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Die Gartenlaube (1885)/Heft 29

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1885
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[469]

No. 29.   1885.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


Trudchens Heirath.

Von 0W. Heimburg.
(Fortsetzung.)


Die ersten Sonnenstrahlen legten sich wie rothes Gold auf die Spitzen des Waldes, der sich bis zu dem weißen im Villenstil gebauten Hause herandrängte; Riesenwächtern gleich standen vor der massiven Gartenmauer prachtvolle Eichen auf dem Rasengrund. Ein schmaler wenig betretener Pfad führte zwischen ihnen dahin, wie man ihn findet an Stellen, die eigentlich nicht begangen werden sollen. Noch gaben die stolzen Bäume wenig Schatten, die Eiche belaubt sich zuletzt; jung und kraus erschienen die Blättchen an den knorrigen Aesten und stachen reizend ab gegen die dunklen Edeltannen jenseit der Gartenmauer, untermischt mit dem zarten schleierartigen Laub der Birke.

Wie traumverloren lag „Waldruhe“ in dieser Morgenstille. Die grünen Jalousien waren sämmtlich geschlossen, gleich schlafschweren Augen; auf dem Dache sonnte sich eine Reihe bunter Flüchtertauben. Der Rasenplatz vor dem Hause schien verwildert, kaum noch von dem grasbewachsenen Wege zu unterscheiden, der von der Gitterpforte zum Treppenhause führte. Aus dem Nebengebäude stieg leichter Rauch zum blauen Himmel empor, und eine Katze saß zusammengekauert auf dem hölzernen Bänkchen zur Seite der Hausthür. Kein Laut ringsum, als der jauchzende Triller der Lerchen, die unsichtbar im blauen Aether standen.

Da kam unter den Eichen eine schlanke Frauengestalt daher. Sie ging langsam, und ihre Blicke schweiften bald nach links über die grünende Saat hinweg ins Land hinaus, bald hingen sie an den Bäumen. Sie mußte schon einen weiten Weg gemacht haben; das feine Gesicht sah müde aus, unter den Augen lagen braune Schatten, und der Saum ihres Kleides war feucht wie die kleinen halbhohen Lederschuhe, die unter dem grauen Falbelrocke hervorsahen. Sie ging direkt auf das Gitterthor zu, faßte mit den unbehandschuhten Händen die rostigen Stäbe und blickte auf das Haus, etwa in der Stellung eines neugierigen Kindes; aber ihre Augen sahen zu ernst dafür. Neben ihr stand schweifwedelnd ein brauner Hühnerhund und richtete wie fragend die klugen Augen zu ihr hinauf, aber sie achtete des Thieres nicht, das ihr so treulich gefolgt. Ihre Gedanken hatten nur ein Ziel.

Sie war nie wieder hier gewesen seit jenem Tage, an dem sie in verzweifelnder Angst hergelaufen, um – zu spät zu kommen. Noch erschien Alles wie damals – eben so verlassen. Sie zog die Glocke, wie schwer das ging! Ja, die


Stillvergnügt.   Zwischen Lachen und Weinen.   Heiße Zähren.
Unser Junge beim Momentphotographen.
Photographie von Boissonnas in Genf. Verlag von Hugo Grosser in Leipzig.

[470] hatte Niemandes Hand wieder berührt. Jedes Frühjahr und jeden Herbst fuhr zwar Sophie pflichtschuldigst heraus, um die Möbel zu klopfen und die Zimmer zu lüften, von den Andern aber Niemand. Frau Baumhagen hatte diese idyllische Marotte ihres Gatten vom ersten Moment an für eine Verrücktheit erklärt, und Jenny nannte das Landhaus die Grillenburg. Sie war einmal hier gewesen und nie wieder, „man verkam ja vor langer Weile zwischen den stummen Bäumen!“

Endlich gab die Glocke einen schwachen Laut. Daraufhin erhob sich ein wüthendes Hundegebell im Nebenhause, und eine Frau von etlichen fünfzig Jahren in wattirtem Unterrocke und rothgeblümter Nachtjacke kam aus dem Gebäude. Starr wie ein Wachsbild schaute sie die jnnge Dame an, dann schlug sie die Hände zusammen und rannte auf klappernden Pantoffeln ins Haus zurück, um sofort mit einem Schlüsselbund wiederzukehren.

„I du Barmherziger!“ sagte sie athemlos beim Aufschließen, „das hätte ich mir nicht träumen lassen – die Frau Linden! Haben einen Morgenspaziergang gemacht, gnädige Frau? Dachte schon immer, ob Sie nicht einmal herkommen mit dem Herrn Gemahl – nun sehen Sie nur – das freut mich aber!“ Und sie lief den Weg voran und schloß die Thür der Villa auf.

„Alles in Ordnung, Frau Linden; mein Maun hat immer darauf gehalten. ‚Pass’ auf,‘ sagte er, ,eines Tages kommt doch einmal Jemand von den Herrschaften.‘“ Und wieder lief die vierschrötige Person die Treppen vorauf und öffnete ein Zimmer. „Es ist Alles beim Alten – da steht Ihr Bettchen, und da sind auch noch die Bücher, nur die Tannen und Buchen vor den Fenstern sind gewachsen.“

Die junge Frau nickte. „Bringen Sie mir ein wenig heiße Milch,“ sagte sie fröstelnd, „aber recht bald, Frau Rode.“

„Gleich! Gleich!“ Und die Alte hastete fort; Trudchen hörte das Klappern ihrer Pantoffeln auf der Treppe verhallen und die Hausthür zuschlagen. Nun war sie allein.

Es herrschte eine kühle grüne Dämmerung in dem Zimmer, die Buchenzweige drängten sich bis dicht an die Scheiben. Damals war es noch nicht so dunkel hier innen, als sie zuletzt einen Sommer in „Waldruhe“ verbrachte. Sonst – die Frau hatte Recht – sonst war es noch ebenso, der Spiegel im Rahmen von Pflaumenholz zeigte noch immer die bogenspannenden Centauren in dem gelb und schwarzen Felde der oberen Verzierung; über dem kleinen altmodischen Schreibtische hing noch immer der Stahlstich „Paul und Virginie“ unter dem Palmenblatte; die grünen Vorhänge des Himmelbettes waren nicht um die leiseste Schattirung verblichen, das Sofa war noch genau so unbequem, der Tisch davor mit der nämlichen Plüschdecke. Hier hatte sie so manche traute Stunde verlebt, in süßer Lenznacht am offenen Fenster und an stürmischen Herbstabenden, wenn die Wolken am Himmel jagten, der Sturm sich über die Berge stürzte gegen das einsame Haus; der Regen prasselte und der Wald so unheimlich zu rauschen begann. – Dann waren die Vorhänge zugezogen, im Kachelofen brannte das Feuer, und drüben im gemüthlichen Wohnzimmer wußte sie den Papa bei einer L’hombrepartie. Sie machte die Wirthin hier in „Waldruhe“, sie war so stolz darauf, in die Küche zu gehen mit dem weißen Schürzchen, in den Keller zu steigen, und die alten Herren ließen sie dann bei Tische ob des wohlgelungenen Wildbratens hoch leben. Die alten lieben Freunde – da war jetzt nur noch Onkel Heinrich.

Dort auf jenes Lager hatten sie dann auch das ohnmächtige Mädchen getragen, wie sie es an Papas Todtenbette gefunden.

Es schüttelte die junge Frau plötzlich wie im Fieber. „Er starb an seiner unglücklichen Ehe,“ hatte sie Onkel Heinrich einmal sagen gehört – leise, aber sie hatte es doch verstanden.

Mama liebte ihn nicht, Mama hatte einen Andern gern gehabt, und das hatte sie ihm einst gesagt, als es einer Kleinigkeit wegen zu Meinungsverschiedenheiten kam. „Mit dem Andern wäre ich glücklicher geworden, ich hatte ihn wenigstens lieb, aber – es war keine Versorgung.“

Trudchen begriff jetzt Alles; sie hatte Papas Charakter, sie war stolz. O, diese düsteren Jahre, da sie mit wachsendem Verständniß erkannte, welcher Sonnenschein dem Hause mangelte! „Hätte ich die Kinder nicht,“ hatte er einst zornig gerufen, „es wäre längst ein Ende gemacht!“

O, Qual der Hölle, wenn zwei Menschen durch Gott und das Gesetz zusammengeschmiedet sind, die doch am liebsten eine Welt zwischen sich legten! – Unwürdig! unmoralisch –! Hatte er nicht recht gethan, der Papa, daß er freiwillig ging – ging für immer? Aber ach, wie schwer ist das Gehen, wenn man liebt, so liebt! – Wie denn? Liebe, Achtung gehören doch einmal zusammen – Einbildung, alles Einbildung!

Sie wurde plötzlich noch um einen Schein bleicher; sie dachte, wie Papa sie geliebt, und sie dachte an die kleine Wiege in der Rumpelkammer zu Hause. Gott sei Dank, es war nur ein Traum, ein Wunsch, ein Nichts – und doch – – O diese herzbeklemmende Angst!

Sie ging hinüber an das Bett, sie war so müde; sie schmiegte den Kopf in die Kissen, zog die Decke empor und schloß die Augen. Und dann standen ihr immer die Worte vor der Seele wie flammende Schrift, die Worte, die sie heute geschrieben, um sie auf seinen Schreibtisch zu legen. Und sie flüsterte: „Sei barmherzig, gieb mich frei! Suche mich nicht auf, laß mir den einzigen Platz, der mir noch gehört!“

Die Frau brachte die heiße Milch, und sie trank. Sie wolle schlafen, sagte sie dann, aber sie konnte nicht schlafen. Sie horchte immer wieder hinaus, sie meinte Pferdegetrappel zu hören und Wagenrollen. Ach, nur das nicht!

Und Stunde auf Stunde verrann, unbeweglich lag sie; sie hatte nicht mehr den Muth, sich aufzuraffen. Warum kann man nicht sterben, wenn man will? – Das Mittagläuten im Dorfe war eben verhallt, da kam doch ein Wagen, und bald darauf Schritte die Treppe herauf.

Gott sei Dank, er war es nicht! – Zur Thür aber steckte Onkel Heinrich sein bekümmertes Gesicht herein.

„Wahrhaftig,“ sagte er, „Du bist da! – Aber warum denn, Kind, warum denn?“

Sie hatte sich rasch aufgerichtet und stand nun vor dem kleinen Herrn. „Du bringst mir Antwort, Onkel?“

„Ja freilich! Ich wollte aber lieber sonst etwas thun! Wie kommt Ihr kratzbürstige Gesellschaft dazu, mich zum Träger Eurer liebenswürdigen Botschaften auszuersehen?“ Er warf sich ins Sofa, daß das kleine Möbel förmlich aufstöhnte. „Hast Du einen Kognak hier?“ fragte er, „mir ist’s gar nicht recht um den Magen.“

Sie schüttelte stumm den Kopf und sah ihn an aus ihren verdüsterten Augen.

„Ach so,“ machte Onkel Heinrich grämlich. „Nun, er läßt Dir sagen, wenn es Dir Spaß machte hier zu bleiben, so solltest Du Dich nicht geniren.“

Sie zuckte merklich zusammen.

„O, la la! Das ist der Sinn – so ungefähr,“ verbesserte er und wischte sich über die Stirn mit dem Taschentuch. „Linden sprach eigentlich wenig,“ fuhr der alte Herr fort, „er war nur von einem stillen Zorne ob Deiner Flucht; indeß, er nahm sich sehr zusammen. Er wolle Dich nicht hindern, meinte er; mit Gewalt schleppte er Dich nicht zurück in sein Haus. Er wird Dir Johanne zur Bedienung schicken und hofft sonst noch jeden Deiner Wünsche erfüllen zu können. Er werde sich schon einrichten und – Du habest den Irrthum hoffentlich bald eingesehen. Und,“ schloß Onkel Heinrich, „so weit wären wir; nun möchte ich von Dir wissen, was jetzt werden soll, wenn Du nämlich mit Deiner bekannten Charakterstärke nicht zum Einsehen geneigt bist?“

Sie blieb stumm.

„Uebrigens leugnet Franz in Bezug auf diesen Wolff – Alles! Und, höre, Trudchen, Du warst sonst immer ein recht vernünftiges Frauenzimmer, was ist Dir in den Sinn gekommen, daß Du diesem alten Esel, der überall als anrüchig bekannt ist, diesem Wolff mehr Glauben schenkst, als Deinem Manne?“

Trudchen griff hastig in die Tasche und faßte den Zettel – da war ja der Beweis. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn hinüber reichen – aber nein, das konnte sie nicht, sie brachte die kleine zur Faust geballte Hand, die das unglückliche Papier umschloß, nicht hervor.

„Ihr solltet Euch da Beide ein wenig entgegen kommen, meine ich,“ sagte Onkel Heinrich nach einem Weilchen; „Ihr habt Euch einmal geheirathet und – au fond – was ist’s denn weiter, wenn er sich nach Deinen Verhältnissen erkundigt hat –?“

Er brach ab vor ihrem dunklen Blick. „Heut zu Tage ist es gar nicht so etwas Besonderes, wenn man –“ stotterte er weiter.

[471] „Das ist es ja nicht, das nicht, Onkel. Hore auf!“ sagte Trudchen.

„Ja ja, ich verstehe Dich schon, in dem Punkte sind die Frauen empfindlicher, und mit Recht,“ nickte Onkel Heinrich. „Na, mir ahnt, der Name ‚Baumhagen‘ wird einmal wieder Stadtgespräch sein im nächsten halben Jahr. Adieu, Trudchen! Kann nicht gerade sagen, daß mich dieser Besuch gefreut hat. Laß Dir die Zeit nicht lang werden!“

In der Thür drehte er sich noch einmal um. „Uebrigens, es wird wohl zur Klage kommen; Franz weigert sich die Forderung dieses Wolff anzuerkennen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er wird sich nicht weigern,“ sagte sie ruhig. „Aber ich bitte Dich, Onkel, nimm Du die Angelegenheit in die Hand und bezahle den Wolff für seine Bemühungen.“

Ihre Augen füllten sich plötzlich mit funkelnden Zornesthränen.

„O la la! Soll ich mich auch noch da hineinmischen?“ Der alte Herr war aufs peinlichste berührt.

„Ich bitte Dich darum, Onkel, ehe es stadtbekannt wird!“ Ein Schlnchzen erstickte ihre Stimme.

„Ja, meinst Du denn nicht, Kind, daß schon leise, leise darüber geflüstert wird? Hm! – Nun, ich will es thun, schon aus Egoismus, Trudchen. Denkst Du, mir ist es gleichgültig? O, la la, was das für große Tropfen sind. Aber, versprichst Du mir dann auch fünf gerade sein zu lassen? Wie? Du kannst doch nicht von ihm!“

Die Thränen in ihren Augen schienen förmlich zu erstarren. „Nein,“ sagte sie, „aber wir werden uns über die Trennung einigen.“

„Bist Du verrückt, Kind?“ rief der alte Herr mit dunkelrothem Kopf.

Sie wandte langsam den Blick von ihm. „Er hat ja doch nur mein Geld gewollt, er mag es behalten,“ klang es leise an sein Ohr. „Ich war Nebensache, ich –!“

„Na, das ist die erste Empfindlichkeit,“ meinte der Onkel beschwichtigend.

„Kennst Du mich so?“ fragte sie und richtete sich in ihrer ganzen schlanken Höhe auf; ihre verweinten Augen sahen unheimlich entschlossen in die seinen.

Der kleine Herr zog eilig die Thür hinter sich zu; das war just, als ob sein verstorbener Bruder ihn anschaute. In unbehaglichster Stimmung warf er sich in den Wagen. Tausend Wetter, wie war er da wieder hineingerathen durch seine Gutmüthigkeit!

Trudchen blieb allein. Einen Moment blickte sie ihm nach, dann schlug sie verzweifelt die Hände vor das Gesicht, flüchtete sich auf das kleine Sofa und weinte.




Es war gegen Abend. Franz Linden stieg die Treppe hinab, stellte sich auf die Terrasse und pfiff gellend in den Garten hinaus. Er wartete noch eine Weile, dann schüttelte er den Kopf: „Der Köter ist ihr nach,“ sagte er leise, „selbst so ein Thier nimmt Partei gegen mich!“ – Er trat wieder zurück in den Saal und stieß auf Johanne, die am Büffet hantierte.

„Sie werden also in einer Stunde nach ‚Waldruhe‘ fahren,“ redete er sie an und sah dabei an ihr vorüber. „Nehmen Sie das Nöthige an Wäsche und Garderobe meiner Frau mit; was sie sonst noch wünscht, steht jeden Augenblick zu ihrer Verfügung.“

Johanne blickte ihn scheu an, das sonst blühende Männergesicht sah so aschfahl aus in der abendlichen Beleuchtung. „Wenn’s noch eine halbe Stunde Zeit hätte, Herr Linden, – ich will dem Fräulein doch wenigstens noch Bescheid sagen über den Milchkeller.“

„Dem Fräulein? Ah – so –“

„Ja, dem Fräulein, die seit gestern bei der Tante Rosa zum Besuch ist; sie erbot sich dazu, Herr Linden, als sie hörte, daß die gnädige Frau fortreiste. Ich weiß ja doch sonst nicht, wie ich abkommen soll; die Dore ist zu dumm und hat auch zu viel zu thun.“

Ehe er noch antworten konnte, hatte sich leise die Saalthüre geöffnet, und hinter der wunderlichen Figur der Tante erschien ein brünettes Mädchen mit rothen Wangen und blitzenden Augen, die, ihn erblickend, einen etwas unbeholfenen Tanzstundenknix machte und gleich darauf von der alten Dame als Heidchen Strom vorgestellt wurde.

Franz verbeugte sich vor den Damen, stammelte ein paar höfliche Worte und bat um Entschuldigung, wenn er sie verlassen müsse, da er noch Briefe zu schreiben habe.

„Es thut mir so leid,“ klagte Tante Rosa, „daß Frau Trudchen nicht zu Hause –“

Er nickte ungeduldig. „Sie wird bald wiederkommen,“ erwiderte er schon im Gehen.

„Wenn die Heidchen irgend etwas helfen könnte in der Wirthschaft –“ schrillte die Stimme der alten Dame ihm nach.

„Bemühen Sie sich nicht!“ wehrte er ab.

„Ich thue es gern,“ versicherte Fräulein Adelheid schüchtern.

Abermals eine stumme Verbeugung von seiner Seite, und dann war er mit großen Schritten aus der Thür. Auch das noch!

Hastig lief er die Freitreppe hinab in den Garten. Er zog noch einmal den Brief aus der Tasche, den er heute Morgen auf der Platte seines Schreibtisches gefunden, und las ihn durch. Es waren nicht die sonst so zierlichen Buchstaben; hart und fest und groß standen sie dort, und doch unsicher wie in zitternder Erregung geschrieben.

Das Blut schoß ihm siedend zum Herzen. „Es wird sich finden!“ Er steckte das Schreiben wieder ein und nahm ein anderes aus der Brieftasche, das vor einer halben Stunde ein expresser Bote gebracht.

„Ich komme so eben von Wolff, mit dem ich ein Arrangement Ihrer fatalen Angelegenheit beabsichtigte. Der Biedermann ist leider seit gestern am Typhus erkrankt und augenblicklich nicht mit ihm zu verhandeln. Ich kann nur bedauern, daß Sie just an Diesen gerathen sind, und verstehe nicht, warum Sie ihn nicht befriedigt haben. Sobald der Gentleman wieder au fait, werde ich mir erlauben, im Interesse meiner Familie und vor allem meiner Nichte, stillschweigend zu handeln, und bitte Sie, nicht durch ein Vorgehen Ihrerseits die Sache zu verschlimmern. Sie haben Rücksichten zu nehmen!
Ich darf wohl als alter Mann Ihnen einen Rath geben? Ich beurtheile diese Angelegenheit sehr tolerant, aber eine Frau denkt anders darüber. Gestehen Sie doch offen dem kleinen beleidigten Weibe die Wahrheit, – bei ihrem Charakter das Einzige, das sie wieder versöhnen könnte. Ich will gern, schon aus naheliegenden Gründen, das Möglichste thun, um ihr die ganze dumme Geschichte im mildesten Lichte hinzustellen –“

„Rücksichten!“ murmelte er, „Rücksichten auf die Familie!“ Dann lachte er auf und ging schneller in den sinkenden Abend hinein. Was sollte er zu Hause, in den leeren Zimmern, an dem unwirthlichen Tisch und mit dem Herzen voll Groll? Kindischer, alberner Eigensinn war es von ihr – und kein Vertrauen! Womit hatte er verdient, daß sie sofort den Stab über ihn brach, ohne ihn zu hören? Nun, sie würde austrotzen, sie würde wiederkommen, aber – der Zauber war gebrochen, der Duft, der Farbenschmelz dahin!

Sein Recht mußte er haben, ohne Rücksichten auf Familie Baumhagen, auf sie, der er die Hande unter die Füße gebreitet in treuer, ehrlicher Liebe. Weher hätte sie ihm nicht thun können, weher nicht, als daß sie dem Schurken mehr geglaubt, als ihm; sie, die sonst so besonnen –. Besonnen?

Er sah noch ihre Augen vor sich, die Augen, in denen tief die Leidenschaft glimmte: er hatte sie mehr als einmal im Zorne blitzen sehen, er hörte ihr erschütterndes Schluchzen, ihre vor Bewegung tonlose Stimme, als sie von dem Vater sprach. Er sah sie, wie sie am Hochzeitsabend droben seine Hände stürmisch an die Lippen preßte, eine stumme beredte Unterwerfung, ein Dank für den Zufluchtsort an seiner Brust. Und nun? Sie war verraucht, diese leidenschaftliche Liebe, unterlegen der ersten Prüfung.

Es dämmerte schon, als er von seinem Gange zurückkehrte. Johanne war fort; das Stubenmädchen, das er auf dem Korridor traf, erzählte, sie habe ihr Kind mitgenommen und einen Koffer voll Kleider und Wäsche, auch die Bücher, welche die gnädige Frau gestern zugeschickt bekommen. Er trat in ihr Zimmer; der süße Veilchenduft, den sie so liebte, hauchte ihn an, die Decke der Chaiselongue lag noch so, wie sie dieselbe beim Aufstehen heute abgeworfen. Er hielt es nicht aus, die Sehnsucht packte ihn zu gewaltsam und drohte ihn weich zu machen, er kam wieder hinunter in den Gartensaal. Unwillkürlich behielt er die halbgeöffnete

[472]

Selige Tage, Tage der Jugend.
Nach dem Oelgemälde von W. Kray.
Photographie im Verlag von Fr. Hanfstängl in München.

[473] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [474] Thür in der Hand – da saß der Amtsrichter am Tische, bestaubt, derangirt von der Brockentour und seelenvergnügt. Aber – wie kam diese Fremde dazu, hier zu schalten?

Das frische brünette Mädchen deckte just den Tisch. Sie hatte über das dunkle Kleidchen eine weiße Schürze gebunden, der Latz schmiegte sich ohne Falten an die volle Brust; sie schob eben mit den runden Armen, die aus den halblangen Aermeln blickten, eine Platte mit kaltem Fleisch auf des Amtsrichters Platz und setzte die Bierflasche neben das Kouvert. Und sie lachte den kleinen wegemüden Freund dabei an, daß alle ihre weißen Zähne durch die Lippen blitzten.

Auch das noch, um die Gemüthlichkeit vollkommen zu machen! Mochte essen wer da wollte! Und nun saß er oben in seinem Zimmer in der Sofa-Ecke; draußen dämmerte die Frühlingsnacht, und eine Mädchenstimme sang um die Wette mit den Nachtigallen dort unten, das mußte die kleine schwarze Adelheid sein; zuletzt scholl es nur noch verhallend aus der Tiefe des Gartens herauf.

Er fuhr erst empor, als der Amtsrichter vor ihm stand.

„Nun möchte ich aber wahrhaftig wissen, Franz – bist Du verhext oder ich? Was ist denn los? Wo ist Madame? Die kleine Schwarze da unten, die wie vom Himmel gefallen scheint, sagte: ,Fort!‘ – Fort? Was heißt das?“

„Fort!“ wiederholte Franz Linden. Es klang so wunderlich, daß der Freund stutzig wurde.

„Es ist etwas passirt. Franz – die Alte, die Schwiegermama hat’s angerichtet. O, diese Weiber!“

„Nein, nein! – Die Sache mit dem Wolff.“

Der Amtsrichter stieß ein gut deutsches Schimpfwort aus, dann setzte er sich neben Linden und schlug ihm auf die Schulter. „Den kriegen wir, Franz,“ tröstete er, „und sie wird wiederkommen, muß wiederkommen, sie wird gar nicht gefragt darum. Aber sie hat das Dümmste gethan, was sie thun konnte, indem sie davonlief.“ Und er begann eine Auseinandersetzung über einen Proceß, der kürzlich in Frankfurt am Main gespielt auf Grund böswilliger Verlassung.

Linden sprang empor. „Bleibe mir mit dem Gesetze vom Leibe!“ sagte er barsch. „Denkst Du, ich werde sie mit Gewalt zurückführen?“

„Und wenn sie nicht von selber kommt, Franz?“

„Sie wird kommen,“ erwiderte er kurz.

„Und der Ehrenmann, dieser Wolff?“

Franz Linden präsentirte dem Freunde eine Cigarre und nahm selbst eine, aber zündete sie nicht an, und indem er sich wieder setzte, sagte er: „Das fragst Du? Habe ich mir schon je etwas gefallen lassen, Richard?“

„Nein, aber worauf stützt sich nun der Mann eigentlich?“

Franz zuckte die Achseln. „Ich sagte Dir schon, daß er erklärte, als ich ihn quasi hinauswarf, er werde sein Recht zu finden wissen. Uebrigens ist der Gentleman krank,“ setzte er hinzu.

„O, das ist fatal!“ bedauerte der Amtsrichter. Er verstummte, denn eben scholl wieder die volle tiefe Mädchenstimme herauf:

„Du hast mir viel gegeben. Du schenktest mir Dein Herz;
Du nahmst mir Alles wieder und ließest nur den Schmerz.“

„Es muß recht schwer sein, Franz!“ flüsterte der Freund nach einer Weile tiefsten Schweigens. „Sehr schwer – ich meine: das Richtige bei den Weibern zu treffen. Wie wirst Du Dich benehmen? Mit Strenge oder mit Milde? Schreibst Du ihr einen groben Brief, oder dichtest Du sie an? Es ist heute so ein Abend, ich könnte selbst Verse machen. Weißt Du, Franz, zünde Licht an und laß uns die Zeitung lesen!“

„Richard,“ sagte der junge Mann laut und stand auf, „wenn Du mir bei der Sache gegen Wolff Deinen guten Rath leihen willst, nehme ich es dankbar an, aber laß meine Frau aus dem Spiele, das ist meine Sache allein!“

(Fortsetzung folgt.)




Burgen in Bozens Umgebung.

Von Ignaz Zingerle.      Mit Illustrationen von Richard Püttner.

Der „gescheibte Thurm“.

Wolfgang Menzel nannte das Etschland von Meran bis Bozen die burgenreichste Gegend, so weit die deutsche Zunge klingt. Und mit vollem Rechte: das von Kastellen und Warten so reich geschmückte Rheinland kann sich mit der Meraner und Bozener Gegend in dieser Beziehung nicht messen, und selbst das schöne Vinschgau steht den Rheingegenden an Schlösserzahl nicht nach.

Die Geschichte erklärt uns das Räthsel dieser Fülle von befestigten Bauten. Schon vor den Römern hatten die Rhätier hier ihre wehrhaften Plätze; als später die Römer den Widerstand der früheren Bewohner gebrochen hatten und Herren des Landes an der Etsch und am Eisack geworden, bauten sie eine Kette von Kastellen und Wartthürmen. Die romanischen und vorrömischen Namen derselben haben sich bis auf unsere Zeit erhalten und geben Zeugniß für das Alter und die Abstammung vieler Burgen. Als endlich Deutsche die Macht der Weltbeherrscher im Gebirge gebrochen hatten, ließen sich Gothen, Langobarden, Bayern und Franken im eroberten Gebiete nieder, saßen in den alten Kastellen oder bauten sich neue Burgen.

Die Wege den Eisack und die Etsch entlang oder über Chur waren die beliebtesten nach Italien und wurden Völkerstraßen. Bozen wurde der berühmteste Handelsplatz zwischen Deutschland und Italien, Meran war seit der Gründung Tirols durch Meinhart II. die Hauptstadt des Landes. Kein Wunder, daß sich alte mächtige oder junge hochstrebende Geschlechter hier im reichgesegneten Etschlande, wo die Traube glüht und die Feige schwillt, mit Vorliebe ansiedelten, alte Burgen erwarben oder neue Schlösser und Edelsitze erbauten!

Meran ist von einem Kranze solcher ehrwürdigen Bauten umgeben, wie das Handel treibende Bozen. Wer kennt deren Namen! – manche Ruine liegt vergessen und verklungen, wie Dornröschens verzauberte Burg, im dichten Gestrüppe oder unzugänglichen Waldesgrunde.

Einst hatte meine Freundin Johnnna von Isser den schönen Plan gefaßt, alle Burgen Tirols zu zeichnen, und über vierhundert Aufnahmen liegen sorgfältig ausgeführt vor. J. von Hormayr, der bekannte Historiker, wollte den Text dazu schreiben. Einige Hefte dieses preiswürdigen Unternehmens erschienen in London – aber bald ward das Fortschreiten der „Ansichten von Tirol“ gehemmt. Sollte der weitgreifende Plan der geistreichen Frau nicht wieder – aufgegriffen werden?

Wir bewegen uns in engerem Kreise und beschauen die bedeutenderen Burgen in Bozens Umgebung. Ich lade meine Leser zu einem kleinen Spaziergange an die Talfer ein.

Durch die enge Fleischgasse wandern wir zur Talferbrücke, von wo aus wir das hochragende Ravenstein, das weltberühmte Runkelstein, die verfallende Haselburg, das uralte, weitgedehnte Sigmundskron, das fernblickende Hocheppan am Fuße der Mendelwand und [475] im Osten das stattliche Schloß Karneid, welches den Eingang ins romantische Eggenthal bewacht, erblicken. Wohin das Auge schweift, begegnen uns somit ehrwürdige Bauzeugen alter Herrlichkeit. Die Rundschau von der Talferbrücke gehört zum Reizendsten, was Tirol bieten kann. Wechselnde Gebirgsformationen, Dolomiten- und Porphyrgebilde, herrliches, fruchtbares Mittelgebirge, lachende Ortschaften, Dörfer und Weiler, malerische Burgen und Kirchlein! Wer kann sich sattsehen an diesem so wechselreichen, bezaubernden Panorama! – Von der Brücke gehen wir nach dem rasch aufblühenden Kurorte Gries, wo Feigenbäume über epheuumrankte Mauern die Aeste breiten, wo schlanke Cypressen ragen und Myrthen, Agaven und Kakteen an sonnigen Felsen wildwachsend gedeihen. Kunstfreunde besuchen gerne die mit M. Knoller’s Fresken geschmückte Klosterkirche. Wir steigen aber zur schönen gothischen Pfarrkirche empor, die einen sehenswerthen Altar aus dem 15. Jahrhundert besitzt. Vor der Kirche bietet sich eine bezaubernde Aussicht auf Nah und Ferne, auf die blühenden Gefilde und die graustarrenden Gebirge.

Partie aus dem Schloßhof von Runkelstein.

Wir verlassen dies „Luginsland“ und wandeln am rechten Talferufer nordwärts zum „Gescheibten Thurme“, der am Fuße des höfebesäten Guntschnaberges an der Mündung einer Schlucht, in die ein Bergbach stürzt, erbaut ist. Ein malerisches, geschlossenes Landschaftsbild! Den runden Thurm wollte man einst als römisches Werk erklären, aber die Bauart weist auf spätere Zeit. Er ist nur der Rest einer mittelalterlichen Veste, die zur Zeit Meinhart’s II. noch gestanden hat. Daneben liegt die alte Oswald- Kapelle mit einem Bilde der „heiligen Kummernus“ (Wilgefortis). Beide mythische Heilige, die wir hier verehrt finden, bezeugen das hohe Alter dieser Kapelle. St. Oswald, der englische König, ist längst als christliche Unterstellung des heidnischen Gottes Odhin- Wuotan nachgewiesen. Welche germanische Göttin steckt aber hinter der bebarteten Jungfrau am Kreuze, die ihren Pantoffel dem armen Geigerlein spendet? Die Legende ist durch ganz Deutschland bis weit in den Norden verbreitet, und Justinus Kerner, wie Guido Görres haben die Sandalen schenkende Heilige besungen. Verfehlt ist der Versuch, in derselben eine Vernus barbata zu entdecken. – Weiter wandernd, folgen wir dem Pfade zur Talferbrücke bei St. Antoni oder Klebenstein, überschreiten dieselbe und ziehen zwischen Weinbergen oder unter breitkronigen Kastanienbäumen nach dem berühmten Runkelstein, der tirolischen Wartburg. Denn wie diese ist unser vielbesungenes Schloß ein gefeierter Sitz der Kunst und Poesie gewesen. Sei gegrüßt, du alter Musensitz, der so feierlich und traut vom mäßigen Schloßberge niederblickt, bewacht von dunkler Cypresse! Im Oktober 1847 betrat ich zum ersten Male deine heiligen Hallen, und seitdem ist die alte Liebe für dich jung und frisch geblieben.

Die Burg, auf welche J. Görres und König Ludwig I. von Bayern die Aufmerksamkeit der Künstler und „Romantiker“ gelenkt haben, war einst Besitz der mächtigen Herren von Wanga, deren Stammschloß weiter nordwärts im malerischen Sarnthale liegt. Am Schlusse des 14. Jahrhunderts kam sie an Niclas Vintler von Bozen, Herzogs Leopold von Oesterreich Rath und Amtmann, und Franz Vintler. Da begann für das Schloß die goldene Zeit. Die reichen, kunstsinnigen Besitzer erweiterten dasselbe, bauten einen neuen Flügel, zwei Thürme und eine Kapelle und schmückten Hof und Gemächer mit Wandbildern, die der Heldensage und höfischen Dichtung entnommen sind. Eine Bibliothek wurde angelegt; Heinz Sentlinger, der Schreiber aus München, schrieb hier die Weltchronik ab, und Hans der Vintler brachte 1411 die „Blumen der Tugend“ in Verse. Künstler und Dichter, besonders Oswald von Wolkenstein, gingen ab und zu. Das damalige Leben und Streben auf Runkelstein hat Herman Schmid in seinem Romane „Friedel und Oswald“ aufs Lebendigste geschildert.

Schloß Runkelstein, von der Talfer aus gesehen.

Eine zweite Blüthe erlebte das Schloß unter Kaiser Maximilian, dem „letzten Ritter“, der es selbst besuchte, der seine Freude an den alten Bildern fand und dieselben am Beginne des 16. Jahrhunderts restauriren ließ. Die sorgfältige Erhaltung Runkelsteins lag unserem romantischen Kaiser ebenso am Herzen, wie das Heldenbuch an der Etsch, welches er durch Hans Ried, Zöllner in Bozen, abschreiben ließ. Im Jahre 1501 übergab der Kaiser dem Landsknechtführer Jörg von Freundsberg die Pflege und Hut der geliebten Burg. 1538 gelangte sie an den Grafen Christoph von Lichtenstein und blieb im Besitze seines Geschlechtes bis 1754; nun wurde sie Mensalgut der Fürstbischöfe von Trient, die sich aber um den profanen Bau nicht viel kümmerten. So verfiel das berühmte Schloß mehr und mehr, – und in einer Nacht des Jahres 1868 stürzte eine Wand der mit Gemälden geschmückten Säle in die Tiefe. Manchem eingebornen „Romantiker“ ging das Unglück der vielgefeierten Burg schwer zu Herzen, und Fremde höhnten über ihr trostloses Schicksal. Es handelte sich um Sein und Nichtsein eines tirolischen Kleinods. In jenen Tagen von Runkelsteins Schmach vertraute ich auf den guten Burggeist und die Fürbitte des höchstseligen „letzten Ritters“ und beschloß endlich als Erzromantiker und „letzter treuer Knappe“ des in den letzten Zügen liegenden Schlosses ein unterthänigstes Promemoria abzufassen, dessen kurzer Sinn darin bestand: unser ritterlicher Kaiser möchte sich der Lieblingsburg eines seiner größten und berühmtesten Ahnen, des „letzten Ritters“, huldvollst erbarmen. Und siehe, meine fromme Zuversicht hatte mich nicht ganz getäuscht! – An einem schönen Maimorgen 1874 erhielt ich die hocherfreuliche Zuschrift, daß die nothwendigen Herstellungen auf Kosten des Staates vorgenommen und zur Restaurirung des Schlosses geschritten werden solle. Ein Kredit bis zu dem Betrage von 1200 Gulden sei bewilligt. Welch süßes Frühlingslied! – Wirklich wurde das Nothwendigste zur Erhaltung der Burg ins Werk gesetzt – doch sie war verkäuflich, wer wird sie erwerben und retten? Da überraschte mich Freund Alois Gabl, der berühmte Maler in München, mit der [476] Nachricht, daß er mit einigen Genossen einen Kaufantrag an die fürstbischöfliche Mensa gestellt habe und daß man das Schloß zu alten Würden und Ehren bringen wolle.

Blick auf die Burgen Ried und Ravenstein.

Während man täglich auf den Kaufabschluß wartete, kam die Kunde, daß Erzherzog Salvator von Toscana die Burg erworben habe – und nach kurzer Zeit verbreitete sich „die frohe Mär“, daß Runkelstein in den Besitz Kaisers Franz Joseph übergegangen sei. Nach zehn Jahren war der Wunsch meines Promemoria in Erfüllung gegangen. –

Wir betreten den traulichen Schloßhof. Von dem Söller begrüßen uns die bekannten Triaden, welche die besten Kaiser und Könige, die bewährtesten Ritter und Liebespaare, die schrecklichsten Riesen und Riesinnen etc. darstellen. Welcher Freund mittelhochdeutscher Dichtung freut sich nicht, die gefeiertsten Recken der Heldensage: Siegfried, Dietleib und Biterolf, die besungensten Ritter der höfischen Dichtung Parcival, Iwein und Gawein neben den drei minniglichsten Frauen dargestellt zu sehen! Findet man in einer zweiten Burg ähnliche Bilder aus der mittelalterlichen Sagendichtung? Doch blicken wir aus der alten Burg hinaus ins Freie! Welch überreiches Bild südlicher Schönheit und Ueppigkeit gegen Südwesten, welch entgegengesetztes Bild einsamer, großartig wilder Thalschlucht gegen Norden! – Die schroffsten Gegensätze der Naturscenen findet man hier vereint. – Nachdem ich mit meinem Begleiter Alles besichtigt und bewundert, stiegen wir wieder herab in den Hof, setzten uns in der Nähe eines prächtigen Feigenbaumes und brachten ein donnerndes Hoch auf den neuen Herrn und hohen Beschützer des geretteten Runkelstein und wünschten unserer Wartbnrg Heil und Glück zur neuen Urständ auf ferne Zeiten.

Wer aber Runkelstein verläßt und noch Muße hat, der wandert nordwärts am linken Talferufer bis zum Zolle, beschaut sich das einsame Schloß Ried, bewandert das hochragende Ravenstein und die wilde Thalenge mit den senkrecht sich aufthürmenden Felswänden, von denen da und dort eine kleine Kaskade niederstürzt oder an denen reiche Epheuteppiche sich hinanschlingen. Die wilden Naturbilder der Talferschlucht üben große Zauberkraft auf Landschaftsmaler, die oft nur deßhalb so gerne Bozen besuchen.

Hocheppan.

Wie sieht das paradiesische Ueberetsch mit seinen Burgen, Dörfern und Weilern so verlockend herüber nach Runkelstein! Der Anblick wirkt wie der Gesang bethörender Sirenen. Unwillkürlich folgt man, – und wird in dies fromme Revier, das von der Burg Hocheppan stolz überragt und überwacht wird, hingezogen. Wie ein kühner Adler blickt die hohe Welfenburg trotzigen Blickes weit nach Norden, Süden und Osten, während die andern zahlreichen altersgrauen Burgen bescheiden zu ihren Füßen zerstrent liegen. Hocheppan ist das zerfallende Denkmal weitstrebender Macht und politischen Ringens,Runkelstein die Denksäule bescheidenen idealen Wirkens und Schaffens. Hocheppans mächtige Herrschaft ist für immer gebrochen, Runkelsteins gefeierte „blaue Blume“ blüht noch fort.

(Schluß folgt.)


[477]

Unruhige Gäste.

Ein Roman aus der Gesellschaft.
Von Wilhelm Raabe.
(Fortsetzung.)


Daß der Pastor Prudens die rechte Art, mit dem Räkel in seiner Stimmung umzugehen, getroffen hatte, bethätigte derselbe ihm dadurch, daß er ihm einen von den zwei Schemeln der Hütte zuschob und, wenn auch verstockt, so doch merklich geduckt, und als ein Mensch, der Verstand hatte und Vernunft annehmen konnte, sagte:

„Nun denn, so probiren Sie’s in Gottes Namen, Herr, ob Sie es mit Ihrer Gelehrsamkeit besser fertig kriegen als Ihre liebe Fräulein Schwester, den zwei Waisenkindern da und ihrem Vater den Begriff davon beizubringen, daß sie alle Drei im Unrecht sind mit ihrem Willen hier am Leichuam gegen das Dorf und alle Behörden, ob sie Kaiser, Papst oder Polizei und Ortsvorsteher heißen. Jawohl, Sie haben Recht darin, Herr Pastor, daß es wohl billig ist, daß Fuchs sich nicht vor den Worten derjenigen fürchtet, die allein keine Angst haben vor dem Gift, das er in seinem Elend an sich tragen mag, die mit ihm aus der Flasche trinken, die er seiner Kranken an den Hals gehalten hat, und welche ihm die Hand auf die Jacke legen, die er ihr auf ihre armen Füße gebreitet hat. Kind, Mädchen, lege Dich nieder, schlaft weiter, Racker, Beide; der Herr Pastor hat noch mit Papa zu reden.“

Aussehen mochten sie wie sie wollten, gut gezogen waren sie, die zwei jungen Füchse, einerlei ob von dem Räkel oder von der Fee. Sie gehorchten aufs Wort. Das kleine Mädchen, dessen scharfe Augen gestern Abend den Groschen der Reisegesellschaft zuerst im Grase der Vierlingswiese entdeckt hatten, begriff sofort, daß es nicht gut thue, den Vater und den Herrn Pastor durch das leiseste Rascheln im Bettstrohe und Laub zu stören. Nachdem es wieder zu dem Bruder gekrochen war, hörte man nichts mehr von den Zweien; aber die vier dunkeln Augen leuchteten wie wirkliche Fuchsaugen beim Flackern der Tannenspähne auf dem Herde aus ihrem Winkel in der Köthe. Und es war vielleicht gut, daß die beiden Männer wußten, daß sie nicht unter sich allein waren. Sie vergaßen es leider doch nur zu oft während der nächsten halben Stunde.

„Volkmar Fuchs, der Herr hat Ihr Weib aus einem schweren, wilden Leben zu sich gerufen,“ sagte jetzt der Pastor Prudens.

„Aus einem fidelen, einem lustigen Leben, Herr. Das weiß der Himmel! Aber sie hatte sich ja ganz gut hineingefunden, Herr; hat pläsirlich ausgehalten bei Mann und Kind im Leben und Sterben – oder wissen Sie es anders?“

„Gewiß nicht, Fuchs! Sie ist Ihnen eine treue Frau gewesen, und Ihren Kindern, so gut sie’s sein konnte in ihrem Schicksal, eine gute Mutter. Aber haben Sie an ein solches Dach über ihrem Kopfe, an ein solches Lager unter ihrem kalten Leichnam gedacht, als Sie sie überredeten, zu Ihnen zu kommen, für Gut und für Böse, für Gesundheit und Krankheit, für Leben und Tod, Volkmar?“

„Wer kann an so was denken zu seiner Zeit? Der Satan weiß es!“

„Gott der Herr, der es zugelassen hat, weiß es, Volkmar Fuchs! Er, der ihre Seele jetzt, wie wir demuthvoll hoffen wollen, in seinem Frieden hält, und der in dieser Stunde nur – Das da, an dem Du Deine Erdenlust hattest, Dir gelassen hat, fragt Dich, ob Du Dich noch immer nicht bändigen kannst, ob Du das, was Deine Erdenfreude war, den armen Staub, dem Er Odem einblies, nun mißbrauchen willst, Ihn zu höhnen, indem Du Asche zu Asche nicht versammeln willst auf Seinem Acker – Gottes Acker – in Deinem kindischen Trotz?“

Das da!“ erwiderte der Räkel hinter seinen aufeinander geschobenen Zähnen. „Damit haben Sie wohl das richtige Wort getroffen, Herr! Und die da!“ er zeigte auf die Kinder im Stroh, „und der da!“ er schlug sich mit der Faust, im Grimm lachend, auf die Brust – „das, und wenn’s aufs Feine und Lustige ging, der Räkel und die Fee und ihre Brut – das sind wir gewesen in gesunden Tagen mitten unter ihnen im Dorfe und im Giftfieber in unserer Verlassenheit allein hier im Fuchsbau, und das wollen wir jetzt bleiben, nicht bloß ihnen zum Tort, sondern unsertwegen! Der Räkel und seine Jungen geben ihre Fee – das da, Herr Pastor! dem Dorfe nicht auf seinen Kirchhof; so lange ich Knüppel und Handbeil halten kann und mit dem da umzugehen weiß!“

Bei den letzten Worten hatte er auf seiner Lagerstelle zu Füßen der Leiche unter das Laub gegriffen und hielt dem Pfarrer einen Revolver vor die Augen.

„Sechsläufig, Herr! und daß Volkmar Fuchs einen guten Treffer hat, das weiß die Bande im Dorfe ja auch zu allem Uebrigen; aber Sie mögen dreiste, der bessern Warnung wegen, noch ’n bischen weiter von dem Spielding zu Hause erzählen.“

„Unglücklicher Mensch, man wird ins Thal um Hilfe schicken –“

„Und den Räkel wieder mal mit Stricken um die Fäuste drunten abliefern? Ja, aber erst nachher, wenn das Thier sich gewehrt hat bis auf den letzten Biß.“

„Mensch, und die Kinder? Wie lieb hat Dein Weib ihre Kinder gehabt –“

Da lachte der Mann in der Fieberhütte, wie selber vom grimmigsten Fieber gepackt –

„Und abgerichtet hat sie selber sie hierzu in ihren letzten Phantastereien! Ja, bitte, fragen Sie nur die Kinder, wie leicht Waldlaub, Todtenstroh, Fichtenharz und Tannenborke in Feuer aufgehen. Das besorgen sie schon mit einem Scheit vom Herde, ohne daß ich winke. Füchse schmaucht man aus; soweit sind sie aber Menschengeschöpfe, daß sie auch die höchste Behörde im Nothfall von ihrer Mutter nach deren letztem, sterbendem Willen wegschmauchen und selber frei durch den Qualm springen.“


7.

Der Gebirgswind um Mitternacht hatte kein Regengewölk zusammengetrieben; im Gegentheil hatte er das Himmelsgewölbe womöglich noch reiner gekehrt und glänzender gemacht, als es am vergangenen Tage gewesen war. Nachdem er den Pfarrer auf seinem Heimwege von seinem vergeblichen Gange mit leisem vergeblich zu Ruhe singenden Hauche begleitet hatte, war er in der Dämmerung wieder ganz still geworden.

Nun lagen die Berge schon früh in der heißesten Sonne, die Tannenwälder dufteten Weihrauch; wie Goldtropfen entquoll ihnen das bernsteinfarbige Harz. Die Quellwasser blitzten und rauschten durch Schlucht und Kluft oder schlichen leise durch die bunten Wiesen. Glockengeläut klang von den zu ihren Tagesweiden aus den Thälern aufsteigenden Herden. Die Menschen nahmen ihre Arbeit auf der Oberfläche der Erde von Neuem auf; unter der Erde in den Bergwerken hatte sie freilich auch durch die Nacht nicht still gestanden.

Ob der Pastor Prudens um diese Zeit schlief, ob er überhaupt hatte schlafen können, wissen wir nicht. Aber seine Schwester nahm das erstere an, da sie an seiner Thür gehorcht hatte, ohne ein Geräusch aus seiner Kammer zu vernehmen.

„So hat ihm Gott geholfen, das starre Herz des Armen zu bewegen,“ sagte Phöbe Hahnemeyer. „Ich aber habe geschlafen, da ich auf seine Rückkehr warten sollte; da ich hätte wachen sollen, um mit ihm Dem zu danken, welcher ihm die Kraft dazu in sein strenges Herz legte und die rechten Worte auf seine Lippen.“

Sie stieg in den Garten hinunter und traf daselbst unter den wenigen, noch vom Vorgänger im Amte herstammenden Blumen und Ziergebüschen mit dem Gaste zusammen, der auch schon mit dem Frühesten auf war.

Das junge Mädchen hätte wohl keine Rechenschaft darüber ablegen können, wie es zuging, daß es ihr jetzt zum ersten Mal auffiel, wie vernachlässigt dieser Garten jedem Fremden erscheinen mußte. Als sie nun nach dem Morgengruß neben diesem jetzigen Freunde stand, fühlte sie unwiderstehlich das Bedürfniß, etwas zu ihrer Entschuldigung darüber vorzubringen.

„Ich spräche die Unwahrheit, wenn ich sagte, wir hätten nicht die Zeit gehabt, uns darum zu kümmern. Wir haben wohl [478] nur nicht daran gedacht. Wir hatten wohl gleich vom Anfang unseres Hierseins recht viel mit den Menschen zu thun, und ich bin auch ein wenig unerfahren hierin –“

„Und die Welt rundum ist ja selbst nur ein größerer Garten!“ half ihr Veit von Bielow, lächelnd. „Man hat sich ja auf allen Seiten, nach allen Richtungen hin gegen das schöne Andringen von Busch und Baum und Blume zu wehren. Sie sind doch eine Gärtnerin, Fräulein Phöbe; und zwar auf einem der wundervollsten Flecke dieser Erde. Man sieht nicht aus jedem Fenster in den Häusern der Menschen in solch’ eine künstlerisch-glorreiche Wildniß hinein, und man hat leider nicht von jeder Thür aus so viele Wege zum Lustwandeln zur Auswahl, liebes Fräulein.“

„Wir sind diese Wege nach dieser Weise noch nicht gegangen,“ sagte Phöbe Hahnemeyer; und der Gast, sie fast scheu von der Seite anblickend, dachte: „Armes Kind, unter welchen steinernen Augen und Herzen mußt Du aufgewachsen sein; in was für harten Mauern hat man Dich gefangen gehalten!“

Laut fragte er:

„Sie wohnen schon längere Zeit hier bei Ihrem Bruder?“

„Er hat mich erst, nachdem er hier das Amt bekam, zu sich rufen können. Es sind zwei Winter –“

„Zwei Winter! … Und Sie wohnten bis dahin –“

„Ich war Pflegerin und Lehrerin der kleinen Kinder in der Idiotenanstalt zu Halah.“

Der Gastfreund aus dem Tagesleben trat unwillkürlich einen Schritt zurück:

„O, da war dieser Ruf Ihres Bruders, meines Freundes Prudens, in der That ein Ruf der Erlösung, ein Ruf der Freiheit?!“

„Ich ging nicht gern. Die Kleinen hatten mich lieb; es ist so schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen, und auch nicht leicht, die ärmsten unter ihnen ohne eigenen Zorn im Zaume zu halten. Ich bin mit bangem Herzen gegangen, denn sie weinten fast alle – die, welche das können, nämlich. Ich hatte mich in sie hineingelebt.“

„Und da fürchteten Sie nun für Ihre armen Schutzbefohlenen unter dem neuen Regime Ihrer Nachfolgerin?“

„Nicht für die Kinder, denn die hat der Herr besser gewappnet, als man draußen wohl denkt; aber für die arme Schwester Therese. Es ist nicht Jedem gleich leicht gemacht, seine Seele zu demüthigen und sich mit allen seinen Gedanken in die Gedanken der Unmündigen des Herrn zu finden und mit sich selber ganz und gar bei ihnen in ihrem Kreise zu bleiben und ihnen zu helfen, daß sie darüber hinaussehen können.“

Des Gastfreundes Betroffenheit steigerte sich mit jedem Worte, das dieses Mädchen aussprach. Je unbefangener, ruhiger, kindlicher sie auf jede seiner Fragen antwortete, desto gespannter, aber auch desto scheuer (wir wissen keinen andern Ausdruck) fragte er weiter:

„Prudens wird es sehr wohlgethan haben, Sie zur Gesellschaft und Hilfe bei sich zu haben? … Aber er hätte Sie doch lieber im Frühling hier in die neuauflebende Schönheit der Natur versetzen sollen, und nicht, wie ich Ihren Worten entnehmen muß, zu Anfang oder gar inmitten des Winters.“

„O nein! Es konnte sich gar nicht besser fügen, wenn ich ihm zur Hilfe und Gesellschaft vom guten Gott zugeschickt werden sollte. Die Winter sind gewaltige Zeichen des Herrn auf diesen Höhen. Ich gelangte nur noch mit Mühe und Noth zu unserer Hausthür, aber darum auch grade zur rechten Zeit. In der Nacht nach meiner Ankunft wuchs der Schnee um das Haus schon bis über die Mitte der Fenster des Unterstocks. Da öffneten wir die Thür noch einmal zu einem Wege ins Dorf. Nachher war das nicht mehr möglich, und der Schnee lag wochenlang bis an die Fenster des Oberstocks; auch bis unter das Fenster Ihrer Schlafkammer, Herr Baron. Da waren wir Geschwister freilich allein mit einander, und durch den lieben Gott auf uns allein angewiesen. Denn auch mein Bruder hatte noch keinen Winter hier erlebt, da er erst mit dem Frühjahr, zu Ostern, eingezogen war in die Pfarre. Und sie hatten wohl vergessen, ihn zur rechten Zeit aufmerksam zu machen, daß er sich vorzusehen und mit allerlei Lebensbedürfnissen zu versorgen habe für den Januar und Februar, um mancherlei Unbequemlichkeiten zu entgehen. So haben wir nun einige Zeit leben müssen, als ob wir die Einzigen, Letzten seien, die der Herr vor seinem Wiederkommen zum Gerichte auf der Erde in Dämmerung und Dunkelheit gelassen habe. Das Oel ging uns aus, an Brot vom Bäcker war nicht zu denken; und recht unangenehm war’s, als wir in den letzten Tagen unserer Gefangenschaft durch den Schnee auch kein Salz mehr besaßen. Aber wir brieten unsere Kartoffeln in der Asche, und das ist sehr gut. Und um Trinkwasser zu bekommen, brach Prudens die Eiszapfen, die er von den Fenstern erreichen konnte, rund um das Haus vom Dachrande ab.“

„So waren Sie tagelang von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten?“ rief Veit.

„Wohl einige Wochen; – wie Seefahrer, eingefroren auf einer Scholle im Eismeere,“ sagte Phöbe lächelnd.

„Wochenlang – in Dämmerung und Dunkelheit – eingesperrt mit keinem andern Menschenkinde als meinem Freunde und keinem andern Menschengesichte als dem Ihres Bruders – meines – sehr – guten – Freundes?!“ murmelte der Gastfreund, jetzt wirklich schaudernd.

„Es war sehr lieblich und voll Segen. Mein Bruder hat mir da manche Zeichen deuten können, an denen ich bis dahin unwissend und unachtsam vorbeigegangen war. Wir haben bei einander gesessen, und er hatte Zeit für mich, mich zu belehren, und meine Seele hat sich mehr und mehr in die seinige finden können.“

„Und Sie haben es wieder möglich gemacht, auch in diesem Kreise sich des eigenen Willens zu entäußern wie unter den Idiotenkindern zu Halah – Schmerzhausen in der Uebersetzung in unser Deutsch?!“

„Es hat Vieles Platz in dem Ringe, den mein Bruder um sich gezogen hat. Weßhalb nicht ich mit meiner unverständigen, kindischen Seele?“

„Aber die Frühlingsstürme kamen, der Schnee schmolz, oder die Bauern gruben wieder Wege durch ihn, und die Schwester und der Bruder gingen wieder aus der Thür – in die Welt – zu den Nachbarn, Phöbe?!“

„Gott ist langsam oder rasch nach seinem Willen in allen seinen Werken, in seiner Liebe und in seinem Zorn. Auch der höchste Schnee schmilzt im Augenblick vor seinem Hauch. Hier auf den hohen Bergen läßt er den Frühling in Wahrheit über Nacht kommen. Wir gruben zuerst einen Weg durch diesen Garten zu seinem Hause. Dann schaufelten die Nachbarn, welchen in ihrer Abgeschlossenheit doch Kinder geboren und Kranke gestorben waren, einen Pfad zu uns hin; aber das war eigentlich schon unnöthig. Nun war es sehr schön, in wenigen Tagen die Wälle, die um uns geschichtet lagen, sinken zu sehen, bis der erste Sonnenstrahl wieder in mein Stübchen dort im Erdgeschoß fallen konnte. Rundum schüttelten auch die Tannen ihre weiße Last ab – da war schon Grün von ferne; aber köstlicher war doch der erste schwarze Fleck Erde, der dort unter den alten Gräbern des alten Kirchhofes zum Vorschein kam. Da hab’ ich mich wohl in die Seele Derer in der Arche versetzen können, als die Taube wieder auf des Erzvaters Hand zurückflatterte und ihm ein Blatt vom Oelbaum mitbrachte zum ersten Zeichen vom Frieden Gottes mit seiner sündigen Erde. Ja, da durften auch wir wieder aus unserer Arche und Einsamkeit treten und fröhlich nicht unter die Todten auf dem wüst und leer gewordenen Acker, sondern wieder hin zu unsern lebendigen Brüdern und Schwestern; denn – so lange die Erde stehet, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Mein Bruder führte mich zu den Häusern, die unsere Gemeinde ausmachen; da habe ich viel Freundliches erfahren von den Leuten, jung und alt, und mich nachher oft geschämt, daß ich doch nicht ohne Angst nach Hause kam. Es ist aber so, der Herr will uns durch unsere Schwachheit erinnern, daß wir immer das im Gedächtniß behalten, wie wir allezeit umfangen sind in der Sünde, und daß es nur seine Gnade ist, die uns rettet in seine Versöhnung. Der farbige Bogen seines Bundes, der zuerst auf dem Gebirge Ararat stand, leuchtete auch über diesen Bergen bei unserer Heimkehr, und Prudens deutete mir tröstlich das Wort: ‚Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf; und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles was da lebet, wie ich gethan, habe. Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.‘“

[479] Der Gast fragte nicht genauer nach der Art und Weise, wie das Dorf diese Schwester und diesen Bruder bei sich aufgenommen hatte. Daß er keine Anmerkung aus der Zeitlichkeit, der Weltlichkeit, aus dem „Säkulum“ machte, dazu half ihm aber ein anderes, der Vorsteher des Dorfes, welcher wieder in der Gartenthür stand und den Beiden seinen Morgengruß bot.


8.

„Nur auf ’nen Augenblick, nur auf ein kurzes Wort, Fräulein; da der Herr Pastor wahrscheinlich nach gehabten nächtlichen Strapazen noch in den Federn liegen und ich beileibe nicht ihn daraus aufstören möchte, noch dazu da er uns ja doch keinen Schritt weiter in der verdammten Geschichte befördert hat. Sie, lieber Herr, entschuldigen wohl, daß ich Ihnen für ’n Moment unsere, so zu sagen, geistige Pfarrmutter aus der Hand nehme; ich bin gleich mit ihr fertig. Na, Fräulein Hahnemeyer, Sie wissen wohl schon im Voraus, worum es sich handelt. Ich komme eben von der Vierlingswiese, und der Herr Bruder ist um Mitternacht draußen gewesen und hat natürlich bei dem verrückten Flegel, dem Räkel, in den Wind trompetet und sich die Zunge trocken geredet.“

„Ich habe meinen Bruder nach seiner Heimkehr leider noch nicht gesprochen –“

„Nun, dann kann ich Ihnen eben als das Allerneueste mittheilen, daß wir noch ganz auf dem nämlichen Flecke stehen, wie gestern Abend. Ich habe es mir aber gleich gedacht – unser Pastor und der Räkel?! Na, es wäre wohl eine Kuriosität gewesen, diese Unterhaltung von ferne mit angehört zu haben. Aber weiter brächte uns das gegenwärtig auch nicht; und mich brauchte ja die ganze Geschichte, wie ich über Nacht mir überlegt habe, eigentlich nicht eher zu kümmern, bis der Landphysikus herausgeritten kommen ist und ich die Fee in der Standesamtsliste rechtlich und ordentlich in dieser Hinsicht versorgt und abgethan zu Papier und im Buche habe. Aber so ist der Mensch! Rechte Ruhe hat er nun mal doch nicht, zumal in verantwortlicher Stellung, wenn ihm so was auf der Seele und in der Feldmark liegt. Ja, wenn da mit dem Abschieben an den nächsten Nachbar geholfen wäre! Und die Heuernte liegt mir dazu auf dem Gemüthe, und so hat mich die Unruhe wieder hergetrieben, da ich doch weiß, wie Sie gewöhnlich schon vor Tage zu Beinen sind, Fräulein Phöbe, ob Sie denn wirklich gar nichts weiter dazu thun können, daß uns dieses Aergerniß ohne weitern Rumor und fernere Unkosten vom Buckel genommen wird?“

„Ich?“ fragte Phöbe Hahnemeyer. „Wo mein Bruder nichts ausgerichtet hat?“

„Ja, der Herr Bruder, der Pastor! … Wenn Sie sich noch einmal rechte Mühe mit dem Unthier auf der Vierlingswiese, nach Ihrer Weise geben wollten!“

„Wie fände ich nun die rechten Worte, da sie mir der Herr gestern Abend nicht gab, als ich dem Unglücklichen half, die Leiche zurecht zu legen?“

„Versuchen Sie es doch noch einmal, bestes Fräulein. Vielleicht ist der Herr Pastor, der Herr Bruder doch noch nicht Trumpf gewesen, und Sie haben noch die beste Karte in der Hand. Bitte, gehen Sie noch mal hin; stellen Sie’s dem Lümmel noch mal vor auf Ihre Art, wie nichtsnutzig und undankbar seine Aufführung ist. Kann denn die Gemeinde davor, daß das schlechte Leben das Fieber bringt? daß unser Herrgott den Tod schickt? Für das Unterkommen auf der Vierlingswiese hat doch die Kommune nach Vermögen gesorgt und auch sonst nach Kräften das ihrige gethan. Und selbst wenn Sie, liebstes Fräulein, diesen verrückten Unmenschen, wie ich erhoffe, durch Ihre liebe Seele und Zurede herum kriegen, so ist ja doch auch noch an den Sarg und was sonst dazu gehört zu denken, denn dieses nimmt uns auch Niemand von der Tasche.“

„Das würde ich thun, wenn Sie mir die Freiheit gestatten wollen, Vorsteher,“ sagte der Gast des Pfarrhauses.

„Hochwillkommen wären Sie uns dazu, liebster, bester Herr!“ rief der Vorsteher mit offenem Munde. „Ja ganz gewiß, wäre das eine große Freundlichkeit und Generosität. Haben Sie das gehört, Fräulein Hahnemeyer? und so bitte ich Sie nochmals recht höflich, helfen Sie uns zu dem Uebrigen! Versuchen Sie’s wenigstens noch mal, daß es ohne Gewalt und Einmischung der Behörden da unten für uns abgeht!“

Aus Phöbe’s Augen hatte nur ein kurzer, fast erschreckter Blick den Gastfreund gestreift; die Hand, mit der sie die Tassen auf dem Frühstückstisch in der Laube ordnete, blieb ruhig bei ihrem Geschäft. Aber der Gast hatte das plötzliche Leuchten aus dem stillen Blau wohl erfaßt und hatte ein volles freudiges Verständniß dafür. Ging man dem Dinge in der Seele des Gelehrten, des Weltmannes, des Wanderers auf den Grund, so fand man, daß die Lust, noch einen Tag oder einige Tage länger bei diesem Geschwisterpaar verweilen zu dürfen, nicht geringen Antheil an seinem überraschenden, ungeforderten ersten Eingriff in diesen seltsamen Zustand hatte, der so wenige Schritte seitab von seinem gestrigen Wege und der allgemeinen Reisestraße der Entwickelung zureifte.

Doch in diesem Augenblicke kam auch der Pastor Prudens in seinem Hausgarten an und hatte zuerst natürlich seinen Dorfgewaltigen anzuhören und ausreden zu lassen.

Er sah kümmerlich und übernächtig aus, der Pastor Prudens. Seine Schwester hatte ihn nie so unkräftig, so müde, abgespannt gesehen. Was konnte er erfahren haben in der letzten Nacht, das ihn so merklich verändert hatte am Leibe und, wie es schien, auch in seiner sonst so trotzigen, wehrhaften Seele?

Er ließ den Vorsteher auf sich einreden, ohne nach seiner früheren heftigen Art ihn beim dritten Wort schon zu unterbrechen und das Maßgebende lieber selber zu bemerken. Er hörte von Neuem von den Molesten, die der Räkel dem Dorfe machte, und dazu von der Großmuth des gegenwärtigen, verehrten fremden Herrn.

Matt sich auf die Lehne eines Gartenstuhls stützend sagte er:

„Ja, auch ich habe nichts ausgerichtet. Ich habe mir zu viel zugetraut in meiner Ueberhebung, und so bin ich allein gelassen worden auf dem Felde und komme als ein Geschlagener aus dem Kampfe. Der Mann im Elend der Erde hat die bessere Hand und das grimmigere Wort in seinem Streite mit uns gehabt.“

„Du hast nicht geschlafen, Prudens?“ fragte die Schwester, ängstlich und zärtlich dem Bruder den Arm um die Schulter legend.

„Ihn und seine Kinder habe ich aus dem festesten Schlafe geweckt, und vergeblich – vergeblich! Er ist auch wieder eingeschlafen, mit der Axt in der Hand, vor der Leiche seines Weibes. Der da! Das da! Die da! … Ich aber habe wachend durch die Nacht gelegen und statt Gedanken nur die Worte: ‚der Räkel und die Fee – der Räkel und die Fee‘ im Hirne gehabt und gewälzt. Ihr Leute im Dorfe, wer soll Euch nun helfen gegen Eure lustigen, leider nicht vom Wind verwehten Worte?“

„Ja, ja,“ brummte der Vorsteher, kopfschüttelnd sich hinter dem Ohr krauend, „das ist freilich der Punkt und die Fatalität. Daß Sie nichts ausgerichtet haben, Herr Pastor, verwundert gewiß Keinen; – eine spitze Schnauze und ein gutes Gebiß hat der Rä–, der Volkmar Fuchs immer aufzuweisen gehabt und schlimm genug hat ihm unser Herrgott in den letzten Zeiten auch mitgespielt. Man wüßte wohl selber nicht recht, was man an seiner Stelle sagte und thäte; aber geholfen muß werden, und also, Fräulein, wie gesagt, wenn Sie’s nun noch einmal versuchen wollten in Güte, ehe wir die Gewalt aufbieten?! Und der verehrliche fremde Herr, wenn der vielleicht die große Güte haben wollte und sich nicht genirte und mit Ihnen ginge, Fräulein Hahnemeyer? Der Herr kommt doch gewiß aus der vornehmen Welt, das merkt man schon an Allem; und aus der vornehmen Welt stammt doch eigentlich auch ein gut Theil von des Rä–, des Volkmar’s Boshaftigkeit. Denn wer ihn vorher gekannt hat, der muß doch sagen, trotz allem was schon an ihm hing, daß es ihm nicht gut gethan hat, als ihn der Herr Graf seines schönen Bartes wegen als Leibjäger mit nach außen nahm! Und also, wenn dieser Herr nun auch von seinem Standpunkt und von außen her ihm zuredete, ich glaube, ein bischen hülfe das auch und ersparte uns viel Wüstes und viel Maulreißens draußen im Lande und drunten im Bade. Na, wie wäre es, Fräulein Phöbe, und Sie Herr Baron – ich weiß nicht, wie ich Sie betituliren soll?!“

„Du würdest dieses für keine Ueberhebung meinerseits, für kein unbefugtes Eingreifen in diese Verhältnisse und wunderlichen Zustände erachten, lieber Freund?“ fragte der Professor.

[480] Der Pfarrer, der sich müde niedergelassen am Tische und den Kopf auf den Arm gestützt hatte, hob die Stirn von der Hand und seufzte:

„Ich habe meine Unmacht zu deutlich erkannt, um irgend einem Andern, wer es sei, zu wehren, seine Kraft in diesem Schrecken der Zeitlichkeit zu erproben. Gehe, Phöbe, wie der Vorsteher es wünscht. Wie Du willst, Veit! Dir mag es ein etwas ungewöhnliches Reise-Erlebniß sein.“

„Ich weiß es wie Du, Prudens Hahnemeyer, daß es zu den guten Werken gehört, die Todten zu begraben,“ sagte der Mann aus der Gesellschaft, und der Pfarrer nickte matt, ohne auf die leise Rüge in dem Tone des Jugendfreundes Acht zu geben.

„Es würde freilich auch kaum Geld genug, den Sarg zu bestellen, in dem Hause auf der Vierlingswiese sein, wenn Ihr mehr ausrichtetet als ich,“ sprach der Pastor weiter, als ob er nicht unterbrochen worden sei. „Sagte nicht der Vorsteher auch von einem Anerbieten Deinerseits in dieser Hinsicht? Ich würde das im Namen unserer Gemeinde annehmen können, wie – Dein freiwilliges Eintreten in diese Verhältnisse und Zustände überhaupt.“

„Jawohl, mit schönstem Danke soll er eintreten dürfen, der verehrte Herr!“ rief der Vorsteher. „Wenn er unsere Zustände und Verhältnisse hier oben bei dem Ackerboden und unter der Erde bei diesem Kümmerniß im Bergwerke besser kennte, würde er noch viel genauer wissen, wie nöthig wir’s haben, daß uns dann und wann Einer, und zumal in solchem Falle, mildthätig unter die Arme greift. Nun, auf den Herrn hier verlasse ich mich schon; er frißt es beim Räkel durch, und der Herr Physikus wird ja wohl auch bald herauf reiten, der mag dann den Todtenschein ausstellen – Herr Gott im Himmel, mit einer niederträchtigeren Last vom Herzen ab will ich noch niemals mit dem Tischler die nöthige Besprechung von wegen der nothwendigen sechs Bretter vorgenommen haben, als wenn der gnädige Herr hier und Fräulein Phöbe mit der Siegesfahne gewehet haben von der Vierlingswiese her!“

„Die Besprechung mit dem Meister Tischler würde ich im günstigen Falle doch lieber ebenfalls auf mich nehmen, Vorsteher,“ meinte Veit lächelnd. „Im, wie Sie sich ausdrücken, günstigen Falle gewinne ich doch gewissermaßen ein gewisses Bekanntschaftsrecht in hiesiger Gemeinde, und das möchte ich dann nach allen Seiten möglichst weit ausdehnen.“

„In meinem Anwesen sollen Sie mir höchlichst willkommen sein, liebster Herr,“ sagte der Vorsteher, und da er fürs Erste nichts mehr mit dem Pfarrhause zu besprechen hatte, nahm er seinen Abschied – kurz von dem Pastor, mit mehr Höflichkeit von dem Fräulein und aufs Allerhöflichste von dem „splendiden“ Fremden, der, wie kein Anderer, seit er, der Vorsteher, hier groß geworden war, in ähnlicher Weise sich ein „kurioses Reiseplaisir für sein Geld gemacht“ hatte.

„Dazu gehört auch die veränderte Welt da unten vor den Bergen, daß sie uns dergleichen Gesellschaft auf ihre Kosten herschickt, um sich so ihren Spaß bei uns zu gestatten,“ meinte er im Stillen. „Ein Jedes von Dem, was hier so im Sommer durchzieht, thäte es auch nicht; aber was uns selber da unten betrifft, als wie Amtsrath, Superdent, Salzinspektor, Doktor und Apteker, denen hätte ich ’mal mit dem Antrag kommen sollen, dem Räkel für seine Fee den Sarg auf sich zu nehmen! Zu so was muß man eben weit her sein!“ –

Sie saßen nun, da auch das doch sein Recht verlangte, um den Frühstückstisch; zwischen wortkarger Unterhaltung Jeder seine Gedanken für sich bewegend. Für Alle war es gewissermaßen eine Erleichterung, als der Landphysikus Doktor Hanff um die Kirchecke ritt, abstieg, seinen Gaul an den Pfarrgartenzaun band und das erste gleichmüthige Gesicht des Morgens zu dem tragischen Spiel mitbrachte. Zur gewohnten Stunde war er ins Dorf auf die Praxis gekommen, hatte Alles ziemlich wohl gefunden, aber jedes Haus voll von den Geschichten der Vierlingswiese.

„I, i,“ hatte er gesagt. „Na, da muß denn ’mal wieder der Doktor dran, Vorsteher. Aber mit den Herrschaften im Pastorenhause will ich vorher doch noch ein Wort reden, und wäre es auch nur, um mir diesen kuriosen zugereisten Begräbnißamateur etwas genauer auf seine Liebhaberei oder Generosität ansehen zu dürfen.“

So ließ er sich gemüthlich in der Laube des Pfarrgartens noch eine Tasse Kaffee gefallen und sah sich den Professor, Freiherrn Veit von Bielow etwas genauer an; aber auch Veit sagte sich bald: „Endlich aus dem laufenden Leben der Tage ein sogenannter vernünftiger Mensch!“ Somit gerieth auch er rasch in eine lebhafte Unterhaltung mit dem Arzte über das drängende Thema dieses Tages – den Räkel und seine Fee, und wie den Beiden am besten beizukommen sei. Eine Unterhaltung, in welcher der Doktor das letzte Wort behielt, indem er, fast um alle seine Jovialität gebracht, rief:

„Ich werde zuerst noch ’mal mit dem verrückten Kerl – wollte ich sagen, dem armen Teufel, Fräulein Phöbe, sprechen, und zwar Raison! Jedenfalls bitte ich vor Allem Sie, Herr Professor, aber auch Sie, gutes Kind, sich nicht eher von Neuem zu bemühen, bis ich mit meinem Resultate von der Wiese zurück bin. Meine gesundheitspolizeilichen Gründe brauche ich wohl nicht weiter anzudeuten, Pastor Hahnemeyer?“

(Fortsetzung folgt.)

Gordon in Khartum.

Eine Charakterskizze nach seinen Tagebüchern.

Im fernen Sudan, an der Grenze aller Civilisation, wo die Jagd auf den schwarzen Menschen ihre scheußlichen Triumphe feiert, in jenem unglücklichen Lande, dessen Völker seit Jahrhunderten unter der Vergewaltigung einheimischer und fremder Herrscher seufzen, hat sich im letzten Jahre ein blutiges Drama abgespielt, das uns jene Zeiten lebhaft in die Erinnerung zurückruft, in denen das Kreuz und der aufzeigende Halbmond um die Weltherrschaft stritten. Khartum am Nil war die Scene für den letzten Akt desselben; Gordon und Machdi waren die Helden, von deren Sieg oder Fall das Wohl oder Weh des Landes abhing.

Die Geschichte jenes Ringens ist noch heute in vielfaches Dunkel gehüllt. Fast ein Jahr lang dauerte die Belagerung, und über bange Wochen und Monate derselben fehlen uns wahrheitsgetreue Berichte; ungenaue Aussagen der Ueberläufer und Spione lassen uns nur schwache Einblicke in die Ereignisse gewinnen und tragen dazu bei, daß ein Kranz von Märchen und Sagen um die beiden Gegner sich immer enger zusammenzieht. Nur über die kurze Spanne vom 10. September bis zum 14. December 1884 sind in dem vor Kurzem in England veröffentlichten Tagebuche Gordon’s der Nachwelt authentische Nachrichten erhalten.

Es ist wohl eine seltene Erscheinung in der Weltgeschichte, daß der Krieger selbst unter dem Feuer der feindlichen Geschütze die Geschichte seiner Kämpfe niedergeschrieben hat, als ob er geahnt, daß er vor kommenden Geschlechtern sein eigener Anwalt werden müßte.

Diese seltsamen Aufzeichnungen wurden frühzeitig begonnen. Der muthige Begleiter Gordon’s, Oberst Stewart, schrieb sie anfangs nieder, wohl in Gemeinschaft mit seinem Befehlshaber, da Gordon über dieselben sagt: „Das Tagebuch Stewart’s ist ebenso gut mein Tagebuch wie sein eigenes.“ Diese Aufzeichnungen umfassen die Zeit von der Ankunft Gordon’s in Khartum bis zum 9. September, sind aber für die Welt so gut wie verloren, da sie in die Hand des Machdi gefallen sind. An jenem Tage verließ nämlich Stewart Khartum auf dem Dampfer „Abbas“, um nilabwärts Oberägypten zu erreichen und von dort einen wahrheitsgetreuen Bericht über die Zustände in der belagerten Stadt nach England zu depeschiren. Er gelangte auch glücklich über Berber hinaus, erlitt dann aber Schiffbruch und wurde mit allen seinen Begleitern bis auf den Koch, der sich flüchtete, von den Monassir-Arabern beim Landen meuchlings ermordet. So ging uns auch sein Tagebuch, das er mit sich führte, verloren.

Inzwischen setzte Gordon, auf die Entsatzarmee wartend, die Aufzeichnungen fort, und als die Kunde zu ihm gedrungen war, daß die britischen Truppen den Nil entlang sich Khartum näherten, sandte er denselben einige Dampfer entgegen, die dem

[481]

Das Frühstück der Mäher.0 Nach dem Oelgemälde von Ernst Henseler.
Photographischer Verlag von Loescher u. Petsch, Hofphotographen in Berlin.

[482] kommandirenden General unter anderen Nachrichten auch sein Tagebuch überbringen sollten, das mit den schwerwiegenden Worten schloß: „Wenn die Hilfstruppen – und ich verlange nicht mehr als 200 Mann – nicht in zehn Tagen ankommen, so mag die Stadt fallen, und ich habe mein Bestes für die Ehre unseres Vaterlandes gethan. Lebt wohl!“

Diese Hilfe kam doch zu spät, und Khartum fiel am 27. Januar 1885. Es mag einer anderen Feder vorbehalten bleiben, den Lesern der „Gartenlaube“ die Geschichte dieser Belagerung zu schildern, die Gordon selbst mit jener von Sebastopol vergleicht, indem er am 9. December ausruft: „Die Belagerung von Sebastopol dauerte 326 Tage, wir verzeichnen jetzt unsern 271sten Tag. – – Die Russen hatten Geld, wir haben keins; sie hatten geschickte Officiere, wir haben keine, sie hatten keine Civilbevölkerung, wir haben deren vierzig Tausend; sie hatten ihre Rückzugslinie frei und hatten Nachrichten (von ihrem Lande), wir haben weder das Eine noch das Andere!“ – Wir wollen heute nur das Charakterbild „des Helden von Khartum“ skizziren, wie sich dasselbe zwischen den Zeilen des Tagebuchs wiederspiegelt, ein Charakterbild, das vor vielen anderen unseres Jahrhunderts durch besondere Züge sich scharf und deutlich heraushebt.

Die tiefe Religiosität Gordon’s war seit jeher bekannt. Seine Humanität wurzelte tief in den Lehren des Christenthums, und darum finden wir so oft in seinen Aufzeichnungen neben Aufzählungen von Kanonen, Gewehren, Munitionsvorräthen und muthmaßlicher Stärke der feindlichen Kolonnen Citate aus dem Alten und Neuen Testament, so daß wir schier denken möchten, kein moderner General, sondern ein puritanischer Heerführer hätte uns seine Thaten und Pläne in dieser Niederschrift überliefert.

Schon auf den ersten Seiten beruft sich Gordon auf den Spruch Christi: „Wer mich verleugnet auf Erden, den werde ich im Himmel verleugnen“, spricht von den alten Märtyrern, die diejenigen als ihre Feinde ansahen, welche sie am Bekennen ihres Glaubens zu hindern versuchten, und erinnert an jene Männer aus der Zeit der Königinnen Marie und Elisabeth, die auf jede Gefahr hin standhaft bei ihrer Ueberzeugung verharrten, obgleich es sich damals nicht um Verleugnung des Christenthums, sondern nur um die Frage der Messe handelte. Veranlassung dazu gab ihm der Umstand, daß einige Europäer in den fernen Provinzen des Sudan, um ihr Leben zu retten, den mohammedanischen Glauben angenommen hatten. „Es ist vielleicht gut,“ erklärt er, „daß dies ausgelassen wird, wenn dieses Tagebuch veröffentlicht wird, da Niemand das Recht hat, einen Andern zu verurtheilen,“ – „aber,“ fügt er weiter hinzu, „es ist besser zu fallen mit reinen Händen, als vermengt zu werden mit zweifelhaften Handlungen und zweifelhaften Männern.“ Diese Stelle ist von dem Herausgeber der Tagebücher, dem Bruder Gordon’s, mit Recht nicht gestrichen worden, denn mehr als irgend eine andere ist sie für die Stellung des Generals in Khartum bezeichnend, und die in ihr niedergelegte Anschauung bildet die reine Quelle, aus der alle seine Handlungen und Pläne entspringen. Nur in einem Falle erhebt sich in uns, da wir in den Tagebüchern blättern, ein leiser Verdacht, daß auch Gordon in dem schwierigen Kampfe zu hinterlistigen Mitteln gegriffen habe, die mit seinem stets so offenen Charakter nicht in Einklang zu bringen sind.

In dem Briefe des Machdi an Gordon lesen wir die Bemerkung, daß Machdi auch die „beiden Stempel“ aufgegriffen habe, in denen sein Name und sein Zeichen eingravirt waren. Diese Stempel waren also in Khartum gefälscht worden und mit den Papieren Stewart’s in die Hände des Machdi gefallen. Als die Nachricht von der Wegnahme des Dampfers „Abbas“ nach Khartum gekommen war, schrieb Gordon in seinem Tagebuch die Entschuldigung nieder: „Wenn es wahr ist, daß Machdi den ‚Abbas‘ weggenommen hat, dann fand er auch seine eigenen Siegel, die wir prägen ließen, aber nicht benutzt haben.“

Schwerwiegender als diese selbst durch Kriegslist kaum zu entschuldigende Fälschung ist allerdings jene vielbesprochene Proklamation über das Halten der Sklaven in Khartum, die mit den philanthropischen Grundsätzen Gordon’s unvereinbar erscheint. Vielleicht wird es einer späteren Forschung gelingen, die noch dunkle Angelegenheit in milderem Lichte darzustellen. Dies ereignete sich jedoch vor der Zeit, von der wir jetzt reden. In ihr, während der Belagerung, bleibt Gordon unerschütterlich auf dem rechten, ritterlichen Wege, mag die Gefahr sich noch so hoch thürmen.

Slatin Bey, der Gouverneur von Darfur, der, um sein Leben zu retten, zum Islam übergetreten war und im Lager des Machdi sich befand, sendet Briefe auf Briefe, um eine Unterredung mit Gordon zu ermöglichen. Einen Brief schreibt der ehemalige österreichische Officier deutsch, da die Araber ihm sein französisches Lexikon verbrannt hatten in der Annahme, es sei ein christliches Gebetbuch. Er entschuldigt seinen „vielleicht leichtfertigen“ Glaubenswechsel mit der Bemerkung, daß er von Hause aus keine gute religiöse Erziehung erhalten. Gordon schweigt zu Allem. Slatin Bey bemerkt schließlich, er wolle nach Khartum kommen und wieder in Gordon’s Dienste treten, wenn sich dieser verpflichtet, niemals Khartum zu übergeben, da er, Slatin Bey, sonst einen qualvollen Tod erleiden würde. Da ruft Gordon aus: „Das ist wahrlich kein Spartaner, der Solches verlangt!“

Ein Grieche bringt die Nachricht, daß auch die Priester und Nonnen der Mission zu Obeyed zum Islam übergetreten sind, die sechs Nonnen haben, um Gewaltthaten zu entgehen, dort ansässige Griechen – wohl pro forma – geheirathet. Nur Luigi Bornoni, der erste Priester, ist standhaft geblieben. Sarkastisch bemerkt Gordon dazu: „Das ist die Union der griechischen und lateinischen Kirche!“

Aber auch für ihn kommt die Zeit, wo er an seine eigene Niederlage und ihre Folgen ernstlich denken muß. So schreibt er einmal:

„Ich überlege bei mir selbst, ob ich, dafern die Stadt fällt, den Palast und alles, was darin ist, in die Luft sprengen oder aber mich gefangen nehmen lassen und mit Gottes Hilfe treu zu meinem Glauben halten und wenn nöthig dafür leiden soll (was höchst wahrscheinlich ist). Den Palast in die Luft zu sprengen ist das Einfachste, während das Andere langwieriges und beschwerliches Leiden und Erniedrigung aller Art heißt. Ich denke, ich werde den letzteren Weg wählen, nicht aus Furcht vor dem Tode, sondern weil ersterer mehr oder weniger den Makel des Selbstmordes trägt.“

Gordon besaß auch die echt soldatische Verachtung eines Max Piccolomini gegen Diplomaten. „Ich kann mir denken,“ sagt er, „wie sie die Nase darüber rümpfen werden, daß ich es wage, eine Meinung über sie zu haben.“ In Bezug auf den früheren Premier-Minister, dessen Manie für außerordentlich hohe, steife Hemdekragen bekannt ist, spricht er sich in folgender Weise aus:

„Mr. Gladstone hat einen Rivalen hier bezüglich seiner Hemdekragen. Mohamed Bey Ibrahim erschien heute mit richtigen Flügeln, etwas zerlumpt zwar – mit einem Kragen, der ihm bis an beide Ohren ging – nach richtigem orthodoxen Muster.“

Andere Diplomaten, und in mancher Hinsicht seine Vorgesetzten, wie Sir Evelin Baring, Mr. Egerton, Sir Edward Malet, heute englischer Gesandter in Berlin, werden noch stärker von ihm gegeißelt. Freilich, war er nicht auch auf das Aeußerste von ihnen gereizt? Doch er selbst ist keineswegs blind für seine Schwächen, und mit der ihm eigenen freimüthigen Offenheit bekennt er an einer anderen Stelle:

„Ich gebe es zu: ich habe große Insubordination gegen Ihrer Majestät Regierung und ihre Beamten gezeigt, aber das ist meine Natur, und ich kann nichts dafür.... Ich weiß, ich würde, wenn ich Chef wäre, nie mir selbst eine Anstellung geben, denn ich bin unverbesserlich. Männern wie Dilke, die jedes Wort abwägen, muß ich das reine Gift gewesen sein.“ – –

Es ist sonderbar, daß über den siegreichen Gegner Gordon’s, über den Machdi, das Tagebuch so wenig Aufschlüsse bringt. Wie vor den Kriegsgewaltigen früherer Zeiten schreitet vor ihm nur das Gerücht seiner Macht und seines Schreckens; er selbst bleibt uns unsichtbar. Die anekdotenartige Geschichte, die uns Gordon in humoristischer Färbung wiedergiebt: der Machdi habe stets Pfeffer unter seinen Nägeln, damit er je nach Bedarf Thränen vergießen könne – darf schwerlich ernst genommen werden. Bezeichnend dagegen ist die Stelle, die Gordon am 13. September in sein Tagebuch schrieb:

„Die Nachricht von der Annäherung des Machdi hat mich nicht beunruhigt, denn wenn sein Feldzug keinen Erfolg hat, so ist er verloren und eine Expedition nach Kordofan wird unnöthig; wenn er aber das Kriegsglück für sich hat, so kann er durch seine Gegenwart ein Blutbad verhindern. Ich habe immer gefühlt, es wäre unsere Bestimmung, von Angesicht zu Angesicht einander gegenüber zu treten, ehe die Sache zu Ende käme.“

[483] Wer weiß, ob nicht in den letzten Tagen der Belagerung jene Zusammenkunft stattgefunden, ehe die Würfel des Schicksals gefallen waren und der Verrath Mahomed, dem Machdi, dem Sohne von Abd-Allah die Thore Khartums öffnete!

Seit dem letzten „Lebt wohl!“, das Gordon den britischen Soldaten durch sein Tagebuch sandte, hielt er sich noch einige Wochen länger, als er selbst glaubte im Stande zu sein, aber die Hilfe von außen kam dennoch nicht zeitig genug. Die von ihm selbst lange vorhergesehene Stunde nahte. Er fiel, ein Opfer seiner Pflicht, treu ausharrend auf dem ihm anvertrauten Posten. Ganz England trauert noch heute um seinen Heldensohn, und die Vorwürfe, die es sich machen muß, können die Trauer nur doppelt schmerzlich machen.

Kein Wunder, daß, sobald die Trauerkunde einlief, der Plan gefaßt wurde, dem großen Mann ein nationales Denkmal zu errichten. Aber welche Form sollte dasselbe erhalten? Ein Mann, der bei seinen Lebzeiten alle äußeren Ehrenbezeigungen verachtete und – wie sich erst nach seinem Tode alles so recht herausstellte – die ihm verliehenen Ehrenzeichen in Geldeswerth umwandelte, um die Hungerigen zu speisen, ein Mann, der schon eine Einladung zu einem Gastmahl fast wie eine Beleidigung zurückwies, da Tausende seiner Mitmenschen nicht wüßten, wie sie auf das nothdürftigste ihren Hunger stillen sollten und daher für sie eine solche Einladung besser am Platze wäre, ein solcher Mann hatte niemals nach der Ehre gestrebt, sein Bildniß in Stein gehauen zu sehen und sich auf diese Weise von der Menge bewundern zu lassen. Seine Freunde waren die Armen und Nothleidenden gewesen, seinen Ruhm hatte er darein gesetzt, ihr Los zu bessern – wie konnte man sein Andenken besser ehren, als dadurch, daß man sein segensreiches Wirken auch nach seinem Tode lebendig erhielt?

Das National-Gordon-Memorial, zu dem die Beiträge von allen Seiten noch immer reichlich einlaufen, wird daher die Gestalt eines „Lagers“ annehmen, das in der Nähe von London für verwahrloste Knaben errichtet werden und ihnen nicht nur Unterhalt, sondern auch Erziehung gewähren soll. Die Idee findet so allgemeinen Anklang und die Zweckmäßigkeit einer solchen Einrichtung liegt so klar zu Tage, daß einzelne Städte der Provinz noch besondere „Gordon camps“ für die eigene verwahrloste Jugend errichten werden. F. Br.     


Das Goethe-Archiv und die Goethe-Gesellschaft.

Von G. von Loeper.

Für die Litteraturforschung ließ sich kein wichtigeres Ereigniß denken, als die Erschließung des Goethe-Archivs. Den letzten Enkel des Dichters, Walter von Goethe, ereilte im April dieses Jahres unerwartet der Tod, und seitdem sind aus der mehr als fünfzigjährigen Verborgenheit alle Kunstschätze, welche der Sammeleifer des Dichters in einem langen Leben vereinigt, und alle Handschriften, welche er als Zeugen nie stockender Produktion, seines Lebens und seines Verkehrs mit den Zeitgenossen hinterlassen hatte, an das Licht gebracht und der Anschauung oder der Forschung und Benutzung übergeben. Die Lösung vieler Fragen, über welche die Gelehrten sich nicht einigen konnten, hier liegt sie klar ausgesprochen; chronologische Bestimmungen, persönliche Beziehungen, vervollständigende Lesarten längst bekannter, sowie Entwürfe unbekannter oder unvollständiger Schriften, – das ganze Material für die Geschichte und die Kritik der Goethe’schen Werke, hier liegt es vor uns ausgebreitet. Wir hoffen, dasselbe wird der Nation allgemein zugänglich werden, sobald ein geeigneter Aufstellungs- und Aufbewahrungsort für das Archiv gefunden und die beabsichtigte neue authentische Textausgabe jener Werke auf Grund desselben hergestellt sein wird.

Freilich wird nach der Benutzung des Archivs die Gestalt der Werke des Dichters doch im Großen und Ganzen unverändert bleiben, wenn sie auch sehr erheblich vervollständigt werden. Zahllose, auf alle Lebensperioden des Dichters sich erstreckende kleine Gedichte lyrischer Art, zahme Xenien, Invektiven, politische Verse, Erotika, Gnomen gewähren eine große Ausbeute, obschon nicht alles Unvollendete sich zum Druck eignet. Dasselbe ist der Fall mit mehreren dramatischen Entwürfen, von welchen „Das Mädchen von Oberkirch“, der Anfang einer politischen Tragödie aus der Revolutionszeit, in Weimar an den Tagen des 20. und 21. Juni ausgelegt war. Der „Groß-Kophta“ in der ursprünglichen Opernform („die Mystificirten“) und der Entwurf eines historischen Volksbuchs aus dem Jahr 1808 bieten gleichfalls großes Interesse. Wichtiger ist die Möglichkeit, bei einer großen Zahl von Werken künftig auf des Dichters Handschrift oder auf gleichwerthige, von ihm korrigirte Abschriften zurückgehen zu können, wie auf die der Mitschuldigen, von Lila, von Jery und Bätely, den Vögeln, dem Triumph der Empfindsamkeit, Elpenor, Iphigenia (beide in Prosa und in Jamben), Tasso, Egmont, Reineke Fuchs, Hermann und Dorothea, Achilleis etc. Aus der späteren Zeit sind besonders reichhaltige Handschriften des Divan und des zweiten Theils von Faust vorhanden, während die Entwürfe zum ersten Theil des Faust und zu Wilh. Meister’s Lehrjahren nicht aufgefunden werden konnten. Die Italienische Reise wiederum ist durch reiche Handschriften vertreten.

Die zweite Hauptrubrik bilden die Tagebücher, welche für eine Biographie des Dichters und die genauere Geschichte seines Geistes, trotz aller Lücken (1783 bis 1795), eine verbürgte und sichere Grundlage versprechen, wie eine solche für das Leben keines anderen großen Dichters existirt. Aus kleinem Kalender-Quartformat gehen die Tagebücher, als Eintragungen in den ehemaligen Gothaischen Kalender, in ein Großoktav- und seit dem Jahre 1817 in Folioformat über. Am 11. März 1776 angefangen und seit 1796 ununterbrochen fortgeführt, endigten sie erst am 16. März 1832. Nur die Zeit um Schiller’s Tod zeigt eine größere Lücke, und es bewahrheitet sich, was Goethe in den „Tag- und Jahresheften“ von derselben berichtet: „Meine Tagebücher melden nichts von jener Zeit, die weißen Blätter deuten auf den hohlen Zustand“; erst auf der Reise nach Helmstedt mit F. A. Wolf, im Sommer 1805, füllen sich wieder die Blätter.

Die dritte Hauptrubrik machen die Briefe aus, abgesendete wie eingegangene, die letzteren seit 1793 jährlich in meist vier Folioheften gesammelt. Von Goethe’s eigenen Briefen sind hervorzuheben diejenigen aus der Leipziger Universitätszeit 1765 bis 1768 an seine Schwester und an seinen Freund Behrisch, welche im nächsten Bande des Geiger’schen Goethe-Jahrbuchs erscheinen sollen, mit wichtigen chronologischen Bestimmungen für die Dichtungen jener Zeit, für die Dresdener Reise und des Dichters Bekanntenkreis, ferner aus der Weimarischen Zeit (1776 bis 1790) 38 Briefe an den Minister von Fritsch (darunter 2 aus Rom) und besonders die seit 1792 nicht unterbrochene Reihe der Briefe an seine Gattin. Wenn auch diejenigen von der Venetianischen und Schlesischen Reise zu fehlen scheinen, so wird doch mit dieser nach Jahrgängen wohl geordneten Sammlung ein unerwarteter Schatz gehoben werden.

Immer gleich in Wärme und Innigkeit des Tons, geben die Briefe, unter welchen auch das bekannte „Ich ging im Walde so vor mich hin“ als ursprüngliche Reise-Epistel (1813) mit genauer Ort- und Zeitangabe sich findet, ein richtiges Bild von dem gegenseitigen Verhältnisse, zumal auch viele Briefe der Frau erhalten sind, sowie reiche Aufschlüsse über das äußere Leben und die Schöpfungen des Dichters. Nur aus dem Todesjahr der Frau, 1816, sind keine Briefe vorhanden, um so reicher aus den drei vorhergehenden Jahren. Von den Briefen der Frau Rath sind 180 vereinigt, deren mehrere aber noch in den zusammengebundenen Jahrgängen zerstreut vorhanden, dazu auch einige 30 von Goethe’s Schwager Schlosser. Von Frau von Stein finden sich aus der späteren Zeit (etwa von 1802 an) nur kleine Zettel, von Haus zu Haus geschrieben, ohne wichtigen Inhalt, aber in herzlichem und achtungsvollem Ton. Dazu eine Fülle von Briefen anderer Korrespondentinnen, deren etwa 400 vereinigt und außerdem noch viele jahrgangsweise zerstreut (z. B. von Amalie Imhof, den Schwestern Meyer, späteren Frauen von Eybenberg und Grotthuß, Frau Unger, Frau Sander, zwei Gräfinnen O’Donnell, Gräfin Tina Brühl etc.). Eine besondere Erwähnung möchten ein paar Briefe von Lotte Buff (Frau Kestner) seit 1798 und der Lilli Schönemann (Frau von Türckheim) und ihrer Familie seit 1801 verdienen. Auch die schon gedruckten Briefe, z. B. von dem Großherzog Karl August, von Herder, Schelling, Nicolovius (seit 1795), Fichte, Reichardt, F. A. Wolf, Carlyle (14 Briefe), Felix Mendelssohn, Goethe’s Sohne und von fürstlichen Personen, besonders des Weimarischen Hauses.

Zu allem diesen tritt nun der künstlerische, der wissenschaftliche, besonders naturwissenschaftliche und der amtliche Nachlaß, und wer endlich sich von dem Hauswesen des Dichters unterrichten will, findet dessen Hausrechnungen aus der ganzen Weimarischen Zeit beisammen.

Das ganze Leben des Dichters entfaltet sich hier somit in unvergänglichen Zeugnissen vor unseren Blicken. Pietätvoll haben die Enkel die Kunstsachen dem Großherzoge von Sachsen als Landesherrn, die Schriftstücke seiner erhabenen Gemahlin vermacht. Unter ihrem Schutze und unter dem Vorsitze des Reichsgerichts-Präsidenten Simson ist im Juni zu Weimar, bisher schon dem Sitze einer Shakespeare-Gesellschaft, eine den Namen unsers großen einheimischen Dichters führende neue Gesellschaft von etwa 200 Mitgliedern, Gelehrten und Ungelehrten, zusammengetreten, um jenes Vermächtniß für die Nation in einer dem heutigen Stande deutscher Wissenschaft entsprechenden Weise zu verwerthen, das bisher Unbekannte zu veröffentlichen, die Werke neu zu ediren, und das Lebensbild des Dichters von den verschiedensten Seiten aufzustellen. Es ist damit der Grund gelegt für eine wahre Goethe-Akademie. Nord- und Süddeutschland und Oesterreich sind darin vertreten. Die Mitgliedschaft steht jedem gegen einen nicht nennenswerthen Beitrag offen. Sollten bisher Zögernde zum Eintritt in diese „Weimarische Goethe-Gesellschaft“ durch vorstehende Worte bestimmt werden, so haben sie ihren Zweck voll erreicht.


[484]

Blätter und Blüthen.

Schmückung der Kriegergräber bei Metz. Eingedenk der Mahnung Theodor Körner’s in seinem patriotischen „Aufruf“:

„Doch stehst Du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
In Deiner Vorzeit hellem Siegerglanz:
Vergiß die treuen Todten nicht und schmücke
Auch uns’re Urne mit dem Eichenkranz!“

hat es der Turnverein zu Metz auf seine Fahne geschrieben, der im Jahre 1870 vor Metz gefallenen Krieger durch Schmückung ihrer Gräber zu gedenken.

Als kurz nach dem Friedensschlusse der jung gegründete deutsche Verein seine ersten Turnfahrten auf die Schlachtfelder unternahm, da entsprang beim Anblicke der Tausende von weißen Kreuzen wie aus Einem Herzen der Wunsch, das Gedächtniß der tapferen Helden, welche hier ihren ehrenvollen Tod für das Vaterland fanden, durch Niederlegung frisch gewundener Eichenkränze auf ihre Gräber zu feiern.

So entwickelte sich nach und nach der schöne Brauch, jährlich in den Augusttagen eine Gedenkfeier durch Schmückung der Kriegergräber abzuhalten. Nach und nach drang die Kunde davon in alle Gaue Deutschlands, und von nah und fern gingen dem Verein alljährlich in wachsender Anzahl Kränze von Angehörigen gefallener Krieger, von Vereinen und Kameraden zu, die alle ihrer Bestimmung gemäß auf den betreffenden Gräbern niedergelegt wurden, obwohl es oft keine geringe Mühe erforderte, dieselben aufzufinden. Herzerhebend und wahrhaft rührend sind oft die Briefe, welche jene Liebesgaben für die theuren Todten begleiten.

Der Dienst, welchen der Verein solcher Weise den ferne weilenden Angehörigen erweisen konnte, wurde in seinem Werth noch erhöht durch die Nachricht, welche allen Auftraggebern über die erfolgte Niederlegung, über den Zustand der Gräber etc. ertheilt wurde.

Leider ist es ja nur Wenigen vergönnt, die Grabstätten ihrer gefallenen Angehörigen selbst zu besuchen, und so ist es mit Freuden zu begrüßen, daß Alle die Vermittelung des Turnvereins vertrauensvoll in Anspruch nehmen können. Unter der Adresse „Metzer Turnverein (Vereinslokal Zureich)“ erreichen alle Aufträge ihre Bestimmung.

Für dieses Jahr wurde der 16. August zur Hauptgedenkfeier bestimmt, an welchem Tage außer den von auswärts eingehenden eine große Anzahl vom Turnverein gestifteter Kränze auf den Kriegergräbern niedergelegt werden. Aber auch außer dieser Zeit eingehende Aufträge werden gern erledigt werden.

Hervorzuheben ist noch, daß schon seit Jahren auch der Metzer Kriegerverein in gleich pietätvollem Wirken mit dem Turnverein wetteifert. Wünschen wir, daß bald alle in Metz ansässigen Deutschen sich an der Sitte betheiligen, um so eine der großen Vergangenheit würdige Gedenkfeier der unvergeßlichen Augusttage auf künftige Geschlechter zu vererben! G. F.     


Selige Tage, Tage der Jugend. (Mit Illustration S. 472 u. 473.) Gebirge und See, das sind die alten Heimstätten der Romantik, nicht nur für Dichtung und Kunst, auch in der Wirklichkeit. Hoch im Waldgebirge, auf dem blinkenden Spiegel des klaren Wassers weitet sich die Seele, erhebt sich der Sinn, da verliert die Phantasie sich in ein seliges Träumen. Anders aber entfaltet sich alles Sinnesleben in glücklicher Jugendzeit, in jener Frühzeit des Lebens, in der selbst ernstere Herzensempfindungen noch ruhen oder höchstens als unbestimmtes Sehnen das Gemüth durchziehen. Und anders wieder genießt man die seligen Tage der Jugend im ernsten, kalten Norden, anders in dem Zauberlande südlich der Alpen, wo der Sinn freier, das Leben leichter und fröhlicher, wo das ganze Volk ein kindlicheres ist, das in frohem Behagen dahinlebt.

Wenn der Abend seine schrägen Lichtstreifen über den See am Südfuße der Alpen wirft, wenn eine Fülle goldigen Sonnenglanzes durch die Landschaft fluthet, die Hitze vom sanften Abendwinde gemildert wird und allmählich die kräftigen Farbentöne in sanftes Stahlblau übergehen, dann wandelt die Schar junger, eben aufblühender Mädchen hinab durch die schattigen Gänge des Parks dem Gestade zu. Von den blühenden Oleanderbäumen. dem Rosenstrauch und purpurnen Granaten raffen die lieblichen Geschöpfe Blüthenmassen zusammen, die Guitarre wird nicht vergessen, wenn sie den an der Anlände befestigten Nachen lösen und sich hinaustreiben lassen in die Kühlung aushauchende Fluth. Die Ruder werden kaum bewegt, gilt es doch nicht der Erreichung eines Zieles, sondern nur dem wohligen Genießen des herrlichen Abends in großartiger Natur.

Die Gespielinnen lauschen dem Vortrage eines Gedichtes, dem Gesang eines jener entzückenden Volkslieder, mehr aber als dieser gelegentlichen Unterhaltung geben sie sich dem beseligenden Gefühle ihres Jugendglückes, jenem süßen träumerischen Nichtsthun hin, das so nur die sorgen- und pflichtenlose Jugend genießt. Unbenutzt liegt die Laute im Nachen, man achtet nicht der Blumen, die hinab ins Wasser fallen, die Ruder entgleiten den zarten Händen: das ist ein Stück jener echten, wahren Romantik, wie sie nur der glücklichen Jugend beschieden wird.

Tiefer senken sich die Schatten, immer weiter treibt der Nachen in die Fluth hinaus, Einsamkeit und Stille umgeben die glücklichen Kinder, die weltvergessen in Seligkeit schwelgen. Mag man daheim sich sorgen, auf die Rückkehr warten, ihnen schlägt keine Stunde, sie denken an keine Gefahr, denn das wissen sie ja, das gütige Geschick schirmt die glückliche Jugend. Wenn die silberne Mondsichel über den Alpenketten hinaufsteigt, hat ja ein leichter Ruderschlag sie wieder an die Landebrücke des Parkes geführt, der berauschende Duft der Blüthenmassen strömt ihnen entgegen, Lichter erglänzen in der Halle, die jugendliche Romantik hört auf, aber nicht das Glück, das der Jugend treu bleibt in der Einsamkeit auf dem stillen See, wie im schimmernden Festsaale; selige Tage, scheinbar ohne Ende und doch so vergänglich! Fritz Wernick.     


Das Frühstück der Mäher. (Mit Illustration S. 481.) Ein heißer Sommertag liegt über der weiten, fruchtbaren Ebene, auf die der Himmel in durchsichtiger Bläue herniederlacht. In der Ferne, halb verdeckt durch das Grün der Bäume, grüßen die freundlichen Häuser des Dorfes herüber. Dasselbe liegt am Flusse hingestreckt; man erkennt das an den schwellenden Segeln, welche – die Dächer überragend – auf den Fluthen ihre stille Straße ziehen. Ruhe und Frieden allüberall; nur jenes geheimnißvolle Weben der Natur, jenes unbestimmte Singen und Summen von Millionen Insekten, welche zur Zeit des Hochsommers Erde und Luft bevölkern, dringt an unser lauschendes Ohr. Eben vernahm dasselbe noch das klingende Geräusch, welches beim Schleifen der Sensen der Wetzstein auf dem Eisen hervorbringt; jetzt ist auch dieses verstummt.

Die fleißigen Arbeiter ruhen von dem mühevollen Schaffen aus. Die Sensen haben sie an den Zaun gelehnt, um sich in der Nähe desselben zu lagern, Alt und Jung, Alle im Kreise um das weiße Leintuch, auf dem die Tochter des Bauern die Herrlichkeiten ausgebreitet hat, die das Frühstück der hungrigen Gesellschaft bilden sollen. – Dieses Motiv hat sich Ernst Henseler zu seinem Bilde „Das Frühstück der Mäher“ gewählt.

Bis jetzt kannten wir erst ein größeres Bild dieses talentvollen, jungen Künstlers: „Socialdemokrat Donnermaul vorlesend“; auch dieses erregte seiner Zeit durch seinen „berechtigten Realismus“ das Aufsehen aller Kunstfreunde, es war nur in der Technik noch zu wenig fein durchgearbeitet, die überaus charaktervollen, lebenswahren Gestalten waren mit zu festen Pinselstrichen ausgeführt. Bei seinem neuen Werk hat Ernst Henseler diese Fehler vermieden, dagegen sind die Vorzüge, welche jenes Bild hatte, auch diesem eigen. F. 


Kleiner Briefkasten.

J. Tr. in W. Zur Erinnerung an Levin Schücking, der wohl, außer in Ihrem Kreise, noch bei vielen andern Lesern der „Gartenlaube“ durch seine gehaltvollen und fesselnden Romane in guter Erinnerung lebt, soll, wie s. Z. zum Andenken an Annette von Droste-Hülshoff, an einem geeigneten Orte Münsters eine Marmorbüste errichtet werden. Beiträge sind zu richten an den Chefredakteur der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“, Herrn Diedrich Bädeker in Essen a. d. R.


Inhalt: Trudchens Heirath. Von W. Heimburg (Fortsetzung). S. 469. – Unser Junge beim Momentphotographen. Illustration. S. 469. – Burgen in Bozens Umgebung. Von Ignaz Zingerle. S. 474. Mit Illustrationen S. 474, 475 und 476. – Unruhige Gäste. Ein Roman aus der Gesellschaft. Von Wilhelm Raabe (Fortsetzung). S. 477. – Gordon in Khartum. Eine Charakterskizze nach seinen Tagebüchern. S. 480. – Das Goethe-Archiv und die Goethe-Gesellschaft. Von G. von Loeper. 483. – Blätter und Blüthen: Schmückung der Kriegergräber bei Metz. S. 484. – Selige Tage, Tage der Jugend. Von Fritz Wernick. S. 484. Mit Illustration S. 472 und 473. – Das Frühstück der Mäher. S. 484. Mit Illustration S. 481. – Kleiner Briefkasten. S. 484.




Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.

In unserem Verlage ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:

Bei Friedrich Karl.

Bilder und Skizzen aus dem Feldzuge der zweiten Armee.
Von Georg Horn.
Berichterstatter im Hauptquartier Seiner königlichen Hoheit des General-Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl von Preußen.
2 Bände. 0 gr. 8. 01872. 0 Preis 6 Mk.

Bei dem durch den Tod des Prinzen Friedrich Karl neuerdings geweckten Interesse für das Leben und die Thaten des heldenmüthigen Heerführers dürfte ein Hinweis auf obiges, in unserem Verlage erschienenes Buch, welches Georg Horn, den Berichterstatter der „Gartenlaube“ bei der zweiten Armee im Deutsch-Französischen Kriege, zum Verfasser hat, unseren Lesern angenehm sein.

Dasselbe entrollt ein lebensvolles, unter dem unmittelbaren Eindrucke der gewaltigen Ereignisse hervorgerufenes Bild der großen Zeit und ihrer Heldenthaten.

Leipzig, im Juli 188S. Ernst Keil’s Nachfolger. 


Verantwortlicher Herausgeber Adolf Kröner in Stuttgart. Redacteur Dr. Fr. Hofmann, Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger, Druck von A. Wiede, sämmtlich in Leipzig.