Zum Inhalt springen

Die Gartenlaube (1893)/Heft 9

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[133]

Nr. 9.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf.   In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf.   In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



Freie Bahn!
Roman von E. Werner.
(8. Fortsetzung.)


Cäcilie sah schweigend zu, wie Runeck zu dem Kreuz schritt, das an der dem Thal zugewandten Seite des Felsgipfels dicht am Abhang stand, und es untersuchte. Er that das sehr eingehend und gründlich, und es vergingen wohl zehn Minuten, ehe er sich wieder umwandte.

„Die Herren haben sich getäuscht,“ sagte er ruhig, „das Kreuz steht vollkommen fest und sicher, und von einer Senkung ist keine Rede. Vielleicht haben Sie die Güte, das in Odensberg mitzutheilen; ich komme erst übermorgen dorthin und darf wohl annehmen, daß Sie kein Geheimniß aus Ihrem Wagniß machen wollen.“

„Im Gegentheil, ich denke tüchtig damit zu prahlen. – Schauen Sie mich nicht so erstaunt an, Herr Runeck! Sehen Sie, dieser Spitzenschleier gehört nicht eben zu meinem Touristenanzug, ich habe ihn mitgenommen, um zu beweisen, daß ich wirklich auf dem Albenstein gewesen bin. Ich vermochte ja nicht zu ahnen, daß ich Sie hier treffen und Ihr Zeugniß in Anspruch nehmen könnte.“

Und damit löste Cäcilie den weißen Spitzenschleier, der lose um Schulter und Taille geschlungen war, und schritt dem Kreuze zu.

„Was wollen Sie damit?“ fragte Egbert, ihr befremdet nachblickend.

„Ich sagte es Ihnen ja schon: ein sichtbares Zeichen zurücklassen, damit man mir in Odensberg das Wagestück glaube. Mein Schleier soll dort am Kreuze wehen.“

„Wozu? Das ist Verwegenheit, Tollkühnheit! Kommen Sie zurück!“ Der Ruf klang befehlend, angstvoll, aber Cäcilie hörte nicht darauf. Unmittelbar am Rande des Abgrundes stehend, schlang sie den Schleier um das Kreuz. Es war ein beängstigender Anblick – eine einzige unvorsichtige Bewegung, und sie lag zerschmettert drunten in der Tiefe.

„Fräulein von Wildenrod, kommen Sie zurück! Ich bitte Sie!“ Die Stimme des jungen Ingenieurs war dumpf und gepreßt, es lag etwas wie Todesangst darin.

Cäcilie wandte sich um und lächelte. „Können Sie wirklich bitten, Herr Runeck? Ich komme sogleich, nur noch einen Blick in die Tiefe, das reizt mich nun einmal.“ Und sie beugte sich, den rechten Arm um das Kreuz geschlungen, wirklich über die jäh abstürzende Felswand und blickte furchtlos hinab.

Egbert that unwillkürlich einen Schritt vorwärts, sein Arm zuckte, als wollte er sie gewaltsam von dem gefährlichem Standort wegreißen. Er that es

Die Germania für das Reichstagsgebäude in Berlin.
Nach dem Modell von Professor Reinhold Begas gezeichnet von E. Thiel.

[134] nicht, aber aus seinem Gesicht schien alles Blut gewichen zu sein, als sie endlich ihren Platz verließ und wieder zu ihm trat.

„Glauben Sie nun an meine Furchtlosigkeit?“ fragte sie neckend.

„Das verwegene Spiel war wirklich nicht nöthig, um mich davon zu überzeugen,“ sagte er herb, und doch athmete er auf, als er das tollkühne Mädchen wieder auf festem Boden sah. „Ein Fehltritt an jener Stelle und Sie waren verloren!“

Sie zuckte sorglos die Achseln. „Ich bin schwindelfrei und wollte einmal das schaurig süße Gefühl durchkosten dort oben zu stehen, dicht über dem Abgrund. Man fühlt da einen dämonischen Zug zur Tiefe, es ist, als müsse man sich hinabstürzen in das Verderben. Haben Sie dergleichen nie empfunden?“

„Nein,“ sagte Egbert kalt. „Man muß sehr viel – Zeit haben, um sich mit solchem Empfindungen abzugeben.“

„Die Sie für verwerflich halten?“

„Für ungesund wenigstens. Wer sein Leben zur Arbeit braucht, der weiß es auch zu schätzen und schlägt es höchstens im Dienst einer Pflicht in die Schanze.“

Die Zurechtweisung klang sehr schroff, und wenn sie von den Lippen eines anderen gekommen wäre, so hätte Cäcilie dem „Unverschämten“ wahrscheinlich wortlos den Rücken gekehrt. Hier schwieg sie wohl eine Minute lang, und dabei ruhte ihr Auge fest auf dem wettergebräunten Gesicht des jungen Mannes, das noch immer eine fahle Blässe zeigte. Dann lächelte sie wieder. „Ich danke für die Belehrung. Wir verstehen uns eben nicht, Herr Runeck.“

„Ich sagte es Ihnen ja schon … wir gehören zwei verschiedenen Welten an –“

„Und doch stehen wir so nahe beisammen auf dem Felsgipfel des Albensteins,“ spottete Cäcilie. „Uebrigens habe ich das sonderbare Vergnügen nun lange genug genossen. Ich steige jetzt hinunter.“

„So erlauben Sie mir, Sie zu begleiten! Der Abstieg ist weit gefährlicher als der Aufstieg, und ich könnte es vor Erich nicht verantworten, Sie allein gehen zu lassen.“

„Vor Erich? Ja so!“ Ihre Lippen kräuselten sich hochmüthig bei der Erwähnung ihres Bräutigams; dann warf sie noch einen Blick nach dem Kreuze hinauf, wo die lose herabhängenden Enden des Schleiers im Morgenwind flatterten. „Das alte Wetterkreuz hat wohl noch nie ein solches Gewand getragen! Ich schenke es den Geistern des Albensteins, vielleicht öffnen sie mir zum Dank die Felsentiefen und lassen mich die versunkenen Schätze schauen.“

Mit hellem Auflachen wandte sie sich zum Gehen. Schweigend schritt Runeck voran. Er hatte recht, die größere Gefahr lag im Abstieg.

Von Zeit zu Zeit, bei besonders bedenklichen Stellen mahnte er mit kurzen Worten zur Vorsicht oder bot mit einer Bewegung des Arms seine Hilfe an, aber sie wurde nicht angenommen. Seine schöne Begleiterin schritt auf dem schwindelnd steilen Pfade so sorglos dahin wie auf dem bequemsten Wege. Ihr leichter Fuß trug sie über das Geröll, wo Egberts wuchtiger Tritt keinen Stützpunkt fand, und wo es galt, zu klettern oder zu springen, schwang sie sich mit Hilfe ihres Bergstocks wie eine Elfe von Stein zu Stein. Es lag eine berückende Anmuth in jeder Bewegung der schlanken weißen Gestalt, zugleich jedoch jenes kecke verwegene Spiel mit der Gefahr, das jede Vorsicht außer acht läßt.

Sie hatten den größten Theil des Weges zurückgelegt, schon schimmerte das Grün der kleinen Bergwiese herauf, da setzte Cäcilie unvorsichtig wieder den Fuß auf loses Geröll. Allein diesmal gab es nach und rollte in die Tiefe, sie verlor den Halt, schwankte, strauchelte – nun der furchtbare Augenblick des Sturzes, ein lauter Angstschrei, dann wurde es dunkel vor ihren Augen.

Aber in derselben Sekunde wurde sie auch gehalten. Den Bergstock von sich schleudernd, hatte Egbert sich blitzschnell umgewandt, und, mit Riesenkraft gegen die Klippe gestemmt, fing er das bebende Mädchen auf und schloß es fest in seine Arme.

Cäcilie hatte kaum eine Minute lang das Bewußtsein verloren; schon in der nächsten hoben sich ihre großen dunklen Augen scheu empor zu dem Antlitz ihres Retters, das sich über sie neigte. Sie sah, daß es totenbleich war, sah den Ausdruck verzehrender Angst in den sonst so kalten Zügen und fühlte das wilde stürmische Pochen der Brust, an der ihr Haupt ruhte. Sie war in Gefahr gewesen, aber auf seinem Gesicht stand die Todesangst!

So verharrten sie eine Weile regungslos, dann ließ Runeck langsam die Arme sinken. „Stützen Sie sich auf meine Schulter,“ sagte er leise. „Ganz fest – blicken Sie nicht rechts noch links, nur auf den Weg vor sich – ich halte Sie.“

Er hob den Bergstock auf und legte dann stützend den rechten Arm um sie. Cäcilie gehorchte willenlos; die Gefahr, die ihr jetzt erst zum Bewußtsein gekommen war, hatte ihren Widerstand gebrochen, sie bebte noch an allen Gliedern und der Kopf schwindelte ihr. So stiegen sie langsam abwärts. Die zarte Gestalt konnte für den riesigen Mann kaum eine Last sein, und doch ging sein Athem schwer und schnell und in seinem Gesicht brannte eine dunkle Gluth.

Endlich war der feste Boden erreicht, sie standen auf der Bergwiese. Sie hatten während des ganzen Weges kein Wort gesprochen, jetzt aber richtete sich Cäcilie empor. Sie war noch bleich, doch sie versuchte zu lächeln, als sie ihrem Retter die Hand bot.

„Herr Runeck – ich danke Ihnen!“

Es war ein eigener Klang in den Worten, etwas wie warmer Herzenston, wie überquellende Dankbarkeit, allein Egbert berührte nur flüchtig die dargebotene Hand.

„Bitte, gnädiges Fräulein! Ich hätte jedem, den ich in solcher Gefahr gesehen, den gleichen Dienst geleistet. Erholen Sie sich jetzt von dem Schrecken, dann werde ich Sie bis zum Kronswalde geleiten, wo ja wohl Ihr Wagen wartet. Es ist noch weit bis dahin.“

Cäcilie sah ihn befremdet, fast bestürzt an. War das noch derselbe Mann, der sich vorhin in Todesangst über sie gebeugt, dessen ganzes Wesen in wilder fieberhafter Aufregung gebebt hatte, als er sie bergabwärts mehr trug als führte? Da stand er vor ihr mit den unbewegten Zügen und sprach mit der alten kühlen Gelassenheit, als sei in seiner Erinnerung die letzte Viertelstunde ausgelöscht. Aber diese war doch dagewesen, ein Paar dunkler Augen hatte hineingeblickt in eine sonst streng verschlossene Tiefe – sie wußten jetzt, was dort sich barg.

„Halten Sie mich für so feig, daß ich nach einer überstandenen Gefahr noch stundenlang zittere?“ fragte Cäcilie leise. „Ich bin nur müde von dem beschwerlichen Wege und die Füße schmerzen mich; ich muß mich eine Viertelstunde ausruhen.“

Sie ließ sich nieder unter einer hohen Tanne, deren riesige moosübersponnene Wurzeln einen natürlichen Ruhesitz boten. Sie war erschöpft und übermüdet, man sah es, aber ihr Begleiter hatte kein Wort des Bedauerns dafür. Er schien nur den einen Wunsch zu hegen, seiner Führerrolle sobald als möglich ledig zu sein.

Die Bergwiese leuchtete mit ihrem sonnigen Grün hell in dem Waldesdunkel. Hinter ihr stieg der Albenstein empor, nach vorn öffnete sich ein weiter Blick in die Berge hinaus. Die Landschaft hatte nichts von der heiteren Schönheit des Südens, von der überwältigenden Großartigkeit der Alpenwelt, aber es ruhte ein eigener Zauber darauf, träumerisch und schwermüthig wie ihre Sagenwelt.

Tief unten lagen die Thäler in bläulichem Schatten, während die Höhen ringsum von hellem Sonnenschein überfluthet waren, und über Thäler und Höhen breitete sich endlos das grüne Waldmeer, aus dem nur hier und da eine Felswand kahl emporstieg oder in weißem Gischt ein Wildbach herabschäumte. Geheimnißvoll wie aus weiter Ferne kam das Rauschen der Bäume herangezogen, immer mächtiger anschwellend und dann wieder sinkend, ersterbend mit dem Windeshauch.

Und noch ein anderes Tönen und Klingen trug der Wind aus der Tiefe empor. Es war ein Sonntagmorgen und die Glocken all der kleinen Walddörfer drunten riefen zum Gottesdienst. Ueberall ihr schöner Klang, der jetzt klar und voll auftönte, jetzt leise verwehte, mit dem Waldesrauschen sich mischend.

Cäcilie hatte den Hut abgenommen und lehnte sich an den Stamm des Baumes. Egbert stand einige Schritte entfernt, aber seine Augen hingen an ihr wie von einer unwiderstehlichen Macht festgehalten; es half nichts, daß er sie gewaltsam losriß, sie kehrten immer wieder zurück zu der schlanken Gestalt in dem einfachen Lodenkleide, zu dem glänzenden Haar, das heute nur leicht zurückgestrichen war und, von einem seidenen Netze gehalten, lose in den Nacken fiel. Es war eine ganz andere Erscheinung, als Egbert sie bisher gekannt, so viel lieblicher – so viel gefährlicher!

Minutenlang hatte das Schweigen gedauert, nun hob Cäcilie den Blick empor und fragte leise: „Und Sie schelten mich nicht einmal?“

„Ich? Wie käme ich dazu?“

„Doch, Sie haben ein Recht, mir zu zürnen, ich brachte mit meiner Thorheit auch Sie in Lebensgefahr. Um ein Haar hätte ich Sie mit in die Tiefe gerissen. Ich – ich schäme mich.“

Das kam bittend, fast schüchtern heraus – es war ein ganz ungewohnter Ton in diesem Munde. Auf Egberts Stirn erschien eine dunkle Röthe, doch seine Stimme behielt den eisigen Klang.

[135] „Sie haben die Gefahr nicht gekannt, in Zukunft werden Sie vorsichtiger sein.“

„Wollen Sie auch meine Abbitte nicht annehmen, wie Sie meinen Dank verschmähten?“ fragte Cäcilie vorwurfsvoll, „Sie haben mir das Leben gerettet, mit Gefahr des Ihrigen – in diesem Augenblick freilich sehen Sie aus, als ob Sie das bitter bereuten.“

„Ich?“ fuhr Egbert heftig auf.

„Ja, Sie! Sie stehen da mit einer Miene, als müßten Sie sich gegen irgend einen Feind wehren auf Tod und Leben. Mein Gott, gegen wen denn? Nur ich bin ja da!“

Wieder erhob sich das Rauschen und Brausen in den Wäldern. Gleich einem Wehen von unsichtbaren Riesenschwingen zog es dahin über die Höhen, und voller und mächtiger stieg der Glockenruf empor aus der Tiefe. Die ganze Luft war voll von Klang, er schien auf den Sonnenstrahlen zu schweben und zu schwimmen und sich zu einem seltsamen Lied zu gestalten das anfangs nur in einzelnen abgerissenen Akkorden ertönte und dann allmählich zu einer Melodie wurde, die räthselhaft, aber unendlich süß zu jubeln und zu klagen schien.

Wohl gehörten die beiden da oben auf der einsamen sonnenbeglänzten Bergwiese zwei verschiedenen Welten an, wohl schied sie eine tiefe Kluft in all ihrem Denken und Fühlen, allein das eitle verwöhnte Kind der großen Welt, das bisher nur in einem Wirbel von Zerstreuungen, in der ewigen Jagd nach Vergnügen gelebt hatte, dem sonst Einsamkeit gleichbedeutend mit tödlicher Langweile war – es lauschte jetzt wie traumverloren diesem geheimnißvollen Gesange. Und auch der Mann, dem strenge Arbeit nie Zeit gelassen hatte zum einsamen Sinnen und Träumen, wehrte sich vergeblich gegen den Zauber. Er war gewohnt, fest auf dem Boden der Wirklichkeit, im hellen Tageslicht zu stehen und mit kühlen scharfen Augen ins Leben zu blicken – in ein Leben voll Kampf und Streit, voll harter unversöhnlicher Gegensätze. Dafür war er geschaffen, was sollte ihm das Traumgespinst dieser Märchenwelten? Und doch umfingen sie ihn nun mit ihrem ganzen Zauber, und mitten heraus klang bestrickend eine Menschenstimme: „Gegen wen denn wehrst Du Dich? Nur ich bin ja da!“

Egbert strich mit der Hand über die Stirn, als wollte er sich gewaltsam zum Erwachen aus dem Traume zwingen.

„Verzeihen Sie meine finstere Miene, gnädiges Fräulein,“ sagte er. „Ich dachte an Unannehmlichkeiten, die ich in Radefeld mit meinen Leuten gehabt habe. Wer wie ich immer seine Arbeit im Kopfe hat, der taugt schlecht zur Gesellschaft, wie Sie sehen.“

„Habe ich denn Unterhaltung von Ihnen verlangt?“ fragte Cäcilie mit leiser Ungeduld. „Erich hat recht, Sie sind so hart wie Ihre Felsen, schroff und unzugänglich wie der Albenstein da oben. Wenn man endlich glaubt, das Zauberwort gefunden zu haben, wenn die Tiefe für einen kurzen Augenblick sich öffnet, im nächsten schließt sie sich, und kaltes Gestein starrt dem Suchenden entgegen.“

Runeck antwortete nicht. Er hatte dies Zusammensein nicht umsonst gefürchtet, er wußte, daß er sich in jenem Augenblick der Todesgefahr und Todesangst verrathen hatte!

Und seine Gegnerin, die jetzt ihre Macht kennengelernt hatte, war unerbittlich und wollte ihren Triumph genießen um jeden Preis. Es hatte Mühe genug gekostet, diesem starren trotzigen Manne die Fesseln anzulegen, die alle andern so gern und so willig trugen; nun war er bezwungen, und nun wollte sie ihn auch zu ihren Füßen sehen.

„Erich beklagt sich bitter, daß er Sie jetzt so wenig sieht,“ hob sie wieder an, „Wenn Sie nach Odensberg kommen – kommen müssen, so verkehren Sie ausschließlich im Arbeitszimmer seines Vaters und weichen jeder Einladung in den Familienkreis aus. Ihre Arbeiten in Radefeld liefern Ihnen den Vorwand dazu, aber ich weiß besser, was Sie fern hält – meine und meines Bruders Gegenwart.“

„Mein Fräulein –“

„Versuchen Sie nicht, mir das abzuleugnen, ich habe vom ersten Augenblick an die stumme Feindseligkeit gefühlt, die Sie uns entgegentragen, und mich oft genug gefragt, weshalb – ich habe nie eine Antwort darauf gefunden.“

„So fragen Sie Herrn von Wildenrod, er wird Ihnen die Antwort geben.“ Der Ton hätte Cäcilie warnen sollen, er klang drohend, aber sie beachtete ihn nicht.

„Es liegt also irgend etwas Feindseliges zwischen Ihnen beiden noch von jener ersten Begegnung in Berlin her? Aber seitdem sind Jahre vergangen, Oskar hat die Sache längst vergessen, wie Sie von ihm selbst gehört haben. Wollen Sie allein so unversöhnlich sein? Und darf ich nicht wissen, was damals geschehen ist – wollen Sie es auch mir nicht sagen?“

Ihre Stimme klang noch weicher und süßer als vorhin, die dunklen Augen sahen bittend empor zu dem Manne, der es deutlich fühlte, wie sich das Netz dichter und dichter um ihn zusammenzog, wie ihm Wille und Kraft erlagen unter dem Schmeichellaut dieser Stimme, so deutlich er auch fühlte, daß das schöne seelenlose Geschöpf da an seiner Seite nur ein schmähliches Spiel mit ihm treibe und nichts empfinde als den Triumph der Eitelkeit. Da raffte er sich mit einem letzten gewaltsamen Entschluß auf, um die Fesseln zu zerreißen.

„Sprechen Sie im Auftrag des Herrn von Wildenrod, gnädiges Fräulein?“ fragte er mit einer so furchtbaren Bitterkeit, daß die junge Dame stutzte und ihn befremdet ansah.

„Was meinen Sie?“

„Ich meine, daß dem Freiherrn allerdings viel daran liegen muß, zu erfahren, was ich eigentlich weiß, und seine Schwester mag ihm wohl als das geeignete Werkzeug dazu erscheinen.“

Cäcilie erhob sich bestürzt und entrüstet. Wenn die Worte ihr auch unverständlich waren, soviel begriff sie doch, daß es sich hier um etwas anderes handelte als um den erwarteten Sieg. Das war nicht die Sprache eines Mannes, auf dessen Lippen ein Liebesgeständniß schwebte. Haß und Verachtung flammten ihr aus seinen Augen entgegen.

„Ich verstehe Sie nicht, Herr Runeck,“ sagte sie mit aufwallender Heftigkeit, „aber ich fühle, daß Sie meinen Bruder und mich beleidigen. Jetzt will ich wissen, was damals zwischen Ihnen beiden geschehen ist, und Sie werden es mir sagen!“

„Sollte das wirklich noch nothwendig sein?“ fragte er schneidend. „Herr von Wildenrod wird Sie wohl hinreichend unterrichtet haben. Nun denn, so sagen Sie ihm, ich wisse mehr von seiner Vergangenheit, als ihm lieb sein dürfte!“

Cäcilie erblaßte, auch ihre Augen blitzten drohend auf, dasselbe unheimliche Feuer loderte darin wie in dem Blick ihres Bruders, wenn er gereizt wurde.

„Was soll das heißen?“ rief sie, bebend vor Entrüstung. „Wem gelten Ihre Worte? Hüten Sie sich, daß Oskar Sie nicht zur Rechenschaft zieht!“

Ihre Mahnung kam zu spät, sie fruchtete nichts mehr bei Egbert, der durch den stummen qualvollen Kampf, den er nun schon wochenlang kämpfte, aufs äußerste gebracht war. Wäre er noch der ruhige kühle Mann von früher gewesen, er hätte wenigstens nicht zu dieser Stunde und an diesem Orte gesprochen, er hätte in Cäcilie die Frau geschont. Jetzt aber gährte in ihm nur die wilde Rachsucht gegen sie, die ihm seine Seele gestohlen hatte, die all sein Denken und Fühlen dämonisch an sich fesselte und die er doch zu hassen glaubte, hassen wollte, weil er sie verachtete. Wenn er sie jetzt bis auf den Tod beleidigte, wenn er eine Kluft zwischen ihr und sich aufriß, so tief, daß kein Wort, kein Blick mehr hinüberreichte – das brachte Rettung, zerbrach den Bann, dann war es zu Ende!

„Mich soll der Freiherr von Wildenrod zur Rechenschaft ziehen?“ rief er mit bitterem Hohne. „Die Sache dürfte sich doch anders gestalten. Ich habe bisher geschwiegen, schweigen müssen, denn meine eigene Ueberzeugung, ob sie noch so fest steht, vermag nichts gegen Erichs Leidenschaft, gegen den strengen Gerechtigkeitssinn seines Vaters. Sie werden Beweise fordern, und die habe ich zur Stunde noch nicht. Aber ich werde sie zu finden wissen, und dann schone ich nicht mehr.“

„Sind Sie von Sinnen?“ unterbrach ihn Cäcilie, aber er fuhr mit steigender Heftigkeit fort:

„Erich verblutet vielleicht an der Wunde, die ich ihm schlagen muß, allein der Schlag trifft ihn doch, früher oder später. Besser, es geschieht jetzt, wo es noch ein Zurück für ihn gibt, wo er noch nicht an eine Frau gefesselt ist, die mit seiner Liebe und seinem Glücke dasselbe verwegene Spiel treiben wird, das sie vorhin mit ihrem eigenen Leben getrieben hat, das sie mit jedem treibt, der in ihre Nähe kommt. Sie sind ja die Schwester Ihres Bruders, Baroneß Wildenrod, und werden es wohl von ihm gelernt haben, wie man die Karten mischt. Er und Sie fühlen sich schon als Herren von Odensberg – triumphieren Sie nicht zu früh! Noch tragen Sie nicht den Namen Dernburg, und ehe es dahin kommt, [136] setz’ ich alles daran, diesen Namen und Odensberg davor zu bewahren, daß sie die Beute werden von zwei – Abenteurern!“

Das furchtbare Wort war heraus, und Cäcilie zuckte zusammen, als habe sie ein Schlag getroffen. Geisterbleich, keines Wortes mächtig, starrte sie den Mann an, den sie in ihren Banden zu halten wähnte und der sich nun plötzlich als ein erbarmungsloser Feind enthüllte. Sie sah ja nicht den wilden, fast bis zur Raserei gesteigerten Schmerz, der in seinem Inneren wühlte und ihn über alle Schranken der Besinnung hinwegriß, wußte nicht, daß jedes dieser Worte, die er ihr so vernichtend entgegenschleuderte, ihn selbst zehnfach traf, sie empfand nur die tödliche Beleidigung, die er ihr anthat. Erst als er schwieg, wich ihr lähmendes Entsetzen.

„Ah, das ist zuviel – zuviel! Sie häufen eine Verleumdung, eine Beschimpfung auf die andere. Ich weiß nicht, wohin Ihre Andeutungen zielen, aber ich weiß, daß alles Lüge ist, schändliche Lüge, daß Sie uns dafür Rede stehen werden. Mein Bruder erfährt diesen Auftritt Wort für Wort – er wird Ihnen die Antwort geben!“

Es war ein so glühender Ausbruch der Empörung, ein so stürmisches Aufbäumen gegen unverdiente Schmach, daß sie jeden Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte niederschlug. Egbert schien das auch zu fühlen, denn in seinen düster drohenden Augen blitzte ein Hoffnungsstrahl auf. Mit einer hastigen Bewegung trat er einen Schritt näher.

„Sie verstehen mich nicht? Wirklich nicht? Sie sind nicht die Vertraute Ihres Bruders? Antworten Sie mir!“

„Nein – nein!“ stieß Cäcilie hervor, noch zornbebend, aber wider Willen gezwungen durch die qualvolle Spannung, die in der Frage lag.

Egbert sah sie an, sein Blick schien sich einzubohren in ihr Innerstes, als wollte er die Wahrheit darin lesen, dann hob ein tiefer, tiefer Athemzug seine Brust. „Nein!“ sagte er leise, „Sie wissen nichts!“

Es folgte eine lange schwere Pause. Die Glockenstimmen im Thale waren nach und nach verstummt, nur eine einzige klang noch leise und fern herüber. Um so lauter erhob sich der Wind, die Riesenschwingen brausten, als trügen sie das Unheil heran.

„Dann habe ich Sie um Verzeihung zu bitten,“ hob Egbert wieder an, seine Stimme hatte einen verschleierten Klang. „Meine Anklage gegen den Freiherrn nehme ich nicht zurück. Wiederholen Sie ihm Wort für Wort, was ich sagte, blicken Sie ihm dabei ins Auge – vielleicht werden Sie mich dann nicht mehr einen Lügner schelten.“

Es lag trotz des gedämpften Tones eine so eiserne Bestimmtheit in den Worten, daß Cäcilie erbebte. Zum ersten Mal stieg eine dunkle Furcht, eine geheime Angst in ihr auf. Dieser Runeck sah aus, als sei er bereit, seine Worte vor der ganzen Welt zu vertreten. Wenn er doch nicht gelogen hätte, wenn – sie warf den Gedanken weit von sich, aber es überkam sie dabei wie ein Schwindel.

„Verlassen Sie mich!“ sagte sie mit zuckenden Lippen. „Gehen Sie!“

Egberts Auge ruhte düster auf ihrem Gesicht, dann neigte er das Haupt. „Sie können mir die Beleidigung nicht verzeihen, die ich Ihnen anthat – ich begreife das. Aber glauben Sie mir, auch für mich war das eine schwere Stunde – die schwerste meines Lebens!“

Er ging, und als Cäcilie aufblickte, war er schon zwischen den Bäumen verschwunden, sie stand allein. Hoch oben am Kreuz des Albensteins wehte und flatterte ihr Schleier, um sie her brauste der Wald und leise erstarb der letzte Glockenklang in der Ferne.

(Fortsetzung folgt.)




Deutsche Originalcharaktere des achtzehnten Jahrhunderts.
Von Rudolf von Gottschall.
Konrad Ekhof.

Der berühmteste Schauspieler des vorigen Jahrhunderts, dessen Leben uns so recht in die damaligen Theaterzustände einführt, hat in der Geschichte dieser Kunst wie in der Litteraturgeschichte eine dauernde Stätte gefunden. Ein Lessing, ein Goethe, ein Engel, ein Nicolai, ein Kotzebue haben seinen Ruhm aus der Taufe gehoben, ebenso Berufsgenossen, die selbst schriftstellerisch thätig waren, wie Iffland und Schröder. Und doch war Konrad Ekhof keine jener glänzenden Bühnenerscheinungen, wie sie heutzutage das Publicum begeistern, kein gewaltiger Beherrscher der Scene, wie etwa Wilhelm Kunst und Moritz Rott. Er war ein kleiner, unscheinbarer, krummer Mann von so fehlerhaftem Körperbau, daß oft die Kleidung künstlich nachhelfen mußte. Doch das Herz, das darunter schlug – das machte den Künstler, und Goethe konnte ihn den einzigen tragischen Schauspieler Deutschlands nennen.

Ekhofs Vater war Hamburger Stadtsoldat, ein bei der Bürgerschaft nicht sehr geachteter Beruf; doch wurden die Soldaten gut gehalten und die Verpflegung war reichlich. Dem bürgerlichen Berufe nach, den die Soldaten beibehielten, war Ekhofs Vater Schmied. Der Sohn, am 12. August 1720 auf dem Opernhof in Hamburg geboren, erhielt eine gute Erziehung; er schrieb später sehr schön und richtiger als manche vornehme Herren. So trat er denn, kaum den Knabenjahren entwachsen, als Postschreiber bei dem damaligen schwedischen Postkommissar König ein, der große Stücke auf ihn hielt und, als er einmal nach Stockholm reisen mußte, ihm eine leitende Stellung anvertraute. Doch das gute Einvernehmen zwischen beiden erlitt bald eine empfindliche Störung. König, der ein großes Haus machte, auch später geadelt wurde, suchte mit einer zahlreichen Dienerschaft zu prunken, und so verlangte er denn auch von seinem Schreiber, er solle, wenn Frau König Sonntags zur Kirche fahre, als Lakai hinten auf der Kutsche stehn. Ekhof machte Einwendungen, und als diese nicht beachtet wurden, erklärte er, daß er zwar dem unwürdigen Befehle folgen, dann aber sofort Haus und Dienst verlassen werde.

Er hielt Wort, und wir sehen ihn bald darauf als Schreiber bei einem Advokaten in Schwerin, der eine ausgewählte Bibliothek besaß. Dem Schreiber war die Benutzung derselben gestattet, und hier las Ekhof Geschichtswerke, Romane, Dramen; hier entzündete sich zuerst seine Begeisterung für die Bühnendichtung und die Bühne. Die später so berühmte Künstlerin Schröder-Ackermann hatte damals ihren ersten Mann, den Musikus Schröder, einen Trunkenbold, verlassen und war nach ihrer Vaterstadt Schwerin gekommen, um für den Hof Stickereien anzufertigen. Auch sie war damals schon Theaterfreundin; anregende Gespräche nährten bei beiden die Lust, zur Bühne zu gehen. Ekhof übte sich im stillen und „agierte“ auf dem Boden vor aufgehängten Kleidern. Der Ruf des Theaterleiters Schönemann ertönte von Lüneburg her; Ekhof begab sich zu ihm und trat zuerst im Januar 1740 in einer Schmiere als Xiphares in Racines „Mithridat“ auf. Man versprach sich anfangs nicht viel von seiner Leistungsfähigkeit; erst durch anhaltenden großen Fleiß und eifrige Lektüre hat er sich in die Höhe gearbeitet. Doch spielte er bald größere Rollen, wie den jüngsten Makkabäer in den „Hingerichteten sieben Söhnen“. Der junge Künstler mußte sich natürlich mit einem sehr dürftigen Auskommen begnügen – wie konnte das anders sein in einer Zeit, da selbst die Größen der Schönemannschen Truppe Gehälter bezogen, welche den heutigen ersten Mitgliedern der reisenden Gesellschaften ein mitleidiges Lächeln abnöthigen würden! Ekhofs erste Wochengage betrug 1 Thaler 16 Groschen. Schönemann entließ die hochbegabte Frau Schröder lieber, als daß er ihr Wochengehalt von 6 Mark Banco (7 Mark 75 Pfennig) auf 7 Mark Banco 8 Schillinge (9 Mark) erhöht hätte, wie sie es verlangte.

Siebzehn Jahre lang blieb Ekhof bei der Schönemannschen Truppe; er begleitete sie bei allen ihren Wanderungen nach Leipzig, Breslau, Danzig, Königsberg, Berlin und Schwerin, wo sie zuletzt vom Hofe unterstützt wurde. Sein Ruf wuchs von Jahr zu Jahr; Gottsched, dessen meiste Stücke er spielte, und Chr. Weiße schätzten ihn nicht nur als Künstler hoch, sie wandten sich auch oft um Rath an seine kritische Einsicht. Später wurden Lessings Stücke von großer Wichtigkeit für die Bühnen und Schauspieler, auch für Ekhof, der außerdem glänzende Rollen in den bürgerlichen Schauspielen der Engländer fand. Es war eine Zeit der Reform und des Umschwungs im deutschen Theater, und Ekhof war

[137]

Wasserrose.
Nach einem Gemälde von E. v. Rège.
Photographie im Verlage der Photographischen Union in München.

[138] einer der Hauptträger dieser von alter Ueberlieferung sich loslösenden Zeit.

Nicht bloß für seine eigene Fortbildung, auch für die seines ganzen Standes war er thätig, und wir lesen mit Staunen von der „Akademie“, die er in Schwerin als ein genossenschaftliches Unternehmen zu gegenseitiger sittlicher und künstlerischer Erziehung gebildet hatte. Ekhof war „Lektor“ und „Präpositus“ der Akademie, die Seele des Ganzen. Die Hauptgegenstände der Sitzungen waren Vorlesung der zu spielenden Stücke, Erörterung der Hauptrollen, Betrachtungen über die Schauspielkunst überhaupt, „bescheidene Anmerkungen über die Pflichten der Künstler im gemeinen Leben“, alles „ohne Entrüstungen und Empfindlichkeit“. Doch hatte Ekhof bei diesen Bestrebungen keinen leichten Stand; er stieß vielfach auf Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, man nannte ihn den Schulmeister, und vergebens beschwor er oft mit beredten Worten die im alten Schlendrian sich behaglich suhlenden Genossen: „Haben wir wohl einen wichtigeren Gegenstand als den Fortgang unserer Kunst? Sollte sie keine ernsthaften Betrachtungen verdienen – sie, die uns Unterhalt und Ehre verschafft?“ Die Akademie wurde 1753 begründet und dauerte wohl bis zum Ende der Schönemannschen Direktion.

In die Zell, in welcher Ekhof dieser Truppe angehörte, ins Jahr 1745, fällt auch seine Verheirathung mit Jungfer Georgine Spiegelberg, der Tochter eines Schauspieldirektors, die um vierzehn Jahre älter war als er. Sie wird als eine „große, ihre Nebenbuhlerinnen hundertfach übertreffende Aktrice“ geschildert, die „nur von ihrer Brust nicht gehörig sekundiert werde“.

Später wurde die begabte Künstlerin, ohne ihr Verschulden, zur Plage seines Lebens. Frau Ekhof hatte stets Anwandlungen von Schwermuth und verfiel schließlich 1765 in Bremen ganz in Irrsinn. Und dieser Irrsinn war religiöser Art. „In Bremen herrschte,“ wie Iffland berichtet, „eine große Unduldsamkeit gegenüber Schauspielern. Die geistlichen Volksredner sprachen auf ihrem Grund und Boden heftig gegen das Theater. Ein Geistlicher in Bremen hat durch sorgsam erregte Gewissensskrupel Ekhofs Gattin um ihren Verstand gebracht!“ Doch war es ein stiller Wahnsinn, und Ekhof lebte mit ihr bis zu seinem Tode zusammen. Schwer hat dieses Schicksal auf ihm gelastet.

Nachdem infolge des Thronwechsels die Schweriner Glanzepoche ein Ende erreicht hatte, spielte die Schönemannsche Gesellschaft meistens in Hamburg; hier mußte jetzt Ekhof die ganze Direktion führen, denn Schönemann hatte auf einmal eine merkwürdige Neigung zum – Pferdehandel gefaßt. Die Pferde aber wurden seinen Künstlern verhängnißvoll; was er bei den letzteren gewann, setzte er bei den ersteren zu. Endlich konnte er die Gagen nicht mehr aufbringen, entließ viele seiner Mitglieder, zuletzt auch Ekhof, dessen Frau und Schwägerin sich schon früher zurückgesetzt fühlten. Dieser begab sich zunächst nach Danzig zur Schuchschen Gesellschaft, wo er sich indes nicht behaglich fühlte; denn Schuch war ein geborener Hanswurst und pflegte besonders die Hanswurstiaden.

Im Jahre 1757 kehrte Ekhof wieder nach Hamburg zurück und übernahm als selbständiger Prinzipal den Rest der Schönemannschen Truppe. Doch hatte das Unternehmen keinen rechten Erfolg, und Echof führte die Leute schließlich seinem früheren Kollegen Heinrich Gottfried Koch zu, der bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs seine Schauspieler entlassen, aber Garderobe und Maschinerien behalten hatte. Eckhof war bei Koch alles und hatte das Heft in Händen; seine Gage betrug freilich nur dreihundert Thaler, und auch die bezog er theilweise in Theaterbillets, die er erst durch Zwischenhändler auf der Straße in Geld verwandeln mußte. Er verkehrte übrigens in einigen der ersten Hamburger Häuser; besonders war er bei mehreren Geistlichen ein gerngesehener Gast, denn er war auch ein eifriger Kirchenbesucher und großer Freund der Kirchenmusik. Doch mit seinem Direktor stand Ekhof nicht immer auf gutem Fuße, und als sich die Mißhelligkeiten mehrten, da schied Ekhof von ihm in erbitterter Stimmung und wandte sich zu Ackermann, der gerade in Hannover spielte. Ueber seine Ankunft dort wird berichtet: „Am 24. April 1764, als die Gesellschaft just pon einer Tanzprobe kam, hielt ein Frachtwagen, mit Segeltuch bedeckt, vor Ackermanns Hause; ein gebücktes Männlein, mit einer Art Weiberkappe bedeckt, kroch heraus. Es war Ekhof. Ackermanns Gruß beantwortete er ablehnend, nur mit der Sorge um zwei hübsche Hündchen beschäftigt, die ihm seine noch unter dem Segeltuch verhüllte Frau dringend ans Herz legte. Endlich entstiegen auch die Gattin des deutschen Roscius nebst seiner Schülerin Sophie Schulz, gleichfalls in häßliche Kappen gehüllt, dem Frachtwagen. Während sie in das Ackermannsche Haus gingen, verweilte Ekhof am Wagen, bis alles abgepackt, hineingeschafft und jede Schütte Stroh durchwühlt war. Dann zankte er noch eine halbe Stunde plattdeutsch mit dem Fuhrmann über die Reisekosten; nun erst folgte er unter steter Klage über die mühselige Fahrt Ackermann auf dessen Zimmer.“

Die Ackermannsche Gesellschaft spielte in Hannover, Braunschweig, Göttingen, Bremen, Hamburg; doch hier waren die Mittel des Unternehmers erschöpft; er trat im März 1767 sein Theater an die Schauspieler Abel Seyler und Joh. Martin Tillemann ab, und nun beginnt jene kurze Epoche des „Nationaltheaters“, welcher durch Lessings Dramaturgie dauernder Nachruhm beschieden worden ist, ein Nachruhm, an welchem Ekhof als der erste Schauspieler dieser Bühne den Löwenantheil hat. Die Prinzipalschaft fiel, nachdem das neue Unternehmen gescheitert, wieder an Ackermann, der Besitzer des Inventars geblieben war. Seyler aber hatte inzwischen in Hannover die Bühne übernommen, die vom Hofe durch freies Theater und glänzende Garderoben unterstützt wurde, und als dieser die Werbetrommel rührte, da ließ Ekhof seinen Freund Ackermann rücksichtslos im Stich. Ein Bühnenkartellverein bestand damals nicht; die Schauspieler kamen und gingen, wie es ihnen beliebte; was man heutzutage als Vertragsbruch bezeichnen würde, das gehörte damals zur Tagesordnung, und war etwas Besseres in Sicht, so machte man sich kein Gewissen daraus, auch persönlich nahestehenden Freunden untreu zu werden. Die Seylersche Truppe spielte in Hannover, Celle, Osnabrück, später in Gießen, wo ein Professor der Dichtung, Heinrich Schmid, ein sehr schmeichelhaftes Lobgedicht auf die Mitglieder der Gesellschaft machte und deshalb wegen „Entweihung der Feder“ in Untersuchung gezogen wurde, dann noch in Wetzlar, dem Sitze des Reichskammergerichts. Ekhof war immer mehr die Seele des ganzen Unternehmens geworden, besonders seit es darauf ankam, die Kasse zu füllen, „er war überall auf dem Platze und legte oft seine Hände, ja seinen ganzen Körper mit an, um eine unbehilfliche Maschine vom Theater zu ziehen oder eine verworrene Dekoration zu entwirren“. Der Ruf der Gesellschaft war inzwischen nach Weimar gedrungen, und die Herzogin-Regentin Anna Amalia bot ihr 1771 eine feste Anstellung unter günstigen Bedingungen. So betrat Ekhof noch in den letzten Lebensjahren den später klassisch gewordenen Boden Weimars. Wegen eines Schloßbrandes wurden die Schauspieler 1774 entlassen, gleich darauf aber in Gotha engagiert, wo sie zuerst im Residenzschloß Friedenstein spielten. Ihr Vertrag sicherte ihnen das Recht, die Leipziger Messe zu besuchen. Hier begannen sie 1774 ihre Vorstellungen in einer Bude vor dem Grimmaschen Thore, denn das 1766 eröffnete Schauspielhaus war von der Döbbelinschen Truppe besetzt.

Döbbelin ließ es sich selbstverständlich angelegen sein, den gefährlichen Mitbewerber bald loszuwerden; er hatte Gerüchte ausgesprengt, die Bude werde zusammenstürzen, wenn Zuschauer sie besuchten, und veranlaßte auch wirklich elnige seiner Freunde, Bänke loszubrechen, welche am Eröffnungsabend zusammenkrachten. Allgemeiner Schrecken entstand; die Zuschauer und selbst einige der Bühnenmitglieder stürzten ins Freie. Doch Ekhof wußte sich Gehör zu verschaffen und beruhigte die Aufgeregten, so daß die Vorstellung stattfinden konnte.

Die letzte wichtige Wendung in Ekhofs Leben war 1775 der Eintritt in die Oberleitung der Gothaschen Hofbühne, der ersten in Deutschland.

Seyler war nämlich nach Dresden berufen worden; Ekhof und die besten Mitglieder, die dahin nicht mitgehen mochten, ließen ihren Direktor an die Elbe ziehen und blieben in Gotha, wo alsbald das „Neue herzogliche Theater“ eröffnet wurde; ein Oberhofmarschall wurde „Oberdirekteur“, also „Intendant“, Ekhof übernahm die künstlerische Leitung. Hier gelang es ihm, die Truppe durch schöne Talente zu verjüngen, indem er Iffland, Beil und Beck heranzog. Ein Lichtpunkt in dieser Zeit war sein Mitwirken bei einer Liebhabervorstellung am weimarischen Hofe, wo er mit Goethe zusammenspielte, der ihn auch zu Tisch einlud. Ekhof war Freimaurer, auch Meister vom Stuhl in einer Loge, welcher der Herzog selbst angehörte, und mit Eifer verfolgte er echt menschenfreundliche Bestrebungen. So war er der erste, welcher den Plan einer allgemeinen Pensions- und Totenkasse für [139] Schauspieler entwarf und einem Ziele nachstrebte, welches neuerdings die Deutsche Bühnengenossenschaft glücklich erreicht hat. Nachdem er lange krank gewesen, starb er am 16. Juni 1778. Schon am Tage darauf veranstaltete die Gothasche Hofbühne eine Trauerfeierlichkeit zu seinen Ehren.

Widerspruchsvoll sind die Urtheile über den bedeutenden Künstler auch von berufener Seite; aber die Thatsache, daß er seinerzeit der berühmteste deutsche Schauspieler war, steht unwidersprechlich fest. Der erste Eindruck, den seine Erscheinung außerhalb der Bühne machte, war eine Enttäuschung – und das war selbst in seinen besten Jahren der Fall. Auch Ackermanns Stiefsohn, der berühmte Schröder, war zuerst der Ansicht, daß Ekhof schwerlich den Erwartungen entsprechen werde, die sein Ruf erweckte; doch er wurde rasch bekehrt und einer seiner wärmsten Verehrer. In späteren Lebensjahren vernachlässigte Ekhof sein Aeußeres noch mehr; er ließ sich hängen und hatte einen watschelnden Gang. Kotzebue erzählt, in einem schlichten Rocke, einer ungekämmten Perücke und höchst anspruchslosen Ganges sei der unbegreifliche Mann vormittags um 10 Uhr nach den Proben gewandert, der abends, wenn er als König oder Minister auf die Bühne trat, zum Herrscher geboren schien. Oft mochten unter der ungekämmten Perücke wohl auch die eigenen kurz abgeschnittenen Haare struppig hervorschauen; „die ungeheuren Ballen seiner Füße zu verdecken, fiel ihm selbst auf der Bühne nicht ein“. Und doch bedurfte er, um als Künstler zu wirken, nicht der Masken und Kostüme und des Glanzes der Theaterlampen. Als die Berliner Buchhändler Nicolai und Mylius, deren Zeit in Weimar kurz gemessen war und die Ekhof nur in der einen Rolle des „Odoardo“ gesehen hatten, sich gern an weiteren Proben seiner Kunst erfreuen wollten, machten sie ihm in Begleitung des Märchendichters Musäus in früher Morgenstunde einen Besuch. Ekhof empfing sie in Schlafrock und Nachtmütze, und sie erschraken über den tiefen Ausdruck des Kummers auf seinem Gesicht, auf dem der Gram über den Irrsinn seiner Gattin lag. Er setzte seine Brille auf und trug einen schwunghaften Monolog aus Cronegks „Codrus“ vor, und zwar so schön, daß die Hörer Nachtmütze und Schlafrock vergaßen. Dann ließ Ekhof die Scene des Wiedersehens des greisen Lusignan mit seinen Kindern folgen. Statt der Kinder standen zwei alte Stühle da, die Ekhof umarmte; den Hörern liefen die Thränen über die Wangen. Da sprang Ekhof auf, warf den Schlafrock ab und spielte eine Scene aus dem plattdeutschen „Bauern mit der Erbschaft“, welche die heiterste Wirkung ausübte. Nicolai schied als Ekhofs begeisterter Verehrer.

Ekhofs Hauptvorzug bestand in einer Stimme voll unnachahmlichen Wohllauts, der nie ein Herz widerstanden hat; Schröder rühmt seine unübertreffliche Meisterschaft auf dem ihm eigenthümlichen Gebiete vollendeter Deklamation. „Ekhofs Redegewalt,“ sagt Iffland, „trug ein Organ von donnernder Kraft, das bis heute ohnegleichen ist auf der Bühne“. Sein Mienen- und Gebärdenspiel war ausgezeichnet. Lessing feiert seine Leistungen, und glänzend ertönt Ifflands Lob, obschon dieser nur noch „schöne Reste“ von dem Künstler sah; er rühmt ihm nach „allmächtige Wahrheit in edlem Gewande, tiefste Wirkung durch die einfachsten Mittel“. „Er konnte immer Thränen fließen machen, wenn er wollte“. Er sei ein „vortrefflicher Redner“ gewesen, nicht nur ein guter Deklamator. Jener müsse mehr sein als dieser, müsse selbst überzeugt sein, auf seinem Angesicht müsse die Gedankenfolge vor dem Hörer entstehen, sein lebendiger Athem den Geist der Sache der Ueberzeugung des Hörers wohlgefällig machen. „Ein Redner dieser Art war Ekhof, und das konnte er nicht ohne Genie, ohne Bildung und Feinheitssinn; nie erkältete leere Pracht des Redners den Hörer. Prosaischem Dialog gab er das Leben der guten Gesellschaft.“ Sein Richard III. in Weißes Stück, sein Kanut, sein Essex waren glänzende Rollen, am glänzendsten sein Odoardo in „Emilia Galotti“. Kotzebue, Nicolai, Schink, Engel waren von dieser Leistung begeistert, die eine wunderbare Wirkung ausübte. „Was auf Odoardo-Ekhofs Stirn wühlte,“ sagt Schink, „was in seinen Augen rollte, auf seinen Wangen glühte, in allen Bewegungen seines Körpers zitterte – das kann kein Pinsel, kann der feurige Ausdruck nicht malen. Seine Töne des erstickten Zorns, der knirschenden Wuth, des zusammengebissenen Schmerzes, sein Lachen der Verzweiflung – wer kann es malen! Sein ‚Doch, doch, meine Tochter!‘ – nie ist es wieder in eines Schauspielers Seele, in eines Schauspielers Mund gekommen.“

Wohl haftete dem Künstlerbild Ekhofs auch manche Schatten an, Schatten, wie sie allerdings vielen großen Künstlern eigen sind. Er konnte nie genug spielen. Als Komiker trug er die Farben oft zu grell auf und erniedrigte sich im Niedrig-komischen zum Pickelhering, entstellte oft sein Angesicht zur scheußlichsten Fratze und schuf Zerrbilder. Die Kunst, sich selbst zu belustigen und andere zur Fröhlichkeit fortzureißen, die sprudelnde Laune war ihm versagt. Im Alter, wo er ein ausgezeichneter Darsteller von Väterrollen war, wollte er noch immer junge Liebhaber und Lebemänner spielen, und man neckte immer den alten steifen Mann. Auch sein Tellheim war verfehlt. Selbst vor den sogenannten Schauspielerkunststücken scheute er nicht zurück; in Voltaires „Zaire“ leistete er das Unglaubliche, zugleich den Vater der Heldin, den achtzigjährigen Lusignan, und ihren jungen Geliebten Orosman zu spielen. Im Alter ließ ihn bisweilen das Gedächtniß im Stich. Einmal blieb er in der Väterrolle des „Zweikampfes“ so stecken, daß er ganz den Kopf verlor und den Souffleur auf offener Bühue ausschalt zur größten Bestürzung der Mitspieler und des Publikums. Gleich darauf riß er wieder durch sein Spiel alle zu Thränen hin.

Aber trotz alledem bleibt Ekhof ein großer Künstler und Förderer deutscher Bühnenkunst, dem dauernder Nachruhm gebührt.


Das neue Haus des deutschen Reichstages.

Vor dem geschichtlich und künstlerisch denkwürdigen Brandenburger Thore zu Berlin, etwas zur Seite liegend, breitet sich der größte und vornehmste Platz der Reichshauptstadt aus, der Königsplatz. Wundervoll ist seine Lage. Wald umgiebt ihn von zwei Seiten, die Häuserreihe der Stadt von einer dritten, und die vierte Seite öffnet sich breit auf einen Ausblick, in dem sich monumentale Bauten und Quais mit einer großartigen Brückenanlage zusammenschließen.

So bevorzugt die natürliche Lage dieses Platzes ist, so wenig hatte bis vor kurzem die Kunst gethan, ihn zu schmücken. Architektur, Bildnerei, Gartenbau waren wie geflissentlich an diesem herrlichen Stückchen Freiland mitten in der Häuserwüste der Großstadt vorübergegangen. Es war, als ob sie fürchteten, daß dieser Platz zu große Aufgaben an sie stellen könnte. Von alters her lag an der Westgrenze ein Theater- und Gartenanwesen von bescheidener Ausdehnung, ein Wahrzeichen des alten Berlins, das Krollsche Theater. Ehemals galt es als eine Zierde dieser entfernten Gegend, die braven Berliner pilgerten hinaus zu ihm, an Sonn- und Feiertagen, wie nach einem grün umhegten Bierdorf der Umgegend. Heute, da längst die Riesenstadt sich kilometerweit über diesen Punkt hinausgeschoben hat, steht das „Krollsche“ noch da in all seiner Kleinheit, seiner ehemals klassisch, heute ärmlich genannten Schlichtheit, erdrückt von den Bauten neben und hinter sich, erdrückt von den Bäumen, und auf dem großen Platz sich ausnehmend wie eine steingewordene Erinnerung an die Bescheidenheit vergangener Zeiten.

Dem Krollschen Theater gegenüber, an der Ostgrenze des Königsplatzes, stand ein Bau, der jenem völlig entsprach. Das war das Raczinskische Palais, das in den Fremdenführern immer mit einer gewissen Hochachtung genannt wurde, nicht wegen seiner dürftigen Architektur, sondern wegen der darin aufbewahrten recht ansehnlichen Gemäldesammlnug des Grafen Raczinski.

Nach dem siebziger Kriege fing man an, den Königsplatz mehr zu berücksichtigen. Aber die Versuche, ihn zu schmücken, fielen kläglich genug aus. Das Generalstabsgebäude, ein formloser Backsteinbau, der auf der Nordwestecke aufgestellt wurde, hob die westliche Einfassung um keine Linie über den seitherigen unkünstlerischen Eindruck. An der Nordseite erlaubte man, daß sich die Straßen mit ihren stillosen Privatbauten ungehindert bis in den Platz hineindrängten, und so ließ man es geschehen, daß für unabsehbare Zeit die einheitliche künstlerische Gestaltung des Ausblicks nach Norden verdorben wurde. Und das Schlimmste [140] des Schlimmen: in die Mitte des wundervollen Platzes pflanzte man jene berüchtigte Stracksche Säule mit der plumpen Drakeschen Viktoria und den Kränzen von Kanonenrohren, jenes Siegesdenkmal, das der Berliner Volkswitz gerecht und vernichtend den „Siegesschornstein“ nennt.

Wie aus Scham vor dieser künstlerischen Niederlage nach großen kriegerischen Siegen ließ man den Platz verwildern. Noch Ende der siebziger Jahre war er zum größeren Theile ein abscheuliches Sandfeld. Erst am Anfang des vorigen Jahrzehnts machte man nach einem einheitlichen Plane ziemlich gewöhnliche und reizlose gärtnerische Anlagen, stellte Büsten und Figuren hinein und legte Fahr- und Gehwege an, die nach Regenwetter beinahe unbenutzbar waren. Nur die Theile um die Siegessäule erhielten ein gutes Mosaikpflaster, wie es der Platz verdiente.

In diesem Zustande befindet sich der Platz noch heute.[1] Nur eines hat sich verändert: das kleine Raczinskische Palais ist verschwunden, und an seiner Stelle erheben sich die gewaltigen Glieder des neuen Reichstagsgebäudes.[2] Dieses Monumentalwerk ist endlich eine Anlage, die des Platzes würdig ist. Es gehört zum Platz und der Platz gehört zu ihm. Sie ergänzen sich in ihrer natürlichen Großartigkeit. Nirgends anderswo in Berlin durfte das Reichshaus hingestellt werden.

Noch umgeben mächtige Gerüste die Ecken und zum Theil auch die Mittelflächen der Fassaden, und insbesondere die Westfassade, die nach dem Königsplatz zu gelegen ist und die wir als die hauptsächlichste auf unserem Bilde Seite 144 und 145 zeigen, wie sie nach ihrer Vollendung sich darstellen soll, wird noch von dem Stangenwerk zum großen Theil verdeckt.

Dennoch kann man bereits einen Gesamteindruck von dem Bau gewinnen, die Hauptlinien zeichnen sich frei am Himmel ab, und stolz und blinkend erhebt sich in der Mitte die mächtige Kuppel, Glas zwischen goldschimmernden Rippen, darüber die gleichfalls goldglänzende Laterne, ein feingegliederter, mit Säulen umstellter Bau, und über ihr, als Abschluß des Ganzen, auf schlankem Träger im Sonnenlicht funkelnd, die goldene Kaiserkrone.

In den allgemeinsten Umrissen ist das neue Reichstagsgebäude ein Rechteck, an dessen vier Ecken Thurmbauten die Frontlinie überschreiten und die Dachlinie hoch überragen und dessen vier Fassaden je in der Mitte in einem gewaltigen säulengetragenen Thorbau ausladen. Ueber der Mitte des Ganzen steigt die schon erwähnte Kuppel auf.

Diese im Ganzen einfachen Linien umschließen eine unübersehbare Fülle architektonischer und bildnerischer Einzelwerke. Die Maße des Baus sind so gewaltig und der Aufriß ist in seinen Hauptzügen so sicher und ruhig, daß das Beiwerk nimmermehr überwuchern kann. Es begegnet uns bei jedem Blick in immer neuen Formen und doch fügt es sich wie selbstverständlich den Flächen ein, die zwar geschmückt erscheinen, aber nichts von ihrer vornehmen Ruhe einbüßen. Jedes Glied geht in der Harmonie des Ganzen auf, und darum erscheint es leicht und gefällig, obwohl es an sich, den Größenverhältnissen des Ganzen entsprechend, kolossal ist.

Ein Beispiel für viele: die Säulen, die der Leser auf unserem Bilde der Westfassade am Portal erblickt, übertreffen an Höhe die Mittelsäulen des Brandenburger Thores. Wer von diesem gewaltigen Denkmal her auf den Königsplatz kommt und die Portalsäulen des Reichstagsgebäudes erblickt, möchte das kaum glauben, so schlank, graziös und leicht erheben sich diese Säulen vom Fuß bis zu den aus reichem Blattwerk gebildeten Kapitälen. Und doch messen diese Säulen 16,7 Meter mit dem Sockelstein, während die Säulen des Brandenburger Thores nur 13,8 Meter hoch sind.

Paul Wallot,
der Erbauer des neuen Reichstagsgebäudes.
Nach einer Photographie von Wilh. Fechner in Berlin.

Und da wir einmal bei den Zahlen sind, noch ein paar andere! Die bebaute Fläche beträgt rund 11.638 Quadratmeter, das Produkt aus einer Länge von 1314/5 und einer Breite von 881/3 Metern, das ist mehr als 4½ preußische Morgen. Zieht man aber um den ganzen Bau, von den äußersten Punkten zu den äußersten Punkten vier zu einem Rechteck sich zusammenschließende Linien, so mißt dieses Rechteck sogar rund 13.300 Quadratmeter, das sind ruud 5¼ preußische Morgen. Um diese Fläche zu bebauen bis zu einer Durchschnittshöhe von 272/3 Metern, bedurfte es 15 Millionen Ziegel und 14.000 Kubikmeter Sandstein. Diese 15 Millionen Ziegel, hintereinandergereiht, ergäben einen gepflasterten Weg von 500 geographischen Meilen (etwa die Entfernung zwischen Bordeaux und Astrachan), und die 14.000 Kubikmeter Sandstein nehmen ein Volumen ein, das gleich ist dem Volumen sämtlicher Bewohner einer Stadt etwa in der Größe von Dresden. Dafür kostet der Bau aber auch die runde Summe von 21 Millionen Mark, die bekanntlich seinerzeit aus der französischen Kriegsentschädigung für diesen Zweck zurückgelegt wurde.

Doch genug der Zahlen! Die gewaltigsten Maße würden nichts helfen, wenn der künstlerische Werth des Werkes gering wäre. Das ist aber glücklicherweise nicht der Fall. Meister Paul Wallot hat mit dem Reichstagsgebäude einen Bau geschaffen, der eine Zierde Berlins, ja Deutschlands sein wird. Er nimmt in der modernen Architektur Europas seinen bedeutsamen Platz ein, und es darf wohl ausgesprochen werden, daß er nach seiner Vollendung einen starken Einfluß auf die Baukunst der kommenden Jahre ausüben wird.

Das Reichstagsgebäude hat seinen eigenen Stil. Dieser Stil vereinigt die beruhigte Abgeschlossenheit des Renaissancebaues mit dem Aufstrebenden der Gothik, die Formefülle des Barock mit den großen Flächen moderner Nutzbauten. Die Eckthürme und Portale tragen reichen bildnerischen Schmuck, die Frontflächen dagegen sind schmuckloser und strenger, sie werden im Norden, Osten und Süden durch Pilaster, auf der Westfront dagegen durch gewaltige eingemauerte Säulen gegliedert.

Mit Hilfe unseres Bildes von dem Giebel und dem Eckthurm der Südfassade (S. 141) gewinnt man eine ungefähre Vorstellung von dem überaus reichen Schmuck, den diese vorzugsweise mit Bildnerei bedachten Theile des Baues tragen. Auf dem Eckthurm knabenhafte Genien, die jubelnd die Kaiserkrone in die Luft heben; darunter reich mit Ornamenten geschmückte Simse und Säulenstellungen. Auf einem weiteren Absatz vier gewaltige Figuren: Rechtspflege, Staatskunst, die Wehrkraft zu Lande, die Wehrkraft zu Wasser. Es ist eine glückliche Symbolik, daß diese Figuren fest dastehen auf den riesigen Säulen, sicher getragen von unerschütterlichem Fundament. Auch jeder der anderen Thürme trägt vier solcher Kolossalstatuen. Einer Großindustrie, Handel und Schiffahrt, Elektrizität, Hausindustrie, ein anderer Ackerbau, Viehzucht, Bier, Wein, der letzte Erziehung, Kunst, Litteratur, Wissenschaft. Und wie reich nimmt sich der Giebel aus mit dem ungeheuren ruhenden Adler in seiner Mitte und überragt von den Flankenpilastern, die das Reichswappen tragen unter der Hut der mit ausgebreiteten Schwingen sitzeden schlangenvernichtenden Reichsadler!

Natürlich ist den Portalen ein ganz besonders reicher Schmuck zugedacht. Sie werden außer Ornamenten, Abzeichen, sinnbildlichen Figuren mannigfacher Art große bildnerische Gruppen tragen. Im Giebelfelde des Hauptportals am Königsplatz wird eine figurenreiche Gruppe von Schaper prangen. Sie zeigt einen Norddeutschen und einen Süddeutschen (Preußen und Bayern), die gemeinsam das Reichswappenschild behüten und umgeben sind von idealen Gruppen, die Kunst und Wissenschaft, Handel und Industrie verkörpern. Als Hauptgruppe wird sich darüber, auf die große Freitreppe hinausschauend, Reinhold Begas’ reitede [141] Germania erheben, von zwei Genien geleitet. Unsere Leser finden auf S. 133 eine Abbildung dieser Gruppe.

Der Schöpfer des Monumentalbaues, Paul Wallot, hat im vorigen Jahre seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Er steht im Höhepunkte seiner ungewöhnlichen künstlerischen Kraft. Er ist am 26. Juni 1841 zu Oppenheim am Rhein geboren. Schon früh erhielt er durch einen Oheim, einen Münchener Maler, die Richtung auf das Künstlerische. Als Fünfzehnjähriger bereits ergänzte er drei Chorfenster der altberühmten Katharinenkirche seiner Vaterstadt nach den im Dom zerstreuten Scherben. In Darmstadt erhielt Wallot auf Realschule und Polytechnikum seine weitere Ausbildung. Damals hing seine ganze Seele am Malerberuf. Erst als er 1859 zu weiterer Ausbildung das Polytechnikum zu Hannover bezog, entschied er sich für die Architektur. Karmarsch, Luer und Debo waren hier seine bevorzugten Meister. 1860 ging der junge Wallot nach Berlin. War er in Hannover in das Wesen der Gothik eingedrungen, so lernte er in Berlin den strengen Hellenismus Schinkelscher Schule kennen; in Gießen, wohin er ging, um das großherzoglich hessische Staatsexamen zu machen, erschloß ihm bald darauf Ritgen, der Erneuerer der Wartburg, den mittelalterlichen Burgenstil. 1864 wurde Wallot großherzoglich hessischer Beamter, 1865 jedoch wieder Besucher der Berliner Bauakademie und Schüler von Gropius, später von Lucae und Hitzig.[3] 1867 ging er nach Italien, wohin er in späteren Jahren mehrfach zurückkehrte und wo er in dem Studium der Paläste Palladios seine eigene künstlerische Seele entdeckte, die ihn zu Renaissanceformen hinzog. 1869 ließ sich Wallot als Privatarchitekt in Frankfurt a. M. nieder. Hier stieg sein Ruf schnell. Er gewann mehrere Preise, darunter auch den, der seinem Leben die entscheidende Wendung gab, den ersten Preis für das deutsche Reichstagsgebäude. 1882 siedelte er nach Berlin über, von welcher Zeit an er unausgesetzt an dem großen Werke arbeitete, das nun mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegengeht.

Giebel und Eckthurm der Südfassade am neuen Reichstagsgebäude zu Berlin.
Nach einer photographischen Aufnahme von Reg.-Baumeister Gräf in Berlin.

Wallots Prachtbau ist ein gewaltiger Anfang, an welchen sich ein wahrhaft monumentaler Ausbau des Königsplatzes angliedern ließe. Zwar werden noch ganze Generationen dahinschwinden, bevor der Königsplatz das sein wird, wozu er bestimmt ist: eine architektonische Verkörperung des neuen Deutschen Reiches, gerade so wie die Linden vom Schloß bis zum Brandenburger Thor eine Verkörperung des alten Sonderstaates Preußen sind. Das, was der Eintrachtsplatz für Paris und Frankreich, das Forum Romanum für das alte Rom bedeutete, das könnte der Königsplatz für Berlin und Deutschland werden, wenn die kommenden Geschlechter diesen einzigen Platz ausgestalten in dem Geiste, aus welchem Wallots Reichshaus geboren wurde. Otto Neumann-Hofer.     


Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Elsa.“

Eine Ehestandstragödie in Briefen. Von Ernst Wichert.
1.

– – – – – – – – – – – – – – – – –
Was Deine Nachschrift anbetrifft, Liebste, so kannst Du meinetwegen wirklich ganz beruhigt sein: wir leben in der glücklichsten Ehe miteinander. Wenn ich Dir mit der rücksichtslosen Offenheit, die unser freundschaftliches Verhältniß von ältester Zeit her gewohnt ist, auch über die Schwelle des eigenen Hauses hinaus treu von allerhand kleinen Erlebnissen berichte, wie sie der Tag bringt, und sie nach augenblicklicher Stimmung mit Glossen versehe, so rechne ich zuversichtlich darauf, auch dann von Dir nicht falsch verstanden zu werden, wenn Schilderung und Urtheil nicht ganz den rechten Ausdruck finden. Du kennst mich ja und wirst allemal aus dem Ganzen heraus zu ergänzen und zu berichtigen wissen. Ich habe den Grundsatz, meine Briefe, wenn sie geschrieben sind, nicht noch einmal durchzulesen – vielleicht in der heimlichen Befürchtung, daß mancher dann unabgesendet bleiben würde. Es soll nun einmal gerade das darin stehen, was die Feder in schnellem Anlauf zu Papier gebracht hat, bevor verständige Erwägungen aller Art auch nur den Zweifel aufkommen lassen, ob nicht die Tinte verschwendet sei. Warte vierundzwanzig Stunden, und bei aller Wahrheitsliebe lügst Du Dir und Deinem Nächsten etwas vor. Nicht mehr was Du mit Deinen Sinnen wahrgenommen, mit Deinen Empfindungen Dir angeeignet hast, giebst Du, sondern ein Phantasiebild mit möglichst verschwommenen Umrissen und verwaschenen Farben. Ich kenne Briefwechsel, die durch viele Jahre mit leidenschaftlichem Eifer geführt sind und in denen trotz der Versicherung auf jeder Seite, daß man kein Geheimniß voreinander habe, nicht eine einzige Zeile unmaskiert erscheint. Man besucht sich immer, nachdem man feierlich Toilette gemacht hat. Das hält man für Schuldigkeit. Und man ladet auch nur ins Putzzimmer ein; was und wie da gesprochen wird, ist eigentlich schon in alle Ewigkeit vorausbestimmt. Ich möchte, daß Du, wenn Du (eine schöne Konstruktion!) meine Briefe liest, mich immer so siehst, wie ich aussah, als ich sie schrieb. Es versteht sich ja von selbst, daß ich zu Deiner Lesezeit, so schnell jetzt auch Briefe befördert werden, bereits eine ganz andere bin. Es kann sein, daß Du über eine Eulenspiegelei laut auflachst, während ich mir irgend einen furchtbar schmerzlichen Kummer einbilde (zum Beispiel, daß mein Mann mich eigentlich gar nicht versteht) und in Thränen zerfließe, oder daß Du Dich über die abscheuliche Aeußerung blau ärgerst, mein Mann verstehe mich eigentlich gar nicht, während ich ihm auf dem Schoße sitze und den vollgültigsten Beweis seines innigsten Verständnisses für meine selbst nur in seiner Einbildung steckenden Vorzüge erhalte; daß Du sein Lob hörst, wenn ich mit ihm zanke und daß ich bereits [142] seit sechs Stunden wieder gut bin, wenn Du noch meiner Versicherung glaubst, daß ich entschlossen bin, mich scheiden zu lassen. Es gleicht sich aus, liebes Herz, nicht wahr? Und am Ende des Jahres, wenn Du meine Briefe noch einmal durchfliegst, bevor Du zur besseren Einsargung in Deinen Reliquienkasten ein seidenes Bändchen um sie legst (ich kenne Deine Ordnungsliebe!), hat sich’s schon längst ausgeglichen, und Du hast die alte Freundin, wie sie ist: nicht immer die Verständigkeit selbst, manchmal entsetzlich launenhaft, fast immer in ihrem Urtheil zu voreilig, meist von plötzlichen Eingebungen beherrscht, selten mit etwas voll zufrieden, aber allemal bereit, Unrecht einzugestehen und wieder gut zu machen, wenn’s noch der Mühe lohnt. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß ich Dir morgen diese mich schwer belastenden Geständnisse schriftlich geben würde, aber nun stehen sie einmal Schwarz auf Weiß und sollen gelten, bis Du aus dem nächsten Briefe vielleicht erfährst, daß ich die fleischgewordene Vernünftigkeit, Bedachtsamkeit, Leidenschaftslosigkeit und Genügsamkeit bin. Heute nur noch so viel und ein für allemal: ich liebe meinen Mann von ganzem Herzen, ich vergöttere ihn sogar ein bißchen (was er aber nicht zu wissen braucht) und ich wäre die glücklichste Frau unter der Sonne, wenn ... Nein! Dieses Wenn ist zu dumm selbst für eine Augenblicks-Photographie meiner Stimmung. Ich quittiere bedingungslos dem Schicksal über den Empfang des besten Mannes und zeichne nur gern – Du wirst sagen abergläubisch – so ein Kreuz oder Fragezeichen in die Luft, weil mir vor der Götter Neide bangt.

Was ich noch sagen wollte –

Ach so! Ich hatte mich schon besonnen, daß es auch unterbleiben könnte. Der Bogen ist überdies voll, und Edwin behauptet, man müsse sich einzurichten wissen, auch beim Briefschreiben. Der neue Bogen sei gemeinhin nicht nur Papierverschwendung, sondern verführe auch zur Plauderhaftigkeit, da das Bedürfniß eines normalen Menschen, sich auszusprechen, durch vier Seiten reichlich befriedigt werde. Ich nehme den Rand zu Hilfe, um mich noch schnell nennen zu können

ewig Deine Elsa. 

2.

– – – 0Mein Mann ist ein Scheusal!

Neulich sah ich im Schausfenster einen allerliebsten Hut. Bei dem nächsten Spaziergang lenkte ich natürlich unsere Schritte da vorüber. Er lobt meinen Geschmack, hat auch nichts Wesentliches einzuwenden, daß ich hineingehe, das zierliche Gebäude von Spitzen und Blumen anprobiere und nach dem Preise frage. Er findet, ich sehe in dem Hütchen reizend aus. Es ist auch nicht einmal theuer, wenigstens im Verhältniß zur Leistung. Aber meinst Du, er hat es mir gekauft? Nicht im geringsten. Und aus welchem Grunde nicht? Weil er kein Geld hat. Denke doch nur: weil er kein Geld hat! Ist das überhaupt ein Grund?

In solchen Kleinigkeiten ist er mitunter entsetzlich pedantisch. Sagte ich mitunter? Eigentlich immer. Das ist entschieden seine Schwäche. Er bringt es über das Herz, mir eine Bitte abzuschlagen, deren Erfüllung ihn gar kein Geld kostet – nur weil sie thöricht ist. Aber wenn man etwas Vernünftiges bittet, versteht sich’s doch ganz von selbst, daß man’s bekommt. Gestern spielte er mit meiner kleinen Stickschere. Man kann nervös werden, wenn einer vor einem sitzt, das Ding mit beiden Händen faßt und immer auf und zu macht, als könnte er sich etwas aus der Luft schneiden. Nachdem ich ihm die Schere zehnmal vergeblich fortgenommen habe, behalte ich sie zuletzt in der Hand. Du, sage ich, weißt Du, daß es mich prickelt, Dir den Schnurrbart zu kürzen? Der Schnurrbart ist nämlich ein unantastbares Heiligthum. Ich greife danach, er zuckt zurück. Ach, bitte, bitte! – Sei nicht wunderlich, schilt er. – Aber ich möchte doch so gern ... Jetzt hätte ich wirklich wer weiß was darum gegeben, mein Vorhaben ausführen zu können. – Ach, Unsinn! – Aber was ist an den sechs ausgewachsenen gelben Haaren gelegen? Ich glaube wirklich, Du bist auf so etwas eitel. – Aber wie kommst Du auf einen so mörderischen Gedanken, Ki ... Er wollte Kind sagen, schluckte aber zu seinem Glück die letzten Buchstaben herunter. – Du thust mir nun einmal einen großen Gefallen, wenn Du erlaubst, Männchen ... Männchen hört er so ungerm, als ich Kind. – Ach, geh’! – Aber wenn ich Dich bitte! Kannst Du mir wirklich so ein Nichts abschlagen? – Mit kaltem Blute. – Da sehe ich, wieviel ich Dir gelte. Nun aber ist es mir eine Ehrensache, mich nicht abweisen zu lassen. – Eine Marotte. – Und wenn! Zeige mir nun einmal, daß Du mir gut bist. Gerade weil es Dich Ueberwindung kostet ... Er lacht mich aus. – Ich will mir die sechs Haare als ein theures Andenken in meiner Kapsel aufbewahren. Na? Laß mich sie abschneiden! Bitte, bitte! – Er nimmt mich beim Kopf und küßt mich ab. – Na? – Ach dummes Zeug! – Und dabei bleibt’s. Dabei bleibt’s, Toni!

Ich habe Dir diese Verhandlung mit ganzer Umständlichkeit niedergeschrieben, um Dir einen Beweis von seinem Eigensinn zu geben. Du wirst sagen, es sei nicht einmal des Kaisers Bart, um den ich mich bemüht habe. Und ich gebe auch zu, daß ich ihn hinterher ohne die gelben Borsten, an die ich mein Auge gewöhnt habe, sehr komisch gefunden hätte. Aber ist es nicht ärgerlich, so gar keinen Willen zu haben?

Nein, ich habe wirklich ihm gegenüber gar keinen Willen. Bitten und streicheln und schmollen und kratzen hilft mir gar nichts. (Kratzen ist nur bildlich gemeint.) Er ist nicht aus seinem philosophischen Gleichmuth zu bringen. Und es ist doch eine unbezweifelbare Thatsache, daß er eine junge Frau hat (zwanzig nennst Du doch auch noch jung?) und nur zwölf Jahre älter ist als sie.

Du lachst – ja, ja, ich sehe Dich lachen. Die Sache ist aber gar nicht so spaßhaft, als sie scheint; glaube mir, sie hat auch sehr ihre ernste Seite. Es mag ja ein recht kindliches, meinetwegen kindisches Vergnügen sein, durchaus seinem Manne den Schunrrbart abschneiden zu wollen. Aber nun halte dagegen, daß Edwin, wie ich ihn auch aufziehe, wirklich nicht eitel ist – nicht einmal auf seine wunderschönen Verse, auf seinen gelben dünn ausgeschossenen Schnurrbart nun schon gar nicht. Es würde ihm nicht den mindesten Kummer verursachen, wenn einmal beim Anzünden der Cigarre die eine Seite in Flammen aufginge und nun auch die andere niedergemäht werden müßte. Ein launiges Gedicht auf dieses tragische Schicksal würde sicher nicht ausbleiben. Ich versichere Dich, er macht sich aus seinem Schnurrbart gar nichts; er behandelt ihn nicht einmal irgendwie liebevoll, sondern hat die Gewohnheit, ihn ganz unbarmherzig zu zupfen, zumal wenn er sich etwas ausdenkt. Wenn ich nun aber die Schere in die Hand nehme – ja, Bauer, das ist ganz ’was anderes! Du bist meine Frau und giebst einer Laune nach und willst gerade, was ich nicht will, und versuchst Deinen Machteinfluß. Also nein, nein und nochmals nein! Und wenn mir die sechs Haare die Nase wund kitzelten, Du sollst den Triumph nicht haben, sie mir mit Deiner Schere abgeschnitten zu haben! Aus der Maus ist ein Elefant geworden.

Findest Du nicht, Liebste, daß es sich hier um ein Prinzip handelt? Und habe ich nicht eine schmähliche Niederlage erlitten?

Noch eins! Erkennst Du nicht an, daß es räthselhafte Gelüste giebt? Du siehst etwas und empfindest ein Brennen in den Augen, ein Zucken in den Fingern, einen prickelnden Durst in der Kehle. Es ist ein Nichts, aber Du mußt es haben – Deine Seligkeit hängt daran. Und wenn es Dir entgeht, ist Dir im Augenblick die ganze übrige Welt nichts werth. Ja, ja, im Augenblick! Aber dieser Augenblick ist sehr ... Adieu!


3.

– – – 0Du hast Dir’s schwer zu Herzen genommen, liebste Seele, daß ich Dir schrieb, mein Mann habe kein Geld. Du sagst Dir sehr verständig schon selbst, daß dieser Ausspruch nicht wörtlich zu nehmen ist; für ein so unnützes Möbel wie einen neuen Hut behauptet er kein Geld zu haben, und ich muß ihm auch recht geben, daß mein alter eigentlich noch ganz neu ist. Du verlangst nun aber, daß ich mich einmal völlig ernst über unsere äußeren Verhältnisse, wie Du’s nennst, auslasse, damit Du klar siehst. Ja, habe ich Dir denn das alles nicht längst geschrieben? Zwischen den Zeilen steht es gewiß.

Also ganz geschäftsmäßig trocken!

Es kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß ich mich eigentlich in einen Band Gedichte verliebt habe. Du kennst diesen Band Gedichte (er hat inzwischen bereits die vierte Auflage erlebt) und weißt, wie liebenswürdig er ist. Damit behaupte ich [143] nicht, daß jede Leserin es mir nachthun müßte. Ums Himmels willen, das wäre ja ein furchtbares Unglück! Ich will auch nicht den Satz vertreten, daß meine Empfänglichkeit für dergleichen lyrische Eindrücke im allgemeinen stärker ist als die meiner Mitschwestern. Aber wie sich jemand nun gerade in eine bestimmte Persönlichkeit verliebt, die auf andere durchaus nicht dieselbe Wirkung äußert, so kann auch ein Band Gedichte eine ganz bestimmte Physiognomie haben, die sich ohne die Möglichkeit eines Nachweises des Warum einem bestimmten Herzen in der Weise einprägt, daß das geistige Gefallen sich in einen sinnlichen Trieb umsetzt. Ich kenne eine große Zahl von Gedichtbänden, deren Inhalt mich lebhaft angezogen, warm angeregt, entzückt, bezaubert hat; aber die Empfindung des Verliebtseins habe ich nur bei diesem einen gehabt, und ich hoffe, daß keine andere sie mit mir theilt.

Natürlich war nun mein eifrigstes Bemühen, den Dichter kennenzulernen. Von Angesicht nämlich, in seiner Leiblichkeit, denn zu seinem geistigen Bilde fehlte mir kaum noch ein Zug. Ich neige, wie Du weißt, gar nicht zur Schwärmerei, bin aber von Natur leidenschaftlich und verfolge ein Ziel mit blindem Eifer. Es ist das ein Erbtheil von meinem Vater, dem General. Er nahm den Abschied, um eine Frau heirathen zu können, die der Gesellschaft nicht genehm war. Er starb früh und hinterließ uns nicht in glänzenden Verhältnissen. Die Pension und die Zinsen eines kleinen Vermögens meiner Mutter gestatteten ihr jedoch, mir eine Erziehung zu geben und mich als Tochter meines Vaters für den Umgang in Kreisen auszustatten, in denen es mir wohl sein konnte; sie hoffte, daß sich da auch mit der Zeit eine passende Partie für mich finden würde. So gelang es mir unschwer, in einigen Häusern Zutritt zu erhalten, in denen Edwin verkehrte. Er gehörte, nachdem seine Gedichte ihm einen Namen gemacht hatten, zu den Leuten, die man sich beehrt einzuladen.

Ich gestehe (heute kann ich’s ja wohl gestehen!), daß seine persönliche Bekanntschaft nicht ganz meine Voraussetzungen deckte. Einen Dichter und nun besonders den Dichter dieser poetischen Erzeugnisse, in die ich mich verliebt, hatte ich mir anders vorgestellt. Ich will nicht einmal an das Aeußere denken. Die wallende Mähne und das in holdem Wahnsinn rollende Auge ließ ich mir leicht in Abzug bringen und gewöhnte mich schnell an die kahle Stirn und den in sich gekehrten Blick, selbst an die steife Kravatte, die mit einem Byronschen flatternden Halstuch so gar keine Verwandtschaft hatte. Aber es fehlte auch das genialische Wesen, der Schwung der Rede, das Gedankenblitzen. Er sah nicht nur aus wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern er benahm sich auch ungefähr so. Ja, es schien mir, als ob er Gewicht darauf legte, gerade so zu erscheinen. Erst als ich ihm näher trat, als er erkannte, in einem wie innigen Verhältniß ich zu seinen Geisteskindern stand, als er mir sein Innerstes zu öffnen begann, hob er sich weit hinaus über seine Umgebung und wuchs nach und nach vollkommen mit meinem Ideal zusammen. Ich hatte mich in einen Band Gedichte verliebt und nun liebte ich den Dichter, noch mehr: ich liebte den Menschen.

Und ich wurde wieder geliebt. Edwin besuchte uns in unserer bescheidenen Häuslichkeit, und bald sahen wir einander nur noch dort. Edwin hatte sich in die Gesellschaft ziehen lassen, legte aber auf ihre selbstsüchtigen Huldigungen keinen Werth und beklagte die Zeit, die er ihr eine Weile allzu reichlich gewidmet hatte. Er besaß ein starkes Unabhängigkeitsgefühl. Von Hause wenig bemittelt – sein Vater war Geistlicher auf dem Lande – hatte er Philologie studiert und den Doktorhut erworben, dann aber kein Lehramt übernommen, um ganz frei seinem dichterischen Beruf leben zu können. Seine Bedürfnisse waren gering, lächerlich gering. Ich bemühte mich, ihm zu beweisen, daß auch ich mit wenigem zufrieden sein könne. So betrachteten wir uns als zusammengehörig, bevor noch das Verlöbniß ausgesprochen war.

Ich hatte mir’s so hübsch zurechtgelegt, wie wir aus der Hand in den Mund wirthschaften wollten. Edwin sollte durch mich seine schöne Freiheit nicht einbüßen. Mit einem Dichter verheirathet zu sein, seine Wolkenflüge mit ihm zu theilen, welch reizende Aussicht! Ich konnte mir das Dachstübchen, in dem wir hausen würden, nicht klein genug, unseren Hausrath nicht bescheiden genug denken. Und das bißchen Essen und Trinken –! Das verdiente er so nebenher. Ich begriff gar nicht, weshalb er zögerte, da doch nur eine Form zu erfüllen war. Warum hob er mich nicht auf den Pegasus und ritt mit mir davon?

Der wunderliche Mensch hatte es ganz anders im Sinne. Erst als er bei meiner Mutter feierlich um meine Hand anhielt, erfuhr ich, mit was für philiströsen Bedenken er sich getragen hatte. Wie konnte er’s wagen, dem Fräulein Von, der Tochter des Generals, eine Heirath anzubieten, ohne eine gesicherte Lebensstellung nachzuweisen? Und nun hatte er sie nach heißem Bemühen errungen. Keine glänzende, aber doch eine auskömmliche selbst für ein ziemlich verwöhntes Weibchen. Ich war furchtbar erschreckt, fühlte mich im Augenblick wie aus allen Himmeln herabgestürzt, da mein Dichter so verständig rechnete. Er aber behauptete, es freue ihn recht, so von Herzen genöthigt zu sein, den Ast aufzugeben und ein Nest zu bauen; nähme ich mit Vogelfutter vorlieb, um so besser.

Edwin hatte durch Vermittelung angesehener Gönner die Stelle des Redakteurs beim Kunstblatt erhalten. Er nannte das ein großes Glück, denn sie gewährt etwa das Einkommen eines ersten Gymnasial-Oberlehrers. Wie viel das eigentlich ist, weiß ich noch heute nicht. Das Blatt steht sehr sicher. Der Verleger ist ein Millionär, wenn ich nicht irre, ein mehrfacher. Er wäre auch sonst ohne seine Frau ein ganz leidlicher Mensch. Seine Frau, freilich ... Aber von der erzähle ich Dir ein andermal, dieser Brief ist schon zu lang. Jedenfalls siehst Du, daß wir ganz wohlgestellte Leute sind, wenn’s auch zu einem überflüssigen neuen Hute nicht reicht. Glaube doch aber nur nicht, daß der Hut das einzige ist, was ich gern haben möchte und nicht bekomme. Ach! es vergeht kein Tag, an dem ich der Vernunft nicht Opfer zu bringen habe. Wenn ich heute daran denke, daß Edwin mich beim Worte hätte nehmen können, wird mir himmelangst. Man braucht soviel und hat nie genug.

Aber genial wär’s doch gewesen! Kann man nicht eigentlich vom Dichter verlangen, daß er genial handelt, wenn er genial denkt? Ist diese bürgerliche Gewissenhaftigkeit nicht verdächtig? Ich gestehe Dir, daß ich mir darüber viel Sorgen gemacht habe. Mit anderen Worten: kann ein Dichter ein guter Ehemann sein? Oder auch umgekehrt: kann ein guter Ehemann ein Dichter sein? Und warum besingen die Dichter so spärlich ihre Frauen? Wohl aufzuwerfende Fragen, denke ich! Edwin schreibt jetzt ein Trauerspiel. Bin ich etwa seine tragische Schuld? – – –


4.

Wir waren gestern im Opernhaus. Für unser Geld, Schätzchen, und deshalb im zweiten Range. Etwas hoch und weitab, aber man hat sich’s doch selbst geleistet. Mein Mann ist zu stolz, um Freikarten zu bitten, die er doch unfehlbar erhalten würde. Du solltest nur wissen, wie viele von den besten Plätzen fast täglich durch Freigänger besetzt sind! Man sieht ja das Haus lieber voll als leer, und es ist doch am Ende ganz unverfänglich, königlicher Munifizenz etwas zu verdanken. Aber Edwin hat auch darin seinen eigensinnigen Kopf. Er bildet sich ein, auf solchem Freiplatz nicht den richtigen Kunstgenuß haben zu können. Den müsse man sich mit einer materiellen Entbehrung zu erkaufen haben. Ja, wenn sein Trauerspiel angenommen werden sollte, dann hätte er etwas geleistet! So ist er. Vorläufig verfügen wir über sechs Mark weniger.

Aber es war sehr schön. Man gab „Lohengin“ und die besten Kräfte waren betheiligt. Man kann diese Oper auswendig wissen, und ihre rührende Gewalt packt einen immer von neuem. Es liegt nicht so sehr in der Musik als in der Dichtung. Das war auch Edwins Meinung. Oder vielmehr: das war auch meine Meinung, denn Edwin gab diesem Gefühl zuerst Worte. Wagner habe den Seherblick des Dichters besessen, sagte er; das sei seine echteste Größe. Deshalb sei und bleibe er allen denen voraus, die nur Musik machten, soviel schöner sie auch sein möge. Er liebt nämlich Wagners Musik in den letzten große Tonschöpfungen gar nicht.

Ich wollte eigentlich von etwas anderem sprechen. Sage einmal aufrichtig, Toni, scheint Dir Elsa von Brabant mit ihrer Frage nach der Herkunft ihres Gatten so ganz unrecht zu haben? Warum soll sie nicht fragen? Ihr Mann weiß es, aber sie nicht. Für sie heißt es nur: Du sollst nicht fragen. Du sollst nicht! Ist das nicht ein ganz unwürdiger Standpunkt für eine Frau, die doch wahrlich schon eine sehr starke Probe von Hochherzigkeit abgelegt hat, wenn sie sich dem Manne vermählt, den sie nur aus seiner Großthat kennt.

[144]

Die Hauptfassade des neuen Reichstagsgebäudes in Berlin.
Nach photographischen Originalaufnahmen gezeichnet von H. Nisle.

[145] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [146] Für die Frau überhaupt. Hat sie nicht das gute Recht, zu wissem, wer ihr Mann ist? Der Name thut nichts zur Sache, aber die Frage: wie heißt Du? ist doch zugleich die Frage: wer bist Du? Fassen wir ihre Bedeutung nicht zu enge! Es handelt sich da, wenn man ihr auf den Grund sieht, um ein sittliches Problem von großer Tiefe. Darf die Frau wissen, wer ihr Mann ist? Selbstverständlich nicht, wie er ins Standesregister eingetragen wurde, durch welche Schulen er ging, welche Universitäten er besucht, welche Examina er bestanden hat, ob er schon einmal bestraft ist und welche Spuren so im allgemeinen sein äußerer Lebensgang zurückließ. Das alles würde auch meine Neugier wenig reizen. Aber darf mein Mann ein Geheimniß vor mir haben? Ich meine natürlich wieder nicht irgend eine Thatsache, die für eine Weile noch oder überhaupt geheim bleiben soll. Da kommt’s lediglich darauf an, ob die Frau plauderhaft ist oder nicht. Nein, ich meine ein Geheimniß seiner innersten Mannesnatur. Ich bin nämlich überzeugt, daß jeder nicht gewöhnliche Mann voll solcher Geheimnisse steckt. Er giebt sich nicht ganz, wie er ist. Er behält, so freigebig er sich entäußern mag, immer noch etwas für sich zurück, und er läßt sich nicht gern danach fragen, auch von seiner Frau nicht – von der vielleicht erst recht nicht. Dringt sie in ihn, so kann es sich wohl ereignen, daß ein Schwanenfuhrwerk vorfährt und ihn gänzlich ihrem Machtbereich entzieht. Sie darf nicht wissen, wer er ist, weil dann der Zauber seiner Herrschaft schwindet, das Räthsel gelöst ist, um das sie sich ihr Leben lang liebend bemühen soll. Aber wo ist denn der Beweis, daß die Frau unwerth ist, eine Wissende zu sein? Ich will fragen dürfen und Antwort erhalten. Ich kann mir vorstellen, daß ich durch eine Antwort sehr unglücklich würde, und frage doch! Denn was ist das für ein Glück, an das man nicht rühren darf?

Nur leise angetippt, heißt’s schon: „Nun ist all unser Glück dahin!“

Ich hatte als Kind eine unwiderstehliche Neigung, weißt Du, etwas herunterzuwerfen, was nur so balancierte. Es kribbelte mir in den Fingern, so ein Ding immer ein klein bißchen weiter zu schieben, ein ganz klein bißchen, bis es wirklich kippte. Und manchmal war so ein Ding von Glas und lag dann in Scherben am Boden. Ich bekam Schläge auf die unnützen Hände, aber meine Lust war doch gebüßt. Wirklich – meine Lust! Ich dachte mir’s als einen Uebermuth, so auf der Spitze oder so nah dem Rande stehen zu wollen – das reizte meinen eigenen Uebermuth, die Gefahr zu vergrößern, die Spannung zu vermehren, welcher Augenblick einer eingebildeten Sicherheit der letzte sein werde. Ein Onkel hatte mir einmal ein hübsches Glas aus einem böhmischen Bade mitgebracht, roth, mit einem Bilde und einer Inschrift. Ich liebte es sehr. Man konnte es getrost umwerfen, es zerbrach nicht. Das war sein Unglück. Es konnte von dem Bänkchen auf die Erde fallen und zerbrach nicht, sogar vom Tische. Ist es denn unzerbrechlich? Die Frage wurde brennend. Ich stellte das Bänkchen auf den Tisch, dicht an die Kante, und das rothe Glas darauf. Bums, da lag’s an der Erde und blieb ganz heil. Wir besaßen ein Eckschränkchen, das war noch höher. Also von da hinab. Es war wieder nichts. Stieg ich auf den angeschobenen Tisch, so konnte ich auf ein Kleiderspind reichen. Auch von da wurde der Sturz in die Tiefe versucht. Kein Riß! Ich gerieth in nervöse Aufregung. Es gab nur einen noch höheren Gegenstand: den Ofen. Der war aber sehr hoch. Alle meine Gedanken fieberten um die Frage herum, wie ich’s anstellen könnte, mit der Hand hinaufzureichen. Ich brachte wirklich einen Aufbau fertig, der zureichte. Er wackelte unter mir, ich hätte mir Hals und Beine brechen können. Aber das Glas stand auf dem Kopf der Figur, die das Gesims krönte, und tanzte hinunter. Auch diesmal ohne Schaden. Nun blieb mir noch ein letztes übrig. Wenn ich das Fenster öffnete und das Glas auf das Brett setzte und leise weiterschob, immer weiter – wie mir das Herz schlug! So ängstlich und so wonnig. Nun stand’s auf der Kante, nun neigte sich’s schon über – und nun purzelte es hinab. Ein Klirren unten – ah! da lag es zerbrochen auf den Steinen. Also doch! Ich hatte im Augenblick das Gefühl unsäglicher Genugthuung. Und im nächsten weinte ich und jammerte: mein schönes Glas! Ja – Mit diesem Gedankenstrich schließe ich.


5.

Du willst etwas von unserer Frau Chef hören. Mit einem Worte, Liebchen, sie ist eine abscheuliche Person.

Das heißt ... ja, es kommt auf den Geschmack an. Sie hat genug Verehrer, die sie nicht nur schön, sondern auch liebenswürdig finden, und es sind darunter viele ganz unabhängige Leute, die gar nicht nöthig haben, ihr aus anderen Gründen den Hof zu machen, als weil sie sich damit selbst ein Genüge thun. Ich spreche nicht einmal nur von Männern. Sie verfügt auch über eine ausgebreitete weibliche Freundschaft.

Ich bin wahrhaftig keine Splitterrichterin. Jeder sittliche Rigorismus ist mir zuwider. Ich erkenne im besonderen an, daß unsere gesellschaftlichen Beziehungen es oft als eine Aufgabe der Klugheit fordern, ein Auge zuzudrücken oder die Maske für das Gesicht zu nehmen (auch vor, aber das steht in einem anderen Kapitel). Wen ich nicht zu verantworten habe, den nehme ich, gerade wie andere, für das, wofür er das Geschick hat, sich auszugeben. Eine Dame für eine Dame. Aber ...

Es ist nicht so ganz leicht, dieses Aber zu begründen; daß ich Dir ein Stück ihrer Lebensgeschichte mittheile, rechtfertigt es nicht. Sie ist Tänzerin gewesen und hat einmal mit ihrem Gesicht und ihren Beinen Furore gemacht. Jetzt neigt sie ein wenig zum Starkwerden, aber die Büste ist noch immer sehr schön. Man erzählt sich, daß sie ein recht abenteuerliches Leben geführt habe, bis der Chef sich in sie verliebte. Was geht mich ihre Vergangenheit an? Sie ist unzweifelhaft die Frau eines sehr respektablen Mannes und gegenwärtig selbst eine respektable Frau, die sich nichts zu schulden kommen läßt. In ihrem Hause verkehrt die beste Gesellschaft. Aber ...

Da bin ich wieder, so weit ich war. Ich komme auch nicht viel weiter, wenn ich Dir verrathe, daß sie eine schrecklich ungebildete Person ist, die nur durch den dick aufgetragenen Firniß von Allerweltswissen glänzt. Sie besitzt eine geistreichelnde Art, darüber hinwegzutäuschen. Sieht man näher hin, so kommt man bald hinter ihre Kunstgriffe. Obenan steht der, abzusprechen – mit einer Dreistigkeit abzusprechen, die schon an Frechheit grenzt. Sie ist immer gut unterrichtet über das, was der Tag gelten läßt, und verblüfft dann durch ein Achselzucken, ein Naserümpfen, ein überlegenes Lächeln, irgend einen kritischen Naturlaut: äh – o – pah! Ueber Kunst, Litteratur, Wissenschaft, Politik – lauter Dinge, von denen sie nicht das mindeste versteht, urtheilt sie in dieser Weise, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was dazu gehört, eine eigene Meinung zu besitzen. Sie fordert dadurch den Widerspruch heraus, und dieser gefällt sich so sehr in der Vertheidigung seines Standpunktes, daß er gar nicht merkt, wie nichtssagend der Angriff war. Man findet die Unterhaltung mit der schönen Frau, die nichts gelten lassen will, sehr interessant, indem man sich selbst geistreich findet, und giebt ihr zugleich Waffen in die Hand, die sich trefflich gegen den brauchen lassen, der ihr etwa zum Munde zu reden schwach genug ist.

Ich kenne sehr kluge Männer, die sie nicht durchschauen, und ich fürchte, mein eigener ist dabei. Blendwerk, alles Blendwerk, das einzige, was sie aus dem Grunde studiert hat, ist die Toilettenkunst. Sie kleidet sich nicht immer nach meinem Geschmack, oft zu auffallend und gesucht, aber sie giebt nie der Mode nach, ohne zu wissen, warum sie’s sich zu Liebe thut, und wählt das Kostbare nur, wenn es zugleich gefällig ist. Sie kann sehr hübsch aussehen, und wenn sie im Theater in ihre Loge tritt, richten sich alle Blicke dorthin. Sie hat die Gewohnheit, stets in der letzten Minute zu erscheinen.

Ihr ganzer Ehrgeiz ist, ein erstes Haus zu machen. Sie läßt es ihren Mann etwas kosten. Und sich auch, wennschon in anderer Weise. Keine Bemühungen werden gescheut, wenn es gilt, irgend eine hervorragende Persönlichkeit, einen hohen Militär oder Diplomaten, aber auch einen berühmten Künstler und dergleichen zum Besuch ihrer Gesellschaften zu veranlassen. Ist eine öffentliche Veranstaltung im Werke, welche patronisiert werden soll, so sieht man ihren Wagen überall halten, wo ein Einfluß auf die Bildung des Ausschusses zu erwarten ist. Sie muß unter den Damen stehen, die den Aufruf unterschreiben. Für diesen Erfolg giebt sie alles preis, nur nicht – ihre Tugend. Das findest Du boshaft, nicht wahr? Ich leugne nicht, diese Frau regt mich auf. Sie ist maßlos eitel und – ich besinne mich, ob ich’s [147] hinschreiben soll, aber ich schreibe es hin – und herzlos. Wenn sie wohlthut, bedenkt sie nur sich. Ich kenne sie aus dem Verhältniß zu den Untergebenen ihres Mannes. Da hätte die reiche Frau vollauf Gelegenheit, Sorgen zu verscheuchen, Thränen zu trocknen. Aber wer sieht das als der liebe Gott! Und für den strengt sie sich nicht an. Es geschieht in dieser Richtung nichts. Ich darf sagen: weniger als nichts, und das wird wieder ein positives Etwas, das in die Wagschale fällt.

Sie hat es verstanden, ihren Mann zu bewegen, ihr einen bestimmenden Einfluß auf das Geschäft einzuräumen. Es spielen da die niedrigsten Rücksichten mit. Der Chef hat zwei Eigenschaften, die einen reichen Mann leicht hindern können, noch reicher zu werden. Er besitzt gewisse idealistische Neigungen, die sich seinem Unternehmen zuwenden, sobald dessen künstlerische Ausstattung in Frage kommt, und er ist gutmüthig. Das nennt er seine Schwäche, nach Ansicht der Frau mit Recht. Es ist ihr gelungen, ihn zu überzeugen, daß er gut dabei fährt, wenn er ihr die Entscheidung in Fällen überläßt, wo sein Kunsteifer und sein gutes Herz zu Ausschreitungen geneigt sein könnten. Sie urtheilt da so kühl, daß sie nicht leicht über das Nothwendige, den Umständen nach Anständige hinausgehen wird. Er korrigiert sie mitunter, aber doch in nun schon engen Grenzen. Läßt er’s auch nicht bis zu geizigem Versagen kommen, so verschanzt er sich doch bei dringenderen Anforderungen gern hinter seiner Frau. Und was ist die Folge? Die tüchtigeren Arbeiter darben, die gewissenlosen schweifwedeln. Die gnädige Frau hat sich mit der Zeit einen kleinen Hofstaat herangezogen. Da sind Weiber, die ihr geschäftig zum Munde reden, allerhand Klatsch hinterbringen, beständig die Hände lecken – ah! es ist ein widerwärtiges Schauspiel.

Und dem allen wird ein Mäntelchen übergehängt, das die schiefe Figur verdecken soll, für die meisten auch wirklich verdeckt. Ich habe leider scharfe Augen. – U. s. w.!


6.

Neulich habe ich, wie mir einfällt, die Hauptsache gerade vergessen. Ich mag recht viel unnützes Zeug geschwatzt haben – wie wir, mein Mann und ich, zu der bedenklichen Dame stehen, hast Du doch nicht erfahren. Mein Mann freilich, der ist einer von den Begnadeten, die ewig im Stande der Unschuld wandeln; er könnte durch ein Jammerthal hinschreiten, auf dessen dürrem Boden sich die Nattern ringeln, und würde doch nur über sich nach dem blauen Himmel sehen. So etwas ficht ihn gar nicht an, er geht gerade durch und ärgert sich wohl gar, wenn man ihn warnt. Gott, er ist so ... ich finde keinen Ausdruck. Denn vertrausam ist nicht genug. Na, kurzum – er gehörte auch einmal zu denen, die aufgesucht wurden. Ich weiß nicht, ob Frau Hermia seine Gedichte gelesen hat, aber sie lagen in Goldschnitt auf ihrem Tischchen, neben der Chaiselongue, und von Edwin sprach alle Welt. Er wurde daher mit Aufmerksamkeiten überhäuft, bis er als neuer Stern auch in ihrem Salon aufging. Er war so leicht zu fangen! Und seine ungewöhnliche Art, aus seiner Person gar nichts zu machen (obgleich er, unter uns gesagt, nicht nur schöne Augen hat!) – ich vermuthe, gerade diese himmlische Unbefangenheit reizte sie, sich liebevoll seiner anzunehmen. Ich habe sie im Verdacht, in ihn verliebt gewesen zu sein – zu der Zeit, Toni, wo ich in seinen Band Gedichte verliebt war, und vermuthlich noch darüber hinaus. Das ist auch der Grund, weshalb sie zu seiner bürgerlichen Versorgung so willig die Hand bot und nicht einmal wegen des Gehalts feilschte. Ich rühmte damals ihre noble Gesinnung: Sehr bald sind mir die Augen aufgegangen.

Bilde Dir doch nur nicht ein, daß ich eifersüchtig bin! Kein Gedanke daran. Du kennst eben Edwin nicht. Wie kalt ihn diese Flamme ließ, beweist doch am besten die Thatsache, daß er sich mit mir verlobte, und nie hätte er eine Stellung in diesem Geschäftshause angenommen, wenn er sich bewußt gewesen wäre, sie der persönlichen Gunst dieser Dame zu verdanken. Was mich wundern, aber noch lange nicht beunruhigen kann, ist nur, daß ich ihn fast blind gegen ihre – Schwächen (ich brauche den mildesten Ausdruck) sehe, und daß es ihm ein offenbares Unbehagen verursacht, wenn ich ihn aufzuklären bemüht bin. Das ist doch meine Schuldigkeit, nicht wahr? Es ist, als ob er nicht sehen wollte. Er meint – wenn er sich überhaupt einmal herabläßt, in Bezug hierauf etwas zu meinen – in seinem Verhältniß zu den Leuten thue er am besten, sich nicht den Geschmack an ihnen zu verderben; sei er’s einmal eingegangen, so habe er nun auch die Pflicht, es sich und ihnen nicht zu verleiden. Was man nicht ändern wolle, müsse man auch in den Grundlagen unangetastet lassen.

Er hat gut reden, der liebe Mann. Ihn beehrt Frau Hermia auch jetzt mit ihrer freundschaftlichen Neigung. Mich aber ... Siehst Du, da kommen wir nun auf den eigentlichen Punkt! Ich bin doch Edwins Frau und abgesehen davon eine Dame, die sich neben jede ihres Umgangskreises stellen kann. Es ist aber, als ob sie mich nicht für voll ansieht, weil ich ... nun eben weil ich Edwins Frau bin, ich weiß sonst keinen Grund. Er gilt ihr noch heute als der gefeierte Schriftsteller, der zufällig auch der Redakteur eines von ihrem Manne herausgegebenen Blattes ist; ich aber bin nur die Frau dieses Redakteurs, eines Untergebenen, eines abhängigen Menschen. Mein Himmel, sie kann ja nicht umhin, mich einzuladen und wie eine Dame der Gesellschaft zu behandeln. Mit welcher gnädigen Herablassung das aber geschieht, wie sie mich immer in gemessener Entfernung zu halten bemüht ist, wie sie, wenn sie uns begegnet, über mich hinwegzusehen versteht, um Edwin vertraulich zu grüßen, wie sie mir Geschenke macht, die ich nicht abweisen kann, obgleich sie eigentlich ihm gelten – es gehört nicht einmal mein Feingefühl dazu, in alledem den verletzenden Ausdruck stolzer Ueberhebung zu sehen. Sie verbraucht ja freilich für ihre Handschuhe jährlich mehr als ich für meine ganze Garderobe, sie spricht mit mir besonders gern von ihren Pariser Hüten und Brüsseler Spitzen und gemalten Fächern, und das in einem Ton: wer da nicht mithalten kann, ist ja eigentlich ein Lump und gehört nicht in meine Salons; du wirst ja auch nur gelitten, weil du als Frau deines Mannes nicht übergangen werden kannst, aber klüger wär’s, du bliebest zu Hause! Ich habe mir anfangs wirklich redliche Mühe gegeben, meine Abneigung zu überwinden und einen geselligen Verkehr ungefähr auf gleichem Fuß herzustellen. Aber gerade das hat sie, wie ich glaube, gegen mich aufgebracht. Sie weiß sehr gut, worin ich ihr überlegen bin, und will mir keine Gelegenheit zu einer Ausgleichung geben. Ich soll nichts als ihre gehorsame Dienerin sein. Aber sie irrt. Ich werde lieber ...

Diese drei Punkte mögen hier an Stelle einer hellen Lache stehen, die ich unwillkürlich aufschlug, als ich mich irgend eine schreckliche Drohung niederzuschreiben anschickte. Manchmal bin ich wirklich innerlich so aufgebracht, daß ich mir allerhand Fürchterliches zusammendenke, was ich eher thun könnte, als dieser Frau die Schleppe tragen. Wie man ja auch unsinniges Zeug träumt! Es kommt vor, daß ich mit ihr in Gedanken lange Zwiegespräche ganz theatralisch wie etwa Maria Stuart mit Elisabeth, und ich glaube sogar, auch in fünffüßigen Jamben über Frauenrecht und verwandte Materien halte und sie mit Worten in den Staub donnere. Gewiß ein sehr unschuldiges Vergnügen. Ich lache mich dann auch ganz tapfer selbst aus. Mein Mann will nichts davon hören. Die gute Frau fühle sich beklommen mir gegenüber, behauptet er, und suche sich durch ein bißchen Steifnackigkeit, Hochmuth und Protzenthum Luft zu schaffen; man dürfe sie gar nicht ernst nehmen. Ich wollte, ich dürfte sie auch nicht spaßhaft nehmen. Das kostet immer so viel Anstrengung, und es ist wohl um nichts. Sie ist mir nun einmal zuwider wie eine Spinne oder sonst ein garstiges Thier; es bewegt sich etwas in mir, wenn ich nur an sie denke. Und das Lachen vorhin, wo die drei Punkte stehen, kam auch gar nicht so recht aus dem Herzen. Dir kann ich es ja anvertrauen.

Noch eine wichtige Frage vor Thoresschluß! Giebst Du mir nicht recht, daß ein Mann, der seine Frau liebt – aber wirklich liebt in der verwegensten Bedeutung des Worts! – daß der seiner Frau eine Bitte, auf der sie besteht, unter keinen Umständen abschlagen darf? Ich sage: eine Bitte, auf der sie besteht! Darf sie behaupten: Du liebst mich nicht, wenn Du nicht dieses eine Mal gegen mich schwach bist? Ueberhaupt, wenn Du nicht gegen mich auch schwach sein kannst? Macht es irgend einen Unterschied, ob die Bitte in solchem Falle gescheit oder dumm ist? Ist nicht gerade die unklügste der beste Probestein? Und sagt er damit irgend etwas, wenn er antwortet: Versuch’s lieber nicht? Wie stellst Du Dich dazu?

0
(Fortsetzung folgt.)

[148]


Blätter und Blüthen.



Siecher Boden. Der überraschende Ausbruch einer heftigen Choleraepidemie in der Irrenanstalt zu Nietleben bei Halle a. d. Saale hat wieder einmal gezeigt, daß Bacillen trotz aller Vorsicht unbemerkt eingeschleppt werden und, wenn sie günstige Bedingungen finden, ihre verderbliche Wirkung entfalten können, sowie daß der Winter, von dem man Vernichtung derselben erwartete, wenn sie nicht an warmen Orten oder in Häusern ausdauerten, ihnen gerade die Thore öffnen kann. Unbemerkt eingeschleppt, sind sie mit den Abwässern der Anstalt über gefrorene Wiesen, also unfiltriert und nicht durch den Erdboden aufgehalten, in die Saale und aus der unterhalb dieser Wiesen gelegenen Schöpfstelle in die Wasserleitung gelangt. Daß gefrorene Rieselfelder keinen Schutz gegen Wasserverunreinigung gewähren, ist bekannt, und jene Anordnung der Leitung muß deshalb als schwerer Fehler bezeichnet werden, weil dabei die Gefahr der Wasservergiftung durch Zersetzungsstoffe und krankheiterzeugende Organismen stets vorhanden ist, wenn es sich auch gerade nicht um Cholerabakterien handelt. Daß die Filter der Wasserleitung ebenfalls nicht wirkten, mag ein unglücklicher Zufall sein, aber solche Zufälle sollten durch gute Anlagen und sorgfältige Ueberwachung vermieden werden.

Der explosionsartige Ausbruch der Cholera in der ganzen Anstalt läßt ebensowenig wie in Hamburg daran zweifeln, daß nur eine überall verbreitete Ursache, nämlich die centrale Wasserversorgung, ihn verursacht haben kann. Aber auch in Nietleben gerade wie in Hamburg sind bei weitem nicht alle Menschen von der Cholera befallen worden, die sich dieses Wassers bedient haben. Es läßt sich dies schwerlich auf die verschiedene Menge des genossenen Trinkwassers zurückführen, vielmehr ist es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß hier wie in unzähligen andern Fällen die Krankheitserreger einer verschiedenen Empfänglichkeit, einer verschiedenen Widerstandskraft begegneten.

Die größere Empfänglichkeit oder verminderte Widerstandskraft kann auf dem Zustand der Verdauungsorgane beruhen. Man weiß, daß der saure Magensaft gesunder Menschen die Bacillen tötet und daß Störungen der Magenverdauung, z. B. durch Diätfehler oder durch Erkältungen, ihnen den Zugang öffnen. Wer jemals als Arzt eine Choleraepidemie durchgemacht hat, wird zahlreiche und unwiderlegliche Erfahrungen in diesem Sinne gesammelt haben: Häufiger indessen sind andere und zwar äußere Ursachen in gleicher Richtung wirksam. Es gehören hierher besonders Wohnungen, die auf einem Boden stehen, der entweder von alters her unrein ist (Sumpfboden) oder durch Einströmungen reich wurde an organischen, fäulnißfähigen Stoffen.

Schmutz und Unreinlichkeit wirken in gleicher Richtung, so daß der Hamburger Physikus Dr. Reincke ausdrücklich sagt, es seien nicht nur die reichen Leute frei geblieben, sondern alle reinlichen hätten sich eines großen Schutzes erfreut, und auch die an Reinlichkeit gewöhnten einheimischen Arbeiter hätten denselben Vorzug genossen gegenüber den unreinlichen Arbeitern aus dem Osten.

Unreinlichkeit und Unachtsamkeit können also die Uebertragung des Ansteckungsstoffes begünstigen; aber zahlreiche Erfahrungen bei Ortsepidemien haben gezeigt, daß der Einfluß des Bodens und der Wohnung durch Reinlichkeit und Wohlhabenheit nicht überwunden wird. Immer wieder finden wir bei wiederholten Epidemien dieselben Straßen und Häuser vorzugsweise heimgesucht. Und wenn in Nietleben ein Theil der Anstalt besonders gelitten hat, der auf ungesundem Boden steht und auch durch andere Krankheiten seinen nachtheiligen Einfluß gezeigt hat, so erinnert dies an das ganz ähnliche Auftreten der Cholera in der bayerischen Strafanstalt Laufen im Jahre 1873, für die Pettenkofer den ungünstigen Einfluß des durch Abortinhalte verunreinigten Bodens ganz unbestreitbar nachgewiesen hat. Dieser Einfluß des Erdbodens ist nicht so zu verstehen, daß die Cholera- oder andere Bacillen in ihm eine günstige Entwicklungsstätte finden und aus ihm in die Lufträume der darüberstehenden Wohnungen emporschweben, denn solche Verbreitungsweise der Kommabacillen widerspricht allen Thatsachen. Es ist vielmehr nur möglich, daß die Ausdünstungen des ungesunden Bodens als Luftströmungen in die wärmeren Häuser emporsteigen und die Widerstandskraft der Bewohner so schwächen, daß sie der auf anderen Wegen zu ihnen gelangenden Ansteckung wie den Gefahren der Krankheit leichter erliegen als andere, in gesunden Wohnungen hausende Menschen.

Diese neuen Erfahrungen bestätigen die alte Lehre, daß Schmutz in, unter und neben den Wohnungen die Gesundheit schädigt und Krankheiten nährt, und daß es also eine überaus wichtige Aufgabe der öffentlichen wie der privaten Gesundheitspflege ist, nicht nur für reines Trinkwasser, sondern auch für Reinheit der Wohnungen und ihres Untergrundes zu sorgen. Das ist, wie immer wieder gesagt werden muß, nicht durch Ausschütten von sogenannten Desinfektionsmitteln, sondern nur durch zielbewußte Gesundungsarbeiten und stete Reinlichkeit zu erreichen. Dr. Fr. Dornblüth.     


Ursprung des Maßes „Pferdekraft“. Die Leistungen der Maschinen werden nach Pferdekräften gemessen. Man hat sich in der Technik dahin geeinigt, daß eine Pferdekraft 75 Kilogrammmeter betrage, also einer Kraft gleichkomme, die imstande sei, in einer Sekunde 75 Kilogramm einen Meter hoch zu heben. Es ist bekannt, daß dies kein Pferd der Welt auf die Dauer fertig bringen kann. In den Gruben von Anzin hat man die Leistungen lebender Pferde während der Dauer eines Jahres an 250 Thieren geprüft, und aus diesen sorgfältigen, unter natürlichen Bedingungen ausgeführten Messungen ergab sich als wirkliche Pferdekraft etwa ein Drittel der maschinellen, d. h. 27,8 Kilogrammmeter.

Wie es nun kam, daß eine so große Ueberschätzung stattfinden konnte, wird erklärt durch folgende Mittheilung aus dem Leben Watts, des Begründers der Dampfmaschinenindustrie. Watt sollte eine seiner ersten Dampfmaschinen in der Brauerei Witbread aufstellen; die Maschine sollte ein Göpelwerk zum Wasserheben ersetzen und ebensoviel leisten wie die Pferde des Brauers, die bis dahin das Göpelwerk getrieben hatten. Zu diesem Zwecke stellte der Brauer die Leistung seiner Pferde in der Weise fest, daß er sein kräftigstes Pferd nahm und es acht Stunden lang arbeiten ließ. Er schonte es an diesem Tage durchaus nicht und nutzte es durch reichliche Peitschenhiebe im höchsten Grade aus. So kam jene Leistung zustande, daß in acht Stunden 2120000 Kilogramm Wasser einen Meter hoch gehoben wurden, was 73,6 Kilogramm für die Sekunde ausmachte, und das war die Grundlage für die Berechnung der Pferdekraft, die später auf 75 Kilogrammmeter abgerundet wurde. *     



KLEINER BRIEFKASTEN


(Anfragen ohne vollständige Angabe von Namen und Wohnung werden nicht berücksichtigt.)

F. R. in Nußloch, Baden. Es freut uns herzlich, daß zu den Hunderten, die uns in den letzten Jahren von ihrem ununterbrochenen 25jährigen Festhalten an der „Gartenlaube“ in Kenntniß gesetzt haben, immer neue Freunde von solcher Treue treten. Liegt ja doch darin eine Antwort auf unser Streben, die „Gartenlaube“ unseren Lesern zu einem Hausfreund zu machen, dem die Zuneigung gewahrt wird in guten wie in bösen Tagen trotz aller „Stürme, Leiden und Widerwärtigkeiten“, von denen Sie schreiben. Empfangen Sie unseren Dank und die Bitte, uns auch ferner Ihr Wohlwollen zu erhalten.

H. W. in Göttingen. Vergleichen Sie gefälligst den Jahrgang 1878!

E. Freund. in Rotenburg i. H. Wir haben Ihnen unter obenstehender Adresse auf Ihre Anfrage bereits am 24. Januar brieflich geantwortet, aber der Brief kam als unbestellbar zurück. Ihr Vorwurf fällt daher auf Sie zurück.



Inhalt: Freie Bahn! Roman von E. Werner (8. Fortsetzung). S. 133. – Deutsche Originalcharaktere des achtzehnten Jahrhunderts. Von Rudolf von Gottschall. Konrad Ekhof, S. 136. – Wasserrose. Bild. S. 137. – Das neue Haus des deutschen Reichstages. Von Otto Neumann-Hofer. S. 139. Mit Abbildungen S. 133, 140, 144 und 145. – „Elsa.“ Eine Ehestandstragödie in Briefen. Von Ernst Wichert. S. 141. – Blätter und Biüthen: Siecher Boden. S. 148. – Ursprung des Maßes „Pferdekraft“. – Kleiner Briefkasten. S. 148.



Unseren neu eingetretenen Abonnenten

theilen wir hierdurch mit, daß sie den Jahrgang 1892 der „Gartenlaube“ vollständig geheftet bis auf Weiteres noch zum Preise von 7 Mark oder in Originaldecke komplet gebuuden zu 9 Mark beziehen können. Derselbe enthält unter Anderem die folgenden Novellen und Romane:

Ketten. Von A. v. Perfall.   Mamsell Unnütz. Von W. Heimburg.

Der Klosterjäger. Von Ludwig Ganghofer.       Der Zeitgeist im Hausstande. Von R. Artaria.

Der Kommissionsrath. Von R. Lindau.   Weltflüchtig. Von R. Elcho.

Außerdem bietet der Jahrgang 1892 eine Reihe kleinerer Erzählungen, eine große Zahl unterhaltender und belehrender Artikel und einen reichen Schatz vorzüglicher Illustrationen unserer ersten Künstler, 14 besondere Kunstblätter als Extra-Beilagen.

Zum Preise von 7 Mark geheftet, 9 Mark gebunden sind ferner noch zu haben die Jahrgänge 1858, 1863, 1868, 1869, 1870, 1871, 1872, 1873, 1875, 1876, 1877, 1878, 1879, 1880, 1881, 1882, 1883, 1884, 1885, 1886, 1887, 1888, 1889 1890 und 1891.

Die übrigen Jahrgänge 1853, 1854, 1855, 1856, 1857, 1859, 1860, 1861, 1862, 1864, 1865, 1866, 1867, 1874 der „Gartenlaube“ sind entweder ganz vergriffen oder nur noch antiquarisch zu erhöhtem Preise zu beziehen. Die meisten Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen. Wo der Bezug auf Hindernisse stößt, wende man sich direkt an die

Verlagshandlung: Ernst Keils Nachfolger in Leipzig.



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kroner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede. in Leipzig.

  1. WS: Fehlender Punkt ergänzt.
  2. WS: Fehlender Punkt ergänzt.
  3. WS: Fehlender Punkt ergänzt.