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Die Gartenlaube (1893)/Heft 5

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[69]

Nr. 5.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf.   In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf.   In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



Freie Bahn!
Roman von E. Werner.
(4. Fortsetzung.)


Im Salon bildete Cäcilie den Mittelpunkt der plaudernden Gruppe am Kamin. Sie konnte sehr liebenswürdig sein, wenn sie wollte, und ihre junge Schwägerin war völlig bezaubert von ihr, während Erich. der heute überhaupt nur Augen und Ohren für seine Braut hatte, kaum von ihrer Seite wich. Nur Egbert Runeck nahm fast gar keinen Antheil an der Unterhaltung. Er blickte nach der Terrasse, wo die beiden Herren im lebhaftesten Gespräch standen, und dann ruhten seine Augen wieder auf der jungen Baroneß, aber seine Stirn zog sich dabei fast drohend zusammen.

„Nein, Erich, das wirst Du mir nicht einreden, daß es hier in Deinem Vaterland auch einen Frühling giebt,“ rief Cäcilie lachend. „An der Riviera blüht und duftet alles schon seit Monaten, doch seit wir die Alpen überschritten, haben wir nichts als Sturm und Kälte gehabt, und nun vollends diese Fahrt nach Odensberg! Überall noch winterliche Oede. nichts als das


Die Wenzelskapelle bei Oberlahnstein und der Königsstuhl bei Rhense.
Originalzeichnung von R. Püttner.

[70] dunkle traurige Grün dieser ewigen Tannenwälder, dazu Nebel und Wolken und zur Abwechslung ein eisiger Regenguß – hu, mich friert in Eurem kalten grauen Deutschland!“

Sie kauerte sich mit einer reizenden Bewegung fröstelnd in ihrem Sessel zusammen und wandte sich dem Feuer zu.

„In Eurem Deutschland?“ wiederholte Erich mit zärtlichem Vorwurf. „Aber Cäcilie, es ist ja auch Dein Vaterland!“

„Mein Gott ja, allein ich muß mich immer erst wieder darauf besinnen, daß ich wirklich ein Kind dieses häßlichen Nordens bin, der mir ganz fremd ist. Ich war kaum acht Jahre alt, da starb mein Vater, und zwei Jahre später verlor ich auch die Mutter. Da kam ich dann zuerst nach Oesterreich zu Verwandten und später nach Lausanne in die Pension. Als ich erwachsen war, holte mich Oskar ab, und seitdem haben wir meist im Süden gelebt. In Rom und Neapel, an der Riviera und in Florenz, auch in der Schweiz sind wir einigemal gewesen. Aber Deutschland haben wir nie wieder berührt.“

„Du arme Cäcilie, da hast Du ja gar keine Heimath gehabt!“ rief Maja mitleidig.

Cäcilie sah sie sehr verwundert an; ihr erschien ein solches Leben mit dem fortwährenden Wechsel der Umgebung und der Menschen als das einzig Begehrenswerthe. Heimath? Das war ihr ein ganz fremder Begriff. Ihre Augen glitten durch den Salon – ja freilich, das war etwas anderes als die glänzenden und doch so nüchternen Hotelräume, in denen sie seit Jahren gelebt hatte. Diese schweren dunklen Tapeten und Vorhänge, diese Eichenmöbel, von denen jedes einzelne einen künstlerischen Werth hatte, die Familienbilder an den Wänden und vor allem der Hauch von Behaglichkeit, der das Ganze durchwehte! Aber dennoch erschien das alles wieder im Lichte dieses grauen Regentages so ernst und düster, so ernst wie all die Menschen hier, mit alleiniger Ausnahme Majas – und das verwöhnte Kind der großen Welt empfand einen geheimen Schauder vor der „Heimath“ ihres Bräutigams.

„Lebt Ihr denn wirklich den größten Theil des Jahres hier in Odensberg?“ fragte sie. „Das muß doch sehr einförmig sein. Ihr habt einen so prachtvollen Wohnsitz in Berlin, wie Erich mir erzählt hat, und seid kaum zwei Monate im Winter dort, das begreife ich nicht!“

„Papa meint, er habe keine Zeit, in der Welt umherzureisen,“ sagte Maja unbefangen „und ich bin mit der Tante und Fräulein Leonie nur einigemal im Bade gewesen. Ich bin sehr gern in Odensberg.“

„Maja ist ja überhaupt noch nicht in die Gesellschaft eingeführt,“ erklärte Erich. „Das soll erst im nächsten Winter geschehen, wenn sie ihr siebzehntes Jahr vollendet hat. Bis jetzt hat unsere Kleine immer noch in der Kinderstube bleiben müssen, wenn bei uns großer Empfang war, und da kennt sie die große Welt noch gar nicht.“

„Ich wurde schon mit sechzehn Jahren in die Welt eingeführt,“ warf Cäcilie hin. „Arme Maja, läßt man Dich so lange darauf warten – das ist unverantwortlich!“

Das junge Mädchen lachte hell auf bei diesem aufrichtigen Bedauern. „O, ich betrachte das gar nicht als ein so großes Unglück, denn dann muß ich mich ‚benehmen‘, wie Fräulein Friedberg es nennt, muß so schrecklich ernsthaft und verständig thun und darf nicht mehr mit ‚Puck‘ herumtanzen. – Puck, ich glaube gar, Du schläfst am hellen Tage! Schämst Du Dich nicht? Wirft Du gleich aufwachen!“

Damit stürzte sie nach einer Ecke des Salons, wo Puck, grollend, daß man sich heute so wenig um ihn kümmerte, auf einem Fußkissen sich dem süßesten Schlummer hingab. Cäcilie verzog spöttisch die Lippen.

„Maja ist wirklich noch ein rechtes Kind,“ sagte sie leise zu Erich. „Nun, Oskar, hat Dich der Regen hereingetrieben?“

„Jawohl,“ antwortete Wildenrod, der soeben herantrat. „Wir haben Odensberg besichtigt, vorläufig nur von der Terrasse aus, aber Dein Vater hat mir versprochen, Erich, mich schon in den nächsten Tagen in sein Reich einzuführen.“

„Gewiß, und Cäcilie muß es auch kennenlernen,“ stimmte Erich bei. „Dann fahren wir auch einmal nach Radefeld hinaus, wo jetzt der Buchberg durchbrochen wird. Egbert,“ wandte er sich an diesen, der stumm zugehört hatte, „wir melden uns einstweilen bei Dir an.“

„Ich fürchte nur, daß unsere Arbeiten Herrn von Wildenrod nicht interessieren werden,“ versetzte Egbert, „sie bieten nach außen hin nicht viel Bemerkenswerthes, und bis zum Durchbruch sind wir überhaupt noch nicht gekommen.“

Wildenrod wandte sich zu dem jungen Ingenieur, der ihm vor Tische vorgestellt worden war. Er wußte durch Erich, daß dieser „Jugendfreund“ eine Ausnahmestellung einnahm, aber seine Anwesenheit bei diesem ersten Zusammensein im engsten Familienkreis befremdete ihn doch, und er wußte diesem Befremden Ausdruck zu geben. Bei aller Höflichkeit, mit der er Runeck behandelte, stand in seinen Augen immer wortlos, aber deutlich die Frage: „Was thust Du eigentlich hier?“

„Sie haben ja wohl den Plan zu diesen Arbeiten entworfen, Herr Runeck?“ fragte er. „Erich erzählte mir bereits davon und ich freue mich sehr, einen so tüchtigen Ingenieur kennenzulernen.“

Die Worte klangen sehr verbindlich, aber der „Ingenieur“ wurde doch betont und damit die Schranke hervorgehoben, die den Sohn des Eisenarbeiters von der Familie des Millionärs trennte, obgleich man sie in Odensberg zu vergessen für gut fand. Egbert verneigte sich ebenso verbindlich, als er erwiderte: „Ich hatte bereits früher das Vergnügen, Sie kennenzulernen, Herr von Wildenrod.

„Mich? Ich erinnere mich nicht, daß wir uns jemals begegnet wären.“

„Das ist begreiflich, denn es geschah in einem größeren Kreise. Vor drei Jahren in Berlin, bei Frau von Sarewski.“

Der Freiherr wurde aufmerksam, sein Auge heftete sich scharf und forschend auf den jungen Ingenieur, aber zugleich spielte ein spöttisches Lächeln um seine Lippen. „Und da haben Sie mich gesehen? Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie in solchen Kreisen verkehren.“

„Das thue ich in der That nicht. Es war ein besonderer Fall, der mich dahin führte, und ich war auch nicht als Gast dort. Vielleicht erinnern Sie sich der Sache, wenn ich Ihnen den Tag nenne – es war der zwanzigste September.“

Die Hand Wildenrods, welche auf der Lehne von Cäciliens Sessel lag, zuckte leise, und zugleich schoß ein Blitz aus seinen Augen, ein Blick des Argwohns, der Drohung; aber er glitt ab an den völlig unbewegten Zügen Runecks. Das dauerte freilich nur eine Sekunde, dann sagte der Freiherr nachlässig:

„Da muthen Sie wirklich meinem Gedächtniß zuviel zu. Ich habe in den letzten zehn Jahren so viel Orte und Menschen kennengelernt, daß ich mich der einzelnen nicht mehr entsinne. Welchen Vorfall meinen Sie?“ Er sprach mit voller Gelassenheit, in seinen Zügen war nicht die leiseste Veränderung zu bemerken.

„Wenn Sie es vergessen haben, Herr von Wildenrod, so lohnt es wohl kaum, davon zu reden,“ sagte Egbert kühl. „Mir waren von jenem Abend her nur Ihre Züge und Ihre Persönlichkeit im Gedächtniß geblieben.“

„Sehr schmeichelhaft für mich!“ Wildenrod neigte mit einer hochmüthigen Bewegung das Haupt gegen den jungen Ingenieur und kehrte ihm dann den Rücken. Er schritt nach dem anderen Ende des Salons, wo Maja das weiße Fellchen ihres Lieblings zauste, der den jähen Eingriff in seine Siesta sehr ungnädig aufgenommen hatte.

Das Spiel nahm ein Ende, als der Freiherr sich näherte, und Maja richtete sich mit einer gewissen Kampfbereitschaft empor, denn sie fühlte das dringende Bedürfniß, ihre kindische Befangenheit von vorhin in Vergessenheit zu bringen. Bei Tische war keine Gelegenheit dazu gewesen, denn Frau von Ringstedt hatte den neuen Verwandten, der neben ihr saß, vollständig in Beschlag genommen; jetzt aber sollte er sehen, daß man sich nicht im mindesten vor ihm scheute, daß man durchaus entschlossen war, ihm die Spitze zu bieten.

Leider trug Oskar Wildenrod dieser kriegerischen Stimmung gar keine Rechnung, er begann in aller Harmlosigkeit erst das Hündchen und dann dessen Herrin zu necken und nahm ganz unbefangen an ihrer Seite Platz. Nun fing er an zu plaudern, von allem Möglichen, in einer halb scherzhaften, aber ungemein fesselnden Art, die dem jungen Mädchen ganz neu war; die Vertraulichkeit, zu der die künftige Verwandtschaft ihn berechtigte, wurde dabei in natürlicher zarter Weise zur Geltung gebracht [71] Und endlich bemühte er sich angelegentlich um die Freundschaft Pucks, die ihm denn auch im vollsten Maße zu theil wurde.

Das blieb nicht ohne Einfluß auf Maja, die allmählich ihre Vertheidigungsstellung aufgab und zutraulicher wurde. Sie fing jetzt auch an, zu plaudern und von dem und jenem zu berichten. Die Unterhaltung war im besten Gange, als Wildenrod plötzlich ganz unvermittelt fragte: „Also Sie fürchten sich jetzt nicht mehr vor mir?“

„Ich?“ Die junge Dame wollte entrüstet widersprechen und konnte es doch nicht hindern, daß ihr eine tiefe Röthe ins Gesicht stieg.

„Ja, Sie, mein gnädiges Fräulein! Ich sah es ganz deutlich bei der ersten Begrüßung – oder wollen Sie mir das ableugnen?“

Die Gluth im Gesicht Majas wurde noch tiefer. Er hatte nur zu richtig gesehen, aber sie ärgerte sich über diesen unbequemen Scharfblick und fand es sehr rücksichtslos, daß man ihr das auch noch anzuhören gab.

„Spotten Sie nur, Herr von Wildenrod!“ sagte sie gereizt.

Er lächelte, und es war eigenthümlich, wie seine Züge dabei gewannen. Die düstere Falte auf der Stirn schien sich zu glätten, all die scharfen tiefen Linien milderten sich, und auch die Stimme klang weich, als er erwiderte: „Sehe ich aus, als ob ich spotten wollte? Können Sie das wirklich glauben?“

Maja sah zu ihm auf. Nein, spöttisch waren diese Augen nicht, wenigstens nicht jetzt, aber sie übten wieder denselben Bann aus wie vorhin und ließen den Blick nicht los, den sie festhalten wollten – und da war auch wieder jenes unerklärliche beklemmende Gefühl. Das junge Mädchen fand keine Antwort und schüttelte nur leise das Köpfchen.

„Nicht?“ fragte Wildenrod. „Nun, dann beweisen Sie es mir, daß der Gast, der heute in Ihr Haus gekommen ist, Sie nicht mehr schreckt, und erfüllen Sie mir eine Bitte – wollen Sie?“

„Erst muß ich doch wissen, welche Bitte Sie stellen,“ sagte Maja befangen und mit einem vergeblichen Versuch, den alten muthwilligen Ton wiederzufinden. Wildenrod neigte sich zu ihr, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab.

„Es nennt Sie hier alles ‚Maja‘, jeder in diesem Kreise hat das Recht, Ihren Namen auszusprechen, der so hold klingt wie kein anderer, sogar diesem – diesem Herrn Runeck ist das erlaubt, ich allein spreche zu dem ‚Gnädigen Fräulein‘. Ich bin ja nicht so kühn, dasselbe Recht zu beanspruchen wie Cäcilie, die Ihnen das schwesterliche ‚Du‘ giebt, aber – darf auch ich Sie ‚Maja‘ nennen?“

Er hatte wie zufällig ihre Hand genommen. Die Bitte war weder so kühn noch so ungewöhnlich, der ältere Mann konnte sich immerhin diese Vertraulichkeit gegen das junge Mädchen erlauben, mit dessen Bruder er sich verschwägerte, dennoch zögerte Maja mit der Antwort, zögerte so lange, daß er vorwurfsvoll fragte: „Sie verweigern es mir?“

„O nein, gewiß nicht, Sie sind ja der Bruder Cäciliens, Herr von Wildenrod.“

„Jawohl, und der Bruder Cäciliens hat noch einen anderen Namen, den er nun auch von Ihnen hören möchte, Maja – ich heiße Oskar!“

Es erfolgte keine Antwort, aber die kleine Hand zuckte in der seinigen und versuchte, sich frei zu machen; doch vergebens, er hielt sie fest. „Sie wollen nicht?“

„Ich – ich kann nicht!“ Es lag eine beinahe angstvolle Abwehr in den Worten, Oskar lächelte wieder.

„Ist das denn so schwer? Doch ich will Sie nicht drängen! Einstweilen ist mir Ihre Erlaubniß genug. Ich danke Ihnen dafür, Maja.“

Er ließ mit sanftem Druck ihre Hand los. Maja! Wie seltsam er den Namen aussprach, es war ein Klang, der das junge Mädchen mit einer nie gekannten Empfindung durchschauerte, süß und beängstigend zugleich. Sie athmete wie erlöst auf, als Erich herantrat und scherzend sagte: „Ich glaube, Oskar, Du machst unserer kleinen Maja hier den Hof.“

„Vorläufig mache ich nur die künftige Verwandtschaft geltend,“ war die heitere Antwort. „Maja hat mir soeben erlaubt, das ‚Gnädige Fräulein‘ beiseite zu lassen. Du hast doch hoffentlich nichts dagegen?“

„Nicht das Geringste,“ meinte Erich lachend. „Du wirst vermuthlich mit vieler Würde bei unserer Kleinen den Onkel spielen. Sieh nur zu, daß Du sie in Ehrerbietung erhältst!“

Ueber Oskars Züge flog bei dieser harmlosen Auffassung ein eigener Ausdruck, aber er entgegnete nichts darauf. Maja hatte die letzten Worte gar nicht gehört, sie war zu ihrem Vater geeilt, der sich den beiden älteren Damen zugesellt hatte. Mit einer fast ungestümen Bewegung schmiegte sie sich an ihn, als wollte sie in seinen Armen Schutz suchen, Schutz vor einer unbekannten Gefahr, die noch fern im Dunkel lag und doch schon einen Schatten hereinwarf in die helle Gegenwart.

Cäcilie saß noch am Kamin, und auch Runeck hatte seinen Platz nicht verlassen, der „steinerne Gast“, wie Cäcilie vorhin ihrem Verlobten spottend zugeflüstert hatte. Egberts Schweigsamkeit war in der That auffallend gewesen, wenigstens für Erich und Maja. Baroneß Wildenrod fand sie im Grunde natürlich; der junge Mann fühlte sich offenbar fremd in dem Kreise, in den er doch von Rechts wegen nicht gehörte, und die ihm mit dieser Einladung erwiesene Gunst drückte ihn wahrscheinlich mehr, als sie ihn erfreute. Cäcilie theilte in diesem Punkte vollständig die Ansichten ihres Bruders und wie dieser hatte sie bisher nur sehr flüchtig von dem jungen Ingenieur Notiz genommen. Doch war es ihr nicht entgangen, daß er sie beobachtete; sie nahm das selbstverständlich für Bewunderung und ließ sich deshalb jetzt gnädigst zu einer Unterhaltung herbei.

„Sie kannten also meinen Bruder bereits, Herr Runeck? Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen!“

„In einer großen Stadt doch wohl nicht,“ war die ruhige Antwort. „Uebrigens war es nur eine sehr flüchtige Begegnung, deren sich Herr von Wildenrod, wie Sie gehört haben, gar nicht mehr entsinnt.“

„Er war vor drei Jahren in Berlin? Ich erinnere mich – er kam von dort nach Lausanne, um mich aus der Pension abzuholen. Aber ich glaube, Oskar liebt die Reichshauptstadt nicht besonders. Sie waren längere Zeit dort, Herr Runeck?“

„Mehrere Jahre, ich studierte in Berlin.“

„Ach so! Nun, ich werde es ja im nächsten Winter an Erichs Seite auch kennenlernen. Das Gesellschaftsleben soll glänzend sein, zumal in der Hochsaison.“

„Darüber kann ich leider keine Auskunft geben,“ sagte Egbert kühl. „Ich war in Berlin, um zu lernen und zu arbeiten.“

„Aber das nimmt doch nicht die ganze Zeit in Anspruch?“

„Jawohl, gnädiges Fräulein, die ganze Zeit.“

Die Antwort klang sehr bestimmt, beinahe schroff; sie mißfiel Cäcilien gründlich, noch mehr aber mißfiel ihr der, welcher sie aussprach und den sie sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male genauer ansah. Dieser Jugendfreund Erichs war im Grunde eine recht abstoßende Erscheinung! Zwar gab ihm die hohe mächtige Gestalt ein gewisses Uebergewicht, aber sie paßte doch ganz und gar nicht für den Salon. Dazu diese unschönen unregelmäßigen Züge, in denen alles so hart und scharf ausgeprägt war; und die starre unverbindliche Haltung, die sich auch jetzt nicht milderte, wo man doch geruhte, ihn in das Gespräch zu ziehen. Jene Antwort klang ja beinahe, als wollte dieser Runeck ihr, der Baroneß Wildenrod, eine Lehre geben. Sie bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß hier von Schüchternheit und Gedrücktheit keine Rede war, und fühlte jetzt auch, daß es nicht Bewunderung war, die in jenen kalten grauen Augen lag – ein feindseliger Strahl leuchtete darin auf. Aber was eine Andere befremdet und vielleicht bestürzt gemacht hätte, das gerade reizte Cäcilie Wildenrod, und anstatt das Gespräch fallen zu lassen, nahm sie es wieder auf.

Sie stemmte die zierlichen Füße gegen das Kamingitter und lehnte sich tief in den Armsessel zurück, es war eine nachlässige, aber unendlich graziöse Stellung. Die späte Nachmittagsstunde und das dunkle Regengewölk draußen schufen in diesem Theile des Salons schon eine Dämmerung, und das bald aufflackernde bald zusammensinkende Feuer warf seinen Schein auf die schlanke Gestalt in dem hellen spitzenbesetzten Seidenkleid, auf die Rosen, die sie an der Brust trug, und auf den schönen Kopf, der sich an die dunkelrothen Polster schmiegte.

„Mein Gott, wie werde ich mich in diesem Odensberg zurechtfinden!“ sagte sie seufzend. „Das dritte Wort hier ist: ‚Arbeit!‘ Man scheint überhaupt gar nichts anderes zu kennen. Ich leichtsinniges [72] Weltkind fühle mich ganz verschüchtert dabei und werde sicher vollständig in Ungnade fallen bei meinem künftigen Schwiegervater, der ja auch ein Arbeitsgenie ersten Ranges sein soll.“

Sie sprach mit herausforderndem Uebermuth, es war der Ton, den man in ihren Gesellschaftskreisen so pikant und bezaubernd fand. Hier aber machte er gar keinen Eindruck, Runeck schien völlig unempfindlich dafür zu sein.

„Gewiß, Herr Dernburg ist uns allen ein Vorbild in dieser Beziehung,“ erwiderte er. „Daß Sie sich in Odensberg gefallen werden, Baroneß Wildenrod, glaube ich allerdings nicht. Doch Erich wird es Ihnen ja wohl eingehend geschildert haben, ehe Sie sich entschlossen, hierherzukommen.“

„Ich glaube, Erich hat den gleichen Geschmack wie ich,“ warf Cäcilie hin. „Auch er liebt den sonnigen lebensfrohen Süden und schwärmt von einer Villa am Strande des blauen Meeres, unter Palmen und Lorbeergebüschen.“

„Erich war krank und litt unter der rauhen Luft seiner Heimath, die er trotzdem liebt; der Süden hat ihm Genesung gegeben. Uebrigens ist er ja reich genug, sich irgendwo in Italien anzukaufen und seine Erholungszeit dort zuzubringen, wenn sein eigentlicher Wohnsitz auch Odensberg bleiben muß.“

„Halten Sie das für so unumgänglich nothwendig?“ Es lag ein leichter Spott in der Frage.

„Allerdings, er ist der einzige Sohn und soll dereinst die Werke übernehmen. Das ist eine Pflicht, der er sich nicht entziehen kann und der er, wie seine künftige Gemahlin, doch wohl Rechnung tragen muß.“

„Muß?“ wiederholte Cäcilie. „Das scheint Ihr Lieblingswort zu sein, Herr Runeck. Sie gebrauchen es bei jeder Gelegenheit. Ich kann dies unbequeme Wort gar nicht leiden und glaube auch nicht, daß ich mich jemals damit befreunden werde.“

Egbert schien kein besonderes Vergnügen an dieser Art der Unterhaltung zu finden, es klang ein Anflug von Ungeduld, sogar eine gewisse Gereiztheit aus seinen Worten, als er entgegnete:

„Wir thun wohl besser, nicht darüber zu streiten, gnädiges Fräulein. Wir gehören zwei ganz verschiedenen Welten an, und ich muß um Entschuldigung bitten, wenn ich die Ihrige nicht verstehe.“

Cäcilie lächelte; endlich war es ihr gelungen, diesen Mann aus seiner undurchdringlichen Ruhe zu treiben, die sie fast als eine Beleidigung empfand. Sie war es nicht gewohnt, daß man ihr den Zoll der Bewunderung versagte, daß man ihr gegenüber von „müssen“ sprach. Das Feuer strahlte eben wieder auf in heller Gluth, und während Runeck seitwärts im Schatten stand, fiel der Widerschein voll auf das schöne Mädchen, das noch in derselben Stellung wie vorhin im Sessel ruhte. Es lag etwas Berückendes in dem zuckenden Spiel der Flammen, in dem jähen Wechsel zwischen Licht und Schatten, etwas, das der Erscheinung des Mädchens selbst verwandt war, welches jetzt mit den dunklen feucht-schimmernden Augen zu dem jungen Ingenieur aufblickte.

„Nun, es wird doch eine Brücke geben, die diese beiden Welten verbindet,“ sagte sie scherzend, „Vielleicht lernen wir uns verstehen – oder meinen Sie, daß das nicht der Mühe lohnt?“

„Nein!“

Es klang eisig, dieses „Nein“. Cäcilie richtete sich plötzlich empor und ein Blick sprühenden Zornes traf Egbert.

„Sie sind sehr – aufrichtig, Herr Runeck.“

„Sie mißverstehen mich, gnädiges Fräulein,“ sagte er ruhig. „Ich meinte selbstverständlich, daß es für Sie der Mühe nicht lohnt, zu einer so untergeordneten Welt herabzusteigen – nichts weiter.“

Baroneß Wildenrod biß sich auf die Lippen. Er parierte gut, und doch wußte sie, was er gemeint hatte – sie verstand den herben Spott, der sich hinter seinen Worten barg. Was war es denn eigentlich mit diesem Manne, der sich herausnahm, der Braut seines Jugendfreundes, der künftigen Tochter des Hauses, von dem er Wohlthaten empfangen hatte, so entgegenzutreten? Hatte sie vorher für diesen Herrn Ingenieur in seiner untergeordneten Stellung kaum einen Blick gehabt, so wallte es jetzt heiß und feindselig in ihr empor, er sollte es büßen, daß er sie gereizt hatte!

Sie erhob sich mit einer raschen Bewegung und wandte sich zu Erich und ihrem Bruder, die noch miteinander sprachen. Egbert blieb an seinem Platze, sein Blick folgte den beiden Geschwistern, während er halblaut murmelte: „Armer Erich, Du bist in schlimme Hände gerathen!“ –

Es war Abend geworden und die Familie hatte sich bereits getrennt. Man wollte den Gästen, die heute eine ziemlich weite Fahrt gemacht hatten, baldige Ruhe gönnen, aber diese waren noch nicht schlafen gegangen.

Oskar und Cäcilie befanden sich in dem kleinen Ecksalon, der zu der Fremdenwohnung gehörte. Sie waren allein. Der Duft der Blumen, mit denen Maja ihrer künftigen Schwägerin ein so liebliches Willkommen gebracht hatte, erfüllte noch den ganzen Raum, doch keines von den Geschwistern hatte Aufmerksamkeit dafür. Cäcilie stand in der Mitte des Zimmers; das Lächeln und die Liebenswürdigkeit, die sie heute den ganzen Tag zur Schau getragen, waren wie ausgelöscht in ihren Zügen. Sie sah erregt, gereizt aus, und ihre Stimme klang in unterdrückter Heftigkeit.

„Du bist also noch nicht mit mir zufrieden, Oskar? Ich dächte, ich hätte heute das Mögliche geleistet, und Du willst mir noch Vorwürfe machen!“

„Du warst zu unvorsichtig in Deinen Aeußerungen,“ tadelte Oskar, „viel zu unvorsichtig! Du gabst Dir ja kaum die Mühe, Dein Mißfallen an Odensberg zu verhehlen. Nimm Dich in acht, Erichs Vater ist in diesem Punkte sehr empfindlich, dergleichen verzeiht er nicht.“

„Soll ich etwa wochenlang hier Komödie spielen und Begeisterung heucheln für diesen entsetzlichen Ort, der noch weit unerträglicher ist, als ich glaubte? Man ist hier wie abgeschnitten und ausgestoßen von der Welt, wie begraben zwischen Bergen und Tannenwäldern. Dazu die unmittelbare Nähe dieser Werke mit ihrem Lärm und ihrer Arbeiterbevölkerung, und vor allem diese Menschen hier! Nur die kleine Maja ist erträglich, mein künftiger Schwiegervater aber scheint eine herrschsüchtige Natur zu sein, die das ganze Haus tyrannisiert. Ich habe förmlich Furcht vor seinem strengen Gesicht – er blickte mich bei der Ankunft an, als wollte er mir bis in das innerste Herz hineinsehen! Und diese langweilige Frau von Ringstedt mit ihrer steifen Würde, die ebenso langweilige blasse Erzieherin, vor allem aber dieser sogenannte Jugendfreund Erichs, der mir Dinge gesagt hat –“ sie brach plötzlich ab und warf mit einer grollenden Bewegung ihren Fächer auf den Tisch.

Wildenrod hatte den ganzen Ausbruch ruhig mit angehört, ohne einen Versuch zur Beschwichtigung zu machen. Bei den letzten Worten jedoch wurde er aufmerksam.

„Was für Dinge?“ fragte er rasch und scharf. „Was hat er Dir gesagt?“

„O, in Worten nicht allzuviel, aber ich fühlte recht gut, was sich unausgesprochen dahinter barg. Wenn wir uns nicht zum ersten Male gesehen hätten, so würde ich glauben, er hasse Dich und mich. Es lag etwas so Feindseliges in seinen kalten stahlgrauen und stahlharten Augen, als er mit mir sprach, und sie hatten genau denselben Ausdruck, als er Dir gegenüber der Begegnung in Berlin Erwähnung that.“

Wildenrod sah seine Schwester überrascht an, er hatte noch nie eine derartige scharfe Beobachtungsgabe an ihr wahrgenommen.

„Du scheinst Dich sehr eingehend mit ihm beschäftigt zu haben,“ bemerkte er. „Uebrigens hast Du ganz recht gesehen, dieser Runeck ist äußerst unbequem, vielleicht sogar gefährlich – nun, man wird mit ihm fertig werden!“

„Ein für alle Mal, ich halte es nicht aus in solcher Umgebung!“ rief Cäcilie mit erneuter Heftigkeit. „Du hast mir stets gesagt, daß Erich mit mir in der großen Welt leben wird, wir haben nie etwas anderes angenommen, aber hier scheint gar keine Rede davon zu sein. Man erachtet es als selbstverständlich, daß wir unseren Wohnsitz in Odensberg nehmen, und hat mir das bereits rückhaltlos angekündigt. Soll ich etwa bei meiner Vermählung allem entsagen, was für mich den Reiz des Lebens ausmacht, unter der allerhöchsten Aufsicht meines Schwiegervaters die Häuslichkeit und die sonstigen Familientugenden lernen, auf die er sehr viel zu geben scheint, und zur Belohnung alltäglich einen Spaziergang durch seine Werke machen dürfen? Von anderen Vergnügungen wird hier wohl nicht die Rede sein.“

„Es handelt sich hier nicht um Dein Vergnügen, sondern um eine Nothwendigkeit,“ sagte Oskar mit Schärfe. „Ich glaube, Cäcilie, ich habe Dir das hinreichend klar gemacht, als wir die

[73]

Suleika.
Nach einem Gemälde von J. Popp.

[74] Einladung annahmen. Du zwangst mich schon an Deinem Verlobungstag, Dir die Wahrheit anzudeuten, die ich Dir am liebsten verschwiegen hätte, und heute weißt Du genau, wie es um uns steht. Unser Vermögen ist verloren gegangen, wann und wie, dafür hast Du doch kein Verständniß, allein mit der Thatsache mußt Du rechnen. Ich habe es bis jetzt möglich gemacht, unser Leben äußerlich auf glänzendem Fuße zu erhalten, mit welchen Opfern, das weiß ich allein; aber es kommt eine Zeit, wo auch die letzten Hilfsquellen versiegen, und soweit sind wir. Verschüttest Du Dir durch eigene Thorheit die glänzende Zukunft, die ich Dir geöffnet habe, indem ich dies Band knüpfte, so hast Du überhaupt kein Anrecht mehr auf das, was Du ‚Leben‘ nennst; dann mußt Du hinabsteigen in ein Dasein der Armuth und der Entbehrungen – muß ich Dir das nochmals ins Gedächtniß zurückrufen?“

Die herbe Mahnung that ihre Wirkung: Armuth und Entbehrung, das waren Dinge, vor denen Baroneß Wildenrod zurückschauderte, obgleich sie nur einen dunklen Begriff davon hatte. Schon die bloße Vorstellung, daß sie gezwungen werden könnte, das bisherige glänzende Leben aufzugeben, erschreckte sie und brach ihren Widerstand; sie senkte den Kopf und schwieg, während der Bruder fortfuhr:

„Ich habe Dich bisher meist gewähren lassen, wie man das mit verwöhnten Kindern thut, es war ja auch nicht nothwendig, Dir den Ernst zu zeigen; jetzt aber fordere ich – hörst Du, Cäcilie, ich fordere es – daß Du Dich unbedingt meinen Anordnungen unterwirfst und thust, was ich Dir vorschreibe. Noch bist Du nicht vermählt, und der alte Dernburg ist ganz der Mann, die Verbindung noch im letzten Augenblick zu zerreißen, wenn ihm ernstliche Bedenken dagegen aufsteigen. Du hast vor allem um seine Gunst zu werben, denn Erich ist eine völlig unselbständige Natur, die sich dem Willen des Vaters immer fügen wird. Da gilt es, vorsichtig zu sein! Ich werde meine Pläne, von deren voller Tragweite Du jetzt noch keine Ahnung hast, nicht an Deinem Eigensinn scheitern lassen – Du kennst mich!“

Es war ein Ton des Befehls, der Drohung, und Cäcilie blickte mit scheuen Augen zu dem Bruder auf. Es war nicht das erste Mal, daß er sie unter seinen Willen beugte, aber so ernst und finster hatte er noch nie zu ihr gesprochen. Sie stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und warf sich in einen Sessel; aber sie dachte nicht an ferneren Widerstand.

Es folgte eine sekundenlange Pause, dann trat Oskar zu ihr, und seine Stimme milderte sich, als er sagte:

„Daß Du Dich doch immer von Deiner Leidenschaftlichkeit fortreißen läßt! Andere würden alles daran setzen, sich dies Los zu sichern, um das Du von Tausenden beneidet wirst, und Du möchtest es am liebsten fortwerfen wie ein Spielzeug, das Dir nicht gefällt – eine berechnende Natur bist Du nicht!“

„Aber Du bist es!“ warf Cäcilie gereizt und erbittert ein.

„Ich?“ Das Gesicht Wildenrods verdüsterte sich wieder. „Ich bin manches und habe manches sein müssen, was meinem innersten Wesen widerstrebte. Wer wie ich zwölf Jahre lang mit den Wogen des Lebens kämpft, der kennt nur noch eine Losung: oben bleiben um jeden Preis! Danke Gott, daß Dir dieser Kampf erspart bleibt, und danke es mir, daß ich Dich, noch ehe Du ihn kennenlerntest, an das Ufer rette. Du trittst in eine hochangesehene Familie, Deine Vermählung giebt Dir das Anrecht auf einen fast unübersehbaren Reichthum, und Dein künftiger Gatte kennt kein größeres Glück, als jeden Deiner Wünsche zu erfüllen – ich denke, das ist genug.“

„Und was wirst Du beginnen, wenn ich vermählt bin?“ fragte Cäcilie, betroffen von den Worten, die sie nur halb verstand.

„Das überlaß mir!“ Ein flüchtiges Lächeln flog wie ein Blitz über Oskars Züge. „Jedenfalls beabsichtige ich nicht, von der Gnade meiner reichen Schwester zu leben, für ein solches Los bin ich nicht geschaffen. – Doch nun gute Nacht, Kind! Du wirst künftig vorsichtiger sein und nie verrathen, daß Du nicht gern in Odensberg bist! Ich hoffe, es bedarf keiner zweiten Mahnung.“ Er berührte flüchtig mit den Lippen ihre Stirn und ging in sein eigenes Zimmer, das neben dem Salon lag.

(Fortsetzung folgt.)




Ueber Städtereinigung.

Von Dr. Fr. Dornblüth.

Eine Stadt, die gesund sein will – und welche wollte dies nicht – also jede Stadt sollte auf gesundem Boden und für Luft und Sonne zugänglich angelegt sein, was leider nicht immer der Fall ist; sie sollte ferner stets dafür sorgen, daß ihr Grund und Boden nicht verunreinigt und daß die Luft nicht durch gesundheitsschädliche Ausdünstungen verdorben wird. Denn obgleich solchen Ausdünstungen, die aus Abfällen aller Art unmittelbar in die Luft übergehen oder aus dem Erdboden in unsere Wohnungen gelangen, nicht gerade bestimmte Krankheiten zur Last gelegt werden können, so ist es doch sicher, daß sie die Gesundheit der Bewohner schwächen und ihre Widerstandskraft gegen viele Krankheitsursachen vermindern. Daher finden sich über unreinem Boden, auch wo er auf die Wasserversorgung keine Einwirkung ausübt, nicht nur mehr Krankheiten, als über reinem und trockenem Boden, sondern viele von diesen Krankheiten sind auch weit verderblicher, als sie sonst unter guten Wohnungsverhältnissen zu sein pflegen. Das gilt von Masern, Scharlach und Keuchhusten, von Lungenentzündung und Gelenkrheumatismus, von Schwindsucht und vielen Frauenkrankheiten gerade so gut wie von Typhus und Cholera, und wenn man durch „Assanierung“, d. h. durch Herstellung günstigerer gesundheitlicher Bedingungen für die Ortschaften, den Würgern Typhus und Cholera den Boden entzieht, so nimmt man zugleich jenen anderen Krankheiten wesentliche Voraussetzungen ihres Vorkommens und ihrer Bösartigkeit.

Der Boden, auf dem unsere Häuser gebaut sind, besteht, wenn er nicht luft- und wasserdichter Fels ist, aus Erde oder Sandkörnern, deren Zwischenräume oft mehr ausmachen als ihre feste Masse und von Luft oder Wasser erfüllt sind. Das Wasser sinkt vermöge seiner Schwere nach unten und bildet das Grundwasser, soweit es jene freien Zwischenräume erfüllt; es kann steigen oder sinken, je nachdem es mehr Zufluß (durch Niederschläge etc.) oder mehr Abfluß hat. Die Grundluft oder Bodenluft aber steht mit der Außenluft in Verbindung und wird durch das sinkende oder steigende Grundwasser nachgezogen oder verdrängt und kann weiterhin sowohl durch den Winddruck, als auch durch Wärmeunterschiede bewegt werden. Letzteres ist besonders für unsere Wohnungen wichtig. Denn weil es, mit Ausnahme einiger Sommertage, in denselben wärmer zu sein pflegt als draußen, so drückt die kältere und deshalb schwerere Außenluft auf die Grundluft und zwingt sie, in den Häusern emporzusteigen. Die unteren Räume werden natürlich zunächst erfüllt, und weder geschlossene Thüren noch Kellergewölbe noch gar gewöhnliche Zimmerdecken vermögen sie zurückzuhalten; es ist das durch das Aufsteigen von Kohlensäure aus dem in verschlossenen Kellern gährenden Most bis in die oberen Stockwerke und durch das Eindringen von Leuchtgas aus gebrochenen Straßenröhren in Häuser, die selbst keine Gasleitung hatten, oft und unwiderleglich bewiesen worden.

Wenn nun in den Erdboden organische Stoffe eindringen – mögen sie in Wasser aufgelöst oder bloß mitgerissen sein – so bleiben sie großentheils in dem Erdreich wie in einem Filter hängen und erleiden hier unter dem Einfluß der Bodenluft und der Bakterien, die sich überall finden, wo organische Stoffe vergehen, Zersetzungen; aus diesen Zersetzungen werden der Luft Kohlensäure und andere Gasarten zugeführt, während mineralische Bestandtheile teils im Erdboden liegen bleiben, teils zusammen mit anderen löslichen Stoffen in das Grundwasser und weiterhin in Quellen und Brunnen gerathen. Bodenverunreinigung kann also auf der einen Seite Brunnenvergiftung, auf der anderen Luftvergiftung in unseren Häusern bewirken, und zwar sind diese Gefahren um so größer, je weniger durch Pflanzenwuchs, durch Bäume, Sträucher, Gras und Blumen, [75] jene Unreinigkeiten verzehrt und in unschädliche oder geradezu nützliche Stoffe verwandelt werden, so wie etwa von den Pflanzen aus Kohlensäure Sauerstoff, die Lebensluft der Menschen und Thiere, bereitet und ausgeathmet wird. Wo es nicht möglich ist, diesen Pflanzenschutz anzuwenden, gilt es deshalb, den Erdboden gegen Unsauberkeiten und besonders auch gegen Feuchtigkeit zu schützen, was einerseits durch gutes, möglichst wasserdichtes Pflaster auf Straßen und Höfen, in Ställen und anderen der Verunreinigung ausgesetzten Räumen, andererseits durch Ableitung der atmosphärischen Niederschläge und der Haus-, Stall- und Gewerbe-Abwässer zu geschehen hat.

Je näher die Verunreinigungen des Erdbodens der Oberfläche liegen, desto energischer werden sie zersetzt, wie der größere Reichthum an Bakterien beweist; desto ergiebiger ist der Luftwechsel und desto leichter steigt die verdorbene Grundluft in die Häuser empor.

Wasser und Luft befördern diese Zersetzungen, und zwar erreichen sie den höchsten Grad, wenn warme Luft auf feuchten Boden einwirkt; bei uns tritt dies besonders in trocknen und warmen Sommern ein, wo infolge des mangelnden Regens das Grundwasser sinkt. Auf solchem Boden entwickeln sich häufig Typhusepidemien, und dem Ausbruch der letzten Choleraepidemie in Hamburg ging ein auffallend tiefer Stand des Grundwassers und sehr heißes Wetter voraus. Aehnliche Beobachtungen sind schon oft und an vielen Orten gemacht worden. Die Reinigung des Bodens kann, wie schon angedeutet, durch Pflanzenwuchs bewirkt werden, wie wir bei gedüngten Aeckern erfahren und bei Rieselfeldern, unter denen durch Quellen und Drainröhren reines Wasser entweichen kann; auch kräftige Durchlüftung, wie beim Pflügen und Umgraben, kann zu demselben Ziele führen. In den Ortschaften aber sind solche Mittel nur in sehr beschränktem Maße anwendbar, sie wirken deshalb auch wenig und langsam.

Selbst tiefe Entwässerung kann nur allmählich und auch nur dann nützen, wenn neue Verunreinigungen vermieden werden. Diesen Zwecken dient zuerst und hauptsächlich das Auffangen und Fortleiten aller unreinen Flüssigkeiten der Häuser, Höfe und Straßen durch wasserdichte unterirdische Kanäle oder Siele; zugleich wird das Grundwasser gesenkt und der Boden getrocknet, was sich alsbald durch Besserung des allgemeinen Gesundheitszustandes bemerklich zu machen pflegt. Viele Städte, wie Danzig, Halle, München, haben seit Durchführung ihrer Kanalisation ihre ehemals hohe Typhussterblichkeit verloren, in anderen wird derselben Ursache die Abnahme der Schwindsucht zugeschrieben.

Die Ableitungsröhren müssen so dicht sein, daß nirgends etwas von ihrem flüssigen oder luftförmigen Inhalt entweichen kann, da in ihnen ganz besonders giftige Luftarten sich entwickeln. Sie müssen deshalb gegen Frost, sowie gegen Erschwerungen oder Senkungen des Bodens gesichert und durch kräftige Strömung und Spülung vor Verstopfungen bewahrt sein, während an ihren Mündungen sichere Wasserverschlüsse die Entweichung von Sielluft zu verhindern haben. Fehler in einer dieser Beziehungen, die aus falscher Sparsamkeit bei der Anlage oder aus Unachtsamkeit oft genug begangen werden, rächen sich durch Hausepidemien von Typhus, Diphtherie und anderen Krankheiten, deren Ursachen häufig schwer entdeckt und dann nur mit großen Mühen und Kosten beseitigt werden können. Ein englischer Arzt, Pridgin Teale, hat vor einigen Jahren ein höchst dankenswerthes Buch veröffentlicht, das unter dem Titel „Lebensgefahr im eignen Hause“ von der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein übersetzt und von Professor Dr. von Esmarch in Kiel mit einer Vorrede versehen worden ist.[1] Durch vorzügliche Abbildungen mit ganz kurzen Erklärungen führt es diese Verhältnisse in gelungenster Weise und auch für deutsche Einrichtungen passend vor Augen. Die ziemlich allgemeine Unkenntniß dieser Gefahren rechtfertigt es, daß als erster Grundsatz aufgestellt ist:

„Es ist die Pflicht jedes Familienvaters, sich davon zu überzeugen, ob sein Haus die bekannten Gefahren für die Gesundheit birgt oder nicht.“

Die Siele erfordern ausreichende Lüftung, wozu in erster Linie die von den Dächern kommenden Regenröhren dienen können, da diese die gefährlichen Sielgase auf unschädliche Weise in den höheren Luftraum ableiten; außerdem aber bedürfen sie einer kräftigen Spülung, damit Ansammlungen und Stockungen verhütet oder fortgeschwemmt werden. Für das Haus ist es am zweckmäßigsten, auch die Aborte so an die Schwemmsiele anzuschließen, daß jede Aufspeicherung der Fäkalien sowie jede Boden- und Luftverderbniß durch dieselben verhütet wird. Es ist aber auch nöthig, die Kanäle soweit fortzuleiten und den endlichen Verbleib ihres Inhalts so einzurichten, daß daraus keine Schädigung, namentlich keine Flußvergiftung, entstehen kann. Die Flüsse besitzen ja, wie ich dies schon in dem Artikel über die Wasserversorgung der Städte (Nr. 51 des vorigen Jahrgangs) auseinandergesetzt habe, eine gewisse, aber begrenzte Fähigkeit, die ihnen überlieferten organischen Bestandtheile in unschädliche Stoffe zu zerlegen; könnten diese Grenzen überschritten werden, so ist eine vorherige Reinignug der Sielwässer unter Zurückhaltung ihrer festen Stoffe geboten. Dazu dienen am besten, soweit bis jetzt ermittelt ist, sogenannte „Rieselfelder“, in denen die organischen Bestandtheile der Sielwässer von Pflanzen verzehrt werden, so daß aus den tiefen Sammelröhren ziemlich reines Wasser abläuft.

Wo die Aborte nicht an Schwemmsiele angeschlossen werden können, ist jedenfalls durch dichten Verschluß, Streumittel, Ableitung der Dünste und stetige Lüftung des Raumes das Eindringen der Gase in die Wohn- und Schlafzimmer sowie jede Verunreinigung des Bodens auszuschließen. Je nach den Ortsverhältnissen sind große dichte Gruben oder Gefäße anzuwenden, die durch fahrbare Maschinen vermittelst Luftdrucks ausgepumpt werden, oder trag- und fahrbare Gefäße, die während des Fortbringens luftdicht verschlossen sind. Nicht wasserdichte Gruben, lange Anreicherung des Inhalts sowie Entleerung ohne Luftabschluß sind nicht bloß ekelhaft, sondern auch gesundheitswidrig. Die Abfuhrsysteme bieten den Vortheil, daß keine Rieselfelder nöthig sind, der höchst werthvolle Dünger aber nach Belieben überallhin versendet werden kann. Leider sind aber oft die Frachtkosten hinderlich, und man hat deshalb vielfach den Ausweg ergriffen, durch Herstellung sogenannter „Poudrette“, d. h. durch Eindickung der Massen, jene zu vermindern. Hoffentlich wird es mehr und mehr gelingen, die Städte rasch und ohne Belästigung von diesen gefährlichen Stoffen zu befreien, zugleich aber diese für die Gärtnerei und Landwirtschaft nutzbar zu machen.

Kaum minder schädlich, aber viel schwerer zu hüten und zu beseitigen, sind die flüssigen und festen Abgänge von Viehställen, deren Einrichtung in den Städten überdies in Bezug auf Lüftung und Reinlichkeit höchst mangelhaft zu sein pflegt. Krankheiten der Thiere, namentlich Tuberkulose, sind hier sehr häufig und bedrohen die Gesundheit noch mit anderen Gefahren, so daß das Verlangen gerechtfertigt ist, es möchten Rinder- und Schweineställe aus den Städten, wenigstens aus ihren dichter bebauten Theilen gänzlich entfernt, überall aber genügende Schutzmaßregeln gegen Verunreinigung von Luft, Boden und Wasser vorgeschrieben und streng aufrecht erhalten werden.

Straßen- und Hauskehricht, Asche, Küchen- und andere trockne Abfälle müssen gleichfalls, um Zersetzungen ihrer nicht unbedeutenden fäulnißfähigen Bestandtheile zu verhüten, in kurzen regelmäßigen Fristen abgefahren werden, bis dahin aber trocken und ohne Verstäubung etc., am besten in leichten, mit Deckeln versehenen Metallgefäßen, aufbewahrt bleiben. Ihre Verwendung begegnet wegen ihres geringen Düngerwerthes oft noch größeren Schwierigkeiten. Da sie aber meistens noch mancherlei werthvolle Dinge enthalten, wie Koks und Kohlen, Knochen, Lumpen, verlorene Gegenstände von Werth u. a. m., so ist, wenigstens in größeren Städten, eine Sonderung nöthig, oft sogar ganz einträglich. Der Rest wird dann entweder mit anderem Material zu Dünger verarbeitet oder unmittelbar als solcher auf Wiesen verwendet oder endlich, wie in manchen englischen Städten, in eigenen Oefen verbrannt. Auf keinen Fall ist eine Benutzung von Kehricht (und Bauschutt!) zur Auffüllung von Straßen und Baugründen oder gar zur Füllung von Hohlmauern und Zwischendecken in Wohnhäusern zulässig, da ihr Reichthum an organischen, langsamer Zersetzung anheimfallenden Stoffen und an Krankheitskeimen verschiedener Art die Gesundheit der Bewohner mit ernsten Gefahren bedrohen würde. Auch darüber sind bereits zahlreiche unangenehme Erfahrungen gesammelt worden.



  1. Kiel und Leipzig 1888. Verlag von Lipsius und Tischer. Vergl. auch „Gartenlaube“ 1889, Nr. 2.




[76]

Ein Verbrecher aus Bücherwuth.

Von Eduard Schulte.


Im Jahre 1812, am 28. Januar wurden die Bewohner von Leipzig durch die Kunde von einem Mordanfall erschreckt, der dort am hellen Tage mit Erfolg ausgeführt worden war.

Zu dem in der Grimmaischen Gasse wohnhaften Kaufmann Schmidt, einem als wohlhabend bekannten alten Manne, trat an jenem Tage bald nach 10 Uhr morgens ein Fremder ins Zimmer, ein Mann etwa in den vierziger Jahren, der seinem Stande nach ein Gelehrter zu sein schien. Seinen Namen nannte er nicht. Er sagte, er komme aus Hamburg und wolle sich bei Schmidt, der ihm empfohlen sei, wegen der vortheilhaftesten Anlage eines Kapitals Raths erholen. Schmidt empfahl den Ankauf von Leipziger Stadtobligationen, und als der Fremde ein Papier dieser Art zu sehen wünschte, zeigte er ihm eins, worauf er es wieder in den Schreibtisch, aus dem er es genommen, zurücklegte. Wohl eine halbe Stunde wurde von geschäftlichen Dingen hin und her gesprochen. Plötzlich sank Schmidt bewußtlos nieder. Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß sein Kopf stark blutete. Er glaubte nicht anders, als daß er von einer Ohnmacht befallen worden sei und sich im Hinsinken verletzt habe. „So helfen Sie mir doch auf!“ rief er, in der Meinung, daß der Fremde noch anwesend sei. Aber dieser war verschwunden. Schmidt erhob sich nun allein. Da sah er, daß mehrere von den Kästchen, die er im Schreibtisch verwahrt hatte und die einen Theil seiner Werthpapiere enthielten, leer umherstanden – elf Stadtobligationen im Gesammtwerth von 3000 Thalern fehlten. Er ließ sich nun den Kopf von seiner Haushälterin schnell verbinden und eilte dann auf das Rathhaus, um den Vorfall anzuzeigen und zugleich die Nummern der ihm abhanden gekommenen Obligationen bekannt zu geben. Ferner erließ er ein vor dem Ankauf warnendes Rundschreiben an sämmtliche Banken in Leipzig.

Die Maßregeln, welche Schmidt ergriffen hatte, um den Ankauf seiner Papiere zu hindern und gegebenen Falls die Verhaftung des Verkäufers herbeizuführen, kamen trotz der Eile, mit der er vorgegangen war, zu spät. Noch an demselben Morgen waren die ihm geraubten Obligationen im Fregeschen Bankgeschäft verkauft worden. Nach Aussage des Fregeschen Geschäftspersonals kam noch vor 11 Uhr und vor dem Bekanntwerden des Raubes ein Fremder in das Comptoir, erkundigte sich nach den Kursverhältnissen einiger Papiere und veräußerte für 3000 Thaler Stadtobligationen. Er nannte sich Siegel und gab an, in Elsterberg wohnhaft zu sein. Er war von mittlerer Größe, bartlos und von blasser Gesichtsfarbe, hatte eine ziemlich große Nase und trug langes schlichtes schwarzes Haar. Man schätzte sein Alter auf etwa vierzig Jahre. Seine Weste und seine Beinkleider waren schwarz; über einem schwarzen Frack trug er einen pekeschenartigen Ueberzieher. Seine Kopfbedeckung war ein vorn eingebogener sogenannter Schifferhut. Das Personal gab an, der Fremde habe das Aussehen eines modern gekleideten Geistlichen gehabt; man meinte ihm also den geistlichen Stand anzusehen, obwohl er die unter den Predigern jener Zeit noch sehr verbreitete Sondertracht dieses Standes, zu der ein langer Priesterrock, Kniehosen, Schnallenschuhe, gepudertes Haar und ein flacher Hut gehörten, nicht trug. Er blieb wohl eine halbe Stunde im Comptoir, schob zehn halbe Louisd’or, die sich unter der fast ganz aus Gold bestehenden Kaufsumme befanden, zurück, damit man sie gegen ganze Louisd’or umtausche, und kam, nachdem er sich verabschiedet, noch einmal wieder, um sich über den Verkauf der Papiere eine Bescheinigung geben zu lassen, die doch für ihn kaum Werth haben konnte.

Als der Raub bekannt wurde, bezeichnete der Kassierer des Fregeschen Geschäftes einen ihm mit Namen bekannten Einwohner von Leipzig als den Verkäufer der Obligationen. Aber die Angaben des übrigen Personals, des Kaufmanns Schmidt selbst und seiner Haushälterin, die den Fremden in Schmidts Zimmer geführt hatte, stellten außer Zweifel, daß der ihnen vorgeführte Beschuldigte nicht der Verkäufer und nicht der Thäter war und daß der Kassierer sich geirrt hatte.

Die Verwundung des Kaufmanns Schmidt war viel schwerer, als man bei seinem Verhalten in den ersten Stunden nach dem Verschwinden des Fremden annehmen durfte. Hatte er doch nicht nur den Behörden den Diebstahl persönlich anzeigen, sondern sich auch einer richterlichen Vernehmung unterziehen und seine Angaben eidlich erhärten können! Aber Verwundungen des Schädels und des Gehirnes lassen die durch sie verursachten Störungen der leiblichen und seelischen Verrichtungen öfter erst dann hervortreten, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist. Schmidt wurde mehrere Stunden nach seiner Verwundung bewußtlos, und man konnte ihn nach Einzelheiten, die man in der ersten Vernehmung vergessen hatte, nicht mehr fragen. Ohne wieder zu sich gekommen zu sein, starb er am 6. April.

Die gerichtsärztliche Untersuchung der Leiche ergab, daß der Schädel an zwei Stellen Brüche hatte, welche den Tod herbeiführen mußten, daß ein Aufschlagen des Kopfes beim Niederfallen so schwere und an so verschiedenen Stellen liegende Verletzungen nicht verursacht haben konnte, daß diese also von fremder Hand mittels eines zum Schlagen geeigneten Werkzeuges und mit beträchtlicher Gewalt beigebracht worden sein mußten.

Der Kaufmann Schmidt soll außergerichtlich auch die Aeußerung gethan haben, daß der Fremde, der ihn verwundete und beraubte, ihm kurz vorher eine Prise angeboten habe, nach deren Genuß er besinnungslos geworden sei. Ein Vorgang dieser Art ist nach Lage der Sache nicht unwahrscheinlich. Wäre der Kaufmann Schmidt erst durch den Schlag betäubt worden, so hätte er vermuthlich doch noch die Empfindung gehabt, einen Schlag erhalten zu haben, und dann hätte er nicht den, der ihn geschlagen, noch um Beistand zum Aufstehen gebeten, wie er es thatsächlich in ungebrochener Erinnerung an das vorher geführte anscheinend freundschaftliche Gespräch gethan hat.

Die Nachforschungen nach dem Raubmörder, welche Gericht und Polizei anstellten, blieben völlig erfolglos. – –

Ein Jahr war vergangen, da wurde die Stadt wiederum durch eine Mordthat in Schrecken gesetzt, die mit der früheren einige Aehnlichkeit hatte.

Am Neumarkt wohnte im Hause eines Dr. Kunitz vier Treppen hoch eine Witwe Kunhardt. Sie stand in den siebziger Jahren und hatte niemand um sich als ihre Dienstmagd. Am 8. Februar des Jahres 1813, einem Montage, schickte sie diese Magd bald nach 8 Uhr morgens zu einer Besorgung aus dem Hause. Als die Magd von diesem Gange gegen 1/29 Uhr zurückkehrte, hörte sie auf der Treppe, daß ihre Herrin in ängstlicher Weise ihren Namen rief. Oben angekommen, sah sie, daß Frau Kunhardt mit blutendem Kopfe in ihrem Vorzimmer stand und sich an die Thüre lehnte; auf einen vor ihren Füßen liegenden, mit frischem Blute befleckten Brief weisend, sagte sie zu der Magd, ein fremder Mensch, der ihr den Brief gebracht, habe sie geschlagen. Auf das Geschrei der Magd eilten andere Bewohner des Hauses herbei und brachten die Verwundete in ihr Zimmer, Sie erklärte auf Befragen, daß sie den Fremden nicht kenne.

Der vom 24. Januar 1813 aus Hohendorf datierte und mit „Bruse“ unterzeichnete Brief enthielt das Gesuch um ein Darlehen von 1000 Thalern.

War es auf einen Raub abgesehen gewesen, was man unter den obwaltenden Umständen für wahrscheinlich halten mußte, so war diese Absicht nicht erreicht worden. Wir erfahren wenigstens nicht, daß Frau Kunhardt, über deren Vermögensverhältnisse übrigens nichts mitgetheilt wird, Geld und Geldeswert vermißt hätte.

Nachdem die Behörden von dem Geschehenen benachrichtigt worden waren, erschien noch an demselben Vormittag das Gericht in der Wohnung der Frau Kunhardt. Wiederum zeigte sich, daß die Verletzung des Kopfes ernster war, als es zunächst geschienen hatte. Frau Kunhardt war bereits bewußtlos und blieb es bis zu ihrem Tode, der in der Nacht zum 10. Februar eintrat.

Das ärztliche Gutachten lautete dahin, daß der Schädel der Verstorbenen von fremder Hand mit einem scharfen, abgerundeten und schlagenden Werkzeug, etwa mit der abgeschrägten Seite, welche die meisten Hämmer gegenüber der stumpfen Seite zu haben pflegen, zertrümmert worden sei, und daß die Verwundung nothwendig zum Tode habe führen müssen.

[77] Zur Entdeckung des Thäters bot sich diesmal ein Anhalt zunächst in den weiteren Wahrnehmungen und Aussagen der Kunhardtschen Dienstmagd. Als diese nämlich von jenem Gange, während dessen der Mordanfall geschehen sein mußte, gegen halb 9 Uhr zurückkam, begegnete ihr im Hausflur, kurz bevor sie das ängstliche Rufen der Frau Kunhardt hörte, von der Treppe herabkommend ein in einen blauen, am Schlitz mit Knöpfen versehenen Reitmantel gekleideter und mit dunkler Kopfbedeckung versehener bartloser Mann, der ihr von Ansehen bekannt war. Auf seinen Namen konnte sie sich nicht besinnen, aber sie hatte ihn wiederholt in dem H.schen Gasthofe in Leipzig gesehen, in dem sie früher gedient hatte. Sie erinnerte sich, daß er „Herr Magister“ angeredet worden war. Der Titel eines Magisters der freien Künste war mit dem Doktortitel etwa gleichwerthig, und es kam häufig vor, daß Theologen und Philologen ihn erwarben, wie sie heute den Doktortitel erwerben.

Dieser Mann nun mochte der Magd anmerken, daß sie ihn kannte, wie er seinerseits sie ebenfalls wiedererkannt hatte. „Ei, guten Morgen,“ sagte er beim Begegnen, „das ist ja die Köchin, die bei H. gedient hat. Kommen Sie oder gehen Sie erst, und wann kommen Sie wieder?“ Die Magd antwortete, daß sie zurückkomme und wieder nach oben gehe. Der Mann, der sehr aufgeregt zu sein schien, entfernte sich darauf in großer Eile.

Naturgemäß lenkte sich auf diesen Fremden der Verdacht, umsomehr, als die Magd sich entsann, ihn bereits zwei Tage früher, am Sonnabend den 6. Februar, unter auffälligen Umständen im Hause gesehen zu haben, eine Wahrnehmung, welche durch eine unten im Hause wohnende Kutscherfrau bestätigt wurde. Am Sonnabend Vormittag hatte nämlich der Mann im blauen Mantel die Kutscherfrau im Hausflur gefragt, ob hier Frau Kunhardt wohne, und sie hatte ihn nach oben gewiesen. Da sie eben auf dem Boden des Hauses zu thun hatte, folgte sie ihm, während er die Treppen hinaufging. Auf der vierten Treppe sagte sie zu ihm: „Hier wohnt die Madame, nach der Sie mich fragten.“ In diesem Augenblick öffnete die Kunhardtsche Magd die Thür der Kunhardtschen Wohnung in der Meinung, daß der Brotverkäufer gekommen sei. Anscheinend in Verlegenheit hatte der Mann darauf gesagt. „Nein, bei einer Frau Dr. Kunitz wollte ich einen Brief abgeben.“ Die beiden Zeuginnen hatten ihn darauf nach einem tiefer gelegenen Stockwerk gewiesen, wo der Hauswirth Dr. Kunitz wohnte; aber sie konnten bemerken, daß der Mann an der Kunitz’schen Wohnung vorüberging und das Haus verließ. Die Kutscherfrau hatte damals geäußert, daß er gewiß die Absicht gehabt habe, zu stehlen oder die Gelegenheit zu einem Diebstahl auszukundschaften.

Am Rheinufer zu Rhense.
Originalzeichnung von R. Püttner.

Auf die Angaben der Kunhardtschen Magd hin forschte die Behörde bei dem Gastwirth H. nach den Namen der Magister, die früher und etwa zur Zeit des Mordes bei ihm abgestiegen waren. Es befand sich darunter auch der Magister Tinius, Pfarrer zu Poserna bei Weißenfels. Er hatte die Nacht vom 5. zum 6. und dann wieder die vom 7. zum 8. Februar im H.schen Gasthof zugebracht, war an dem verhängnißvollen Morgen von 8 bis 9 Uhr zur Erledigung von Besorgungen, wie er dem Wirthe erzählt hatte, abwesend gewesen und am Nachmittag wieder abgereist. Die Beschreibung, welche die Zeuginnen von dem Manne im blauen Mantel entwarfen, schien auf den Magister zu passen. Da aber den Behörden bisher nichts Nachtheiliges über ihn bekannt war, so wollten sie große Vorsicht anwenden und zunächst der erwähnten Magd Gelegenheit geben, den Magister Tinius möglichst unauffällig zu sprechen, damit sie sich überzeuge, ob er wirklich der Magister sei, den sie am 6. und 8. Februar im Kunitz’schen Hause gesehen hatte. Ein Gerichtsbeamter wurde mit ihr nach dem etwa 4 Meilen von Leipzig entfernten Poserna geschickt, und beide sollten sich unter einem Vorwand bei dem Pfarrer einführen. Als sie in das Pfarrhaus treten wollten, kam Tinius gerade aus der Hausthür. Sofort erkannte die Magd in ihm den verdächtigen Mann wieder, und auch er gerieth bei ihrem und ihres Begleiters Anblick sichtlich in Verlegenheit. „Woher sind Sie?“ fragte er mit einem Blick auf die Magd. Dann gab er sich selbst schnell die Antwort: „Ach, aus Weißenfels.“ Daß er sie jetzt nach Weißenfels versetzen wollte, während er sie im Dienst in Leipzig wußte, war auffällig. Wenn er im Kunitz’schen Hause sie als Bekannte begrüßt und das oben mitgetheilte kurze Gespräch mit ihr geführt hatte, so war das vielleicht deshalb geschehen, weil ihm das unerwartete Zusammentreffen die Geistesgegenwart geraubt hatte; denn ein schnelles und stummes Vorübereilen wäre wohl rathsamer gewesen als das Anknüpfen eines noch so kurzen Gespräches; vielleicht wollte er auch den Schein der Unbefangenheit wahren, da er sich von der Magd doch einmal erkannt sah. Jetzt, in Poserna, mochte er die Gefahr richtiger schätzen, die ihm aus jener Erkennungsscene auf dem Flur des Kunitz’schen Hauses erwachsen konnte.

Da Tinins Geistlicher war, so durfte seine Verhaftung, welche von der richterlichen Behörde nunmehr beschlossen wurde, nach damaligem Gesetz nur mit der Zustimmung des Konsistoriums vorgenommen werden. Nachdem diese eingeholt war, wurde er am 4. März 1813 nachts verhaftet und in das Untersuchungsgefängniß nach Leipzig gebracht. Aber erst im März 1814 erfolgte der gerichtliche Beschluß, den Kriminalprozeß gegen ihn zu eröffnen. Dieser Beschluß hatte zunächst die Folge, daß Tinius, wie es das Gesetz vorschrieb, seines geistlichen Amtes öffentlich und feierlich entkleidet wurde. Am 31. März fand dieser Akt in der Nicolaikirche in Leipzig statt, in Gegenwart geistlicher und weltlicher Behörden und zahlreicher Zuschauer. Der Superintendent Rosenmüller hielt eine ergreifende Rede, und dann wurden dem angeschuldigten Prediger von einem Kirchendiener Priesterrock und Halskragen abgenommen, worauf die Ueberweisung des vormaligen Geistlichen an die weltlichen Gerichte erfolgte. Tinius stand bei dieser furchtbaren Feierlichkeit aufrecht und unerschüttert.

Nach den Bestimmungen des Wiener Kongresses ging nun eben damals ein großer Theil des Königreichs Sachsen an die preußische Krone über, und auch Poserna wurde preußisch. Die Regierungen von Sachsen und Preußen kamen überein, daß die vor sächsischen Gerichten schwebenden Prozesse derjenigen Angeschuldigten, deren Wohnort an Preußen abgetreten war, vor preußischen Gerichten zu Ende geführt werden sollten, und so wurde der Magister Tinius an preußische Gerichtsbehörden ausgeliefert. Dieser Umstand erschwerte das Gerichtsverfahren erheblich, da das zur Untersuchung stehende Verbrechen in Leipzig, also einer nicht-preußischen Stadt, begangen war. Ein weiterer Anlaß zu Verzögerungen lag in dem damaligen Gerichtsverfahren und seinen langwierigen Förmlichkeiten. Eine eigentliche Hauptverhandlung fand gar nicht statt, wenn man nicht die Urtheilsfällung selbst so nennen will. Vielmehr zerfiel das ganze Verfahren in eine große Zahl von einzelnen, stets unter Ausschluß der Oeffentlichkeit

[78] vorgenommenen Verhören, die zu umfangreichen Schreibereien Anlaß gaben und zwischen denen jedesmal viel Zeit verstrich. Ein Augenzeuge des an der Frau Kunhardt verübten Mordes war nicht vorhanden, der angeschuldigte Magister Tinius leugnete seine Thäterschaft mit Hartnäckigkeit und theilweise mit Geschick, und der Indizienbeweis, den man nun herzustellen suchte, war nur sehr mühsam zu führen. So hat es geschehen können, daß, wie wir hier vorweg nehmen, von der Verhaftung bis zu der entscheidenden Verurtheilung in der zweiten Instanz 10 Jahre vergingen: sie erfolgte erst im Jahre 1823.

Unzweifelhaft war die Verurtheilung des Magisters wegen des Kunhardtschen Mordes ebenso sorgsam erwogen, als sie gerecht war. Gleichwohl ist, zum Theil jedenfalls, weil eben die Verhandlungen auf die Gerichte eines anderen Staates übergingen, mancher Punkt unaufgeklärt geblieben, welchen aufzuklären die heutige Rechtspflege wohl ein Mittel finden würde. So ist z. B. das Vorleben des Magisters Tinius, namentlich im Hinblick auf die Frage, wie und wann er eigentlich zum Verbrecher wurde, nur lückenhaft und nicht in dem Maße aufgehellt worden, wie dies damals doch möglich gewesen sein muß.

Johann Georg Tinius wurde im Jahre 1764 in der Niederlausitz auf einer preußischen Domäne geboren, wo sein Vater Schäfer war. Im Religionsunterricht fiel er dem Prediger durch seine Begabung auf, und dieser verschaffte dem mittellosen Knaben die Möglichkeit, Gymnasium und Universität in Wittenberg, wenn auch unter manchen Entbehrungen, zu besuchen. Tinius war nach Beendigung seiner Studien erst Hauslehrer, erhielt dann eine Lehrerstelle am Gymnasium in Schleusingen, wurde im Jahre 1798 Pfarrer zu Heinrichs in Thüringen und 1809 Pfarrer in Poserna. Die ihm von der Schule und Universität ausgestellten Zeugnisse rühmten die Reinheit seiner Sitten und die Unbescholtenheit seines Wandels, und sein Wirken als Lehrer und Prediger wurde von seinen Vorgesetzten aufs anerkennendste beurtheilt. Sein in Weißenfels wohnhafter Superintendent bezeugte nach der Verhaftung, er habe es nie für möglich gehalten, daß Tinius das Verbrechen habe begehen können, dessen man ihn beschuldige; freilich sei der erste Eindruck, den er von Tinius empfangen, der eines „Adepten“ gewesen, also eines Menschen, der sich mit geheimen Künsten abgebe. Andere wollten eine unheimliche Miene, einen stechenden Blick an ihm wahrgenommen haben; doch kamen diese weniger günstigem Urtheile erst nach der Verhaftung zu Tage. Persönlichen Verkehr hatte Tinius fast nur mit einigen Bekannten gehabt, die in Leipzig wohnten; den Umgang mit seinen geistlichen Standesgenossen hatte er gemieden.

Tinius war zweimal verheirathet und hatte aus den beiden Ehen vier Kinder. Nach Eröffnung des Prozesses ließ die zweite Frau, mit der er nicht glücklich gelebt zu haben scheint, sich von ihm scheiden, und fast gleichzeitig wurde der Konkurs über sein Vermögen eröffnet. Tinius hatte eine große Liebhaberei für Bücher, und nach einer Aeußerung des Superintendenten Rosenmüller in jener Rede bei der Amtsentsetzung ist diese Liebhaberei der Grund dafür gewesen, daß Tinins sich zu Ausgaben hinreißen ließ, welche seine Einnahmen überstiegen und ihn endlich auf die Bahn des Verbrechens drängten. Er hatte eine Bibliothek von 30000, nach anderer Angabe von 80000 Bänden zusammengebracht. Sollte auch nur jene kleinere Zahl die richtige sein, so wäre sie für einen Landpfarrer doch immer noch eine fast ungeheuerliche. Mit Buchhändlern und Antiquaren in der Nähe und Ferne stand er in regem Verkehr. Allerdings behauptete er, daß die Zinsen des ihm von seinen beiden Frauen zugebrachten Vermögens, die reichen Einkünfte der Pfarre zu Poserna und sein sparsames Leben ihm seine Bücherankäufe ermöglicht hätten, aber die Untersuchung seines Vermögensstandes aus Anlaß des Konkurses widerlegte diese Behauptung, Einige kleine Kapitalien hatte er ausstehen, aber größere war er schuldig. Seine zweite Frau konnte von den 10000 Thalern, die sie ihm eingebracht hatte, nur einen kleinen Rest wiederbekommen, und ferner ergab es sich, daß er sich an den Kirchengeldern, welche ihm anvertraut waren, vergriffen hatte. Er wurde auch wegen dieser Unterschlagung zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt. Bei eineln Magister St. in Leipzig, einem Duzfreund von ihm, wurden mehrere von ihm herrührende Briefe aufgefunden, worin er Geldverlegenheiten eingestand und um Hilfe bat. Am 9. Februar 1813, also am Tage nach dem Kunhardtschen Morde, der ihm keinen Raub eingebracht haben konnte, schrieb er an St.: „Schaffe Rath, laß mich nicht ins Unglück stürzen.“

Dieser Magister St. stand überhaupt bei dem Leipziger Gerichte in dem dringenden Verdacht, über die Heimlichkeiten seines Amtsbruders näher unterrichtet zu sein. Man hatte sich auch vorbehalten, ein Verfahren gegen ihn einzuleiten, wenn der Magister Tinius abgeurtheilt sein würde. Aber diese Absicht ist, nachdem Tinius den preußischen Gerichten übergeben worden war, offenbar nicht zur Ausführung gekommen.

Das Verhalten des Magisters Tinius dem Gericht gegenüber zeigt, wie dies übrigens bei Verbrechern häufig der Fall zu sein pflegt, einige Unbegreiflichkeiten. Am 17. Februar 1813, 9 Tage nach dem Morde, meldete ihm sein Freund St. in einem später zu Poserna aufgefundenen Briefe von dem Verdachte, den man in Leipzig gegen Tinius hegte. Dieser hätte also Gelegenheit gehabt, Dinge zu beseitigen, in deren Besitz betroffen zu werden für in mißlich war. Aber weder der Brief noch der oben erwähnte Besuch der Kunhardtschen Dienstmagd, der 8 Tage nach Eintreffen des Briefes stattfand und ihn wohl hätte stutzig machen können, veranlaßten ihn zu Vorsichtsmaßregeln. Das Einzige, was er zu seiner Sicherung that, war, daß er vom Schlitz des blauen Reitmantels die 10 Knöpfe abtrennte, die allerdings ein auffälliges Merkmal bildeten, deren Fortnahme aber die Wiedererkennung des Mantels durch die Zeugen auch nicht hindern konnte. Das Gericht fand diesen Mantel und sogar die 10 abgetrennten Knöpfe noch im Pfarrhause vor.

Das Gericht fand daselbst ferner zwei Hämmer; einer von diesen war am Stiel so gekürzt, daß er bequem in die innere Brusttasche des Mantels gesteckt werden konnte, und die abgeschrägte Seite des Eisens paßte, wie später festgestellt wurde, in die Verletzungen, welche der Schädel der Frau Kunhardt aufwies. Beim Scheidungsprozeß der Tinius’schen Eheleute kam außerdem folgendes zur Sprache: etwa 8 Wochen vor dem Morde ließ Tinius, der eben von einer Reise nach Leipzig zurückgekehrt war, den Mantel, nachdem er ihn ausgezogen hatte, zufällig im Hausflur auf dem Treppengeländer liegen, während er ihn für gewöhnlich selbst an einem bestimmten Nagel in seinem Zimmer aufzuhängen pflegte. Frau Tinius fand den Mantel und brachte ihn an seinen Platz. Dabei entdeckte sie, daß in der Brusttasche ein Hammer steckte. Als sie bald darauf zu häuslichem Gebrauch einen Hammer haben wollte, holte sie den anderen Hammer, den man im Hause hatte und der in der Bibliothek lag; sie äußerte dabei zu ihrem Manne, er könne ihr diesen Hammer lassen, denn er habe ja noch einen anderen in der Tasche des Mantels. Diese Aeußerung hätte den Magister unmöglich aufbringen können, wenn der Hammer in der Tasche nur zu harmlosen Zwecken gedient hätte. So aber wurde er sehr ärgerlich, schalt seine Frau, daß sie alles ausspioniere, und drohte, sie zu schlagen.

(Schluß folgt.)




Auf Geben und Nehmen.

Novelle von Johannes Wilda.
(4. Fortsetzung.)


Für die „Bachstelze“ ging die Fahrt auf Leben und Tod.

Der Himmel war schwarz überzogen; unter ihm nichts als eine einzige heulende Fläche, auf der die sich aufbäumenden Wogen wie Tausende von geifernden Ungeheuern wüthend übereinanderstürzten.

Und das junge Mädchen kauerte in dem steil auf der Seite liegenden Boot, das Haupt des Geliebten im Schoß haltend, mit zitternden Händen bemüht, sein rieselndes Blut zu stillen. Sie beachtete es nicht, daß unaufhörlich die Wellen über Bord sprühten, daß ihre und Herberts Füße bald von dem umherrollenden Salzwasser bedeckt waren.

„Herbert, Geliebter, wach auf! O mein Gott, laß ihn nicht tot sein! Herbert, Herbert, komm’ zu Dir!“ So flehte und stöhnte sie, aus der Fülle irdischen Glückes hineingeschleudert in das Grauen des Todes, dessen eisigen Athem sie spürte.

[79] Aber nicht an sich dachte sie. Als ihr Taschentuch und seines von dem Blut vollständig durchtränkt war und sie nichts mehr zu einem Verband besaß, riß sie ihr Kleid auf und suchte von ihrem Hemd ein Stück Linnen abzureißen. Allein das Gespinst war zu stark. Entschlossen holte sie ihr kleines Messer hervor, ein paar Schnitte und ein Verbandstreifen war frei! Sorglich wickelte sie ihn um Herberts blutiges Haupt. Dann richtete sie den Geliebten, soweit ihre Kraft reichte, an dem geschütztesten Punkt unter der Bordwand auf und drückte ihr zusammengerolltes wollenes Tuch zur Stütze unter seinen Nacken.

Nun erst besann sie sich auf die ihr als einzigem Führer des Bootes zukommenden Pflichten und nun erst spürte sie die Nässe an den Füßen und die Kälte am offenen Hals. Sie knöpfte das Kleid zu. Das Verständniß ihrer Lage erwachte und damit die Todesangst.

An den Bordrand sich klammernd, starrte sie hinaus in die tobende Fluth. Nirgends ein Schiff, nirgends Rettung! Nur das Jagen der schwarzen Wolken und die brausenden stürzenden Wogen!

Was sollte sie thun? Sie wußte es nicht. Sie wollte das Steuer in die Hand nehmen, doch es stand wie festgenagelt, keinen Zoll brachte sie es aus seiner Lage. Und zu allem Unheil fegte nun auch noch ein Regenschauer herunter. Da glitt sie wieder an die Seite des Geliebten auf den von plätscherndem Wasser bedeckten Boden. Stumm preßte sie ihre kalte Wange an sein blutiges Gesicht. Mochte der Tod kommen, sie war bereit!

Und weiter raste das Fahrzeug mit den beiden Opfern ins Dunkel hinaus.

Doch nach einer Viertelstunde grauenvollen Harrens erwachte die Lust zum Leben aufs neue in Hildes Brust. Sie erinnerte sich des Ortes, an den Frettwurst den Branntwein gestellt hatte. Mit Mühe öffnete sie die Kajüte, in die sie den Geliebten so gern hineingeschleppt hätte, wenn er nicht zu schwer gewesen wäre, und holte die Flasche aus dem Regal.

Soweit es die heftigen Bewegungen des Kutters erlaubten, flößte sie Herbert von dem Getränke ein. Viel war es nicht, aber doch etwas. Dann rieb sie seine Stirn über der Wunde mit dem feurigen Getränk und schließlich nahm sie selber einen Schluck, der ihr in der Kehle brannte, aber ihre Kräfte wundersam belebte.

Eben hatte sie die Flasche, damit das kostbare Gut nicht fortrolle oder zerbreche, sorglich in einer Ecke festgelegt, als es plötzlich ein Krachen und einen starken Knall gab und durch den Rumpf der „Bachstelze“ ein Ruck ging, als sei sie gegen einen Fels gerannt. Hilde sah, wie vorn wüthend ein Segel hin und her schlug, dessen Losreißen die Erschütterung bewirkt haben mußte. Unmittelbar darauf erfolgte ein zweiter, noch heftigerer Knall dicht neben ihr, und dasselbe wilde Schlagen mit dem unteren Theil des Großsegels begann, während es oben straff gespannt blieb. Und sofort richtete sich die „Bachstelze“ erleichtert auf und lag nun ruhiger.

Dafür begann aber das Steuerruder unruhig zu werden, der Kutter drehte sich nach der Windseite und zurück, ein paar gewaltige Sturzseen donnerten auf das Vordeck, dieses völlig im Wasser begrabend, und ergossen sich dann in Strömen hinten in den offenen Bootsraum. Hilde vermochte nicht zu unterscheiden, ob die Gefahr geringer oder größer geworden sei. Das letztere erschien ihr wahrscheinlicher. Doch ihre Gedanken wurden schnell wieder abgelenkt, denn – Herbert regte sich!

Ein stürmisches Gefühl von Hoffnung und Glück durchströmte sie. „Herbert, wach’ auf! Ich bin bei Dir! Nur einmal schau mich an!“

Und der Lieutenant schlug wirklich die Augen auf. Es war schon stark dämmerig geworden, aber Hilde vermochte die theuren Züge noch deutlich zu erkennen. Seine Lippen bewegten sich. „Hilde, ich komme!“ stammelte er, offenbar noch ohne volles Bewußtsein.

Sie griff nach der Flasche. „Rasch, trink, das wird Dir helfen!“

„Ah!!“ Herbert dehnte sich; der Feuertrank wirkte. Dann griff er nach seinem Kopf und stöhnte. „Mein Himmel – was ist denn mit mir passiert? Steuerst Du noch? Wo ist Frettwurst?“

Wind, Wogen und Segel nebst den schlagenden Holzkloben des Tauwerkes machten einen solchen Lärm, daß sie ihr Ohr über seinen Mund neigen mußte, um ihn zu verstehen.

„Frettwurst ist am Lande zurückgeblieben, Du selbst hattest eine Ohnmacht!“

Wieder strömte eine Woge über das Fahrzeug fort; die kalte Fluth, die hereindrang, brachte ihn vollends zur Besinnung.

„Hilde, wo sind wir? Es ist ja dunkel und der Kutter voll Wasser!“

„Wir sind mitten auf dem Meere, Herbert – in Gottes Hand.“

„Auf dem Meere? Du – Du, in solcher Lage!“

„Sie ist nicht mehr schlimm, da Du lebst! Alles andere ist nichts!“

Er richtete sich mühsam auf. Ja, er lebte und sie auch, aber wie lange noch? Mit einem einzigen Blick hatte sein geübtes Auge die Gefahr in ihrer ganzen Schrecklichkeit erfaßt. Von Hilde unterstützt, raffte er sich empor, dann, auf die Steuerbank niedertaumelnd, klammerte er sich mechanisch an, um nicht fortgespült zu werden.

Jetzt erinnerte er sich seines Unfalls und warum Frettwurst fehlte; das übrige erfuhr er durch Hilde. Sie also die ganze Zeit im Angesicht des Todes allein, trotz aller eigenen Qual den Besinnungslosen verbindend, wärmend, rettend! Dieser Gedanke gab ihm seine ganze Willenskraft zurück.

Nachdem er einen Augenblick das herrenlose Fahrzeug gemustert hatte, wußte er, was thun. Mit zitternden Fingern, unter Hildes Beistand machte er das Steuerruder frei, das jetzt weniger Widerstand leistete, und bald gelang es ihm, die „Bachstelze“ vor den Wind zu bringen. Das war eine Wohlthat! Hilde schaute bewundernd auf die Hand des kundigen Meisters.

Leider fühlte sich dieser noch zu schwach, um die Schäden auszubessern; er mußte vorläufig alles hängen lassen, wie es hing. Nur immer geradeaus konnten sie jagen. – Wenn aber die freie See aufhörte, wenn man auf die brandende Küste stieß, die hier überall nahe war – was dann?

Herbert spähte ängstlich voraus in das Dunkel. Noch zeigte sich nichts von Brandung. O daß sie doch weit, weit die offene See vor sich hätten und damit die einzige Möglichkeit, sich bis Tagesanbruch zu halten!

An dem nachtschwarzen Himmel ließ sich kein Stern erblicken, die Kompaßlaterne vermochte er mit den naß gewordenen Streichhölzern nicht anzuzünden – er hatte nicht den leisesten Anhalt, welcher Himmelsrichtung der Kutter folge. Und dabei diese Kälte in den Gliedern, dieses wahnsinnige Brennen im Kopf!

Hilde war neben seinen Knieen niedergesunken und schmiegte sich an ihn; mit vollem Vertrauen suchten ihre Augen die seinigen, während ihr nasser Körper vom Frost geschüttelt wurde. Sie fürchtete sich nicht mehr, nur ihr Körper litt. Und selbst wenn einer der gespenstischen Riesen, die gierig hinter ihnen drein stürzten, sie beide verschlungen haben würde, sie hätte sich nur fester an den Geliebten geklammert, aber lautlos das Ende erlitten.

Durch Herberts glühendes Hirn jagten die Gedanken wie formlos sich zusammenballendes und wieder zerreißendes Gewölk. Was hatte er gethan! Dieses blühende unschuldige Kind dem Tode in die Arme getrieben, in Qualen gestürzt, die, selbst wenn sie gerettet wurde, die Gesundheit des zarten Körpers für immer untergraben könnten! Dann bedachte er sein eigenes Geschick.

Der Tod ist der beständige Begleiter des Seemanns, was liegt daran, ob er früher oder später zugreift! Aber wie hart, all den glänzenden Zukunftsträumen entsagen zu müssen, fast ehe sich nur einer erfüllt – klanglos, ruhmlos hier unterzugehen! Wenn es wenigstens im Krieg, in der Schlacht fürs Vaterland gewesen wäre! – Und seine Eltern! Die Armen! Welche Hoffnungen brachen ihnen nieder, welcher bleierne Schmerz lastete dann über ihrem Alter! Und Hildes Eltern? Wie jäh vernichtet das harmlose Glück, das an ihrem Herde geweilt!

So drängten sich blitzartig seine Vorstellungen, von Hilde ausgehend und bei ihr endigend. Und nun erst sah er, daß sie halb im Wasser liege, daß es unmöglich länger so fortgehen dürfe. Er faßte ihre kalte Hand.

„Hilde, hast Du Kraft genug, Wasser auszuschöpfen?“

„Ja.“

„Hier, unter meinem Sitze, befindet sich ein kleiner Eimer – dort, wo das Thürchen ist. – Ja, da!“

Tastend fand sie das Gesuchte. Sie machte sich ans Werk. Es war schwer, schwer! Zuerst schien ihre Arbeit ganz nutzlos zu sein, so wenig vermochte sie auszugießen, so viel wogte im Raum umher. Doch die Bewegung that ihr besser als das stille Liegen.

[80] Endlich zeigte sich wirklich eine Abnahme im Wasserstand, aber auch ihre Kräfte drohten zu erlahmen. Mühselig fuhr sie mit dem Eimer an den Bootsrippen hin, mühselig hob sie ihn auf den Bordrand, und kaum vermochten ihre froststarren Finger den Bügel noch zu umklammern.

Gab es denn keine Hilfe? Der Branntwein – dort in der Ecke mußte er liegen! Richtig, er war noch da!

Sie gab Herbert davon und trank selbst wieder; neue Kraft und neuer Lebensmuth ergossen sich durch ihren Körper. Herbert sagte ihr, wo sie etwas Zwieback und Fleisch finden könne – mit den kalten salzigen Fingern wurde es hastig zum Munde geführt, und auch das verfehlte seine Wirkung nicht. Sie vermochte nun das Wasser vollends über Bord zu schaffen, während Herbert sich kräftig genug fühlte, aufzustehen. Hilde hielt das Ruder, indeß er sich nach vorne begab.

Es gelang ihm mit äußerster Anstrengung, das vorn am zersplitterten Klüverbaum hängende Tau- und Segelwerk wegzuschlagen, ein Reservesegel als Nothklüver zu befestigen, sowie schließlich das Großsegel zu kürzen und leidlich steif zu setzen.

So rasch er diese Arbeiten am lichten Tage bei ungeschwächter Kraft vollzogen hätte – jetzt nahmen sie fast Stunden in Anspruch. Stumm saß Hilde während dieser Zeit am Ruder, es so drehend, wie ihr befohlen wurde.

Nach gethaner Arbeit begab sich Herbert, trotz der Kälte schweißtriefend, zu ihrer Ablösung nach hinten; sorglich hüllte er sie in Frettwursts Jakett, das er eben glücklich im Vorluk verstaut gefunden hatte.

Und nun ein wilder Augenblick, der des Beidrehens, das bei der Strandungsgefahr sich nicht länger verzögern ließ. Aber die Segelreparatur bewährte sich; wohl stürzten ein paar rauhe Brecher während des Anluvens über die „Bachstelze“ weg, dann jedoch ritt sie verhältnißmäßig ruhig auf den gewaltigen Seen.

Als die neue Lage stetig geworden war, nahm Herbert beim Steuern Hilde in seinen Arm. Er küßte ihre eisigen Lippen und sprach ihr Trost zu, und ihre Arme um ihn schlingend, schloß sie die Augen. Ihre Kraft war zu Ende, sie meinte, nun komme der Tod. Aber es war nur die erlösende Vergessenheit des Schlummers, welche sie umfing.

Der orkanartige Wind ließ noch immer nicht nach; wilder und wilder heulte er daher. Herberts gefaßtes Wesen entsprang mehr dem Bewußtsein, gethan zu haben, was er konnte, als der Hoffnung auf Rettung.

Glücklicherweise hatte er noch mehr Branntwein gefunden. Er trank viel davon, sonst wäre es ihm unmöglich gewesen, nach der heißen Arbeit, in dünnen nassen Kleidern der Kälte und dem Sturme ausgesetzt, das stundenlange Stillsitzen zu ertragen. Sein Herz hämmerte, und in der Wunde stach es schmerzhaft. Hildes Nähe war ihm köstlich, allein er fühlte, wie sie im Schlafe gleich Espenlaub bebte. Er band das Ruder einen Augenblick fest und untersuchte den kleinen Kajütenraum. Zu seiner freudigen Ueberraschung war dieser leidlich trocken geblieben. Nachdem er die Polster zu einem engen notdürftigen Lager zusammengeschoben hatte, trug er das Mädchen, das nur halb erwachte, hinein. Eilig eilig mußte er sein, da das Ruder seine Hand gebieterisch forderte.

Als er Hilde sanft niedergelegt hatte, eine Sekunde noch neben ihr knieend, schlang sie müde und halb bewußtlos ihren Arm um ihn. Sachte schob er ihn von sich ab und kroch zurück an das Steuer.

Regungslos saß er dort allein. Stunden vergingen. Ihm schien es, als sei er gestorben, als sei seine Seele dazu verdammt, durch ewige Finsterniß, durch endlose Räume so hinzujagen, vor sich den Sarg mit den Gebeinen der einst Geliebten.

Endlich, endlich verwandelte sich die Nacht in ein fahles Grau. Er erkannte die Kompaßstriche und wußte jetzt, woher der Wind kam, in welcher Richtung der Kutter trieb. Es war so, wie er es sich gedacht hatte.

Immer weiter vermochte er über die dunkelbrausende Fläche fortzublicken. An einer Stelle röthete sich der Himmel – die Sonne ging auf! Doch blieb sie durch die Wolken verdeckt, nur ein kaltes graues Zwielicht brachte sie hervor.

Dort die niedrige Nebelbank, auf die er sich zubewegte – war das Land? Und welches? O, wenn er dort in stilles Wasser gelangen, landen könnte! Oder lauerte da die Brandung?

Ueber Erwarten schnell bestätigte sich die Landnähe. Im trüben Dunst vermochte Herbert durch sein Glas ein ihm fremdes Hügelgelände mit Feldern, Wald und einzelnen Häusern zu erkennen. Nirgends ein Leuchtthurm oder sonst ein Merkzeichen, aber hier – ein endloser weißer Streifen – die Brandung!

Umsonst die Hoffnung und die höchste Gefahr im Verzuge! Nun galt es, so rasch als möglich durch den Wind zu gehen! Segel wegzunehmen war nicht mehr möglich; es kam allein darauf an, ob die „Bachstelze“ und ihr Mast das Wagniß aushalten würden.

Herbert warf einen kurzen wüthenden Blick auf die Küste, einen langen bangen auf die geschlossene Kajüte, dann begann er, die Zähne zusammenbeißend, das Manöver.

Das gab einen Tanz! Die von unsichtbarer Riesenfaust niedergedrückte Takelage krachte, das Fahrzeug bebte in allen Fugen, wenn es, im verzweifelten Ringen sich Bahn brechend, die Wogen aufs Haupt schlug, alles um sich her in Gischt verwandelnd.

Durch das plötzliche heftige Arbeiten des Bootes wurde Hilde geweckt. In ihrem Kopfe toste es; sie begriff nicht, in welcher Lage sie sich befand, nur daß diese schrecklich sein müsse, ahnte ihr. Nach und nach fand sie sich zurecht, und nun wollte sie keine Minute länger liegen bleiben – sie mußte zu ihm!

Mühsam raffte sie ihre steifen zerschlagenen, von den nassen Gewändern wie in einen Panzer geschnürten Glieder auf, stieß die Thüre zurück und kroch hinaus. Aber kaum hatte sie den Kopf über Bordhöhe erhoben – noch ehe sie Herberts dringenden Ruf, zu bleiben, verstanden hatte – war sie in einem brausenden Wasserschwall förmlich begraben. Eine mächtige, über das Kajütendeck schwemmende Woge schickte ihr diesen Morgengruß. Halb erstickt ward sie durch die nächste Bewegung zu Herberts Füßen niedergeschleudert.

Zu seiner Qual war es ihm unmöglich, ihr beizuspringen. Er hatte vollauf zu thun, mit äußerster Kraft Kurs zu halten.

„Hilde, ich beschwöre Dich, geh’ hinein!“ rief er. „Du kannst hier nichts nützen und setzest Dein Leben aufs Spiel!“

Sie schüttelte den Kopf. Erschien auch alles ringsum noch so fürchterlich, sie sah doch das Licht des Tages, sie sah ihn! Lieber hier in Nässe und Tod als einsam drinnen in dem dumpfen grabartigen Raum!

„Bitte, laß mich!“ flehte sie.

Da er ihr schon zu Willen sein mußte, begnügte er sich damit, sie sich so niederducken zu lassen, daß die wilde See sie nicht leicht über Bord spülen konnte.

„Hast Du geschlafen, Kind?“

„Ja. Aber Du nicht! – O, wie entsetzlich ist das alles! Wo sind wir denn?“

Er zuckte die Achseln. Doch um sie zu trösten, sagte er: „Nicht weit vom Land! Ich hoffe, wir finden einen Hafen.“

„Wo, wo ist Land?“ Erregt hob sie den Kopf über den Bordrand. „O, wir sind ja schon ganz nahe, Geliebter! Der Himmel sei gepriesen! Aber warum fahren wir davon weg, statt darauf zu?“

Herbert warf einen grauenerfüllten Blick zur Küste hinüber. Ganz nahe – wahrhaftig, sie hatte recht! Und das trotz der unerhörten Anstrengung, frei zu kommen! Eine starke Strömung mußte auf das Land zu setzen, sonst blieb die Verringerung der Entfernung unerklärlich. Dennoch zwang er sich, mit möglichster Ruhe zu antworten. „Weil wir hier nicht landen können, Hilde. Sieh ’mal, das Land macht dort vorn einen Bogen, um den müssen wir herum! Seitwärts und rückwärts umschließt uns überall der weiße Streifen. Nichts als Brandung, soweit man sieht!“

Hilde schaute ihn eine Sekunde starr und aufmerksam an, dann sagte sie merkwürdig gelassen: „Du glaubst also, daß wir doch sterben müssen, Herbert?“

Er schwieg.

Sie umklammerte seine Knie. „Herbert, ich sterbe gern mit Dir! Ich meine, wir haben schon zu viel gelitten. Wenn es nur aus wäre, so oder so! Mehr dürfen wir nicht wünschen.“

Er schüttelte die Weichmüthigkeit, die ihn ankam, von sich ab; fast rauh kam es ihm aus der Kehle: „In Gottes Namen ja, Hilde! Wir wollen unser gemeinschaftliches Ende mit Festigkeit ertragen, wenn es uns nicht erspart werden soll. Nur“ – seine Stimme zitterte – „daß Du – daß ich, ich, Dein Mörder –“

[81]

Reicher Nachwuchs.
Nach einem Gemälde von Ad. Eberle.

[82] „Herbert, sprich nicht so!“ schrie das Mädchen auf. „Ich habe gefehlt wie Du! Ich bin freiwillig gekommen und gehe ohne Deine Schuld zu Grunde!“

Stumm preßte er ihre Hand. „Nein, nein, Hilde, ich allein bin der Schuldige! Aber alle Hoffnung gebe ich noch nicht auf. Ich will jetzt das Aeußerste dransetzen, damit wir freikommen. Hilft auch das nicht mehr, so wollen wir wenigstens versuchen, uns durch die Brandung auf den Strand werfen zu lassen. Vielleicht haben wir dann noch Aussicht, uns durch Schwimmen zu retten. – Nimm die Korkboje zu Dir!“

Sturm und Strömung standen gerade in die Bucht hinein, in die man gerathen war. An das Gelingen einer Wendung durch den Wind war nicht mehr zu denken. Es blieb nur noch übrig, von einer anderen Seite an den Wind zu kommen, zu „halsen“, und dabei die Zurüstung zum letzten Kampf zu treffen. Das bißchen Seeraum, das noch verfügbar war, mußte zu diesem Zweck geopfert werden.

Herbert halste also und benutzte die kurze Zeit der ruhigen Fahrt, um sämmtliche Verkürzungen aus dem Großsegel herauszubringen und dessen volle Segelfläche tollkühn zu entfalten.

Mit beängstigender Geschwindigkeit hatte sich die „Bachstelze“ in dieser geringen Zeit der Küste genähert; deutlich erkannte man das Wüthen der weißen Brandung erst auf den äußeren, dann auf den inneren Bänken, und schon glaubte man ihr Toben durch den Sturm hindurch zu vernehmen. Und jetzt ging das Boot unter dem verwegenen Segeldruck abermals an den Wind. Alle seine früheren Kämpfe schienen gegen diesen ein Kinderspiel zu sein. Von der ungeheueren Pressung niedergestampft, wühlte es sich mit dem ganzen Vordeck in die See. Hoch über die Mastspitze schlugen die Wellenberge hinaus, um dann mit Riesenwucht über die beiden Menschenkinder wegzurollen, als ob das Fahrzeug sich nicht mehr im freien Wasser, sondern schon mitten drin in der Brandung befinde.

Jeden Augenblick konnte alles brechen, konnten Mast und Menschen über Bord gehen, jede Sekunde schien die „Bachstelze“ sich mühseliger aus der Umklammerung der Wasserkolosse emporzuarbeiten, jede Sekunde lag sie zum Kentern.

Mit eisiger Entschlossenheit, die Zähne zusammengebissen, daß die Muskeln wie Erz in dem bleichen Gesicht hervortraten, stützte Herbert, ohne einen Zoll zu weichen, mit der Kraft der Verzweiflung das Ruder. Hilde hatte er an sich festgebunden. Halb von Sinnen hing sie bis zum Hals im Wasser, krampfhaft sich an Herbert und die Boje ankrallend.

Herbert war jetzt nur Seemann, Seemann bis in die letzte Faser seines Wesens. Wie lange dieses Ringen Brust an Brust mit den Mächten der dunklen Tiefe währte, wußte er nicht, aber aus seinem Auge, das in düsterer Kampfesfreude leuchtete, schoß endlich ein Strahl des Triumphes. Die Entfernung von der Küste vergrößerte sich!

Und nun brach die Sonne strichweise aus den Wolken. Röthlich fiel ihr Glanz auf das weißfunkelnde tobende Wogenfeld, auf das schaumbegrabene, immer und immer wieder um sein Dasein ringende Fahrzeug, auf den entschlossenen Helden am Steuer und das ohnmächtige, bleiche Mädchen zu seinen Füßen.

*      *      *

Das war eine schlimme Nacht für das Schulhaus gewesen!

Herr und Frau Jaspersen waren gegen zwölf Uhr heimgekehrt, ungeachtet des Unwetters in bester Stimmung; wiederholt hatten sie bei ihrer Wagenfahrt mitleidigen Herzens den Wunsch ausgesprochen, daß ein gütiges Geschick die Schiffer, die in dieser Nacht auf offenem Meer dem Sturme trotzen mußten, gnädig schützen möge. Als ihnen aber zu Hause Trina als leibhaftiges Bild des Jammers entgegentrat und sie erfuhren, daß Hilde sich entfernt habe und noch nicht zurück sei, befiel die Eltern eine namenlose Angst.

Weinend gestand das Mädchen, was sie von der heimlichen Verlobung der beiden wußte. Frau Jaspersen, noch in Hut und Mantel, hatte sich verzweifelnd auf einen Stuhl geworfen. Ihr Gewissen war nicht frei. Größer als die Schuld des schlecht behüteten Kindes erhob sich vor ihrer Seele die eigene. Warum hatte sie Trinas Warnung nicht besser beachtet!

Und der Schulmeister stand aufrecht und bleich mitten im Zimmer und nagte wortlos an seinen Lippen. Daß Hilde sich in Gesellschaft Gebhardts entfernt habe, um eine Wasserpartie zu machen, war nicht zu bezweifeln. Im übrigen liefen seine Vermuthungen wirr durcheinander, sie gipfelten aber alle in den schlimmsten Befürchtungen wegen des wirklichen oder moralischen Schiffbruchs seiner Tochter. Eines erschien so entsetzlich, so undenkbar wie das andere. Schließlich klammerte er sich an den Gedanken, daß die beiden vor dem hereinbrechenden Sturm einen Zufluchtsort hätten aufsuchen müssen. Und doch, selbst wenn dem so war, blieb nicht die trübe unglaubliche Thatsache bestehen, daß sich Hilde heimlich mit dem Offizier entfernt hatte? Was sollte aus ihrer Zukunft werden, auch wenn ihr Leben gerettet wäre! Wenn Gebhardt wirklich daran gedacht, das Mädchen zu heirathen, wie Trina aus seinem Munde versicherte, dann hätte er doch vor einer derartigen Bloßstellung seiner künftigen Gattin zurückschrecken müssen!

Niemand konnte sich entschließen, zu Bett zu gehen. Die Lampe brannte die ganze Nacht hindurch, und trotz des Windes blieben Haus- und Stubenthüre auf, als ob die Vermißte jede Minute eintreten und ihr jedes Hinderniß aus dem Weg geräumt werden sollte. Von Zeit zu Zeit lief der Lehrer barhäuptig in die Finsterniß hinaus und lauschte angstvoll in die Nacht. Aber er hörte nur das Heulen des Sturmes.

Nichts war entsetzlicher als die Unthätigkeit, zu der man verdammt war. Denn was hätte es genutzt, Lärm zu schlagen? Wo sollte man sich erkundigen, ohne die Ehre der Tochter sogleich in schlimmes Licht zu stellen?

Ja, die Nacht war furchtbar, aber endlich, endlich graute der Morgen, und mit seinem Kommen erlahmte der Sturm. Mit dem frühesten Hafendampfer begab sich Herr Jaspersen nach der Stadt und sofort an Bord der „Preußen“, wo er erfuhr, das Lieutenant Gebhardt mit seinem Kutter in See gegangen, aber nicht zurückgekehrt sei. Auf Befehl des Stationschefs sei das Kanonenboot „Falke“ noch in der Nacht zur Hilfeleistung nachgeschickt worden und die Signalstation des Außenforts habe soeben das Insichtkommen des „Falken“ ohne die „Bachstelze“ gemeldet.

Bis ins Innerste erschüttert, kaum imstande, vor der fremden Umgebung seinen Schmerz zu verbergen, vernahm der Schulmeister diese Kunde. Er stieg in ein Segelboot, um dem „Falken“ entgegenzufahren. Welche Nachricht würde er seiner Frau zu bringen haben! Seine Augen mit der Hand bedeckend, stöhnte er tief auf und murmelte: „Mein Kind, mein Kind, warum hast Du mir das gethan!“

*      *      *

Die Sonne hatte den unglücklichen Insassen der „Bachstelze“ Licht, aber nur wenig Hoffnung gebracht. Herberts Kräfte waren erschöpft; die Befreiung aus der entsetzlichen Lage mußte bald erfolgen, sollte sie nicht zu spät kommen.

Da erkannte Herbert plötzlich über dem Horizont etwas Herrliches: eine Rauchwolke. Heiß fluthete die Hoffnung durch seine Brust. „Ach, nur so lange, bis der Retter heran ist, nur so lange halte noch aus, ‚Bachstelze‘, brave, brave ‚Bachstelze‘!“

Schlanke Masten tauchten auf und ein Schornstein. Hurra, das war ein Kriegsschiff! Jeder Blutstropfen drängte dem Manne zum Herzen. Selbst dem Fahrzeug schien der ermattende Löwentrotz neu belebt zu sein; es schüttelte die Wassermassen siegreich ab, es strebte vorwärts, vorwärts.

„Hurra, Hilde, der ‚Falke‘!“ schrie Herbert auf „Der ‚Falke‘, der ‚Falke‘!“

Aufs heftigste erregt war er vom Sitze emporgesprungen. Seine Augen leuchteten vor Entzücken, wild schwenkte er die nasse verdrückte Mütze, an welcher der zerrissene Sturmriemen wehte. Dann rüttelte er das ohnmächtige Mädchen an den Schultern, „Hilde, Süße, Liebe! Wach’ auf! Wir sind gerettet – gerettet!“ Das Mädchen öffnete matt die Lider und starrte ihn sinnverwirrt an. Nichts wurde ihr deutlich als die Unendlichkeit der gurgelnden strudelnden Wasser. Die Augen wieder schließend, murmelte sie: „Sterben!“

„Nein, nicht sterben, leben! So sieh doch nur, ein Schiff, der ‚Falke‘ ist bei uns! Dem Himmel sei Dank, in einer halben Stunde bist Du in warmem Neste!“

Nun begriff Hilde. Ein Freudenschimmer flog über ihr Antlitz; zur lauten Aeußerung ihrer Erregung war sie zu schwach geworden. „O, leben – leben mit Dir!“ flüsterte sie kaum hörbar.

[83] Wie gern hätte er ihr etwas Branntwein eingeflößt, sie an seiner Brust erwärmt! Aber er durfte seine Pflicht am Ruder keinen Augenblick versäumen, sonst waren sie noch im Angesicht ihrer Retter verloren. Nur durch ermunternde Rufe konnte er suchen, sie aufrecht zu halten. Allein es schien, als ob sie nichts mehr vernehme. Und mitten in sein Glücksgefühl hinein zuckte der fürchterliche Gedanke: „Wenn sie dennoch stürbe!“ Doch nein, nein – das durfte nicht sein! Das konnte der Himmel nicht wollen, das wäre teuflisch! Also fort mit dem lähmenden Wahnbild und nur an das Werk des Augenblicks gedacht!

Obgleich Herbert bemerkt hatte, daß sein Kutter gesehen worden sei, mußte er sich noch immer beim Winde vorwärts arbeiten, da der „Falke“ nicht näher herankam. Vermuthlich warnten ihn die Karten bei der dem Lande zugehenden Strömung vor weiterem Ansteuern.

Aber auch diese letzte Strecke des schlimmen Wegs wurde endlich zurückgelegt und Herbert vermochte aufzudrehen, während der „Falke“ neben der „Bachstelze“ stoppte.

Kaum viel weniger als der Kutter wurde das ansehnliche Kanonenboot von den Wellen umhergeworfen, Die Segel hatte es fest beschlagen, durch Fortnehmen der Stengen die Masten gekürzt. Der Rauch aus dem gewaltigen Schlot fegte schwarz über die wilde See. In Strömen troff das Wasser vom Rumpfe, wenn dieser sich hob; an den zerbrochenen Krähnen an Steuerbord sah man die Reste eines Seitenbootes hängen, das jedenfalls durch eine schwere Sturzsee zertrümmert worden war.

In Oelzeug vermummt, mit ihren Gläsern die „Bachstelze“ musternd, standen Kommandant und Offiziere oben auf der Brücke und schrieen von Zeit zu Zeit zu dem Kameraden hinüber. Herbert antwortete, allein man konnte sich vor dem Heulen des Windes nicht verstehen.

Eine noch größere Annäherung der beiden Fahrzeuge war unmöglich, da die „Bachstelze“ sonst zusammengedrückt worden wäre, weshalb auch eine Uebernahme der Schiffbrüchigen nicht stattfinden konnte.

Herbert hatte das Großsegel heruntergeworfen, er steuerte nur mit Hilfe des Hochklüvers. Man machte ihm durch Zeichen begreiflich, daß man versuchen werde, ihm eine Leine zuzuwerfen. Flugs machte er das Ruder fest und stolperte nach vorn.

Die Maschine des Kriegsschiffs schlug ein paarmal an, und nun hing der Koloß in furchtbarer Nähe hoch über der „Bachstelze“; über sich sah Herbert die Schraube im Schaum wirbeln. Dann prallte das geworfene Tau gegen seine Brust und mit Gedankenschnelle hatte er es um den Poller geringelt. Ein Ruck – die erste Gefahr war vorüber!

Aber wenn das Tau jetzt zerrisse! Es spannte sich, daß die Spiralen stellenweise sprangen und die Fasern abstanden – nur eine Sekunde noch konnte es halten, wenn es stramm blieb.

Athemlos, überströmt vom Wasser, wartete Herbert auf das Unheil. Da lockerte sich das Tau! Rechtzeitig war an Deck ein Stück nachgelassen worden, rechtzeitig hatte das Kanonenboot gestoppt.

Nun gab man Herbert ein Zeichen, daß er die Leine einziehen solle. Er tat es; bald tauchte aus der See das Ende eines viel dickeren Taues, das an der Leine befestigt war. Es wog schwer; Herberts Hände zitterten vor Ueberanstrengung, als er versuchte, das ungefüge schlüpfrige Ding an Stelle der dünnen Leine um den Poller zu legen.

Endlich war auch dies vollbracht. Er winkte, anzuziehen. Langsam schlug die Schraube vorwärts, das dicke Tau ward steif, und heftig stampfend arbeitete sich der „Falke“ seewärts mit der ins Schlepptau genommenen „Bachstelze“, die alle Verbeugungen ihres großen Gefährten aufs tollste nachahmte.

Ganz befriedigend war die Lage noch immer nicht, besonders seit das Kanonenboot quer zur Wellenrichtung dampfen mußte. Mit ungeheuerem Schwall stürzte dann und wann die See über das kleinere Fahrzeug fort.

Allein sobald der „Falke“ die Inselspitze, um die Herbert sein Fahrzeug hatte herumpressen wollen, hinter sich hatte, hörten die schlimmsten Brecher auf, und nachdem man weiter unter Land noch besseren Schutz gefunden, konnte man daran denken, die „Bachstelze“ an die Längsseite zu holen und ihre unglücklichen Insassen an Deck zu bringen.

Mit Vorsicht geschah es. Hundert hilfreiche Hände unterstützten das Manöver; mehrere Kameraden sprangen in ihrem Eifer unter Lebensgefahr auf die „Bachstelze“ hinüber.

„Herbert, alter Junge!“ – „Gott sei Dank, Gebhardt, daß wir Sie noch gefischt haben!“ – „Himmel, wie sehen Sie aus! So recht – stützen Sie sich!“ So schallte es durcheinander.

Herbert war zu sehr ergriffen, um reden zu können. Stumm erwiderte er den kräftigen Händedruck und die Umarmungen der Kameraden; dann wies er auf das wie eine Tote daliegende Mädchen. „Ums Himmels willen, rasch an Deck mit ihr! Den Doktor!“ stieß er mühsam hervor.

Auch mit seiner Kraft war es vorbei. Mehr geschleppt als gehend, wurde er hinter Hilde, welche ein stämmiger Kamerad allein auf dem Arm trug, über das Fallreep befördert und vom Kommandanten aufs herzlichste in Empfang genommen. „Rasch zu mir hinunter!“ rief dieser. „Kommen Sie, kommen Sie, Gebhardt! Ich bin unsäglich glücklich, daß ich Sie gefunden habe. Kommen Sie auch, Doktor! Die Dame soll in meine Kabine. Das arme Ding! Hoffentlich wird sie sich bald erholen!“

Herbert raffte sich einen Augenblick auf. „Dank, dank, Herr Kapitän!“ stammelte er, und dann sich an den Arzt wendend, brach er mit dem Ruf zusammen: „Retten Sie sie, retten Sie sie, Doktor! Es ist – meine Braut!“

(Fortsetzung folgt.)



Blätter & Blüthen


Der Panamakanal. Schon oft hat sich Amerika an den Ausbeutungsversuchen der europäischen Geldmächte gerächt: wir erinnern nur an die kühnen Finanzunternehmungen von John Law, der vor bald 200 Jahren an den Ufern des Mississippi ein neues Wunderland erschlossen zu haben glaubte und mit seinen Mississippi-Aktien ganz Frankreich auf den Kopf stellte, bis beim Zusammenbruch seines Systems Tausende und Millionen um ihr ganzes Vermögen, ihr Hab und Gut gebracht wurden. Und jetzt erweisen sich die Panama-Aktien als ein Sprengstoff, welcher die jetzige französische Republik in die Luft zu sprengen droht. Ein Abgrund voll Verderbniß hat sich aufgethan, ein Schlammvulkan auf dem Boden der alten Revolutionsstadt, und was Rang und Namen hat in der politischen Welt, wird von ihm bespritzt und befleckt.

Wer hätte geglaubt, daß der Isthmus von Panama solches Unheil in Europa anrichten würde! Die großen Erfolge sind weniger gefährlich für die Sittlichkeit der Völker als die Mißerfolge – und der Panamakanal wird wohl den letzteren zugezählt werden müssen. Fast das ganze offizielle Frankreich mußte bestochen werden, um die toten Millionen womöglich noch einmal in ein werbendes Kapital zu verwandeln.

Der Gedanke, den Stillen Ocean mit dem Atlantischen zu verbinden und so den Weltverkehr zu erleichtern, beschäftigte seit lange unternehmungslustige Geister; es war in der That eine Aufgabe, des Schweißes der Edeln werth, denn für Handel und Schiffahrt Europas und der östlichen Staaten der nordamerikanischen Union war es ein unschätzbarer Gewinn, wenn sie durch die Mitte des Erdtheils in den Stillen Ocean gelangen konnten, statt ihn im Süden umschiffen zu müssen – ein Gewinn, der, je nach der Abfahrtsstelle, bis zu 30 Tagen veranschlagt werden konnte!

Es verdient der Vergessenheit entrissen zu werden, daß diese Frage kein Geringerer als der spätere Kaiser Napoleon III. eingehend studiert hat, und zwar zur Zeit, da er als ein junger Prinz im Gefängniß von Ham saß. Die Abhandlung, welche er darüber schrieb, ist im zweiten Bande seiner „Gesammelten Werke“ enthalten und deshalb für uns Heutige interessant, weil er sich darin gegen den Panamakanal erklärt zu gunsten des Nicaraguakanals.

Gegen den Kanal von Panama war Prinz Napoleon schon deshalb, weil derselbe nur durch ein sumpfiges, ungesundes, unbewohntes und unbewohnbares Land, zwischen stagnierendem Wasser und unfruchtbaren Felsen hindurchführe, wo nirgends ein geeigneter Ort wäre für ein großes Handelsetablissement, für den Schutz der Flotten, für die Entwicklung und den Austausch der Landesprodukte. Mit bezaubernden Farben schildert er dagegen die fruchtbaren Gefilde, durch welche sein Kanal von Nicaragua hinführen würde, die vortrefflichen Häfen, die außerordentliche Blüthe, zu welcher diese Landstriche sich entwickeln würden.

Doch die schönen Pläne kamen nicht zur Ausführung. Der Prinz [84] selbst wurde damals nicht, wie er hoffte, aus der Festung Ham entlassen, erst später entfloh er in der Verkleidung eines Maurers.

Der Weg über den Isthmus von Panama war der kürzere, er wurde im Auge behalten. Als der Kanal von Suez, der dem Weltverkehr eine neue Straße eröffnete, in so glänzender Weise eingeweiht worden war, da trat man auch dem Unternehmen des Kanals von Panama näher, der in Aussicht stellte, eine ebenso glorreiche neue Straße des Weltverkehrs im Westen zu werden. Lesseps, der Schöpfer des Suezkanals, stellte sich 1879 an die Spitze der Gesellschaft, welche sich zur Ausführung dieser großen Kulturthat gebildet hatte.

Schon 1889, als die „Gartenlaube“ ihre ausführlichen Artikel über die Geschichte der Isthmusdurchstechung veröffentlichte, war der äußerliche Zusammenbruch der Gesellschaft erfolgt. Heute aber erfährt man, welche unsauberen Mittel angewendet wurden, um die Oeffentlichkeit so lange über diesen Zusammenbruch zu täuschen! Der mehr als achtzigjährige Held von Suez steht heute unter Anklage wie die anderen Leiter des Unternehmens. Die hervorragendsten Politiker Frankreichs sind in den Sündenfall der Panama-Aktiengesellschaft verwickelt; die Feinde der Republik triumphieren; es ist, als ob die ungesunden Ausdünstungen des Fieberlandes, durch welche die Wasserstraße sich hinzieht, auch die Atmosphäre in den höchsten Regionen Frankreichs vergiftet hätten und der Name Panama für die Republik so verhängnißvoll werden sollte wie einst der Name Mississippi für die Finanzwirthschaft eines John Law und der damaligen Regentschaft. G.     

Der Königsstuhl bei Rhense im Schnee. (Mit Abbildungen S. 69 und 77.) Es gewährt einen eigenthümlichen Reiz, an Stätten, die um ihrer landschaftlichen Schönheit willen im Sommer von einem rauschenden Fremdenstrom überfluthet zu werden pflegen in stiller Winterszeit zu pilgern. Das ganze Leben ist gleichsam zurückgeschraubt auf einfachere Verhältnisse, der pomphafte Apparat der „Saison“ ist verschwunden, und die großen Gasthöfe mit ihren langen Reihen geschlossener Fensterläden könnten uns wie verwunschene Schlösser anmuthen, wenn ihr Aussehen nicht meist allzusehr der Romantik entbehrte. Der Wanderer ist mehr sich selbst und seiner Stimmung überlassen, er wird nicht auf Schritt und Tritt daran erinnert, daß er nur dazu da ist, an sich Geld verdienen zu lassen.

Das empfand ich recht, als ich kürzlich eine kleine winterliche Wanderung rheinahwärts unternahm. Wie still, wie traumhaft lagen die Städtchen und Dörfer da, wie weltabgeschieden ragten die Schlösser und Ruinen aus dem einförmigen Weiß der dichten Schneehülle! Nur der Strom schien geräuschvoller seines Weges zu ziehen – das machten die treibenden Eisschollen, die mit leisem Knistern an den Eisansätzen des Uferrandes sich rieben.

Eine Stimmung, wie geschaffen zum Sinnen und Erinnern.

Und da lenkte ich meine Schritte unterhalb des Dorfes Rhense mit seinen uralten Mauerresten auch dem Königsstuhl zu, dem schlichten Spitzbogengebäude, das ich bis dahin nur einigemale beim Vorüberfahren mit dem Dampfboot flüchtig aus seinem Obstbaumversteck hatte hervorlugen sehen. Jetzt trat ich in seine Halle und schaute von ihr aus hinüber über den Strom nach den beschneiten Dächern von Oberlahnstein und weiter stromauf nach einer kleinen Kapelle, die sonst auch hinter üppigem Grün sich verbarg. Und da hatte ich ja schon ein ganzes Stück Geschichte vor mir. Hier im Königsstuhl ein Denkmal kurfürstlichen Machtstrebens, das seine Spitze gegen den Kaiser, aher auch gegen das tiefgesunkene Papstthum zu Avignon richtete, und drühen die Wenzelskapelle, wo der traurige König Wenzel diese Macht zu fühlen bekam – in seiner Absetzung.

Rhense hatte um den Anfang des 14. Jahrhunderts eine politisch nicht unwichtige Lage. Die Gebietstheile von vier Kurfürsten stießen hier zusammen, und so kam es, daß es wiederholt als Versammlungsort für die damaligen thatsächlichen Lenker der deutschen Geschicke gewählt wurde. Schon die Wahl Kaiser Heinrichs VII. im Jahre 1308 geschah auf Grund einer zu Rhense getroffenen Vereinbarung, und 1338 erfolgte hier die Gründung des „Kurvereins zu Rhense“, an welchem alle Kurfürsten mit Ausnahme des Königs von Böhmen theilnahmen. In diesem „Kurverein“ verkörperte sich die Verwahrung der deutschen Fürsten gegen den unwürdigen Zustand, daß Kaiser und Reich der Spielball des französischen Königs und des von ihm ahhängigen Papstthums sein sollten. Er gab die Losung aus, daß der durch die Mehrheit der Kurfürsten gewählte römische König einer Bestätigung seitens des päpstlichen Stuhls nicht hedürfe – was freilich nicht ausschloß, daß sich die Kurfürsten ihre Stimme von den Männern ihrer Wahl mit allerhand Vergünstigungen und Machterweiterungen recht theuer bezahlen ließen. Noch drei Reichsoberhäupter wurden in Rhense gewählt, Karl IV. (1346), Wenzel (1376) und Ruprecht von der Pfalz (1400); aber erst 1376 erhielten die Rhenser durch Kaiser Karl IV. den Befehl, gegen Verleihung von Zollfreiheit „hier ein Gestühle zu machen und das allewege zu bewahren und zu halten ewiglich“. Und so erstand denn der Königsstuhl, „von Quadersteinen in der Ründe gebaut mit sieben Schwibbogen, stand auf neun steinernen Säulen, deren eine in der Mitte, war sonst ganz offen und darüber gewölbet; hinauf stieg man achtzehn Staffeln, die Ründe betrug etwa vierzig Ellen im Umkreis, die Höhe acht, und sieben Umsitze waren für die sieben Kurfürsten gemacht, und wenn man in die Trompete stieß, hat jeder der vier rheinischen Kurfürsten auf seinem Schloß (Mainz auf Lahneck, Trier auf Stolzenfels, Köln in Rhense, Pfalz auf Marksburg) es hören können“.

So beschreibt Winckelmann den alten Königsstuhl, und wir müssen uns damit begnügen – denn was wir heute schauen, ist nicht mehr der alte Bau, Die Franzosen haben ihn 1795 zerstört, und erst 1843 ließ eine Anzahl vaterländisch gesinnter Männer auf der geschichtlichen Stätte ein neues, dem früheren ähnliches Bauwerk aufführen. Nur die Grundmauern und das Kapitäl des Mittelpfeilers sind alt.

Es waren keine erfreulichen Bilder aus der Geschichte unseres deutschen Volkes, die so auf der denkwürdigen Stätte vor mir aufstiegen. Und noch weniger waren es die, welche die Wenzelskapelle wachrief. König Wenzel, ein roher und dabei schwacher Fürst in einer rohen und wirren Zeit! Und als Abschluß seiner gewaltthätigen und doch schlaffen Regierung der Richterspruch seiner empörten Vasallen in der kleinen Marienkapelle! „20. August 1400“ meldet eine Inschrift. Das war der Tag, an welchem Wenzel seines Thrones entsetzt wurde; und alsbald traten die Kurfürsten drüben auf dem Königsstuhl zusammen, dem Heiligen Römischen Reich einen neuen Herrn zu setzen in einem aus ihrer Mitte, dem Pfalzgrafen Ruprecht. Vorsorglich hatten sie sich vorher der Zustimmnug des Papstes versichert – eine schmerzliche Ironie des Schicksals, wenn man daran denkt, daß auf derselben Stätte kaum ein Menschenalter vorher jene feierliche Verwahrung gegen jede päpstliche Einmischung in die deutsche Königswahl ausgesprochen worden war. H. E.     

Lebenserinnerungen von Georg Ebers. Es ist begreiflich, daß die deutsche Leserwelt gern Näheres über das Leben ihrer namhaften Schriftsteller erfährt und daß sie sich am meisten freut, wenn sie solche Kunde aus bester Quelle erhält, wenn die Schriftsteller selbst ihren Lebenslauf, ihre Lebenserfahrungen und den Gang ihrer inneren Entwicklung aufzeichnen. Dazu hat sich nun auch Georg Ebers entschlossen, von seiner „Lebensgeschichte“ liegt der erste Band „Vom Kind bis zum Manne“ abgeschlossen vor (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt). Ebers erzählt hier lebendig und offenherzig die Erlebnisse seiner Knaben- und Jünglingszeit; gewohnt, scharfumrissene Charakterbilder zu entwerfen, schildert er die Persönlichkeiten, mit denen er in Berührung kam, in sehr anschaulicher Weise. Das gilt schon von den berühmten Männern, die der heranwachsende Knabe in Berlin kennenlernte, seiner Vaterstadt, wo er am 1. März 1837 geboren wurde. „Am unvergeßlichsten,“ schreibt er, „bleiben mir unsere Begegnungen mit Peter Cornelius, der auch in der Linnéstraße wohnte. Denke ich an ihn, so ist es mir immer, als blicke er mir wieder ins Antlitz. Wer einmal in seine Augen schaute, der konnte sie nimmer vergessen. Tieferen und gewaltigeren bin ich nicht wieder begegnet. Er war ein kleines Männlein mit wachsbleichen und beinahe herben, doch wohlgebildeten Zügen und schlichtem langen kohlschwarzen Haare. Man hätte ihn übersehen können, wenn die Augen nicht gewesen wären, die alles andere an ihm verschwinden ließen, wie das Licht der Sonne den Sternenschein. Sie bewirkten, daß er unter Tausenden die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Ihr majestätisch leuchtender Blick forderte Gehorsam, und mit ihm hatte er die Massen bezwungen und durchgeistigt, die sein gewaltiger Genius in wunderbar durchdachter Ordnung auf dem kleinen Raum seiner Kartons zusammenführte.“ Von den Brüdern Grimm heißt es: „Ihre mächtigen Gestalten gehören für mich zu den edelsten unvergeßlichen Erinnerungsbildern aus der Linnéstraße. Sie waren gleichsam eins, und man sah sie selten allein. Dennoch hatte jeder die ihm eigene Individualität völlig bewahrt. Wenn je das Aeußere bedeutender Männer der Vorstellung entsprach, die man sich nach ihren Thaten und Werken bildete, so war es das ihre. Man brauchte sie nicht zu kennen, um auf den ersten Blick zu wissen, daß man es mit großen Arbeitern auf dem Gebiet des geistigen Lebens zu thun habe. Nur ob sie Gelehrte seien oder Dichter, hätte auch der geübte Beobachter schwer zu entscheiden vermocht. Ihr lang wallendes gewelltes Haar und ein ideales Etwas, das sie beide umwob und ihnen aus den Augen sprach, hätte vielleicht eher auf diese Vermuthung – die Bildung der gedankenschweren, von strenger Forschung zeugenden Stirnen und die etwas nach vorn gebeugte Haltung auf jene geführt. Wilhelms mildere Züge waren doch wohl die eines Poeten, Jakobs strengere und der durchdringende Blick seiner Augen ließen leichter den großen Forscher in ihm erkennen.“

Dort in Berlin erlebte Ebers auch die Märzrevolution; er durchwanderte die Straßen am 19. und 20. März und schildert ergreifend die Verwüstungen des Kampfes. Die Jahre, die der Knabe dann in der Fröbelschen Erziehungsanstalt Keilhau bei Rudolstadt verlebte, geben Anlaß zu einer anschaulichen Darstellung des dortigen Lebens und Treibens, aus der die Charakterköpfe der Lehrer, meistens Körnerscher Kampfgenossen, wohlthuend und lebendig hervortreten. Von Keilhau kam Ebers auf das Gymnasium nach Kottbus, wo aber eine harmlose Liebesgeschichte ihn in Ungelegenheiten verwickelte, so daß er dort nicht das Abiturientenexamen machen durfte. Er holte dasselbe in Quedlinburg nach, wurde dann Student in Göttingen, studierte anfangs Jurisprudenz, wandte sich aber später in Berlin, nach einer schweren langwierigen Erkrankung, dem Studium der ägyptischen Sprache und Alterthumskunde zu, dem er zeitlebens treu geblieben ist. In diesen letzten Abschnitten des Buches taucht eine sehr anmuthige Mädchengestalt auf, deren Bild Ebers im Schreine seiner Erinnerungen an der geweihtesten Stätte bewahrt, neben dem seiner Mutter, die uns in der pietätvollen Schilderung des Sohnes überall gewinnend und liebenswerth entgegentritt. †     

Das Gefühl. (Zu unserer Kunstbeilage.) Die Kunstbeilagen des vorigen Jahrgangs haben unseren Lesern zu Nummer 20 und 43 gefällige Darstellungen des „Geschmacks“ und des „Gesichts“ aus der Hand des phantasievollen Malers R. Rößler gebracht. Wir lassen heute in der Reihe dieser Allegorien der menschlichen Sinne die des Gefühls folgen, welche Eigenart der Empfindung mit malerischer Anordnung verbindet.



manicula 0Hierzu Kunstbeilage II: Das Gefühl. Von R. Rößler.

Inhalt: [ Inhalt dieser Nummer - hier z. Zt. nicht transkribiert]


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.