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Die Gartenlaube (1897)/Heft 34

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[565]

Nr. 34.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.

Einsam.
Roman von O. Verbeck.

(3. Fortsetzung)

9.

Hanna zersann sich den müden, schmerzenden Kopf. Diese geheimnisvolle unklare Aussicht auf die Möglichkeit einer Hilfe in der Not versetzte sie in quälende, brennende Unruhe. Als Thomas gegangen war, hatte sie sich noch nicht wieder ins Wohnzimmer hineingetraut, sondern sich aus Furcht, der Mutter ihre Erregung zu verraten, erst in Küche und Schlafstube allerhand zu thun gemacht. Leidlich gefaßt hatte sie nach einer Viertelstunde, ihrer stillen Kranken gegenüber, die weggelegte Arbeit wieder aufgenommen. Aber die Hand, mit der sie das Schnitzmesser führte, zitterte, und wenn sie sich den beinahe fertigen Bilderrahmen nicht durch einen Fehlschnitt verderben wollte, mußte sie aufhören. In dem entmutigenden Gefühl, heute zu keiner anspruchsvollen, zierlichen Arbeit mehr imstande zu sein, holte sie eine grobe Flickerei heran, die Augen und Hand gleichermaßen ausruhen ließ.

Frau Wasenius lag still in ihren Kissen. Es wurde nicht mehr viel gesprochen zwischen Mutter und Tochter. Die traurige Frage: was wird aus uns? war einstweilen verstummt, weil die Antwort ausblieb. Die Prüfung der Wohnungsliste, die Thomas gebracht hatte, war unterblieben, da man ja hier immer noch gefesselt saß. Denn auch Hannas eigene flehentliche Bitte konnte Herrn Giesecke nicht zur Drangabe seiner berechtigten Forderung veranlassen. Das drohende Gespenst der Pfändung reckte sich immer deutlicher im Winkel. Die Kreuz und Quer woben Sorge und Rat ihre Fäden. Dicht, erstickend dicht! Und kein Ausweg, keine Lücke in den grauen Schleiermassen. – Doch? Es gab also eine lose Stelle, die man durchstoßen konnte? Hinter der es hell wurde? Thomas hatte mit dem Finger daran gerührt. Das Gewebe schütterte. Aber wie kann man heraus? Um was für einen Preis? Und wohin?

„Was ist dir denn, Kind?“ – Frau Wasenius hatte schon eine ganze Weile, von Hanna unbemerkt, aus ihrem Dämmerschlaf erwacht, beobachtend dagelegen und ängstlich staunend dem Feuer dieser innerlich glühenden Unrast zugesehen, das dem Mädchen aus den weit offenen Augen flammte.

„Aber gar nichts, Mutter. Warum?“ Sie hatte sich schnell gefaßt, kaum daß sie flüchtig zusammengezuckt war.

„Du siehst verstört aus. Ist etwas Neues – aber was sollte denn noch kommen?“

„Das sag’ ich auch. Also keine Unruhe, Mutterchen. Ich machte nur gerade einen Ueberschlag, wie viel mir die beiden großen Schnitzereien zusammen mit der geätzten Platte für den Truhendeckel bringen werden.

„Nach Rechnen sah es nicht aus,“ sagte Frau Wasenius argwöhnisch.

„Aber, Herzblatt! Wonach soll es denn aussehen?“

Das Freiligrathhaus in Aßmannshausen.
Nach der Natur gezeichnet von N. v. Astudin.

[566] Es klingelt übrigens“, unterbrach sie sich erleichtert. „Bertha ist nicht da. Ich will nur schnell nachsehen. Es wird Rettenbacher sein.“

Er war es auch.

Mit seinem gewohnten gleichmütig höflichen Gruß trat er ein und wollte nach einer Erkundigung über das Befinden der Mutter in sein Zimmer gehen. Aber das Mädchen hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

„Sagen Sie! Raten Sie mir! Ich bin so unruhig.“ Sie mußte sprechen, die innere Spannung war unerträglich.

„Was ist denn?“ fragte Rettenbacher aufmerksam. Er öffnete zugleich seine Thür. „Darf ich bitten? Hier auf dem Flur – das Mädchen hört jedes Wort.“

Hanna schüttelte den Kopf und blieb auf der Schwelle stehen.

„Bertha ist nicht da. Aber Mutter könnte uns hören“ flüsterte sie, den Finger über die Lippen legend.

Er betrachtete sie unruhig forschend.

„Also?“ sagte er.

Sie wiederholte ihm das kleine Gespräch mit Thomas.

„Was kann er meinen?“ schloß sie. „Wen kann er als Retter im Sinn haben? Warum sagt er nicht einfach das und das? Und so und so? Warum geht er erst weg und läßt mich in dieser Unruhe?“

„Das weiß ich nicht,“ sagte Rettenbacher langsam. Er blickte starr auf das Buch nieder, das er in der Hand hielt, und drückte dann die Lippen fest zusammen.

Hanna sah es.

„Warum schweigen Sie?“ fragte sie fiebernd. „Ich fürchte mich, das sehen Sie doch! Was soll ich thun?“

„Aber gar nichts vorderhand, Fräulein Hanna,“ beschwichtigte er mit einem Lächeln, das ihm aber nur schlecht gelang. „Abwarten müssen Sie. Herr Thomas ist ja ein kluger Kopf. Wahrscheinlich ist ihm endlich irgend ein Ausweg in den Sinn gekommen, auf dem man Meister Giesecke entwischen kann.“

„Er sagt etwas vom ‚Teufel‘, von einem ganz menschlichen Teufel. Was kann er damit meinen?“ fragte sie mit der Ungeduld der Angst.

„Ich weiß nicht,“ antwortete er kurz. „Es wird ein Witz gewesen sein.“

„Ein Witz? Es ist auch wohl hier der Ort, um Witze zu machen! Glauben Sie das von Thomas?“

„Nein! Sie verstehen mich falsch. Ich wollte ihm nichts anhaben. Sie hatten ja aber angefangen. Mit dem Teufel, mein’ ich. Da müßte er kein richtiger Berliner sein, wenn er sich die Gelegenheit zu einem ulkigen Wortspiel vorbeigehen ließe. Weiter wird es nichts gewesen sein. Uebrigens – Sie gestatten die Bemerkung – Sie sehen jammervoll aus. Ueberreizt, übermüdet! Wo soll das hin? Sie schlafen zu wenig.“

Sie lächelte bitter schwermütig.

„Wo sollt’ ich die Muße dazu hernehmen? In manchen Zeiten brauchte man eigentlich für jeden Tag zwei Nächte. Eine für den Schlaf, eine für die Sorgen. – Also bis nachher! Ich decke jetzt den Tisch.“

Sie nickte ihm zu und schlich langsam davon.

Er trat völlig ins Zimmer und schloß die Thür.

Eine Röte, die Flamme der zurückgehaltenen Erregung, stieg ihm jählings ins Gesicht.

„Kommt es?“ murmelte er dumpf vor sich hin. „Soll dir auch dieser Kelch nicht erspart bleiben, armes Ding? Und keine Warnung möglich. Von wem? Von mir? Ich bin gerade der Rechte dazu! Wenn die Mutter gesund wäre! Der müßte ich sagen, was ich fürchte. Aber wer redet mit einer so schwer herzkranken Frau über solche Sachen? – Dem Teufel ihre Seele! – Diese Seele wird es sein, die sie schützt. Geschehen wird ihr nichts. Sorge hab’ ich darum nicht! Aber die Bitterkeit, der Ekel der Erkenntnis! Daran kommt sie nicht vorbei. Was hätte ich ihr eben sagen können zur Warnung, was sie nicht entsetzt haben würde, wenn sie es verstanden hätte? Diese Furcht, die von heute abend, die ist nur Nervenschreck. Sie ist nicht mehr gesund. Ahnen thut sie nichts. Ist ja doch all die Wochen blind und taub an diesen heißen Augen vorbeigegangen. Sieht und hört nichts als die Sorge um die Mutter und die Angst vor der Zukunft. Von der Mutter freilich begreif’ ich die Arglosigkeit nicht. So richtet Krankheit die Menschen zu. Hat sie sich keinen Vers auf diese Besuche gemacht, zu denen all und jeder Vorwand fehlte? Was wird sie sagen, wenn das nun plötzlich aufhört, vom nächstenmal an? Zu verheimlichen wird es nicht sein. Wie wird der Schreck sie mitnehmen. Und Hanna! Mein armes Mädchen!

Fast hätte er gestöhnt. Er schüttelte sich, er begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um sich zu beruhigen. Er suchte sich auch selber zuzureden. Berechtigte ihn denn die Auskunft über Thomas, die er bei seinen sorgsam und vorsichtig eingezogenen Erkundigungen erhalten hatte, zu diesem schnöden Verdacht? Wenn er gerecht sein wollte. Nein. Ganz und gar nicht. Wenigstens nicht mehr als jedem andern Mann gegenüber, der schwer reich war und eine reizende Villa am Tiergarten bewohnte. Daß er mit etwa achtunddreißig Jahren noch nicht geheiratet hatte, war seinen Bekannten schon etwas verwunderlich erschienen, besonders, da er niemals eine ausgesprochene Abneigung gegen die Frauen verraten hatte. Freilich auch keine entscheidende Vorliebe. Er „amüsierte“ sich nicht rücksichtsloser und lebemännischer als hundert andere mit denselben Vorzügen an flotter Schmuckheit der Erscheinung und auskömmlicher goldner Basis. Hatte er wirklich ernsthafte Abenteuer zu verzeichnen, so war seine Diskretion nach dieser Richtung lobenswert. Als Kaufmann genoß er den seltenen Ruf absolutester Zuverlässigkeit und fleckenlosen Anstandes.

Nun?

Er blieb stehen. Er mußte über sich selber lächeln. Es war ihm sogar sehr nach Beschämung zu Mut. Was in aller Welt berechtigte ihn, wie ein Wegelagerer aus dem Hohlweg über diesen Mann herzufallen? Nichts, als das allgemeine Mißtrauen gegen das eigene Geschlecht. Nichts, als die allgemeine Unwahrscheinlichkeit, daß es ein reicher Herr mit einem armen Mädchen anders als hinterhältig meinen könne. Nichts, als der ohnmächtige Grimm über die eigene Armut. Nichts, als die brennende, nagende, die höllische Eifersucht. Das war’s. Ein nobler Richter, beim Zeus! Eigennutz, Neid – hübsche Triebfedern! Schäme dich, Arnold Rettenbacher! Und duck’ dich! Und wart’ ab! Es bleibt dir immer noch unbenommen, ihm zu geeigneter Zeit an die Kehle zu springen. Wart’s nur erst ab!

Er that so.

Auch Hanna wartete. Aber diese zwei Tage der Spannung brauchten den Rest ihrer Seelenruhe auf.

Als Thomas endlich kam – sie öffnete ihm selbst die Thür – sah sie ihn nur scheu fragend an. Zu sprechen wollte ihr nicht mehr gelingen.

Aber auch er blieb vorläufig stumm. Langsamer und bedächtiger als gewöhnlich legte er den üblichen Blumenstrauß auf das Flurtischchen und hängte seinen Hut an den Riegel. An der Wohnstubenthür anhaltend, sagte er mit einer abwehrenden Bewegung: „Kann ich Sie zuerst ein paar Minuten unter vier Augen sprechen?“

Hanna begann zu zittern; ganz still ging sie ihm voran in Rettenbachers Zimmer. Es war das einzige, das ihr zur Verfügung stand. Mit einem schüchternen, gleichsam um Vergebung lullenden Streifblick sah sie sich um. Es bedrückte sie, den Arbeitsraum des Freundes, den sie gewohnt war, in Ehren zu halten, zur Besuchsstube zu entwürdigen. Rettenbacher konnte zwar erst nach Stunden heimkommen, erst gegen Abend, aber sie glaubte ihn doch mit finster verwundertem Gesicht auf der Schwelle stehen zu sehen. Mit einer raschen Bewegung, die um Beschleunigung bat, wandte sie sich an den Gast, der seltsam erregt und unschlüssig im Zimmer auf und ab zu gehen begonnen hatte.

„Ja,“ sagte er, mit einem kurzen Ruck vor ihr stehen bleibend, „was ich sagen wollte. Aber – wie sehen Sie denn aus? Ganz blaß. Ganz verstört. Und Ihre Hände zittern. Was ist denn los?“

„Gar nichts,“ antwortete sie gequält. „Sie wollten mir aber etwas mitteilen. Bitte! Ich dächte meine Mutter nicht zu lange allein zu lassen. Sie wird schon jetzt unruhig sein.“

„Na also,“ fing er wieder an. „Daß ich’s kurz mache. Sie erinnern sich, was ich Ihnen vorgestern sagte. Draußen an der Thür?“

Hanna nickte nur.

„Es giebt also ein einfaches Mittel, um Ihnen aus all Ihren – Ihren – Aergernissen und so weiter herauszuhelfen.“ [567] Thomas hielt inne. „Erraten Sie’s nicht?“ fragte er mit einem aufgeregten Lächeln.

Sie schüttelte nur mit dem Kopf.

„Herrgott, na – Sie sind aber auch – das Mittel heißt, daß Sie meine Frau werden!“ stieß er heraus.

Hanna erschrak nun doch entsetzlich. In den taumelnden, suchenden Gedanken dieser letzten Tage waren diese Worte aufgetaucht, aber vor ihrem heftigen abwehrenden Kopfschütteln wieder verschwunden. Nun trafen sie sie wie ein Schlag auf den Kopf. Sie wich mehrere Schritte zurück, bis zum Sofatisch, an den sie sich lehnte.

Er sah ihr nach, es schoß eine Röte in sein dunkles Gesicht.

„Donnerwetter,“ sagte er halblaut, „das sieht ja ermutigend aus! Sie scheinen ja mächtige Sympathien für mich zu haben! Darauf war ich denn doch nicht vorbereitet!“

Hanna faßte sich mühsam.

„Verzeihen Sie mir,“ sagte sie mit noch tonloser Stimme. Das Herzklopfen, das sie förmlich erschütterte, nahm ihr den Atem weg. „Ich wollte Sie nicht kränken. Ich bin nur – ich habe nur – hieran noch nie gedacht.“

Er näherte sich ihr langsam, fing auch wieder an zu lächeln.

„Aus welchem Grunde haben Sie Gotteslamm denn geglaubt, daß ich immer wieder hierher kam?“

„Ich habe über Gründe wirklich nicht viel gegrübelt. Ich hatte an so Wichtiges, so Schlimmes zu denken. Ich hielt Sie einfach für sehr wohlwollend, für sehr gutmütig.“

„Bin ich auch. Wenigstens, wen ich gern hab’, der kann mich um den Finger wickeln. Aber deswegen – na wissen Sie!“

Er stand jetzt dicht vor ihr.

„Fräulein Hanna,“ sagte er etwas gedämpfter „ich bin ja schmachvoll in Sie verliebt! Das ist die Sache! Ich halt’s ohne Sie nicht mehr aus. Sie müssen meine Frau werden, da hilft gar nichts.“

Er griff nach ihrer Hand, sie stemmte sie aber fest auf den Tischrand.

„Bitte – nicht –“ sagte sie fast laut, ängstlich. „Ich fürchte mich!“

„Vor was denn? Vor mir? Bin ich Ihnen denn wahrhaftig so ein Greuel?“

„Nein,“ sagte sie verlegen. „Was reden Sie! Ich schätze Sie sehr. Aber –“

„Na also! Eklig bin ich Ihnen nicht? Das ist die Hauptsache. Alles andere findet sich, wenn Sie erst meine Frau sind. Denn das ist beschlossene Sache. Da beißt keine Maus den Faden ab. Geben Sie mir nur die kleine Patsche!“

Aber Hanna schüttelte nur immerfort den Kopf.

„Bitte, bitte,“ sagte sie flehend. „Sprechen Sie nicht so! Lassen Sie alles, wie es war. Ich kann das nicht.“

„Warum?“ fragte er schroff.

„Ich habe wirklich noch niemals an heiraten gedacht,“ entgegnete sie angstvoll. „Ich möchte auch nicht – ich habe Sie dazu wohl nicht lieb genug.“ – Und dann schnell, um abzubrechen: „Ich möchte nun zu meiner Mutter gehen. Sie weiß gar nicht, wo ich bleibe.“

„Halten Sie ’mal,“ wehrte er. „So schnell ist das doch nicht abzumachen. Sie fegen mich ja förmlich zur Thüre hinaus. Ihre Mutter! Gerade von der wollen wir jetzt reden. Was sagten Sie neulich? Könnt’ ich ihr helfen – meine Seele würd’ ich dem Teufel verschreiben dafür! Das klingt nach was. Das klingt nach Charakter. Ich hab’ Sie nicht im Verdacht, daß Sie Redensarten machen. Also: dem Teufel Ihre Seele! Das heißt, Sie würden wer weiß was thun, um ihr das Leben zu erleichtern, sie von Sorgen zu befreien. Nicht wahr? Na also! Sie haben sich ja auch für Ihr Teil so redlich abgequält, daß es einem das Herz im Leibe umwenden konnte. Aber dennoch – rundum, wohin Sie auch sehen – keine Hilfe! Sie gehen mit der kranken Frau einer verflucht unsichern Zukunft entgegen. Bloß eine Ritze thut sich auf und an der steht dieser arme Teufel hier, dieser Satan mit dem wohlklingenden Namen Ludwig Thomas, und sagt nach berühmtem Muster: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederknieest und mich anbetest. Das heißt knieen und beten wär nicht nötig, verstehen Sie. Vielmehr zu neudeutsch. Alles, was ich habe – und es ist ’ne ganz anständige Masse – leg’ ich dir zu Füßen, wenn du meine Frau werden willst. Du wirst ein feines, behagliches Leben haben! Keine Geldsorgen mehr, höchstens die Sorge wohin mit dem Mammon? Du kannst deine Mutter von aller Angst und Not befreien, kannst sie mit dir nehmen – denn das verstünde sich von selbst, sie wohnte bei uns! – kannst sie nach allen Regeln der Kunst pflegen, kannst ihr hundertfünfzig Aerzte kommen lassen, kannst sie in heilsame Bäder bringen und so weiter, und so weiter! Ein ganz nettes Programm, was? Ein Pakt, sollt’ ich denken, ein Teufelspakt, über den sich reden ließe. Auf der einen Seite alles, was gut und schön und teuer ist, auf der anderen Seite nur ein bißchen Liebe. Thut Ihnen denn der arme Satan nicht leid, der sich an Ihren himmlischen Augen die Flügel verbrannt hat? Er hat doch Flügel? Jawohl, schwarze. Und wird Ihnen denn das Herz nicht warm bei dem Gedanken an die arme Mutter? – Na ja. Nun weint sie. Da haben wir den Salat. Ist das nun ein gutes Zeichen, oder ein schlimmes? Fräulein Hanna! Hannichen!“

Ja, sie weinte. Beide Hände vors Gesicht gedrückt, weinte sie still und bitterlich.

Er ließ sie eine Weile gewähren. Er betrachtete sie erwartungsvoll, rot im Gesicht, sehr verliebt.

„Na?“ sagte er endlich halblaut, zärtlich. „Wie ist das nun? Darf ich zu Ihrer Mutter hineingehen und fragen?

Hanna trocknete hastig ihre Augen.

„Bitte, jetzt nicht,“ bat sie heiser, mit noch erstickter Stimme. „Heute nicht. Sie verträgt keine Aufregung. Man muß alles langsam thun.“ Sie schluckte einmal mühsam. „Ich will’s ihr sagen,“ fuhr sie dann fort, „und wenn es ihr recht ist …. ich will Ihnen morgen Antwort geben.“

„– – Na gut“, sagte er nach einem kurzen Zögern „Das mit der Mutter, das begreif’ ich. Ihr mit der Thür ins Haus zu fallen, möcht’ ihr am Ende schaden. Also morgen krieg’ ich Bescheid. Günstigen?“

„Bitte, fragen Sie jetzt nichts mehr,“ sagte sie so flehentlich, daß es ihn rührte.

„Herrgott nein, ich bin ja kein Unmensch. Ich liebe Sie nur so sehr. Sagen Sie mir bloß eins, aber ehrlich! – Na ja anders reden Sie überhaupt nicht, ich weiß. Also sagen Sie, wenn es ein Ja ist – ist es dann so eins, bei dem Ihnen graut? Das möcht’ ich mir nämlich verbeten haben. Auf Opferlämmer steht mein Geschmack nicht.“

Sie schüttelte den Kopf. Es wurde ihr offenbar immer schwerer zu sprechen. „Ich habe Ihnen ja gesagt,“ brachte sie noch heraus, „daß ich Sie sehr schätze. Und ich bin Ihnen dankbar.“

„Schön! Ist zwar eine etwas plemprige Sache gegen den Feuerbrand, der in meinem Busen wütet. Aber – kommt Zeit, kommt Rat! Also denn – morgen. Sie schreiben mir eine Zeile. Ich komme dann sofort.“ – Und nach einer beklommenen Pause, als hätte er noch auf etwas gewartet. „Ich gehe ja schon. Nur die Hand noch. Und die andere.“ Er küßte beide mehrmals, heftig.

„Ich verbrenne vor Ungeduld!“ rief er noch unter der Thür, sich zurückwendend. Dann ging er endlich.

10.

„Ich rede dir gewiß nicht zu, mein Kind.“

„Nein, Mutterchen, ich weiß.“

Nein, sie redete ihr nicht zu. Sie würde sich ein Gewissen daraus machen, ihr auch nur mit einem Wort zuzureden.

Aber konnte sie es verhindern, daß der Gedanke an die Hoffnung auf Befreiung aus Not und Sorgen sie plötzlich aufleben ließ? Daß es bei Hannas erster Mitteilung wie eine Art von Schwindel über sie gekommen war? Ein Schwindel der Freude, der ihr die Augen umnebelte, ihr das dumpf schlagende Herz zusammendrückte, bis sie atemlos wurde und erst in einem Thränenstrom Erleichterung fand?

„Es wäre wohl schön, Mutter? – Du wärest froh, Mutter?“

„Ja, Kind, o ja! Aber auf mich höre nur nicht!“ Und nun saß sie aufgerichtet da, Glanz in den letzthin so matt gewordenen Augen, die erst noch schlaff ruhenden Hände ineinander gefaltet, und machte halblaut Pläne, wie es sein würde, wenn – –

Nein, sie redete ihr nicht zu. Aber das ganze arme Geschöpf war nur ein fieberhafter, atemloser Ruf: Thu es!

[568]

Abendgebet in der Wüste.
Nach einem Gemälde von G. Gulliaumet.

[569] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [570] Sie wollte ja auch. Sie wehrte sich gar nicht mehr. Mit dem eigentlichen Widerstand war es schon aus. Den hatten bereits die ersten heißen Thränen da drinnen ertränkt. Und erfüllte sich nicht ihr tiefster Herzenswunsch: Der Mutter helfen zu können, dafür wäre ihr ja kein Opfer zu schwer geworden! So hatte sie immer gedacht. Nun war sie so weit. Und dachte jetzt noch an ein Zögern.

„Ich möchte dich nicht beeinflussen, mein Kind. Daß du etwa dächtest, du solltest es um meinetwillen thun!“

„Aber Mutterchen. Nein. Still!“ Damit es auf ihr lastete, das Opfer, nicht wahr? Damit sie davon erdrückt würde! Still! Man thut es, aber man redet nicht davon. „Mutterchen, deswegen sorge dich nur nicht.“

„Und siehst du – ich wollte noch sagen, wenn er ein häßlicher, unsympathischer Mensch wäre, gegen den man Widerwillen hätte! Und wenn er ungütig wäre, hart! Aber so – ich glaube wirklich, ich täusche mich da nicht; er ist gut. Von so einer frischen Güte, weißt du.“

„Gewiß, Mutterchen, ich glaube es auch.“

„Und er scheint dich doch sehr zu lieben. Daß ich davon nichts gewahr worden bin! Daß mir der Gedanke nie gekommen ist!“

„Aber war er denn so naheliegend? Mir scheint, nicht. Ein sehr reicher Mann, ein sehr armes Mädchen.“

„Mit einer sehr kranken Mutter. Nein, du hast recht. Gewöhnlich ist der Fall sicher nicht. Obwohl es mir nicht gerade ein so übergroßes Wunder dünken will, daß man dich lieben lernt, wenn man dir näher kommt, mein lieber Trost du, mein Augen- und Herzenstrost! Sehen hätt’ ich’s eigentlich doch müssen. Ich war blind!“

War diese Seelenblindheit ihr Los? Auch an dem anderen, diesem Aermsten, war sie ja offenen Auges vorbeigegangen und hatte nicht gesehen, daß er Schmerzen litt. Blutete das Kind da vielleicht auch? Verblutete sich ganz in der Stille und lächelte dazu?

„Und siehst du – wie dieses Herzklopfen den Atem zerdrückte, wie es die Kehle hinausflatterte – siehst du, daß da nichts ist, was du aufgeben müßtest – ich meine, was dir wehe thäte, aufzugeben – das ist mir ein solcher Trost“ – ein Zusammenzucken – ein Blaßwerden – „Gewiß, Mutterchen, das glaub’ ich, das kann dir auch ein Trost sein.“

„Denn sonst dürftest du’s nicht thun. Ich litte es nicht. Frei muß dein Herz sein für diesen Weg.“

„Freilich, das muß es. Also sorge dich nicht.“

„Und du thätest es wirklich gern.“

„Ich thue es gern. Alles wird gut werden!“

„Alles wird gut werden, ja, ja! Keine Angst und Not mehr, kein hartherziger Hauswirt, kein Arbeiten von früh bis spät für das Sündengeld, du mein armes Kind!“

„Und geschickte Aerzte für dich, Mutterchen, und gute Pflege – und gesund werden!“

„Gesund werden – daß du nachher geborgen bist, das erlöst mich! Daß ich darüber nun ruhig einschlafen kann.“

„Sprich davon nicht, Mutter, ich bitte dich. Kein Nachher!“

Nach diesem wurde es still im Zimmer. Vor dem Gesicht des Mädchens war die Mutter erschrocken, vor diesem finstern Gesicht, das plötzlich wie in Nacht getaucht aussah. Und vor der heiseren Stimme, die beim letzten Wort zerbrach.

Hanna faßte sich aber bald genug. Sie stand auf und warf die Stickerei, die ihr hatte helfen müssen, den Augen der Mutter auszuweichen, auf ihren Sessel zurück. Ich bin ja wohl verrückt, fuhr ihr durch den Kopf. Wie darf ich mich so gehen lassen! Halbe Arbeit, erbärmliche Arbeit!

Lächelnd beugte sie sich tief über die Mutter und küßte sie auf beide Augen.

„Und nun wollen wir also diesem Herrn Thomas mitteilen, daß er glücklicher Bräutigam ist. Warum soll der arme Mann noch bis morgen auf die Entscheidung warten?“

Frau Wasenius faßte die Tochter an den Händen und zog sie nahe zu sich. „Versprich mir –“ begann sie und brach wieder ab.

„Was, Mutter?“

„Schwöre mir, daß du es freudigen Herzens thust.“

„Bei wem oder was soll ich schwören?“ fragte sie so heiter sie nur konnte.

„Denk’ an den Vater und sage mir: Ja, ich thue es gern.“

„Mein Mutterherz, an den Vater will ich denken und dir sagen: Ja, ja, ja! Gilt dir das so viel wie ein Schwur?“

„Es gilt,“ antwortete sie mit Thränen in den Augen. „So schreib ihm also!“ –

Rettenbacher fand Frau Wasenius allein, als er kurz vor dem Nachtessen aus seinem Zimmer herüberkam. Hanna werde gleich zurück sein, sagte die Mutter, sie besorge nur noch etwas kaltes Fleisch. Es habe sich eben ein Gast angesagt, Thomas. Und nach einer kleinen Pause, mit sanfter Stimme, die sich gleichsam zu streicheln, zu trösten bemühte: „Sie finden nämlich eine große Veränderung, lieber Freund, eine Veränderung, auf die niemand gefaßt war – Hanna ist Braut.“

Rettenbacher fuhr heftig zusammen; er stieß dabei mit der Hand an die Lehne des Stuhles, neben dem er stand. Diese Lehne umklammerte er jetzt so fest, daß ihn die Finger schmerzten.

Das erste überwältigende Gefühl nach dem Schrecken war das der Erleichterung gewesen. Kein schlechter Kerl also! Aber gleich schlug darüber die aufschießende Flamme der wütenden, qualvollen Eifersucht zusammen. er nimmt sie mir weg. Nun wird sie niemals die Meine!

Frau Wasenius strich mit unsicherer Hand am Rande ihrer Decke hin und her. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, sie fand auch in der bitteren Verlegenheit ihrer mitleidsvollen Teilnahme, die sie ja nichts zeigen durfte, kein Wort, von dem sie nicht gefürchtet hätte, es möchte ihn verletzen.

Er murmelte etwas Unverständliches, räusperte sich und fragte dann vernehmlich, unter dem offenbaren Zwang, sich nun sogleich und durchaus zusammenzunehmen. „Wohl heute?“

„Ja. Heute nachmittag. Vor einer Stunde brachte Bertha ihm die Antwort. Sie kehrte mit dem Bescheid zurück, daß er ihr nachkäme. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Er hatte nur mit Hanna gesprochen.“

„So möchte ich nicht stören,“ sagte er schnell. „Sie gestatten mir wohl, mich für heute abend zu beurlauben. Ich werde ja noch Gelegenheit haben, Fräulein Hanna – – also – Guten Abend!“ Er trat auf sie zu. In der Dämmerung unterschied sie seine Züge nicht mehr genau. „Und meinen herzlichen Glückwunsch!“

„Lieber, guter Freund,“ sagte sie sanft, mit etwas bebender Stimme und faßte seine Hand mit ihren beiden. „Ich hoffe, es wird alles gut werden.“

„Ich hoffe es auch,“ gab er zurück; es gelang ihm, zu lächeln, der kranken Frau zuliebe, seinem Stolze zuliebe. Ein schattenhaftes Lächeln, das der Mutter ins Herz schnitt. Sie verlor ihre Beherrschung, vergaß ihren Vorsatz, sich nichts von ihrer Entdeckung merken zu lassen. Sie zog ihn zu sich heran, nahm seinen Kopf in beide Hände und küßte ihn auf die Stirn.

„Mein lieber, armer Junge.“

Sehr erschrocken richtete er sich auf, drückte ihr die Hand und ging schnell zur Thür hinaus.

Fast wäre er nahe beim Hause mit Hanna zusammengetroffen.

Er sah sie noch zur rechten Zeit und kreuzte eilig, von ihr unbemerkt, nach der andern Seite hinüber. Dort blieb er stehen.

Er folgte ihr mit den starren Blicken, die Brauen finster zusammengezogen. Ihre Züge konnte er nicht genau unterscheiden – sie hielt auch den Kopf gesenkt. Aber blaß schien sie ihm, und die Schultern hängend, der Schritt ohne Schnellkraft, zögernd.

Gleich nachdem sie unter dem Thorbogen verschwunden war, kam eine Equipage dahergejagt und hielt mit einem Ruck vor dem Hause still. Thomas sprang heraus und rief dem Kutscher ein Wort zu, der wendete und fuhr ab.

Rettenbacher war zusammengezuckt, es überlief ihn dann.

Er konnte sich leicht ausrechnen, wie schnell der Mann, der mit solcher Hast eingetreten war, das Mädchen auf der Treppe eingeholt haben würde, wie er sie anrufen, festhalten, umarmen würde – und küssen – mit seinen roten, vollen naschhaften, unersättlichen Lippen –

Er stöhnte dumpf, ein schüttelndes Zittern rann ihm über den Rücken hinunter. Dann wandte er sich ab und ging eilends davon.

(Fortsetzung folgt.)
[571]
Die Wasser- und Wetterkatastrophen dieses Hochsommers.

Seit Menschengedenken ist das deutsche Land nicht von einer ähnlichen Fülle des Unheils infolge von Wasserkatastrophen heimgesucht worden, wie in den letzten Juli- und ersten Augusttagen dieses Jahres! Die Nachrichten überstürzten sich, aus Sachsen, Schlesien, Anhalt, der Mark, aus Böhmen, Nieder- und Oberösterreich, dem Salzkammergut, aus Salzburg und Steiermark, aus dem bayrischen Berchtesgaden drangen die erschütternden Meldungen auf uns ein, und von überallher hatten sie nicht nur unermeßliche Verluste an Hab und Gut in Stadt und Land, die Zerstörung von ungezählten Häusern, Brücken, Kulturanlagen aller Art, sondern auch den Verlust von zahlreichen Menschenleben zu berichten. Die Gleichzeitigkeit dieser ganz gleichartigen Heimsuchungen in weit auseinanderliegenden Gegenden, das grausenerregende Nebeneinander von verwüsteten weiten Landstrichen, welche jetzt unser Mitleid, unsere helfende Teilnahme fordern, die ins Riesenhafte angewachsene Summe von Verlusten, die auch das umfassendste Hilfswerk nur lindern, aber nicht ersetzen kann, sie geben diesen Wasserkatastrophen den Charakter eines nationalen Unglücks, das überall mitempfunden und überall auch mitgetragen wird! Noch sind die Sammlungen zur Abhilfe des großen, von uns schon besprochenen Notstandes der durch Hagel Beschädigten in Württemberg und Elsaß-Lothringen im Gange, da nimmt diese noch weit umfassendere Heimsuchung mit zwingender Gewalt die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch. Und gerade in der Zeit der Ernte mußte sie über uns hereinbrechen! Schon standen allenthalben die Garben des gold’nen Korns auf den Feldern und der Landmann sah schon im Geiste die reichliche Mahd in sicherer Scheuer geborgen, da bricht das Unheil über das Land…. „Der Damm zerreißt, das Feld erbraust, die Fluten spülen, die Fläche saust! Die angeschwollenen Ströme überschwemmen Felder um Felder und nehmen die reifen Garben, die Frucht unsäglicher Müh’ und Arbeit, mit sich fort. Und die Wogen fluten weiter über die Dämme der Straßen und Eisenbahnen und zerstören die sicheren Geleise des Verkehrs für Handel und Wandel! Sie dringen ein in die Dörfer und Städte und vernichten die Wohn- und die Arbeitsstätte vieler Tausende von Menschen, sie reißen aus dem Kreise der Seinen den Vater und Erhalter in die Fluten und spotten der weinenden Witwen und Waisen!“

Noch füllen, während wir dies schreiben, die Spalten der Tagesblätter fortgesetzt neue Berichte aus den heimgesuchten Gegenden mit einem Wirrsal von erschrecklichen Einzelheiten. Wir müssen darauf verzichten, alle die vielen einzelnen Orte aufzuzählen, welche in Wassersnot gerieten, und müssen uns genügen lassen, hier den Umfang und den Verlauf in große Zügen nur zu skizzieren. Da läßt sich bei all den Einzelkatastrophen denn feststellen, daß, so weit ihre Wirkungsgebiete auseinanderliegen und wie verschieden ihr Verlauf war, sie alle doch durch die gleiche Ursache veranlaßt wurden: durch lang andauernden wolkenbruchartigen Regen, welcher Flüsse und Bäche jählings anschwellen ließ. Diese Art der Ueberschwemmungen ist wegen der heimtückischen Plötzlichkeit ihres Ausbruchs und der rasenden Schnelligkeit ihrer Entwicklung viel gefährlicher als die Hochfluten, welche alljahrs im Frühling die Schneeschmelze in den Gebirgen herbeiführt. Und ihre Gefährlichkeit nimmt den höchsten Grad an, wenn diese jähen Regengüsse in dem Quellgebiete von Flüssen erfolgen, die mit starkem Gefälle und durch enge felsige Schluchten ihren Weg zu den Menschenstätten suchen. Als vor zwei Jahren ein solcher Wolkenbruch die furchtbare Katastrophe im württembergischen Eyachthal herbeiführte, hat die „Gartenlaube“ das Wesen dieser elementaren Gewaltausbrüche näher geschildert (vergl. Jahrgang 1895, S. 466). Diesmal ist nicht nur ein einzelnes kleines Gebirgsthal, sondern es sind gleich große Teile des Königreichs Sachsen, von Preußisch-Schlesien, Oesterreichisch-Schlesien und von Böhmen, sowie der weiteren obengenannten österreichischen Kronländer von solchen anhaltenden Wolkenbrüchen heimgesucht worden. Und fast überall läßt sich das Quellgebiet der großen und kleinen Flüsse, die zur Hochflut anschwollen, als Ursprungsstätte erkennen! Dort, wo Sachsen, Schlesien und Böhmen zusammenstoßen, befinden sich nicht nur die Quellen der kräftigen Oderzuflüsse, welche Schlesien, aber auch Teile von Sachsen und Böhmen verheert haben, sondern auch der Ursprung der Elbe, die in Böhmen und Sachsen so schrecklich gewütet hat, während viele ihrer Nebenflüsse auf gleiche Weise zur Ueberflutung gebracht wurden. Bei und in Wien hat der sonst unbedeutende Wienfluß, der vom Wiener Wald kommt und gerade Gegenstand umfassender Regulierungsarbeiten war, durch einen drei Tage anhaltenden Regenguß seine verheerende Gewalt erlangt, und in den österreichischen Alpen sind Traun und Enns nebst vielen andern Zuflüssen der Donau durch gleiche Ursache zu jenen Hochfluten angeschwollen, welche Eisenbahndämme brachen, Tunnel zum Einsturz brachten, unzählige Brücken niederrissen, den Gmundner See und andre Salzkammergutseen aus ihren Ufern emportrieben und Ischl, den Aufenthalt des Kaisers von Oesterreich, auf Tage isolierten. Aus der Aufeinanderfolge der Hiobsposten am 30., 31. Juli, am 1., 2. August ließ sich meist klar erkennen, wie die aus dem Gebirge stammende Hochflutwelle bis zum Mittellauf der Flüsse in der Ebene vordrang, so z. B. aus der Görlitzer Neiße, die nach ihrem Zerstörungswerk in Böhmen, Sachsen und Schlesien mit vernichtender Wucht diese Flutwelle bis in die Mark, nach Forst und Guben, sandte.

Als ein Hauptherd der Ueberschwemmungen, welche reichsdeutsches Ländergebiet heimgesucht haben, läßt sich unter diesem Gesichtspunkt das Riesengebirge mit dem ihm vorgelagerte Lausitzer und Glatzer Bergland erkennen. Ueber den panikartigen Ausbruch der Wassersnot in den Thälern des Bober, des Queis, des Zacken u.s.w., der Elbe und der Aupa haben die Tagesblätter besonders ausführlich berichten können auf Grund von Briefen, welche Sommerfrischler in Hirschberg, Schmiedeberg, Krummhübel, Warmbrunn, Hain, Johannesbad, Spindelmühle unter dem Eindruck der furchtbare Vorgänge in die Heimat schrieben. Die Katastrophe erfolgte vielfach mitten in der Nacht. In der Finsternis mußten die Bewohner der Häuser, in deren Keller und ersten Stockwerken sich die Flut mit rasender Wucht ergoß, versuchen, sich und ihre Habe zu retten. Daher die erschreckend vielen Verluste von Menschenleben! Trotzdem, daß überall sehr bald Militär und die Feuerwehr aufgeboten war, um beim Rettungswerke zu helfen, und die wackeren Mannschaften darin ihr möglichstes thaten, haben viele Personen, die sich auf Dächer oder Bäume geflüchtet hatten, wenn überhaupt, erst nach langem verzweiflungsvollen Harren ihre Rettung finden können. In Hirschberg, das so lieblich im Thale des Bober gelegen ist, mußten die Bewohner eines Hauses, die sich durch das Dach auf einen Baum gerettet hatten, sich volle 18 Stunden auf diesem aushalten. Die Frau eines Arbeiters, der auf einem Fensterbrett Halt gefunden hatte, klammerte sich volle 16 Stunden an das Querholz eines Fensterkreuzes. Beide befanden sich die ganze Zeit über bis an die Brust im Wasser und sahen schon ihren Tod vor Augen, weil das Wasser nur noch zwei Fuß bis zur Stubendecke zu steigen hatte. In anderen Häusern hatten sich die Bewohner auf das Dach geflüchtet und schrieen von dort um Hilfe oder winkten mit weißen Tüchern, ihnen doch beizustehen. Leider war das bei der reißenden Flut nicht möglich. Jeder Kahn wäre sicher zerschellt. In der höchsten Not nahm dann ein Kommando des Jägerbatallions seinen Weg über die Straupitzer Eisenbahnbrücke, um so den Bedrängten zu Hilfe zu kommen. Man bediente sich eines Floßes, allen voran war der Jäger Dunkel. Er brachte vier Kinder, darunter eins von vierzehn Tagen, sowie die Mutter unversehrt aus dem ersten dieser Häuser. Bei dem letzten Versuch, auch den Vater herüberzuholen, ertrank er. Er ist hinübergegangen in die verklärte Schar jener, zu deren Preise Bürgers „Lied vom braven Mann“ immer wieder in der Volksseele aufklingt, wenn die Chronik der Unglücksfälle Thaten solchen Heldentums verzeichnet. Doch nicht nur diesen einen hat die Geschichte dieser Schreckenstage zu verzeichnen. Beim Rettungswerk in Sprottau stürzten vier Männer in die Fluten. Zwei gingen sofort unter, während die beiden andern sich an Bäumen festzuklammern vermochten. Der eine, Bauführer Schulz, mußte ohne jede Nahrung 21 Stunden in dieser verzweifelten Lage ausharren, ehe seine Rettung gelang. Bei den wiederholten Versuchen, diese beiden Männer zu retten, [572] büßten der Feuerwehrmann Lange aus Sprottau und ein Mann aus der Umgegend, Laugsch, ihr Leben ein. Besseren Lohn fand die Tapferkeit des Gerichtsadjunkts Dr. Maly in Trautenau. Dort, im Quellgebiet der Elbe, wo die Aupa furchtbar gewütet hat, wurden ganz besonders viel Menschenleben bedroht. Von Feuerwehrmännern angeseilt, stürzte sich der Genannte in die tobenden Fluten, um den Bewohnern eines gefährdeten Hauses Hilfe zu bringen. Er lud einen Mann auf und nahm in jeden Arm ein Kind. Mehr als zehnmal durchmaß der Wackere hin und zurück die Fluten, immer wieder trotzte er der Todesgefahr, bis alle – 32 Personen – gerettet waren! Kaum war er mit dem letzten in Sicherheit, da sank auch krachend das Haus in die Fluten. Noch gar manches Beispiel ähnlichen Opfermuts ließe sich anführen, doch müssen wir leider auch hierin auf Vollständigkeit verzichten.

Vom Quelllauf der Elbe selbst wurde in Spindelmühle ein Teil des großen Gasthofs „Zum Deutschen Kaiser“ eingerissen. Dieser vielbesuchte Sommerfrischort liegt vor dem Ausgang des Bärengrundes. Etwa 100 Personen befanden sich in dem Gasthaus. Da das Wasser gegen das andre niedrigere Ufer zu übertrat, hielt man das Haus trotz seiner Lage am Fluß für nicht gefährdet, auch dann noch, als gegen 10 Uhr abends der wütende Strom die Brücke wegriß. Da bahnte sich noch vor Mitternacht das tückische Element einen Weg zurück in das alte Bett, das erst durch eine Stromregulierung dem Flusse abgewonnen worden war, und zwar dicht hinter dem Hause. Nun stürmten mit den Wellen Baumstämme und Felsblöcke gegen seine Wand. Und gegen 2 Uhr nachts krachte der so bestürmte eine Flügel des Gasthofs in sich zusammen. Zum Glück ohne Leben zu gefährden, da sich die Gäste alle nach der Seite zu geflüchtet hatten, wo am neuen Bett des Flusses das Wasser zurückgewichen war, das bald noch weiter zurückwich, so daß es schließlich auch möglich wurde, sich watend hinüber auf's andere Ufer in das Wirtshaus „Zur Elbe“ zu retten. Ein Opfer erforderte aber doch auch diese Katastrophe: ein Kellnerbursche ertrank bei der Flucht.

Aehnlich wie bei Wien der Wienfluß hat bei Dresden die kleine Weißeritz, welche, in zwei Armen vom Erzgebirge herabkommend, sonst so munter und anspruchslos am schönen Tharandt vorbei durch den idyllischen Plauenschen Grund der Elbe zufließt, Verheerungen angerichtet, die im erstaunlichsten Kontrast zu ihrer Größe und ihrem Charakter stehen. Wohl macht nur die Wirkung der Wasserhose, deren vom Himmel niederstürzende Flut sich des Bettes der Weißeritz bemächtigt hatte, die ungeheure Katastrophe erklärlich, welche mit rasender Gewalt Häuser und Brücken, in Löbtau sogar das neue Rathaus, niederriß und allein in Deuben hundert Familien obdachlos machte und vielen Menschen das Leben raubte, doch zeigt das Schicksal des letzteren aufblühenden Fabrikortes auch gerade, wie sehr das bergige Terrain am Grade der Wirkung beteiligt war. Wurde die Friedrichstadt Dresdens von der Weißeritz schwer geschädigt, so haben die Elbufer der Alt- und Neustadt nicht weniger unter der Hochflut der Elbe zu leiden gehabt. Als am 1. August ihr Spiegel einen Höhestand zeigte, wie er seit Jahrhunderten bei einem Sommerhochwasser nicht zu verzeichnen gewesen, da mußte auch das große allbeliebte Volksfest, das jährlich auf der „Vogelwiese“ am Elbufer von der Dresdener Bogenschützengilde veranstaltet wird, aufgesagt werden. Am furchtbarsten hat die Elbe dort gehaust, wo die Berge der Sächsischen Schweiz ihr Bett einengen und die aus Böhmen sich heranwälzende Flut, die dort schon unendlich viel Schaden gethan, von den vielen angeschwollenen Berggewässern frischen Zuwachs erhielt. Die reizenden Hochthäler dieser herrlichen Landschaften, welche man sonst nur als Stätten der Rast und Erholung kennt, erschienen in wilddurchwogte Seen verwandelt. Gerade der durch Wolkenbrüche veranlasste Austritt von sonst harmlosen Zuflüssen der Elbe hat auch verursacht, daß die Elbstädte Schandau, Pirna und Königstein so hart mitgenommen wurden.

Das dichtbewohnte gewerbreiche Sachsen hat überhaupt der Ueberschwemmung die zahlreichsten Angriffspunkte geboten. Hat doch die Görlitzer Neiße, die in ihrem Quellgebiet das böhmische Reichenberg besonders heimsuchte, auch die sächsische Lausitz mit Zittau schwer geschädigt, Häuser, Brücken, Fabriken, Gehöfte, Tier- und Menschenleben vernichtend; stießen doch die beiden gleichfalls hochangeschwollenen Mulden vom Rande des Erzgebirges, gleich ihren Zuflüssen, durch die bevölkertsten Industriebezirke; mußte z.B. doch der Betrieb der Freiberger Erzgruben vieler Zwickauer Kohlenschächte, zahlreicher großer Fabriken in Chemnitz und andern hervorragenden sächsischen Städten eingestellt werden! Am 31. Juli war in Sachsen der Verkehr von nicht weniger als 26 Eisenbahnlinien gestört. Wie in Schandau der Vicebürgermeister Stadtrath Max Müller in den Fluten umkam, so haben – von Deuben abgesehen – auch verschiedene andre sächsische Städte und Dörfer Todesfälle zu beklagen. Aber auch schöne Erfolge des nie rastenden Rettungswerks hat der Bericht aus Sachsen zu verzeichnen! Als z. B. am 31. Juli ein Kommando Pioniere in Döbeln eintraf, wo die tobende Mulde ganz besondere Gefahr schuf, wurde vom Rittergut Schweta gemeldet, daß sich auf der „Bischofswiese“ die Einwohner auf die Dächer geflüchtet hätten und andre wieder bei dem Versuche, sie von den Dächern auf Kähnen zu retten, ins Wasser gestürzt und an Bäumen hängen geblieben seien. Es wurden zwei Pontons mit 15 Pionieren dorthin dirigiert und 23 Personen durch sie aus der gefährlichen Lage befreit.

Je mehr wir uns das Bild dieser furchtbaren Heimsuchungen deutlich machen, um so lebhafter regt es an zu der Frage: Giebt es denn keine Mittel, um endlich einmal der Wiederkehr so schrecklicher Katastrophen mit Erfolg vorzubeugen?! Wohl sind in Schlesien und anderwärts amtliche Untersuchungen darüber im Gang, wir können nur lebhaft wünschen, daß sie bald, recht bald, sich in Thaten umsetzen! Gegenüber den lautgewordenen pessimistischen Stimmen, welche die Möglichkeit von solch vorbeugenden Maßregeln überhaupt leugnen, möchten wir jedoch nachdrücklich wiederholen, was schon von zwei Jahren an dieser Stelle geschrieben wurde: Wohl sind Wind und Regen Gewalten, über die wir keine Herrschaft besitzen. Wir sind nicht imstande, Wolkenbrüche zu verhüten, ja nicht einmal dieselben vorherzusagen. Und doch kann manches geschehen, um die verderblichen Folgen derselben, die Ueberschwemmungen mit ihren Verlusten an Hab' und Gut und Menschenleben, zu verhüten oder auf ein geringeres Maß zurückzuführen. Man muß in das Gebirge hinaufgehen und dort, wo sich die ersten Wasserrinnsale sammeln, durch zweckmäßige Anlagen das Gefälle vermindern, so daß die Wasserfluten sich in Mulden und Becken stauen und langsamer zu Thal abfließen. Und wenn dadurch bei besonders starken Wolkenbrüchen Ueberschwemmungen vielleicht nicht gänzlich verhütet werden, so wird doch ihr Umfang und ihr erster Anprall gemildert. Wind und Wetter können wir nicht gebieten, aber die Wasserläufe in unsrer Heimat müssen wir soweit möglich beherrschen und regeln!

Dies für die Zukunft! Die Gegenwart aber fordert weit unmittelbarer ein Werk der Hilfe, an dem sich gewiß jeder Deutsche beteiligen wird, dem ein warmes Herz in der Brust schlägt. Die Zahl der aller Habe Beraubten zählt nach Tausenden, die Verluste, welche viele hundert Gemeinden betroffen, nach vielen, vielen Millionen! Wo solche Thatsachen das Mitleid und die Mildthätigkeit herausfordern, bedarf es kaum weiterer Worte. Gleich nach den ersten Nachrichten hat sich denn auch überall der schöne Drang bethätigt, den vielen so plötzlich Verarmten schleunigst Hilfe zu bringen. Die Landesregierungen haben es sich angelegen sein lassen, das so dringliche Wohlthätigkeitswerk einheitlich zu organisieren, und in der Reichshauptstadt ist ein „Centralkomitee für die Ueberschwemmten Deutschlands“ ins Leben getreten, an dessen Spitze die Stadtbehörden stehen, und das auch die durch Hagel so schwer heimgesuchten Gegenden in Württemberg und Elsaß-Lothringen in den Kreis seiner Wirksamkeit gezogen hat. Für die Annahme von Verträgen wirkt als Centralstelle die Städtische Hauptstiftungskasse in Berlin (Rathaus). Auch die Leser der „Gartenlaube“ werden zur Steuer der Not das Ihrige beitragen und gern ihre schon so oft erprobte Mildthätigkeit auch diesmal wieder bewähren. Möge jeder sein Scherflein, und sei es noch so klein, beisteuern zur Linderung der großen, großen Not! Wer nicht vorzieht, es an eins der bestehenden Hilfskomitees zu senden, der möge es uns anvertrauen. Wir sind gerne bereit, auch die geringste Gabe entgegenzunehmen und ihrer Bestimmung zuzuführen, sowie auch seinerzeit in der „Gartenlaube“ darüber Quittung zu leisten.

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Ein Besuch auf Spitzbergen.
Von E. Vely.

Die großartige Schönheit des Sörfjord hatten wir kennen gelernt, die Riviera des Nordens, das liebliche Molde, die Majestät des Romsdals bei Naes, die Krönungsstadt Trondhjem; an dem thranduftenden Hammerfest war unser schwimmender Palast, die „Auguste Viktoria“, vorübergezogen, und das finsterdräuende Nordkap hatten wir bestiegen. Nun ging’s Spitzbergen zu. So hoch, hoch hinauf –

Der Eisfjord.

„über die Landkarte hinaus“, sagten einige, hinter denen der Geographieunterricht schon dreißig und vierzig Jahre lag. Das Interesse an Spitzbergen ist ja allerneuesten Datums, und wer diesem Eiland, das Nansen und Andere zum Gesprächsstoff der ganzen Welt gemacht haben, zueilt, der kann sich eigentlich als auf der Höhe der Situation befindlich ansehen. Dieses Gefühl trug denn auch die Mehrzahl der Reisenden, welche die „Auguste Viktoria“ von der Hamburg-Amerika-Linie an Bord hatte, stolz in der Brust. Aber es wurde allgemach ein wenig gedämpft und eingedämmt, denn wir bekamen unruhigen Seegang und nicht alle stolzen Menschlein waren seefest. Das Wetter wurde „dick“, wie’s nautisch heißt, wenn wir Landratten es als stark neblig bezeichnen. Das Nebelhorn schrillte unausgesetzt. War’s einmal etwas aufgeklärter, so war das Auftauchen

Die Adventbai.

von Walfischen und schwimmenden und stehenden Eisbergen das einzig Interessante. Ein norwegisches Postschiff irrte schon drei Tage im Nebel herum und fragte bei uns an, wohin es seinen Kurs zu nehmen habe. Es hatte das gleiche Ziel wie wir: Die Adventbai.

„Kommen wir überhaupt hin?“ ging es besorgt von Mund zu Munde. „Wenn die Zeit vorüber ist, welche programmäßig für Spitzbergen gestellt ist, werden wir’s aufgeben müssen!“ Und es gab sogar solche, die Vorschläge machen wollten, daß man umkehre. Die stöhnenden Rufe des Nebelhorns, langsames Fahren, Stoppen, blieben bedenkliche Symptome. Da erschien am 10. Juli nachmittags ein Anschlag vom Kapitän; „Das Schiff liegt dicht an der Küste von Spitzbergen vor Anker, so wie das Wetter aufklart, wird die Reise fortgesetzt.“ Und nun kam neuer Mut auch über die Unlustigsten, Frierenden, Durchnäßten – wir hatten nur noch einen Grad Wärme. Und gegen die Zeit hin, wo es daheim dem Abend zugeht, schwand der Nebel – und Spitzbergen lag vor uns – hohe, schroffe Felsen, Felder ewigen Schnees, Gletscher, grünblau schimmernd, aus Höhen von 2000 m Metern dicht ans Wasser hinabreichend, das riesige Höhlen hineingeleckt hat und jene schwimmenden Eisberge losreißt, deren einige uns begegnet waren. Welch ein mächtiger unvergeßlicher Eindruck! Man achtete nicht des schneidenden Windes, man stand stumm und ergriffen Seite an Seite an der Bordwand und sah hinüber auf diese gigantische Welt, dies blaugrüne Wasser, diese blendenden Schnee- und Eismassen, diese leblose starre Natur. Kein Wesen schien auf den Felsen zu atmen; ab und zu huschte nur eine Möwe oder irgend ein anderer Wasservogel über die glatte Fläche. Der Eisfjord, in den wir einbogen, bot ein stets wechselndes Bild, die Gebirgsformen erinnerten bald an die Dolomiten Tirols, bald an die Felsgiganten von Wallis – nur erschien alles hier noch großartiger, gewaltiger. Gegen elf Uhr nachts tauchte eine grün und rötlich schimmernde Landzunge, von hohen, spitzkantigen Bergen im Hintergrund begrenzt, vor uns auf. Elf Uhr nachts – Tageshelle, Sonnenlicht, man hätte ebensogut die Empfindung haben können, man fahre in der Mittagsstunde – wir waren im Lande der Mitternachtssonne! Schon unter 66½° nördl. Breite geht die Sonne einen Tag nicht unter, und je höher man nach dem Nordpol kommt, desto länger bleibt sie im Hochsommer am Himmel stehen; unter 70° nördl. Breite leuchtet sie ununterbrochen 65 Tage lang, und unter 80° nördl. Breite dauert der längste Sommertag 134 Tage, den Tag selbstverständlich zu 24 Stunden gerechnet. Zwischen dem 76 und 81° liegt Spitzbergen. Wir fuhren dicht am Ufer entlang, denn so riesig tief ist das Wasser in diesen Fjorden, daß unser großes Schiff der Küste stets ganz nahe sein konnte. Welch ein Kontrast: unser großes schwimmendes Prachthotel mit dem erdenkbarsten Luxus der Neuzeit und der bunten Bemannung, die sich aus allen Nationalitäten, aus den verschiedensten Geschäftskreisen zusammensetzte, und diese [574] gletscherumpanzerte Inselgruppe, die noch herrenlos ist, um deren Besitz sich die Menschheit noch nicht gestritten hat, obgleich ihr Flächeninhalt nicht weniger als 1350 Quadratmeilen beträgt!

Ganz deutlich kam nun auf der Landspitze, welcher wir uns näherten, ein braunes Holzhaus in Sicht, Zelte hart am Strande, ein paar Kreuze auf dem Hügel, allerlei Boote und Menschen, die nach uns ausspähten. Dann rasselte unser Anker nieder, und die Barkassen, welche uns ans Land zu bringen bestimmt waren, legten sich an die Schiffstreppe. Es war genau 12 Uhr nachts – bei Tageshelle – als wir den Fuß auf Spitzbergen setzten. Die Luft war in der geschützten Bai ungemein milde, fast schmeichelnd. Nachdem man die seltsame Empfindung, hier im äußersten Norden Europas zu stehen, einigermaßen bewältigt hatte, begann man sich umzuschauen. Das nächste, auf was der Blick fiel, waren Zelte von Rentier- und Robbenjägern, die hart am Ufer aufgespannt waren. Einige der Männer, wettergebräunte Gestalten, standen umher, auf die Ankömmlinge mit jener Ruhe und jener gewissen Stumpfheit blickend, denen wir bei den Bewohnern des Nordens vielfach begegnet sind. Nicht einmal hat man auf der ganzen Fahrt ein Hurra, einen Laut der Verwunderung vernommen, wenn unsere „Auguste Viktoria“ in einen noch so weitab vom Weltverkehr gelegenen Hafen einfuhr. Die Bevölkerung nimmt hier jede Thatsache so ergeben hin wie der Türke sein Kismet. Mit dem ersten der Rentierjäger, den ich anredete, hatte ich aber Glück. Es war Bernd Bentsen, einer der Matrosen von Nansens „Fram“ – er war noch vor einer Woche bei Andrée gewesen.

Das Touristenhaus.

Das Touristenhaus, das sogar ein Postlokal besitzt, ist behaglich eingerichtet, hat einen großen Saal mit anheimelndem Kamin und dreißig Betten, die in kabinenartigen Räumen angebracht sind. Norwegische und englische Touristen, Bergsteiger und Jäger bilden die Mehrzahl der Besucher. Auch zwei wissenschaftliche Expeditionen befanden sich am Lande, in einem der Zelte lebte ein schwedischer Botaniker, Ekestan, mit seiner Mutter und noch einem Begleiter. Die mutige Frau, etwa Mitte der vierziger Jahre, besorgte die Wirtschaft, hinter dem Zelte stand ihr kleiner Herd, bei windigem Wetter muß der Spiritusapparat, der auf einem Ballen Fließpapier im Zelt aufgestellt wird, seine Dienste thun. Zur Lagerstatt dienten Eisbärenfelle, die bei unserm Besuch zusammengerollt dalagen. Einige Koffer standen auch im Freien, das Mein und Dein verwechselt man hier oben auf dem polizeilosen herrenlosen Gebiete einstweilen noch nicht. Die zweite wissenschaftliche Expedition leitet ein Engländer, Sir Martin Conway. Er ist Kartograph, sein Gefährte ist der Alpinist Garwood. Auf der nächsten Landspitze, dem Kap Thordsen, hauste der berühmte Geograph Professor Nordenskiöld – er überwinterte dort mit vierzig Personen. Die „Spitzbergen Gazette“, die nördlichste Zeitung der Welt, giebt hier ein Oberlehrer aus Tromsö, Herr Christensen heraus. Sie können denken, welch einen willkommenen Stoff die Ankunft unsrer „Auguste Viktoria“ für einen sensationslustigen Feuilletonisten gab. Eine Menge unsrer Fahrgäste nahm aber auch schleunigst ein Abonnement auf die Gazette, welche als Wochenblatt mit deutschem, norwegischem und englischem Texte erscheint. Bis zum frühen Morgen wimmelte es von Südländern auf dem Hügelland der Adventbai, Bergfexe stiegen schleunigst so hoch hinauf, als sie kommen konnten. Jäger gingen Rentieren und Robben nach – von Beute hat man freilich nichts vernommen im Touristenhaus wurde durchgezecht und mit Glück, denn die trinkbaren Mannen erlebten etwas Besonderes: Kapitän Sverdrup, der berühmte Kapitän von Nansens „Fram“, der jetzt einen Postdampfer zwischen Tromsö und Spitzbergen führt, langte in vorgeschrittener Nachtstunde an. Man feierte ihn, bis er wieder an Bord ging – geredet hat er nicht viel, aber jedem, der ihn darum ersuchte, bereitwillig sein Autograph gegeben.

Noch etwas ganz besonders Ergreifendes gab es an der Adventbai zu sehen – zwei stille Gräber, die ein paar Holzkreuze schmücken, und unweit davon eine Hütte. Fünf Fuß tief in die Erde ist sie gegraben, das ragende Sparrenwerk war mit Blech und Holz, welches noch umherlag, bedeckt gewesen, Nägel, Handwerkszeug, erfrorene Kartoffeln, zerrissene Kleidungsstücke zeugten von dem Dasein armer Verschlagener. Der Mann, dessen Name dort oben auf dem einen Kreuz steht, Andreas Holm, war Besitzer und Führer des Robbenjäger-Schiffes „Elida“ und hat hier mit seinen drei Gefährten im Winter 1896 gehaust. Sie konnten nach geschehener Jagdarbeit wegen Vereisung der Bai nicht weiter gelangen und mußten wohl oder übel hier zu überwintern versuchen. So schleppten sie, was sie vermochten, von Bord in die Erdhütte, entsetzlichem Elend trotzend. Einer der Gefährten, welcher hatte versuchen wollen, über das Eis zu Nordenskiöld zu gelangen, geriet zwischen die Schollen und fand seinen Tod durch Ertrinken. Andreas Holm aber erlag dem Skorbut. Die Ueberlebenden bargen seine Leiche zwischen Faßbrettern, bis die Erde so weit zu lockern war, daß sie ihm ein Grab höhlen konnten. Als die Erlösung für die armen Robbenfischer schlug, waren auch sie dem Tode nahe. Der Gegensatz von heute, das schöne große Schiff hier am grünen Strande der Adventbai und jenes kleine zertrümmerte Wrack und das stille Grab mit dem schmucklosen Kreuz, wie ist er mir wehmütig zum Bewußtsein gekommen, als ich neben den einsamen Gräbern saß! Der andre Hügel deckt einen Fischer, der 1878 seinen Tod durch Ertrinken fand.

Wenige Ruhestunden an Bord unsres Schiffes; dann ging es wieder hinüber. Aufs neue wurden Bergbesteigungen unternommen. Die Flora Spitzbergens an der Adventbai hat einen völlig alpinen Charakter, man findet Anemonen, Ranunkeln, den roten Steinbrech, das Hexenhaar des Brockens, das hier oben Polarseide heißt, Moose, Flechten, Weiden. Jagd wird gemacht auf Wasservögel, Walfische, Walrosse, Eisbären, Seetiere, Blaufüchse, Seehunde. Zur Erinnerung an den Besuch, welchen unsre „Auguste Viktoria“ auf Spitzbergen gemacht, wurde eine Tafel mit ihrem Namen und dem Datum errichtet. Dann ließ sich die ganze Gesellschaft, um den Kommandanten des Schiffes, Herrn Kapitän Kaempff gruppiert, photographieren. Denn wir hatten einen Photographen an Bord, Herrn Berges aus Hamburg, der auch die Aufnahmen von Spitzbergen machte, die zu den hier beigegebenen Illustrationen gedient haben.

Am Abend des 11. Juli lichteten wir die Anker – der volle Sonnenschein lag über der Küste, blendend schimmerte es von den Höhen; schwarzdräuend waren die Schatten, blaugrün das stille, tiefe Gewässer – unsre deutsche Nationalhymne erklang und die norwegische: „Ja wi elsker dette landet“. Wenn wir nun auch wohl kaum Spitzbergen so lieben können, wie es das Lied sagt, eine liebe Erinnerung wird es uns allen bleiben, mit der gewaltigen Größe und Schroffheit seiner Natur und der schauervollen Stille seiner weltentlegenen Einsamkeit. – Nachdem die Hamburg-Amerika-Linie in ihre Nordlandfahrten, die 1894 begannen, auch das „modern“ gewordene Spitzbergen aufgenommen hat, werden allsommerlich zwei Reisen dahin gemacht. Die erste begann diesen Sommer mit der „Auguste Viktoria“ am 1. Juli von Hamburg aus; am 8. waren wir am Nordkap, am 10. in Spitzbergen; am 22. Juli gegen 12 Uhr mittags fuhren wir stolz mit unserem jubelnd begrüßten Schiffe in Hamburg wieder ein. Die zweite Nordland-Spitzbergenfahrt war für Anfang August mit genau demselben Programm geplant.

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Der Siegsfeld-Parsevalsche Drachenballon.

Wer in den letzten beiden Jahren häufiger das Tempelhofer Feld im Süden von Berlin, den Schauplatz der königl.-preußischen Luftschifferabteilung besuchte oder passierte, konnte dort hin und wieder einen Luftballon von kuriosem Aeußeren, halb Cigarren-, halb Schneckenform in der Luft oder unmittelbar über dem Sandboden

Der Drachenballon von der Seite gesehen.
Nach einer photographischen Aufnahme von Zander & Ladisch in Berlin.

des Exerzierplatzes schwebend beobachten, ein sonderbares Ungeheuer, aus dem die wenigsten Passanten klug zu werden wußten. Es war der sogenannte Drachenballon, den wir, als eine der wichtigsten Neuerungen der Militärluftschiffahrt hiermit in Wort und Bild zur Kenntnis unserer Leser bringen, wobei wir vorweg bemerken, daß die Erfindung keineswegs, wie am häufigsten vermutet wurde, einen neuen Beitrag zur Frage der ‚lenkbaren Luftballons’ bildet. Vielmehr stellt sie nichts mehr oder weniger vor als eine nach langen Versuchen und vielen Abänderungen gewonnene Form des Fesselballons, der für die militärisch- aeronautischen Zwecke meist von größerer Wichtigkeit ist als der frei schwebende Ballon.

Die alte und gebräuchlichste kugelrunde Ballonform ist zwar für Freifahrten noch immer die zweckmäßigste, beim Gebrauch als Fesselballon dagegen haften ihr so viele Mängel an, daß eine besser geeignete Form längst erwünscht schien und derjenigen Armee, die sie zuerst einführte, einen großen Vorsprung im Rekognosticierungswesen versprach. Diesen Wunsch erfüllt vollständig der Drachenballon, den die bekannten bayrischen Flugtechniker v. Parseval und v. Siegsfeld im Anschluß an ihre in Augsburg unternommenen langjährigen Flugstudien und Versuchen erfunden haben. Die Hauptnachteile, welche der runde Ballon an der Fesselleine besitzt, sind folgende: er führt bei stillem Wetter oder schwachem Winde fortwährende, langsame Drehungen um seine eigene Achse aus und erschwert dadurch die schnelle Orientierung, die gerade bei einem Militärballon unbedingte Notwendigkeit ist; bei einigermaßen starkem Winde aber, d.h. sobald derselbe 10 bis 12 m Geschwindigkeit in der Sekunde übersteigt, ist schon die Füllung und das Auflassen des runden Fesselballons schwierig, dann aber wird derselbe oben vom Winde derartig gezaust, zerbeult und wieder zu Boden gedrückt, daß der Anstieg lebensgefährlich und jede Beobachtung unmöglich ist. Der Drachenballon wirkt nun diesen Uebelständen hauptsächlich durch seine schräge Lage entgegen, die er infolge der Befestigung der Gondel an der hinteren und des schweren Kabels an der vorderen Hälfte unter allen Umständen beibehält, so zwar, daß die höhere Stirnfläche dem Wind jederzeit entgegengekehrt ist. Seine volle Kraft kann der letztere nur gegen die obere, 6 m im Durchmesser haltende Stirnfläche entfalten, dem geneigten Rücken kann er überhaupt nicht beikommen und auf die Bauchseite des Ballons wirkt er weniger pressend als vielmehr, wie bei jeder ähnlich gestellten Drachenfläche auch, hebend. Damit sind an sich schon ganz erhebliche Fortschritte erreicht.

Der heftigste Wind, der einen Kugelballon sofort zu Boden schleudert, weil er bei der Schrägstellung desselben durch das haltende Kabel die Oberseite anstatt die Unterseite trifft, verstärkt beim Drachenballon noch die hebende Kraft, so daß hier bei heftigem Winde entweder eine größere Bemannung mitgenommen oder mehr Kabel getragen, d.h., eine größere Höhe erreicht werden kann. Das Seil stellt sich dazu in einem Winkel von 40° zur Erdoberfläche und ändert diese Stellung bei zu- oder abnehmendem Winde so wenig, daß der Ballon bei den heftigsten Stößen nur unmerklich steigt oder fällt. Der Drachenballon ist an jedem Tag und im heftigsten Sturm brauchbar, während runde Fesselballons nur an ⅔ der Tage im Jahre aufgelassen werden können. Bei Windstille am Boden hebt sich der Drachenballon so weit, daß das Kabel lotrecht steht, behält aber selbst seine Neigung und, da in Höhen von ein paar hundert Metern niemals völlige Luftstille herrscht, ebenso wie ein hochstehender Drachen auch, seine Richtung genau bei.

Eine besondere Erklärung bedarf der große schneckenförmige Wulst am unteren Ende des Drachenballons, der hauptsächlich als Steuer dient, um den Ballon ständig im Windstrich zu halten. Anfangs dienten dazu ein paar schrägstehende Segelflächen, dann aber erwies sich der jetzt beibehaltene schlauchartige Ansatz, der übrigens nicht mit Gas, sondern mit Luft gefüllt ist, praktischer aus folgenden Gründen. Der Ballon ist in heftigem Winde, besonders an seiner Stirnfläche, einem so starken Druck ausgesetzt, daß man schädliche Einbeulungen und Formveränderungen (wie sie die Kugelballons in der That immer zeigen), auch hier befürchten mußte, wenn nicht ein innerer Druck dem äußeren entgegenwirkt. Deshalb ist dem Winde durch ein offenes trichterförmiges Ventil, das ungefähr in der Mitte des Ballonbodens auf beiden Abbildungen deutlich zu sehen ist, der Eintritt ins Innere des Ballons gestattet, den er um so straffer aufbläht, je stärker der äußere Winddruck ihn einzupressen sucht. Nun darf aber die eintretende Luft sich nicht mit dem Gase vermischen, sondern letzteres soll im oberen, die Luft im unteren Teil des Ballons bleiben. Es wird daher das untere Viertel des Ballons durch das sogenannte Ballonet, eine leichte, dehnbare Hülle, vom oberen Teil getrennt, und damit ist gleichzeitig ein Mittel gefunden, dem Ballon beständig, ob nun das Gas darin sich in der Höhe ausdehnt oder an der Erde zusammenzieht, seine straffe Form zu erhalten. Das sich ausdehnende Gas preßt von innen gegen die Ballonetwand, treibt einen Teil der Luft aus und diese trifft nun wieder in den schneckenförmigen Steueransatz ein, der gewissermaßen

Der Drachenballon von vorn gesehen.
Nach einer photographischen Aufnahme von Zander & Ladisch in Berlin.

als Vorballon dient. Bei der Zusammenziehung des Ballongases dehnt sich dagegen der Luftgehalt des Ballonets, den die äußere Windpressung beständig zu vermehren sucht, aus und stellt das Gleichgewicht im Ballon her.

Im großen und ganzen haben die Erfinder ihr Ziel, einen jederzeit brauchbaren, ruhigen und sicheren Beobachtungsballon für militärische Zwecke zu Lande und namentlich auch zu Wasser bei Kriegsschiffen herzustellen, vollständig und zum erstenmal erreicht.
Bw.
[576]
Die Hexe von Glaustädt.
Roman von Ernst Eckstein.

(14. Fortsetzung.)

23.

Als Doktor Ambrosius jenseits der Gartenmauer wieder zu Boden gelangt war, wandte er sich keineswegs, wie dies die Rutenknechte voraussetzten, linkswärts, um das Hainthor und die Dernburger Landstraße zu erreichen. Das Einschlagen dieser kürzesten Linie nach dem Stauffheimer Forst hätte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Hetzjagd zur Folge gehabt, bei der die Knechte den Vorsprung des Flüchtlings bald schon vielleicht wieder eingebracht hätten, zumal, wenn sie sich drüben im Gasthof „Zur Tanne“ beritten machten, wie dies neulich beim Ausbruch des tollen Küfers geschehen war. Doktor Ambrosius rannte also im Gegenteile nach rechts und bog dann, seinen Schritt mäßigend, nach dem Harracher Thor ab. Von dort konnte er unschwer die obere Grossachbrücke im Lynndorfer Gehölz erreichen und sich dann über Königslautern und Lynndorf ins Freie retten. Der Weg bis zur Grenze war allerdings hier dreimal so weit als der gerade über den Stauffheimer Forst, aber auch ungleich sicherer.

Ruhig und gemessen überschritt Doktor Ambrosius die kleine Holzbrücke der Glaubach – die nämliche, wo vorgestern bei sinkender Dämmerung Herr Lotefend Rast gehalten und noch immer voll Hoffnung hinübergelugt hatte nach dem versteckten Strohdach des Klippengehöfts. Die Pferde des Tuchkramers standen dort immer noch marschbereit. Durch die lautlose Stille des Morgens vernahm Doktor Ambrosius deutlich ihr unruhiges Gestampfe, ohne sich träumen zu lassen, wie das Klippengehöft mit Hildegard Leuthold zusammenhing. Doktor Ambrosius kannte den Bauern persönlich. Im vorigen Frühjahr hatte er ihm das Reißen im Kreuz kuriert. Sofort zuckte ihm der Gedanke durchs Hirn, den Mann sprichst du um einen Gaul an! – Er konnte sehr wohl eine plötzliche Fußverstauchung oder was sonst vorschützen und seine frühzeitige Anwesenheit auf der Harracher Flur durch einen Krankheitsfall in der Nachbarschaft rechtfertigen.

Gedacht, gethan. Er bog die zehn Schritt vom Weg ab und trat langsam in das Gehöft, dessen Thor schon geöffnet war. Der Klippenbauer stand mit unwirschem Blick vor der großen viereckigen Mistgrube und schien über irgend etwas recht Unerbauliches nachzudenken. Bei dem gellenden Anrufe des jungen Arztes fuhr er zusammen wie ein Ertappter. Doch hörte er die Bitte, die Doktor Ambrosius ihm vortrug, mit ruhiger Höflichkeit an, um sie sofort abzulehnen. Die paar Pferde brauche er unumgänglich zur Ernte. Es thue ihm schwer leid, einem so achtbaren Herrn, dem er dazu noch Dank schulde, nicht dienen zu können.

Der Klippenbauer, von dem für Geld alles zu haben war, hätte sich wegen der Ernte gewiß nicht gesträubt, wenn sein Gehöft überhaupt Gäule besessen hätte. Selbst der angebliche Kauf der drei Pferde Lotefends war dem Hausgesind gegenüber nicht für die Landwirtschaft, sondern im Hinblick auf einen vorteilhaften Wiederverkauf erfolgt. Der Klippenhof ackerte seit Menschengedenken mit Zugochsen.

Etwas enttäuscht, machte Ambrosius kehrt und setzte die Wanderung nach Harrach zu fort. Dann bog er vom Weg ab. Die Gusecker Landstraße, die er jetzt eine Viertelstunde lang einhalten mußte, war schon ziemlich belebt. Bauern mit Karren und Handwagen, Weiber mit Körben, Säcken und Holzkiepe eilten geschäftig der Stadt zu. Von dem kreuzgeschmückten Turm der Marienkirche schlug es halb Fünf. Doktor Ambrosius zuckte zusammen.

Der altvertraute, heimische Klang, der so weich dröhnend durch die lauliche Luft schwirrte, brachte ihm die Trostlosigkeit seiner Lage wieder voll zum Bewußtsein. Die Turmuhr von Glaustädt, die ihm so manche Stunde klarbefriedigter Arbeit und glückseliger Hoffnung geschlagen hatte, verkörperte ihm jetzt alles, was er da hinter den grauen Stadtmauern zurückließ. Trostloser Kleinmut überwältigte ihn. Kehr’ du nur gleich wieder um! – so schien dieser lang verhallende Ton ihm zuzurufen, Dich und dein Leben zwar kannst du in Sicherheit bringen; aber was frommt dir’s? Besser, du schaust noch einmal die Wonnen, und giebst dir dann selber den Tod! – Da fiel ihm der kleine bucklige Notar Weigel ein und mit ihm die zahlreichen Freunde und Gesinnungsgenossen, die er in Glaustädt besaß, und die Freunde in Dernburg, die vielleicht doch Mittel und Wege fänden, dem Entsetzlichen vorzubeugen. Was hatte man nicht während der letzten Wochen alles geplant und geprüft! Jetzt, wo für ihn, der doch mit Woldemar Eimbeck die Seele der ganzen Verbrüderung war, so unendlich viel davon abhing – konnte man da nicht zu Entschließungen kommen, die rascher wirkten? Es war nicht das erste Mal, daß eine langer Hand vorbereitete und wohlüberlegte Verschwörung vorzeitig losbrach – und dennoch ans Ziel führte …

Und wie er dies dachte, hob er unwillkürlich die gesenkte Stirn. Von neuem strafften sich ihm die Muskeln, sein Atem ging lebhafter, und mit wachsendem Ungestüm schritt er vorwärts. Um Hildegards willen mußte er aushalten bis zuletzt!

Von Zeit zu Zeit blickte er sich vorsorglich um. Niemand verfolgte ihn. Was sich da über die Landstraße bewegte, schlug fast ausnahmslos die Richtung zur Stadt ein. Die Knechte des Tribunals hatten, wie er vorausgesetzt, seine Spur verloren.

Als er dies eben vielleicht zum sechstenmal mit heißer Genugthuung feststellte, sah er zu seinem unbeschreiblichen Schrecken die Gestalt eines städtischen Rutenknechts nur wenige Schritte vor sich. Der stämmige Mensch trug im Gürtel die kurze Stoßwaffe. Er schritt langsam und gleichmütig daher wie einer, der lustwandelt.

Doktor Ambrosius glaubte sich schon verraten und griff in die Brusttasche, wo sein dreischneidiger Dolch steckte. Er war gewillt, sich um jeden Preis auf Leben und Tod zu verteidigen.

Da bemerkte er, daß der Rutenknecht nicht allein ging. Unmittelbar hinter dem breitschulterigen Kerl, bis jetzt durch ihn verdeckt, kam ein hohlwangiges bleiches Männlein mit kleinen, blinzelnden Augen und scharf gebogener, spitziger Adlernase: der Malefikantenrichter Adam Xylander. Die beiden gehörten augenscheinlich zusammen, also war die Möglichkeit ausgeschlossen, daß der Bursche da einer von den drei Knechten war, die den Arzt hatten verhaften wollen.

Doktor Ambrosius faßte sich schnell. Er grüßte mit Artigkeit und wollte ruhig und gleichgültig an Xylander vorbeischreiten.

Der aber stellte ihn. „Halt, Verehrtester!“ sprach er in halber Verlegenheit, während der Stadtknecht noch ein paar Ellen weiter ging. „Ihr wundert Euch offenbar, daß ich Euch hier so frank anrede? Aber ein ehrlicher Mann ist lobenswerter als ein verstockter. Bertha – Ihr kennt sie ja, meine fürsorgliche Nichte – hat mir unausgesetzt in den Ohren gelegen, daß ich an Euch übel gehandelt, und zwar augenscheinlich zu meinem größten Nachteil.

Adam Xylander in seiner blöden Weltabgeschlossenheit wußte nichts von den freundschaftlichen Beziehungen des jungen Arztes zu Engelbert Leuthold, geschweige denn von dem Gerücht, das den Doktor Ambrosius als stillen Bewerber um Hildegards Hand bezeichnet. Er ward jetzt beinahe zutraulich.

„Seht Ihr,“ fuhr er mit einem garstigen Grinsen fort, das seine gelben Zähne bis an die Wurzeln entblößte, „seit gestern früh schon kämpf’ ich den Kampf mit der besseren Einsicht … Und heute nacht hab’ ich mir’s vorgenommen … Ich wollte Euch noch vor Mittag zu mir bitten …“

„Sehr verbunden!“ sagte Ambrosius.

Adam Xylander klopfte ihm auf die Schulter.

„Thut nicht so, als ob Euch an meiner Kundschaft gelegen wäre! Das heißt die Höflichkeit übertreiben. Aber mir brennt’s auf dem Nagel. Damals, eh’ ich auf’s Land ging, habt Ihr mich wunderbar erfolgreich behandelt. Und Bertha hat recht, was könnt Ihr denn dafür, daß Ihr zufällig im Hause der Malefikantin wohnt? Also verzeiht mir, liebwertester Herr, und laßt mir noch einmal Euren ärztlichen Rat zu teil werden!“

[577]

Mitternachtssonne.
Nach dem Gemälde von J. Eysséric. (Vergl. S. 573.)

[578] „Wo fehlt’s denn?“ fragte Ambrosius, der wie auf Kohlen stand. „Immer die alte Geschichte?“

„Ach, schlimmer als das! Seid Ihr denn nicht überrascht, daß Ihr mich zu so taufrüher Morgenstunde in freier Gemarkung trefft? Noch dazu mit diesem baumstarken Begleiter dort? Das machen die gräßlichen Nachtstimmen, die mich jetzt keine Minute mehr schlafen lassen. Und geh’ ich allein, dann setz’ ich mich einer gräßlichen Katastrophe aus. Gestern bei meinem Frühgang bin ich zusammengestürzt und hab’ dagelegen wie tot, bis mich zwei Gusecker Fronbauern heimtrugen. Drum begleitet mich jetzt der Stadtknecht.“

„Das sind schlimme Geschichten“, versetzte Ambrosius.

„Ja, und wißt Ihr, was mich am meisten aufregt? Mehr noch als die abscheulichen Nachtstimmen? Das rätselhafte Gefühl, als bestünd’ ich im Grunde aus zwei Personen, als liefe da unsichtbar neben mir ein anderer Doktor Xylander von ganz der gleichen Natur wie ich selbst. Seit vorgestern abend sucht mich diese Empfindung heim, und ich kann sie nicht los werden. Bald stärker, bald schwächer – aber sie weicht nicht. Deshalb dacht’ ich an Euch. Helft mir, eh’ diese Not unheilbar wird!“

Den jungen Arzt überlief ein Frostschauer. Kein Zweifel, der Ausbruch des hellen Irrsinns war bei Doktor Xylander nur eine Frage der Zeit! Und dieser Mann mit dem halb schon wutkranken Gehirn entschied über das Schicksal so vieler Hunderte! Im stolzen Bewußtsein erfüllter Pflicht verhängte er Qualen und Feuertod! Auch über die schuldlose Hildegard sollte er demnächst zu Gericht sitzen! Doktor Ambrosius unterdrückte, was ihm so fürchterlich an die Seele griff. Es drängte ihn vorwärts. Er verlor hier im Zwiegespräch mit Adam Xylander uneinbringlich kostbare Minuten.

„Wenn Ihr erlaubt,“ sagte er teilnehmend, „werd’ ich noch heute in Eurer Wohnung vorsprechen. Etwa um Zwei. Jetzt aber entschuldigt, Herr Stadtrichter! Mein Beruf ist tyrannisch.“

„Halt!“ rief Adam Xylander und faßte den Arzt unvermutet beim Rockärmel. „Wie seht Ihr denn aus? Euer Gewand ist ja weiß wie ein Müllerschurz! Alles voll Kalk – zumal an den Knieen! Als wäret Ihr wo übergeklettert! Niedemann, kommt rasch einmal her!“ Er winkte dem Rutenknecht.

Doktor Ambrosius hatte bei den Worten des Malefikantenrichters und mehr noch bei dem Herannahen des vierschrötigen Kerls ein unheimliches, tiefbanges Gefühl. Er witterte Unheil. Xylander hatte vielleicht Komödie gespielt, der Bursche da war doch einer von den Verfolgern und hatte den Flüchtling ungesehn überholt. Ambrosius war ja nicht sonderlich schnell gegangen.

„Was habt Ihr nur?“ lächelte Adam Xylander, als er bemerkte, wie eigentümlich verwirrt Doktor Ambrosius dreinschaute. „Man sollte fast meinen, Ihr wäret in Wirklichkeit wo übergeklettert … Vielleicht auf nachtverschleierten Wegen der Liebe? Ei, ei, Herr Doktor, was muß die Menschheit an Euch erleben!“

Der junge Arzt wußte noch immer nicht recht, wie er dran war. Diese Scherzworte im Munde des öden, freudlosen Mannes klangen so unnatürlich! Schon überlegte Ambrosius, ob er nicht eilends entfliehen und den Häscher, wenn der ihm nachrannte, mit einem wohlgezielten Dolchstich bewillkommnen sollte. Da sah er die stumpfe Gleichgültigkeit in den Mienen des Knechtes und die unterwürfige Dienstwilligkeit seines Heranschreitens. Er gab also dem Malefikantenrichter in lateinischer Sprache eine ebenso scherzhafte Antwort, schob die Sache auf einen Zusammenprall mit einer schmutzigen Feldkarre und schwatzte noch mancherlei krauses Zeug, während der Knecht sich mühte, ihm von den Aermeln und Kniehosen mit breitklatschender Hand den Staub wegzuklopfen. Dann reichte Ambrosius dem gefälligen Burschen ein Kupferstück, dankte und entfernte sich rasch.

Adam Xylander, von plötzlicher Mattheit ergriffen, hängte sich bei dem Rutenknecht ein. „Auch das werd’ ich noch aufgeben müssen!“ stöhnte er, nach der Stirn greifend. „Gestern hat mir der Gang wohlgethan; heute bringt er mich um.“

Und die bartlosen Kiefer schlugen ihm dumpf widereinander.

Kaum hatte Doktor Ambrosius den Wald betreten, als er zu laufen anhub, was ihn die Beine trugen. Wenn es der Zufall wollte, konnte die Nachricht von dieser Landstraßenbegegnung mit Xylander in kaum dreiviertel Stunden den Zentgrafen erreicht haben. Dann konnte man dem Entflohenen bei kluger Berechnung noch immer den Weg über die Dernburgsche Grenze abschneiden.

Zu seinem großen Glück traf Ambrosius in Königslautern den rothaarigen Hauptmann Fridolin Geißmar, der hier seit mehreren Tagen verweilte, um eine kleine unerwartete Erbschaft flüssig zu machen. Fridolin Geißmar wohnte bei einem alten, bärbeißigen Förster, der gleich ihm ein geschworener Todfeind der Blutrichter war. Doktor Ambrosius kam just von der Nordseite her ins Dorf, als die zwei Männer, von ihren lautkläffenden kurzbeinigen Hunden begleitet, zur Fuchsjagd aufbrachen. Sie begegneten ihm bei der schindelgedeckten Kirche. Im Augenblick war alles erzählt – halblaut, mit vorsichtig scheuen Andeutungen. Der Förster besaß einen gutgehenden sechsjährigen Schimmel, den er dem jungen Arzt sofort zur Verfügung stellte. Die Sache ward aus Gründen der Klugheit in die Form eines Kaufs gekleidet. Der Förster quittierte in Gegenwart seiner zwei Gehilfen über den ganzen Betrag, obwohl Doktor Ambrosius thatsächlich keinen Pfennig bezahlte. Er hatte an barem Geld nur eben das Notwendigste bei sich.

„Gebt mir sofort Nachricht, wenn Ihr in Dernburg angelangt seid,“ bat Fridolin Geißmar, als sich der Flüchtling hinter dem Forsthausgarten leicht in den Sattel schwang.

„Unverzüglich!“ sagte Ambrosius.

Er hob sein Barett, nickte noch einmal dem rothaarigen Hauptmann zu und sprengte dann spornstreichs über den holprigen Feldweg.

Noch lange vor Mittag erreichte er wohlbehalten die Residenz des Fürsten Maximilian, wo er gleich hinter dem Rolandsthor im Gasthof „Zum Einhorn“ abstieg.

Der Wirt wunderte sich, daß ein so vornehm aussehender Herr ohne Gepäck reiste, wagte jedoch keine Bemerkung. Diensteifrig befahl er dem Hausknecht, das dampfende Pferd des Ankömmlings in den Stall zu führen, während er selber dem Gast voranschritt und ihm ein freundliches Zimmer nach der Münzgasse anwies. Doktor Ambrosius reinigte sich vom Staub, ruhte ein wenig und ließ sich Speise und Trank vorsetzen, da er seit gestern mittag kaum was genossen hatte. Dann machte er sich voll Ungeduld auf den Weg zu Herrn Theodor Welcker, dem staats- und weltklugen Teilnehmer an der Glaustädter Verschwörung.

Doktor Ambrosius ahnte nicht, daß es vorwiegend politische Pläne waren, die Herrn Theodor Welcker im Interesse des höchst begabten, aber auch höchst ehrgeizigen Fürsten von Dernburg an die Verschwörung knüpften. Er sah in dem würdigen, langbärtigen Herrn, der ihn mit warmherzigster Güte empfing, nur den begeisterten Vorkämpfer der Freiheit, nicht den fernblickenden Staatsmann, der vor Jahren bereits behauptet hatte, die Zuteilung Glaustädts an den Landgrafen von Lich sei auf Grund eines rechtlichen und historischen Irrtums erfolgt, und der nun im stillen bestrebt war, diesen unleidlichen Fehlgriff durch kluge Benutzung der in Glaustädt herrschenden Mißstimmung gut zu machen. Uebrigens war ja auch die Erbitterung Theodor Welckers gegen das schmachvolle Unwesen des Balthasar Noß durchaus nicht erheuchelt, ebensowenig wie die rein menschliche Teilnahme des vortrefflichen Herrn an dem trüben Geschick Hildegards und ihres heimliche Anverlobten.

Für heut’ erklärte sich Herr Theodor Welcker zu seinem Leidwesen verhindert, mit Doktor Ambrosius eingehend zu verhandeln. Morgen jedoch mit dem Frühesten solle der junge Arzt wiederkommen. Herr Theodor Welcker wolle dann noch zwei andere Dernburger Mitverschworene zur Besprechung heranziehen. Er sei zwar ein alter Herr und über die Stürme des Herzens schon seit Jahrzehnten hinaus, doch begreife er vollständig, daß Herr Doktor Ambrosius in seiner furchtbaren Lage mehr noch an die Errettung Hildegards denke als an die seiner Vaterstadt. Gegenstand der geheimen Erörterung solle die Frage sein, ob man mit Gottes Hilfe nicht etwa beides vereinigen könne.

24.

Balthasar Noß schäumte vor Wut darüben, daß ihm Doktor Ambrosius entschlüpft war. Keine Marter war in seinen Augen grausam genug zur Züchtigung dieses verruchten Gewaltmenschen [579] der die geweihte Person des hochmögenden Zentgrafen und Malefikantenrichters meuchlings angefallen und beinahe erwürgt hatte. Der geleistete Schwur wog dem racheschnaubenden Mann federleicht, auch ohne daß er der Beschwichtigung bedurft hätte, ein abgenötigter Eid sei kein Eid und Verrätern und Missethätern brauche der christliche Staatsbürger nicht Wort zu halten. Den ingrimmigen Haß aber, den Balthasar Noß für Doktor Ambrosius fühlte, ließ er nun mit verdreifachter Wucht an den unglücklichen Opfern aus, die in den Zellen der Malefikantenabteilung schmachteten.

Was Hildegard Leuthold betraf, so nahm er hier während der ersten Zeit noch einige Rücksicht auf Lotefend, der noch einmal sein Heil bei dem Mädchen versuchte. Da sie ihn wieder zurückwies – noch verletzender als das erste Mal – packte den Tuchkramer eine blindwütige Raserei. Er hatte es wahrlich gut mit ihr gemeint! Sie hätte an seiner Seite ein Leben voll Glanz und Wonne genießen können! Und sie verschmähte ihn – um des elenden, hohlköpfigen Fantes willen! Mochte sie denn hilflos in ihrer Halsstarrigkeit zu Grunde gehen! Sollte er – Henrich Lotefend – wie ein feigmütiger Hund Verzicht leisten – und sie trotzdem erretten? Sollte er Zeuge sein, wie die Befreite sich von ihm abwandte und sich dem Nebenbuhler glückberauscht an den Hals warf? Der bloße Gedanke brachte ihn fast zum Wahnsinn.

Als er das Stockhaus verließ, war sein Entschluß gefaßt. Er gab Hildegard Leuthold nun endgültig auf. In heißem Vernichtungszorn machte er sämtliche Vorbereitungen rückgängig. Er lohnte den Kerkermeister Hans Godwin ab, der noch am nämlichen Tage dem Stockhausverwalter den Dienst aufsagte. Er schenkte dem ungeduldig harrenden Klippenbauer die drei Pferde nebst einer stattliche Barsumme. Dann verfügte er sich zu Balthasar Noß und that ihm zu wissen, jeder Versuch, die Beschuldigte zum Geständnis zu bringen, sei fruchtlos gewesen.

Nunmehr ging Balthasar Noß ohne Rückhalt ins Zeug. Der Antrag des Notars Weigel um etliche Wochen Frist, behufs Vorbereitung einer sachgemäßen Verteidigung, war gegen die einzige Stimme Adam Xylanders abgelehnt worden. Man hatte dem kleinen buckligen Rechtsgelehrte überhaupt nur ein einziges Mal – auf die besondere Verwendung des Bürgermeisters Georg Kunhardt hin – den Zutritt zur Inkulpatin gestattet, und auch dies nur für den Fall, daß sich Herr Weigel die Gegenwart des Beisitzers Adam Xylander gefallen lasse. Adam Xylander befliß sich bei dieser Gelegenheit einer fast wohlwollenden Haltung, dieweil er sich ja persönlich von der Malefikantin verfolgt glaubte und doch beileibe nicht rachsüchtig erscheinen wollte. Im Widerspruch mit der Verfügung des Tribunals blieb er während der kurzen Besprechung Weigels und Hildegards draußen im Korridor. So fand Weigel die Möglichkeit, seiner Klientin unbelauscht die nötigen Ratschläge zuzuflüstern.

„Wenn Ihr vertraut,“ sagte er eindringlich, „daß ich ein Ehrenmann und Euer wohlmeinender Freund bin, so bekennt Ihr unzögernd alles, was man Euch abfragt! Kein vernünftiger Mensch glaubt ja an Eure Schuld – aber gesteht! Das erspart Euch die Folter. Nutzen würde das Leugnen doch nichts. Erst wenn Ihr verurteilt seid, kann ich hier mit Erfolg eingreifen. Das klingt rätselhaft, aber es ist so. Ich lege Euch dann im letzten Augenblick eine Urkunde vor, die beim Reichskammergericht Protest erhebt. Diese Protesturkunde zieht einen Aufschub von sechs bis acht Wochen nach sich. So gewinnen wir Zeit. Auch Doktor Ambrosius hat diesen Plan gutgeheißen.

Hildegard hatte sich an der ruhigen, tiefernsten Art Rolf Weigels merkwürdig aufgerichtet. Bei dem Verhör, das drei Tage darauf stattfand, befolgte sie seinen Rat rückhaltslos – zum größten Erstaunen des Balthasar Noß und zur wärmsten Befriedigung Adam Xylanders, der fest überzeugt war, das fromme und mannhafte Zureden Lotefends habe nun doch nachträglich seine Früchte gezeitigt.

Schon gewann es den Anschein, als würde die Sache sich vollständig so abspielen, wie Rolf Weigel dies vorgesehen: ein ausgiebiges, glattes Geständnis und danach die mildere Form der Verurteilung. Wie nun aber der Vorsitzer bei der dritten Vernehmung das übliche Ansinnen stellte, Hildegard solle Mitschuldige namhaft machen, versetzte sie kurz und standhaft. „Ich weiß von nichts.“

Sie verharrte bei dieser Aussage selbst dann noch, als Noß, erbittert über den ruhigen Stolz ihres Blickes, den Knechten winkte. Auf die Verwendung Adam Xylanders hin glaubte das Tribunal jedoch, von der Torquierung Umgang nehmen zu sollen. Adam Xylander vertrat hier wiederum die schon mehrfach geäußerte und bethätigte Ansicht, man dürfe gerade im vorliegenden Falle nicht zu mitleidslos vorgehen, damit es nicht aussehe, als ob er, der schwer geschädigte Beisitzer, ein persönliches Moment in den Prozeß hineintrage. Uebrigens habe sich die Inkulpatin geradezu als ein Unikum schätzbarer Willigkeit und Wahrheitsliebe jetzt gezeigt, daher man ihr glauben könne, daß ihr Gedächtnis sie bezüglich des einen Punktes wirklich im Stiche lasse. Es sei dies vielleicht die Rache Beelzebubs, der die treulos gewordene Malefica schädigen wolle, weil sie – im Widersprach zu den eingegangenen Verpflichtungen gegen die Hölle – auf sämtliche Fragen so bußfertig Ja geantwortet.

Da Balthasar Noß ohnehin wünschte, die Strafsache gegen Hildegard Leuthold thunlichst schnell zum Abschluß zu bringen – er hegte die unklare Furcht, Doktor Ambrosius und der Notar Weigel möchten ihm irgend was in den Weg legen – so stimmte er diesen Erörterungen Adam Xylanders großmütig bei. Hildegard Leuthold ward abgeführt.

Am folgenden Tage fällte das Tribunal einstimmig das Verdikt. Schuldig. In Anbetracht des offenen Geständnisses sollte die Hexe nicht lebendig verbrannt, sondern zuvor durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht werden. Der Gerichtsschreiber fertigte mit kunstvollen Schnörkeln die Verdammungsurkunde aus, die Richter unterzeichneten sie, und Balthasar Noß drückte in würdevoller Bedächtigkeit sein großes Insiegel darauf.

Hildegard Leuthold litt inzwischen unsäglich.

Die Zweckmäßigkeit der Weigelschen Ratschläge wurde ihr, bei allem Vertrauen zu dem Notarius, nach längerem peinlichen Nachdenken doch fraglich. Daß es für den Ausgang ihres Prozesses gleichgültig war, ob sie gestand oder nicht, das wußte sie längst. Aber daß die Schritte zu ihrer Rettung besseren Erfolg versprachen, wenn man sie erst nach geschehener Verurteilung that – diese verzwickte und nur durch die willkürlichste Beugung des Rechts ermöglichte Sachlage schien ihr mit jedem Augenblick unbegreiflicher.

Zuletzt gewann sie die Ueberzeugung, Rolf Weigel selber sei vollständig hoffnungslos, er habe ihr nur die Pein abkürzen und ihr eine betrügliche Kraft mit auf den Weg geben wollen.

Der Kampf der Verzweiflung aber, der ihr so stürmisch die Brust durchtobte, währte nur kurze Zeit. Dann stumpfte sich alles ab in ruhige, willenlose Ergebung. Sie war nun mit sich und der Welt fertig. Von dem Notar wußte sie, daß ihr Vater noch immer todsterbenskrank lag, und daß Doktor Ambrosius vom Tribunal verfolgt, aber glücklich entkommen war. Es erfüllte sie anfangs mit unendlichem Weh, daß sie die beiden geliebten Menschen nicht noch einmal ans Herz drücken und ihnen sagen durfte, wie sie noch in der letzten Minute ihrer gedenken und die Liebe zu ihnen mit hinaufretten würde ins Reich der Verklärung. Dann aber fand sie sich auch mit dieser Schicksalsfügung zurecht. Gott der Allmächtige hatte es so gewollt. Seine himmlische Huld würde die teuren Vereinsamten trösten und den wühlenden Schmerz mit der Zeit mildern. Vielleicht – und beinahe wünschte sie das – nahm Gott ihren Vater bald zu sich. Es dünkte ihr schon eine himmlische Wohlthat, daß ihm die Glut des Fiebers jetzt gerade den Geist umnachtete. Gustav Ambrosius aber war noch so jung! Der konnte von diesem Leid noch genesen – und nach Jahren vielleicht glücklich werden im Besitz einer andern …

Sie betete viel während dieser entsetzlichen Zeit. Das Bild ihrer verstorbenen Mutter, das ihr damals in jener glücklich-seligen Abendstunde nach der Verlobung so greifbar lebendig vor die Seele getreten war, umschwebte sie jetzt zu allen Stunden mit seiner trostreichen Allgegenwart.

(Fortsetzung folgt.)

[580] 0


Blätter und Blüten.

Marconis Telegraphie ohne Drahtleitung. (Mit Abbildung.) Die seit der Entdeckung der elektrischen Wellen durch den verstorbenen deutschen Physiker Hertz schon öfter angestellten Versuche ohne eine Drahtleitung zu telegraphieren, haben neuerdings durch eine weitere Entdeckung des Italieners Marconi großes Aufsehen erregt. Die in London und an der englischen Küste vorgenommenen Versuche sind von den bedeutendsten Physikern, u. a. von W. H. Preece, der in der Royal Institution und von Professor Slaby, der in der Technischen Hochschule zu Berlin darüber berichtete, mit Interesse verfolgt worden. Marconis Erfindung beruht hauptsächlich auf einem sehr empfindlichen sogenannten Empfänger, der Hertzsche elektrische Wellen, die sich in gerader Linie gleich den Lichtstrahlen fortpflanzen, auf große Entfernungen hin nachweist und hörbar macht. Dieser Empfänger besteht aus einem Glasröhrchen von 4 cm Länge, das ziemlich luftleer gemacht ist und zwei bis auf ½ mm einander genäherte Drähte enthält. Die Wirkung dieses Empfängers hat Marconi dadurch bedeutend erhöht, daß er den freien Raum der Röhre mit einer Mischung von Feilspänen ausfüllte, die neben 96% Nickel gegen 4% Silber und Spuren von Quecksilber enthalten. Schon früher hatte Lodge einen ähnlichen Apparat zur Aufnahme Hertz’scher Wellen konstruiert, der jedoch an dem Uebelstand litt, daß die Späne nach jedem einzelnen Signal aneinander hafteten und die weiteren Zeichen abschwächten. Marconi hat, um dies zu vermeiden, die Röhre mit einem elektrischen Klopfer ausgestattet, der ihren Inhalt selbstthätig nach jedem Signal wieder durchrüttelt. Der zu diesem Empfänger gehörige Geber, der an der Primärstation zum Absenden der Signale gebraucht wird, ist ein von Professor Righi verbesserter Hertz’scher Funkenapparat, der zwischen zwei faustgroßen Messingkugeln Funken von 2 mm Länge giebt. Es ist mit ihrer Hilfe schon jetzt möglich, aus Entfernungen bis zu 10 oder mehr km zu telegraphieren; und es liegt kein Grund vor zu zweifeln, daß sich diese Entfernung bei feineren Apparaten beliebig weiter stecken läßt.

Marconi und sein Telegraphenapparat.

Dabei ist kein zwischenliegendes optisches Hindernis imstande, die Wirkung aufzuheben. Preece telegraphierte mit dem marconischen Apparat über den 13 km breiten Kanal von Bristol, aber die Signale drangen ebensogut und aus ähnlichen Entfernungen durch Mauern und Hügel hindurch und Marconi selbst gab im Gebäude des Hauptpostamtes zu London Depeschen auf, die acht starke Wände durchdringen mußten, um an ihr Ziel zu kommen. Neuerdings hat Professor Slaby in der Technischen Hochschule zu Berlin einen von ihm selber erbauten Marconischen Apparat vorgeführt und z. B. von seinem Wohnhause in Charlottenburg nach einem Auditorium der Technischen Hochschule Telegramme mit vollkommener Deutlichkeit gesendet. Der Erfinder glaubte an die Möglichkeit, die Apparate so zu verstärken, daß in London aufgegebene Depeschen nach New York sogar hörbar sein würden. Es wäre nun freilich schön, wenn man ohne Kabel über die Weltmeere telegrafieren könnte, aber so schnell vermögen wir doch an die versprochene Umwälzung nicht zu glauben. Die Telegraphie ohne Draht besitzt bis jetzt auch noch ihre Nachteile und Fehler vor allem den, daß die erregten Wellen sich nicht nur nach einer sondern nach allen Richtungen zugleich ausbreiten und mit geeigneten Apparaten überall aufgefangen werden können, gewiß eine sehr indiskrete Art des Depeschierens. Bw.     

Das Freiligrathhaus in Aßmannshausen. (Zu dem Bilde S. 565.) Zu Füßen des Niederwalds, von dessen Höhe das hehre Standbild der Germania als Wacht am Rhein auf die Fluten des herrlichen Stromes herabgrüßt, liegen rechts und links zwei Orte, die auf der Ruhmestafel des Rheinweins hoch oben stehen: Rechts breithingelagert das stattliche Rüdesheim, links eingeschmiegt in die Mündung des Hellenthals das kleinere Aßmannshausen. Während aber der goldne Rüdesheimer in anderen Rheingauer Marken bedeutende Rivalen hat, genießt der Aßmannshauser unter den Rotweinen des Rheingaus den ungeschmälerten Ruf, an Feuer, Kraft und Milde der allerbeste zu sein. Und dieser Aßmannshäuser Rote mit seinem Rubinglanz hat noch eine ganz besondere Weihe durch einen der besten deutschen Dichter erhalten, durch Ferdinand Freiligrath. In dem alten kleinen Wirtshaus zur „Krone“, das heute noch im Ort neben dem stattlichen Gasthof gleichen Namens, ein Wahrzeichen altrheinischer Herbergspoesie, steht, wohnte in den Frühlingstagen des Jahres 1844 dieser tapfre „Ritter vom Geist“ und brachte sein „Glaubensbekenntnis“ zum Abschluß, jene Sammlung von heiliger Begeisterungsglut entflammter Freiheitslieder, die in der „Stickluft“ jener Tage wie ein erlösendes Gewitter wirkten. Als „Vierundvierziger Aßmannshäuser“ bezeichnete der Dichter in seinem poetischen Vorwort diese feurigen Poesien. Seitdem ist vieles zur schönen Wirklichkeit geworden, was damals nur ein berauschender Dichtertraum war. Und während jetzt auf der Höhe des Niederwalds die triumphierende Germania die neugewonnene Kaiserkrone hoch in die Lüfte hält, darf das kleine schiefergedeckte Giebelhäuschen der alten „Krone“ unten als Denkmal gelten für den Anteil, den die Poesie unserer patriotischen Freiheitsdichter an den Kämpfen gehabt hat, die zur Erfüllung des Ideals eines in Freiheit geeinten Deutschen Reiches führten. Als vor drei Jahren ein Halbjahrhundert zu Ende ging seit jenem Frühling, in welchem Freiligrath sein „Glaubensbekenntnis“ am Rheinesufer gesungen, ist das Gebäude denn auch in diesem Sinne mit einer Büste des Dichters geschmückt worden. Emil Rittershaus, der nun auch verstorbene Rheinlandsänger hielt dabei die poetische Weiherede, die zündenden Verse derselben hat die „Gartenlaube“ (vergl. Jahrgang 1894. Seite 356) damals zum Abdruck gebracht.

Unsere heutige Abbildung des Häuschens selbst vergegenwärtigt gar stimmungsvoll die malerisch idyllische Lage, deren es sich von jeher erfreut. Indem es der Maler abgelöst vom verkehrsreichen Strom und im Zusammenhang mit dem lauschigen Hellenthal darstellt, läßt er so recht ins Auge fallen warum gerade dieses Wirtshaus am Rhein, wo doch so viele des „Herrgotts Arm“ ausstrecken, eine so bevorzugte Poetenherberge geworden. Sie war dies schon im vorigen Jahrhundert; in dem unsrigen sind schon vor Freiligrath Karl Simrock und Hoffmann von Fallersleben Stammgäste der „Krone“ gewesen; später wurde dies in ganz besonderen Grade Emil Ritterhaus, dessen schönste Rhein- und Weinlieder gleichfalls hier entstanden und der auch die letzten glücklichen Poetentage seines Lebens hier verbracht hat. Seiner Anregung ist es zu danken, daß das Zimmer, in welchem einst Freiligrath wohnte, vom jetzigen Besitzer in seinem damaligen Zustand wiederhergestellt und mit allerhand Andenken an Freiligrath ausgestattet wurde. Der schmucke Erker und das nächste Fenster auf unserer Ansicht gehören zu dem Zimmer, zwei weitere Fenster gehen nach dem Rhein hinaus und gewährten dem Dichter den Anblick des geliebten Stromes, dem der plätschernde Rehlingsbach unterhalb der Fenster vom Hellenthal aus zueilt. Der Berg links vom Eingang in dieses heißt der Hellenberg, und hier wächst die beste Marke, der „Hinterkirch“, vom Aßmannshäuser Roten. P.     

Abendgebet in der Wüste. (Zu dem Bilde S. 568 und 569.) Unsicher ist das Leben in der Wüste. Wer die Städte und Dörfer der Oasen in der Sahara verläßt, sieht sich auf Schritt und Tritt von Gefahren umlauert. Mehr noch als den Samum, der die Brunnen verschüttet, hat der Mensch den Menschen zu fürchten, denn Raub und Totschlag stehen bei den Wüstenmenschen auf der Tagesordnung und nur Stärke und Wachsamkeit schützen die Karawanen vor räuberischen Ueberfällen. – Die Kundschafter der Karawane auf unserem Bilde, die an einem Brunnen Rast hält, haben im Laufe des Tages in weiter Ferne verdächtige Gestalten erspäht, Feinde umkreisen die friedlichen Händler und mit Besorgnis sieht man der kommenden Nacht entgegen. Im Angesicht der Not suchen die geängstigten Herzen Zuflucht im Gebet. Das vorgeschriebene Abendgebet der Moslim scheint schon zu Ende. Aber ein Teil der Leute liegt noch auf den Knieen und der Vorbeter sucht weiter den Schutz des Allmächtigen herbeizuflehen. Die Bewegung, die er gerade ausführt ist für die Betenden vom Propheten nicht vorgeschrieben; es ist jedoch die Gebärde, die jeder flehende Mensch ausführt und besser, deutlicher als eingeübte Zeichen drückt sie die Not und die Inbrunst des Betenden aus. – Dunkel wie die Nacht, die bald über die stille Wüste hereinbrechen wird, sind die Wege des Schicksals, aber beruhigt wird der Führer die Karawane durch die menschenleere Einöde leiten, denn das Vertrauen zu dem Lenker der Welt hat sein Herz wieder aufgerichtet.*      


Inhalt: [ Inhalt der Wochen-Nr. 34/1897 ]



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner in Stuttgart. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.
Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.