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Die Gartenlaube (1894)/Heft 1

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1894
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]

Nr. 1.   1894.
      Die Gartenlaube.


Illustriertes Familienblatt. — Begründet von Ernst Keil 1853.

Abonnements-Preis: In Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf. In Halbheften, jährlich 28 Halbhefte, je 25 Pf. In Heften, jährlich 14 Hefte, je 50 Pf.


Vor der Gartenlaube.
Nach einer Originalzeichnung von Hermann Koch.

Die Martinsklause.

Roman aus dem 12. Jahrhundert.
Von Ludwig Ganghofer.


1.

Eine stille Sommernacht war hingegangen über die Berge, und der Tag wollte kommen.

Ueber die regungslosen Wipfel der alten, schwer mit Moos behangenen Fichten fiel schon ein graues Licht und zitterte durch alle Lücken des steilen Waldes. Einzelne Vogelstimmen ließen sich schüchtern vernehmen. Sonst lautlose Stille. Nur in weiter Ferne das gleichmäßige Rauschen eines Wildbaches und manchmal ein helles Klirren, wenn die beiden Männer, die auf schmalem, häufig von dürrem Astwerk versperrten Wildpfad durch den Wald emporstiegen, mit den gestachelten Bergstöcken die schwellende Moosdecke durchbohrten und auf Stein gerieten.

Voran stieg ein Alter mit gebeugtem Rücken und schwerfälligem Schritt; die Beine waren mit verwittertem Ziegenfell umschnürt, den Körper bedeckte ein Hemd aus grobem Hanftuch mit fransig ausgerissenen Aermeln, und darüber hing eine graue rauhhaarige Kotze. Ein Gesicht war kaum zu erkennen; bis tief in die Wangen wucherte der graue struppige Bart, wie Dächlein hingen die weißen Brauen über die Augen herab, und unter der abgegriffenen Lederkappe quollen in dicken Büscheln die schneeigen Haare hervor. Gewand und Arme des Alten waren mit Ruß bestäubt; denn die Kohlhütte war sein Haus und Heim. Das verriet auch der Name, mit welchem der hinter ihm Schreitende, ein Mönch im schwarzen Ordenskleid der Augustiner, ihn anrief: „Kohlmann!“

„Herr?“ fragte der Alte, ohne sich umzuwenden.

„Wie lange dauert der Wald noch?“

„Nimmer lang. Dann kommen die Alben[1]. Und eh’ die Sonn’ noch aufgeht, stehen wir droben auf dem Fels, von dem Du das ganze Land überschauen kannst, das die Grafengademer Dir geschenkt haben.“

„Nicht mir! Der Kirche!“ sagte der Mönch; ein tiefer Atemzug schwellte seine Brust, seine Augen blitzten, und weiter holte er mit dem Bergstock aus, als triebe ihn heiße Ungeduld dem Ziel entgegen.

Scharf umrissen hob sich die schlanke hohe Gestalt im schwarzen Kleid vom grauen Dämmerlicht des Waldes ab. Die Kutte war mit ledernem Gurt geschürzt und zeigte die nackten Füße mit den eisenbeschlagenen Sandalen; beim Führen des Bergstockes fielen die faltigen Aermel zurück und entblößten die Arme: sie waren sehnig und sonnverbrannt, die Hände noch gebräunter und schwielig von harter Arbeit. Das unbedeckte Haupt war nach strenger Regel geschoren; doch war wohl schon manche Woche vergangen, seit die Schere diesen Kopf berührt hatte, denn in dem Ring von

[2] Haaren, der vom Nacken aus die Stirn umzog, begannen sich schon wieder schüchterne Locken zu zeigen. Noch lichter als das blonde Haupthaar war der reiche Bart, der die Wangen umkräuselte und in zwei Spitzen auslief. In dem von der Wanderung leicht geröteten Antlitz, aus welchem die blauen Augen wie zwei Sterne strahlten, vermischte sich der Ernst des gereiften Mannes mit der träumerischen Weichheit eines Knabengesichtes. Auch in der ganzen Erscheinung, in jeder Bewegung zeigte sich ein gleicher Gegensatz: abgeklärte Ruhe und Gemessenheit, und dennoch treibendes Leben und jugendliche Kraft, die sich äußerte und gleichsam wieder selbst bezwang bei jedem Schritt, in jeder Wendung des Hauptes, in jedem Griff der Hände.

Immer heller wurde der Wald, und über die zerflossenen Wolken, die am Himmel schwammen, fiel eine leuchtende Röte. Der Kohlmann deutete mit dem Bergstock nach einer nahen Lichtung. „Dort liegen die Alben, Herr!“

„Herr und immer Herr!“ erwiderte der Mönch mit herzlichem Klang in der Stimme. „Ich bin nicht zu Euch gekommen als neuer Herr. Ich will Euch sein wie ein Bruder. Nenne mich bei meinem Namen: Eberwein!“

Der Kohlmann blickte sich um und lachte, als hätte er einen Scherz gehört, dann schüttelte er den Kopf und stieg weiter.

„Und Dein Name?“ fragte der Mönch.

„Eigel heiß’ ich. Aber ich hör’ den Namen nicht oft. Die Leut’, die sagen halt, wie Du sagst: Kohlmann!“

„Und wie nennt Dich Dein Weib? Wie Deine Kinder?“

„Gar nicht!“ lachte der Alte und wandte das Gesicht. „Denn ich hab’ meiner Lebtag’ kein Weib und Kind gehabt.“

Der Mönch sah ihn mit staunenden Augen an. Womit dann hast Du Dein Leben ausgefüllt?“

„Mit Schlaf bei der Nacht, mit Schaffen am Tag. Muß denn eins Weib und Kind haben? Du hast doch auch kein Weib, Herr, und Kinder, mein’ ich, hast Du wohl auch nicht?“

Eberwein lächelte. „Ich habe tausend Kinder: alle Menschen, die ich liebe.“

„Da hast aber viel zu schaffen, mit so viel Lieb’!“ meinte der Alte und nickte mit leisem Kichern vor sich hin.

Eine Weile stiegen sie schweigend weiter, dann blieben sie lauschend stehen. Sie hörten das helle Wiehern eines Pferdes und gedämpften Hufschlag, der sich näherte und wieder verklang. In der Stille des Urwaldes hörten diese Laute sich an schier wie ein Klang aus einem Märchen.

„Ein Pferd in solcher Höhe, in dieser Oede?“ fragte Eberwein.

„Es mag wohl von Wazemanns Söhnen einer sein, der ins Gejaid geritten, oder …“ die Stimme des alten Kohlmanns dämpfte sich, „oder es war von König Wutes Helden einer, der vor Tag wieder heimreitet in sein Berghaus.“

Auf Eberweins Stirne zeigte sich eine unmutige Furche. „Du redest Thorheit, Eigel!“

„Thorheit, Herr? Es ist der Untersberg, auf dem wir stehen! Und das weiß doch ein jedes Kind im Gadem, daß innen drin der ganze Berg ein einziges Gehöhl ist, eine Kemenat’ an der andern, die eine goldig und die andere silberig. Und da drinnen haust mit seinen tausend Helden der König Wute. Der hat nur ein einzig Aug’ und sitzt an einem steinernen Tisch und kann nicht aufstehen, denn sein langer Bart ist zweimal um den Tisch gewachsen. All’ hundert Jahr’ schickt er von seinen Helden einen hinauf in die Welt, und wenn der heimkehrt, fragt ihn der König. ‚Fliegen die Raben noch allweil um den Berg?‘ Und wenn der Bote sagt: ‚Wohl wohl, Herr König!‘ … dann seufzet Wute, daß die Berg’ davon erzittern, und sagt: ‚So muß ich noch schlafen hundert Jahr’!‘ Dann macht er sein Aug’ wieder zu, und der lange Bart hebt wieder zu wachsen an.“

„Schweig!“ unterbrach ihn Eberwein mit harter Stimme. „Ich will solche Rede nicht länger hören!“

Der Alle streifte den Mönch mit scheuem Blick. „Es ist doch Wahrheit, was ich red’! Ich hab’s von meiner Aehnl[2], und die hat’s von ihrem Vater. Und bist Du nicht selber, auf dem Weg von der Salzaburg, über das Walser Feld gewandert? Hast Du nicht selber den dürren Birnbaum gesehen? Er schaut sich an wie ein toter Baum und hat kein Blattl nimmer und keinen Ast. Aber wie das Feuer im Stein, so steckt noch in ihm drin das Leben und die Wachskraft, und einmal, wenn’s schier keiner nimmer hofft, wird der Baum ausschlagen und Laub treiben. Dann wird der alte Wute aus seinem Schlaf erwachen und wird hervorkommen aus dem Berg mit seinen tausend Helden und wird auf dem Walser Feld seinen Schild an den Birnbaum hängen. Und dann wird die gute Zeit wieder anheben für uns arme Leut’ … und keiner mehr wird ein Herr sein und keiner ein Knecht. Und alles, was Leid und Weh heißt, wird weggeblasen sein von der Welt, und jedem wird sein Blüml blühen und ein Glück wachsen.“ Die Stimme des alten Kohlmanns zitterte.

Mit hartem Griff umspannte Eberwein den Arm des Alten. „Eigel! Du bist kein Christ!“

Der Kohlmann nickte. „Doch, Herr, doch! Mein Vater ist älter geworden, als ich bin, und ist auch schon einer gewesen. Und wie ich zwanzig Jahr geworden bin, hab’ ich hinein müssen auf die Salzaburg, und da haben sie mir auch das Wasser über den Kopf geschütt’.“

Eberwein stand auf seinen Stab gestützt, tiefe Kümmernis in den Blicken, mit denen er dem Kohlmann folgte. „Fester sitzen nicht die Wurzeln der Eiche in den Runsen des Gesteins als die alten Mären in dieser Menschen Herzen. Will einer sie roden mit Gewalt, er reißt auch die beste Erde mit und läßt nur kahlen Grund zurück, steinig und unfruchtbar. Und gute Erde muß doch bleiben, soll die Lilie gedeihen an Stelle der Distel!“

„Herr, warum kommst Du nicht?“ rief der Kohlmann von einem Steinwall herab, den er mühsam erklettert hatte.

„Ich komme, Eigel!“ Und Eberwein folgte mit raschen Schritten.

„Wir müssen eilen, Herr, die Sonn’ will steigen!“ mahnte der Alte. „Und wir haben noch ein hartes Stückl Weg bis dort hinauf. Schau nur!“ Er deutete mit dem Bergstock nach einer steilen Felszinne, die sich hoch über ihnen mit silberigem Grau in die rotschimmernden Lüfte hob.

Sie wanderten und stiegen.

Als Eberwein, seinem Führer voraneilend, den Fuß auf die Zinne der kahlen Felsen setzte, tauchte über den Kamm der jenseit eines weiten Thals gelegenen Berge die Sonne empor, groß und strahlend, brennende Pfeile über den Himmel schießend, alle Spitzen der Berge überflutend wie mit glühendem Erz. Von schimmerndem Glanz umwoben, stand Eberwein auf seinen Stab gestützt, und im frisch anziehenden Morgenwind flatterten die Falten seines priesterlichen Kleides.

Vor seinen Füßen senkte sich der Fels in schwindelnde Tiefe, sich verlierend in wirres Gestrüpp und in den dunklen Fichtenwald, welcher alle Rippen und Rinnen der weit sich hinziehenden Berghänge umschlang wie ein grünes Gewand. Je tiefer der Wald sich senkte, desto häufiger mischte sich zwischen die finstere Farbe der Nadelbäume das lichtere Grün der Buchen und Eichen, und wo es zu siegen begann, dehnte sich in farbenbunter Schönheit, überschleiert vom ziehenden Morgennebel, ein stundenweites kesselförmiges Thal, von welchem die schmäleren Seitenthäler nach allen Richtungen griffen wie die gespreizten Finger einer riesigen Hand. Weiß blinkten die schäumenden Bäche, und aus versteckten Bergwinkeln lugten stille Seespiegel empor wie große blaue Augen, die im Erwachen den Tag bestaunen. Und zwischen Wald und Matten spärlich und weit zerstreut, winzig klein und im Morgenschatten nur schwer erkennbar, zeigten sich dunkle Gevierte - die braunen Moosdächer menschlicher Wohnungen. Das mußten armselige Hütten sein, und dennoch winkte jedes dieser Dächer herauf zur starren Bergeshöhe wie ein freundlicher Gruß des Lebens. Und rings umher, das weite Thal im Kreis umspannend, hoben sich die grauen Felsen, steil und ragend, miteinander verwachsend und wieder sich klüftend, bald eine gezahnte Wand, bald eine plumpe Kuppe, bald eine scharfe Zinne in den Himmel streckend, und hinter den Bergen wieder Berge, einer höher als der andere, ein steinernes Volk mit tausend Häuptern, die einen behangen mit grünem Schmuck, die anderen wie vor Alter weiß. Und mitten unter ihnen, alle anderen überragend, erhob sich ein gewaltiger Riese, steil aufgetürmt zur Pyramide, von der Spitze bis herunter zum grünen Wald von Eis und Schnee umgossen, wie blankes Silber leuchtend im Glanz der Morgensonne.

In Eberweins Augen standen die Thränen. Aus seinen zitternden Händen sank der Stab, und seine Arme hoben sich zum Himmel. „Herr, wen Du lieb hast, den lässest Du fallen in dieses Land! Hier laß mich leben und schaffen in Deinem Dienst … und wenn mein Werk gelang – hier laß mich sterben!“ Mit [3] schluchzendem Laut erloschen seine Worte; überwältigt von der Empfindung dieser Stunde, schlug er die Hände vor das Antlitz und weinte in heißer Freude.

„Herr, was ist Dir?“ fragte der Kohlmann.

Doch Eberwein hörte nicht. Wangen und Bart von schimmernden Zähren betropft, ließ er die Hände sinken, athmete tief, drückte die zitternden Fäuste auf seine schwellende Brust, und wieder trank er mit leuchtenden Blicken die Schönheit des ihm zu Füßen gebreiteten Landes - seines Landes, zu dessen Fürst und Hirten er berufen war.

Fürst dieses herrlichen Landes! … …

Das hätte wohl der vierzehnjährige Knabe, der vor zwanzig Jahren auf den Almgehängen des Karwendel die Geißen hütete, auch im Traum nicht geahnt, daß ihn der versteckte Wildpfad, auf dem er einen verirrten Mönch zu Thal geleitete, bis zu solcher Stelle führen würde. Der Verirrte, das war Herr Gosbert gewesen, der Abt zu Scharnitz, ein freundlicher Greis, auf der Suche nach heilsamen Kräutern hatte er Weg und Richtung verloren und war in pfadloses Gestein geraten. Da hörte er die singende Stimme des Geißbuben, der in der brütenden Sonne auf einem Felsblock hockte, halbnackt, mit gebräunter Haut, das brennende Gesicht umfilzt von einer Wirrnis blonder Locken, mit kurzem Messer an einer Zirbenwurzel schnitzend. Als der Bub den Mönch erblickte, erschrak er, daß ihm Holz und Messer aus den Händen fielen. Kaum aber hörte er, daß Herr Gosbert einen Führer nötig hätte, da lächelte er und nickte. „Komm’ nur, Herr, komm’, ich führ’ Dich schon heim!“

„Weißt Du denn auch den Weg zum Kloster?“

„Ich komm’ doch all’ Jahr’ zweimal dran vorbei, wann ich auftreib’ zur Alben und wann ich heimtreib’!“

„Heim? Wohin?“

„Hinüber ins Garmischgau! Weit, Herr, weit hinüber, bis zum Wertofels! Wohl wohl, sell bin ich daheim.“

So plauderten sie weiter, während sie niederstiegen durch den dunklen Bergwald. Der Abend dämmerte schon, als sie das Kloster erreichten, und der Geißbub mußte nächtigen im heiligen Haus. Er durfte im Refektorium an der Tafel des Abtes sitzen, der an dem heiteren aufgeweckten Buben seine helle Freude fand. Lachend füllte Herr Gosbert den hölzernen Teller des Knaben, und da aß der Bub und aß, bis ihm die Schweißtröpflein auf die Stirne traten … er getraute sich nicht aufzuhören, weil immer noch etwas auf dem Teller lag. Nach dem Mahle nahmen die Mönche den Buben in ihre Mitte und hatten Kurzweil mit ihm. „Wie heißt Du?“ fragten sie.

„Eberwein.“

Da lachten sie. „‚Freund des Ebers‘! Der muß gut stehen mit den wilden Sauen! Einen schönen Namen hat Dein Vater für Dich ausgesucht.“

Er schaute sie mit großen Augen an. „Ich hab’ keinen Vater.“

„Keinen Vater? Wem gehörst Du dann? Deiner Mutter, gelt?“

Er schüttelte den Kopf. „Dem Wertofelser Burgherrn bin ich hörig - ich hab’ keine Mutter.“

Nun lachten sie wieder. „Schauet den Buben an! Der hat nicht Vater und Mutter und ist doch zur Welt gekommen! Wie ist denn das nur zugegangen?“

„Ich weiß schon; die Diemud hat mir’s gesagt.“

„Die Diemud? So? Und wer ist denn das?“

„Die Alberin.“

„Und was hat sie gesagt?“

„Sie hat gesagt, die Hulfrau hätt’ mich aufgefischt in ihrem Kindelteich und hätt’ mich auf der Straß’ verloren, bevor sie zu dem Haus gekommen ist, in das sie mich hat tragen wollen.“

Da machten die einen ernste Gesichter und schüttelten die Köpfe; die anderen aber lachten, und während Herr Gosbert schweigend aufhorchte, fragten sie: „Wer hat Dich denn gefunden?“

„Der alte Ostalar von Eibinsee, der Ferchenfischer. Auf der Romstraß’ hat er mich gefunden, die bei der Partenkirch’ vorbeigeht, mitten drin im Buchwald, als ein winzigs Kindl. Und eine Wildsau ist über mir gestanden, und derweil ich alleweil geschrien hab’, hat sie mich umgekugelt mit dem Rüssel. Aber wie sie den Ostalar gesehen hat, ist sie davongelaufen und er hat mich aufgehoben und hinaufgetragen in den Wertofelser Burgstall. Dort hat er alles erzählt, wie’s gewesen ist, und drum haben sie mich Eberwein getauft. Und so bin ich halt aufgewachsen.“

„Bei der Diemud?“ fragte lachend einer der Brüder.

„Nein, Herr, bei den Geißen im Stall.“

„Ohne Vater, ohne Mutter!“ flüsterte Pater Azzo, ein greiser Mönch, und streifte zärtlich mit der zitternden Hand über den Scheitel des Knaben. Der Bub wurde still und machte scheue Augen. Aber Herr Gosbert faßte ihn bei der Hand und zog ihn an sich. „Nicht ohne Vater! Nein, Eberwein, einen Vater hast auch Du. Oder kennst Du ihn nicht? Schau hinauf zu ihm!“ Und Herr Gosbert deutete zur Höhe.

Eberwein hob die Augen, starrte das mit Schnitzereien verzierte Gebälk der Decke an und fragte mit verlegenem Lächeln: „Hockt er da drin im Holz oder ist über der Decken noch eine Stub’, wo er hauset?“

Ein Gelächter erhob sich, daß es einen Hall gab an den Wänden. Sogar Herr Gosbert schmunzelte, und als es wieder stille geworden war, fragte er. „Sag’, Eberwein, was meinst Du wohl, daß aus Dir noch werden soll?“

Da leuchtete das Gesicht des Buben: „Zwei Jahr’ noch muß ich die Geißen hüten, aber dann, Herr, wenn ich noch gewachsen bin um eine Spann’ und so starke Arm’ hab’, daß ich den Näbiger[3] werfen und das große Netz ziehen kann, dann will mich der alte Ostalar in die Lehr’ nehmen, und ich soll ein Fischer werden.“

„Ja, Eberwein, ein Fischer sollst Du werden!“ Herr Gosbert erhob sich und legte die Hand auf des Knaben Schulter. „Aber nicht ein Fischer, der nach Hecht und Ferchen geht, sondern einer, der Seelen fischt. Sag’, Eberwein, gefällt es Dir im Kloster? Möchtest Du nicht bleiben bei uns?“

Der Bub machte verdutzte Augen zu diesen Worten, dann aber streifte er mit flinkem Blick den Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen - - all’ Tag essen wie die Klosterleut’, warum hätt’ ihm das nicht gefallen sollen?

Lärmend umdrängten ihn die Mönche, und Herr Gosbert wiederholte seine Frage. „Möchtest Du nicht bleiben bei uns?“

Da drückte der Bub das Kinn auf die Brust und stotterte: „Wohl wohl, Herr, ich möcht’ schon, wenn ich nur dürft’!“

„Dein Wille ist Dein Recht! So bleib’ und trage das Kleid der Kirche, das Dich löset von aller Knechtschaft.“ Herr Gosbert wandte sich zu einem der Mönche. „Reich’ mir einen Denar!“ Der Mönch nestelte einen ledernen Beutel von der Kuttenschnur und reichte dem Abt eine blinkende Münze. Schweigend standen die andern umher. „Soviel ist Deine Knechtschaft wert!“ sagte Herr Gosbert und legte den Denar in Eberweins offene Hand. Eine dunkle Röte überfloß das Gesicht des Buben; doch als er die Finger schließen wollte, schlug ihm Herr Gosbert die Münze aus der Hand, daß sie bis an die Decke flog, klirrend niederfiel und über die Dielen in einen Winkel rollte. „Nimmer hörig bist Du, von Dir abgefallen ist die Knechtschaft, Eberwein Frymann sollst Du heißen von Stund’ an und ein Sohn des Klosters sein!“

Der Knabe stand und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Gosbert zog ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn. Dann winkte er jenen greisen Mönch herbei. „Nimm den Knaben, Azzo, ich geb’ ihn in Deine Hut, denn ich hab’ es wohl gesehen. Dein erster Blick für ihn war Liebe. Nimm ihn und schaff’ ihm ein Lager in Deiner Zelle! Scher’ ihm die Locken und reich’ ihm ein Scholarenkleid!“

Pater Azzo schlang den Arm um den Knaben und zog ihn zur Thüre. „Komm’, Büebli, komm’,“ flüsterte er ihm ins Ohr, „ich will Dir ein Vater sein, ein guter, weißt … sollst Dir keinen besseren wünschen!“

Eberwein ließ sich führen; er schien von allem, was mit ihm geschah, nur das eine zu begreifen, daß er im Kloster bleiben sollte, und das schien ihm Freude zu machen, denn er lächelte. Doch als er die Thür erreichte, flog es jählings wie Schreck über seine frischen Züge. Er wandte sich um und stammelte. „Herr, Herr, wenn ich bleib’, wer soll denn morgen meine Geißen betreuen?“

Herr Gosbert lächelte. „Sei ohne Sorge, vor Tag’ noch schick’ ich einen Hüter hinauf.“

Eberwein besann sich, dann sagte er: „Aber gelt, Herr, mußt ihm einreden, daß er nicht unmütig thut mit ihnen. Ich hab’ nie hüten mögen mit Stecken und Geißel, sie hören all’ auf gute Wort’!“

Freundlich nickte Herr Gosbert. „Das will ich ihm sagen.“

„Und wenn er hinaufkommt, soll er das Messer suchen, das

[4]

Der Brautzug.
Nach einem Gemälde von Ludwig Herterich.

[5] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [6] ich hab’ liegen lassen . . und . . . und der Diemud soll er sagen, daß ich sie grüßen thu’, und sie soll mich bald heimsuchen!“

Da lachten die Mönche wieder, auch Pater Azzo schmunzelte, während er den Knaben mit sich fortzog. An der Hand führte er ihn durch eine dunkle Halle. Sie betraten eine kleine kahle Zelle; von der Decke nieder hing eine irdene Ampel, deren winziges Licht eine matte Helle über die Wände zittern ließ.

Pater Azzo hieß den Knaben sich auf das Strohbett niedersetzen und holte die Schere. Als die erste Locke fiel und das kalte Eisen Eberweins Stirn berührte, überlief den Knaben ein Schauer. Zitternd sprang er auf und rannte zur Thüre; dort blieb er stehen und blickte scheu zurück.

„Was hast denn, Büebli? Komm doch . . .“

„Muß denn das sein, Herr?“

„Freilich, das muß sein.“

Da kehrte Eberwein zögernd zurück, setzte sich nieder und hielt geduldig still. Pater Azzo schor ihm das Haupt – das war eine schwere Arbeit. Und während die Schere knirschte und die blonden Locken fielen, kollerten dicke Zähren über die Wangen des Knaben.

Zwanzig Jahre waren vergangen seit jenem Abend. Aus dem Geißbuben vom Karwendel war ein Priester geworden, dessen frommer Eifer und hohes Wissen gerühmt wurde, dessen Name einen gar hellen Klang hatte zu Tegrinsee und Buren, zu Ammergau und Altomünster, zu Seon und Raitenbuch, in allen Klöstern der bayerischen Lande, sogar am Hofe des Fürsten. Als Herzog Welf in schwerer Krankheit lag, wurde Eberwein zu ihm berufen als Beichtiger und Tröster, doch als der Herzog genas und den jungen Priester, dem er Freund geworden war, mit Ehren und Würden überschütten wollte, bat Eberwein: „Lasset mich ziehen, Herr! Ich tauge nicht zu Hofe. Ich bin geboren zu Arbeit und schwerem Werk. Mich sehnt nach Kampf und Schaffen, ich will pflügen und säen auf Gottes weitem Feld!“ Wie rasch nun hatte dieser Wunsch sich erfüllt!

Vom Hofe war Eberwein nach Raitenbuch gezogen und der eifrigste Förderer des jung entstandenen Klosters geworden. Da kam die Botschaft, daß Gräfin Adelheid von Sulzbach, auf dem Sterbebett ein Gelübde ihrer Mutter erfüllend, ein großes Land, das in stundenweiter Ferne von der Salzaburg tief in den Bergen lag, dem Orden des heiligen Augustinus als „Seelengerät“ zur Gründung eines neuen Klosters gewidmet hätte. Der „Berchtersgadem“, so heiße das Land. Die Brüder zu Raitenbuch hatten diesen Namen noch nie gehört, niemand wußte von diesem Lande. Als die Brüder Umfrage hielten, erfuhren sie: das sei eine wilde und rauhe Gegend, von finsteren pfadlosen Wäldern bedeckt, umschlossen von riesigen Bergen, wohl bringe der Sommer schöne Zeiten über das Thal, doch unerträglich sei der Winter mit seinen Stürmen, seinem grimmigen Frost und seinem alles erstickenden Schnee. Die wilden Tiere, Wölfe, Bären, Sauen und Luchse, seien hier so zahlreich wie im ebenen Land die Ziegen und Schafe; und bewohnt sei das unwirtliche Land nur von ein paar hundert Menschen, armseligen Hirten, Jägern und Fischern, die im zähen Kampfe mit der rauhen Natur ein kümmerliches Leben fristeten, halb noch versunken in der Nacht des Heidentums; über diese Menschen herrsche mit grausamer Strenge ein Manne der Grafen von Sulzbach, Herr Waze vom Falkenstein.

Mit Kopfschütteln hörten die Brüder zu Raitenbuch diese Nachricht. Solch ein Land für die Kirche zu gewinnen, für Ordnung und Gesetz – da galt es, ein schweres Werk zu bestehen. Und sie wußten zur Lösung solcher Aufgabe keinen Besseren zu wählen als Pater Eberwein; denn seit er die Weihen trug, hatte er sich erwiesen als ein Hirte nach jenem Wort des Knaben: „Ich hab’ nie hüten mögen mit Stecken und Geißel; sie hören all’ auf gute Wort’!“ In stolzer Freude hatte Eberwein die schwierige Sendung übernommen. Ihm war zu Mute wie einem jungen Helden, dem der greise Vater sagt: „Dort steht der Feind, hier ist Dein Schwert, nimm und siege!“ Mit treibendem Eifer hatte er alle Vorbereitungen für die Ausfahrt getroffen. Drei Männer wurden ihm als Geleit gegeben, Pater Waldram, ein blasser stiller Mönch, den sie um seiner finsteren Strenge willen im Kloster gerne los wurden, und zwei Laienbrüder, Schweiker, der aus Buren stammte, und Wampo von Tegrinsee.

Am Morgen nach Mariä Himmelfahrt brachen sie auf. Rasch ging die Reise von statten. Die letzte Nacht verbrachten sie in der Salzaburg. Eine Stunde vor Mitternacht, während die Brüder in festem Schlafe lagen, verließ Eberwein die Burg und wanderte in der Sternenhelle über das Walser Feld, um in Begleitung des alten Führers, den man aus dem Berchtersgadem für ihn herbeigerufen hatte, den Untersberg zu ersteigen. Er wollte von hoher Felsenwarte das Land überblicken, dessen Schicksal und Völklein in seine Hände gegeben war. Er hatte sein Ziel erreicht . . .

Da stand er nun, umflossen vom schimmernden Glanz der Morgensonne, im tiefsten Herzen ergriffen von all der Schönheit, die ihm zu Füßen lag. Er streckte die Hände gegen das Thal, in das schon die volle Sonne fiel, und fast wie Jauchzen kam es von seinen Lippen: „Ich will sie locken, ich will sie rufen! Ich will sie hüten in Treu’ und Liebe!“

Kopfschüttelnd, mit verwunderten Augen blickte der alte Kohlmann, der sich vorsichtig auf der schmalen Felszinne niedergekauert hatte, an der hohen Gestalt des Mönchs empor. „Was sagst? Ich hab’ Dich nicht verstanden!“ Eberwein hörte nicht. „Oder hast gar nicht mit mir geredt?“

Da erwachte Eberwein; tief atmend strich er mit der Hand über die Stirn und ließ sich an Eigels Seite nieder.

„Schau, Herr, alles, was da herum und drunten liegt, Berg und Thal,“ sagte der Kohlmann, „das alles gehört zum Berchtersgadem. Alles Dein Land! Schau, da drüben, der erste hohe Berg auf der Linkseit’, den heißen sie den Göhl. Drunten am Bergfuß – siehst Du die vier Hütten? – da hauset der Vorderecker mit Vieh und Weib und Kind. Der ist ein Freier, kein Gescherter. Wohl wohl, Herr, schier all die Bauern im Gadem sind freie Leut’ von alters her. Aber Herr Waze macht’s ihnen sauer, das Freisein! Schau nur, sell drüben, nicht weit vom Vorderecker, da hauset der Greinwalder. Dem sein Vater hätt’ einmal fronen sollen, wie Herr Waze die Bärengruben hat schaufeln lassen; aber er hat nicht fort können von Haus vor lauter Arbeit und da ist er trotzig worden und hat gesagt: ‚Ich brauch’ nicht fronen, ich bin ein Freier!‘ Da hat Herr Waze eine junge Ficht’ von seinen Knechten herunterbiegen lassen mit aller Gewalt, die Aest’ haben sie abgehauen, haben den Greinwalder an den Gipfel gebunden und haben den Baum wieder aufschnellen lassen. Und wie der arm’ Teufel droben gehängt ist in der Luft, hat Herr Waze zu ihm hinaufgeschrien. ‚So, jetzt laß Dir wohl sein in der Freiheit!‘ Tag und Nacht hat er hängen müssen, und am andern Morgen, wie ihn Herr Waze wieder ledig gemacht hat, da hat der Greinwalder gern geschaufelt, recht gern!“

„Eigel!“ Eberwein faßte den Arm des Kohlmanns, und dunkle Zornröte flammte in seinem Gesicht.

„Wohl wohl, Herr! Solche Sachen sind ihm all’ Tag’ eingefallen, und seit Herr Waze alt geworden ist, treiben es seine sieben Buben noch ärger. Aber daß ich weiter zeig’: schau, gleich hinter dem Göhl, der ander’ hohe Berg, den heißen sie das Brett, und der nächst’, der mit dem spitzigen Grind, heißt der Jennar. Hinter dem liegen die schönsten Alben bis weit hinaus . . . . von allen die beste, die heißet Reginalb. Und ganz dort hinten, schau, wo die Berg’ den weiten Bogen machen und so gäh herunterfallen in den tiefen tiefen Kessel, da drinnen liegt der Schönsee. Den mußt schon bald heimsuchen – so was hast Deiner Lebtag’ nicht gesehen. Wer den Schönsee zum ersten Mal sieht, dem verschlagt’s die Red’ vor lauter Schauen. Und dort – siehst die Achen, die aus dem See herauslauft wie ein silberigs Bandl – dort hauset der junge Sigenot vom Schönsee, der Fischer, mit seiner alten Mutter Mahthilt und seiner Schwester Edelrot. Der sitzt auf einem Freigut, das nicht zinset noch steuert, und seit die Leut’ denken, gehört zu seinem Haus das Fischrecht in Bach und See. Der Sigenot, weißt, der hat den Leuten schon viel Gut’s gethan und hat schon manchem geholfen, der bei Waze in Buß’ gefallen. Das ist der einzig’ im Gadem, an den sich die Wazemannsbuben nicht trauen.“

„Sigenot heißt er?“ fragte Eberwein, als wollte er diesen Namen seinem Gedächtnis einprägen.

„Wohl wohl, Herr! Sigenot! Aber daß ich zeig’: schau, nicht weit vom Fischer, da hauset der Marderecker. Dann kommt ein Fichtenwald – da drin sitzt der Untersteiner. Und wo die Achen wieder herauslauft aus dem Wald, da steht ein Häusl um das ander’. Siehst das größt’ unter ihnen, das mit dem weiten Hag? Da hauset der alte Schönauer. Der ist Richter im Gadem und seine Nachbarsleut’, der Kaganhart und der Köppelecker, das sind die Schöffen. Die rufen in Zeiten der Not das Thing ein auf dem Totenmann – sell drüben auf dem niedrigen Waldberg, [7] siehst ihn? – und sprechen Recht und Urtel – für die Katz’!“ Der Kohlmann lachte zornig. „Das einzig’ Recht im Gadem ist allweil, was dem Wazemann und seinen Buben taugt!“

„Das soll sich wenden!“ sagte Eberwein mit ruhigem Wort. „Zeige mir Wazes Haus!“

„Schau, dort, wo aus dem Schönsee der endsmächtige Berg aufsteigt, der größt’ von allen, der mit dem weißen Schneekittel – König Eismann heißen ihn die Leut’ oder Wazemanns Bannberg – da schiebt sich aus dem Buchwald eine Nas heraus, die heißt der Falkenstein, da schaut ein spitziges Dach und ein Mauerturm über die Buchengirbel. Das ist Wazemanns Haus!“

Eberwein erhob sich und deckte, in die Ferne spähend, die Hand über die Augen. „Wenn meine Klause steht, soll der Weg nach diesem Haus der erste sein, den ich suche.“ Er bückte sich und nahm seinen Bergstock auf. „Komm, Eigel, wir gehen zu Thal!“

Als sie, von der schroffen Zinne niedersteigend, um die Felswand bogen, öffnete sich vor ihnen ein weiter Ausblick gegen Westen.

„Alles noch Dein Land!“ sagte der Kohlmann, mit dem Bergstock deutend. „Schau, neben dem König Eismann, da liegt ein langes langes Thal und in dem Thal ein See, der größt’ von allen, den heißen die Leut’ den Windachersee. Und über dem Thal drüben – siehst die zwei hohen Berg’? – die heißen der Steinberg und der Schneekalter. Und hinter denen liegt wieder ein Thal und wieder ein See; der hat keinen Namen, die Leut’ sagen nur: ‚der hinter’ See‘. Die Achen, die aus ihm herausläuft, das ist ein böses Wasser! Wenn Wetter losbrechen und viel Regen fallt, treibt der Bach allen Rams[4] mit her, der von den Bergen herunterbröselt. Davon heißt das Thal auch die Ramsau. Wohl wohl, Herr, und in dem Thal, da hausen die besten Christenleut’. Freilich, die haben gut fromm sein, bei denen sitzt ein Pfarrherr. Hiltischalk heißt er.“

„Ein Leutpriester in der Ramsau?“ rief Eberwein, freudig betroffen von dieser Nachricht.

„Jung ist er freilich nimmer, aber ein gutes freundliches Mandl. Und alle Leut’ haben ihn gern . . .“ Eigel verstummte und hob lauschend den Kopf. Auch Eberwein horchte auf. „Was war das?“ fragte er. Es hatte geklungen wie der wild jauchzende Aufschrei einer weiblichen Stimme.

Sie spähten umher. „Dort, Herr, schau!“ stotterte der Kohlmann und deutete nach den dichten Krummföhrenbüschen, welche zwischen der kahlen Felswand und dem tiefer liegenden Almfeld den Berghang bedeckten. Ein mächtiger Bartgeier schwebte langsam, mit klatschendem Flügelschlag, über die Büsche hin; das zappelnde Gemskitz, das er in den Fängen hielt und hinwegschleifte über die schwankenden Aeste, erschwerte seinen Flug. Doch mit jedem Schwingenschlag strebte er höher und gewann schon die freie Luft. Da tauchte unter den Büschen am Saum des Almfelds eine Reiterin auf; rötliches Haar umflatterte den Nacken; das jagende Roß schien nur ihrem Ruf zu gehorchen, denn sie führte keinen Zügel, sondern hielt in erhobenen Armen den gespannten Bogen mit aufgelegtem Pfeil. Nun plötzlich stand das Roß, einen Augenblick erschien die Gestalt des jungen schönen Weibes regungslos, wie aus Erz gegossen – dann schwirrte mit hellem Klang die Bogensehne.

Der Geier machte eine jähe Schwenkung im Flug und ließ die Beute fallen, laut klagend raffte das gestürzte Tierchen sich auf, taumelte hin und her und verkroch sich zwischen die Büsche; der Geier schwankte und gaukelte in der Luft, er mußte tödlich getroffen sein; mit aller Kraft noch kämpfte er gegen den Sturz, doch immer matter wurden seine Schwingen, immer tiefer ging sein Flug, nun verschwand er im schrägen Niedergleiten hinter einer Wölbung des Almfelds – und hinter ihm her, mit jauchzendem Schrei und wehendem Haar, jagte die Reiterin, mit so wilder ungestümer Hast, daß es Sprung um Sprung den Anschein hatte, als müßte das Roß sich überstürzen auf dem steinigen Hang. Aus den Büschen kamen zwei weißgefleckte Bracken hervorgeschossen und suchten mit heiserem Gekläff den Weg, auf dem ihre Herrin verschwunden war.

Eberwein stand und streifte mit der Hand über die Augen. Den Herzschlag lähmend und jeden Nerv erregend, wie ein toller Spuk, war das wildschöne Bild dieser seltsamen Jagd an ihm vorübergeflogen. „Eigel! Wer war dieses Weib?“

„Die rote Recka war es, Wazemanns Tochter. Sieben Söhn’ hat er und diese einzige Dirn’. Aber die Leut’ sagen, sie wär’ kein richtiges Menschenkind. Ihr Vater ist freilich ein Mensch – und was für einer! – aber ihre Mutter wär’ eine Alfin gewesen! Und ich glaub’s auch! Denn die Dirn’ hat Feuer und Luft im Blut. Wie verwachsen ist sie mit ihrem Roß. Für die ist kein Wald zu schiech und kein Berg zu hoch, überall kommt sie hin, als hätt’ sie Flügel am Leib wie eine Walmaid!“

Eberwein schüttelte seufzend den Kopf. „Wute und Walmaid und Alfin – fast hab’ ich noch kein ander’ Wort von Dir gehört! Eigel, Eigel, mit Deinem Christentum ist es schlecht bestellt!“

„Wohl wohl, Herr, kannst schon recht haben!“ meinte der Kohlmann kleinlaut. „Aber wo soll ich denn ein besseres hernehmen? In die Ramsau und nach der Salzaburg ist mir der Weg zu weit, und was einer im Gadem von Wazemann und seinen Buben lernt, das ist alles eher, mein’ ich, nur kein Christentum. Aber komm, Herr – schau, wie hoch schon die Sonn’ steht – wir müssen uns tummeln, daß wir rechterzeit wieder hinunterkommen ins Thal.“

Eigel bahnte den Weg durch die dichten Föhrenbüsche, und Eberwein folgte ihm. Als sie das offene Almfeld erreichten und den Ueberblick über den weiten Hang gewannen, blieb Eberwein stehen und spähte umher. „Ich sehe sie nicht mehr. Sie muß den Wald schon erreicht haben.“

„Wen meinst? Ach so, die Rote!“ Der Kohlmann lachte und schaute mit blinzelnden Augen zu seinem Begleiter auf. „Herr, nimm Dich in acht vor der! Und wenn sie Dir wieder begegnet, dann schau Dich nicht um nach ihr! Weißt, so ein Blick über die Achsel, der hat schon diemal recht schieche Sachen angerichtet.“

Eberwein furchte die Brauen, und fester schloß sich seine Hand um den Stab. „Ich wollte, sie träte mir noch heute in den Weg. Ich hätte Lust, ihr eine Botschaft aufzutragen an ihren Vater.“

Eine tiefe Mulde nahm die Wanderer auf. Als sie wieder den höheren Grund erreichten, lag ein Haufe verkohlten Gebälks vor ihnen. „Eigel! Was ist hier geschehen?“

„Da hat der Gernreuter, der drunten beim Albenbach hauset, seine Albhütte stehen gehabt. Aber die Wazemannsbuben haben gemeint, daß dem Gernreuter sein Vieh den Hirschen zu viel Gras wegfrißt, und drum haben sie den roten Hahn auf die Hütte gesetzt. Im letzten Sommer war’s. Drei Stückl Vieh und dem Gernreuter sein Weib, die heroben gesennet hat, sind mitverbronnen.“

Eberwein stand mit erblaßtem Gesicht und starrte den Kohlmann an. „Und das habt Ihr geschehen lassen, Ihr im Gadem? Und da es geschehen war, habt Ihr nicht Klage geführt?“

„Wohl wohl, Herr! Der Gernreuter hat geklagt. Und auf dem Jahrthing zu Grafengadem hat der Sulzbacher Herr das Urtel gesprochen. Herr Waze hat Wehrgeld zahlen müssen für das Weib – und alles ist gut gewesen! Alles gut!“ Des Kohlmanns Augen funkelten, und unter seinen Händen knirschte der Bergstock.

„Eigel!“ Eberweins Stimme zitterte.

„Und weißt Du, Herr, was die Leut’ sagen? Sie sagen, es wär’ gar nicht hergegangen um das Gras für die Hirschen und Gemsen – es wär’ eine Rach’ gewesen an dem Weib. Bei der sind die Wazemannsbuben an die Unrechte gekommen. Den einen hat sie mit der Faust ins Gesicht geschlagen, und den andern hat sie über die Hausgräd hinuntergeworfen, daß er das blaue Mal im Gesicht drei Wochen lang herumgetragen hat. Wären nur alle, wie die gewesen ist! Dann hätt’ das Treiben im Gadem bald ein End’! Aber so! Kein Weib ist sicher! Jede Mutter, die ein Dirndl hat, das sich sauber anschaut, muß zittern vor jeder Stund’!“

Es währte eine Weile, bis Eberwein Worte fand. Er faßte den Arm des Kohlmanns und schüttelte ihn. „Eigel, Eigel – kann es denn Wahrheit sein, was ich höre?“

„Wahrheit, Herr? Als ob ich’s nicht erfahren hätt’ an mir selber! Weit über die dreißig Jahr’ mag’s her sein, da hab’ ich . . . hab’ ich eine Dirn’ gekannt“ – die Stimme des Kohlmanns schwankte, daß die Worte kaum verständlich waren – „ein Gesichtl hat sie gehabt so warm und lichtscheinig wie Rötelstein, wenn die Sonn’ drauf liegt. Und sauber gewachsen wie ein jung’s Bäuml, und Haar’ wie der Hanf so goldig. Und hast ihr in die Augen geschaut, so hast gemeint, Du schaust ins blaue Himmelreich. Und so gut ist das Dirndl gewesen, so brav und gradschlächtig! Und ihre Lieb’ zu mir ist all ihr Um und Auf gewesen. Auf Sonnwend, Herr, da hab’ ich ihr zum Herdverspruch den beinernen Armreif angelegt, den meine Mutter getragen hat . . . und die ander’ Woch’ darauf hätten wir heuern [8] sollen. Ein paar Tag ehnder bin ich hinaufgestiegen auf den Göhl und hab’ ihr ein Kranzl heruntergeholt aus Edelweiß. Es ist schon auf den Abend zugegangen, wie ich heimgekommen bin und hab’s ihr bringen wollen. Aber die Salmued – so hat sie geheißen, Herr – die Salmued ist nicht daheim gewesen. Ihr’ Mutter und ich, wir haben gewart’ und gewart’ – es ist Nacht worden – und eine Stund’ um die ander’ haben wir hingepaßt auf das Dirndl. Am End’ ist mir angst worden, und ich bin umgelaufen und hab’ angefragt in jedem Nachbarhaus. Die ganze Nacht bin ich auf den Füßen gewesen und schier die Seel’ aus dem Leib hab’ ich mir herausgelaufen. Von meinem Dirndl aber hab’ ich nichts gesehen und gehört.“

„Doch als es Tag wurde, kam sie?“ fiel Eberwein dem Kohlmann mit bebender Stimme ins Wort.

Ein heiseres Lachen tönte von Eigels Lippen. „Wie’s Tag worden ist, bin ich gegen den Untersteiner Wald gelaufen, weil ich schon gefürchtet hab’, die Salmued könnt’ in der Finsternis in eine von Wazemanns Bärengruben gefallen sein. Auf einmal, wie ich hinlauf’ zum Achensteg, kommt Herr Waze dahergeritten. Ich hab’ mich auf die Seit’ gehalten, denn der Weg ist schmal gewesen, aber wie er an mir vorbeireitet, da sieht er mich, und da zuckt ein Lacher über sein Gesicht. Mit der Faust hat er dem Roß eins auf den Hals gehauen, daß es einen Sprung gethan hat und davon geschossen ist, als wär’ Feuer hinter ihm. Da hat’s mir auf einmal durch die Seel’ geschrien: wenn du die Salmued finden willst, so mußt suchen in Wazemanns Haus! In einem Sauser bin ich durch den Wald aus und hinauf über den Falkensteiner Weg – das Brückl war aufgezogen und das Thor versperrt – aber wie ein Zeck hab’ ich mich angehängt an die Mauer und bin hinaufgekommen. Und droben – was ich schreien hab’ können, hab’ ich geschrien: ‚Salmued! Salmued!‘ Vier, fünf Knecht’ sind gegen mich hergelaufen, aber aus dem Haus hab’ ich einen Schrei gehört, und wie ich aufschau’, seh’ ich im Dachfenster der Salmued ihr Gesicht … die Arm’ hab’ ich noch in die Höh’ gestreckt, und da hat mich einer von Wazes Knechten mit dem Speerholz vor die Brust gestoßen, daß ich getaumelt hab’ und rücklings hinuntergefallen bin über die Mauer. Der Gelfrat, Sigenots Vater, hat mich gefunden und hat mir das Blut abgewaschen – und seit der selbigen Stund’ hab’ ich von der Salmued kein Wörtl nimmer gehört und hab’ sie meiner Lebtag’ mit keinem Blick mehr gesehen.“ Dem Kohlmann stand das Wasser in den Augen, aber er lachte. „Sie wird halt sein, wo dem Gernreuter sein Weib hin hat müssen!“

Eberwein hörte die letzten Worte nicht. Er stand hoch aufgerichtet, mit flammenden Augen, und seine Blicke spähten hinweg über das sonnige Thal und suchten in der von Schatten umsponnenen Ferne den Falkenstein und Wazemanns Haus. Er hob die geballte Faust, und der zurückfallende Aermel entblößte den sonnverbrannten nervigen Arm. „Herr Waze! Wir wollen rechten miteinander! Fürwahr, es soll anders werden! – Komm, Eigel, führ’ mich zu Thal!“

Dem Alten voran, eilte Eberwein mit ungestümer Hast den Hang hinunter. Der Kohlmann holte ihn mit Mühe ein und schüttelte den Kopf. „Mußt Dich nicht so tummeln, Herr! Auf Bergweg’ gehören langsame Füß’ – und ‚Zeit lassen!‘ grüßen bei uns die Leut’, wenn’s einer gar so nötig hat. Ueberlauf’ Dich nicht, sonst geht Dir vor der Zeit der Schnaufer aus!“

Eberwein mäßigte die Hast seines Ganges und atmete tief. „Dank, Alter, für diesen Rat! Auf den Wegen, die meiner warten, ist mir eines vor allem nötig: Geduld und Ruhe! Komm!“

Sie schritten weiter.

(Fortsetzung folgt.)




Ein Invalidenheim.
Von Johannes Wilda.     Mit Zeichnungen von Ewald Thiel.


Das Invalidenhaus zu Berlin.

Es ist ungeheuerlich, wie eine Großstadt der Neuzeit das Gelände um sich her „auffrißt“. Was ist aus dem Berlin geworden, das einst aus den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs mit kaum 6000 Bewohnern und 800 meist einstöckigen und strohgedeckten Hütten hervorging! In einem seiner Dramen erzählt Wildenbruch, wie man von einem Turm der inneren Stadt Berlin ausgespäht und dann „fern im Norden, in der Gegend des Wedding“ Menschen oder von Menschen aufgewirbelten Sand entdeckt habe. Eine Vorstellung dieses Entlegenseins vermag man sich heute kaum mehr zu bilden.

Nicht ganz so weit draußen wie der „Wedding“ und etwas mehr westlich, in der Gegend der einst vielberufenen Panke, erstreckt sich das Besitztum, das wir jetzt ins Auge fassen wollen.

„Erstreckte“ sollte man lieber sagen, insofern als „erstrecken“ den Begriff einer weiten Ausdehnung in sich schließt. Das war einmal! Wenn der Alte Fritz das Gebiet wieder sähe, würde er sich wundern, wie klein es geworden und wie anders heute die Welt dort ausschaut! Die „Sandscholle“ hieß es ehemals in der Amtssprache; wenn der Wind sich dort erhob, so wirbelte er Sand auf wie in der Wüste Sahara, dergestalt, daß zuweilen ein Reiter auf den angehäuften Hügeln über die Palissaden wegreiten konnte, welche die Stadt Berlin hier begrenzten.

Als der Große König aus dem Zweiten schlesischen Kriege heimgekehrt war, da machte er einen lobenswerten Gedanken zur That: die Abtragung einer Schuld gegen seine braven Soldaten. Er sah sich die Sandscholle mit seinem berühmten Adlerblick an und befahl, daß hier ein Haus für seine Invaliden gebaut werden solle, denn „wir müssen für unsere Freunde, die alten Soldaten, sorgen!“ Von Magdeburg wurde der Ingenieurkapitän Petri beordert, ein Herr nach dem Herzen seines Königs, flink und sparsam – und binnen zwei Jahren war nicht bloß der große Bau fertig, es waren auch an der ausgeworfenen Bausumme von 121000 Thalern 1338 Thaler, 7 Groschen und 6 Pfennig gespart. Im November 1748 fand die Einweihung [9] statt und 600 mehr oder weniger krumm und lahm geschossene Krieger hielten ihren Einzug, wobei nach dem Befehl des Königs „arme“ Invaliden besonders bevorzugt wurden.

So stand nun das Haus da, ungefähr schon so, wie es heute ausschaut: ein drei bescheidene Stockwerke hohes, volle 175 Meter langes Gebäude, nebst einem Mittelbau, dem „Risalit“ („Resolut“ sagen die Invaliden). Zwei auch hübsch lange Flügel gehen davon aus; sie umschließen mit dem Hauptgebäude den auf unserer Abbildung S. 8 ersichtlichen „Kanonenhof“, mit seinem Belagerungsgeschütz von 1780 in der Mitte. Den Schmuck der Anlagen kannte dieser Hof ursprünglich nicht; dafür ward dort ein lebhafter Markt abgehalten, denn das einsam gelegene Anwesen, das noch bis in die Neuzeit hinein die Bezeichnung „Invalidenhaus bei Berlin“ führte, bildete eine kleine Stadt für sich mit eigener Wirtschaftsführung. Rechts und links liegen zwei Seitenhöfe, deren Abschluß durch je ein Kirchlein sowie durch die ehemaligen Wirtschafts- und jetzigen Stallgebäude gebildet wird. Anfangs wurde die nach dem Spandauer Schiffahrtskanal schauende Westseite als die Front angesehen; in der Neuzeit erachtet man dafür die nach dem Kanonenhofe gelegene Ostseite, an der die Scharnhorststraße vorüberführt. Auf jeder Front steht die vom Alten Fritz angebrachte Inschrift „Laeso et invicto militi“, „dem wunden und unbesiegten Krieger“ und seit kurzem prangt auch ein goldenes Reliefbild des königlichen Stifters unter dem Giebel des Vorder-Risalits.

Die Blinden.

Friedrich II. hatte sich gedacht, seine Invaliden würden sich trefflich zur Urbarmachung des vertrackten Sandes eignen und damit nicht bloß selbst eine gesunde Arbeit haben, sondern auch dem Hause eine gute Einnahmequelle schaffen. Aus diesem Grunde geschah auch die Ueberweisung der gewaltigen Bodenfläche von 134 ha an das Invalidenhaus. Allein der Plan schlug fehl; sei es, daß es an den nötigen landwirtschaftlichen Hilfsmitteln mangelte, sei es, daß die alten Knaben keine rechte Kraft und Lust zum Ackerbau besaßen, genug, es wurde durch die Selbstbewirtschaftung nicht einmal der nötige Futtervorrat für die Oekonomie des Hauses gedeckt, und so kam man dazu, den Landbesitz um ein Billiges zu verpachten oder zu verkaufen. Allmählich ging er fast ganz in Privathände über oder wurde zu sonstigen fiskalischen Zwecken hergegeben. Der alte Hamburger Bahnhof, die Gnadenkirche, das Augusta-Hospital, die Gebäude der Bergakademie, der Landwirtschaftlichen Hochschule, des Museums für Völkerkunde, der Exercierplatz der Artillerie – „Grützmacher“ genannt nach einem alten Pächter der Wirtschaft des Invalidenhauses – die Kasernen der Gardefüsiliere, das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater, der Stettiner Bahnhof etc. etc., alles dies liegt auf der dem Invalidenhause gestifteten Sandscholle des Alten Fritz.

Der ersten inneren Ordnung des Hauses fehlt es nicht an Zügen, die uns heute etwas befremdlich anmuten. Die Invaliden waren in drei Kompagnien eingeteilt. Die Offiziere wohnten für sich. Von den Mannschaften bildeten je ein Verheirateter und vier ledige „Kammerburschen“ eine „Kameradschaft“, die gemeinschaftlich in einer Stube nebst Kammer hauste, d. h. das Ehepaar in der Stube, das ledige Volk daneben in der Kammer, und es bestand die Absicht, daß die Frau die oft hilflosen Burschen mit bedienen sollte. Fünf Kameradschaften erhielten eine Küche zugewiesen.

Für die religiöse Erbauung der Invaliden hatte der Alte Fritz reichlich gesorgt, denn er hielt sehr auf die „Dankbarkeit für Gottes Wohlthaten“. Auch an Schulunterricht fehlte es nicht im Invalidenhause. Der Kommandant mußte von jeder Konfession einen Unteroffizier oder Gemeinen aussuchen, der „beim Gottesdienst vorsang, die Kirche rein hielt, auch die Kinder im Lesen und Christentum informierte“, wofür der Mann dann monatlich 1 Thaler 6 Groschen „extraordinär“ bekam. Leider war aber selbst dieser Lohn oft umsonst bezahlt, da die Invaliden ihre Sprößlinge, statt sie in die Schule zu schicken, lieber zu dem einträglichen Wollespinnen ausnutzten. Später ist das glücklicherweise anders geworden.

Der Stratege.

An dem fröhlichen Kribbelkrabbel des Kindervolks hat das Invalidenhaus selten Mangel gelitten. Noch jetzt kann man zwischen den alten Knasterbärten die heraufwachsende junge Gesellschaft auf den Höfen oder in den Gärten oder bei trübem Wetter treppauf treppab und durch die endlosen, schlauchartigen Gänge tollen sehen, falls nicht der Invalide, welcher zu gewissen Stunden des Tages das Haus im Innern abzupatrouillieren hat, allzu übermütigen Unfug verhindert.

Die Gunst für die verheirateten Invaliden ist freilich nicht immer herrschend geblieben. Der Kriegsminister von Boyen schrieb z. B. einmal: „Nur gerade soviel Weiber, als die Anstalt bedarf, müssen darin aufgenommen und bei der Auswahl muß darauf gesehen werden, daß sie wenige oder gar keine Kinder haben, denn die Familien sind das größte Hindernis der Reinlichkeit.“ Die Damen des Hauses werden über diese Beurteilung wohl nicht sehr entzückt gewesen sein. Leider bleibt noch zu bemerken, daß Friede und Freundschaft nicht durchweg unter ihnen an der Tagesordnung waren, vielfach wohl wegen der gemeinsamen Küchen. Es kam soweit, daß 1836 um Einrichtung eines Civilgefängnisses [10] für widerspenstige Frauen gebeten wurde, welches Gesuch indessen vom Kriegsministerium dahin entschieden wurde, die holde Weiblichkeit, die sich derlei Excesse zu Schulden kommen lasse, sei, falls der Ehemann selbst keine Abhilfe zu schaffen vermöchte, brevi manu zu exmittieren, d. h. kurzer Hand hinauszuweisen!

Manche rauhe äußere und innere Stürme suchten das Invalidenhaus heim. Als 1760 die Russen nach Berlin kamen, da berichtete an seinen König der damalige erste Kommandant, Oberst von Feylitsch, die Kosaken hätten ihn und sämtliche Offiziere und Gemeine aus dem Hause gejagt, hätten allen das Ihrige genommen, so daß mancher kein Hemd behalten habe. Und nicht viel besser ging es 1806. Napoleon gab sich zwar einen äußerst ritterlichen Anschein, indem er verkündigte, alle Invaliden sollten in ihrer Lage nicht nur erhalten, sondern sogar aufgebessert werden „in Erwägung, daß die alten Soldaten, welche ihrem Fürsten gut gedient, ein besonderes Recht auf Unser Interesse haben“. Der schlaue Korse wußte, wie man Soldatenherzen erobert! Da aber seine Behörden alle preußischen Kassen aufs gründlichste leerten, so blieb das allerhöchste Wohlwollen für die Invaliden auf das Papier beschränkt. Die armen Leute suchten sich in der Stadt ihren Unterhalt, oft durch Betteln, und es dauerte noch Jahre, bis der erschöpfte Staat wieder für sie sorgen konnte.

Auf dem Friedhof.

In der Märzrevolution 1848 wollte ein Volkshaufe, der vor das geschlossene Gitter zog, das Haus niederbrennen, indes gelang es der Beredsamkeit eines ehemaligen Oberfeuerwerkers, dies zu verhindern. Die in den Straßenkämpfen jener Tage gebliebenen Soldaten wurden auf dem Invalidenkirchhof beerdigt, 1854 aber nach dem ebenfalls im Invalidenparke errichteten Nationaldenkmal übergeführt, das ihre Namen sowie die der Gefallenen von Dresden und von Baden, im ganzen 475, der Nachwelt verkündigt.

Was die inneren Stürme betrifft, so ist zu vermelden, daß man zeitweilig damit umging, das Haus zum Teil in eine Artilleriekaserne, ein andermal in ein Lazarett zu verwandeln. Ja, General Roeder stellte 1835 sogar die gänzliche Auflösung in Friedenszeiten zur Erwägung, da viele Zimmer leer ständen und die Invaliden es vorzögen, ohne militärischen Zwang mit einer Zulage in ihrer Heimat zu leben.

Allerdings gab es mancherlei an Haus und Bewohnern zu bessern. Schon General von Kessel hatte die feuchten Fußböden des fast gar nicht unterkellerten Hauses beseitigt, später erwarben sich dann namentlich der General von Boyen, der Prinz Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm I.) und General von Ollech, der Geschichtschreiber des Hauses, Verdienste mannigfacher Art. Das Kammerburschenwesen oder vielmehr -unwesen wurde früh abgeschafft; die Verheirateten lebten allein in ihrer mit einem Kochofen versehenen Stube nebst Kammer und die Unverheirateten in gesonderten Stuben.

So ist es im wesentlichen noch heute. Ist man an der Pförtnerwohnung am Thore vorüber, so tritt man in den südlichen Hof, dann, eine Stufe tiefer, über die Schwelle des einen Seitenflügels. Der schmucklose Flur ruft sofort den Eindruck einer Kaserne aus älterer Zeit hervor. Es ist ganz still, nur hier und da öffnet sich eine der vielen Thüren. Ein hüstelnder alter Krieger hinkt vorüber, oder am Geländer der Treppe schleicht ein blinder Greis die Stufen herunter. Derselbe Zugang mit seiner schier ärmlichen Einfachheit führt auch zu der im oberen Stockwerk gelegenen Wohnung des Gouverneurs (derzeit General der Infanterie von Grolman), deren vorderer und allerdings etwas stattlicherer Eingang sich an der Straße befindet. Der Kommandant, der dem inneren Dienst des Hauses vorsteht – gegenwärtig Generallieutenant von Blumröder – wohnt im anderen Flügel.

Augenblicklich befinden sich nur etwa 60 Unteroffiziere und Gemeine sowie 54 Offiziere im Hause, die in weit überwiegender Mehrzahl verheiratet sind. Die unverheirateten Mannschaften leben zu je dreien auf einer Stube zusammen. Da der den Offizieren angewiesene Platz ziemlich reichlich bemessen ward, so ist das ganze Haus besetzt, trotzdem früher anderweitig benutzte Räume zu Wohngelassen umgebaut wurden. Mancher alte General hat in diesen von einem Hauch altmodischer Behaglichkeit durchwehten Stuben schon einen friedlichen Lebensabend genossen. Und sein Sohn wurde wohl ebenfalls Offizier, und der Enkel, der als kleiner Kadett dem Großpapa General hier stramm seine Neujahrswünsche übermittelte, saß vielleicht nach einem halben Jahrhundert an derselben Stelle, neben demselben Ofen und ließ sich von seinem Enkel beglückwünschen.

Beim Kartenspiel.

Im Kasino der Offiziere befindet sich ein Glasschrank mit allerlei Reliquien, von denen unser Bildchen S. 11 einige darstellt.

Da sehen wir an der Spitze den Stern des Schwarzen Adlerordens, den der Alte Fritz trug; darunter eine bieder geformte Mütze Blüchers von erfreulicher Geräumigkeit, Medaillen auf Siege Friedrichs und historische Trinkgläser. Ferner Schwerins Tabaksdose und vor allem einen Feldbecher Napoleons I., der sich in seinem bei Waterloo erbeuteten Feldwagen befand.

Der Geburtstag des Alten Fritz, der 24. Januar, wird natürlich immer noch als ein besonderer Festtag des Hauses betrachtet, und ein Wohlthäter hat den Mannschaften eine Stiftung gemacht, aus deren Ertrag sie an diesem Tage Leib und Kehle extra erquicken dürfen. Mit viel Dienst behelligt man auch die noch leidlich leistungsfähigen alten Knaben nicht; ein bißchen Patrouillieren im Hause, der Wächterdienst an der Siegessäule auf dem Königsplatz, hier und da ein Kleider-Appell – das ist so ziemlich alles. Schießwaffen haben sie gar nicht. Manche gehen auch tags über irgend einer Civilbeschäftignng nach, wobei sie dann selbstverständlich Civilkleidung tragen, nicht die an ihrem etwas vorweltlichen Schnitt, den weißen Knöpfen und dem B (Berlin) auf den Schulterklappen kenntliche Uniform. Wer abends über 9 Uhr ausbleiben will, hat sich wie in der Kaserne einen Urlaubspaß zu erbitten. Die Familien erhalten [11] ein für allemal eine Einlaßkarte, ohne die der Posten nachts niemand ins Haus läßt. Zapfenstreich giebt es nicht; überhaupt hat jegliche Blaserei aufgehört, seitdem der letzte Trompeter des Hauses ins Grab sank. Dafür aber bereitet Sonnabend mittags jeweilig die Kapelle eines Garderegiments den alten Herren eine musikalische Unterhaltung.

Machen wir einmal einen Besuch auf einer der fünf „Pflegestationen“, wie man die Stuben der Unverheirateten nennt. Wir klopfen an – ein freundliches „Herein“!

Die vier alten Herren, die da ihrer Partie Schafskopf obliegen, erwidern unsere Begrüßung höflich, spielen dann aber auf unsere Bitte hin mit sachlichem Ernste weiter, indessen wir uns etwas im Gemache umschauen. Kasernenluft und gleichzeitig eine gewisse Gemütlichkeit umgeben uns, ein Gemisch aus Hackländer und Chodowiecki. Nicht am wenigsten trägt zu diesem Eindruck der ehrbare Lederlehnstuhl am Fenster bei. Drei eiserne Betten, ein kahler Tisch nebst Bänken und Holzstühlen, ein paar Kriegs- und Kaiserbilder an den Wänden machen die übrige Einrichtung aus. Die Leute scheinen sich hier wirklich wohl zu fühlen. Im Essen und Trinken und Schlafen kommen sie nicht zu kurz, noch weniger im Rauchen, denn die urgemütliche lange Pfeife steht bei ihnen immer noch hoch in Ehren. Eine solche Lebensweise aber scheint zu konservieren. Eine sehr große Anzahl Kameraden folgte dem Befehl zum „letzten Appell“ in einem beneidenswert hohen Alter.

Die letzten warmen Tage.

Noch erfreulicher als während der Winterszeit in gut gewärmter Stube gestaltet sich der Hausbewohner Dasein im Sommer. Die Familien pflegen ihre Gärtchen; die alten Kameraden verlegen ihre Spaziergänge und Gespräche unter die Platanen, Linden und Rüstern, die in Fülle auf der einstigen Sandscholle gepflanzt sind. Da sitzen sie, so lange des Sommers warme Sonnenstrahlen es gestatten, geruhsam beisammen und rauchen und verbessern dabei die Verhältnisse des Hauses, der Armee, des Vaterlandes und der ganzen Welt.

Zuweilen steht auch wohl ein Stratege unter ihnen auf. Ein solcher erlangte z. B. vor einer Reihe von Jahren einen gewissen Ruhm. Als zuerst Helden von Anno 70 und 71 ins Haus kamen, erfaßte die älteren Herren von 66, 64 und 48 und einige ganz eisgraue aus den Befreiungskriegen eine Art Eifersucht, die bei heftigen Feldzugsdebatten zum Ausbruch zu kommen pflegte. Nur gegen den „Strategen“ konnten die alten Herren nicht an. Wenn dieser Vortrag hielt über die Belagerung von Metz und dann schloß. „So saßen die Franzosen in die Falle wie eene Maus und wir saßen wie eene Katze drum herum“, so mußten sie alle miteinander verstummen; dergleichen Leistungen hatten sie von Anno dazumal ja doch nicht aufzuweisen.

Rührend ist der Anblick der Blinden, von denen einer seit 50 Jahren die Sehkraft verloren und kürzlich sein elfjähriges Jubelfest als Hausinsasse gefeiert hat. Einzeln oder zu zweien, mit den Stöcken vortastend, suchen sie ihren Weg in den Garten. Die Strecke zwischen der Gartenterrasse und dem Kanal ist ihr Gebiet, dort können sie gefahrlos auf und ab wandeln und bequeme Bänke bieten ihnen wohlbekannte Ruheplätze, auf denen sie dem Sang der Vögel lauschen.

An beide Enden des Hauptgebäudes schließen sich je eine evangelische und eine katholische Kirche an, deren Geistliche ebenfalls im Hause wohnen. Unter den früheren lutherischen Feldpredigern des Invalidenhauses befand sich auch Friedrich Wilhelm Schmidt, bekannt als der Dichter „Schmidt von Werneuchen“, dem wir folgende hausbackene und doch so anspruchslos behagliche Schilderung eines Juniabends im Invalidenhause – es war, wie der Dichter gewissenhaft vermerkt, um 11 Uhr – verdanken:

„Hinter diesen Lack- und Rosenbäumchen
Hier am kleinen offnen Fenster ruht
Sich’s beim Abendsange lieber Heimchen
Und der Frösche Quaken noch so gut.
Längst schon schläft mein Zeisig; ein paar Mücken
Wachen mit mir in der Stube nur,
Alles ist so stille, daß ich picken
Deutlich hör’ meine Taschenuhr.“ –

Aus dem Reliquienschrank.
Stern des Schwarzen Adlerordens vom Rock Friedrichs des Großen.     Blüchers Mütze.     Bechergläser aus Fridericianischer Zeit.     Medaillen auf Siege Friedrichs d. Gr.     Napoleons Feldbecher.     Schwerins Tabaksdose.

Auf der Nordseite des Hauses breitet sich der Invalidenkirchhof aus, einer der schönsten Friedhöfe Berlins. Ehrwürdige Bäume beschatten ihn, überall rankt dichter Epheu üppig an den Erinnerungsmälern alter berühmter Geschlechter empor. Hier ist die Grabstätte Scharnhorsts und seiner Familie, mit dem sterbenden Löwen auf reliefgeschmücktem Unterbau. Dicht daneben flankieren zwei von Siegesgöttinnen gekrönte Säulen die Ruhestätte der Familie von Boyen. Hervorragend ist auch das Denkmal des Generals Winterfeldt, dessen Gebeine hierher übergeführt wurden; es trägt als Inschrift Friedrichs des Großen Worte: „Er war ein guter Mensch! Er war ein Seelenmensch! Er war mein Freund!“

Noch manches andere schöne Grabmal wäre zu nennen, aber es fehlt uns der Raum, sie alle aufzuzählen. Hart an der Kanalböschung steht die Königslinde „zur Erinnerung an Friedrich II.“ In seltsamem Widerspruch stößt hier die feierliche Kirchhofsruhe zusammen mit dem unruhigen Lärm des jenseit des Kanals liegenden Güterbahnhofs der Hamburger Bahn – Vergangenheit und Gegenwart!

*      *      *

Ein wohlthuendes Gefühl des Geborgenseins, so denken wir uns, muß die Grundstimmung sein, welche die kleine Schar im Berliner Invalidenhause durchströmt, trotz mancher Einschränkung, welche das gemeinsame Leben auferlegt. Wie steht es aber mit der großen Menge derer, welche, an Gesundheit und Erwerbskraft geschwächt, draußen im Reiche von ihrer Pension leben müssen, wie steht es mit den Hinterbliebenen solcher, die in den Kampf fürs [12] Vaterland hinausgezogen sind, um nie mehr wiederzukehren, oder die den Keim des Todes vom Felde der Ehre mit nach Hause gebracht haben? Dürfen auch sie jenem glücklichen Gefühl sich hingeben?

Die Antwort auf diese Frage lautet leider: „Nein!“ So tönt es aus den zahlreichen Eingaben der Kriegervereine, die dringend um Aufbesserung der Invalidenpensionen vorstellig werden, so spricht es aus tausend Fällen offener und versteckter Not in den Familien der Betroffenen, und wir verstehen dieses schmerzliche Nein, wenn wir z. B. vernehmen, daß die Witwen der vor dem Feinde Gefallenen oder an Wunden und Krankheiten verstorbenen Gemeinen nicht mehr als 180 Mark jährlich erhalten, die Kinder als einfache Waisen 126 Mark, als Doppelwaisen 180 Mark, unterstützungsbedürftige Eltern 126 Mark. Wohl hat die Abänderung des Militärpensionsgesetzes, welche noch im vorigen Winter beschlossen wurde, für die Invaliden selbst einige Verbesserungen gebracht, indem sie insbesondere die Kriegszulage von 3 auf 6 Mark monatlich erhöhte; aber das bedeutet denn doch kaum einen Ausgleich für die allgemeine Lebensverteuerung, die in den letzten zwanzig Jahren eingetreten ist, geschweige denn einen Ausgleich dafür, daß die Invaliden von jetzt allmählich beginnen, alt zu werden, und den Rest von Arbeitskraft, der ihnen vielleicht noch geblieben, vollends entschwinden sehen müssen! Und an der wundesten Stelle des alten Gesetzes, an der kärglichen Fürsorge für die Hinterbliebenen, hat jene Abänderung nichts gebessert! Noch immer ist es so, daß Frankreich, das besiegte Frankreich, für seine Invaliden und ihre Angehörigen besser sorgt als das siegreiche Deutschland!

Und bei alledem ist heute der Ertrag des aus der Kriegsentschädigung zurückgestellter Reichsinvalidenfonds erheblich größer als der Aufwand, den die Pensionen nach den bisherigen Bestimmungen erfordern. Anstatt nun diese Bestimmungen zu ändern, anstatt die Bezüge der armen Invaliden nach Maßgabe des verfügbaren Ueberschusses zu erhöhen, will man jenem mit dem Herzblut unserer Krieger erstrittenen Fonds 67 Millionen Mark zur Verstärkung der Betriebskasse des Reichs entnehmen! Warum das? Warum die Quelle verstopfen, aus der die Mittel zur Linderung so vieler Gebrechen, zur Stillung so beweglicher Klagen entströmen? Wahrhaftig, wir können und wollen nicht glauben, daß jene Gelder wirklich dem hohen Zwecke entfremdet werden, dem begeisterte Dankbarkeit sie einst geweiht, wir können und wollen die Hoffnung nicht aufgeben daß man die nicht ferner darben lassen werde, die für des Vaterlandes Schutz und Ehre freudig ihr Leben eingesetzt oder ihren Ernährer dahingegeben haben. Die Redaktion.     




Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.


1.

Ziemlich weit draußen in einer langen Straße der Hafenstadt St. stand ein niedriges weißes Häuschen; man sah nichts Besonderes daran, und doch war’s eine Kuriosität und die ringsum wohnende Jugend hätte viel darum gegeben, einmal da hineinzukommen und all die Herrlichkeiten, mit denen das weiße Häuschen vollgestopft sein sollte, zu besichtigen. Aber der Besitzer, Kapitän Leupold, war ein Sonderling und gönnte nur wenigen Bevorzugten den Eintritt.

Die Straße, in der sich das Haus befand, hieß die Schiffstraße, und es wohnten dort zumeist Leute, die irgend etwas mit der See zu schaffen gehabt oder noch zu schaffen hatten. Jeder Einwohner der schmalen Gasse kannte den alten Leupold, und man sah ihm lächelnd nach, wenn er tagaus tagein, bei Wind und Wetter, um die zehnte Morgenstunde zum Hafen hinunterging, mit seinem wiegenden Schritt, die Hände tief in die weiten Taschen seines blauen Friesrockes vergraben, die Seemannsmütze mit dem Anker hintenübergesetzt, einen gelegentlichen Gruß nur mit einem Augenzwinkern und einem knurrenden Laut erwidernd.

Er galt für wohlhabend, hatte sein eigenes Segelboot unten im Hafen, mit dem er oft stundenlang auf hoher See war, und man wunderte sich allgemein, daß er sich schon zur Ruhe gesetzt hatte, denn er stand noch in guten Jahren. Wenn man ihn darum befragte, schüttelte er bloß unwirsch den Kopf und brummte: „Rheumatismus im linken Hinterbein!“ In der That schleppte er, namentlich bei nassem Wetter, den linken Fuß oft ein wenig nach.

Seine Bedienung besorgte ein ältlicher hüftlahmer Matrose, der vor Jahren vom Fockmast abgestürzt und seitdem dienstuntauglich war. Die Sage ging, daß dieser Seemann, von Geburt ein Holländer Namens Jan Grenboom, ein angezeichneter Koch sei und die kleine Häuslichkeit in musterhafter Ordnung halte. Besuch bekam der Kapitän fast nie, denn er behandelte die Gäste, die sich einstellten, nicht gerade verbindlich. Er konnte es nicht ausstehen, wenn die Leute ihn viel fragten, ebensowenig, wenn sie sich über alles mögliche wunderten. Die fünf Zimmer, die der Kapitän bewohnte, waren auffallend klein und niedrig und glichen mit ihren winzigen Fensterchen ganz und gar den Kabinen auf einem Schiff; zwischen tausend Gerätschaften, die den Weg versperrten, mußte man sich durchwinden wie ein Aal, um beileibe nichts von den zahllosen Zierraten herunterzuwerfen, mit denen alle Möbel belastet waren.

„Aber sagen Sie, wie ist es Ihnen möglich, so zu leben?“ hieß es dann wohl. „Hier kann man ja keinen Schritt machen, ohne Schaden anzurichten!“

Ich kann hier leben und kann auch hier gehen!“ lautete die Antwort. „Andere brauchen’s ja nicht! Mir gefällt das so!“

„Aber langweilen Sie sich denn nie, so einsam, wie Sie doch sind?“

Dann gab es einen eigentümlichen Seitenblick auf den Frager. „Langweilen? Hier bei mir?“ In der That war genug Unterhaltendes da: Bücher über Bücher in den niedrigen Schränken, Land- und Seekarten, dazwischen Glaskästen mit reizenden bunten Vögelchen, hinter einer Scheibe eine Klapperschlange, vorzüglich ausgestopft, den Beschauer mit dräuend kaltem Blick musternd, Bilder von Kriegs- und Segelschiffen, seltene Waffen, köstliche türkische und ostindische Decken in originellen Mustern … wie ein Museum war’s, und wenn der Besitzer dieser Kostbarkeiten hätte erzählen wollen, welche Geschichte sich an dies oder jenes Stück knüpfte, er würde sich ein dankbares Publikum gewonnen haben. Aber er wollte das nicht.

Zwei lebende Wesen hatte er als Trophäen mit heimgebracht, zur Verzierung seines Hauswesens: Cato, einen Papagei von den Molukken, ein ziemlich unscheinbares Thier, aber überaus gelehrig, und Dido, ein possierliches Aeffchen aus Ceylon, vortrefflich abgerichtet und nur selten zur Strafe für irgend eine Unart an die meterlange feine Stahlkette gelegt, welche am Fenster der kleinsten Kabine befestigt war.

Das Seltsamste und Anziehendste aber in Kapitän Leupolds Wohnung war ein Bild, ein großes Oelgemälde, das in seinem Lieblingszimmer hing und auf jeden Beschauer Eindruck machen mußte. Es war eine herrliche Kopie von Tizians „büßender Magdalena“ aus dem Palazzo Pitti zu Florenz, von einem schlichten dunkeln Rahmen eingefaßt. Leuchtend und glühend, voll fremdartigen Reizes, hing das Bild in dieser Umgebung. Von Sonnenschein umzittert, strömte das Rotgold des Haares über die weiße Brust, und die in Thränen funkelnden Augen flehten zum Himmel empor … um was? Um Seelenfrieden? Um Kraft zur Entsagung? – Wie kam der alte Seebär zu diesem, gerade zu diesem Bilde? Mein Gott, so einfach! Er hatte immer dieselbe Erklärung: „Ich hab’ sie gesehen und sie hat mir gefallen, eben weil’s ein gemaltes Frauenzimmer war – ein lebendiges hätte das nicht zuwege gebracht. Und weil ich dort das Bild nicht von der Wand nehmen und in meine Kiste packen konnte, drum ließ ich’s von einem jungen Farbenschmierer abmalen. Die Stadt, in der es hing oder noch hängt, heißt Florenz, der Mann, der’s gemalt hat, heißt Tizian, und das Weib, das drauf ist, heißt Magdalena. ‚Büßende‘ steht dabei. Wer will, kann ja auch glauben, daß sie büßt!“ Darauf ein kurzes hartes Lachen, und weiter kein Wort, man mochte fragen, was man wollte.

Alles in allem ein Original, der Kapitän Leupold, wenn auch gerade kein liebenswürdiges, am wenigsten gegenüber den „Landratten“, die dem Kapitän unausstehlich waren.

Der junge Mann, der heute, an einem gottgesegneten Maientag, auf Leupolds Häuschen zusteuerte, gehörte nicht zu dieser unwillkommenen Menschensorte, sondern zur „Zunft“, das sah man aus den ersten Blick. Ein auserlesenes Seemannsexemplar – sechs Fuß Höhe, ein Gesicht wie aus Bronze gegossen, unternehmend blitzende blaue Augen darin, nagelneue Kapitänsuniform! Wie er so durch die Schiffstraße ging, tauschte er rechts und

[13]

Sperbereule beim Fang eines Eichhorns.
Nach einer Originalzeichnung von Karl v. Dombrowski.

[14] links manchen Gruß mit den Vorübergehenden; die sahen ihm wohlgefällig nach, denn sie kannten ihn gut: das war ja Albrecht Kamphausen, des alten Leupold Mündel, sein Adoptivsohn, sein Liebling, so barsch er das auch immer bestritt. „Hat sich was – Liebling! Hab’ keinen Liebling! Weichliches Frauenzimmergewäsch!“

Albrechts Vater war Leupolds bester Freund gewesen, noch von der Schulbank her. Sie waren von Klasse zu Klasse zusammen aufgerückt – langsam, denn das Lernen war ihnen beiden verhaßt gewesen – Sie hatten jede freie Stunde miteinander im Boot auf Fluß und See verbracht, sie waren nachher auf dasselbe Schiff gekommen und hatten alles miteinander geteilt … Brot und Koje, Hunger und Prügel. Die beiderseitigen Eltern gaben die Jungen als halb verlorene Söhne auf: wer in der Schule nichts lernen wollte, der taugte nichts. Julius Kamphausens Vater war ein kleiner Beamter, hatte sieben Kinder und war froh, den unnützen Brotesser, aus dem doch nichts Rechtes werden würde, los zu sein. Erich Leupold war der Sohn eines unbemittelten Professors, er hatte nur noch eine einzige, bedeutend jüngere Schwester – ein wunderschönes zartes Kind, der Stolz der Eltern, die der Kleinen eine ganz besonders sorgsame Erziehung zu geben beschlossen, nachdem der Sohn ihnen so völlig „mißraten“ war. Inzwischen bestanden die beiden Freunde mit Ehren ihr Steuermannsexamen und mußten sich nun trennen. Erich zeigte für sein Fach eine hervorragende Befähigung und hatte auch Glück, es dauerte nicht lange, da war er Kapitän; natürlich nahm er auf seiner ersten selbständigen Reise den Freund als Obersteuermann an Bord. Auch in diesem Verhältnis vertrugen die beiden sich vortrefflich. und als dann auch Kamphausen den Befehl über ein eigenes Schiff erhielt, ging ihnen die Trennung sehr nahe.

Leupold blieb Junggesell, sein Freund heiratete nach einiger Zeit ein ganz armes Mädchen, das er nach kaum vierjähriger Ehe als Witwe zurückließ – ein Sturm im griechischen Archipel vernichtete das Schiff samt der ganzen Bemannung. Der trostlosen Frau nahm sich Leupold nach Kräften an, obgleich er sich bis dahin wenig um sie und ihr Söhnchen bekümmert hatte, denn er hielt Kamphausens Heirat für „Blödsinn“ und mit „Krabben“, wie er die kleinen Kinder nannte, wußte er nichts anzufangen. Er ließ die junge Frau mit dem Knaben nach Kiel kommen, wo gerade sein Schiff vor Anker lag, um das Notwendigste für die nächste Zeit mit ihr zu besprechen. Die beiden suchten ihn auf der „Möwe“, seinem stolzen Schiff, auf, Leupold stand, anscheinend teilnahmlos, auf dem Achterdeck, ihre Ankunft zu erwarten. Da hörte er seine Matrosen lachen. „Was’n spassiger Kerl!“ „Gott’s ein Donner, nu’ seh’ ein’ bloß, wie der kleine Racker lacht!“ Neugierig bog sich der Kapitän ein wenig vor. Unten in der Jolle, die seine Gäste an Bord schaffen sollte, sah er eine junge schwarzgekleidete Frau sitzen, die mit beiden Armen ein Bübchen umklammert hielt, einen kaum dreijährigen Wicht, der mit den Beinchen strampelte und die dicken kleinen Hände ineinander schlug, daß die Mutter Mühe hatte, ihn zu halten. Dazu jauchzte der Bursche aus voller Kehle. Der Mann, der die Ruder führte, lachte, die Leute auf den ringsnm liegenden Schiffen lachten, alles freute sich über den Knirps; nur die eigene Mutter lachte nicht mit, sondern hatte große traurige angstvolle Augen. Aber der alte Leupold schmunzelte, und als er die beiden oben auf seinem Schiff hatte, da ließ er die junge Frau ihre Anrede: „Ich bringe Ihnen Ihr Patchen, wie Sie gewünscht“, gar nicht vollenden. „Was Patchen! Komm hoch, Junge – so! Angst vor mir?“ Und als der Kleine ihm statt der Antwort auf die Schulter stieg und Anstalten traf, von da aus geradeswegs die Strickleiter in die Höhe zu gehen, in den Mastkorb hinauf, da verklärte sich sein strenges Gesicht. „Sieh, sieh, Albrecht Kamphausen, so sind wir gesonnen? Na, das kann eine gute Freundschaft werden!“ Verächtlich musterte er dann die weißen Röckchen des Kindes. „Ziehen Sie ihm doch den Plunder aus, Madame, daß er wie ’n Junge aussieht; ’nen richtigen Matrosenanzug muß er haben!“ Da hatten der jungen Frau die Augen geflammt. „Matrosenanzug? Daß er sich von früh auf daran gewöhnt und mir später auch zu Schiff geht, nicht wahr? Herr Kapitän, er soll alles andere werden, nur nicht Seemann.“ Worauf Leupold den Knaben kaltblütig von seiner Schulter herunternahm und auf den Boden setzte. „Ganz wie Sie wünschen! Da, lauf, Du Krabbe!“

Sein Anteil an dem Kinde schien erloschen, er besprach geschäftsmäßig mit der Mutter alles weitere, wies ihren Dank trocken zurück und brach das Zusammensein so kurz ab wie nur möglich. Jahrelang sah er sein Patenkind nicht wieder, er ließ sich seine Zeugnisse schicken, zahlte ihm Taschengeld, unterstützte die Mutter und kümmerte sich weiter um nichts. Albrecht Kamphausen wuchs inzwischen heran, bildhübsch und begabt; er hatte ein merkwürdiges Interesse für seinen Vormund, obgleich die Mutter es mit keinem Wort nährte; im übrigen machte er es wie einst sein Vater: jede freie Stunde im Boot, jede abgesparte Mark für Reisebeschreibungen, beides heimlich, denn der Junge liebte seine Mutter und wollte sie nicht betrüben. Aber er mußte das doch thun, als nun die Berufswahl an ihn herantrat und er erklärte, Seemann und nichts anderes! Sie setzte sich verzweifelt zur Wehr, flehte ihr Kind an in Angst und Thränen – der schöne junge Mensch küßte ihr die Thränen weg und sagte, er kenne seine selbstlose gute Mutter, sie werde seinem Lebensglück nicht im Wege stehen. Was sollte, was konnte sie thun? Die nötigen Mittel hatte sie nicht, aber Pate Leupold, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt, hatte sie und gab sie auch. Als er den entscheidenden Brief empfing, schlug er sich aufs Knie, daß es schallte, und rief triumphierend: „Hat mich die Krabbe also damals doch nicht betrogen!“ wie wenn der Dreijährige ihm dazumal ein Versprechen gegeben hätte.

Fortan war große Freundschaft zwischen dem Kapitän und Albrecht Kamphausen. Manchmal freilich war der junge Marineoffizier dem alten Seebären zu „fein“ und mußte ein paar spitze Redensarten einstecken, im allgemeinen aber stand Onkel Leupolds Herz ebenso wie sein Geldbeutel dem jungen Mann jederzeit offen; und jetzt zumal, da Albrecht wohlbestallter Korvettenkapitän auf Seiner Majestät Schiff „Nixe“ geworden war und im Begriff stand, seine erste Fahrt als solcher nach den chinesischen Gewässern anzutreten, war des alten Mannes Seele von Freude erfüllt und er gestand sich ganz insgeheim, daß er stolz auf „seines alten Kamphausen Jungen“ sei und daß er ihn beinahe lieber habe als seine leiblichen Anverwandten.

Mit diesen hatte er auch in der That wenig genug zu thun. Seine um so viel jüngere Schwester war im Elternhause immer wie eine Prinzessin behandelt worden, und wenn Erich, der ein etwas unbeholfener Junge gewesen war, das feine Püppchen einmal anfassen wollte, dann hieß es gleich: „Sei doch nicht so derb! Du brichst sie ja entzwei!“ So gewöhnte er sich daran, das zarte goldhaarige Geschöpf aus der Ferne zu bewundern. Als Elisabeth dann erwachsen war, kam er nur selten nach Hause und konnte ihr gegenüber keinen geschwisterlichen Ton finden, sie war ihm fremd geworden. Die Eltern sahen noch ihren Lieblingswunsch erfüllt: das Kind ihres Herzens machte eine glänzende Partie. Wenigstens ließ sich alles danach an. Der Bräutigam war ein Freiherr von Doßberg, vom ältesten Adel, Großgrundbesitzer, eine vornehme Erscheinung und derart bezaubert von Elisabeth, daß sein Entzücken selbst ihren in dieser Richtung recht anspruchsvollen Eltern genügte; es gab nichts, was ihm für seine reizende Braut gut und schön genug gewesen wäre, und er überschüttete sie mit Kostbarkeiten. Leider stellte es sich hinterher heraus, daß diese Geschenke mit seinen Verhältnissen durchaus nicht im Einklang standen. Der junge Freiherr war für seine Person keineswegs ein Verschwender, dabei ein strebsamer Landwirt. Allein seine Vorfahren hatten flott gelebt und das herrliche, jahrhundertelang im Besitz der Familie befindliche Gut heruntergebracht, so daß der jetzige Freiherr, selbst bei äußerster Sparsamkeit, sich kaum darauf hätte behaupten können. Wie aber konnte er sparsam sein, da seine angebetete junge Frau, zart und schwach wie die empfindlichste Treibhauspflanze, die sorgsamste Pflege brauchte! Er mußte mit ihr, die er doch unmöglich allein reisen lassen durfte, die kostspieligsten Bäder besuchen, mehrere Winter im Süden zubringen und alles thun, um sie sich selbst und den beiden Kindern, die sie ihm geboren, zu erhalten! Dazu kam, daß Doßberg es nie über sich gewann, Elisabeth zu sagen, wie es mit seinen Vermögensverhältnissen stand. Er hatte sie von Anfang an wie ein geliebtes, sehr verwöhntes Kind behandelt, und sie hatte sich das willig gefallen lassen. Jetzt aber war es zu spät, sie ins Vertrauen zu ziehen. Seit fast zwei Jahren war Elisabeth unheilbar krank, unweigerlich an ihr Zimmer und fast immer ans Bett gefesselt – eine Aufklärung über den Ruin, der ihrem Gatten drohte, hätte sie töten können. Sie selbst täuschte sich über ihren Zustand, hoffte immer wieder auf Besserung, versprach sich viel vom Frühling, machte Pläne für den Sommer, und die Ihrigen stimmten ihr bei und bauten Luftschlösser, deren Unhaltbarkeit sie am besten kannten. Jetzt war es nicht schwer [15] mehr, die arme Frau zu betrügen; sie kam nicht mehr hinaus, sah nur noch Mann und Kinder – wie sollte sie ahnen, daß die beiden schönen Vorwerke, die zu ihrem Gut gehört hatten, längst in fremden Händen waren, daß der prachtvolle Waldbestand gelichtet, der Garten ungepflegt, mehr als die Hälfte der Dienerschaft entlassen war? Die alten kostbaren Gobelins, die herrlichen Kunstmöbel, die Schränke von eingelegter Arbeit, die Schnitzereien und Bilder, an denen sie sich einst erfreute, Dinge, welche die Gesellschaftsräume im anderen Flügel des Hauses bargen, das alles war längst verkauft. Es hatte den Herrn des Hauses einen schweren Kampf gekostet, sich von diesen Schätzen zu trennen, aber er hatte sie geopfert, um das Gut, das Familiengut, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, zu retten. Seinen kostbaren Viehbestand, seine edeln Pferde hatte er hingegeben, er hätte trockenes Brot essen mögen, um den alten Besitz zu halten. Tropfen in ein Meer! Die Kinder des Hauses, eine achtzehnjährige Tochter und ein Junge von sechzehn Jahren, der in St. das Gymnasium besuchte, konnten oder wollten auch nicht durchschauen, wie es um den Vater stand, trotz der Veränderungen, die nach und nach in Haus und Wirtschaft Platz gegriffen hatten, und jedenfalls sprachen sie nicht weiter von dem, was sie etwa gemerkt hatten; die Jugend ist sorglos und verschließt Auge und Ohr absichtlich oder unbewußt gegen unbequeme Mahnungen.

Nur der alte Leupold war genau unterrichtet. Er besuchte den Schwager und die kranke Schwester, deren Gut kaum vier Meilen von St. entfernt lag, sehr selten, aber seine alten Freunde, die Kapitäne und Lotsen, trugen ihm allerlei zu, was ihm zu denken gab. Es that ihm leid, denn er hatte die Kinder gern, aber helfen konnte er nicht, selbst wenn er es gewollt hätte. Sein erspartes Vermögen machte nur einen Bruchteil dessen aus, was der Schwager brauchte, um sein Fahrzeug wieder flott zu machen. So begnügte er sich, seiner Nichte, wenn sie gelegentlich zur Stadt kam, ein paar Goldstücke in die Kleidertasche zu schmuggeln, und seinem Neffen, dem Obersekundaner, stille Wünsche in Bezug auf Theaterbillets, Schlittschuhe und Cigaretten zu erfüllen – viel weiter ging sein Anteil nicht. Am Krankenlager seiner Schwester fühlte er sich verlegen, das Netz von kleinen Lügen und Beschönigungen, mit dem man sie umsponnen hielt, hätte er am liebsten mit einem derben Ruck zerrissen, und für seinen Schwager, so sehr er ihn jetzt bedauerte, hatte er nie Verständnis gehabt. Ein Mensch, der nicht den Mut zur Wahrheit besaß, gleichviel, aus welchen Gründen, konnte einem Charakter wie dem Leupolds nicht sympathisch sein. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden ungleichen Naturen waren Doßbergs Kinder; der Freiherr war ein überaus zärtlicher Vater, und Leupold „konnte nicht umhin,“ wie er zuweilen mit einer Art von Bedauern äußerte, „die Kinder gern zu haben, weil doch manches in ihnen steckte, was selbst die verrückteste Erziehung nicht ganz auszutreiben vermochte“.




2.

Jan Grenboom, der in der kleinen Küche herumhantierte, sah den jungen Kamphausen kommen und öffnete ihm die Thür.

„Morgen, Jan!“

„Morgen, Kap’tän!“

„Alles klar?“

„Klar!“

„Wo?“

„Im Achterdeck!“

Dies war Leupolds Hinterstube, in der er sich mit Vorliebe aufhielt. Er saß dort und leimte und bastelte an einem japanischen Lacktischchen herum, das eins der zierlichen überschlanken Beine verloren hatte. Der helle Sonnenschein, der durch die grünen Ranken vor dem Fenster fiel, tauchte die „büßende Magdalena“ in eine zitternde Lichtflut, die Brust unter dem Wellensturz des goldroten Haares schien zu atmen, zu seufzen, der verführerische Mund regte sich leise.

Als Kamphausen eintrat, legte der Papagei, welcher auf dem breiten Fensterbrett zwischen Haarlemer Tulpen herumkletterte, bedächtig den Kopf auf eine Seite, blinzelte mit einem Auge schlau zu dem neuen Gast hinüber und meldete ihn seinem Herrn mit einem schnarrenden „Gut Freund, gut Freund!“ an. Dido, das Aeffchen, das neben Leupold auf dem Stuhl kauerte und ihm aufmerksam auf die Hände sah, blickte nur flüchtig auf und vertiefte sich dann aufs neue in seine wichtige Beschäftigung.

„Servus, Kapitän!“

„Servus, Kapitän! Komm’ her, setz’ Dich!“

Der alte Leupold hatte sich’s verbeten, von Albrecht mit „Onkel“ angeredet zu werden, das sei gut für Kinder, aber nichts für ausgewachsene Männer. Sein liebster Titel sei und bleibe „Kapitän“, und gottlob könne er ja den jungen Mann auch so nennen – das sei das beste für sie beide.

„Ist’s nicht jammerschade?“ Leupold hielt seinem Gast das invalide Tischchen hin. „Jan Grenboom, das alte Nilpferd, stolpert über das Fell des Eisbären dort und stützt sich mit seiner ganzen Schwere auf das niedliche Ding. Krach, und das Bein ist ab!“

Albrecht war offenbar durch den Schaden, den Jan Grenboom angerichtet hatte, nicht sehr gerührt. Er hatte sich leicht in den Sessel zurückgelehnt, seine Rechte spielte mechanisch mit einem Zipfel der Tischdecke, in seinen emporgerichteten Augen stand ein ernstes Nachsinnen. Leupold sah mit zusammengezogenen Brauen von seinem Tischbein empor. „Hm? Also? Wann geht’s los?“

„Heute in acht Tagen, Kapitän! Am vierzehnten!“

„Alle meine Adressen sorgfältig aufgeschrieben?“

„Sehr sorgfältig.“

„Werden Dir gute Dienste thun in Shanghai, in Yokohama, in Bangkok.“

„Ich zweifle nicht daran und bin Dir sehr dankbar.“

„Unsinn!“

Es war ein Weilchen still. Cato hatte sich auf seine Messingstange verfügt, er hing mit einer Kralle am Querstab, den Kopf nach unten, und schaukelte sich unermüdlich hin und her, sich von Zeit zu Zeit leise selbst ermahnend: „Laß’ das dumme Schaukeln! Das dumme Schaukeln!“

„Ich wollte Dich um etwas bitten, Kapitän, Dir etwas sagen,“ begann Kamphausen, ein wenig stockend.

„Steh’ zu Diensten! Ganz Ohr! Ist’s –?“ Der Alte klopfte sich mit vielsagender Miene auf die Tasche.

„Pfui!“ sagte Albrecht. „Ich als wohlbestallter Kapitän, und nach allem, was Du für mich gethan hast!“

„Könntest ja Schulden haben.“

„Ich hab’ Dir doch neulich gesagt, ich hätte keine! Hältst Du mich für einen Lügner?“

„Nein, aber man kann heute keine Schulden haben, und morgen hat man.“

„Das ist nicht mein Fall. Nein, es ist – ist –“

Hier öffnete sich die Thür und Jan Grenboom erschien mit einem Präsentierbrett. Sofort ließ der Papagei ein schmetterndes Lachen hören und flog ihm auf den Kopf, während Dido mit einer blitzschnellen Bewegung an seinem Halse hing und die dünnen grauen Aermchen liebkosend um die Schultern des Alten legte. So, mit dem Vogel auf dem Kopf, den Affen an der Brust, trat Jan mit seinem Brett näher heran. Sein Herr warnte ihn mit einem scharfen Seitenblick vor dem Eisbärenfell.

„Alter Genever, Kapitän Albrecht, ’was Probates! Hier, frische Smyrnafeigen, letzte Ernte, und alter Chesterkäse, echter – Prindall ist vorige Woche von Portsmouth hereingekommen und hat mir diesen Freundschaftsdienst erwiesen. Säble Dir ’nen vernünftigen Schnitt runter! Nimm auch ’nen Genever, alte Robbe – aber purzelst Du mir nochmal über den Eisbären –“

Jan Grenboom brummte einen Laut der Erwiderung und stülpte das volle Glas in seinen offenen Mund hinein, als wollte er es samt seinem Inhalt verschlucken. Cato schrie eifrig: „Prost, Jan, Prost, Jan!“ und Dido griff in den Teller mit Feigen, um im nächsten Augenblick mit ihrem Raube oben auf der Gardinenstange zu sitzen.

„Wart’, Du naschhaftes Frauenzimmer! So sind sie alle, die Weiher! Können das Leckermaul nicht bezähmen! Jan, nimm das Geziefer mit!“ Leupold kaute auf beiden Backen und sah, als der Matrose samt Gefolge das Zimmer verlassen hatte, erwartungsvoll zu Kamphausen hinüber. Dieser aber schien vergessen zu haben, daß er vorhin in seiner Mitteilung unterbrochen worden war. Unverwandt starrte er das Bild der büßenden Magdalena an, das die Sonne noch immer mit einem funkelnden Goldnetz überflimmerte; er studierte das schöne Weib so genau, als sehe er es heute zum ersten Male.

„Hast Du Deinen ‚Korsar‘ mitgebracht?“ unterbrach der alte Kapitän das Schweigen.

„Ja, natürlich! Er liegt vor der Thür.“

„Sehr vernünftig von Dir, das Vieh draußen zu lassen. [16]

Ein Rendezvous.
Nach einem Gemälde von W. Stryowski.


Wenn ich an die Jagd denke, die er ’mal auf Dido machte – meine Kabinen sahen nachher wie Schlachtfelder aus. Aber hungern soll der Kerl da draußen doch nicht. Jan! Jan Grenboom! Wo steckt das Walroß? – Gieb dem ‚Korsar‘ ein Stück Fleisch und auch zu saufen, wenn er Durst hat!“

Gleich darauf hörte man von außen das tiefe dröhnende Bellen eines großen Hundes, und vor der niedrigen Fensterscheibe erschien der Kopf eines schwarz und weiß gefleckten Leonbergers, mit langem Behang und großen braunen Augen. Das Tier blickte aufmerksam ins Zimmer, um sich zu vergewissern, ob sein Herr noch da sei. Kamphausen nickte ihm zu wie einem alten Freund. „Korsar“ ließ ein leises freudiges Winseln hören und verschwand.

„Kluges Vieh!“ bemerkte Leupold beifällig. „Aber wenn Du, wie es scheint, keinen Appetit hast, dann komm’ mit mir in den Garten, die Sonne brennt ja hier ins Achterdeck herein, daß man Eier drin sieden könnte! Ist Dir’s recht?“

„Ganz recht, Kapitän!“

(Fortsetzung folgt.)
[17]


DEUTSCHE ZECHER AM MISSOURI.

Ein Sommerabend lag im Land
Voll hellem Sternenscheine,
Wir saßen am Missouristrand
Beim goldnen Wein vom Rheine.
Wie alte Heimatseligkeit
Zog’s durch die Brust uns wieder,
Und wie in ferner Jugendzeit
Erklangen unsre Lieder.

Weltsehnsucht hat aus Deutschlands Gau’n
Getrieben uns vor Jahren,
Meerüber sind, das Glück zu schau’n,
Wir trotz’gen Muts gefahren;
Nun haben wir, durch gleiche Art
Und gleiches Los verbunden,
Im fernen West nach wirrer Fahrt
Wegmüde uns gefunden.

Laut schwoll empor die Melodei
Des Lieds voll deutschem Schalle
Vom Schiffer und der Lorelei –
Wie kannten gut wir’s alle!
Und als der letzte Ton verklang,
Da ward es still im Kreise,
Und einer hob sein Glas und sang
Nach alter Volksliedweise:

„Wo hell durch grünen Waldesraum
Der Isar Wellen rinnen,
Da hab’ geträumt ich süßen Traum –
O Lenz voll Duft und Minnen!
O fernes Lieb, ob auch verdorrt
Die jungen Maientriebe,
Noch denk’ ich deiner fort und fort –
Dies Glas der deutschen Liebe!“

Da klangen froh die Gläser an;
Und mancher dacht’ voll Sehnen
Der Zeit, da erster Liebe Bann
Entlockt ihm sel’ge Thränen.
Sein Glas darauf ein andrer hob,
Ihm ward wohl Lieb’ zu Leide,
Ein Schatten seine Stirn umwob
Wie Höhenrauch die Heide:

„Wo fern am Rhein in Gärten grün
Herniederschau’n die Sterne,
Weiß ich ein Herz in Sehnsucht glüh’n
Nach einem Sohn, der ferne.
O Mutterherz, so reich und voll
Von heil’gen Segensblüten,
Dir gilt dies Glas als Dankeszoll,
Mög’ Gott dich mir behüten!“

Und wieder klirrte Glas an Glas
Laut durch der Zecher Runde,
Und manches Aug’ ward heimlich naß
Und blickte still zum Grunde.
Mit rascher Hand ein Dritter da
Sein Glas ergriff zum Sange,
Er wußte nicht, wie ihm geschah,
Sein Herz schlug weich und bange:

„Im Schwarzwald, half in Blut und Not
Die Freiheit ich begraben,
Und überm Meer erst wurde Brot
Dem elternlosen Knaben,
Und doch zieht’s ewig mich zurück
Nach meiner Kindheit Wegen –
Dies Glas, ich trink’s auf Deutschlands Glück
Und meiner Heimat Segen!“

Wie klangen da die Gläser hell,
Wie schlugen da die Herzen,
In jeder Brust brach auf ein Quell
Von süßen Jugendschmerzen,
Und tausendfältig kam zurück
Gleich reichstem Blütenregen
Des Echos Klang: „Auf Deutschlands Glück
Und unsrer Heimat Segen!“ –

0 Nebraska.  Konrad Nies.

[18]
Im Fieber.
Von Professor Dr. E. Heinrich Kisch.

Niemals wird den Schrecken dieser zwei Worte „Im Fieber“ vergessen, wer je an sich oder an einem seiner Lieben erfahren hat, was sie bedeuten. Frage die Mutter, ob sie nicht ihr Leben lang an jene Nächte denkt, die sie bangen Herzens am Bette ihres Lieblings wachte, da dieser, vom Fieber erhitzt, mit glühenden Wangen, brennenden Augen und versengten Lippen sich auf dem Lager ruhelos umherwarf, in wirren Worten die schrecklichen Gestalten ansprach, welche sein krankes Hirn ihm vorgaukelte, und die tröstende Stimme seines Mütterchens nicht zu erkennen vermochte! Wie oft fühlte in dieser Zeit die zitternde Hand nach dem kleinen Köpfchen, ob die Stirne noch immer so heiß sei, wie oft tastete sie nach dem Pulse, ob er noch immer so schnell dahinrase, wie oft blickte das Auge nach dem Thermometer, jenem wichtigen Instrumente, ob es den silbernen Faden noch immer so hoch hinauftreibe. Ja, ja, eine fürsorgliche Mutter ist ein halber Doktor, wenn ihr Kind „im Fieber“ liegt, und was möchte sie nicht alles thun, um die Hitze, die schreckliche Hitze zu mindern …

In der That ist das Wesentliche eines jeden fieberhaften Zustandes eine Steigerung der Wärmebildung im Körper, eine stärkere Verbrennung der den Organismus aufbauenden Stoffe; und aus der Höhe der krankhaft gesteigerten Temperatur, aus dem Gange ihrer Zunahme läßt sich ein Urteil über die Stärke und den Verlauf des Fiebers bilden. Darum sollte in jeder Häuslichkeit ein genauer Thermometer zum Messen der Körperwärme vorhanden sein, am besten ein sogenannter „Maximumthermometer“, dessen Quecksilbersäule rasch ansteigt und bei dem Wärmegrade, den sie jeweilig anzeigt, unveränderlich stehen bleibt. Zwar wird dieser Thermometer manchen unnützen Lärmruf veranlassen, aber auch manche drohende Gefahr wachsam zuerst verkünden – denn die hohe Körperwärme ist zwar nicht immer allein das Ausschlaggebende und Besorgnis Begründende, aber stets ist sie ein Warnungssignal, das volle Beachtung verdient. Die Körperwärme eines gesunden Menschen, in der Achselhöhle gemessen,[5] beträgt 37° C. Geringe Schwankungen finden auch im normalen Zustande statt, sie hängen von dem Lebensalter des Menschen, von der Tageszeit, in welcher die Messung vorgenommen wird, von körperlicher Bewegung u. a. ab. Indes betragen diese möglichen Schwankungen beim Gesunden kaum 1° C., und sobald der Thermometer 38° C. zeigt, ist diese Wärmesteigerung verdächtig.

Jener deutsche Arzt und Forscher, welcher die größten Verdienste um die Würdigung der Wärmemessuug bei fieberhaften Erkrankungen sich erworben hat, Professor Wunderlich in Leipzig, hat folgende Stufen angegeben: Leichtes Fieber 38 bis 38,4° C., mäßiges Fieber 38,5 bis 39° des Morgens und bis 39,5° des Abends, beträchtliches Fieber 39,5° des Morgens und bis 40,5° des Abends, hohes Fieber über 39,5° des Morgens und über 40,5° des Abends. Wenn die Körperwärme mehrere Tage über 41,7° ansteigt, ist das Leben in hohem Maße bedroht, und wenn sie 42,5° erreicht hat, ist nicht mehr auf Rettung zu hoffen, denn die Erfahrung am Krankenbette wie der Tierversuch haben erwiesen, daß das Leben nur bis zu einer bestimmten Höhe der Körperwärme erhalten bleiben kann und daß ein diesen Grad übersteigendes Fieber Veränderungen in den Organen hervorbringt, welche tödlich wirken. Es ist darum begreiflich, daß der Arzt und die Angehörigen des Kranken das Steigen und Fallen der Quecksilbersäule mit sorgsamer Genauigkeit und ängstlicher Pünktlichkeit verfolgen, besonders dann, wenn die Höhe von 40° erreicht ist und jeder Zehntelgrad mehr die Aussicht auf Genesung zu trüben vermag.

Allein das Fieber drückt sich nicht bloß in einer Erhöhung der Körperwärme aus, sondern umfaßt noch eine Reihe von weiteren Erscheinungen, welche auf tiefe Veränderung des gesamten Stoffwechsels deuten. Die Herzbewegung ist beschleunigt, die Zahl der Pulsschläge vermehrt, die Atemzüge werden häufiger, der Appetit geht verloren, die Verdauung ist gestört, der Durst wesentlich gesteigert, die Kraft der Muskeln herabgesetzt, das Nervensystem in seiner Thätigkeit beeinträchtigt. Eine allgemeine Abspannung giebt sich kund, Unfähigkeit zu geistiger Arbeit, dann wiederum übermäßige Empfindlichkeit der Sinnesorgane, Kopfschmerz, Flimmern vor den Augen, Ohrensausen; Schlaflosigkeit oder beängstigende Träume treten auf, abwechselnd mit krankhaften Erscheinungen einer erregten Phantasie, Wahnvorstellungen mannigfacher Art. Es kommt zu verschiedenen Veränderungen im Blute und in den Absonderungssäften, Veränderungen, welche darauf deuten, daß eine verstärkte Verbrennung im Organismus und eine raschere Abwicklung aller Lebensvorgänge stattfindet, wodurch die Gewebe bedroht werden.

Das Fieber kann die verschiedensten Ursachen haben, den mannigfaltigsten Verlauf nehmen und sehr wechselnde Dauer besitzen. Es ist darum selbst für den Arzt schwierig oder unmöglich, wenn er zu einem im Fieber liegenden Kranken gerufen wird, sich sogleich über die Natur und die Gestaltung des fieberhaften Zustandes auszusprechen. Zuweilen ist der ganze Sturm bedrohlicher Erscheinungen mit einem kurzen, nur wenige Stunden dauernden Anfalle vorüber. Bei sehr empfindlichen Personen, bei Frauen und Kindern treten nach leichten Erkältungen, ja schon nach seelischen Erregungen hier und da sehr heftige Fieberanzeichen auf, so daß man, wenn man auf dem Thermometer die hohe Temperatursteigerung abliest, wer weiß welch schlimme Erkrankung befürchtet – und doch ist binnen 24 Stunden der ganze Spuk spurlos verschwunden. In anderen Fällen, wenn das Fieber Begleiterscheinung stärkerer Entzündungen ist, dauert es mehrere Tage, ja Wochen und Monate mit geringen fieberfreien Unterbrechungen. Der Abfall der Körpertemperatur von der Fieberhöhe kann sehr rasch erfolgen – man bezeichnet es als eine „Krise“, wenn dieses Sinken zur normalen Körperwärme so schnell vor sich geht – oder die Entfieberung kommt nur allmählich zustande und die Krankheit geht langsam in die Genesung über, während deren die Temperaturmessungen ein Sinken der Wärme, zuweilen aber wieder neue anhaltende Steigerungen, also Rückfälle verzeichnen. Ein plötzliches, ganz bedeutendes Sinken der Körpertemperatur unter die Norm, verbunden mit den Erscheinungen starken Verfalles der Kräfte, mit sehr beschleunigtem und sehr schwachem Herzschlage und Pulse, Kaltwerden und Erbleichen von Nase, Wangen, Ohren, Händen und Füßen, zeugt nicht selten von unglücklichem Ausgange der Krankheit – doch das sind Verhältnisse, welche der Arzt zu beurteilen und zu überwachen hat. Für den Laien ist es nur von Wichtigkeit, sich vor Augen zu halten, daß nicht jedes Fieber zugleich einen gefahrvollen Zustand bedeuten muß, ja man ist in jüngster Zeit zu der Erkenntnis gekommen, daß das, was wir „Fieber“ nennen, ein von der Natur selbst eingeleiteter Heilprozeß sein kann, daß durch das Fieber zuweilen nicht der menschliche Organismus, sondern ein diesen bedrohender Feind vernichtet wird.

Bekanntlich hat die Medizin der Neuzeit dargethan, daß gewisse, namentlich ansteckende Allgemeinerkrankungen des Körpers durch Bakterien – einfachste und kleinste, nur mittels sehr starker mikroskopischer Vergrößerung sichtbare Lebewesen – verursacht werden. Nun hat es sich gezeigt, daß bestimmte derartige Erkrankungen, welche frühzeitig von sehr starkem und andauernd hohen Fieber begleitet waren, nach kurzem Zeitraume heilten, und es wird dies dahin gedeutet, daß die hohe Fiebertemperatur jene krankheiterregenden Bakterien in ihrem Wachstum behindert habe, daß durch die Ueberheizung des Körpers der Nährboden für die Bakterien derart verändert worden sei, daß diese zu Grunde gingen oder ihre schädliche Wirksamkeit verloren. Anderseits werden auch durch das Fieber und die hiermit verbundene stärkere Verbrennung des Gewebematerials manche unnütze und schädliche Stoffe unmittelbar aus dem Körper entfernt, wodurch gleichfalls zuweilen eine Selbstheilung von Krankheiten zuwege gebracht wird.

Wo das Fieber aber durch seine Höhe und Dauer bedrohlich auf den Organismus wirkt, hat der Arzt in gewissen Arzneien Mittel an der Hand, die Körpertemperatur herabzusetzen. Außer dem alten und vielfach unersetzlichen Chinin hat der Fortschritt [19] der Chemie eine ganze Reihe solcher Mittel zur Verfügung gestellt wie Antipyrin, Antifebrin, Thallin, Kairin etc., welche indes alle ganz und gar nicht unschuldiger Natur sind, sondern sehr unangenehme Nebenwirkungen besitzen; der Laie greife darum keineswegs selbständig zu einer solchen Hilfe, sondern gebrauche sie nur auf ärztliche Anordnung! Auch Bäder mit kaltem Wasser, kalte Waschungen und Abreibungen gehören zu den kräftigen Abkühlungsmitteln, welche dem Fiebernden nur der Arzt verordnen darf, wenn damit nicht mehr Schaden als Nutzen gestiftet werden soll.

Jeder Fiebernde, und das ist von höchster Wichtigkeit, gehört in das Bett, er muß ruhen und geeignete Diät halten.

Bezüglich dieser Fieberdiät herrschen nun unter den Aerzten zweierlei einander entgegengesetzte Anschauungen. Die einen glauben, jede Zuführung von Nahrungsstoffen während des Fiebers gieße Oel ins Feuer; sie verweigern darum den Fiebernden jegliche Nahrung. Die anderen – und die Erfahrung spricht für sie – halten es für notwendig, daß auch der Fieberkranke ernährt werde, allerdings in einer seinem Zustande entsprechenden Weise, d. h. in einer solchen, welche den gesteigerten Zerfall des Körpereiweißes sowie die erhöhte Körpertemperatur berücksichtigt. In der That bedarf auch der Fiebernde eines Wiederersatzes für die Stoffe, welche er abgiebt, wie Wasser, Kohlensäure, Stickstoffverbindungen und Salze; und wenn ihm nicht eine entsprechende Ergänzung dieser Ausgaben geboten wird, so steht sein Organismus in der Gefahr der Selbstaufzehrung. Nicht leicht ist es aber, diesen Ersatz zu bewerkstelligen, wenn, wie es im Fieber zumeist der Fall ist, die Verdauungskraft, die Fähigkeit, die Nährstoffe einzuverleiben, daniederliegt.

Das Wasser ist ein Nahrungsstoff, welcher auch dem Fieberkranken unentbehrlich ist, vornehmlich wenn dieser selbst ein ganz besonderes Verlangen danach hegt, um den vermehrten Durst zu stillen. Aber auch wenn der Fiebernde nicht selbst zu trinken wünscht, oder wenn sein Zustand ein solcher ist, daß er keine Willensäußerungen von sich geben kann, wird es ihm zur Wohlthat, von Zeit zu Zeit frisches Wasser eingeflößt zu erhalten, das seine trockenen Lippen benetzt, den Mund befeuchtet und den Körper erfrischt. Die Zuführung kann entweder in Form von gewöhnlichem guten reinen kalten Trinkwasser erfolgen oder unter Zusatz von Eis, Zucker, Wein, Fruchtsäften, verdünnten Säuren. Auch dünne Mandelmilch oder eine schwache Abkochung von leicht geröstetem Reis, dünner Gerstenschleim, mit Wasser vermengte Milch, gewisse natürliche oder künstliche Säuerlinge können in Betracht kommen. Man muß dabei dem Zustande der Verdauungsorgane ebenso Rechnung tragen wie den Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen des Kranken. Im allgemeinen ist es sehr zweckmäßig, dem Fieberkranken in regelmäßigen Zwischenräumen, etwa jede viertel oder halbe Stunde, eines der eben bezeichneten Getränke in kleinen Mengen eßlöffelweise zu reichen.

Die flüssige Form ist auch diejenige, in welcher dem Fiebernden die übrigen nötigen Nährstoffe am zweckmäßigsten verabfolgt werden, einerseits weil flüssige Speisen selbst von schwachen Verdauungsorganen leichter vertragen werden, anderseits weil es auf solche Weise am besten möglich ist, kleinere Mengen von Nahrung in häufigen Gaben zu bieten. Die neuere Forschung hat, übereinstimmend mit der alltäglichen Erfahrung, dargethan, daß besonders die den Pflanzen entstammenden stickstofffreien Nährstoffe, die sogenannten „Kohlenhydrate“ (Stärke, Zucker, Gummi), sowie die Leimstoffe die Fähigkeit besitzen, auf das Blut und Gewebe-Eiweiß erhaltend einzuwirken und so der ungewöhnlich heftigen Zersetzung des Eiweißes im Körper entgegenzuarbeiten. Das Eiweiß selbst braucht aus der Nahrung der Fiebernden nicht vollständig verbannt zu werden, doch kann dasselbe nur in geringen Mengen gereicht werden, weil es sonst an die Leistungsfähigkeit der geschwächten Verdauungsorgane zu hohe Ansprüche macht. Bei schwerem Fieber (40° C. und darüber), wo völlige Eßunlust, ja Widerwille gegen jegliche Nahrung vorhanden ist und die Verdauung vollständig daniederliegt, kann außer dem Wasser nur eine dünne Mehlsuppe geboten werden, ein Getränk, welches schon der Altmeister der Medizin, Hippokrates, für die Fieberdiät empfahl. Man bereitet solche Mehlsuppe aus Gerstenmehl, Hafermehl, Gries oder Reismehl mit Wasser und läßt sie mit einer Temperatur von 20 bis 25° C. trinken. Wenn das Fieber nicht zu hochgradig ist, die Beschaffenheit der Zunge auf keine übermäßige Herabsetzung der Verdauungskraft schließen läßt, oder in Fällen, wo die lange Dauer des Fieberzustandes die Sorge um Erhaltung der Körperkräfte gerechtfertigt erscheinen läßt, da ist eine Kost notwendig, welche neben den stickstofflosen auch stickstoffhaltige Nahrungsstoffe enthält, aber in Menge und Form dem geringen Verdauungsvermögen Rechnung trägt. Hier spielen die Hauptrolle im Küchenzettel Fleischbrühe, namentlich die leimreiche Kalbfleischbrühe, Suppe aus Kalbsfüßen und etwas Kalbfleisch, Brühe mit Zusatz von Gelatine (einem aus Knorpel und Knochen hergestellten feinen Leime), Fleischbrühe mit Eiweißzusatz. Diese flüssigen Speisen müssen mehrmals des Tages, aber jedesmal in kleinen Portionen gegeben werden. Wenn Milch nicht, wie dies leider oft der Fall ist, auf besonderen Widerwillen der Kranken stößt, so ist sie ein vorzüglicher Bestandteil der Fieberkost. Man verdünnt sie, wenn starke Verdauungsbeschwerden vorhanden sind, mit einem bis drei Teilen Wasser und setzt ihr eine kleine Menge Kochsalz zu oder man giebt eine Mischung von Getreidemehlsuppe mit einem Drittteil Milch. Damit im Magen nur kleine Gerinsel zustande kommen, darf der Kranke die Milch nur langsam und in kleinen Schlucken mit größeren Zwischenpausen trinken.

Die hier aufgezählten Nahrungsmittel müssen dem Fiebernden, wie gesagt, mehrere Male des Tages und auch, um den Kräfteverfall zu verhüten, während der Nacht gereicht werden. Am meisten Eßlust zeigen die Kranken des Morgens, wo gewöhnlich Nachlaß des Fiebers eintritt. Diese Zeit muß benutzt werden. Aber auch sonst, wenn plötzliche Schwäche, besonders der Herzthätigkeit, sich zeigt, ist rasche Verabreichung eines Reizmittels, etwa einer kräftigen, mit Liebigschem Fleischextrakt versetzten Fleischbrühe, eines starken Theeaufgusses, auch alten Ungarweins, notwendig. Seitdem durch die medizinische Forschung nachgewiesen worden ist, daß bei fieberhaften Krankheiten durch alkoholhaltige Getränke die Körpertemperatur eher herabgesetzt als gesteigert wird, gestatten die Aerzte auch Fiebernden den Genuß von Wein, selbst Cognac, rein oder mit Wasser zu gleichen Teilen, um das Herz zu lebhafter Thätigkeit anzuregen, oder um die Unruhe zu mindern und den Schlaf zu fördern. Wohlgemerkt, der Arzt muß hierüber die Entscheidung fällen.

Wenn das Fieber beträchtlich nachgelassen oder überhaupt nur einen geringen Grad erreicht hat, wenn die Verdauung nicht wesentlich beeinträchtigt ist und der Kranke Verlangen nach Nahrung trägt, kann diese in ausgiebigerer Weise geboten werden, aber immer vorwiegend flüssig und in geringen Einzelgaben. Da sind Fleischbrühen mit Zusatz von „Peptonen“, jenen leicht löslichen Eiweißverbindungen, die man durch Behandeln von Fleisch mit verdünnter Salzsäure und Pepsin erhält, ferner frisch bereiteter, durch Auspressen rohen Muskelfleisches gewonnener Fleischsaft, gut gequirlte rohe oder weich gekochte Eier, rohes geschabtes Fleisch oder leicht gebratenes, vorher geschabtes Fleisch, Milchspeisen u. a. m. gestattet. Die Speisen müssen genügend mit Kochsalz gewürzt werden, sowohl um die Eßlust anzuregen, als um den Körperverlust an Nährsalzen zu decken. Fette sind ganz zu verwerfen, weil ihre Verdauung durch die verringerte Aufsaugungskraft des Darmes bedeutend erschwert ist. Hingegen ist die Zuthat von Säuren zweckentsprechend, weil im Magensafte der Fieberkranken die Säuremenge vermindert ist. Der so sehr beliebte Kaffee, welchen mancher Mensch gar nicht entbehren zu können glaubt, ist ebenso wie Kakao für Fiebernde ungeeignet, weil beide Getränke auf die Darmthätigkeit der Kranken ungünstig einwirken. Thee ist jedenfalls vorzuziehen; ein liebenswürdiger Arzt wird jedoch, wenn der Patient durchaus nach Kaffee lechzt, diesen in recht verdünntem Zustande mit Milch gestatten und auch gegen den Zusatz von Zucker keine Einwendung erheben.

Eine fürsorgliche Wartung ist für jeden an Fieber Daniederliegenden unschätzbare Wohlthat, eine sorgsame Ueberwachung desselben aber unter allen Umständen dringende Notwendigkeit. Die zärtliche Mutter, die treue Gattin, welche mit dem geschärften Auge hingebender Liebe die Wünsche von des Kranken Lippen lesen, ihm Kühlung zufächeln, Erfrischung reichen, Beruhigung zuflüstern, sie sind unersetzliche Helferinnen in der Not, und manch kostbares Leben, das von Fieberglut bedroht war, verdankt seine Rettung mindestens ebenso sehr der aufopfernden weiblichen Pflege wie der ärztlichen Hilfe. Glücklich derjenige, dem auch „im Fieber“ der gute Engel in Gestalt einer liebevollen Pflegerin zur Seite steht!




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BLÄTTER UND BLÜTHEN.



Die alte Gartenlaube. (Zu dem Bilde S. 1.) Das anmutige Bildchen von Hermann Koch, dessen Schöpfungen unsere Leser immer gern in der „Gartenlaube“ begegnen, hat einen Freund der letzteren veranlaßt, uns nachstehende Verse zu senden, welche wir statt jeder weiteren Erläuterung hier wiedergeben:

Vor der Gartenlaube war es,
Wo dereinst ich sie gebeten,
Mein Geheimnis anzuhören –
Zagend sind wir eingetreten.

In der Gartenlaube war es,
Wo sich Herz zu Herz gefunden,
Wo mein liebes holdes Mädchen
Sich auf ewig mir verbunden.

Alte, traute Gartenlaube,
Frisch und grün bist du geblieben,
Mögst du stets auch freundlich bleiben
Jungen Herzen, welche lieben!  A. B.

Der Brautzug. (Zu dem Bilde S. 4 und 5.) „Heisa, da sind wir! Dort steht das Schloß – aufgespielt, Musikanten, daß sie drin merken: der Brautzug kommt!“ So ruft der lustige Rat und schwenkt die Mütze, während der junge kranztragende Edelknecht an der Spitze sich im Sattel hebt und mit seiner grünumlaubten Standarte das Zeichen zum Fahnenschwenken drüben auf der altersgrauen Burgmauer giebt. Denn sie folgen ihm ja dicht auf den Fersen: der Burgherr in der Prachtrüstung mit dem Rautenkranz statt des Helmes, und auf schneeweißem Zelter an seiner Seite das minnigliche Bräutlein im kostbaren, hermelinbesetzten Brokatgewand, die schwere Schapelkrone auf den blonden Flechten. Sie lächelt so heiter und schalkhaft zu seinen geflüsterten Liebesworten, daß man wohl sieht: der schwarze Panzer macht ihr keine Furcht und um das Regiment auf der Burg wird sie nicht verlegen sein. Etwas dergleichen scheint auch der stattlichen Frau Mutter in Gedanken vorzuschweben; sie lächelt befriedigt nach ihrem liebreizenden Töchterlein hinüber, und der ergebungsvoll an ihrer Seite trottende Herr Gemahl sieht gerade aus, als ob er ebenfalls über dieses Kapitel einiges zu sagen wüßte! …

Aber wer wird sich um die Zukunft kümmern, heute, wo das lustige Hochzeitsgeleite den grünen Wald entlang zieht, wo die große Turnierfahne im Winde flattert und heller Sonnenschein seine Funken über die Dahineilenden streut. Wald und Feld sind dieselben, die wir heute sehen, aber der Künstler, der mehr sieht als andere Leute, läßt, indem er sie mit diesem Brautzug belebt, ein fröhliches Stückchen Mittelalter an unserem inneren Auge vorüberziehen. Bn.     


Neujahrsgratulation im Berliner Invalidenhause.
Nach einer Originalzeichnung von E. Thiel.


Sperbereule auf der Eichhornjagd. (Zu dem Bilde S. 13.) Unter den Tageulen, die sich neben ihrer Lebensweise, wie sie schon in ihrem Namen angedeutet liegt, auch äußerlich durch kleineren Kopf und schlankeren Leib von den Nachteulen unterscheiden, ist die Sperbereule (Surnia ulula) mit der reichen Zeichnung des grauen weiß gebänderten Gefieders, mit den langen ziemlich spitz zulaufenden Flügeln und der falkenähnlichen Gestalt eine der schönsten und merkwürdigsten. Sie ist 39 bis 42 Centimeter lang, 76 bis 81 Centimeter breit. Ihren Aufenthaltsort bilden die nördlichen Gegenden der alten Welt, das nördliche Skandinavien, Nordrußland und Sibirien, in Birkenwaldungen siedelt sie sich mit Vorliebe an. Durch reichlichen Schneefall wird sie im Winter veranlaßt, mehr nach Süden zu wandern, nicht selten kann sie dann auch im Norden unseres Vaterlandes, namentlich in Ost- und Westpreußen, beobachtet werden. Sie jagt am Tag, meistens nach Lemmingen, doch auch Eichhörnchen und größere Vögel fallen ihr zur Beute. Unser Bild zeigt eine Sperbereule beim glücklichen Fang; die Scene ist naturgetreu und lebendig wiedergegeben, besonders die Zeichnung und Bewegung der Eule, die ihre Klauen einem zierlichen Eichhorn in den Leib geschlagen hat.


Märchen. (Zu unserer farbigen Kunstbeilage.) Das Lieblingsthema des Märchens, hier steht es vor uns, im Bilde verkörpert, die Geschichte von der wunderholden Fee, die des armen Hüterbuben sich erbarmt und ihn mit sich hinwegführt in ihr goldenes Reich. Und dieses liebliche Feenkind, so jugendrosig und zauberschön, ist selbst nichts anderes als eine Versinnbildlichung des Märchens, wie der braune Hirtenknabe ganz den hingebungsvoll vertrauenden Kinderglauben atmet, in dem allein das Märchen lebt und leben kann.

Der Maler unseres Bildes, Paul Wagner, ist 1852 in Schlesien geboren und hat seine künstlerischen Sporen als Glasmaler an der Josephinenhütte zu Schreiberhau im Riesengebirge verdient. Vor zwanzig Jahren kam er nach München, um dort an der Kunstgewerbeschule und dann an der Kunstakademie seine Studien zu vollenden. Jetzt lebt er meist in seinem Landhaus am Kochelsee. Das „Märchen“, das wir heute bei Eröffnung unsres neuen Jahrgangs in farbiger Wiedergabe den Lesern vorführen, gehört zu den besten Schöpfungen des Künstlers.


Kleiner Briefkasten.

A. M. in Erkloo. Es thut uns sehr leid, daß Ihnen der Gebrauch von „thun“ und „machen“ im Deutschen so viel Mühe macht. In der That macht die Wahl zwischen diesen beiden Zeitwörtern manchen Anfänger im Deutschen straucheln. Und doch können wir nichts dagegen machen und nichts dagegen thun. Wir können Sie nur darauf aufmerksam machen, daß in diesem Fall der Gebrauch der einzige Lehrmeister ist. Thun Sie uns also den Gefallen und lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten nicht irre machen, machen Sie ruhig weiter, dann werden Sie die Erfahrung machen, daß Sie gut daran gethan haben. Fleiß thut’s allein, Uebung macht den Meister!



manicula 0Hierzu die farbige Kunstbeilage I: Märchen. Von Paul Wagner.


Inhalt: Vor der Gartenlaube. Bild. S. 1. – Die Martinsklause. Roman aus dem 12. Jahrhundert. Von Ludwig Ganghofer. S. 1. – Der Brautzug. Bild. S. 4 und 5. – Ein Invalidenheim. Von Johannes Wilda. S. 8. Mit Abbildungen S. 8, 9, 10, 11 und 20. – Die Perle. Roman von Marie Bernhard. S. 12. – Sperbereule beim Fang eines Eichhorns. Bild. S. 13. – Ein Rendezvous. Bild. S. 16. – Deutsche Zecher am Missouri. Gedicht von Konrad Nies. Mit Bild S. 17. – Im Fieber. Von Professor Dr. E. Heinrich Kisch. S. 18. – Blätter und Blüthen: Die alte Gartenlaube. S. 20. (Zu dem Bilde S. 1.) – Der Brautzug. S. 20. (Zu dem Bilde S. 4 und 5.) – Sperbereule auf der Eichhornjagd. S. 20. (Zu dem Bilde S. 13.) – Märchen. S. 20. (Zu unserer Kunstbeilage.) – Kleiner Briefkasten. S. 20.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.

  1. Almen.
  2. Ahne
  3. Fischspeer mit Widerhaken, dessen Schaft zugleich zum Vorwärtstreiben des Flosses diente.
  4. Schutt.
  5. Man schiebt zu diesem Behufe den Thermometer von rückwärts in die Achselhöhle hinein, läßt den Oberarm fest an den Brustkasten anziehen und den spitzwinklig gebeugten Unterarm auf die vordere Brustfläche legen.