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Die Gartenlaube (1885)/Heft 18

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1885
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[289]

No. 18.   1885.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


Die Frau mit den Karfunkelsteinen.

Roman von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Frühlingsblüthen. Nach dem Oelgemälde von Paul Wagner.

Tiefaufathmend trat Margarete in die Wohnstube der alten Leute im Packhause. Es war Niemand drin; aber aus der nur angelehnten Küchenthür kam leises Geräusch. Die junge Dame öffnete die Thürspalte weiter und sah in den mit Kochdunst erfüllten Raum hinein.

Der Maler stand am Herd und bemühte sich eben, Brühe aus dem dampfenden Fleischtopf in eine Tasse zu gießen. Er hatte die Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und machte ein ängstliches Gesicht – die ungewohnte Beschäftigung des Kochens schien ihm viel Mühe und Kopfzerbrechen zu verursachen.

„Ich will Ihnen helfen!“ sagte Margarete, indem sie die Küchenthür hinter sich zuzog.

Er sah auf. „Mein Gott, Sie kommen selbst, Fräulein?“ rief er freudig erschrocken. „Der Max hat mir den Streich gespielt, ohne mein Vorwissen in Ihrem Hause Hilfe zu suchen – er ist eben ein resoluter kleiner Bursche, der nie unverrichteter Sache heimkommen will.“

„Er hat recht gethan, der brave Junge!“ sprach die junge Dame. Dabei nahm sie dem alten Mann den Fleischtopf aus der Hand und goß die Brühe durch den Seiher, den der ungeschickte Koch vergessen hatte, in die Tasse.

„Das ist die erste kräftige Nahrung, die meine arme Patientin genießen darf,“ sagte er mit glücklichem Lächeln. „Gott sei Dank, es geht ihr um Vieles besser! Sie hat die Sprache wieder, und der Doktor hofft das Beste.“

„Wird es ihr aber nicht schaden, wenn ein ungewohntes Gesicht, wie das meine, ihr plötzlich nahe kommt?“ fragte Margarete besorgt.

„Ich werde sie vorbereiten.“ Er nahm die Tasse und trug sie durch die Wohnstube nach der anstoßenden Kammer. Margarete blieb zurück – sie brauchte nicht lange zu warten. „Wo ist sie, die Gute, die Hilfreiche?“ hörte sie die Kranke lebhaft fragen. „Sie soll hereinkommen! Ach, wie mich das freut und tröstet!“

Die junge Dame trat auf die Schwelle und Frau Lenz streckte ihr den gesunden Arm entgegen. Ihr Gesicht war so weiß wie das Leinen, auf welchem sie lag, aber die Augen blickten bewußt.

„Weiß und licht wie eine Friedenstaube kommt sie!“ sprach sie bewegt. „Ach ja, Weiß trug sie [290] auch so gern, die von uns gegangen ist, um nie wieder zu kommen –“

„Sprich jetzt nicht davon, Hannchen!“ mahnte ihr Mann ängstlich. „Du sehntest Dich ja, in eine bequemere Lage gebracht zu werden, und deßhalb ist Fräulein Lamprecht gekommen, wie ich Dir schon sagte; sie will mir helfen, Dich umzubetten.“

„O, ich danke! Ich liege gut; und wenn ich bis jetzt in Nesseln gelegen hätte, ich glaube, ich würde es nicht mehr fühlen … Mir ist jetzt so wohl! Der Anblick des lieben, jungen Gesichts erquickt mich … Ja, ich hatte auch eine Tochter, jung und schön und ein Engel an Herzensgüte. Aber ich war wohl zu stolz auf dies Gottesgeschenk, und dafür –“

„Aber Hannchen,“ unterbrach sie der alte Mann in sichtlicher Angst. „Du darfst nicht so viel sprechen! Und Fräulein Lamprecht wird sich nicht so lange bei uns aufhalten können –“

„Ich bitte Dich, lasse mich reden!“ rief sie heftig erregt. „Mir liegt ein Stein auf der Brust, und der muß heruntergesprochen werden.“ … Sie schöpfte tief und schwer Athem. „Kannst Du Dir nicht selbst sagen, daß eine unglückliche Mutter auch einmal die traurige Wonne genießen will, vor Anderen von ihrem todten Liebling zu sprechen? … Sei unbesorgt, Ernst, Du Guter, Getreuer!“ setzte sie beherrschter hinzu. „Hat mich nicht schon der Besuch des Herrn Landraths gestern halb gesund gemacht? … Ich konnte ihn freilich noch nicht sehen und sprechen; aber gehört habe ich Alles, was er Dir drüben sagte. Er glaubt an uns, der edle Mann, und da war jedes gute Wort Heilung für mich.“

Sie zeigte auf ein Porcellanbildchen in Ovalform, das über ihrem Bette hing. „Kennen Sie diese?“ fragte sie, und ihr Blick richtete sich fast verzehrend auf das Gesicht der jungen Dame.

Margarete trat näher. Ja, diesen Kopf mit den thaufrischen Lippen, den cyanenblauen Augen und der güldenen Glorie einer mächtigen Haarfülle über der Stirn, diesen hinreißend schönen Kopf kannte sie! –

„Die schöne Blanka!“ sagte sie bewegt. „Ich habe sie nie vergessen! An jenem Abend, wo mich Herr Lenz auf seinem Arm hier heraufgetragen hat, da hing das Haar, das auf dem Bilde als Flechte über die Brust fällt, gelöst und glitzernd wie ein Feenschleier über ihren Rücken hinab.“

„An jenem Abend,“ wiederholte die Kranke aufseufzend, „ja, an jenem Abend, wo sie sich mit ihrem stürmisch bewegten Herzen ins Dunkel geflüchtet hatte! O, über die ahnungslosen Eltern!“ brach es von ihren Lippen. „O, über die blinde Mutter, die ihr Lamm nicht zu hüten verstanden hat!“

„Hannchen!“

Die alte Frau beachtete den Einwurf und die flehentlich bittende Miene ihres Mannes nicht.

„Geh’, mein liebes Kind,“ wandte sie sich an den kleinen Max, der am Fußende des Bettes saß. „Geh’ in die Küche zu Philine! Hörst Du sie winseln? Sie will herein, und der Arzt hat’s doch verboten!“

Der Knabe stand gehorsam auf und ging hinaus.

„Ist er nicht ein gutes, schönes Kind?“ fragte die Kranke aufgeregt, und in ihren Augen funkelten Thränen. „Müßte nicht jeder Vater stolz sein, ein solches Himmelsgeschenk zu besitzen? O, und er –“ Ob er wohl der himmlischen Seligkeit theilhaftig wird, der seines Sohnes Ehre und Lebensglück ins Grab mitgenommen hat?“

„Ich bitte Dich, liebe Frau, sprich nicht mehr! Nur heute nicht!“ bat der alte Mann inständigst – er zitterte sichtlich an allen Gliedern. „Ich werde Fräulein Lamprecht bitten, uns morgen noch einmal zu besuchen, dann wirst Du kräftiger und ruhiger sein.“

Die Kranke schüttelte schweigend, aber energisch verneinend den Kopf und ergriff mit der Rechten Margaretens Hand. „Wissen Sie noch, was ich Ihnen sagte, als Sie mir versicherten, daß Sie unseren Max lieb hätten und seinen Lebensgang im Auge behalten würden?“

Margarete drückte die Hand sanft und beruhigend. „Sie sagten, die veränderten Verhältnisse wandelten oft eine Ansicht ganz plötzlich, und wer könne wissen, ob ich nach vier Wochen noch so dächte, wie in jenem Augenblicke. … Nun denn, die Beziehungen zwischen uns haben sich bereits geändert, wie man mir sagt – in wie fern dies geschehen ist, weiß ich freilich noch nicht; indeß, mag sie doch sein, welcher Art sie will, was hat denn diese Wandelung mit meiner Vorliebe für das Kind zu schaffen? Wird es dadurch weniger liebenswerth? … Aber nun möchte auch ich herzlich bitten, sprechen Sie heute nicht mehr! – Ich will jeden Tag zu Ihnen kommen, und Sie sollen mir Alles sagen, was Ihnen das Herz erleichtern kann.“

Die alte Frau lächelte bitter. „Man wird Ihnen die Besuche bei der verhaßten Familie vielleicht heute schon, nach Ihrer Rückkehr verbieten.“

„Ich gehe einen Weg, der für die Anderen nicht existirt. Ich bin auch heute über Ihren Hausboden gekommen.“

Die Augen der Kranken öffneten sich weit in schmerzlicher Aufregung. „Den Unglücksweg, auf den mein armes Lamm gelockt worden ist?“ rief sie leidenschaftlich. „Ach ja, da ist sie mir zu Häupten hingegangen, und die Mutter, die ihr Herzblut hingegeben hätte, um die Seelenreinheit ihres Kindes zu bewahren, sie ist blind und taub gewesen, sie hat geschlafen wie die thörichten Jungfrauen in der Bibel. … Ich habe ihn nie betreten, den unheilvollen Gang, durch den die weiße Frau Ihres Hauses wandeln soll; aber ich weiß, es ruht ein Fluch auf ihm, und sie, mein Abgott, ist daran zu Grunde gegangen. … Gehen Sie ihn nicht wieder!“

„Das soll mich nicht abhalten – ich gehe ihn ja in Ausübung der Nächstenpflicht!“ sagte Margarete mit unsicherer Stimme und stockendem Athem. Ihr war, als sähe sie plötzlich in eine geheimnißvolle, dunkle Tiefe hinein, aus welcher bekannte Umrisse aufdämmerten.

„Ja, Sie sind gut und barmherzig wie ein Engel; aber Sie können bei allem guten Willen über menschliches Ermessen auch nicht hinaus!“ rief die Kranke, indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung in den Kissen aufrichtete. „Auch Sie werden uns schließlich verurtheilen, wenn Sie hören, daß wir Ansprüche erhoben haben, ohne die Beweise dafür erbringen zu können! … O guter Gott, nur einen einzigen Lichtstrahl in dieser qualvollen Finsterniß! … Man wird uns hinausjagen, und Blanka’s Sohn wird nicht wissen, wohin er sein Haupt legen soll, dem sie ihr junges Leben hat hinopfern müssen!“

Mit völlig entfärbten Lippen ergriff Margarete die Hand der alten Frau. „Nicht diese halben Andeutungen,“ bat sie, mühsam die eigene furchtbare Aufregung bemeisternd, die ihr Herz stürmisch klopfen machte und ihr fast den Athem raubte. „Sagen Sie mir unumwunden, was Ihnen das Herz belastet. Sie sollen mich ruhig finden, mögen diese Enthüllungen sein, welcher Art sie wollen!“

Der alte Maler bog sich hastig über die Kranke und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr.

„Sie soll es noch nicht erfahren?“ fragte sie und wandte unwillig den Kopf weg. „Und weßhalb nicht? Will man warten, bis Du von London zurückgekehrt bist, und wenn mit leerer Hand, dann bleibt es für alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel? … Nein, dann soll sie wenigstens wissen, daß es ein rechtmäßiger Erbe ist, der ausgestoßen wird aus dem Hause seines Vaters, weil er nichts Schriftliches aufweisen kann. … Max ist so gut Ihr Bruder wie der böse Gestrenge in der Schreibstube!“ sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame. „Blanka war für ein kurzes Jahr Ihre Mutter, sie war die zweite Frau Ihres verstorbenen Vaters.“

Erschöpft sank ihr Kopf in die Kissen zurück; Margarete aber stand einen Augenblick wie versteinert. Es war weniger die plötzliche rückhaltslose Entschleierung der Thatsache, vor welcher sie erstarrte, als das grelle Licht der Erkenntniß, das in einem einzigen Momente eine ganze Kette, dunkler Vorgänge beleuchtete.

Ja, diese heimliche Ehe war es gewesen, welche die letzten Lebensjahre ihres Vaters so furchtbar verdüstert hatte! Sie wußte jetzt, daß er den Sohn dieser zweiten Ehe zärtlich geliebt und doch den Muth nicht gefunden hatte, ihn öffentlich anzuerkennen. Aber sie wußte auch, daß mit jenem entsetzlichen Moment, wo er fürchten mußte, dieses geliebte Kind läge erschlagen unter den herabgestürzten Dachtrümmern, der feste Entschluß in ihm gereift war, es nunmehr in alle seine Rechte einzusetzen. „Morgen wird es einen Sturm da oben geben, einen Sturm, so wild wie der, unter welchem eben unser altes Haus in seinen Fugen bebt,“ hatte er unter Hinweis auf die obere [291] Etage in jener Sturmnacht gesagt. Ja, heftigen Auftritten hatte er in der That entgegensehen müssen. Nun, der Tod hatte ihm diesen Zusammenstoß mit den Vorurtheilen der von ihm so sehr gefürchteten vornehmen Welt erspart, aber um welchen Preis! –

„Sie haben keine schriftlichen Beweise in Händen, sagten Sie nicht so?“ fragte sie mit halberstickter Stimme.

„Keine,“ erwiderte der alte Maler tonlos, und eine bittere Enttäuschung sprach aus dem Blicke, den er auf die plötzliche Frage hin der jungen Dame zuwarf. „Wenigstens keine solchen, die vor dem Gesetze gelten. Diese hat der Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen; aber sie sind in seinem Nachlasse nicht zu finden gewesen, sie sind spurlos verschwunden.“

„Sie müssen und werden sich finden,“ sprach sie fest. Damit ging sie nach der Küche und kam gleich darauf, den kleinen Max an der Hand, wieder herein. „Er soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein,“ sagte sie bewegt, indem sie den rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutze auf seinen Lockenkopf legte. „Das Kind ist ein Vermächtniß meines Vaters für mich – ein heiliges! … Niemand hat einen Einblick in das Geheimniß seiner letzten Lebensjahre gehabt; nur seiner Aeltesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht. Sie waren freilich räthselhaft für mich; aber jetzt weiß ich die Lösung. Hätte mein Vater nur noch zwei Tage gelebt, dann trüge diese arme Waise hier längst unseren Namen. … Aber ich werde nicht ruhen noch rasten, bis sein entschiedener letzter Wille, der ihm vor seinem Tode ausschließlich Kopf und Herz erfüllt hat, zur Geltung kommt. … Nein, sprechen Sie nicht mehr!“ rief sie, die Hand abwehrend gegen die kranke Frau ausstreckend, die mit dem Ausdruck des Glückes in den Zügen die Lippen öffnen wollte. „Sie müssen jetzt ruhen! Gelt, Max, die Großmama muß schlafen, damit sie bald wieder gesund wird?“

Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Großmama. Er nahm seinen Platz am Fußende des Bettes wieder ein, während die junge Dame, gefolgt von Herrn Lenz, in die Wohnstube ging. Hier in dem tiefen Fensterbogen theilte er ihr zur Orientirung noch Näheres leise, in flüchtigen Umrissen mit, und sie weinte dabei still in ihr Taschentuch hinein. Die Nervenerschütterung war zu heftig gewesen, und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung beherrscht; nun aber kam die Reaktion, und die erleichternden Thränen ließen sich nicht mehr zurückdrängen.

Ehe sie ging, sah sie noch einmal in die Schlafstube. Der kleine Max deutete auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund – sie schlief augenscheinlich süß und fest; sie hatte die Last von der Seele gewälzt, und eine Jüngere, Starke hatte sie auf ihre Schultern genommen. –

Wenige Minuten später stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder hinauf. Sie ging wie im Traume, aber in einem sturmvollen. Es war nicht viel mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit sie ahnungslos diese Stufen hinabgehuscht war, aber welchen Umschwung aller Verhältnisse schloß diese eine halbe Stunde in sich! … Nun war es ja klar geworden, weßhalb der Papa an ihre Kraft und Treue appellirt hatte! Einer unseligen Schwäche hatte er sich angeklagt – ja, diese Schwäche, die Furcht, daß ihn die vornehme Gesellschaft um seiner zweiten Heirath willen in Bann und Acht thun werde, sie war es gewesen, die ihm das Leben vergiftet hatte!

Sie blieb unwillkürlich stehen und sah nach dem Vorderhaus hinüber. Ein schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke und glitzernde Eiszapfen umstarrten wie Drachenzähne den schmalen Rundbogen. Margarete schauerte in sich zusammen, aber nicht vor der Winterkälte, die kühlte ihr wohlthuend das glühende Gesicht – ihr traten die Kämpfe vor die Seele, die sich in dem alten Hause dort abspielen mußten, bis das Recht triumphiren und der Jüngstgeborene in das väterliche Haus einziehen durfte. Und hatte die kranke Frau nicht Recht? War dieser schöne, kräftige Knabe nicht ein wahres Himmelsgeschenk für das Haus Lamprecht, das nur noch auf zwei Augen stand? – Aber was kümmerte die kaltherzige, hochmüthige alte Dame im oberen Stocke der gesicherte Fortbestand der stolzen geliebten Firma? Das Kind war der Enkel der mißachteten „Malersleute“, und das genügte, um ihr jeden Blutstropfen zu empören und sie anzuspornen, die Anerkennung der Waise so lange wie möglich zu hintertreiben. Und Reinhold, der sparsame Kaufmann, der beide Hände fest auf den ererbten Geldkasten gelegt hatte, er gab sicher keinen Groschen heraus ohne die heftigste Gegenwehr! –

Sie schritt weiter auf den Bodendielen, die unter ihren Füßen ächzten. … Ach ja, es waren nicht bloß die groben Sohlen der Packer darüber hingegangen, auch feine, beflügelte Mädchenfüße hatten huschend die ungehobelten Bretter berührt – „eine weiße Taube“ war einst hier aus- und eingeflogen. Bei diesem plötzlichen Gedanken stieg ihr eine heiße Röthe nach dem Gesichte, das sie einen Augenblick in den Händen vergrub; dann schritt sie rascher der Thür zu, die nach dem unheilvollen Gange führte – sie ahnte nicht, daß in der That das Unheil hinter dieser Thür lauere. –


25.

Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Scene abgespielt. Bärbe hatte den Tapezierern eine Erfrischung hinaufgetragen, und nach einem kurzen Gespräch mit den Leuten hatte sie die Thür geöffnet, um den rothen Salon zu verlassen; aber schmetternd war der Thürflügel sofort wieder zugeflogen, und die alte Köchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurückgewankt. Sie hatte im ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht; mit der Hand nach der Thür deutend, war sie auf den nächsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schürze verhüllend über den Kopf geworfen. Aber draußen war nun absolut nichts Besonderes zu finden gewesen, wie der eine Arbeiter versicherte, der hinausgegangen war, um zu sehen, was der robusten Alten einen solchen Schrecken eingejagt habe.

„Glaub’s gern, nicht Alle sehen’s! Ach, das ist mein Tod!“ hatte Bärbe unter ihrer Schürze hervorgestöhnt. Dann hatte sie versucht, wieder auf die Beine zu kommen; aber die waren so schwach und zitterig gewesen, daß sie eine geraume Weile auf ihrem Stuhl hatte sitzen bleiben müssen. Nur ganz allmählich hatte sie die Schürze fallen lassen und sich scheu umgesehen, und ihre gesunde braunrothe Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt. Aber sie war still gewesen – das waren ja fremde Leute, die Gesellen da, denen durfte man doch den Mund nicht aufsperren, die trugen’s weiter, und dann wußte in ein paar Stunden die ganze Stadt, was bei Lamprecht’s passirt war! –

Zum Glück waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig gewesen. Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passiren müssen. Sie war mit den beiden Gesellen gegangen, hatte nicht rechts noch links gesehen und war endlich wieder in ihre Küche geschlichen – ja ,geschlichen‘ hatte der Hausknecht ausgesagt, – wie ein Gespenst sei sie daher gekommen und auf die Aufwaschbank hingesunken. – Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen. Nun war sie ihr auch erschienen, „die mit den Karfunkelsteinen,“ und nun sollte nur Einer kommen und ihr ausreden wollen, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte! Er sollte nur kommen!

Und der Hausknecht sammt der alten Jette hatten „Mund und Nase“ aufgesperrt; der Kutscher war auch dazu gekommen, und just in dem Moment, wo der Friedrich gefragt hatte: „War sie auch im grasgrünen Schleppkleide, wie bei mir dazumal?“ – da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen, um ein Glas Zuckerwasser für den jungen Herrn zu fordern.

„I bewahre – grün nicht!“ hatte Bärbe kurzathmig, aber unter energischem Kopfschütteln verneint. „Weiß, schneeweiß ist’s in dem Gange hin um die Ecke geflogen! Akkurat so muß sie im Sarge gelegen haben.“ Und daran hatte sie eine Schilderung geknüpft, die selbst dem Lehrling das Haar sträuben gemacht.

Durch ihn aber war das Geschehniß bis in die Schreibstube gedrungen. Reinhold war über das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzürnt gewesen, und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Küche entschuldigt.

Gleich darauf war der junge Herr herübergekommen. Er hatte in einem dicken Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermütze auf dem Kopfe gehabt. „Du gehst jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle, wo Du die weiße Frau gesehen haben willst!“ hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Köchin befohlen. „Ich will doch sehen, ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den Grund kommen kann! – Ihr Hasenfüße bringt mir das Haus immer mehr in Verruf – wie soll ich da Miether bekommen, wenn ich später einmal alle [292] überflüssigen Räume abgeben will? … Vorwärts, Bärbe! Du weißt, ich verstehe absolut keinen Spaß!“

Und da hatte Jungfer Bärbe nicht einen Laut des Widerspruchs über ihre bebenden Lippen gebracht. Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt, die Treppe hinauf und den Flursaal entlang; ihr entsetzensvolles Sträuben an der Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen; er hatte sie am Arme gepackt und an den sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorüber geschoben, bis zu dem Treppchen, das seitwärts nach dem Boden des Packhauses führte.

Aber da war er plötzlich wie toll hinabgesprungen, hatte die nur angelehnte Thür der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt hineingelugt, und als er Bärbe das Gesicht wieder zugewendet, da waren seine großen, grauen, todten Augen voll Leben gewesen, sie hatten gefunkelt wie die einer tückischen Katze.

„Nun marschiere Du wieder hinunter in Deine Küche,“ hatte er boshaft grinsend befohlen, „und sage den anderen Hasenfüßen, ein Gespenst, das einen Korb voll eingemachter Früchte bei sich habe, sei nicht gefährlich! Vorher aber gehe hinauf zur Großmama. Ich lasse sie bitten, in den rothen Salon zu kommen.“

Bärbe hatte sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Aber es war ihr plötzlich nicht ganz geheuer zu Muthe gewesen; sie hatte das unbestimmte Gefühl gehabt, als habe sie einen recht dummen Streich gemacht. Und als Tante Sophie gleich darauf von ihrem Ausgang zurückgekehrt war, da hatte sie nach einigen Präliminarien zu erzählen begonnen; aber schon nach wenigen Sätzen war die Tante entsetzt zurückgefahren. „O Du Unglücksbärbe Du!“ hatte sie gejammert und war so, wie sie von der Straße hereingekommen, in Hut und Mantel, die Treppe hinaufgeeilt.

Sie hätte Alles darum gegeben, ihrer „Gretel“ einen heftigen Auftritt zu ersparen, oder ihn wenigstens durch vorherige Vorstellung und Fürsprache zu mildern, aber sie kam zu spät. In demselben Augenblick, wo sie den Flursaal betrat, kam Reinhold in Begleitung der Großmama aus dem rothen Salon.

Er machte eine tiefe ironische Verbeugung nach dem Gange hin, und die Frau Amtsräthin rief hinüber: „Ei, meine liebe Grete, Du scheinst Dir ja als schöne Dore recht zu gefallen! Neulich kamst Du, wie aus dem Rahmen gestiegen, in ihrem Brautrock, und heute erschreckst Du die Leute im Hause als weiße Frau –“

„Ja, als die Frau mit den Karfunkelsteinen!“ ergänzte Reinhold. „Bärbe ist wie verrückt! Sie hat den famosen weißen Theatermantel da durch den Gang laufen sehen und das ganze Haus rebellisch gemacht. So muß es kommen! Ihr da unten haltet gegen mich wie die Kletten zusammen, und nun verräth Eine die Andere, wenn auch wider Willen!“

Während dieses impertinenten Zurufes war Margarete um die Gangecke gekommen. Sie antwortete nicht – die Bestürzung schien ihr die Lippen zu verschließen.

„Betrügerin!“ schnauzte Reinhold sie an, indem er ihr näher trat. „Also auf solchen Schleichwegen gehst Du? Hast ja schöne Dinge draußen in der Welt gelernt!“

„Reinhold, mäßige Dich!“ wies ihn Margarete mit ruhigem Ernst und wirklicher Hoheit in die Schranken, während sie an ihm vorüber zu Tante Sophie gehen wollte; aber er vertrat ihr den Weg. „’S ist recht, flüchte Du nur zu Deiner Gouvernante! da hast Du ja von jeher Schutz und Hilfe gefunden! –“

„Du auch!“ fiel Tante Sophie ein. „Eure Gouvernante war ich nie“ – eine Art trockenen Auflachens kam ihr von den Lippen – „ich kann weder Französisch noch Englisch, und aufs Poliren verstehe ich mich auch nicht – aber so Etwas, wie ohngefähr der getreue Eckard, das bin ich gewesen. Ich hab’ Euch über Leib und Seele meine beiden Hände gehalten, so gut ich’s eben konnte, und mein bischen Kraft eingesetzt, so lange Ihr sie brauchtet, und wie Dich Deine schwachen Beine jahrelang nicht tragen wollten, da sind es meine Arme gewesen, auf denen Du durch Haus und Hof und in die frische Luft hinausspaziert bist – ich habe Dich niemals fremden Händen überlassen. … Nun kannst Du laufen, aber nicht zu Anderer Freude. Du läufst wie ein Kerkermeister horchend von Thür zu Thür und gönnst Deinen Mitmenschen nicht einmal die Luft, geschweige denn eigene Gedanken und eigenes Genießen – Alle sollen nach Deiner Pfeife tanzen – das alte Lamprechtshaus kommt mir nachgerade vor wie ein Zuchthaus. Und drum mein’ ich, es sei hoch an der Zeit, daß man geht. Dich und Dein Gnadenbrot brauche ich nicht; aber die Gretel, die nehm’ ich mit!“

Während dieser schneidigen Strafpredigt war der Kopf des langen jungen Menschen immer tiefer in den dickzottigen Pelzkragen geschlüpft, und seine Augen irrten scheu an den Wänden hin. Er erinnerte sich recht gut, wie die Tante Sophie wochenlang Nacht für Nacht an seinem Krankenbette gewacht, ihm, dem meist Appetitlosen, eigenhändig jeden Bissen mundgerecht zubereitet und ihn noch als siebenjährigen Knaben die Treppen hinaufgetragen hatte, und da mochte wohl das Roth, das augenblicklich sein fahles Gesicht überflog, Schamröthe sein. Die Frau Amtsräthin aber war sichtlich empört.

„Glauben Sie wirklich, wir würden unsere Enkelin mit Ihnen ziehen lassen?“ fragte sie erzürnt. „Das ist ein wenig kühn und voreilig, meine Liebe! Ich meine, die reiche Erbin wird sich doch wohl bedenken, im ersten besten Armeleutestübchen unterzukriechen.“

Tante Sophie lächelte humorvoll. „Es ist nur gut für den Staat, daß Sie nicht Einschätzungskommissar sind, Frau Amtsräthin! So schlimm, wie Sie denken, ist’s wirklich nicht – ich müßte ja nicht Lamprecht heißen! Wohlgemerkt, ich sage das nur, um die Beschuldigung der Kühnheit und Voreiligkeit von mir zu weisen!“

Margarete trat auf die Tante zu und legte zärtlich den Arm um die geliebte Gestalt.

„Die Großmama irrt,“ sagte sie. „Erstens bin ich nicht die reiche Erbin, für die man mich hält, und dann würde ich herzlich gern mit Dir auch in ein Armeleutestübchen ziehen, wenn ich nur bei Dir bleiben dürfte. Aber vorläufig dürfen wir Beide das Haus nicht verlassen; ich habe eine Mission zu erfüllen, und Du mußt mir beistehen, Tante!“

„Nun, der Missionsweg soll Dir von nun an verschlossen sein, Grete – ich werde die Thür nach dem Packhause zumauern lassen – sie hat ohnehin keinen Zweck – und damit basta! Ich will doch sehen, ob ich mir nicht Ruhe verschaffen kann!“ sagte Reinhold, indem er frostgeschüttelt den Pelz fester über der Brust zusammenzog und nach dem Ausgang schritt – die schwache Regung eines guten Gefühls war bereits wieder unterdrückt. „Uebrigens ist es – gelind gesagt – ein klein wenig unverschämt von Dir, an Deinem Erbtheil zu mäkeln,“ setzte er, sich noch einmal zurückwendend, hinzu. „Du erhältst weit mehr, als es der Tochter von Rechts wegen zukommt. Hätte der Papa - wie es seine Pflicht mir, dem Geschäftsnachfolger, gegenüber gewesen wäre – bei Zeiten ein Testament gemacht, dann stünden die Sachen jetzt anders; so aber muß ich Unsummen an Dich hinauszahlen.“

„Ja, der Ansicht bin ich auch, daß mir dieses große Erbe nicht zukommt – ich werde theilen müssen!“ versetzte Margarete bedeutsam.

„Mit mir noch einmal?“ lachte Reinhold höhnisch auf. „Das wirst Du bleiben lassen! Du hast noch nicht einmal das Recht, darüber zu verfügen. Und ich will auch Deine Großmuth gar nicht, so wenig wie es mir einfällt, auch nur einen Pfennig oder das kleinste Rechtstitelchen von dem Meinigen herauszugeben – Jeder bleibe für sich, das ist meine Maxime! … Bei dieser Gelegenheit will ich Dir auch sagen, Großmama, daß nirgends auch nur eine Spur von einem Geschäftskontrakt zwischen dem Papa und dem Menschen da drüben –“ er deutete nach dem Packhause – „zu finden ist. Jene Nachforderung, mit welcher Du so geheimnißvoll thust, ist mithin Schwindel und für mich abgethan – ich will nun gar nichts Näheres wissen! … Uebrigens danke ich Dir, daß Du auf meine Bitte heruntergekommen bist; Du hast Dich nun selbst überzeugen können, wie perfide und hinterrücks meine Schwester zu handeln gewohnt ist.“

Er ging hinaus und ließ die Thür schallend hinter sich zufallen.

Margarete war bis in die Lippen erblaßt.

„Nimm Dir’s nicht zu Herzen, Gretel!“ tröstete die Tante Sophie. „Hast’s ja von kleinauf nicht besser gewußt, bist immer der Sündenbock und Prügeljunge gewesen! Und er ist dadurch ein herzloser Bursche, ein grausamer Egoist geworden –“

„So jung schon ein ganzer Mann, wollen Sie sagen, liebe Sophie, ein Mann, der sich kein X für ein U vormachen und nicht mit sich spaßen läßt,“ fiel die Frau Amtsräthin ein. „Margarete trägt selbst die Schuld, wenn er ihr böse Dinge gesagt hat.

[293]

Bei der Musi’.
Nach dem Oelgemälde von Adolf Eberle.

[294] Sie durfte nicht zu den Leuten gehen, von denen sie wußte, daß sie unstatthafte Ansprüche an die Erben erheben.“

„Jene Ansprüche sind gerecht,“ sprach das junge Mädchen fest.

„Was –“ fuhr die Großmama auf – „diese Elenden haben gegenüber der Tochter, als Dank für ihren Samaritergang, über den verstorbenen Vater gesprochen? Und Du glaubst die Fabel?“ Sie zog mit hastigen Händen an ihrer Kapotte. „Hier ist mir’s zu kalt – Du gehst jetzt mit mir hinauf, Grete, die Sache muß besprochen werden!“

Margarete folgte ihr schweigend, während Tante Sophie mit einem besorgten Blick nach ihr die Treppe hinabging.

(Fortsetzung folgt.)

Bei der Musi’.

(Mit Illustration S. 293.)

Aber Du kannst es schön,
Aber dös geht verweg’n;
Da is ja mei’ Zithern
Glei’ gar nix dageg’n!“

„Gel, dös is a Gaudi[1]
Heunt hast wohl an Stand,
Heunt bist scho der richtige
Bettelmusikant!“

So scherzt halt der Vater,
Und d’ Muader schaugt zua;
Und der Dackl[2], der schlaft –
Nur die Kloa’ giebt koan Ruah.

Denn der Kochlöffel spielt
Ihr halt soviel schön auf …..
Wie’s koa Geig’n nimmer kann,
In a fufzehn Jahr’ d’rauf!
 Karl Stieler.


  1. Vergnügen.
  2. Dachshund.

Der Stil in der Wohnung.

Von Ferdinand Avenarius.
(Schluß.)

Unsere Mode auf dem Gebiete des Kunsthandwerkes pflegt reinen Buchstabenglauben. Wir lernen Vokabeln und bilden uns ein, eine Sprache zu lernen. Das Lexikon aber, aus dem wir unsere Weisheit fischen, ist das „altdeutsche“.

Wer schert sich heute darum, daß unser Jahrhundert in seinem Denken, Fühlen, Streben, in seinen materiellen, politischen, künstlerischen Verhältnissen, in seinem ganzen Sein eben doch ein anderes ist, als das fünfzehnte und sechzehnte? Getrost wird das Alte auf das Neue geklebt, und der biedere Wohnungsausstatter hält es womöglich noch für ein Kompliment für seine Behausung, wenn sie „altdeutsch“ ist. Und doch ist sie dann unsinnig und verlogen und deßhalb stillos, so gut sie die einzelnen Wörtlein der todten Sprache auswendig gelernt haben mag, ja, um so stilloser, je besser sie das gethan hat. Denn was vielleicht trefflicher Ausdruck für eine Wohnung des 16. Jahrhunderts war, kann es gerade deßhalb nicht mehr für eine solche des 19. Jahrhunderts sein.

Aber es ist mal so Mode. Wie in der Litteratur die „Butzenscheibenpoesie“ florirt und würdige Pedantenherzen nach den Hopsern „altdeutscher“ Weisen springen läßt, wie unser Publikum solche Kindereien „frisch“ findet und das Maskengefiedel für Natur hält, so ahnen auch unsere altdeutsch stilvollen Wohnungsbesitzer nicht, daß sich Dürer oder Holbein den Leib vor vergnüglichem Lachen halten würden, sähen sie unserem permanenten Karneval zu. Leute, die sich über die Schweizergarde des Papstes in Rom vornehm belustigen, pflanzen sich Landsknechte aus Majolika unter Bronzeteller mit grimmigen Ritterbildnissen; friedfertige Kaufleute, denen das Schaufenster eines Gewehrladens schon Unbehagen erweckt, hausen daheim unter grausigen Hellebarden, Schilden, Schwertern und Morgensternen; Männlein und Weiblein gießen aus Apostelkrügen ihr Bier in altdeutsche Steintöpfe, denen womöglich noch vermittelst einer „echten Renaissance-Jahreszahl“ – etwa 1560 – in köstlicher Naivetät ausdrücklich bescheinigt ist, daß sie in unserem Jahrhundert eigentlich nichts zu suchen haben. Jede Dummheit, die ein altdeutscher Renaissancetischler aus Mißverständniß der Antike oder Gedankenlosigkeit einst verbrochen, wird um so freudiger nachgeschnitzt, je verrückter – ach nein: origineller – sie ist, denn der nachahmende Gewerbekünstler hat sie irgendwo gesehen, sie ist also „echt“, altdeutsch und somit – modern. Und wenn wir einen gescheiten Mann fragen, was er denn eigentlich mit den „altdeutschen Sprüchen“ anfange, die, an den Wänden angebracht, seine Augen zum ewigen Spazierengehen auf ihren Gemeinplätzen zwingen, so erfahren wir als Entschuldigung den Gebrauch unserer Vorfahren aus einer Zeit, da dergleichen eben beim Mangel an Büchern und Zeitschriften noch eine Hauptanregung für den Geist sein mußte!

Und warum richten wir uns nicht wenigstens ganz so ein wie die Altvordern? Ja, das ist eben der Hauptspaß, daß wir’s natürlich hübsch bleiben lassen, echt stilvoll in engen Gäßchen, schmalen Häuschen, dunkeln Stüblein zu hausen, bei Talglichtern oder Thranlämpchen die Abende zu vergähnen, Petroleum, Elektricität, Dampfschiffe, Eisenbahnen und was sie bringen, kurzer Hand aus der Welt zu werfen. Ach, man kann ja unserer altdeutschen Sucht nicht einmal nachsagen, daß sie, sei sie gleich Narrheit, doch Methode habe!

Es geht dem Altdeutschen also wie allem äußerlich Angezogenen: nachdem es eine Weile getragen, zeigt’s Fadenschein, beginnt zu platzen, und wenn der Körper darunter wächst, so zerreißt es schließlich ganz und gar. Es ist eben ein Rock und keine lebendige Haut, die sich mit dem Körper ändert und erneut, weil sie sich aus dem Körper nährt. Und ist es denn ganz unmöglich, daß sich auch unsere Zeit einmal einen Stil schaffe, der solcher natürlichen Haut entspricht, statt einem Anzug vom Schneider?

Es seien mir einige Bemerkungen darüber gestattet!

Nichts liegt mir ferner, als die hohe Bedeutung jener Bewegung schmälern zu wollen, welche die letzten Jahrzehnte auf dem Gebiete des Kunstgewerbes gezeitigt. Von dem gewaltigen nationalökonomischen Gewinne zu sprechen, den die kunstgewerbliche Arbeit durch das Umsetzen eines geistigen Faktors, des Geschmacks, in materiellen Werth mit sich bringt, wäre hier nicht der Ort. Wie hoch aber ist auch die ideale Bedeutung einer Strömung zu schätzen, die dem Volke die Wichtigkeit des Schönen fürs Alltägliche wieder nahelegt und es allmählich zum Genuß von deren Segnungen wieder erziehen könnte? Daß es auch der großen Masse wieder fühlbar geworden, daß nicht nur Wissen, daß auch Schönheit Macht ist – diese Thatsache ist großartig genug, um auch den verbissensten Pessimisten zu erfrischen. Und wenn der goldene Boden des Handwerks gründlich und gesund vom Jungbrunnen der Schönheit durchtränkt werden könnte, wär’ nicht zu hoffen, daß auch die hohe bildende Kunst wieder im festen Erdreich unseres Volkes wurzelte, statt, wie noch jetzt, ein Ziergewächs im Topfe zu sein?

Im Einzelnen hat unsere Bewegung viel, sehr viel Gutes hervorgebracht. Drei Viertheile unserer Zimmermöbel sind ungleich schöner als die früheren. Unsere Weberei, unsere Metall-, unsere Glasindustrie erzeugen Gutes, ja Treffliches. Aber eben deßhalb: wär’ es nicht doppelt schade, wenn alles das unterginge in öde Faxerei? Haben nicht Alle, die sich des Guten von Herzen freuen, das wir neben dem Schlechten erworben – haben wir nicht Alle die Pflicht, nach Kräften dem vorzubeugen, daß dereinst das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werde? Man darf’s nicht bezweifeln: unser ganzes „altdeutsches“ Schiff wird an der Klippe der Lächerlichkeit zerschellen – suchen wir das Schöne und Herrliche, das es trotz alledem birgt, aus dem Meere der Mode zu retten!

Und wie könnte das geschehen?

[295] Nur dadurch, daß wir immer und immer wieder statt der Stile den Stil in Betracht ziehen, daß wir statt eines blöden Nachäffens aller Schnirkel und Schnörkel lehren und fördern ein vernünftiges Prüfen, ob das, was für andere Verhältnisse gut war, für unsere Verhältnisse gut ist; daß wir vor Allem unsern Kunstgewerbetreibenden und uns, dem kaufenden Publikum, als erste und Hauptsache beim Schaffen oder Betrachten eines Gegenstandes die Frage angewöhnen: woraus besteht er und was soll er, und spricht sich die Antwort darauf klar und wahr in seiner Erscheinung aus? Lassen wir uns nicht durch Kinkerlitzchen bestechen, die unserem Auge vielleicht im ersten Momente schmeicheln – auf die Dauer werden wir nur das gern in unserer Umgebung sehen, bei dem wir auf jene Frage ein entschiedenes Ja zur Erwiderung haben. Denn auch hinter die Lügen und Hohlheiten der Form, wie hinter die des Menschencharakters, kommen wir bei täglichem Verkehr, und so elegant sie uns etwas vorflunkern – wir hören schließlich „von Allem nur das Nein“.

So lange sich uns noch nicht aus den alten eine eigene neue Formsprache entwickelt hat, müssen wir freilich die guten Werke studiren, die eben in den alten Formsprachen geschrieben sind. Und welche derselben können wir am besten brauchen?

Die gothischen nicht, denn so Treffliches die Gothik auch im Kunstgewerbe geleistet, so allgemein trägt sie den Stempel eines Geistes, der nicht der unsere ist, in den wir uns kaum noch hineindenken, aus dem wir aber jedenfalls nicht das erlernen können, was wir brauchen: Befreiung für uns selbst. Das Rokoko? Nichts wäre schädlicher, als wenn unser Kunstgewerbe – wie es da und dort leider den Anschein hat – sich in der Vorahnung des altdeutschen Bankerotts zu ihm hinüberflüchten wollte. Einmal wäre mit dem Sieg des Rokoko auch der Sieg des französischen Kunstgewerbes über das deutsche besiegelt, denn dem Volksgeist unserer Nachbarn drüben ist der Geist des Rokoko noch ungleich verwandter als uns. Dann aber warnt ein schlagender Grund vor seiner Wiedereinführung zur Vorsicht: das Rokoko war kein Stil. Ihm fiel es nicht ein, jenen allgemeinen Stilgedanken auf seine Weise zum Ausdruck zu bringen, an dem doch alles liegt – es war nur eine Manier, denn es lehrte den Gegenstand nicht, dem Stile gemäße von seinem eigenen Wesen sprechen, es ließ ihn mit erborgtem Leben bespiegeln, was davorstand. Freilich war dies Spiegelbild oft ein geistreiches, prickelndes, anmuthiges, aber an der Rokokomanier lag das nicht, sondern an der bespiegelten Rokokogesellschaft: sie ist’s, deren Widerschein uns in jenen Erzeugnissen anspricht, nicht die Schönheit jener Erzeugnisse selbst. So wäre die Wiederbelebung der Zopfkunst auch vom künstlerischen Standpunkt besehen ein Unglück. Denn abgesehen davon, daß wir mit Sicherheit wieder statt eines Verstehens des Geistes ein Abschreiben der Formen, statt der altdeutschen Maskerade eine Rakoka-Maskerade zu gewärtigen hätten, würden wir von unserem Ziele noch weiter abgebracht werden, als wir es jetzt sind. Wie könnte uns das Rokoko, das ja eben gar keinen Stil hat, zum Verständniß des allgemeinen Stils aus dem besondern, zum allmählichen Ablösen des Begriffs von der Erscheinung verhelfen?

Es bleibt uns von den historischen Stilweisen, die überhaupt bei uns in Frage genommen sind, die Renaissance. Und in der That ist sie von allen die, welche uns am meisten nützen kann, denn ihre Formensprache bildete ein Geist, der dem unseren verwandt, der vielfach geradezu unseres Geistes ist. Lehnen wir uns also vorläufig an ihre Kunst und zwar da, wo uns Klima, Anschauungen oder Sitte nicht von ihr trennen, an ihre reinste und schönste Gestalt, an das italienische „Rinascimento“. Unsere Vorfahren haben es ja auch so gemacht und aus dem italienischen den ihnen entsprechenden deutschen Stil gebildet. Verachten wir ihn nicht zur Bildung des uns entsprechenden deutschen! Sind die altdeutschen Meister nicht da gerade am weitesten gekommen, wo sie den Geist der Renaissance von drüben am besten verstanden? Warum sollen wir also, wo es angeht, nicht aus der Quelle schöpfen?

Bei unserem Anlehnen dürfen wir nur nicht vergessen, daß die Stütze am Rücken doch immerhin nur eine Stütze sein darf, daß uns hauptsächlich und später einmal ganz die eigenen Beine tragen sollen, und daß besagte Beine eben auf dem Deutschland des 19. Jahrhunderts stehen. Weil Vieles in der Renaissance unseres Wesens ist, so ist lange noch nicht Alles darin unseres Wesens. Prüfen wir also Alles nach der allgemeinen Regel von Fall zu Fall. Beispiele des Unpassenden aufzuführen, hab’ ich beim Schreiben dieser Zeilen Gelegenheit genug gehabt. Manches, was uns auf den ersten Blick so erscheinen mag, wird uns indeß bei genauem Hinsehen beweisen, daß es nur deßhalb uns unpassend schien, weil es uns ungewohnt war. Die Butzenscheiben z. B. sind doch wohl ohne Grund so oft verspottet worden. Ihre Wiedereinführung in alle Fenster unseres „lichteren Jahrhunderts“ wäre gewiß unsinnig; unbestreitbar aber ist, daß sie unendlich reizvoller sind, als unser abscheuliches Milchglas und somit gut befähigt, in Fenstern nach Corridoren, dunkeln Höfen etc. das letztere zu ersetzen. Und sollten wir des poetischen Duftes entbehren, den das magische Licht der Glasgemälde über ein Plauder-, Schlaf- oder Musikzimmer gießen kann – blos weil die Glasmalerei so lange im Argen lag? Man ersetze nur die ewigen Landsknechte und altdeutschen Fräuleins auf ihren Gebilden durch ebenso farbige, aber schönere und sinnvollere Schöpfungen!

So kommen wir schließlich von allen Seiten her doch auf den einen großen Hauptschaden unserer modernen Halbbildung hinaus: es muß mehr aufs Denken hingearbeitet werden, statt aufs Auswendiglernen. Wir haben Kunstgewerbemuseen und Ausstellungen – wie viel mehr werden sie leisten, wenn der Besucher vom allgemeinen Geiste sich anzueignen vermag, statt nur nach „echten Mustern“ zu suchen. Wir haben eine riesenhaft angeschwollene Kunstgewerbelitteratur mit stets sich mehrenden Büchern und Bilderwerken. Aber wie wenige behalten, wie Semper’s bahnbrechende Werke, wie Falke’s „Kunst im Hause“ und seine meisterhafte „Aesthetik des Kunstgewerbes“, wie Bucher’s „Reallexikon der Kunstgewerbe“ und seine streng wissenschaftliche „Geschichte der technischen Künste“, das Allgemeine über dem Einzelnen im Sinn! Die meisten lassen den Wald vor den Bäumen, den Stil vor den Einzelnheiten der Stilweisen aus dem Auge, und wenn ihre Wichtigkeit für den Gelehrten nicht geleugnet werden darf, so ist doch ihr Einfluß auf den mit wenig eigener Kritik arbeitenden Handwerker sehr oft vom Uebel. Deßhalb darf ein Aufsatz, der praktisch anregen will, den empfehlenden Hinweis auf Bücher, wie die genannten, nicht versäumen.

Freilich, alles Verstehen und Denken kann besten Falls dazu führen, ein sinn-, also stilzeigendes Gefäß zu schaffen – das Höchste der Kunst, echte Schönheit heraufzubeschwören, reicht es zunächst nicht aus. Einmal aber: wenn ein stilvolles Geräth noch nicht schön sein muß, so kann ein stilloses Geräth nicht schön sein, denn schönen Unsinn giebt es nicht. Und zweitens kann das Denken, auf das wir ja durch das Zerreißen aller Entwickelung angewiesen sind, doch wenigstens indirekt auch zur Neuschöpfung auf künstlerischem Gebiet von Nutzen sein. Es kann vom Auge mit allem, was klaren Forderungen der Kunst widerspricht, den Unsinn fernhalten und so dafür sorgen, daß das gesunde Menschengefühl fürs Schöne sich üben und ausleben kann, statt immer wieder von dem umgebenden Blödsinn abgezogen und verkränkelt zu werden.

Dazu gehörte freilich. daß unser Volksauge nicht blos an bevorzugten Stellen Sinnvolles fände, sondern überall. Bis jetzt aber wird der Stil, oder was man so nennt, nur auf der Table d’hôte für Reiche servirt – Hausmannskost ist das wenigste unter den Produkten unserer Kunstgewerbe. Und doch könnte der Hausrath des ärmeren Mannes ebenso gut durchgeistigter und sinniger sein, wie der des reichern, und ohne daß er darum einen Pfennig mehr kosten müßte als jetzt. Wir machen zu viel Prunk- und Protzgeräth, und wenn wir Billigeres machen, soll’s eben doch auch „nach etwas aussehen“, und so wird der Flitter über den Trödel gehängt. Es sieht dann freilich nach etwas aus – nach Verlogenheit und kunstreiterhaftem Geprahl nämlich, nach anderem aber nicht.

Dränge die Kunstgewerbeströmung tiefer in unsern Boden, so würde er durch sie – ich sprach schon vorhin davon – befruchtet zur Aufnahme einer wahrhaft nationalen, weil im Volke wurzelnden hohen Kunst. Käme es dazu, so dürften wir getrost der Früchte warten, die aus dem Samen aufgehen, den unser Kunstgewerbe ausgestreut. Es läge in gutem Grunde, von gutem Safte genährt und könnte vielleicht zu dem heranreifen, was wir alle ersehnen: zur künstlerischen Verklärung unserer Zeit und unseres Volkes – nicht zum altdeutschen, aber zum neudeutschen Stil!




[296]

Das Schiller-Haus in Gohlis.
Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

Das Jubiläum eines Liedes.

Am 7. Mai sind es nach gewöhnlicher Annahme gerade hundert Jahre, seit Friedrich Schiller in Gohlis, damals einem unbedeutenden Dörfchen, jetzt einer der Villenvorstädte von Leipzig, sich zu mehrmonatlichem Aufenthalte niederließ, um in ländlicher Abgeschiedenheit im Kreise lieber, verständnißvoller Freunde die vielleicht glücklichste Zeit seines nur zu kurzen Erdenseins zu verbringen und mit seinem begeisterten Dithyrambus „An die Freude“ daselbst die zweite Periode seines dichterischen Schaffens zu beginnen. Schiller hatte, indem er Mannheim verließ, um sich nach Sachsen zu wenden, einem Herzenswunsche seiner begeisterten Verehrer und Freunde Christian Gottfried Körner und Ludwig Ferdinand Huber und der beiden Töchter des Kupferstechers Stock nachgegeben, von denen die jüngere, Minna, mit Körner, die Aeltere, Dora, damals mit Huber verlobt war. Am 17. April war der jugendliche Dichter der „Räuber“ in Leipzig eingetroffen und mit Freuden von Huber und dem Schwesternpaare Stock empfangen worden, während Körner, sein treuester Freund, durch Amtsgeschäfte in Dresden zurückgehalten wurde. Rasch lebte er sich in Leipzig ein, wo er im „kleinen Joachimsthal“ auf der Hainstraße eine bescheidene Wohnung bezogen, und sein Freundeskreis erweiterte sich schon in den nächsten Tagen, indem der Dichter auch mit Goethe’s Lehrer Oeser, dem Musikdirektor Hiller, dem Kupferstecher Endner und Anderen näher bekannt ward. Da aber Minna und Dora Stock, sowie Huber und Endner in Gohlis Landaufenthalt genommen hatten, so führte auch Schiller seinen schon vorher gefaßten Entschluß, den Freunden nach dem freundlichen Dorfe zu folgen, am 7. Mai aus, um, nachdem in dieser Zeit sein Verhältniß zu Margarete Schwan sich gelöst und er sich wieder um eine frohe Hoffnung ärmer sah, in idyllischer Stille an der Seite der neugewonnenen Freunde Erholung zu suchen und Trost und Stärkung für bessere Tage. Und diese Hoffnung sollte unsern Dichter nicht getäuscht haben, er fand, wonach sein Herz verlangte, im reichsten Maße. „DaS Lied an die Freude“, das in der Zeit seines Gohliser Stilllebens entstanden ist, darf als das beredteste Zeugniß dafür gelten, dies Lied, das ein Zumsteeg und Zelter in Musik gesetzt und welches einen Beethoven derart begeisterte, daß er als Schlußchor seiner tongewaltigen letzten Symphonie eben dies Schiller’sche Lied erwählte. Das ärmliche Haus in Gohlis, in dessen erstem Stockwerk Schiller ein kleines Zimmer nebst Dachkammer bezog, ist noch erhalten, so wie es hier im Bilde vorgeführt wird. Es liegt Hauptstraße Nr. 18 und befindet sich im Besitze des Leipziger Schiller-Vereins, der pietätvoll dafür gesorgt hat, daß wir uns beim Anblick dieses kleinen Hauses und seiner Räume daran erinnern: diese Stätte ist durch den Namen ihres berühmten Bewohners geweiht für alle Zeit. Karl Siegen.     




[297]
Karl Stieler.
† 12. April 1885.


Es muß wohl eine grundtiefe Wahrheit, eine ergreifende Gewalt im Wort eines Dichters liegen, wenn es ihm gelang, nicht blos in den Seelen der Gebildeten, sondern auch in den breiteren Schichten des Volks ein klangvolles Echo zu finden und den einfachen Naturlaut seiner Heimath in die Herzen dringen zu lassen bis zu den fernsten Reichsgrenzen.

Karl Stieler.
Nach einer Photographie von Max Fackler in Tegernsee gezeichnet von Adolf Neumann.

Das gilt von Karl Stieler. Man kennt ihn wirklich vom Fels zum Meer, diesen Dichter des bayerischen Hochlands. In erster Linie sind es seine Dichtungen in oberbayerischer Mundart, welche ihm frühzeitig Bahn brachen; Sammlungen, welche die Titel führen: „Bergbleaml’n“, „Weil’s mi freut“, „Habt’s a Schneid?“, „Um Sunnawend“ und „Von dahoam“. Neben den Dialektdichtungen dann hochdeutsche Gedichte: „Hochlandslieder“, „Neue Hochlandslieder“, „Wanderzeit“. Endlich Reiseschilderungen in farbenreichem Prosastil.

Das Gemeinsame an den Werken Karl Stieler’s, das einfache Geheimniß seiner ganzen Bedeutung liegt darin, daß er mit nie täuschender Empfindung die echtesten Töne des Volkslebens aufnimmt und sie treu wiedergiebt in einer Form, wie sie kürzer, treffender und schneidiger nicht gefunden werden kann. Dieser Grundzug seiner Dichtungsweise hängt mit seinem Leben innig zusammen.

Stieler ward am 15. December 1842 zu München geboren, als zweiter Sohn des Hofmalers Joseph Stieler, der als ausgezeichneter Portraitmaler bekannt war und besonders in den höchsten Kreisen der Gesellschaft ehrenvolle Thätigkeit fand. Beruf und Stellung des Vaters brachten es mit sich, daß Stieler’s Elternhaus in lebendiger Fühlung stand mit dem ganzen geistigen und gesellschaftlichen Leben des damaligen München. Des Dichters Kindheit fiel in die Zeit, als der feinsinnige König Ludwig I. bestrebt war, sein geliebtes München zu einem Mittelpunkte künstlerischen Wirkens zu machen. Warm pulsirte dieses Streben auch im Hause des Hofmalers Stieler und mußte schon den Knaben berühren. Kaum daß dieser zum Jüngling herangewachsen war, brach wieder eine neue Epoche schöner und durchgeistigter Regungen [298] für seine Vaterstadt an: die Zeit, als unter König Max II. zu dem Wirken der bildenden Künste auch litterarische Thätigkeit trat, indem Geibel, Bodenstedt, Dingelstedt und Heyse die Geister in Bewegung brachten. An den reichsten Eindrücken fehlte es also nicht.

Der Knabe Stieler genoß, nachdem er den Vater frühzeitig verloren hatte, unter der Leitung einer einsichtsvollen und feingebildeten Mutter eine vortreffliche Erziehung, welche den Geist zu schärfen verstand, ohne das Gemüth darunter Schaden leiden zu lassen. Aber während er auf dem Gymnasium und später an der Münchener Universität mit Eifer und Talent studirte, trat von anderer Seite her die Poesie an ihn und hauchte ihn mit ihrem Zauber an.

Stieler’s Vater besaß am Tegernsee ein Landhaus, in welchem alljährlich die Familie ihre Sommerfrische hielt. In diesem entzückenden Winkel der Berge, Angesichts der leuchtenden Felswände und des schimmernden Sees, an einer uralten Kulturstätte: hier fand Stieler einen unerschöpflichen Schatz von poetischen Eindrücken. Man muß nun freilich wissen, daß das Bergvölkchen in der Umgebung des Tegernsees das lebensmuthigste, liederreichste und verliebteste ist im ganzen deutschen Vaterlande. Nirgends – von den Vogesen bis zur Bernsteinküste – wird so viel gesungen und gejauchzt, so harmlos gelebt und so fröhlich gerauft, als in den Vorbergen zwischen Isar und Inn. Der Wohlstand des Volks, im Verein mit der theils großartigen, theils lachenden Natur des Alpenvorlands ließ hier einen Ueberschuß an poetischer Weltanschauung und kraftvoller Lebensbethätigung erwachsen. Ewige Berge, mit ihren Felspfeilern Sinnbilder unvergänglicher Treue; grüne Seefluth, bald sonnig schlafend, bald sturmgepeitscht; traumtiefe Waldnacht, vom Kuckucksruf durchschallt; stattliche Höfe, auf welchen seit tausend Jahren ein tüchtiges, fröhliches, wehrhaftes Bauernvolk haust; grüne Almen, von welchen glockenhelles Jauchzen in die Bergwelt hineinschallt: das war die Umgebung, in welcher Karl Stieler die langen Sommertage seiner Jugend verbrachte – kein Wunder, daß seine ganze dichterische Anlage diese Dinge spiegelt.

Als Knabe kümmerte er sich noch nicht um das Volk. Aber – und das ist schon sehr viel – er lernte, wenn er als „Stielerbub“ in der Tegernseeer Dorfgasse sich umhertrieb, die Sprache des Volks, die er später so meisterlich zu handhaben wußte.

Das Leben des Volkes, seine Leiden und Freuden, der engbegrenzte Kreis der bäuerlichen Anschauungen und Schicksale fingen erst an, Stieler’s Aufmerksamkeit zu erregen, als er Student geworden war. Und da war’s nicht etwa die Absicht, einen Gegenstand für schriftstellerische Thätigkeit zu finden, was ihn in diesen Gedankenkreis brachte, sondern das Leben selbst. Nicht um litterarischen Ruhm begann er die Dialektdichtung, sondern um einer spröden Almerin ein flüchtiges Lächeln abzugewinnen, hat Karl Stieler sein erstes Dialektliedchen ersonnen, noch als Gymnasiast. Die angesungene Landschöne ist vielleicht längst irgendwo eine hartfäustige Bäuerin geworden; aber jenes flüchtige Abenteuer gab den ersten Anlaß zu einer Reihe von Liedern, welche der Dichter in das Herz seines Volkes hineingesungen hat.

Daß er das Landvolk so gründlich verstehen lernte, war freilich nur möglich, weil er auch mit ihm lebte. Wenn er unter die lachenden Sennerinnen trat, die Abends um ihr Herdfeuer saßen, oder unter die Holzknechte, die im Hochwalde den gefällten Baumriesen umstanden auf ihre Aexte gestützt: dann war er Einer von ihnen, in ihrer Tracht, ihrer Ausdrucksweise, er fühlte wie diese Menschen fühlen und stand mitten in ihrem Gedankenkreis; was sie erleben, erlebte er mit ihnen, zum Theil an sich selber.

Er erhielt auch öfter Veranlassung, sich mit dem Volke zu beschäftigen. Denn als er die Neigung, Maler zu werden, überwunden und als Jurist die Münchener Universität absolvirt hatte, trat er in Gerichtspraxis am Landgerichte zu Tegernsee und lernte da die Bauern mit ihrer „Proceßsach’“, mit ihren Heiraths- und Erbschaftsangelegenheiten kennen; mit dem Uebermuthe, der sie nach dem Zaunpfahle greifen läßt, und mit jener kleinlauten Schlauheit, welche sie hernach vor dem Richter zur Schau tragen. Und als er während des Feldzugs von 1866 Lieutenant in einem bayerischen Infanterieregimente war und mit demselben in Passau lag, lernte er seine Landsleute auch kennen„ wie sie als Rekruten sind, keck und lebendig noch unter dem Hochdrucke der Disciplin, schneidig und gemüthvoll zugleich. Später dann, in politisch erregter Zeit, mußte er auch als Volksredner und Parteigänger der reichsfreundlichen Partei zu den Tegernseeer Bauern reden. Von zündender Wirkung war sein Auftreten, in der politischen Gesinnung jenes kleinen Wahlbezirks heute noch fühlbar.

So kam der Dichter in mannigfachste Berührung mit seinem Volke. Daß seine poetisch veranlagte Natur gerade den so gewonnenen Schatz an Volkskenntniß ausbaute und verwerthete, war wohl natürlich. Er war aber auch frühzeitig zu der Ueberzeugung gekommen, daß für das Denken und Fühlen des Volkes auch die Sprache des Volkes am besten paßt und daß auch nichts in dieser Sprache gegeben werden soll, was nicht ganz in ihr heimisch ist. Es ist ein beschränktes Gebiet, welches der oberbayerischen Mundart zur Verfügung steht.

„Das bäuerliche Thun“ – so lauten des Dichters eigene Worte hierüber – „mit seinen Freuden und Leiden, die Wagstücke der Jagd, die Schelmenstücke der Verliebten, farbenreiche Feste und mitunter wohl der Konflikt der Untergebenen mit ihren Honoratioren, das sind so die nächstliegenden und wohl auch die einzigen Motive; allein sie werden erweitert zu tausendfarbigen Nüancen durch die Auffassung, welche Phantasie und Witz des Volkes an diese spärlichen Begebenheiten knüpft.“

Innere Echtheit verlangte Stieler vor Allem von der Dialektdichtung, und dieser Anforderung ist er selbst immer treu geblieben. Seine Gestalten sind durchaus echt, dabei tief empfunden oder mit witziger Schneide, und nicht nur poetisch, sondern auch kulturgeschichtlich werthvoll. Jene Echtheit aber ist vom deutschen Volke sofort herausgefunden worden. Gemüther, welche der Poesie unzugänglich bleiben, mußten wenigstens von dem Humor, von dem derbdrolligen Naturwitze der Stieler’schen Bauern gepackt werden. So kommt es, daß Stieler’s Dichtungen eine ungemein große Anzahl von Anhängern und Freunden gefunden haben. Und daß diese Anhängerschaft besonders zahlreich ist in der Nähe der Heimath ihrer Muse, ist auch natürlich. Wer an schönen Sommertagen auf der Bahn oder zu Wagen den Bergen entgegenfährt, kann oft genug Stieler’sche Worte citirt hören, und zwar von Menschen, bei denen man sie kaum gesucht hätte. Neben dem kulturgeschichtlichen und poetischen Werthgehalte dieser Dichtungen mag wohl noch ein drittes Moment zu ihrer Verbreitung beigetragen haben: jene Wanderlust, welche allsommerlich Tausende den Bergen zutreibt. Das Volk dieser Berge zu verstehen, eine Erinnerung von ihm mit heimzunehmen in die Ferne: das mag wohl auch für Viele ein Anlaß sein, sich diesen Schatz anzueignen. Denn Stieler’s Dialektgedichte sind der werthvollste Schlüssel für Den, der sich ein Verständniß des Volkslebens in den bayerischen Bergen verschaffen will.[1]

Stieler ist nicht bei der Dialektdichtung allein verblieben. Drei hochdeutsche Gedichtsammlungen zeugen von seiner Begabung auch auf diesem Felde. In seiner hochdeutschen Lyrik finden wir wieder das tiefe Empfinden, die knappe schlagende Form, wenn auch die vorgeführten Menschen und Ereignisse andere sind. Diese Lyrik ist stolz und feinfühlend, was der Dichter empfindet, sagt er nicht in eigener Person dem Leser, sondern legt es längstverschwundenen Menschen in den Mund, minnefrohen Gestalten der Vorzeit, die umweht sind von den goldenen Schleiern der Sage und umrauscht vom waldfrischen Hauche des Hochlands. So schildert er uns die unzerstörbare Sehnsucht nach Glück und Lebensfreude, die unter klösterlichem Gewande ringt, so das Heimweh des Landsknechts, der auf dem Schlachtfeld verathmend noch einmal die Almenluft spürt, die ihn fernher grüßt. Durch das Gezweig einer tausendjährigen Linde läßt er ihre Geschichte rauschen; aus dem Waldmoos hebt er versunkene Bücher, durch deren zerfallende Blätter das Lied der Liebe machtvoll und ergreifend klingt. Die leidenschaftlichen Laute des Menschenherzens und der rauschende Athem der Natur sind hier immer zu inniger Harmonie zusammengestimmt.

So die hochdeutsche Lyrik Stieler’s.

Und nun entrollen wir das Lebensbild vollständig. Dazu geben uns Stieler’s prosaische Arbeiten den nächsten Anlaß. Diese prosaischen Arbeiten sind größtentheils Reiseschilderungen, wie wir sie in den weitverbreiteten Prachtwerken „Aus deutschen Bergen“ („Wanderungen im Bayerischen Gebirge und Salzkammergut“), „Italien“, „Bilder aus Elsaß-Lothringen“ und „Rheinfahrt“ finden. Solche Schilderungen, zu welchen der Dichter durch [299] buchhändlerische Aufträge veranlaßt ward, gaben ihm erwünschte Gelegenheit, nach Vollendung seiner Studienzeit ein schönes Stück Welt zu sehen: Italien, die Schweiz, Frankreich, Oesterreich und Ungarn, Belgien und England. Darüber versäumte er nicht, sich einen festen Boden für das gesellschaftliche Leben unter den Füßen zu schaffen. Er bestand 1868 sein juristisches Staatsexamen, arbeitete eine Zeit lang in anwaltschaftlicher Praxis und promovirte 1869 zu Heidelberg als Doktor der Rechte. Aus jener Zeit stammen auch staatsrechtliche und politische Arbeiten in der „Allgemeinen Zeitung“. Als ihm 1870 Gelegenheit geboten ward, in den bayerischen Staatsdienst einzutreten, ergriff er dieselbe und wirkte zuletzt als Assessor im königlichen Reichsarchiv zu München. Hier, im Erdgeschoß des prachtvollen Bibliothekgebäudes fanden wir ihn in einem hohen gewölbten Zimmer, wie in einer schweigsamen Klosterzelle, zwischen ehrwürdigen alten Urkunden und modernen Akten.

Seit 1871 aufs glücklichste verheirathet und von drei reizenden blondhaarigen Kindern umtanzt, hatte er ein überaus angenehmes Heimwesen. Die ernsten Arbeiten im Reichsarchiv wurden in anregender Weise unterbrochen durch Reisen, welche der Dichter in die Städte am Rhein, an der Weser und Ostsee unternahm, um auf Einladung von Vereinen öffentliche Vorträge zu halten, meist über das Leben und die Sitten seiner Heimath. Diese Vorträge haben nicht wenig zu seiner Popularität beigetragen. Am freudigsten aber stimmte ihn das Wandern, wenn er das städtische Gewand mit dem grünen Jägerhut und dem Lodenmantel vertauschte, um, selbst ein echter Sohn seiner Berge, unter seinem Bergvolk herumzuwandern und da dem ewig sprudelnden Quell des Volkshumors zu lauschen oder jener schlichten Philosophie, die unter dem Bauernkittel sinnt.

Es war ein beneidenswerthes Los, das diesem Manne ward. In jungen Jahren ein Liebling seines Volks; hoch geachtet in der Gesellschaft; heimisch in einem der schönsten Thäler deutscher Lande; beschirmt aus eigener Kraft gegen jene ökonomische und gesellschaftliche Zerrüttung, die schon manches glänzende Talent verdarb –: es ist schwer sich ein harmonischer ausgestaltetes Leben zu denken.

Und so beneidenswerth war dieses Los, daß auch an diesem hochbegnadeten Dichter der alte Spruch sich erfüllen mußte: Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Vor mehreren Jahren schon von schwerer Krankheit niedergeworfen, war er zwar wieder genesen; aber er hatte dem Tode ins Gesicht geschaut und, was er da gesehen, in einem düsteren, mächtig ergreifenden Liedercyklus „Aus Fiebertagen“ wieder gesagt. Sein damaliges Ahnen eines frühen Todes trog ihn nicht. Der in oberbayerischer Mundart verfaßte Glückwunsch, welchen seine Tegernseeer Landsleute an den deutschen Reichskanzler zu dessen siebzigstem Geburtstage sandten, war Karl Stieler’s Schwanengesang.

Nach nur fünftägiger Krankheit raffte eine tödliche Lungenentzündung den lebensfrohen, schaffensfreudigen Mann am 12. April 1885 aus dem Kreise der Seinigen, aus einer Reihe hochfliegender Pläne und Entwürfe hinweg. Liebenswerth und edel, wie er als Lebendiger war, ist er unvergeßlich als Todter. Die grünen Wellen seines geliebten Tegernsees umrauschen sein frühes Grab; in seinen heimischen Bergwäldern beginnt es zu knospen und zu blühen. Aber wenn auch dieses Knospen und Blühen ihm keine neuen Lieder weckt: die alten, die er aus jenen Wäldern holte, bleiben unvergessen; dem innersten Volksgemüth entwachsen, klingen sie goldhell von den Bergen ins Land, Geschlecht um Geschlecht überdauernd. M. Haushofer.     




Unter der Ehrenpforte.

Von Sophie Junghans.
(Fortsetzung.)


In den Vorbereitungen für den Einzug fand sich der würdige Doktor Tiedemars von seiner Bürgerschaft aufs Beste unterstützt und von einem allgemeinen guten Willen gleichsam an jedes einzelne seiner Ziele getragen. Es lag etwas in dem Gedanken gerade dieser Vermählung, was den Leuten förmlich zu Kopfe stieg. Hier handelte es sich ja nicht um den künftigen Besitz einer blutjungen Fürstin, die außerhalb ihres Hofes Niemand so recht kannte, da sie sich als schüchternes Jungfräulein anders als etwa bei Vertheilung eines Turnierdankes noch nicht öffentlich hatte bethätigen können. Nein, die Gräfin Sabine war eine glänzende, gereifte Frau, war lange der Mittelpunkt eines prächtigen Hofes gewesen, den sie mit Geist, Lust und Leben erfüllt hatte wie kaum eine andere Fürstin ihrer Zeit. Sie war bekannt als eine Meisterin in jeder ritterlichen Kunst, an der damals die Frauen theilnahmen, sie beizte den Reiher und hetzte den Hirsch mit den Besten, aber bei all diesem lustigen, freien Leben hatte nie ein Hauch die Reinheit ihres Namens getrübt; muthig, klug und jeder Lage gewachsen, hatte sie sich immer den besten Leumund zu wahren gewußt, denn ein derber Scherz, wie man deren wohl ihr nacherzählte, konnte denselben nicht beeinträchtigen.

Auch darin hatte sich die Fürstin tüchtig und der Vorliebe ihrer nunmehrigen Landeskinder ganz besonders werth gezeigt, daß sie manchen ganz in ihrer Nähe mächtigen, offenen und geheimen, Einflüssen zum Trotze nicht nur selber eine gute Protestantin geblieben, sondern auch stets, wo es noththat, rücksichtslos für ihre Glaubensgenossen eingetreten war und dem lutherischen Bekenntniß in den Landen ihres ersten Gemahls zu einer gesicherten Stellung verholfen hatte.

Unter allen diesen Eigenschaften, so recht danach angethan, die Einbildungskraft des Volkes mit ihrem glänzenden Bilde zu füllen, darf aber eine sehr wesentliche nicht vergessen werden, und das war: der große Reichthum der gräflichen Wittwe, davon die Legende, zugleich mit der ihrer fürstlichen Freigebigkeit, schon lange vor ihrer Ankunft in allen Stuben, hohen und niedrigen, ihres neuen Landes heimisch war.

Und nach dem Spruche: „Wer da hat, dem wird gegeben,“ bereiteten Stadt und Land der neuen Herrin zum Willkommen Geschenke, die noch einmal so reich und werthvoll waren, als man sie einer minder begüterten und daher für solche schönen Dinge vielleicht um so empfänglicheren künftigen Landesmutter zu Füßen gelegt haben würde. Alle Gewerke waren in den letzten Wochen in einer fieberhaften Thätigkeit gewesen, denn man hatte ja, seitdem der Abschluß der vorbereitenden Verhandlungen bekannt geworden war, nicht allzu viel Zeit gehabt. Jede Zunft bereitete ein Meisterstück vor, so weit ein solches in der nicht langen Frist nur irgend herzustellen war. Da gab es Schatullen und Schränkchen von der köstlichsten eingelegten Arbeit, schwer mit Silber beschlagen, Arbeiten, zu denen sich Kunstschreiner, Drechsler, Gold- und Silberschmiede vereinigt hatten, da prangte Bibel und Gebetbuch in köstlichem gepreßten Lederbande oder in Sammet mit Beschlägen von ciselirtem Edelmetall und Zieraten von Juwelen. Da bogen sich die Kredenztische fast unter der Last der schweren getriebenen Gefäße, während wundervolle geschliffene Gläser und Kelche auf den oberen Borden in einem märchenhaften Glanze strahlten. Gar nicht genug zu beschreiben war die Pracht und der Werth der Stoffe und Gewänder, von dem schweren Fürstenmantel an, von silbergesticktem Sammet und mit Hermelin umsäumt, bis zu dem mit Goldfäden durchwirkten Schleier, der sich, wie die Zaubergabe im Märchen, beinahe in eine Nuß falten ließ und wirklich für das Geschenk der Feen hätte gelten können.

Dazwischen fehlte es weder an Hemden, das Linnen aus jenem Flachse gesponnen, davon ein Schock durch den Goldring eines Mägdleins geht, noch an Strümpfen und Schuhen. Und das Geschmeide, die Halsketten, Ringe, goldenen Haarreife, Gürtel und Spangen hätten allein schon einen würdigen Mahlschatz für eine reiche Braut gegeben.

Und dies Alles nun, diese Herrlichkeiten, für den flüchtigen Blick nicht nur, sondern die ihr hoher Werth, des Materials sowohl wie der darauf verwendeten Kunst, für Diejenigen, die sie darboten, zu kleinen Heiligthümern machte, sollte am Einzugstage der Fürstin auf glänzende Weise zuerst vor die Augen geführt, [300] sollte mit einem Schaugepränge, welches der Geschenke, wie der Empfangenden würdig war, ihr in endlosem Zuge entgegen getragen werden! Wie viele Personen gab es da nicht auszustatten! Und nicht im oberflächlichen Maskeradenputz – der lag nicht in der Weise der damaligen Zeit und wäre den Bürgern auch wie ein Ermangeln an der dem Fürstenpaare schuldigen Achtung erschienen, sondern in köstlichen, neuen Festkleidern, von denen jedes einzelne Stück der Gelegenheit würdig war.

Jedes Gewerke hatte längst unter Gesellen und Lehrbuben die stattlichsten und geradesten zu Bringern der Geschenke ausgesucht, und daß es da manch einen Jüngling von blühender Wohlgestalt gab, welche durch den prächtigen Anzug aufs Beste zur Geltung kam, wird man gerne glauben. Wie weit bei dieser Gelegenheit manche Zunft den Luxus und, wie man später sagte, den Uebermuth trieb, mag daraus erhellen, daß die Schuster zur Ueberreichung ihrer Ehrengabe an die Fürstin zwanzig Lehrbuben und Gesellen der Zunft, Jünglinge von fünfzehn bis zwanzig Jahren, in völlig gleiche neue Anzüge von echtem veilchenfarbenen Sammet, mit geschlitzten Aermeln und einer Unterlage von safrangelber Seide – in Puffen gebauschet, wie die Chronik meldet – gekleidet hatten.

Eine wunderliche Metamorphose dieser an Werkeltagen durch pechbewölkte Gesichter und schmierige Lederschürzen kenntlichen Burschen, die sonst Jahr aus Jahr ein mit nackten Fersen auf Schlappen daher schlurften! Wie das damals den Volkswitz lebhaft in Bewegung setzte, mag es ihnen selber nicht am wenigsten seltsam vorgekommen sein. Immerhin aber sah am festlichen Tage kein Mensch dieser schmucken Knappenschaar an, daß sie nicht etwa Edelknaben, sondern nur Schusterbuben waren.

Mehr und mehr gerieth nun die Stadt, je näher der Einzugstag heranrückte, in einen wirbelnden Taumel von Aufregung und Geschäftigkeit. Von dem, was im Innern der Häuser, der Stuben und Werkstätten vor sich ging, von dem Tag und Nacht kaum unterbrochenen Ameisenfleiße dort, gar nicht zu reden: aber auch auf Gassen und Plätzen trieb unablässig das Volk hin und her, zwischen Haufen von Arbeitern, die an den verschiedensten Stellen sägten, richteten und klopften und sogar in der Nacht beim Lichte von Pechpfannen ihre Thätigkeit fortsetzten. Denn der Weg, den der fürstliche Brautzug durch die Stadt nehmen würde, vom nördlichen, dem Einzugsthore, bis zum Schlosse, sollte in eine Via Triumphalis, mit mehrern Ehrenbogen und fortlaufendem Blumen- und Teppichschmuck der Häuser, verwandelt werden. Dazu die vielen Estraden für die Musiker, die Schranken gegen den Andrang des Volkes, und jedes Gerüst über und über mit Tuch beschlagen, mit Fahnen und Wappen geschmückt – kein Wunder, daß das Zimmergewerk Tag und Nacht zu schaffen hatte und sogar die Zünfte der Schlosser und Schmiede zu Hilfe nehmen mußte.

Ganz wunderlich mußte den damaligen Menschen in einer solchen Festperiode zu Muthe werden, anders, als wir es uns nur vorzustellen vermögen. Das brachte schon die lange Dauer der Feste mit sich, denn damals war es mit einem Tage nicht gethan, wie heutzutage. Eine ganze Woche hindurch pflegte ja schon eine vornehme Bürgerhochzeit die Stadt um und um zu kehren, mit der offenen Tafel, die Tag für Tag gehalten wurde, dem Uebermaß an Essen und Trinken, der Kurzweil an Possenreißern, die keineswegs nur für die geladenen Gäste berechnet war, sondern für das ganze in den Zugängen sich hin und her drängende Volk, welches an allem lebhaften Antheil nahm.

Und nun gar ein solches Ereigniß! genug für eine ganze Generation, um daran lebenslang zu zehren in genußreicher Erinnerung und dieselbe sogar noch ein paar folgenden zu überliefern! Der Einzug mit seiner unerhörten Pracht war ja nur der Anfang, das Vorspiel. Nach demselben ging man nicht ruhig nach Hause, in die stille Stube, zum nüchternen Abendbrot, um dann am andern Morgen etwas unlustig die Werkeltagsarbeit wieder aufzunehmen. Nein, da war in jedem Hause eine Art Fest, da gab es das Beste, was Küche und Keller vermochte, und die ehrbarsten Bürgerfamilien versetzten sich in eine Art Taumel, um desto besser zum Genuß der kommenden Herrlichkeiten, die das fürstliche Beilager begleiten würden, vorbereitet zu sein. Acht Tage lang zum allermindesten würde da kein Mensch zu sich selber kommen ... bei den Geringeren wurde gar nicht gekocht, denn der Landgraf bewirthete seine getreuen Städter, so viel ihrer kommen wollten, täglich mehrere Male im Schloßhofe. Die Zunftgenossen zechten in ihren Gewerkstuben und thaten sich nach der vorhergegangenen Anstrengung gütlich, und die Geschlechter tanzten allabendlich, ob sie nun mit glänzendem Bankett das fürstliche Paar auf dem Rathhause ehrten, oder ob dieses sie im Schlosse empfing, wo dann die Lust des Tanzes durch allerlei wunderbare Kurzweil, durch Mummereien und Komödien unterbrochen und erhöht wurde.

Dies Alles stand zur Zeit noch bevor und konnte, da die Aufeinanderfolge der Festlichkeiten Jedermann bekannt war, einstweilen vorahnend genossen werden. Kein Wunder, wenn Vornehm und Gering in diesem Taumel aufging, wenn sogar der Geringste auf eine Weile sich verwandelt fühlte und das eigne Los kaum empfand, so lange diese mächtige Lebenswoge ihn zugleich mit so viel Hunderten hoch fluthend über das Gewöhnliche hinwegtrug.

Vielleicht war in der ganzen Stadt in dieser Zeit nur ein Mann, welcher es bitter fühlte, daß er mit der allgemeinen Lust nichts zu schaffen habe, und der, während ein heiterer Rausch alle Menschen um ihn her ergriffen zu haben schien, ein Herz wie Blei in der Brust trug. Und dieser eine war Georg.

Die Vorbereitungen zu den Festen, die er allenthalben mit ansehen mnßte, waren ihm widerwärtig. Wenn er einen Wunsch hatte, so war es der, es möchte erst Alles vorüber sein, damit er der Entscheidung seines Schicksals um so viel näher gerückt sei. Er strich ruhelos durch die belebten Straßen, deren Treiben ihm keinen Antheil abgewann. Seine Augen suchten wohl umher, aber immer nur die Eine, die sie zu finden nicht erwarten durften. Einmal hatte er Hilden gesehen seit der Unterredung mit dem Vater, aber sein Herz war seitdem nicht leichter geworden. Ja, wenn es möglich gewesen wäre, hätte sich zu der Sorge – die der vom Glück Verwöhnte jetzt wie einen ihm noch ganz unbekannten, herben Trank kostete – etwas wie Groll gegen die heiß Geliebte gesellt.

Frei und offen, am Tage, war Georg in das Weberhaus gegangen, und Meister Lukas wußte jetzt, wie die Sachen standen. „Kommt Ihr von nun an hierher zurück mit dem guteu Willen Eueres Vaters, Herr, so sollt Ihr mir herzlich willkommen sein, aber auch nur dann,“ hatte der Alte ihm gesagt. Und Hilde? Sie war ihm hinaus in den Flur des kleinen Hauses gefolgt und hatte ihm einen Abschied gegönnt, der ihm noch jetzt, in der Erinnerung, alles Blut siedend heiß nach dem Herzen drängte. Als er sie dann aber, ein Lächeln auf den Lippen, aber mit einem düstern Lichte in den Augen, gefragt hatte: „Und wenn wir uns ohne diesen guten Willen behelfen müssen, Hilde? Die Welt ist groß, ein Dach für mein Weib und Brot für uns find’ ich auch anderwärts“ – da war sie blaß geworden. Immer wieder hatte sie auf sein heißes Drängen nur die Versicherung gehabt, sie sei sein, sie werde ihm treu bleiben, ob er nah oder fern wäre, Jahre lang, ein Leben lang – Georg aber hatte die böse Ahnung mitgebracht, daß die Art, wie er sein Glück gegen seinen Vater zu vertheidigen gedachte, sich mit der ernsten Pflichttreue dieses Mädchens nicht vertragen, daß er bei einem gewaltthätigen Schritt, wie er seiner Natur gemäß war, an ihr keine Gefährtin finden würde.

Dies Alles trug der Bürgermeisterssohn mit sich in den festlichen Straßen herum. kein Wunder, wenn die Gruppen der schwatzenden Nachbarn ihm kopfschüttelnd nachsahen, wie er schweigsam und mit seinem frendlosen Angesicht an ihnen vorüberschritt. Wie Georg seinen Vater kannte, war es ihm nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Alte, wenn er merkte, die Külwetter’sche Hochzeit sei nicht durchzusetzen, versuchen werde, ihn, den Sohn, auf eine Weile zu entfernen. Und für diesen Fall besaß Georg dann freilich einen bittersüßen Trost in der Ueberzeugung, Hilde Vanderport werde sich eher auf die Folter legen lassen, als daß sie die Treue, die sie ihm versprochen hatte, verriethe.

Indessen war die Zeit heran gekommen, wo die vorbereitenden Schauspiele wenigstens ihren Anfang nahmen. Schon langten mancherlei vornehme Gäste an und wurden in der Stadt einquartiert; andere dagegen zogen einstweilen nur durch, um dem schon unterwegs begriffenen Fürstenpaare sich entgegen zu begeben und dann erst im Gefolge desselben ihren eigentlichen Einzug in die Stadt zu halten.

Unter diesen Durchziehenden befand sich Einer, den die getreue Stadt schon mit einem Vorgeschmack der dem Fürsten zugedachten Ehren zu empfangen sich anschickte, und dem sie ein [301] prächtiges Nachtquartier bereitete. Es war dies nur ein Knabe von acht Jahren, aber kein Geringerer als der Erbe des Landes, der einzige Sohn des Landgrafen selber.

Wäre dieser blühende Knabe nicht gewesen, so hätten bei der Wahl einer zweiten Gemahlin die Augen des Landgrafen wohl schwerlich auf die Gräfin Sabine, die in kinderloser Ehe gelebt hatte und nunmehr in reiferen Jahren stand, fallen dürfen, trotz aller sonstigen Vorzüge einer solchen Verbindung. In der Person dieses kräftigen Sprossen aber, der vor aller Augen zum echten Fürsten heranwuchs, war der Landgraf sozusagen seiner Verpflichtung gegen das Land quitt und hatte nach eigenem Behagen und Belieben wählen können. Uebrigens erwartete man von dieser Stiefmutter auch für den jungen Landgrafen das Beste. Er würde sich weit besser befinden an einem Hofe, an dem wieder eine Frau waltete, und sie, von keiner Vorliebe für eigene Nachkommenschaft in Anspruch genommen, konnte, indem sie mütterlich für den Knaben sorgte und sich ihm werth machte, ihm, dem Lande und nicht zum mindesten sich selber nützen.

Noch wurde, in der Vormittagssonne, die heute ungewöhnlich heiß hernieder brannte, eifrig an dem letzten Ehrenbogen, nach dem sogenannten Brüderthore zu, gehämmert, als die Kunde durch die Straßen flog, daß das fürstliche Kind mit seinen Begleitern vor eben jenem Thore im Anzuge und schon ganz in der Nähe der Stadt angelangt sei.

„Wollet uns die Ehre anthun, kleiner gnädiger Herr, und eine Erfrischung annehmen.“ (S. 302.)

Da fuhr ein Schrecken in alle Glieder, denn man war noch gar nicht fertig! unmöglich konnte doch dem Landeserben just bei seinem Eintritt in die Stadt das kahle Gerüst einer Ehrenpforte sozusagen in den Weg gestellt werden! Da hieß es Rath schaffen. Den Anordnern trat der Angstschweiß auf die Stirn während sie die Arbeitsleute antrieben, die nun ihrerseits den Kopf verloren und einer dem anderen in den Weg liefen, ohne daß die Sache merklich gefördert wurde.

Im Gegentheil, es ging Alles verkehrt. Die Guirlanden, die sie allzu eilig anbringen wollten, rissen auseinander unter den Händen; die Wappenschilder kamen an die unrichtigen Plätze und mußten wieder abgenommen werden; die Tuchstreifen, schon abgepaßt und zugeschnitten, erwiesen sich als zu kurz oder zu lang, wenn man sie schon an einem Ende angenagelt hatte. Die eine Seite war endlich doch nothdürftig fertig geworden, die andere aber immer noch das unerfreuliche Holzgerippe, und schon langte ein athemloser freiwilliger Bote nach dem anderen an, halbwüchsige Jungen und Lehrbuben, um zu melden, daß die Herannahenden nun in weniger als einer Viertelstunde hier sein würden.

Da hatte Einer den klugen Gedanken, man möge hinschicken und mit einem der ritterlichen Herren, die den Prinzen begleiteten, ein vernünftiges Wort reden lassen, daß sie vor dem Thore noch einen kleinen Aufenthalt nähmen, bis man zum Empfange des jungen Fürsten ganz bereit sei. Das geschah und war auch wirklich das Beste und Einzige, was man thun konnte.

Von derselben Höhe, auf der vor einigen Monaten Georg Tiedemars und Hans Veit gehalten hatten, war indeß der reisige Zug hernieder gekommen, voran auf einem kleinen kräftigen Pferde der fürstliche Knabe, der unter dem gerade geschnittenen Blondhaar hervor aus hellen Augen lebhaft um sich blickte.

„Seht, Herr Vetter,“ sagte er zu dem neben ihm reitenden Herrn Kurt von Berlepsch, indem er den kleinen stämmigen Arm nach der Stadt hin ausstreckte, „dort der Thurm der St. Martinskirche! den kenn’ ich noch wohl – und rechts ein wenig weiter die Dächer des Schlosses. Hei, ich wollte, wir wären erst dort, denn ich bin durstig!“

[302] Der Begleiter tröstete, daß es nun nicht lange mehr währen könne. Und wirklich war man, da die Ungeduld des kleinen Landgrafensohnes die ganze Gesellschaft noch einmal in einen kurzen Trab gesetzt hatte, in weniger als einer Viertelstunde bei den ersten Häusern der vor diesem Thore gelegenen Weberniederlassung angekommen. Hier aber gab es mit einem Male eine Stockung, einen Aufenthalt, dessen Grund wir schon kennen, der aber dem jungen Fürsten anfangs gar nicht einleuchten wollte. Doch fand er sich hinein, da er trotz seiner acht Jahre sich schon hatte gewöhnen müssen, dem Zwange des hohen Standes mehr als ein Opfer zu bringen. Die Kavalkade hielt mitten auf der Landstraße, die Herren tauschten, ihre Pferde neben einander bringend, gemächlich Red’ und Antwort aus, der Knabe sah sich aufmerksam und grüßend um und war natürlich indessen selber das Ziel aller Blicke, denn an Fenstern und Thüren und zur Seite auf der Gasse drängten sich die Anwohner, knixtcn die Weiber und Männer barhäuptig, die Kopfbedeckung in den Händen.

Hinter ihrem Fenster stand auch Hilde, kaum zehn Schritte von dem kleinen Fürstensohne entfernt, denn es traf sich, daß der Zug gerade dem Hause des Meisters Vanderport gegenüber zu halten gekommen war. Sie stand und war ganz verloren in die Betrachtung des Knaben, bei dessen Anblick sich etwas wie Wonne in ihr Herz einschlich.

Und wirklich war der Knabe, wie er da in sicherer Haltung auf seinem Pferde hielt, in dessen weich lockiger Mähne seine kleine kräftige Faust mit dem schlaff gehaltenen Zügel ruhte, ein Gegenstand, bei dem Einem wohl das Herz aufgehen konnte. Er war groß und wohl entwickelt für seine Jahre, doch mehr breit als schlank, und mit dem hellen schönen Angesicht, welches doch deutlich die kräftigen Züge seiner Rasse trug, und dem kühnen Blick sah er recht wie ein geborener Fürst, wie der echte Erbe eines uralten Geschlechtes aus.

Wohl möglich, daß das selber edel geartete Mädchen in diesen Augenblicken mit geheimer Lust einen Hauch der Luft von jenen freien Lebenshöhen einsog, die den erlauchten Knaben umgab. Aber auch schon die in ihr lebende Kinderliebe fesselte sie an seinen Anblick, und schon das Kind in ihm bewunderte sie von Minute zu Minute mehr, da er mit jener wahrhaft fürstlichen Abhärtung gegen Ungeduld und Langweile die Verzögerung und das Warten auf der staubigen heißen Landstraße so ruhig aushielt.

Die Sonnengluth war es, von der die Wartenden am meisten zu leiden hatten. Deckung dagegen war keine zu finden, der Schatten um diese Tageszeit an einer der Häuserreihen kaum handbreit. Das Gesicht des Knaben glühte; einmal schob er das Sammetbarett, an welchem nur eine kleine Juwelenagraffe vorn den Stand des Trägers verrieth, weit zurück, um sich das Blondhaar aus der erhitzten Stirn zu schieben. Dabei wanderten seine Augen umher und fielen auf einen der Obstbäume in des Meister Lukas Garten … „Ach seht, Vetter Berlepsch, die schönen Aepfel dort!“ rief er mit der Lust eines echten Jungen, und man konnte fast sehen, wie ihm darnach das Wasser im Munde zusammenlief.

Hilde hatte Ausruf und Geberde wahrgenommen und war im Nu vom Fenster fort. Daran hätte sie längst denken sollen!

Der geringste Wanderer hätte kaum so lange unerquickt an ihrer Thür gesessen! Sie eilte geschäftig im Hause umher, und es dauerte nicht lange, so trat sie über die Schwelle desselben, in der Hand eine Platte tragend, auf der ein geschliffenes Kelchglas voll Wein und eine Schale mit rothwangigen Aepfeln stand.

Scheu oder Verlegenheit zu empfinden hatte Hilde noch gar keine Zeit gehabt, da sie nur daran dachte, wie sie mit ihrer Gabe noch rechtzeitig kommen wolle, um den Kleinen zu erquicken. Ehe sie sich’s versah, stand sie an seinem Bügel und sagte, wie es ihr gerade in den Mund kam: „Wollet uns die Ehre anthun, kleiner gnädiger Herr, und eine Erfrischung annehmen! Die Aepfel sind gut und werden Euch gewiß schmecken.“

„Das glaube ich auch,“ sagte der kleine Fürst überrascht und fröhlich. „Ich greife zu, und Euch, liebe Jungfer, meinen schönsten Dank dafür. Was meint Ihr, Herr Vetter?“

Er drehte sich zu seinem Gouverneur um, und nun fiel es der Darbringerin erst ein, daß der künftige Landesherr zur Zeit vielleicht noch den Willen eines Andern befragen müßte, dem die Sorge um ihn anvertraut sei. Sie wandte sich mit einem gleichsam um Entschuldigung bittenden Blick an den bärtigen Herrn von Berlepsch, der etwas steif, aber doch nicht gerade unfreundlich drein gesehen hatte. „Die Aepfel sind ganz reif,“ sagte sie.

Nun lächelte der ritterliche Herr, und auch die übrigen Begleiter des Prinzen schienen die Sache nicht übel zu finden, wie man aus den neugierig und belustigt zuschauenden Mienen schließen konnte. „Ich bitte Euch, kostet auch den Wein,“ bat Hilde treuherzig aufschauend. Die Augen des Knaben lachten sie an; er ergriff den Becher, hob ihn und indem er das Barett abnahm, neigte er mit fürstlichem Anstand den Blondkopf gegen das erröthende Mädchen und brachte ihr dankend den ersten Trunk zu.

Den Becher, in dem nur ein kleiner Rest geblieben war, reichte er ihr wieder, die Schale mit Aepfeln aber hob er auf und sich im Sattel wendend reichte er sie eigenhändig den Herren vom Gefolge hin. „Greift zu, Junker Heinz,“ mahnte er den nächsten; „die Jungfer giebt es gerne, und wer weiß, wie lange wir noch auf das Mittagsbrot warten müssen.“ Nach einer solchen Aufforderung konnten die Herren die Aepfel nicht verschmähen, wenn sie auch vielleicht lieber den Becher die Runde machen gesehen hätten … Sie versorgten sich alle und die Jüngsten hinten folgten dem Beispiele des kleinen Landgrafen, der längst munter einhieb. Hilde lachte vor Vergnügen, als die Schale leer wieder zu ihr zurück kam.

Indessen war aber auch Botschaft aus der Stadt gekommen, daß dem hochfürstlichen gnädigen Einzuge nun nichts mehr im Wege stehe. Die Herren setzten sich in den Sätteln zurecht, rückten an Barett und Wehrgehäng und richteten die Augen auf ihren jugendlichen Herrn, des Aufbruchs gewärtig. Der nickte indessen Hilden freundlich zu: „seht, den stecke ich zu mir,“ indem er einen wunderschönen rothbackigen Apfel ins Gewand gleiten ließ, dann grüßte er sie noch einmal, nicht anders, als ob sie eine Edelfrau gewesen wäre, und einer nach dem andern neigten sich auch die Herren des Gefolges vor dem Mädchen, während die Reiterschaar sich nun in Trab setzte. Hufe und Waffen klirrten, und nach wenigen Minuten schon waren alle hinter einer mächtigen Staubwolke, die ihnen folgte, alsbald aber auch innerhalb des dunkeln Stadtthores vollends verschwunden. –

(Fortsetzung folgt.)




Das russisch-afghanische Grenzgebiet.

In „Tausend und eine Nacht“ erzählt Zobeïde, daß sie, von Bassora absegelnd, nach zwanzig Tagen in dem Hafen einer großen Stadt Indiens gelandet sei und dort den König, die Königin und alles Volk in Stein verwandelt gefunden habe. Das orientalische Märchen ist keineswegs ganz erdichtet, es liegt ihm etwas Wahres zu Grunde, wie den Sagen Norddeutschlands von versunkenen Dörfern und Städten, über deren ehemaligem Standorte die klaren Fluthen eines Binnensees geheimnißvoll zum blauen Himmelszelt emporschauen. Von „versteinerten Städten“ berichten Märchen und Volkssagen, und der Forscher findet sie in weit entlegenen Ländern und berichtigt die Darstellung der unbekannten Dichter, indem er jene versteinerten Orte als Ruinenhaufen alter Kultursitze erkennt und den König und die Königin, sowie das in Stein verwandelte Volk als Bildhauerwerke alter Kunst zu würdigen weiß. Mittelasien ist namentlich reich an solchen Ruinen, die theils Opfer von gewaltigen Erdbeben bilden, theils den Weg sengender und plündernder Horden bezeichnen, die seit Jahrhunderten das Land so oft durchkreuzt und durchquert hatten.

Ein altes orientalisches Sprichwort besagte, daß von Taschkent nach Samarkand eine Katze gelangen konnte, ohne den Erdboden zu berühren, indem sie von Dach zu Dach hinübersprang. Ein späteres Sprichwort lautet, daß dort, wohin der Türke seinen Fuß gesetzt, kein Gras mehr wachse, und das Einst und Jetzt der turkestanischen Geschichte zwingt uns, die beiden geflügelten Worte als bittere Wahrheit zu erkennen. Orte, deren Reichthum in früheren Jahrhunderten weit und breit gerühmt wurde, findet hier der Reisende wieder – als elende Dörfer, mit mächtigen Schutthaufen umgürtet: dort, wo er Macht und Glanz gesucht hatte, begegnet er Spuren des Todes und Verfalles.

Sonderbar in der That sind jene Länder, die heute zum Zankapfel der englischen und russischen Macht geworden und durch die eine wichtige Grenze gezogen werden soll – die Grenze zwischen den Rivalen um die Herrschaft Asiens. Nichts kann jene öden, aber vom Glanz der Sage verklärten Stätten besser charakterisiren als ein Blick auf Merw, welches jüngst der russischen Herrschaft gehuldigt hat, und noch heute hier und dort den stolzen Titel „Königin der Welt“ führt.

[303]

Orientirungskarte der afghanischen Grenzländer.

Auf den älteren Landkarten Asiens finden wir südwestlich vom Oxus, dem jetzigen Amu-Darja, ein weites Gebiet, das bis in den Winkel hinein reicht, den die Grenzen Persiens und Afghanistans bilden. Es wird von einem verwegenen Nomadenvolke, den Turkmenen, bewohnt, deren Scharen im Dienste fremder Herrscher oft genug Schrecken über Asien verbreitet, deren Schwerter manchen Despoten-Thron gegründet und gestützt haben. In den letzten Jahrzehnten, wo von Asien her kein Tamerlan und kein Dschingischan mehr gegen Westen hervorzubrechen vermochte, waren die in viele Stämme geschiedenen Turkmenen nur auf den Krieg im Kleinen angewiesen, auf Raubzüge in die benachbarten Gebiete von Persien, Afghanistan und Buchara. Allmählich büßten sie jedoch ihre Freiheit ein, ihre Reiter mußten vor dem Feuer der russischen Infanterie weichen, und ihre Festungen fielen unter dem Donner der Geschütze Skobelew’s. Merw selbst beugte sich freiwillig unter das Joch des siegreichen Eroberers.

An und für sich ist der Besitz dieser Oase nicht besonders verlockend. Die 150000 Tekke-Turkmenen, die dort in Lehmhütten und Kibitken hausen, kennen weder Gesetze noch Obrigkeit, obwohl zwei Chane als ihre Beherrscher gelten. Jeder von den Turkmenen lebt anf eigene Faust, und nur in zwei Angelegenheiten pflegen sie sich zum gemeinsamen Handeln zu verbinden. Die Existenz der Oase hängt von den Bewässerungsanlagen ab, die längst des Murgabflusses errichtet sind, und die Erhaltung des großen Mnrgabdammes bildet die erste gemeinsame Aufgabe der Merwer. Interessanter für sie ist jedoch die andere Angelegenheit, der Alaman, d. h. Raubzug, den sie allzugern veranstalten.

Der Tekke ist faul, und für seine Person braucht er wenig; er ißt selbst fast nichts und trinkt grünen Thee ohne Zucker, aber selten begnügt er sich mit einer Frau. Um die zweite und dritte sich zu erwerben, dazu braucht er Geld, und da er dieses nicht verdienen kann, so muß er rauben. Lieber als Vieh und Waaren raubt er allerdings eine Perserin selbst oder auch persische Männer, die er als Sklaven verhandeln oder für Tekke-Mädchen umtauschen kann.

Daß bei dieser Hauptbeschäftigung der Söhne der stolzen „Königin der Welt“ von blühendem Handel und Wandel oder einem ansehnlichen Wohlstand in der Oase nicht die Rede sein kann, braucht wohl nicht näher erörtert zu werden. Aber besser als ausführliche Beschreibungen der Sitten und Gebräuche führt uns eine kleine Episode den Verfall Merws vor Augen, die der jetzt so viel genannte Lessar anf seiner letzten asiatischen Reise in Merw erlebt hatte.

Eines Tages besuchte Herrn Lessar ein Meister, welcher das wichtige Amt der Münzprägung in der Oase besorgte. Es war dies ein lieber und heiterer Mensch: ziemlich ärmlich gekleidet, trug er in den Händen einen Sack, in dem die ganze Münzfabrik enthalten war, Instrumente, Stücke Metall und fertige Münzen.

Das Recht, Geld zu prägen, wurde dem biederen Manne von keiner Obrigkeit übertragen, denn in Merw herrscht auch auf diesem Gebiete die vollste Gewerbefreiheit. Aber unser Münzpräger hatte trotzdem das Monopol für sich, denn außer ihm verstand kein Mensch in der Oase die schwierige Kunst, und so prägte er lustig und ungestört – persische, bucharische und russische Münzen, die selbstverständlich viel leichter waren, als ihre echten Vorlagen.

Er braucht auch für die Zukunft keine Konkurrenz zu befürchten, denn der Tekke hat jetzt gern eine der modernen Kulturerrungenschaften angenommen und zieht allen anderen Geldsorten das russische Papiergeld vor – des leichten Transports wegen. –

So liegen die Dinge in der berühmten Oase Merw.

Und doch erhob sich lauter Lärm in England, als die Nachricht nach Europa gekommen war, daß die Merwer dem weißen Zaren Treue und Ergebenheit geschworen. – So unberechtigt war dieser Lärm vom englischen Standpunkte allerdings nicht, denn ein Blick auf unsere nebenstehende Orientirungskartc überzeugt uns, daß Rußland durch diese Annexion wieder um ein gewaltiges Stück der indisch-britischen Grenze näher gerückt ist und vor Allem sich für das weitere Vordringen den Rücken gedeckt hat.

Vorsichtige Diplomaten hatten schon im Jahre 1873, um dem drohenden Konflikt vorzubeugen, ausgemacht, daß für ewige Zeiten Afghanistan das neutrale Gebiet zwischen den russischen und englischen Besitzungen in Asien bilden solle. Leider ist dieses Abkommen von geringem Werth, denn Niemand vermag wohl heute zu sagen, wo im Norden Afghanistan beginne oder aufhöre. Den kriegerischen Turkmenen war die Sitte, Grenzpfähle zu stecken, niemals geläufig, und die räuberischen Afghanen haben bis jetzt aus eigenem Antriebe an eine Grenzregulirung gleichfalls nicht gedacht. Auf den Landkarten Asiens finden wir gewöhnlich die afghanische Grenze klar und deutlich mitten in das Borchat- und Paropamisusgebirge eingezeichnet, das sich nördlich von Herat wallartig aufthürmt – wir haben diese Grenze auch auf unserer untenstehenden Orientirungsskizze angeführt, die zum Theil nach der vortrefflichen im Jahrgang 1884 von „Petermann’s Geographischen Mittheilungen“ erschienenen Karte von Merw und dem russisch persischen Grenzgebiet entworfen wurde –, aber schon auf den ersten Blick können wir uns überzeugen, daß diese Grenze rein illusorisch ist. Noch Mitte April standen die russischen Truppen erst auf der weit nördlicheren Linie zwischen Pul-i-Chatum und Pende oder Pendscheh, wie jetzt der Ort allgemein genannt wird.

Orientirungskarte des afghanisch-russischen Grenzgebiets.

Dieser streitige Landstrich zwischen Merw und dem Paropamisusgebirge wird von den Ssaryk- und den Salyk-Turkmenen bewohnt, die in der Raublust ihren „Brüdern“ in Merw noch weit über sind. Das Gebiet wird von drei Flüssen durchströmt, dem Heri-Rud, der von Kussan ab die persische Grenze bildet, und dem Kuschka, der in den dritten Fluß, den Murgab, mündet. Hier soll nun die englisch-russische Grenzregulirungskommission die endgültige Grenze feststellen.

Der „Times“-Korrespondent, der die englischen Kommissare begleitet hatte, erstieg auf der Reise dorthin einen hohen Berggipfel und erblickte, wenn wir seinen Schilderungen Glauben schenken wollen, in jenem Gebiet das wahrhaftige gelobte Land, das mit Leichtigkeit in den blühendsten Garten verwandelt werden könnte. Nach den nüchterneren Berichten Lessar’s, der schon im Jahre 1882 jene Gegend bereist, die Pässe des Paropamisus und den Weg nach Herat für Rußland erforscht hat, ist dieselbe ziemlich wasserreich, stellenweise mit „vorzüglichem Pferdefutter“ ausgestattet und zum Bau einer Eisenbahn durchaus geeignet. Beide Gewährsmänner stehen im Dienste ihrer Regierungen, doch politische Agenten waren bis jetzt als Geographen in der Regel Propheten, deren Botschaften man einen vollen Glauben nicht schenken mochte. Darum lagert noch augenblicklich einiges Dunkel über jenem Lande, in dem schon die erste Schlacht zwischen den Russen und Afghanen geschlagen wurde. Nur das Eine steht fest, der gesammte Landstrich, der einst eine höhere Kultur gesehen haben mochte, ist jetzt ziemlich menschenleer: die Dörfer sind verlassen, die Brunnen versandet, die Brücken ganz oder halb zerstört, die zahlreichen Forts liegen in Trümmern, und die Namen, von denen wir so viel in den Zeitungen lesen, bedeuten oft nur Stätten, auf denen früher sich Siedelungen erhoben und auf denen jetzt Steinhaufen zu sehen sind. So ist auch Pendscheh, aus dem Komarow die Afghanen vertrieben hat, nur ein „geographischer Begriff“, ein Hügel zwischen dem Kuschka und Murgab, auf dem sich ein altes verfallenes Kastell befindet.

Das schwergeprüfte Land könnte sich unter dem Schutz einer europäischen Macht in kurzer Zeit erholen, und schon darum ist es dringend [304] zu wünschen, daß der Frieden erhalten bleibe. Nun, die Hoffnung ist nicht unberechtigt, daß auch diesmal die Besonnenheit der Staatsmänner über etwaige Kampfgelüste einiger Heißsporne den Sieg davontragen wird. Schon in den wenigen Jahren, die seit der Unterwerfung der Turkmenen verflossen, haben sich die Zustände Dank der eisernen Disciplin der russischen Generäle wesentlich gebessert. Der Gouverneur des persischen Grenzortes Sserachs, der früher nur mit einer Eskorte von 50 Mann sich aus der Stadtmauer herauswagte, unternahm schon vor zwei Jahren weitere Touren mit nur 10 Mann starker Bedeckung, und die Merwer betreiben den Raub nicht mehr officiell, sondern in vereinzelten Diebesbanden. Das ist gewiß ein beachtenswerther Fortschritt, eine Wendung zum Besseren. Wir sehen, unsere östlichen Nachbarn verstehen meisterhaft ihre asiatische Kulturmission. Aber Manchen hören wir fragen: warum opfert man so viele Menschenleben und so viele Millionen für jene fernen, werthlosen Länder? Die Geschichte mag darauf Antwort geben. In nicht mehr weiter Ferne schimmert den Kriegern der märchenhafte Glanz Indiens entgegen, und wie er einst kühne Seefahrer hinausgelockt hat auf die wilden Fluthen des Oceans, so treibt er heute ein anderes, gleich kühnes Geschlecht vorwärts durch unwirthliche Steppen und Wüsten. Die Linie der afghanisch-russischen Grenze werden wir Dank den Bemühungen der Diplomaten vielleicht bald in ihrem genauen Verlaufe erfahren; wer kennt aber die Grenze des Ehrgeizes der Völker, den weder Siege zu befriedigen, noch Niederlagen zu dämpfen, noch Jahrhunderte zu mäßigen vermögen? Siegfried.     




Blätter und Blüthen.


Wandlungen der Pflanzenblätter. Daß kein Blatt auf der Welt einem andern gleich sei, daß zwischen zwei noch so ähnlichen von derselben Pflanzengattung das scharf spähende Auge unterscheidende Merkmale entdecken kann, das wußten die Meisten noch vor Leibniz’ Zeiten, der jenen Gedanken zuerst niedergeschrieben und gedruckt haben soll. Neu dürfte es dagegen Vielen sein, daß jedes Blatt nicht eine Stunde sich selbst gleich bleibe, daß es sich chamäleonartig ohne Unterlaß verändere und in dem immerwährenden Stoffwechsel dem Gange der Sonne und den Schwankungen der Temperatur mit größter Empfindlichkeit folge. Und doch sind diese Veränderungen nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern auch von hoher praktischer Bedeutung für Alle, die da säen und ernten und die Pflanzenblätter als Genußmittel für Menschen und als Futter für Thiere verwenden. Bei dem Sonnenaufgange, im Sommer zwischen vier bis fünf Uhr Morgens, enthält das Blatt keine Stärke, erst unter der Einwirkung von Licht und Wärme bildet sich in denselben neuer Stärkevorrath, der naturgemäß am Abend sein Maximum erreicht und während der Nacht von den Blattzellen zersetzt, zumeist in Zucker verwandelt und durch den Blattstiel in den Stamm der Pflanze fortgeführt wird.

So arbeitet die Pflanze bei Tag und Nacht, und die Massen von Stärke, die sie producirt, sind keineswegs gering, denn ein Quadratmeter Blattfläche erzeugt im Hochsommer täglich 20 Gramm Stärke, sodaß eine Sonnenrosenpflanze täglich 36 und eine Kürbispflanze 185 Gramm Stärke produciren kann. Wie groß muß da die Produktion einer in der Fülle ihrer Kraft strotzenden Eiche sein, welche Summe von Kraft wirkt wohl in dem anscheinend so stillen Laubwalde, dessen schattiges Dach unzählige Millionen von fleißigen Blättern bilden! Solche Betrachtungen fesseln unser Interesse und befriedigen den Wissensdurst, aber sie sind auch von praktischem Werthe, wie wir es schon angedeutet haben.

Wenn der Gehalt des Blattes an wichtigen Nahrungsstoffen so sehr wechselt, ist es da gleichgültig, ob wir die Seidenraupe mit Blättern des Maulbeerbaumes füttern, die am frühen Morgen oder späten Abend gepflückt wurden? Oder wenn wir Thee und Tabak ernten, ist dann der Werth der Morgen- und Abendlese der gleiche? In dem Tabaksblatte dürfte die große Menge von Stärke dem Konsumenten lästig sein, dabei aber macht sie die Waare schwerer und dadurch nicht nur schlechter, sondern auch theurer.

Wir sehen schon an diesen Beispielen, daß die Kenntniß der inneren Wandlungen der Pflanzenblätter den Ausgangspunkt wichtiger Erwägungen bildet, deren Werth vorläufig noch nicht abzumessen ist. Wir wollen auch darum anerkennend den Namen des Forschers, des bekannten Pflanzenphysiologen J. Sachs, hervorheben, der jene Untersuchungen angestellt und die Aufmerksamkeit der Landwirthe auf jene geheimen Vorgänge im Pflanzenreiche gelenkt hat. – i.     


Hohes Alter. Zu dem vielgepriesenen Segen der „guten alten Zeit“ und der guten alten Sitten gehört auch das hohe Alter, welches unsere Vorfahren erreicht haben sollen und das, wie man behauptet, höher war als dasjenige, welches die durch Kultur verdorbenen Menschen gegenwärtig als die Grenze ihres Lebens bezeichnen müssen. Namentlich aus der Geschichte Roms und Griechenlands werden viele angesehene Männer genannt, die länger als ein Jahrhundert gelebt haben. Interessant ist es nun, an der Hand der modernen Statistik zu erfahren, daß dieses Alter auch in unserer raschlebigen Zeit keineswegs eine große Seltenheit bildet. Prüfen wir einmal die Sterbestatistik Preußens und greifen nur ein einziges Jahr heraus, das Jahr 1883! Da sehen wir, daß unter den Gestorbenen in diesem Jahre allein 683 Männer und 1073 Frauen 90 bis 95 Jahr, 124 Männer und 245 Frauen über 95 bis 100 Jahre und 34 Männer nebst 75 Frauen über 100 Jahre alt waren. Noch auffallender erscheint uns der Vergleich der durchschnittlichen Lebensdauer zwischen dem Alterthume und unserer Zeit. Ein Menschenalter betrug nach griechischer Rechnung 331/3 Jahr. Man berechnete dasselbe in neuester Zeit nach denselben Principien und kam zu dem überraschenden Resultate, daß dasselbe jetzt 33,06 Jahre beträgt. Die Kunst alt zu werden ward somit im Alterthum nicht besser geübt, als heutzutage. – i.     


Das Sanskrit als Handelssprache im 19. Jahrhundert. Gewöhnlich hält man das Sanskrit für eine todte Sprache, doch berichtet Professor F. Reuleaux in seinem sehr interessanten Buche „Eine Reise quer durch Indien“, daß das Hauptbuch des indischen Kaufmanns überall in Nágari, d. i. Sanskrit (wörtlich Stadtschrift), geführt wird. Er hatte Gelegenheit, ein solches Hauptbuch, zu sehen, das „wunderschön geführt war, die Zeichen kalligraphisch tadellos hergestellt“. Die Blätter waren nur auf einer Seite beschrieben, die Zeilen liefen parallel dem Rücken des in biegsame dünne Deckel gebundenen Buches. Für jedes Konto wird ein Folium eröffnet, ist dieses voll, so wird eine Allonge angeklebt, so daß größere Konti recht lange Leporellozettel bekommen. Doch nur das Hauptbuch wird in Sanskrit, die untergeordneten Bücher sind dagegen in Hindi geschrieben und weisen auch die gewöhnliche Buchform auf. – r.     



Allerlei Kurzweil.


Magisches Tableau:
Der zerbrochene Spiegel.

Scherz-Räthsel.
Wer entnimmt aus meinem Gesichte und Namenszuge, wie ich heiße?





Auflösung der Schachaufgabe Nr. 2 in Nr. 17:

     Weiß        Schwarz
1. S g 7 – f 5   K e 4 – f 5
2. D e 8 – d 7        beliebig
3. D oder S matt.  

Varianten: a) 1. ..., f 7 : S e 6; 2. L d 1 – c 2 †, K e 4 – f 3 oder d 5; 3. D e 8 – h 5 resp. b 5 matt; b) 1. ..., K e 4 – d 5 oder d 3; 2. D e 8 – b 5 † etc.


Kleiner Briefkasten.

(Anonyme Anfragen werden nicht beantwortet.)

M. L. in P. Vor Kurzem hat Frl. Lamprecht einen Verein deutscher Privatlehrerinnen in Paris gegründet, der ähnliche Zwecke verfolgt wie der bekannte und in der „Gartenlaube“, Jahrg. 1882, Nr. 13, S. 208, erwähnte Verein in London. Nähere Auskunft zu ertheilen, sowie Beitrittserklärungen und Beiträge anzunehmen, ist Frl. B. von der Lage, Berlin SW. Tempelhofer Ufer 12, von dem Komité ermächtigt. Alle Anfragen und Sendungen vom Auslange sind an Frl. Lamprecht, Paris, 40 rue St. Ferdinand aux Ternes zu richten.

B. in Detmold. Die beiden vom Schriftsteller Dr. Karl Ruß in Berlin herausgegebenen Blätter „Isis“, Zeitschrift für alle naturwissenschaftlichen Liebhabereien und „Die gefiederte Welt“, Zeitschrift für Vogelliebhaber, -Zücher und -Händler sind durch Verkauf in den Verlag der Creutz’schen Buchhandlung in Magdeburg (Inhaber die Herren R. u. M. Kretzschmann) übergegangen und werden von Dr. Karl Ruß in der bisherigen Weise fortgeführt.

Anfrage. Wer kauft gebrauchte Korke, Stahlfedern, Cigarrenabschnitte, alte Glacéhandschuhe, alten Gumme etc.? Einige Vereine, die solche Abfälle zu wohlthätigen Zwecken sammeln, ersuchen uns um Angabe von Käuferadressen.

Dr. M. in Ddf. Ihren beachtenswerthen Vorschlag, die zumeist kahlen Wände der Wartesäle unserer Bahnhöfe mit dem Bildnisse George Stephenson’s, des Vaters der Eisenbahnen, zu schmücken, übergeben wir hiermit der Oeffentlichkeit.

Stille Pfarrerstochter in B. bei M. Aus Büchern kann man nicht lernen, wie man mit kleinen Kindern umgehen soll. Das lernen Sie am besten in einer kinderreichen Familie unter Anleitung einer praktischen Mutter. Sonst empfehlen wir Ihnen: „Ranke, die Erziehung und Beschäftigung kleiner Kinder in Kleinkinderschulen und Familien.“ Elberfeld 1870.

H. K. in S. Ub Fikge unsrer in Nr. 7 abgedruckten Antwort meldet ich bei uns das Briefmarkengeschäft von G. Zechmeyer in Nürnberg mit der Erklärung, daß es gebrauchte deutsche Briefmarken mit Ausnahme der rothen 10-PFennig-Marken kaufe.

H. in Mockba. Nicht verwendbar.

K. B. in St. Arnstadt i. Th.

Hermann in G., Eva, A. W. in M., P. H. in C.: Nicht geeignet.

H. Sch. in Hamburg. Vergleichen Sie gefälligst das Hamburger Adreßbuch.

M. D. Die Dame lebt in Sondershausen.

Pase. Vergleichen Sie gefälligst Jahrgang 1867, Seite 655.

Dr. –t in –zi. Sie müssen in Deutschland ein Staatsexamen ablegen.



Inhalt: Die Frau mit den Karfunkelsteinen. Roman von E. Marlitt (Fortsetzung). S. 289. – Bei der Musi’. Gedicht von Karl Stieler. S. 294. Mit Illustration S. 293. – Der Stil in der Wohnung. Von Ferdinand Avenarius (Schluß). S. 294. – Das Jubiläum eines Liedes. Von Karl Siegen. Mit Illustration. S. 296. – Karl Stieler. † 12. April 1885. Von M. Haushofer. Mit Portrait. S. 297. – Unter der Ehrenpforte. Von Sophie Junghans (Fortsetzung). S. 299. Mit Illustration S. 301. – Das russisch-afghanische Grenzgebiet. Von Siegfried. S. 302. – Blätter und Blüthen: Wandlungen der Pflanzenblätter. – Hohes Alter. – Das Sanskrit als Handelssprache im 19. Jahrhundert. – Allerlei Kurzweil: Magisches Tableau: Der zerbrochene Spiegel. – Scherz-Räthsel. – Auflösung der Schachaufgabe 2 in Nr. 17. – Kleiner Briefkasten. S. 304.



Verantwortlicher Herausgeber Adolf Kröner in Stuttgart. Redacteur Dr. Fr. Hofmann, Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger, Druck von A. Wiede, sämmtlich in Leipzig.

  1. Wir geben in dieser Nummer (S. 294) eines der letzten oberbayerischen Gedichte K. Stieler’s, welches er zu dem gleichfalls beigegebenen Bilde von A. Eberle für die „Gartenlaube“ gedichtet.