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Die Gartenlaube (1893)/Heft 41

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[689]

Nr. 41.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf. In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf. In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



Ein Lieutenant a. D.

Roman von Arthur Zapp.
 (1. Fortsetzung.)

Die zehnte Kompagnie hatte am Nachmittag in den Korporalschaften unter Aufsicht der Unteroffiziere von zwei bis vier Uhr Putzen. Um fünf Uhr sollte ein Appell in feldmarschmäßiger Ausrüstung stattfinden, den laut Kompagniebefehl der Premierlieutenant Buschenhagen abhalten mußte. Die Korporalschaftsführer hatten ihrerseits das Antreten schon für halb fünf Uhr befohlen. Das eingehende Besichtigen ihrer Leute kostete Zeit, und es war immer im letzten Augenblick noch ein und das andere am Anzug der Mannschaften nachzuholen.

Wagner war den ganzen Nachmittag über in einem rauschähnlichen Zustande gewesen. Mechanisch hatte er die vorgeschriebenen Putzarbeiten an Kleidungsstücken und Waffen in Angriff genommen, ohne mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein und ohne recht zu wissen, was er eigentlich that. Er war auch wiederholt von seinem Unteroffizier gerügt worden, wenn er, einen Schloßtheil seines Gewehrs in der Hand, unthätig vor sich hinstarrte oder wie ein Unsinniger an den Knöpfen seines Waffenrocks rieb, obgleich diese längst funkelten und blitzten, als wären sie von Gold.

Das Geschick seiner Schwester, die höhnische Zurückweisung, die ihm bei dem Lieutenant widerfahren war, gingen ihm unablässig im Kopfe herum. Klara, fassungslos, voll Verzweiflung, hatte ihm gestern alles gebeichtet. Ein wüthender Zorn machte sein Blut sieden, wenn er an das jammervolle Bild der Schwester dachte und dann an diesen Menschen, der ihr Glück leichtsinnig mit Füßen getreten hatte. O daß er gegen diese Schmach nichts thun konnte als mit den Zähnen knirschen, daß er den würgenden Grimm stillschweigend in sich hineinfressen mußte – es war zum Wahnsinnigwerden! Dann wieder kamen weichere Regungen über den Grübelndem und ihn erfüllte nur noch das Mitgefühl mit seiner alten Mutter, der das Leben sowieso schon Kummer genug gebracht hatte, und der rathlose Schmerz wegen der Zukunft seiner Schwester, die an dieser bitteren Enttäuschung zu Grunde zu gehen drohte. Wie ihn das peinigte und folterte, daß er vor unerträglicher Seelenqual laut hätte aufschreien mögen! Er war ja für Klara nicht nur der Bruder, sondern auch der sorgende Vater gewesen. Nur für sie hatte er gearbeitet, seit der Vater plötzlich an einem Schlaganfall verschieden war und er selbst vorzeitig die Schule verlassen mußte, weil das kleine Vermögen kaum hinreichte, die bescheidenen Bedürfnisse der Mutter zu decken. Wie stolz war er gewesen, als Klara sich mit seiner Hilfe in Sprachen und kaufmännischen Fächern ausgebildet hatte und nun auf eigenen Füßen stand! Mit welcher Freude hatte er ihre Schönheit, ihre natürliche Anmuth sich entfalten sehen! Und nun war sie, die ihm als das Theuerste auf Erden galt, erniedrigt, beschimpft, als

Von den österreichisch-ungarischen Manövern bei Güns: Infanterie im Feuergefecht.
Nach einer Zeichnung von M. Ledeli.

[690] wäre sie eine Leichtsinnige, die es sich zur Ehre anrechnen müßte, von so einem Herrn Lieutenant überhaupt einer Beachtung gewürdigt zu werden. Stand denn jener, nur weil er den Offiziersrock trug, so hoch über ihm, dem schlichten Soldaten, daß er sich nicht einmal erkühnen durfte, den Wortbrüchigen an seine Pflicht zu erinnern, daß er nicht mit der Wimper zucken durfte angesichts der Schmach, die, wäre sie diesem Herrn Lieutenant widerfahren, im Blut des Gegners hätte gesühnt werden müssen? Besaß denn er selbst nicht ebenso gut ein Gefühl für Recht und Unrecht wie jener, war seine Ehre eine andere, eine schlechtere, weil er dem Vaterlande im einfachen Rock des gemeinen Soldaten zu dienen hatte?

Das alles stürmte und brauste durch die Seele des Unglücklichen und entfachte seinen Haß gegen Buschenhagen zu lodernden Flammen. Wie im Fieberfrost schlugen seine Zähne aufeinander und er besaß kaum die Selbstbeherrschung, um ruhig im Gliede zu stehen, als die Mannschaft jetzt zum Appell auf dem Kasernenhof antreten mußte. Schlag fünf Uhr erschien von der Stadt her der Lieutenant auf dem Platze. Gnädig griff er an den Mützenrand, während der Feldwebel seine Meldung abstattete, und ließ dann nach einem flüchtigen Blick die Front hinab „rühren,“ um sogleich korporalschaftsweise die Musterung vorzunehmen. Er schien nicht gerade besonders gut aufgelegt, denn er hatte allerlei zu erinnern und zu tadeln, und ab und zu rief er dem Feldwebel einen Namen zu, den dieser notierte, um ihn dem Hauptmann zu melden. Als Buschenhagen an die dritte Korporalschaft kam, nahmen seine Mienen einen noch strengeren Ausdruck an. „Seitengewehre aufpflanzen!“ befahl er.

Langsam, die mit raschem Griff aufgesteckten Bajonette musternd, schritt er die Front hinab. Hier und da ließ er sich ein Gewehr reichen, um die Sauberkeit der einzelnen Theile genauer zu untersuchen. Manchen Tadel, manchen Fluch setzte es ab. Bei jedem Schimpfwort des Vorgesetzten zuckte ein Mann im ersten Gliede zusammen - es war Wagner. Das Herz schlug ihm mit einem Ungestüm, daß er es bis zum Halse herauf spürte; alles Blut drängte sich ihm zum Kopfe.

Als jetzt der Lieutenant vor ihn hintrat, da war es ihm, als ob ein höhnisches herausforderndes Zucken über das Gesicht des Offiziers huschte. Oder war es ein Trugbild seiner erregten Sinne? Er hatte keine Zeit, weitere Beobachtungen anzustellen, denn der Vorgesetzte befahl ihm, sein Gewehr zu zeigen. Wagner streckte es mit einer so heftigen Gebärde vor, daß sein Unteroffizier erstaunt aufblickte. Was hatte der Mann, der sonst einer der besten in der ganzen Kompagnie war? Warum blickte er den Lieutenant, der eben das Gewehr von allen Seiten aufmerksam betrachtete, mit einem solch respektwidrigen Ausdruck an? Der von blinder Ehrfurcht gegen jeden Vorgesetzten erfüllte Unteroffizier erschauderte bis in die tiefste Seele hinein. Und jetzt, Herrgott, was war das? Während der Offizier den Mann mit heftigem Tadel auf einen dicken röthlich schimmernden Rostfleck ganz oben im Lauf aufmerksam machte, ballte der Mensch, der plötzlich den Verstand verloren zu haben schien, die Fäuste, sein Oberkörper dehnte und reckte sich wie im Krampfe und aus seiner Kehle drang deutlich ein heiserer Laut, ein wildes Schimpfwort. Im nächsten Augenblick durchfuhr ein eisiger Schrecken die hundertundfünfzig Zuschauer: Wagner hatte mit jähem Griff sein Gewehr an sich gerissen, fällte es blitzschnell und rannte in blinder Wuth gegen den Offizier an, ihm mit dem aufgepflanzten Seitengewehr den Aermel des Rockes durchbohrend. Doch noch ehe der Rasende seine Waffe zurückziehen und zu neuem, besser gezieltem Stoß ausholen konnte, hatten sich ein paar Unteroffiziere dazwischengeworfen und bändigten den sich wie sinnlos Gebärdenden mit vereinten Kräften.

„Zur Wache!“ befahl der Lieutenant, bleich bis in die Lippen, aber äußerlich gefaßt und ruhig. Dann ließ er die Kompagnie wegtreten.

Noch am selben Abend verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht in der ganzen Garnison, daß der Füsilier Wagner auf den Lientenant von Buschenhagen vor versammelter Mannschaft einen Mordversuch gemacht habe.


3.

Die Anklage gegen den schuldigen Soldaten nahm den vorgeschriebenen Verlauf. Der Arrestant wurde als Untersuchungsgefangener in das Militärgefängniß der Garnison übergeführt, von der Kompagnie wurde der Thatbestand zu den Akten eingereicht und das Verhör vor dem Auditeur begann.

Auf den Angehörigen des Unglücklichen lastete dieser neue Jammer wie ein erdrückender Alp. Frau Wagner, die noch unter den Folgen des letzten Schreckens zu leiden hatte, wurde auf das Krankenbett geworfen. Aber schon nach wenigen Tagen raffte sie sich auf, so elend und schwach sie sich auch fühlte, um womöglich das Schicksal ihres Sohnes zu erleichtern. Sie eilte zum Feldwebel, von da zum Hauptmann, aber dieser zuckte bedauernd die Achseln. Die Angelegenheit war seinem Machtbereich entrückt und er hatte gar keinen Einfluß auf den Verlauf und das Ergebniß der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens. Alles, was er thun konnte, war, daß er der Wahrheit gemäß der bisherigen Führung des Gefangenen das beste Zeugniß ausstellte. Auch der Oberst, den die alte Frau in ihrer Herzensangst noch aufsuchte, erklärte bei aller Höflichkeit und Freundlichkeit, die er der fassungslos Weinenden gegenüber an den Tag legte, mit aller Entschiedenheit, daß er ihr in keiner Weise dienen könne.

„Ihrem Sohne vermag kein Mensch zu helfen, liebe Frau,“ sagte er ernst, „denn offene Widersetzlichkeit, noch dazu mit thätlichem Angriff, das ist das schwerste Verbrechen, dessen sich der Soldat seinem Vorgesetzten gegenüber schuldig machen kann. Bei uns muß unbedingte Subordination sein, sonst geht alle Ordnung aus Rand und Band.“

Wankend kehrte die alte Frau zu ihrer Tochter zurück, die über dem unseligen Geschick ihres Bruders das eigene Unglück vergessen hatte und sich in bitterer Reue anklagte, daß sie an allem die Schuld trage. Vergebens zermarterte sich Klara das Gehirn, wie sie dem Bruder helfen und das Schreckliche, das ihm bevorstand, abwenden könnte. Die abenteuerlichsten Pläne schossen ihr durch den Kopf, ja sogar der Gedanke, den Lieutenant von Buschenhagen aufzusuchen und ihn um Rettung für den Bruder anzuflehen. Aber konnte er noch helfen, und wenn er es konnte, durfte sie dem Manne, der das Beste in ihr getötet hatte, den sie haßte, durfte sie diesem Treulosen jemals wieder, noch dazu als Bittende, gegenübertreten?

So saßen die beiden Frauen rathlos beisammen und suchten vergebens einander zu trösten. Von dem Verkehr mit ihren Hausgenossen und anderen Bekannten zogen sie sich fast ganz zurück, denn die rohe Neugier, die Uebertreibungen, in denen sich diese gefielen, vermehrten nur ihre fieberhafte Angst.

„Ich sage Ihnen,“ hatte der Schuhmachermeister Müller gemeint, indem er eine ungeheuer wichtige Miene aufsetzte, als hinge von ihm das Schicksal des gefangenen Soldaten ab, „die Sache ist nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Was denken Sie wohl: Angriff mit blanker Waffe vor offener Front – das ist das reine Majestätsverbrechen. Wäre die Sache im Kriege passiert, na, Ihrem Sohn thäte schon heute kein Glied mehr weh; eine Kugel wär’ ihm sicher gewesen. So aber werden sie ihm wohl bloß so ’ne zehn oder fünfzehn Jahre aufpacken.“

Diese freundliche Aeußerung hatte zur Folge, daß die tödlich erschreckte Mutter in einen heftigen Weinkrampf verfiel. Ihr Sohn zehn, fünfzehn lange Jahre, die schönste Zeit seines Lebens, im Gefängniß! Wegen einer im raschen berechtigten Zorn begangenen That, die den Betroffenen gar nicht geschädigt hatte! Nein, nein, das war unmöglich! So unmenschlich hart konnten die Richter nicht sein! Und ein kleiner Hoffnungsstrahl, der von ihrer Tochter nach Kräften genährt wurde, zog wieder ein in ihr bekümmertes Herz.

Inzwischen verbrachte ihr Sohn die Zeit in dumpfer Betäubung. Er aß nur das Nothdürftigste und hatte nicht einmal den Trost, wenigstens im Schlafe seinen Jammer zu vergessen. Wilde Träume schreckten ihn auf, wenn er Ruhe zu finden meinte, und düster vor sich hinbrütend, saß er die endlosen Nächte hindurch auf seinem harten Lager. Bald aber wehrte sich seine ungebrochene Jugend gegen diese kraftlose Verzweiflung. Ein harter zäher Trotz überkam ihn. Er wußte gut genug, daß seine That nach militärischem Gesetz ein schweres Verbrechen war, das ihm die härteste Strafe eintragen konnte. Sollte er sich in das Schicksal, das ihm gewiß war, widerstandslos fügen, sollte er lange entsetzliche Jahre in der Sträflingsjacke zubringen, um dann vorzeitig gebrochen, seinem Beruf entfremdet, als ein Bettler in der Welt dazustehen? War es da nicht besser, mit einem Schlag ein Ende zu machen?

Der Tag der Gerichtsverhandlung kam. Der peinliche Akt fand in der Kommandantur statt, und der Angeklagte wurde durch einen Gefreiten und einen Soldaten mit geladenen Gewehren vom [691] Gefängniß nach dem Sitzungssaal gebracht. Der Weg führte über die lange breite Brücke, welche die Stadt mit der Kaserne verband, und währte im ganzen etwa zehn Minuten. Mehr als einmal durchblitzte den Gefangenen auf dem kurzen Gange der Gedanke, einen Fluchtversuch zu wagen und seine Rettung der Schnelligkeit seiner Füße anzuvertrauen. Aber das Aussichtslose eines solchen Wagestücks hielt ihn zurück. Ehe er auch nur zehn Schritte gemacht haben würde, hätten ihn seine Wächter niedergeknallt!

Die Verhandlung begann um drei Uhr nachmittags und zog sich bis gegen sieben Uhr hin. Dem Gefangenen, dessen Lebensglück sich hier entschied, wurden die Stunden zur Ewigkeit. Endlich, endlich erfolgte der Spruch. Er lautete auf sechs Jahre Gefängniß, „nur“ auf sechs Jahre, weil man den Anlaß zu der That als mildernden Umstand hatte gelten lassen.

Sechs Jahre! Den Verurtheilten durchschauerte es vom Kopf bis zu den Füßen. Das war ebenso gut, als hätte man ihn zum Begrabenwerden bei lebendigem Leibe verdammt. Und plötzlich überkam ihn kalte Ruhe, die Ruhe des Verzweifelten, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Entschluß war gefaßt: fliehen oder sterben!

Auf dem Wege von der Kommandantur zur Brücke machte er seinen Plan, einen tollkühnen wahnsinnigen Plan, aber es war der einzige, der die Rettung wenigstens nicht ganz ausschloß.

Der Transport befand sich ungefähr auf der Mitte der Brücke; gleichmüthig zogen die beiden Soldaten mit dem Gefangenen vorwärts. Mit einem verstohlenen prüfenden Blick sah sich dieser um. Dort unten rechts, stromabwärts, lag die Dammvorstadt, durch Wiesen und Gärten vom Fluß getrennt. Dort weilten Mutter und Schwester in Verzweiflung, den Sohn und Bruder als einen Verlorenen beklagend. Noch einmal athmete er tief auf. Dann ein Sprung an den Brückenrand und blitzschnell, noch ehe seine Begleiter recht zum Bewußtsein gekommen waren, hatte er sich in stürmischem Anlauf auf das Geländer und von da kopfüber in die Tiefe geschwungen.

Als der Flüchtling aus dem Wasser wieder auftauchte, lagen die beiden Wächter am Geländer der Brücke in Anschlag; sobald sie den Kopf des Schwimmenden erblickten, gaben sie Feuer. Aber die bereits hereingebrochene Dämmerung und die Erregung verhinderten ein genaues Zielen – oder war es das Mitgefühl mit dem um sein Leben ringenden Kameraden, das ihre Hand unsicher machte?

Auf der Brücke entstand ein Auflauf, ein hastiges Schreienn und Fragen. Scharen von Vorübergehenden sammelten sich, um in die Tiefe nach dem kühnen Schwimmer hinab zu spähen, während die beiden Soldaten, von einigen Neugierigen begleitet, dem Ende der Brücke zurannten, um im Kahn die Verfolgung aufzunehmen. Allein der Flüchtling, ein geübter Schwimmer, hatte schon einen großen Vorsprung, begünstigt von der schnellen Strömung des Flusses, und als die Soldaten endlich in Begleitung eines Schiffers vom Lande abstießen, hatte er schon unweit der Dammvorstadt das Ufer erreicht. In vollem Lauf durcheilte er die Wiesen und Gärten; obgleich ihm die nassen Kleider schwer am Leibe hingen. Keine Furcht erfüllte ihn, sondern nur der Gedanke an die mit jedem Pulsschlag, mit jedem Athemzug ersehnte Freiheit.

Von der Hofseite her näherte er sich dem Hause seiner Mutter. Vorsichtig spähend, um keinem zu begegnen, tappte er sich in das Haus hinein, und nun stürmte er in das kleine Wohnzimmer. Ein lauter Schrei der entsetzt auffahrenden Frauen empfing ihn. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie den in triefenden Kleidern, erhitzt, athemlos vor ihnen Stehenden an. In fassungsloser Ergriffenheit ohne ein Wort hervorbringen zu können, sank die erschütterte alte Frau vor ihrem Stuhl auf die Knie nieder und streckte die Arme voll Sehnsucht und Hilflosigkeit nach dem geliebten Sohn aus. Dieser sprang hinzu und zog die Hinfällige empor.

„Fasse dich Mutter!“ rief er, die alte Frau liebevoll stützend. „Schnell, schnell! Sechs Jahre haben sie mir gegeben, sechs Jahre! Ich bin ihnen entwischt, die Verfolger sind hinter mir! Um Gotteswillen, faßt Euch! Meinen Civilanzug, Klara! Rasch, ehe es zu spät ist!“

Und schon hatte er sich der nassen Uniform entledigt, und während die Schwester, ohne ein Wort zu erwidern, in das Hinterzimmer eilte, um die Kleider des Bruders zu holen, legte dieser trockene Wäsche an, um dann in fliegender Hast in den Civilanzug zu schlüpfen. Die alte Frau half ihm, so viel sie konnte, obgleich sie sich in einem Zustand tödlicher Aufregung befand. Aus ihrem Gesicht war jede Spur von Farbe gewichen, ihre Glieder zitterten wie im Fieber.

„Franz, Franz, was wirst Du nun anfangen? Wovon wirst Du leben?“

Unter Thränen mußte er lächeln. „Das ist das Wenigste, Mutter. Wenn ich nur erst im Ausland wäre! Vor dem Verhungern fürchte ich mich nicht.“

„Herr des Himmels – so weit, ins Ausland?“ Und sie eilte, so schnell ihre wankenden Beine sie tragen wollten, an den Sekretär ihres verstorbenen Mannes, zog aus einem der Fächer die goldene Uhr hervor, die Franz von dem Vater geerbt hatte, aber in der Kaserne nicht tragen mochte, und reichte sie ihm; dann wollte sie ihm mit aller Gewalt alles im Hause vorräthige Geld aufdrängen. Aber er nahm nur einen Theil davon und wies das Uebrige standhaft zurück. Und nun zog er Mutter und Schwester an seine Brust zum letzten Abschiedsgruß. Für eine kurze Sekunde packte auch ihn fassungslose Weichheit, ein Schluchzen erschütterte seine Brust. Dann nahm er alle Kraft zusammen.

„Sei ruhig, Mutter, sei stark! Ihr werdet bald von mir hören und dann kommt Ihr mir nach, Duu und Klara – und alles ist gut!“

Sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn nicht von sich lassen, und er mußte sich fast mit Gewalt von ihr losreißen.

„Bleib’ brav, Klara, bleib’ gut! Tröste die Mutter!“

Und schon stand er an der Thür. Da fiel ihm noch etwas ein. Sich umwendend, deutete er auf die nassen Uniformstücke, die am Boden lagen. „Verstecken – im Garten! In den Fluß damit! Und leugnet, daß ich hier gewesen bin!“ Dann war er auf dem Flur, jetzt mit raschen Sätzen in den Hof, in den Garten, auf die Wiesen zurück und von da im Bogen um die Stadt herum, der Landstraße zu.

Während er bald in athemlosem Laufe, bald langsam vorsichtig spähend, vorwärts drang, überlegte er. Am sichersten schien es ihm, ein paar Stunden zu Fuß zu gehen und dann, noch in der Dunkelheit der Nacht oder mit dem ersten Morgengrauen, auf einer der nächsten Stationen die Eisenbahn zu besteigen. Wenn dann nicht irgend ein tückischer Zufall seinen Verfolgern zu Hilfe kam, so durfte er sich als gerettet betrachten.

Als er die Landstraße betrat, hielt er erschöpft eine Weile an. Mit fieberhafter Aufmerksamkeit horchte er nach der Stadt zurück. Da hörte er ganz deutlich Pferdegetrappel, das sich rasch näherte. Eine Kavallerie-Patrouille, die ihn verfolgte! Er kauerte sich in ein nahes Gebüsch und lauschte mit angehaltenem Athem. Nun unterschied er, daß es ein Wagen war, der auch nach wenigen Minuten sichtbar wurde. Eine ungestüme Freude loderte in dem Flüchtling auf – es nur ein Bauer, der aus der Stadt nach dem Heimathdorf zurückfuhr und auf Wagners Zuruf rasch anhielt. Nach einigem Hin- und Herreden ließ er den Fremden neben sich auf dem Strohsack Platz nehmen, und vorwärts ging die Fahrt durch die immer dunkler werdende Nacht „Gerettet!“ jubelte es in der Brust des Deserteurs, und ein wonniges Gefühl der Sicherheit wollte ihn überkommen. Da ertönte mit einem Mal rechts vom Felde her lautes Rufen – „Halt!“ schallte es gebieterisch herüber. Unwillkürlich gehorchend, zog der Bauer die Zügel an. Und noch ehe Wagner sich besinnen konnte, hatten auch schon drei Gestalten den Straßengraben überspringend, den Wagen umstellt, drei Gestalten mit Helm und Gewehr – eine Patrouille, wahrscheinlich von seiner Kompagnie, die auf die erste Meldung von seiner Flucht allen anderen vorausgeeilt war. Wie gelähmt saß der Flüchtling da; wie im Traume erkannte er in der Stimme des Vordersten, der jetzt dicht vor den Bauer hintrat und ihn fragte, ob er nicht einen fliehenden Soldaten in Waffenrock und Mütze, einen Deserteur gesehen habe, die seines Korporalschaftsführers. An allen Gliedern bebend, saß Franz da, sein Schicksal erwartend, und er wäre widerstandslos gefolgt, wenn man sich in diesem Augenblick seiner bemächtigt hätte. Aber während der Bauer die ihm vorgelegte Frage verneinte und Auskunft über sich gab, raffte sich Franz auf. „Widerstand bis zum letzten Blutstropfen!“ gelobte er sich. Er biß die Zähne zusammen und machte sich zum Sprunge bereit. Die glühenden Augen heftete er fest auf das Gewehr des Unteroffizier, das dieser unterm Arme trug. Sobald ihn der Vorgesetzte erkannte, wollte er sich mit unwiderstehlicher Kraft auf ihn werfen, ihm [692] die Waffe entreißen und ihn niederschlagen. Entweder gelang es ihm dann, in der ersten Verwirrung zu entkommen, oder man schoß ihn tot. Aber so oder so – Kampf, so lange noch ein Athemzng in ihm war!

Während der Unteroffizier mit dem Besitzer des Fuhrwerks sprach, entzündete einer seiner beiden Begleiter ein Streichholz und wollte damit dem Bauern ins Gesicht leuchten, doch ein Windstoß verlöschte die Flamme. Schon schickte er sich an, sein Manöver zu wiederholen, als der Unteroffizier, der mit flüchtigem Blick auch in der zweiten Gestalt einen Civilisten erkannt hatte und es für ausgeschlossen hielt, daß der Deserteur in dieser kurzen Zeit sich andere Kleidung verschafft haben könnte, ein kurzes verdrießliches „Vorwärts! Weiter!“ ausstieß und sich kurz umdrehte.

Und alle Vorsicht vergessend, entriß Franz mit heftigem Griff seinem Nachbar die Peitsche und schlug so ungestüm auf die Pferde los, daß sie sich in gestreckten Lauf setzten. Im Nu hatten sie die Soldaten im Rücken, und wie im Fluge ging es auf der glatten Landstraße vorwärts.

Ein strahlender Blick richtete sich aus den Augen des Flüchtlings zum dunklen Firmament empor.


4.

Das Attentat auf den Lieutenant von Buschenhagen und die Flucht des Verurtheilten erregten unter der. Bevölkerung der Stadt großes Aufsehen. Daß ein Soldat sich an einem Offizier thätlich vergriff war eine so große Seltenheit, daß der Fall schon aus diesem Grunde zum Stadtgespräch wurde. Und hier kam noch der Selbstmordversuch der jungen Buchhalterin hinzu und gab der aufregenden Geschichte einen willkommenen pikanten Beigeschmack. Der Skandal wurde vollends öffentlich, als das in der Stadt erscheinende „Volksblatt“ sich des interessanten Stoffes bemächtigte und in einem donnernden Leitartikel gegen das „Vorrecht der Offiziere im Staat und in der Gesellschaft“ zu Felde zog.

Für Herrn von Buschenhagen hatte die peinliche Angelegenheit allerlei unangenehme Folgen. Sein Oberst zeigte ihm eine sehr frostige Miene und verwandelte seine frühere vertrauliche Anrede: „Mein lieber Buschenhagen“ flugs in das förmliche „Herr Lieutenant von Buschenhagen“. Diejenigen bürgerlichen Kreise, mit denen der junge Offizier gelegentlich in Berührung kam, begegneten ihm mit einer gewissen absichtlichen Kälte, und Löwenthal – so berichtete der treue Jänicke – war neulich während der Abwesenheit des Herrn Lieutenants in dessen Wohnung gewesen und hatte in sehr aufdringlichem Tone nach ihm gefragt. Im Hause des Kommerzienraths Hendloß hatte sich der junge Offizier seit dem Tage des Attentats aus leicht begreiflichen Gründen nicht mehr sehen lassen; es sollte erst ein wenig Gras über die Geschichte wachsen.

Schließlich kam die Angelegenheit auch vor den Ehrenrath des Offiziercorps. Doch die Kameraden Buschenhagens sprachen ein „Nichtschuldig“. Buschenhagen habe die Standesehre nicht verletzt. Es sei weder erwiesen noch anzunehmen, daß er der Schwester des Soldaten Wagner irgendwelche bindenden Versprechungen gegeben habe. Daß diese sich trotzdem Illusionen gemacht habe, dafür sei Buschenhagen nicht verantwortlich.

Peinlicher als der Ehrenrath des Regiments nahm der Familienrath im Hause Hendloß die Sache, als eines Tages der Lieutenant in feierlichem Aufzug erschien, um in aller Form um Fräulein Doras Hand anzuhalten. Er hatte zwar eigentlich noch länger zuwarten wollen, aber das erwies sich als unmöglich. Es war die höchste Zeit, daß etwas geschah, um die unruhig gewordenen Gläubiger zu besänftigen, die weder neue Anleihen gewähren, noch die alten Verbindlichkeiten stunden wollten.

Unter diesen Umständen traf ihn die Antwort des Kommerzienraths, der äußerst höflich, aber sehr entschieden bedauerte, die seiner Familie zugedachte Ehre zurückweisen zu müssen, wie ein betäubender Schlag. Und als drei Tage später Hendloß gar die Verlobung seiner Tochter mit dem Sohn eines Geschäftsfreundes öffentlich anzeigte, da begannen des Lieutenants unverwüstliches Selbstgefühl und die ihm angeborene Leichtlebigkeit ins Wanken zu gerathen. Ganze vierundzwanzig Stunden ging er mit sich zu Rathe. Dann faßte er seinen Entschluß.

Der erste Schritt war, daß er eine lange Unterredung mit Herrn Löwenthal, seinem Hauptgläubiger und dem Wortführer der anderen, abhielt; es gelang ihm, den Geldmann zu dem Versprechen zu bewegen, während der nächsten vierzehn Tage nichts gegen seinen Schuldner zu unternehmen. Dann kam er um einen kurzen Urlaub ein, der ihm sogleich gewährt wurde. Er packte seinen kleinen Handkoffer, ließ ihn von seinem Burschen nach dem Bahnhof tragen und dampfte schweren Herzens nach dem kleinen Städtchen ab, in dem seine Eltern wohnten.

Was er vorhatte, war eine That der Verzweiflung. Aber er sah keinen anderen Ausweg. Hatte dieser letzte Versuch nicht den gewünschten Erfolg, dann schlugen die Wasser über ihm zusammen, dann ade, du goldene Lieutenantszeit!

Als Erwin am Abend im elterlichen Hause eintraf, war die Freude, wenigstens unter den weiblichen Familienmitgliedern, eine stürmische. Nur sein Vater, der Major und Bezirkskommandeur Hans von Buschenhagen, zeigte eine mißtrauische Miene. Der unerwartete Besuch seines Sohnes erregte seinen Verdacht.

(Fortsetzung folgt.)

Nachdruck oerboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Eine deutsche Kolonie in Spanien.

Nach den Quellen erzählt von J. von Ettmüller.
I.

„Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde;
Bezähmten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede.“ –

Doch viele Jahre noch sollten die unglücklichen Völker ganz Deutschlands an den Nachwehen der siebenjährigen Kriegs- und Streifzüge leiden. Die Industrie stockte; die Aecker lagen brach. Ernte um Ernte hatte die Soldateska zu Fuß und zu Pferd niedergetreten; die immer höher geschraubten Abgaben verschlangen die letzten Pfennige; so gab es denn Provinzen, in welchen ein Zehnttheil der Seelen an Elend und Hunger zu Grunde ging.

Um so günstiger waren die Zeitläufe für die zahlreichen Werber, welche mit Privilegien der hierfür bezahlten Standesherren deutsche Truppen aushoben, die für Englands Ansprüche in Nordamerika fechten sollten. Doch stießen sie, in Süddeutschland wenigstens, auf einen Nebenbuhler, welcher dem Erfolg ihrer Wirksamkeit beträchtlichen Eintrag that.

Ein Bayer, Oberstlieutenant Thürriegel, verabschiedeter Offizier des Gschrayschen Freicorps, überschwemmte die Pfalz und das Elsaß mit einem Aufruf, welcher im Namen und mit Brief des Königs Karl III. zur Gründung einer deutschen Kolonie in Spanien einlud und Ansiedlern guten Willens den seit Veetreibung der Mauren brachliegenden südlichen Abhang der Sierra Morena unter scheinbar sehr günstigen Bedingungen anbot. „Glückshafen, oder reiches Schatzkästlein, welches der spanische Monarch zum Trost und Nutzen aller deutschen Bauern, Tagelöhner und Handwerksleute aufgeschlossen hat“, war die Schrift betitelt; und er sandte sie durch die Post oder durch Boten auch an die Zünfte, Handwerksbuben etc. und wies den Leuten Sammelplätze an. Zahlreiche Unteragenten, sowie er selbft reisten herum, hielten Vorträge, wandten sich an die Bürgermeister und Gemeinderäthe, zogen auch die Geistlichkeit in ihr Spiel.

Die Standesherren, deren Vortheil durch ihn gefährdet war, stellten ihm wohl nach und suchten ihn aufzuheben; doch scheinen ihre Befehle nur sehr lässig ausgeführt worden zu sein, denn er zeigte sich ganz ungescheut und unbelästigt, wo immer es ihm beliebte, und legte auf diesem Felde von seinem Parteigängertalente bessere Proben ab als während des Krieges selbst, wo er sich in Nordhausen mit seinem ganzen Corps von den Franzosen hatte überraschen und schmählich gefangen nehmen lassen.

Es traf sich nun oft, daß die konkurrierenden und folglich feindlichen Werber – die einen für Krieg, die andern für Ackerbau – am gleichen Orte aneinander stießen; und so geschah es

[693]

Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelm II. bei den österreichisch-ungarischen Manövern.
Nach einer Originalzeichnung von M. Ledeli.

[694] besonders an einem sonnigen Maitage des Jahres 1766 in einem größeren Dorfe der Pfalz.

Nicht nur die ganze Einwohnerschaft war auf den Beinen, sondern auch aus weiter Entfernung hatten Neugierige oder Auswanderungslustige sich aufgemacht. Als wäre es Markttag, so wälzte sich eine immer dichter werdende Menge nach dem Platze, welchen in herkömmlicher Weise die Kirche, das Rathhaus und die beiden Gasthäuser des Ortes einrahmten.

In diesen letzteren haben die Agenten ihr Generalquartier aufgeschlagen.

Vor dem „Raben“ zieht ein großes, bunt auf Leinwand gemaltes Bild die Blicke auf sich. Es stellt einen lebensgroßen Krieger in reicher Uniform dar, die Brust mit Orden geschmückt, den blanken Säbel in der Hand; herausfordernd schweifen seine Augen in die Ferne, während zu seinen Füßen ein Indianer Federn auf dem Haupte und einen Ring in der Nase, den Staub leckt. In langen Buchstaben steht darunter:

„Auf, edle Deutsche, auf! Setzt an mit frischem Muth!
Marschiert nur hurtig vor: des Königs Sach’ steht gut!“

Vorsichtshalber bescheidener, begnügte sich der Agent für Spanien, welcher in der „Reichskrone“ hauste, mit einem in Wasserfarben kolorierten Plakate. Da hob sich auf tiefblauem Himmel gar schmuck eine Reihe blendendweißer Häuschen ab; untermischt mit blitzgrünen Palmen, an welchen als Früchte schön rothe Pomeranzen hingen.

Unter die stauenden Bauern mischten sich hochgewachsene, schnurrbärtige Männer, in grünem Kollett und Pelzkragen, mit Lederhosen, gewaltigem Pallasch und noch gewaltigeren Stiefeln; sie zogen bald den, bald jenen ins Wirthshaus, stießen an und bezahlten, aus wohlgerundeten Börsen vollwichtige goldene Souveräns hervorziehend, „denn ihre Mittel erlaubten ihnen das, sowie jedem, der sich unter ihre Fahne rangieren wollte“!

Ruhiger, verschwiegener trieben es einige Gehilfen des Uebersiedlungsagenten, echte Schwabenkinder, trotz ihrer spanischen Tracht mit treuherzigen blauen Augen und rothen Backen. Auch sie unterstützten ihre lockenden Beschreibungen des angebotenen Dorados, indem sie zu rechter Zeit gut spanische Dublonen an den Tag brachten.

Ihre Meister, ein jeder an seinem Orte, hielten Reden an langen Tischen, inmitten der Honoratioren des Dorfes und der umliegenden Gegend.

„Da sehe ich nun wirklich nicht ein,“ – also erhob der Mann im „Raben“ seine heisere Stimme, unter buschigen Brauen rothblitzende Aeuglein rollend – „wie eine geehrte Jungmannschaft zwischen dem spanischen Phantasten und meinen reellen, von einer hohen Obrigkeit privilegierten und gut geheißenen Offerten zaudern kann! So ist die Sache, nicht wahr? Hier zu Hause habt Ihr nichts mehr zu beißen und zu brechen; sind zu viel Leut’ für die hungrigen Jahre, zu viel Arme für die kärgliche Ernte, zu viel Mäuler für den Brei. Was wollt Ihr also an Euerer Scholle kleben? Was nützt’s? Wozu bringt Ihr’s? Hinaus! Hinaus in die Welt! Versucht das Glück, nehmt Fortuna am Schopf! Da kommt sie eben vorbei! Verpaßt sie nicht!“

„Hm!“ meinte einer, „was Krieg heißen will, haben wir gesehen; es sitzen noch an allen Landstraßen Krüppel, denen Fortuna zum Stelzfuß geholfen hat und zum Bettelsack. Danke schönstens!“

„Ei Du – hätte bald etwas gesagt. Alles mit Unterschied, Freund! Es giebt Dienst und Dienst. Der gewaltige, großmächtige, überreiche König von England und so ein Landgräflein oder gar geringerer Potentat, das läßt sich nicht zusammenzählen. Da ist Geld vorhanden, schwere Souveräns, daß es in den Taschen nur so klingelt!“

„– Und ist auch nicht ein so traurig Dabeisein wie hier,“ fuhr er nach einer Pause triumphierend fort. „Da kannst Du’s zu was Rechtem bringen! Soll ich Dir mit ein paar Exempeln von Beispielen kommen? Ist mir recht. Putz’ die Ohren aus, Freund! Da haben wir den gestrengen Herrn General-Brigadier Sullivan. Was war er seines Zeichens? Ein Hosenmacher war er, und kommandiert jetzt ein Regiment – ich sag Dir nur so viel! – Da ist der Oberst Brökter, von der leichten Infanterie; hat seine Karriere als Diener begonnen, bevor er bei den Britten Handgeld nahm. Oberst Viereck hielt eine Schenke – und so könnte ich noch viele nennen; denn da steht der Weg jedem offen, da wird nicht nach dem Geburtsscheine gefragt. da gilt kein Herr ‚von‘ oder Herr ‚zu‘, da gilt die Tüchtigkeit, die Tüchtigkeit allein. Wer was ist, kann was werden. Nun, wer fühlt etwas in sich?“

„Ja ja,“ unterbrach ihn ein anderer „das ist alles schön, ist aber gar weit über das Meer hin! Da kommt nicht jeder an, der abfährt.“

„Ei daß Dich der Kuckuck!“ entgegnete der Werber. „Es ist ein Wunder, daß Ihr Euch so vor dem Versaufen fürchtet und doch selber so gerne sauft! Sind der Deutschen ihr Lebenlang mehr im Weine ertrunken als im Wasser! Da ist der Feldwebel Zacharias. Komm her, Zacharias“ – damit winkte er einen der uniformierten Gehilfen herbei – „stell Dich neben mich, daß man Dich sieht! Der hat schon dreimal den Weg gemacht, hin und her, macht sechs Reisen, und ist ihm nichts geschehen. Seht, der war ein Tagelöhner in Wafelingen, könnt nach ihm fragen, man wird sich seiner wohl noch erinnern, und jetzt ist er der Erste nach dem Hauptmann, sozusagen die Seele der Kompagnie, hat sich soviel erspart, daß er den schönsten Hof kaufen könnte – zeig’ Deinen Beutel, Zacharias! – wird’s aber nicht thun, hat Ehre im Leibe, bleibt bei Fortuna. Wird’s wohl bis zum Obersten bringen, wenn nicht weiter, und Euch alle mit dem Rücken ansehn!“

„Das ist was anderes als Spanisch-Brötchen!“ setzte er hinzu, einen giftigen Blick durchs Fenster nach der „Reichskrone“ werfend. „Trompeter, blast einen Tusch! Rabenwirth, die Flaschen sind leer!“

Und so fuhr er fort mit Anpreisung und Bewirthung, und an Zuhörern und trinkenden Gästen fehlte es ihm nicht.

Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir eingestehn, daß die schönen Worte, die Uniformen, die rasselnden Trommeln und schmetternden Trompeten nur wenig verfingen. Einige heruntergekommene Subjekte ließen sich willig finden; die ernstere Bauernschaft ergötzte sich wohl an dem unterhaltsamen Wesen und auch am Weine; aber nach gehabtem Gaudium verzog sie sich hinüber zur „Reichskrone“, wo der Oberstlieutenant Thürriegel in eigener Person wirkte.

Er sprach soeben:

„Was ich geschrieben und nun auch mündlich erklärt, das will ich noch einmal wiederholen. Also merkt auf! Jede Haushaltung bekommt umsonst – umsonst! – ein Los von achttausend spanischen Vares lang – macht ebensoviel Schritte – auf dreitausend breit, Wo ist hier ein Hof, der sich damit vergleichen läßt? Und nicht etwa Land, wo mehr Steine wachsen als andere Früchte, wo an jedem Kornhalm der Schweiß eines Tagewerkes klebt, sozusagen! Nein, das ist spanische Erde! Da gedeiht alles schier von selbst und doppelt und dreifach. Was wird von Euch dafür verlangt? Nichts als guter Wille und kräftige Arme. Das Gouvernement liefert den Viehstand, liefert das Saatkorn; da stehn auch schon die schmucken Häuschen, nicht so Mistlöcher wie hier zu Lande, da habt Ihr Euch nur hineinzusetzen. Sobald sechstausend beisammen sind – denn die Sache ist groß angelegt, soll gleich recht angehn und nicht so stückweise, wobei nichts herauskommt – so beginnt der neue Staat, gewissermaßen ein Neu-Deutschland, aber unter blauem Himmel und ewigem Sonnenschein. Keine Abgaben, die ersten Jahre wenigstens. Deutsche bleibt Ihr auch dort, bleibt schön unter Euch, wählt selber Eure Vorstände, Eure Seelsorger. Hier verkommt Ihr bei Kleie und saurem Most, dort sind Hammelkeulen und feuriger Wein das Ordinäre. Ist kein blauer Dunst, den ich Euch vormache; wozu würde es mir dienen? Ist alles verbrieft und besiegelt, mit Seiner Majestät des Königs Karl III. eigenhändiger Unterschrift. Kann die Cedula nicht einem jeden unter die Nase halten – könnte sie ja auch nicht ein jeder lesen – steht übrigens Wort für Wort in dem Büchlein, welches Eure Aeltesten in Händen haben.“

„Wie ist’s denn aber an dem,“ fragte ein Gemeindevorsteher, „daß Spaniens Monarch Fremde ins Land ruft? Ist der Spanier selbst zu bequem oder zu vornehm, sein Land zu bebauen?“

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Die Spanier, Freund, das sind eine eigene Art Hühner. Das herrliche Land, womit sie Gott gesegnet, hat sie verwöhnt. Sie lungern lieber herum, liegen im Schatten, träumen, als daß sie Hand anlegen. Sonst die besten Menschen der Welt. ‚A la disposicion de Usted,‘ sagen sie gleich, wenn Du was rühmst, ‚nimm’s, wenn’s Dir gefällt.‘ Aber eben faul, unendlich faul! Lassen lieber andere sich [695] abmühen, auch wenn ihnen dabei der beste Rahm obenab genommen wird. So ist es; nun, warum wolltet Ihr das nicht profitieren?“

„Was Ihr da sagt, Herr, klingt schön und gut,“ also warf ein andrer ein. „Aber es ist doch eine schwere Sache, seine Heimath zu verlassen. Wie sagt schon König David? ‚Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!‘ sagt er.“

„Er sagt aber nicht: ‚Bleibe in der Wetterau und warte, bis die Holzäpfel zu Pomeranzen werden.‘ Es ist auch nicht, wie jener Pfarrer meinte, als er predigte: ‚Was macht’s, daß bei uns keine Citronen, Limonen, Oliven, Zuckerstauden und spanischen Weine wachsen? Unsere schwere Sünden machen es!‘ – Nicht doch, Eure große Narrheit und Verzagtheit macht’s, daß Ihr unter der höchsten Pressur und Dürftigkeit, dazu in einem bösen, rauhen Klima, einander auf dem Halse hocket, hingegen viel hundert Meilen des edelsten, besten Landes in Spanien leer stehen lasset und dennoch über Gott klaget, er schaffe Euch nicht genug!“

„Ist halt zu befürchten,“ meinte ein Dritter, „daß da eine gar gemischte Gesellschaft zusammenläuft. Wir hier, sollte der eine oder andere zur Uebersiedelung Lust haben, wir kennen uns, sein alle brave Leut’ und rechtschaffen, und mag der eine dem andern trauen. Aber unter der Masse, die es da braucht, hat es vielleicht mehr üble Früchtlein als Biedermänner!“

„Glaubt das nicht! Solche Früchtlein, die nehmen wir nicht. Die mögen in den Krieg gehn“ – dabei deutete der Oberstlieutenant geringschätzig nach dem „Raben“ – „und sich totschlagen lassen. Denn, versteht sich ja von selbst, wer sich hier nicht tummeln mag, wo das Tummeln doch so nöthig, weil viele Dinge mangeln, was wird der erst drüben verrichten, wo ohnehin an allem Ueberfluß ist? Nein, Faulenzer, das habe ich schon gesagt, sind dort schon dicht genug gesät, es braucht der König keine neuen Setzlinge ins Land zu rufen!“

„Das ist mir alles halt doch gar zu schön,“ sagte kopfschüttelnd ein älterer Mann. „Ist wohl eher eine Chimäre, ein Schlaraffenland, ein Reich im Monde!“

Der Oberstlieutenant wollte zuerst aufbrausen, doch beherrschte er sich und sah den Sprecher schließlich mitleidig an.

„Freilich,“ entgegnete er, „es muß auch solche Vögel geben! Hast wohl noch nie eine Landkarte gesehen, Alter! Mußt zuerst den Finger in die Erde stecken, ehe Du glauben kannst. – Doch was nützen der Kuh Muskaten? Es dient ihr wohl Haberstroh!“

„Erwägt die Sache, Freunde,“ fuhr er fort, sich erhebend. „Geht ihr auf den Grund, überlegt sie Euch! Es ist Zeit für Rath, dann aber auch zur That. Gut vorbedacht, dann rasch vollbracht! Da sind meine Begleiter, meine Mitarbeiter der ersten Stunde, welche mit mir an Ort und Stelle gewesen sind; denn versteht sich, auch ich kaufe keine Katze im Sacke. Die haben sich bereits ein warmes Nestchen reserviert; fragt sie, ob sie mit dem größten Bauer hier tauschen! – Ich bleibe bis morgen hier. Wer sich entschließt, findet mich auf meinem Zimmer. Nachher mag man mir nach Kolmar schreiben, notabene, wenn es nicht zu spät ist und Ihr etwa das Nachsehen habt.“


II.

Hier sowohl, wie an vielen andern Orten, entschlossen sich endlich manche, und nicht von den Unwerthesten, zur Uebersiedelung und stellten sich zur bestimmten Zeit, wenn auch schweren Herzens, an den angewiesenen Sammelplätzen ein, von wo sie unter Führung der Unteragenten die lange Reise antraten.

Ihrer warteten harte Prüfungen, und die Kolonie begann unter den schlimmsten Vorbedingungen.

Einmal hatte der biedere Herr Oberstlieutenant Thürriegel – oder von Thürriegel, über diesen Punkt sind die Quellen nicht einig – gleich zu Anfang seinen eigenen Versprechungen ein Bein gestellt. Sechstausend Ansiedler, das macht einen stattlichen Haufen. Zudem konnten sie nur in kleinen Abtheilungen und mehr oder weniger im Verborgenen ihre Heimath verlassen. Er machte sich daher, zur Vervollständigung der Zahl, kein Gewissen daraus, unter anderem sogar die jämmerlichen Reste einer verunglückten französischen Verbrecherkolonie zu übernehmen.

Noch bedenklicher war er mit der königlichen Cedula überhaupt umgesprungen. In seinem „reichen Schatzkästlein“ führte er von den 79 Paragraphen nur diejenigen an, welche sich am schönsten ausnahmen. Es ließ sich dies um so leichter machen, als auch im Originale die haarsträubendsten Bedingungen und Klauseln so geschickt unter der Masse der Einzelbestimmungen versteckt und gewissermaßen ertränkt waren, daß sogar ein gewandtes Auge dieselben mehrmals und aufmerksam durchlesen und zusammenstellen mußte, um ein getreues Bild der angebotenen Verhältnisse auszuscheiden.

Im Grunde handelte es sich nur darum, einen der bestangeschriebenen Günstlinge des Monarchen mit einem beinahe selbständigen – allerdings erst zu schaffenden – Gouvernement auszustatten. Das Wohl der Einwanderer kam nicht in Frage. Sie waren eingeführte Ware, deren man zwar bedurfte, die man aber mit Mißtrauen annahm, Leute, die man von vornherein mit Verbrechern zusammenzählte und drakonischen Strafen unterwarf. Sie waren nicht freie Männer, sondern (zu Ende des 18. Jahrhunderts!) Hörige, an die Scholle gebunden. Sie hatten nur die Nutzniesßung der angewiesenen Erde, nicht aber das rechtliche Eigenthum.

Doch hören wir den spanischen Text selbst.

Er beginnt ganz sachte:

„Den fremden Anbauern ist zur Niederlassung die Gegend eingeräumt, welche unter dem Namen ‚Einöde der Sierra Morena‘ verstanden ist.“

„Während der zur ersten Urbarmachung nöthigen Zeit sorgt der Gouverneur für den Unterhalt der Anbauer. Unnütze Personen, wie stillende Weiber und kleine Kinder, werden inzwischen in den Spitälern von Cordova, Andujar und Almagro untergebracht“.

„Jeder Anbauer oder jeder Haushalt erhält ein Los von fünfzig Fanegas (etwa 30 ha) kulturfähigen Bodens, außerdem das nöthigste Geräthe, und es werden ihm zwei Kühe, fünf Schafe, fünf Ziegen, fünf Hühner, ein Hahn und ein trächtiges Mutterschwein, sowie der Samen für die erste Aussaat anvertraut. Dafür schulden die Kolonisten, außer den allgemeinen Abgaben und Steuern, einen besondern Zehnten, dessen Bestimmung und Eintreibung vorbehalten bleibt und für die ersten, unproduktiven Jahre geschenkt wird.“

Ueberspringen wir zwanzig Paragraphen, so finden wir folgende Verfügungen, welche auf die rechtliche Stellung der Ansiedler schon ein böses Licht werfen:

„Wer innerhalb zweier Jahre sein Los und seine Wohnung nicht in guten Stand gesetzt hat, wird als ein Vagabund angesehen. Er fällt unter die Hand des Gouverneurs, der ihn nach Belieben unter die Soldaten stecken oder zum Schellenwerk[1] verwenden kann.“

„Die neuen Ansiedler dürfen während wenigstens zehn Jahren ihr Anwesen und ihr Dorf unter keinem Vorwande verlassen, weder sie, noch ihre Kinder, noch ihre Knechte. Zuwiderhandelnde fallen unter die Hand des Gouverneurs, der sie unter die Soldaten stecken oder zum Schellenwerke verwenden kann.“

„Auch nach Verfluß dieser zehn Jahre haben die Kolonisten Haus und Boden in gutem Zustande zu unterhalten, wenn sie die Nutznießung davon behalten wollen. Sonst wird ihnen dieselbe entzogen und Fleißigern zugetheilt.“

„Unter keinem Vorwande, selbst nicht unter Erben, kann ein Los getheilt noch können zwei in einer Hand vereinigt werden. Ein jedes muß auf ewig untheilbar je einem Besitzer gehören. Ebensowenig kann auf ein Gut eine Verpachtung irgend welcher Art aufgenommen werden: alles bei Strafe sofortiger Konfiskation.“

In welchem Ansehen die Einwanderer zum voraus standen, davon geben schon die obigen Androhungen eine Probe; andere Paragraphen vervollständigen das erbauliche Bild.

„Sämtliche Kinder werden in der Religion und in der spanischen Sprache unterwiesen, aber in nichts weiter, damit sie ausschließlich zum Ackerbau gezwungen sind.“

Und anderswo heißt es geradezu haarsträubend:

„Zur Beförderung von Mischehen zwischen den Einwanderern und den Eingeborenen kann der Gouverneur Personen beiderlei Geschlechtes aus den Zuchthäusern des Königreiches ziehen, je nach [696] Bedürfniß. Es wird daher der Gouverneur einen ständigen Briefwechsel mit den Direktoren der Zuchthäuser unterhalten, welche Anstalten als eine immerwährende Pflanzschule für die neue Kolonie zu betrachten sind.“

Wie aus allem hervorgeht, war die Macht des Gouverneurs beinahe unumschränkt. Er vertheilt die Lose; er entscheidet über deren gute oder ungenügende Bebauung; er bestimmt die Zeit von der an die Stenern zu entrichten sind, sowie die Höhe des außerordentlichen Zehnten; er verfügt über die Freiheit, ja über das Leben der Kolonisten.

Ueber ihn selbst lautet der Paragraph 52 der Cedula also:

„Der bezeichnete Gouverneur, Don Pablo Olavides, ist keinem Intendanten, keinem Richter, keinem Tribunale unterworfen. Er steht ausschließlich und direkt unter dem Rathe Sr. Majestät und kann in Notfällen eigenmächtig verfügen und handeln, ohne dessen Zustimmung oder Bewilligung abzuwarten.“

Es ist hier der Platz, von diesem Manne eingehender zu sprechen, welcher, dank seiner Verbindung mit den französischen Encyklopädisten und andern Gelehrten des Auslandes, den Ruhm der neuen Schöpfung für sich allein zu ernten trachtete, während er sich in Wirklichkeit derselben erst dann ernstlich annahm, als sie ihren gesunden Kern und ihre Lebensfähigkeit bereits – vielleicht gegen sein Erwarten – bewiesen hatte.

Paul Anton Josef Olavides, später Graf von Pilo, war in vollem Sinne das, was man heute einen „Streber“ nennt. Körperlich und geistig reich begabt, von frühester Jugend an auch von den Verhältnissen begünstigt, energisch, rücksichtslos und über alle Vorurtheile erhaben, erklomm er rasch die Leiter zu mächtigen Aemtern und Würden.


Im zwanzigsten Lebensjahr finden wir ihn schon als „Oydor“ (Gouverneur) seiner Heimath, der Provinz Lima in Südamerika. Ein Erdbeben warf die Hauptstadt und den Hafen Calao in Trümmer, Tausende von Menschen kamen um. In seiner amtlichen Stellung war er Verwalter bedeutender Gelder, die zum Theil auch solchen gehörten, die bei dem Erdbeben verschwunden waren. Da sich Olavides über die Verwendung dieser anvertrauten Güter nicht genügend rechtfertigen konnte, wurde er nach Madrid gerufen und gefangen gesetzt. Doch nach kurzem schon ging er, gestützt auf Gefälligkeitszeugnisse von Aerzten und mit Kaution eines Freundes, „zur Erholung“ nach Leganez, einer reizenden Landstadt. Donna Isabella de los Rios, eine Witwe, welcher zwei verstorbene Gatten ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen hatten, verliebte sich in den jungen und schönen Kavalier und reichte ihm ihre Hand. Mit den so erworbenen Mitteln erkaufte er vorerst seine Freisprechung; sodann unternahm er, in Verbindung mit zwei Geschäftsfreunden, große Spekulationen nach dem Auslande, besonders nach Frankreich und Italien. Gleichzeitig hielt er in Madrid selbst ein offenes Haus, ließ in seinem Palast ein Theater errichten und von ihm übersetzte Werke der modernen französischen und italienischen Dichter aufführen. Seine Feste, bei welchen auch reichliche „Erfrischungen“ aufgetragen wurden, hatten großen Erfolg; selbst der König, Karl III., beehrte sie mit seiner Gegenwart. Da Olavides sich mit Eifer an den damals allmächtigen Minister Aranda anklammerte, so konnte ihm auch eine große politische Stellung nicht entgehen; er wurde in Bälde zum Intendanten der vier Königreiche von Andalusien und zum Assistenten von Sevilla ernannt – also zu einer Art Generalgouverneur mit hoher und niedriger Gerichtsbarkeit und Verfügung selbst über die Truppen. Zum Ueberfluß, und gewissermaßen aus Phantasie, ließ er sich, mit beinahe souveränen Vorrechten, jenes Privilegium für die Kolonie an der Sierra Morena ausstellen, Es fiel ihm dies um so leichter, als weder die Minister noch die Sachverständigen noch vielleicht er selbst an einen glücklichen Erfolg des Kolonisationsversuches ernstlich glaubte; und welch edle Ansicht er von seinen zukünftigen Unterthanen hatte, geht aus dem Texte der Cedula zur Genüge hervor.

Wie schon gesagt, die braven biedern Pfälzer, Schwaben und Elsässer wanderten geradezu in eine Art Sklaverei; und wenn alles so heiß ausgegessen werden müßte, wie es angerichtet worden ist, so hätten sie sich an der Suppe, die ihnen der Oberstlieutenant Thürriegel eingebrockt, bös den Mund verbrannt. Doch zur Stunde hatten sie von der gesetzlichen Rechtlosigkeit, der sie sich freiwillig unterwarfen, keine Ahnung. Sie machte sich mit ihren Folgen erst später fühlbar.

Die erste und größte aller Enttäuschungen bereitete den Ansiedlern das angewiesene Gelände selbst. Von den weißen Häuschen, den grünen Palmen, den rothen Pomeranzen, welche auf den Plakaten Thürriegels so schön abkonterfeit gewesen waren, ließ sich weit und breit nichts sehen, rein nichts – als inmitten wüsten Gestrüppes ein altes, halb zerfallenes Kloster, in welchem, zur Aufrechthaltung der Ordnung, ein Regiment schweizerischer Söldner auf das „Gesindel“ wartete.

Seit die Mauren ihre letzte Schlacht gegen die Könige von Kastilien und Aragon verloren hatten – es sollen ihrer in der Nähe des Dorfes Las Navas de Tolosa gegen 200 000 erschlagen worden sein – lag die ganze Strecke brach. Nur hie und da zeugten ausgegrabene Münzen, Scherben von Hausgeräth und dergleichen von einstiger Kultur; selbst die Quellen hatten sich verloren, und die „Einöde der Sierra Morena“ galt allgemein als unbebaubar.

„Wer sich zu dieser Zeit, von der Hauptstraße abbiegend, in diese Gegend wagte,“ also berichtet ein Reisender, „konnte sich nur mit Mühe durch wildes Gesträuch, über Felsblöcke, unter Schlingpflanzen aller Art einen Weg brechen. Sechzehn Meilen weit fand sich nichts als Steine und Unkraut; und nichts belebte diese Wildniß als Raubvögel, gefiederte und ungefiederte, denn sie diente einigen Banden von Missethätern als sicherer Schlupfwinkel.“

„Diese Wüstenei,“ schreibt ein anderer, „enthielt nichts als einige elende Schenken, deren Patrone den Räuberhorden freiwillig oder gezwungen als Hehler und selbst als Anführer angehörten. Wehe dem Reisenden, der sich hierher verirrte!“

Da war kein Dach, die Müden zu schützen! Kein Vorrath, die Hungrigen zu nähren! Und so schön und wohlüberlegt war alles angeordnet, daß ihre Ankunft genau mit dem Einbruch der Regenzeit zusammentraf!

Einige hundert brachte man in den Gängen des alten Klostergebäudes unter; die andern, 5500 an der Zahl, kampierten gezwungenerweise im Freien. Die Regierung sandte Maurer aus den benachbarten Provinzen, und in Hast und Eile wurden Häuschen errichtet, so liederlich, daß der größte Theil nach kurzem wieder einstürzte. Erschöpfung, die Einflüsse des Klimawechsels und der ungewohnten Kost erzeugten Fieber, die nach glaubwürdigen Berichten ein Drittel der Kolonisten hinwegrafften.

Daß sie das alles nicht ganz geduldig hinnahmen, versteht sich von selbst. Doch zeugt es für den moralischen Halt der Eingewanderten, daß sie nicht viel Zeit mit – ja doch unnützen – Klagen und Beschwerden verloren. Nachdem der erste Jammer überwunden war, spuckten sie in die Hände und griffen frisch zu Hacke und Axt.

Ein Jahr später erst, nachdem die Kolonie bereits dem Boden entwachsen war, erschien der Gouverneur.

Seine erste Amtshandlung war, daß er das alte Kloster, als Mittelpunkt seiner künftigen Haupt- und Residenzstadt, in einen Palast umbauen und einen Platz für Stiergefechte abstecken ließ.


III.

Der Boden der Sierra erwies sich günstiger, als man hoffen durfte. Nach Ausreutung des Unkrautes und Entfernung der dichten Steinschicht, welche seit Hunderten von Jahren sich angehäuft hatte, kam eine rothe Erde an den Tag, in welcher alles aufs beste keimte.

Die Furcht vor Wassermangel – die Techniker hatten diesen mathematisch nachgewiesen und daraus auf den baldigen Ruin des Unternehmens geschlossen – war unbegründet. Ohne sehr tief zu graben, stieß man bald auf Quellen und Grundwasser, und zwar in solcher Menge, daß jedes Haus seinen eigenen Brunnen und seine „Noria“, sein Schöpfrad, besaß.

Alter aus der Heimath mitgebrachter Uebung nachlebend, auch aus Mangel an besserem Verständniß, pflanzten die Kolonisten vorerst nur Getreide, welches ja unmittelbaren und raschen Nutzen abwarf. Um ihnen den Vorzug eines anderen Betriebes klar zu machen, zog der Gouverneur auf einem zurückbehaltenen Theile als Muster Weinreben, Maulbeer- und Olivenbäume. Und unsere Landsleute waren nicht auf den Kopf gefallen. Zu überlegen war allerdings, daß diese Art der Ausbeutung erst nach sechs bis achst Jahren lohnte; nachdem aber Steuerfreiheit für den gleichen Zeitraum zugesichert worden war, verwandten sie nach und nach immer größere Theile ihrer Anwesen für die neue Kultur.

Für die industriellen Bedürfnisse sorgten diejenigen unter ihnen, welche eines Handwerks kundig waren und sich in der Stadt [697] niederließen. Sie fertigten Leinwand und Tücher, Filzwaren, alles Hausgeräthe. So war die Kolonie ganz selbständig.

Der Einsiedler und seine Freunde.
Nach einem Gemälde von A. Hengeler.

Die Berichte der Reisenden, welche um die Jahre 1776 bis 1778 in diese Gegend kamen, lauten geradezu märchenhaft. Manches darin ist schwer zu glauben, und es ist um so angezeigter, eine weise Kritik zu üben, als diese Schilderungen nicht die Ansiedler zu ehren bezweckten, sondern den Gouverneur, den Grafen Olavides, verherrlichten, welcher wie ein großer Fürst inmitten der Kolonie Hof hielt und Gastfreundschaft übte. Da mag wohl auch, nach kürzerem oder längerem Aufenthalt in dessen Residenz und an der reichbesetzten Tafel, mancher ganz unfreiwillig doppelt gesehen haben. Sichtlich übertrieben hat jedenfalls der edle Hidalgo Don Vincenzo Imperiali, dessen Brief an den Herzog von Belforte in Neapel auch in deutschen Blättern abgedruckt und besprochen wurde – und nach ihm Folkmann, der eine „Reise in Spanien“ herausgab, ohne sein Studierzimmer in Leipzig verlassen zu haben. Was uns indessen kühlere Köpfe wie der Engländer Townsend oder der irländische Major Dalrympel erzählen und bestätigen, klingt noch überraschend genug. Der nene, aus dem Nichts erstandene Staat erscheint nach kaum zehnjähriger Existenz in einer Blüthe, welche ein unverdächtiges und glänzendes Beispiel deutschen Fleißes und deutscher Ausdauer ist und bleibt.

Dieses „Neu-Deutschland“, wie es die Eingewanderten unter sich nannten, erstreckte sich auf annähernd 25 Meilen. Im ursprünglichen, nach den Ideen des französischen Nationalökonomen Raynal angelegten Plane waren eigentliche Dörfer nicht vorgesehen, jeder Ansiedler sollte inmitten seiner Felder wohnen. Die Entfernung von einem Hause zum andern hätte danach etwa einen Flintenschuß betragen, so daß die Nachbarn sich hätten anrufen und nöthigenfalls beistehen können. Doch wie alle im Kabinett ausgeheckten Systeme, so ging auch dieses bei der Ausführung in die Brüche. Wie von selbst fanden sich die Kolonisten in größern und kleinern Flecken zusammen – was übrigens der Bebauung des Landes keinen Eintrag that – und wir finden die Ortsnamen Santa Elena, Schosastika, Guarroman, Aldea Quemada, Avellano, Carboneros, Conception, meist mit etwa 200 Feuerstellen. Jede Ortschaft besaß eine Kirche, ein Gemeindehaus, einen Gasthof und einen Markt. Breite, gut unterhaltene Straßen erleichterten den Verkehr durch die ganze Kolonie. „Zu beiden Seiten sieht man eine unabsehbare Reihe einander ähnlicher Häuser in symmetrischer Ordnung. Jedes derselben enthält ein paar Zimmer, eine Küche nebst Backofen, einen Hof mit einem Viehschuppen und einen Garten.“

„Ich betrat einige dieser Wohnungen,“ schreibt Townsend, „und bewunderte die Reinlichkeit und die Thätigkeit der Kolonisten. Sie trugen noch alle deutsche Tracht, so daß man sich eher in Deutschland als in Spanien wähnte; auch bedienten sie sich ausschließllch ihrer Muttersprache. Mit Vergnügen genoß ich ausgezeichnete Milch und Käse. Bei unserm Mittagsmahl setzte man uns unter anderm – am 20. Februar! – frischen Blumenkohl und grüne Erbsen vor.“

„Ich glaubte, in den schönen Zeiten [698] Saturns zu sein!“ setzte der sonst prosaische Engländer in einem Anfalle von poetischer Laune hinzu.

Die Hauptstadt Carolina – zu Ehren des Königs also genannt – zählt er „unter die artigsten Städte von Europa, wenigstens gewiß von Spanien“. Sie liegt auf einer Anhöhe, von der man die ganze reizende Gegend übersehen kann. Ihre Gestalt ist ein längliches Viereck, welches durch zwei große Hauptstraßen in vier Quartiere getheilt wird; jene sind breit, mit bedeckten Gängen (Arkaden) zu beiden Seiten, unter welchen sich Kramläden befinden. Im Mittelpunkt der Stadt befindet sich ein schöner, runder Marktplatz mit einem von Bäumen umgebenen Springbrunnen. Jedes Quartier ist wieder von kleinern Parallelstraßen durchschnitten, hat seinen eigenen Markt mit einem Brunnen, und jedes Haus besitzt einen kleinen Garten, nur durch Gitterwerk eingeschlossen, damit auch der Vorbeigehende seinen Anblick genieße. Schöne Gebäude sind besonders die Hauptkirche, der Regierungspalast, ein großes Gasthaus und eine Zeug- und Hutfabrik. Die Stadt hat acht Thore, zu welchen hinaus ebensoviel Alleen gepflanzt sind.

„Sollten in Zukunft,“ bemerkt sodann der Engländer, und die spätere Erfahrung gab ihm recht, „mehrere Fabriken dort erstehen, so ist die Lage der Stadt übel, weil sie von der See iinb großen Städten zu entfernt ist, es würde denn der Gllabal.- ynivir bis Andujar schistbar gemacht.“

Die ganze Gegend erscheint auch dem sajor Dalrympel als ein „graßer Garten“; doch ael ihm das periodische Auftreten voll Tertiäraebern auf, welche bei Vernachlässigilng leicht in Fanlaeber ansarteten. Er konnte sich dieselben nicht erklären, da er nirgends stehende Wasser oder sorciste sand. Wahrscheinlich waren sie Ueberbleibsel der ersten bösen Jahre und werden sich wohl gänzlich verloren haben, da ihrer in späteren Berichten nicht gedacht wird.

Außer Carolina, dessen Einwohnerzahl er auf 7000 Seelen schätzt, nennt Townsend zwei andere Städte, Carlotta und Luisiana, mit je 3000 Seelen. Heute ist die letztere – wenigstens als nennenswerthe Ortschaft – ganz verschwunden, während Carlotta annähernd 4000 Einwohner zählt.

So hatten sich also die Kolonisten mit eisernem Fleiße aus Elend und Krankheit herausgearbeitet und waren zu Wohlleben und Besitz gelangt – das heißt, sie glaubten es. Nun erst aber, bitterste aller Enttäuschungen, kamen die bösen Artikel der Cedula zu unerbittlicher Anwendung!

Sie besaßen nur ein Lehen, welches sie weder veräußern konnten noch verlassen durften, aber sie besaßen kein Eigenthum. Was zehnjährige Mühe geschaffen, blieb ihnen – im besten Falle – zu weiterer Ausnutzung anvertraut, der rechtmäßige Besitzer war der Gouverneur. Recht- und schutzlos standen sie unter seiner Willkür. Als unumschränkter Herr und Richter konnte er nach Belieben ein Los für in gutem oder schlechtem Zustande befindlich erklären, es konfiszieren, einem Günstlinge schenken oder es für sich behalten.

Die Söhne, mit Ausnahme des ältesten, waren erb- und besitzlos. Konnten sie nicht eine Erbtochter heiraten, so blieben sie, auf dem väterlichen Gute oder bei Fremden, zeitlebens Knechte. Wohl sollte ihnen nach dem ursprünglichen Plane ein neues, noch unbebautes Los zugetheilt werden; seitdem jedoch die Ansiedlung gedieh, kamen immer mehr Einwanderer aus dem thätigen Katalonien hieher und wurden auf Unkosten der deutschen Kolonisten bevorzugt.

Doch wie und wo klagen? Freiwillig hatten sie, die Fremden, die drakonischen Bedingungen der Cedula angenommen. In Spanien also fanden selbst gerechtfertigte Beschwerden kein Gehör. Noch weniger aber in der alten Heimath, bei den frühern Landesherren, deren Obrigkeit sich die Auswanderer ja entzogen hatten. Die wenigen Deutschen – natürlich nur hohen Standes, denn zu dieser Zeit war Reisen noch eine sehr kostspielige Sache – welche etwa zu ihnen kamen, stiegen beim Gouverneur ab und wurden in ihrer ohnehin vorgefaßten Meinung von dem „Gesindel“ noch bestärkt. Sagt ja sogar der sonst so freisinnige Geschichtschreiber Schlözer in seinem „Briefwechsel“: „Wie kann denn jemand erwarten, daß rechtliche Leute aus Deutschland nach der Sierra Morena ziehen?“

Diese Voreingenommenheit, welche durch die Thatsachen gleich nachher Lügen gestraft wurde, erscheint so recht in dem Briefe eines solchen deutschen Herrn, der, beinahe im gleichen Athemzuge, sich über die „Aufrührer oder Taugenichtse“ beschwert und einige Zeilen weiter die biedern thätigen Arbeiter rühmt.

Nachdem er die „Weisheit“ der Cedula in allen ihren Paragraphen bewundert und den Unzufriedenen vorgeworfen hat, daß sie ja dem Gouverneur sogar die Luft schulden, welche sie einathmen, fährt er fort:

„Von der Vorzüglichkeit aller dieser Verfügungen überzeugt, konnte ich die Klagen der Kolonisten, für welche ich mich im Anfange interessierte, nur noch mit Entrüstung anhören. Die Unzufriedenen hatten mich zu ihren Gunsten eingenommen; ihr Gesicht, ihre Sprache erinnerten mich an ein Land, das mir immer theuer sein wird. Viele glaubten, ich reiste in geheimem Auftrage, ich sollte über ihre Lage in Deutschland Bericht abstatten und für Besserung Schritte thun. Diese irrige Ansicht schmeichelte mir, und ich unterhielt dieselbe, wenigstens durch mein geheimnißvolles Auftreten. Nachdem ich aber erkannt, daß diese Unzufriedenen entweder Aufrührer oder Taugenichtse waren, konnte ich ihren Klagen nur noch mit Gleichgültigkeit begegnen. Ich sagte mir oft: Wenn Deutschland nicht andere Sprößlinge triebe, so schlüge mein Herz nicht so warm für dasselbe.“

Doch wenden wir das Blatt um, so finden wir auf einmal folgendes:

„Schon wenn sie (die Kolonisten) mich nur erblickten, so glänzte ihr Gesicht vor Freude, ohne indessen ihre Thätigkeit zu hemmen. Ich glaubte mich inmitten einer Geßnerschen Idylle zu befinden. Ich sagte zu mir selbst: Da ist er, der Lohn der Arbeit! Wo sind die, so da meinen, daß – in dieser Klasse besonders – Wohlergehn zu Hartherzigkeit und Frechheit führe? Möchten sie zur Stelle sein und diese braven Leute mit ihren spanischen Nachbarn vergleichen, welche in der Faulheit und folglich in der Armuth verkümmern. Unter solchen Gedanken setzte ich meinen Weg fort. Jeder Begegnende erregte meinen Forscherblick. Sah ich ein offenes Gesicht, eine edle Gestalt; blonde Haare, blaue, ehrliche Augen sogleich entschlüpfte das Wort ‚Landsmann‘ meinen Lippen!“

Ein politisches Ereigniß half schließlich den armen betrogenen Kolonisten aus der Klemme. Graf Olavides fiel in Ungnade.

Seine Selbständigkeit fing an, verdächtig zu werden. Zudem waren seine Sitten ausgelassen, und unbesonnene Aeußerungen und Handlungen brachten ihn mit der Inquisition in Konflikt. Man rief ihn nach Madrid. Ein Jahr lang lebte er noch in seinem dortigen Palaste, anscheinend frei, aber im geheimen überwacht, bis er plötzlich eingekerkert wurde. Sein Vermögen hatte er noch rechtzeitig ins Ausland gerettet; zwei Jahre später entkam er selbst, wohl mit stillem Einverständniß des Monarchen. Nach längerem Aufenthalt in Frankreich – wo er während der Schreckenszeit beinahe geköpft wurde – sodann in Italien und schließlich in Genf machte er seinen Frieden mit König und Kirche, schrieb sogar ein streng orthodoxes Werk. „Das triumphierende Evangelium“, und endete seine Tage als ein hochbetagter Greis 1803 in seinem Palaste zu Madrid.

Sein Sturz war für die hinreichend erstarkte, lebensfähige Kolonie ein Glück, denn mit ihm endete zwar ihre Selbständigkeit, aber auch ihre Ausnahmestellung. Wer etwas hatte, wurde wirklicher Besitzer. Mit der Sicherheit des Eigenthums wuchs auch die Freude am Erwerb. Lange noch hielten die Deutschen fest zusammen. Wohl verlor sich nach und nach die Sprache, nicht aber der Menschenschlag.

Im Jahre 1843 schreibt der französische Schriftsteller Theophil Gautier: „Die Bevölkerung der Carolina trägt ihren germanischen Ursprung auf der Stirne geschrieben. Auch zeigt sich derselbe in der ausnahmsweisen Reinlichkeit der Wohnungen und Gasthäuser.“

Die Stadt selbst langweilt ihn, „denn da ist alles nach der Schnur gezogen: wohl sehr praktisch und bequem, aber meinem Auge ist ein zwar elender, doch malerischer Flecken weit angenehmer“.

Während übrigens der wichtigste, d. h. der landwirthschaftliche Theil von „Neu-Deutschland in Spanien“ seine Blüthe beibehielt, kam die Stadt Carolina, ihrer schon oben erwähnten, industriell ungünstigen Lage halber, zeitweilig in bedeutenden Rückstand. Im Jahre 1860 zählte sie nur noch 2000 Seelen, 3900 im Jahre 1870. In neuester Zeit erst ist ihre Einwohnerzahl wieder auf 7782 gestiegen, obwohl sie 18 Kilometer von der Eisenbahnlinie Madrid-Cordova entfernt ist; auch ihre Tuch- und Leinwandfabriken werden rühmend erwähnt.


[699]

„Um meinetwillen!“

Novelle von Marie Bernhard.
 (Schluß.)

Dem Professor war mit einem Mal kläglich zumuth. Einen einzigen raschen Seitenblick hatte er auf den Husarenoffizier geworfen, aber der hatte genügt, um ihm aufs neue die Ueberzeugung zu geben, daß Steinhausen wirklich einer der schönsten Männer sei, die ihm je vor Augen gekommen waren. Und Annaliese mit ihrem schönheitsdurstigen Empfinden! Sie hatte freilich dies Bild auch daheim stets zu Gesicht bekommen, aber wenn ihr Verehrer ihr nun einen so offenkundigen Beweis seiner Gefühle gab, indem er ihr bis in diesen abgelegenen nordischen Winkel folgte – konnte diese Thatsache nicht doch, trotz allem, was vorgefallen war, ihr Herz rühren? Wenn er ihr nun schwor, Erna von Torsten sei ganz und gar ausgelöscht aus seinem Herzen, er habe überwunden, und sie, Annaliese, sei sein einziges Heil auf Erden . . . ob sie dann ihm nicht dennoch Hoffnung ließ, ihn, wenn auch nicht sofort erhörte, so doch auf spätere Zeiten vertröstete? Gregory hatte es so oft sagen hören, daß jeder Mann schließlich jedes Mädchen erobern könne, vorausgesetzt, er lasse es an zäher Beharrlichkeit nicht fehlen und verstehe es, sie bei ihren Schwächen richtig zu fassen . . . konnte sich dieser Ausspruch nicht am Ende auch hier bewahrheiten? Und wenn er sich das zuversichtliche Gesicht seiner Tante vergegenwärtigte und ihre stets wiederholten Worte: „Sie bekommt ihn! Verlaß’ Dich auf mich – sie bekommt ihn!“ dann schien ihm diese schreckliche Möglichkeit schon um ein gutes Stück nähergerückt.

Annaliese ihrerseits war ganz und gar nicht mit sich im Zweifel, welche Antwort sie dem Offizier auf seine Frage geben müsse, aber aufgeregt war sie darum doch. Ihr weibliches Empfinden war peinlich berührt. Sie mußte die volle Wahrheit sagen, das stand fest, aber wie schwer würde ihr das fallen! Sie war dieser unangenehmen Aussprache auf hundert Wegen ausgewichen, war bis hierher gegangen, um sie zu vermeiden – und nun mußte es dennoch sein! Sie mußte einem Mann von Ehrgefühl die Mittheilung machen: „Ich habe ein Gespräch zwischen Dir und Deiner Schwester belauscht, habe erfahren, daß Du nicht mich, sondern eine andere liebst, daß Du, mit der Liebe zu dieser andern im Herzen, um mich warbst, weil ich reich bin und einflußreiche Verwandte besitze – es widerstrebt mir natürlich, um solcher Gründe willen gewählt zu werden, und das emporkeimende Wohlgefallen, das ich für Dich empfand, hast Du ein für allemal mit eigener Hand vernichtet.“ – Ja, so würde sie reden müssen . . . aber wie peinvoll war das! Mußte es denn wirklich sein? War dies der einzige Weg, den sie einschlagen konnte? Gab es keinen andern?

Und wie sie geängstigt das dachte und mechanisch die Figuren der Polonaise ausführte – die Damen hatten sich inzwischen von den Herren getrennt und vereinigten sich jetzt wieder mit ihnen – flammte es plötzlich wie ein Blitz der Erkenntniß in ihr auf; sie wußte einen Ausweg, hatte ihn gefunden aus der Tiefe ihres Herzens heraus – und sie reichte Paul Gregory, der ihr eben entgegentrat, mit einem so leuchtenden, glückseligen Aufblick die Hand, daß es ihm, der tief in seine trübsinnigen Betrachtungen eingesponnen war, förmlich schwindelte und er leise und athemlos fragte: „Was ist nun wieder geschehen, Annaliese?“

„Zeichen und Wunder!“ gab sie erröthend zurück, und nach einem kurzen Zaudern setzte sie hinzu: „Ich sage Ihnen alles – ich hoffe, ich werde Ihnen alles sagen können! Für jetzt nur eine Bitte: bleiben Sie beständig in meiner Nähe, lassen Sie es nicht dazu kommen, daß Steinhausen ein einziges Wort unter vier Augen mit mir wechselt, wir können das unauffällig machen, ich will gleichfalls das meinige dazu thun. Wollen Sie?

„Wie können Sie fragen! Sie sollten doch wissen, das ich zu allem zu haben bin, was Sie von mir verlangen!“

„Wirklich? Zu allem? Ohne Vorbehalt?“

Gregory stutzte. Sie fragte das mit so eigenthümlicher Betonung. „Falls Sie mich nicht verbannen – ohne Vorbehalt!“

„Nein ich verbanne Sie nicht.“

„Sind alle Ihre Tänze besetzt Annaliese?“

„Alle! Denken Sie sich! Ist das nicht wunderbar?“

„Nicht im geringsten!“

„Ich bitte Sie – ich bin hier ganz fremd, bin angezogen wie ein Aschenbrödel –“

„Die war ein Prinzeßchen, und das sind Sie auch, ob in Seide oder Baumwolle!“

„Zu komisch, wenn Sie eine Schmeichelei sagen! Sehen Sie, wie freundlich uns meine gute Pensionsmutter zunickt! Sie ist vergnügt, alle ihre Kinder tanzen, sie legt Ehre mit uns ein. Wie schön alles hier ist! Schade, schade, das diese Königsberger Zeit nun bald zu Ende geht! Wenn Steinhausen berichtet, wie die Sachen hier stehen, muß ich heim. Er wird ohnedies mein ganzes Inkognito gefährden, denn er hat hier natürlich Kameraden, und die dürfte er leicht über mich und meine Verhältnisse ins Klare setzen!“

„Ein wunderschöner Mensch, dieser Husarenlieutenant!“

„Steinhausen? Ja, er ist bildhübsch!“

Das kam so natürlich und unbefangen heraus, als wenn Annaliese den Apoll von Belvedere bewunderte. Paul beobachtete sie scharf von der Seite, sie merkte es und nickte ihm lächelnd zu.

Die Polonaise war beendet, der Professor brachte seine Tänzerin an ihren Platz und pflanzte sich wie eine Schildwache hinter ihr auf. Die jungen Mädchen steckten die Köpfe zusammen und zischelten, es gab natürlich die wichtigsten Dinge zu besprechen.

„Gott, Annaliese,“ sagte Luise Degen, „hast Du den himmlischen Husaren gesehen, der dort drüben stand, ohne zu tanzen? Ein entzückender Mensch! Was mag der hier wollen? Blaue Husaren giebt es ja hier gar nicht – da, jetzt kommt er quer über den Saal – nein, der Gang und das Gesicht! Es sieht beinahe so aus, als ob er hierher zu uns käme – das wäre einfach überwältigend!“

Das „Ueberwältigende“ geschah; der schöne Mann blieb dicht vor dem „Pensionat Claassen“ stehen, nahm die Hacken zusammen und verneigte sich tief.

„Gnädiges Fräulein werden hoffentlich die Güte haben, sich eines alten Bekannten zu erinnern und ihn willkommen zu heißen,“ sagte er zu Annaliese von Guttenberg.

„Ganz gewiß, Herr von Steinhausen,“ erwiderte das junge Mädchen mit unbefangener Freundlichkeit. „Willkommen in Königsberg! Sie gestatten, das ich Sie vorstelle: Lieutenant von Steinhausen – Frau Oberlehrer Claassen, meine verehrte Pensionsmutter, Fräulein von Herzen, Fräulein von Laßt, Fräulein Degen, meine Pensionsgenossinnien – Herr Professor Gregory ... die Herren kennen wohl einander.“

„Bedaure, kann mich nicht entsinnen!“ sagte der Lieutenant von oben herab.

„Bedaure ebenfalls!“ entgegnete Gregory in trockenem Ton.

„Baroneß scheinen gar nicht von meinem Erscheinen hier überrascht zu sein,“ nahm Steinhausen von neuem das Wort.

„Wie sollte ich! Ich sah Sie ja während der Polonaise drüben an der Säule stehen und hatte Zeit, mich in die Thatsache Ihres Hierseins zu finden.“

„Und dieselbe hoffentlich richtig zu deuten!“ fiel er mit Betonung ein.

Annaliese hielt es für gut, diese Bemerkung zu überhören. „Wie geht es denn Großmama?“ fragte sie lebhaft.

„Ich danke – Excellenz befinden sich wohl und haben mir“ – wieder mit Betonung „verschiedene private Aufträge an das gnädige Fräulein mitgegeben, die treulichst auszurichten ich hoffentlich bald Gelegenheit finden werde. – Darf ich um einen Tanz bitten?“

„Ich fürchte, ich habe keinen mehr übrig – bitte, Gevatter, reichen Sie mir einmal meine Tanzkarte, Sie haben sie ja in Gewahrsam. Da, überzeugen Sie sich selbst, Herr von Steinhausen: alles vergeben!“

„Sollte nicht Herr Professor Gregory, dessen Namen ich hier mehrfach vermerkt finde, zu Gunsten eines weithergereisten alten Bekannten des gnädigen Fräuleins auf einen Tanz gütigst verzichten?“ fragte Steinhausen höflich.

„Ich muß bedauern!“ entgegnete Gregory kühl und stand so steif wie der steinerne Gast hinter Annaliesens Stuhl. „Ich habe die gleiche weite Reise hinter mir, nehme das gleiche Recht alter Bekanntschaft in Anspruch wie Herr von Steinhausen und weiß die seltene Gunst, ein Tänzer der Baroneß Guttenberg zu sein, viel zu hoch zu schätzen, um irgend eines meiner glücklich errungenen Rechte auf einen anderen zu übertragen.“

[700] „Dann muß ich freilich zurückstehen.“ Der Lieutenant maß den Sprecher mit einem hochmüthigen geärgerten Blick – das war ja ein unangenehmer Mensch, dieser Professor Gregory – er war ihm aber damals schon zuwider gewesen, als er neben Annaliese am Wagenschlag lehnte und nachher die beiden so unausgesetzt mit einander sprachen.

Die drei jungen Mädchen hatten mit fieberndem Interesse zugehört – das klang wie in Romanen, so herausfordernd, so scharf – und alles wegen Annaliese! Wie die sich vorkommen mußte! Zwei der jungen Dämchen fanden den blonden, aristokratischen Offizier so bezaubernd, daß sie es nicht begriffen, wie Annaliese ihm nicht zu Hilfe kommen und der Professor ihm nicht ohne weiteres das Feld räumen konnte. Die dritte freute sich über Annaliese wie über Gregory – sie hatte so ihre eigenen stillen Gedanken.

Steinhausen stellte dann noch ein paar Kameraden vor, deren Bekanntschaft er hier in Königsberg gemacht hatte; die Herren bedauertem unendlich, daß die Tanzkarte der Baroneß gefüllt sei, hofften auf Extratouren und engagierten die Pensionsfreundinnen. Sehr unangenehm war ihnen allen dieser Professor, der nicht von Annaliesens Seite wich und wankte, den sie immer wieder ins Gespräch zog und zu dem sie oft mit einem Blick emporsah, den sie für keinen andern übrig hatte. Man fragte heimlich bei Steinhausen an, was denn das eigentlich für ein Mensch sei und was er wolle – der Gefragte hob die Achseln, wußte nichts weiter, als daß jener ein Verwandter der alten Excellenz Guttenberg, folglich auch ihrer Enkelin sei und sich auffalleud zudringlich und anmaßend betrage, denn Chancen wären keine für ihn da, das habe die alte Excellenz wieder und wieder aufs nachdrücklichste versichert.

Der Ball nahm seinen Fortgang. Mitunter erhob sich Frau Claassen, die neben einer „Frau Kollegin“ einen angenehmen Platz hatte, von ihrem Stuhl und beobachtete beunruhigt ihre Schutzbefohlene, Annaliese von Guttenberg. Sie freute sich ja, daß das Mädchen so sehr gefiel, sie hatte das auch nicht anders erwartet – aber wirklich, Annaliese tanzte zuviel, sie als Pensionsmutter durfte das eigentlich nicht leiden. Immer aus einem Arm in den andern – wollte man sie denn tot tanzen? Frau Melanie kam nicht zur Ruhe, sie war in einem beständigen Wechsel zwischen Aufstehen und Sichsetzen begriffen, ihre Sorge um Annaliesens Gesundheit kämpfte mit einer wahrhaft mütterlichen Freude an des Mädchens Erfolgen – sie gönnte ihr so herzlich diese Triumphe, „an die sie wahrhaftig nicht gewöhnt sein wird, sie ist ja von Hause aus so arm und nach dem Tode der Großmutter darauf angewiesen, sich selbst durchs Leben zu helfen“ – so äußerte sich die Frau Oberlehrer in vertraulichem Ton gegen ihre Nachbarin.

Paul Gregory hatte nicht viel von Annaliese, das mußte er sich sagen. Aber sie wußte ihn zu entschädigen. Mit bewundernswerther Raschheit und Geschicklichkeit verstand sie es, ihm ein tröstendes Wort, einen strahlenden Blick zuzuwerfen und ihn so wunderbar mit den Qualen der Eifersucht und des Verlassenseins auszusöhnen. Was für herrliche Augen das Mädchen hatte! Paul überließ sich widerstandslos ihrem Zauber, er dachte nicht an die Zukunft, nicht einmal an den morgenden Tag – war das Heute, das Jetzt nicht genug? Annaliese tanzte leidenschaftlich gern, das hatte sie ihm gesagt, und das sah man ihr auch an – es war eine Lust, ihr zuzuschauen. „So tanze denn, schöner Schmetterling, tanze – aber komm’ zurück zu mir; ohne Dich ist es öde um mich und in mir!“ Das dachte Gregory, und da war Annaliese auch schon wieder bei ihm, zutraulich und lächelnd; er nahm ihren Fächer und wehte ihr Kühlung zu und neigte seine durstigen Lippen tiefer, tiefer, bis sie beinahe das krause Gezitter der dunklen Löckchen berührten.

„Gevatter, nun eines noch!“ Im raschesten Tempo erklang ihre leise Stimme – der nächste Tänzer wartete schon. „Es wird bald zu Tisch gehen – Sie führen mich ja, aber sorgen Sie um Gotteswillen, daß Steinhausen nicht an meine andere Seite kommst, er versucht das jedenfalls. Das darf aber nicht sein, sonst hab’ ich keine ruhige Minute. Holen Sie den Assessor – Sie wissen schon – oder den blonden Referendar, einerlei, wen! Nur, bitte, sprechen Sie in ruhigem Ton zu Steinhausen, wenn sich’s so fügt, daß Sie mit ihm reden müssen! Nicht so schroff – um meinetwillen! Ich muß gar zu viel Angst ausstehen um Sie, daß Sie mit ihm Streit bekommen!“

So, das war wieder eine Entschädigung und wahrlich keine schlechte! Das „Angst um Sie“ klang wie Musik in Pauls Ohren, und der Blick, der diese Worte begleitet hatte, legte sich wie Balsam auf sein heißes Herz. Aber nun mußte ihr Auftrag vollführt werden. Zum Glück entdeckte er den Assessor in seiner Nähe und fand diesen Herrn sehr erfreut über das Ansinnen, an Fräulein von Guttenbergs rechter Seite zu sitzen. Er hatte Luise Degen zur Dame, das paßte wundervoll.

Der Lieutenant von Steinhausen war natürlich anderer Meinung. Seine Brauen zogen sich finster zusammen, und sein schönes Gesicht hatte den Ausdruck glatter Freundlichkeit, den es für gewöhnlich trug, ganz verloren, als er die Anordnung gewahrte, welche ihn der Tischnachbarschaft Annaliesens beraubte. Mit Mühe vermochte er für sich und seine Dame, eine junge Adlige, die ihm einer der Kameraden vorgestellt hatte, zwei Plätze zu erobern, die denen des Professors und des Fräuleins von Guttenberg schräg gegenüber lagen – so konnte er sie und den „fatalen Menschen“ wenigstens im Auge behalten, und dies Auge blickte drohend genug.

Die beiden, denen die Drohung galt, kümmerten sich herzlich wenig darum – sie waren bei einander, das war ihnen genug. Für alle übrigen Mitmenschen saßen sie offenbar im Speisesaal des Junkerhofes zu Königsberg, an einer der langen Tafeln mitten unter mehreren hundert anderen Leuten, die sich’s allesamt wohl sein ließen, . . . ihrem eigenen Empfinden nach waren sie allein, saßen sie auf der kleinen Glückseligkeitsinsel, von welcher Longfellow so hübsch singt, und alles um sie her war nichts als Beiwerk.

Oberlehrer Claassen und seine Frau wechselten vergnügte Blicke; der heutige Abend schien sie ihren stillen Wünschen in Bezug auf die Zwei bedeutend näher zu bringen. Herr Gustav Claassen war ohnehin in rosiger Laune: er hatte sich in einen ziemlich hohen Skat eingelassen und nicht ohne Besorgniß daran gedacht, daß es für einen soliden Gatten und vierfachen Familienvater eigentlich recht leichtsinnig sei, solche Wagestücke zu unternehmen. Wie, wenn er verlor! Aber nein, er gewann, gewann nach seinen Begriffen sogar bedeutend, Und nun saß auch noch „sein Paar“ in seiner Nähe und benahm sich ganz ähnlich, wie er und seine Melanie es gethan hatten, ehe sie sich verlobten! Der Oberlehrer lachte in seinen Bart hinein und bestellte Sekt . . . Mit einem schlauen Blinzeln seiner freundlichen Augen schob er den beiden die geschliffenen Kelche zu, in denen es aufschäumend perlte.

„Nun, worauf wollen wir trinken?“ fragte Annaliese und drehte das Glas leicht zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her.

„Ich wüßte schon etwas –“

„Auf gute Freundschaft, meinen Sie?“

„Nein, bewahre!“ Gregory schüttelte so entrüstet den Kopf als sei Annaliesens Freundschaft eine Beleidigung für ihn. „Ich möchte mit Ihnen auf die Wahrheit anstoßen!“

„Auf die Wahrheit?“

„Ja – auf sie, die so oft in dieser Welt zu kurz kommt, der Sie aber zum Sieg verhelfen wollen, denn, nicht wahr, Sie sind doch fest entschlossen, dem Lieutenant von Steinhausen die volle Wahrheit zu sagen?“

„Ich muß wohl, wenn nicht . . . vielleicht läßt sie sich doch noch umgehen!“

„Umgehen? Annaliese, das ist Ihrer nicht würdig! Sie sind so offen – ich – ach, ich möchte Ihnen vieles sagen –“

„Und warum sagen Sie es nicht?“

„Weil ich es nicht wage – weil ich weiß, wie Sie sind, wie Sie sich in den Verdacht festgerannt haben, jeder, der Kenntniß davon habe, wer Sie in Wirklichkeit seien, handle in schnödester Berechnung. Sie gaben mir das noch heute Vormittag deutlich genug zu verstehen . . . wie sollte nun ich, gerade ich –“

„Und wenn ich nun antworte: eben Sie, gerade Sie?“

Um Annaliesens Mund zuckte es, und ihre Stimme klang umflort, Gregory starrte sie an wie ein Traumbild, das Herz wollte ihm fast still stehen. Was – was hatte sie soeben gesprochen? Er vergaß buchstäblich, wo er war – er sah nur sie, hörte nur sie! Weit beugte er sich zu ihr hinüber und sah ihr in die Augen. Sie waren groß zu ihm aufgeschlagen und füllten sich langsam mit Thränen.

[701]

Von der Weltausstellung zu Chicago.
Nach einer Originalzeichnung von Rudolf Cronau.
Das aus Korn und Gräsern zusammengesetzte Bild einer Farm im Gebäude des Staats Illinois. Nachbildung einer Stadt der Klippenbewohner in Arizona. Australische Baumfarren in der Gartenbauausstellung.

[702] „Es ist nicht möglich,“ sagte er leise, als spräche er mit sich selbst.

„Sie wollten die Wahrheit von mir – das ist sie!“

„Sie glauben mir, daß ich Sie liebe – um Ihretwillen liebe?“

„Um meinetwillen, nur um meinetwillen – Ihnen kann ich das glauben!“

„Dann lieben Sie mich, wie ich Sie liebe!“

„Ja, Gevatter!“ erwiderte sie, unter Thränen lächelnd.

Eine Pause. Seine zitternde Hand sucht das Weinglas – ganz leise stoßen sie mit einander an. Ueber Annaliese kommt ein Gefühl des Geborgenseins, so schön, so süß – sie möchte die Augen schließen und träumen, sie möchte ihr Haupt an seine Brust legen und weinen. Aber sie darf beides nicht, sie muß ihre seligen Thränen niederzwingen und ihre Träume verschieben.

Gregory ist viel aufgeregter als sie; sein Herz schlägt stürmisch, sein Athem fliegt. Er sieht nicht seinen Freund Gustav, der sein Sektglas hochhebt und ihm zutrinkt, nicht Frau Melanie, die sich umsonst räuspert, um einen Blick von ihm aufzufangen, nicht Steinhausen, der seinen Bart mißhandelt und zornig zu ihm herüberschaut – nur sie, nur sie!

„Annaliese!“

„Paul!“

Viel mehr sagen sie nicht zu einander – es schadet nichts. Vor ihnen liegt ein langes und glückliches Leben, so hoffen sie bestimmt . . . Gelegenheit genug, sich vieles, vieles zu sagen!

Was sie essen und trinken, weiß keines von ihnen. Was Annaliese dem Assessor, der eifrig in sie hineinspricht, und Gregory dem Fräulein von Herzen, das ihn von links her allerlei fragt, zur Antwort giebt – das wüßten sie beide nicht zu sagen, und wenn es um ihr Leben ginge. Sie klingen mit ihren Gläsern an die des Oberlehrers und seiner Frau, es fährt ihnen flüchtig durch den Sinn, die beiden könnten wohl etwas ahnen, denn sie lächeln so merkwürdig – eine halbe Minute darauf gedenken sie dessen nicht mehr. Unter dem Tafeltuch haben sich ihre Hände gefunden und lassen einander nicht mehr los – Annaliesens kleine Linke wird feuerroth unter dem heftigen Druck von Pauls Hand, aber sie läßt sie ihm, sie ist auch darüber glücklich.

Endlich! Die Musik setzt ein, man hebt die Tafel auf. Verbeugungen ohne Ende. Gregory hat Gelegenheit, Annaliesens Hand zu küssen, und er macht von dieser Erlaubniß einen so aufallenden Gebrauch, daß ihr wirklich nichts übrig bleibt, als ihm die Hand zu entziehen; aber gleich darauf legt sie dieselbe in seinen Arm, und das Paar schreitet selbander dem Tanzsaal zu. An der Thür tritt ihnen Steinhausen entgegen, er hat hier auf sie gewartet.

„Mein gnädigstes Fräulein, ich sah Sie bei Tisch derartig vertieft in Ihr Gespräch, daß ich es nicht wagen durfte, Ihnen lästig zu fallen. Dürfte ich mir jetzt vielleicht die Frage erlauben, wann es mir vergönnt sein wird, Sie in einer wichtigen –“

Annaliese läßt ihn nicht zu Ende sprechen; er hat zwar seine Stimme so gedämpft , daß nur sie seine Worte verstehen konnte, aber es widerstrebt ihrem Gefühl, ihm weiter zuzuhören.

„Auch ich, Herr von Steinhausen, habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen,“ fällt sie ihm in die Rede, „für mich das Wichtigste, was es geben kann, und Sie, der alte Bekannte aus der Heimath, sollen der Erste sein, der es erfährt. Ich habe mich mit Herrn Professor Gregory verlobt.“

Der schöne Husarenlieutenant konnte auf dies Ereigniß vorbereitet sein – die beiden hatten während des Essens wenig genug Selbstbeherrschung gezeigt, namentlich der Professor hatte sich sträflich auffallend benommen; dennoch verlor der glänzende Offizier der vollendeten Thatsache gegenüber fast seine Fassung. Er hatte immer noch gedacht, es könne nicht sein, und sobald er erst einmal ernstlich um Annaliese werbe, sei ihm der Sieg über einen solchen Gegner trotz allem sicher; er hatte um dieses Mädchens willen die weite Reise unternommen, sie hielt seine ganze Zukunft in ihrer Hand – und nun?

Mit Mühe bewahrte er eine leidliche Haltung, aber die zwei Worte: „Meinen Glückwunsch!“ gingen ihm schwer über die Lippen. Dann trat er mit einer tiefen Verbeugung beiseite. Auf die Unterredung wegen der wichtigen Angelegenheit kam er mit keiner Silbe mehr zurück.

Fünf Minuten später hatte der Lieutenant von Steinhausen den Ballsaal verlassen.


11.

Die alte Excellenz von Guttenberg hatte ihrer Kousine Kunigunde von Wettersbach soeben die dritte Partie Bézique abgewonnen und war darob sehr guter Laune. Sie verlor ungern – „verlieren kann jeder Narr,“ pflegte sie zu sagen, „aber zum Gewinnen gehört Witz.“ Nun hatte sie ihren Witz wieder glänzend bewiesen und befriedigt lehnte sie sich in die Sofaecke zurück. Fräulein von Wettersbach nahm resigniert ihre Handarbeit wieder auf, und eine Zeitlang war es still im Zimmer. Die Uhr zeigte gerade die sechste Nachmittagsstunde.

„Auf die Männer ist kein Verlaß!“ begann die Generalin in strengem Ton.

Die Stiftsdame sah fragend von ihrer Arbeit auf.

„Von dem Volk der Civilisten will ich noch absehen,“ fuhr die Excellenz in derselben Weise fort. „Das kennt keine Disciplin, das hat den Ehrbegriff nicht so im Blut, das redet in den Tag hinein, ohne die Tragweite seiner Worte zu überlegen, eben weil es nicht gewöhnt ist, dafür einzustehen – aber beim Militär kennt man es anders, und ich muß sagen, es ist eine Enttäuschung für mich, daß ich das erleben muß.“

„Was denn, liebe Klementine?“

„Ich hatte ihnen beiden aufgetragen, mir Nachricht zu geben, sowohl meinem Neffen Paul Gregory als dem Lieutenant Steinhausen. Annaliesens Briefe sind mir verdächtig, ich will genau wissen, was sie dort thut und treibt, ob sie meinen Wünschen nachkommt – das sollte mir Paul schreiben. Und Steinhausen versprach mir, das Eisen sofort zu schmieden, sowie er nach Königsberg käme, und er ist gewiß der Mann dazu. Sobald er Annaliesens Jawort hatte, sollte er mir eine Depesche schicken. Nun, er ist seit vier Tagen fort – es kommt kein Brief von Paul, es kommt keine Depesche von Steinhausen! Deshalb sage ich: auf die Männer ist kein Verlaß! Daß ich aber das an einem Offizier, an einem meiner Adjutanten erleben muß, siehst Du, Kunigunde, das ist’s, was mich schmerzt!“

„Vielleicht will Dich das Brautpaar überraschen,“ wandte die Stiftsdame ein.

„Wenn Steinhausen mir ein Telegramm verspricht, so hat er mir ein Telegramm zu schicken und keine Ueberraschung! Ich bin ja auf die Verlobung durchaus vorbereitet –“

Draußen war ein Wagen vorgefahren, und es hatte heftig geläutet. Jetzt öffnete die Kanapé mit einem wichtigen und erfreuten Gesicht sperrangelweit die Thür des Zimmers . . . im Rahmen dieser Thür stand Annaliese neben dem Professor Gregory.

Dieser Anblick befremdete die alte Generalin keineswegs – das heißt, sie war erstaunt, ihre Enkelin schon heute, schon jetzt hier zu sehen, aber daß sie Annaliese sah, war ja der beste Beweis, daß ihr Herzenswunsch sich erfüllt hatte. Und Paul Gregory? Ja, der hatte natürlich den Reisemarschall gemacht, da man die Kanapé nicht rechtzeitig hatte entbieten können! Sehr gefällig und verständig von dem Besten, dem jungen Mädchen diesen Dienst zu leisten; das Brautpaar allein in der Welt herumreisen zu lassen, wäre ja der Gipfel der Unschicklichkeit gewesen! Daß der Professor noch nach Litanen hatte gehen wollen, fiel der Generalin weiter nicht ein . . . was gingen sie Pauls Studien an? So war sie ihm denn dankbar, recht dankbar.

„Da bist Du ja, meine Kleine!“ rief sie herzlich und erhob sich vom Sofa. „Komm, mein Kind – so, laß’ Dich küssen und anschauen, Du siehst ja wohl und munter aus! Ich muß Dir sagen, ich bin doch froh, daß Du wieder bei mir bist – ich vermißte Dich recht, trotzdem ich meine gute Kunigunde bei mir habe. Mit Dir kommt die Freude ins Haus, diesmal eine doppelte Freude, das lob’ ich mir! Nun, und wo ist Steinhausen?“

Ueber Annaliesens Gesicht zuckte ein muthwilliges Lächeln.

„Steinhausen?“ wiederholte sie. „Nun, der ist, soviel ich weiß, schon gestern abend hier eingetroffen.“

„Nicht möglich! Und hat sich nicht bei mir gemeldet? Hat mir nicht die Verlobung angezeigt?“

„Das heißt wirklich etwas zuviel von ihm verlangen, Großmama, soviel Selbstverleugnung hat Steinhausen nicht. Möchtest Du nicht Paul begrüßen?“

Es fiel der Excellenz in ihrer Erregung nicht auf, daß ihre Enkelin den Professor Gregory „Paul“ nannte – sie war ganz außer sich über Steinhausen. „Paul? Gewiß – natürlich – wie geht’s Dir, mein lieber Paul? Du siehst ja vortrefflich [703] aus – aber sagt mir, erklärt mir, wie hängt das zusammen? Es war sehr gut von Dir, Paul, die Kleine unter Deinen Schutz zu nehmen, sie hätte sonst wahrhaftig allein reisen müssen! Aber diese Zurückhaltung von Steinhausen geht denn doch zu weit – und mich nicht zu benachrichtigen, wie er es doch fest versprochen hatte –“

„Beste Tante,“ fiel Gregory ein, „Sie können doch wirklich nicht erwarten, daß der Lieutenant von Steinhausen Ihnen die Verlobung Ihrer Enkelin Annaliese mit mir meldet.“

Es wurde für eine Minute ganz still im Zimmer. Fräulein Kunigundens Stickarbeit lag am Boden, im Hintergrund sah die Kanapé, die vor Neugier verging, durch einen Thürspalt – die Augen der Generalin wanderten von einem zum andern. „Verlobung Annaliesens mit wem?“ fragte sie endlich mit schwacher Stimme.

„Mit mir, liebe Tante,“ entgegnete der Professor ruhig.

Die Excellenz ging zum Sofa zurück und setzte sich würdevoll darauf zurecht. „Paul, ich hoffe, Du erlaubst Dir einen Scherz mit mir, obgleich ich hinzufügen muß, daß sich das durchaus nicht schickt und daß es ein sehr schlechter Scherz ist.“

„Meine verehrte Tante, ich habe mir noch in meinem ganzen Leben mit Ihnen keinen Scherz erlaubt, am wenigsten würde ich das in einer so wichtigen Angelegenheit thun.“

Die Generalin wurde immer steifer im Rücken. „Aber das ist empörend! Das ist eine Hinterlist! Das –“

„Sprich nicht weiter, Großmama!“ rief Annaliese in dringendem Ton. Sie kniete neben der alten Dame nieder und zog deren kalte, widerstrebende Hände an ihre Lippen. „Ich liebe nicht Steinhausen, ich liebe Paul! Ich habe auch Steinhausen nie geliebt und weiß genau – hörst Du, Großmama, ganz genau – daß sein Herz nichts für mich empfindet, daß er mich nur aus Berechnung wählen wollte. Ich habe das gottlob noch zur Zeit erfahren und bin dem Zufall dankbar, denn ohne diesen hätte ich nie verspürt, was echte wahre Liebe ist, hätte ich Steinhausen mein Jawort gegeben, nur weil er mir gefiel, weil ich nichts gegen ihn hatte! Aber gegen die zahme Empfindung, die ich für ihn hatte, ist meine Liebe zu Paul wie eine hohe Flamme – wir sind so glücklich, Großmama, so über die Maßen glücklich!“

„Und wenn ich zu diesem Glück meine Zustimmung verweigere?“

„Das wirst Du nicht, Großmama! Ich könnte Dir antworten, daß ich mündig gesprochen bin, aber Du wirst mich nicht zwingen, das zu betonen! Du kannst nicht! Du bist selbst jung gewesen und hast geliebt und durftest glücklich sein –“

„Ich habe mich dem Willen meiner Eltern gefügt!“

„Weil er mit dem Deinigen zusammentraf! Ach, Großmama, wir bitten Dich beide – Paul!“ Er stand schon neben ihr und neigte sich bittend über die Hand der Generalin.

„Tante, liebe verehrte Tante!“

„Du weißt, Annaliese, ich hatte bestimmte Pläne mit Dir. In der ganzen geraden Linie der Guttenbergs –“

„Großmama, laß uns doch einmal abweichen von der geraden Linie! Haben wir nicht das Recht dazu? Du kannst gegen Paul nichts haben –“

„Gott im Himmel, nein! Aber – ich hab’ ihn mir nie zum Gatten für meine Enkeltochter gewünscht. Wenn er wenigstens beim Militär wäre! Er könnte bald Major sein –“

„Mir ist er lieber als Professor!“

Die alte Excellenz griff sich hilflos an die Haube.

„Es ist wie in der Komödie! Dumm und schwach komme ich mir vor. Gern kann ich Dir meinen Segen nicht geben, Kind, obgleich Paul ein Ehrenmann ist, aber am Ende – was kann ich dagegen thun? Himmel, die ganze Stadt wird auf Stützen stehen, wenn man es erfährt! Dazu mußtest Du nach diesem Königsberg gehen? Das hättest Du schließlich auch hier haben können!“

„Nein,“ sagte Annaliese und umarmte glückstrahlend ihren Verlobten und die Großmutter zugleich. „Ich habe dort mein Selbstvertrauen, meine Unbefangenheit und meine Lebenslust wiedergefunden; sie haben es mich dort alle gelehrt, und Paul zumeist, daß man mich lieben könne um meinetwillen!“


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Weltausstellungsbriefe aus Chicago.

Von Rudolf Cronau.
V.
Ein Rundgang bei den außerdeutschen Nationen.

Haben wir in unserem letzten Artikel Deutschlands Antheil an der Kolumbischen Weltausstellung zu schildern gesucht, so wollen wir heute einen gedrängten Ueberblick über die Leistungen der fremden Nationen geben, soweit sie die Weltausstellung beschickt haben.

Schräg gegenüber der deutschen Abtheilung im Industriepalaste erhebt sich der ausgedehnte Kiosk der Franzosen. Nicht ohne eine gewisse Unruhe hatten die deutschen Aussteller der Eröffnung desselben entgegengesehen; als sie endlich erfolgte, durften unsere Landsleute sich hochaufathmend sagen, daß die französische Abtheilung der deutschen keinen Eintrag thue, denn ihr äußerer Aufputz ist keineswegs ein glücklicher zu nennen. Ist auch das große Mittelportal mit der davorsitzenden Statue der Republik von guter Wirkung, so erscheinen doch die Flanken des Kiosks durch die stete Wiederholung der viel zu massiven Karyatiden plump und langweilig. Weitaus glücklicher ist der Schmuck der Innenräume. Hier feiert die französische Dekorationskunst wahre Triumphe, auch verdienen die zur Schau gestellten Gobelins, Bronzen, Limoges- und Sèvresporzellane sowie die Prunkmöbel rückhaltlose Bewunderung. In den Kojen, welche nach der Columbia Avenue zu gelegen sind, hat Königin Mode ihr Reich aufgeschlagen, tagaus tagein versammeln die hier von den berühmtesten Kleiderkünstlern geschaffenen „Kompositionen“ aus Seide, Sammet, Brokat und feinen Pelzen ein dankbares, hauptsächlich aus Damen bestehendes Publikum. Von Wichtigkeit ist auch die im französischen Kommissariatsgebäude untergebrachte Ausstellung der Pariser Gemeindeverwaltung, die sich über alle Gebiete der Gesundheitspflege, Wohlthätigkeit, Erziehung, Polizei, des Bauwesens und der Kanalisation erstreckt und manche neue Anregung bietet. Im Kunstpalast zeigen sich die französischen Maler als unübertroffene Meister in Kolorit und Technik, die Bildhauer überraschen gar häufig durch hohen idealen Schwung und vielfach, besonders bei Wiedergabe kämpfender Thiergruppen, durch eine überaus lebendige Realistik.

Stehen so die Franzosen mit in erster Reihe, so haben die Engländer vielfach Enttäuschung hervorgerufen. Von einem monumentalen Gesamtaufbau ist keine Rede, die englische Abtheilung im Industriepalast tritt nur durch den übermäßigen Flaggenschmuck hervor. Gewiß enthalten die einzelnen Kojen des Schönen und Werthvollen ungeheuer viel, doch vermag England, was die Gesamtwirkung betrifft, nicht mit Frankreich, geschweige denn mit Deutschland sich zu messen. In Bezug auf die äußere Anordnung wird es sogar von allen anderen europäischen Staaten übertroffen, so besonders von Oesterreich, welches die vielfachen Erzeugnisse aller Länder der kaiserlichen und königlichen Krone unter einem prächtigen Monumentalbau vereinigt hat. Besonders schön, reichhaltig und geschmackvoll hergerichtet ist die Ausstellung böhmischer Glaswaren.

Schmuck wie eine von Gebirgsluft umwehte Sennin im Sonntagsgewand zeigt sich die Abtheilung der Schweiz. Vorzügliche Uhren und Musikdosen sowie feine Handarbeiten bilden die wichtigsten Ausstellungsgegenstände des kleinen Ländchens. Einen vornehmen Eindruck macht auch die Koje des Staates Belgien, welcher vorzügliche Fayencen, Teppiche, riesige Spiegelglasscheiben, Spitzen, Jagdgewehre und viele andere Dinge nach Chicago sandte, während Holland ganz besonders in Delfter Porzellan, feinen Likören, in Kakao, Chokolade, Kaffee und anderen Erzeugnissen seiner Kolonien sich hervorthut.

Unsere Nachbarn im Osten, die Russen, haben gleichfalls überraschend Schönes gesandt. Ihre Pelzhändler behaupten auf der ganzen Weltausstellung den ersten Platz; die Steinschleifer haben nicht nur die kostbarsten Schalen aus Jadeït, Nephrit, [704] Rhodonit, Labrador und Bergkrystall geliefert, sondern es auch verstanden, kunstvolle Steinmosaiken zu verfertigen, die wie fein abgetönte Gemälde wirken. Die russische Reichsdruckerei macht in Ausführung der schwierigsten und verwickeltsten Arbeiten derjenigen der Vereinigten Staaten den Rang streitig. Vielfach sind freilich diese Fortschritte von germanischem Geist getragen, nehmen doch vorzugsweise Deutsche die verantwortungsvollen Stellungen an jenen russischen Staatsanstalten ein.

Nicht so glücklich wie die russische Abtheilung sind diejenigen der skandinavischen Völker. Schweden und Norwegen marschieren, obwohl diese Länder politisch in engstem Zusammenhang stehen, scharf getrennt voneinander, auch sind ihre Ausstellungen nicht besonders übersichtlich gruppiert. Schwedens Eisenindustrie, Norwegens Großfischerei, die kräftig entwickelte, allenthalben noch altnordische Motive bewahrende Holzschnitzerei, der Bergbau u. s. w. finden eingehende Berücksichtigung, daneben sind die ethnographischen Eigenthümlichkeiten der Skandinavier durch zahlreiche zu Gruppen vereinigte Kostümfiguren veranschaulicht. In getreuer Weise spiegelt die dänische Abtheilung den Charakter Jütlands und des daneben liegenden Archipels wieder, ferner werden wir gleich am Eingang durch zwei Statuen daran erinnert, daß Dänemark der Welt zwei Männer gab, deren Namen jedem Gebildeten lieb und theuer sind: Thorwaldsen, den Bildhauer, und Andersen, den Märchenerzähler. Die Dänen stellen überdies das berühmte „Flateyjarbok“ aus, eine uralte isländische Pergamenthandschrift, welche als die wichtigste aller Quellen über die kühnen Fahrten der Normannen nach Grönland, Markland und Vinland gilt. Eines der Boote, auf denen jene verwegenen Abenteurer alle europäischen Meere durchstreiften und ums Jahr 1000 sogar das Festland von Nordamerika erreichten, wurde, wie die Leser aus Nr. 24 sich erinnern, von von Norwegen in getreuer Nachbildung angefertigt und von dem Kapitän Magnus Andersen über den Ocean und durch den Eriekanal, den Erie-, Huron- und Michigansee glücklich bis an seinen jetzigen Ankerplatz geführt.

In ausgedehntem Maß haben sich auch die Türken und Südeuropäer an der Weltausstellung betheiligt. Erstere sandten eine kostbare Sammlung älterer Teppiche und Stickereien, die Griechen werthvolle archäologische Sammlungen, während Italiens Stärke in Kunstmöbeln mit eingelegter Arbeit, in Bildschnitzereien, Broncen und ganz vornehmlich in Marmorstatuetten ruht. Weitere Hauptfächer der Italiener sind herrliche Majolikamalereien, duftige, schön gezeichnete Spitzen, von denen besonders die venetianischen durch ihre Feinheit alle Damenherzen überraschen. Unschätzbar an Werth ist besonders die von der Königin von Italien hergeliehene Sammlung alter Spitzen, von denen manche über ein Jahrtausend alt sein sollen.

Der kalifornische Apfelsinenthurm.

Spanien und Portugal bieten gleichfalls des Bewundernswerthen die Menge. Unter den kunstgewerblichen Leistungen des erstgenannten Landes fallen ganz besonders zwei große Prachtvasen auf, deren goldinkrustierte Zierate sich entzückend schön von dem mattschwarzen Stahluntergrund abheben. Die eine Vase, im altklassischen Stil gehalten, kostet die Kleinigkeit von 100.000, die andere im Renaissancestil hingegen das runde Sümmchen von 180.000 Mark.

Aehnliche Prunkvasen, deren überreiche Ornamentik mit dem Stichel in Gelb- und Rothkupfer graviert ist, gehören zu den kostbarsten Erzeugnissen Vorderindiens, das außerdem die verschiedensten Theesorten, farbenprächtige Teppiche und Seidenzeuge, Elfenbeinschnitzereien, mit Perlmutter und Elfenbein eingelegte Holzarbeiten, Modelle bizarrer Tempel und Moscheen, wohlriechende Gewürze, kurz alle jene Schätze ausgebreitet hat, welche schon vor Jahrhunderten Abenteurer und Entdecker zu jenem Wunderland am Ganges und zu dem paradiesischen Eiland Ceylon zogen.

Unter den auf der Kolumbischen Weltausstellung vertretenen asiatischen Völkerschaften nehmen die Japaner unbedingt den ersten Rang ein; nach der deutschen Abtheilung hat keine so sehr überrascht wie die japanische. Wußten die Bewohner jenes fernen Inselreiches sich schon auf früheren Weltausstellungen große Anerkennung zu verschaffen, so verblüffen sie hier durch wahre Glanzleistungen ihrer eigenartigen Kunst und Industrie. Zum Theil sind diese Leistungen geradezu unerreichbar, so z. B. einige herrliche Vasen in jener Art von Emailmalerei, die man Zellenschmelz oder Cloisonné nennt; ihr Werth beziffert sich nach Tausenden von Dollar. Ferner sind da Gobelinwebereien, welche selbst die feinsten französischen Arbeiten dieser Art noch hinter sich lassen. Unter ihnen fällt besonders ein Teppich auf, dessen 4 Meter langes und 2½ Meter breites Mittelstück einen aus Hunderten von Personen bestehenden Festzug zeigt. Auch die köstlichen Arbeiten in Bronze und Eisen bekunden, daß es für dies Volk fast nichts Unmögliches mehr giebt. Der Künstler Itao Schujiro schuf aus Schmiedeeisen einen lebensgroßen Adler, dessen Flügel aus 3000 einzelnen Federn zusammengesetzt sind, von denen eine jede wieder mit Tausenden von feinen Linien graviert ist, damit größtmögliche Naturwahrheit erzielt werde. Fünf volle Jahre widmete der Künstler diesem Meisterwerk.

Ein anderes, nicht minder bewundernswerthes Stück stellt eine Hühnerfamilie dar. Die Henne lagert mit ihren Küchlein zwischen dem Wurzelwerk eines knorrigen Baumstumpfs, auf dessen letztem nur noch wenige Blätter tragenden Ast der Hahn sich niedergelassen hat. Jedes Federchen, jedes Blättchen, ja selbst die Flechten und das Moos am Baumstumpf sind mit solcher Naturtreue ausgeführt, daß man im Zweifel darüber ist, was bewundernswerther sei, die Beobachtungsgabe des Künstlers oder seine fabelhafte Geschicklichkeit und unermeßliche Geduld.

Daß die Japaner große Naturfreunde und feine Beobachter sind, zeigt sich auch in ihren zahlreichen auf Rohseide, Papier oder Holz ausgeführten Malereien, unter denen Thierstücke und Landschaften den ersten Rang einnehmen. Kämpfende Falken, hinter ihrer Beute herrauschende Adler, stromaufwärts ziehende Fische, Winterlandschaften mit reifbedeckten und vom Nebel umwallten Föhren, malerisch gelegene Herbergen und Theehäuser auf dem Lande – das sind so die Stoffe, in denen die japanischen Maler großartig sind.

Aber auch die Arbeiten der Holzschnitzer erregen großes Aufsehen, so besonders die Bildsäule des unglücklichen Staatsmannes Kamon No Kami Naosuke, der seine erfolgreichen Bemühungen, das Reich des Sonnenaufgangs abendländischer Kultur zu öffnen, mit dem Leben bezahlen mußte. Wenngleich diese japanischen Arbeiten sich von europäischen Kunstwerken himmelweit unterscheiden, so zeugen sie doch allenthalben von dem frischen Geist, der heute in Japan lebendig ist.

Daß dieser Geist noch nicht in das benachbarte China eingezogen ist, lehrt ein Blick auf die Erzeugnisse dieses Reiches. Allenthalben ein Verharren in uralten überkommenen Formen, die, weil jede Befruchtung von außen fehlte, durchweg ins Groteske, Bizarre ausarteten und nur selten das Auge zu erquicken vermögen. Noch schärfer treten die Folgen der thörichten Sucht, sich gegen fremde Einflüsse abzuschließen, in der Ausstellung des Reiches Korea vor Augen. Nur darum vermögen die Ausstellungsgegenstände desselben besondere Aufmerksamkeit zu erregen, weil es das erste Mal ist, daß Korea sich an einer Weltausstellung betheiligt. Nicht nur hatte Korea bisher alle Annäherungsversuche der Europäer und Amerikaner zurückgewiesen, sondern sich sogar gegen seine unmittelbaren Nachbarn China und Japan so erfolgreich [705] abzuschließen gewußt, daß kaum irgendwelche Wechselbeziehungen zwischen diesen verwandten Ländern stattfanden. Unter solchen Verhältnissen kann es nicht befremden, daß die Erzeugnisse der Koreaner sich nicht im entferntesten mit denjenigen der Chinesen, geschweige denn mit denen der Japaner vergleichen lassen. Nur der kühnen Entschlossenheit eines koreanischen Naosuke könnte es vielleicht gelingen, dies Land aus dem Sumpf zu erlösen, in den es dank der thörichten Politik seiner chinesischer als chinesisch denkenden „Staatsmänner“ gerathen ist.

In der japanischen Porzellanausstellung.

Einen höchst erfreulichen Gegensatz zu jenem Lande bildet ein Staat, der als der einzige unter den englischen Kolonien Australiens sich an der Weltausstellung betheiligt hat: Neu Süd Wales. Ein jugendfrischeres Auftreten ist bei keinem Staatswesen zu bemerken. Legt der junge Staat selbstverständlich das Hauptgewicht auf die Ausstellung seiner Naturerzeugnisse und ist er demgemäß in den Hallen für Bergbau, Gartenbau und im Landwirthschaftsgebäude am stärksten vertreten, so wird doch auch in den anderen offiziellen Gebäuden die Flagge von Neu Süd Wales nirgendwo vermißt. Besonders sehenswerth ist die mineralogische Sammlung, in welcher sich unter anderem ein Klumpen gediegenen Goldes im Gewicht von 3040 Unzen befindet.

Auch Englands Kolonien in Südafrika fehlen nicht in dem friedlichen Wettkampf der Völkerschaften. Kapland sandte werthvolle Felle, Straußenfedern, Elfenbein und Tausende von rohen Diamanten, die aus den berühmten Minen der Kimberley Region stammen. 150 Tonnen diamanthaltiger Felsen und Erde wurden von Südafrika nach Chicago geschleppt, lediglich zu dem Zwecke, um es zu ermöglichen, den Besuchern der Weltausstellung den Prozeß des Auswaschens vorzuführen. Zu gleicher Zeit veranschaulichen mehrere der besten Diamantschleifer die Kunst, jene kostbaren Edelsteine zu schneiden, zu polieren und marktfähig zu machen. –

Wenden wir uns nun dem Welttheil Amerika zu. Die süd- und centralamerikanischen Republiken beschränken sich in der Hauptsache auf die Ausstellung ihrer vielartigen Naturerzeugnisse; hier und da treten archäologische und ethnographische Sammlungen hinzu, während Photographien und Oelgemälde Scenen aus dem Volksleben, Landschafts- und Städtebilder vorführen. Die Republiken Brasilien, Venezuela, Columbia und Mexiko haben sich durch ganz merkwürdige und umfassende Beiträge ausgezeichnet, können sich aber selbstverstänblich, was Pracht und Mannigfaltigkeit betrifft, nicht im entferntesten mit ihrer Schwester germanischen Stammes, der Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika, messen, deren Abtheilungen recht eigentlich den Kernpunkt der Kolumbischen Weltausstellung bilden.

Es ist freilich ungemein schwer, einen Gesamtüberblick über die Leistungen der Amerikaner zu gewinnen. Sie brachten nicht nur ihre Landesprodukte und gewerblichen Erzeugnisse massenhaft zur Ausstellung, sondern diese Ausstellungsgüter sind auch über sämtliche amtlichen Bauten, über mehrere Einzelpaläste sowie über 46 Staatsgebäude verstreut. Die Möglichkeit, das Gesamtbild in so übersichtlicher Weise abzurunden, wie etwa die deutsche oder französische Abtheilung es thut, war von vornherein ausgeschlossen, und so leidet die amerikanische Abtheilung unstreitig an einer Zersplitterung, die es ungemein erschwert, das Facit zu ziehen. Nur dann ist es möglich, einen Begriff von der erdrückenden Wucht des Gebotenen zu gewinnen, wenn man ohne Rücksicht auf ungeheuren Zeitverlust daran geht, sämtliche amerikanischen Abtheilungen der Reihe nach ernstlich zu studieren. Dann wächst und wächst die Achtung vor der Leistungsfähigkeit des amerikanischen Volkes, und fast könnte einem die Frage zu schaffen machen, was aus uns Bewohnern der Alten Welt werden soll, wenn dies gewaltige Volk wirklich einmal dahin gelangt sein wird, seine Kräfte und Fähigkeiten, den unerschöpflich scheinenden Reichthum seines Landes völlig auszunutzen.

Entthronte Götter.

Amerikas Wohlstand fließt in erster Linie aus der riesigen Ertragsfähigkeit seines Bodens. Die glänzendsten Beispiele hierfür bieten wohl die Staaten Kalifornien, Washington, Iowa, Kansas und Illinois, welche wir nicht nur an den Gesamtausstellungen im Gartenbau-, Landwirthschafts- und Bergbaupalast sowie im Forstgebäude betheiligt finden, sondern welche auch in ihren eigenen Staatsgebäuden Ausstellungen veranstaltet haben, die ein so völlig abgeschlossenes Bild von dem Können und Vermögen des Staates bieten, daß man sich fort und fort bedauernd fragt, warum nicht auch die anderen zur Union gehörenden Staaten diesen schönen Vorbildern folgten, statt ihre Repräsentationsbauten zu bloßen Klubhäusern zu machen. Wie lehrreich würde sich eine derartige Staatenausstellung haben gestalten lassen, wie würden die Europäer, ja die Amerikaner selber erstaunt gewesen sein über die Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse, welche die Union hervorzubringen vermag! Man betrachte z. B. nur einmal die mustergültige Ausstellung des jungen Staates Washington. Sprühender Unternehmungsgeist [706] leuchtet allenthalben hervor; die gewaltigen Baumstämme, aus denen das kolossale Blockhaus gefügt ist, sind aus dem fernen Staat hierhergeschafft worden; der 65 Meter hohe und über einen Meter im Durchmesser haltende Flaggenmast neben der Eingangspforte wuchs gleichfalls in den immergrünen Wäldern Washingtons; im Innern des Gebäudes sehen wir auf riesigen Gemälden die wundervollen Landschaftsbilder des Staates, die Ufer des gigantischen Columbiastroms, die aus Wolkenhöhe herniederrauschenden Wasserfälle, die stillen Buchten des entzückenden Puget Sundes, in dessen Wassern sich die schneeüberlagerten Berggipfel des Mount Tacoma und der Olympic- und Kaskadengebirge spiegeln. Mitten in der Haupthalle des Blockhauses steht das 2000 Quadratfuß einnehmende Modell einer Musterfarm, ein Riesenspielzeug. Rings umher sind die verschiedenen im Staat gezogenen Getreidearten gruppiert, zugleich legen unzählige mit Früchten und Konserven gefüllte Glasbüchsen Zeugniß von dem gewaltigen Fruchtreichthum Washingtons ab. Eine höchst eigenartige Holzbibliotek macht uns mit sämtlichen in Washington wachsenden Holzarten, ihrer Geschichte und ihrem Werth bekannt; an anderen Orten sehen wir eine ausgezeichnete Sammlung ausgestopfter Thiere, die nicht nur den an den urweltlichen Riesenhirsch erinnernden 700 Kilogramm schweren Elk enthält, sondern auch sämtliche Raubthiere, Nager, Amphibien, Vögel und Fische. Ein weiterer Raum ist ausschließlich mit den verschiedenen Minenerzeugnissen gefüllt. Gold-, Silber-, Blei- und Eisenerz liegt zu Bergen aufgeschichtet, auch sehen wir einen Kohlenklotz von 8 Metern Länge, 1½ Meter Höhe und Breite im Gewicht von 50,250 Pfund.

Die Sonderausstellung Kaliforniens lag nicht minder in guten Händen. Galt Kalifornien bisher als ein Goldland, so ist es heute noch mehr ein Fruchtland. Unter seinem ewig blauen Himmel, in seinem milden Klima nehmen alle Obstsorten eine so fabelhafte Größe an, daß man sich thatsächlich scheut, dieselbe mitzutheilen, um nicht in den Verdacht der Aufschneiderei zu kommen. Pflaumen, groß wie Gänseeier; Aepfel, Pfirsiche und Aprikosen im Format von Kinderköpfen; Apfelsinen, von denen einzelne einen Umfang von 45 Centimetern erreichen; Birnen im Gewicht von 2–3 Kilogramm, Trauben, welche an diejenigen erinnern, die von den Kundschaftern aus dem Lande Kanaan heimgebracht wurden – das sind neben 1½ Fuß langen Tannenzapfen, Bergen von Goldquarz, Pyramiden aus Weinflaschen und Konservengläsern, Riesenthürmen aus lauter Orangen die hervorragendsten Schaustücke jenes Edens am Gestade des Stillen Oceans.

Die Mittelstaaten der Union, Dakota, Nebraska, Kansas, Iowa, Illinois und andere, haben ihre Stärke in prachtvollen Getreidearten; sie haben aus diesem Material nicht nur ganze Paläste aufgeführt, sondern mitunter auch aus Aehren und Samenkörnern große Bilder zusammengesetzt. So enthält z. B. das Gebäude von Illinois ein derartiges, eine Farm darstellendes Riesenbild, dessen Rahmen aus lauter Maiskolben gebildet und dessen Vorhang aus den Rispen verschiedener Gräser gewebt ist.

Bieten die Südstaaten Zuckerrohr, Baumwolle und Tabak, so haben die sogenannten „Minenstaaten“ Kolorado, Nevada, Wyoming, Montana, Idaho und andere ihre reichen Erze im Palast für Bergbau ausgestellt, wo auch fast sämtliche anderen Staaten ihre Mineralien, verschiedene Steinsorten, Kohlen und Petroleum niederlegten.

Von hohem Interesse ist auch ein Besuch des Forstgebäudes, wo wir sämtliche Hölzer Amerikas in rohem und verarbeitetem Zustande finden. Aeußerst lehrreich ist z. B. die von New York veranstaltete Sammlung sämtlicher in diesem Staat wachsenden Bäume und Waldpflanzen. Von ersteren finden wir nicht nur große Photographien, welche den betreffenden Baum mit und ohne Laub darstellen, sondern gleich daneben wird sein anatomischer Bau durch vorzüglich ausgeführte Quer-, Tangential- und Radialschnitte veranschaulicht und zugleich werden durch eingeheftete kleine natürliche Zweige die Blätter, Blüthen und Früchte der betreffenden Holzart gezeigt.

Haben die Vereinigten Staaten durch den Massenertrag ihrer Landwirthschaft und ihres Bergbaus bereits einen bestimmenden Einfluß auf den Weltmarkt gewonnen, so ist ihr ganzes Streben dahin gerichtet, auch mit ihrer Industrie nicht nur von der Alten Welt unabhängig zu werden, sondern dieser eigenen Industrie den Weltmarkt zu erobern. Bereits im Jahre 1880 konnte die Union als der größte Industriestaat der Welt gelten, da ihre industriellen Erzeugnisse schon damals einen Werth von 1112 Millionen Pfund Sterling darstellten gegen 818 für England und 2600 für die Produkte ganz Europas. Und seit jener Zeit hat sich die Industrie Amerikas noch gewaltig entwickelt! Es giebt kaum einen Zweig, in welchem die Amerikaner nicht mehr oder minder erfolgreich thätig wären, und wenn sich auch unter den ausgestellten Erzeugnissen vieles Minderwerthige befindet, so ist doch sehr viel Gutes, Werthvolles und Praktisches darunter. So wetteifert Amerika z. B. in der Herstellung von Pianos, Geldschränken, Möbeln, Uhren, allerhand Hausgeräth, Betten, Koffern, Eisen-, Stahl- und Lederwaren, Filzen, Papier und vielen anderen Dingen mit den besten europäischen Firmen, in einigen Zweigen des Maschinen-, Eisenbahn- und Wagenbaues zeigt es sich sogar überlegen. Nur in kunstgewerblichen Arbeiten steht es noch weit zurück und reicht nicht im entferntesten an die wundervollen Erzeugnisse der Alten Welt hinan.

Betrachten wir dagegen wieder die graphischen Künste, den Stahl- und Kupferstich, den Holzschnitt und die anderen vervielfältigenden Verfahren, so müssen wir gestehen, daß Amerika uns in manchem überholt hat.

Zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Weißen Stadt gehört unstreitig das im Kapitolstil aufgeführte Regierungsgebäude, dessen Abtheilungen von den verschiedenen Ministerien der Bundesregierung eingenommen werden. Das Kriegsministerium zeigt in zahlreichen Figurengruppen die Uniformen der amerikanischen Armee vom Tage der Unabhängigkeitserklärung ab bis heute, ferner alle Waffen vom kleinsten Revolver bis zur 50-Tonnenkanone, endlich zahllose Trophäen und Reliquien aus früheren Kriegen und Forschungszügen. Das Staatsministerium sandte die werthvollsten geschichtlichen Dokumente. Das Ministerium des Innern veranschaulicht in Verbindung mit dem Smithsonian Institut durch wundervolle Figurengruppen das Leben der Indianer Nordamerikas; das Generalpostamt erlaubt uns einen Einblick in die Geheimnisse seiner Verwaltung, und ebenso bieten das Ministerium des Ackerbaus, das Schatzamt, das geologische und das Patentbureau ungemein reiche Schätze.

Außerhalb des Regierungsgebäudes, und zwar auf einer getreuen naturgroßen Nachbildung des Schlachtschiffes „Illinois“, hat die Ausstellung des Marineministeriums Platz gefunden.

Auch in allen Zweigen des geistigen und künstlerischen Schaffens herrscht bei den Amerikanern ein ungemein reges Leben. So bekunden z. B. zahlreiche, im Gebäude für Anthropologie vereinigte Sammlungen den großen Eifer, mit dem man bemüht ist, die Vorzeit der Neuen Welt aufzuhellen. Diese Sammlungen sind die Ergebnisse großartiger Expeditionen, die eigens nach Yucatan, Guatemala, Nicaragua und dem alten Inkareich geschickt wurden, damit sie all das sammeln möchten, was über das Leben der altamerikanischen Kulturvölker Licht verbreiten könnte. Zahllose große Photographien, Modelle und Abgüsse zeigen uns die kaum zugänglichen Behausungen der längst verschollenen Klippenbewohner Utahs und Arizonas, die phantastischen, von Urwald überwucherten Ruinenstädte und Paläste der Mayavölker von Yucatan, die Heiligthümer und Friedhöfe der peruanischen Inkastämme. Zu Dutzenden sind auch die Steinbilder der alten Gottheiten jener Länder hier versammelt. Sie, denen in den Tagen ihres Glanzes ganze Kohorten warmblütiger Menschen zum Opfer gebracht wurden, blicken jetzt mit ihren steinernen Augen starr ins Leere, als vermöchten sie nicht zu fassen, daß auch Götter und Religionen dem Gesetz der Vergänglichkeit unterliegen.

Auch dem Erziehungs- und Schulwesen haben die Amerikaner einen breiten Raum gewidmet. Die auf der Westgalerie des Industriepalastes veranstaltete Sammelausstellung der verschiedensten Hoch-, Volks- und Privatschulen ist eine der umfassendsten und lehrreichsten, die je zusammengebracht wurde.

Sehr zahlreich erscheinen auch die amerikanischen Künstler auf dem Plan. Wenn ihre Abtheilung durchaus nicht frei ist von Mittelmäßigem, so enthält sie doch auch eine ganze Reihe vorzüglicher Werke, die zu den größten Erwartungen für die Zukunft berechtigen. Uns will es scheinen, als ob die amerikanischen Maler und Bildhauer gerade dann die schönsten Erfolge erzielen, wenn sie sich heimischen Stoffen zuwenden und ihre Motive den einsamen Wäldern, den unermeßlichen Prairien, den Höhen der [707] Felsengebirge, dem eigenartigen Volksleben der Neger, der westlichen Ansiedler und der Urbewohner entnehmen. Ist die Richtung der amerikanischen Kunst noch schwankend, neigt sie sich bald diesen, bald jenen fremdländischen Einflüssen zu, so zeigt sich doch bereits ein festes Bemühen, sich von diesen Einflüssen loszuringen. Bei diesem Ringen, bei dem ausgesprochenen Streben nach unmittelbarer Naturwahrheit wird zweifellos auch die amerikanische Kunst dereinst einen nationalen Charakter gewinnen.

So wird auf allen Gebieten des Lebens mit Eifer und Kraft gearbeitet, aber auch nirgendwo ist stetes Fortschreiten so sicher zu beobachten wie hier. Es giebt Leute, welche prophezeien, daß der Schwerpunkt der Kultur eines Tages nicht mehr auf europäischem Boden ruhen, sondern nach dem der Vereinigten Staaten gerückt sein werde. Möge dem sein, wie ihm wolle, sicherlich sollten wir Europäer es nicht unterlassen, unsere Blicke häufiger als bisher nach jenem Welttheil, nach jenem jungen Kulturland zu richten, auf dessen Boden vielleicht noch die größten und wichtigsten Fragen der Menschheit zum Austrag kommen werden.


Von den österreichisch-ungarischen Manövern bei Güns.

Zu den Bildern Seite 689, 693 und 707.

Nicht weit entfernt von der Grenze zwischen Oesterreich und Ungarn, in dem ungarischen Komitat Eisenburg, liegt ein kleines alterthümliches Städtchen von etwa 7000 Einwohnern, fast vergessen von der Welt, trotzdem es die Ehre hatte, einmal – es sind allerdings schon vierhundertfünfzig Jahre her – einem gewaltigen Türkenheer erfolgreich Trotz zu bieten und es zum Abzug in seine östliche Heimath zu veranlassen. Ueber der ungeheuren Glanzthat der Errettung Wiens aus den Händen der Muselmanen trat der Ruhm jener kleinen Stadt und ihrer muthigen Vertheidiger in den Schatten, und die Muse der Geschichte hat seither keine besondere Veranlassung mehr gefunden, den Namen des wackeren Türkenbollwerks in der Erinnerung der wechselnden Menschengeschlechter aufzufrischen. Heute auf einmal ist er wie ein Meteor aus dem Dunkel aufgetaucht, glänzend und farbenschillernd, aber auch darin einem Meteor vergleichbar, daß es mit dem Glanz bald wieder ein Ende nahm. Das Städtchen heißt Güns, und es ist in den Tagen vom 17. bis zum 21. September der Mittelpunkt jenes gewaltigen Kriegsspiels geworden, das durch die Masse der aufgebotenen Truppen eine hohe technische Bedeutung und durch die Anwesenheit des deutschen und des österreichischen Kaisers, des Königs von Sachsen, zahlreicher Erzherzöge, Prinzen und hoher Würdenträger aus den beiden verbündeten Reichen einen so außerordentlichen Glanz erhielt.

Es kann nicht unsere Absicht sein, dem Leser den Gang dieser Manöver im einzelnen zu erzählen. Es genüge ihm, zu erfahren, daß vier Armeecorps und drei ungarische Landwehrdivisionen, im ganzen etwa 130.000 Mann – also über ein Drittel der österreichisch-ungarischen Friedensarmee – daran betheiligt waren. Diese Truppenmasse war in zwei große Armeen getheilt, in eine Nordarmee unter dem Befehl des Feldzeugmeisters Baron von Schönfeld, welche den Auftrag hatte, sich einem bei Warasdin über die Drau gegangenen Gegner möglichst rasch über Güns entgegenzuwerfen, und in eine eben diesen Gegner darstellende Südarmee unter dem Befehl des Feldzeugmeisters Freiherrn von Reinländer, welcher ein weiteres Vorgehen in der Richtung auf Wien vorgeschrieben war. Beide Theile mußten ungefähr bei Güns zusammenstoßen.

Infanteriefeldwache, durch eine Kavalleriepatrouille aufgestört.
Nach einer Originalzeichnung von M. Ledeli.

Ausrüstung, Verpflegung, alles war ganz kriegsgemäß angeordnet, damit der Hauptzweck solcher großer Truppenübungen, ein möglichst getreues Bild des Ernstfalls zu bieten und daraus für diesen Ernstfall gültige Erfahrungen zu sammeln, erreicht werde. Insbesondere gelangte auch die Feldtelegraphie und Feldtelephonie in ausgedehntem Maße zur Anwendung, und bei den zum Theil riesigen Entfernungen, auf welche die kämpfenden Truppen selbst einer und derselben Partei sich zerstreuten, war ihre Mitwirkung eine ganz unerläßliche. Hat man doch am 20. September die Länge der Gefechtslinie auf nicht weniger als 12 Kilometer, das ganze, von den kämpfenden Truppen eingenommene Gebiet auf 65 Quadratkilometer geschätzt! Die Artillerie hatte Protzen und Geschütze mit alten Eisenkernen kriegsgemäß belastet, als ob sie wirkliche Granaten und nicht die leichten Manöverkartuschen mit sich führte; und es hat die Bewunderung deutscher Zuschauer nicht wenig erregt, daß sie trotzdem einen breiten Graben im Galopp, gleichsam „fliegend“, zu nehmen vermochte. Durch gelegentliche Entziehung von Truppen sorgte die Oberleitung – sie lag in den Händen des Erzherzogs Albrecht – dafür, die beiderseitigen Führer soweit möglich vor unbekannte Größen zu stellen. Kurz, es geschah alles, die Friedensübung den Verhältnissen des Krieges so nah wie möglich anzupassen. Daß unter solchen Umständen Einheimische und Fremde, der Kaiser Franz Joseph und seine hohen Gäste diesen Manövern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgten, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Unser Zeichner hat denn auch auf seinem Hauptbilde S. 693 die beiden Kaiser, den König von Sachsen und ihr fürstliches und militärisches Gefolge dargestellt, wie sie von einer günstig gelegenen Anhöhe aus die Bewegungen der beiden Armeen beobachten. Kaiser Wilhelm trägt dabei die Uniform seines österreichischen Husarenregiments.

Sehr beachtenswerth sind die Erfahrungen, die man bei diesen Uebungen wieder mit dem rauchschwachen Pulver gemacht hat. Obwohl eine riesige Streitmasse versammelt war und eine unendliche Menge Pulvers verschossen wurde, ließ sich doch von Rauch so gut wie gar nichts wahrnehmen, frei und offen lag das ganze Schlachtfeld da. Und nun erinnere man sich der Bedenken, die so vielfach schon, auch von der „Gartenlaube“, gegen alle grellfarbigen oder blitzenden Theile unserer deutschen Infanterieausrüstung erhoben worden sind. Nicht mehr werden in den Schlachten der Zukunft diese blanken Knöpfe und Helmspitzen von schützenden Rauchwolken verhüllt, unfehlbar müssen sie dem Gegner die Linie unserer Schützen verrathen. Ganz anders bewährt sich da die österreichische Uniform. Ihre Farbe verschwimmt mit dem Grün des Waldes und der Wiesen so gut wie vollständig, und auch auf Ackerfeldern ist sie nur schwer zu unterscheiden. Ein Berichterstatter bezeugt, daß man selbst mit einem guten Glase lange und scharf habe beobachten müssen, bis man dahinter kam, ob dieser oder jener dunkle Streifen ein Gebüsch oder eine Infanterieabtheilung sei. Solche Erfahrungen, sollte man meinen, müßten doch auch unsere deutsche Heeresverwaltung bestimmen, dem unleugbaren Mißstand, welcher der deutschen Uniform anhaftet, ein Ende zu machen, damit er sich nicht eines Tages schwer an den Söhnen unseres Vaterlandes räche.

Während der Manövertage wohnten die beiden Kaiser zu Güns in der sogenannten „Militär-Unterrealschule“, Kaiser Wilhelm II. in dem für diesen Zweck glänzend eingerichteten ersten Stock des linken, Kaiser Franz Joseph im ersten Stock des rechten Flügels. Der König von Sachsen hatte im Hause eines Herrn Kortsmaros Wohnung gefunden, auch die übrigen Fürstlichkeiten waren, so gut es eben ging, in dem bescheidenen Landstädtchen untergebracht. Etwas eng mag es da manchmal hergegangen sein. Die Bewohner aber hatten das Möglichste gethan, ihre Häuser schmuck und sauber herauszuputzen. In ihrem Feuereifer gingen sie sogar so weit, daß sie ihr interessantes altes Rathhaus aus dem 15. Jahrhundert schön gelb und ihre uralte Pfarrkirche samt ein paar daran befindlichen kunstgeschichtlich merkwürdigen Basreliefbildern schön weiß anstrichen. Das hätten sie nun lieber bleiben lassen sollen! Aber was thut man nicht um der Ehre willen, einmal auf ein paar Tage aus dem Dunkel der Vergessenheit ans helle Licht der Weltgeschichte emporsteigen zu dürfen!


[708]


Blätter und Blüthen.

Ein Privilegium der gelehrten Stände. Die alten mit einem Erziehungsinstitut oder Internat verbundenen Gelehrtenschulen in Deutschland können sich an Volksthümlichkeit mit den entsprechenden höchst eigenartigen englischen Anstalten mit der in Eton z. B., nicht messen, aber auch die auf diesen deutschen Schulen bestehenden Einrichtungen und Gewohnheiten bieten mancherlei Eigenartiges und Merkwürdiges. Eine der angesehensten deutschen Schulen solcher Art, das im Jahre 1607 in dem Städtchen Joachimsthal gegründete, später nach Berlin und im Jahre 1880 aus der Mitte Berlins in eine Vorstadt verlegte Joachimsthalsche Gymnasium ist von Dr. Eduard Schulte, einem früheren Schüler dieser Anstalt, in einer kleinen Schrift mit Liebe und Humor geschildert worden (Verlag von Max Achilles in Freienwalde a. d. Oder), und wir entnehmen dieser Schilderung einen Abschnitt aus dem Kapitel, das den von den Internatsschülern oder Alumnen getragenen Schlafrock behandelt, also „das“, wie der Verfasser sagt, „von Rechtswegen zu den Privilegien der gelehrten Stände gehörige Kleidungsstück.“ Vom zwölfjährigen Tertianer an besaß fast jeder ein solches Gewand, und zwar war der Alumnenschlafrock vielleicht die bemerkenswertheste Spielart seiner Gattung.

Schulte erzählt z. B.: „Mein Senior“ – so heißen die mit der Würde der Aeltesten auf den Wohnsälen der Zöglinge bekleideten Primaner – „mein Senior trug einen Schlafrock, dessen linke Vorderhälfte vom Halse bis unten auf den Saum abgerissen war und nur am Saume noch mit dem Rocke zusammenhing. Kochte dieser junge Mann Kaffee, so legte er das abgerissene Stück auf das linke Knie; ging er im Saale auf und ab, so wickelte er es um den Arm wie ein Römer seine Toga. Nach dem Anblick dieses Gewandes habe ich als Neuling es für recht gehalten, meinen damals noch unzerrissenen Schlafrock mit halb verächtlichen, halb feindseligen Blicken zu betrachten und ihm damit eine Gesinnung zu verrathen, welche seinem Wohlergehen schwerlich förderlich gewesen ist. Eines Tertianers Schlafrock war so mitgenommen, daß die Saalgenossen sich dieses Rockes bemächtigten und ihn im Feuer des Saalofens verbrannten, nachdem entdeckt war, daß, von anderen Schäden abgesehen, ein Aermel des Rockes ganz fehlte, weil er im Kampfe ausgerissen und als Siegeszeichen nach einem Nachbarsaale entführt worden war, und daß der Rock an einer Stelle, wo die Durchsichtigkeit desselben am wenigsten zulässig schien, ein hauptsächlich durch Brandschaden entstandenes Loch aufwies, welches, laut Feststellung des berufensten Mathematikers unter den Saalgenossen, die Größe eines Quadratfußes nicht unwesentlich überstieg. Dieses Vorgehen wurde auf dem Alumnat überwiegend abfällig beurtheilt. Die Forderung der Thäler, daß Löcher in der Größe eines Quadratfußes und darüber unzulässig sein sollten, erschien zu streng; man beklagte die Abnahme der schuldigen Rücksicht für bewährte Ueberlieferungen und Schlafröcke. Die Hilfe des Schneiders pflegt der Alumnus für seinen Schlafrock nicht anzurufen, weil er sich dann auf einige Zeit von einem Kleidungsstücke trennen müßte, das ihm das liebste und nothwendigste ist, und die Ausbesserungen, welche die Mutter alle Vierteljahre einmal vornimmt, wenn der Sohn in die Ferien nach Hause kommt, finden eben im Verhältniß zu den hohen an den Rock gestellten Anforderungen zu selten statt, als daß sie ihm den Jugendschein erhalten könnten.“ Freilich sind diese Alumnenschlafröcke, wie der Verfasser mitthellt, seit der letzten Verlegung der Anstalt in Abnahme gekommen und er meint,

„– da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt!“

Das Hirschhornsalz. Gewiß hat manche Hausfrau es schon mit einiger Verwunderung bemerkt, daß das in der Küche zu verschiedenen Zwecken häufig gebrauchte Hirschhornsalz, wenn es in einer Tüte oder selbst in einer Blechbüchse aufbewahrt wurde, nach einiger Zeit sich in seiner Menge merklich verminderte und schließlich ganz verschwand. Nun ist man es wohl bei manchen Flüssigkeiten wie bei starkem Spiritus, Benzin, Hoffmannstropfen, Aether gewohnt, daß sie mit der Zeit verdunsten – „verwittern“, wie man sagt – wenn sie nicht in gut verschlossener Flasche aufbewahrt werden; bei einem festen Körper aber, in diesem Fall einem Pulver, hat es doch für menschliche Begriffe etwas Auffallendes an sich, wenn er wie ein Dieb in der Nacht verschwindet, weil eben in der allgemeinen Vorstellung und auch in der Wirklichkeit der Abstand zwischen dem greifbar festen und dem gasförmigen Zustand ein viel weiterer ist als zwischen dem flüssigen und dem gasförmigen Zustand. Und doch ist die Verflüchtigung des Hirschhornsalzes nur auf dem Wege einer Umwandlung in den Gaszustand zu denken.

Man wird nun aber bemerken können, daß das Hirschhornsalz stets kräftig nach Ammoniak – man pflegt das Salmiakgeist zu nennen – riecht, und diese Erscheinung wird uns auf die Erklärung der Thatsache führen.

Das Hirschhornsalz ist eine Verbinbung des Ammoniaks mit der Kohlensäure. Beide sind unter gewöhnlichen Verhältnissen Gase; daß zwei Gase in ihrer Vereinigung einen festen Körper bilden können, wird uns nicht weiter wundern, wenn wir uns erinnern, daß der Aggregatzustand eines Körpers nur von Verhältnissen abhängt, die außerhalb desselben liegen, von Temperatur und Druck; es giebt auch verflüssigtes Ammoniak und flüssige, ja feste Kohlensäure. Jene Verbindung zwischen Ammoniak und Kohlensäure, die das Hirschhornsalz bildet, ist aber nur eine ziemlich lose, und so bestreben sich beide Gase, aus der ihnen unbequemen Fessel, die sie zusammen umschlossen hält, zu entkommen. Sie nehmen dabei natürlich den ihnen unter den gewöhnlichen Temperatur- und Druckverhältnissen eigenen gasförmigen Zustand an, das heißt, sie verdunsten und suchen das Weite. Der Geruch nach Ammoniak, den das Hirschhornsalz hat, ist ein Zeugniß dieser Zersetzung; die Kohlensäure macht sich nicht so bemerklich, weil sie geruchlos ist, man kann sie aber natürlich in den Zersetzungsgasen durch einfache Hilfsmittel nachweisen.




[ Verlagsreklame Ernst Keil für Gedichte von R. v. Gottschall. Hier nicht wiedergegeben.]



Inhalt: Ein Lieutenant a. D. Roman von Arthur Zapp (1. Fortsetzung). S. 689. – Eine deutsche Kolonie in Spanien. Nach den Quellen erzählt von J. von Ettmüller. S. 692. – Der Einsiedler und seine Freunde. Bild. S. 697. – „Um meinetwillen!“ Novelle von Marie Bernhard (Schluß). S. 699. – Weltausstellungsbriefe aus Chicago. Von Rudolf Cronau. V. Ein Rundgang bei den außerdeutschen Nationen. S. 703. Mit Abbildungen S. 701, 704 und 705. – Von den österreichisch-ungarischen Manövern bei Güns. S. 707. Mit Abbildungen S. 689, 693 und 707. Blätter und Blüthen: Ein Privilegium der gelehrten Stände. S. 708. – Das Hirschhornsalz. S. 708.



[ Verlagsreklame Ernst Keil für E. Werners gesammelte Romane und Novellen. Hier nicht wiedergegeben.]



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner.0 Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.0 Druck von A. Wiede in Leipzig.

  1. Eine in Süddeutschland und der Schweiz früher übliche Bezeichnung für Arbeiten, welche von Kettensträflingen, unter Leitung bewaffneter Wächter, im Freien ausgeführt wurden; wie z. B. Straßenkehren, Steineklopfen u. dergl. Sie mag wohl eher aus „Schelmenwerk“ verstümmelt sein als mit „Schelle“ zusammenhängen.