus dichtem Baumwerk, meist Wallnußbäumen. Die Häuser legen sich unmittelbar an Felsenwände an, deren höchster Rücken mit den flachen Dächern eine Linie bildet. Diese Dächer sind die eigentliche Wohnung. Unten in der fensterlosen Höhle schläft man blos. Oben auf dem Dache zwischen den Kronen von Maulbeer-, Feigen- und Wallnußbäumen, welche die Hütte umgeben, empfängt der Tartar seine Gäste, hier trocknet er seine Wäsche, sein Getreide, seine Früchte. Fremde bekommen den besten Platz und werden ungemein höflich und herzlich behandelt und in den bessern Häusern (d. h. auf den Dächern) so zudringlich mit Thee tractirt, daß es sehr übel genommen wird, wenn man nicht wenigstens 15-20 Tassen leert. Ein Engländer, der sehr lange in Kasan dieser Tartarengastfreundschaft ausgesetzt war, mußte förmliche Medizin brauchen, um den Wirkungen starken, heißen Thees in Portionen von 20 Tassen täglich drei, vier bis fünf Mal bei 28 bis 30 Grad Reaumur entgegenzuarbeiten,

Einige der alten Adelsfamilien, deren Vorfahren unter Dschingis-Khan schlagen halfen, besitzen noch ungemein große Ländereien, von deren Einkünften sie füglich leben und sich mit allem möglichen europäischen und orientalischen Luxus zugleich umgeben haben. Ihre Gastfreundschaft gegen Fremde wird als wahrhaft [437] großartig und glänzend geschildert, so daß der Tourist hier eben so wohlfeile, als ergiebige Tage haben würde. Mit dieser Gastfreundschaft hängt eine allseitige Offenheit der Herzen und Häuser zusammen. Letztere sind blos des Nachts durch hölzerne Bretter geschlossen, am Tage aber mit allem Familienleben und Beschäftigungen im Innern ganz offen gegen die Straße, die alle sehr eng sind in der Tartarenhauptstadt Baktschi Seria, so daß sie sich in jeder Beziehung von den langen, weiten Straßen und geschlossenen Häusern russischer Städte als ganz charakteristisch unterscheidet. Sie haben keine Geheimnisse vor der Welt. Den Häusern entsprechen die Herzen. Jeder, der da kommt, ist willkommen in Wort und That. Baktschi Seria ist ganz tartarisch geblieben. Die russische Regierung hat es für gut gehalten, ihnen ihre häusliche and sociale Eigenthümlichkeit zu lassen. Außer einigen russischen Beamten, deutschen Malern und Schmieden aus der Zigeunerraçe ist Alles tartarisch. Trotz ihrer breiten Backenknochen, schiefen Augen und gelblichen Farbe sind sie ein schöner, nobler Menschenschlag, dessen Stolz und Männlichkeit noch durch malerische Tracht gehoben wird. Dies malerische Element tritt besonders am weiblichen Geschlechte hervor, das durchaus nicht so verschlossen und niedrig gehalten wird, wie bei den rechtgläubigen Muselmanns. Der Tartar hält sich in der Regel auch blos eine Frau. Das Malerisch-Schöne in Tracht, Haltung, Bewegung und Volksleben zeichnet überhaupt mehrere orientalische Volksklassen ganz vortheilhaft vor unserer westlichen Civilisation aus. Wir hängen ein schönes Gemälde an die Wand, todt auf Leinwand. Das serbische, wallachische, tartarische Mädchen ist dieses Kunstwerk in voller, frischer Lebendigkeit, von Fleisch und Blut, mit natürlichen Blumen im üppig wallenden Haar, mit bunten Bändern und Farben in kleidsamer Tracht und künstlerischer Grazie in ihren feurigen Tänzen aus Instinkt, aus naivem, eingeborenem Schönheitsgefühl. Unter solchen Umständen braucht man keine Schönheit in Oel auf Leinwand an der Wand. Wir brauchen sie freilich um so nöthiger um uns her, da die Kunst, das Schöne in und an uns fehlt. Mit unserm schwarzen Leibrocke, unserm schwarzen Hute und weißen Vatermördern passen wir weder als Gäste auf den Olymp, noch zu olympischen Spielen. Unsere Damen in Seide bis auf die Zehen und mit der Wespentaille können höchstens vornehm rauschen mit dem eigenthümlichen Gesäusel der Seide und auf dünnen Sohlen schweben.

Die Südküste und Städte der Krimm daselbst sind das Italien, die Badeörter des vornehmen Rußland. Die Engländer sahen sie sogar dies Jahr durch Fernröhre am Gestade sitzen und lachen, und Kinder spielen mit Muscheln und Steinen, als wüßten sie ganz sicher, daß ihnen Engländer und Franzosen nichts Ernstliches thun wollen. – Viele russische Adelige haben hier ihre Sommerresidenzen zwischen Weinbergen, blühenden Oliven, Orangen und Pommeranzen, schwertragenden Feigen und Citronen. Die Bergkette, welche hier im Angesichte des schwarzen Meeres sich oft bis 4000 Fuß und ganz grade wie eine Wand erhebt, schützt diese Städte und Paläste und die Vegetation gegen alle Nord- und Ostwinde, so daß Sonne und Südwind hier das Land zu dem machen, „wo die Citronen blühn und im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn.“ Es wird hier namentlich ein feuriger, madeiraartiger Wein und selbst Champagner gewonnen und reichlich getrunken, wie denn überhaupt die russischen Starosten hier ungeheure Summen verschwenden sollen, um sich während ihrer Badesaison für ihr Leben im Innern Rußlands möglichst zu entschädigen. Neben den Sommerresidenzen und den Städten erheben sich stolze, prächtige Häuser, in denen sich für Geld alle möglichen Vergnügungen und Ausschweifungen mit orientalischer Pracht und Ueppigkeit bieten.

Von Baktschi Seria ist noch der prächtige, alte Palast des ehemaligen Khans zu erwähnen, mit einem kostbaren Begräbnißplatze voller marmorner Denkmäler, und rührender, oft hochpoetischer Inschriften, welche die Ruhestätten der alten Herrscher und Eroberer bezeichnen. Ein Nachkomme des alten Herrscherhauses lebt noch und wird als ein sehr weiser, gelehrter Herr geschildert, „der die Städte vieler Menschen gesehen und ihren Sinn erkannt,“ wie Homer von Odysseus singt.

Von allen Ortschaften der Krimm ist Sebastopol der ungemüthlichste. Weit um die Stadt her sind alle Bäume niedergehauen, damit sie keinem nahenden Feinde Schutz gewähren, und überall Mauern und Wälle und Burgen von weichen Kalksteinen errichtet, welche gerade durch ihre Weichheit dem Werke der Kanonen am Härtesten trotzen können, da sie die Kugeln in ihrer Kraft allseitig lähmen, während harte Gegenstände dies nur in gerader Linie können. So viel man hörte, war die Expedition der englisch-französischen Flotte auch nicht auf Sebastopol direkt, sondern auf Balaklava mit einem guten Hafen, wo die reizende Südküste beginnt, abgesehen. Balaklava steht mit Sebastopol durch eine Landstraße zwischen Gebirgen in Verbindung.

Diese Notizen über die Krimm sollen blos als vorläufige gelten. Vielleicht bekommen wir bald genauere, die unter Anderm auch die Namen, die man an verschiedenen Orten noch sehr abweichend geschrieben und gedruckt findet, mehr feststellen werden. Die hier gebrauchte Schreibweise schließt sich an die englische an.