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Die Gartenlaube (1893)/Heft 19

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[309]

Nr. 19.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf. In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf. In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



Schwertlilie.

Roman von Sophie Junghans.

 (5. Fortsetzung.)

8.

Das Verschwinden des jugendlichen Herrn von Leyen erregte, wie begreiflich, das allergrößte Aufsehen, nicht nur am pfalzgräflichen Hofe, sondern in der ganzen Residenz. Tagelang sprach man sogar in den Bürgerhäusern beinahe von nichts anderem, und um den seltsamen Vorfall zu erklären, wurden natürliche und übernatürliche Mächte ins Spiel gezogen. Mit der einfachen Annahme, der verwegene Knabe könne bei seinen Jagdstreifereien im Walde verunglückt sein, begnügten sich die wenigsten.

Auch vor dem Hause Jost Lüttebrands, des Bäckers – desselben, bei dem Frau von Méninville gewohnt hatte – stand eine

Die drei alten sächsischen Landesschulen zu Pforta, Meißen und Grimma.
Zeichnung von R. Püttner.

[310] Gruppe, und auch hier wurde die Sache erörtert. Der Meister war selber dabei, ein teigiger Mann, mit dicken mehlbestäubten nackten Armen. Er sprach nicht allzu viel, denn er war schwerfällig, und so wurden seine Meinungen, wenn er deren einmal von sich gab, ihrer Seltenheit wegen mehr geachtet, als sie es verdienten.

„Da ich im Fränkischen als Geselle arbeitete,“ sagte er jetzt, „da ist uns einmal ein Lehrbube abhanden gekommen. Er war eine Waise, und bei der Meisterin gab es nichts für ihn wie Kinderwiegen und Prügel. Auf einmal war er fort.“

„So ist er wohl davongelaufen,“ meinte eine Nachbarin, eine gutmüthige jüngere Frau mit einem Kind auf dem Arme, der man es ansah, daß sie jenem verwaisten Prügelknaben die Befreiung gönnte.

„Kann sein, kann auch nicht sein,“ erwiderte Jost Lüttebrand in einem Orakelton. „Mein Mitgesell wollte zur Nacht im Ziehbrunnen ’was plumpen gehört haben. Und dann gegen Morgen hätte der Eimer beim Aufziehen an der Kette geächzt und geknarrt wie sonst nicht. Ich hatte nichts vernommen. Wenn es meine Tour war, durchzuschlafen, so schlief ich trotz einem. Von dem Jungen hat man nie wieder etwas gehört.“

„Hineingesprungen, oder gar –?“ Eine Alte fragte es halblaut, in ihrem Eifer sich herandrängend, während sie die Gebärde des Stoßens machte. Der Meister zuckte die Achseln.

„Das paßt aber doch auf den Junker nicht,“ sagte darauf die junge Frau wieder, „der hatte es ja so gut auf der Welt.“

„Daß er sie freiwillig quittiert habe, wird auch wohl keiner behaupten wollen,“ meinte der Nachbar Nothnagel, ein Schreiber, und sah aus, als könnte er viel sagen, wenn er nur wollte. Doch bedurfte es keines großen Drängens, und er fuhr fort: „Was trieb sich denn das gottlos verwegene junge Blut so viel im Walde am Heidenkopf herum! Nicht nur am Tage, auch nächtens hat er dort gejagt und gelauert. Was aber noch von alten Zeiten her dort webt und wohnt und in stürmischen Nächten mit Pfeifen und Hallo durch die Wipfel saust, das kehrt sich an Junker und Adel nicht – das dreht jedem, den es etwa neugierig lauschend am Wege trifft, das Gesicht in den Nacken.“

„Ja, ein Naseweis war der Junker,“ sagte ein Mann, der noch nicht gesprochen hatte. „Und das Fränlein, seine Base, soll es auch wunderlich treiben. Von meiner Frauen Bruder, dem Meßdiener in Keula, habe ich es, daß sie gar einen seltsamen Verkehr pflegt. Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sagt er, so sehe ich sie die Wildschlucht hinaufsteigen. Was hat sie da oben zu suchen? Der Weg führt auf den Schindanger; kein ehrlicher Christenmensch begeht ihn. Und nun gar, wenn sie etwa linker Hand oben im Steinbruch ihr Geschäft hätte . . . Gott bewahr’ uns, meinte er . . .“

Hier hielt der Sprecher inne. „Was ist’s doch gleich mit dem Steinbruch?“ hieß es eifrig; die Köpfe neigten sich näher zusammen. „Gott bewahre uns! Die lebt noch! Und da geht sie hin! Ja, was so ein Vornehmes nicht alles wagen darf! Unsereiner sollte das probieren, vielleicht in der Noth um einen guten Rath, den man dem Doktor und auch dem Herrn Pfarrer nicht danken mag, und den so eine wohl wüßte . . . man wäre ja seines Lebens nicht sicher bei den Leuten, und wie würde einen erst die Geistlichkeit kuranzen! – Eine sonderbare Gesellschaft aber doch, die von der Herrenmühle! Seht doch nur den Alten, den Herrn von Gouda an . . . mich gemahnt er immer an den Ritter im Puppenspiel, mit seinem dünnen Ziegenbart. Und das Fräulein . . . o ja, hübsch ist sie, aber so vornehm brauchte sie auch nicht zu thun und über unsereinen hinwegzusehen, wenn ihr eine solche von Gott und allen Heiligen Verlassene, ein solcher Teufelsbraten gut genug ist, daß sie unter ihr verfluchtes Dach eingeht! . . . Gott behüte uns!“ Und eifrig wurde, was ja auf alle Fälle nichts schaden konnte, von den Weibern das Kreuz geschlagen.

So redeten die Bürgersleute. Am Hofe und unter dem Adel konnte man sich standeshalber mit solchen rohen Märchen wie dem von der gespenstischen wilden Jagd nicht befassen. Man betrachtete dergleichen als einen Aberglauben, dem neben der Lächerlichkeit zugleich die Gewöhnlichkeit, das völlig Unstandesgemäße anhafte. Was ein frommer hoher Adel von bösen Mächten anerkannte und redlich fürchtete, das befand sich gewissermaßen, trotz seines Gegensatzes zur Gottheit, noch innerhalb der Kirche, sofern der Versucher, der herumgeht wie ein brüllender Löwe, von der Geistlichkeit allenthalben approbiert war.

Daß man nun das Verschwinden des Junkers Lutz von Leyen mit dunklen Mächten in Verbindung gebracht hätte, davon verlautete am Hofe nichts. Wohl aber erregte dasselbe allgemeine lebhafte Theilnahme, die sich besonders der armen Polyxene zuwendete. War sie früher vielleicht wegen ihres stolz ausgeprägten Wesens nicht so ganz allgemein beliebt gewesen, so verschwand das jetzt. Jeder beklagte sie; sogar die Damen ließen ihr ein ehrliches Bedauern zu theil werden, da es genugsam bekannt war, wie geschwisterlich die beiden Leyens gelebt hatten, nur enger verbunden durch des Vormundes Wunderlichkeit.

Wie die Pfalzgräfin über die Sache dachte, hatte man noch nicht erfahren. Sie war in den letzten Tagen weniger als sonst für den Hof sichtbar gewesen; es hieß, sie leide an Migräne. Da aber Sabine Eleonore bisher für launisch, jedoch nicht für bösartig gegolten hatte, so war anzunehmen, daß ihr Groll gegen das Fräulein von Leyen, welche Ursache derselbe nun auch haben mochte, vor diesem Unglück nicht Stich halten würde.

Noch stand übrigens die förmliche Mittheilung des räthselhaften Vorgangs von seiten der Verwandten an die fürstliche Herrin aus. Und um diese zu bewerkstelligen, hatte sich der Vormund des Verschwundenen, der Oberst von Gouda, nach dem Residenzschlosse begeben, in welchem er eine sehr seltene Erscheinung war. Es saß neben ihm in der altväterischen Leyenschen Hoskarosse die kummervolle Gestalt seines anderen Mündels, des Fräuleins Polyxene. Neun Tage waren seit jenem schrecklichen Abend vergangen, an welchem Lutz zuerst nicht heimgekommen war. Polyxene war, so lange es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, in diesem Zeitraum ruhelos umhergestrichen, hatte kreuz und quer den Forst durchstreift, war an allen ihr und Ludwig bekannten Stellen desselben gewesen – nach der Stadt aber war sie seitdem noch nicht gekommen.

Die Birkenfelder reckten die Hälse nach dem Wagen. Der Oberst, den kannte man ja, er sah mit seinem gelben Gesicht und pechschwarzen Haar immer schon wie eine Trauerfigur aus. Das Fräulein aber – wie, hatte sie denn keine schwarzen Kleider angelegt? Nein, sie sah aus wie sonst, wenn sie zu Hofe fuhr. Viele verübelten es ihr, daß sie sich der äußeren Trauerzeichen noch enthielt. Polyxenen dagegen würde es fürchterlich vorgekommen sein, solchergestalt zuzugeben, daß sie den Vetter für tot achte. Und da sie es auch für richtig hielt, Fremden und Fernstehenden nichts von dem, was ihr Gemüth bewegte, zu verrathen, so blickte jetzt während der Fahrt ihr reizendes Gesicht anscheinend sehr ruhig vor sich hin. Daß es schmäler geworden war und der Glanz der graublauen Augen durch Wachen und Weinen sich getrübt hatte, das bemerkten die Aufpasser nicht.

Im Residenzschlosse ließen sich der Oberst und sein Mündel vorschriftsmäßig bei der Obersthofmeisterin melden, welche dann die Einführung bei der Pfalzgräflichen Hoheit zu bewerkstelligen hatte. Frau von Kallenfels war dazu sofort bereit. Hoheit werde zwar in den letzten Tagen von Kopfschmerzen geplagt, welche ihre Laune sehr ungünstig beeinflußten, sie sei aber heute schon für die Fräulein des Dienstes sichtbar gewesen und werde unter diesen besonderen Umständen – die lange, verblichene Dame sagte das mit einem gutmüthigen Blick der im Hofdienst so ausdruckslos gewordenen Augen – also unter diesen antheilswürdigen Umständen werde Hoheit gewiß Audienz gewähren.

Die beiden hatten noch nicht lange gewartet zwischen den wenigen steifen Prachtmöbeln des Vorgemaches, als die Obersthofmeisterin zurückkehrte. Wäre ihr Gesicht nach ihrer lebenslangen Unterwerfung unter die Form nicht so wenig ausdrucksfähig gewesen wie etwa ein lederner Tabaksbeutel, so hätte man ihr anmerken müssen, daß ihr soeben das geschehen war, was bei anderen Menschen einen heftigen Aerger bedeutet. Herr von Gouda freilich, zerstreut, wie er meistens war, achtete nicht auf ihre immerhin betretene Miene, sondern schickte sich an, in die Gemächer der Frau Sabine Eleonore einzutreten. Er hatte schon ein paar Schritte gemacht, da sagte sie: „Halt, mein Herr Oberst von Gouda! Die Frau Pfalzgräfin Hoheit empfangen heute nicht. Hoheit befinden sich in ihren Gemächern in Gesellschaft der Frau von Méninville, der einzigen, wie man uns zu wissen thut, welche sie bei ihren vapeurs heute ertragen kann.“ – [311] Die Kallenfels hatte ruhig gesprochen; was sie empfand, darauf durfte es ja nie ankommen. Auch auf die beiden Audienzsuchenden schien ihre Mittheilung – der Gallapfel, den sie freilich erst im eigenen Munde hatte aufbeißen müssen – keine große Wirkung zu thun. Polyxene war viel zu sehr mit ihrem Kummer um Lutz beschäftigt, als daß irgend etwas sonst sie groß hatte berühren können. Und für den Obersten waren die verschiedenen Bewegungen der Puppenspielfiguren am Hofe und welche Puppen gerade die Scene besetzten, wenn er einmal einen Blick darauf warf, immer von sehr geringem Interesse gewesen. So war er denn mit einer Höflichkeitsbezeigung gegen die Obersthofmeisterin im Begriff, sich ruhig mit Polyxenen zu entfernen – als einer, von dem eine Form erfüllt worden und der nun froh ist, daß ihn dies wenigstens nicht mehr Zeit gekostet hat. Aber die Dame hielt ihn zurück.

„Verweilt, wenn es Euch beliebt, noch einige Minuten, Herr Oberst, und Ihr, mein werthes Fräulein!“ sagte sie. „Die Frau Pfalzgräfin läßt Euch durch mich ihren allergnädigsten Antheil an dem Schicksal ausdrücken, welches Euer Haus betroffen hat. Sie bedauert, unpaß zu sein und Euch desselben nicht mit eigenem Munde versichern zu können, zugleich möchte sie Genaueres darüber erfahren, wie die Sache sich zugetragen hat.“

„Das ist es eben, was wir selber gerne wüßten, meine vielwerthe Dame,“ entgegnete der Oberst trocken. „Der Junker, mein Neffe, hat sich vor neun Tagen aufs dem Hause entfernt, wenigstens nehmen wir dies an, da er in demselben seit dem Morgen jenes Tages nicht mehr erblickt worden ist; und er ist bis dato nicht zurückgekehrt, noch auch hat irgend eine Kunde über seinen Verbleib uns erreicht. Daß ich es an Nachforschungen nicht habe fehlen lassen, ist selbstverständlich, und diese sollen auch fortab keineswegs ruhen. An sämmtliche Aemter dieses pfälzisch-birkenfeldischen Landes ist eine genaue Beschreibung der äußerlichen Person des Junkers gesendet worden, mit der Bitte, von dem Betreffen eines solchen, sei er lebend oder tot, mir, dem betrübten Vormund und Pfleger, alsobalb die hocherwünschte Mittheilung zu machen.“

Polyxene blickte hier in trübem Staunen auf, da von dieser Maßregel des Oheims sie selber jetzt das erste Wort hörte. Daß er aber die Wahrheit sagte und gewiß nicht weniger gethan hatte, als er angab, dafür kannte sie ihn. „Dies alles aber,“ nahm der Oberst noch einmal das Wort, „halte ich noch nicht für genügend, da es sich um den letzten männlichen Sproß eines hochadligen Namens und den Erben ansehnlicher Güter handelt. Wir wollen deshalb auch an die unserer gnädigsten Pfalzgräfin verwandten pfälzischen und sonstigen Fürstenhäuser uns wenden und in ihren Landen forschen lassen und haben vor, ihre Hoheit zu ersuchen, daß sie ihrer Kanzlei verstatte, uns hierin Vorschub zu leisten.“

Die gnädige Frau werde gewiß nicht ermangeln, einem so verdienstlichen Vorhaben sich geneigt zu erweisen, nahm die Obersthofmeisterin auf sich, zu erwidern. „Der Junker war, wie man spricht, dem Walde und Weidwerk sehr zugethan,“ wendete sie sich dann an Polyxenen, deren schweigende Bekümmerniß sie dauerte. „Daß er im Forste zu Schaden gekommen sei, ist aber wohl nicht anzunehmen, da man ihn sonst schon gefunden hätte?“

„Wir haben unseren Wald weit und breit durchsucht, der alte Strieger, unser vielerfahrener Waldwart, und ich selber, und haben nichts entdeckt,“ sagte Polyxene traurig. Und dann, mit einem inneren Schauder: „Die einzige Spur von ihm, die wir fanden, war an einem anderen Orte. Auf der Herrenmühle selber, am Mühlgraben . . . dort fanden wir seine Jagdtasche . . . Und Dietlieb, unser Diener, glaubt fest, Lutz sei beim Ueberschreiten des Grabens verunglückt, indem die Bohle, auf der er hinüberzugehen pflegte, abglitt und ins tiefe Wasser rutschte. Die Männer haben darauf den Graben durchsucht . . .“

„Und nichts gefunden,“ ergänzte die alte Dame mitleidig, da das arme Mädchen abbrach.

Polyxene verneinte, mit ihren trockenen, vom Kummer müden Augen vor sich hinschauend. Aber auch Herr von Gouda schüttelte, und zwar ziemlich energisch, den Kopf. Er verweigerte der Annahme, sein Mündel sei dort ertrunken, den Glauben vollständig, was Polyxene in ihrem Gram zu einer Art Trost gereichte. „Thorheiten“ sagte er jetzt. „Ein gewandter Wagehals wir unser junger Fant kommt aus einem unfreiwilligen Bade im Mühlgraben wohl wieder heraus.“ Die Obersthofmeisterin war im stillen anderer Meinung; ihr schienen jene Anzeigen bedenklich. Doch verschwieg sie dies; wozu das augenscheinlich fast zu Boden gedrückte Mädchen noch mehr quälen!

Unter den gegenseitigen umständlichen Höflichkeiten solcher Standespersonen, wie sie alle drei waren, nahmen dann Herr von Gouda und das Fräulein von Leyen von der Obersthofmeisterin Abschied und verfügten sich zu ihrer Karosse zurück. Frau von Kallenfels aber betrat noch einmal die Gemächer ihrer Pfalzgräfin – hatte sie dieser doch das Ersuchen des Obersten von Gouda in aller Form vorzutragen.




9.

Die Pfalzgräfin war in ihre geblümte seidene robe de chambre gehüllt – ein anderer Name als dieser französische war für das Kleidungsstück nicht gangbar; eine Uebersetzung desselben ins Deutsche hätte kein Mensch verstanden – und so saß sie, über und über Falbeln und Bauschen, ein Spitzentuch über dem breiten Lockenbau, damit beschäftigt, ihre Vapeurs zu pflegen, indem sie dann und wann in ein Fläschchen mit scharfer Essenz roch, und ließ sich außerdem von der stickenden Madame von Méninville unterhalten. Die Obersthofmeisterin fand, als sie nun wieder eintrat, einen nicht ganz so kalten Blick ihrer Herrin auf sich gerichtet, wie sie dessen in der letzten Zeit hatte gewohnt werden müssen. Denn was Frau von Kallenfels jetzt melden sollte, versprach einige Linderung des Leidens der Hoheit, welches zum guten Theil aus Langerweile bestand. Was ihr aber eigentlich fehlte, wußte am besten ihre liebe Méninville, vor deren klugem Auge das innere Getriebe dieser kleinen Pompadur so verständlich dalag, als gehe sie wirklich auf Rollen, werde aufgezogen zu dieser Bewegung und habe eine Vorrichtung, die für den Wißbegierigen ihr inneres Räderwerk bloßlege. Herr von Nievern nämlich war am Tage nach der Hofjagd schriftlich um einen längeren Urlaub eingekommen. Seine Gesundheit, wie er in diesem Gesuche kurz angab, machte es ihm wünschenswerth, einige Zeit der Schonung von Geschäften zu widmen. Er habe vor, diese Zeit hauptsächlich bei seinem Anverwandten, dem Kanonikus von Wildenfels in Malmedy, zuzubringen. Für seine Stellvertretung that er einige bündige Vorschläge; und im übrigen hatte er die gnädige Erlaubniß seiner Gebieterin gar nicht abgewartet; als man ihr sein Schreiben überreichte, war er, wie sie zugleich erfahren mußte, schon abgereist. Das heißt, er war in Begleitung eines Dieners, der den Mantelsack auf dem Pferde hinter sich hatte, in der Morgenfrühe eben jenes Tages gen Norden geritten.

Solche Einzelheiten auszukundschaften, wäre unter der Würde der Pfalzgräfin gewesen; Frau von Méninville hatte das besorgt. Auch sie war überrumpelt durch den selbstwilligen Schritt des Kavaliers, ließ sich das aber natürlich so wenig wie möglich merken. Die Gebieterin dagegen war anfangs fassungslos. Sie gerieth in einen solchen Zorn, daß sie das Urlaubsgesuch ihres Oberjägermeisters mitten durchriß und zur Erde schleuderte; nachher mußte das Schriftstück, um doch gehörig fascikuliert und registriert zu werden, auf fürstlichem Hofmarschallamt von einem Kanzlisten sorgfältig wieder zusammengeklebt werden. Als Folge dieses heftigen Aergers gab dann eine Migräne in bester Form – mit Sprengen der Schnürsenkel am steifen Kleiderleibchen der Fürstin, Essigwaschungen, Fußbädern, Räucherungen und allem sonstigen damaligen Zubehör – zum Glück Beschäftigung und Ablenkung für einige Stunden, bis die Dame ein paar Kammerfrauen, aber zugleich auch sich selber todmüde gemacht hatte und in einen gesunden Schlaf fiel.

Indessen hatte Frau von Méninville sich die Sache einigermaßen zurechtgelegt. Allein mit sich selber, gestattete sie sich zunächst einmal die Empfindung, daß sie eigentlich getroffen werde durch diese fluchtähnliche Entfernung des Mannes, der so häufig in der letzten Zeit mit ihr und der Pfalzgräfin ein vertrauliches Trio gebildet hatte. Und wenn er sich offenbar gut unterhalten hatte während dieser Stunden, war das etwa das Verdienst der albernen Puppe gewesen, die jetzt im Nebengemach da drinnen unter ihrem riesigen kronengeschmückten Betthimmel wie ein Murmelthier schlief? Bei der stahlkräftigen Gesundheit des Herrn von Nievern war der Vorwand, den er gebraucht hatte, von einer dreisten Durchsichtigkeit: Zwar plagte ihn, trotz seines noch jugendlichen Mannesalters, zuweilen das Gliederreißen, als

[312]

In einem japanischen Garten.
Nach einem Gemälde von H. Humphrey Moore.

[313] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [314] Andenken an die Seefahrt nach England, die von ihm in einem offenen Segelboot unternommen worden war und sich bei stürmischem Wetter unter einweichenden Regengüssen fast über eine Woche ausgedehnt hatte. Er selber hatte dies alles, sich dabei zum Besten haltend, noch kürzlich erzählt. Hätte er sich dann wenigstens die Mühe gegeben, zu lügen, daß er in der alten Stadt Aachen, in deren Nähe er sich ja begeben hatte, die heilkräftigen Bäder gebrauchen wollte! Wie gering er doch seine Pfalzgräfin und sie, die Frau von Méninville, anschlug, daß er einer Anwandlung von übler Laune so ohne Scheu nachgeben zu dürfen glaubte! Die Keckheit dieses Mannes reizte die fromme Frau. Er fing an, sie zu kennen – für so klug wenigstens hielt sie ihn – aber er kannte sie noch nicht genug. Sie, die über die spielenden Thorheiten anderer Weiber weit erhaben war und immer nur sehr ernstliche Zwecke verfolgte, sie hatte ihn ihres Antheils gewürdigt und er mußte es gemerkt haben. Glaubte er nun am Ende auch mit ihr umspringen zu können wie mit einer beliebigen, ein weniges in ihn verliebten Närrin, deren nicht mehr frischer Reiz solchen Schwächen noch dazu einen Beigeschmack von Lächerlichkeit verlieh? Frau von Méninville legte hier die Lippen fest aneinander und gelobte sich innerlich, daß dies anders werden sollte. Noch war durchaus nichts verloren. Der Oberjägermeister mußte ja an den Hof zurückkehren, und dann hatte sie Zeit. Und das war alles, geradezu alles, was sie brauchte. Frau von Méninville hatte einmal irgendwo den Wahl- und Wappenspruch eines alten schottischen Geschlechts gelesen, welcher, in der Ursprache kurz und bündig, in der Uebersetzung etwa lautete: die Zeit und ich, wir zwei zusammen nehmen es mit jeden andern Zweien auf. Das hatte ihr eingeleuchtet! Um aber solchergestalt mit der Zeit sich zu verbünden, dazu gehörte es, unermüdlich jede neue Möglichkeit zu benutzen, und das gedachte Frau von Méninville zu thun.

Am nächsten Morgen gegen Zehn war sie zu der Pfalzgräfin befohlen worden. Ein sechzehnstündiger Schlaf hatte die Dame soweit gestärkt, daß sie sich den Kopf zur Negligéfrisur hatte „aufsetzen“ lassen, wie man das nannte, und nun im Bette ihre Chokolade einnehmen konnte.

Frau von Méninville hatte mit Inbrunst die dargereichte fürstliche Hand gekußt. „Wie habe ich mit Euerer Hoheit gelitten,“ versicherte sie. „Haben Hoheit ein weniges zu schlafen vermocht?“

Ja, die Nacht sei erträglich gewesen, gab Frau Sabine Eleonore zu, aber sie fühle sich immer noch schwach.

„Kein Wunder,“ bemerkte Frau von Méninville mit schonender Krankenstuben-Stimme. Sie that jetzt, mit einer ihrer kleinen Tücken, die sie selbst da Verstellung üben ließen, wo dies gar keinen Zweck zu haben schien, als wolle sie sich sofort wieder zurückziehen, um den ermatteten Lebensgeistern ihrer Herrin noch ferner Zeit zur Erholung zu gönnen. Dabei hätte aber Frau Sabine Eleonore ihre Rechnung nicht gefunden. „Bleiben Sie, liebe Méninville,“ sagte sie mit schwacher Stimme. „Ich habe mein Lever heute abbestellt. Selbst wenn ich mich kräftig genug dazu fühlte – die Stimme der Kallenfells genügt, um mir von neuem Migräne zu machen. Ihre angenehme Unterhaltung dagegen wird mir hoffentlich über das Uebel vollends hinweghelfen, welches mich von Zeit zu Zeit ganz aus heiler Haut befällt.“

Die Méninville hörte die Worte an mit der Miene eines durch Ehrfurcht gedämpften Antheils. Sie nahm auf einem Schemel am Bette Platz und erzählte nun, wie man ihr früher einmal berichtet habe, die letzte Königin von Frankreich sei eine große Dulderin an Migräne gewesen, habe oft danieder gelegen an Kopfschmerzen bis zur Betäubung, die dann erst den stärksten Mitteln der Aerzte gewichen seien.

Wenn man denn scholl an Kopfweh zu leiden hat, so theilt man diesen Vorzug fein besaiteter Naturen immer noch nicht ganz ungern mit einer allerchristlichsten Majestät; lieber wenigstens als mit gewöhnlichen Leuten, die eigentlich kein Recht auf solche vornehme Uebel haben. „Ja, die Migräne ist eine Plage vieler regierender Häupter gewesen,“ sagte Frau Sabine Eleonore denn auch mit selbstgefälliger Ergebung.

Dies Kapitel wurde noch eine Weile erörtert, indem die Méninville verschiedenes von hohen Herrschaften beibrachte und von den Medikamenten, welche denselben in eben dem Falle, darin die Pfalzgräfin sich jetzt befand, genützt hatten. Als nun aber eine halbe Stunde verflossen war, ohne daß des Urlaubsgesuchs des Herrn von Nievern Erwähnung geschehen wäre, da merkte Frau von Méninville, daß die steife Fürstin nicht Geschick genug habe, den Gesprächsgegenstand einzuführen, um den es ihr doch allein zu thun war, und daß sie ihr helfen müsse. Sonst hätte sie am Ende erleben können, wie die fürstliche üble Laune sich auch einmal gegen sie richtete. Ihr erfinderischer Geist ließ sie um einen Anfang nicht verlegen sein. „Pfalzgräfliche Hoheit,“ begann sie, „sind so wohl versiert in den Adelsgeschlechtern Ihres eigenen Landes nicht nur, sondern auch des Reiches, ja des Auslandes . . . wo soll ich die Familie von Wildenfels hinthun? Ist es ein pfälzer Adel?“

„Nein,“ sagte die Pfalzgräfin unverzüglich und war munter und lebhaft bei der Sache, „die Wildenfelser gehören in das bayerische Franken. Es gab mehrere Linien, Wildenfels-Buchheim, Wildenfels-Dyk – die Rochsburger auch, aber die sind schon vor fünfzig Jahren oder mehr ausgestorben, und von den Wildenfels- Dyk ist der Mannesstamm jetzt erloschen. Die Freifrau Aloysie auf Wildenfels hab’ ich gekannt; ihr Sohn, der Erbherr, ist blutjung unter dem Prinzen Eugen bei Turin, wenn mir recht ist, gefallen. Das kinderlose Witthum hat ihr nicht behagt; sie hat sich noch einmal vermählt mit einem Herrn von Salm.“

Bei einer Fürstin, die selber Witwe ist und dazu noch eine ziemlich junge, thut man gut, in der Beurteilung solcher Fälle wie der hier erzählte vorsichtig zu sein. „Hoffentlich hat die Dame eine passende Wahl getroffen,“ bemerkte daher die Méninville zurückhaltend.

„Wahl hin, Wahl her; sie war in den Fünfzigen, da hieß es zugreifen, wenn sie noch einmal vor den Altar wollte,“ sagte die Pfalzgräfin und lachte; sie war jetzt ganz munter geworden. „Der von Salm aber kroch bei ihr unter, ein ausgedienter alter Klepper von so und so vielen Feldzügen, der selber so gut wie nichts sein nannte. Sobald er auf Wildenfels zu Hause war, fing er an und gab seiner Gicht Audienz und saß mit eingewickelten Beinen ... die Dame hat nicht gar viel Freude mehr an ihm gehabt.“ Und Frau Sabine Eleonore lachte noch einmal schadenfroh.

„So hätte das Paar wohl besser gethan, voneinander zu bleiben.“ Frau von Méninville glaubte, diese Bemerkung wagen zu können, fuhr jedoch fort: „Bei jüngeren Jahren dünkt es mich dagegen oft das Richtige und Gott Wohlgefällige, wenn Personen hohen Standes nicht allein bleiben, nachdem der Herr einen ersten Ehebund durch den Tod zu lösen für gut befunden. Doch verzeiht meine Abschweifung, gnädigste Frau! Gehört demnach der Wildenfels von Malmedy zu dem fränkischen Geschlecht?“

„Ah, Sie sprechen von dem Domherrn, dem Vetter Nieverns,“ sagte die Fürstin. „Er ist einer von den Buchheimern, ist weltlicher Kanonikus von St. Alban in Trier, soweit ich mich erinnere. Das sind gesuchte Stellen, diese weltlichen Chorherrenstellen und ich entsinne mich, wie mein seliger Herr erzählte, daß der Buchheimer Wildenfels den Fürsten und Ständen angelegen habe bis zum Ueberdruß, bis er es soweit hatte, daß das Kapitel des Erzstifts pon St. Alban seinen jüngeren Sohn aufnahm.“

„Und wird sich Herr von Nievern bei diesem geistlichen Herrn behagen?“ warf die Méninville nach einer Weile leicht hin.

„Geistlicher Herr! Damit ist’s nicht weit her!“ rief die Fürstin. „Lassen Sie sich sagen, liebe Méninville, daß die weltlichen Chorherren durch ihr Amt nicht allzu sehr gedrückt werden. Sie dürfen sich nicht vermählen, allerdings, sonst aber treiben sie, was ihnen lieb, und oft, was Gott leid ist. Die Adventszeit, wenn mir recht ist, oder die Fastenzeit haben sie am Orte ihres Kanonikats zu residieren und amtieren dann auch etlichemal. Und wenn Kapitel gehalten wird, dann müssen sie zur Stelle sein. Sonst aber verzehren sie ihre reichen Pfründen, wo sie wollen. Der Wildenfels hat ein schönes Burghaus in Malmedy; mein Gemahl hat es mich bemerken lassen, als wir damals zur Hochzeit unseres Vetters nach Dendermonde zogen und in Malmedy rasteten. Und seine Hauptlust ist die Jagd. Wenn Nievern jetzt mit ihm in der Hohen Veen auf den Mooren zur Reiherbeize reitet, so mögen Sie glauben, daß der Wildenfels sich nicht damit abgiebt, ihm vorher die Messe zu lesen.“

Wie redselig sie geworden war! Eine solche Zuhörerin aber auch wie die Méninville! Der ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeit wußte sie immer ein Etwas von Bewunderung beizumischen über [315] die Belehrung, welche ihr zu theil wurde; harmlos verwundert meinte sie jetzt:

„Also auf Ausübung der Jagd war es abgesehen bei dieser Reise des Herrn von Nievern? Wie aber reime ich das mit dem leidenden Zustand seiner Gesundheit, von dem doch, dünkt mich, in seinem Briefe an Eure Hoheit die Rede war?“

Nun fing die kleine Dame Feuer. „Das mögen Sie wohl fragen!“ rief sie bitterböse. „Bringen Sie mich nicht darauf, liebe Méninville; ich fühle gleich, wie mir die Vapeurs wieder den Athem benehmen vor lauter Aufregung!“ Sie fuhr aber doch fort, mit unverminderten Kräften, so daß Frau von Méninville, die schon auf dem Sprunge war nach einem Beruhigungsmittel, verziehen mußte. „Krank könnte man selber werden über solche ingratitude, ein solches Vergessen jeder Rücksicht gegen eine wohlgeneigte Fürstin, welche das Beste mit diesem Kavalier vorhatte. Ja, ich versichere Sie, wäre meine Unpäßlichkeit gestern nicht dazwischen gekommen, ich hätte längst darauf gedacht, dem Herrn von Nievern nun auch auf eine recht empfindliche Weise zu zeigen, daß er unser Wohlwollen bis auf weiteres völlig verscherzt habe!“

Mit der ernstesten und angelegentlichsten Miene hatte Frau von Méninville auch dies angehört. Mochte die Zumuthung immerhin eine starke sein, daß man thun sollte, als sei einem der enge Zusammenhang zwischen der Abreise des Oberjägermeisters und eben jener Unpäßlichkeit unbemerkt geblieben – Frau von Méninville, zur fürstlichen Vertrauten geboren, war dem gewachsen.

„Ich begreife den Unwillen der allergnädigsten Frau,“ sagte sie mit gesetzter Miene. „Die plötzliche Abreise des Herrn von Nievern hat etwas Ueberraschendes und wird dem ganzen Hofe zu reden geben. Nicht als ob letzterer Umstand die gnädigste Fürstin zu berühren brauchte. Gesällt es Euerer Hoheit, so lassen wir diesen Gegenstand des Gespräches fallen, bis Sie sich wieder völlig gekräftigt haben. Hochdero Gesundheit ist zu wichtig, als daß selbst die Angelegenheit einer Person vom Stande des Herrn von Nievern der Rücksicht auf dieselbe vorgezogen werden dürfte.“

Durch ein solch vorsichtiges Manövrieren bewirkte die Méninville, die immer wußte, was sie that, daß Sabine Eleonore sich nun nachgerade völlig gehen ließ. Sie wollte von einem schonenden Fallenlassen des ärgerlichen Themas nichts hören, sondern schimpfte höchstselbst zu augenscheinlicher Erleichterung ihrer Vapeurs auf den Oberjägermeister wie ein Rohrspatz. Zu offenbar aber war dabei für den durchdringenden Scharfblick der Méninville das Behagen des verliebten Weibes an dem fortwährenden Herumspielen des Gespräches um den einen Namen. Mochte derselbe im guten oder im bösen genannt werden, gleichviel, wenn er nur da, nur auf dem Tapet war. Und dieser Stand der Dinge ließ den Schluß zu, daß trotz all ihres Zornes die fürstliche Dame an eine ernstliche Abtrünnigkeit ihres Kavaliers doch noch nicht gedacht hatte. Dies selbstgefällige Behagen der Hoheit nun aber ein weniges zu versalzen, dafür war die fürsorgliche Méninville da. Sie sagte, als es ihr dazu Zeit schien:

„Neben allen übrigen erstaunenden Tugenden meiner Fürstin muß ich auch in diesem Falle wieder hochdero Langmuth und Geduld bewundern. Hoheit gehen in Gnaden ganz über den eigentlichen Anlaß hinweg, dem wir diesen dreisten Streich des durch Euere Huld verwöhnten Kavaliers wohl zuschreiben dürfen. Er selber unterfängt sich doch aber, geringere Geduld zu üben, wenn eine seiner Launen einmal gekränkt wird.“

„Was meinen Sie? Von welchem Anlaß reden Sie?“ fragte die Pfalzgräfin scharf, mit nun endlich erwachendem Argwohn.

Bedächtig erwiderte hierauf Frau von Méninville: „Ich sage meiner gnädigsten Frau doch gewiß nichts Neues, wenn ich die Vermuthung ausspreche, der gerechte Verweis, den Hoheit, hierin als strenge aber wohlmeinende Mutter handelnd, dem allzu stolzen Fräulein von Leyen ertheilt haben, sei von diesem Kavalier nicht gebilligt worden. Hoheit erinnern sich, wie er dem Fräulein gleich darauf merkliche Höflichkeit erwies; er führte sie davon, nicht anders, als wollte er sie öffentlich gegen ihr widerfahrene Unbill in Schutz nehmen. Und nachher trug er eine wenig freundliche Miene zur Schau. Pfalzgräfliche Hoheit, wie es Ihrem erhabenen Stande zukommt, bemerken dergleichen nicht; dero geringe Dienerin aber pflegt, aus ergebener Liebe zu ihrer Gebieterin die Augen offen zu halten.“

Die Pfalzgräfin sprach nicht gleich; sie war vor Wuth und Schrecken jetzt wirklich blaß geworden. Kaum glaublich erschien der Méninville die Verblendung, welche die Fürstin bis jetzt den eigentlichen Grund der plötzlichen Abreise Nieverns nicht hatte erkennen lassen. Aber freilich, die Meinung, welche die kleine Dame von dem Gewichte ihres Standes und ihrer Reize zusammen hatte, konnte man sich auch gar nicht ungeheuerlich genug vorstellen.

„Er soll mir nie wieder unter die Augen kommen. Heute noch lasse ich seine Enthebung von sämtlichen Chargen, die er innehat, ausfertigen.“ Das waren die ersten Worte, die sie nach längerer Pause murmelte. Gegen ihn also wendete sich die erste Zorneshitze. Er und immer wieder er! Die Méninville merkte jetzt erst, daß eine Art Empfindung für den anziehenden Mann bei der Pfalzgräfin doch so tiefe Wurzeln geschlagen hatte, wie es in dem flachen Boden dieses Charakters überhaupt möglich war. Nun, um so besser! Da war also nicht zu fürchten, daß man den losen Vogel nicht mit der Zeit wieder hierher gewöhnen würde. Seine Abwesenheit jetzt aber kam wie gerufen; Frau von Méninville gedachte sie zu nutzen. Sie ließ die Dame ihren ganzen Zorn gegen Herrn von Nievern ausschütten und bereitete ihr mit Geschick das Vergnügen, auf diese Weise fortwährend von ihm reden zu können. Mit seiner Entlassung jedoch wurde es an jenem Tage nichts und an den folgenden war nicht mehr die Rede davon.

So verging eine ganze Reihe von Tagen. Mit jedem derselben fast wurde Frau von Méninville ihrer Gebieterin unentbehrlicher; war doch die vortreffliche Witwe die einzige, bei der die Pfalzgräfin eines hingebenden und zugleich diskreten Antheils gewiß sein konnte an demjenigen, worauf ihr verwöhnter Wille sich mit eigensinniger Heftigkeit geworfen hatte. Leicht war übrigens der Posten der Méninville nicht. Er wurde es je länger je weniger, denn täglich entbehrte man den angenehmen Gesellschafter schwerer, den man verloren hatte und auf wer weiß wie lange missen sollte. Langeweile und Verstimmung nahmen bei der kleinen Hoheit überhand. Und hatte es Frau von Méninville auch in ihrer unermüdlichen Fürsorge an einer weitern zweckmäßigen Ablenkung der bösen Launen ihrer Dame nicht fehlen lassen, indem sie ihr einen weit bessern Gegenstand als den treulosen und doch ersehnten Oberjägermeister unterschob, das Fräulein von Leyen nämlich, so begann doch auch dieser nachgerade an Ergiebigkeit einzubüßen. Alles Gehässige, was man innerhalb einer noch leidlich gemessenen Form nur irgend sagen konnte, war über Fräulein Polyxene gesagt und zur Genüge wiederholt worden. Daß sie entschieden bei der Fürstin in Ungnade sei, war jetzt am Hofe allgemein bekannt, wenn auch niemand recht wußte, weshalb.

So standen die Sachen, bis, vierzehn Tage etwa nach der Abreise des Oberjägermeisters, in der Stadt und alsbald auch am Hofe die seltsame Kunde von dem Verschwinden des jungen Ludwig von Leyen sich zu verbreiten begann. Nun gab es von neuem etwas zu reden. Die Pfalzgräfin ließ jetzt sogar nach und nach die Damen ihres Hofstaates wieder zu, welche diese vierzehn Tage her ihr Angesicht kaum gesehen hatten. Denn jetzt wußte eine jede von ihnen noch diesen oder jenen Umstand dem verwunderlichen und traurigen Ereigniß erzählend beizufügen, oder, als dann darüber auch die Zeit verging, da war es schon etwas, wenn man an jedem Tage einmal beiläufig fragen konnte: „Nun, hat man etwas über den Junker von Leyen in Erfahrung gebracht?“ und darauf, unter immer bedenklicherem Kopfschütteln der Gefragten, die Antwort erhielt: „Nichts, soviel ich weiß. Er ist und bleibt verschwunden, Hoheit.“

Wer sich an den weitläufigen Erörterungen über den seltenen Vorfall wenig oder gar nicht betheiligte, das war Frau von Méninville. Sie hörte mit der Miene gebührenden christlichen Antheils zu, nickte theilnehmend, zuckte bedauernd die Achseln, doch eine selbständige Meinung über die Sache äußerte sie nicht.

Es kam aber ein Tag, wo auch sie eine solche hören ließ. Und das war der Tag, an welchem die Obersthofmeisterin von Kallenfels, nicht ohne Wohlwollen gegen die so seltsam betroffene Familie und zugleich mit einer gewissen Genugthuung, sich des Auftrags entledigte, der ihr von dem Vormunde des Junkers Lutz an die Frau Pfalzgräfin geworden war.

(Fortsetzung folgt.)


[316]

Mein Buceros „Hermann“.

Von Paul Reichard.

Hermann war ein hochwohlgeborener Vogel. Das Licht der Welt erblickte er auf der Höhe des Tafelberges Mlumbe, 150 Kilometer westlich vom Tanganjika-See, er war also ein echter Centralafrikaner. Von seinem Geburtsorte aus hatte er weite Aussicht ins Land. Ringsum Höhenzüge, von unübersehbaren, lichten Wäldern bedeckt, aus der Ferne blitzte das breite Band des mächtigen Luapula herüber, eines der Hauptquellflüsse des Kongo.

Hermanns Eltern waren biedere Nashornvögel, der Nasutusart angehörend. Der Gewohnheit ihrer Sippe gemäß brütet das Weibchen in Klausur. Das Pärchen sucht sich mit vielem Geschick ein möglichst hochgelegenes und nur schwer bemerkbares Baumloch aus, dessen Höhle mit wenigen Grashalmen und Federn ausgepolstert wird. In dies kunstlose Nest legt das Weibchen 4 bis 5 weiße Eier, nicht ganz so groß wie Taubeneier. Hat sich dieser Akt vollzogen, so mauert das Männchen seine Gattin derart ein, daß das Nestloch bis auf eine höchstens thalergroße eirunde Oeffnung geschlossen ist, aus der das Weibchen gerade noch den Schnabel, nicht aber den Kopf herausstecken kann. Als Baumaterial verwendet das Männchen einen fetten grauen Thon, der, mit grobkörnigem Sand gemischt, durch Verarbeitung mit Speichel äußerst hart zusammenbackt. Dieses sonderbare Vorgehen des Männchens darf man aber nicht etwa für orientalische Eifersuchtsanwandlungen nehmen, es geschieht zum Schutz des brütenden Weibchens und der Nachkommenschaft.

Bei der sehr versteckten Anlage solcher Nester gelingt es nur außerordentlich selten, ihrer ansichtig zu werden. Während meines über fünfjährigen Umherstreifens in Afrika glückte es meinen Leuten nur dreimal, Bucerosnester aufzustöbern.

Dem Männchen liegt die Fütterung des Weibchens, später die der ganzen Familie, wie aus obigem hervorgeht, ganz allein ob. Wahrlich keine kleine Arbeit bei dem ungeheuern Appetit dieser Vögel! Glücklicherweise ist der Buceros ein „Omnivore“, ein „Allesfresser“, der sowohl Früchte wie Insekten nimmt, auch ebensowenig junge Vögel und Mäuse verschmäht. Am meisten liebt er Heuschrecken aller Arten, und an diesen ist in Afrika bekanntlich kein Mangel, selbst wenn die Wanderheuschrecken nicht gerathen sein sollten.

Die Bebrütung der Eier dürfte die Zeit von vier Wochen kaum überschreiten. Die Klausur verläßt die Familie aber erst, wenn alle Jungen flügge geworden sind. Das Ehepaar unterstützt sich dann beim Entfernen des festen Verschlusses, dessen Oeffnung mit Schnabelhieben so weit vergrößert wird, daß die Vögel hinausschlüpfen können. Das Weibchen benutzt seine Gefangenschaft gleichzeitig zur Mauser und erhält somit als Belohnung für seine Aufopferung ein neues Kleid. Die jungen Vögel sind bei der Enge des Nestes genöthigt, den langen Schwanz nach oben zu halten. Für die ersten Tage der Freiheit behalten sie diese Gewohnheit bei, was ihnen bei ihrer an sich schon grotesken Gestalt ein geradezu komisches Aussehen giebt.

Hermann gelangte in meinen Besitz, als wir, Dr. Böhm und ich, auf unserem Marsche nach Katanga im Kongoquellgebiet den Tanganjika überschritten und bei dem oben genannten Mlumbeberg Ende September 1883 ein Lager bezogen hatten.

In höchst trauriger Verfassung, an den Beinen festgebunden, mit herunterbaumelndem Kopf, über einen Gewehrlauf gehängt, wurde der arme Vogel mit drei Geschwistern von dem Rug-Ruga (Wanjomuesikrieger) Manamläla ins Lager geschleppt. Wenn ich der Vögel nicht zufällig ansichtig geworden wäre, so hätte man auch Hermann, ebenso wie seine Geschwister, verspeist. Daß ich gerade ihn unter vieren auswählte, hatte er dem Umstand zu verdanken, daß er der einzige war, dem der gefühllose Wilde die Beine nicht gebrochen hatte. Hermann war vom Regen durchnäßt und vor Kälte fast erstarrt. Ich trocknete ihn über einem Lagerfeuer, und nachdem ich ihm der Vorsicht halber die Schwungfedern des einen Flügels beschnitten hatte, blieb er, ruhig und behaglich dreinschauend, einige Stunden auf meinem Feldbett im Zelte, in ein Taschentuch eingewickelt, sitzen.

Hermann war von schmächtiger Gestalt wie alle seine Verwandten und trug auch das unscheinbare, graumelierte Kleid derselben. Von der Schwanz- bis zur Schnabelspitze maß er ungefähr 40 Centimeter. Hockte er irgendwo nieder, so ließ er den Schwanz senkrecht herunterhängen, zog die Flügel gleich Schultern hoch hinauf und legte den Kopf dazwischen, so daß der große Schnabel weit über die aufgeblähten Brustfedern hinausragte. Aeußerst komisch sah Hermann aber aus, wenn er schlief. Dann stießen die Flügelenden über dem tief eingezogenen Kopfe zusammen und von diesem war nichts als der hintere Theil und die Spitze des Schnabels zu sehen – eine wirklich drollige Stellung!

An Hermanns Gestalt fiel am meisten der rabenartige Schnabel auf, der trotz seiner unverhältnißmäßigen Größe federleicht war. Im Alter bildet sich noch ein Hornaufsatz auf dem oberen Grat. Wenn Hermann seinen Schnabel aufsperrte, so öffnete sich ein weiter Schlund, in dessen Hintergrund eine winzige spitze und verkümmerte Zunge lag. Dennoch zeigte Hermann seine Geschmacksempfindung, und zwar in der Spitze des Schnabels.

Das merkwürdigste an Hermann waren entschieden seine Augen, schwarz mit hellgelblicher Iris. Sie schauten klug wie die eines Menschen in die Welt, und Hermann war klug, sehr klug sogar!

Wenn er vergnügt war oder sonst Veranlassung hatte, die Umgebung auf sein Dasein aufmerksam zu machen, dann schrie er laut und vernehmlich: „Dili, dili, dili!“ Er hatte aber sonst noch eine Menge Laute zu seiner Verfügung, leises Stöhnen, Krächzen, Knurren, und da ein Mensch alle diese Töne leicht nachahmen kann, so lernten Hermann und ich uns sehr bald in der Kakähsprache verständigen. „Kakäh“ nennen die Neger den Vogel in merkwürdig falscher Auffassung seines Schreies.

Ich lernte also geradezu Hermanns Sprache und konnte ihn in seinem sonderbaren Vogelidiom rufen, locken, warnen, ihm schmeicheln oder mein Mißfallen ausdrücken, ihn zum Fressen auffordern oder ihn veranlassen, einen schon gefaßten Bissen wieder fallen zu lassen, ja ihn sogar zu hellem Kampfeszorn aufreizen.

Wie Hermann zu seinem europäischen Namen kam? – Durch einen Zufall. Dr. Böhm rief nämlich beim Anblick des Negerjungen, welcher für unsere sehr hungrigen Magen gerade das Essen auftrug, erfreut: „Bist Du es, Hermann, mein Rabe?“ In demselben Augenblick erschien unser Vogel auf der Bildfläche, und so gaben wir ihm diesen Namen. Ohne weiteres rechneten wir ihn dabei dem männlichen Geschlecht zu, obgleich man bei dieser Art von Vögeln weder dem Gefieder, noch der Schnabelbildung nach unterscheiden kann, welchem er angehört.

Hermann war schon nach kaum einstündigem Aufenthalt in der ihm doch ganz fremden Umgebung so zahm, daß er, ohne Scheu auf den dargereichten Finger hüpfend, die ihm angebotenen Heuschrecken gierig und unter lautem Geschrei zu sich nahm, eine Gewohnheit, welche er in hungrigem Zustand auch während seines ganzen leider nur sehr kurzen Lebens beibehielt.

Offen gestanden war ich anfangs über seine schnelle Anpassung etwas verstimmt und meinte, diese seiner Gemüthslosigkeit zuschreiben zu müssen. Dann aber sagte ich mir, daß Hermann gewissermaßen noch Säugling sei, und im jugendlichen Alter vergessen sogar die Menschen sehr schnell, besonders wenn sie, wie Hermann, sehr hungrig sind.

Hermann nahm fortan an allen unsere Mahlzeiten theil, während deren er, auf der Tischplatte hockend, fein säuberlich mit mir aus einem Teller speiste. Meist benahm er sich dabei anständig und erlaubte sich selten, die Speisen umherzuschleudern. Er wußte recht gut, daß dies seine sofortige Ausschließung zur Folge hatte.

Eine andere Unart aber konnte ich ihm nicht abgewöhnen. Das drastische Mittel, welches man in solchen Fällen bei jungen Hunden anzuwenden pflegt, war begreiflicherweise bei Hermann nicht zu gebrauchen, schon wegen des Mangels einer Nase.

Da wir auf steter Wanderschaft begriffen waren, so ließ ich einen leichten, bienenkorbförmigen Käfig aus Ruthen und Bast für Hermann anfertigen, in welchem er während des Marsches hockte, getragen von meinem kleinen Zeltdiener Kipanja. Hermann hatte eine entschiedene Abneigung gegen dieses Gefängniß und betrat es vor dem Abmarsch nur unter mißmuthigem Krächzen. Im Lager dagegen genoß er unumschränkte Freiheit.

So lange ich anwesend war, saß er auf der Lehne meines Stuhles oder auf meiner Schulter und unterhielt sich dann oft [317] lange mit mir in leisen, rauh und abgestoßen klingenden Lauten seines Idioms. Von Zeit zu Zeit pflegte er zutraulich seinen Kopf an meine Wange zu schmiegen oder er spielte mit meinem Bart. Dann und wann faßte er auch leise und vorsichtig mein Ohrläppchen mit seiner Schnabelspitze.

Hermann war reinlich und putzte viel und eifrig sein lockeres Gefieder. Auch liebte er es, im Sonnenbrande in glühendem Sand zu baden.

Wenn ich ihm den Finger hinhielt, so hüpfte er jedesmal darauf und sah mich dabei zutraulich mit seitwärts geneigtem Kopfe klug an. Auch ließ er sich ganz ruhig greifen.

Im Verhältniß zu seiner Größe entwickelte er einen ungeheuren Appetit. Da ihm aber unsere eigene Kost, allein verabreicht, auf die Dauer entschieden nicht zusagte, so mußte ich die Einrichtung treffen, daß zwei meiner Negerjungen sofort bei der Ankunft im Lager je zwei lange Strohhalme voll aufgespießter Heuschrecken zu liefern hatten. Die Jungen brachten dies immer in wenigen Minuten fertig, da sie die überall sehr zahlreichen Geschöpfe schnell mittels kleiner Reisigruthen einfingen.

Diese beiden Jungen galten bald in der Karawane allgemein und allen Ernstes als die „Sklaven“ Hermanns. Sie rangierten mit der Zeit sogar beim Appell officiell als solche. Ich ließ den Scherz schließlich als Ernst gelten, nachdem ich bemerkt hatte, wie dies allen Negern außerordentlich imponierte.

Hermann schläft.

Manchmal kam mir Hermann recht chinesisch vor, wenn er z. B. junge, noch blinde Ratten verschlang, für die er eine ganz besondere Vorliebe hatte, Ebenso für ganz junge, noch nackte Vögel. Gewandt fing er die ihm zugeworfene Nahrung auf und verstand es bei Heuschrecken, sehr geschickt, allein den Schnabel gebrauchend, deren Beine zu entfernen, ehe er den Bissen in die Luft warf und mit dem Schnabel auffing. Wasser hat Hermann übrigens, wie alle diese Vögel, sein ganzes Leben hindurch nie getrunken. Die in der Nahrung enthaltene Feuchtigkeit genügte ihm vollständig.

Der Vogel galt bald im Lager allgemein als Respektsperson. Allmählich wurde er sogar von einem Sagenkreis umwoben, und auf Tagereisen voraus erzählten sich Eingeborene die unglaublichsten Märchen von ihm. Er sollte deutsch sprechen können, der Karawane als Spion vorausfliegen und sogar die Zukunft prophezeien!

Sobald ich mich anschickte, das Lager zu verlassen begab sich der Vogel sofort zu dem Zelte der Karawanenhauptleute, da er das Alleinsein nicht liebte, um mich dann bei meiner Rückkehr mit lautem Freudengeschrei zu begrüßen.

Bei aller Liebenswürdigkeit bildete sich Hermann im Gefühl seiner Wichtigkeit nach und nach doch zu einem kleinen Tyrannen aus und machte dies besonders geltend, wenn man ihn beim Spielen mit Baumwollstoffen störte, wofür er eine merkwürdige Leidenschaft hatte. Wenn derartige Stoffe, welche bekanntlich in Afrika als Tauschwaren gelten, zu irgend einem Zweck in Stücke zertheilt, auf einem Haufen in unregelmäßigen Falten am Boden lagen, so hüpfte er sofort hinzu, um Besitz davon zu ergreifen, damit zu spielen und darin zu baden. Wehe demjenigen, außer mir, der es wagte, ihn dabei zu stören! Hermann gerieth dann in helle Wuth. In seinen Zornesausbrüchen war er sehr komisch, besonders Frauen und Kindern gegenüber. Er schien dieselben überhaupt höchst widerwärtig zu finden. Sobald er deren ansichtig wurde, stürzte er sich ihnen mit unbeschreiblicher Wuth entgegen und gab seiner Feindseligkeit den lebhaftesten Ausdruck durch Sträuben der Federn, Flügelklatschen und Schnabelhiebe, so daß er die unschuldigen Geschöpfe jedesmal in die Flucht trieb, da man nicht wagte, sich seiner zu erwehren. Die kleinen Kinder der Karawane hatten denn auch vor dem winzigen Knirps eine heillose Angst. Sogar Dr. Böhm mußte ihm einmal das Feld räumen, als er seinen Zorn dadurch gereizt hatte, daß er ihn durch eine zufällige Handbewegung vom Stuhl herunterstieß. Die bis dahin ungetrübte Freundschaft zwischen beiden hatte fortan einen nicht wieder gut zu machenden Riß.

Hermann in Wuth.

Hermann überstand ganz gut alle Fährnisse der Reise, und deren waren sehr zahlreiche. Nach meines armen Freundes Böhm Tod war er mein einziger Zeltgenosse und vergalt meine Zuneigung reichlich durch sein liebenswürdiges, drolliges und anhängliches Wesen. Ungefähr zwei Jahre mochte er so mit mir Freud’ und Leid getheilt haben, als sich der unerbittliche Tod auch diese kleine Beute holte. Aus Katanga über den Tanganjika allein zurückkehrend, hielt ich mich auf der Rückreise einige Wochen in der damals noch belgischen Station Karema auf. Eines Tages bemerkte ich, wie Hermann, der wie viele Vögel gerne mit glänzenden Gegenständen spielte, eine Aquarellfarbentube im Schnabel hielt. Ein Schnabelhieb mochte dabei die dünne Zinnfolie durchbohrt haben, und nun drang die giftig grüne Farbe, welche den Inhalt ausmachte, wurmartig aus der Oeffnung. Der Vogel hielt dies wohl für ein Insekt, und im Nu war die Farbe verschlungen, ehe ich es hindern konnte. Alle Versuche, den Vogel zum Brechen zu bringen, waren erfolglos. Bald ließ das arme Thier die Flügel hängen, nahm keine Nahrung mehr zu sich, saß traurig auf meiner Schulter und schmiegte sich wie Hilfe suchend ängstlich an mein Gesicht.

In der Nacht des folgenden Tages ging’s zu Ende mit Hermann. Todesmatt hüpfte er zum letzten Mal auf meinen Finger, mich unendlich traurig anblickend faßte er nochmals wie zum Abschied mein Ohrläppchen und starb.

Ich konnte eine Thräne nicht unterdrücken, die über die wettergebräunten Wangen in meinen Bart niederrann.




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Drei klassische deutsche Bildungsstätten.

Von Emil Wörner.
(Mit Bild S. 309.)

In einer Zeit, da in dem deutschen Gymnasium eine wesentliche Wandlung sich vollzieht, da es mit den Stürmern und Drängern einer neuen, realistischen Bildung auf dem Wege des Kompromisses seinen Frieden zu machen beginnt, feiern zwei alte berühmte Gelehrtenschulen, die Fürsten- oder Landesschulen zu Meißen und Pforta[1], das Fest ihres dreihundertfünfzigjährigen Bestehens, und die dritte, die zu Grimma, wird ihnen binnen wenigen Jahren folgen. Dreieinhalb Jahrhunderte sind über sie hingegangen und haben viel Freude, oft auch Noth und Drangsal, jedenfalls aber gar manchen Wechsel in Anschauung und Sitte in die alten Mauern getragen – und doch stehen diese Schulen heute noch fest und aufrecht als diejenigen, welche die alte Form des Gymnasiums vielleicht am reinsten erhalten haben.

Ein werthvolles Stück deutscher Schul- und Kulturgeschichte verkörpert sich in diesen ehrwürdigen Anstalten. Wie sie Schöpfungen der Reformation sind, so haben sie bis auf den heutigen Tag das Gepräge ihres Ursprungs treu bewahrt. Die sächsischen Lande, inmitten des Reichs gelegen, waren zur Zeit der Reformation auch der geistige Mittelpunkt Deutschlands; die kursächsische Universität Wittenberg bildete den Ausgangspunkt jener großartigen Geistesbewegung, die das deutsche Volk um den Beginn des sechzehnten Jahrhunderts in neue Bahnen gelenkt hat. Was die Volksschule der Reformation zu verdanken hat, ist allgemein bekannt, sie lag Luther persönlich vor allem am Herzen; um die Verbesserung des gelehrten Unterrichts erwarb sich Melanchthon unvergängliche Verdienste. Er schuf eine feste Grundlage für die Gelehrtenschulen durch seine kursächsische Schulordnung von 1528, die man aus diesem Grunde nicht mit Unrecht den „Stiftungsbrief des deutschen Gymnasiums“ genannt hat.

Als nach dem Tode Georgs des Bärtigen die Reformation auch in dem albertinischen Sachsen die Oberhand gewonnen hatte, da war es der junge thatkräftige Herzog Moritz, der, um der einreißenden Verschleuderung der eingezogenen geistlichen Güter zu steuern, nach längeren Verhandlungen mit seinen Landständen in der am 21. Mai 1543 erlassenen „Neuen Landesordnung“ die grundlegenden Bestimmungen für drei neu zu errichtende Schulen gab. Der betreffende Abschnitt dieses denkwürdigen Erlasses beginnt folgendermaßen:

„Nachdeme zu Christlicher Lehre und Wandel, auch zu allen guten Ordnungen und Policey vonnöthen, daß die Jugend zu Gottes Lobe und im Gehorsam erzogen, in denen Sprachen und Künsten und dann vornehmlich in der heiligen Schrift gelehret und unterweiset werde, damit es mit der Zeit an Kirchendienern und anderen gelahrten Leuten in unsern Landen nicht Mangel gewinne, sind wir bedacht, von den verledigten Kloster- und Stifft-Gütern drey Schulen aufzurichten, nemlich eine zu Meißen, darinnen ein Magister, zween Baccalaureen, ein Cantor, und sechzig Knaben; die andere zu Märßburg, darinnen ein Magister, zween Baccalaureen, ein Cantor, siebenzig Knaben; die dritte zu der Pforten, darinnen ein Magister, drey Baccalaureen, ein Cantor und einhundert Knaben seyn und an allen Orten mit Vorstehern und Dienern, Lehre und Kosten und anderer Nothdurfft, wie folget, umsonst versehen und unterhalten werden, und sollen die Knaben alle unsre Untcrthanen und keine Auslendische seyn.“

Dies ist der eigentliche Stiftungsbrief der drei sächsischen Landesschulen, der 21. Mai 1543 demnach ihr eigentlicher Stiftungstag. Aus den Worten der Urkunde geht deutlich hervor, daß diese Schulen von Anfang an nicht ausschließlich bestimmt waren, künftige Diener der evangelischen Kirche, sondern auch andere gelehrte Leute, d. h. künftige Staatsdiener, Beamte, Aerzte, zu bilden. Selbstverständlich trug der gesamte Unterricht das Gepräge der damaligen Zeit; denn nicht nur die künftigen Geistlichen, sondern alle Schüler sollten zu treuen Gliedern der evangelischen Kirche erzogen werden. Und dieser kirchliche Zug hat sich, wenn auch in gemilderter Form, bis zur Stunde erhalten; gemeinsame Morgen- und Abendandachten vereinigen tagtäglich alle Schüler, noch jetzt wird in allen drei Schulen bei der Abendandacht ein Abschnitt der Bibel verlesen, jeden Sonntag besucht die gesamte Schülerschaft den Frühgottesdienst.

Durch Einschränkungen in Betreff der Aufnahmefähigkeit, durch die ausdrückliche Bestimmung, daß zum Studieren unfähige Knaben von den Schulen fern gehalten werden sollten, ward diesen Anstalten von vornherein eine gewisse Auslese durchschnittlich gut beanlagter Schüler und schon dadurch ein Vorzug vor den städtischen Lateinschulen gesichert; denn „Landschulen“ oder „Landesschulen“ hießen sie aus dem Grunde, weil sich ihre Schülerschaft aus dem ganzen Lande ergänzte, nicht wie in den Stadtschulen aus einer Stadt und deren nächster Umgebung. Damit aber die Schule allen Ständen offen stehe, bestimmte Herzog Moritz in der „Neuen Landesordnung“, daß die Städte seiner beiden Länder (Thüringens und Meißens) einhundert Knaben zur Aufnahme in die Schulen zu benennen hätten, und stiftete 30 städtische Freistellen für Meißen, 36 für Merseburg, 34 für Pforta. Ferner sollte der dritte Theil aller Knaben aus dem Adel sein, nämlich 76; die Besetzung der übrigen 54 Freistellen behielt der Fürst sich, seinen Erben und Nachkommen vor. Alle diese Anordnungen haben sich in ihren Grundzügen, natürlich nach den Bedürfnissen der veränderten Zeiten umgestaltet oder erweitert, bis heutigen Tages erhalten.

Die Schulen in Meißen und Pforta wurden noch im Jahre 1543 eröffnet, und zwar die zu Meißen am 3. Juli; so giebt ausdrücklich der berühmte Georg Fabricius an, der schon seit 1546 Rektor von St. Afra war; und wenn dieser Tag auch nicht urkundlich beglaubigt ist, so ist es doch wahrscheinlich, daß ein Mann, der nur drei Jahre nach der Eröffnung das Rektorat übernahm, den Tag der Einweihung gekannt und richtig angegeben hat. In Pforta wurde seit 1624 der 1. November als der Tag der Schuleröffnung festlich begangen, weil angeblich an diesem Tage der erste Alumnus, Nicolas Lutze aus Kindelbrück, in die Schule aufgenommen worden war. Nachweisen läßt sich nur, daß vom November 1543 bis gegen Ende Januar 1544 die ersten Lehrer und einige fünfzig Schüler nach Pforta gekommen sind; ja der erste Rektor Pfortas, Johann Gigas (eigentlich hieß er „Hüne“) aus Nordhausen, ist vermuthlich erst Ostern 1544 dort angetreten. Daher griff man in Schulpforta auf Anregung des Rektors Kirchner in dem Jahr der dreihundertjährigen Jubelfeier auf den 21. Mai als den Tag der Ausstellung der „Neuen Landesordnung“ zurück – sehr verständig, denn im wunderschönen Monat Mai feiert sich im lieblichen Saalthal ein Schulfest besser als im rauhen November. Damit hängt es auch zusammen, daß Schulpforta den Festreigen eröffnen wird und der älteren Schwester zuvorkommt.

Es traten also dank der Thatkraft des fürstlichen Stifters noch im Jahre 1543 die Schulen zu Meißen und Pforta ins Leben. Dagegen wußte der Bischof von Merseburg, Sigismund von Lindenau, unterstützt von seinem Domkapitel, die Gründung einer Schule in Merseburg zu hintertreiben. Aber Moritz löste das Versprechen, das er als Herzog gegeben, als Kurfürst ein. Sollte die dritte der verheißenen Schulen nicht in Merseburg erstehen, so brauchte man ja nur eine andere Stätte für sie auszusuchen. Und so nahm er das Anerbieten des Rathes von Grimma an, der durch seinen Bürgermeister Sebaldus Müller dem Kurfürsten im Jahre 1549 das leerstehende Augustinerkloster daselbst zur Verfügung stellte. Am 14. September 1550, einem Sonntag, wurde die Schule eingeweiht, so daß Grimma im Jahre 1900 sein dreihundertfünfzigjähriges Jubiläum feiern wird.

Auf die Stiftung Grimmas hat Kurfürst Moritz offenbar aus dem Grunde besonderen Werth gelegt, weil er durch seine Parteinahme für Kaiser Karl V. zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges (1546 bis 1547) und später durch das Leipziger Interim die öffentliche Meinung, auch damals schon eine gewaltige Macht, in seinen eigenen Landen gegen sich aufgeregt hatte; es war ihm darum zu thun, durch einen öffentlichen Akt zu bekunden, daß er noch immer gut evangelisch gesinnt sei.

Eine günstige Fügnng stellte ihm bei der Gründung seiner Schulen tüchtige Berather zur Seite. Der erste war Ernst von Miltitz, Oberhauptmann des Meißnischen Kreises, der zweite Dr. Georg von Komerstadt, berühmt als Rechtsgelehrter und bewährt in mannigfaltigen Staatsgeschäften, der dritte Johann Rivius, ein bedeutender Humanist und Schulmann, der sich damals bereits um die gelehrten Schulen des sächsischen Erzgebirges große Verdienste erworben hatte.

Dieser Mann, der später auch Beisitzer des zu Meißen errichteten Konsistoriums war, gab in den eigentlichen Schulfragen seinen sachverständigen Rath; er entwarf für die neuen Anstalten die Schulordnung, er machte die Vorschläge für die Wahl der Lehrer und der Lehrbücher, von ihm rühren wahrscheinlich auch die ältesten Schulgesetze der Meißner Schule her. Der erste Rektor von St. Afra, Hermann Vulpius, waltete seines Amtes nur drei Jahre; dann aber erhielt die Schule in Georg Fabricius aus Chemnitz, einem Schüler von Rivius, einen ausgezeichneten Leiter. Daß dieser bedeutende Schulmann und Gelehrte von 1546 bis zu seinem Tode 1571, etwas über fünfundzwanzig Jahre, der Anstalt vorstand, darf als ein besonderes Glück für Meißen betrachtet werden. Noch länger erfreute sich Grimma (von 1550 bis 1584) der Leitung eines tüchtigen Rektors, Adam Sibers, nur daß mit der Zeit Sibers Regiment für die damalige Jugend wohl zu mild wurde. Anders war dies in Schulpforta. Dort folgten einander während der ersten elf Jahre nicht weniger als sechs Rektoren und acht Konrektoren. Dieser schnelle Wechsel der Lehrer, der für die Schule nur nachtheilig sein konnte, erklärt sich aus der Bestimmung des Stiftungsbriefes, daß Rektor und Lehrer unverheirathet sein mußten. Wer mochte sich in der Zeit, in der die Klöster aufgehoben wurden, lange ein solches erzwungenes Cölibat gefallen lassen? So wurde denn später das Gebot der Ehelosigkeit zuerst für den Rektor, bald auch für die übrigen Lehrer aufgehoben.

Ein köstlicher Vorzug ist allen drei Schulen gemeinsam: sie liegen sämtlich in lieblichster Gegend. Das Kloster der Augustiner Chorherren zu St. Afra in Meißen, auf dem Afrahügel oberhalb der Stadt frei und luftig gelegen, bot gewiß schon in der alten Zeit entzückende Ausblicke auf die alterthümliche Stadt, auf die bewaldeten Abhänge des Triebischthales, auf den Elbstrom und das Spaargebirge mit seinen Weinbergen; und auch jetzt noch ist das Landschaftsbild, das sich von den nach Osten und Süden zu gelegenen Zimmern des neuen, von 1877 bis 1879 erbauten Schulgebäudes vor den Augen des Beschauers ausbreitet, ein ungemein anmuthiges. Grimma an der Mulde ist noch heute für die Leipziger wegen seiner Naturschönheiten ein beliebter Ausflugsort. Das neue, prachtvolle Anstaltsgebäude, das am 24. September 1891 feierlich eingeweiht wurde, ist auf der Stelle der alten Schule und des alten Augustinerklosters erbaut; dicht an der schnellfließenden Mulde gelegen, richtet es die eine Front nach dem schön bewaldeten steilen Abhang des jenseitigen Ufers. [319] Auch hier athmen Fluß und Wald beständig eine reine, stärkende Luft aus. Mit Recht viel gepriesen ist die liebliche und gesunde Lage Schulpfortas zwischen Naumburg und Kösen in friedlicher Stille abseits von dem Lärm und der Unruhe der Städte. Das Grundstück der Anstalt, durchflossen von einem Nebenarm der Saale, lehnt sich an den südlichen Waldhang des Thales, an den sogenannten Knabenberg. Gewiß darf man die stille Einwirkung, die eine anmuthige Gegend auf das empfängliche Gemüth des Knaben und des heranwachsenden Jünglings gerade in diesen wichtigen Jahren geistiger und körperlicher Entwicklung ausübt, nicht unterschätzen. In Pforta kommen zu den Naturschönheiten der Gegend noch ehrwürdige Kunstdenkmale, vor allem der herrliche Kreuzgang und die Kirche, deren Grundbau aus dem 12. Jahrhundert stammt, die aber seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in gothischem Stil neugebaut worden ist. Zu Anfang der fünfziger Jahre wurde dieses ehrwürdige Bauwerk auf Anordnung König Friedrich Wilhelms I. von allen störenden Einbauten befreit und in seinem alten Stil wiederhergestellt. Auch sonst bewegen sich noch heutigestags die Pförtner zum Theil in denselben Räumen, in denen einst die Cisterciensermönche gehaust haben; so sagt Corssen, der zuverlässige Führer durch die Alterthümer und die Geschichte dieser Schule: „Seit über 700 Jahren hat das Cenakel (der Speisesaal) zur Pforte seine Bestimmung und seinen Namen unwandelbar gewahrt, und bis auf den heutigen Tag erschallt dort vor dem Beginn der Mahlzeiten in althergebrachter Weise der lateinische Kirchengesang ‚Gloria tibi Trinitas!‘“ Das Schulhaus, früheres Klosterhaus, das die Schülerwohnungen und die Unterrichtsräume umfaßt, hat seit 1880 bis zum Beginn dieses Jahrzehntes größere Um- und Neubauten erfahren; vorher schon war durch Umbau im Schulgarten eine geräumige Turnhalle hergestellt und das nach Westen zu gelegene stattliche Thorgebäude in gothischem Stil erneuert worden; zu gleicher Zeit erhielt Pforta ein neues Geschäftshaus, in dem die gesamte Verwaltung und das Rentamt untergebracht sind.

Innerhalb der alten Schulbezirke hat sich also das Aeußere der drei Anstalten mit der Zeit wesentlich erneuert, nach einheitlichem und umfassendem Plane in Meißen und Grimma, in engerem Anschluß an das Bestehende in Pforta. Unser Bild auf S. 309 soll die ältern Baulichkeiten für die Erinnerung festhalten. In den neuerbauten Räumen aber lebt heute noch eine frische und lernfreudige Jugend nach den alten Einrichtungen, die diesen Anstalten bei ihrer Gründung gegeben worden sind.


Freie Bahn!

Roman von E. Werner.

 (18. Fortsetzung.)

Das Herrenstübchen im „Goldenen Lamm“ war fast ganz leer, wie gewöhnlich in den frühen Nachmittagsstunden. Die Besucher pflegten sich erst gegen Abend einzustellen. Augenblicklich befand sich nur ein einziger Gast dort, Landsfeld, der gekommen war, um wegen einer zweiten größeren Versammlung, die in den nächsten Tagen stattfinden sollte, mit dem Wirthe Rücksprache zu nehmen. Dieser war augenblicklich nicht zu Haus, und Landsfeld, der die Sache abzumachen wünschte, hatte ohne weiteres von dem Herrenstübchen Besitz ergriffen, wo er schon seit einer Viertelstunde wartete. Er ahnte nicht, daß Herr Willmann bereits nach Hause gekommen war, auch von seinem Hiersein erfahren hatte, es aber vorzog, erst den Odensberger Herrschaften eine unterthänige Verbeugung zu machen, ehe er ebenso unterthänig den Führer der Sozialisten begrüßte. Landsfeld begann schon ungeduldig zu werden, als endlich die Thür sich öffnete. Aber statt des Erwarteten trat Egbert Runeck ein.

Der junge Abgeordnete, der unmittelbar nach seiner Wahl auf einige Tage nach Berlin gegangen war, um mit den Parteihäuptern Rücksprache zu nehmen, grüßte auffallend kurz und kalt den Genossen, der auch seinerseits nur mit einem flüchtigen Kopfnicken antwortete.

„Schon zurück von Berlin?“ fragte Landsfeld.

„Ich bin vor einer Stunde angekommen,“ versetzte Runeck. „Ich war in Deiner Wohnung und hörte dort, daß ich Dich voraussichtlich im ‚Goldenen Lamm‘ finden werde.“

„In meiner Wohnung? Das ist ja eine seltene Ehre! Ich will uns hier den Saal für übermorgen sichern, da sich die Nothwendigkeit herausgestellt hat, eine zweite Versammlung einzuberufen. Uebrigens erwarteten wir Dich noch gar nicht zurück. Seid Ihr schon fertig?“

„Für den Augenblick ja, es handelte sich nur um Vorbesprechungen. Erst in vier Wochen, wenn die Sitzungen des Reichstages beginnen, ist meine dauernde Anwesenheit in Berlin erforderlich, und wie mir scheint bin ich jetzt hier nothwendiger als dort.“

„Da bist Du im Irrthum,“ erklärte Landsfeld. „Wir brauchen Dich hier nicht mehr, seit Deine Wahl durchgesetzt ist. Aber ich dachte mir, daß Du schleunigst zurückkehren würdest, sobald Du hörtest, es gehe in Deinem geliebten Odensberg drunter und drüber. Ja, dem Alten haben wir den Unfehlbarkeitsdünkel gründlich ausgetrieben. Er stand bisher so unnahbar da, als könne sich nichts an ihn wagen, jetzt muß er sich wie alle seine Kollegen mit uns herumschlagen – es mag ihn sauer genug ankommen.“

„Ich meine, Ihr hättet keine Ursache, zu triumphieren“ sagte Egbert finster. „Dernburg hat auf Eure Herausforderung mit einer Massenentlassung geantwortet.“

„Natürlich! Das war von dem alten Starrkopf zu erwarten und darauf waren wir auch vollkommen gefaßt.“

„Oder vielmehr, Ihr habt es darauf angelegt! Und was nun?“

„Nun heißt es biegen oder brechen. Entweder der Alte nimmt die Entlassungen zurück oder die Arbeit wird auf allen seinen Werken niedergelegt.“

„Dernburg beugt sich nicht, das wißt Ihr alle, und ihn zu brechen habt Ihr nicht die Macht. Aber er hat sie, Euch zu brechen und er wird sie schonungslos brauchen, nun er einmal so weit getrieben worden ist. Er kann es aushalten, wenn seine Werke wochen- und monatelang feiern – Ihr nicht. Der Ausstand ist völlig aussichtslos und die Führer unserer Partei wollen ihn nicht, haben ihn überhaupt nie gewollt. Jetzt ist der Beschluß endgültig dagegen gefaßt worden.“

„So, so? Da wirst Du wohl Dein Möglichstes gethan haben, diesen Beschluß durchzusetzen?“ fragte Landsfeld mit einem stechenden Blick. „Bist ja jetzt auch einer von den Führern! Der jüngste von allen und der herrischste von allen. Du scheinst die anderen schon recht hübsch in der Hand zu haben.“

Runeck machte eine Bewegung gereizter Ungeduld. „Hast Du nur persönliche Ausfälle gegen mich, wo es sich um eine Entscheidung der Partei handelt? Ich bringe Dir die bestimmte Weisung, es nicht zum äußersten kommen zu lassen – richte Dich danach!“

„Thut mir leid, dazu ist es zu spät, die Weisung hätte früher kommen müssen,“ versetzte Landsfeld kalt. „Die Forderung ist gestellt und im Falle der Nichtannahme der Ausstand angekündigt. Die Leute können nicht mehr zurück – das wird man auch in Berlin einsehen.“

„Oho, zeigst Du Dein wahres Gesicht?“ rief Egbert erbittert „Du, der Du immer die Disciplin im Munde führst, hast also ganz auf eigene Faust gehandelt?“

„Auf eigene Verantwortung, ja! Diese beschränkten Feiglinge, die Odensberger, mußten endlich einmal aufgerüttelt werden aus ihrem Vertrauensdusel. Was haben wir für Mühe gehabt, Deine Wahl bei ihnen durchzusetzen, mit welchem Hochdruck haben wir arbeiten müssen, und bis zur letzten Stunde stand alles auf dem Spiele! Jetzt ist die träge Masse endlich in Bewegung gerathen, jetzt gilt es, sie vorwärts zu treiben!“

„Und wohin? Zur gewissen Niederlage! Zur Wahlurne sind sie Euch gefolgt, und auch jetzt noch gehen sie blindlings mit Euch – der Siegesrausch ist ihnen zu Kopf gestiegen. Ihr habt ihnen nicht umsonst eingeredet, daß sie allmächtig seien. Aber der Rausch wird verfliegen. Laß die Leute nur erst zur Besinnung kommen und einsehen, was sie verlieren, wenn sie Odensberg den Rücken kehren müssen, was ihre Weiber und Kinder dabei dransetzen – ich sage Dir, Du hältst sie nicht acht Tage mehr beisammen, sie laufen in hellen Haufen zu Dernburg zurück. Aber er wird ein anderer sein als früher, er wird und kann die Beleidigung nicht verzeihen, die man ihm angethan hat.“

Der junge Ingenieur hatte längst seine anfängliche kalte Ruhe verloren und sich in immer größere Erregung hineingesprochen. Landsfeld blieb ruhig sitzen und sah ihn unverwandt an; ein böses Lächeln spielte um seine Lippen, als er entgegnete: „Du scheinst eine solche Rache des Alten ganz in Ordnung zu finden. Auf welcher Seite stehst Du denn eigentlich, wenn man fragen darf?“

„Auf der Seite der Vernunft und des Rechtes!“ brauste Runeck leidenschaftlich auf. „Daß die Odensberger mich wählten, [320] gegen Dernburg, das war ihr Recht und das wird auch er ihnen nicht bestreiten, so tief es ihn kränken mag. Daß sie aber meinen Sieg auf seinen eigenen Werken feierten, daß sie Umzüge hielten und vor seinen Augen, fast unter seinen Fenstern, seine Niederlage bejubelten, das ist eine freche Herausforderung, und er hat ihnen nur die verdiente Antwort darauf gegeben!“

„So? Die verdiente?“ wiederholte Landsfeld in einem Tone, der seinen jungen Genossen hätte warnen sollen; aber dieser achtete nicht darauf und fuhr mit steigender Heftigkeit fort: „Du hast durch Fallner die Leute hetzen lassen, ich weiß es; Du hast sie zu der unsinnigen Forderung getrieben, die auf eine unglaubliche Demüthigung ihres Chefs hinausläuft. Kennt Ihr den Mann wirklich so schlecht oder wollt Ihr nur den Krieg bis aufs Messer? Nun, Ihr werdet ihn haben! Dernburg hat seinen Arbeitern lange genug den Beschützer gezeigt, jetzt wird er ihnen den Herrn zeigen, und er thut recht daran – ich handelte nicht anders an seiner Stelle!“

Ein lautes bitteres Auflachen Landsfelds unterbrach Egbert, der die letzten Worte in unbedachter Empörung herausgeschleudert hatte. „Bravo! O, das ist ein unbezahlbares Geständniß! Also endlich zeigst Du Dein wahres Gesicht! Das war der Alte von Odensberg, wie er leibt und lebt – er hat sich an Dir einen würdigen Schüler erzogen. Was meinst Du, wenn ich das, was Du mir eben anzuhören gabst, nach Berlin berichtete?“

Runeck mochte wohl selbst fühlen, daß er sich zu weit hatte fortreißen lassen, aber er richtete sich nur trotziger auf. „Meinetwegen! Denkst Du, ich ließe mich so knechten, daß ich es nicht einmal wagte, meine Meinung frei herauszusagen wenn wir unter uns sind?“

„Unter uns! Erweisest Du uns wirklich noch die Ehre, Dich zu uns zu rechnen? Freilich, Du bist ja unser Abgeordneter! Ich habe genug gewarnt und abgerathen, denn ich wußte längst, wohin wir schließlich mit Dir kommen würden – man wollte nicht auf mich hören, wollte sich die ‚geniale Kraft‘ für die Partei sichern, und deshalb mußte die Wahl durchgesetzt werden, mit allen Mitteln, die zu Gebote standen. Es war das Schwerste, was im ganzen Wahlfeldzuge zu leisten war – und für wen! Darüber werden wohl auch den anderen die Augen bald aufgehen.“

„Willst Du ihnen dabei helfen, so thue es!“ sagte Egbert herb und stolz. Jetzt aber sprang Landsfeld auf und trat dicht vor ihn hin. „Damit wärst Du vielleicht ganz einverstanden, Du legst es ja förmlich darauf an, einen Bruch herbeizuführen. Gieb Dir keine Mühe, mein Junge, den Gefallen thun wir Dir nicht, wir geben Dich nicht frei! Wenn Du zum Verräther, zum Ueberläufer werden willst, so soll die ganze Schande davon auch auf Dich fallen.“

Ein bitterer Ausdruck zuckte bei diesen höhnischen Worten um Runecks Lippen. „Verräther? Das also hat es mir eingetragen, daß ich mich Euch mit Leib und Seele ergab, daß ich Euch das Opfer einer Zukunft brachte, so groß und glänzend, wie sie nicht leicht einem anderen geboten wird!“

„Und das bereust Du jetzt natürlich?“ warf Landsfeld lauernd ein.

„Das Opfer nein! Aber die Genossenschaft mit Euch – ja, die habe ich längst bereut.“

„Du bist wenigstens aufrichtig,“ spottete Landsfeld, „und zeigst uns rückhaltlos, welche Ruthe wir uns mit Deiner Wahl aufgebunden haben. Doch das ist nicht mehr zu ändern, und vorläufig wirst Du wohl Deine Pflicht im Reichstage thun müssen. Zum Glück sind Deine früheren Reden noch in aller Munde – Du würdest Dir selbst ins Gesicht schlagen, wolltest Du jetzt auf einmal eine andere Melodie anstimmen. Und noch eins, mein Junge“ – er ließ plötzlich den höhnischen Ton fallen und seine Stimme wurde drohend – „versuche nicht etwa, Dich in die Odensberger Verhältnisse einzumischen, die habe ich jetzt in die Hand genommen. Ich werde das vor der Partei zu verantworten wissen – sieh nur zu, wie Du mit Deiner Verantwortung fertig wirst. Erspart bleibt sie Dir nicht, darauf verlaß Dich!“ Damit kehrte er dem Genossen ohne Gruß den Rücken und verließ das Zimmer.

Egbert blieb allein; stumm und finster brütete er vor sich hin. Er konnte es nicht hindern, daß ihm immer und immer wieder die Worte in den Ohren klangen, mit denen ihn Dernburg damals entlassen hatte: „Du hättest Herr sein können in Odensberg. Sieh’ zu, ob Deine Genossen es Dir danken, das ungeheure Opfer, das Du ihnen gebracht hast!“ Er hatte ihn soeben empfangen, diesen Dank!

Da wurde leise die Thür geöffnet, nur zur Hälfte, und ein lieblicher Mädchenkopf blickte, schüchtern und neugierig zugleich, durch die Spalte. Es war Maja, die auf ihrer Entdeckungsreise im „Goldenen Lamm“ schließlich bis zu dem Herrenstübchen gelangt war. Sie hatte aber kaum einen Blick hineingeworfen, als sich ein Ausruf freudiger Ueberraschung ihren Lippen entrang.

„Egbert!“

Er fuhr empor aus seinem Brüten, sah sie einen Augenblick mit starrer Verwunderung an und sprang dann auf. „Maja – Du hier?“

Maja schlüpfte rasch ins Zimmer und zog die Thür hinter sich zu. Fräulein Friedberg und Doktor Hagenbach durften von diesem Zusammentreffen nichts wissen, sonst erlaubte man ihr gar nicht, mit Egbert zu reden – er war ja verfehmt in Odensberg!

Auch Runeck schien sich dessen plötzlich zu erinnern, er ließ die zur Begrüßung ausgestreckte Hand langsam wieder sinken und trat einen Schritt zurück. „Darf ich Dich denn noch bewillkommnen wie einst?“ fragte er leise.

Ueber Majas eben noch so strahlendes Gesicht legte sich ein Schatten, aber sie trat ohne Zögern näher und bot dem Jugendgespielen die Hand. „Ach, Egbert, daß es so weit kommen mußte! Wenn Du wüßtest, wie es jetzt bei uns aussieht!“

„Ich weiß es,“ war die kurze düstere Alltwort.

„Unser Odensberg ist gar nicht mehr wiederzuerkennen,“ klagte das junge Mädchen. „Sonst, wenn wir durch die Werke gingen oder mit den Arbeitern verkehrten – wie freudig wurden wir da von allen begrüßt, und wenn vollends der Papa sich zeigte, dann hingen aller Augen an ihm und jeder war stolz darauf von ihm angeredet zu werden. Jetzt“ – es klang ein unterdrücktes Schluchzen in ihrer Stimme – „jetzt hat Papa Cäcilie und mir verboten, den Umkreis des Parkes zu verlassen, da wir draußen vor Beleidigungen nicht sicher seien. Er selbst geht freilich täglich nach den Werken, aber ich sehe es an den Gesichtern unserer Beamten, daß sie das für ein Wagniß halten, daß sie fürchten, er sei unter seinen eigenen Arbeitern in Gefahr. Und was vollends am Wahltag vorgefallen ist, das frißt ihm am Herzen – das hat er doch nicht um sie verdient!“

Sie ahnte nicht, was sie mit diesen Worten dem Manne anthat, der halb abgewendet vor ihr stand. Es kam kein Laut über seine Lippen, aber in seinem Gesicht zuckte eine mühsam verhaltene Qual; Maja sah es und legte mit der alten Zutraulichkeit die Hand auf seinen Arm. „Du hast das nicht gewollt, ich weiß es,“ sagte sie tröstend. „Aber ich bin auch die einzige, die in Odensberg noch zu Dir hält, und darf kaum wagen, das zu zeigen. Papa ist furchtbar gereizt und erbittert gegen Dich, und Oskar – ich meine Herr von Wildenrod – bestärkt ihn noch darin. Da hilft auch mein Bitten nichts, und nun vollends Cäcilie –“

„Auch sie?“ unterbrach sie Runeck, sich jäh umwendend. „Auch sie verdammt mich?“

„Ich bin nicht sicher,“ sagte Maja, erschreckt durch den seltsamen Blick, den Egbert ihr zuwarf. „Allein Cäcilie will nie hören, wenn ich von Dir spreche, und ergreift förmlich die Flucht davor. Ach, Egbert, wenn es nur ein anderer wäre, der meinem Vater gegenüberstände – ich glaube, er würde es leichter tragen. Daß Du es bist, das verwindet er nicht!“

„Ich auch nicht!“ erwiderte Egbert dumpf. „Sage das Deinem Vater, Maja, wenn Du willst.“

Das junge Mädchen schüttelte traurig den Kopf. „Das kann ich nicht, Dein Name darf nicht mehr vor ihm genannt werden. Er geräth in heftigen Zorn, wenn es dennoch geschieht. Und er hat Dich doch so lieb gehabt. Mein Gott, warum muß man sich denn auf Tod und Leben hassen, wenn man zwei verschiedenen politischen Parteien angehört!“

Die süße Kinderstimme Majas klang so weich und bittend und doch bohrte sich jedes ihrer Worte wie ein brennender Vorwurf in Egberts Seele. Er hielt es nicht länger aus. „Laß das, Maja,“ sagte er mit innerer Bewegung. „Wir müssen es als ein Verhängniß nehmen, an dem wir alle schwer zu tragen haben. Und Dich, Du armes Kind, haben wir auch mit hineingezogen, Deine ganze sonnige Heiterkeit ist dabei verloren gegangen.“

Das Gesicht des jungen Mädchens erglühte plötzlich, sie senkte den Kopf, und leise, fast zaghaft entgegnete sie: „Nein,

[321]

Photographie im Verlage von Jos. Albert in München.
Du zuerst!
Nach einem Gemälde von E. Spitzer.

[322] nein – ich schäme mich oft genug, daß ich trotz alledem so grenzenlos glücklich bin, und ich kann es doch nicht ändern. Sieh mich nicht so verwundert an, Egbert, Fremde sollen es freilich noch nicht wissen, weil wir noch Trauer tragen um unseren armen Erich, aber Dir kann ich es schon sagen, daß ich – nun daß ich Braut bin.“

Egbert fuhr erstaunt zurück. Er hatte in Maja bisher immer nur das Kind gesehen, es war ihm gar nicht eingefallen, daß ihr schon die Liebe genaht sein könnte. Jetzt rief die unerwartete Nachricht ein flüchtiges Lächeln in sein düsteres Gesicht, und voll Herzlichkeit streckte er der Jugendgespielin die Hände entgegen. „Giebt sich unsere kleine Maja wirklich schon mit solchen Dingen ab?“ fragte er mit einem Versuch, zu scherzen.

„Aber ich bin gar nicht mehr so klein!“ versicherte Maja mit einem reizenden Schmollen, indem sie sich auf den Fußspitzen erhob und ihm schelmisch ins Auge blickte. „Siehst Du, ich reiche Dir schon bis zur Schulter und ihm auch.“

„Ihm? Ja so, ich habe noch nicht einmal nach dem Namen Deines Erwählten gefragt. Wie heißt er denn?“

„Oskar!“ antwortete Maja leise.

„Wie sagtest Du?“ rief Egbert zusammenzuckend.

„Oskar von Wildenrod! Du kennst ihn ja – mein Gott, Egbert, was hast Du denn?“

Runeck war bleich geworden und seine Rechte ballte sich unwillkürlich; mit einem finsteren Ausdruck blickte er auf das junge Mädchen, das ihn beklommen und fragend ansah. „Der Freiherr von Wildenrod ist Dein Verlobter?“ wiederholte er endlich. „Und Dein Vater hat eingewilligt?“

„Gewiß. Er war anfangs dagegen, wegen des großen Altersunterschiedes, aber Oskar hat ihn so lange bestürmt und ich habe so lange um unser Glück gebeten und gebettelt, bis er nachgab.“

Egbert blieb stumm, er schaute auf das junge liebliche Geschöpf, das so ahnungslos von seinem „Glücke“ sprach, wo ihm namenloses Unglück bereitet war. Stellte ihn denn das Schicksal zum zweiten Male vor die Aufgabe, einem Wesen, das ihm lieb war, den tödlichen Schlag zu versetzen und das vermeinte Glück mit erbarmungsloser Hand zu zertrümmern? Bei Erich war es ihm in letzter Stunde erspart worden, er durfte schweigen, als er Cäcilie in ihrer wahren Gestalt kennengelernt, hier gab es keine Wahl und kein Schweigen.

„Und Du freust Dich nicht einmal?“ fragte Maja gekränkt und vorwurfsvoll, als er noch immer schwieg. „Freilich, Du hast etwas gegen Oskar und er hat sehr viel gegen Dich. Ich weiß es längst, wenn auch keiner von Euch es eingestehen will. Aber einen Glückwunsch kannst Du mir doch sagen – ich bin ja so unbeschreiblich glücklich!“

Runeck biß die Zähne zusammen. Er konnte nicht, auch nur der Form wegen, aussprechen, was unter diesen Umständen der bitterste Hohn gewesen wäre, und doch fühlte er, daß er jetzt und hier sein Geheimniß nicht enthüllen dürfe. Glücklicherweise kam ihm der Zufall zu Hilfe, man vernahm draußen auf dem Gange die Stimme des Doktors Hagenbach: „Haben Sie Fräulein Dernburg nicht gesehen? Wir müssen nach dem Bahnhof, der Zug kommt in zehn Minuten.“

„Ich muß fort!“ flüsterte Maja aufhorchend. „Leb’ wohl, Egbert. Ich behalte Dich doch lieb, was auch kommen mag! Und nicht wahr, auch Du vergißt nicht, daß Odensberg so lange Deine Heimath gewesen ist?“

Die braunen Augen blickten noch einmal innig bittend zu ihm empor, dann huschte das junge Mädchen eilig davon. Runeck athmete auf, als er diesen ahnungslosen glücklichen Augen nicht mehr stand zu halten brauchte, aber zugleich wogte jetzt, wo er sich allein sah, eine Fluth der Empörung durch seine Brust. Also das war das Endziel Wildenrods gewesen! Er hatte sich Odensberg nun einmal zur Beute erlesen und ließ es nicht wieder los – Majas Hand sollte ihm die Beute erringen. Und Cäcilie wußte das und ließ es geschehen! Freilich, er war ihr Bruder, den sie trotz alledem liebte – nur um ihn zu retten, war sie Erichs Weib geworden! Und sie kannte die Wahrheit nicht. O, warum hatte er sie ihr damals verhehlt! Aber jetzt durfte auch sie nicht mehr geschont werden – es galt, Maja zu retten; jetzt wurde ein längeres Schweigen zum Verbrechen.

„Nein, ich will nicht vergessen, daß Odensberg so lange meine Heimath gewesen ist,“ murmelte Egbert, indem er sich entschlossen aufrichtete, „wenn ich Dir das auch anders beweisen muß, als Du glaubst, meine arme kleine Maja. Ob ich an Dernburg schreibe? Unmöglich! Er glaubt das Schlimmste von mir, er würde den Brief für eine elende Verleumdung halten und Wildenrod würde sein Spiel dennoch gewinnen. Es hilft nichts, ich muß Auge in Auge den Kampf führen und darf nicht eher weichen, als bis er entschieden ist, bis Maja gelöst ist aus diesen Banden. Sei es denn – ich gehe nach Odensberg!“

(Fortsetzung folgt.)


Blätter & Blüthen.


Das Briefmarken-Album. „Allzuviel ist ungesund“ und „Jedes Ding hat seine zwei Seiten“ möchte man oft ausrufen beim Anblick des leidenschaftlichen Briefmarkensports unserer jungen Gymnasiasten. Väter und Mütter pflegen sich wohl der „ruhigen Beschäftigung“ zu erfreuen, sie machen geltend, daß sich hier der bekannte Sammeltrieb doch etwas Nützlichem zuwende und die Knaben dabei spielend viel Geographie erlernen. Beides war richtig in früheren Zeiten, wo die Sammlerei noch eine harmlose war, vergleichbar, wenn auch lange nicht so fruchtbringend, der Liebhaberei für Pflanzen oder Steine. Seither aber hat sich die Spekulation der Sache bemächtigt, eine eigene Briefmarkenwissenschaft ist entstanden, die einzelnen Postzeichen haben Börsenwerth erhalten und werden börsenmäßig gehandelt. Hier auf dem Laufenden zu bleiben, erfordert ein ganz ordentliches Studium, welchem sich auch eine große Anzahl unserer Jungen aufs hingebendste widmet, während zugleich ein großer Theil ihres Taschengelds auf den Ankauf der Marken verwendet wird. Fragt man einen von ihnen nach Uhlands Gedichten oder Walter Scotts schönsten Romanen, so erhält man die trübselig resignierte Antwort: Dazu haben wir ja keine Zeit!

Zugegeben – was von begabten und fleißigen Jungen bestritten wird – daß die Arbeitslast der Schule groß ist, sollen dann die kurzen Erholungsstunden angewendet werden, den Kopf mit einem fürs spätere Leben ganz unnützen Notizenkram zu füllen und statt der geographischen verfrühte merkantile Interessen zu pflegen? Ist es wirklich der Mühe werth, die überseeischen Staaten zu kennen, welche durch planmäßigen Wechsel ihrer Marken ein gutes Geschäft an den Sammlern machen? Darf die Hauptlektüre eines Jungen, der für Schiller und Uhland keine Zeit hat die – Briefmarkenzeitung sein?! … Wir geben’s den Eltern zu bedenken. Viele Schäden, welche man ohne weiteres immer der Schule zuschiebt, sind nur dem schulpflichtigen Alter eigen und können vom Elternhaus vermieden oder geheilt werden. Man muß nur genauer zusehen, dann findet man sie auch. Und die übertriebene Briefmarkensucht ist keiner der kleinsten darunter!

Schutzimpfungen gegen das Gelbe Fieber. Für viele ungeduldige Geister schreitet die Bakteriologie viel zu langsam vorwärts. Der besonnene Forscher aber ist mit ihrem Entwicklungsgange zufrieden. Das Gute bedarf einer bestimmten Zeit, um auszureifen. Einen sehr beachtenswerthen Erfolg hat nun der neue Zweig der Wissenschaft auch jenseit des Oceans in Brasilien errungen. Dort wüthet von Zeit zu Zeit das gefürchtete Gelbe Fieber. Es wird wie so viele andere ansteckende Krankheiten von einem Kugelbakterium, dem micrococcus xanthogenicus, hervorgerufen. Dieser Feind des Menschengeschlechtes ist ein kleines Kügelchen, dessen Durchmesser nur ein Tausendstel eines Millimeters beträgt, und erzeugt zwei Farbstoffe, einen gelben und einen schwarzen. Der gelbe Farbstoff färbt die Gewebe des kranken Körpers und ruft somit die Erscheinung hervor, welche der Krankheit ihren Namen gegeben hat. Der schwarze verursacht die schwarze Farbe des Erbrochenen.

Dieser Mikrokokkus ist ein echtes Kind der Tropen, nur in diesen entwickelt er seine verderblichen Eigenschaften, im kalten Norden kann er sich niemals einbürgern, ebenso wie die schlanken Palmen und die herrlichen Bananenbäume niemals in Deutschland oder Rußland gedeihen, es wäre denn in Treibhäusern, wo sie aber nur ein trauriges Leben führen, ohne ihre schönen Kronen zu entfalten und ihre wohlschmeckenden und nahrhaften Früchte zu tragen. Professor Domingo Freire in Rio Janeiro hat diesen Mikrokokkus durch fortgesetzte Kulturen abzuschwächen gewußt, und es ist ihm gelungen, durch Impfungen mit diesem abgeschwächten Gifte Menschen vor Ansteckung mit dem Gelben Fieber zu schützen.

Der Geimpfte empfindet Kopfschmerzen, seine Augenbindehaut wird geröthet, seine Temperatur steigt auf 38 bis 39° C.; oft bekommt er [323] Uebelkeit und Erbrechen. Nach 48 Stunden verschwinden alle diese Anzeichen von selbst. Die Impfstelle erscheint anfangs roth umrändert, nach drei oder vier Tagen zeigt sich ein gelber Fleck, der sich zuweilen über den ganzen Arm ausbreitet; in einigen Fällen ist sogar eine ausgesprochene Gelbsucht beobachtet worden.

In fünf Epidemien des Gelben Fiebers vom Jahre 1883 bis 1890 wurden von Professor Domingo Freire 10885 Schutzimpfungen vorgenommen. Und welchen Nutzen hatten dieselben? Nach amtlicher Statistik starben in den betreffenden Bezirken 4% der nicht Geimpften am Gelben Fieber, während unter den Geimpften die Sterblichkeit nur 0,4% betrug. So ist diese Schutzimpfung imstande, die verderbliche Wirkung der namentlich den Einwanderern so gefährlichen epidemischen Krankheit um das Zehnfache zu mindern! Wahrlich ein Erfolg, mit dem man für den Anfang zufrieden sein kann! *  

In einem japanischen Garten. (Zu dem Bilde S. 312 und 313.) Wenn der Japaner von seinem Heimathland sagt, daß es der „Garten der Erde“ sei, so hat er gewiß nicht unrecht, denn nirgends dürften sich die klimatischen Verhältnisse für den Gärtner so günstig stellen wie hier. Infolgedessen ist auch der Schönheitssinn der Japaner in dieser Hinsicht stark ausgebildet. Jeder ist in gewisser Beziehung Kunstgärtner; der kleine Mann hat sein Gärtchen neben seiner Hütte so gut wie der Gutsbesitzer seinen Park, mit dem er seine Villa umgiebt, und hier wie dort herrscht der ausgeprägteste Sinn für landschaftliche Schönheit.

Die Parkanlagen der Großen und Begüterten haben oft eine weite Ausdehnung, und der Gutsbesitzer mit seiner Familie hat die mannigfaltigsten Gelegenheiten, sich der Natur, die ihn umgiebt, zu erfreuen. Hier ein lauschiges Plätzchen unter der breitästigen Matsufichte, die ihre Zweige wie ein Dach weithin ausstreckt, dort ein Fischteich, auf dessen Goldfische oder Karpfen der Wirth gewaltig stolz ist; sind doch manche der ältesten Thiere in dem klaren Wasser schon von seinem Vater oder gar von seinem Großvater gehegt worden!

Auch die schönen malerischen Bambushaine gehören so gut in einen wohlangelegten Park wie die Gruppen von eigenartig gezogenen Azaleen, die großen prachtvollen Bäume der Kamelie, der lieblich duftenden Paulownia und der verschiedenen Ahornarten, die, namentlich im Herbste, mit ihren buntfarbigen Blättern das Entzücken der Menschen bilden. Wie nun aber stets Geschmack und Liebhaberei verschieden sind, so pflegen auch die Besitzer oft diese oder jene Baumart, diese oder jene Blumensorte in ihren Gärten zu bevorzugen, und dann findet um die Zeit der Blüthe eine förmliche Wallfahrt zu diesen „Spezialisten“ statt. Von nah und fern kommen die Gäste, um zu schauen und zu bewundern, und die mit Recht so hoch gepriesene Gastfreundschaft der Japaner zeigt sich dann im hellsten Lichte.

Unser Bild führt uns einen solchen Besuch einer nachbarlichen Gutsherrschaft vor Augen. In dem Vorgarten der Villa sind die Herrschaften eben dem „Kango“ (Tragkorb) entstiegen, bei dem die Wärterin mit dem jüngsten Kinde noch verblieben ist. Augenscheinlich sind die Gäste hochwillkommen, denn der nie fehlende Begrüßungsthee ist ihnen bereits von der Dienerin entgegen getragen worden, noch ehe sie die Schwelle des Hauses überschritten haben. So wandeln sie, die erwachsenen Damen auf ihren sonderbaren Blöckchenschuhen, an dem Teiche mit seinen Silberreihern vorbei, dem Hause der Herrschaft zu.

Der Kango, mit dem der Japaner noch jetzt gerne reist, ist eines der sonderbarsten Dinge, die es giebt. Für den Europäer ist er eine Marter, der Japauer aber, von Jugend auf an das Unterschlagen der Beine gewöhnt, sitzt in dem tragbaren Korbe so bequem und behaglich wie wir in einem Landauer.

Fremdartig berührt uns immer die Kleidung der Japaner, trotzdem wir sie jetzt seit vielen Jahren kennen. Und dennoch ist dieselbe, namentlich für die klimatischen Verhältnisse Japans, so zweckmäßig, daß sie nur Anerkennung verdient. Außerdem ist sie nationalökonomisch von unberechenbarem Werthe – der glückliche Japaner weiß nichts von dem Ungeheuer Mode, von dem Moloch, dem der Europäer Zeit und Geld opfert. Von Alters her hat der Japaner nur einen einzigen Schnitt für sein Gewand, er kennt keine Aenderung, er verachtet die mörderische Schere, welche grausam und schonungslos in den Stoffen herumwirthschaftet; ihm gilt es lediglich, das eigens zu dem Gewand gewebte Zeug nach althergebrachter Vorschrift um den Körper zu legen, so lange bis es zerfällt. Und wie unser Bild beweist, wissen vornehmlich die Japanerinnen ihre Kleider so hübsch und reich zu gestalten, sie so anmuthig zu tragen, daß unser Auge nur mit Wohlgefallen darauf ruhen kann. Und wenn in den letzten Jahren die europäische Kleidung in Japan eingeführt worden ist, so hat man auch schon einsehen gelernt, wie unklug dieser Schritt war. C. W. E. Brauns. 

Eine Charakteristik Anzengrubers. In seinen persönlichen Erinnerungen an berühmte und beliebte Zeitgenossen, welche er unter der freundlichen Flagge „Gute Kameraden“ erscheinen läßt (Wien, A. Hartleben), hat P. K. Rosegger Charakterköpfe von zwölf österreichischen Autoren entworfen, die außerdem durch Bildnisse derselben ergänzt werden. Mit besonderer Vorliebe hat er darin seinen ihm am nächsten stehenden Freund Ludwig Anzengruber gezeichnet, der ja auch von dieser Schriftstellergruppe bei weitem der bedeutendste ist. Rosegger hegt für ihn große Bewunderung; gleichwohl ist seine Darstellung sehr unparteiisch, und diejenigen, welche dem Wiener Volksschriftsteller etwas am Zeuge flicken möchten, können aus den naiven Schilderungen des Steiermärkers diesen oder jenen Zug zu ihren Gunsten verwenden. Die Thatsache, daß Anzengruber niemals unter Bauern gelebt, daß er sich seine markigen Volksgestalten im Zimmer erdacht hat, hebt Rosegger mehrfach hervor: „Kenner des Volkes sagen, daß der Bauer im Grunde anders sei, wie Anzengruber ihn schildert; ich will das gerade nicht so behaupten. Im Bauernvolk giebt es, wie überall, die mannigfachsten Leute, gewiß auch solche, wie sie unser Dichter darzustellen liebte. Es geht überhaupt nicht an, zu sagen: So ist der Bauer und so ist er nicht. Auch der Bauer ist in erster Linie Mensch und als solcher eigentlich unerklärbar und unerschöpflich; das äußere Gehaben des Bauers ist so wenig verläßlich als das des Salonmenschen; es will bisweilen gerade das Gegentheil zeigen von dem, was Kern und Natur ist. Wer den Bauer bloß beim Lodenrock packt, der hat ihn noch nicht; er muß ihm näher an den Leib rücken, und ich glaube, Anzengruber hat es daran zumeist nicht fehlen lassen.“

Was Anzengrubers Persönlichkeit betrifft, so giebt Rosegger auch hierüber manche Aufklärungen, die uns das Bild des Freundes schärfer zeichnen als manche früheren Darsteller. Anzengruber war eine knorrige, etwas unbehilflich schwerfällige Gestalt. Seine starkgeröthete Gesichtsfarbe, seine scharfgebogene charakteristische Nase, seine hohe Stirn, sein blondes nach rückwärts wallendes Haar, sein röthlicher langer Vollbart, seine falben Augenwimpern gaben ihm fast das Aussehen eines teutonischen Recken, aber auf diesem urgermanischen Gesicht saß ein Zwicker. In seinen Absichten und Entschlüssen zeigte er sich stets entschieden, fremden Einwand kühl ablehnend; und doch war er leichter zu bewegen, zu überzeugen, als es den Anschein hatte; spröde und trocken war nur seine Schale; sein Kern war mild und weich. Gar nicht einverstanden war er mit unseren sozialen Zuständen. Das Mißverhältniß zwischen Verdienst und Lohn hat Anzengruber nur zu sehr an sich selber empfinden müssen. Viele Jahre nach dem ersten ruhmreichen Auftreten seines „Pfarrers von Kirchfeld“ und anderer seiner großen Dramen schrieb er an Rosegger: „Ich habe nun neun Jahre Schriftstellerthum hinter mir, aber nicht die Stellung errungen, die mir erlaubte, ohne Frage nach dem augenblicklichen Erfolg aus dem Vollen heraus producieren zu dürfen. Ich werde diese Stellung voraussichtlich nie oder erst dann erringen, wenn meine Jahre nicht mehr die sind, welche eine solche Produktion aus dem Vollen zulassen.“ Er kannte keine Ueberschwänglichkeit; er blieb ernst und ruhig, mochte ihn die Volksgunst heben oder fallen lassen. Das gab ihm eine Männlichkeit und Würde, welche unbeschreiblich für ihn einnahm. Unrecht geschah ihm oft, vertheidigt hat er sich fast nie. Er arbeitete nicht leicht, hatte aber die Gabe, bei einem festgefaßten Stoffe jahrelang zu verweilen, ihn ausreifen zu lassen. Er schuf eben mehr mit dem Verstand und war nicht so sehr auf flüchtige Gemüthsstimmung angewiesen. In ihm lebte eine starke Kraft, die nur etwas schwer beweglich war.  

Blitzschläge in Bäume. Jeden Sommer laufen bei uns Anfragen aus dem Leserkreise ein, welche Auskunft über die weitverbreitete Ansicht verlangen, daß die Buche gegen den Blitz gefeit sei. Wir wollen diesmal ihnen im voraus begegnen und kurz mittheilen, was nach neueren und neuesten Erhebungen über die Häufigkeit der Blitzschläge in die verschiedenen Baumarten bekannt geworden ist.

Vor allem ist hervorzuheben, daß kein Baum vor dem Blitze völlig geschützt ist; bei sehr hoher elektrischer Spannung schlägt es in alle ein. Immerhin aber wird die Buche am seltensten getroffen, denn eine von Professor Hellmann ausgeführte statistische Untersuchung ergab, daß der Blitz Nadelhölzer 15 mal und Eichen 54 mal häufiger trifft als Buchen. Diese Thatsache ist jedem Besucher unserer gemischten Laubwaldungen bekannt; man sieht in ihnen sehr oft Blitzspuren an Eichen, während solche an Buchen zu den Seltenheiten zählen. Dieselbe Wahrnehmung veranlaßte wohl die alten Germanen, die Eiche dem Donnergotte zu weihen.

Anfangs glaubte man, die Bodenart als Ursache der ungleichmäßigen Vertheilung der Blitzschläge ansehen zu müssen, aber genauere Nachforschungen ergaben, daß dies nicht der Fall ist, daß vielmehr der Grund dieser Erscheinung in der Natur der Bäume selbst liegt. Fettbäume, die auch während des Sommers reich an Oel sind, sind in hohem Grade gegen Blitzschlag gesichert. Dagegen werden Stärkebänme und Fettbäume, die während des Sommers arm an Oel sind, vom Blitzschlag bevorzugt, und abgestorbene Aeste erhöhen die Gefahr. Und nun erinnern wir uns daran, daß wir die Früchte der Eiche wegen ihres hohen Gehaltes an Stärke (35% Stärke und 4% Fett) verwerthen, aus den Früchten der fettreichen Buche dagegen das Bucheckernöl pressen! *  

Das Brausepulver. Allgemeiner Beliebtheit erfreuen sich die kohlensäurereichen moussierenden Getränke von dem Selterswasser bis hinauf zum blumigen Sekt der Witwe Cliquot. Nun lassen sich aber die treibenden Stoffe eines solchen moussierenden Getränks auch in fester pulverförmiger Form aufbewahren, als Brausepulver, das nur eines Aufgusses von Wasser bedarf, um einen lebhaft schäumenden angenehmen Trank zu erzeugen.

Die Aufbewahrungsfähigkeit eines Gases in fester Form regt doch zum Nachdenken an und legt die Frage nahe: Woraus besteht denn eigentlich das Brausepulver?

Es sind darin zwei Bestandtheile enthalten, die im trockenen Zustand friedlich nebeneinander ruhen, die aber, sowie sie durch Wasser aufgelöst werden, heftig aufeinander wirken und jenes Aufbrausen des Wassers erzeugen. Der eine ist das doppeltkohlensaure Natron. In ihm ist die Kohlensäure, sonst unter gewöhnlichen Verhältnissen ein Gas, an das Metall Natrium gebunden. In dem winzigen Raum, den das Pulver einnimmt, schlummert gleichsam, durch die chemische Kraft an das Natron gefesselt und damit in den festen Zustand gezwängt, ein gewaltiges Volumen Kohlensäure.

Welches Mittels bedarf es nun, um die Kohlensäure als Gas der Freiheit wiederzugeben, sie dem Natron zu entziehen und dieses anderweit zu entschädigen? Es bedarf dazu nur einer Säure, deren chemische Wahlverwandtschaft zum Natron eine größere ist als die der Kohlensäure. Fast jede Säure erfüllt diese Bedingungen; als ebenfalls in Form eines festen Körpers darstellbare und erfrischend schmeckende Säure hat man die Weinsäure, die man aus dem Weinstein gewinnt, dazu gewählt. Sie ist der andere Bestandtheil des Brausepulvers. Sowie nun das Wasser hinzukommt, das sowohl das doppeltkohlensaure Natron als auch die Weinsäure in reichlichem Maße in sich auflöst, wirken die gelösten Körper, nunmehr mit chemischer Angriffsfähigkeit begabt, aufeinander. Die Weinsäure drängt sich an die Stelle der Kohlensäure, indem sie mit dem Natron zu weinsaurem Natron sich vereinigt und schickt die Kohlensäure in die Freiheit, die sie in heftigem Brausen durch das Wasser hindurch zu gewinnen sucht.

[324] Nürnberger Prunkküchen. Wie man heutzutage ein besseres Zimmer, eine „gute Stube“, ein Prunkzimmer oder einen Salon hat, der nicht zum gewöhnlichen Gebrauche, sondern nur zum Staat dient, so gab es in den Häusern der Nürnberger Patrizierfamilien früher auch Prunkküchen, die lediglich Schaustücke der Hausfrau waren und von ihr mit Stolz den Gästen gezeigt wurden. Ein älteres Werk schreibt hierüber: „Allhier in Nürnberg haben manche Frauen eine große Freude mit besonderen Prang-Kuchen, darinnen niemals gekochet, sondern das Geräthe nur allein zur Zierde und Gepräng aufgestellet wird. Da siehet man nichts von Eisen noch Holz, sondern es muß alles von Zinn und Messing schimmern und glänzen, auch so gar der Besenstiel und das Kehrichfaß von Zinn gemachet sein. Ob man nun davon nicht füglich sagen möchte: Wozu dienet dieser kostbare Unrath? lasse ich andere davon urtheilen.“

Ein guter Rath für Mütter. Im Frühling, wenn es unseren lange in Winterhaft gehaltenen Kleinen wieder gestattet werden kann, sich im Freien zü ergehen, ist es eine häufig beobachtete Erscheinung, daß die trockene Luft oder der häufig herrschende Ostwind einen Entzündungszustand in den Athmungsorganen unserer Lieblinge hervorruft, der den Aerzten unter dem Namen „Pseudokrupp“ bekannt ist. Das Kind erwacht zumeist gegen Mitternacht mit den Anzeichen der Angst und Athemnoth und wird von einem rauhen, heiseren, dem Krähen eines Hahnes oder Bellen eines Hundes vergleichbaren Husten gequält. Die heftig erschrockene Mutter steht diesen drohenden Erscheinungen oft rathlos gegenüber, namentlich weil die vorgerückte Nachtstunde das rasche Herheiholen eines Arztes erschwert. Doch sind diese Krankheitsäußerungen glücklicherweise in den weitaus häufigeren Fällen mehr beängstigend als gefahrdrohend; und nur dann könnte der Ausgang ein schlimmer sein, wenn durch Nichtbeachtung oder Vernachlässigung der mit Recht als mörderisch gefürchtete wirkliche Krupp daraus entstünde.

Schwere Wissenschaft.
Nach einem Gemälde von H. Kaulbach.
Photographie im Verlage von Franz Hanfstaengl in München.

Wenn daher elne Mutter an ihrem Kinde die genannten Erscheinungen bemerkt, so nehme sie dieselben niemals leicht, sondern lasse, so schwer es halten mag, augenblicklich den Arzt holen. In der Zwischenzeit bereite sie rasch kochendes Wasser, tauche einen Flanellstreifen hinein, ringe ihn schwach aus und lege ihn so warm, als es nur ertragen werden kann, um das Hälschen des Kindes und binde ein trockenes Tuch darüber. Dazu gebe sie dem Kleinen mit etwas Wasser verdünnten erwärmten Honig oder in Ermanglung dessen heiße Milch zu trinken.

Auch warme Wasserdämpfe sind von vorzüglicher Wirkung. Besitzt man keinen Inhalationsapparat, so genügt ein mit heißem Wasser gefülltes Gefäß, über das ein Trichter gehalten wird. Das Kind nehme den oberen Thell des Trichters in den Mund und bemühe sich, den heißen Dampf recht tief einzuathmen. Läßt sich das aufgeregte Würmchen dazu nicht bringen, so sorge man wenigstens durch Zerstäubungs-Apparate, wie sie vielfach für die Bespritzung der Blumen im Gebrauch sind, oder durch Verdampfung von Wasser der Luft des Zimmers möglichst viel Feuchtigkeit zuzuführen. Auch das Vorhalten eines in heißes Wasser getauchten Schwammes erweist sich als sehr zweckdienlich. In den meisten Fällen wird diese Behandlungsweise ausreichen, eine Besserung herbeizuführen. Der Husten lockert sich, wird leichter und schmerzloser, und es tritt eine Schleimablösung ein.

Man lasse dann das Kind ruhig einschlafen und wiederhole das angegebene Verfahren erst wieder bei einem neuen Anfalle. In keinem Falle aber lasse man das Kind länger als 11/2 bis 2 Stunden fortschlafen, sondern ermuntere es öfters und fordere es zum Räuspern und Trinken auf.

Sollte jedoch der günstige Erfolg nach den angewandten Mitteln nicht eintreten, verschlimmert sich der Zustand des Kranken sichtlich, tritt Fieber hinzu, wächst die Athemnoth, so daß das Gesichtchen eine dunkle oder bläuliche Färbung erhält und vielleicht gar Krämpfe und Erstickungsanfälle hinzutreten, dann hat man es mit dem wirklichen Krupp zu thun, und dann kann nur noch der Arzt helfen, der ja wohl inzwischen glücklich zur Stelle gekommen ist. Jedoch auch in diesen schweren Krankheitsfällen kann es nur nutzbringend sein, wenn die Mutter bis zu seiner Ankunft das empfohlene Verfahren einschlägt.

In dringender Erstickungsgefahr ist es auch räthlich, das Kind zum Erbrechen zu reizen, was am geeignetsten und schnellsten durch Einführen eines geölten Fingers in den Rachen oder Kitzeln des Halses mit einer Kielfeder erreicht wird. Hedda Lengauer. 


Inhalt: Schwertlilie. Roman von Sophie Junghans (5. Fortsetzung). S. 309. – Die drei alten sächsischen Landesschulen zu Pforta, Meißen und Grimma. Bild. S. 309. – In einem japanischen Garten. Bild. S. 312 und 313. – Mein Buceros „Hermann“. Von Paul Reichard. S. 316. Mit Abbildungen S. 317. – Drei klassische deutsche Bildungsstätten. Von Emil Wörner. S. 3l8. (Mit Bild S. 309.) – Freie Bahn! Roman von E. Werner (18. Fortsetzung). S. 319. – Du zuerst! Bild. S. 321. – Blätter und Blüthen: Das Briefmarken-Album. S. 322. – Schutzimpfungen gegen das Gelbe Fieber. S. 322. – In einem japanischen Garten. S. 323. (Zu dem Bilde S. 312 und 313.) – Eine Charakteristik Anzengrubers. S. 323. – Blitzschläge in Bäume. S. 323. – Aschenbrödels Pantoffel. S. 323. – Nürnberger Prunkküchen. S. 324. – Ein guter Rath für Mütter. S. 324.



Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart.


Schriften von W. H. Riehl:

Die Pfälzer.
Ein rheinisches Volksbild, 2. Aufl. Geheftet 6 Mark.

Die Naturgeschichte des Volkes
als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik.
4 Bde. Geheftet 20 Mark. Elegant gebunden 24 Mark.

Land und Leute.
8. Aufl. (1. Band der „Naturgeschichte des Volkes“.)
Geheftet 5 Mark. Elegant gebunden 6 Mark.

Die bürgerliche Gesellschaft.
8. Aufl. (2. Band der „Naturgeschichte des Volkes“.)
Geheftet 5 Mark. Elegant gebunden 6 Mark.

Die Familie.
10. Aufl. (3. Band der „Naturgeschichte des Volkes“.)
Geheftet 5 Mark. Elegant gebunden 6 Mark.

Wanderbuch,
als zweiter Teil zu „Land und Leute“.
3. Aufl. (4. Band der „Naturgeschichte des Volkes“.)
Geheftet 5 Mark. Elegant gebunden 6 Mark.

Kulturstudien aus drei Jahrhunderten.
4. Aufl. Geheftet 4 Mk. 20 Pf. Elegant gebunden 5 Mk.

Die deutsche Arbeit.
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Freie Vorträge.
2 Bände. Geheftet 15 Mark.

Kulturgeschichtliche Charakterköpfe.
2. Auffl. Geheftet. 6 Mark. Elegant gebunden 7 Mark.

Musikalische Charakterköpfe.
Ein kunstgeschichtliches Skizzenbuch.
3 Bände. Geheftet 15 Mark. Elegant gebunden 17 Mk. 20 Pf.

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Fünfzig Lieder deutscher Dichter in Musik gesetzt.
2. Aufl. Elegant kartoniert 8 Mk. 50 Pf.

Kulturgeschichtliche Novellen.
3. Auflage. Geheftet 5 Mk. 50 Pf.

Geschichten aus alter Zeit.
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Neues Novellenbuch.
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Sieben Novellen. 3. Aufl. Geh. 6 Mk. Eleg. geb. 7 Mk.

Gesammelte Geschichten und Novellen.
2 Bde. Geheftet 6 Mark. Elegant gebunden 8 Mark.

Am Feierabend.
Sechs neue Novellen. 2. Aufl. Geh. 6 Mk. Eleg. geb. 7 Mk.

Lebensrätsel.
Fünf Novellen. 3. Auflage. Mit Porträt des Dichters.
Geheftet 6 Mark. Elegant gebunden 7 Mark.
Zu beziehen durch die meisten Buchhandlungen.

Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner.0 Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.0 Druck von A. Wiede in Leipzig.

  1. Die „Gartenlaube“ hat schon wiederholt ihren Lesern von diesen beiden vielgepriesenen Lehr- und Erziehungsanstalten berichtet; im Jahrgang 1857, Nr. 18 und 19, beschrieb Wilhelm Künstler einen Besuch in Schulpforta, im Jahrgang 1873, Nr. 40, theilte Alfred Annaburger seine Pförtener Erinnerungen mit, und 1879, Nr. 26, widmete die „Gartenlaube“ der Fürstenschule in Meißen bei der Einweihung ihres Neubaues ein Gedenkblatt, das aus der Feder der in Meißen geborenen Schriftstellerin Luise Otto stammt.