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Die Gartenlaube (1884)/Heft 2

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1884
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 2.   1884.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


Ein armes Mädchen.

Von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)

So wuchs es auf, das Kind, in dem alten lindenumschatteten Hause, das aus den Trümmern und auf die Trümmer einer Burg erbaut war, welche die Schweden im Dreißigjährigen Kriege niedergebrannt hatten. Noch stand im Garten ein riesiger dicker Thurm, noch zogen sich Wall und Gräben um das feste Gebäude, im Frühjahr wie übersäet von blauen Veilchen, noch gab es einen alten Ziehbrunnen im Garten und ein Burgverließ und schauerliche Spukgeschichten in Menge. Schon lange war es im Besitz derer von Ratenow, und an diese war es einst durch Heirath gefallen; ein Ratenow hatte damalen eine Burgsdorf gefreit, die letzte ihres Stammes.

Wenn die klaren Augen des Kindes aus dem Fenster sahen, so schauten sie über den weiten Hof mit seinen Stallungen und Scheuern hinweg zu den mannigfach gestalteten Dächern und Thürmen des Städtchens hinüber; nahe dem Rathhausthurm unter dem hohen spitzen Giebeldache wohnte der einsame Mann, und wenn man das kaum zweijährige Würmchen fragte: „Wer wohnt dort drüben?“ so nahm sie das Fingerchen aus dem Munde, deutete hinüber und sagte leuchtenden Auges: „Papa!“

Freilich, Papa – der Papa, der sein Kind kaum kannte, der nur ab und an einen pflichtschuldigen Besuch in der Burg machte und die blonde Kleine so düster ansah, als ob ihm etwa ein unangenehmer Brief präsentirt würde. Und dennoch jauchzte das Kind im hellsten Jubelton ihm entgegen und faßte verlangend nach den blanken Knöpfen seiner Uniform. Es mußte doch Etwas sein in dem kleinen Herzen, das es ahnungslos hinzog zu dem stillen verbitterten Manne.

Es war ein auffallend hübsches Kind, der Liebling des ganzen Hauses, ein Herz und eine Seele mit Tante Lott, mit der grauen Mieze und dem großen Moritz. Nur vor der Tante Ratenow hatte sie Scheu; das blühende Gesicht konnte blaß werden wie Wachs bei einem tadelnden Blick der hellen Frauenaugen; sie lief und sprang ebenso eilig, wenn irgend etwas zur Erde fiel, es aufzuheben, aber sie that es nicht so lächelnd bereitwillig wie bei Tante Lott, obgleich der Dank nicht minder freundlich lautete.

„Nun muß sie bald zur Schule,“ sagte Frau von Ratenow eines Tages, als sie am Fenster saß, und ihre Augen folgten dem Kinde, wie es mit fliegenden Locken über den Hof lief und im Kuhstall verschwand, wo es seine Vespermilch zu verzehren pflegte, „sie wird fünf Jahre alt im April.“ Und sie schob die Brille, die sie seit zwei Jahren trug, auf die glatte weiße Stirn empor, um besser zu sehen.

„Zur Schule?“ fragte Moritz, der gerade zu den Osterferien anwesend war und im Zimmer auf- und abschritt, hünenhaft groß und blond im grauen Sommeranzuge, ein keckes Schnurrbärtchen über dem Munde und so rosig von Gesichtsfarbe wie immer.

„Zur Schule?“ fragte er, vor der Mutter stehen bleibend.

Frau von Ratenow sah ihn groß an.

„Ich weiß wohl, Mütterchen, daß sie Lesen und Schreiben lernen muß, aber warum denn nicht hier im Hause? Es giebt ja Gouvernanten genug.“

Die Arbeit sank in den Schooß und die hellen Augen nahmen einen erstaunten Ausdruck an. „Moritz, ich weiß nicht, wie Du darauf kommst. Wenn ich eigene Töchter hätte, würde ich vielleicht – ich sage ‚vielleicht‘ – diese vornehme abschließende Art des Unterrichts gewählt haben; das Kind aber würde nur verwöhnt dadurch und – Gott sei’s geklagt! – sie wird es schon so genug!“

„Da soll das Würmchen den weiten Schulweg paddeln mit den kleinen Füßen in allem Wind und Wetter? Laß sie, im Winter wenigstens, hineinfahren, Mutter.“

„Daß ich eine Närrin wäre, Moritz,“ erwiderte sie ruhig. „Wenn Du ihr für später eine Equipage garantiren willst – meinetwegen. Vom April ab geht Else in die Schule; was ist’s weiter – die Allee hinunter, durch’s Steinthor in die Rosengasse und – da ist sie.“

„Du hast zu bestimmen, Mutter.“

„Richtig, mein Jung. Und nun laß uns von Deinen Plänen sprechen; also wenn Du im Herbst von der Reise nach Wien und Tirol zurückkehrst, so regieren wir Beide hier zusammen?“

Er lachte und küßte die Hand, die sich ihm entgegenstreckte.

„An’s Heirathen denkst Du hoffentlich noch nicht?“ sagte sie plötzlich und sah den jungen Mann forschend an.

„Doch, Mutter!“ erwiderte er zu ihr tretend. „Ich will Dir ehrlich gestehen, ich – habe daran gedacht.“

„Du Kieckindiewelt? Wird was Rechtes sein! Wen hast Du Dir denn auserkoren, Jungchen?“

„Eine alte Flamme schon, Mütterchen; aber ängstige Dich nicht, sie ist eben erst in Pension gekommen.“

„So? In Pension erst? – Was lernt sie denn da, Moritzchen? Blaß und bleich lernt sie werden, eine nervenschwache Puppe sein, damit keine gesunde Frau und Mutter aus ihr werden kann. – Und was sie verlernt, darüber hast Du wohl nicht nachgedacht? Aller Sinn für stilles Familienleben [22] geht – hui! zum Fenster hinaus. Hättest sie nicht hin lassen sollen, Moritz, wenn Du was Gutes an ihr haben wolltest.“

Moritz sah einen Augenblick wirklich betroffen aus. Daß die Mutter die Sache so auffaßte, frappirte und erfreute ihn zu gleicher Zeit. Er ging ein paar Mal durch die Stube, die Hände auf dem Rücken; Frau von Ratenow strickte indessen ruhig weiter an ihrem Strumpf, immer von Zeit zu Zeit den Hof überblickend. Das war so ihre Art des Nachmittags zwischen vier und sechs Uhr, sonst gönnte sie sich wenig Ruhe.

„Hegebach will den Abschied nehmen, Moritz, weißt Du es schon?“ fragte sie nach einer Weile.

„Es ist das Beste, er wird doch nichts weiter,“ erwiderte der Sohn, „er zankt sich mit allen Vorgesetzten.“

„Aber die knappe Pension?“

„Nun, er kann ja wohl davon existiren, Mutter.“

„Er! Er! – Aber das Mädchen?“ klang es ungeduldig.

„Ach, Mutter!“

„Ja, großer Gott, Moritz – Du sprichst vom Heirathen! Wenn Du einmal ein halbes Dutzend Kinder hast, was denkst Du, wo soll ich es hernehmen?“ Sie hatte es scherzhaft gesprochen, und Beide mußten lachen.

„Du liebes Mutterchen,“ rief er, noch immer lachend, und küßte sie auf den Mund.

„Nein, Scherz bei Seite,“ betheuerte sie, sich wehrend; „ich sorge schon für die Else, Du brauchst nicht zu glauben, daß ich die Sache halb thue. Sie muß was Ordentliches lernen; ich denke, sie wird Lehrerin, und ich bringe sie nach D., sobald sie zehn Jahre alt geworden. Das ist das Beste, nicht, Moritz?“

In diesem Moment klinkte leise die Thür auf, und ein Köpfchen lugte in das Zimmer, mit Haaren wie leuchtend Gold; ein Paar große braune Kinderaugen sahen aus rosigem lächelnden Gesicht herüber, und eine süße lerchenhelle Stimme fragte: „Moritz, Moritz, kommst Du mit in den Garten? In der Kastanie sitzt ein Eichhörnchen.“

„Komm her, Else!“ rief der junge Mann, und als die Kleine eilends auf ihn zu sprang, nahm er sie wie eine Puppe in den Arm und trug sie zur Mutter.

„Sieh sie Dir einmal an, Mutter,“ bat er mit seltsam weicher Stimme.

Sie blickte in das reine Kinderantlitz und dann fragend zu ihm empor.

„So, und nun lauf voraus, Else, ich komme nach.“ Und behutsam öffnete der riesenhafte blonde Mann die Thür, um das kleine Geschöpf hinaus zu lassen.

„Nicht wahr,“ sagte er zurückkommend, „wie eine Rosenknospe so frisch, so gesund und so fröhlich? Und das willst Du einsperren in ein finsteres Schulzimmer, weit hinein in die schönste Mädchenzeit, und Alles soll verkümmern bei schwerer geistiger Arbeit? Sieh, Mutter, davor kann ich nun wieder nicht schlafen. Welch eine Welt von Thränen und durchwachten Nächten, von begrabenen Hoffnungen und bitteren Entsagungen schließt das Wort ein: Sie muß Lehrerin werden. Ach, Mutter, laß sie, sperr’ es nicht ein, das arme kleine Gör!“

„Nein, Moritz, wie Du so etwas herbeten kannst – zu glauben ist es nicht,“ erwiderte Frau von Ratenow leicht erblaßt und ungeduldig, „als ob ich im Begriff stände, dem Kinde ein schweres Unrecht zu thun! So gieb ihr doch eine Revenue, wenn Du es kannst. Weißt Du, daß sie nichts besitzt, als die dreihundert Thaler von ihrer Mutter und die paar Sachen? Hegebach hinterläßt höchstens Schulden, wenn er die Augen zuthut, und was dann? – Uebrigens ist es noch nicht so weit, Moritz, und Deine Rosenknospe braucht Dich vorläufig noch nicht zu dauern. Weil Du verliebt bist, mein alter Jung, will ich Dir den Vergleich verzeihen. Was? Sie ist doch sicher auch eine Rosenknospe.“ – Und mit diesen Worten legte sie energisch ihren Strickstrumpf in den Korb und ging aus dem Zimmer, und gleich darauf hörte der Sohn die klangvolle Frauenstimme aus dem Souterrain erschallen: „Ich will Euch gleich beweisen, daß das geht! Man kann Alles, wenn man will!“ –00

Spät am Abend klopfte Moritz von Ratenow an die Thür zum Schlafzimmer seiner Mutter.

„Ich hab’ Dich wohl auf den Hof reiten gehört,“ rief es von drinnen; „komm’ nur herein. Wo bist Du gewesen?“

Er kam über die Schwelle und trat behutsam an das Himmelbett. Der Vollmond warf seinen Schein durch das gewölbte Fenster und zeigte das alte traute Gemach so deutlich. Wie lange war er nicht hier gewesen! Dort hing des Vaters Portrait über der Kommode, und darunter sein Knabenbildniß; hier stand der alte Schrank, in welchem die Mutter all ihre Reliquien aufbewahrte, ihren Brautkranz und sein erstes Mützchen, des Vaters Sporen und Kalpak und den letzten Strauß Feldblumen, den er ihr am Tage vor seinem Tode noch selbst gepflückt. Und da war er wieder, der feine Lavendelduft; es dünkte ihn auf einmal, als sei er noch ein kleiner Knabe und komme zur Mutter, um ihr irgend eine Thorheit zu gestehen.

„Was willst Du, mein Jung’?“ fragte sie weich in ihrem Bremer Dialekt. „Wo warst Du?“

Er saß plötzlich auf dem Bettrande und faßte ihre Hände. „Rath’ einmal,“ sagte er stockend. „Aber nein, Du kannst es nicht rathen – in Teesfelde war ich bei – meinem Schwiegervater.“

„O Du entsetzlicher Mensch!“ rief Frau von Ratenow.

„Es war nur wegen der Pension, Mutter; ich sagte ihm, ich liebe Frieda und sie liebe mich, und wenn Herr von Teesfeld nichts dawider hätte, daß wir uns heirathen, so –“

„Und er hatte nichts dawider? Natürlich!“ forschte sie mit einem unmerklichen Anfluge von Stolz.

„I behüte, Mutter! Na, mit einem Worte, Frieda kommt zurück aus der Pension.“

„Wie alt ist sie denn, Moritz?“

„Sechszehn und ein halbes Jahr –. Frau von Teesfeld meinte, wir müßten noch vier Jahre warten.“

„Sehr vernünftig, Moritz.“

„Bist Du denn zufrieden, Mutter?“ fragte er leise.

„Ei, was hülfe mir denn das Gegentheil? Sie ist guter Leute Kind, Moritz; die Verhältnisse passen, und wenn sie nach ihrem Vater schlägt, wird sie eine brave Frau.“ Sie schwieg, wie nachsinnend. „Ich habe zu wenig Acht gehabt; hätte ich ahnen können, daß das Kücken meine Schwiegertochter werden sollte, so –. Doch, doch,“ fuhr sie fort, „mir ist, als hätte der Vater einmal zu mir gesagt: die Frieda hat genau ein so weterwendisch Köpfchen, wie ihre Mutter. Richtig, ja, ich erinnere mich deutlich. Na, höre mal, wenn’s so ist, halte von vornherein die Zügel stramm, da wirst Du noch viel zu erziehen haben.“

Er lachte. „Sie ist süß, Mama, grad’ weil sie so ein Kobold ist.“

„Da ist nichts zu lachen, Moritz,“ tadelte sie. „Aber nun geh’ schlafen. Ich werde morgen nach Teesfelde fahren; als Deine Mutter muß ich Dir es wohl zu Gefallen thun. Wie?“ Und sie strich liebkosend mit der Hand über sein üppiges Blondhaar. „Geh’ nun schlafen, guck’ nicht mehr in den Mond; hörst Du, Moritz?“

Und als er gegangen, saß sie noch lange im Bette hoch, die Hände gefaltet. „’s ist mir lieb, daß er so resolut ist,“ sagte sie endlich halblaut; „als sein Vater um mich anhielt, da hatte er die ganze Sippe mit mobil gemacht, und alle Spatzen sangen es vom Dache. Der Jung’ weiß, was er will – das hat er von mir!“




Die Thür in dem alten Fachwerkhause, dessen Fenster so langweilig in das ewige Einerlei der engen Straße schauten, wurde leise aufgeklinkt und die zierliche Gestalt eines ungefähr zehn Jahre alten Mädchens huschte hinein. Das Kind trug ein einfaches graues Lüsterkleid, einen braunen Strohhut mit braunem Bande, unter dem zwei schwere aschblonde Zöpfe hervorleuchteten. In der Hand hielt es behutsam einen kleinen Korb mit Birnen und Weintrauben und stieg nun rasch und trotz der festen Lederstiefelchen fast unhörbar die Stufen der schiefen Holztreppe empor und pochte droben an eine Thür.

„Herein!“ rief eine Männerstimme, und im nächsten Augenblicke stand Else von Hegebach in dem mit Tabakswolken angefüllten Zimmer vor ihrem Vater.

Er war sehr alt geworden, der Mann, und er sah so vernachlässigt aus in dem verschossenen Schlafrocke, den er sich angewöhnt hatte seit seiner Pensionirung. Er hatte eine gelbliche Farbe bekommen, und jener verbissene Zug des Gesichtes war der völlig dominirende geworden. Aber das rosige Kinderantlitz schmiegte sich trotzdem süß zutraulich an seine Wange.

[23] „Papa, wie geht es Dir?“ forschte sie und schlang, das Körbchen rasch auf den Tisch setzend, beide Arme um seinen Hals.

„Frage doch nur gar nicht erst,“ war die verdrießliche Erwiderung.

Ueber des Kindes lächelnde Miene flog ein Schatten. „Papa, darf ich ein bischen bei Dir bleiben?“ bat sie schüchtern, „oder gehst Du in den Club?“

„Ich gehe in den Club, Du weißt es doch; aber die Siethmann ist nebenan.“

„Lieber Papa“ – der kleine rosige Mund zog sich abwärts, doch die Thränen wurden herzhaft verschluckt, „ich will ja gleich wieder gehen, aber Du weißt doch, ich muß Dir heute ‚Adieu!‘ sagen – morgen soll ich fort nach D.“

„Morgen schon?“ fragte er, von der Zeitung aufsehend.

„Wann fahrt Ihr denn?“

„Frau Cramm sagte, ich soll früh sieben Uhr bei ihr sein; Tante Ratenow hat nämlich Frau Cramm gebeten, mich mitzunehmen, Annie kommt doch auch nach D.; – und weil Moritz heute Hochzeit hat und sie Alle in Teesfelde sind und mich Niemand hinbringen kann, so –“

„Na ja,“ fiel er ungeduldig ein, „es ist ja ganz vernünftig so – der Cursus fängt wahrscheinlich übermorgen an?“

„Ja, Papa! Soll ich Dir ein bischen Zeitung vorlesen, Papa?“

„Ich danke! Also, da reise glücklich, Else, und sei fleißig!“ Er hielt ihr die Hand hin, und sah schon wieder in die Zeitung.

Das Kind stand völlig regungslos, seine erblaßten Lippen bewegten sich leise, aber es kam kein Wort darüber, nur in den Augen erstarrte das süße Feuer allmählich zu einem fast stieren Ausdrucke. Sie wandte sich dann um und ging aus dem Zimmer.

„Else!“ tönte es hinter ihr her; sie schrak zusammen. „Gieb das Zeug da der Siethmann, ich esse doch so etwas nicht.“ Und er deutete auf das zierliche Körbchen.

Sie lag plötzlich auf den Knieen vor ihm, dem grämlichen unfreundlichen Manne. „Papa! Papa!“ rief sie schneidend, „warum hast Du mich denn nicht ein einziges Mal lieb? Warum sprichst Du denn nicht einmal so freundlich mit mir, wie es Annie’s Vater mit ihr thut?“ – Der ganze kleine Körper bebte, sie schmiegte in leidenschaftlicher Aufregung den blonden Kopf an seine Kniee und brach in ein convulsivisches Schluchzen aus.

„Lieber Gott, Kind, so steh’ doch auf!“ rief die alte Siethmann, die bei dem Schrei des Mädchens hereingekommen war, und sie zog das halb widerstrebende Kind empor und in ihre Arme, dem Major einen strengen Blick zuwerfend. Er war aufgesprungen und ging nervös erregt im Zimmer hin und her.

„Wer hat Dir denn Etwas gethan?“ fragte er, halb besorgt, halb gereizt, „hast Du Schelte bekommen? Was fehlt Dir? Sag’ es doch! Wenn Du krank bist, soll die Siethmann mitgehen und Dich zu Bette bringen.“

„Ich bin nicht krank,“ klang es leise zurück. „Adieu, Papa!“ Und sich hastig die Augen wischend, ging sie aus dem Zimmer in jenes, das einst ihre Mutter bewohnte und in dem nun die Siethmann hauste, seit sie dem Major die Wirthschaft führte. Das Kind setzte sich still an’s Fenster und schaute in den verwilderten Garten hinaus; sie war auch gar zu traurig schon seit ein paar Wochen.

Da hatte Tante Ratenow sie eines Tages in ihr Zimmer kommen lassen und ihr gesagt – ja, wie war es doch?

„Else,“ hatte sie begonnen und dem Kinde über das weiche blonde Haar gestrichen, „Du bist nun schon zehn Jahre alt und ein vernünftiges Mädchen, da wird es Zeit, mit Dir über allerlei ernste Dinge zu sprechen. Sieh, jeder Mensch muß, soll er sich glücklich fühlen, im Leben zu etwas nütze sein, und das willst Du auch dereinst, nicht wahr? Manche Leute werden sozusagen mit einem silbernen Löffel im Munde geboren und brauchen sich ihr Lebtag keine Sorgen zu machen, nicht zu fragen: was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Andere haben während ihres ganzen Lebens weiter nichts zu thun, als diese Fragen an sich zu richten, und das Schlechteste ist es noch lange nicht, denn schon in der Bibel steht: ‚Und wenn das Leben köstlich gewesen, so ist es Müh’ und Arbeit gewesen.‘ – Dein Vater, Else, ist ein kranker, einsamer Mann, der viel Schicksal im Leben getragen, und er ist ein armer Mann – einen silbernen Löffel kann er Dir nicht mitgeben. Aber dafür gab Dir der liebe Gott einen hellen Verstand und einen frischen, gesunden Körper; und die Fragen zu beantworten, von denen ich Dir eben sprach, wird Dir leicht werden, wenn Du den redlichen Willen hast. Ich möchte Dir an’s Herz legen, Else, recht ehrlich zu wollen und recht fleißig zu sein, damit Du Dein Gouvernantenexamen brav bestehst; es ist so ziemlich der einzige Weg, den eine junge Dame von Stande vor sich hat, soll sie sich auf eigenen Füßen durch die Welt bringen.“

Es war dem Kinde gewesen, als sei plötzlich ein dunkler Flor über all die bescheidene Herrlichkeit seines ganzen Lebens geworfen. Die graue Schulstube erschien vor seinen Augen mit der stickigen Luft, mit den Wänden, die es erdrücken wollten, den Fenstern, die so selten ein Sonnenstrahl traf. Und darinnen sollte sie festgeschmiedet sein, sie, die Blumen, Luft und Sonnenschein so gern hatte; festgeschmiedet, nicht bis sie erwachsen, nein, für immer, immer! Das war ja unmöglich!

„Nun, Else, hast Du keine Lust dazu?“

Sie hatte nicht nur den Kopf geschüttelt, der ganze zarte Körper hatte gebebt vor Entsetzen.

„Dann bleibe Du ein kleiner Dummpatz, dann wirst Du einmal so Etwas wie die Siethmann; und Eine, die nichts gelernt hat, wird auch darnach behandelt.“

„Aber warum ich?“ hatte sie ausgerufen. „Die anderen Mädchen alle, die brauchen es doch auch nicht!“ Und die großen rehbraunen Augen sahen, wie um Lösung eines unfaßbaren Räthsels bittend, in das ernste Gesicht der stattlichen Frau.

„O, viele müssen das, Else, und Du auch. Es ist meine Pflicht, Dich so auszubilden, daß Du dereinst selbständig wirst. Nun geh; Du weißt, gehorsam sein mußt Du, Else, wenn Du auch jetzt noch nicht einsiehst, warum.“

Sie war dann zu Tante Lott gekommen, blaß, mit fliegendem Athem. „Ich soll fort, Tante!“ Weiter hatte sie nichts sagen können damals, und ihre Blicke waren durch das trauliche Zimmer geirrt und an dem guten alten Gesicht hängen geblieben; da hatte sie gesehen, wie zwei Thränen über alle die feinen Runzeln und Fältchen auf die Haubenbänder tropften. Und ihr war so bange geworden, daß sie nicht weinen konnte.

Fort sollte sie auf so unendlich lange, fort von der Stätte ihrer Kindheit, von dem schattigen Garten, von Moritz, von Allen fort! Und gestern hatte Tante Lott weinend den Koffer gepackt für sie, und sie hatte Abschied genommen von ihr, von Tante Ratenow und von dem lieben, lieben Moritz, denn schon gestern waren sie Alle nach Teesfelde zum Polterabend gereist. Selbst Tante Lott hatte ihr Grauseidenes aus dem Schranke geholt und sogar den Pegasus bestiegen zu dieser feierlichen Gelegenheit. Else konnte das Gedicht auswendig; es hatte entschieden Anklänge an die bezauberte Rose, und es war viel von Amor, Rosenketten und Liebeszauber darin die Rede. O, eine Hochzeit mitzumachen, es mußte ja herrlich sein – sie wäre so gern mit dabei gewesen, aber Tante Ratenow hatte es der Reisegelegenheit wegen nicht erlaubt. „Was willst Du auch dort, Else?“ hatte sie gesagt, „Kinder sind da nur im Wege.“

Nun war sie allein gewesen, den ganzen Tag schon, selbst die Mieze war über die Dächer spazieren gegangen. Was half es, daß die Mamsell ihr Mittags ein Glas Wein und ein Stück Kuchen als Dessert servirte? „Vom gnädigen Herrn, Else, er hat es mir auf die Seele gebunden,“ hatte sie dabei gesagt. Sie fühlte doch zum ersten Male die Qualen der Einsamkeit, die heiße, tiefe Sehnsucht nach einem Herzen, das voll und ganz ihr zu eigen gehörte, auf das sie ein heiliges Anrecht habe. Und da war sie zum Papa gelaufen.

Jetzt sprang sie plötzlich auf; sie konnte nicht länger in dem engen, so unwohnlichen, so entsetzlich herabgekommenen Raume aushalten. Es roch nach schlechtem Kaffee, es waren Oelflecke auf der Diele, und an der Wand hing die Garderobe der alten Frau; die einfachen Mahagonimöbel waren erblindet und der Sophabezug defect von Motten und schlechter Behandlung. Sie lief wie gejagt die Treppe hinunter, durcheilte ein paar Straßen und stand dann hochathmend auf dem Kirchhofe vor dem epheubewachsenen Hügel der nie gekannten Mutter.

Der Septembertag neigte sich seinem Ende zu, im Westen hatte sich dunkles Gewölk gelagert und der Abendwind kühlte das [24] verweinte Kindergesicht. „Meine Mama!“ sagte sie halblaut; es war ein unbeschreiblich weher Klang in diesen zwei Worten, und sie hockte nieder und schmiegte die Wange an das einfache gußeiserne Kreuz. Und so saß sie, bis die Todtengräberfrau zufällig vorüber kam und ihr freundlich zurief, sie müsse nun gehen, der Kirchhof werde gleich geschlossen.

Sie pflückte eilig noch ein paar Epheublätter, bevor sie das Grab verließ. Und dann stand sie am Fenster in Tante Lott’s traulicher Stube und horchte auf das Jauchzen und Singen der Knechte und Mägde, die in der Gesindestube beim Punsch die Hochzeit ihres Herrn feierten – bis tief in die Nacht hinein.

(Fortsetzung folgt.)




Der Kyffhäuser.

Zerklüftet, wie die Burg da droben,
0Ist auch der Berg, auf dem sie ragt,
In ein gewaltig Bild verwoben
0Erscheinen beide, wenn es tagt.

5
In starren Felsen ruht verschlossen,

0Was sich das Volk erhofft, ersehnt,
Wenn leuchtend Morgenroth ergossen
0Sich um die dunklen Höhen dehnt:

Der Rothbart ist im Berg versunken

10
0Und um ihn her sein ganzes Heer,

Die Rosse stampfen, schnauben Funken,
0Es klirrt im Grunde Schild und Speer.

Zuweilen fährt er auf im Zorne,
0Es drang ein Ruf zu ihm herein,

15
Er greift zum Schwert, langt nach dem Horne,

0Sein rother Bart wirft Feuerschein.

Was war es, was er hörte? Klagen?
0Wer weiß es? Eilig kommt ein Zwerg
Und reckt sich, ihm in’s Ohr zu sagen:

20
0„Die Raben fliegen um den Berg!“ –


Wann wird er kommen, aufzurichten
0Sein mächtig Reich, und allen Streit
Im Land und bei den Völkern schlichten
0Und walten in Gerechtigkeit?

 Hermann Lingg.




Die Tagebücher der Fürstin Metternich.

Von Johannes Scherr.


Gar häufig schon ist die berechtigte Klage lautgeworden, daß es uns Deutschen an jener reichen Memoirenliteratur mangle, deren die Engländer und Franzosen sich rühmen können. Ihre Geschichtschreiber haben denn auch von diesem Vortheil ausgiebigen Gebrauch gemacht und dadurch ihren Werken eine Anschaulichkeit und Belebtheit zu verleihen gewußt, welche deutschen Geschichtebüchern nur allzu lange fehlten. Es ist ja wahr, Memoiren haben es an sich, daß sie subjektiv gefärbt sind und auch nicht wenig Klatsch enthalten. Aber das müßte ein trauriger Historiker sein, wer diesen Klatsch nicht als solchen zu erkennen und zu verwerfen, sowie jene Färbung nicht auf das richtige Maß zurückzuführen verstände. Auf der andern Seite ist jedoch das, was uns Augen- und Ohrenzeugen geschichtlicher Ereignisse, Mitwissende und Mithandelnde von Haupt- und Staatsaktionen von denselben zu berichten wissen, von hohem, mitunter vom höchsten Werth zur richtigen Auffassung und Beurtheilung von historischen Personen und Geschehnissen.

Denn es ist ein großer Irrthum zunftzöpfiger Pedanterei, zu wähnen, daß der wahre Gehalt der Geschichte einzig und allein in den amtlichen Aktenstücken zu suchen wäre, wie die Archive sie aufbewahren. Der anerkannt größte Diplomat unseres Jahrhunderts hat diesen Irrthum achselzuckend gekennzeichnet. Am 22. Februar 1871 sagte er im Hause der Frau Jessé in Versailles zu seiner Tischgenossenschaft: „Die amtlichen Depeschen und Berichte sind, auch wo sie einmal was enthalten, solchen, welche die Personen und Verhältnisse nicht kennen, nicht verständlich. Die Hauptsache liegt immer in Privatbriefen und konfidentiellen Mittheilungen, auch mündlichen, was alles nicht zu den Akten kommt.“ Gerade solcher „Privatbriefe“ und „konfidentieller Mittheilungen“ bietet sich uns in guten Memoirenbüchern und authentischen Briefesammlungen eine Fülle und damit ein Material, welches, mit der erforderlichen Kritik behandelt, für die Geschichtschreibung ungemein förderlich sein kann und muß. Der mäßig große Band z. B., welchen die Erinnerungen der Gräfin S. M. von Voß über ihre nenuundsechzigjahrelangen Erlebnisse am preußischen Hofe füllen, ist von unendlich größerem historischen Werth als viele dickleibige und gelehrte Geschichtebücher, welche dieselbe Zeit behandeln. Was kommt denn eigentlich in die „Blau-, Gelb-, Roth- und Grünbücher“, sowie überhaupt in die Staatsakten? Nur das, was man hineinthun will. Und wie kommt es hinein? So, wie man es angesehen wissen will. Ueber die entscheidenden Momente im Leben der Völker und Staaten werden entweder nur höchst selten oder gar nie Protokolle aufgenommen und Akten geführt. Sind, um nur ein schlagendes Beispiel anzuführen – sind etwa die Vorgänge, wodurch Napoleon der Dritte am Abend vom 13. Juli 1870 in seinem Kabinett in St. Cloud sich zum Kriege bestimmen ließ, protokollirt worden? Kam das, was zu jener Stunde zwischen dem Kaiser, seiner Frau, dem Duc de Grammont und dem Cavaliere Nigra vorging, zu den Akten? Bewahre! Und doch war es eine schicksalschwere weltgeschichtliche Stunde, über deren Einzelheiten eben nur die vier betheiligten Personen „konfidentiellen“ Aufschluß geben konnten, wenn sie wollten. Möglich, daß es eine oder die andere gewollt hat oder will. Aber dann werden wir diesen Aufschluß in keinem Archiv, sondern nur in einer Korrespondenz oder in einem Memoirenbuch finden. Bloß in den Aufzeichnungen von Zeitgenossen, brieflichen oder memorabilischen, sind die Reflexe des intimem, intimeren und intimsten Lebens, Webens und Strebens einer Zeit voll und ganz zu treffen. Nur hier fühlen wir den Pulsschlag der socialen und politischen Geschichte einer Epoche deutlich. Oeffentliche Akten, Protokolle, Urkunden, Staatsschriften und Depeschen sind gut dazu, das Skelett der Geschichte herzustellen, aber einen Körper von Fleisch und Blut, Farbe, Leben, Ausdruck und Bewegung erhält sie erst durch die Ausnützung von Briefwechseln und Denkwürdigkeiten.

Es ist daher ein Glück zu nennen, daß in unserem Jahrhundert die deutsche Memoirenliteratur an Umfang, Gehalt und Vielseitigkeit bedeutend zugenommen hat. Staatsmänner, Generale, Künstler, Gelehrte und Geschäftsmänner, sowie Frauen verschiedener Lebensstellungen haben ihre Erinnerungen und Erfahrungen aufgezeichnet und veröffentlicht oder veröffentlichen lassen. Wie sehr das unserer Geschichtschreibung bereits zu gut gekommen, lehrt eine Vergleichung derselben, wie sie heute ist, mit jener, wie sie vor fünfzig Jahren war. Sie hat, in allen ihren besseren Hervorbringungen, wie an Vertiefung der Auffassung, so auch an Reichthum der Anschauung, an Bestimmtheit der Zeichnung und Frische des Kolorits in erfreulicher Weise zugenommen. Je vielfacher

[25]

Kyffhäuser.
Nach einem Oelgemälde von Edmund Kanoldt.

[26] und kräftiger die quellenhaften Zuflüsse aus allen Lebenskreisen strömen, desto mehr wird es der Historik möglich, ihrem Berufe gerecht zu werden, d. h. vollständige Zeitbilder zu schaffen und sich aus der Tiefe einseitiger Staatsgeschichtschreibung zur Höhe einer allseitigen Aufhellung und Darstellung der Kulturgeschichte aufzuschwingen.

Es ist anzuerkennen, daß in neuerer und neuester Zeit auch auf den sogenannten Höhen der Gesellschaft allmälich die Erkenntniß platzgegriffen, mit der wirklichen oder bloß geheuchelten sogenannten vornehmen Gleichgiltigkeit gegen die öffentliche Stimmung und Meinung ginge es nicht mehr. Man empfand und empfindet auch dort das Bedürfniß, mit den Zeitgenossen und den Nachlebenden sich auseinandersetzen, um vor der Nachwelt eine möglichst gute Figur zu machen. Diesem Bedürfniß hat unter anderen auch der alte Metternich nachgegeben, indem er anordnete, daß nach seinem Ableben eine vielbändige und prächtig gedruckte Rechtfertigung seines staatsmännischen Thuns und Lassens dem Publikum vorgelegt werde unter dem Titel „Aus Metternichs nachgelassenen Papieren“. Dieses Memoirenwerk, auf dessen große Mängel und viele Schwächen einzugehen hier nicht der Ort ist, enthält zweifelsohne wichtiges Material zur Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber wir haben es unserseits nicht so fast mit dem Fürsten als vielmehr mit der Fürstin Metternich zu thun, als der Verfasserin der deutsch-geschriebenen Tagebücher, welche in dem zweiten Theil vom 7. Band der „Nachgelassenen Papiere“ (1883) einen breiten Raum einnehmen.

Die Ungarin Melanie Zichy war die dritte Frau des weiland Haus-, Hof- und Staatskanzlers und hatte als solche natürlich in der sogenannten vornehmen Welt Oestreichs und Europas einen großen Stand. Demzufolge und da sie des vollen Vertrauens ihres Gemahls genoß, konnte sie viel wissen von der Zeitgeschichte, - wenigstens soweit diese im Kabinett des Ministers, bei Hofe und in Diplomatencirkeln sich abspielte. Sie konnte viel wissen, sag’ ich, aber sie wußte nicht viel. Wenn man den Gehalt ihrer Tagebücher zum Maßstab nehmen wollte für den Einsichts- und Bildungsgrad der sogenannten höheren und höchsten Gesellschaftskreise, müßte sich ein recht niedriges Resultat ergeben, ja geradezn ein Armuthszeugniß.

Die Fürstin Melanie Metternich hat, wie Wissende versichern, ihre Rolle als „große Dame“ ganz geschickt durchgeführt, obzwar ihr hochfahrendes Gebaren nicht eben vielen Menschen sympathisch sein mochte. Aber ihr geistiger Gesichtskreis war von fast unglaublicher Enge und ihre Bildung ging über den konventionellen „vornehmen“ Schliff und Schick nicht hinaus. Ihre Auszeichnungen weisen keine Spur auf, auch nicht die leiseste, von einem Einblick in die Ideenströmung des Jahrhnnderts, in die Zustände und Stimmungen der Völker, in die Bedürfnisse und Forderungen der Zeit. Wenn in Sachen der Politik die Fürstin als eine gedankenlose Nachbeterin der metternichigen Stabilitätstheorie und als eine leidenschaftliche Verehrerin der absolutistischen Staatspraxis sich gibt, so mag das, angesehen ihre Herkunft, Erziehung und Stellung, begreiflich und auch verzeihlich sein. Aber wahrhaft erschreckend ist die vollständige Gleichgiltigkeit, welche die „große Dame“ allen höheren Dingen, allem Idealen, allen geistigen Interessen gegenüber an den Tag legt. Muß es doch schon als recht charakteristisch bezeichnet werden, daß in den vorliegenden, von 1844 bis 1848 reichenden Tagebüchern einer Oestreicherin ein Grillparzer, ein Lenau, ein Anastasius Grün niemals genannt werden. Ebenso niemals Lessing, Göthe und Schiller. Niemals ist überhaupt von der Beschäftigung mit Fragen der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst die Rede. Nichts als das öde, blöde höfische Gethue, d. i. Nichtsgethue, die Verplemperung des ganzen Daseins mit lauter Nichtigkeiten, geistverlassener Repräsentanz, Liebhabertheaterzeug, Kinderbällen und sonstigem Firlefanz. Kein Wunder, daß in diese Welt des jämmerlichsten Scheins, der Unkenntniß, Verblendung und Verstockung die Wirklichkeit des Sturmjahres 1848 wie eine platzende Riesenbombe hereinbarst.

Im übrigen hatte die Fürstin Metternich - ich spreche von ihr stets nur in ihrer Eigenschaft als Tagebüchlerin - auch ihre gute Seite. Wenn sie beschränkt und kenntnißlos genannt werden muß, so darf man ihr dagegen die Tugend der Ehrlichkeit, den Vorzug der Aufrichtigkeit nicht absprechen. Sie spielt in ihren Aufzeichnungen nicht Komödie, sie „posirt“ nicht. Sie gibt sich, wie sie ist, eingemauert in ihr hochmüthig-junkerliches Bewußtsein; aber sie sagt freisam und geradheraus, wie sie fühlt und was sie meint. Ihre Wahrhaftigkeit ist keiner Anzweifelung zu unterstellen, und darum besitzen nicht wenige Stellen ihrer Tagebücher den Werth einer zuverlässigen geschichtlichen Quelle. Namentlich insofern, als die naive Offenherzigkeit der Fürstin uns eine deutliche Vorstellung gibt, wie man in ihrer Lebenssphäre Menschen und Dinge ansah und beurtheilte.

Da schrieb Frau Melanie z. B. im April 1845 in ihr Tagebuch: „Klemens (Metternich) hat durch die Niederlage der Freischaren in der Schweiz einen politischen Erfolg errungen. Die kleinen Kantone, Luzern an der Spitze, verrichteten Wunder der Tapferkeit; sie entledigten sich der Umsturzpartei, die alles zerstören will, was sich dort Gutes findet, und benahmen sich nach ihrem Siege mit großer Klugheit, Mäßigung und Umsicht.“ Jedes Wort eine Unwahrheit! Im November 1847 schrieb sie dann: „Mit dem Sonderbund ist’s aus und der Radikalismus feiert einen vollständigen Triumph, dessen Folgen sich bald in unerträglicher Weise fühlbar machen werden. Inzwischen berathet man, wie zu helfen sei. Klemens läßt den Muth nicht sinken, mit der Gefahr steigt die Kraft seines Widerstandes.“ Wirklich? Nun, wir werden ja bald sehen, was es mit der „Kraft“ des metternichigen „Widerstandes“ auf sich hatte. Uebrigens dürfen wir es der Frau Fürstin nicht übelnehmen, daß sie von den schweizerischen Verhältnissen und Ereignissen nichts verstand. Ihr Herr Gemahl verstand ja auch nichts davon, verstand davon gerade so wenig wie der dünkelhafte Schulmeister Guizot, welcher sich mit ihm zur Aufrechthaltung des schweizerischen Sonderbundes verbündet hatte. Es ist ganz märchenhaft, welche schweren Bären die beiden „großen“ Staatsmänner durch ihre stupiden bei der Eidgenossenschaft beglaubigten diplomatischen Agenten sich aufbinden ließen. Sie fackelten und faselten auch noch gravitätisch darüber hin und her, wie der schweizerische Liberalismus exemplarisch zu züchtigen wäre, als schon unter ihren eigenen Füßen der Boden bedrohlich schwankte. Was war doch das für eine Staatsmännischkeit, welche nicht weiter sah, als ihre Nasenlänge reichte, nichts hörte als ihre eigenen hohlen Phrasen und zu Werkzeugen die dümmsten Gesellen auserkor? Das war eben die „große“ Staatsmännischkeit der Metternich, Guizot und Kompagnie.

Am 1. Januar von 1848 schrieb die Fürstin: „Dieses Jahr fängt nicht sehr trostreich an.“ Dann jammert sie, daß der König von Neapel, der König von Sardinien und sogar der Großherzog von Toskana Verfassungen gegeben hätten; denn so „fällt Italien auseinander“. Das Beieinander Italiens kann sie sich nämlich nur in der Form östreichischer Zwingherrschaft denken. Von dem Rechte der Italiener, eine Nation sein zu wollen, hat sie natürlich keine Ahnung. Weiterhin: „Klemens ist bewundernswerth, so unerschrocken, aber bisweilen sehr aufgeregt.... Alle Welt scheint in Schlaf versunken und mit Blindheit geschlagen. Schließlich verzweifelt man an allem.... Bei Hof ist man auch sehr besorgt und heute sucht man sein Heil beim armen Klemens, den man gern verantwortlich machen möchte für von anderen seit Jahren begangene Fehltritte.“ Aha? Die Frau Fürstin findet die Situation des „armen, unerschrockenen, bewundernswerthen“ Klemens nicht mehr geheuer und bemüht sich als die zärtliche Gattin, welche sie ist, die Schuld des herrlichen metternichigen Stabilitätssystems, welches in seinen Fugen kracht, „anderen“ zuzuschaufeln.

Nach der Verkrachung des Julikönigthumsschwindels am 24. Februar sollte nun der hochgelobte metternichige Stabilitätsschwindel, dessen Aktien an den absolutisttschen Börsen so lange hohen Kurs gehabt hatten, die Probe seines wirklichen Werthes und seiner Dauerbarkeit bestehen. Man weiß, wie sie bestanden wurde, d. h. über allemaßen jammerhaft. Diese Stabilitätsmänner, welche so oft und so übermüthig sich vermessen hatten, der „Hydra der Revolution“ alle ihre sieben Köpfe zertreten zu haben, wurden schon durch den Schatten, welchen die Revolution vor sich herwarf, mit kläglicher Ohnmacht geschlagen.

Um 5 Uhr Nachmittags am 29. Februar brachte, wie uns die Fürstin erzählt, der Baron Rothschild eine aus Paris eingelaufene telegraphische Depesche in die Staatskanzlei, woraus die Katastrophe Louis Philipps zu ersehen war. Dazu bemerkt die Tagebüchlerin, welche für die Orleans keine Sympathie hatte: „Die göttliche Gerechtigkeit ist erschrecklich.“ Dann, etliche Tage [27] später, meldet sie: „Radowitz ist hier eingetroffen, der König von Preußen sendet ihn, bei Klemens sich Rath zu erholen, um kräftig einzugreifen.“ Da kam der König von Preußen an den richtigen Mann und vor die rechte Schmiede, wahrhaftig! „Es gilt zu retten, wenn es überhaupt noch möglich.“ Merkst Du was? „Das arme Deutschland steht bereits in Feuer und Flammen.“ Hm, wir haben den Brand mitangesehen und können bezeugen, daß das Feuer ein ungefährliches Strohfeuer und die Flammen sehr zahm gewesen. „Am 7. März erfuhren wir, daß Aufstände in Frankfurt (?), Karlsruhe (?) und Stuttgart (?) stattgefunden haben, man wolle den deutschen Bund auflösen, die Könige fortjagen; überall Aufwallung und Tollheit.“ Wenn diese Phantasiegebilde der Frau Fürstin Wirklichkeiten gewesen wären, warum griff denn der große Stabilitätstheoretiker und Absolutismuspraktiker Metternich nicht „kräftig“ ein? Weil er froh sein mußte, daß die erwähnte „Hydra“, welche sich gar bald leibhaftig in Wien sehen ließ, mit ihren Tatzen nur nach seiner Ministerschaft und nicht nach seinem Kopfe griff.

Wie es bei dem wiener Märzkrach zu- und herging, weiß jedermann. Neues von Wichtigkeit weiß auch die Fürstin Melanie über die Vorgänge jener Tage nicht beizutragen. Dagegen dies und das, wodurch das eine oder andere in hellere Beleuchtung gerückt wird. Mitunter auch Komisches, obzwar dasselbe für die Tagebuchschreiberin selbst keineswegs komisch war. So, wenn am Abend vom 12. März in den Salons der Staatskanzlei in großer Gesellschaft eine Dame, „die nicht immer verstand, was sie sprach“, die Frau Felicie Esterhazy, zur Fürstin Metternich sagte: „Ist es denn wahr, daß ihr morgen weggeht?“ – „Warum?“ – „Nun, man sagt uns, wir sollen Kerzen kaufen, um morgen zu illuminiren, weil ein großes Ereigniß stattfinden wird“ .... Das „große Ereigniß“, der Sturz Metternichs, fand wirklich am Abend des folgenden Tages statt und die zutrauliche Frau Felicie Esterhazy konnte ihre Kerzen anzünden. Es war in der elften Abendstunde vom 13. März, als in der Hofburg Metternich seine Haus-, Hof- und Staatskanzlerschaft in die Hände des geängstigten und rathlosen Erzherzogs Ludwig niederlegte, und er vollzog, wie man zugeben muß, wenn man gerecht sein will, diesen Akt nicht ohne Würde.

Mit begreiflicher Bitterkeit hat sich seine Gemahlin so darüber ausgelassen: „Klemens hat seine Demission gegeben. Als der Erzherzog Ludwig die von Seite der Studenten, Professoren, der Bürgerschaft und Gott weiß von wem noch in rohester Weise vorgebrachten Forderungen angehört hatte und bei den in sein Vorgemach eingedrungenen Leuten die drohende Haltung der einen, die furchtbare Angst der anderen wahrnahm, brachte er es über sich, dem Manne, welcher nahezu fünfzig Jahre hindurch die festeste Stütze der Monarchie gewesen, zu sagen, es seien Anzeichen vorhanden, welche darauf hindeuteten, daß die Sicherheit der Residenz von seiner Abdankung abhänge.“ Hierauf berichtet sie – in den Einzelnheiten geschichtlich nicht ganz genau und korrekt – den Abdankungsakt und fügt hinzu: „Ich kann gar nicht sagen, was ich an diesem Tage an Undank und Schlechtigkeit erfuhr. Ich habe nie viel von den Menschen gehalten, aber ich gestehe, daß ich mir sie nicht so niedrig vorgestellt hatte. Wie die Ratten ein untergehendes Schiff verlassen, wurden wir von vielen beängstigten Freunden geflohen. Wie schmolz die Zahl der Treugebliebenen zusammen gegenüber der Menge, die im Momente der Gefahr uns den Rücken kehrte!“ Und darüber verwundert sich die Frau Fürstin! Hatte ich nicht recht, von ihrer Naivetät zu sprechen?

Metternich schob natürlich die Schuld des Märzkraches anderen zu. „Gott sei Dank,“ sagte er zu seiner Frau, „daß ich mit alledem, was vorgeht, nichts mehr zu thun habe. Der Umsturz des Bestehenden ist unausweichlich“ – (also jetzt kam ihm diese Einsicht?) - „ich hätte nichts verhindern können, weil ich allein stehe und von niemand unterstützt werde.“ Am Tage darauf, am 14. März, schrieb er an den König von Preußen: „Ich habe mich vom Geschäftsleben in der festen Ueberzeugung zurückgezogen, daß ich dem Kampfe, den ich redlich auf dem socialen Felde bestanden habe, nicht ferner gewachsen sei.“ Das hätte er schon lange vorher merken können. In demselben Schreiben äußert er seine „lebendigsten Wünsche für das Wohl des gemeinsamen deutschen Vaterlandes“. Wie? Man traut fürwahr seinen Augen kaum. Dieser Mann, der sein Lebenlang ein Feind des deutschen Vaterlandes und dem Deutschland nur ein „geographischer Begriff“ gewesen war, er, welcher sich 1814-15 mit Talleyrand, Wellington und Castlereagh gegen Deutschland verschworen und verbündet, in Gemeinschaft mit dem Zaren Alexander die Zurücknahme des Elsaßes verhindert, die elende Mißgeburt des deutschen Bundes in erster Linie mitverschuldet, dann die nationale Einheitsidee wie ein Verbrechen verfolgt und alles gethan hatte, um jeden Versuch zur Verwirklichung derselben im Keime zu ersticken, – dieser Mensch erdreistete sich jetzt, vom gemeinsamen deutschen Vaterland zu reden oder zu schreiben! Da kann man wahrlich sagen: „Literae non erubescunt.“[1]

Ueber die Flucht Metternichs und seiner Familie, worüber so viele Fabeln umgingen, sind wir jetzt wohl endgiltig unterrichtet. „Klemens fand sich bestimmt,“ erzählt die Fürstin, „die Staatskanzlei zu verlassen, um niemandem unbequem zu sein. Wir gingen zu Taaffe. Unsere Kinder schickten wir zu Helene Esterhazy. Hügel und Josika verhalfen uns, zu unsern Nachbarn über die Bastei zu kommen. Vom kaiserlichen Hof erfuhren wir nichts; nur die regierende Kaiserin schrieb an Klemens mit der Anfrage, ob Kaiser Ferdinand abdanken sollte.“ Aber dem gestürzten Allmächtigen von vorgestern drängte sich alsbald die Wahrnehmung auf, daß gar vielen Leuten seine Anwesenheit in Wien „unbequem“ wäre. „Bei Taaffe sagte man uns, daß die Rädelsführer Klemens in der Stadt aufsuchten. Die Lage begann für die gastfreundlichen Taaffe so unheimlich zu werden, unsere Verlassenheit war so allgemein, daß wir daran denken mußten, uns von Wien zu entfernen.“ Der Fürst Liechtenstein stellte dem abgetretenen Staatskanzler sein Schloß Feldsberg, etwa 8 Wegstunden von Wien entfernt, zur Verfügung. „Karl Hügel und der gute Rechberg“ - (der nachmalige Minister) - „der doch niemals von uns besonders begünstigt worden war, standen uns beide gleich muthvoll und treu zur Seite. Hügel blieb bei uns und traf alle möglichen Vorsichtsmaßregeln, Rechberg blieb bei den Kindern. Nachdem wir bei Taaffe gespeist, fuhren wir in einem Fiaker fort. Hügel und ich saßen an den Wagenthüren, Klemens in der Mitte. Wir wurden nicht einen Augenblick aufgehalten, obgleich man mit der größten Aufmerksamkeit die im Wagen Sitzenden beobachtete und man uns vielleicht erkannt hatte.“ (Die „Hydra“ führte sich also ganz manierlich auf.) „Wir kamen glücklich in die Jägerzeile, wo wir bei Karl Liechtenstein ausstiegen. Man gab uns einen Wagen, und so fuhr ich und Klemens fort. Hügel auf dem Kutschbock, während meine Kinder unter dem Schutze Rechbergs die Eisenbahn benützten. Welch ein Augenblick! Diese Abreise, diese Flucht, und warum? Was hatten wir gethan? Hatten wir das verdient?“ Hätten Sie, Frau Fürstin, die Kerkerwände vom Spielberg, von Kufstein, von Munkacz, von Venedig, von Mantua um Antwort angegangen, die hätten sie Ihnen geben können. Und aber diese Anfrage war nicht einmal nöthig. Die Frau Fürstin brauchte ja nur den Schrei des Frohlockens zu beachten, welcher bei der Nachricht von Metternichs Sturz durch Deutschland, durch die ganze civilisirte Welt ging, um zu erfahren, „was wir gethan hatten“.

Der gestürzte Minister hat in einer „Autobiographischen Denkschrift“ (Nachgel. Papiere, VII, II, 617 fg.) über seinen „Rücktritt“ Aufklärungen gegeben, welche diesen Rücktritt und seine Laufbahn überhaupt im allerschönsten Licht erscheinen lassen sollen. Wir haben uns mit dieser Apologie hier nicht zu beschäftigen und erwähnen derselben nur, weil sie eine den Fluchtbericht der Fürstin vervollständigende Notiz enthält. Sie lautet: „Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Feldsberg habe ich die Fahrt mit dem Bahnzng über Olmütz nach Prag und auf der Poststraße über Teplitz nach Dresden fortgesetzt. Von Dresden habe ich mich auf der Eisenbahn in bequemen Tagreisen über Hannover nach Minden und von dort mittelst der Post nach Arnheim in Holland begeben. Nach einem achttägigen Aufenthalt daselbst habe ich die Reise über Amsterdam und den Haag nach London fortgesetzt.“ Hier konnte er sich mit dem in Weiberkleidern aus Paris entflohenen Guizot über die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge im allgemeinen und über die „großer“ Staatsmännerschaften im besonderen unterhalten. Auch über diese Konversationen der beiden Propheten des Konservativismus wird wohl kein Protokoll [28] aufgenommen worden sein. Aber man wird schwerlich fehlgehen mit der Vermuthung, die beiden Herren seien zu dem Schlusse gelangt, die ganze Welt müßte verrückt geworden sein und sie allein wären noch bei Verstand.

Leider befällt uns, wir können es nicht verhehlen, ein starker Zweifel an dem Bei-Verstand-Sein der Beiden, wenn wir die selbstgerechten „Mémoires“ Guizots und die selbstgefälligen Aufzeichnungen Metternichs aus seinen letzten Jahren in Betracht ziehen. Größenwahn hüben und drüben. Im Orakelton werden uns da die banalsten Sätze vorgesprochen, wahre Bettelmannssprüche. Der weiland Haus-, Hof- und Staatskanzler hat zuletzt auch noch eine staunenswerthe Entdeckung gemacht (a. a. O. 628): – „Das sogenannte metternich’sche System war kein System, sondern eine Weltordnung.“ Das Wort ist großgedruckt. Nun, wenn das eine Weltordnung gewesen, so war sie, fromm zu sprechen, jedenfalls nicht von Gott, sondern vom Teufel.


  1. „Die Buchstaben erröthen nicht.“ D. Red.     


Ditta’s Zopf.

Eine Dorfgeschichte aus den Abruzzen.0 Von Rosenthal-Bonin.
(Schluß.)


Als Ditta das Städtchen hinter sich hatte, schien sie sehr viel Zeit übrig zu haben, denn sie ließ ihren Esel langsam Schritt für Schritt gehen, wie er Lust hatte, und schaute so behaglich auf den gelbblühenden Ginster, welcher die Straße einfaßte, als ob sie die Millionen Blüthen zählen wollte. So gelangte sie denn, als es schon Mittagszeit war, im Dorfe an. Statt mit Vorwürfen wegen ihres langen Ausbleibens trat ihr die Mutter jetzt mit einer Freundlichkeit entgegen, die so auffällig war, daß Ditta dies trotz der großen Zerstreuung, in der sie sich befand, wahrnahm und davon beunruhigt wurde. Sie kannte ihre Mutter und deren hartnäckige Pläne, sie zu verheirathem und schöpfte Verdacht. Gestern, das fiel ihr jetzt ein, war Pieteranton dagewesen, lange Zeit, wie sie erfahren. Da wird etwas im Schilde geführt, dachte sie, und als der Abend einbrach, nahm Ditta plötzlich, ohne irgend ein Wort weiter zu äußern, wie das ihre Art war, ihre Lagerstatt, die sich in der großen Küchenstube bei ihrer Mutter befand, und brachte das Bett in eine kleine Vorrathskammer, welche ein vergittertes Fenster und eine schwere Eisenthür hatte.

Die Alte sah bei diesem Thun ganz entsetzt auf ihre Tochter. „Sollte diese gehorcht haben?“ stieg die Befürchtung in ihr auf. Das war aber unmöglich, sagte sie sich, denn Ditta war ja, das wußte sie genau, fast während der ganzen Unterredung mit Pieteranton gestern in der Kirche gewesen, wo sie dieselbe am Abend noch traf. „Es wird wieder eine Laune von ihr sein,“ suchte sich die Alte zu beruhigen, „und ich kann das Thürschloß verderben, ehe sie schlafen geht – der Pieteranton soll seinen Willen haben.“ Und zu diesem Ergebniß in ihrem Denken gelangt, suchte auch sie ihr Lager auf, nachdem die Tochter in ihre Kammer verschwunden war.

Dennoch aber ließ ihr, als sie allein war, das Benehmen Ditta’s keine Ruhe. Sie fürchtete, daß das Mädchen plötzlich durch die Flucht nach Rom ihrer Macht sich entziehen könnte – es ergriff sie eine fieberhafte Hast, die Heirath mit Pietro zum Abschluß zu bringen – „der nächste Tag ist voll schwerer Arbeit – solche giebt es im Frühjahr selten – wer weiß, wann sich eine bessere Gelegenheit bietet? – Ditta wird sehr ermüdet sein und fest schlafen“ – so arbeitete es während der schlaflosen Nacht im Gehirn der Alten weiter, und schnell entschlossen sandte sie in aller Frühe schon einen Boten an Pieteranton, und als der Abend kam, steckte sie einen Kiesel in das Thürschloß.

*      *      *

Die Nacht brach herein und Ditta zog sich in die Kammer zurück, sie wollte die Thür verschließen, es ging aber nicht. Das Mädchen versuchte es noch einige Male, dann hörte sie auf zu probiren, holte tief Athem und stand einen Moment bebend da. Plötzlich legte sie sich angekleidet auf das Bett und verlöschte die Lampe. Sie lag so wohl eine Stunde, dann erhob sie sich, schlich leise hinaus zum Eselstall, nahm ein großes Holzfällerbeil, das dort stand, und eilte geräuschlos in ihre Kammer zurück.

Es war eine helle Mondnacht. Das bläuliche Licht floß um die Zacken der Felsen, machte die grünen dunstbedeckten Felder in der Tiefe zu einem geheimnißvoll, leis wogenden Meere und umhüllte die Oliven mit zauberhaften Silberschleiern.

Ditta lag auf dem Bette, die Augen weit geöffnet. Sie hielt den Athem an und lauschte. Jetzt hörte sie ein Flüstern, dann leise Tritte im Hofe, am Hause. Ihre Kammer war dunkel, nur durch das vergitterte Fenster fiel ein heller Lichtstreif auf die Steinfließen des Bodens und zeichnete dort tief schwarz die Gitterstäbe ab. Ditta erhob sich leise von ihrem Lager und stellte sich in den tiefsten Schatten der Kammer. Es blieb alles still wohl eine Stunde lang, deren Minuten Ditta zu einer peinvollen Ewigkeit wurden.

Plötzlich zeigte sich draußen ein schwacher Lichtschein, er fiel jetzt durch die Spalte der unverschlossenen Thür, diese ging leise auf und – ihre Mutter, eine Lampe tragend, gefolgt von Pieteranton, der eine große Rebenscheere in der Hand hielt, kamen leise in die Kammer. Da trat plötzlich Ditta aus der Ecke, die Axt hoch erhoben.

„Komm her, Feigling, und wag es!“ rief sie dem jungen Manne zu, der blaß wie ein Leintuch dastand und vor Schreck und Ueberraschung keines Wortes, keiner Bewegung mächtig war.

Er sah auf das bleiche Mädchen, deren Augen unheimlich leuchteten, er blickte auf das erhobene Beil in ihren nervigen Armen und zog sich rückwärts gehend wortlos, langsam zurück, gefolgt von der Mutter, die zitterte, daß ihr die Glieder schlotterten und man die Zähne zusammenschlagen hörte. Dann ward alles draußen still, ganz still.

*      *      *

Ditta verbrachte die Nacht auf dem Bette sitzend, die Augen weit offen, den schönen Kopf an die rohe, kalte Steinmauer gelehnt. Am nächsten Morgen bereitete sie nicht das Frühmahl, sie grüßte ihre Mutter nicht, bleich war ihr Gesicht und ihr Mund fester geschlossen als sonst. Sie wusch sich und flocht besonders sorgfältig ihr Haar; dann zog sie das Maulthier aus dem Stall, schirrte es an, belud es jedoch zum großen Staunen ihrer Mutter nicht, sondern schwang sich darauf und ritt den Felsweg nach Palene hinunter.

Der Esel trabte schnell und lustig. Da es jedoch noch sehr früh war, stieg das Mädchen bald ab, ließ das Maulthier grasen und legte sich in’s Grün. So ruhte sie, den Kopf auf die Hand gestützt, und die großen Augen schweiften in die Ferne. Ihr starres Gesicht ward allmählich heiter, ein Lächeln flog jetzt über ihre Züge, und sie sah nun fröhlich, sogar glücklich aus. Sie lachte plötzlich wie von einem angenehmen Einfall belustigt – dann erhob sie sich, rief den Esel, der seine Freiheit ausgiebig benutzt hatte, und setzte ihren Weg weiter fort.

Nach kaum einer halben Stunde hielt das Mädchen wieder vor Herrn Lugeno’s schon geöffnetem Laden.

„Ah, Signorina, heute schon so früh!“ begrüßte sie Herr Lugeno, und auf den unbeladenen Esel schauend, fuhr er fort: „Sie wollen gewiß Ihre Zwiebeln wieder haben? Mutter Ceprano wird –“

„Ich komme nicht deshalb, Herr Ernano,“ unterbrach ihn Ditta, eigenthümlich lächelnd. „Ich bitte Sie heute um Ihren Dienst als Barbier – Sie frisiren ja und schneiden die Haare. Ich bitte Sie, mir das Haar abzuschneiden.“

„Was, Fräulein?“ rief entsetzt Herr Lugeno. „Ihre schönen Haare? Nein, es ist nicht Ihr Ernst – das bring’ ich auch nicht über’s Herz!“

„Sind Sie ein Barbier, Don Ernano?“ frug jetzt Ditta mit dem Ernst und der Festigkeit, die ihr eigen waren.

[29] „Ja, das steht ja auf meinem Schild, und ich schneide auch die Haare Jedem, der ’s verlangt, doch – doch – wollen Sie denn Ihren schönen Zopf verkaufen?“ erkundigte sich Herr Lugeno, und seine guten Augen blickten ganz trübe.

„Nein – ich will ihn nicht verkaufen – ich komme zu Ihnen, Don Ernano, damit Sie meinen Wunsch erfüllen,“ fuhr Ditta gleich fest und bestimmt fort.

„Muß ich denn wirklich, Fräulein?“ sagte darauf Herr Lugeno, etwas kleinmüthig geworden durch den energischen Ton des Mädchens.

Ja – Sie müssen, wenn Sie wollen,“ war Ditta’s seltsame Antwort. Und damit trat sie schnell in den Laden.

„Wenn Sie wüßten, wie leid mir das thut!“ begann Herr Lugeno wieder. „Ist es denn ein Gelübde, Signorina?“ forschte er.

„So was Aehnliches. Für mich mehr,“ klang es zurück.

„Es ist also Ihr fester Wille?“ wagte noch einmal Herr Lugeno zu fragen.

„Wollen Sie oder wollen Sie nicht, Don Ernano?“ frug darauf Ditta, und that, als ob sie schwer gekränkt fortzugehen im Begriffe sei.

„Nun denn, wenn es durchaus sein muß. Dann bitte, setzen Sie sich!“ erwiderte Herr Lugeno und ging zögernd zu seinem Schranke, wo er sein Barbierhandwerkzeug verwahrte.

In diesem Augenblicke traten zwei Bürger in den Laden und nahmen auf Stühlen Platz. „Beschäftigt, Don Ernano?“ frugen sie, schelmische Seitenblicke auf die schöne Kundin werfend.

„Stehe im Augenblicke zu Diensten, meine Herren,“ gab der Blonde zurück. „Doch wohl nur ein Stückchen?“ frug er halblaut, sich zu Ditta niederbeugend und ihren fast armdicken schwarzen Haarzopf in die Hand nehmend.

„Nein, nahe am Kopfe,“ lautete Ditta’s leise geflüsterte Antwort.

Herr Lugeno richtete ihr sanft und zart das Haupt. Sie sah jetzt durch den kleinen Spiegel vor ihr ruhig und fast heiter, wie der große blonde Mann mit ganz finsterem Blicke drückte und schnitt. Das Werk war nicht so ganz leicht, doch nach wenigen Minuten hielt Herr Lugeno mit betrübten Mienen den Zopf in den Händen.

Ditta erhob sich. „Addio, Signori,“ sprach sie, sich gegen die Herren verneigend. „Addio, Don Ernano,“ grüßte sie Herrn Lugeno, und ehe dieser sich noch von seinem Staunen erholt hatte, war Ditta schon draußen, saß auf ihrem Reitthiere, und Herr Lugeno stand da mit nicht sehr klugem Gesichtsausdrucke, den schöngeflochtenen Zopf in den Händen, und schaute ihr, wie sie die Straße zurücktrabte, kopfschüttelnd nach.

„Eine nette Kundin, Signore!“ scherzten die Gäste, welche nicht gehört hatten, was vorangegangen war.

„Ein schönes Mädchen, meine Herren,“ gab Herr Lugeno sehr gedankenvoll zur Antwort, „aber ein sehr seltsames, ein unbegreifliches.“

„Habt Ihr den Zopf gekauft?“ erkundigten sich die Männer.

Der Barbier schüttelte ernst den Kopf.

„Nun, was denn?“ forschten die Kunden neugierig.

„Weiß nicht,“ gab Herr Lugeno ganz gegen seine Art einsilbig zurück, und er machte sich ganz verwirrt daran, die Kunden zu rasiren.

Er war sonst nichts weniger als nervös, aber heute zitterte ihm die Hand bei der gewohnten Arbeit, und er mußte sich zusammen nehmen, daß er die alten Kunden nicht schnitt.

„Wollt Ihr Ditta Ceprano aus Palenella, der Ihr den Zopf abgeschnitten, heirathen oder nicht?“ (S. 30.)

„Was hat das zu bedeuten?“ murmelte er, als er allein war, den Zopf ängstlich betrachtend, „was hat sie damit gewollt? Was soll ich mit dem Haare? Ob es ein Gelübde ist?“ grübelte er weiter; „das Weibervolk hier thut oft sonderbare Gelübde – aber dies Mädchen ist doch so vernünftig, so klug und gar nicht abergläubisch!“ Herr Lugeno sann lange nach; da er jedoch durchaus nicht darüber klar werden konnte, zu welchem Zwecke seine schöne Lieferantin so gehandelt, schloß er den Zopf, der ihm plötzlich wie eine unheimliche Schlange vorkam, in seinen Schrank ein und verbrachte die folgenden Stunden in ziemlich unbehaglicher Stimmung, wie eine unklare Sache, in der man ohne zu wollen mitgewirkt, solche ja leicht hervorzubringen pflegt.

*      *      *

Gegen Mittag kehrte Ditta nach Palenella zurück. Sie ritt in das Dörfchen ein, ihr Kopftuch in der Hand, was nach dem dortigen Gebrauche ganz ungewöhnlich war, und hinten am Kopfe war anstatt des gewaltigen, stets schön geflochtenen Zopfes nur noch ein rauher Stumpf zu sehen. In wenigen Minuten wußte das ganze Dorf: Ditta war der Zopf abgeschnitten worden! Und wenn die Einwohner dies nicht durch das mit Eilfüßen laufende Gerücht so schnell schon erfahrenn hätten, sie würden es jetzt zu Gehör bekommen haben durch das entsetzliche Schreien und Weinen, mit dem Mutter Ceprano ihre so entstellte Tochter begrüßte. Die Alte rang die Hände, raufte sich das Haar, rief alle Heiligen an, verwünschte Alles, was auf Erden und im Himmel war, und heulte und schrie wieder, daß es bis zum entferntesten Hause des Dorfes tönte und eiligst die ganze Nachbarschaft vor dem Hause zusammen lief. Dort saß ruhig Ditta auf dem Maulesel, ließ die Kinder sie verhöhnend und verspottend umtanzen und die Männer und Weiber zischen und staunen.

Das erste Gefühl bei den Dorfbewohnern war, daß man dem stolzen Mädchen diese Schmach, diese Demüthigung von Herzen gönnte. Dann jedoch, als kein Bursche kam, den Zopf triumphirend zu zeigen und seine erzwungenen Rechte geltend zu machen, trat an Stelle der Schadenfreude bei Allen Zorn und Wuth auf den Fremden, der das gethan! Der Gemeindestolz machte sich geltend, wilde Stimmen erhoben sich, die da riefen: „Wer es auch war, er soll es nicht ungestraft gethan haben! Ein Mädchen aus unserer Gemeinde – er hat uns Alle geschändet – das soll er gut machen, oder es kostet ihm sein Leben!“ – Man fuhr mit den Fäusten in die Luft und stieß wilde Drohungen und Verwünschungen aus, man drängte sich um Ditta, die auffallend ruhig auf ihrem Maulthiere saß und mit Spannung der sich immer steigernden Aufregung, dem stets anwachsenden Tumulte zusah. „Wer war es – wer hat’s gethan?“ schrie man Ditta von allen Seiten an, „sag’ es – kennst Du ihn? wer hat Dich und uns Alle so beschimpft, Mädchen? Du mußt es sagen!“ schrieen hundert zornige Männer- und Frauenkehlen in allen Tonarten. „Er muß Dich heirathen! ja, das wollen wir sehen! Er muß, oder er stirbt! Wer war es – wer?“ schrie und tobte Alles durch einander.

„Es ist Einer aus Palene,“ rief Ditta mit ihrer hellen Stimme.

„Aus Palene? Ah, er stirbt, wenn er nicht seine Pflicht thut!“ schrie man darauf. „Wer aus Palene?“

„Der Händler Don Ernano,“ antwortete Ditta.

„Der – der – ein Fremder!“ rief man – „der Blonde – der Jäger!“ schrie der ganze Haufe.

[30] „Gleich ist’s!“ schrieen Andere dagegen – „ganz gleich, auch wenn er ein Städter – er stirbt, wenn er Dir die Ehre nicht wiedergiebt, ja er soll sterben von unseren Händen!“ lärmte Alt und Jung mit wilden, zornblitzenden Augen, „Er muß auf der Stelle der Gemeinde ihr Recht zukommen lassen,“ ließ einer der Stimmführer sich vernehmen. „Ich gehe zu ihm, sofort. Nehmt Eure Messer, Männer! Wer kommt mit?“

„Ich! Ich!“ rief es aus zwanzig Kehlen, und ein Trupp Männer löste sich von dem Haufen und schlug mit schnellen Schritten den Schluchtweg nach Palene ein.

Ditta stieg jetzt von ihrem Maulthier, zog es gleichmüthig in den Stall, wehrte die Mutter ab und ging dann in ihre Kammer. Hier setzte sie sich erschöpft auf den einzigen Stuhl, den diese enthielt, und holte tief Athem.

„Jetzt kann ihn Niemand todtschlagen, wenn er mich heirathet, jetzt zwingen sie ihn ja dazu,“ sagte sie leise zu sich selbst. „und er wird es ihnen nicht verweigern. Er hat mich gern, das weiß ich jetzt, und Pieteranton wird sich hüten, ihn anzugreifen und sich an ihm zu rächen. Er hätte ja die ganze Gemeinde gegen sich, und seine Tage wären gezählt. Hilf, gnädige Mutter Gottes, Schmerzensreiche,“ wandte sie sich dann, die Hände faltend, zu dem Muttergottesbilde über ihrer Bettstätte, „hilf mir armen Mädchen, daß Alles gut geht!“ So betete Ditta lange, lange zur Madonna.

Etwa eine Stunde nach dem eben Geschilderten trat erst ein Mann von der Palenella–Bauernschaft in das Schanklocal Lugeno’s und ließ sich einen Becher Wein geben; wenige Secunden darauf kam ein zweiter, dann ein dritter, und ehe der Barbier es sich versah, war seine Stube voll von finster blickenden Landleuten, die alle Messer in den bunten Leibgürteln stecken hatten.

Herr Lugeno war ein harmloser und ein muthiger Mann, aber jetzt war er doch etwas betreten. Er begriff, daß etwas Ungewöhnliches, Unheimliches im Werke sei, und ihm ward schwül zu Muthe.

„Don Ernano,“ nahm jetzt der Hauptsprecher der Männer das Wort, „Sie haben einer der Unsrigen den Zopf abgeschnitten – haben Sie das, Meister?“

„Ja!“ kam es beklommen von den Lippen des großen blonden Mannes, der keine Ahnung hatte, wo dies hinaus wollte.

„Haben Sie den Zopf?“

„Ich habe ihn,“ war Herrn Lugeno’s Antwort.

„So zeigen Sie ihn uns,“ forderte man mit gedämpfter Stimme.

Der Barbier ging an einen Schrank und nahm den Zopf Ditta’s heraus.

„Da ist er,“ sprach er.

„Sie kennen das Mädchen?“ inquirirte man weiter.

„Ja, es ist Ditta Ceprano, ich kenne sie lange.“

„Gut! Wollen Sie das Mädchen heirathen?“ frug jetzt finster der Sprecher, an den Barbier und Cafetier herantretend.

„Heirathen? Die Ditta Ceprano?“ fuhr Herr Lugeno ganz verblüfft zurück.

„Wollen Sie?“ Und ein Dutzend große Messer flogen unheimlich blinkend aus den bunten Leibbinden, während die Männer im Nu den Eingang versperrt, den höchlichst erschreckten Herrn Lugeno umringt und in eine Ecke gedrängt hatten. „Sagen Sie ja oder nein!“ rief man mit unterdrückten Stimmen.

Herr Lugeno suchte sich zu sammeln und sah von Einem zum Andern. Das war kein Spaß hier, das merkte er wohl. Wie haßerfüllt die Augen der Männer auf ihn gerichtet waren! Wie finster und entschlossen ihre Mienen! Er fühlte, daß er noch nie so nahe dem Tode gewesen, wie in diesem Augenblicke, und sein Athem stockte.

„Aber sagt mir nur -“ begann er.

„Still, Mann!“ zischte ihn jetzt der Sprecher an. „Keine Ausflüchte! Kein überflüssiges Wort! Antwortet mir: wollt Ihr Ditta Ceprano aus Palenella, der ihr den Zopf abgeschnitten, heirathen oder nicht? Erklärt Euch kurz und bündig, jetzt, im Augenblick hier vor uns, daß Ihr das wollt, oder Ihr seid in zwei Minuten, so wahr wir Alle selig werden wollen, ein Mann des Todes!“

In Herrn Lugeno’s Augen leuchtete es freudig auf, er wischte sich aufathmend den Schweiß von der Stirn. Dann sagte er freundlich lächelnd:

„Ja, natürlich will ich das, Männer, von Herzen gern, Männer, wenn sie mich nur will –“

„Sie muß wollen!“ ertönte es jetzt mit dem gleichen unerschütterlichen Ernst von Allen zugleich. „Ihr schwört also, jetzt, hier vor uns, die Ditta zu heirathen, Euch mit ihr von unserem Priester in unserer Kirche trauen zu lassen – sobald Ihr könnt, jedenfalls innerhalb dieses Monats,“ ließ sich der Sprecher weiter vernehmen.

„Ich schwöre das bei meinem Seelenheil!“ sagte der Blonde eifrig.

„So ist es gut,“ meinte darauf der Anführer der Bauern. „Ihr habt klug daran gethan, Meister, denn wahrlich, lebend hättet Ihr Eure Butike sonst nicht verlassen!“ Darauf steckten die Männer ihre Messer ein, bestellten ein paar Liter Wein, tranken dem noch immer überraschten Herrn Lugeno Jeder einzeln zu, verließen mit höflichem Gruß den Laden und gingen in ihr Dorf zurück.

Sie kamen noch bei guter Zeit an und begaben sich sofort in das Haus der Mutter Ceprano. Die Alte weinte und klagte noch immer über den Schuft, den Lump, den Räuber, der das gethan. Ditta aber saß ganz zufrieden am Tisch und ließ sich die Abend-Polenta schmecken.

„Wir bringen gute Nachricht, Ditta!“ riefen ein Dutzend Stimmen ihr zu. „Er will, er hat’s geschworen bei seinem Seelenheil, er will Dich zur Frau nehmen, in diesem Monat noch, Mädchen. Sei froh, Du bist dann wieder geehrt, wie wir Alle. Er ist ein kluger, ein angesehener Mann, er ist so gut wie Jeder in unserer Gemeinde, Ditta.“

„Ich bin es zufrieden,“ erwiderte darauf Ditta. „Ich danke Euch, Freunde, Ihr habt brav für mich gehandelt, ich werden es Euch gedenken.“ Und der Schimmer glücklichster Freude verklärte des Mädchens Gesicht.

Es ging an diesem Abend in dem stillen Dorfe geräuschvoller und erregter zu als seit langem; die Einwohner feierten ihr Auftreten wie einen gewaltigen Sieg und scherzten und lärmten bis tief in die Nacht hinein. Sie hatten keine Ahnung davon, daß eine kluge Evastochter sie überlistet und mit ihren eigenen Waffen geschlagen hatte, um sich vor den Nachstellungen eines verhaßten Freiers zu retten und den Mann, welchen sie liebte, ohne Gefahr für diesen selbst heirathen zu können.

Die Einwohner Palenellas gingen schließlich vergnügt zur Ruhe, und Ditta schlief so glückselig und ruhig ein, wie noch nie in ihrem Leben.

Am nächsten Morgen ganz früh finden wir sie schon wieder unterwegs nach Palene, und bald war sie vor dem Laden Lugeno’s. Der Besitzer des Geschäfts stand in der finsteren Küche am Herde und kochte Kaffee. Er hörte die Eintretende nicht.

„Don Ernano,“ sprach ihn Ditta mit weicher, demüthiger, bittender Stimme an. „Verzeihen Sie mir?“

Herr Lugeno kehrte sich wie vom Blitze getroffen um.

„Ditta! Ditta!“ rief er aus; „aber sagen Sie mir nur um Himmels willen, liebes Mädchen, was dies alles bedeutet? Ist es wahr? Muß ich Sie wirklich heirathen –?“

„Ist Ihnen das so schrecklich, Signore? Ich glaubte – ich dachte –“ sprach mit klagendem Tone, zitternd und nach Athem ringend, Ditta.

„Ach, das ist es ja nicht, Fräulein, ich bin ja überglücklich, daß ich eine so liebe, schöne, brave Frau bekommen soll,“ tröstete Herr Lugeno mit herzlichster Stimme. „Weinen Sie doch nicht, liebstes Mädchen, das Glück ist mir ja wie ein Platzregen vom Himmel gefallen. Ich wünsche mir keine andere Frau, wie Sie, mein Fräulein, aber ich weiß ja gar nicht, wie mir geschehen, begreife nicht, warum denn, wie so denn das alles gekommen? Ich bin ja zu einem Glücke, an das ich nicht zu denken wagte, mit zwanzig Messern gezwungen worden. Weßhalb denn dies, Fräuleinchen, und warum haben Sie sich denn den Zopf von mir abschneiden lassen?“

Ditta hatte bei den liebevollen Worten des Barbiers schnell ihre Thränen getrocknet; sie sah ganz glückstrahlend zu dem großen blonden Mann auf.

„Ich will Ihnen alles ausführlich erzählen, Herr Lugeno,“ versetzte sie darauf. „Ich habe so handeln müssen, um Sie vor der Rache eines beleidigten, abgewiesenen, bösen Freiers zu retten. Jetzt stehen Sie unter dem Schutze des ganzen Dorfes, und er wird sich wohl hüten, Ihnen zu nahe zu kommen.“

[31] Und nun berichtete Ditta den Verlauf der Dinge, wie Alles zugegangen und wie sie nach dem Ueberfall vor zwei Tagen den Entschluß gefaßt habe, sich die Haare lieber von ihm, als von irgend einem Anderen abschneiden zu lassen.

„Und werden Sie mir nun verzeihen?“ frug Dilta verschämt und leise.

„Verzeihen? Von ganzem Herzen danken will ich Dir, Du liebes, kluges, tapferes Mädchen,“ sagte darauf Herr Lugeno. „Wahrlich, Du bist klüger und gescheidter, als der klügste Advocat.“ Und jetzt zog er die schöne große Dorfjungfrau an sich, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und gab ihr einen langen, langen Kuß, den Ditta herzlich erwiderte.

„Wie schade um Deine schönen Haare! Wenn sie nur erst wieder gewachsen wären!“ nahm nach dieser so angenehm ausgefüllten Gesprächspause Herr Lugeno das Wort, indem er zärtlich die kurzen Strähnen seiner Braut streichelte.

„Dafür mußt Du als Friseur sorgen,“ entgegnete Ditta. „Ich habe doch einen guten Tausch gemacht. Welches Mädchen gäbe nicht den schönsten Zopf für einen so guten, lieben, klugen Mann wie Du, noch dazu, wenn der Geliebte ihn selbst abschneidet!“ fügte das Mädchen neckend hinzu.

*      *      *

Indeß in dem Gemüseladen und Barbierstübchen auf dem Marktplatze in Palene die beiden Liebenden so freundliche Worte tauschten und die so rosig sich vor ihnen aufthuende Zukunft besprachen, gab es im Dörfchen Palenella eine stürmische, aufregende Scene. Am Morgen dieses Tages hatte auch Pieteranton das Vorgefallene erfahren. Er schnob Wuth und Rache und eilte nach Palenella hinunter, das Herz fast berstend vor eifersüchtigem Zorne, den Kopf voll wilder Gedanken. Er raste zuerst gegen die Bauern wegen ihrer Dummheit – ihm war der blonde Barbier von allen Menschen am meisten verhaßt, und jetzt gewann er ihm noch das Mädchen ab, welches eine so heftige Leidenschaft in ihm entzündet hatte. Er versuchte die Einwohner gegen den Händler aufzuhetzen, er schilderte ihn als einen schlauen Spitzbuben, der mit Ditta im Einverständniß gehandelt, und das Mädchen um des Geldes wegen nähme. Damit kam er aber übel an. Die Dörfler wollten an ihrem Siege nicht rütteln und deuteln lassen. Sie wußten die Sache besser, und es wurde dem Pieteranton so eindrücklich bedeutet, die Hände von dieser Angelegenheit zu lassen, daß er vorerst vierzehn Tage zu Bett lag und dann nicht nur an Palenella in einem sehr weiten Bogen vorbeiging, sondern sogar den ganzen Bezirk verließ und nach Neapel in eine Stellung sich begab.

Mutter Ceprano zeigte sich außerordentlich freundlich und höflich gegen den neuen Tochtermann, der auf Ditta’s Rath beschlossen hatte, das Gütchen hier oben zu verpachten, den Pachtertrag der Mutter zum Leben zu überlassen, sein Geschäft in Palene zu verkaufen und in Rom eine nette Barbierstube mit kleinem Café zu etabliren, wo sie schon dafür sorgen wollten, daß die Gäste zufrieden seien.

Drei Wochen später feierte das Paar seine Hochzeit, wobei ganz Palenella und fast ganz Palene zugegen war und sehr viel Geld in Schwärmern, Kanonenschlägen und Raketen verpufft wurde.

Diese seltsame Heirath machte natürlich im ganzen Bezirk das größte Aufsehen, und der heimlich gehaltene Gebrauch der Bauern in den Abruzzen ward dadurch in weiten Kreisen bekannt. Nicht immer jedoch verlief diese barbarische, wohl uralte, für jene Bevölkerung so außerordentlich charakteristische Sitte so heiter, führte zu einem so glücklichen Ende, wie wir dies in unserer kleinen Erzählung gezeigt.




Der Knabenhort in München.

Von R. Artaria.

Ein Asyl für aufsichtslose Kinder nach der Schulzeit – wer hätte an ein solches Bedürfniß vor dreißig Jahren gedacht oder Geld dafür gegeben! Wie Viele legen auch heute noch die Anzeige davon bei Seite und brummen: „Humanitätsblödsinn! Man soll die Jungen auf der Gasse spielen lassen, wenn die Schule aus ist, das wird ihnen nichts schaden. Wohin soll es führen, wenn man nun auch noch die Proletarierkinder in Watte wickelt!“

Allen solchen Philosophen, die in der Behaglichkeit ihres Zimmers keine rechte Vorstellung von der kalten, dunkeln Arbeiterwohnung haben, von der Vater und Mutter abwesend sind, um den Kindern Brod zu schaffen, ihnen allen möchte ich zur Bekehrung den Gang nach der unteren Türkenstraße in München empfehlen, den ich kürzlich zurücklegte, um die Anstalt „Knabenhort“ zu besuchen. Sie hat schon in der kurzen Zeit ihres Bestehens bewiesen, daß sie einem wirklich dringenden Bedürfniß abhilft, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo ähnliche Anstalten so gut wie die Volksschulen dauernde Einrichtungen jeder Großstadt sein werden. Bricht doch neuerdings auch in den Kreisen, die sich am liebsten in engherzigem Genußleben ganz vom Elend der Massen abschließen möchten, die Ahnung durch, daß die vielen feinen Reize und Vergnügungen der Großstadt nicht nur mit Geld, sondern mit der Gesundheit und Lebenskraft von Tausenden erkauft werden und daß es deshalb Pflicht der Bevorzugten und Genießenden ist, diese Existenzen in’s Auge zu fassen und ihnen die hülfreiche Hand zu bieten.

In wie vielen Arbeiterhäusern genügt die Thätigkeit des Mannes nicht, die Familie zu ernähren, sodaß die Mutter mit auf den Erwerb gehen muß; wie viele arme Wittwen arbeiten allein und angestrengt tagüber außer dem Hause und kommen Nachts mit banger Sorge zurück, ob ihre Kinder nicht an Leib und Seele Schaden genommen haben! Wie viele junge Verbrecher endlich säßen nicht frech und ruchlos auf der Anklagebank, um später ungebessert aus dem Zuchthaus heimzukehren, wenn in ihrer Kindheit sich eine Menschenseele um ihre Erziehung gekümmert und sie mit Ernst und Liebe auf den rechten Weg gewiesen hätte! Dies Alles sind unumstößliche Wahrheiten, und deshalb erregt es das höchste Interesse, statt der vielen papiernen Declamationen über die sociale Frage, die immer nur das „schätzbare Material“ vermehren, hier einmal dem praktischen Versuch zu begegnen, diese böse und gefürchtete Frage direct an der Wurzel anzugreifen.

Was er wohl sagen würde, der Verfasser des „Emile“, dessen Herz so warm für die bessere Erziehung des Menschengeschlechtes schlug, wenn er mit uns hätte eintreten können in das bescheidene, mäßig große Parterrelocal (Türkenstraße 48), wo fünfzig junge Blond- und Braunköpfe, um eine Anzahl langer Tische gereiht, beim Eintritt des Fremden sich erhoben und einen schallenden „Guten Abend“ wünschten? Der „Erzieher“, der diese Jugend von 6 bis 14 Jahren zu beaufsichtigen hat, und Herr Rath Jung, der ausgezeichnete Mann, dessen aufopferungsvollem Bemühen die Einrichtung der Anstalt zumeist zu verdanken ist, kommen uns mit der größten Freundlichkeit entgegen, und ihnen verdanken wir die Aufschlüsse, welchen ich die nachstehenden Notizen entnehme.

Der satzungsgemäße Zweck des Vereins, welchem Jeder durch den Jahresbeitrag von nur einer Mark beitreten kann, ist: schulpflichtige Knaben unbemittelter Eltern während eines Theiles der schulfreien Zeit durch geeignete Personen in bestimmten Localen zu beaufsichtigen, nützlich zu beschäftigen oder in Verstand und Gemüth

[32]

Litthauische [Sc]hlittenfahrt.
Nach dem Oelgemälde von [A.] Wierusz-Kowalski.



anregender Weise zu unterhalten. Die Knaben sollen hierdurch an Gehorsam, Ordnung, Thätigkeit, gute Sitten und Reinlichkeit gewöhnt und vor den Einflüssen nachtheiliger Gesellschaft bewahrt werden.

Und in der That ist das gemüthliche Asyl vollkommen dazu gemacht, allen diesen Zwecken zu entsprechen. An den Schultagen um 4 Uhr, Mittwoch und Samstag um 2 Uhr haben sich die Knaben auf dem kürzesten Wege einzustellen. Unser Besuch fand an einem Montag nach 4 Uhr statt, die großen Hängelampen waren bereits angezündet und zwei Brotschneidemaschinen in voller Thätigkeit, Jedem sein Stück „rund um den Laib herum“ zu liefern. Ein Knabe von jedem Tische hat das Quantum für denselben zu schneiden und zu vertheilen. An der Wand steht ein blanker Wassereimer mit kleinen Schöpfgefäßen – das einfache Vieruhrbrod soll nur Hunger und Durst stillen, keine Ueppigkeit erwecken. Es ist immer noch mehr, als Viele im Hause finden würden.

Ist das letzte Stück Brod verschwunden, so kommen die Aufgaben an die Reihe. Die Knaben müssen hier also in derselben Weise handeln, wie es ordentliche Kinder zu Hause zu machen pflegen. Der Lehrer oder vielmehr Erzieher hält Ruhe und Stille aufrecht und enthält sich jeder Nachhülfe. So, wie der Junge zu Hause arbeiten würde, schnell oder langsam, gut oder schlecht, arbeitet er hier, und die nachfolgenden Schulnoten in den einzelnen [33] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.




Fächern üben keinen Einfluß auf die Behandlung, die er im Knabenhorte erfährt. Eine schlechte Note im Fleiße oder Betragen dagegen zieht ernste Rüge oder Strafe von Seiten des Erziehers nach sich. Es ist ein schönes Resultat der Anstalt, daß die schlimme „Drei“ im Betragen nur noch ausnahmsweise vorkommt und die meisten der Kinder sich der Note „Eins“ erfreuen.

Einige gute Köpfe haben ihre Aufgaben schnell beendigt, während die langsameren Lerner noch über dem Einmaleins brüten; die Ersteren müssen also vor der Hand geräuschloser Beschäftigung, Lesen und Zeichnen nachgehen, bis endlich das letzte Punktum gemacht, die letzte Schiefertafel eingepackt ist und nun über das weitere Spiel abgestimmt wird. Die Minorität hat sich der Majorität zu fügen, die Tische werden bei Seite gerückt, wenn es Laufspiele gilt, und der Erzieher bevorzugt solche, um den angestrengten Augen Ruhe zu verschaffen. Außerdem enthält aber ein großer Schrank eine stattliche Auswahl von Baukästen, Legspielen und Beschäftigungsmitteln aller Art, welche von den betreffenden Handlungen dem Knabenhorte geschenkt wurden, daneben liegen Stöße von Zeichenheften, in denen die freie Phantasie ihrer Besitzer höchst wunderbare Pferde und Soldaten hervorgebracht hat. Auch hier kein Zwang, keine Vorlagen, außer selbstgewählten, die in zweckmäßiger Beschaffenheit vorhanden sind.

[34] Rings in dem Saale hingen die Mützen und Ueberzieher in schönster Ordnung. Wer im Laufe des Tages einen Knopf an der Jacke eingebüßt hat, muß sich beim „Compagnieschneider“ melden, und dieser, ein geschickt und gescheidt aussehender kleiner Kerl, producirte uns mit vielem Stolze sein Nähkästchen, worin in musterhafter Ordnung Nadeln und Fäden, Fingerhut und eine imposante Knopfsammlung enthalten waren. Wir erfuhren, daß der ältere Bruder des Kleinen, der im vorigen Jahre dasselbe Amt ausübte, durch die Reize desselben veranlaßt wurde, sich die Schneiderei als Lebensberuf zu wählen, und heute schon bei einem Meister arbeitet. Ebenso wird mancher Andere durch die Laubsäge-Arbeiten und Zusammenstellung von Modellirbogen direct auf die betreffenden Gewerbe hingeführt, und die kleinen Gegenstände von der Hand der Knaben, welche die Wände zieren, die Prachtgallerie von pappdeckelnen Schlössern und Burgen, die auf dem großen Schranke steht, Alles dies ist mit einer bewunderungswürdigen Exactheit ausgeführt und oft mit erfinderischem Geiste behandelt. Gespannte Aufmerksamkeit begleitete unsere Bewegungen, und es war interessant, diese Sammlung von jungen Menschengesichtern, grob- und feingeschnittenen, aufgeweckten und trägen zu sehen, unter denen jetzt Herr Inspector Jung einen der kleinsten Sechsjährigen herausgriff und auf den Stuhl stellte, um ihn im Gesange zu produciren. Und wirklich haspelte der kleine Mann mit einer Gedächtnißkraft und musikalischen Sicherheit, die dem kleinen Lieblinge eines Salons Dutzende von Küssen eingetragen hätten, ein vielstrophiges Lied herunter, das er irgendwo auf der Gasse aufgelesen, „Die Schlacht von Wörth“, worin dem „schlauen Bonaparte“ gehörig heimgeleuchtet wurde. Urkomisch sah es dabei aus, das schwarzäugige kleine Menschlein mit dem Selbstständigkeitszuge um das bewegliche Mäulchen, welcher den Wortkämpfen der Gasse sein Dasein verdankt und an besser gehüteten Kindern nicht anzutreffen ist. Aber ein ganzer Kerl war der Kleine und sang ohne jede Menschenfurcht und Scheu sein langes Lied herunter.

Mitten unter seinem Recitiren wurde die Thür aufgerissen und herein trat hastig und mit glänzenden Augen ein Prachtjunge von fünfzehn Jahren, ein früherer Zögling, der, nun bei einem Decorationsmaler in der Lehre, nach Schluß der Werkstatt herübergerannt kam, um mit seinen alten Cameraden zu spielen. Er hatte ein leichtes Jäckchen über seinen fleckigen Arbeitskittel geknöpft, um anständig auszusehen, und reichte den beiden Vorgesetzten die Hand mit einem Blick der Dankbarkeit und Liebe, der mir unvergeßlich sein wird.

Die alte Erfahrung, die sich überall bewährt: daß Güte und Theilnahme auch trotzige Menschengemüther allmählich lindern und umbilden, sie zeigt sich auch hier auf’s Schlagendste. Ungezogene Kinder sind manierlich geworden, die Eltern, welche zu Berichterstattungen veranlaßt werden, bezeugen einstimmig, daß sich das Betragen der Jungen gegen die kleineren Geschwister daheim sehr zum Vortheil geändert habe (nur ein Vater macht die Bemerkung, daß sein Sohn sich immer noch „kaltblütig“ benehme), und vor allen Dingen spricht für die Anhänglichkeit der Kinder an ihr freundliches Asyl die Thatsache, daß sie die einzige dort verhängte Strafe, Verbot des Kommens für einige Tage, (körperliche Züchtigung ist ausgeschlossen) mehr als Alles fürchten. Sehr selten ist sie bis jetzt angewandt worden, kein davon Betroffener kam zum zweiten Mal in den Fall, und neuerdings erbot sich Einer, gegen den sie ausgesprochen war, mit vielem Stoicismus zu freiwilligem Fasten und zu einer Tracht Prügel, „wenn er nur dableiben dürfe.“

Solche Thatsachen sprechen lauter als alle Lobpreisungen für die Anhänglichkeit der armen Jungen an die Stätte, wo sie Licht, Wärme und familienhaftes Leben finden, an die Männer, deren freundliche und ernste Worte sie auf den rechten Weg für’s Leben weisen und die auch mit allen aus der Anstalt entlassenen Lehrlingen Fühlung behalten und ihr ferneres Benehmen controliren.

Nun legte uns der Erzieher die kleinen Sparbücher vor, welche mit einem Betrag von zehn Pfennigen begonnen werden können. Es ist wohl den Knaben streng verboten, zu betteln, und sie werden tüchtig gestraft, wenn es zur Anzeige kommt, aber auch ein armes Kind erhält ja da und dort Geld, das die meisten sofort vernaschen. Hier wird mit der Freude am kleinen Besitz die Gewohnheit des Sparens erweckt und nach zweijährigem Bestehen haben die beiden Anstalten schon 300 Mark bei der städtischen Sparcasse gut. Manchmal kommt wohl die arme Mutter, um das Spargeld des Kleinen für den Hauszins zu holen, aber auch dann kann dem Kinde das Bewußtsein nur wohlthätig sein, der Mutter, die so viel für dasselbe thut, die Sorgen zu erleichtern. Und wie viel werth ist für den künftigen Arbeiter eine solche Gewohnheit von Jugend an!

An jedem Tische fungirt ein kleiner Aufseher, aber nur für die Bücher, Hefte und Spielsachen, die er unbeschädigt wieder abzuliefern hat. Denunciationen über seine Cameraden darf er nicht machen und hat in keiner Weise eine bevorzugte Stellung, sein Amt wechselt jede Woche.

Der Erzieher ließ jetzt die Knaben einzeln vortreten und Sprüche hersagen, die in einem eigenen „Spruchbüchlein“ gedruckt sind. Außer diesem erhält jeder Junge beim Austritt aus der Anstalt eine ausgezeichnet geschriebene Broschüre des Herrn Inspektors Jung: „Aus der Schule in’s Leben“, die in kurzgehaltenen Abschnitten alle Hauptseiten des menschlichen Lebens behandelt und in wahrhaft goldenen Worten eindringlich zu religiöser Gesinnung, Selbstprüfung, Benutzung der Zeit, Arbeit und Fleiß, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Pünktlichkeit, Menschenliebe, Vaterlandsliebe, Bedachtsamkeit, Höflichkeit und Geduld, kurz, zu alledem ermahnt, was die gute Führung eines Menschenlebens in allen Stunden ausmacht. Hierin wie in allen Bestimmungen und Gewohnheiten der Anstalt zeigt sich eine liebevolle und weitblickende Fürsorge für die Kinder, deren einfach-glückliche Jugendjahre in Spiel und Erholung verstreichen.

Die Zimmerbeschäftigung ist indessen nur für die vier Nachmittage im Winter Regel, an welchen die Knaben erst gegen fünf Uhr in der Dunkelheit kommen. Mittwoch und Samstag machen sie bei nur einigermaßen leidlicher Witterung weite Gänge in die Umgegend oder auf die zwei städtischen Eisbahnen, wo sie freien Eintritt haben. Der Verein hat unermüdlich gesorgt und gespart, um ihnen warme Joppen anzuschaffen, in denen sie ohne Schaden stundenweit gehen können. Bei dem Local in der Türkenstraße (ein zweites ist kürzlich in der Ickstattstraße eröffnet worden) befindet sich ein geräumiger Hof und Garten. So ist auch die Bedenklichkeit gehoben, daß diese künftigen Handwerker, die später doch vielfach in der Kälte arbeiten sollen, hier durch zu viel Sitzen in der Wärme verhätschelt würden. Ich gestehe, daß ich selbst früher diesen Einwand gegen die Anstalt hatte, er ist mir aber durch den Einblick in dieselbe vollkommen gehoben worden. Freilich sollten es die Knaben hier so gut haben, wie in Darmstadt, wo ihnen ein großer Garten zur eigenen Bebauung und steten Freudenquelle übergeben ist – dergleichen läßt sich aber in unserer gartenarmen Hauptstadt nicht erreichen. Die zwei Miethen schmälern schon ohnehin die Vereinsmittel gehörig, und diese sind nichts weniger als reichlich. Aber sicherlich werden sie sich vermehren, denn in diesem bescheidenen Unternehmen liegt ein neues und lebenskräftiges Princip.

Wenn einmal alle Einsichtigen diesem segensreichen Verein beitreten, wenn, wie der Jahresbericht wünscht, aus jedem der 14,000 Münchener Häuser auch nur eine Mark jährlich ihm zufließt, so wird es möglich sein, in jedem Viertel der Stadt ein Knabenhort-Local zu eröffnen und somit Unzähligen eine unendliche Wohlthat zu bieten. Alle größeren Städte sollten das Beispiel nachahmen, und die segensreichen Folgen würden bald zu spüren sein.

Unsere Zeit, die vielverschrieene, materialistische, ist besser und barmherziger, als jemals eine war im ganzen Laufe der Weltgeschichte. Wir weinen nicht mehr Matthisson’sche Empfindsamkeitsthränen in das Bächlein, das ohnedem schon Wasser genug hat, aber wir greifen an, um die allgemeine Menschennoth zu lindern, die man in jener Zeit empfindender Selbstsüchtelei auch nicht einmal sah oder doch ganz ruhig als nothwendige Institution hinnahm.

Deshalb dürfen wir auch mit gutem Bewußtsein auf die gemeinnützigen Anstalten hinweisen, die allerorten Zeugniß von der thätigen Menschenliebe des neunzehnten Jahrhunderts ablegen. Der Münchener „Knabenhort“ ist eine der erfreulichsten darunter.




[35]
Blätter und Blüthen.


Litthauische Schlittenfahrt. (Mit Illustration auf Seite 32 u. 33.) Der Carnevalsschalk hat seine Macht über alle Länder und Völker ausgebreitet und wußte sich dabei genau den verschiedenartigsten Sitten und Verhältnissen anzupassen. In den weiten Ebenen Polens und Litthauens bewegt er sich freier und tobt mit mehr Ungestüm als in den engen Gassen der Großstädte oder in den Thälern der Gebirgsländer. Seit alter Zeit herrscht im Osten eine eigenthümliche Carnevalssitte, bekannt unter dem Namen „Kulig“.

Wenn die Schlittenbahn zur Fahrt einladet, erscheint in einem Gutshofe unerwartet eine costümirte oder auch maskirte Gesellschaft. Es sind Carnevalsgäste, die gastfreundlich empfangen und bewirthet werden. Nach kurzem Verweilen rüsten sie sich zur Abfahrt und nehmen ihre bisherigen Gastwirthe mit, um in ähnlicher Weise einen benachbarten Gutsbesitzer zu überraschen. So wächst der Zug zu einer langen Schlittenreihe an, und die lauten, fröhlichen Fahrten dauern oft einige Tage lang, bis das letzte der in Aussicht genommenen Dörfer erreicht ist und der nahende Aschermittwoch zur Heimkehr mahnt. Wie alle volksthümlichen Gebräuche, wird in unserer Alles nivellirenden Zeit auch der Kulig immer seltener.

Eine solche costümirte Schlittenfahrt führt das lebensvolle Bild des talentvollen Malers A. W. Kowalski unseren Lesern vor, in welchem der Charakter von Land und Leuten auf das Trefflichste wiedergegeben ist.


Die Abschaffung eines Folterinstruments. Castairs, der Caplan Wilhelm’s III., nachmaligen Königs von England, hatte bereits unter der Regierung der Stuarts außerordentlich für denselben agitirt und war deshalb gefänglich eingezogen worden. Da es nicht gelang, ihn gutwillig zum Bekenntnisse seiner Verbindung mit dem Oranier zu bringen, wandte man die Daumschrauben an, was jedoch ebenfalls keinen Erfolg hatte. Als Wilhelm auf den Thron gelangt war, schenkte die Stadt Edinburgh, wo man den Caplan zur Zeit peinlich verhört hatte, dem standhaften Geistlichen die Instrumente. Der König erfuhr das und ersuchte Castairs, ihm die Daumschrauben zu zeigen. Er steckte alsdann in dieselben seine Finger mit dem Befehle, die Kurbel anzudrehen. Der Caplan that das anfangs sehr vorsichtig, doch der Monarch gebot: „Fester!“ Castairs gehorchte, und Wilhelm schrie plötzlich laut auf vor Schmerz. Alsbald gab ihn der Geistliche frei. „Wahrlich, Du bist ein Held, Castairs!“ rief der Monarch. „Hätte man mich derartig inquirirt, so würde ich Alles, was man gewollt, ausgesagt haben.“

Von da an durften unter seiner Regierung keine Daumschrauben mehr benutzt werden.L. M.     


Ein Käfer als Hausthier. Wenige Kerbthiere erweisen sich bekanntlich so nützlich, daß der Mensch sie in seine Obhut genommen hat, sie gleichsam als Hausthiere pflegt und züchtet; so eigentlich nur die Honigbiene, Seidenraupe, Cochenille und zuletzt auch der Mehlkäfer (Tenebrio molitor), dessen Larven die Nachtigall, die gefiederte Sängerkönigin, ebenso gerne als Leckerbissen verzehrt, wie unsere Primadonnen für Austern schwärmen.

Dieser allbekannte schwarze Käfer von etwa 13 bis 14 Millimeter Länge ernährt sich, seinem Namen entsprechend, vorzugsweise von mehlhaltigen Stoffen, obwohl er auch mancherlei andere, so namentlich Fleisch, verzehrt. Er führt eine nächtliche Lebensweise und schwirrt in der Dunkelheit, nach Nahrung oder einem Ort zum Eierablegen suchend, umher. Die aus den letzteren schlüpfenden Larven, welche bis 28 Millimeter lang werden, walzenförmig und glänzend gelb sind, einen kleinen harten Kopf und drei Paar Füße haben, nennt man Mehlwürmer, und sie werden nicht allein in Mühlen, Bäckereien etc. eingesammelt, sondern auch massenhaft gezüchtet, da man mit ihnen die gefiederten Sänger, die im Käfig gefangen gehalten werden, zu füttern pflegt, ja unter Umständen füttern muß.

Mehlwurm u. Mehlkäfer.

In einem geräumigen, mehr breiten als tiefen, innen glasirten Topfe oder einem entsprechenden mit Blech ausgeschlagenen Kasten wird am günstigsten in der Zeit vom April bis Ende Juni die Mehlwurmhecke eingerichtet, indem man den Raum bis etwas über die Hälfte mit gut ausgetrockneter Weizenkleie füllt, auf diese hartgetrocknete Brodkanten und darüber wollene, mit Weizenmehl schwach bestäubte Lappen, Tuchflicken u. dergl. packt. Hierauf schüttet man in den Topf eine Hand voll Mehlkäfer als Zuchtthiere oder in Ermangelung derselben große Mehlwürmer hinein. Man läßt nun den Topf einige Monate lang unberührt stehen, und in dieser Zeit setzen die Käfer ihre Brut in den wollenen Lappen ab. Zur Fütterung und Tränkung für die Käfer und dann auch für die heranwachsenden Mehlwürmer giebt man täglich nur zerriebene Gelbrüben oder Möhren auf einer Lage von mehreren Blättern Löschpapier, welches mit einer Stricknadel mehrfach durchstochen ist und auf einem Brettchen oder Bleche an eine Seite gelegt wird.

Sorgsamkeit und Reinlichkeit ist auch für die Verpflegung dieses Hausthierchens nothwendig, und man soll nicht glauben, daß dasselbe, wenn der Inhalt des Topfes faul wird oder zu schimmeln beginnt, gut gedeihe. Dringend gewarnt sei daher auch vor der Fütterung mit todten Vögeln oder anderm Fleische. Die faulenden Stoffe schaden zwar den Würmern selbst nicht. Da aber die Vögel bekanntlich auch den Darminhalt der Würmer mit verzehren, so können die in demselben vorhandenen fauligen Stoffe leicht eine vergiftende Wirkung ausüben. So bietet der Mehlwurmstopf, im warmen Zimmer unter einem Spinde oder dem Sopha stehend, nicht allein willkommene Nahrung für die gefiederten Lieblinge, sondern auch eine Quelle für erhebliche Nebeneinnahmen, da das Kilo Mehlwürmer überall für sechs Mark und darüber Abnehmer findet. In der Häuslichkeit aber birgt die Mehlwurmshecke, namentlich wenn viele Töpfe oder Kasten vorhanden sind, auch eine ernste Gefahr. Wenn irgend etwas darin fault oder stockt, so ist die Ausdünstung für die menschliche Gesundheit bedrohlich.

Fast ebenso schlimm aber kann die Mehlwurmshecke auch noch in einem anderen Falle werden. „Wehe, wenn sie losgelassen!“ – die Plage nämlich, welche, aus dem Mehlwurmstopf herstammend, wohl die ganze Wohnung mit Ungeziefer überschütten kann. Motten, Milben, Speckkäfer und dergl. entwickeln sich massenhaft darin, wenn man es nicht sorgsam verhindert. Die Mehlwurmhecke muß daher einerseits wohl verwahrt sein, während sie andererseits aber auch keinenfalls luftdicht verschlossen werden darf. Darum verbindet man den Mehlwurmstopf oder Kasten entweder mit einem festen Stück Gaze oder schließt ihn besser mit einem Deckel aus Metallgaze, durch welche die Luft hineindringen kann, die Käfer und Larven aber nicht hinaus können. Dr. Karl Ruß.     


Auskunft über Vermißte. Wir haben in dem Jahrgange 1883 der „Gartenlaube“ drei Listen mit einer Anzahl von 76 Vermißten abdrucken lassen. Aus den Zuschriften, welche uns in Folge derselben aus Nah und Fern zukamen, können wir Nachstehendes öffentlich mittheilen, während Anderes nur an die betreffenden Familien zu richten war.

Ueber Franz Klug (Nr. 36, 47) ist uns aus St. Gallen eine Spur zu weiterer Nachforschung angezeigt worden.

Ueber Leopold Gottlieb Kirsch (1882, Nr. 42, 84) ist Herr Buchhändler Jacob Block zu Gnadenfeld (Post Halbstadt, Gouvernement Taurien in Süd-Rußlands) im Stande, nähere Auskunft zu ertheilen. Da der Anmeldebrief der Angehörigen nicht mehr in unseren Händen, so bitten wir sie, sich direct an die angegebene Adresse zu wenden.

Aus Buenos Ayres wird uns geschrieben, daß man dort Hugo Engel (Nr. 28, 15) gefunden zu haben glaube. Wir erwarten weitere Nachricht durch Herrn Carlos Jabernig.

Der Buchdrucker Franz Jaksch (Nr. 36, 42) ist gefunden.

Dem Maschinenschlosser Joseph Müller (Nr. 28, 28) ist in Odessa durch die „Gartenlaube“ nach zehn Jahren wieder das erste Lebenszeichen von seinem Vater zugegangen, von dem er in dieser langen Zeit trotz aller Briefe keine Nachricht habe erlangen können. Er ist in der mechanischen Werkstätte von Gustav Bernek, Meisterkajastraße 44 in Odessa beschäftigt, glücklicher Gatte und Vater von drei Kindern, die endlich den Großvater wiederfinden.

Der Sohn und die einzige Stütze und letzte Hoffnung der armen Wittwe A. M. in Danzig, Rudolf Soth (Nr. 46, 64), scheint, wie Herr Ewald Beyer in Gera uns mittheilt, in Odessa zu finden zu sein. Wir haben weitere Nachforschung dort veranlaßt. Vielleicht ergiebt das für die alte Mutter nach zehn Trauerjahren wieder einmal ein helles Osterfest.

Ueber Joh. Scherrl (Nr. 36, 57) erhalten wir eine wahrscheinlich richtige Nachricht von dem Haus Robertson u. Hernsheim in Hamburg.

Auch der lange vermisste Paul Igel (1882, Nr. 42, 71) ist gefunden. Er hat sich von Sachsen aus selbst seiner Mutter gemeldet.

Ebenso hat Karl Höpker (Nr. 46, 74) aus Indien den Seinen Nachricht von sich gegeben.

Als Adresse des Uhrmachermeisters August Schumann (Nr. 46, 69) wird uns aus Petersburg angegeben: Wassili-Ostrow 6. Linie, Haus Lichatschew, Quartier Nr. 175, im 3. Corridor. Wir danken für diese Auskunft, die an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig läßt.

Große Freude kehrte nach sieben Jahren der Sorge und Sehnsucht bei dem nun einundachtzigjährigen Nachtwächter Wolf in Oberspaar (bei Meißen) ein, als derselbe wieder, in Folge unseres Aufrufs (1882, Nr. 34, 52), die erste Nachricht über seinen Sohn August Wolf in Australien erhielt. Letzterer ist wirklich erblindet, und es war nicht seine, sondern der Seinigen Schuld, daß der alte Vater so lange ohne Nachricht blieb. Seine Adresse: „Long Bay near Hobarttown, Tasmania“, die uns auch Herr Otto Koerbin daselbst mittheilte, wird nun Alt und Jung wieder in Verbindung bringen.

Denselben freudigen Dank erwarb sich die „Gartenlaube“ von der hochbetagten Mutter des Heinrich Stammerjohann (Nr. 28, 18) aus Hamburg, der sich in der brasilianischen Provinz Rio grande do Sul eine neue Heimath gegründet hat.

Die zwanzigjährige Lucie Pabst (Nr. 28, 17), die am Abend des 29. November 1882 das elterliche Haus in Quedlinburg verlassen, ist am 3. Juni 1883 in der Bode bei Hedersleben als Leiche gefunden worden.

Wir kommen zum letzten, einem tieftraurigen Berichte. In Nr. 28 der „Gartenlaube“ gaben wir dem Aufrufe Raum: „August Off, der Du vor zwanzig Jahren nach Rio gingst, gieb Deiner alten achtzigjährigen, allein noch lebenden Mutter, die täglich Deiner gedenkt, ein Lebenszeichen!“ – Der Angstruf der Sehnsucht aus dem Mutterherzen drang nicht mehr zu des Sohnes Ohr. Er starb, während die „Gartenlaube“ über das Meer zog, um ihn zu suchen. Nur ein Trost konnte der armen Mutter gegeben werden: Ihr Sohn fand in der Fremde wohl „nicht Glück noch Stern“, aber er hat als Künstler und Mensch sich die Achtung und die Freundschaft vieler Edlen erworben, die an seinen verwaisten Kindern nun ihre Theilnahme bethätigen. August Off galt in Rio de Janeiro als der ausgezeichnetste Maler und Lithograph von Portraits. Die „Revista Illustrada“ der brasilianischen Hauptstadt widmete ihm einen ehrenvollen Nachruf mit seinem Bildniß. Ein Seitenbildchen zeigt seine trauernde Gattin mit den sechs Kindern vom Grabe kommend. Leider ist dies nur künstlerische Zugabe. Kurze Zeit vor August Off’s Erkrankung [36] war seine Gattin mit dreien der Kinder zu Verwandten nach Antwerpen gereist. Niemand kannte bei Off’s Tod ihre Adresse. Vielleicht verkündet dieses Blatt ihr, daß sie Wittwe ist.

Mit dem hier dargelegten Erfolge unserer wenigen Vermißtenlisten im vorigen Jahrgange der „Gartenlaube“ können wir jedoch um so mehr zufrieden sein, als außer dem oben Berichteten uns noch Andeutungen über zu verfolgende Spuren Vermißter von unseren Lesern und Freunden in den fernsten Erdtheilen, von Deutschen in Japan, China, Ostindien und Inseln des Stillen Oceans zugingen, die, mit den oben genannten, uns von Neuem den ebenso ehrenden wie ermuthigenden Beweis liefern, mit welcher Treue und Aufmerksamkeit unsere in aller Welt zerstreuten Leser die Bitten ihrer „Gartenlaube“ berücksichtigen, die für Viele derselben seit einem Menschenalter die treue Stimme aus der deutschen Heimath geworden und geblieben ist.

Wir haben deshalb den wärmsten Dank all den fernen und nahen Freunden auszusprechen, welche uns in der Besorgung dieser Vermißten-Angelegenheit ihre Theilnahme erwiesen haben. Die Freude der beglückten Eltern und Lieben der Gefundenen ist ihr Werk.

Wiederholen müssen wir aber auch beim Beginn des neuen Jahrgangs unseres Blattes zwei Bitten. Aus dem vorigen Jahre müssen über hundert wegen Raummangel unerledigte Vermißten-Anmeldungen in das neue Jahr herüber genommen werden. Diese Zahl mahnt uns an die Nothwendigkeit möglichst sorgfältiger Auswahl der in die nächsten Listen aufzunehmenden Vermißten. Wir bitten deshalb:

1) um sofortige Nachricht über alle indessen durch Auffindung oder den Tod der Vermißten erledigten Anträge, und

2) um Bestätigung der noch dauernden Geltung der vorjährigen Vermißten-Anmeldungen mittelst Postkarten.

Alle Vermißte, für welche solche Postkarten nicht eintreffen, müssen wir von unserer Liste streichen.

Nicht verschweigen wollen wir, daß wir uns gegen alte und arme Eltern und Geschwister besondere Rücksichten erlauben: eine solche Bevorzugung verdient doch wohl der Versuch, vom Kummer jahrelanger Sehnsucht bedrängten Herzen den späten Lebensabend durch einen Hoffnungsschimmer erträglicher zu machen, oder, wenn es glückt, durch ein Freudenlicht zu erhellen. Fr. Hfm.     



Allerlei Kurzweil.



Rösselsprung.

Dem berühmten Mathematiker Euler wurde in einer Gesellschaft beim Schachspiel die Frage vorgelegt, ob es möglich sei, den Springer das ganze Schachfeld so durchlaufen zu lassen, daß er, vom beliebigen Felde ausgehend, alle Felder berühre, aber auf keins zweimal gesetzt werde. Diese „Rösselsprung“-Aufgabe war Euler neu und gab ihm Veranlassung zu interessanten mathematischen Studien, welche er im Jahre 1759 in einer Abhandlung verdeutlichte. Wir werden später Einiges daraus unsern Lesern mittheilen.

Der Rösselsprung war, wie man behauptet, schon seit sehr alten Zeiten in Indien bekannt, und auch in der europäischen Literatur finden sich ältere Abhandlungen über die Grundidee dieses jetzt so allgemein beliebten Unterhaltungsspiels. Die oben erwähnte Aufgabe hat schon vor Euler Chevalier Montmort im Anfange des vorigen Jahrhunderts gelöst. Diese von einem französischen Forscher neuerdings veröffentlichte Lösung ist unserer heutigen Rösselsprung-Aufgabe zu Grunde gelegt worden.


0Buchstaben-Räthsel.
Mit e und i gehört’s zu den Metallen;
Mit a und a verachtet wird’s von Allen.


Homonym.

In der Einzahl gebraucht, hat es herrliche Werke geschaffen,

In der Mehrzahl zerstört’s Einigkeit, Frieden und Glück.

Schach.
Problem Nr. 1.
Von M. Kürschner in Nürnberg.
SCHWARZ

WEISS
Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt.



Auflösung der zweisilbigen Charade in Nr. 1: „Neujahr“.

Auflösung des Stern-Arithmogryphs in Nr. 1: „Die Gartenlaube“. I. Diana. II. Jena. III. Erica. IV. Gera. V. Aosta. VI. Riga. VII.Tiara. VIII. Elsa. IX. Nizza. X. Lima. XI. Aluta. XII. Uria. XIII. Barka. XIV. Edda.


Auflösung der Domino-Aufgabe in Nr. 1: Der vierte Spieler muß folgende 6 Steine

und einen beliebigen siebenten Stein besitzen. Die Vertheilung der übrigen vierzehn Steine ist ohne Einfluß auf das Spiel, weil der zweite und dritte Spieler gar nicht setzen können.


Kleiner Briefkasten.

Ein Abonnent in P. Für die freundlichen Worte, mit welchen Sie unser in der letzten Nummer des vorigen Jahrgangs abgedrucktes Programm begrüßen, besten Dank! Wir glauben auch, daß neben nachdrücklicher Verfolgung ernster Ziele die Aufnahme von allerlei interessanten Spielen und Räthseln in die Spalten unseres Blattes einem großen Theil unserer Leser willkommen sein wird, und werden für die größte Mannigfaltigkeit dieser Rubrik Sorge tragen. Daß wir auch die große Gemeinde der Schachspieler nicht vernachlässigen wollen, davon wird Sie ein Blick in die heutige Nummer überzeugen.

Ein Freund des deutschen Waldes. Wir sind nach wie vor gern bereit, Gaben für das deutsche Forstwaisenhaus in Empfang zu nehmen, und bitten Sie, Ihre Sendung an die Verlagshandlung Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig adressiren zu wollen, welche darüber in der „Gartenlaube“ quittiren wird.

Guter Rath in Wien. Hier läßt sich schwer „guter Rath“ ertheilen. Für eine Privatanstalt ist der Bursche zu alt, die Militärcarrière ist ihm nach dem Vorgefallenen unbedingt verschlossen – als letzter Versuch bleibt das Schiff übrig. Wir halten dies für das einzige Mittel, ihm beizukommen.

P. P. in Hannover. Ihren Zwecken dürfte am besten die „Deutsche Colonialzeitung. Organ des deutschen Colonialvereins in Frankfurt am Main“ entsprechen. Dieselbe erscheint halbmonatlich und ist durch jede Buchhandlung sowie durch die Post zu beziehen.

W. M. in Hamburg. Satteln Sie ja nicht um! Der Lehrerberuf bietet Ihnen keine glänzenden Aussichten, es ist alles überfüllt. Sie würden es bald bereuen, eine sichere Stellung aufgegeben zu haben.

J. V. Erie Pa. U. S. of America. Nein, er hat dies Recht nicht. Er muß erst an irgend einem Gymnasium das Abiturientenexamen bestehen. Damit erlangt er die Berechtigung zum Universitätsstudium und nach bestandenen weiteren Examina die Berechtigung zu Aemtern im Staatsdienste.

W. D. in R. Machen Sie einen Versuch. Wir können Ihnen nur dazu rathen.

Alter Realschüler in W. Natürlich ist die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Leipziger Realschule erster Ordnung, zu deren „Alten“ Sie sich mit Stolz zählen, fest beschlossen. Da das Jubiläum am 5. Mai stattfindet, so haben die früheren Realschüler noch Zeit genug, ihre Adressen an den Vorsitzenden des Festcomités, Architekt Altendorff, Königsstraße Nr. 2 in Leipzig, einzusenden.


Inhalt: Ein armes Mädchen. Von W. Heimburg (Fortsetzung). S. 21. – Der Kyffhäuser. Gedicht von Hermann Lingg. S. 24. Mit Illustration. S. 25. – Die Tagebücher der Fürstin Metternich. Von Johannes Scherr. S. 24. – Ditta’s Zopf. Eine Dorfgeschichte aus den Abruzzen. Von Rosenthal-Bonin (Schluß). S. 28. Mit Illustrationen S. 29 und 31. – Der Knabenhort in München. Von R. Artaria. S. 31. – Blätter und Blüthen: Litthauische Schlittenfahrt. S. 35. Mit Illustration. S. 32 und 33. – Die Abschaffung eines Folterinstruments. – Ein Käfer als Hausthier. Von Dr. Karl Ruß. Mit Abbildungen. – Auskunft über Vermißte. S. 35. – Allerlei Kurzweil: Rösselsprung. – Buchstaben-Räthsel. – Homonym. – Schach. – Auflösung der zweisilbigen Charade in Nr. 1. – Auflösung des Stern-Arithmogryphs in Nr. 1. – Auflösung der Domino-Aufgabe in Nr. 1. – Kleiner Briefkasten. S. 36.



Verantwortlicher Herausgeber Adolf Kröner in Stuttgart. Redacteur Dr. Fr. Hofmann, Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger, Druck von A. Wiede, sämmtlich in Leipzig.