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Die Gartenlaube (1893)/Heft 26

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[429]

Nr. 26.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf. In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf. In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



Schwertlilie.

Roman von Sophie Junghans.
 (12. Fortsetzung.)
17.

Der Hofstaat der Frau Pfalzgräfin wies wieder eine angenehme Vollzähligkeit auf, da der beurlaubt gewesene Kavalier, der Oberjägermeister von Nievern, zurückgekehrt und sehr wohl empfangen worden war. Die Dame hatte keinen Vorwurf für ihn gehabt; sie war eitel Huld gewesen. Nieverns Falkenkauf war ihr sehr zu Dank ausgefallen; sie ließ sofort Hofjagd ansagen, um mit den neuen Vögeln den Reiher zu beizen. Nievern kam ihr bei dem Ritte nicht von der Seiten; hätte er sich – wenn anders dieser unehrerbietige Ausdruck erlaubt ist – die fürstliche Gebieterin kirre machen, ziehen und an die Hand gewöhnen wollen – er merkte wohl, daß er dazu keinen besseren Weg hätte einschlagen können als den unabsichtlich gewählten. jenen erzwungenen Urlaub und die mehrwöchige Entfernung.

Da bei dieser Jagd die Damen alle beritten waren, so fehlte diesmal der Schatten der Pfalzgräfin, wie Frau von Biberen sich ein wenig boshaft ausdrückte, Frau von Méninville nämlich. So verändert gegen früher die Stellung und Bedeutung der frommen Witwe jetzt auch war, etwas halb Geistliches haftete ihr immer an, und sie zog viel zu viel Vortheil aus dieser Schattierung ihres Wesens, als daß sie dieselbe hätte aufgeben mögen. Nicht, daß sie nicht auch ein Pferd zu besteigen gewußt hätte. Ha! Sie lachte leise in sich hinein, halb verächtlich, wenn sie an die Figur dachte,

Ruhestündchen.
Nach einem Gemälde von A. Delobbe.

[430] welche die Pfalzgräfin zu Pferde machte. Wie steif saß Frau Sabine Eleonore auf ihrem wohlzugerittenen frommen Leibzelter! Wie eine Kartenkönigin! Frau von Méninville, die sich in diesem Augenblicke in ihrem dicht an den Privatgemächeru der Pfalzgräfin belegenen Zimmer befand, trat hier merkwürdigerweise sogar dem ovalen Spiegel näher und betrachtete das Bild, welches er zurückwarf sehr angelegentlich. Sie sah eine zierliche Figur, ein Gesicht mit sehr schmaler weißer Stirn und scharfer Nase, das man aber durchaus nicht häßlich nennen konnte. Dasselbe wäre sogar anmuthend gewesen ohne die allzu matt gefärbte Umgebung der blassen Augen, die fast unsichtbaren Brauen und Wimpern.

Frau von Méninville half diesem doch wohl empfundenen Mangel dadurch nach, daß sie Kopf und Schultern durch eine Art Haube mit schwarzen Schleiern umrahmte, welche aber den röthlich blonden Scheitel unbedeckt ließ und so die Farbe des Haares und die Weiße der Haut durch den Gegensatz hervorhob. Sie legte an diesen Kopfputz jetzt eine letzte Hand, das heißt sie knüpfte die Schleierenden über dem Busen und nestelte und zupfte so lange, bis ein Stückchen Hals, der noch weiß und glatt genug war, vorn aus den schwarzen Falten hervorschien. Und jetzt legte sie sogar die Hände um die schlanke Taille und maß und spannte, nicht ohne Wohlgefallen. Für eine nur noch halb der eiteln Weltlichkeit, mit dem Herzen aber dem geistlichen Stand angehörige Frau schnürte sie sich eigentlich recht stark, die gute Méninville.

Und nun wendete sie sich vom Spiegel ins Zimmer zurück, über das sie noch einmal einen prüfenden Blick schickte. Sie konnte zufrieden sein: das Gemach, obwohl mit Möbeln des Schlosses ausgestattet, hatte doch von seiner jetzigen Bewohnerin das Gepräge erhalten und athmete den gleichen Geist eines durch Weiblichkeit gemilderten religiösen Ernstes wie das Aeußere der Dame selber. Es war ein sehr anmuthiger, heller und luftiger Raum, in welchem Kruzifix und Betschemel sowie einiger klösterliche Zierat sich ganz unaufdringlich in den Ecken hielt. Um den großen, ovalen, in Weiß und Gold gehaltenen Tisch in der Mitte standen geschweifte Sessel, und an der Seite war aus einer Art Büffett von eingelegtem Holze sehr zierliches Geschirr aufgereiht. Denn die Pfalzgräfin hatte angefangen, sich aus ihren eigenen Gemächern, in denen sie stets mehr oder weniger repräsentieren mußte, des öfteren hierher zu ihrer Vertrauten zurückzuziehen. Und in der letzten Zeit hatte sie sogar der Frau von Méninville die Ehre geschenkt, irgend eine Näscherei, die sie sehr liebte, oder eine Tasse von dem noch seltenen Tranke, den man anfing, schätzen zu lernen, dem Kaffee nämlich, bei ihr zu sich zu nehmen.

Die Méninville bereitete diesen selber mit vieler Gewandtheit und bediente ebenso. Man war so ungestört hier ... es war dies Gemach der Méninville wirklich ein kleines Dorado. Und heute wußte man kaum, war der Vorschlag von der kleinen Hoheit selber ausgegangen oder war der Gedanke ihr so geschickt von der trefflichen Méninville eingegeben worden, daß sie ihn für ihren eigenen hielt – der Plan nämlich, daß zu einem solch kleinen goûter in allerstrengster Vertraulichkeit und Ungestörtheit der wieder zurückgekehrte Oberjägermeister von Nievern zugezogen werden sollte. Der Kavalier hatte die mit sehr gesetzter Miene ausgerichtete Aufforderung dazu durch Frau von Méninville selber im Namen der Pfalzgräfin erhalten. Und an dem leichten Aufblitzen in seiner Miene hatte Frau von Méninville gesehen, daß er den Reiz dieses kleinen Komplotts zu würdigen wisse.

Jetzt nahte die Zeit, wo er kommen mußte. Von der Reiherbeize war man schon in ziemlich früher Nachmittagsstunde zurückgekehrt. Die Theilnehmer hatten aber erst den Jagdanzug mit dem gewöhnlichen Hofkleide zu vertauschen, und da alles, was Toilette betraf, von der Pfalzgräfin mit größter Wichtigkeit und Umständlichkeit behandelt wurde, so war die Hoffnung, der Kavalier werde eher umgekleidet sein und seiner Gebieterin am Orte des Stelldicheins zuvorkommen, von seiten der Méninville keine ungerechtfertigte. Ja im verschwiegenen Herzen regte sich sogar bei ihr der Gedanke, Nievern, der doch nun endlich in ihr eine an kaltblütiger überlegener Kühnheit ihm Ebenbürtige wittern mußte, hätte nicht ungern die Gelegenheit ergreifen sollen, einmal mit ihr und noch dazu an einem so unverfänglichen Ort ungestört zusammen zu sein.

Frau von Méninville hatte aber zu warten, so lange, bis sie von der heutigen Gelegenheit wenig mehr erhoffte. Endlich ertönte draußen der ihr wohlbekannte Schritt, Herr von Nievern trat ein, und nun wurde sie entschädigt. Denn als er sich noch mit ihr allein fand, da ging etwas über sein hübsches Gesicht, womit sie wohl zufrieden sein konnte. Doch blieb alles, was zwischen beiden vorging, in den Grenzen wohl abgezirkelter Höflichkeit. Herr von Nievern verneigte sich – es schmeichelte der Frau, wie tief die Verneigung ausfiel. Sie ergriff ihn darauf bei der Hand, was die Sitte ihr erlaubte, um ihn zu einem Sitze zu führen, und da ging es durch sie hin, durch die Sinne bis zu dem kalten Herzen, wo etwas wie flüchtige Scheinwärme sich erzeugte – daß seine kräftige Rechte die Zartheit ihrer dünnen Finger empfinde und derselben gleichsam huldige mit dem allerleisesten Drucke.

„Unsere allergnädigste Frau läßt noch auf sich warten, aber sie wird hoffentlich nicht allzu lange mehr verziehen,“ begann Frau von Méninville das Gespräch. „Wolle der Herr Oberjägermeister es sich nicht verdrießen lassen, einstweilen mit meiner geringen Unterhaltsamkeit vorlieb zu nehmen!“

„Ich wünsche mir nichts Besseres,“ sagte Herr von Nievern und begleitete die Worte mit einem sehr sprechenden Blicke. Sie hob darauf die Ehre hervor, die es für sie sei, den Kavalier gerade hier, in ihrem derzeitigen Logement, zu empfangen, und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit Nieverns auf die Umgebung, der sie ohne Zweifel einen gewissen Reiz mitgetheilt hatte.

„Dieses Gemach scheint mir ein Zufluchtsort der Grazien,“ versicherte er nun galant, sich allerdings jetzt erst etwas genauer umsehend. „Ich schätze mich glücklich, der Ehre des Eintrittes hier gewürdigt worden zu sein.“

„Ach, der Herr Oberjägermeister schmeichelt einer Person, welche dieser Sprache nicht mehr gewohnt ist und nicht gedacht hat, sie je wieder zu vernehmen,“ sagte die Dame mit einem kleinen Seufzer angenehmer Wehmuth. „Sie ist ihm aber wohl noch geläufig von seinem Aufenthalte in Malmedy her,“ fügte sie in einem anderen Tone hinzu, und dann: „Ob ich Euch wohl verrathen darf, daß man Euch hier sehr vermißt hat, Herr Oberjägermeister?“

Er blickte leicht überrascht und aufmerksam zu ihr hinüber. Sie aber behielt die Augen fest auf ihn gerichtet, während sie fortfuhr: „Der Pfalzgräfin Hoheit war die Zeit her gar mißgestimmt; mit Euerer Rückkehr ist plötzlich wieder anderes Wetter geworden. Sie war damals sehr erzürnt, als Ihr so eilfertig verschwunden waret. Aber an der Entbehrung wurde der Werth des hochzuverehrenden Herrn gemessen, und jetzt ist Euch, wie Ihr merken werdet, nur die Huld der gnädigsten Frau übrig geblieben.“

Wieder sah der Oberjägermeister die Dame forschend an; er wußte nicht recht, wo sie hinaus wollte. Sie lächelte nur leicht, in schwer zu deutender Weise. „Warum sagt Ihr mir das alles, verehrte Dame?“ fragte er mit einnehmender Offenheit.

„Um Euch zugleich deswegen zu beglückwünschen,“ entgegnete sie unverweilt; und ihre jetzt belebten grünlichen Augen schillerten in die seinen. „Kann es etwas Ehrenvolleres und zugleich Unterhaltsameres geben, als die Gegenwart unserer Fürstin stundenlang ohne störende Beimischung anderer Elemente zu genießen? Sogar meine armselige Person, die doch so tief unter der eines glänzenden Kavalieres steht, wie der Herr einer ist, weiß davon zu erzählen!“

Wie beredt ihr Mienenspiel war und der kleine, die letzten Worte begleitende Seufzer! Der Herr von Nievern, mit aufleuchtenden Augen, verstand sie. Er hatte plötzlich seinen Stuhl näher gerückt und beugte sich dicht zu ihr. Die Komödie fing an, ihn sehr angenehm zu beschäftigen. „Von dem Verstand der liebenswürdigen Frau von Méninville habe ich längst eine hohe Meinung,“ sagte er. „Deute ich Dero Worte richtig, so beklagen dieselbe uns beide jetzt gewissermaßen als Leidensgefährten von wegen der geringen Kurzweil, so die Gunst, deren wir beide theilhaftig werden, einem etwas lebhafteren Ingenium gewährt. Ich aber versichere Euch, daß ich die Verwendung meiner Zeit nicht schelten werde, die mich alsdann hoffentlich des öfteren auch – wie eben jetzt – des Gespräches mit einer der Verständigsten ihres Geschlechtes genießen läßt.“

Sie hatte das Kompliment über ihre Klugheit mit einem feinen Lächeln eben nicht völlig abgelehnt. „Ihr seid zu gütig, Herr von Nievern,“ sagte sie. „Was Ihr an mir rühmt, ist in Wahrheit nur die Fähigkeit, dem überlegenen Geiste eines Mannes, da wo er mir begegnet“ – mit einem vielsagenden Blicke zu ihm hinüber – „mich zu beugen und, wenn es mir gestattet ist, ihm bewundernd auf seiner Bahn zu folgen.“ Und dann, mit einer plötzlichen Offenheit, welche hier ein vorzüglicher Kunstgriff war: „Ihr seid ein [431] Mann, Herr Oberjägermeister, wie ich an Höfen und sonst noch wenige kennengelernt habe.“

Der Oberjägermeister verbeugte sich, auf diese Weise den Blitz seiner Augen dämpfend. Wahrlich, das war nicht übel! Er bewunderte in der Frau die Kühnheit, mit der sie verfuhr. Jetzt lenkte sie, die Leitung des Gesprächs behaltend, dasselbe auf einen anderen Gegenstand. „Während Ihr anderwärts Euch zerstreutet,“ begann sie von neuem, „haben auch wir einiges erlebt, und wunderliche Dinge noch dazu. Ist Euch schon kund geworden, Herr von Nievern, daß die Pest heimlicher Irrlehre bis in die Nähe unseres Hofes sich herangeschlichen und sogar Jugend und Schönheit nicht verschont hat?“

Wie es sich traf, hatte heute während der Jagd einer der Kavaliere als einen halben Scherz dem Oberjägermeister erzählt, hübsche junge Damen befaßten sich jetzt hier mit Theologie: die kleine Leyen disputiere mit dem Pater Gollermann und sitze deswegen im Kloster der Ursulinerinnen. Der Kummer darüber, daß ihr junger Vetter auf und davongelaufen sei, möge ihr wohl zu Kopfe gestiegen sein. Aber Nievern, in Anspruch genommen durch die verliebte Pfalzgräfin, hatte die seltsame Kunde leicht genommen und nur sich vorgesetzt, ihr bei mehr Muße alsbald auf den Grund zu kommen. So war er nun vorbereitet und ahnte, worauf die fromme Dame ziele. Dennoch hütete er sich, einen Namen hier zuerst zu nennen, welcher anfing, ihm gegen seinen Willen immer wichtiger zu werden. „Von wem redet Ihr, verehrte Frau?“ sagte er, mit einer Miene wenig betheiligter Neugier, welche sie dennoch völlig durchschaute.

„Ihr werdet es nicht errathen,“ entgegnete sie, nach ihrer Art, auf alle Fälle lieber zu verhehlen. „Von einem Fräulein, an dem auch Ihr gewiß Antheil nehmen werdet, wie wir alle thun . . .“ Sie machte absichtlich eine Pause, aber er schwieg, so daß sie fortfahren mußte: „Das Fräulein von Leyen, irregeleitet durch die eigene Klugheit, von der sie kein ganz geringes Maß besitzen soll, ist schmählich in eine Falle des Bösen gegangen. Eine Verworfene, von der heiligen Kirche Verstoßene hat sich des schönen Mitleids ihrer Seele bemächtigt und sie mit sich auf die unheilige Bahn gezogen. So sagt uns Pater Gollermann. Er besucht das Fräulein im Kloster der Ursulinerinnen, wo sie sich aufhält, und bringt betrübende Nachricht über ihre geringe Neigung, sich von ihm belehren zu lassen.“

Die Méninville hatte das alles eintönig gesprochen, als sei sie lediglich das Mundstück für einen Bericht von Thatsachen. Seltsam, wie wenig Herr von Nievern auf das achtete, was sie vorbrachte. Sie sprach von Polyxenen, das war genug! Hätte sie ahnen können, was der Name in ihrem Zuhörer wirkte! Nievern wurde es von neuem inne, daß sein ganzes Inneres nur noch Zündstoff war für diese Flamme. Selbst das verwegene Lustgefühl bei dem kecken Vorstoß der Méninville vorhin war nur ein Funke, welcher derselben Flamme entstammte. Um so sorgfältiger hütete er jetzt Blick und Miene. „Wunderliche Neuigkeiten allerdings,“ sagte er kühl. „Es muß unsereinen billig wundern und ist nicht sehr schmeichelhaft für die Kavaliere in Birkenfeld, wenn junge Damen von Rang nichts Besseres zu thun wissen, als sich mit Theologie zu befassen.“ Und ein wenig spöttisch fuhr er fort: „Und hält der hochwürdige Pater Gollermann wirklich die Meinung dieses, wie mich dünkt, noch sehr jugendlichen Fräuleins für wichtig genug, um seine tiefe Gelehrsamkeit ihr zu Nutz und Frommen zu lüften? Er disputiert mit ihr, sagtet Ihr nicht so?“

Wie gründlich er die Lage Polyxenens verkannte! Seine Gesellschafterin hatte ihre boshafte Freude daran. „Der hochwürdige Herr, eifrig wie er ist, nimmt sich allerdings die Verirrungen des Fräuleins sehr zu Herzen und hofft, wenigstens die Errettung ihrer Seele durchzusetzen,“ sagte sie zweideutig.

Es lag etwas in der Vorstellung von dem mit eifrigen Ermahnungen bei Polyxenen beschäftigten Jesuiten, was dem Oberjägermeister nicht sonderlich gefiel. Auf die bedeutungsvollen Worte, welche Frau von Méninville gewählt, hatte er, ahnungslos, wie er noch immer war nicht genug geachtet. „Da das Fräulein dem Herrn Pater bis ins Kloster entgegengekommen ist,“ meinte er leichthin, um seine eifersüchtige Anwandlung zu verbergen, „so werden seine Bemühungen um ihren Glauben kaum vergeblich sein. Wie lange denkt sie in dieser frommen Zurückgezogenheit noch zu verweilen?“

Was war das? Was hatte ihn aus den kalten blond umränderten Augen ihm gegenüber da eben sekundenlang angeschaut? Die innerste Natur des Weibes, das vor ihm saß und jetzt mit sanfter Stimme sprach: „Ihr haltet den Aufenthalt des Fräuleins von Leyen bei den Nonnen von St. Ursula für einen freiwilligen? Ihr irrt, Herr von Nievern ... Schwerlich werden sich die Pforten des Klosters wieder für sie öffnen, was wir alle im Namen der Schönheit und Jugend beklagen müssen, nicht wahr?“

Schon jetzt hätte Herr von Nievern die fromme Witwe, die ihm vorhin noch fast begehrenswert erschienen war, erdrosseln können. Er glaubte ihr übrigens nicht; sie schien ihm sehr wohl fähig, ein Lügengewebe vor ihm auszubreiten, und dieser Umstand hielt seinem inneren Entsetzen einstweilen noch die Wage. „Ihr meint, man werde das Fräulein noch so weit bethören, daß sie den Schleier nähme? Das wäre allerdings zu bedauern,“ sagte er kalt. „Man vergißt aber wohl, daß noch etliche Jahre an ihrer Mündigkeit fehlen . ihr Vormund wird solche Thorheit schwerlich zulassen.“

Kein Zweifel, der Antheil, welchen Nievern an dem hochfahrenden Geschöpfe, dieser Polyxene, nahm, war wärmer, als er merken lassen wollte. Und so schickte sich denn Frau von Méninville an, die weiteren Trümpfe, die sie in der Hand hielt, mit grausamem Genusse auszuspielen. Sie sah den Oberjägermeister an und sagte: „Ich will offen sein, Herr von Nievern, wie es sich gegen einen Mann wie Euch ziemt. Das Fräulein hat sich in einen bösen Handel gebracht und keineswegs nur von seiten der Religion, obwohl sie auch da unglaublich unvorsichtig und störrisch sich gezeigt hat. Habt Ihr gehört, daß der Vetter des Fräuleins, der Junker Ludwig, der Majoratsherr, seit einigen Wochen verschwunden ist?“

„Erst heute erfuhr ich die seltsame Nachricht. Es hieß, er sei davongelaufen,“ entgegnete Herr von Nievern.

„Hieß es so?“ Mit einem Zuge unsäglichen Hohnes kamen die Worte von den schmalen Lippen. „Andere fürchten, der hübsche Junker sei so weit fort, daß er schwerlich jemals wiederkommen werde.“

„Was meint Ihr? Erklärt Euch deutlicher!“ Daß Herr von Nievern von der umständlichen Höflichkeit von vorhin jetzt einiges vermissen ließ, mochte durch die ernste Wendung entschuldigt werden, welche das Gespräch genommen hatte.

Frau von Méninville schien nun doch ein gewisses Zögern überwinden zu müssen. „Die schöne Polyxene,“ fuhr sie endlich fort, „hat es sich entschlüpfen lassen, daß sie an dieses Märchen vom Davonlaufen des Knaben selber nicht glaube. Sie läßt vermuthen, er sei verunglückt. Und daß der arme Schelm in den Mühlgraben gestürzt und dort zu Tode gekommen sei, das ist allerdings für alle, die das Nähere erfahren haben, glaublich genug.“

„Entsetzlich ... der arme Junge,“ sagte Nievern leise, mit schwerem Nachdruck. Sein kräftiges schmales Antlitz war erblaßt.

Er fühlte also wicklich, dieser schöne, leichtlebige Kavalier! In der Theorie hätte die Méninville ihn dafür verachten müssen. Da er ihr aber überhaupt gefiel, gefiel ihr auch diese Seite seines lebensvollen Wesens. „In der That entsetzlich,“ sagte sie, und es war, wie wenn der volle tiefe Glockenklang durch ein hohles Blech nachgeahmt würde. „Ein so jäher schrecklicher Tod in so blühenden jungen Jahren! Warum war aber auch der frische Junker mit Gütern gesegnet und sein schönes Bäschen so arm!“ – Das Weib hatte begonnen, seinem Hasse die Zügel schießen zu lassen, aber zu früh. Jetzt warnte sie der Ausdruck – ein wahrhaft furchtbarer Ausdruck – seines fest auf sie gerichteten Antlitzes; sie fuhr daher fort, anders, als sie gewollt hatte: „Es ist schlimm für das Fräulein, daß sie allein durch den Tod des Vetters gewinnt und daß deshalb der Argwohn entstehen mußte, sie habe bei seinem Verschwinden die Hand im Spiele gehabt.“

In diesem Augenblick zeigte Herr von Nievern, daß er der Méninville gewachsen war. Er bändigte die gewaltsamste Empfindung, die er je im Leben gehabt hatte, und blieb von außen undurchdringlich. So täuschte er sie sogar, und als er jetzt mit einer Ruhe, die ihr allerdings hätte auffallen sollen, nur sagte: „Ein abenteuerlicher Verdacht – er ist wohl kaum ernstlicher Erwägung werth,“ da ging sie in seine Falle. Sie ließ ein wenig von ihrem Behagen merken bei ihrer Antwort: „Hohen und höchsten Orts denkt man anders. Und so ist denn die Klausur bei den Ursulinerinnen nur eine Form der Haft für das in jedem Falle beklagenswerthe Fräulein und wahrscheinlich nur das Vorspiel zu einer weit strengern.“

[432] „Ihr beklagt sie also doch?“ sagte er, die fromme Dame fest ansehend.

Nun wurde es für Frau von Méninville zum Unglück, daß sie nicht anders wie ihre fürstliche Herrin, für diesen anziehenden Mann wirklich eine Art Verliebtheit empfand. Es war über sie gekommen, sie wußte selbst nicht wie, und riß sie fort wider besseres Wissen. Durch eine Art Dämon getrieben, sich ihm hier einmal zu zeigen, wie sie war – vielleicht auch in der Empfindung, daß die cynische Seite ihres Wesens verwandte Saiten in diesem vornehmen Spötter erklingen lassen würde – erwiderte sie rasch: „Ich beklage vor allem, daß sie nicht klüger gehandelt hat! Dem hübschen Jungen mit einem kleinen Stoße etwas früher ins Paradies zu verhelfen, nach dem wir ja alle streben, und so aus einem Fräulein von Habenichts eine reiche Erbin zu werden – das zeugt wenigstens nicht eben von Einfalt. Sie hat gewußt, was sie wollte – ich mache ihr mein Kompliment. Vielleicht thue ich ihr aber auch zu viel Ehre an – vielleicht ist die Erleuchtung, wie ganz anders und besser es für sie sein würde, wenn jene Augen den Tag nicht mehr sähen, plötzlich über sie gekommen, bei einem kleinen Streite etwa. Sie hat dafür gethan ... Ort und Gelegenheit sind so günstig gewesen, wie sie nur sein konnten. Nachher aber hat die schöne Polyxene leider den Kopf verloren. Wer hätte an den Mühlgraben gedacht, wenn sie nicht das Gerücht verbreitet hätte, der Knabe müsse dort verunglückt sein? Hätte sie das Verschwinden des Burschen auf sich beruhen lassen und nicht in einer übeln Stunde den Versuch gemacht, dasselbe zu erklären – es wäre besser für sie gewesen. Ein eigenes Verhängniß, welches die Urheber heimlicher Thaten so oft dazu anzutreiben scheint, die Gerechtigkeit selber auf ihre Spur zu lenken! Ich habe mir von erfahrenen Männern sagen lassen, daß dergleichen häufig vorkommt,“ schloß Frau von Méninville mit etwas wie philosophischer Beschaulichkeit.

„Ihr scheint dem Thema, wie man Verbrechen verhehlt, reiflicher nachgedacht zu haben als dies unglückliche Fräulein,“ sagte hierauf der Oberjägermeister mit einem Tone, der aus trockener Kehle zu kommen schien. Er hatte die Bemerkung wahrscheinlich nur gemacht, weil ihm eben keine andere eingefallen war, um dies fürchterliche Gespräch noch zu fristen, ohne seine innere Verfassung zu verrathen. Da ließ sich zum Glück das Herannahen der Pfalzgräfin merken. Thüren gingen auf und man hörte schon das Rauschen und Knistern der fürstlichen Gewänder. Nieverns Augen richteten sich wie erlöst auf den Eingang, durch den Frau Sabine Eleonore kommen mußte, und er sah daher nicht, daß seine letzten Worte die Méninville in seltsamer Weise berührt hatten. Die treffliche Frau hatte sich leicht verfärbt; ihre Lippen waren weiß und sie schluckte, als habe ihr etwas den Athem versetzt. Aber der Schrecken, den sie gehabt haben mußte, blieb völlig unbemerkt und sie hatte hinlänglich Zeit, sich zu fassen, während jetzt die kleine Hoheit hereinrauschte und mit tiefen Verbeugungen von ihr und dem Kavalier begrüßt wurde.

Sabine Eleonore gab alsbald, soweit sie dies bei ihrer eingefleischten Steifheit vermochte, zu verstehen, daß man heute einmal ganz à son aise sein wolle, und forderte sogar mit einem Anflug von Scherzhaftigkeit Frau von Méninville auf, jetzt auch einmal die Wirthin ihrer Fürstin zu spielen. „Zeigt, daß Ihr einen Trank zu bereiten versteht, den man Euch lange gedenkt,“ waren die Worte, die sie brauchte. Herr von Nievern, innerlich aus dem Gleichgewicht gebracht und froh, daß er noch schweigen durfte, sah in finsterer Gedankenlosigkeit den Vorbereitungen der Méninville zu, welche am Kamin mit einem kleinen Kohlenbecken hantierte, über dem der silberne Kessel brodelte. Dabei streifte er auch einmal wieder ihr Gesicht mit den Augen und nun staunte er darüber, daß ihm dies scharfe Gesicht mit den blutlosen Lippen vorhin fast rosig vorgekommen war. Und auch die Pfalzgräfin mochte eine ähnliche Bemerkung an ihrer Vertrauten gemacht haben. „Seid Ihr unpaß, liebe Méninville?“ fragte sie scharf, denn ein Unwohlsein der Vertrauten hätte ihr gerade jetzt sehr wenig am Platze geschienen. „Mich dünkt, Ihr seht ganz alteriert aus.“

Niemand konnte jemals diese treffliche Frau, die Méninville, so verachten, wie sie sich in diesem Augenblick innerlich selber verachtete, ob dieser Schwäche, den Schrecken, den sie eben zweimal kurz hintereinander über zufällig gefallene Worte empfunden hatte, im Antlitz sichtbar werden zu lassen. Sie versicherte natürlich ihrer Gebieterin, daß sie sich so wohl wie je befinde, höchstens könne der Dunst der Kohlen einen leichten vorübergehenden Kopfschmerz verursachen.

Sie hatte es nicht glücklich getroffen mit ihrem heutigen Unternehmen, die arme Pfalzgräfin. Sie mußte gewahr werden, daß auch der dritte Theilnehmer, der Herr von Nievern, sein sonstiges angenehmes Selbst vermissen ließ, Er schien ein anderer, als sie ihn kannte, wortkarg, ja zerstreut und dergestalt wenig empfänglich für die Huld, welche man ihm durch die Einladung zu dieser vertraulichen Stunde hatte angedeihen lassen. Und da die Unterhaltsamkeit der Frau von Méninville sich nothwendig in gewissen durch den Respekt gezogenen Grenzen halten mußte, so konnte alles Geschick dieser Dame und alle Selbstbeherrschung eine leicht frostige Stimmung des Ganzen nicht bannen. Die Pfalzgräfin verbarg zuletzt ihre üble Laune nicht mehr. „Mich dünkt, die Jagd heute hat Euch schläfrig gemacht, Herr von Nievern,“ redete sie ihn an, da er einmal wieder in düsteres Schweigen versunken war. „Ich kann es aber nicht loben, daß selbst die Gegenwart Eurer wohlgewogenen Fürstin Euch nicht zu ermuntern vermag, von unserer armen Bewirthung hier gar nicht zu reden. Geht lieber heim und legt Euch aufs Ohr; viel redseliger als einer, der gar schläft, seid Ihr eben auch nicht!“

In diesem Falle zeigte sich einmal wieder dasjenige an dem Herrn von Nievern, was ihm die meisten Frauen gewann, der Reiz einer kecken Rücksichtslosigkeit. Jeder andere Kavalier hätte sich hier wohl aufs eifrigste vertheidigt – der Oberjägermeister that nichts dergleichen sondern stand sofort auf, griff nach seinem naheliegenden Federhut und zeigte unzweideutig an, daß er die Entlassung wörtlich nehme und sofort zu benutzen gedenke.

Das hatte die kleine Dame nicht erwartet; sie wurde roth vor Aerger. „Nun, man muß sagem, Herr, der höflichste seid Ihr nicht!“ rief sie, und verwöhnt, wie sie war, hielt sie kaum noch Thränen eines kindischen Zornes zurück.

Herr von Nievern sah es, und da er nicht ungroßmüthig war, dauerte sie ihn. In der That vergalt er ihr schlecht, daß sie sich freundlich hatte bezeigen wollen. „Verzeiht, allergnädigste Frau,“ sagte er denn auch, den hübschen Kopf ritterlich vor ihr neigend, „wenn ich mich für Dero höchste Huld heute nicht dankbar genug zu erweisen vermag. Ich selber klage mich an, dagegen scheinbar unerkenntlich und ein schlechter Gesellschafter zu sein. Warum ich es bin, will ich Euerer Hoheit nicht vorenthalten. Mir liegt nicht die Jagd in den Gliedern, sondern ein anderes – das jammervolle Schicksal einer Person, für welche das milde weibliche Herz meiner gnädigsten Frau doch sicherlich auch Mitleid empfinden muß . . .“

Da er hier stockte, sah die Pfalzgräfin, immer noch empfindlich, aber zugleich nicht unangenehm bewegt, halb fragend von ihrem Kavalier zu ihrer getreuen Méninville und von dieser wieder zu jenem. „Was meint Ihr?“ fragte sie dann, schon nicht mehr ganz ungnädig. Worauf er: „Soeben, ehe Hoheit eintrat, erfahre ich durch Frau von Méninville das erste Wort über eine schier unglaubliche Angelegenheit. Ein Fräulein, dem Hofe nahestehend, aus altadeligem Geschlecht, sitzt in einer Klosterhaft wegen der abgeschmacktesten Anklage ...“

„Ah, Ihr meint die Polyxene von Leyen,“ unterbrach ihn die Pfalzgräfin. Und unwirsch fuhr sie die Méninville an: „Ihr hättet auch ’was Gescheiteres thun können, als dem Herrn gerade heute mit dem unglücklichen Handel die Laune zu verderben!“

„Die Laune des Herrn Oberjägermeisters kann unmöglich verfehlen, sich rasch wieder herzustellen, wenn er so gering von dem Gewicht der Verdachtsgründe gegen das Fräulein von Leyen denkt,“ sagte darauf Frau von Méninville mit kaltem Hohne. Wollte dieser Mann etwa als ihr Feind auftreten? Dann wehe ihm! Dann würde, was sie bisher für ihn empfunden hatte, sich umwandeln in den Gärstoff eines um so kräftigeren Hasses!

Indessen hatte sich die Pfalzgräfin besonnen, und nun kam etwas in ihr zu Tage, was sie von ihrer besten Seite zeigte. „Die Leyen dauert mich auch,“ sagte sie, und man sah ihr an, daß es ihr ernst war mit den Worten. „Mir wird ganz übel, wenn ich an die Affaire denke, Und eine solche Schmach für unseren Adel! Ich glaube, ich gäbe ein halbes Dorf dafür, zu erfahren, wohin der Junker verschwunden ist und daß die Polyxene nichts damit zu thun gehabt hat!“

„Meine gnädigste Frau spricht als echte Fürstin!“ rief Nievern und sah die kleine Dame mit so aufrichtigem Beifall an, daß es ihr fast warm ums Herz wurde, Doch dämpfte er seinen Eifer; wurde er doch schon zur Vorsicht gemahnt durch die Gegenwart

[433]

Wolfram von Eschenbach dichtet den „Parzival“.
Nach einem Gemälde von Franz Hein.

[434] der Méninville, über deren wahre Person ihm in der letzten Viertelstunde ein merkwürdiger Aufschluß geworden war. Als ein kluger Mann fuhr er daher fort: „Und ganz richtig sagt Ihr: die Schmach, die dem Adel mit diesem seltsamen Handel geschieht, die ist es, die uns alle wurmen muß, auch den, dem das unglückliche Fräulein selber nicht viel mehr als eine Fremde ist.“

„Ihr habt wohl gesprochen, Herr von Nievern,“ meinte die Fürstin gnädig, da die letzten Worte des Oberjägermeisters ihr eine angenehme Empfindung gegeben hatten. „Hoffen wir, daßn es gelingen wird, die Unschuld des Fräuleins bald ans Licht zu bringen! Noch, das müßt Ihr nicht vergessen, ist ihr wenig geschehen. Sie sitzt nicht in schmählicher Haft, wie sonst Inkulpaten thun – ihre Klausur im Kloster schädigt ihre Ehre nicht; wenn auch“ – fügte die Dame, von ihrer Ehrlichkeit getrieben, hinzu – „die Einsperrung selber gerade der Polyxene hart genug fallen mag.“

„Noch – ich weiß nicht, ob ich sagen darf: zu ihrem Glücke – ist die eigentliche Ursache dieses Aufenthaltes im Kloster wenig bekannt,“ sagte darauf Herr von Nievern langsam. „Mein guter Kumpan, der von Münchhausen, wußte offenbar davon nichts, als er mir heute auf der Jagd erzählte, unter den Fräulein Euerer Hoheit sei man an die Theologia gerathen und eines derselben verhalte sich gar im Kloster, um mit dem hochwürdigen Pater Gollermann über Glaubenssachen zu disputieren. In dieser Fassung machte die Sache ein weit anderes Gesicht, als das ist, welches ich hier gewahr werde. Wolltet Ihr mir in der Angelegenheit noch eine Frage vergönnen, allergnädigste Frau, so wäre es die: wie und wo hat der abenteuerliche und abscheuliche Verdacht gegen das Fräulein zuerst aufkommen können? Woher stammt er?“

Die Pfalzgräfin wandte sich zu Frau von Méninville, welche, da sie an dem Gespräch nicht mehr betheiligt worden war, sich in schicklicher Bescheidenheit in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen hatte. „Wenn mir recht ist, Frau von Méninville, brachtet Ihr uns zuerst darauf,“ sagte sie harmlos. „Es sei verdächtig, wolltet Ihr wissen, daß die Polyxene durch den Tod des Vetters reich werde. War es nicht so?“

„Hoheit unterläßt zu berichten, daß ich – mit dem lebhaftesten Schmerze – nur mittheilte, was mir zu Ohren gekommen war,“ log Frau von Méninville ohne das geringste Zögern. „Wie Hoheit sich erinnert, war der Pater Gollermann zugegen. Die Gefahr, in der sich das Fräulein befand, konnte uns nicht verborgen bleiben, und so wurde, mit der Billigung Pfalzgräflicher Hoheit, durch den hochwürdigen Herrn die Klausur der Leyen bei den Ursulinerinnen um so eher beschlossen, als diese kirchlich nothwendige Maßregel ihr nunmehr auch zur Sicherheit dienen konnte. Immerhin blieb, so lange die Kirche gleichsam noch mit ihr abrechnete, die Hand weltlicher Justiz von dem beklagenswerthen Fräulein fern.“

„Ist Frau von Méninville so gewiß, daß eine weltliche Justiz hinlänglichen Anlaß gefunden haben würde, das Fräulein von Leyen zu behelligen? Sie ist uns immer noch Antwort auf die Frage schuldig, was denn eigentlich die Verdachtsgründe gegen selbige gewesen seien.“ Es war der Oberjägermeister, der eigensinnig die letzten Worte der frommen Witwe aufgegriffen hatte.

An diesem Punkte aber war Frau Sabine Eleonore der Erörterung der Angelegenheit müde. „Ich dächte,“ fuhr sie ohne weiteres dazwischen, „jetzt wären genug Worte über den leidigen Handel gemacht. Laßt ihn nun einmal ruhen, Herr von Nievern! Ihr könnt der Polyxene doch nicht helfen; was brauchte sie sich denn auch durch ihre thörichten Besuche bei der Exkommunizierten die Suppe zuerst einzubrocken! Erzählt uns lieber von Euerem Leben in Malmedy, wie Ihr mir heute, da wir ritten, verheißen habt! Allzu geistlich geht es bei Euerem Vetter Kanonikus wohl nicht zu, wie? Und des Grafen Arlon Gast seid Ihr gewesen? Dort, hab’ ich mir sagen lassen, lebt man wie im Himmel.“

„Besonders da an Heiligen, den Stiftsdamen von St. Truyden, kein Mangel ist,“ warf Frau von Méninville mit gesetzter Miene dazwischen.

Die Pfalzgräfin lachte lauf. Aber ihre gute Laune rief keine ähnliche Stimmung bei ihrem Kavalier hervor, wie es sich doch wahrlich geziemt hätte. Ja, er hatte sogar den Muth, seine ernste Miene beizubehalten, nicht einmal zu lächeln. Irgend etwas reden mußte er nun freilich, aber alles, was er sagte, kam trocken und gezwungen heraus, und schon längst, ehe die kleine Hoheit sich erhob und damit das Zeichen zum Aufbruch gab, war das Schicksal dieser Veranstaltung, unter die verfehlten Unternehmungen zu gehören, besiegelt gewesen.

Und als habe jemand eben diese Thatsache ausgesprochen, so fuhr Frau Sabine Eleonore, sobald der Oberjägermeister sich entfernt hatte, aus ihre getreue Méninville mit den Worten los: „Daran seid nur Ihr schuld, und ich will nicht Pfalzgräfin heißen, wenn ich Euch das so bald vergesse!“

„Was, Pfalzgräfliche Hoheit?“ fragte die Méninville, als verstehe sie nicht, wohin ihre Herrin zielte.

„War er nicht wie verhagelt, anstatt den liebenswürdigen und unterhaltenden Kavalier vorzustellen, als welchen wir ihn kennen. Was fiel Euch ein, ihm, ehe ich kam, von dem verwünschten Handel der Polyxene zu reden! Was hattet Ihr überhaupt mit ihm zu schwatzen?“

„Wenn nun aber der Herr von Nievern nichts Eiligeres zu thun hatte, als nach diesem Fräulein zu fragen – wie hätte ich ihm das alles verhalten sollen?“ log die Méninville in sanftem Tone. „Habe ich einen Fehler begangen, so möge meine huldvolle gnädigste Frau meiner Einfalt verzeihen. Des wunderbarlich warmen Antheils, den dieser Kavalier an dem Fräulein nahm, versah ich mich nicht.“

Aber diesmal sollte der Frau von Méninville alles nichts helfen. „Papperlapapp, redet mir nicht immer von Euerer Einfalt – mit der ist es so weit nicht her!“ rief Frau Sabine Eleonore, noch immer erbost. „Ihr seit der Polyxene nicht grün, das weiß ich. Sähe man recht zu, so käme am Ende heraus, daß Ihr der Jungfer Naseweis, die sie meinethalben ist, die ganze Sache eingerührt habt.“

Damit war die Pfalzgräfin hinaus, und Frau von Méninville blieb in nachdenklichster Stimmung zurück. Die üble Laune ihrer Gebieterin nahm sie nicht allzu schwer, da sie wußte, daß sie der Pfalzgräfin doch zur Unterhaltung unentbehrlich sei. Ein anderes aber gab ihr hinlänglich zu denken: des Herrn von Nievern unerwartete – in diesem Maße wenigstens von ihr nicht erwartete – Parteinahme für Polyxene von Leyen. Mit einer Art Befremden sann sie darüber nach, ob und wo denn sie, sie, die Vorsichtige, einen falschen Schritt gethan habe in dieser Angelegenheit: Wie kam es, daß sie sich in Nievern verrechnet hatte? Weil sie ihn – daneben daß er ein so anziehender Mann war, wie ihr noch wenige vorgekommen – für klug und überlegen genug gehalten hatte, nun seinerseits auch sie, das hieß zunächst einmal ihren Geist, zu bewundern und darüber den Reiz alberner achtzehn Jahre zu vergessen? Ja, das war es gewesen, aber das nicht allein! Ihn reizte, was er für dieser Polyxene Martyrium hielt. Je weniger er also davon erfuhr, desto besser, das wußte sie jetzt. Und sie tadelte sich dafür, dies nicht früher bedacht zu haben. Zunächst beschloß sie eine Unterredung mit dem Pater Gollermann; vielleicht wenn man dem Herrn von Nievern über kurz ober lang mittheilen konnte, daß das Fräulein von Leyen freiwillig den Schleier nehme, würde dies ihm den Geschmack an dieser Polyxene verderben, auch wenn zugleich zugegeben werden mußte, von einer Untersuchung gegen sie wegen Mordes sei infolge allzu kärglicher Beweise abgestanden worden. Und wenn er auch dann noch die Gunst einer Frau von Méninville mißachtete – die fromme Witwe fühlte, daß es ihr unter Umständen etwas wie eine Lust sein könnte, auch diesen allzu freidenkenden Herrn der Aufmerksamkeit der Geistlichkeit zu empfehlen und die Folgen zu erleben ...

Beiläufig sei erzählt, daß die Méninville in einer Ecke des Gemaches auf ihrem Betschemel vor dem Kruzifix kniete, während sie so mit sich zu Rathe ging. Es konnte jemand eintreten, dem diese Stellung und anscheinende fromme Versunkenheit der Dame zur Erbauung gereichen würde. Und nachdenken und überlegen ließ sich in dieser Stellung so gut wie in einer anderen. So im Knieen krampfte sie jetzt mit einem Male die gefalteten Hände enger zusammen und die Lippen schlossen sich fester. Sie gedachte an den Schrecken, den sie heute zweimal wegen eines Zufallswortes erlitten hatte. Als Zufallsworte, als nichts anderes, ließ eine kühle Betrachtung jene Ausdrücke, die sie so im Innern aufgeschreckt hatten, erscheinen. Und so wurde sie auch jetzt damit fertig. Seltsam nur, daß jener Schrecken, der jahrelang geruht hatte, heute wieder so plötzlich geweckt worden war! Gleichwohl ein tückisches Spiel bedeutungsloser Umstände, weiter nichts!

(Fortsetzung folgt.)


[435]

Der Glacéhandschuh.

Ein Bild aus dem deutschen Industrieleben.0 Von H. Lüders.

Es war ein kalter und rauher Maitag des verflossenen Jahres, wie er nicht selten in Norddeutschland vorkommt; eisige Regenschauer und heftiger Wind machten den Aufenthalt im Freien recht ungemüthlich, es wurde noch überall in den Wohnstuben geheizt. Das Wetter hatte es aber doch nicht verhindert, daß in dem kleinen vor dem Nordabhang des Harzes gelegenen Städtchen Osterwieck sich fast die gesamte Einwohnerschaft aufgemacht hatte, um an einem Begräbniß theilzunehmen, wie es so großartig und feierlich die kleine Stadt wohl noch nie gesehen hatte. Der gesamte Magistrat, die Geistlichen, die Beamten, Krieger-, Sänger- und andere Vereine betheiligten sich dabei, so daß ein Fremder wohl auf die Vermuthung hätte kommen können, daß hier vielleicht ein hoher Würdenträger begraben werde.

Dem war aber nicht so. Wohl schmückten den Sarg kostbare Palmwedel und Kränze, die in Mengen nicht bloß aus den großen Städten unseres Vaterlandes, sondern auch aus England und Italien hergesandt worden waren. Aber die Feier galt doch nur einem schlichten Manne, einem Manne der Arbeit in des Wortes edelster und schönster Bedeutung, der es durch Fleiß, Treue, Redlichkeit und unentwegtes Streben vom verwaisten armen Handwerkslehrling bis zu einem Fabrikherrn gebracht hatte, der weit über hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte und noch weiteren Hunderten von fleißigen Mädchenhänden in den ärmeren Gegenden unseres Vaterlandes, auf dem Erzgebirg, in den Vogesen etc. dauernd lohnende Thätigkeit verschaffte.

In der Welt der Arbeit sind dergleichen Erscheinungen vielleicht nicht so selten, wie man im allgemeinen annimmt: an kraftvollen, sich selbst heraufarbeitenden Naturen ist gottlob unser Vaterland noch nicht arm. Aber da gerade der Lebensgang dieses Mannes eine Zeit umsaßt, in welcher die alten Formen des Bürger- und Handwerkerlebens zusammenbrachen und die arbeitenden Kräfte der Herrschaft des Dampfes und zahlreicher Erfindungen im Maschinenwesen sich anschmiegen und beugen mußten, und da der Industriezweig, dem er sich gewidmet hatte, in Deutschland noch verhältnißmäßig jung und wenig entwickelt war, so wird es vielleicht dankbar aufgenommen werden, wenn ich eine kurze Schilderung von dem Leben dieses deutschen Handwerkers und damit im Zusammenhang von der Entwicklung eines deutschen Gewerbszweiges entwerfe.

Christian Behrens war der Sohn eines Handschuhmachers und im Jahre 1826 in demselben Orte, wo er begraben liegt, geboren. Der Vater starb schon vor der Gebnrt des Sohnes, und aus seiner Hinterlassenschaft blieben nach dem Verkauf des Häuschens und eines Ackerstückes für den Knaben nur wenige hundert Thaler übrig, die, wie das damals in jener Gegend Sitte war, auf dem Schlosse des Grafen von Wernigerode gegen einen geringen Zinsfuß sicher angelegt wurden. Die Mutter heirathete wieder, und der Knabe bekam eine ganze Reihe von Halbgeschwistern, eine Reihe, die viel zu lang war, als daß nicht gar bald die bittersten Sorgen und die größten Entbehrungen in der Familie um sich gegriffen hätten. Wenn es die Witterung erlaubte, mußte barfuß gelaufen werden, und was die Familie an Brennholz gebrauchte, mußte in Gestalt von trockenen Zweigen von den Bäumen des Waldes gebrochen und auf dem Rücken heimgetragen werden. Hätte es keinen Schulzwang gegeben, dann wäre wohl kaum an die Schule gedacht worden, und von Pflege und Förderung des Unterrichts im Elternhause ist wohl niemals die Rede gewesen.

In der Gerberei.

Mit dem vierzehnten Jahre mußte der Knabe natürlich in die Lehre, und zwar wurde er ohne Rücksicht auf Neigung oder Veranlagung das, was sein Vater gewesen war, ein Handschuhmacher, der sein Handwerk in vierjähriger qualvoller Lehrzeit in Wernigerode erlernen mußte.

Oft und viel hat er mir von jener Zeit erzählt, von den unerhörten Anforderungen, die an den verhältnißmäßig zarten Knaben gestellt wurden. Im Hochsommer mußte bis zur hereinbrechenden Dunkelheit, im Winter häufig bis zehn Uhr nachts und länger bei Lampenlicht genäht und gearbeitet werden. Daneben aber lag dem Lehrling noch eine Menge Pflichten in Haus und Küche ob, oft hatte er meilenweite Wanderungen zu der Kundschaft auf den Dörfern zu machen, ohne daß ihm jemals ein Wort des Lobes und des Dankes oder gar ein klingender Lohn zutheil geworden wäre. Die Erinnerung an jene Zeit erweckte noch während seines späteren Lebens immer eine gewisse Bitterkeit in ihm, und auf die zunftstolzen Handwerksmeister der alten Schule, die gar häufig in ihrem engen Kreise kleine Tyrannen waren, war er schlecht zu sprechen. Wenn er später in seinem großen Geschäftsbetriebe gar viele Lehrlinge zu tüchtigen, fleißigen Menschen herangezogen hat, so hat er das gethan, indem er von ihnen Eifer, Fleiß und Tüchtigkeit forderte, niemals aber zuviel verlangte und streng darauf hielt, daß ihnen außerhalb ihres Berufes keine Verpflichtungen aufgebürdet würden.

Die Mitte der vierziger Jahre war für unseren Freund die Zeit des Wanderns, wie es damals in der eisenbahnarmen Zeit noch weit mehr üblich war als heute. Das Felleisen auf dem Rücken, den Knotenstock in der Hand, durchzog er ein gut Stück Norddeutschland, namentlich die Mark, Preußen, Pommern und Mecklenburg; wo sich Arbeit fand, da wurde gearbeitet. Aber die Goldene Zeit des eigentlichen Handwerks war schon damals vorbei, und nicht selten hat Behrens an eine Thür klopfen müssen, um einen Zehrpfennig oder ein Stückchen trocken Brot zu erbitten. Innere Tüchtigkeit hat ihn vor allen Gefahren bewahrt, die für junge Leute in dem Wanderleben liegen; er erntete statt dessen Bereicherung seiner Menschenkenntnis, Erweiterung seines Blicks und vor allem körperliche Kräftigung und Abhärtung. Richtig genossene Freiheit und Ungebundenheit wirkt ja immer wohlthätig auf die Entwicklung des Menschen, das beweist das Wanderleben des jungen Handwerkers ebensogut wie das Studentenleben der akademischen Jugend.

Im Jahre 1846 trat Christian Behrens in den Militärdienst ein, den er in der altberühmten Festung und Handelsstadt Magdeburg abzumachen hatte.

Das Strecken der Felle.

Germ verweilte er in seinen Erinnerungen bei jener Zeit; für seine näheren Kameraden von damals hatte er sein Leben lang die wärmste Theilnahme, jeder, der ihn aufsuchte, und wär’ es der Aermste gewesen, fand bei ihm ein gastliches Haus. Da er an strenge Zucht und Entbehrungen gewöhnt war, so wurde ihm das Dienen verhältnißmäßig leicht, er wurde sehr bald Gefreiter und Unteroffizier und stand als solcher bei den Truppen, welche gegen den badischen Aufstand ins Feld gesandt wurden.

Mit der Rückkehr zu friedlichen Zeiten trat für den jungen Mann die Frage des Lebensberufes und der Selbständigkeit wieder in den Vordergrund. Das Handwerk, das er erlernt, hatte unter den Einflüssen der Mode und der auf Freiheit der Bewegung und schrankenlosen Entfesselung aller Arbeitskräfte hindrängenden Zeitströmung stark gelitten. Er mußte versuchen, sich selbst eine neue Bahn zu schaffen, und dazu war unser Freund ganz der Mann.

In jener Zeit befand sich, was Deutschland betrifft, die Glacéhandschuhfabrikation noch sozusagen in den Kinderschuhen. Das von Frankreich herüber gekommene Gewerbe wurde nur vereinzelt in großen Städten und [436] da nicht selten von geborenen Franzosen ausgeübt; die weiteren Kreise des Volkes kannten es wenig und nannten die Leute, die es betrieben, „französische Handschuhmacher“.

Das war das Gewerbe, dem sich Christian Behrens in einem Alter von vierundzwanzig Jahren zuwandte. Eine nicht zu unterschätzende Grundlage besaß er in seinem erlernten Handwerk, und er bewahrte diesem auch noch so viel Anhänglichkeit, daß er durch ein Meisterstück das Meisterrecht in demselben erwarb.

Die Färberei.

Von jener Zeit an habe ich dem Manne nahe gestanden und jede Stufe seiner Entwicklung beobachten können und mit erlebt. Es war ein kühner Schritt, als Behrens es unternahm, in dem kleinen weltentlegenen und von keiner Eisenbahn berührten Osterwieck, allein mit dem kleinen Kapital, das bis dahin auf dem Grafenschlosse in Wernigerode gelegen hatte, die Fabrikation von Glacéhandschuhen in Angriff zu nehmen. Die ehrsamen Spießbürger schüttelten bedenklich die Köpfe, Glacéhandschuhe waren ihnen bis dahin ganz unbekannt, und wie diese gerade in ihrem Orte zu einem Erwerbszweig werden könnten, das war ihnen ganz unbegreiflich. Aber dennoch wurde das Werk muthig begonnen, so schwierig es auch war, die ersten Hilfskräfte in Gestalt von Nähterinnen zu gewinnen.

Mit unermüdlichem Eifer stand unser Freund in der ersten Zeit allein am Arbeitstisch, und zwar vom frühen Morgen bis zum späten Abend; doch bald fand sich ein Lehrling ein, und ein aus einer Strafanstalt entlassenes Mädchen wurde als Nähterin gewonnen. In wenigen Wochen konnte ein bescheidenes Kistchen mit fertiger Ware in Berlin abgesetzt werden, das denn auch weitere Aufträge zur Folge hatte. Der Anfang war gemacht und rastlos wurde weiter gearbeitet, dem ersten Lehrlinge folgte bald ein zweiter, erst einer, dann zwei, drei Gehilfen kamen dazu, und in gleichem Schritte entwickelte sich die Handschuhnäherei. Das verachtete Mädchen aus der Strafanstalt wurde die Lehrerin anderer Mädchen aus der ärmeren Bevölkerung und der regelmäßige sichere Verdienst zog immer weitere Kreise an sich, so daß nach wenigen Jahren zahlreiche Töchter aus dem Bürgerstand freudig die Gelegenheit ergriffen, sich durch Handschuhnähen einen nicht unbedeutenden Erwerb zu verschaffen.

Es würde zu weit führen und zu viel Raum erfordern, wollten wir hier Schritt für Schritt die Entwicklung des Geschäftes verfolgen. Es genügt, anzuführen, daß es unter der rastlosen und umsichtigen Leitung seines Gründers zu einer der bedeutendsten Handschuhfabriken Deutschlands heranwuchs, deren geschäftlicher Verkehr sich weit über die Grenzen unseres Vaterlandes erstreckt, daß in ihren Rahmen eine mit Dampfkraft arbeitende bedeutende Gerberei und Lederfärberei eingefügt ist, deren hohe Schornsteine weit die Dächer der alten Stadt überragen, und daß zahlreiche Familien ihr den Lebensunterhalt verdanken.

Das Zuschneiden des Leders.

Der Glacéhandschuh hat sich längst einen breiten Boden auch bei uns erobert. In Bezug auf Farbe, Verzierung und, so weit es sich um Damenhandschuhe handelt, in Bezug auf die Länge des oberen Theiles ist er der Mode unterworfen. Selten wird aber der Stutzer auf der Promenade oder die geschmückte Dame des Ballsaales und der Salons an den weiten Weg denken, dessen es bedarf, um aus dem Felle eines Zickleins oder Schafes einen Handschuh zu machen, an die zahlreichen fleißigen Hände, die dazu in Bewegung gesetzt werden müssen, und noch weniger daran, daß der elegante Handschnh einst das Fell eines Thieres bildete, das auf den Gebirgen Südamerikas, auf der Sierra Nevada in Spanien, auf den Felsen Italiens und Siciliens oder auch auf dem klassischen Boden Griechenlands umhersprang. Es wird schwer zu bestimmen sein, welche Zahlen dabei eine Rolle spielen, aber man wird sich annähernd einen Begriff von ihrer Höhe machen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im Durchschnitt das Fell eines Thieres für ein Paar Handschuhe ausreicht, und daß eine Fabrik wie die in Rede stehende, die, wenn sie auch zu den bedeutenderen gehört, doch eine Anzahl ebenbürtiger Betriebe in Deutschland neben sich hat, in runder Summe wöchentlich tausend Dutzend Handschuhe fertigt.

Das Abschleifen oder Dollieren.

Es wird deshalb dem Leser nicht unwillkommen sein, eine kurze Wanderung durch die Werkstätten zu thun, in denen die Handschuhe gefertigt werden. Das erste, was mit den rohen Fellen vorgenommen wird, ist das Einlegen in die sogenannten Aescher, grubenartige Behälter, in welchen die Felle, dicht aufeinander gepackt und dicht bestrichen mit einer zersetzenden Masse, so weit gelockert und erweicht werden, daß sich die Wolle bezw. die Haare mit einem Schabemesser leicht entfernen lassen. Das so gereinigte Fell wird dann nach einer gründlichen Wäsche nochmals einem länger dauernden Erweichungsprozesse unterworfen, bei welchem erhebliche Massen von Eiweiß dazu dienen, die Dehnbarkeit und Geschmeidigkeit des Leders zu erhöhen. Eine nochmalige gründliche Behandlung mit dem Schabemesser schließt sich daran, wobei zugleich alle übermässigen und unbrauchbaren Theile des Felles entfernt werden. Darauf folgt das Trocknen; die Felle werden im Sommer in luftigen und im Winter in stark geheizten Räumen aufgehängt, in welchen durch eine Windmaschine, einen sogenannten Exhaustor, stets eine starke Luftbewegung unterhalten wird. Je schneller ein Fell trocknet, je weniger ist es von Zersetzung bedroht. Ist es brettartig trocken, so wird es durch Maschinen unter Zusatz von Kleie weich gerieben und dann einer gewaltigen Streckung durch die Hand auf dem Stollpfahl unterzogen. Aus der rauhen Haut ist nun ein weiches, weißes und leicht dehnbares Leder geworden, das aus der Gerberei in die Färberei wandern kann, vorausgesetzt, daß es nicht ganz flecken- und tadellos ist. Denn solche Felle werden zu weißen Handschuhen verarbeitet.

Hat schon bei dem Gerben der Felle die Chemie eine wichtige Rolle gespielt, so ist das noch in weit höherem Maße bei der Färberei der Fall. Die Herstellung der Farben, ihre Zusammensetzung, die Frage, ob für die verschiedenen Töne kräftigere oder leichtere, ob natürliche Saftfarben oder chemisch bereitete zu verwenden sind, das alles erfordert gründliche Kenntnisse, und der Leiter der Färberei gehört zu den wichtigsten Personen bei der Handschuhfabrikation.

Das eigentliche Färben geschieht theilweise an Tischen mit der Hand unter Zuhilfenahme von Bürsten, oder aber auf kreisenden Platten, auf welchen die durch die Maschine selbst zugeleitete Farbe durch die schnelle [437] Drehung gleichmäßig vertheilt wird. Wie nach dem Gerben so ist auch nach dem Färben ein schnelles und gründliches Trocknen Hauptbedingung, und ebenso schließt sich auch hier ein ausgiebiges Recken und Strecken auf dem Stollpfahl an.

Eine Nätherin liefert Arbeit ab.

Damit sind indessen die Vorbereitungen für die eigentliche Herstellung des Handschuhes noch nicht vollendet, das Fell bedarf noch eines sorgfältigen Abschleifens der faserigen Innenseite, des sogenannten „Dollierens“.

In früheren Zeiten – und in kleineren Geschäften ist es wohl heute noch so – geschah das Schleifen durch Handarbeit mit einem sogenannten Dolliermesser; die Neuzeit nimmt aber hierfür die Dampfkraft in Anspruch. Auf breiten mit Schmirgelleder besetzten Radscheiben, die sich aufs schnellste drehen, werden die Felle abgeschliffen, eine Verrichtung, die namentlich in größeren Arbeitssälen einen gewaltigen Lederstaub emporwirbeln läßt.

Nunmehr wandert das Fell in die Arbeitssäle der eigentlichen Handschuhmacher, um zum Handschuh verarbeitet zu werden. Es ist das an sich keine schwere und angreifende Arbeit, aber sie erfordert doch viel Geschick und einen sicheren Blick bei der Behandlung und Eintheilung des Leders. Der eigentliche Schnitt wird auf einer kleinen Schneidemaschine gemacht, die aus Messern besteht, welche ganz der Fingerlage entsprechen; nur die Zwischentheile werden mit der Schere geschnitten. – Das Zusammennähen der Handschuhe ist nun eine Aufgabe, die ausschließlich dem weiblichen Geschlecht zufällt, und zwar handelt es sich im wesentlichen um Hausindustrie, die, wie schon erwähnt, vielfach Leute in ärmeren Gebirgsgegenden beschäftigt. Die Arbeit wird durchweg auf Nähmaschinen besorgt, die namentlich für die Herstellung der Verzierungen auf der oberen Handfläche sehr verwickelter Art sind.

Den Schluß der Thätigkeit an dem Handschuh bildet das Zurechtlegen und Glätten oder, wie man es in der Kunstsprache nennt, das „Dressieren“, das Knöpfeannähen und das saubere Verpacken. Auch zu dem letztgenannten Geschäfte bedarf es sehr geschickter Hände, wenn das Ansehen und die Verkäuflichkeit der Ware nicht beeinträchtigt werden soll.

In unserem vaterländischen Gewerbswesen spielt die Handschuhfabrikation eine bedeutende Rolle.

Trotz hoher Zölle bringt sie doch Millionen aus dem Auslande, namentlich aus England und Amerika, nach Deutschland, vielen Tausenden gewährt sie ein auskömmliches Brot. Und dafür schuldet das Vaterland auch jenem schlichten Manne Dank, der einst den Muth besaß, seinen Landsleuten diese neue Bahn zu Arbeit und Verdienst zu öffnen.




Altersriesen.

Von Dr. J. Herm. Baas.


Ein hohes Alter gilt als ein besonderes Glück. Erreicht aber einer – so voller Widersprüche ist die Menschenseele – ein ungewöhnliches Alter, so fühlt er sich in der Regel, da der Gleichaltrigen, mit denen er jung war, nur noch wenige oder gar keine mehr da sind, vereinsamt, er wünscht in der Regel zu sterben, zumal, wenn die Gebrechen des Alters den Genuß des Daseins beeinträchtigen. Doch giebt es auch Menschen, welche das gewöhnliche Altersmaß ebensoweit überschreiten, wie die körperlichen Riesen das Durchschnittsmaß der Körpergröße hinter sich lassen, und die dabei gesund und lebensfroh bleiben, wahre Alters- und Gesundheitsriesen. Aber in der verhältnißmäßig kleineren Zahl der Fälle sind dies zugleich Geistesriesen gewesen, sondern es waren in der Hauptsache einfache Dauermenschen. Sie erregen hauptsächlich dadurch Interesse, daß sie die Fragen nahelegen: wie lange hat der Mensch im Mittel zu leben; wie hoch ist die gewöhnliche höchste Altersgrenze und wie weit kann sie überschritten werden?

Es giebt eine ganze Anzahl von Sammlungen der bekannten Altersriesen, aus denen man die Antwort auf die letzte Frage schöpfen könnte. Zahlreiche Beispiele führt Hufeland in seiner „Makrobiotik“ an, und unter den neueren Schriftstellern hat besonders Professor Büchner die zuverlässigsten Angaben gemacht. Beiden entnehmen wir einen Theil der hier folgenden Auswahl, einen anderen Theil den Schriften von Paul Niemeyer, Pflüger, Ebstein u. a., die neuesten haben wir selbst gesammelt.

Als größter Altersriese wird immer der sprichwörtlich gewordene Methusalem zuerst genannt mit einem Alter von 969 Jahren.

In weitem Abstand folgen Henoch mit 365 und Abraham mit 175 Jahren, dessen Frau Sarah ein Alter von 127 Jahren erreichte und mit 90 Jahren Mutter des Isaak ward, der seinerseits es auf eine Lebensdauer von 180 Jahren brachte, währeud Jakob im 147., Joseph im 110. und Moses im 120. Lebensjahr verstarben.

Da die Juden auch jetzt noch ein höheres Durchschnittsalter haben als die Angehörigen anderer Stämme, so wären an sich diese hohen Alterszahlen – mit Ausnahme derjenigen von Methusalem und Henoch – gerade nichts Wunderbares; selbst ihre regelmäßige Wiederkehr ließe sich noch durch erbliche Familienlanglebigkeit erklären. Indessen fehlt es an jeder Sicherheit über die diesen Angaben zu Grunde liegende Jahreslänge, und somit entbehren jene Zahlen der Zuverlässigkeit, ganz abgesehen davon, daß von einer genauen Handhabung der Zahl, wie dies in unserer heutigen Statistik der Fall ist, damals keine Rede sein konnte.

Aehnliches gilt in Bezug auf die Ueberlieferungen anderer alten Völker, denen man übrigens so viel entnehmen kann, daß es auch bei ihnen Langlebige in größerer Anzahl gegeben habe.

Als Aeltester unter den alten Griechen mag der Priesterphilosoph Epimenides (um 590 v. Chr.) genannt werden, der 157 Jahre alt geworden sein und davon merkwürdigerweise volle 50 Jahre in einer Höhle verschlafen haben soll. Der berühmte materialistische Philosoph Demokrit von Abdera wurde nach einer Angabe 109, nach einer anderen nur 90 Jahre alt; der Sophist Gorgias lebte von 485 bis 378 v. Chr., also 108 Jahre, der stoische Philosoph Zeno aber 100 Jahre. Viele andere geistige Größen Altgriechenlands erreichten das 80. und das 90. Lebensjahr.

Als besondere Merkwürdigkeit sind die Angaben über die lange künstlerische Leistungsfähigkeit zweier römischen Schauspielerinnen anzuführen: die eine soll volle 100 Jahre in ihrer Kunst thätig gewesen sein und noch im 112., die andere aber noch nach ihrem 90. Lebensjahr gespielt haben. In Nordafrika, das im Alterthum für sehr gesund galt, fand man unter 3000 Grabsteinen 55 von solchen, die über 100 Jahre alt geworden waren, und einer darunter galt gar einem 132jährigen. Da jedenfalls nur Wohlhabende solche Denkmäler erhielten, so handelt es sich bei dieser Grabsteinstatistik nur um eine sogenannte „ausgewählte Sterbeliste“, welche keinen Schluß auf die ganze Bevölkerung zuläßt; in der That berechnet Friedländer aus der [438] Gesamtzahl eine mittlere Lebensdauer von 42 Jahren, so daß also Nordafrika auch im Alterthum kein eigentliches Makrobiotenland war.

Merkwürdig ist auch eine Art statistischer Erhebung über Höchstaltrige, jedenfalls die älteste, die es giebt, welche unter Kaiser Vespasian bei Gelegenheit einer Steuereinschätzung im Jahre 76 n. Chr. gemacht wurde.

Danach sollen in dem kleinen Bezirke Oberitaliens, welcher zwischen dem Po und den Apenninen liegt, damals nicht weniger als 124 über 100 Jahre alte Personen gelebt haben, darunter 57 im 110., 2 im 125., 4 im 130. und zwischen dem 135. und 137. endlich 3 im 140. Lebensjahre. Eine wirklich klassische Anhäufung sogenannter Makrobioten von über 100 Jahren aber soll zu jener Zeit in einem Orte bei Piacenza vorhanden gewesen sein; nicht weniger als ihrer 40 bildeten dort zur selben Zeit gleichsam eine makrobiotische Kolonie, und was noch auffallender ist, genau 6 von ihnen standen im 110. und im 120. Lebensjahr. Auch in Parma hausten zur gleichen Zeit 3 120jährige.

Zieht man alle diese merkwürdigen Umstände in Betracht, so lassen sich wohl ernste Zweifel gegen die Zuverlässigkeit der angeführten Statistik nicht unterdrücken, wenn man nicht die schwer zu begründende Vermuthung aufstellen will, daß die genannte oberitalienische Gegend damals als besonders günstige Oertlichkeit, gleichsam als klimatischer Kurort für Altersriesen, auch von fremden, aus anderen Gegenden stammenden Makrobioten aufgesucht worden sei. Heute müßte man wenigstens aus ganzen großen Ländern die gleichzeitigen Makrobioten zusammenbringen, um 124 Leute zu erhalten, die zwischen dem 100. und 140. Lebensjahr stehen – und käme dann vielleicht immer noch nicht auf die genannte Zahl. Gab es doch z. B. in ganz Frankreich im Jahre 1886 nur 80 über 100 Jahre alte Personen!

Aus der frühen christlichen Zeit wäre zu nennen der Apostel Johannes, der nahezu 100 Jahre, und der Stifter der Mönchsorden, Antonius der Große, der 105 Jahre erreicht haben soll.

Unter den arabischen Aerzten des Mittelalters brachten es zwei, die zugleich Zeitgenossen waren, auf 100 und mehr Jahre: Abul Hassan Garib ben Said, der von 830 bis 930 n. Chr. lebte, und Abu Jacub Izhak ben Soleiman il Israil, der 111 Jahre alt wurde (830 bis 941 n. Chr.). Nur um ein Jahr jünger verstarb am Schlusse des Mittelalters in Straßburg der deutsche Chirurg Hieronymus von Brunschwigk (1424 bis 1534), der Vater der deutschen Chirurgie, welchem auch ein Verdienst gebührt, welches man immer dem französischen Wundarzt Paré zutheilt, nämlich die Schußwunden zuerst mit lauem Oel (anstatt mit kochend heißem, wie es bis dahin geschah) verbunden und die Schlagaderwunden, welche man vorher stets mit glühendem Eisen brannte, um die Blutung zu stillen, durch Unterbindung geschlossen zu haben.

Mit diesen Beispielen sind wir schon an der Zeitgrenze angelangt, von der ab besser beglaubigte und zum Theil unanfechtbare Zeugnisse für die Richtigkeit biographischer Angaben über Höchstaltrige beginnen.

Zwar wird es immer noch mit uns dem Leser nicht ganz glaublich erscheinen, daß ein gewisser Thomas Carn von 1588 bis 1795 gelebt haben, somit 207 Jahre alt geworden sein sollte; doch entstammen diese Angaben immerhin einem Londoner Kirchenregister, und da man in England um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts schon wirkliche Statistik zu pflegen begonnen hatte, so dürften sie nicht gänzlich zu verwerfen sein. Jedenfalls verdienen sie mehr Glauben, als die über den ungarischen Dorfbauern Peter Czarten, der 1724 im Alter von 185 Jahren gestorben sein soll, somit 1539 geboren sein müßte; sogar mehr Glauben als die lateinische Grabinschrift des Stifters des Bisthums Glasgow, Centigern oder S. Mungo, die deutsch etwa lautet:

„Hundert und fünf und achtzig der Jahre hatt' er vollendet,
Als er heilig verstarb und begraben wurde zu Glasgow.“

Ein Landsmann und Berufsgenosse des ungarischen Bauern Czarten, Johann Rovin, brachte es nicht nur auf 172 Jahre, sondern lebte auch mit seiner 164 Jahre alt gewordenen Frau ganze 147 Jahre in der Ehe zusammen; wenn also alle Angaben feststünden, so hätte er es zu mehr als zwei diamantenen Hochzeiten gebracht.

Abwärts in unserer Reihe. schließen sich an Henry Jenkins (1500 oder 1501 bis 1670), 169 Jahre alt, Marie Pion (starb 1838), 158 Jahre alt; Johanna Obst (1670 bis 1825), 155 Jahre alt, und Jesus Campeche, 154 Jahre alt, der letztere lebte 1892 noch in der Stadt Mexiko, war laut Geburtsschein 1738 in Valladolid in Spanien geboren und hatte das Aussehen eines 90jährigen Mannes. Dem nächstfolgenden, dem 152jährigen Thomas Parr (1483 bis 1635), ward im Tode die Ehre zutheil, von dem unsterblichen Harvey seciert zu werden, dem Entdecker des Blutkreislaufs und des wichtigen Entwicklungsgesetzes, daß das Ei der allen Thieren gemeinsame Anfang sei. Es ist dies die einzige bekannte Sektion eines so hochaltrigen Menschen. Die Beschreibung, welche Harvey hinterlassen hat, besagt, daß alle inneren Organe völlig normal und nicht einmal die Rippenknorpel verknöchert gewesen seien, daß also der Alte, den der König nach London hatte kommen lassen, allem nach nur durch die veränderte und üppigere Kost, die er erhielt, zu Grunde gegangen sei, ohne diese Aenderung der Lebensweise aber wahrscheinlich noch lange gelebt haben würde.

Als Beispiel, daß auch von Indianern höchste Altersstufen erreicht werden können, während sie sonst, wie alle uncivilisierten Stämme, im allgemeinen kurzlebig sind, mag der Kazike Tongue dienen, der 1892 im brasilianischen Bezirke Palmeira im Alter von 150 Jahren gestorben ist und bis ans Ende bei vollem Verstand geblieben sein soll. 146 Jahre alt ward der dänische Matrose Draakanberg (1626 bis 1773), 140 Joseph Crele (1725 bis 1865) aus Detroit in Wisconsin, 135 Georg Wunder (1627 bis 1761) aus Greiz. In Monterey in Mexiko starb 1892 im Alter von 132 Jahren Margaretha Riveira, die Großmutter des Gouverneurs von Cohahuila, der damals im 80. Lebensjahr stand; sie war als 19jähriges Mädchen aus Spanien eingewandert.

In demselben Jahre aber lebte noch, 130 Jahre alt, in dem Bezirke Mostar in der Herzegowina Anton Juritzsch, der noch täglich in seinem Weingarten arbeitete und jeden Sonntag zwei Stunden Wegs zurücklegte, um zur nächsten Kirche zu gehen; er sah noch gut aus, seine Augenbrauen waren übermäßig lang und mußten von Zeit zu Zeit gekürzt werden, damit sie den Mann nlcht am Sehen hinderten.

Mit sechs Fingern an jeder Hand und sechs Zehen an jedem Fuße lebte 127 Jahre lang (1627 bis 1754) Owen Carollan, ein irischer Bauer, während die Irländer George Kirton († 1764, 125 Jahre alt) und Brawn († 122 Jahre alt) dem Trunke verfallen waren, gleich dem 140 Jahre alt gewordenen Chirurgen Politiman, der sich indessen erst abends nach Besorgung seiner Praxis dem Glase ergab. Im Jahre 1893 starb in New-York 1241/2 Jahre alt die polnische Jüdin L. Lescynska, die noch acht Tage vor ihrem Tode munter in Stadt und Haus umhergegangen war. Sie hinterließ ein 73jähriges Töchterchen, 14 Enkel und 7 Urenkel. Merkwürdig durch hochalterige Verwandtschaft war auch Wenzel Hrncir, ein Landwirth in Sloukowitz bei Hermanmestetz in Böhmen, der am 3. Mai 1892 im 116. Lebensjahr verstarb, nachdem er bis ein Jahr vor seinem Ende ganz gesund geblieben war und nur im letzten Jahre das Augenlicht eingebüßt hatte. Er besaß einen Schwager, Joh. Jelinek, der 105 Jahre, und eine Schwester Kath. Jelinek, die 106 Jahre erreichte.

In Wien lebte bis 1889 Magdalena Ponza, die im Jahre 1775 geboren war, und in Jerusalem bis 1892 eine ebenfalls 114 Jahre alt gewordene armenische Nonne, die 98 Jahre lang nicht vor die Schwelle ihres Klosters gekommen war. Dem mongolischen Menschenstamme gehörten zwei Frauen an, denen in Kanton laut Bericht über die Weltumsegelung der "Novara" Tempel errichtet waren; die eine dieser "ausgezeichneten“ Frauen war 115, die andere 104 Jahre alt geworden. Zwei französische Frauen sind die nächsten in der Reihe: eine Hospitalitin, die 114 Jahre alt zu Evaux (Creuse) 1892, und eine Frau Dubosc, die 1893 in Pavilly bei Lille 111 Jahre alt verstarb und deren Nachkommen an die 300 waren. Markus Jordan in Bielefeld aber (1779 bis 1891) stand mit seinen 112 Jahren zwischen beiden; er dürfte von den dentschen Altersriesen aus letzter Zeit am bekanntesten gewesen sein. Er gehörte dem friedlichen Handelsstand [439] an, während der zu Anfang dieses Jahres in St. Petersburg im Alter von 110 Jahren verstorbene Geheime Rath L. G. Iwanow Oberarchivar des Großen Generalstabs und noch bis 3 Monate vor seinem Tode als solcher thätig war.

109 Jahre alt wurde Graf Jean Frédéric de Waldeck († 1875); 107 Jahre Nikolai Kotschetkow († 1892), gewesener russischer Artilleriefeuerwerker und als solcher bis 1878 volle 67 Jahre hindurch im Dienst; 1016 Jahre Vivien, geb. 1786, lebte zu Lyon noch 1892 und fühlte sich so gesund, daß er noch 50 Jahre weiter zu leben hoffte; er ist nie krank gewesen, hat 22 Feldzüge mitgemacht, den ersten als Junge mit Napoleon I. in Aegypten, dann den Uebergang über den Großen St. Bernhard, den Feldzug in Spanien unter Soult, die Schlacht bei Waterloo bei der Garde etc.

Die folgenden drei brachten es auf 104 Jahre: Witwe Mathilde Ravagni († 1892 im Stadthospital zu Trient); Ludovico Cornaro aus Venedig (nach einigen ward er nur 93 Jahre alt), berühmt als Verfasser einer Schrift über nüchternes Leben; er hatte übrigens, bevor er sich einem solchen ergab, lange ausschweifend gelebt; endlich ein gewisser Ribeyrol, der, bis zuletzt gesunden Geistes und Körpers, 1893 in Perigueux verstorben ist. 103 Jahre, 6 Monate und 23 Tage lebte die Witwe Garnier in Bordeaux (geb. 1789, gest. 1893), welche nie in ihrem Leben aus ihrer Vaterstadt hinausgekommen war; 103 Jahre Anna Lackner (†1892) im Zillerthal, die sich bis zu ihrem Tode einer seltenen Rüstigkeit erfreute, ebenso wie Zacharias Werny in Halberstadt (geb. 12. Okt. 1791, gest. im August 1892), dessen Bild wir in Nummer 46 des Jahrgangs 1891 unseres Blattes gebracht haben.

Ein Altersriese, der außer wegen seines auf 102 Jahre gestiegenen Alters auch wegen großer wissenschaftlicher Verdienste genannt zu werden verdient, war der berühmte Chemiker Mich. Eug. Chevreul (1786 bis 1889), Mitglied der französischen Akademie. Der im Jahre 1892 noch lebende, 102 Jahre alte Neapolitaner Giuseppe Capiello zeichnete sich dagegen im genannten Jahre noch als Messerheld aus, indem er einem Nebenbuhler im Zündhölzchenhandel zu Leibe ging, so daß er vor Gericht gestellt wurde – auch ein Zeichen großer Lebenskraft.

Der folgende hat der Menschheit schöne Dienste geleistet: ich meine den 101 Jahre alt gewordenen Sir Moses Montefiore (1784 bis 1885).

Das Verdienst, die ältesten lebenden Aerzte und Freimaurer ihrer Zeit zu sein, beanspruchen Dr. William Salmon in Pennlyne (Glamorganshire, England) und Dr. Enoch Fithin in Greenwich (Cumberland County; Nordamerika), der erstere (1892) 102, der zweite 100 Jahre alt. In dem gleichen Jahre lebte als ältester Hauptmann der franzöaschen Armee in Chateaudun der 1792 geborene Souflot († 1893, 101 Jahre alt), der 1812 Unterlieutenant geworden war, im übrigen 38 Neffen und Nichten besaß; der deutsche Veteran Gimpel dagegen in Dorf Reipisch bei Mersebnrg (er lebte, 100 Jahre alt, noch 1892) hat 45 lebende Enkel, 106 Urenkel und 5 Ururenkel, sein ältester Sohn ist 80 Jahre alt.

Vor wenigen Tagen erst hat die in München lebende Witwe eines Rentbeamten, Barbara Müller, ihren 100. Geburtstag gefeiert.

Daß man endlich aus Freude sterben kann, bewies die Witwe Petit (geb. 21. Jännar 1793), die 6 Tage vor ihrem 100. Geburtstage verschied, aus freudiger Erregung darüber, daß man diesen Tag festlich begehen wollte.

Von den Höchstalterigen bis zu der Altersgrenze von 100 Jahren herab gilt im allgemeinen – die meisten waren ja einfache Leute – der Satz, daß ein Altersriese verhältnißmäßig selten etwas Bedeutendes leistet, ebenso wie die körperlichen Riesen selten bedeutende Geister sind. Unter den bekannten Altersriesen ist wenigstens keiner, der nach dem 100. Jahre der Menschheit irgendwie geistig oder materiell noch vorwärts geholfen hätte, ja die meisten haben das niemals gethan.

Beispiele von Leuten anzuführen, die zwischen 100 und 90 Jahre alt wurden, ist nicht nöthig, da wohl jeder Leser solche öfters 1n Tagesblättern namhaft gemacht findet. Zwei über 90jährige jedoch müssen wir Deutsche immerdar mit Stolz und Dank nennen: den großen Kaiser Wilhelm I. und seinen Feldmarschall, deren beider Leben zudem bis ans Ende in Arbeit köstlich blieb, so daß der erstere selbst auf dem Sterbebett keine Zeit fand, müde zu sein, der letztere aber als einer der besten deutschen Prosaschriftsteller mit einer Geschichte des großen Krieges 1870/1871 für das Volk sein Tagewerk, seiner selbst würdig, beschloß.

Altersstufen von über 100 Jahren, oder gar die noch höheren bis zu 180 und 200 Jahren sind im Grunde nur Kuriositäten oder Excesse der Natur, gerade wie die körperlichen Riesen, keineswegs aber können sie als begehrenswerthes Ziel einer praktischen Gesundheitspflege gelten.

Daß es sich wirklich oft um halb abnorme Zustände handelt, geht auch daraus hervor, daß selbst körperlich Mißbildete die höchsten Stufen erreicht haben und daß sogar gewisse unnatürliche, ja zum Theil abstoßende Vorgänge eintraten, die man euphemistisch als „Verjüngung“ (Regeneration) bezeichnet. Einzelne Altersriesen bekamen mit 80 und mehr Jahren neue Zähne[1] – selbst mehrmals nacheinander – oder neue Haare, die, statt weiß zu bleiben; dunkelfarbig wurden; bei einzelnen Frauen kehrten jugendliche Formen wieder; von den Männern verheiratheten sich noch solche mit 120 Jahren, andere Makrobioten kamen, wie erzählt, sogar mit den Gesetzen in Konflikt oder waren notorische Trunkenbolde bis ans Ende; wieder andere sahen abschreckend häßlich aus, wurden zu unschönen Mumien, schrumpften zusammen (Marie Piou bis auf 42 Pfund) und lebten doch weiter, gleichsam wandelnde Illustrationen zu der griechischen Thitonossage vom ewigen Fortleben ohne das Geschenk der ewigen Jugend.

Daß gar manche die Eigenthümlichkeit eines außergewöhnlich hohen Alters auch auf einen Theil ihrer zuweilen äußerst zahlreiche Nachkommeschaft (die 1768 105jährig verstorbene Frau Marie Prescott hatte 37 Kinder) vererbten, ist zwar nicht regelwidrig, aber gerade nicht verlockend. Erträglich scheinen nur die Beispiele von solchen, deren geistiges und körperliches Leben so normal und rüstig war, daß sie in ihrem Kreise nützliche und brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft blieben; das sind aber Ausnahmen unter den Ausnahmen der Altersriesen gewesen.

Aber selbst dann, wer möchte 5 bis 6 Menschenalter lang das Leben ertragen? Würde man eine Abstimmung veranstalten, so würden fast sicher die meisten für normales Lebensalter stimmen, idealistisch und poetisch Veranlagte wahrscheinlich sogar für die kürzere Lebensdauer der Lieblinge der Götter sich entscheiden, um, wenn irgend möglich, unsterblich im Gesange fortzuleben gleich Achilles.

Die ganz ausnahmsweise hohen Altersstufen sind nicht einmal geeignet zur Grenzbestimmung der menschlichen Lebensdauer überhaupt.

Gezwungen durch die Statistik, rechnet man neuerdings schon die mehr als 75jährigen zu den außergewöhnlich Alten. Immerhin stimmt der vielcitierte älteste statistische Satz „Unser Leben währet 70 Jahr und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jahr“, leidlich mit den Ergebnissen der neueren Statistik überein, die (nach Lexis und Bodio) ein Alter von 74 bis 75 Jahren als die durchschnittliche höchste, deshalb allein den Bestrebungen der Gesundheitslehre als normal zu Grunde zu legende Altersgrenze ergeben hat.

Ganz verschieden von dieser Normalgrenze des Lebens oder diesem „Normalalter“ ist die sogenannte mittlere Lebensdauer. Sie stellt sich um die Hälfte niedriger als jene. Und merkwürdigerweise stimmt auch in dieser Beziehung das, was die neuere Statistik ergeben hat, mit dem überein, was der griechische Geschichtschreiber Herodot (wahrscheinlich auf altägyptische Zahlen gestützt) im 5. Jahrhundert v. Chr. sagte, daß „das gewöhnliche Menschenalter 331/3 Jahre“ dauere, falls man die Gesamtsumme der Erdbewohner der Berechnung zu Grunde legt.

Das ist doch gewiß ein fast wunderbares Beispiel von Uebereinstimmung uralter Beobachtungszahlen mit den Ergebnissen modernster und exaktester Berechnung!


  1. Ein Beispiel für diese Erscheinung macht soeben die Runde durch die Zeitungen. Eine in Darmstadt lebende Dame bekam im Alter von 83 Jahren einen neuen Backenzahn und ein zweiter schien eben zum Durchbruch zu kommen. Bemerkenswerth ist dabei, daß der Vater der Frau vor etwa elf Jahren im Alter von über 100 Jahren gestorben ist.




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Der Cid in seiner wahren Gestalt.

Von Karl Braun-Wiesbaden.

Es ist ein Glück für die Helden der Sage, wenn sie aus der Geschichte gänzlich verschwinden; und die Wahrheit, daß im Leben untergehen muß, was in der Dichtung fortblühen soll, bestätigt sich immer aufs neue.

Hätten wir authentische gleichzeitige Aufzeichnungen über die homerischen Helden, dann würden wir sie wohl nicht sehr hoch über unsere heutigen Rothhäute stellen. Ein gelehrter Ungar, Julius Schwarcz (Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften), hat in einem umfangreichen und quellenmäßigen Buche über die „Demokratie von Athen“ nachzuweisen versucht, daß es mit den Griechen zur Zeit der höchsten Blüthe der althellenischen Herrschaft nicht viel besser bestellt war. Wenn wir gleichzeitige Urkunden und Aufzeichnungen über Roland und die anderen großen Helden und über die fahrenden Frauen zur Zeit Karls des Großen besäßen, würden wir denselben gewiß weniger Bewunderung und Sympathie widmen, als wenn wir des großen Meisters Ludovico Ariosto unsterbliche Gesänge vom „Rasenden Roland“ lesen. Selbst jener fabelhafte „König von Flandern und Brabant, der zuerst das Bierbrauen erfand“, welchen wir „Gambrinus“ nennen, während er in Wirklichkeit Dux Jan primus hieß, kann bei näherer Bekanntschaft nicht gewinnen, ist vielmehr in Gefahr, die ihm aus Hopfen und Gerste gewundene Krone zu verlieren.

Aehnlich geht es mit dem berühmten spanischen Helden Ruy Dias (d. i. Rodrigo, Sohn des Diego), in allen Welttheilen bekannt unter dem Namen Cid Campeador (d. i. der Vorkämpfer) als höchste Blüthe der allerchristlichsten kastilianischen Ritterschaft, als „el mas famoso Castellano“, als ein bewundernswürdiger Ausbund großmüthiger, opferfreudiger, uneigennütziger und unbeschränkter feudaler Hingebung und Treue, als „der Mann, der kein größeres Glück, keine höhere Seligkeit kennt als die, seinem König und Herrn zu gefallen“.

In diesem Sinne haben portugiesische, spanische, französische und deutsche Dichter ihn um die Wette besungen, unter den Deutschen kein Geringerer als Herder.

Nun aber kommt die unbarmherzige geschichtliche Forschung und liefert uns den Beweis, daß dieses Muster der allerchristlichsten Treue, das immer „seinen König und Herrn“ im Mund führt, ein gemeiner und treuloser Rebell war, geleitet von den schmutzigsten Leidenschaften, namentlich von der Habsucht, und daß er, um diese zu befriedigen, sich an den Höchstbietenden verkaufte, mochte er Gegner oder Freund seines Königs sein – Christ oder Mohammedaner. Ein gelehrter Holländer, Dozy, hat in der Bibliothek zu Gotha ein arabisches Manuskript entdeckt, welches uns authentische Auskunft über die Großthaten des Cid giebt. Der Verfasser ist ein edler Maure Namens Ibn Bassan, ein Zeitgenosse und Opfer des Cid. Er hatte noch das Rohr in der Hand, mit welchem er die Ereignisse seiner Zeit niederschrieb, als ihn Cid greifen und hinrichten ließ. Der holländische Gelehrte hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen niedergelegt in einem Buche, betitelt „Forschungen über die Geschichte der spanischen Litteratur während des Mittelalters“.

Danach ist folgendes die glorreiche Geschichte des großen Cid Campeador:

König Ferdinand I., welcher um die Mitte des elften Jahrhunderts durch seine Heirath beinahe das ganze damals christliche Spanien mit Einschluß von Portugal unter sich vereinigt hatte, theilte es wieder unter seine Kinder. Die Söhne erhielten bei dieser staatsfeindlichen und unklugen Erbtheilung jeder ein Königreich: Sancho erhielt Kastilien, Alfons erhielt Leon und Asturien und Garcia Galizien und Portugal. Die Töchter erhielten jede eine Stadt: Donna Urraca erhielt Zamora und Donna Elvira Toro. So wurde das mühsam Zusammengebrachte wieder zerrissen. Die getrennten Glieder strebten nach Wiedervereinigung und es entbrannte Streit und Krieg unter den Kindern Ferdinands I. Sancho strebte, seinem Bruder Leon und Asturien wieder zu entreißen.

Cid schlug sich auf die Seite des Sancho. Als die Heere der feindlichen Brüder einander gegenüberstanden, trat Cid zwischen dieselben und forderte die Tapfersten und Stärksten der Scharen von Leon zum Zweikampf. Diese Sitte stammte von den Mauren her, welche durch solche Einzelkämpfe der hervorragendsten Krieger, statt durch Schlachten, die Schicksale der Reiche entschieden. Man nannte diese Vorkämpfer auf Maurisch Mohariz auf Kastilianisch „Campeador“ (in modernem Spanisch desafiador)

Man zog endlich doch wieder den Massenkampf vor. Aber man schloß einen Vertrag über dessen Folgen dahin, der siegreiche König solle das Land des Besiegten erhalten, der Besiegte sich in ein Kloster zurückziehen.

Die Schlacht dauerte einen ganzen Tag. Die Kastilianer unterlagen. Sancho wollte sich dem Schicksal des Besiegten unterwerfen.

„Ach was!“ rief ihm Cid zu, „Alfons und sein Heer wiegen sich in Sicherheit. Sie schlafen ohne Furcht und Mißtrauen, ohne Wachen ausgestellt zu haben. Fallen wir über sie her! Dann gilt kein Vertrag mehr. Macht geht vor Recht!“

So geschah es. Die vertrauensseligen Asturier wurden von Cid und dessen Scharen im Schlafe überfallen und niedergemacht. Alfons wurde gefangen, kahl geschoren und in ein Kloster eingesperrt.

Sancho, nachdem er das Königreich seines Bruders Alfons sich durch Verrath und Wortbruch, wie Cid gerathen, angeeignet hatte, wandte sich nun gegen seine Schwestern. Die eine, Elvira, trat ihm ihre Stadt Toro in Güte ab. Die andere, Urraca, schloß sich in dem festen Zamora ein. Sancho belagerte die Stadt und wurde am Fuße des Walles durch einen Steinwurf getötet.

Nun verließ der entthronte Alfons sein Kloster und bemächtigte sich wieder seines eigenen Königreichs und der Besitzungen seines Bruders. Er suchte seine früheren Gegner durch Wohlthaten an sich zu fesseln. Er verheirathete seine Base Chimena, die Tochter des Don Diego, Herzogs von Asturien, am 19. Juli 1074 mit Cid und überhäufte ihn mit Geschenken. Aber Cid war unersättlich, und zwischen ihm und dem König, welcher wohl wußte, daß es Cid war, auf dessen Rath hin man ihn geschoren und in das Kloster gesperrt hatte, war eine dauernde Freundschaft nicht möglich. Jeder Versöhnung folgte der Streit. Keiner traute dem anderen.

Eines Tages mußte Cid fliehen, und im Jahre 1081 finden wir den christlichen Helden im Dienste der Mauren, unter welchen damals die Bruderzwiste ebenso sehr herrschten wie unter den Christen. Cid steht an der Spitze christlicher Hilfstruppen unter dem Sultan Al-Mutawin zu Saragossa in dem Krieg gegen dessen Bruder. Der letztere hat ebenfalls einen christlichen Condottiere an der Spitze seiner Truppen. Es ist der edle Graf von Barcelona.

Cid schlägt den Grafen. Diesmal begnügt er sich, den Besiegten ihre Waffen und ihre Beute abzunehmen. Er setzt sie in Freiheit – ein Akt der Milde, der nicht wieder bei ihm vorkömmt.

Bald begriff er, daß die Gefangenen unter Umständen ebenfalls eine werthvolle Beute ausmachen. Man konnte sie ja verkaufen. Von nun an macht er von Saragossa aus Streifzüge in die benachbarten christlichen Lande, um Schätze und Menschen zu rauben. In einer Woche führte er zweitausend Menschen aus Aragonien in Kriegsgefangenschaft, um sie auf dem Sklavenmarkt in Saragossa zu verkaufen. Die reichen Antheile an dieser Beute lockten eine große Anzahl geringerer Abenteurer unter sein Banner. So wuchsen seine Scharen und mit ihnen seine Bedeutung. Selbst König Alfons sah ein, die Staatsklugheit gebiete, sich mit seinem alten Feinde zu versöhnen. Er lud ihn ein, an seinem Hoflager zu erscheinen. Allein Cid, der andere nach sich selbst beurtheilte, war zu mißtrauisch, dieser Einladung Folge zu leisten. Statt dessen schlug er ihm ein gemeinschaftliches Geschäft vor: „Erobern wir auf gemeinschaftliche Kosten das Königreich Valencia!“

Um dieses Königreich stritten sich zwei maurische Fürsten, ebenfalls Brüder. Der eine nahm den edlen Kastilianer Alvar-Fannez für täglich 600 Dinare in seinen Sold, der andere den nicht minder edlen Katalanen Gerald Alaman, Baron von Cervellon, für eine noch höhere Summe. Die Mauren standen in der Kultur weit über den Christen, doch die Kultur hatte sie verweichlicht und dem Kriege entfremdet. Daran gingen sie zu Grunde. Einstweilen waren sie reich genug, christliche Führer und Soldaten zu kaufen oder zu miethen.

Die beiden Condottieri vergossen in ihren Schlachten und Scharmützeln eine Menge christlichen Blutes, aber auch maurisches nebenher; jedenfalls wetteiferten sie untereinander, die beiderseitigen

[441]

Räuber in der Wüste.
Nach einem Gemälde von H. Corrodi.

[442] maurischen Unterthanen zu plündern und in Kriegsgefangenschaft abzuführen. Zuletzt war das Angebot von Sklaven so groß, daß der Mann nicht mehr galt als ein Laib Brot oder eine Kanne Wein. Manchmal auch blieb die Bezahlung ganz aus, und dann ließ man die Gefangenen von wilden Hunden zerreißen, weil man die Kosten der Ernährung scheute. Das Geschäft der Plünderung und der Beute war so einträglich, daß mehrere Mauren von dem mohammedanischen Glauben zum christlichen übertraten, bloß um sich an dem Gewinn betheiligen, d. h. in die katalanischen oder kastilischen Söldnerscharen aufgenommen werden zu können, in den Bund der „frommen und tapferen“ Söldner.

Der bedrohte Sultan von Valencia rief endlich die „Afrikaner“ zu Hilfe. Diese hatten nichts gemein mit den hochkultivierten und ritterlichen spanischen Mauren. Sie brachten, als sie 1086 auf spanischem Boden erschienen, ihre ganze Barbarei mit, ihren grimmigen Haß gegen jede Kultur. Sie wütheten gleichmäßig gegen Christen wie gegen Mohammedaner, gegen die Unterthanen des Sultans von Valencia wie gegen die des Herrschers von Saragossa.

Auch König Alfons machte Ansprüche auf Valencia, und zwischen diesen fürstlichen Prätendenten spielte Cid ein eigenthümliches Spiel. Obwohl er mit dem Sultan von Saragossa einen Pakt abgeschlossen hatte: „Ich werde Valencia erobern. Die Stadt sollst Du bekommen. Dagegen mußt Du mir und meinen christlichen Scharen die Plünderung gestatten und die Beute ganz überlassen,“ so unterhandelte er doch mit allen Betheiligten, bot seinen Beistand dem an, welcher am meisten bezahlte, nahm Geld von allen und lagerte ruhig vor Valencia, indem er sein Augenmerk nur darauf richtete, keine Lebensmittel in die Stadt zu lassen, um – für den Fall einer demnächstigen Belagerung derselben – eine Hungersnoth aus langer Hand vorzubereiten.

Diese seltsame Lage der Dinge dauerte volle zwei Jahre. Die Afrikaner hatten sich zurückgezogen. Ohne deren Beistand wagten die Katalanen unter Alamon nicht anzugreifen. Endlich aber fiel Cid über diese her und machte Alamon und die Katalanen zu Gefangenen. Die Beute und die Lösegelder, die Cid nahm, waren unermeßlich. Er brandschatzte alle gleichmäßig, Christen wie Mauren, mit einer bewundernswerthen Unparteilichkeit.

Dann marschierte er ab, um für den maurischen Sultan von Saragossa gegen die Christen von Aragonien und Navarra zu fechten. Diesen Abmarsch benutzte nun wieder König Alfons, um selbst Valencia zu belagern. Von der Seeseite ließ er die Stadt durch ein vereinigtes Geschwader von Pisaner und Genueser Schiffen blockieren. Diese eifersüchtigen italienischen Handelsplätze waren froh, den Handel und Verkehr Valencias, das damals den italienischen Seestädten gleichstand, vernichten zu können.

Darob zürnte nun Cid, der schon lange großes Gelüste verspürte, die Stadt für sich selbst zu erobern und zu behalten. Er schloß schnell Frieden mit Aragonien und marschierte mit seinen Banden in das Reich des Königs Alfons, um demselben den Appetit nach Valencia zu vertreiben. Er verwüstete Kastilien, seine eigene Heimath, plündert dort drei Städte und kehrt zurück mit einem ganzen Heer von Gefangenen. Alfons hebt die Blockade von Valencia auf und eilt seinem eigenen schwer bedrängten Lande zu Hilfe. Die Einwohner von Valencia athmen wieder auf. Aber nun ruft der maurische Kadi Ibn Djahaf wiederum die Afrikaner zu Hilfe und öffnet ihnen die Thore der Stadt. Er tötet seinen eigenen Sultan, den König von Valencia, um sich eines in dessen Besitz befindlichen Kleinods, des berühmten Halsbandes der Zobaidah, der Lieblingsgenossin des Kalifen Harun al Raschid, zu bemächtigen. Der Kadi war damit befriedigt. Das Schicksal der Stadt kümmerte ihn wenig. Auch die Afrikaner vermochten nicht, das Regiment über die volkreiche Stadt zu behaupten. Sie richtete sich nach italienischem Beispiel als Republik ein und verbannte alle Christen aus ihrem Weichbild. Als aber Cid mit seinen Scharen wieder vor den Mauern erschien, schickte die geängstigte Stadt eine Gesandtschaft nach Afrika, um den Beistand des Jussuf Almoravida anzurufen. Cid fängt die Gesandtschaft auf und beraubt sie der Schätze – der Geschenke, welche sie Jussuf überbringen sollte, um ihn zur Hilfe zu bewegen. Er schließt die Stadt wieder fest ein, rasiert die Umgebung, brennt die Dörfer nieder, dringt auch in die Vorstädte ein und plündert dieselben. Schon dauert die Belagerung drei Monate, schon fordert der Hunger und die Erschöpfung zahlreiche Opfer. Da plötzlich sieht man jenseit der Belagerungstruppen in der Ebene die Wachtfeuer einer anderen Armee leuchten. Es sind die zu Hilfe heranziehenden afrikanischen Scharen. Man faßt in der Stadt neue Hoffnung und plant einen Ausfall, um Cid von beiden Seiten anzugreifen. Da vernichtet ein furchtbarer Sturm alle Hoffnung. Der Regen fällt in Strömen. Von den Bergen stürzen Wildwasser herunter und überschwemmen die Ebenen. Sie führen entwurzelte Bäume und Leichen und Steine und Erdmassen mit sich. Das Lager der Afrikaner wird weggeschwemmt und die Reste der großen Streiterschar retten sich mit Noth an die Küste, um ihre Galeeren zu erreichen. Valencia ist in Verzweiflung. „Als sie die Nachricht von dem Unglück erhielten,“ schreibt der arabische Chronist, wankten die Leute einher wie Trunkene; keiner verstand den andern mehr, und ihre Gesichter waren wie geschwärzt.“

Aber man sprach sich wieder Muth ein. „Im Frühjahr,“ sagte man sich, „werden unsere Freunde aus Afrika wieder erscheinen; es gilt nur, sich noch den Winter hindurch zu behaupten; nur Muth und Ausdauer kann uns erretten.“

Im März war die Noth aufs höchste gestiegen. Für eine Ratte bezahlte man ein Goldstück. Der Hunger plagte die Leute so, daß viele sich die Stadtmauer hinuntergleiten ließen, um sich dem christlichen Belagerer gefangen zu geben. Dieser verkaufte sie sofort den Sklavenhändlern. Aber es war ein schlechtes Geschäft für die Käufer. Als diese Sklaven zum ersten Mal wieder Nahrung erhielten, sanken sie tot nieder und der bezahlte Kaufpreis war verthan. Nun wollten die Händler nur noch Mädchen und junge Frauen ankaufen. Die übrigen Gefangenen wurden getötet. Gleichwohl kamen immer noch Ausreißer. Das ging den Absichten des Cid entgegen, denn er wollte, daß alle in der Stadt blieben, damit die Hungersnoth wachse und zur Uebergabe zwinge. Zur Abschreckung ließ er von nun an die Unglücklichen aufeinander häufen, mit Holz und Reisern überdecken und so verbrennen; und als es des starken Verbrauchs wegen anfing, an Holz zu fehlen, ließ er die nicht verwerthbaren Leute von den Bluthunden zerreißen und auffressen. So kam der Sommer heran, ohne daß die von der Stadt ersehnten Afrikaner erschienen.

„Jetzt ist es genug,“ ließ Cid der Stadt sagen, „öffnet die Thore; man wird euch nicht euerer Vorräthe, euerer Schätze, euerer Habe berauben; euere Freiheiten und Gerechtigkeiten sollen aufrecht erhalten bleiben und geachtet werden.“

Die Unglücklichen antworteten ihm: „Gönne uns noch einen letztem Versuch! Laß uns Gesandte an die Afrikaner schicken, welche bei Murcia lagern! Hat auch das keinen Erfolg, so wollen wir uns nach Ablauf von vierzehn Tagen ergeben.“

„Gut, es sei,“ entschied Cid, „aber nur unter einer Bedingung, nämlich, daß keiner der Gesandten mehr Geld und Werth bei sich führe als fünfzig Dinare ein jeder.“ So wurde man einig.

Dies war nur ein Fallstrick, welchen der listige Kastilianer den Valencianern legte. Er dachte sich wohl, daß diese den Afrikanern Geld und Kleinode schicken würden, um sie zum Beistand zu bewegen. Er ließ die Abgesandten durchsuchen und fand sie schwer beladen mit Gold, Perlen, Edelsteinen etc. Nun wüthete er wegen dieses Wortbruchs, nahm die Schätze für sich und warf die Abgesandten ins Gefängniß, nach Murcia gelangte keine Nachricht und folglich erschien von dort keine Hilfe. Nach einer Belagerung von einem Jahr ergab sich endlich die Stadt am 15. Juni 1094. Cid hielt seinen Einzug. „Und er sah,“ schreibt der Chronist, „die Einwohner bleich und fahl, so fahl fast, wie die Verdammten aussehen werden am Tage des Gerichtes.“

Cid gab die Stadt nicht der Plünderung preis. Nicht etwa deshalb unterließ er’s, weil er sein Wort dafür verpfändet hatte, sondern nur, weil er auf einem anderen Wege seine Habsucht, wenn auch langsamer, so doch desto ausgiebiger zu befriedigen gedachte. Er huldigte dem Grundsatze: „Lieber mein als unser!“ und gönnte die Beute lieber sich selbst als seinen Leuten.

Zunächst ließ er den spitzbübischen Kadi Ibn Djahaf verhaften und bedrohte ihn mit dem Tode; „wolle er aber ein vollständiges Inventar aller seiner Reichthümer einreichen, dann verspreche er ihm das Leben“. Der Kadi begab sich sofort an das Schreiben. Er verzeichnete seine Perlen, seine Diamanten, seine elfenbeinernen Schnitzereien, seine Teppiche, seine seidenen Gewänder, seine Sklavinnen und selbst deren goldgestickte Jacken. Ja sogar das Halsband der Sultanin Zobaidah, für das er an seinem Sultan zum Mörder geworden, schrieb er mit auf. Nur [443] das bare Geld vergaß er. Darob gerieth der edle Cid in große sittliche Entrüstung. Wieder wüthete er – über Verletzung von Treue und Glauben. Er ließ den Kadi bis an die Arme in die Erde eingraben, Reiser über ihm anhäufen und ihn also rösten an einem langsamen Feuer. Auch dessen Sippschaft, die sehr reich war, rottete er aus, unter ähnlichen Qualen. Natürlich bemächtigte er sich nicht nur des baren Geldes, sondern auch der verzeichneten Schätze. Und dann sprach er nach dem arabischen Chronisten zu den anderen:

Ich habe nie ein Königreich gehabt. Meine Väter, obgleich vornehme Leute, haben doch nichts derart besessen. Aber von dem Tag an, da ich diese schöne Stadt Valencia zum ersten Male gesehen, hat es mich nach derselben gelüstet. Jetzt habe ich sie. Gehe daher ein jeder in sein Haus und auf sein Feld an seine Arbeit und lasse mich für alles übrige sorgen. Ich bin der Mann, der von nun an der Gerechtigkeit wartet für euch alle.“

Und das machte er so:

Er ließ die reichen Leute ermitteln, bedrohte sie und schenkte ihnen schließlich die Freiheit und das Leben, nachdem er sie unbarmherzig gebrandschatzt. Das flache Land ringsum hatte er schon während der Belagerung sich unterworfen, auch einige kleinere Städte. Die anderen Städte bedrängte er unaufhörlich. Alles versprach er, wemm er vor den Thoren lag. Alles nahm er, nachdem er eingezogen war. So gewann er durch ewige Raubzüge und Eroberungen unermeßliche Schätze und sein „Königreich Valemcia“, das er sieben Jahre regierte.

Eines Abends aber kamen einige seiner Heerführer und Ritter zu den Thoren hereingaloppiert, um Schutz hinter den Mauern zu suchen. Diese Flüchtlinge waren der ganze Rest einer großen und glänzenden Armee, die er wider die Afrikaner von Murcia entsandt hatte. Die Nachricht von dieser gänzlichen Niederlage vermochte er nicht zu verwinden. Er stürzte tot nieder. Ein anderer arabischer Chronist aber, der über seinen Ausgang berichtet, fügt den frommen Wunsch bei: „Möge Gott ihm unbarmherzig sein!“

Chimena, seine Witwe, behauptete mit den wenigen christlichen Rittern und Reisigen; die ihr geblieben, die Stadt gegen die sie belagernden Afrikaner und Mauren von Oktober bis Mai. Dann erschien ihr Vetter König Alfons, der sie vor siebenundzwanzig Jahren dem Cid vermählt hatte, entsetzte die Stadt, bemächtigte sich aller Schätze des Cid, plüderte die Stadt und brannte sie nieder.

Hierauf zog er mit Chimena und der Leiche des Cid nach Burgos, wo man die letztere in dem Kloster San Pedro de Cardeña beisetzte. Drei Jahre später starb auch Chimena und wurde am der Seite ihres Gatten beerdigt in derselben Kirche, in welcher sie getraut worden war. Der gemeinschaftliche Grabstein besteht noch. Im Jahre 1809 hat ihn der französische General Thiébault aus der Kirche wegnehmen, in dem geschmacklosen Stil des ersten Kaiserreichs vergolden und auf der Promenade von Burgos aufstellen lassen. Auch soll sich gedachter Thiébault des Schwertes bemächtigt haben, welches für dasjenige des Cid Campeador galt.

Sic transit gloria mundi! So vergeht der Heiligenschein, welcher um das Haupt eines Menschen gewoben wurde, der in Wirklichkeit ein grausamer, habgieriger und nichtsnutziger Abenteurer war. Die Mönche, welche sich im Besitze seines Grabes und seines Leichnams befanden, verfielen unter König Philipp II. auf den Gedanken, den kastilianischen Ritter, welcher, wenn es Geld eintrug, sein Schwert ebenso gern für die „Heiden“ zog wie für die Christen, heilig sprechen zu lassen, wofür sie namentlich anführten, daß sein „corpo snato“ d. i. sein Leichnam, Wunder gewirkt habe und noch fortfahre zu wirken.

Allein der Heilige Vater in Rom blieb taub für die Bitten der Mönche von Burgos, obgleich diese an dem König Philipp einen lebhaften Fürsprecher hatten. Der Papst liebte bekanntlich diesen König durchaus nicht, welcher der Kirche nicht minder wie seinen Unterthanen gegenüber Autokrat war.




Verhütung der Masern in Schule und Haus.


In den Vorschriften, welche in den meisten deutschen Staaten zu dem Zwecke erlassen worden sind, die Verbreitung ansteckender Krankheiten durch die Schulen zu verhüten, werden die Masern gleich streng wie der Scharlach oder die Diphtherie behandelt. Demgemäß sind Kinder, welche an den Masern leiden, vom Besuch der Schule auszuschließen. Das Gleiche gilt von gesunden Kindern, wenn in dem Hausstande, welchem sie angehören, ein Fall von Masern vorliegt, es müßte denn ärztlich bescheinigt sein, daß das Schulkind durch ausreichende Absonderung vor der Gefahr der Ansteckung geschützt ist. Kinder, welche aus diesem Grunde vom Schulbesuch ausgeschlossen worden sind, dürfen zu demselben erst dann wieder zugelassen werden, wenn entweder die Gefahr der Ansteckung nach ärztlicher Bescheinigung als beseitigt anzusehen oder aber die für den Verlauf der Krankheit erfahrungsmäßig als Regel geltende Zeit verstrichen ist. Als normale Krankheitsdauer gelten bei den Masern vier Wochen.

Während man nun den obrigkeitlichen Verordnungen, soweit es sich um Scharlach, Diphtherie, Pocken etc. handelt, unbedingt zustimmt, glauben viele, daß den Masern gegenüber die Vorsicht des Staates doch zu weit gehe.

Es ist wahr, daß man sich vergeblich gegen die Masern zu schützen sucht; der Ausbruch der Krankheit kann bei elnem Menschen nur hinaufgeschoben werden, früher oder später muß bei uns fast ein jeder masernkrank werden. Die Anlage zur Erkrankung an Masern ist eben beim Menschengeschlechte geradezu allgemein.

Bei uns gelten die Masern als Kinderkrankheit; sie sind es aber nur darum, weil bei der großen Verbreitung des Maserngiftes die Kinder schon in den ersten Lebensjahren von denselben befallen werden. Erwachsene erkranken an Masern darum so selten, weil das einmalige Durchmachen der Krankheit dem Körper einen fast unfehlbaren Schutz gegen eine zweite Erkrankung gewährt.

Daß die Masern ein unvermeidliches Uebel sind, ist dem Volke so wohl bekannt, daß viele Eltern, wenn eins ihrer Kinder an den Masern erkrankt ist, die gesunden zu dem kranken legen, „damit ein für allemal mit der Plage aufgeräumt wird.“ Sie werden darin noch durch die landesübliche Meinung bestärkt, daß die Masern eine leichte, gutartige Krankheit seien. Im großen und ganzen stimmen auch viele Aerzte der letzteren Meinung bei; andere aber sehen sich auf Grund trüber Erfahrung genöthigt, eine warnende Stimme zu erheben.

Es giebt schwere und milde Masernepidemien. Mitunter stirbt von hundert masernkranken Kindern kaum eins, manchmal, wenn auch glücklicherweise selten, beträgt die Sterblichkeit bis zu 25 Prozent. Eine statistische Zusammenstellung für die Jahre 1875 bis 1880 hat ergeben, daß in Preußen an Masern halb so viel Kinder starben wie an Scharlach. Ziehen wir noch außerdem in Betracht, daß nach den Masern schwere Nachkrankheiten zurückbleiben können, so wird uns die Krankheit doch in einem ernsteren Lichte erscheinen müssen.

Am gefährlichstem sind die Masern für geschwächte Kinder, die bereits an einer anderen chronischen Krankheit leiden oder schlecht ernährt sind. Ferner erweisen sich kleine Kinder vom zweiten bis dritten Lebensjahre weniger widerstandsfähig als ältere, und die günstigsten Ziffern, was die Sterblichkeit anbelangt, zeigt das Alter etwa vom zehnten bis vierzehnten Lebensjahre.

In Anbetracht dieser Thatsachen erscheint die eingangs erwähnte Verordnung der Behörden durchaus berechtigt. Denn wenn durch die strenge Absonderung die Erkrankung für das Kind um einige Jahre hinausgeschoben wird, so gewinnen wir dadurch jedenfalls insofern, als sich mit den höheren Lebensjahren durchschnittlich die Gefahr mindert. Die Schulgesundheitspflege allein genügt aber in diesem wie in anderen ähnlichen Fällen nicht; sie muß durch die häusliche Gesundheitspflege unterstützt werden. Es ist eine Pflicht der Eltern, ihre Kinder schon beim Verdacht einer Masernerkrankung von der Schule fern zu halten; namentlich während einer Masernepidemie sollten sie verschnupfte und hustende Kinder zu Hause lassen. Der Lehrer ist in diesen Fällen verpflichtet, solche verdächtige Kinder vom Schulbesuche auszuschließen.

Was nun die Sitte betrifft, die Kinder im Hause die Masern auf einmal „abmachen“ zu lassen, so möchten wir den Eltern doch einiges zu bedenken geben. Niemand ist in der Lage, den Verlauf der einmal ausgebrochenen Krankheit im vorans zu bestimmen. Wenn auch die Masern das Leben der schulpflichtigen Kinder in nur sehr geringem Maße gefährden, so lauert doch in ihnen der Tod. Das gilt namentlich für sehr junge, bereits an einem andern Leiden erkrankte oder sehr schwächliche Kinder. Diese sind unter allen Umständen vor der Ansteckung zu bewahren und müssen abgesondert werden, wenn auch nur der Verdacht der Erkrankung gegen eines oder das andere ihrer Geschwister vorliegt. Die Unkenntniß dieser Thatsache haben schon manche Eltern mit dem Verlust des Kindes büßen müssen, welches sie unbedachterweise absichtlich der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt hatten.

Ob die Masern durch gesunde dritte, also durch gesunde Personen, die mit dem Kranken in Berührung gekommen sind oder in seinem Zimmer sich aufgehalten haben, übertragen werden können, ist noch eine Streitfrage. Vorläufig ist es jedenfalls besser, so zu handeln, daß auch dieser Möglichkeit der Ansteckung und Verschleppung entgegengearbeitet wird.

Besonders wichtig ist aber die Thatsache, daß der Masernkranke schon beim Beginn der Krankheit, noch bevor er fiebert oder den Hautausschlag bekommt, den Ansteckungsstoff ausscheidet; denn sie lehrt uns, daß die Absonderung der Kinder, die wir vor der Ansteckung schützen wollen, schon beim ersten Verdacht geschehen muß. *     




[444]

Herr Philipp Ardinger.

Eine Geschichte aus dem Rheingau von Ernst Lenbach.0 Illustriert von René Reinicke.

Es war an einem wunderbar milden klaren Abend im Frühsommer. Erquickt und ermüdet zugleich von einer köstlichen Wanderung durch den gesegneten Rheingau, saß ich in einer Rebenlaube dicht am Ufer des Stromes. Der freundliche Wirth hatte meine Einladung zu einer Flasche von seiner eigenen Auslese nicht abgeschlagen. Vor uns auf dem Tische standen neben den Römern zwei Kerzen in rothen Windglocken, um welche dann und wann ein verblendeter Nachtfalter mit leisem Klatschen herumflatterte. Von unten klang in unser behagliches Geplauder das gleichförmige Rauschen der Wellen hinein, und durch eine runde Oeffnung in der Rebenwand sah ich auf die Berge, an denen das Vollmondlicht langsam wie eine breite grünsilberne Decke hinwuchs.

Wir sprachen natürlich vom Rheingau und seinem Weine. Geschmeichelt nahm der wackere Wirth meine begeisterten Lobsprüche und Wanderfrüchte entgegen, die er ab und zu durch werthvolle Anmerkungen über besonders trinkbare Orte und Lagen ergänzte. Da sich aber meine Lernbegier gar nicht befriedigen ließ – man bringt doch gern von einer solchen Rheinfahrt auch ein wenig Weinzunge heim – so wies er mich nach der zweiten Flasche lächelnd an den einzigen Gast, der außer uns beiden noch in der Laube weilte. „Herr Philipp Ardinger ist der beste Weinkenner weit und breit, an den müssen Sie sich halten,“ mit diesen Worten verließ er uns und ging ins Haus, um als guter Hausvater nach dem Rechten zu sehen.

Herr Philipp Ardinger lud mich freundlich ein, an seinem Tischchen vor dem einsamen dritten Windlicht Platz zu nehmen, und bald war ich ganz vertieft in die weisen Lehren, welche er mir über die innersten Tugenden der verschiedenen Rheinweine vortrug. Sein Aeußeres entsprach durchaus dem Geiste, der diese Lehren beseelte. Eine stämmige Gestalt von Mittelgröße, mit freundlichem breiten Gesicht, Schnurr- und Knebelbart, das krause Haupthaar schon leise bereift, und auf Wangen und Nase ein zarter Weinschimmer. In den Ohrläppchen trug er kleine goldene Ringe; sonst war von Schmuck nichts an ihm zu bemerken, und auch seine bequeme Kleidung war anständig, aber durchaus nicht besonders vornehm.

Er trank eine gute Sorte, und er trank sie gut, wie ein richtiger Weinkenner, in kleinen oft wiederholten Schlucken, wobei er den edlen Tropfen mit der Zunge zerdrückte. Nach dem Einschenken hielt er den Römer gegen das Licht und blinzelte mit einem Auge liebevoll nach dem köstlichen Tranke, der hinter der grauen Glaswand glitzerte. Er sprach bedächtig, aber nicht schleppend – ungefähr so wie er trank; mit einem guten Humor, der kein grelles Lachen, aber ein herzliches Lächeln weckt. Nur wenn er von besonders theueren und seltenen älteren Jahrgängen sprach, zitterte durch seine Stimme etwas von der Klage:

„Du bist mir nah und doch so fern!“

und als er in seine Vorlesung ein kurzes Anathema gegen alle jene gefühllosen Menschen einflocht, welche ein Weingesetz nöthig machen, erhob sich sein Vortrag zu einem schönen sittlichen Zorn.

Es war spät geworden, als wir uns trennten. Meine dankbare Hoffnung, ihn in den nächsten Tagen wohl wieder hier zu treffen, beantwortete Herr Philipp Ardinger mit einigen etwas verlegenen Worten. „Alsdann so ging er“ – um in seiner Sprache zu reden – und ich sah ihn draußen auf dem mondhellen Wege längs dem Rheine langsam entschwinden, umkreist von einem weißhaarigen Spitz, der während unserer Unterhaltung mit sachkundigem Blinzeln neben seinem Stuhle gesessen hatte.

„Da haben Sie mir in der That eine angenehme, dankenswerthe Bekanntschaft vermittelt,“ bemerkte ich zu dem Wirthe, der während der letzten Stunden an unserer Sitzung wieder theilgenommen hatte.

„Sie sind nicht der erste, der diese Bekanntschaft lobt,“ antwortete jener lächelnd. „Leider werden Sie, da Sie nur acht Tage bleiben wollen, Herrn Ardinger schwerlich noch einmal hier treffen.“

„Wieso,“ fragte ich aufrichtig enttäuscht, „geht der Herr auf Reisen?“

„O nein, das nicht,“ meinte der Wirth. „Aber es ist heute der Samstag nach Vollmond, und nun dauert es wieder einen Monat, bis er kommt. Allein das muß ich Ihnen wohl noch näher erklären – wenn Sie nicht etwa zu müde sind.“

Ich verneinte eifrig. Wir nahmen wieder Platz, ich schenkte die Römer voll, und mein Wirth begann eine wunderliche Geschichte zu erzählen, eine richtige Rheingau-Geschichte.

Herr Philipp Ardinger war der Sohn eines reichen Weingut- und Schiffbesitzers. Der Vater hatte in seinen zwei letzten Jahrzehnten wenig mehr gethan, als die Zinsen seines Vermögens mit Umsicht und Geschmack ausgegeben, und der Sohn setzte nach seinem Tode dieses Geschäft erfolgreich fort. Ein Theilhaber leitete unterdessen die Verwaltung und Handlung. Leider verfiel dieser Theilhaber dem Laster, französische Weine und Cognak zu eigenem Genusse dem heimischen Wachsthum vorzuziehen, und mit den wälschen Getränken – wenigstens schien es dem Wirthe so – waren auch sonstige böse Geister in sein Herz gezogen. Eines Tages verschwand er mit der tröstlichen Versicherung, alles durch seine Spekulationen verspielte Gut dereinst wieder zu ersetzen, wenn er in Amerika Millionär geworden sei. Leider betrug aber dieses Gut genau so viel oder noch ein paar Tausend mehr, als Herr Philipp Ardinger besaß.

Da es Herrn Philipp nun völlig an Mitteln gebrach, als reicher Mann weiter zu leben, so wollte er wenigstens ein ehrlicher Mann bleiben. Durchaus aber widersprach es seiner Art, sich über das Nothwendige und Schickliche hinaus anzustrengen. Ein vornehmer Herr von auswärts übertrug ihm gegen freie Wohnung und einige Vergütungen das Amt als Burgwart in seiner oberhalb des Ortes belegenen, selten bewohnten Villa. Daneben eröffnete sich ihm ein schmales, aber zur Noth auskömmliches Verdienst, indem er sich kraft seiner auf Reisen erworbenen Sprachkenntnisse darauf verlegte, für die Winzer, Holzhändler und Schiffer etwaige Korrespondenzen nach England, Frankreich und Holland zu erledigen.

Auf diese Weise lebte er seit manchem Jahre mit seinem Spitze, schlecht und recht. Er rauchte Pfälzer und trank leichten Tischwein – mein Wirth zuckte mit den Achseln, um anzudeuten, wie leicht dieser Tischwein sei. Jeden Samstag im Vollmond aber, also ungefähr dreizehnmal im Jahre, machte er sich ein Fest. Dann überließ er die Wacht in der Villa einem treuen Knechte, erschien gegen Abend mit seinem Spitze in der Wirthslaube und [445] ließ sich von seiner alten Lieblingssorte vorsetzen, so weit das Geld reichte, das er sich die vier Wochen über zu diesem Zwecke in einer alten seidenen Börse aufgespart. Am folgenden Tage trank er wieder seinen leichten Tischwein, und so fort bis zum nächsten Vollmond. –

Auch diesmal hielt Herr Philipp Ardinger an seiner Regel fest. Es war mir nicht vergönnt, ihn noch einmal in der Laube zu sehen. Auf seiner Villa suchte ich ihn auf, aber da war er zur Besichtigung in den Weinbergen.

Und wieder an einem Sommerabend war’s, als ich nach fünf Jahren aufs neue bei meinem redlichen Wirthe von damals einkehrte.

Es versteht sich, daß ich mich gleich beim Willkommtrunk nach Herrn Philipp Ardinger erkundigte.

„O, mit dem hat sich’s wunderlich gewendet,“ berichtete der Wirth. „Zwar heute abend werden Sie ihn kaum noch hier sehen, obgleich er jetzt nicht bloß alle Monat einmal Einkehr hält.“

„So hat sich sein Beutel wieder besser gefüllt,“ fragte ich, „oder sollte er gar seinen Grundsätzen untreu geworden sein und über Vermögen zechen?“

Der Wirth schüttelte lachend den Kopf. „Nein, Herr Philipp Ardinger würde so leicht nicht auf die schiefe Bahn kommen. Aber er ist jetzt ein reicher Mann und kann sich’s leisten. Ostern sind es zwei Jahre geworden, seit ihm das Konsulat alles auf Heller und Pfennig mit guten Zinsen gezahlt hat, was ihm sein Kompagnon damals entwandt hatte. Der Kerl war wirklich drüben Millionär geworden, und als er trotz seiner Millionen sterben mußte, da hat er ein Einsehen gehabt und noch letztwillig die alte Schuld gedeckt.“

„Ei,“ rief ich mit herzlicher Freude, „das ist ja eine gute schöne Nachricht! So hat Herr Philipp doch Genugthuung für das Geschick erhalten, welches er so unverdrossen trug. Nun wird er ja wohl recht glücklich sein.“

Der Wirth zog die Stirn in bedenkliche Falten. „Ja, das sagen Sie so,“ meinte er. „Aber neuerdings ist Herrn Philipp noch etwas anderes zugestoßen. Mein Gott, er ist ja noch kein Greis, noch ein ganz trinkbarer Jahrgang – und da hat er sich eben verliebt. So ein acht Wochen ist’s etwa her, da hat sich oben neben seinem hübschen Weingut eine Herrschaft vom Niederrhein angekauft – ganz nette Leute, eine Witwe mit ihrer Tochter, die Frau soll eine geborene Oberländerin sein. Na – und da hat sich Herr Philipp eben in das Mädel vergafft. Er ist ganz verändert, schon seit vier Tagen fehlt er abends hier.“ Und mein wackerer Wirth griff seufzend nach dem Römer, voll zornigen Staunens darüber, daß die Liebe selbst im Rheingau über das Wirthshaus siegen sollte.

Am folgenden Nachmittag ließ ich mir den Weg zu Herrn Philipp Ardingers Weingut weisen. Breit, schön und behaglich lag das saubere, grünumsponnene Haus vor mir, und der Empfang übertraf alles, was ich billigerweise erwarten konnte. Herr Philipp hatte sich wenig verändert; vielleicht etwas umfangreicher war er geworden, der Glanz auf Wangen und Nase etwas metallischer. Aber sein Wesen war nicht anders und nicht älter geworden. Rheingauer Wein und rheingauer Luft erhält die Menschen merkwürdig sich selber gleich.

Als wir nun aber auf dem hölzernen Altan um den Mittelstock des Hauses wandelten und uns an der segenverheißenden Rundschau ergötzten, bemerkte ich im Nebengarten schimmernde Frauengewänder und hörte fröhliches Lachen von hellen Stimmen. Ich konnte mich nicht enthalten eine leise Anspielung zu machen.

„Ach so,“ meinte Herr Philipp ganz ruhig, „ich merke schon, der alte Weinzapf hat Ihnen auch schon so was erzählt, der Schwätzer, der! Na, aber die Wahrheit ist, ich bin noch zu nichts entschlossen – das kommt eben noch auf die Prob’ an.“

Das verstand ich nun freilich nicht, aber eine Frage wurde mir abgeschnitten durch die Mittheilung, die Frauen wollten sich just heute uachmittag zu einem Nachbarbesuch einstellen – ich wurde herzlichst eingeladen, zu bleiben, und ich blieb gern.

Aufs angenehmste überraschte mich der Anblick der Nachbarinnen, die sich bald einfanden, in Begleitung eines jungen Vetters, der vom Niederrhein zu Besuch gekommen. Die Tochter war ein reizender Blondkopf, ich schätzte sie auf kaum siebzehn Jahre, und die Mutter, welche ich mir als eine recht angejahrte Dame vorgestellt hatte, erwies sich als eine muntere schöne Frau, welche die Mitte der dreißiger Jahre eben überschritten haben mochte, mit vollem braunen Haar und lustigen braunen Augen. Der junge Herr Vetter, seines Zeichens Brauereibesitzer, war ein hübscher Mann von vertrauenswerthem festen Wesen und guten Manieren. Er war sehr zuvorkommend gegen das blonde Bäschen, und mir bangte etwas für Herrn Philipp, wenn ich versuchte, ihn mit Mädchenaugen mit dem Vetter zu vergleichen.

Herr Philipp aber war gegen uns alle gleich liebenswürdig und entwickelte eine glänzende Gastlichkeit.

Nach dem Kaffee hatten wir uns ein Weilchen im Garten ergangen, waren auf einen lohnenden Aussichtspunkt gestiegen und saßen nun in kühler Laube vor einer reichbesetzten Tafel. Bestaubte Rheinweinflaschen, einige fremdartige Gefäße mit wälschen Weinen, dazu Schalen mit Obst und Konfekt; etwas abseits stand auch ein Häuflein Bierflaschen. Derb und höflich zugleich stellte Herr Philipp uns die Wahl frei.

„Die Schönheit hat zu entscheiden,“ meinte der galante Vetter, „bitte, Bäschen Helene, bestimmen Sie!“

[446]

Die wählte nicht lange. „Ach, ich bin so gräßlich durstig,“ lachte sie, „bitte, ein Glas Bier!“

Sogleich beeilte sich Herr Philipp Ardinger ihrem Wunsche nachzukommen. Als er aber auch der Mutter einschenken wollte, hielt diese mit komischem Entsetzen die hübsch geformte Hand über ihr leeres Glas. „Nicht doch,“ rief sie, „ich bltte Sie – Bier im Rheingau, wenn solche Flaschen winken! Gleiches Recht für alle, ich bitte um Rauenthaler!“

Auch ihrem Verlangen entsprach Herr Philipp mit gleicher ruhiger Höflichkeit. Der Vetter entschied sich für „erst Wein, dann Bier – weil man doch zuerst dem Lande eine Ehre anthun muß“. Er ging aber bald zu dem braunen Getränk über. Herr Ardinger und ich schlossen uns der Witwe an.

Solchergestalt hatten sich zwei Heerlager gebildet, aber ohne Feindschaft. Die blonde Helene hatte sogleich entdeckt, daß das Bier laut den aufgeklebten Zetteln aus der Brauerei des Vetters stammte. Hocherfreut belohnte der Vetter uns dafür mit einer eingehenden Vorlesung über den Unterschied von obergährig und untergährig. Von da kam das Gespräch auf den Weinbau, was im Verlauf des Abends Fräulein Helene veranlaßte, auf eine Frage des Herrn Philipp auch am Portwein ein wenig zu nippen. Später redete man noch über tausendundeins andere Dinge, man unterhielt sich vorzüglich, und als ich spät abends heimkehrte, entdeckte ich im verborgenen Winkel meines Herzens neben dem Mitleid für Herrn Philipp – denn der Vetter war doch zu gefährlich – bereits einen ganz schüchternen Ansatz zu einer zärtlichen Neigung für die schöne Witwe.

Den folgenden Tag benutzte ich dazu, auf einer herzerquickenden einsamen Berg- und Waldfahrt diese Neigung an manchen mir von früher her noch gar werthen Stätten herumzuführen und ein wenig mehr heranzuziehen. Als ich dann gegen Abend heimkehrte, kam ich an Herrn Philipps Haus vorbei. Da stand er breit vor der Thür und ersuchte mich freundlich, ihm zu seiner Verlobung Glück zu wünschen.

„Ei,“ sagte ich, indem ich meinem künftigen Stief-Eidam herzlich die Hand schüttelte, „das ist ja schnell gegangen.“ Er nickte mit seinem ruhigen stillzufriedenen Lächeln. „Ja,“ meinte er, „gestern sagte ich Ihnen ja, daß noch nichts recht entschieden sei. Drum hab’ ich eben die Weinprobe gestern veranstaltet. Sehen Sie, da ist es mir erst gewiß geworden: das ist eine Frau für einen Rheingauer, die kann hier glücklich leben. – Aber nicht wahr,“ brach er plötzlich mit ordentlich verklärtem Gesicht aus, indem er mich bei beiden Händen ergriff, „nicht wahr, das ist eine Frau!“

Mir dämmerte etwas. „Aber verzeihen Sie,“ brachte ich ziemlich ungeschickt hervor, „ich dachte doch, Sie hätten Fräulein Helene“ – –

Herr Philipp sah mich groß an. „Die?“ rief er ganz erstaunt, „aber ich bitt’ Sie, nein! Ein Mädel, das Bier trinkt, wann der Rauenthaler da steht, und nachher noch allerlei durcheinander oben ’nauf, – na, wissen Sie, das ist ja ein liebes, nettes Ding, aber – ’s hat keine Weinzung’! Nein, die heirathet ihren Vetter, der braut gutes Bier und ist ein junger Mann, hübsch und brav – das Pärchen paßt auch zusammen.“

Ich hielt es für aussichtslos, dieser Beweisführung etwas entgegenzustellen. Uebrigens hat die Zeit Herrn Philipp Ardinger auch diesmal wieder recht gegeben. Er hat in der Ehe mit der schönen Weinfreundin ein schier wolkenloses Erdenglück gefunden, und die blone Helene lebt kaum minder glücklich mit dem Vetter drunten am Niederrhein.




[447] 0


Blätter und Blüthen.


Schulsparkassen. Deutschland kann sich rühmen die Erziehung des schulpflichtigen Kindes zur Sparsamkeit durch Einrichtung von Schulsparkassen zuerst angebahnt zu haben. Zu Apolda in Thüringen und zu Goslar am Harz bestanden Schulsparkassen schon vor 60 bis 70 Jahren, und in Thüringen und Sachsen, das Königreich inbegriffen, haben dieselben die größte Verbreitung gefunden. Und doch haben wir es, selbst wenn man die von Geistlichen und Lehrern verwalteten, auch Erwachsenen zugänglichen Pfennigsparkassen mitrechnet, höchstens auf etwa 3500 Schulsparkassen im ganzen Deutschen Reiche gebracht. Hier bleibt noch vieles zu thun übrig.

Betrachten wir das kleine Belgien. Schulsparkassen in größerem Umfang kennt man dort erst seit 1866. Heute zählt man 5451 Schulsparkassen. 219.708 Kinder haben darin die Summe von 4.516.945 Franken angelegt, d. h. also 20 Franken auf den Kopf, wobei sich übrigens die Knaben vor den Mädchen und die Kinder industriereicher Gegenden vor denen mit Ackerbau treibender Bevölkerung rühmlich hervorgethan haben.

In Frankreich steht die Sache womöglich noch günstiger. Dort bestehen etwa 24.000 Schulsparkassen, die von wohlmeinenden reichen Gönnern und von den Behörden aufs lebhafteste unterstützt werden.

Um die weitere Ausbreitung der Schulsparkassen in Deutschland zu fördern und ihr einen Mittelpunkt zu schaffen, hat sich bereits im Jahre 1880 ein „Verein zur Beförderung der Jugendsparkassen“ in Deutschland gebildet, dessen Vorsitzender gegenwärtig der Schulinspektor Pastor Senckel zu Hohenwalde bei Müllrose ist. Alle, die das gute Werk in irgend einer Weise unterstützen wollen, erhalten von dort Rath und Auskunft.

Wolfram von Eschenbach dichtet den „Parzival“ (Zu dem Bilde S. 433.) Unter den Werken, welche die mittelalterliche Blüthe unserer deutschen Litteratur hervorgebracht hat, steht der „Parzival“ Wolframs von Eschenbach mit in erster Reihe. Wolfram bezeichnet den Höhepunkt des sogenannten „Höfischen Epos“, das neben ihm noch in Hartmann von der Aue und Gottfried von Straßburg hervorragende Vertreter hatte. Aber während Hartmann die Klosterschule besucht und Gottfried gar eine umfangreiche gelehrte Bildung sich angeeignet hatte, die er in seiner Dichtung „Tristan und Isolt“ mit Geschick und Anmuth zu verwerthen wußte, verstand Wolfram, obwohl mit allerlei Kenntnissen in Astronomie, Naturgeschichte, Heldensage etc. ausgerüstet, doch nicht einmal die Kunst des Lesens und Schreibens. Er wurde erzogen wie damals die meisten Ritter, d. h. nur im Waffenhandwerk und in anderen ritterlichen Uebungen. Was er sonst lernte, das flog ihm mehr zufällig an.

Um so größer muß unser Erstaunen sein, wenn wir erfahren, daß es sich bei Wolframs „Parzival“ nicht einmal um eine selbständige Schöpfung seines Geistes, seiner Phantasie, sondern um eine wenn auch freie Uebersetzung aus zwei französischen Quellenschriften handelt! Wie soll man sich vorstellen, daß Wolfram den ungeheuren Stoff in sich aufgenommen und verarbeitet habe, der seine viele Tausende von Versen umfassende Dichtung erfüllt und der ihm keineswegs etwa von Jugend auf geläufig sein konnte? Da wir die eine seiner Quellen, das Werk des Chrestien de Troies, noch besitzen, so können wir gelegentlich wörtliche Anlehnung an die Vorlage feststellen – welch ein Gedächtniß müßte der Dichter gehabt haben, wollte man annehmen, daß er das ohne besondere Hilfe vermocht hätte!

Die Nachrichten über Wolframs Leben fließen sehr, sehr spärlich und sie geben uns keine genaue Auskunft darüber, wie Wolfram zu Werke ging. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich das auszumalen, und von diesem Rechte hat auch Franz Hein, ein jüngerer Karlsruher Künstler, Gebrauch gemacht, als er das schöne Bild entwarf, das wir in unserer heutigen Nummer wiedergeben. Im üppigen Grün eines Burggärtchens, an schwerem steinernen Tisch, sitzen drei Gehilfen des Sängers, zwei Mönche, ein alter und ein junger, als dritter im Bunde aber Wolframs holdseliges Töchterlein, dessen Spur man in des Vaters Dichtungen mehrfach entdecken zu können glaubt. Das Mädchen liest aus dem vor ihm aufgeschlagenen Buche – es muß wohl Chrestien de Troies sein – einen Abschnitt vor, dann hält sie inne, bis der Vater das Gehörte in deutsche Verse gefaßt und den schreibekundigen Mönchen in die Feder diktiert hat. So schreitet die Arbeit vor, Stück für Stück, und die hilfreichen Mönche lohnt von Zeit zu Zeit ein Trunk aus dem kühl gelegten Gebinde zu ihrer Seite für die willige Mitarbeit am Werke des Dichters.

Wolfram von Eschenbach ist in seiner Heimath so wenig vergessen wie sonst im deutschen Volke. Die Stadt Eschenbach in Mittelfranken hat sich daran gemacht, in ihren Mauern eine Wolframbibliothek zu gründen und ein historisches Festspiel zu Ehren des großen Mitbürgers zu veranstalten, der dort vor mehr als siebenhundert Jahren – man weiß es nicht genau, wann – das Licht der Welt erblickte, ebendort um das Jahr 1220 starb und in der Kirche Unserer lieben Frau begraben wurde.

Räuber in der Wüste. (Zu dem Bilde S. 441.) Bleiern schwer ruht die Mittagsgluth auf der Steinwüste, die am linken Ufer des Nil, nur durch einen 5 bis 10 Kilometer breiten grünen Streifen von dessen belebender Fluth getrennt, von Kairo an nach Süden und Westen sich in unabsehbare Fernen verliert und an ihrem Rande gegen das Flußthal die Denkmäler einer um Jahrtausende hinter uns liegenden Kultur zeigt, unter denen die Pyramiden die Bewunderung und die Neugier der späteren Geschlechter wohl immer am stärksten gereizt haben. Mühsam bewegt sich durch die öde Gegend eine kleine Karawane, dicht verhüllt, um den Leib so gegen die brennenden Strahlen und den feinen Staub zu schützen. Von den beiden Männern trägt der eine die lange Steinschloßflinte lässig über den Rücken gelegt; der andere, weniger sorglos, hält sie vor sich, wie bereit, sie im Falle der Noth anzuwenden. Er hat recht. Denn Gefahr droht in der That. Vier dunkle, finster blickende Gesellen lauern auf einem Felsenvorsprung am Rande der Ebene in einer Höhle auf Beute; der aufgestellte Wächter hat die Heranziehenden gemeldet und nun sind drei von ihnen bereits mit den Vorbereitungen zum Ueberfall beschäftigt, während ein vierter eben aus der Höhle tritt. Zwei gegen vier – der Ausgang kann nicht zweifelhaft sein. Unsere Wanderer können froh sein, wenn sie das nackte Leben retten und die Räuber sich begnügen, die Waren, die sie führen, samt den Thieren ihnen abzunehmen. Vielleicht auch haben die wilden Burschen ein Einsehen, finden, daß der Fang nicht fett genug sei, und lassen die Reisenden unbehelligt weiterziehen.

Glücklicherweise hat der Europäer nicht nöthig, sich durch das Bild, das den Vorgang in packender Weise zum Ausdruck bringt, gruselig machen zu lassen. In Aegypten im allgemeinen, besonders aber in den Theilen, in die uns der Künstler hier versetzt hat, ist nach den übereinstimmenden Berichten derer, die das Land kennen, die öffentliche Sicherheit eine vollständige; die Autorität der ägyptischen Regierung ist allenthalben anerkannt, und man muß schon bis in die Grenzgebiete gehen, um mit einiger Aussicht auf Nichtanzweiflung von aufregenderen Erlebnissen denen zu Hause erzählen zu können. Der Künstler hat also offenbar in frühere Zeiten zurückgegriffen oder aber – und das ist ja sein gutes Recht – er hat uns ein Spiel seiner Phantasie vorgeführt. In jedem Falle hat er es verstanden, die des Beschauers mächtig anzuregen.

Die Abschaffung der zweiten Klasse in England. Die Entvölkerung der beiden oberen Klassen auf den englischen Eisenbahnen ist zur Thatsache geworden. Schritt für Schritt hat sich diese Revolution vollzogen; der Reisenden I. und II. Klasse wurden es immer weniger, die III. Klasse füllte sich immer mehr. Die englische Ostbahn beförderte z. B. in Prozenten

in der
I.
II.
III.
Klasse.
1871
" 0 "
     9,3      23,4      67,3     
"
1881
" 0 "
     4,1 9,6      86,3
"
1891
" 0 "
     2,1 7,2      90,7
"

Um nicht ganze Wagen leer spazieren zu fahren, griff man zu dem einfachsten Mittel: man schaffte die II. Klasse ab. Dasselbe thaten die meisten übrigen Bahnen, die Mittellandbahn, die Bahn Manchester-Sheffield, die Lincolnshirebahn, die Chefhirelinie, die Nordbahn, die Nordbritische, die Caledoniabahn und andere, und nur im Londoner Vorortverkehr sowie im Verkehr mit gewissen Anschlußbahnen machte man der eigenartigen Verhältnisse wegen eine Ausnahme. So wird es voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit in England nur noch zwei Wagenklassen geben, die I. Klasse für die ganz Reichen und die III. Klasse für alle, die sich dazu nicht rechnen, ein Verhältniß, das in Nordamerika schon längst besteht. England ist übrigens hier im engeren Sinne – den industriellen Theil von Schottland einbegriffen – zu verstehen. In Irland bilden die Einnahmen aus der Benutzung der II. Klasse nach wie vor einen wesentlichen Theil der Gesamteinnahmen und stellen sich rund um 12% günstiger als bei den englischen Bahnen.

Die Pleißenburg zu Leipzig (Zu dem Bilde S. 448.) Das älteste, umfangreichste und durch seine denkwürdigen Erinnerungen bemerkenswertheste Bauwerk der Stadt Leipzig, die Pleißenburg, ist infolge Beschlusses der städtischen Behörde dem Staate abgekauft worden, um modernen Interessen zum Opfer zu fallen und durch Straßen und Häuser ersetzt zu werden. Der Abbruch der fast sieben Jahrhunderte alten Burg wird Leipzig einer weltgeschichtlichen Stätte berauben und der inneren Stadt ein wesentlich verändertes Aussehen geben. Es ist darum, ehe die altehrwürdigen Mauern vom Erdhoden verschwinden, wohl an der Zeit, etwas bei ihrem Bilde und ihrer Geschichte zu verweilen.

Das Schloß Pleißenburg wurde um das Jahr 1215 erbaut von Markgraf Dietrich, den die Geschichte den „Bedrängten“ nennt, während er eigentlich der „Bedränger“ heißen sollte. Die Bürger und der mit ihm verbündete Landadel waren gegen den Markgrafen aufständisch geworden, deshalb legte er an drei Stellen der Stadt Zwingburgen an. Zwei wurden bald nachher wieder geschleift und die Stätten Dominikanern und Franziskanern zur Errichtung von Klöstern überlassen. Die Pleißenburg blieb zum Schutze der Stadt bestehen. Ueber dreihundert Jahre lang war ihr eine friedliche Existenz beschieden denn in den Landeskriegen des 13., 14. und 15. Jahrhunderts blieb sie von Feindesmacht unberührt. Dagegen wurden in dem Schloß viele in ihren Folgen zum Theil berühmte Landtage abgehalten, wichtige Staatsaktionen vollzogen und während der Reformationswirren denkwürdige Versammlungen veranstaltet, darunter die berühmte Disputation zwischen Luther und Eck, die den Wittenberger Mönch zum Schweigen bringen sollte, aber gerade das Gegentheil bewirkte.

Die erste bekannte Belagerung der Pleißenburg erfolgte 1547 durch Kurfürst Johann Friedrich den Großmüthigen im sogenannten „Schmalkaldischen Kriege“. Der Kurfürst mußte unverrichteter Sache abziehen, aber die Pleißenburg war durch seine Kartaunen fast in Trümmer geschossen worden. Es erstand daher in den Jahren von 1549 bis 1558 ein Neubau, und Baumeister war niemand anders als Hieronymus Lotter, der Bürgermeister von Leipzig, ein in der Architektur wohlerfahrener Mann, der fast zu gleicher Zeit auf Befehl des Kurfürsten August das große Jagdschloß Augustusburg bei Chemnitz hat errichten müssen. Als Vorlage für den Bau der Pleißenburg wählte Hieronymus Lotter das damals im neuesten Befestigungssystem errichtete Kastell zu Mailand, mit einer ganzen Bastion nach außen und zwei halben Bastionen nach innen, wie sie der Unterbau noch jetzt zeigt. Auf dem hohen starken Thurme befanden sich fünf Böden mit Geschützen, die Spitze der äußern [448] Bastion verstärkte ein flankierender Thurm, und ein dreifaches Thor, vor dem ein Außenwerk, genannt „die Platte“, lag, führte nach der Stadt. Ringsum schützte ein breiter Wassergraben das Schloß. So galt die Pleißenburg als eine der festesten Citadellen des Landes, ein Ruf, der sich freilich im Dreißigjährigen Kriege wiederholt als zweifelhaft erwies. Im Jahre 1631 wurde sie von Tilly, 1632 von Holke und 1642 von Torstensson erobert, worauf sie bis 1650 im Besitz der Schweden blieb. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hatten Leipzig und die Pleißenburg thatsächlich aufgehört, Festungen zu sein. Als der nordische Krieg im Jahre 1706 wiederum Schweden nach Sachsen führte, öffneten Stadt und Schloß der aus fünfzig Dragonern bestehenden Vorhut willig die Thore, nachdem man vorher die hier als Staatsgefangene verwahrten Prinzen Konstantin und Jakob Sobieski, Prätendenten auf die polnische Krone, nach der Bergfestung Königstein abgeführt hatte.

 Nach einer alten Zeichnung.
Nach einer Photographie im Verlage von Herm. Vogel in Leipzig.
Die Pleißenburg in Leipzig vor hundert Jahren und heute.

Im Kommandanturgebäude, wo 1632 der in der Schlacht bei Lützen tödlich verwundete Pappenheim starb, wurde 1710 in dem Raume, welchen jetzt die Hauptwache einnimmt, eine katholische Kapelle angelegt, die bis 1845 bestand. In Anbetracht der gesunkenen Bedeutung der Pleißenburg als Festung brachte man deren Besatzung, die, außer dem Kommandanten, dem Schloßkapitän und drei Lieutenants, aus drei Feuerwerkern, zwölf Kanonieren, zwei Unterkanonieren einem Feldscherer und hundert Musketieren bestand, in Baracken unter, die längs des Schloßgrabens im Zwinger standen und 1789 abgebrochen wurden. Als Gefängnisse waren die Thürme der Pleißenburg noch immer in Gebrauch. Der Siebenjährige Krieg führte den Berliner Juden Ephraim Levi als königlich preußischen Münzpächter in die Pleißenburg, wo er die berüchtigten minderwerthigen Acht- und Viergroschenstücke prägte, welche unter dem Namen „Ephraimiten“ noch lange in Deutschland grassierten. Um diese Zeit begann die Entfestigung auch des Schlosses, nachdem man mit derjenigen der Stadt bereits weit fortgeschritten war. Die Holzbrücken und Aufzugbrücken über den Schloßgraben wichen 1774 festen Erddämmen, nach der Stadtseite wurde die „Platte“ beseitigt, auf der Bastion der flankierende Thurm abgetragen und mit Rasierung der Brustwehren auf den Wällen begonnen. Der Thurm, dessen Kuppel bei der schwedischen Belagerung von 1642 zerschossen und nachher wiederhergestellt worden war, verlor 1787 seine Haube und wurde mit ebensoviel Geld als Arbeit bis 1790 in eine Sternwarte umgewandelt, was er bis 1864, wo ein neues Observatorium im Johannisthale entstand, geblieben ist. Die Einrichtung des Schloßthurmes zur Sternwarte kostete 11.000 Thaler, ungerechnet die 2000 Thaler, welche der Kurfürst zum Ankaufe der nothwendigen Instrumente, und der 3500 Thaler, die er zum Baue der Wohnungen für die dabei angestellten Personen aus seinen Mitteln hergab. Der 1803 in London gestorbene sächsische Gesandte Graf Brühl schenkte der Sternwarte seine Sammlung astronomischer Instrumente nebst bedeutender Bibliothek, nachdem Landkammerrath Kregel von Sternbach ihr schon 1789 ein Legat von 2000 Thalern angewiesen hatte. Ferner wurde die Pleißenburg für die Proviantverwalterei, die Hauptsalzniederlage und die 1764 gegründete Maler-, Zeichner- und Bauakademie benutzt, auch kamen das chemische Laboratorium und ein Gerichtsamt hinein. Der berühmte Maler Adam Friedrich Oeser lebte hier von 1763 bis zu seinem 1799 erfolgten Tode als Akademiedirektor, und ebenso wohnte und starb als solcher in der Pleißenburg der Maler Veit Hans Schnorr von Carolsfeld, dessen berühmter Sohn Julius hier geboren wurde. Zu erwähnen ist auch, daß 1757 der Dichter „des Frühlings“, Major Ewald von Kleist, mit seinen Truppen in der Pleißenburg einquartiert war, welcher übrigens die Stadtkasse in ebenso kräftiger Weise beanspruchte wie seine nicht poetischen Kameraden. Zur eigentlichen Kaserne richtete man das Schloß erst seit der Volksbewegung von 1830 ein. Das erste Kasernengebäude wurde im Jahre 1839 auf der äußeren Bastion erbaut, das letzte 1874 auf der Front nach der Stadtseite und dabei auch die vielbesprochenen und -beurtheilten gewaltigen Getreidethürme, in welchen viele ängstliche Gemüther ein gegen den Trotz der Leipziger errichtetes „Zwinguri“ zu erkennen vermeinten.

Wann der Akt der Niederlegung beginnen wird, ist noch nicht festgestellt, aber lange wird es wohl nicht mehr anstehen. Wenn aber einmal neue Straßenzüge hinwegführen über den denkwürdigen Platz, darauf einst die Pleißenburg stand, dann werden unsere Bildchen manchem alten Leipziger eine liebe Erinnerung sein an das alte Wahrzeichen seiner Vaterstadt. Otto Moser.     

Splitter im Auge. In ärztlichen Vereinen wurde neuerdings hervorgehoben, daß die Verletzungen durch Eindringen von Fremdkörpern ins Auge häufiger vorkommen als früher, da die Arbeiter trotz aller Warnungen und Vorschriften die Schutzbrillen nicht tragen wollen. Oft dringen diese Fremdkörper, namentlich Eisensplitter, tief in das Innere des Auges hinein und bleiben eine Zeitlang darin, ohne Beschwerden zu verursachen. Der Verunglückte weiß gar nicht, daß sein Auge verletzt ist; erst wenn das Auge sich zu trüben beginnt und die Sehkraft abnimmt, wendet er sich an den Arzt, der die Ursache des Leidens entdeckt. In solchen Fällen pflegen Schwierigkeiten wegen Bewilligung der Unfallsrente zu entstehen, da es nicht möglich ist, festzustellen, wann und wo der Unfall sich ereignete. Und doch können derartig tief ins Auge eingedrungene Splitter oft den völligen Verlust des Sehorgans herbeiführen! Wir sollten meinen, daß dies genüge, die Arbeiter zum Tragen von Schutzbrillen zu veranlassen, und es würde wohl am Platze sein, in ihren Kreisen mehr Belehrung über die schweren Folgen von Augenverletzungen zu verbreiten.

Es giebt aber auch eine Spielerei, die schon viele Menschen im Kindesalter ums Augenlicht gebracht hat. Wir meinen das Spielen mit Zündhütchen, welche die liebe Jugend so leidenschaftlich gern knallen läßt. Der verstorbene Professor Nußbaum hat wiederholt und dringend vor dieser Art von Belustigung gewarnt, denn nur zu oft gerathen dabei Splitter ins Auge. Jetzt, wo man die Arbeiter daran erinnern muß, das edelste Sinnesorgan zu behüten, möchten wir auch an die Eltern die Mahnung richten, ihren Kindern das Spielen mit den Zündhütchen aufs strengste zu verbieten. *      


Inhalt: Schwertlilie. Roman von Sophie Junghans (12. Fortsetzung). S. 429. – Ruhestündchen. Bild. S. 429. – Wolfram von Eschenbach dichtet den „Parzival“. Bild. S. 433. – Der Glacéhandschuh. Ein Bild aus dem deutschen Industrieleben. Von H. Lüders. S. 435. Mit Abbildungen S. 435, 436 und 437. – Altersriesen. Von Dr. J. Herm. Baas. S. 437. – Der Cid in seiner wahren Gestalt. Von Karl Braun-Wiesbaden. S. 440. – Räuber in der Wüste. Bild. S. 441. – Verhütung der Masern in Schule und Haus. S. 443. – Herr Philipp Ardinger. Eine Geschichte aus dem Rheingau von Ernst Lenbach. S. 444. Mit Abbildungen S. 444, 445 und 446. – Blätter und Blüthen: Schulsparkassen. S. 447. – Wolfram von Eschenbach dichtet den „Parzival“. S. 447. (Zu dem Bilde S. 433.) – Räuber in der Wüste. S. 447. (Zu dem Bilde S. 441.) – Die Abschaffung der zweiten Klasse in England. S. 447. – Die Pleißenburg zu Leipzig. S. 447. Mit Abbildung S. 448. – Splitter im Auge. S. 448.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.