Zum Inhalt springen

Die Geheimnisse der Theater-Claque

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: H.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Geheimnisse der Theater-Claque
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 560
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[560] Die Geheimnisse der Theater-Claque. Der nicht eingeweihte Theil des Theaterpublicums sieht bei seinen Besuchen der Bühnenvorstellungen nur die Erfolge der großen Künstler und Künstlerinnen; welche Mittel aber häufig angewandt werden, die Ovationen hervorzurufen oder mindestens zu steigern, davon lassen Tausende sich nichts träumen. In Berlin ist die Claque eine wohlorganisirte, an der Spitze derselben stehen einige handfeste Subjecte, die ihr Handschuhleder je nach dem Preise zerhauen. Einer der „Chefs“ that mir bei einem Glase Wein sein ganzes Herz auf.

„Sehen Sie,“ sagte er, „wir haben die Künstler am Fädchen – bezahlen Sie, wird geklatscht und herausgerufen; bezahlen sie nicht – auch gut, dann wird gezischt, auch wohl gepfiffen.“

„Wie viel haben Ihnen die einzelnen Künstler für die ‚Unterstützung in der Kunst‘ zu zahlen?“

„Das wird nach den Vermögensverhältnissen und nach dem Umfange der Arbeit bestimmt. Fest engagirte Künstler abonniren bei uns gleich auf’s Jahr; kommen Gäste, die haben für die Saison zu zahlen.“

„Wollen Sie mir nicht einige Beispiele zur Uebung vorlegen?“

„Wenn es Sie interessirt, mit Vergnügen. Sehen Sie, da ist zum Beispiel die ***, die werden Sie wohl kennen?“

„O gewiß!“

„Diese Künstlerin gastirte in Berlin als ‚Jungfrau von Orleans‘. Ich stellte mich ihr vor und bot ihr meine Dienste an. Das Erste, was sie mich frug, war: ‚Wie oft denken Sie mich zu rufen?‘ Ja, sagte ich, Fräulein, die Augsberger haben wir als ‚Jungfrau‘ zwölf Mal herausgeholt. ‚Dann müssen Sie mich mindestens vierzehn Mal rufen!‘ sagte die *** rasch. ‚Ich zahle Ihnen zwei Friedrichsd’or und gebe Ihnen die nöthigen Billets für Ihre Helfer, aber nur unter der Bedingung, daß ich zwei Mal öfter als Fräulein Augsberger gerufen werde.‘ Das läßt sich leicht machen, gab ich zur Antwort, wenn Sie uns die Kettenscene nicht verderben. Nach der Kettenscene wurde die Augsberger drei Mal gerufen, und für das Uebrige bei Ihnen, Fräulein ***, noch elf Mal, das wäre Kleinigkeit. Aber wie gesagt, die Kettenscene.“

„Was hat es mit dieser Kettenscene für eine Bewandtniß?“

„Sehen Sie, werther Herr, das ist nämlich der Schluß der elften Scene im fünften Act,“ belehrte mich der kundige Thebaner, „Johanna sitzt gefangen im Thurm, mit Ketten belastet. Der Soldat, der auf der Ausluge steht, ruft: ‚Triumph, Triumph! Die Unsern siegen!‘ Darauf höhnt die Isabeau unsere Jungfrau mit den Worten: ‚Jetzt ist es Zeit, jetzt, Retterin, errette!‘ Da stürzt Johanna auf die Kniee und betet inbrünstig:

‚Zu dir, o Himmel, send’ ich meine Bitte!
Du kannst die Fäden eines Spinngewebs
Stark machen, wie die Taue eines Schiffs,
Leicht ist es deiner Allmacht, eh’rne Bande
In dünnes Spinngewebe zu verwandeln –
Du willst und diese Ketten fallen ab.‘

In diesem Augenblick ruft der Soldat: ‚Hurrah! der König ist gefangen!‘ Das giebt bei der Johanna den Ausschlag, auf springt sie und mit dem Ruf: ‚So sei Gott uns gnädig!‘ zerreißt sie die Ketten, stürzt sich auf einen Soldaten, entreißt dem seinen Säbel und ‚ab‘ durch die Mitte. Alle sehen ihr mit starrem Erstaunen nach. Sehen Sie, mein Herr, das giebt einen Knalleffect, der mit dreimal Herausrufen nicht zu theuer bezahlt wird. Bei der *** ist es uns sogar viermal gelungen.“

„Aber würde das Publicum, hingerissen von der Situation, nicht von selbst den Hervorruf bewirken?“

„Einmal, ja, aber für das zweite und dritte Mal muß das Publicum ‚annemirt‘ werden, sonst legt es die Hände in den Schooß, wir bekommen auch hauptsächlich für’s ‚Annemiren‘ bezahlt.“

„Sie sprachen vorhin von der V–i.“

„Ja, die reist, wie Sie wissen werden, als männlicher Hamlet. Die wollte Blumen und Kränze geworfen haben. Ich verlangte dazu zwanzig Thaler; das fand sie für einen Abend zu viel. Aber ich machte ihr den Standpunkt klar. ‚Madame,‘ sagte ich, ‚die zwanzig Thaler reichen für zweimal ganz gut aus. Heute Abend werden Ihnen die Bouquets durch mich und meine Garde aus den Logen zugeworfen. Nach Schluß der Vorstellung nehme ich die Blumen in einem Waschkorb mit nach Hause, lege sie in’s Wasser und lasse sie die Nacht und den morgenden Tag über darin liegen, dann merkt morgen Abend kein Mensch im Publicum, daß die Bouquets schon einmal gedient haben.‘ Darauf rückte sie denn die verlangte Summe heraus.“

„Sie sind wirklich ein praktischer Mann!“ rief ich voll Erstaunen dem „Chef der Claque“ zu, der sich von mir verabschiedete, weil er noch am selben Abend Fräulein David im Ballet zu „empfangen“ versprochen hatte.
H.