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Die Gartenlaube (1884)/Heft 33

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1884
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[537]

No. 33.   1884.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


Die Herrin von Arholt.
Novelle von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Eine quälende, eine bittere Frage stieg bei der Betrachtung des Verhältnisses von Maria Tholenstein zu Wolfgang Melber in Raban auf – eine Frage, welche all sein Blut in Wallung versetzte. Glaubte dieser Bildhauer nun auch, wenn nach der Großmutter Tode er in seine ursprünglichen Rechte eingesetzt würde, Marie Tholenstein bei ihrem Namen und in ihrem Besitzstande erhalten, ihr zum Danke für ihren Verzicht auf Alles, den sie ja bereitwillig aussprechen würde, die Hand reichen zu müssen? Raban’s eifersüchtigem Herzen lag diese Frage ja so nahe, und Allem zum Trotz, was er sich zur Beruhigung darüber sagte, ward sie bei der Beobachtung von Melber’s und Mariens Art des Verkehrs mit einander so quälend, daß er beschloß, um jeden Preis zur Klarheit über diese Lage zu gelangen.

Er konnte diesen Entschluß nicht fassen, ohne mit schwerem Herzen seines Vaters zu gedenken; des Kampfes, der mit ihm bevorstand, wenn er um Mariens Hand geworben und deren Zusage erlangt hatte. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß sein Vater ja Marie Tholenstein nicht kenne, daß er versöhnt mit ihr werden würde, wenn er sie ihm auch als das Kind einer kleinbürgerlichen Familie zuführe. Mein Vater, sagte er sich, kennt die Tiefe und Innigkeit meines Gefühls für sie nicht; er kann nicht ermessen, wie zerstört und für ewig vernichtet und verloren mir ohne sie das Leben sein würde – er kennt das Alles nicht, und wer kann Richter sein wollen über eine Sache, die er nicht kennt?

Aber konnte Raban denn reden und werben um Marie, so lange nicht vollständige Klarheit war zwischen ihm und – Leni Eibenheim? Auch das legte sich ihm schwer auf die Seele. Aber die Klarheit war ja eigentlich schon da. Und Leni, schien es, empfand keinen großen Kummer darüber. Sie hatte nichts in ihrem um kleine Dinge sich bewegenden Leben geändert, nichts gethan, was ihn hätte wieder anziehen und fesseln sollen – sie that, was sie immer that, was alle im Eibenheim’schen Hause thaten: sie amüsirte sich.

Und doch empfand es Raban wie eine moralische Verpflichtung, hier ein Schlußwort zu sprechen. Vielleicht war es eine Pedanterie, so zu empfinden. Er hatte Augenblicke, wo er sich völlig klar darüber war, und in einem dieser Augenblicke sagte er sich auch: Marie Tholenstein besitzt dein Vertrauen in Allem und Jedem – es ist nichts in dir, was du nicht ihr sagen, bekennen, worüber du sie nicht entscheiden lassen möchtest! Sag ihr auch das, laß sie es dir künden, ob in einer solchen Lage der Dinge ein schwer auszusprechendes, peinliches, letztes Wort gesagt werden muß oder ob es verschwiegen bleiben kann!

Es hatte nur einige Schwierigkeit, diesen Entschluß auszuführen, da Raban Marie nie allein sah. Bis jetzt war bei ihren Unterredungen stets entweder Wolfgang selber oder die Tante Stiftsdame zugegen gewesen. Marie hatte es abgelehnt, von ihm aus dem Atelier Wolfgang’s nach Hause begleitet zu werden – sie schien immer noch, nachdem Raban sich von dem Bildhauer verabschiedet hatte, mit diesem einige Worte auszutauschen zu haben. „Gehen Sie jetzt,“ sagte sie dann scherzend und die Spritze herbeiholend, um den Thon ihres Bildwerks zu befeuchten; „ein Laie, wie Sie, braucht nicht hinter die Coulissengeheimnisse der Kunstarbeiter zu schauen. Und Raban ging dann und überließ sie dem Schutze ihrer Anna.

Raban war jedoch zu erregt und zu ruhelos geworden durch Alles, was ihn bewegte, um geduldig abwarten zu können, bis ein günstiger Zufall ihm die Gelegenheit bringe, Marie allein zu sprechen. Als er das nächste Mal zu ihrer Wohnung ging, nahm er sich vor, sie um die Gunst zu bitten, auf dem nächsten ihrer Mildthätigkeitsgänge sie begleiten zu dürfen.

Als er die Bitte dann aussprach, sah sie ihn betroffen an. Es war, als ob sie darüber erschrecke und unschlüssig sei, welche Antwort sie geben solle.

Auch die Stiftsdame sah Raban an, aber mit einem eigenthümlichen Blicke des Verständnisses – sie mochte aus seiner gespannten Miene etwas herauslesen, was sie vielleicht nicht zum ersten Male an diesem Abende in derselben las und was ihr durchaus nicht unangenehm sein oder bedenklich erscheinen mochte.

„Ich meine, Du magst immerhin Herrn von Mureck einmal mit Dir wandern lassen,“ sagte sie; „es wird mich beruhigen, Euch unter männlichem Schutze zu wissen, Dich und Deine Anna!“

Marie schien doch ein inneres Widerstreben zu empfinden, erst nach einer Pause sagte sie halblaut:

„Nun wohl, dann seien Sie morgen um halb elf Uhr im Stadtparke. Ich will Sie dort erwarten, da ich eine kranke Wöchnerin hinten in der Landstraße besuchen möchte.“

„Ich werde pünktlich sein,“ antwortete Raban erfreut.

Als er dann später heimging und durch die gaserhellten Straßen dem Gasthof zuschritt, in welchem er sein Quartier aufgeschlagen, fühlte er sich doch nicht wenig beklommen über die Energie, mit der er sich zur Entscheidung drängte. Es kam ihm [538] zum Bewußtsein, daß er doch nicht wohl von seiner Absicht, mit Leni Eibenheim entschieden zu brechen und sich aus ihrem Kreise zu befreien, reden könne, ohne Marie auch zu gestehen, was ihn denn dazu dränge, weshalb er solchen inneren Druck empfinde, bis ein Verhältniß gelöst sei, das sich ja auch ganz glimpflich und allmählich im Lauf der Zeit lösen lasse - ohne ausgesprochene „Zerschneidung des Tischtuchs“. Und würde er, wenn er Marie allein sprach, über seine Herzensempfindungen mit ihr sprach, dem Drange und Sturm seines Innern widerstehen können? Und war es nicht zu früh, Alles ihr zu sagen – mußte er nicht fürchten, die sinnige Seelenstille in ihr, aus deren Grunde er die knospende weiße Seerose einer ihn beglückenden Neigung emporwachsen sah, zu stören und sich das, was ihn beglückte, selbst zu verderben?

Aber auf der andern Seite – konnte Offenheit und Wahrheit, wenn er sie mit jener scheuen Ehrfurcht vor Mariens Wesen, die ihn ja erfüllte, aussprach und dann wie in Demutl von ihr die Entscheidung über sein Leben und sein ganzes Schicksal erflehte, sie erschrecken oder irgend etwas verderben? Und war es nicht am besten, ihr Klarheit über sein Gefühl für sie und über seine Absichten zu geben, um so auch sie innerlich zu befreien, um sie loszulösen aus dem Verhältnisse zu ihrem Vetter, das, es mochte nun sein wie es wollte, doch für Raban den Charakter einer Mariens unwürdigen Lage, einer verhängnißvollen und drückenden Gebundenheit hatte?

Ermuthigt und entschlossen in diesem Gedanken betrat am andern Morgen Raban vor der bestimmten Stunde den Stadtpark, der jetzt im schönsten Grün des völlig erblühten Frühlings prangte und von einem Sonnenlicht überfluthet war, das schon etwas von der kommenden Sommerwärme ausgoß.

„An einem solchen Tage, der in der Menschenseele nur ein süßes Echo des Lerchengeschmetters und aller Lenzlieder der Natur wachrufen zu können scheint, wandert sie zu düstern Stätten, in Schatten und Dunkel, wohin Bettler und Kranke sie rufen!“ sagte sich Raban. „Wunderbares Wesen, bist du von Gottes Hand aus demselben Stoff geformt wie alle diese Menschen, die hier, erfüllt von ihren egoistischen Verlangen, Betrieben und Geschäften vorüberströmen, die nur ihr Ich empfinden, ihr Ich denken, ihr Ich auf der Welt sehen? Und die für dies ihr Ich durch Noth, Gefahr und Schweiß, durch rücksichtsloses Niedertreten Anderer so oft nur das Werthloseste, Nichtigste, das Kindische erjagen wollen? Ein Wesen wie Marie kann nicht von demselben Stoffe sein. In der Menschenhülle bergen sich Wesen der verschiedensten Gattung und Art. Den Tiger verräth das Fell, und immer ist Tiger Tiger, Taube ist Taube; aber Mensch ist nicht immer Mensch, er ist Tiger oft und oft Taube! – Aber da kommt sie, die Taube!“

Marie Tholenstein kam elastischen Schrittes dahergegangen, in ihrer einfachsten Tracht, ein Fichu leicht um die Schultern geschlungen, mit einem Sonnenschirm von brauner Seide sich gegen das Licht schützend.

„Der verhängnißvolle von damals,“ sagte Raban nach dem Schirm blickend, während er Marie begrüßte, „der verhängnißvolle war heller, denk’ ich.“

„Er war blau,“ entgegnete sie lächelnd.

„Sie wissen es noch?“

„Wie sollt’ ich nicht? Er hat noch sehr lange in der Ecke in meinem Zimmer auf Arholt gestanden – als ein Andenken!“ fügte sie scherzend hinzu.

Der Gedanke, daß dem nutzloser Ding als einem Andenken da eine Stelle vergönnt worden, machte Raban glücklich. Marie hatte sich unterdeß auf die nächste Bank gesetzt.

„Warten wir hier einen Augenblick auf Anna,“ sagte sie dabei, „sie hatte noch einen Gang für mich zu besorgen und kommt zu uns, hierher.“

„Hoffentlich nicht zu bald,“ versetzte Raban, „sodaß mir die Gelegenheit wird, ganz ungestört Ihnen zu sagen, was es mich drängt, Ihnen anzuvertrauen, Fräulein Marie; womit eine innere Nothwendigkeit, ein Zwang des Herzens mich zu Ihnen flüchten läßt; wie ich mit Allem, was je Schweres auf mich kommen könnte, mich zu Ihnen flüchten möchte, nur zu Ihnen. Ich möchte Ihnen sagen, zu welchem Zwecke ich eigentlich anfangs nach Wien gekommen . . .“

Marie Tholenstein hatte bei seinen ersten Worten ihn groß angesehen, dann war sie leicht erblaßt, und jetzt unterbrach sie ihn, indem sie sagte:

„Das weiß ich ja – Sie kamen, um sich mit Leni Eibenheim zu verloben.“

„Das wissen Sie?“

„Gewiß weiß ich es. Ich hörte im Kreise meiner Verwandten, daß Sie mit Leni Eibenheim verlobt seien. Da Sie weder der Tante noch mir etwas darüber sagten, habe ich es auch nicht berühren wollen, bis Sie selbst es uns mittheilten.“

„Ah, das überrascht mich. Und ich sei verlobt, hat man Ihnen gesagt?“

„Gewiß.“

„Aber ich bin es ja nicht – dem Himmel sei Dank, daß ich es nicht bin!“

„Sie sind es nicht? Aber man hat es mir doch mit einer solchen Bestimmtheit versichert . . .“

„Und doch – ich versichere Sie ebenso bestimmt, bin ich es nicht!“

Marie Tholenstein sah wieder mit denselben großen Augen zu ihm auf – aber offenbar erschrocken, bleicher als sie eben gewesen.

„O,“ sagte sie halblaut, wie unwillkürlich in ihrem Erschrecken, „das thut mir leid!“

„Leid? Ihnen thut es leid? Ihnen leid, Fräulein Marie?“ rief nun Raban tief betroffen aus.

Sie schwieg zu Boden blickend.

„Ich bitte Sie, weshalb leid?“

Sie schüttelte nur leise den Kopf, ohne zu antworten; er ließ sich neben sie auf die Bank nieder, auf welche sie sich gesetzt hatte, schwieg eine Weile und sagte dann mit unterdrückter Heftigkeit:

„Also es thut Ihnen leid, daß ich nicht gefesselt bin, daß ich nicht einer Andern gehöre, leid, daß nicht ein Drittes trennend zwischen uns steht – wie mir das durch die Seele schneidet, können Sie gar nicht ermessen, Marie . . .“

„Mein Gott, begreifen Sie denn nicht, daß es für uns, unsern Verkehr . . .“ fiel sie ein und schwieg dann wieder, ohne eine Silbe zur Erklärung hinzuzufügen, was er begreifen solle!

Es war zum Verzweifeln! Raban fühlte sich ganz hülflos diesem grausamen Wort gegenüber. Schweigend, ruhig auf eine Erklärung warten, war ihm unmöglich. Leidenschaftlich fuhr er fort:

„Ich begreife Sie in der That nicht, Fräulein Marie. Ich war gekommen, Sie um die Aeußerung einer Ansicht, die Ertheilung eines Raths zu bitten, was ich zu thun habe, um ein Verhältniß zu lösen, in das ich unüberlegt gerathen bin, das freilich schon kein Verhältniß mehr ist, vielleicht gar einer Lösung nicht mehr bedarf. Sie sollten mir es sagen und dann, wann ich innerlich von einem bedrückenden Gedanken frei geworden, dann wollte ich Ihnen - was soll ich es nicht gestehen - Alles das ausdrücken, was mir das Herz übervoll macht, was der Inhalt meines ganzen Lebens und Seins geworden – die ganze Fülle der Leidenschaft, die – doch was rede ich, wer nahte sich Ihnen mit glühender Leidenschaft, wer . . .“

„Um Gotteswillen, hören Sie auf, hören Sie auf mit dieser Sprache,“ unterbrach ihn Marie Tholenstein mit zitternden Lippen, „mit dieser grenzenlos thörichten Sprache, die ich von Ihnen so gar nicht, so niemals erwartet habe, die ich nicht anhören kann, nicht darf . . .“

„Nicht dürfen – weshalb nicht dürfen, Marie? Was in aller Welt kann Ihnen verwehren, mich anzuhören, wenn ich mit dem tiefsten und innigsten Gefühl, mit der Ueberzeugung, daß von Ihnen allein mein ganzes Erdenglück abhängt, um Ihre Hand werben will?“

„Sie machen mich grenzenlos unglücklich,“ sagte sie, wie nun sich auch ganz hülflos fühlend, „o hören Sie auf, so zu reden. Ich habe in Ihnen so den ruhigsten zuverlässigsten Freund gesehen – und nun – o wir hätten uns nie kennen lernen sollen – nie, nie – es ist ja ganz unmöglich, daß . . .“

„Was ist unmöglich? Daß Sie die Meine werden . . . unmöglich? – Doch, ich verstehe Sie. Ich verstehe, was Sie sagen wollen, und was Sie glauben, mir nicht sagen zu dürfen. Sie dürfen mir Alles sagen. Denn sehen Sie, Marie, ich bin in Alles eingeweiht. Ich kenne das ganze Geheimniß, das um [539] Ihre Herkunft liegt. Sie wollen sagen: ich, die Tochter vielleicht fremder Menschen, die gar nicht das Recht hat, sich die Erbin von Arholt zu nennen, darf die Werbung des Erben von Mureck nicht anhören – das wollen Sie sagen! Ich begreife Sie völlig. Aber ich, ich sage Ihnen, daß ich nicht um die Erbin, nicht um die Enkelin der Tholenstein, daß ich um Sie werbe, und um Sie werben, nach Ihrer Hand ringen würde mit allen Kräften, die Gott mir gegeben hat, auch wenn Sie eine Bettlerin wären – und ebenso, wenn Sie eine Fürstin wären und ich ein Bettler, würde es mein Schicksal sein, nach Ihnen ringen und in diesem Ringen mich verzehren, darin untergehen zu müssen . . .“

Während er dies halblaut, aber in heftigster Leidenschaft sprach, hatte Marie Tholenstein, die bisher niedergeschlagen zu Boden geblickt, langsam das Haupt erhoben und ihm zugewandt. Mit großen verwunderten Augen, aber tödlich bleich, sah sie ihn an und sagte leise:

„Was reden Sie da? Ich die Tochter fremder Menschen? die gar nicht das Recht hat . . .“

„Nun ja,“ entgegnete Raban – „daß Sie das wissen oder annehmen, denn es ist ja so ungewiß – daß Wolfgang Melber oder wer sonst es Ihnen mitgetheilt hat – das allein kann doch der Grund sein, wenn Sie mir sagen, Sie dürfen nicht anhören . . .“

„Ich weiß nichts, gar nichts – die Tochter fremder Menschen, sagen Sie, sei ich – welcher Menschen? – o mein Gott, erklären Sie das!“ rief sie in unbeschreiblicher Erregung jetzt aus – „was soll Wolfgang Melber mitgetheilt haben – sagen Sie Alles, Alles!“

Raban war bei dieser plötzlichen Entdeckung, daß er vorschnell und blindlings etwas ausgesprocheu, was er nicht hätte aussprechet sollen, der kalte Schweiß auf die Stirn getreten. Auch er war erblaßt. In grenzenloser Bestürzung sah er sie wie um Vergebung flehend an – mit dem vernichtenden Gefühle, daß es zu spät sei, etwas zurückzunehmen. Er mußte jetzt auch weiter sprechen und Alles sagen. Aber nur stotternd versetzte er:

„Habe ich wirklich unentschuldbar unbedacht Dinge berührt, die Ihnen verborgen waren und weit, weit besser Ihnen verborgen geblieben wären?“

„Und die ich nun ganz und völlig unverhüllt sehen will – ich verlange es – Alles zu wissen – reden Sie!“ rief zitternd Marie aus.

„Nun wohl – ich will es Ihnen ja nicht verhehlen, kann es Ihnen nun nicht mehr verschweigen wollen. Ich besitze einen Brief meines Vaters, der mir ausführlich mittheilt, was ich eben ausgesprocheu habe. Es ist, um es möglichst kurz zu machen, das Folgende . . .“

„Sie brauchen mir nicht zu sagen, daß meine Mutter einen Schauspieler Melber heirathete, daß ich in Ungarn geboren bin, daß ich nach der Mutter Tod von meinem Vater der Großmutter übergeben bin – ich weiß das. Mein Vater ist todt, aber sein Bruder, der Graveur ist, lebt hier in der Stadt; er hat mich aufgesucht, mich in Verbindung mit seinem Sohne Wolfgang, meinem Vetter, gebracht – aber nun reden Sie!“

Raban redete und gab kurz den Inhalt des Briefes seines Vaters an.

„Welche Enthüllung!“ sagte, als er geendet, Marie, indem sie wie in tiefem Verzagen ihre Hände im Schooße faltete. „Dies Alles ist schrecklich. Ganz schrecklich. Meine arme Großmutter! Und ich – ich Aermste! Ich Unglückliche!“

Sie brach in Schluchzen aus - ein Strom von Thränen netzte ihre Wangen.

„Ich fühle auf’s Tiefste und mit zerrissenem Herzen das nach, was Sie empfinden müssen, Marie,“ hob nach einer Pause Raban wieder an – „und habe noch den Schmerz obendrein, daß ich es sein mußte, von dem Ihnen etwas so Schreckliches, Vernichtendes kam . . .“

„Haben Sie den Brief Ihres Vaters noch?“ sagte sie.

„Ich habe ihn noch.“

„Ich will - ich möchte ihn lesen.“

„Wenn Sie es wünschen - Sie können ihn lesen.“

„So gehen Sie, bringen Sie ihn mir. Doch nein – ich sehe Anna dort auf uns harrend auf- und abgehen. Nehmen Sie Anna mit sich in Ihre Wohnung und geben Sie ihr den Brief eingesiegelt. Sie wird ihn mir in meine Wohnung bringen; ich gehe heim, da ja unsere Wanderung für heute mir unmöglich geworden . . .“

Sie erhob sich.

„Darf ich später zu Ihnen kommen – den Brief zurückholen?“ sagte Raban tonlos, aber mit flehender Stimme.

„Kommen Sie immerhin, heute am Abende, um die gewöhnliche Stunde – ich werde dann mich gefaßt und mich ja besonnen haben, was ich nun thun, nun beschließen muß “

Sie erhob sich von der Bank, welche, von Gebüschen umhegt, bisher ihre Unterredung ungestört von den Vorüberwandelnden erhalten hatte, und eilte mit flüchtigen Schritten, ohne Abschiedsgruß, hastig davon –

Mit der blutenden Wunde im Herzen, sagte sich in seiner Verzweiflung Raban – mit der Wunde, die er ihr geschlagen!

Er ging mit nicht weniger blutendem Herzen, um Anna herbeizuwinken und durch diese ohne Verzug den Wunsch ihrer armen Gebieterin erfüllen zu lassen.

Als es geschehen war, als er daheim in seinem Zimmer Anna in einem versiegelten Couverte den Brief für Marie Tholenstein übergeben hatte, sank Raban in seinen Sessel, sich so zerschmettert und hülflos fühlend, wie er nicht geglaubt, daß ein Mann sich fühlen könne; so kraftlos und gebrochen, wie ein kranker Mensch.

Er hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen. Sie wollten nicht weichen von der einen Vorstellung, von dem, was Marie Tholenstein jetzt empfinden müsse bei diesem Schlage, der ihr ganzes Leben wie um und um kehrte, der die theuersten Bande ihres Herzens zerriß und viel schlimmer war, als der Richterspruch einer ewigen Verbannung – es war eine Verbannung von allem Dem, was sie je geliebt, was sie als das Ihre betrachtet, was zu ihrem Leben gehörte.

Und daß er, Raban, in seiner blinden Leidenschaft das Schreckliche über sie gebracht! Und daß er nun zu seiner Strafe dasitze, ebenso unglücklich, ebenso zerschmettert durch den völlig unerwarteten Erfolg, den seine Werbung gehabt! Durch das unerklärliche Wort, welches sie ihm gesagt und wieder gesagt: „ich kann, ich darf Ihre Sprache nicht anhören – es ist ja ganz unmöglich“ . . . durch diese nun wieder ganz räthselhafte Abwehr seines offenen ehrlichen Werbens.

Weshalb in aller Welt hatte sie ihn nicht anhören dürfen, wenn es nicht so zu erklären war, wie er es, nur mit unseliger Voreiligkeit, sich erklärt hatte? War denn ein anderer Grund auch nur irgend denkbar? War sie nicht frei mehr? Gehörte sie einem Andern? Gehörte sie nun doch diesem Wolfgang Melber? Es war zum Verzweifeln, sich solche Fragen vorlegen zu müssen, ohne den geringsten Anhalt zu einer Antwort finden zu können; ohne einen andern Trost als den: und wenn ich es bin, der sie jetzt so unglücklich gemacht, so that ich es doch nur, um ihr zu sagen, daß ihr Unglück keines sei, daß ich nicht um eine Erbin werbe, daß Alles ihr ersetzt werden solle, was sie umgeben und besessen, und meine ganze Seele, meine Treue, mein ganzes Ich dazu!

Langsam und träge schlichen ihm die ferneren Stunden des Tages dahin. Als sie endlich vergangen, als die Dämmerung sich nahte, bereitete er sich, zu gehen, um sich, nach der Erlaubniß, welche sie ihm ertheilt, zu ihr zu begeben und, wenn keine tröstenden, doch wenigstens einige aufklärende Worte von ihr zu vernehmen.

Als er eben im Begriffe war, sein Zimmer zu verlassen, klopfte es an seine Thür, und Anna trat herein. Sie übergab Raban ein Billet ihrer Herrin, welches die wenigen Zeilen enthielt:

„Bitte, lassen Sie mir noch eine Weile den Brief Ihres Vaters und kommen Sie nicht – ich fühle mich zu krank, zu schwach, um Jemand zu sehen – zu schwach auch noch, um nun mit Wolfgang zu sprechen, ihm Alles zu sagen und ihm alle meine Rechte abzutreten, wie ich fest entschlossen sein muß. Ist das geschehen, so werde ich ruhiger sein und dann Ihnen sagen

lassen, wann es mich freuen wird, Sie wieder zu sehen.
Marie.“ 

Also auch die Hoffnung auf nur einige aufklärende Worte war eitel gewesen. Von Anna vernahm Raban noch, daß ihre Herrin sich den ganzen Tag über eingeschlossen gehalten, daß sie Niemand habe sehen wollen, auch den Arzt nicht, nach welchem ihre Tante gesendet. –

[540]

Bilder von der Arlbergbahn.
Nach der Natur gezeichnet von R. Püttner.

[541] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [542] Raban’s Sorge um sie war nun auf’s Drückendste vermehrt durch den Gedanken, daß sie viel zu rasch und unbedacht Wolfgang Melber in’s Spiel ziehen und diesem Rechte einräumen werde, welche ja noch immer zweifelhafter Natur waren. Konnte denn seines Vaters Voraussetzung nicht immer noch ungegründet sein – konnte Mariens Vater damals nicht, um sich zu rächen, um einen ewigen Grund der Beunruhigung in die Familie, die ihn mit seinen Ansprüchen zurückwies, zu schleudern, gesprochen haben? Hatte er denn bestimmte Erklärungen abgegeben? Nein, nur Andeutungen hatte er gemacht. Nichts als unbestimmte Andeutungen! Und wenn diese die Wahrheit enthielten, weshalb war von ihm nicht Wolfgang, der alsdann sein eigener Sohn war, eingeweiht? Weshalb hatte Wolfgang dann seine Rechte nicht schon geltend gemacht? Sein Vater – vorausgesetzt, der Schauspieler Melber wäre es gewesen – sein Vater war ja todt. Eine strafrechtliche Verfolgung wegen der Verwechselung der Kinder konnte ihn nlcht mehr treffen. Es war gar nicht denkbar, daß Wolfgang selber nicht längst mit der Geltendmachung seiner Geburtsrechte aufgetreten wäre, wenn er solche gehabt hätte!

Aber was konnte Raban thun, um sie jetzt aufzuhalten? Er hatte nicht das geringste Recht, sich einzumischen. Niemand auf Erden hatte es ihm gegeben. Sollte er den als Vater Wolfgang’s geltenden Graveur aufsuchen? Sollte er von diesem Manne die Wahrheit zu erkunden versuchen? Es war nicht die geringste Wahrscheinlichkeit da, daß dieser ihm, dem Wildfremden, die Wahrheit gestand!

Nur Eines konnte er thun – Wolfgang Melber in dessen Atelier sprechen. Vielleicht ergab sich im Laufe des Gesprächs mit diesem, wenn Raban es sondirend lenkte, etwas, wenn auch nur Geringes, was zur Aufklärung diente. Es war jedoch zu spät dazu für den Abend; Raban konnte erst am andern Vormittage den Künstler treffen.

(Fortsetzung folgt.)

Bilder von der Arlbergbahn.

(Mit Illustrationen von R. Püttner.)

Trisanna-Viaduct.

Die Jüngste der vielen kühnen Hochgebirgsbahnen, an denen die Habsburgische Monarchie so reich ist, und nächst der Gotthardbahn gewiß auch die interessanteste an verwegenen Kunstbauten – ist die im Herbste dieses Jahres nach gerade vierjähriger Bauzeit zu eröffnende Arlbergbahn. Das tirolische Innthal mit dem vorarlbergischen Illthale mittels eines mehr als zehn Kilometer langen Tunnels verbindend, bildet sie dadurch zugleich ein neues Band zwischen dem untern Donaugebiete, der Adria und dem Schwarzen Meere einerseits und dem obern Rheinthale und dem in commerzieller Beziehung so heiß umworbenen Bodenseebecken andererseits. So öffnet sie einen neuen internationalen Handelsweg zwischen Ost und West und kettet zugleich das kleine industriereiche Ländchen Vorarlberg, den letzten Rest der ehedem so ausgedehnten schwäbisch- österreichischen Vorlande – bisher von Tirol und den innerösterreichisch-bajuwarischen Provinzen durch die Querkette des Arlberges vollständig abgetrennt – mehr als je vordem an die Habsburgische Hausmacht.

Bis zur Regierung des unvergeßlichen Kaisers Joseph II. führte über den 1800 Meter hohen, im Winter und Frühling höchst lawinengefährlichen Arlbergpaß – denn einen eigentlichen Arlberg giebt es nicht, es wäre denn, man nennte den ganzen breiten von Süd nach Nord gestreckten Gebirgszug mit diesem Namen – nur ein schlechter Saumpfad; erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ließ der Kaiser eine Kunststraße bauen, die, mehr oder minder abgeändert, heute noch als eine der best erhaltenen Alpenstraßen besteht. Aber bis in die dreißiger Jahre lief auf dieser kaiserlichen Straße noch keine kaiserliche Post – an ihrer Stelle fuhr ein Bote in vier Tagen oder etwas länger von Bregenz nach Innsbruck. Erst in den vierziger Jahren, also vor etwas mehr als einem Menschenalter, wurden kaiserliche Eilwägen eingerichtet, die in dreißig Stunden obige Strecke zurücklegten, nur zu oft aber durch Lawinen und Schneefall auf dem Berge festgehalten wurden.

Aber auch in den späteren Jahrzehnten der Eisenbahnen und Dampfschiffe, während von allen Seiten die Schienen an den internationalen Bodensee drängten, dachte in Wien Niemand an dieses Westportal Oesterreichs, und die praktisch-rechnenden, aber bisher von Wien aus etwas stiefmütterllch angesehenen Vorarlberger meinen noch heute, die ganze Geschichte – Arlbergtunnel und Bodensee-Emporium – komme eigentlich um zehn bis fünfzehn Jahre zu spät und werde darum immer etliche Schwäche eines „Nachgebornen“ mit sich herumtragen.

Nun aber wollen wir eine wirthschaftlich-politische Erörterung der Arlbergbahn und was drum und dran hängt, fein säuberlich bei Seite liegen lassen; denn es ist Sommer, herrlicher Hochsommer, und darum eilen wir, der Sorge und der Qual des täglichen Lebens nicht gedenkend, in’s Hochgebirge, in das uns die neue Bahn fast ohne alle Vermittelung hineinführt, und aus ihren Krümmungen und Windungen wollen wir uns die herrlichsten, bis heute noch fast unbekannten Landschaftsbilder vor Augen zaubern lassen.

Von der Station Bludenz, die als eigentlicher Anfangspunkt der Arlbergbahn, inmitten eines wunderbaren Hochgebirgskranzes gelegen, im letzten Jahrzehnt ein Sammelpunkt der Touristenwelt geworden ist, sind wir durch das Thal der Alfenz, fast immer am Abhange der nördlichen Thalseite allmählich über die hinankriechende Poststraße aufsteigend, bis zur Station Dalaas gelangt, dem obersten Bilde unseres Zeichners. Bis dahin haben wir eine der schwierigsten Baustrecken zurückgelegt, denn hoch oben an steilen Wiesenhalden läuft die Bahn, der in den brüchigen Verwitterungsproducten der Werfner Schichten überall künstlicher Grund geschaffen werden mußte. Tief unten an der schäumenden Alfenz liegt der Ort, fast senkrecht unter [543] uns, dessen kleine ahornumschattete Kirche. Westlich, thalauswärts, liegt ein sonniges Landschaftsbild, das Wallgau, darüber die matterhornartige Zimbaspitze und das Massiv der Scesaplana (Hintergrund des Bildes); thaleinwärts sieht man gegen den Arlberg zu, rechts liegt der Kalteberg (2900 Meter); dessen östlicher Fuß in Tirol steht; rechts und links von den himmelanstrebenden Felswänden stürzen schöne Wasserfälle zu Thal, der Latonser und der Fallbach. Den Anblick des Westportales des Arlbergtunnels bei Langen hat der Stift unseres Künstlers nicht festgehalten, und wenn wir die zwei folgenden Bilder, Stuben und St. Christoph in Natura sehen wollen, müßten wir die Bahn in Langen verlassen, denn wir unterfahren sie „durch den Berg“ in etwa fünfundzwanzig Minuten, um gleich am Ostportale, in St. Anton, Tiroler Boden zu betreten, während wir nach Stuben eine, bis St. Christoph weitere zwei und bis St. Anton noch eine Stunde zu gehen hätten, der Postwagen aber diese steilste Strecke der Straße nicht unter drei Stunden hinter sich bringen könnte. Diese ohnehin einsamen Hochgebirgsorte, das 1400 Meter hohe, lawinenbedrohte Stuben mit seinen niedrigen, kleinfensterigen Häuschen, und das auf der Paßhöhe gelegene Weghospiz St. Christoph, eine Stiftung des armen Heinrich, des Findelkindes, werden von nun an noch weltverlassener dastehen, wenn nicht, wie es auch am Gotthard geschieht, zur Sommerszeit Touristen den fröhlichen Wanderstab der finsteren Tunnelfahrt vorziehen. Um so besser, daß sie Meister Püttner durch seine Illustration der künftigen Vergessenheit zu entreißen versucht hat, und auch dafür sind wir ihm dankbar, daß er das Gleiche mit Langen gethan (vergl. S. 544). Vor vier Jahren noch ein stiller Weiler von fünf niedrigen Bauernhäusern, wuchs es während des Tunnelbaues zu einer Arbeiterstadt heran, die Einen fast „californisch^ anmuthete, das heißt wie die Blockhausstädte der Goldgräber jenes Landstriches; denn eine vorübergehende Unterkunft für Bauleitung, Turbinenanlagen (zu Tunnel-Bohrarbeit) und für etwa 2500 Arbeiter aus aller Herren Ländern und deren mannigfaltige Bedürfnisse war in dieser Einöde zu schaffen.

Viaduct bei Landeck.

Diese Blockhausstadt mit ihren vielsprachigen Aufschriften, ihrer lärmenden Bevölkerung, überragt vom provisorischen Unternehmerpalast, mit allen den kolossalen Turbinenhäusern, Ventilationsanlagen und Werkstätten wird in wenigen Monaten verschwunden sein, menschenleer ist sie heute schon. St. Anton, das Ostportal des Arlbergtunnels, bot nie dieses bunte Bild, weil dort die Gegend ohnehin häuserreicher und daher die Anlage einer eigenen Arbeiterstadt nicht nothwendig war. Bis zur Station Flirsch übersetzt die Bahn dreimal die aus der finsteren waldreichen Ferwallschlucht hervorbrausende Rosanna und bleibt dann bis nach Innsbruck auf der rechten, südlichen Thalseite; vorerst auch wieder hoch über dem Thale, welches sammt der am jenseitigen Ufer laufenden Poststraße in rascher Senkung absteigt, während die Bahn, in vielfachen Schleifen den Ausbuchtungen des Gebirgsstockes sich anschmiegend, erst bei Landeck die Thalsohle wiederfindet. Die Aussicht dieser Strecke geht ostwärts gegen das Innthal, namentlich auf die steilen Zinnen der nördlichen Kalkalpenkette, welche dieses vom obern Lechthale trennen; eine Fülle von Wasserstürzen erfreut das Auge, dann sehen wir vor uns plötzlich eine schöne Burgruine (Wiesberg), auf die wir scheinbar in der Luft zuschweben. Wir rollen nämlich auf dem 240 Meter langen Viaduct über die tief unter uns aus dem Paznaunerthale hervorbrechende Trisanna, diese grausige Thalschlucht überfliegend. Die Eisenbrücke selbst ruht auf zweien in die Seitenlehnen der 90 Meter tiefen Schlucht eingegründeten, je 50 Meter hohen Quaderpfeilern, und hat eine Stützweite von 120 Metern; sie gilt als das schönste, kühnste und schwierigste Bauwerk der ganzen Strecke; unser Künstler hat sie in der Anfangsvignette unter seine Bilder aufgenommen. Wer in das langgestreckte gletscherreiche Paznaunerthal will (Jamthaler-Ferner, Fluchthorn, Fimberpaß in’s Engadin), muß auf dieser Station die Bahn verlassen. Diese selbst gewährt angenehme Ausblicke auf die jenseitige sonnige, mit freundlichen Dörfchen und reichlichen Korn- und Maisfeldern besetzte Steilhalde des Trisannathales, um dann auf einer nicht minder interessanten Eisenbrücke, deren Spannwerk nach abwärts geht, unterhalb Landeck den aus Süd kommenden Innfluß zu übersetzen und in den ebenso zierlichen, als für das Publicum bequem eingerichteten Landecker Bahnhof einzumünden.

Die geradezu zauberische Lage des etwas weit abseits bleibenden Ortes Landeck an der Mündung der Innschlucht mit guterhaltener Burg auf steilem Felsen und einem schönen gothischen Kirchthurme sichert ihm einen regen Fremdenverkehr, denn von hier zweigt sich die Poststraße nach Finstermünz, in’s Engadin (Schuls- Tarasp), in’s Vintschgau, zum Stilfserjoch (Ortlergruppe) und nach Meran ab.

Die Bahn Landeck-Innsbruck ist schon im Jahre 1883 als Theilstrecke der Arlbergbahn eröffnet worden und dem Reisepublicum daher nicht mehr so fremd, als der eigentliche Arlbergdurchschlag. Von der Strecke bis Imst hat Meister Püttner uns zwei reizende eigenartige Bilder gebracht: die auf hohem Felskegel aufragende Veste Kronburg, die wir am Fuße unterfahren, und den Tschürgant. Es ist dieser letztere die Westspitze eines hohen Gebirgszuges, den wir später als breite Felsenmauer zu unserer Linken haben, wenn wir von Imst nach Silz hinab rollen. So wie er sich im Bilde zeigt, als ein echter „Pik“, präsentirt er sich schon auf der Poststraße oberhalb Pians und dann später von der Bahn aus unterhalb Kronburg. Bevor wir in das breiter werdende Innthal mit seinen schönen Dörfern und den spitzigen, schlanken Kirchthürmen eintreten, müssen wir noch durch eine enge Schlucht, in welcher hart am reißenden Innstrom und am Ausgange des Pitzthales [544] die Station Brennbichl liegt, fast da, wo einst vor 30 Jahren der König von Sachsen Friedrich August II. durch einen Sturz aus dem Wagen seinen unerwarteten Tod fand. Bald darauf geht es auf einer schönen eisernen Gitterbrücke (siehe Bild) über die Oetzthaler Achen in die Station Oetzthal, Ausgangspunkt für die Oetzthaler Ferner. Aber von diesen berühmten Eiskolossen und Firnfeldern sehen wir hier nichts, denn diese liegen noch sehr weit drinnen im Thale, wohl aber finden wir ihren eiszeitlichen Moränenschutt, in den die Bahn einschneidet. Dann bemerken wir auch gleich hier, wie zierlich und harmonisch die Stationsgebäude dieser und der Arlbergstrecke gebaut sind – im wohlthuenden Gegensatze zu den nüchternen Pappdeckelbauten der ehemaligen Vorarlbergerbahn.

Langen von der Tunnelmündung aus.

Nun tritt die Bahn in das sich erweiternde Innthal ein, auf herrlich grünen Wiesen eilen wir dahin, rechts aber auf waldgekröntem Hügel leuchtet die Wolkensteinische Veste Petersberg, links liegt Silz, der reinliche Marktort, den Touristen bekannt durch das trauliche „Herrenstübele“ seiner Post. Thalabwärts nimmt nun die Zahl der schlanken Kirchthürme zu beiden Seiten rasch zu; da kommt vor Allem Stams, die große Cisterzienser Abtei, eine Behüterin der sterblichen Ueberreste der alten Grafen von Tirol, also das tirolische St. Denis. Später zeigt sich jenseit des Inn, am Fuße der hohen Mundi, der industrielle Ort Telfs, und wieder weiter, theilweise in Obstbaumgärten versteckt, liegen die ansehnlichen Dörfer Flauerling, Hatting, Polling und Inzing. Darüber hinaus ragen die schönen Berggestalten der Umgebung Innsbrucks empor, vor Allem zunächst links die berühmte Martinswand, an welcher Kaiser Max, der letzte Ritter, sich verstieg, gerade oberhalb des malerisch unordentlich zusammengewürfelten Dorfes Zirl. Die vierhundertjährige Gedenkfeier dieses Ereignisses wurde hier am 20. und 21. Juli d. J. abgehalten. Bei der Station Kematen steigen schon hauptstädtische Ausflügler in den Zug, und vor uns auf weitem Thalplane, überragt von den Unterinnthaler Bergen, glänzen die vielen Kirchthürme Innsbrucks im letzten Abendsonnenstrahle. Hart am breiten Innstrome geht es hin, dann in weitem Bogen durch die Vorstadt Wiltau, mit Wendung nach Nord, in den Innsbrucker Bahnhof. – Etwas nach Mittag haben wir den Bodensee in Bregenz verlassen, und ehe die Sonne hinter dem Hocheder hinabgesunken, sind wir schon im Herzen Tirols, nicht ohne ein lebhaftes Dankgefühl für die Mächte, welche den Arlberg durchbrachen; denn bevor dies Werk vollendet, fuhr man 14 Stunden, theilweise zur Nachtzeit, mehrmals umsteigend, zweimal zollvisitirt, via Lindau-München-Kufstein, in einem Dreiviertelkreise aus Oesterreich – nach Oesterreich. C. S.     


Die südfranzosischen Cholerastätten.

Die Namen Toulon und Marseille haben für die Ohren der Zeitungsleser augenblicklich einen unheimlichen Klang; man hört sie nur in Verbindung mit Ziffern aussprechen, welche Choleratodesfälle bedeuten und täglich größer werden. Dem Fachmann, der die Geschichte der großen Volkskrankheiten und ihrer verheerenden Wanderungen durch unsern Welttheil kennt, ist der Zusammenhang zwischen jenen südfranzösischen Hafenstädten und den Epidemieen längst bekannt. Keine Seuche, die jemals das westliche Europa heimgesucht, hat Marseille und Toulon verschont, und für die Cholera und Pest war speciell Toulon wiederholt die Einbruchspforte, durch welche sie, aus dem fernen Osten heranziehend, in die civilisirtesten Länder Europas drangen. Diese Vorliebe der Epidemieen für Frankreichs Mittelmeerhäfen ist natürlich kein Zufall; sie hat ihren Grund in Verhältnissen, welche schon eine flüchtige Wanderung durch diese Städte erkennen läßt.

Von den hohen Bergen im Norden der Stadt, etwa dem Faron oder Coudon, gesehen, stellt sich Toulon malerisch genug dar. Eine dicht zusammengedrängte Masse meist alter, hochgiebeliger Häuser ist von einem Gewirre enger, abenteuerlich geschlängelter Gäßchen durchflochten; in die gleichförmigen Schatten der für ihre Einwohnerzahl (78,000) verhältnißmäßig wenig umfänglichen Stadt trägt nur ein einziger großer Platz, der „Neue Paradeplatz“, einen sonnigen Fleck, und nur drei oder vier moderne breite Straßen, der Boulevard de Strasbourg, die beiden „Avenuen“ des Bahnhofs u. s. w., durchschneiden dieselben gradlinig und zerlegen sie in unregelmäßige Theile. Um die Stadt ziehen sich eine alte Ringmauer und ein neuerer, etwas ernsthafterer Befestigungsgürtel, den einige Forts verstärken, welche die fast bis an’s Meer tretenden Vorberge krönen. Vor der Stadt blitzt unter den Sonnenstrahlen der Spiegel einer tief in’s Land schneidenden Meeresbucht auf, die sich in drei Hafenbassins gliedert und canalartige Ausläufer bis in die Mitte der Stadt sendet.

Verlassen wir unseren Uebersichtspunkt außerhalb der Stadt und betreten diese durch eines ihrer finsteren, alterthümlichen Thore, so ist es zunächst unser Geruchssinn, der von ihr starke Eindrücke empfängt. Jeder Seehafen hat seinen eigenthümlichen Duft, der den Sohn des Binnenlandes immer fremdartig, meist auch unangenehm berührt; die Luft ist mit den salzigen Ausdünstungen des Meeres geschwängert, in welche sich der stockige Geruch des Brackwassers und allerlei thierischer und pflanzlicher Abfälle mischt, welche von den Gezeiten, der Ebbe und Fluth, auf den abwechselnd trocken liegenden und überschwemmten Strecken des Ufergeländes umhergewälzt werden. In Toulon aber handelt es sich noch um etwas ganz anderes; es ist nicht der „alterthümliche, fischartige Duft“ („that ancient, fishlike smell“), von dem Shakespeare spricht, welcher uns überfällt, sondern der abscheuliche Gestank, der um die Behausungen dicht siedelnder, in Schmutz brütender Menschen schweelt und für die ärmeren Viertel der meisten orientalischen Städte charakteristisch ist. Was seine Reinlichkeitsverhältnisse anbetrifft, ist Toulon aber auch eine durchaus orientalische Stadt. Es hat nur in den neuen Hauptstraßen unterirdische Abzugscanäle; die übrigen Gassen sind gar nicht canalisirt; die Abwässer laufen in offenen Gossen, welche sich an den Häusern entlang ziehen und von dort in den Hafen, dessen Fluthen unbeweglich sind, da das mittelländische Meer in dieser Bucht keine wahrnehmbaren Gezeiten hat. Die Bevölkerung, welche von den Sorgen moderner Hygieiniker völlig unberührt ist, wirft all’ das, wessen sie sich

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Antiquitätenhändler.
Originalzeichnung von Eduard Grützner.


entledigen will, in die Gossen und kümmert sich weiter nicht darum. Die Städte des Ostens haben wenigstens verwilderte Hunde und Aasgeier, welche das Straßenreinigungsgeschäft besorgen. In Toulon fehlen auch diese freiwilligen Abräumer und der unsagbarste Unrath kann ruhig so lange in den Gossen und auf dem Straßendamm gähren, bis es einem Platzregen gefällt, ihn wegzuspülen. Allerdings auch dann nicht weit, nur bis in den Hafen, der sich bald bis an den Rand mit Schlamm und Müll füllt, so daß man ihn in sehr kurzen Zeitabständen mit Baggerschiffen reinigen muß. Dabei entsteigen den aufgewühlten Kothmassen Gerüche, welche die Stadt zeitweilig nahezu unbewohnbar machen.

Ich will jedoch den Leser mit den göttlich unverschämten Lebensgewohnheiten der Südländer und insbesondere der Mittelmeervölker[1] nicht zu ausführlich vertraut machen. Es genügt nur zu sagen, daß nicht allein in Toulon, sondern selbst in Marseille, einer Großstadt mit 320,000 Einwohnern, einem Knotenpunkt des Weltverkehrs und dem Wohnort einer Bevölkerung, welche großen Luxus treibt und Millionäre in ihrer Mitte nach Hunderten zählt – der Anstandsort so gut wie unbekannt ist.

Solche Sitten und Gewohnheiten erklären es, daß die Cholera in Toulon und Marseille und überhaupt in allen Mittelmeerhäfen, wenn sie da einmal eingeschleppt ist, eine unvergleichliche Brutstätte findet. Wir wissen, dank den Untersuchungen Dr. Koch’s, welche Rolle die menschlichen Auswurfsstoffe in der Verbreitung der Cholera-Mikro-Organismen spielen. Mit diesen Stoffen ist aber Toulon buchstäblich bedeckt. Und noch andere Umstände treten hinzu, um die Epidemien da besonders fürchterlich zu machen.

Die französischen Mittelmeerhäfen beherbergen ein Proletariat, von dessen leiblichen und geistigen Zuständen man sich in der Ferne kaum einen Begriff macht. Der jetzt im Aussterben begriffene Lazzarone von Neapel, der Facchino von Genua stellen noch aristokratische Typen dar im Vergleiche mit dem Quaibummler oder Hafenarbeiter von Marseille oder Toulon. Dieses Proletariat bildet ein Völkergemisch, in welchem alle um das mittelländische Meeresbecken wohnenden Stämme ungefähr gleichmäßig vertreten sind. Der Provençale, der Spanier, der ligurische Italiener, der Grieche, der Malteser, der nordafrikanische Berber und Maure wimmeln da durch einander, selbst von einem geübten Auge kaum von einander unterscheidbar. Alle haben dieselben dunkeln Augen, aus denen uns Mißtrauen, List und Grausamkeit entgegenblitzen und in welchen man vergebens den still-freundlichen treuherzigen Blick des Nordländers suchen würde, alle zeigen dieselben scharf geschnittenen, ewig aufgeregten und leidenschaftlichen Gesichter, dieselben dichten wirren Bärte, dasselbe krause Haupthaar, und wenn die Lippen bald dünn, bald wulstig aufgeworfen, die Nasen bald jäh gebogen, bald geradlinig sind, so verwischt der gleichmäßig über sie gegossene bronzene Teint, das [546] Werk der flammenden provençalischen Sonne, diese physiognomischen Unterschiede. In malerische Lumpen gehüllt, baarfuß und oft auch baarhaupt, sitzt oder liegt das auf den warmen Steinen des Hafenquais, einer leichten und vorübergehenden Arbeit harrend, welche den geringen Tagesbedarf decken und dann womöglich noch einiges Faullenzen gestatten soll. Wenn diese Leute nicht gerade ihre behagliche Siesta halten, so vollführen sie ein endloses Geschwätz und Gezänke, wobei die Augen rollen, die Zähne blitzen, die Fäuste beunruhigend vor den Nasen herumfahren und gewaltige Gesticulation jeden Muskel und Knochen im Leibe in zappelnder Bewegung halten. Gesang, Gelächter, Geschrei tönt betäubend aus den Gruppen, und der überlaute Wortwechsel, der den Plappernden Gelegenheit giebt, sich an der dröhnenden Kraft der eigenen Stimme zu erfreuen, wird mit bedenklicher Leichtigkeit ungemüthlich; die Laune schlägt in wildem Aufbrausen urplötzlich um, und im Nu blitzt eine Messerklinge durch die Luft.

Die Lebensweise dieser Leute ist die denkbar ursprünglichste. Den ganzen Tag und in der warmen Jahreszeit auch den größten Theil der Nacht verbringen sie haufenweise im Freien und das begreift sich, da die sonnigen Straßen, Plätze und Quais für sie unvergleichlich stärkere Anziehung haben müssen als ihre schmutzigen, finsteren, übelriechenden und dürftig ausgestatteten Wohnungen in den pestilenzialischen Gäßchen. Reinlichkeit des Körpers ist ihnen eine unbekannte Tugend und durch Waschen der Hände und des Gesichts mit verdächtigem Wasser werden sie kaum jemals zum Cholerabacillus gelangen, das kann man ruhig sagen. Ihre Nahrung besteht aus Seemuscheln, Fischen etc. und aus den Obstarten, welche die Provence in solcher Fülle hervorbringt. Um einige Sous können sie sich eine Mahlzeit verschaffen, in welcher das Pflanzen- und Weichthier-Element vorherrscht und die im Freiem mit schmutzigen Händen und in der allerunappetitlichsten Umgebung eingenommen wird. Ist es da noch zu verwundern, daß der Cholerabacillus, wenn er einmal in die Stadt Eingang gefunden hat, sozusagen nach eigenem Belieben schalten und sich seine Opfer holen kann, wie es ihm gefällt?

Der geistige Zustand des geschilderten Proletariats entspricht seinem leiblichen. Der Reisende hat einige Mühe, sich zu überreden, daß er da Angehörige der Nation vor sich hat, die sich rühmt, an der Spitze der Civilisation einherzuschreiten, und dieses Selbstlob zwei Jahrhunderte lang thatsächlich verdient hat. Das gemeine Volk in Toulon und Marseille steht auf einer beschämend niedrigen Bildungsstufe. Die Kunst des Lesens ist Wenigen geläufig, und daß auch die des Schreibens nicht verbreiteter ist, beweist die große Anzahl von „öffentlichen Schreibern“ (écrivains publics), die in Winkelläden oder hölzernen Buden einer reichlichen Kundschaft um einige bescheidene Bronzemünzen die geschäftliche und sentimentale Correspondenz besorgen. Der schwärzeste Aberglaube nachtet in diesen armen, unwissenden Geistern, in welchen alle Legenden und Märchen sich mit derselben Ueppigkeit züchten und vervielfältigen, wie alle organischen Krankheitserreger auf und in ihren verwahrlosten Leibern. Wie die Spanier und Süditaliener verbinden sie absoluten Atheismus mit ebenso absoluter Bigotterie. Gott kennen sie nicht, wohl aber haben sie Angst vor dem Teufel. In die Kirche gehen sie nicht, aber an einem Kreuze kommen sie nicht vorbei, ohne eine Reverenz zu machen. Ueber den Geistlichen machen sie sich lustig, seine Fürbitte bei einem mächtigen Ortsheiligen schlagen sie aber hoch an. Keiner unternimmt etwas, ohne sich mit einem Amulet zu bewaffnen; in gefährlichen Lagen wird die heilige Jungfrau de la Garde angerufen, die Schutzpatronin der Provence, eine christliche Vermummung der alten Heidengöttin Venus, welche einst in diesen Gegenden und von den Ahnen dieser Bevölkerung verehrt wurde, und man macht ihr Versprechungen, welche nicht gerade oft gehalten werden, wenn die Gefahr vorüber ist. Der erste Gedanke bei einer öffentlichen Noth ist die Veranstaltung großer Processionen; der zweite dürfte freilich in der Regel der sein, die Heiligenbilder zu zerbrechen und die Schutzengel zu schmähen, wenn sie das Unheil nicht abgewandt haben, wie man es von ihnen erwartet und verlangt hat.

Ueber den Charakter der Südfranzosen im Allgemeinen ist in den letzten Jahren viel gesagt und geschrieben worden, darunter von den allerberufensten Federn. Alfons Daudet, selbst ein Sohn der Provence, dazu ein scharfer Beobachter und darum muthmaßlich ein genauer Kenner seiner engeren Landsleute, hat von ihnen in mehreren Romanen, besonders in „Tartarin de Tarascon“ und in „Numa Roumestan“, ein ergötzliches, allerdings auch wenig schmeichelhaftes Bild entworfen. Er schildert sie als unzuverlässig in ihren Versprechungen, wankelmüthig in ihren Vorsätzen, als kalte, rücksichtslose Egoisten, als Prahler und Großsprecher und besonders als unheilbare Lügner. Es ist selbstverständlich, daß diese schlimmen Eigenschaften, von denen sich sogar die Gebildeten des Volksstammes nicht befreien können, bei den niederen Classen, welche weder Selbstzucht noch Geistesdisciplin, weder erhebende Ideale noch erziehlich wirkende Beispiele kennen, noch viel stärker hervortreten. Pflichtgefühl und Solidarität sind unbekannt; Jeder sorgt nur für sich und kümmert sich nicht um den Nachbar. Epidemischer Schreck und sinnlose Wuth finden den günstigsten Boden und veranlassen die schrecklichen socialen Erscheinungen, die man bei allen Seuchen und Revolutionen in diesen Städten beobachtet hat. Ihre Bewohner sind große Kinder, und um ihr Seelenleben zu verstehen, muß man sich die Psychologie des Kindesalters gegenwärtig halten. Sie sind vollständig ohne innern Halt und darum die widerstandslose Beute jedes äußern Eindrucks. Sie glauben im Augenblicke, wo sie es hören, jedes Wort, das man ihnen sagt, und einen Moment darauf ein durchaus entgegengesetztes. In ihrer regen Einbildungskraft erfahren alle Vorstellungen eine ungeheuerliche Multiplication, und es fehlt ihnen jedes Instrument der Kritik, der nüchternen Beurtheilung, um diese monströsen Uebertreibungen auf ihre wahren Größenverhältnisse zurückzuführen.

Dieses Vorherrschen einer zügellosen Phantasie erklärt die Verlogenheit dieser Bevölkerung und namentlich ihren Hang zur Selbstbelügung. Was hat die gegenwärtige Epidemie nicht wieder für unheimliche Gasconaden zu Tage gefördert! Kaum waren in Toulon die ersten Choleratodesfälle bekannt geworden, als die Bevölkerung auch schon die unerhörtesten Geschichten herumerzählte. Ganze Straßen sollten in wenigen Stunden ausgestorben sein, die Behörden während der Nacht im Geheimen Leichenzüge von Hunderten nicht verzeichneter Opfer veranstalten, die Kranken wie vom Blitze getroffen in den Straßen zusammenbrechen etc. Wer solche Schauermären hörte, der fühlte sich verpflichtet, sie mit einigen Zuthaten und Ausschmückungen dem Nachbar weiterzugeben, und wenn sie eine halbe Stunde später in weiterer Vergrößerung zu ihm zurückgelangten, so war er der Erste, an ihre buchstäbliche Wahrheit zu glauben.

So bemächtigte sich der Bevölkerung jenes Entsetzen, welches sie antrieb, in wilder Flucht ihre Wohnstätten zu verlassen und sich gleich einer vom Wolfe gejagten Heerde über das offene Land zu zerstreuen, ein Entsetzen, über das die Pariser Zeitungen mit tiefer Beschämung berichten und von dem kein Zuspruch der Behörden, keine Mahnung der wenigen kaltblütig gebliebenen Gebildeten sie bis jetzt heilen konnte. Toulon soll zur Stunde 15,000, nach einigen, wahrscheinlich übertriebenen, Schätzungen sogar blos 6000 Einwohner zählen, aus Marseille sind 120,000 Menschen ausgerissen und an manchen Tagen lieferte man sich in den Abfahrtshallen der Eisenbahn förmliche Schlachten, um einen Sitz in einem Waggon zu erobern; in Arles, das 25,000 Einwohner zählt, stürmten beim Bekanntwerden der ersten Cholerafälle über 20,000 Menschen wie wahnsinnig aus der Stadt, und diese beherbergt nach amtlichen Berichten nicht mehr 5000 Individuen. Man ließ Kranke allein in ihren Stuben leiden und sterben; man weigerte sich, Leichen wegzuschaffen, Beamte und Stadtverordnete verließen feig ihren Posten und waren durch keine Drohung zur Rückkehr zu bestimmen; man dachte in vielen Fällen nicht einmal daran, sein Eigenthum zu schützen, sondern rannte wie besessen davon, ohne die Schränke und die Wohnungen zu verschließen. Das Zusammenwirken all dieser materiellen und moralischen Umstände allein erklärt es, daß eine Epidemie, die sich ursprünglich sehr mild anließ und auch jetzt noch geringe Bösartigkeit zeigt, solche örtliche Verheerungen anrichten und eine so tief demoralisirende Wirkung um sich her verbreiten konnte. Wo immer man der Cholera körperliche Reinlichkeit und moralische Festigkeit entgegensetzen wird, da wird sie sicherlich nicht mehr, eher weniger Schrecknisse haben als etwa Unterleibstyphus oder häutige Bräune, diese ständigen Gäste aller Großstädte.
Max Nordau.     

[547]

Brausejahre.

Bilder aus Weimars Blüthezeit.0 Von A. v. d. Elbe.
(Fortsetzung.)

Weißgedeckte Tische standen im Fluge unter den Kastanien des Tiefurter Parkes und füllten sich, als der Erntezug zu Ende war, mit Tassen, Kuchenkörben und Kaffeekannen; die dörfliche Musik verstärkte sich zur herzoglichen Capelle, nahm in einem Seitengebüsch Aufstellung, und die Gäste begrüßten sich lachend und scherzend in zwanglosem Verkehr. Man fand Platz, wie man ging und stand, die bäuerlich gekleideten Damen schenkten selbst den Kaffee ein, und alle ließen sich’s wohl sein.

So scheinbar unwillkürlich und absichtslos sich die Gäste auch zusammen gefunden hatten, so waren sie doch sämmtlich Leute aus der großen Welt, verknüpft durch verstohlene Beziehungen unter einander, oder getrennt durch Antipathien, die größtentheils von andern geahnt und berücksichtigt wurden und so Jeden zu Jeder führten, wie der Zug des Herzens es forderte.

Hier saß der schöne Wedel, als stämmiger Jägersmann, neben Henriette von Wöllwarth, der er seit einiger Zeit huldigte, und die ihm heute in ihrem grünen Rock und ihrem knappen Mieder, mit dem klugen, frischen Gesicht unter der grünbebänderten Haube, besonders gut gefiel. Sie benahm sich auch nicht so kühl, wie er sie sonst gefunden hatte, und er begann, sich ihr gegenüber mit ernsthaften Plänen zu tragen.

Ein neues Brautpaar in seiner Nähe erhöhte seine Lust zu einem gleichen Vorgehen. Es war dies Karoline Ilten’s ältere Schwester mit ihrem Bräutigam, dem Lieutenant von Lichtenberg; dieser, sonst ein rauher Mann und ganz Husar, that heute als Schäfer recht zart und lieb mit seiner Schäferin.

Prinz Constantin war bei der Rollenvertheilung zur Führung der Schäferpaare bestimmt; da aber die Herzogin seine ernsthafte Neigung für Karoline nicht billigte, hatte sie ihm eine andere Dame gegeben und das betrübte Linchen als Fischerin mit Herrn von Seckendorf verbunden. Constantin ließ nun den Kopf hängen, gestattete seinen Augen einen Verkehr, der ihm persönlich abgeschnitten war, und konnte seinen Mißmuth kaum verbergen, so sehr auch Fräulein von Klinkowström, das er führte, sich um seine Aufmerksamkeit bemühte.

Der Herzog flatterte unstät umher; er war durchaus nicht schwermüthig, solche Stimmung lag seinem heitern, derben Wesen fern, ihm fehlte aber der rechte Anreiz zum Fröhlichsein.

Wenn er an Luise dachte, geschah es mit dem Gefühl der Erleichterung, daß sie nicht da sei; Milli war auch halb vergessen, aber er neckte hier und da unbewußt schärfer als sonst, er blieb nicht lange auf demselben Platz, ihn verlangte darnach sich auszutoben, toll lustig zu sein, die Stunde zu nutzen und zu genießen.

Dort saß die jung vermählte Schwägerin der Frau von Stein, Sophie von Schardt, geborene Gräfin Bernstorf aus Holstein; ein zartes, liebliches Weib, der die süße Kinderseele aus den großen, fragenden Augen blickte.

Hier versuchte Frau von Stein, Goethe zu dem braunen Trank zu überreden, der ihm zuwider war. Die ließ sich dann – während er ihr die Kaffeekanne abnahm und sie der blonden Karoline von Ilten darreichte – an seiner Seite festhalten.

„Ihr Getränk mag ich nicht,“ sagte er und fügte mit innigem Blick hinzu: „überlassen Sie die Hebepflichten den Misels, die sich was drauf wissen, zwischen den Gästen herum zu hüpfen, und gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Wohlsein in Ihrer Nähe. Schier hab ich einen Pik auf mich, daß ich Ihnen so gut bin, da Sie mir immer aus dem Wege gehen, wie soll ich’s aber ändern?

„So lassen Sie’s beim Alten,“ sagte sie herzlich. „Ich weiche Ihnen nicht mehr aus, als ich muß; Sie wissen, daß man sich in der guten Gesellschaft nicht absondern und ausschließen darf; sind wir mit einander allein, dann können wir uns in unsere Plauderei versenken.“

„Dich sehen, liebste Frau, ist für mich Alles!“ flüsterte er, sich zu ihr neigend. „Du bist die einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz giebt, welche mich glücklich macht.“

„Die Herzogin winkt!“ rief sie sich erhebend und eilte, von Amalien einen Auftrag entgegen zu nehmen und auszurichten, dann aber, auf den Wunsch der hohen Frau sich neben, sie zu setzen.

Der Herzog ließ sich jetzt neben Goethe nieder.

„Da sie Dir doch abspenstig gemacht ist, deren Farben Du innerlich trägst,“ sagte er neckisch, „kannst Du Jeden hier dulden. Wenn ich nur wüßte, bei welchen schönen Augen ich mich herum lügen und trügen soll! Gustchen ist heute nicht übel – Bauermädel wie’s sein muß – die macht einem das Liebeln bequem; vielleicht komme ich nachher bei der Hüpferei besser vorwärts.“

Der Kaffee war getrunken, die Musik spielte einen Ländler. Der Herzog sprang auf, wählte Auguste von Kalb und war mit ihr der Erste und Unermüdlichste auf dem grünen Plan. Auch Goethe warf sich der Lust des Tanzes mit frohem Jugendmuth in die Arme.

Als sich die Freunde in einer Pause wieder trafen, rief Karl August:

„Mein nußbraun Mädel hat mich angewärmt, sie spielt die Gurli pompös, und da es heut Maskerade ist, hab ich so natürlich ein Durcheinandrium von Unsinn und Zärtlichkeit geschwatzt, daß ich beinah mir selber glauben könnte!“

„Ja!“ erwiderte Goethe mit freudigem Auflachen, „man muß den Lebensrausch im geselligen Strudel vor sich her peitschen und die sinkende Lust immer wieder aufjagen!“

Und vorwärts ging es, diesem Grundsatze getreu, sowie die Musik auf’s Neue intonirte.

„Eben habe ich mit Thusnelda gewalzt,“ sagte der Herzog, sich die erhitzte Stirn trocknend, worauf er Goethe’s Arm nahm und einen schattigen Bosquetweg mit ihm verfolgte.

„Der Hafer, sticht das kecke Ding; sie ist noch eitel Uebermuth ihres glücklichen Entrinnens halber, damals im Winter. Es läßt mir keine Ruhe, ich muß ihr einen Streich spielen. Diesmal soll sie mir nicht entkommen, denn alle Chancen sind für mich. Hör’, sie soll für diese Nacht ihr Quartier einbüßen; es ist Niemand im Hause, der ihr aushelfen kann, und ich sehe sie schon demüthig kümmerlich in einem Winkel hocken. Morgen früh wollen wir dann die übernächtige Bäuerin abfassen, sie in’s Grüne schleppen und mit ihr einen Rundtanz auf dem thauigen Rasen halten!“ Er brach in ein übermüthiges Gelächter aus.

Als Karl August sich anschickte zur Gesellschaft zurückzukehren, sah er seinen Bruder, in zärtlichem Gespräch mit dem geliebten Linchen, den Laubengang heraufkommen; sowie das vertiefte Paar seiner ansichtig wurde, errötheten Beide lebhaft. Karolinchen zog den Arm aus dem ihres Cavaliers und schlüpfte in den nächsten abzweigenden Weg, Constantin aber blieb stehen und erwartete den Herzog.

„Na, mein Junge,“ sagte dieser herankommend, „werden da wieder verbotene Früchte genascht?“

„Du hast gut reden, Karl,“ entgegnete der Prinz bitter, „Dir ist so früh das süße Eheglück gewährt, daß Du ein sehnendes Herz gar nicht zu begreifen weißt und eines Unglücklichen nicht noch obenein spotten solltest.“

Der Herzog war nicht aufgelegt, sentimentale Regungen zartsinnig zu behandeln. Kurz auflachend, sagte er:

„Tröste Dich, Kleiner, das Glück, eine Gemahlin zu haben, ist nicht so groß.“

„Da würde ich gewiß anderer Ansicht sein,“ entgegnete Constantin innig.

„Vielleicht hat Luise noch eine wohlerzogene, vermögliche Prinzeß Cousine, mit der man Dich versorgen könnte.“

„Ich danke!“ rief der Andere kurz und folgte seiner holden Freundin.

Wieder war eine Weile getanzt, als die Pause eintrat, welche dem Abendessen voranging, das gleichfalls an den Tischen unter den Kastanien eingenommen werden sollte. Der Herzog hatte – vielleicht in einem Anfall neckischer Laune gegen den Freund – sich zu Frau von Stein gesellt und diese zwischen sich und Knebel eingefangen, worauf Goethe der Aufforderung Hildebrand’s von Einsiedel willfahrte, mit ihm durch die Anlagen zu gehen.

Sie waren achtlos des Weges auf einen Hügel im Park gelangt, von dem aus sie einen schönen Rundblick hatten und [548] auch die Dorfstraße hinauf sehen konnten, an der Gehöfte zerstreut im Grünen unter Bäumen und Büschen lagen.

Auf der Dorfstraße kam ein bestaubter Reisewagen durch ausgefahrene Geleise daher geschwankt; ein Frauenkopf neigte sich heraus; zwar war die Entfernung noch zu groß, um Gesichtszüge zu unterscheiden, er schien aber jung und anmuthig:

„Komm, Hildebrand, die schöne Reisende müssen wir begrüßen!“ rief Goethe; derbe Lebenslust kam über ihn, mit einem Satze sprang er von oben über die Hecke auf den Pachthof, riß von dem festlich geputzten Erntewagen, was er an Blumenguirlanden fassen konnten und rannte über den Hof zum Thor hinaus auf die Landstraße. Einsiedel that ihm alles nach.

Da standen nun die idyllisch geschmückten schönen Jünglinge, die Arme voll Blumen, mit lang nachschleppenden Gewinden, und warteten tief athmend, bis der Wagen herankam.

„Laß uns sie ansingen,“ flüsterte Goethe dem Gefährten zu und stimmte sein Lied vom Haideröslein an, Einsiedel sang mit:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Haiden.
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Haiden!“

Indem sie laut jauchzend die letzten Reihen wiederholten, stürmten sie den müden Pferden entgegen, die verdutzt stehen blieben. Die jungen Männer warfen ihre Blumengewinde in und über den Wagen und schauten hinein.

Zwei halb erschrockene, lächelnde Mädchengesichter tauchten hinter dem Ledervorhang auf. Es war Corona mit ihrer Freundin, der blonden Gärtnerstochter, die aus Leipzig kamen und nach Weimar übersiedelten.

Goethe’s Wiedersehensfreude in diesem Augenblicke begeisterter Stimmung war hinreißend feurig; er küßte wiederholt der schönen Sängerin die Hand und bat sie, auszusteigen und an dem Fest theilzunehmen; daß sie willkommen sei, wolle, er verbürgen.

Er hatte aber nicht mit der weiblichen Eitelkeit gerechnet, die in diesem Falle das Schicklichere traf. Corona erklärte, daß es unmöglich sei, in ihren bestaubten Reisekleidern vor dem festlich geputzten Hofkreise zu erscheinen.

„Nun, dann geleiten wir Sie ein Stück Weges!“ rief Goethe entschlossen. Er hatte des Gefährten nicht geachtet; ein fragender Blick Corona’s zur Seite belehrte ihn über sein Versäumniß. Sogleich bat er die Unachtsamkeit zu verzeihen und stellte den Hofrath und Kammerherrn von Einsiedel vor.

Beide sahen sich sekundenlang groß an; es spiegelte sich der Eindruck, den sie auf einander machten, in ihren leuchtenden Blicken.

„Sie sind uns ein hochwillkommener Gewinn, schöne Künstlerin!“ rief der junge Hofmann begeistert. „Möchte Ihr Sein in unserem Kreise diesem festlich sonnigen Tage gleichen, an dem uns das Glück zu Theil wird, Sie zu empfangen!“

„Sie fallen aus der Rolle, mein dörflicher Galan!“ erwiderte Corona lächelnd, „oder sind in diesem glücklichen Landstriche Alle, bis auf Fischer und Bauern herab, poetisch gebildete Leute?“

Bevor man ihr antworten konnte, trat grüßend ein Lakai heran und meldete: er sei von der Herzogin ausgesandt, die beiden Herren zu suchen; man erwarte sie an der Abendtafel.

Nur ungern trennten sich die jungen Männer von der schönen Reisenden. Mit einem allseitigen: auf baldiges Wiedersehen in Weimar! schied man von einander.

„Corona ist da!“ rief Goethe dem Herzoge zu, ein Wort, das mit verheißungsvollem Klange an den Tafeln wiedertönte. Hildebrand von Einsiedel aber setzte sich still an seinen Platz, er war sehr zerstreut und wortkarg gegen seine Nachbarinnen.

Der Abend brach endlich herein; Windlichter und bunte Lämpchen im Parke halfen der Mondsichel ein magisches Halblicht verbreiten. Man erhob sich, noch ein Tänzchen ward versucht, dann aber drängten die älteren Personen zum Aufbruche; die Wagen fuhren vor, mancher Händedruck wurde gewechselt, hier und da ein verstohlener Kuß im Bosquetschatten – und das schöne fröhliche Fest war zu Ende.

Den fortrollenden Wagen nachsehend, standen die Hausgenossen und Gäste, welche hier Quartier bekommen hatten, vor der Hausthür.

„Komm, Thusnelda, ich bin todtmüde,“ sagte die Herzogin zu ihrer Getreuen, „wir wollen uns zur Ruhe begeben.“

Das Hoffräulein schickte sich an, mit einigen ihrer drolligen Knixe und: „Gute Nacht! Gute Nacht!“ rufend, der Gebieterin zu folgen.

„Seien Sie nicht grausam, Tuselchen,“ sagte der Herzog bittend, „uns schon jetzt zu verlassen; gehen Sie noch einmal mit durch den Park, ich kann noch nicht in’s heiße Bett; lassen Sie uns noch plaudern, kritisiren, dumme Schnäcke machen. Wer versteht das besser als Sie? Um unsere Tugend nicht in Gefahr zu bringen, soll Freund Wolf uns begleiten. Gelt, wir geben ein lustiges Kleeblatt?“

„Bist Du nicht allzu müde, so thue ihm den Willen,“ sagte die Herzogin gütig. „Aber höre, poltere nicht in Deiner Kammer, wenn Du herein kommst, ich muß Ruhe haben!“

Die Göchhausen war bereit, des Herzogs Wunsch zu erfüllen; sie verabschiedete sich von ihrer Gebieterin; die anderen Hausgäste zogen sich in ihre Zimmer zurück, und das kleine Hoffräulein wanderte lachend am Arme des jungen Fürsten, Goethe auf ihrer andern Seite, in den Park hinaus.

Man löschte eben eine der bunten Lampen nach der andern aus, die Dienerschaft räumte die Tische fort und verschwand auf dem Wirthschaftshofe. Die lustigen Drei tauschten in unerschöpflicher Laune kernigen Blödsinn gegen einander aus, untermischt mit treffenden Witzen, und das Wortgefecht, das Necken und Scherzen wollte kein Ende nehmen. Endlich standen sie wieder vor der offenen Hausthür und traten ein, die Letzten, welche noch wach waren. Zwei Wachskerzen brannten auf einem Seitentische. Der Herzog überreichte mit einem zierlichen Complimente seiner Dame die eine und Goethen die andere. Dann sagte er mit ironischer Betonung:

„Wir wünschen dem süßen Fräulein, das wir morgen noch als ‚Kükenlise‘ sehen werden, eine entzückende Nacht!“

„Die Kükenlise verschwindet mit Hans und Peter, den Großknechten, denen ich gleichfalls gute Nacht wünsche!“ entgegnete das junge Mädchen, die Treppe hinauf steigend.

„Sie verschwindet nicht!“ lachte der Herzog, „und macht morgen früh, in selbiger Gestalt, mit uns ein Tänzchen auf dem Rasen!“ Er reckte sich dabei, blies das Licht der Göchhausen aus und folgte rasch dem voran gegangenen Freunde.

„Ich werde auch so meine Kammer finden!“ rief sie ihm nach. Ein schallendes Gelächter und das Geräusch des Zuschließens der Thür folgte.

Auf die Treppe fiel ein schwacher Mondstrahl; die Göchhausen stieg guten Muthes hinauf und bog leise, um die Herrin nicht zu stören, in den jetzt ganz finsteren Gang, an dem ihr Zimmer lag.

Sie fuhr mit den Händen an der Wand hin, um tastend ihre Thür zu finden – aber da, wo ihre Thür ganz sicher sein mußte, wo sie immer gewesen – war alles glatt, kein Holz, kein Schloß, kahle ebene Wand!

Es überlief sie kalt, wie bei einem Spuk. Wo war ihre Kammerthür geblieben? Sie tastete noch einmal – vergebens! Sie kehrte zur Treppe zurück, um sich in dem matten Lichtschimmer zu erholen, sich zu besinnen, gewann die Ueberzeugung, daß sie verkehrt gegangen sei, sich geirrt habe, und ging nochmals zurück, um auf’s Neue zu suchen und ebenso vergeblich umher zu tasten. Jetzt ward ihr klar, daß ihr so oder so ein Streich gespielt worden, daß die Artigkeit der jungen Männer eine List gewesen sei, daß man sie in eine Falle gelockt habe. Sie entschloß sich also, in einem Lehnstuhle oder auf einem Sopha der Gesellschaftszimmer zu übernachten, suchte die Thüren, fand sie aber sämmtlich abgeschlossen.

Was blieb ihr übrig? Es war Niemand im Hause, den sie wecken oder belästigen mochte; fröstelnd und müde setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe. Pläne, sich an den beiden Schelmen zu rächen, besonders dem Herzoge über kurz oder lang einen Possen zu spielen, stiegen in ihr auf, dazwischen nickte sie öfter ein, raffte sich wieder zusammen, um nicht hinunter zu fallen, und erwartete mit Sehnsucht den ersten Tagesschimmer.

Als sie dann in dem Gange, der nach ihrer Kammer führte, etwas erkennen konnte, machte sie sich auf, den geheimnißvollen Grund ihres Ausgeschlossenseins zu erkunden.

Siehe da – ihre Thür war zugemauert!

(Fortsetzung folgt.)

[549]

Alarm im Dorfe.
Originalzeichnung von C. Röchling.

[550]

Alfred Meißner’s Lebenswerk.

Von Hans Blum.


In der alten Brigantia der Römer, heute Bregenz geheißen, in dem Hauptort des Vorarlbergs hat sich seit fünfzehn Jahren einer der besten und treuesten Vorkämpfer des Deutschthums in Oesterreich, Alfred Meißner, seßhaft gemacht. Hier umspannt sein Blick von der eigenen Heimstätte aus das weite schwäbische Meer von der Einmündung des Rheines bis nach Constanz, das Thal der Bregenzer Ach und des Rheins, die Appenzeller und Glarner Alpen, während Gebhardsberg und Pfänder zu noch weiterer Rundsicht locken. Wahrlich, kein Dichter kann sich einen lieblicheren Erdenwinkel erträumen, als Alfred Meißner ihn sein eigen nennt. Auf einer entzückenden Landschaft haftet täglich der Blick des Dichters. Noch fesselnder aber, als Strom, Gebirg und See, mit ihrem stets wechselnden Farbenspiel, ist für den Sinnenden das gewaltige Stück Welt- und Culturgeschichte, welches dieses weite reiche Land seit Jahrtausenden erzählt. Von den Anfängen menschlichen Daseins geben die zahlreichen Pfahlbauten Kenntniß, die aus dem festgewordenen Boden des einstigen Seebettes zu Tage gefördert wurden. Von den Anfängen deutscher Geschichte reden diese Ufer. Von hier aus brachen die unübertroffenen Meister des Straßenbaus, die Römer, ihre Alpenstraßen über die Joche Graubündens, die Thalstraßen in das innere Helvetien und an den Oberrhein über Vindonissa und Augusta Rauracorum gegen Basel; die Straßen, auf denen später die germanische und hunnische Völkerwanderung zur Bewältigung des römischen Weltreiches vordrang. Auf diesem See lieferte eine römische Kriegsflotte unter Tiberius in der Nähe von Bregenz, beim heutigen Lindau, im Jahre 9 vor Christus den Vindelikern und Bojern eine Seeschlacht. In diesem See spiegelte sich die uralte deutsche Kaiserpfalz Bodmann und gab ihm seinen heutigen Namen. Auf den felsigen Höhen des Hegau erwachsen die Burgen deutscher Herren als Schirm des Landes, der reichen Klöster und Ansiedelungen der Niederung. Von diesen alten Tagen erzählt uns Scheffel’s Ekkehard. Aber immer noch liegt ein Jahrtausend fast zwischen den Zeiten Ekkehard’s und den unsern. Ein Jahrtausend, das dem starken Volk des Bodensees viel Kampf und Blutvergießen brachte, viel Noth und Drangsal aller Art, aber doch stetig wachsende Cultur und Gesittung bis zum heutigen Tage, wo an diesem See die Schweiz, Oesterreich und drei deutsche Bundesstaaten die Hand sich reichen in friedlichem Wettbewerb um die Güter und Segnungen des Friedens, in guter Völkernachbarschaft.

Was ist ein einzelnes Menschenleben, selbst das größte, im Vergleich zu diesen Sagen und Erinnerungen von Jahrtausenden, die vor Alfred Meißner lebendig werden, wenn sein Blick vom Söller seines Hauses die weite Landschaft umfaßt? Und dennoch, wie dankbar sind wir für jede Aufzeichnung, die uns Selbsterlebtes aus diesen dahingerauschten Jahrhunderten treu vermittelt. Die Erdensorgen und Mühen, die Hoffnungen und Täuschungen, die einst die Männer bewegten, welche im Schatten des Klosters oder in der Actenstube des hochgiebligen Rathhauses oder in der schwarzbraunen Bücherei des alten Rittersitzes ehrwürdige Pergamente mit der Geschichte ihres Lebens füllten, mögen längst für das heutige Geschlecht alles Interesse verloren haben. Unverloren aber und unvergessen, zu neuem Leben erweckt, sind durch diese Aufzeichnungen die großen Ideen, welche in den Tagen der Verfasser um Geltung rangen in der Geschichte der Völker, und mit ihnen treten die Gestalten der vornehmsten Kämpfer im Streite der Geister vor unser Auge, als lebten sie heute.

Mit warmer Dankbarkeit für die Treue und Wahrhaftigkeit des Verfassers wird die Nachwelt einst auch nach dem Memoirenwerk greifen, das Alfred Meißner unter dem bescheidenen Titel „Geschichte meines Lebens“[2] soeben veröffentlicht hat, und das, kaum erschienen, drei Auflagen erlebte. Wir Mitlebenden aber sollten uns die Freude gönnen, es unserm eigenen Bücherschatz einzuverleiben und unsern Kindern zu vererben mit der Bedeutung, daß in diesem schlichten Buch ein guter Theil der edelsten Gedanken und Bestrebungen niedergelegt sei, die unser Jahrhundert groß machten. Unmöglich ist es, dem Leser in dem knappen Raum, der uns zugemessen ist, den reichen Inhalt des Meißner’schen Werkes, seine glänzende Schilderung der geschichtlichen Ereignisse und der hochberühmten Zeitgenossen, mit welchen ihn seine Lebensbahn zusammenführte, auch nur im Auszug zu bieten. So muß denn versucht werden, den Lebensgang des Dichters nach diesen Blättern in Kürze zu erzählen. Jeder unserer Leser wird dann gewiß das Bedürfniß fühlen, aus der klaren köstlichen Quelle selbst zu schöpfen.

Alfred Meißner ist geboren in Teplitz am 15. October 1822. Sein Vater war ein Arzt aus Dresden, der sich in Teplitz Grundbesitz und Vermögen erworben hatte, seine Mutter eine Schottin. Englisch waren die ersten Sprachlaute und Liedertexte, die an sein Ohr drangen. Seine Kinderjahre verlebte er einsam im Elternhaus, ohne Gespielen, ohne Geschwister. Teplitz war damals noch ein kleines stilles Landstädtchen, in das nur im Sommer Badeleben kam, nicht entfernt in dem Umfang wie heute. Da sah der kleine Alfred zur Sommerszeit in dem elterlichen Hause wunderliche Leute, einen uralten polnischen General Klicki, der unter Napoleon gefochten, eine greise gelähmte Gräfin Stolberg und das siebenzigjährige Liebespaar Tiedge und Elise von der Recke. Sie zeigen dem Knaben das Grab eines Dichters, das sie bei Teplitz pflegen, das Grab Seume’s. Vor den Augen des Neunjährigen ziehen dann die gesprengten Schaaren von Polen vorüber, welche im letzten Verzweiflungskampf gegen Rußland gerungen hatten, von den Bewohnern des Teplitzer Thals, wie überall in Oesterreich und Deutschland, in einer Zeit furchtbaren Drucks und gewaltthätiger Reaction, als die Kämpfer der Freiheit gefeiert.

Durch Censur, Bücher- und Zeitungsverbote suchte das damalige Metternich’sche Oesterreich sich und seine Unterthanen vor dem geistigen Ansteckungsstoff der von der „Freiheitsseuche^ ergriffenen Länder zu schützen. Harte Strafe stand auf dem Halten verbotener „ausländischer“, d. h. deutscher Zeitungen; verboten war aber Alles, sogar der harmlose „Nürnberger Correspondent“, den Meißner’s Vater heimlich hielt. Eines Tages sieht Alfred den Vater, von einem „Grenzjäger“ verfolgt, in das Haus fliehen. Einen Haufen Papierblätter wirft der Arm des Vaters in fliegender Eile in den Ofen. Die Flamme prasselt hoch auf. Der Beamte ringt mit dem Vater um die brennenden Blätter; er versucht sie dem Feuer zu entreißen, um Ueberführungsstücke zu gewinnen. Er zieht die Hand, den Arm, übel verbrannt, zurück. Der Mann, den er verfolgt, legt ihm Oel und Verband auf. Aber mit harter Strafe ahndete der Staat Oesterreich das Verbrechen des Dresdener Arztes, eine deutsche Zeitung zu lesen.

Sonderbare Gedanken erweckte dieser Vorgang in dem Haupte des sinnenden Knaben, und noch sonderbarere und traurigere ein anderer Vorfall, der bald folgte und auch dem kindlichen Gemüth offenbarte, daß der Staat, der so drakonisch drohte und strafte, zu anderen Zeiten nicht einmal den Willen oder die Kraft besaß, seiner Bewohner Landfrieden, Leben und Eigenthum zu schützen. Da dieser Vorgang von entscheidender Bedeutung für Meißner’s fernere Erziehung und Verhältnisse, ja seinen ganzen Lebensgang wurde, so muß desselben hier eingehender gedacht werden.

Meißner’s Vater erkannte im Sommer 1831 bei einigen seiner Patienten die asiatische Cholera. Er machte kein Hehl daraus, verlangte Veröffentlichung aller Cholerafälle und die Absperrung der Häuser, in denen solche Fälle sich ereigneten. Er sagte einem fürstlichen Badegaste, den er behandelte, mit aller Offenheit, daß die Cholera im Orte sei. Dessen Abreise, die Abreise sehr vieler Curgäste war die Folge. Gegen den Arzt, der seine klare Pflicht geübt, während Behörden und Bevölkerung die Krankheit verheimlichen wollten, wandte sich die ganze Wuth der in ihrem Gelderwerb Geschädigten. Mehrere Nächte hindurch wurde das Haus der Eltern Meißner’s belagert, zu stürmen versucht, wurden alle Fenster, alles Glas und Geräth durch Steinwürfe zertrümmert. Die Regierungsbeamten rührten keine Hand gegen den schweren Landfriedensbruch. Nur wenn der Arzt die Stadt [551] verlasse, könne man ihm sicheres Geleit versprechen, sein und der Seinen Leben schützen. So mußte Meißner’s Vater als Flüchtling von Haus und Hof sein Eigen um Schleuderpreise verkaufen, in reifen Jahren sich in Karlsbad einen ganz neuen Wirkungskreis suchen, weil er sich nicht dazu hatte hergeben wollen, eine Krankheit^ wegzulügen, die nach späteren amtlichen Berichten in Böhmen allein in zwei Jahren von einer Bevölkerung von damals vier Millionen über 23,000 Einwohner getödtet, über 63,000 auf das Krankenlager geworfen hat!

Meißner’s Eltern scheinen in den ersten Jahren ihres Karlsbader Aufenthaltes unter schweren Sorgen gelitten zu haben. Dem geliebten einzigen Kinde wollten sie den Anblick ihres Kummers ersparen. Deshalb ward der Knabe auf das Gymnasium der Piaristen zu Schlackenwerth (etwa zwei Stunden von Karlsbad) gebracht und in das Haus des dortigen Regens Chori Herrn Hessenteufel in Pension gegeben. Alle Noth des Lebens hat der arme Knabe dort an seiner Umgebung und an sich selbst erfahren. Der Pensionsherr hatte eben nur drei- bis vierhundert Gulden Gehalt, und seine schon zahlreiche Familie vermehrte sich jährlich um ein Glied. Da gab es Kartoffeln und Klöße in angenehmer Abwechselung das ganze Jahr, Fleisch sehr selten. Einmal Schweinebraten! Aber um welchen Preis! Erst Jahre später ward Meißner sich darüber klar. Ein durchreisender deutscher Fürst hatte Gefallen gefunden an dem bildschönen, gutherzigen Dienstmädchen des armen Hessenteufel und sie mit sich an seinen Hof genommen, nachdem Herr Hessenteufel seine entrüstete Einsprache aufgegeben.

Zu Weihnachten 1832 durfte Alfred zum ersten Mal wieder in das Vaterhaus in Karlsbad seine Schritte lenken. Die Knappheit der elterlichen Verhältnisse konnte auch dem kindlichen Auge nicht entgehen. Auf dem Gabentisch unter dem Weihnachtsbaum lag ihm ein einziges Geschenk. Aber ein köstliches: „Schiller’s Werke“ in einem Band, die Cotta’sche Ausgabe von 1830 mit dem Stich des Schiller-Kopfes nach Dannecker’s Marmorbild. Der gute Vater hatte auf dem ersten Blatt ein längeres Gedicht eingeschrieben, aus dem wir nur die eine Strophe geben, die deutlich sagt, was sein Herz bewegte:

„Nichts ist mehr, wie es gewesen,
Nichts wie Du gewohnt es bist,
Und Geschenke, auserlesen,
Bringt nicht mehr der heil’ge Christ.“

Nach drei langen, bangen Jahren ward Alfred Meißner endlich aus Schlackenwerth erlöst, als die Eltern im October 1835 beschlossen, die Wintermonate in Prag zuzubringen. Der Knabe ward in das Altstädter Gymnasinm versetzt und athmete auf unter den freieren Verhältnissen, die sich hier boten. Zum ersten Mal schloß er innige Freundschaft, namentlich mit dem Classengenossen Moritz Hartmann. Das Weihnachtsgeschenk von 1832 fesselte ihn täglich mehr durch die Wunder und Hoheit seines Gehaltes. Die „Ilias“ Homer’s übte ihren unvergleichlichen Zauber, nicht minder aber die wunderbare uralte Stadt. In den höheren Classen beseligten Byron, Grabbe, Grillparzer die Mußestunden der jungen Leute, und mancher eigene Ritt ward auf dem Pegasus unternommen. Gleichwohl ward auch das Ziel der Schule in rechter Zeit gewonnen, nur Moritz Hartmann fiel durch, um fortan als – Erzieher in den Häusern von Wiener Geldaristokraten ein behagliches schöngeistiges Leben zu führen, dessen warmen Abglanz seine Briefe dem Freunde in Prag vermittelten.

Meißner aber studirte, wohl mehr nach dem Willen des Vaters, als aus eigenem Drang, in Prag Medicin bis an’s Ende. Eine Fülle bedeutendster Namen der Heilkunst zierte damals die böhmische Hochschule. Hyrtl, Redtenbacher und vor allen Oppolzer. Ihren wissenschaftlichen Verdiensten, ihren menschlichen Vorzügen hat Meißner in dem vorliegenden Werke das schönste Denkmal pietätvoll errichtet.

In diesen Jahren flammt in dem Jüngling der heiße Strahl der ersten Liebe auf – zu einer Polin, der einzigen Tochter einer armen adligen Wittwe, die ihre letzten Mittel daran wendet, den erloschenen Glanz der alten Familie noch einmal leuchten zu lassen. Trauriger als die Geschichte dieser ersten Liebe unseres Dichters ist keine, welche diese Blätter erzählen. Ihr Verlauf kann hier nur angedeutet werden. Ueber manches Capitel dieser Erinnerungen ist sie verstreut. Eben sind die jungen Leute sich ihrer Liebe klar geworden, als die Baronin sie trennt, die Tochter in unbekannte Ferne entführt. Jahre vergehen, da entdeckt Meißner in Karlsbad durch einen Zufall den Aufenthalt der Geliebten. Sie hat die Mutter verloren, lebt in Paris, Straße und Hausnummer werden notirt. Wieder vergehen Jahre – wir greifen unserer Erzählung vor, um diese Episode im Zusammenhang zu geben – zum ersten Mal kommt Meißner nach Paris. Sein erster Gang ist zu Celeste. In wunderlichem Negligé öffnet sie selbst die Thür und erkennt ihn. Sie ist allein, in eleganten Räumen. Auf alle seine Fragen antwortet ihm nur ein Thränenstrom. Ungestüm drängt sie ihn wieder hinaus, ihn, „ihren ersten, einzigen Jugendfreund“. Keine Brücke kann ihn mehr hinüberführen zu der Verlorenen. Ihr Versprechen ihm zu schreiben, zu erklären, wagt sie nicht zu erfüllen. So bleibt sie ihm verschollen. Heil dem Manne, der nach solchem Herzensschicksal sich unausrottbaren Idealismus zu wahren verstand und nicht, wie der lachende Wiener Zauberpossendichter Ferdinand Raimund sagt: „Ich habe von den Menschen stets das Schlechteste gedacht, auch von mir seldst, und habe mich nie getäuscht.“

Und doch ist es keinem Geschlechte so schwer gemacht worden, an die idealen Güter und Züge unseres Volkes zu glauben, als den jungen warmen Herzen, die in der Mitternachtssonne des Metternich’schen Staates zu Jahren kamen!

Gegenwart und Zukunft hatte das officielle Oesterreich in Bande geschlagen. Nur die unschädliche Vergangenheit war freigegeben. In die ruhmreiche Vergangenheit des glaubensfreien, ungebrochenen Böhmerlandes, wie es in den Tagen des Johann Huß, vor der Schlacht am weißen Berge gewesen, tauchte Meißner’s Blick. Sein „Ziska“ gewann Farbe und Leben! Tausendjährige Vergangenheit redete von den alten Bauwerken der Stadt zu dem Studenten der Medicin, der nahe vor dem Examen im Garten beim Spital sein Heldengedicht niederschrieb. Vorher schon war ein Band „Gedichte“ Meißner’s bei Philipp Reclam in Leipzig erschienen und günstig angenommen worden. Honorar hatte Reclam natürlich nicht gezahlt. Gedichte wurden damals nicht für Honorar gemacht, jedenfalls zahlte der Buchhändler keins. Der Erfolg ermuthigte zur Vollendung des großen Epos, drängte zum Abschluß der Universitätsstudien. Am 2. Juli 1846 promovirte Meißner feierlich im großen Karolinsaal zu Prag als Doctor der Medicin. Ernst und nachdenklich blickte von der Wand das Bild des Großvaters, des weiland Prager Professors der schönen Wissenschaften August Gottlieb Meißner, auf den Enkel. „Thränen traten mir in’s Auge,“ erzählt Meißner, „als Professor Oppolzer, den ich wie ein höheres Wesen verehrte, mich in seine Arme schloß. Und nun war Alles vorbei, die Trompeter auf der Estrade bliesen ihre uralte traditionelle Fanfare.“

Ja, es war Alles vorbei, und zwar bereits, ehe der medicinische Doctorhut errungen war, zunächst die Illusion, als könne und werde der junge Doctor je den Beruf des Arztes ausüben. Alfred Meißner fühlte sich „die Stahlnerven versagt, ein ernstes Duell mit dem Tode zu führen“. Nun mußte das Schwerste gethan sein: der gute Vater mußte erfahren, daß der Sohn nie dem Alternden im Berufe beistehen, nie die neue schöne Karlsbader Praxis des Vaters übernehmen werde. Die Wahrhaftigkeit des Sohnes gestaltete den Kampf noch härter. Denn nicht blos Unlust und Ungeschick zum ärztlichen Beruf machte der Sohn für seine Weigerung geltend, sondern noch nachdrücklicher sein ausschließliches Interesse für poetisches Schaffen, seinen Dichterberuf. Als Thorheit, Trotz und Verblendung ward dieser Entschluß vom Vater gescholten; selbst die Drohung, für immer die Hand vom Sohn abzuziehen, kam aus diesem gütigen Mund. Vergebens! Der Sohn fühlte sich dadurch nur in dem Entschlusse gestählt, seinen „Ziska“ baldigst zu vollenden und erscheinen zu lassen.

Sowie die Dichtung dem Abschluß nahe war, begab sich Meißner nach Leipzig. Denn wehe dem Dichter so ketzerischer, politischer und religiöser Freiheitslieder, wie sie „Ziska“ enthielt, wenn er innerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle zu greifen gewesen wäre! Zudem ließ sich mit dem Verleger leichter persönlich unterhandeln, und auch der Zwiespalt mit dem Vater heilte wohl aus der Ferne besser.

(Schluß folgt.)

[552]
Blätter und Blüthen.

Alarm im Dorfe. (Mit Illustration S. 549.) „Der Appell macht Alles lebendig!“ So muß man unwillkürlich mit dem Dichter des bekannten „Mantelliedes“ denken, wenn man C. Röchling’s hübsches Bild „Alarm im Dorfe“ betrachtet: nicht nur die Soldaten werden von dem Schall der zum Appell rufenden Trommel lebendig und stürzen aus allen Thoren und Thüren zum Alarmplatz, sondern auch die Bauern, die mit neugierigen Gesichtern an die Fenster eilen, und – die Gänse des Dorfes, die mit demonstrativem Schnattern und Zischen ihre Entrüstung äußern über den – ihrer Ansicht nach – höchst rücksichtslosen und durchaus nicht zeitgemäßen Lärm auf der Dorfstraße, die sie als ihr ausschließliches Territorium zu betrachten gewohnt sind. Aber „Gewalt geht über Recht“ mögen sie wohl denken: schreiend entfliehen sie und überlassen den wilden Kriegsmännern die Stätte ihres friedlichen Thuns und Treibens.

Es ist ein heiteres Manöverbild, denn nur zu Manöverzwecken war die Compagnie im Dorfe einquartiert, was man an den grünen Zweigen erkennen kann, welche die Soldaten auf die Helme gesteckt tragen und die offenbar als Unterscheidungszeichen von dem gleichuniformirten „Gegner“ dienen sollen. Alle die charakteristischen Scenen, welche bei einem solchen beschleunigten militärischen Abschied vorzukommen pflegen, sind auf dem kleinen Raume des Bildes zusammengedrängt. Die meisten der Soldaten eilen zwar mit anerkennenswerther Hast dem Platze zu, wo der Vater der Compagnie, der Hauptmann, hoch zu Roß unter Beihülfe der Mutter, des Feldwebels, seine Getreuen sammelt; nur einige Säumige werden von einem Unterofficier mit Zuruf und zum Alarmplatz zeigender Hand zur Eile ermahnt. Einer jedoch nimmt sich noch so viel Zeit, einer sich – vielleicht mit betrübtem Herzen – weit aus dem Fenster lehnenden Dorfschönen mit Hand und Blick ein Lebewohl auf „Nimmerwiedersehen“ zuzuwinken, während ein Anderer seine ganze Aufmerksamkeit einer der flüchtigen Gänse zuwendet, weshalb wir fast versucht sind, ihn als Kenner und Liebhaber von Gänsebrust für einen Pommer zu halten. Oder ist der Betreffende wohl gar eine Species „Zundelfrieder“, welchen Johann Peter Hebel in den humoristischen Erzählungen seines „Schatzkästlein“ so köstlich schildert? Will er vielleicht, wie einst der genannte Erzschelm bei einer „auf der Gasse verspäteten Gans“ gethan, ihr ein paar gute Lehren ertheilen und sie unter „gute Aufsicht“, das heißt in seinen Fouragebeutel bringen? Wir können dies letztere von einem „den Rock des Königs“ tragenden Manne kaum glauben, aber – wer kann dem Menschen in’s Herz sehen?


Der Antiquitätenhändler. (Mit Illustration S. 545.) Eine ganz besondere Species des Kaufmannstandes ist der Antiquitätenhändler. Er „macht sein Geschäft“ natürlich auch um des Geschäftes willen, aber sein Herz hängt an den Waaren, die er kauft und verkauft, während bei seinen Berufsgenossen die Waare erst an Reiz gewinnt, wenn ihr Herz sich derselben nicht mehr erfreuen kann, das heißt wenn sie verkauft ist. Der echte Antiquitätenhändler trennt sich aber ungern von seinem meist recht mühsam erworbenen Waarenschatze, er hat seine tiefe Freude an jedem echten schönen Stücke aus grauer Vergangenheit, und schwermüthigen Blickes sieht er nach dem Besitzwechsel drein, selbst wenn dieser ihm auch ein erfreuliches „Geschäftchen“ gewesen. Wie leuchtet aber sein Auge auf, wie strahlt seine Miene, wenn er die Schönheiten eines alten Kunstwerkes seinen Kunden klarmacht, wenn er Verständniß findet für die Freude, die er an seiner Waare hat! Grützner hat mit meisterhafter Charakteristik diese Empfindung in das Gesicht seines Antiquitätenhändlers gelegt, und man könnte Neid empfinden gegen den Käufer, dem es vergönnt ist, die kleine Truhe zu erwerben, welche der alte Mann mit so viel herzlichem Vergnügen au deren Schönheit zum Kaufe anpreist.


Bilder-Räthsel.
Die Anfangsbuchstaben der dreizehn hier abgebildeten Gegenstände sollen zu einem Worte zusammengestellt werden. Dasselbe bedeutet ein Glück, welches wir allen unsern Lesern wünschen.

Durch sieben deutsche Länder. In Nr. 21 unseres Blattes haben wir einer 88 Minuten dauernden Bahnfahrt erwähnt, bei welcher man die Territorien von fünf deutschen Staaten berührt. Wir werden durch Zuschriften aus unserem Leserkreise auf noch interessantere Touren aufmerksam gemacht, auf denen man zu Fuß in wenigen Stunden sogar sieben deutsche Länder besuchen kann.

Wenn man von Rudolstadt, dieser schön gelegenen Haupt- und Residenzstadt des Fürstenthums Schwarzburg-Rudolstadt an der Saale, die Reise in östlicher Richtung beginnt, kommt man in einer halben Stunde nach dem Dorfe Ammelstädt, Herzogthum Altenburg, von hier aus in anderthalb Stunden, durch ein zum Fürstenthume Schwarzburg-Rudolstadt gehöriges Dorf Teichröda, nach Stadt-Remda, Großherzogthum Weimar, von da in zwei Stunden nach Witzleben, Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen, von da in einer halben Stunde nach Osthausen, Herzogthum Sachsen-Meiningen, dann in fünfviertel Stunden durch das große schwarzburg-rudolstädtische Kirchdorf Elxleben nach Kirchheim, Königreich Preußen, und in einer Stunde von da nach dem Städtchen Ichtershausen, Herzogthum Coburg-Gotha: also Summa Summarum in sechsunddreiviertel Stunden durch sieben deutsche Länder.

Letzterer Ort hat, außer seiner berühmten Nadelfabrik, noch insofern eine eigenthümliche Bedeutung, als daselbst schon von 1878 ab jahraus jahrein Angehörige folgender Länder: Großherzogthum Weimar, Herzogthum Meiningen, Herzogthum Coburg-Gotha, der Fürstenthümer Schwarzburg-Rudolstadt und Sondershausen und Reuß älterer und jüngerer Linie gemeinschaftliche Sitzungen halten, in der dortigen – Strafanstalt.

Selbst diese Tour wird noch durch nachstehende kleine Fußreise überboten, die nur fünfundeinhalb Stunden Zeit beansprucht und in welcher man auch nicht weniger als sieben Staaten betritt. Als Ausgangspunkt wähle man Schleiz (Reuß jüngere Linie), gehe von da nach Volkmannsdorf (Weimar), besuche dann Krispendorf (Reuß ältere Linie), hierauf Erkmannsdorf (Meiningen), wende sich nun nach den preußischen Dörfern Liebschütz und Drognitz und endlich nach den tief an der Saale gelegenen, romantischen Orten Saalthal (Altenburg) und Preßwitz (Schwarzburg-Rudolstadt).


Ein Concert mit Hindernissen. Der berühmte polnische Geiger Henri Wieniawski erhielt einst gelegentlich eines Aufenthaltes in St. Petersburg die Aufforderung, vor dem Czaren Alexander II. zu spielen. Er fand sich zur festgesetzten Stunde im Winterpalais ein und wurde in ein prächtiges Gemach geführt, in dem bald darauf auch der Kaiser mit seinem riesigen Neufundländer erschien. Als der Künstler sein Concert begann, erhob sich das Thier, welches sich zu den Füßen seines Herrn niedergelassen, wieder und schritt langsam auf Wieniawski zu. Dieser geigte in der Befürchtung, daß sich der Neufundländer gemäß den Gepflogenheiten seiner Rasse anschicke, das Accompagnement zu dem Spiele mit einem Geheul aus Leibeskräften zu übernehmen, etwas unbehaglich weiter, aber es kam anders. Der Hund richtete sich, dicht vor dem Virtuosen angelangt, plötzlich in die Höhe und legte seine breiten Tatzen auf dessen Schenkel. Daß eine derartige Situation dem künstlerischen Vortrage nicht gerade förderlich ist, läßt sich begreifen, trotzdem fuhr Wieniawski, nach Kräften seinen Gleichmuth bewahrend, in dem Concerte fort. Allein der Neufundländer beruhigte sich noch immer nicht. Weiter und weiter rückte er mit seinen Tatzen hinauf, und seine riesige Schnauze folgte jeder Armbewegung des Geigers. Diesem begann bei dem Gedanken: ein Zuschnappen, und mit der Ausübung Deiner Kunst ist es zeitlebens vorbei, der Schweiß auf die Stirn zu treten. Mehr und mehr bedrängte die Schnauze des Hundes, seinen Arm, sodaß er, um sie nicht zu berühren, immer kürzere Bogenstriche zu machen gezwungen war. Endlich hatte der Kaiser, der bis dahin schmunzelnd dem Vorgange gefolgt war, Mitleid mit dem Künstler und fragte:

„Wieniawski, genirt Dich der Hund?“

„Majestät,“ murmelte der Künstler erschöpft, „ich fürchte, ich genire ihn.“

Alexander lachte laut und rief das Thier zu sich, worauf der Geiger erleichtert sein Concert fortsetzen und beenden konnte. L. M.     


Vom Wartburgfest. Man hört so häufig, daß die Studenten beim Wartburgfeste 1817 etliche Bücher verbrannt hätten, ohne daß Einem Jemand sagen kann, welcher Art und welche es waren. Es sind 28 gewesen. Die namhaftesten darunter sind: Dabelow, „Der 13. Artikel der Bundesacte“; Haller, „Restauration der Staatswissenschaft“; Kotzebue, „Geschichte des deutschen Reiches“; Z. Werner, „Die Weihe der Kraft“ und „Die Söhne des Thals“, sowie der Code Napoleon.J. L–r.     


Kleiner Briefkasten.

M. B. in Emden. 0Leider nicht verwendbar; weitere Einsendungen sollen uns jedoch angenehm sein.

G. W. in A. 0Wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt.

Dr. J. K. in Quincy. 0Nein.


Inhalt: Die Herrin von Arholt. Novelle von Levin Schücking (Fortsetzung). S. 537. – Bilder von der Arlbergbahn. Von C. S. S. 542. Mit Illustrationen von R. Püttner S. 540, 541, 542, 543 und 544. – Die südfranzösischen Cholerastätten. Von Max Nordau. S. 544. – Brausejahre. Bilder aus Weimars Blüthezeit. Von A. v. d. Elbe (Fortsetzung). S. 547. – Alfred Meißner’s Lebenswerk. Von Hans Blum. S. 550. – Blätter und Blüthen: Alarm im Dorfe. Mit Illustration S. 549. – Der Antiquitätenhändler. Mit Illustration S. 545. – Durch sieben deutsche Länder. – Ein Concert mit Hindernissen. – Vom Wartburgfest. – Bilder-Räthsel. – Kleiner Briefkasten. S. 552.


Verantwortlicher Herausgeber Adolf Kröner in Stuttgart. Redacteur Dr. Fr. Hofmann, Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger, Druck von A. Wiede, sämmtlich in Leipzig.

  1. Vergl. die Schilderung von Marseille in meinem Buche „Vom Kreml zur Alhambra“.
  2. Wien und Teschen. Karl Prochaska. 2 Bände, 1884.