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Die Geschichte des Ritters von Lanvers

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Die Geschichte des Ritters von Lanvers
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1912, Bd. 6, S. 214–216
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Der Artikel erschien fast wortgleich mit dem Titel Der Ritter von Lanvers unter der Verfasserangabe K. Belka in: Die Burg. Illustrierte Zeitschrift für die studierende Jugend, 3. Jahrgang, S. 6–7.
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[214] Die Geschichte des Ritters von Lanvers. – Im Verlaufe des dritten Kreuzzuges (1187–1192) wurde bekanntlich die Stadt Akkon von den Kreuzfahrern unter dem Oberbefehl der Könige von England und Frankreich, Philipp II. und Richard Löwenherz, belagert. Bereits fünfzehn Monate lag das Kreuzheer vor Akkon, und schon wurden Stimmen laut, die eine Aufgabe der Belagerung und die Rückkehr in die Heimat verlangten, da die Eingeschlossenen anscheinend mit Kriegsvorräten aller Art noch aufs reichlichste versehen waren und so eine Änderung der Lage in absehbarer Zeit kaum erwartet werden konnte. Den Führern der Kreuzfahrer war nun sehr darum zu tun, möglichst genaue Berichte über die Zustände in der belagerten Stadt zu erhalten, um danach einen entscheidenden Entschluß fassen zu können; jedoch niemand fand sich mehr, der die Zahl [215] derer vermehren wollte, die sich kühn in einer Verkleidung als Spione in die Mauern von Akkon eingeschlichen, und deren Köpfe die Türken dann hohnlachend mit ihren Wurfmaschinen ins Lager der Christen als blutige Warnung zurückgeschleudert hatten.

Da meldete sich eines Tages bei König Philipp ein Soldat, der erst kürzlich mit einem neuen Trupp aus Frankreich eingetroffen war, und erklärte sich bereit, den gefährlichen Kundschaftergang nach Akkon hinein zu unternehmen. Namen und Herkunft wollte der beherzte Mann erst angeben, wenn er sein Vorhaben glücklich ausgeführt hätte.

Am nächsten Tage wurde im Angesicht der Stadt ein Gerüst mit einem Richtblock aufgestellt und wenige Stunden später dann ein schwer gefesselter Soldat auf diese Richtstätte hinausgebracht, um die die Truppen in weitem Kreise aufgestellt waren. Neugierig schauten die Türken von ihren Wällen diesem Schauspiele zu. Schon hatte der Scharfrichter seinen Gehilfen einen Wink gegeben, um den Delinquenten auf den Block zu legen, als der Todeskandidat mit dem Mute der Verzweiflung die Scharfrichterknechte von sich abschüttelte, das Henkerschwert ergriff, sich mit wütenden Hieben eine Gasse durch die Umstehenden bahnte und dann in langen Sätzen nach der Stadt zu entfloh, zunächst noch eifrig von unzähligen Leuten verfolgt, die aber bald vor den einen Ausfall machenden Türken wieder umkehren mußten.

Durch diese List – die Hinrichtung und die Flucht des Verurteilten waren auf Vorschlag jenes Soldaten, der sich als Spion angeboten hatte, nur zur Täuschung der Belagerten in Szene gesetzt worden – gelangte der angebliche Delinquent glücklich nach Akkon hinein, wo er dann erzählte, er sei wegen Auflehnung gegen einen grausamen Vorgesetzt zum Tode verurteilt worden und wünsche jetzt nichts sehnlicher, als gegen die, die ihm nach dem Leben trachteten, kämpfen zu dürfen. Er wurde wirklich in die Reihen der Ungläubigen eingestellt und hatte nun die beste Gelegenheit, sich in der eingeschlossenen Stadt genau umzusehen.

Nach drei Wochen kehrte er dann in einer finsteren Nacht [216] in das Lager der Kreuzfahrer zurück und erstattete Bericht über das, was er von den Verhältnissen in Akkon beobachtet hatte. Auf Grund seiner Angaben wurde die Bestürmung wieder mit erneutem Eifer aufgenommen, da man jetzt die schwachen Stellen der Befestigungen kannte und auch wußte, daß der Proviant der Belagerten nur noch kurze Zeit ausreichen würde.

Am 12. Juli 1191 kapitulierte die Stadt, und an demselben Tage enthüllte auch der Spion, dessen Kühnheit man diesen Erfolg hauptsächlich zu verdanken hatte, das seine Person umgebende Geheimnis. Er war niemand anders als jener französische Ritter Emicho von Lanvers, der in maßlosem Zorn seine Gattin erschlagen hatte und deswegen von den Behörden in Acht und Bann getan war. Von Reue gequält, hatte er eine Pilgerreise nach Rom unternommen, wo ihm vom Papst Verzeihung zugesichert worden war, falls er sich im Kampfe gegen die Ungläubigen besonders hervortue. Dazu war ihm durch jenen Kundschaftergang nach Akkon hinein die Gelegenheit geboten worden.

Vorstehende Episode aus den Kreuzzügen hat den Stoff zu einem alten französischen Heldengedicht geliefert, dessen unbekannter Verfasser der Geschichte des Emicho von Lanvers insofern einen zarten lyrischen Abschluß gegeben hat, als der Ritter bei seiner Heimkehr die Gattin, die er bei jenem Wutanfall nur schwer verwundet hatte, und die nach seiner Flucht in einem Kloster heimlich wieder ins Leben zurückgerufen worden war, auf seiner Burg in blühender Gesundheit wiederfand.

Das Geschlecht der später in den Grafenstand erhobenen Familie Lanvers besteht noch heute in zahlreichen Familien in Nordfrankreich und Belgien.

W. K.