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Die Gartenlaube (1879)/Heft 43

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1879
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[713]

No. 43. 1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig· – In Heften à 50 Pfennig.


Felix.
Novelle von Karl Theodor Schultz.
(Fortsetzung.)


8.

Nachdem das Stubenmädchen am nächsten Morgen im Zimmer Pranten’s geheizt hatte, mußte sie eine ganze Weile klopfen, bis ihr aus dem Alkoven geantwortet wurde. Als sich Pranten jedoch erst völlig ermuntert hatte, war auch alles Nebelgebilde, das ihn während der vergangenen Nacht beängstigt, spurlos verschwunden; es regte sich Nichts in ihm, als das Gefühl der Verantwortung, die ihm als Arzt oblag, und das gab ihm Ruhe und die gewohnte Sicherheit. Doctor Pflummern untersuchte noch am selben Tage auf Pranten’s Wunsch die Augen Josephinens, und da auch er den Zeitpunkt für die Operation herangekommen erklärte, ging Pranten unverzüglich an die Ausführung.

In den nächsten Tagen war er mehr Arzt als Bräutigam; tägliches Prüfen der Augen, die Beobachtung des Gesammtbefindens Josephinens, all das Durchsprechen der einzelnen, bei nicht völlig günstigem Verlauf nothwendigen Einrichtungen gaben dem Verkehr des Brautpaars etwas Ernstes, Gehaltenes. Dennoch trat er Josephinen dadurch nur immer näher; wo anfangs das Herz allein gesprochen, that jetzt auch die Ueberlegung ihr Scherflein dazu. Und dies Scherflein wuchs von Tage zu Tage, da Josephine nun erst mit Stolz und Genugthuung die ganze Thätigkeit ihres Verlobten erkannte. Ja es überkam sie ein so tiefer Respect vor ihm und seinem Wissen, daß ihr jedes Bangen und Zagen ungerechtfertigt erschien. Fast mit Ungeduld erwartete sie die Stunde der Erlösung.

Und sie kam.

Um Josephinens Gemüthsruhe völlig zu wahren, sollte die Operation in einem ihrer eigenen Räume stattfinden. Man entschied sich schließlich für das Wohnzimmer, und so richtete es denn der alte Diener aus der Klinik eines Morgens dazu her. Das eine Fenster wurde dicht verhangen; seitwärts vom andern stellte er einen hochlehnigen Stuhl.

Auf Pranten’s Arm gestützt, betrat Josephine das Zimmer. Sie lächelte. Keine Spur von Sorge oder Aengstlichkeit war in ihren Zügen; bei dem Anschmiegenden, tief Vertrauensvollen ihres Wesens erschien sie nur lieblicher als je. Das mochte selbst Pranten trotz des Ernstes der Stunde empfinden; der Ausdruck, mit dem er auf sie niedersah, strahlte wahrhaft in Glück und Stolz.

Anmuthig, mit halbem Scherz begrüßte Josephine den Diener, ließ sich von ihm zu dem Stuhl führen und versuchte, selbst die nothwendige Binde um ihr rechtes Auge zu legen.

Als die Finger dabei doch ein wenig zitterten, half ihr der Alte, indem er beruhigend sagte: „Nur Muth, mein liebes Fräulein! Der Herr Baron versteht’s; ich bin lange Jahre in der Klinik, aber so wie der Herr Baron hat’s noch Keiner verstanden – das sagt auch Doctor Pflummern. Wie spielend gehts.“

Pranten, der seine Instrumente aus dem Nebenzimmer geholt hatte, hörte noch die letzten Worte. Er nickte dem Alten zu und fragte, Josephinens Hand fest umschließend. „Bist Du bereit!“

„Ich bin es!“ hauchte diese, ihre Hände im Schooße faltend.

Der Alte drückte ihren Kopf leicht gegen die Rücklehne des Stuhls, indem er zugleich das obere Lid ihres linken Auges fixirte. Pranten atmete einmal auf; dann faßte er sich gewaltsam und ging sicher wie immer an’s Werk.

Ein kurzer Schnitt, ein unwillkürliches Zusammenziehen der losgelassenen Augenmuskeln, und die Linse fiel heraus.

„Licht, o das ist Licht!“ rief Josephine, ehe der Alte das Auge unter der Binde verbarg.

Mit welchen Gefühlen lehnte sie dann an Felix’ Brust! Ein Unaussprechliches von Dank war in ihr. Und doch durfte sie es nicht äußern, denn immer, sobald sie sprechen wollte, küßte er ihr den Mund zu und bat flehend um Vermeidung jeder Aufregung.

Endlich fügte sie sich. Als aber die Cousine trotz des Verbotes mit leisem Schluchzen in das Zimmer drang und sie heftig in die Arme schloß, schwand plötzlich ihre bis dahin gewahrte Kraft, und sie wäre zu Boden gesunken, wenn Felix sie nicht aufrecht gehalten hätte. Er nahm die Ohnmächtige auf die Arme und trug sie nach ihrem Schlafzimmer. Dieser völlig verdunkelte Raum blieb in den nächsten Tagen ihr Aufenthaltsort.

Nachdem sich Pranten am folgenden Morgen überzeugt hatte, daß Alles seinen normalen Verlauf nahm, erkundigte er sich einige Mal nur bei der Cousine nach Josephinens Befinden, ohne sie selbst aufzusuchen. Sie war ihm nämlich an dem Morgen nach der Operation so aufgeregt erschienen, daß er fürchtete, durch zu häufige Anwesenheit die Heilung zu verzögern. Josephine drang nicht auf sein Kommen.

Am Nachmittage des dritten Tages – die Cousine war zufällig ausgegangen – konnte er aber nicht mehr widerstehen und ließ Josephine fragen, ob sie ihn sprechen wolle. Es laut eine bejahende Antwort; so trat er hastig bei ihr ein.

Die Dunkelheit und seine Aufregung ließen ihn im ersten Augenblick die Geliebte nicht finden, im nächsten sah er ihre Gestalt an einem Sessel stehen. Er eilte auf sie zu; sie that ihm keinen Schritt entgegen, reichte ihm nur eine Hand; die andere hielt die leichte Binde, welche sie eben abgenommen hatte.

[714] Pranten ergriff die Hand und rief mit schmerzlicher Heftigkeit: „Wie lang sind mir die paar Tage geworden! Dir gewiß auch?“

Sie nickte.

„O, nicht wahr,“ fuhr er fort, „nun auch kein Trennen mehr! Wo ich ging und stand, fehltest Du mir; ich war der reine Hans Träumer geworden. Mehrere Male hatte mich Pflummern an Vergessenes zu mahnen, doch ich konnte nur dem einen Gedanken nachhängen: was Du thätest, wie es ging – ob Du an mich dächtest. Hat Dir Adelheid auch stets gesagt, wann ich dagewesen bin? Ich glaube, immer drei Mal am Tage, und es ist eine Reise von der Klinik bis zu meinem Lieb.“

„Du bist so gut!“

„Hättest Du ausdrücklich nach mir verlangt, ich wäre auch längst hereingekommen, aber Du fühltest wohl selbst, daß es so besser wäre?“

„Was Du anordnetest, war ja immer das Rechte; ich habe gemeint, es müßte so sein.“

„Gewiß! Neulich sprach auch Pflummern darüber, wie Nichts der Heilung förderlicher sei, als tüchtige Langweile.“

„Die habe ich aber nie gehabt.“

„Trotz meines Fernseins? Wer wird denn seine Getreuesten so schlecht behandeln!“

„O, das –“

„Nein, nein, es ist so,“ unterbrach sie Pranten, indem er sie nach dem Fenster führte und die Umhüllung desselben ein wenig seitwärts schob. „Doch jetzt wollen wir vor Allem nach unserem Patienten sehen.“

Schon während der Untersuchung lief es wie Sonnenschein über sein Gesicht, und er rief in stürmischer Freude: „Der hat sich jedenfalls ordentlich gelangweilt! Es steht über jedes Hoffen gut.“

In seiner Lebhaftigkeit bemerkte er wohl nicht, daß Josephine kaum gehört zu haben schien, was er gesprochen hatte. Sie stand mit seltsam gespanntem Ausdrucke in den Zügen da und starrte wie geistesabwesend in’s Leere.

Sobald er sich ihr wieder zuwandte, lächelte es allerdings um ihre geschlossenen Lippen. Die Hand auf seinen Arm legend, ließ sie sich nach einem Sessel führen. Er rückte einen andern dicht neben diesen, und bald schienen sie auch in das uralte Scherzen und Kosen aller Liebenden vertieft. Dem besonders Aufmerksamen wäre Pranten freilich lebhafter vorgekommen, als Josephine – weit lebhafter. Das mochte aber in Pranten’s Stimmung liegen.




9.

Was man Launen nennt, diese leibhaftigen Pucks, denen oft beim besten Willen nicht beizukommen ist und welche doch jeder Umgebung zu so fühlbarem Leid werden können, hatte man an Josephine nie gekannt. Trotz ihrer schweren Heimsuchung war der Grundzug ihres Wesens eine gleichmäßige Heiterkeit geblieben. Sie hatte, als ihre Erblindung – der Ausgang längerer Skrophelleiden – vor einigen Jahren begann, in ihrer aufrichtigen Frömmigkeit die beste Stütze gefunden. Hierzu war noch das Zurücktreten, schließlich Aufhören aller bis dahin wie unabänderlich hingenommenen Beschwerden gekommen, kurz, Josephine hatte dieses eine Unglück, besonders da es so allmählich vorgeschritten war, fast wie ein Besserwerden ihres bisherigen Looses empfunden.

Nun aber, da sie sah, schien es mit der Heiterkeit, zumal einer gleichmäßigen, nicht mehr gehen zu wollen, ob auch der Frühling in diesem Jahre wahre Wunder von herrlichen Tagen schuf und sie dieselben nicht blos fühlend wie sonst, sondern auch wieder sehend mit genießen durfte. Ihrem Wesen nach war es fast, als ob sie noch an den Folgen der Operation litte, obgleich auch die des rechten Auges, nachdem eine langwierige Entzündung überstanden war, als völlig geglückt betrachtet werden konnte und nach ihrem sonstigen körperlichen Befinden eigentlich kein Anlaß zu dergleichen Besorgnissen vorlag. Bei ihrer großen Reizbarkeit schienen freilich immerhin länger andauernde Nachwehen nicht ausgeschlossen.

In Folge dessen war von irgend welchen Vorbereitungen für den Mai niemals die Rede. Sogar Frau Adelheid, zu deren Tugenden ja die Zartfühligkeit gerade nicht gehörte, empfand eine unbesiegbare Scheu selbst vor jeder Art von Anspielung.

Ueber Josephine lag mitunter ein dumpfer Hauch von Schwermuth – bis in ihre Stimme hinein krankte etwas; dann war ihr Lachen gezwungen; sie suchte die Einsamkeit, doch was sie dort trieb, erfuhr Niemand. Wenn Pranten nach alter Weise vorlas, schloß sie wohl die Augen, und man sah ihren Mienen an, daß sie kaum auf das Gelesene achtete, nur dem Wohllaut seiner Stimme lauschte oder an Fernes, Vergangenes dachte. Im Gegensatz zu solchen Tagen konnte sie an andern wieder ganz Leben und Frische sein. Freilich verlor diese Frische nie etwas Gespanntes; all ihr Necken oder Schmollen mit Felix, wenn er nicht rasch genug in ihre Stimmung einging oder gar in seinem Zurückhalten beharrte, durchzitterte ein Ton von Erregtheit, der ihr früher niemals eigen gewesen. Ob sie sich davon schon völlig Rechenschaft gegeben hatte, was in ihr vorging? Jetzt doch wohl!

Pranten wußte längst, was in ihr vorging. Gleich an jenem Morgen nach der Operation, als sie bei seiner Untersuchung zusammengeschaudert war, hatte er instinctiv gefühlt, daß dieses Schaudern nicht, wie sie meinte, die ersten Lichtstrahlen, die ihr Auge trafen, hervorgerufen, dazu war das Licht zu matt in’s Zimmer gefallen; ihm – ihm hatte ihr Erschrecken gegolten. Er wußte noch heute nicht, wie jene ersten Tage nach dieser Erkenntniß hingegangen waren. Dachte er zurück, so schob sich immer Etwas wie mitleidig dazwischen; irgend ein Gedanke, der ihn abzog, oder bloße Müdigkeit, auch wohl ein leises Hoffen. Denn Josephine blieb eben Josephine; trotz ihrer Jugend war sie kein Mädchen mehr, das leichtfertig einem Eindruck erliegen konnte. Sie kämpfte ja auch sichtbar. Und diesen Kampf glaubte er am besten zu unterstützen, wenn er ganz daraus fern blieb, sie ihn allein mit sich durchringen ließ; nur sollte und mußte sie jeden Augenblick, wenn auch nur gleichsam aus der Ferne, fühlen, daß seine Liebe heute dieselbe wie ehemals war, daß er sich einzig um ihretwillen in engeren Grenzen hielt.

Und sein Glaube schien ihn nicht getäuscht zu haben; gerade seit er diese zarte Art Josephinen gegenüber angenommen, war sie auch äußerlich ruhiger geworden; sie suchte ihn auf jede Weise von ihrer aufrichtigen Dankbarkeit zu überzeugen. Rechte Dankbarkeit aber soll ja bereits halbe Liebe sein.

Er hatte das Wort einmal gehört, es damals sogar angegriffen; jetzt wußte er bestimmt, daß er damals im Unrecht gewesen. Was bringt solch geliebtes – verzogenes Hoffen nicht fertig!




10.

So war die Mitte des Juni herangekommen. Noch jetzt machte sich in dem Verhältniß der Brautleute zu einander keine besondere Veränderung bemerkbar. Vielleicht war Felix verschlossener geworden, und an Josephine trat ein Zug von Dulden, von stillem, gefaßtem Entsagen deutlicher hervor; sonst fand zwischen ihnen stets derselbe rege freundliche Verkehr statt. Pranten las viel vor, in letzter Zeit besonders wissenschaftliche Aufsätze; daran knüpften sich ernste Gespräche; oder es wurden gemeinsame Ausflüge gemacht. So folgte ein Tag dem andern, alle einander ähnlich.

Nur sich allein gehörte das Brautpaar oft wochenlang nicht; wie nach stillschweigender Uebereinkunft trennte man sich oder kam gar nicht zusammen, sobald die Cousine einmal leidend war oder irgend einer Einladung folgen mußte. Hier und da verging wohl auch ein Tag, ohne daß sich Pranten überhaupt sehen ließ, doch geschah das selten, und nach solchen Tagen war er immer reizbarer als gewöhnlich. Blieb er dann durch einen Zufall einige Augenblicke allein, so ging er wohl ohne Abschied fort. Der nächste Morgen führte ihn freilich wieder, sogar in einer gewissen reumüthigen Stimmung zurück, sein Fortgehen entschuldigte irgend ein Scherz, und weder er noch Josephine schienen diese leisen Zeichen von Unnatur in ihrem Verhältniß einer besondern Beachtung werth zu halten.

Es war ein schwüler, drückender Tag gewesen. Eben verschwand die Sonne in einer zusammengeballten Wolkenmasse, die sich langsam näher schob. Dann und wann züngelte Blitzgezack. Ueberall erschlaffende Müdigkeit; Mensch wie Thier und Pflanze lechzten gemeinsam dem heraufkommenden Gewitter entgegen.

Auch auf dem Altan, um dessen Säulen sich wieder wie im vorigen Jahre das Weinlaub zu Kränzen schlang, stand die Luft gleichsam still, kein Blättchen regte sich.

Die Cousine war nach ihrem Fächer gegangen. Als sie nach [715] einer Weile, in der das Brautpaar schweigend dagesessen hatte, nicht wiederkam, stand auch Josephine unter dem Vorwande auf, eine Arbeit zu holen. Ihr war heute ungewöhnlich schwer und trübe zu Muth. Pranten schien ebenfalls seine düsterste Stimmung zu haben; er hatte mit augenscheinlicher Unlust gelesen, und lehnte nun regungslos an einer der Säulen. Josephine mußte dicht an ihm vorüber. Als ihr Kleid ihn streifte, kehrte er sich plötzlich um und fragte, sie an der Hand festhaltend:

„Wo willst Du hin?“

Der Klang seiner Stimme, das unheimliche Feuer in den Augen, der harte Griff, welcher fast schmerzte, erschreckten Josephine.

„Ich sagte Dir schon,“ erwiderte sie zitternd, „ich will meine Stickerei holen. Du thust mir weh.“

Damit wollte sie ihre Hand aus der seinigen ziehen, aber er umschloß sie nur fester.

„Nicht so weh, wie Du mir thust!“ sagte er.

„Ich –“

„Du, Du!“

Einen Augenblick fand er keine Worte, dann brach es los, das so lange mühsam Zurückgehaltene, und strömte und raste wie in Wogen hin:

„Ja Du, Josephine, mit diesem Engelslächeln – ich trage es nicht länger. In all den Tagen und Wochen und Monden – was habe ich gelitten! Diese Nächte – ich würde wahnsinnig, sollte ich sie wieder leben; am Mark haben sie mir gesogen, mich verdorben für Welt und Seligkeit. Und Du, Du trägst die Schuld. Was hat Dir meine Liebe gethan, daß Du sie so lohnen kannst? Du weißt doch, wie Du mir Alles bist, Licht, Dasein – jedes Liebe der Erde. Ich habe Niemand sonst; Alles würde mir fehlen, was das Menschsein tragen läßt, wenn Du von mir gingst. Und das willst Du.“

Josephine hob den Kopf, als wollte sie sprechen, doch er fuhr jäh auf:

„Keine Lüge! Ich könnte – ich könnte mich vergessen, und Du hättest dann das Recht, von mir zu gehen. Das wenigstens will ich Dir nicht geben, so lange ich noch weiß, daß Du Josephine bist, meine Josephine. Sieh, ich habe ja mit mir gerungen; wenn ich nicht zu Dir kam, das waren solche Tage. Da versuchte ich es, ob ich ohne Dich leben könnte.“ Er lachte heiser vor sich hin. „Bis zum Abend ging es, auch ein Stück in die Nacht hinein, dann – dann hätte ich den todten Tag mit den Nägeln aus der Erde graben mögen. Wahnsinn! Ich lese das Wort in Deinen Augen, aber ich bin nur wahnsinnig, wenn ich den Gedanken fassen soll, Dich zu verlieren.“

Aus Josephinens Antlitz war nach und nach jede Farbe gewichen, und um ihren Mund hatte sich ein Zug von Härte, von Bitterkeit vertieft, der ihr sonst nie eigen gewesen. Was ihr all die Monde hindurch nicht so deutlich zum Bewußtsein gekommen, das schien sich ihr urplötzlich mit vernichtender Klarheit aufzudrängen.

„Du rührst an Schweres!“ sagte sie.

„Muß ich nicht endlich?“

„Hast Du bedacht, wohin –“

„So kann es nicht fortgehen,“ unterbrach er sie außer sich. „Ich reibe mich auf, untauglich werde ich zu aller Arbeit; gestern bebten mir die Hände, so daß ich eine Operation verschieben mußte. Nenne das Schwachheit, schilt mich krank – ich kann doch nicht anders. Solcher Zustand der Unsicherheit, des ewigen Mißtrauens – auf mich wirkt er entnervend; ich kenne mich selbst nicht mehr.“

Josephine war von ihm weggetreten und stützte sich auf die Brüstung des Altans. Ihre Blicke hingen an der Wolkenwand, die immer drohender aufstieg. Dort – hier Drohen; war Beides nur Gewitter? Brachte Beides Erlösung?

Ohne es zu wissen, streckte sie die Hand, als ein Blitz hinzuckte, wie zur Abwehr gegen den Himmel aus.

Pranten bemerkte die Bewegung und sagte schneidend:

„Ob Du auch wehren möchtest, es kommt doch herauf; immer wehren, immer hinhalten, niemals bis in’s Letzte sehen!“

„O, ich sehe das wohl.“

„Was siehst Du?“

„Du wolltest Wahrheit?“

„Ich – wollte – Wahrheit.“

Er hatte die Worte mechanisch nachgesprochen und starrte mit weitgeöffneten Augen auf Josephine.

Diese fühlte den Blick, aber sie schwieg.

„Sprich!“

„Ja, es muß sein.“

„Warte noch einen Augenblick!“ rief er bittend. „Man pflegt zuletzt Alles doppelt zu bedenken, Alles! Und wir haben Zeit; nichts Uebereiltes! Es könnte auch Dich reuen, denn lieb hast Du mich doch, Josephine. Wenn auch nicht so lieb, wie ich Dich, aber das verlange ich ja nicht. Ich bin gar einfach im Genügen; o, mein Weib wird Alles über mich vermögen; ich verspreche es Dir – erinnere mich an diese Stunde, wenn ich je mehr fordern sollte! Siehst Du, meine Augen sind voll Thränen, voll seliger Thränen, wenn es nur wie Möglichkeit erscheint, Dich endlich mein zu nennen. Gehören sie mir nicht zu eigen, diese Augen, die ich wieder sehen hieß? Habe ich Dich nicht wieder neu geschaffen? Ein Theil bist Du nun von mir. Alles habe ich Dir gegeben, was ich hatte und wußte und liebte, so in Gedanken, wie in Werken: und der Theil könnte sich gegen das Ganze auflehnen , ihm das Herzblut stehlen und nichts als elend Stückwerk zurücklassen? O nein, nein – nein! Das wäre gegen allen Sinn; es brächte die Gesetze der Natur in’s Schwanken. Sprich jetzt – nun kann ich hören.“

Josephine hatte, die Lippen auf einander gepreßt, ohne jede Bewegung dagestanden. Als er schwieg, blickte sie noch eine Weile mit halb geschlossenen Augen in die Ferne; endlich sagte sie leise:

„Ich habe mich nicht gekannt. Daß uns armen, beschränkten Menschen jeder Theil unseres Wesens erst zum Bewußtsein kommt, wenn er sich an etwas zu erproben hat, nicht eher! Als die Pathe und Adelheid mich warnten, habe ich darüber gescherzt, und als sie nicht aufhörten, sie unwillig von mir gewiesen, es gleich Undenkbarem fortgeleugnet – und sobald ich Dich gesehen, fühlte ich mit Entsetzen, daß ich niemals –“

„Josephine!“

„Dein werden könnte, nie – niemals!“

Sie hatte die Worte so jäh herausgestoßen, als erläge sie dabei einer inneren Gewalt oder fürchtete, daran gehindert zu werden. Mit schwerem Athmen, das dennoch etwas von Erleichterung an sich hatte, stand sie da; ihre Blicke suchten scheu den Boden. Pranten erwiderte nichts und strich nur mit der Hand langsam an der Brüstung des Altans hin.

Sie sah zu ihm empor; er war sehr blaß geworden, und seine Brust hob und senkte sich krampfhaft. Ein unsägliches Mitleid regte sich in ihr, und Bild an Bild tauchte es auf: von seinem ersten Eintreten an durch all die Zeit bis heute. Und nichts Anderes empfand sie, vermochte sie festzuhalten, als seine zärtliche Sorge, diese unendliche, immer und überall hervorbrechende Liebe. Beinahe schien es ihr, als wäre sie nur befangen, als hätte sie noch immer nicht genug gekämpft, als müßte zu überwinden sein, woran sich alle Ihrigen gewöhnt. Warum sie nicht? Welches Verhängniß lag auf ihr, vor dem, den sie doch geliebt, so lange sie blind war, nun zurückschaudern zu müssen? O, wäre sie blind geblieben!

Pranten sah zu ihr nieder; angstvoll begegnete sie seinen Blicken. Ihre Finger berührten seine Hand.

„Du verachtest mich?“ schluchzte sie mehr als sie sprach.

Er schüttelte traurig das Haupt. „Was kannst Du dafür? Und Du hast mir nichts gesagt, was ich nicht längst wußte: Schritt für Schritt sah ich es ja kommen. Glaube nicht, daß Liebe blind ist! Wenn ich mich nach Deinen Küssen sehnte, Dich an mich reißen wollte, nur eine selige Secunde lang – wie Du vorahnend zurückwichest, wie Du immer, ob ich auch ein Recht auf Dein Alleinsein hatte, Jemand in der Nähe hieltest, einen Schutz vor meinen Liebkosungen! Ach, daß man nicht geliebt wird, man weiß es so schmerzlich gut! Wäre nur die Hoffnung nicht, die immer wieder versöhnen will, immer flüstert: was heute nicht geworden, das Morgen bringt es, das Morgen! Jetzt freilich giebt es kein Morgen mehr.“

„Ich habe nicht weniger gelitten als Du.“

Er lachte gellend auf.

„Felix! welch schauerliches Lachen! sei barmherzig! Wenn es wahr ist, daß Du mich nicht verachtest, so mußt Du auch glauben, wenn – ich Dir sage: ich kann nicht anders. Die Seele, das heißeste Wollen, alle, alle Kräfte der Vernunft haben keine Macht über unsere Sinne. Wie habe ich mit mir gerungen, wie mich hingequält! Mein inniges Fühlen von Dankbarkeit, meine Gebete, ich steigerte sie bis zur Ekstase – umsonst! In der Nacht dachte [716] ich mich bezwungen zu haben, hoffte den langen Tag über, und wenn ich in Deiner Gegenwart dem Gedanken in’s Auge zu blicken suchte, in Dir meinen Gatten zu sehen, dann bebte mein ganzes Sein zurück. O mein Gott, ich bin ja schuldlos! Du darfst mich keiner Treulosigkeit zeihen; mein Herz blieb rein: so grauenvoll es ist, uns treibt etwas aus einander – wie soll ich es nennen? Hättest Du mich in meiner Blindheit gelassen, oder wärst leichtsinnig zu Werke gegangen – Unglück wäre Glück geblieben.“

„Werde ich es tragen?“ sagte er tonlos vor sich hin.

„Ich trage mit Dir.“

„Du?“

„Bleibe ich nicht lebenslang Deine treueste Freundin?“

„Warum hauchest Du nicht gleich in Versen,“ unterbrach er sie höhnend: „Ritter, treue Schwesterliebe – ah, der seufzte sich ja wohl zu Tode? Nun, darüber kann ich Dich wenigstens beruhigen; dergleichen wäre nicht mein Geschmack. Eher –! Aber das spukt wohl im Blute von den Vätern her – der Eine so, der Andere so; bleibt sich im Grunde gleich – was liegt an der Art?“

„Felix, ich beschwöre Dich: treibe uns nicht in Aeußerstes hinein! Ich fühle unerbittlich klar, wenn Du mich mir selbst untreu machen könntest, wenn Du mich zwängest, Dir nachzugeben – mit dieser Scheu, diesem Grauen in allen Sinnen, Deine Gattin zu werden, es wäre uns Beiden zu lebenslanger Qual. Finde ich doch Deiner Leidenschaft gegenüber nicht einen erwidernden Ton; ich erschrecke nur. Auch eben war es nur die namenlose Furcht vor der Zukunft, ein letztes Stück Selbstachtung, das mir den Muth gab, Dich endlich in mein Herz blicken zu lassen. Ich weiß noch nicht, ob ich recht gethan, und doch ist mir so; der Mann soll ja stärker sein als wir; er muß die Kraft finden, zu entsagen –“

„Einer Liebe, die er selbst geworden ist?“ rief Pranten wie in einem Aufschrei – „niemals! Wie wär’ es möglich! Ja: ich kann in mir gebrochen, vernichtet werden, und somit auch meine Liebe – nimmer anders! Wer entsagen kann, hat nie geliebt. Da sprechen sie, Liebe wäre das Höchste, das eigentliche Glück, welches die Erde zu vergeben hätte. Dich erschreckt meine Liebe. Und ahntest Du, wie demüthig sie ist, wie sie über all Deine Wege sich breiten möchte, daß Du einzig über sie hinschrittest! Josephine, jeder Deiner Blicke ist Gnade, der Hauch Deines Mundes mir Odem, meine Lebenslust. Und Du willst mich von Dir stoßen, härter als Fremde, härter als meine Mutter. Sie duldete mich doch auf Stunden in ihrer Nähe. Du glaubst nicht, was die Gewöhnung Alles vergessen lehrt; Du kannst noch nicht in Dir abgeschlossen haben; die Zeit war zu kurz. Laß uns wenigstens noch eine Frist setzen, bis dahin – bis dahin –“

Er stockte. Ueber Josephinens Züge – ihr unbewußt – war etwas hingeglitten, nur schattenhaft – es hatte der Verachtung täuschend gleich gesehen. Zu viel, allzu viel! Ein Rest von Mannheit war noch in Pranten; er wandte sich plötzlich mit stummem Neigen ab und schritt der Thür zu.

Josephine eilte ihm nach; ihre zitternden Finger umschlossen seine Arme.

„Ich lasse Dich nicht, so nicht, o, nur so nicht!“

Aus trocknen, heißen Augen blickte er auf sie herab; es that ihm wohl, sie so in Schmerz aufgelöst zu sehen. Ganz ungeliebt konnte er also doch nicht sein; vielleicht, und wäre es nach Jahren, gab es noch eine Lösung. Ihn erschütterte der Gedanke so sehr, daß er Josephinen unwillkürlich glühender an sich preßte.

„Du liebst mich; ich weiß es nun besser, als Du selbst; mich täuscht nichts mehr, nichts! Was zusammen gehört und in einander erst sein volles Sein findet, das möchtest Du trennen, weil etwas so Aeußeres, wie es unsere Erscheinung ist, Deinen Augen mißfällt? Was lieben wir denn? Den Gott im Menschen oder das Stück elender, in Fleisch und Blut verwandelter Materie? Durch einen Zufall mißrieth die Form, und um solchen Zufalls willen könntest Du mich verwerfen? Besinne Dich! Sage mir, daß Du nur wissen wolltest, wie unendlich Du geliebt würdest! Ich verzeihe Dir, und hätte bloße Eitelkeit die Prüfung gefordert, immer wüßte ich ja, wie es im Grunde Liebe gewesen, die mich geprüft, die ihr Weh schafft, um unaussprechlich lohnen zu können. Josephine! O Gott, in Deinen Augen steht nichts mehr.“

„Dankbarkeit steht darin,“ rief diese fassungslos, „glühende Dankbarkeit! Und die hat in ihnen gestanden, seit ich Dich zum ersten Male gesehen, und kann erst mit ihnen brechen. Sie auch trieb mich Dir nach; sie konnte Dich nicht im Zorn scheiden lassen; sie zwingt mich Dir zu Füßen und fleht: ein Wort der Vergebung!“

Pranten wollte sie emporziehen, doch sie rang sich los:

„Lasse mich! Hier muß ich liegen, bis Du es findest – das Wort. Felix, sei Mann, nicht dieses schreckliche Hinstarren! Was hälfe es, wenn ich Dir heuchelte? Dein Weib könnte ich doch nie werden; und ob Du mir Frist gäbest, es bliebe immer dasselbe – ich kann nicht.“

Langhin rollte der Donner; wie in tiefem Grollen brach er dann jäh ab, und der Himmel schien sich zu öffnen, eine klaffende Feuerschlucht. Josephine barg ihr Gesicht in den Händen; Pranten bemerkte es nicht. An die Mauer des Altans gelehnt, folgte er scheinbar völlig hingegeben dem Toben der Elemente. Nach einigen Augenblicken beugte er sich zu Josephinen nieder.

„Ich bitte!“ sagte er, indem er sie aufhob. „Zwar,“ fuhr er in rascher Wendung fort, „bin ich unsicher, was Du von mir gefordert hast. Dir, Dir vermöchte ich zu zürnen? Halte mich nicht für ärmer, als ich bin! Es ist wohl Schicksalswille, immer Gleich zu Gleich; das traf bei uns nicht zu, weiter nichts. Aber nun zu Ende – sonst überfällt mich noch das Wetter!“ Er lächelte in bitterem Hohn. „Innen Thränen, außen Thränen; es wäre überlächerlich, nicht wahr? So lache doch mit! Ich kann noch lachen. O Josephine!“

Er riß sie an die Brust; schon näherten sich seine Lippen den ihren, da bog er sich mit einem erstickten Schrei zurück und stürzte aus der Thür.

„Felix!“ hallte es ihm nach; er hörte es nicht mehr.

Pranten hätte kaum sagen können, wie und wann er heimgekehrt. Als er zu sich kam, fühlte er fröstelnd, daß er völlig durchnäßt war; doch ob er im Gewitter noch unterwegs gewesen, ob ihn der Regen am Fenster getroffen, darüber sann er umsonst. Nur Eines wußte er genau: er hatte lange mit dem Kopf auf dem Fensterbrett gelegen und immer gebetet, daß ein erlösender Strahl niederzucke.

Die Strahlen hatten Besseres zu thun gehabt: drüben in der Vorstadt, wo die Hütten der Armen anfangen, brannte es an zwei Stellen, und ein Mann wurde erschlagen, der Waisen hinterließ.

(Schluß folgt.)




Die neue Kunstakademie in Düsseldorf.


Die Düsseldorfer Kunst hat endlich eine ihrer würdige Wohnstätte gefunden. Das neue Akademiegebäude, das im Augenblick, wo die Leser diese Skizze zu Gesicht bekommen, bereits durch einen feierlichen Einweihungsact seiner Bestimmung übergeben sein wird (am 20. October), entspricht durchaus der Bedeutung dieser schon über ein Jahrhundert bestehenden Kunstschule. Die Anstalt wurde, wie bekannt, im Jahre 1767 von Karl Theodor, einem Kurfürsten aus der Sulzbach’schen Linie, dem Nachfolger des 1742 verstorbenen letzten Pfalz-Neuenburgers Karl Philipp, gegründet, wozu wohl die schon seit 1690 in Düsseldorf vorhandene berühmte Gemäldegallerie, das Erbtheil der Gemahlin Johann Wilhelm’s, einer Medicäerin, die erste Veranlassung dargeboten haben mag. Der kunstliebende Fürst Jan Wilhelm hatte die Gallerie nicht allein auf’s Beste ausgestattet, sondern auch noch durch neue werthvolle Ankäufe erweitert. Von ihm sagt das Düsseldorfer Kind Heinrich Heine in seiner naiv-pikanten Weise: „Er soll ein braver Herr gewesen sein und selbst sehr geschickt. Er stiftete die Gemäldegallerie in Düsseldorf , und auf dem dortigen Observatorium zeigt man noch einen überaus künstlichen Einschachtelungsbecher von Holz, den er selbst in seinen Freistunden – er hatte deren täglich vierundzwanzig – geschnitzelt hat. Auf dem Marktplatze steht eine kolossale Reiterstatue, die den Kurfürsten Jan Wilhelm darstellen soll. Er trägt einen schwarzen Harnisch und eine tief herabhängende Allongenperrücke.

[717]

Die neue Kunstakademie in Düsseldorf. Nach der Natur aufgenommen von W. Gause.

[718] Als Knabe hörte ich die Sage, der Künstler, der diese Statue gegossen, habe während des Gießens mit Schrecken bemerkt, daß sein Metall nicht dazu ausreiche, und da wären die Bürger der Stadt herbeigelaufen und hätten ihm ihre silbernen Löffel gebracht, um den Guß zu vollenden.“

Trotz der an Oelgemälden, Handzeichnungen, Radirungen, Kupferstichen, Gypsabgüssen, kunstgeschichtlichen Werken und wissenschaftlichen Büchern reichen Gallerie erlangte die Düsseldorfer Akademie keine besondere Bedeutung. Ja, als nach dem Tode Karl Theodor’s (1798) das Land an Max Joseph von Baiern überging und dieser beim Ausbruche des Krieges zwischen Frankreich und Preußen im Jahre 1805 die Bildergallerie nach München überführte, wobei von werthvollen Gemälden nur die große auf Holz gemalte Himmelfahrt Mariä von Rubens wegen der Schwierigkeit des Transportes zurückblieb, erlosch die Lebensfähigkeit der Schule bald ganz. Unter der Fremdherrschaft, der das Land kurz darauf verfiel und welche Düsseldorf zur Hauptstadt des neugeschaffenen Großherzogthums Berg erhob, bestand die Akademie nur noch dem Namen nach; die Franzosen in ihrer Einseitigkeit und Centralisationswuth waren nicht geeignet, ihr einen neuen Aufschwung zu geben. Ebenso wenig vermochte es das in seinen Finanzen ganz geschwächte Preußen, dem nach den Befreiungskriegen dieser Landestheil zugesprochen wurde. Hier aber war im Gegensatze zu den Fremden wenigstens der gute Wille vorhanden, und dieser schon genügte, den verglimmenden Funken wieder anzufachen. Nach manchen verfehlten Bestrebungen gelang es endlich, das nöthige Capital, dieses unerläßliche Fundament für jedes irdische Unternehmen, herbeizuschaffen. König Friedrich Wilhelm der Dritte von Preußen stellte 1822 die Akademie wieder her und berief noch in demselben Jahre Peter von Cornelius zum Director derselben. Freilich waren die Mittel auf’s Spärlichste zugemessen, und es klingt in jetziger Zeit fast fabelhaft, wenn man erfährt, daß das ganze Jahres-Einkommen der Anstalt blos aus 8500 Thalern bestanden habe.

War die Anstalt arm an Geld, so war das Akademiegebäude selbst, das spätere mit Recht vielgeschmähte, dunkle und winkelige Landgericht, arm an Licht und Raum. In richtiger Einsicht räumte der Staat denn auch bald den alten Galleriebau und einen Theil des durch die politischen Umwälzungen freigewordenen Kurfürstenschlosses der neuerstandenen Schule ein. Auf diesem Schauplatz erstorbener Größe und verrauschter Herrlichkeit – denn der bergische Hof gehörte zu den üppigster seiner Zeit – richtete sich jetzt die Kunstjüngerschaft ein, wenig beirrt durch den Geist der vielgenannten Jacobe von Baden, welcher in diesen verlassenen Hallen umgehen sollte. Die reizende Prinzessin war dem schwachsinnigen Kurfürsten Johann Wilhelm, der nach dem Aussterben des Mannesstammes dem geistlichen Stande entsagte, im Jahre 1685 angetraut worden. Bald darauf klagte ihre Schwägerin Sibylle sie eines Liebesverhältnisses mit dem schönsten Hofcavalier, dem Grafen Manderscheid, an. Das plötzliche Ableben der blühenden Frau, die man eines Morgens todt in ihrem Bette fand, gab zu dem Gerücht Veranlassung, sie sei von ihren Feinden vergiftet worden. Andere wollten gar von einen heimlichen Enthauptung im Schloßhofe wissen, wo man noch lange nachher Blutspuren zeigte. Seitdem soll ihr verstörter Geist, wenn dem Lande ein Unheil naht, im alten Schlosse umgehen, ähnlich der weißen Frau im Berliner Schlosse, und mancher Jünger unserer romantischen Schule hörte, wenn er sich an der Staffelei verspätet hatte, das Knistern ihrer seidenen Schleppe, das Geräusch auf- und zugehender Thüren, das Näherkommen und Verhallen ihrer Schritte, oder spürte gar das Wehen ihres Kleides, sodaß den Einsamen die gesunde Vernunft im Stich ließ und daß er, seine Malerutensilien zusammenraffend, in’s Freie floh. Die frische Luft, welche der dicht am Fuß des Schlosses dahinbrausende Rhein aushauchte, mag dann schnell genug die Gespenster wieder in ihr Grab zurückgescheucht haben.

Peter von Cornelius war von seiner Berufung an der Träger und der geistige Mittelpunkt der Akademie. So wahr ist es, daß nur durch eine hervorragende Persönlichkeit, nicht aber durch das Zusammenwirken vieler mittelmäßigen Kräfte, durch äußere Verhältnisse und Hülfsmittel ein neues Werk in Schwung gesetzt werden kann. Obgleich Cornelius wegen seiner Aufträge für München einen Theil des Jahres gar nicht in Düsseldorf zubrachte, war doch die Ausführung der Cartons für die Glyptothek, welche er hier zeichnete, von durchschlagender Wirkung auf die junge Künstlerschaft.

Die Schule aber erst im wahren Sinne aufzubauen, zu organisiren und bis in’s Detail zu vollenden, blieb Wilhelm von Schadow aufbehalten. Nachdem Cornelius an den Ort seiner eigentlichen künstlerischen Thätigkeit, München, übergesiedelt war, trat Schadow im Jahre 1826 die Leitung der Düsseldorfer Akademie an. Da er einige schon von ihm selbst in Berlin vorgebildete Schüler mitbrachte, war gleich ein fester Krystallisationspunkt vorhanden, um den sich Talent auf Talent anreihte. Die Namen und Werke der Maler aus dieser ersten und der spätern Periode unseres Kunstlebens sind zu bekannt, als daß wir sie hier anzuführen brauchten.

Der Aufschwung der Schule und ihr stetiges Wachsthum waren um so erfreulicher, als sie nicht im Verhältniß zu den knappen pecuniären Mitteln derselben standen, ja, sie erscheinen fast wunderbar, wenn man die Schwierigkeiten erwägt, unter welchen die Reorganisation der Anstalt, die Anstellung neuer Lehrer und die Anschaffung von Hülfsmitteln in’s Werk gesetzt wurden. Aber der Geist ist’s, der lebendig macht. Schadow’s Lehr- und Organisationsgabe, seine liebevolle Pflege jedes Talentes und jeder Richtung, seine persönliche Theilnahme an den Schülern, der gesellige Verkehr bedeutender Menschen in der kleinen Rheinstadt, Alles das wirkte elektrisirend auf die herbeiströmende Jugend.

Die Oelmalerei war das Hauptfeld der akademischen Thätigkeit, indessen gelang es später, durch Stiftung des rheinisch-westfälischen Kunstvereins, auch die Mittel zu monumentalen Werken herbeizuschaffen. Schadow’s Princip, das Ideal auf dem festen Grund der Natur aufzubauen, ist wohl allgemein als das richtige anerkannt worden, wenn auch das vollständige Gleichgewicht in der Praxis nie erreicht werden kann, daher denn auch der Schule die entgegengesetztesten Vorwürfe gemacht wurden. Den Cornelianern erschien sie zu realistisch, die Naturalisten hingegen verspotteten die hier üppig wuchernde Romantik, und so walten auch noch jetzt über sie die verschiedensten Meinungen. In dem einen Punkte aber sind wohl Alle einig, daß sie von hoher Bedeutung für die Kunstgeschichte sowohl, wie für das Kunstleben der Gegenwart ist. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat ihr die preußische Regierung stets lebhafte Fürsorge angedeihen lassen und ihr zugleich eine freie Entwickelung ihrer Verfassung und inneren Einrichtung gestattet.

So nahm denn nach dem Rücktritt Schadow’s und dem darauf folgenden Directorat des rühmlichst bekannten Historienmalers E. Bendemann (seit 1859) dieselbe eine republikanische Verfassung an, in der das Lehrercollegium, gleichsam wie ein Senat, die höchste und maßgebende Autorität bildet.

Als bester Gewinn der Neuzeit ist die Bildhauerschule zu betrachten, welche, 1864 gegründet und von dem als Künstler wie als Lehrer gleich ausgezeichneten Professor A. Wittig geleitet, in schönster Blüthe steht. Im Anschluß an diese wurde die Anstalt auch durch ein Museum für Gypsabgüsse bereichert.

Der Lehrstuhl für Kunstgeschichte, 1873 errichtet, füllte eine langgefühlte Lücke aus. Professor Dr. Roßmann, der geistreiche Kunstgelehrte, welcher diese Stelle zuerst bekleidete, wurde nach seiner Ernennung zum Generaldirector aller Kunstsammlungen in Sachsen durch den kenntnißreichen und thätigen Professor der Kunstgeschichte C. Woermann ersetzt, welcher soeben von einer langen Reise durch alle Hauptstädte Europas zurückgekehrt ist, um den dort gesammelten geistigen Schatz zum Besten der Anstalt zu verwerthen.

Zu den bewährten Lehrern aus alter Zeit, welche die religiöse Malerei vertreten, Deger und den Gebrüdern A. und C. Müller, kamen später noch die Professoren Wislicenus, von Gebhardt, W. Sohn, Röting, Dücker und P. Jansen hinzu. Wenn Gebhardt durch Innigkeit des Gefühls und seine Charakteristik sich den alten Niederländern anschließt, W. Sohn uns durch den Zauber der Farbe berauscht, so vertritt P. Jansen in würdigster Weise die monumentale Malerei und bahnt der Jugend die alten, lange nicht betretenen Pfade wieder. Das Zusammenwirken aller dieser Kräfte wird aber jetzt erst zur vollen Geltung kommen, nachdem sie unter einem Dach vereinigt sind, denn seit dem im Jahre 1872 stattgehabten Brande der alten Akademie fehlte es an einer gemeinsamen Heimstätte.

Schon lange war in der Nacht des 19. März 1872 das Element entfesselt, ehe irgend ein Bewohner Düsseldorfs, ehe die Künstler, welche meist in einem ganz anderen Stadttheil wohnen [719] und deren teuerstes Eigenthum auf dem Spiel stand, die nahende Katastrophe ahnen konnten. Erst um drei Uhr nach Mitternacht, als die Flammen bereits Stunden hindurch in den todtstillen, verschlossenen Räumen gewühlt hatten, bemerkten die Wächter auf der Rheinbrücke einen falben Schein an der westlich gegen den Fluß vorspringenden Ecke des Schlosses. Unheimlich brach er durch das alte, graue Gemäuer, dämmerte wie eine schreckliche Ahnung vor den entsetzten Blicken auf, verbreitete sich, wuchs in die Höhe, bis endlich jede Fessel gesprengt war und Riesenfeuersäulen und sprühende Flammengarben zum Firmament emporstiegen.

Ehe noch Hülfe herbeigeschafft werden konnte, spielte sich das großartigste Feuerwerk ab, und um so schauerlich-prächtiger stellte es sich dar, als die breite Wasserfläche den Spiegel dafür abgab. Von vielfarbigen magischen Lichtern erhellt, in Tausenden von Facetten gebrochen, trieben die Wogen am Fuße des Schlosses dahin, eine kurze Zeit vergoldet, um dann unter der Stadt sich um so schwärzer hinabzuwälzen.

Währenddem verkohlten im Innern Gemälde, Cartons, Handzeichnungen, Studien, schmolz die Platte der Disputa von Keller zu einem Metallklumpen zusammen, sprangen in der Gluth die kolossalen von Professor Wittig ausgeführtes Steinmedaillons, mit deren Einfügung in die Rheinfaçade der Akademie Tags darauf begonnen werden sollte, waren die Gallerie, die Sammlungen, die schwer zu transportirenden Schätze der Bildhauerschule auf’s Höchste bedroht. Hätten unsere Ahnen nicht so felsenfest gebaut, so wäre schon jetzt Alles zur Ruine geworden. Erst am Morgen gelang es, die Sammlungen, den Inhalt der Bildhauer- und einiger Malerateliers zu retten, sowie das Galleriegebäude mit unserem letzten Juwel, dem kostbaren Rubens, nebst der eng anschließenden Landesbibliothek und dem selten werthvollen Archiv zu sichern. Bei dieser Gelegenheit machte die alte Sage sich in der Behauptung wieder geltend, Jacobe’s Geist habe sich, Unheil verkündend, am Vorabend des Brandes im Schlosse gezeigt.

Nachdem der Verlust übersehen werden konnte und die erste Bestürzung einigermaßen verwunden war, tauchte natürlich die Frage über den Neubau auf, und jetzt erst wurde man sich auch in weiteren Kreisen bewußt, wie unpraktisch eigentlich das alte Schloß zu Kunstzwecken gewesen sei, da es fast gänzlich des Nordlichtes ermangelte. Trotzdem wollte man, theils aus pecuniären Rücksichten, theils aus Anhänglichkeit an die alte Stelle, die Akademie wieder auf demselben Platze aufbauen. Erst in letzter Stunde gelang es dem dringenden Mahnrufe hervorragender Künstler, den gefaßten Entschluß umzustoßen. Ein geeigneter Platz am Sicherheitshafen, der eine lange Frontentwickelung nach Norden ermöglicht, ward für den Neubau ausgewählt, und reiche Mittel dazu wurden durch den Cultusminister Falk erwirkt. Als Architekt wählte man den Baumeister H. Riffhart, einen Schüler Professor Strack’s, Geh. Oberhofbauraths und Hofarchitekten des deutschen Kaisers. Bei der ihm hier gestellten Aufgabe bot sich dem einsichtsvollen Baumeister, der sich auf längeren Reisen im Orient, in Frankreich und Italien ausgebildet hat, die Gelegenheit, sich als selbstständig denkender Künstler zu zeigen. Gerade der Bau einer solchen Lehranstalt bietet besondere Schwierigkeiten, indem alle Räume viel Licht und gutes Licht haben müssen, und eine gewisse Monotonie ist dabei, besonders in der Anordnung und Größe der Fenster, schwer zu vermeiden. Muß doch jeder Ausbau, jeder größere Vorsprung, der Schatten giebt, vermieden werden. Hier gilt es nicht, die Phantasie zu entfesseln; hier gilt es, ihr Zügel anzulegen. Nur durch schöne Verhältnisse und richtige Verwerthung der wenigen erlaubten Hülfsmittel, um einige Abwechselung hervorzubringen, kann man wirken. Selbst die Unterbrechung der langen Façade durch ein Portal mußte sich der Architekt versagen, da der schmale Raum bis zu dem steil abfallenden Ufer des Sicherheitshafens keine Anfahrt von dieser Seite erlaubt.

Wie aber ein guter Dichter auch mit wenigen einfachen Worten seinen Gedanken auszusprechen und so einen großartigeren Eindruck hervorzubringen vermag, als Andere mit buntem Redeschwall, so ist auch hier die Idee ohne den ganzen Apparat von Thürmchen, hohen Dächern und Erkern, die oft das Auge mehr verwirren als erfreuen, zum Ausdruck gekommen. Die neue Akademie ist im reinen Renaissancestil erbaut. Die Hauptfronten sind mit Haustein geblendet. Die Mitte und die beiden Seiten treten (als „Risaliten“ mit größeren Bogenfenstern) aus der nach Norden gelegenen Façade von 158 Meter Länge hervor. Die Balustrade des flachen Daches ist mit Akroterien (Aufsätzen) gekrönt, und es sollen an den Ecken Statuen angebracht werden. Unter den Fenstern des ersten Stockwerkes zieht sich ein Fries hin, auf welchem die Namen bedeutender Künstler aller Zeiten, bis auf unsere Tage herab, eingegraben sind. Das Haupteingangsportal auf der Ostseite, zu dem eine prächtige Rampe hinaufführt, hat als besondere Zierde zwei ionische Säulen mit darüberstehenden Karyatiden, welche das Gebälk tragen. Für die Nischen der Mittelrisalite und die Blenden zwischen den Fenstern ist theils figürlicher und malerischer, theils ornamentaler Schmuck von gebrannten Thonplatten in Aussicht genommen, zu welchem Zweck auch schon verschiedene Proben angebracht sind.

Das Gebäude enthält große Ateliers für die Professoren der Malerei, der Sculptur und Kupferstecherkunst, Räume für das Museum der Gypsabgüsse, für die Elemenarclasse und die Hülfslehrer; ferner zahlreiche Ateliers für die Schüler, einen großen Antikensaal und Räume für den Unterricht in der Kunstgeschichte und Anatomie, sowie ein Thieratelier. Für allgemeine Zwecke dient ein Conferenzsaal nebst Geschäftszimmer, ebenso eine große Aula, in welcher die Gemäldesammlung Platz findet, und Wohnungen für die Beamter der Akademie.

Möchte in der neuen Heimstätte unser im Aufschwung begriffenes Kunstleben sich zur schönsten Blüthe entwickeln! An poetischer Anregung von außen fehlt es dazu nicht, denn die Lage des Gebäudes ist eine ungewöhnlich anmuthige und heitere. Nicht an einem ummauerten Platz, nicht im Innern einer düstern Stadt, nicht am geräuschvollen Markt ist es aufgerichtet, nein, frei blickt es auf den Strom der Ströme hinab, den Riehl so richtig „das Silberband, das die Völker verbindet“, die „Culturstraße Deutschlands“ genannt hat. Aus den Fenstern der Akademie sieht man auf den vielgewundenen Fluß, der sich in der Ferne, eine große Biegung machend, fast zum See erweitert. Zahlreiche Schiffe, brausende Schleppdampfer, ganze Flotillen von Kohlennachen nach sich ziehend, bunt angestrichene Personendampfschiffe, dazwischen kleine Boote, wie Forellen hin- und herschießend, beleben die Wasserfläche; weiße Segel ziehen, wie sehnsüchtige Gedanken, auf dem grünen Spiegel dahin. Fruchtbare Saatgefilde und Dörfer locken den Blick nach dem andern Ufer, indeß mehr in der Nähe die Bäume des Hofgartens und des Eiskellerberges herüberwinken. Nur die nächste Umgebung bedarf noch einiges grünen Schmuckes, damit der störende Durchblick in den alten Stadttheil verdeckt und der sonnige Aufgang beschattet werde.

Unter so günstigen Zeichen möge denn die neue Akademie am 20. October freudig ihre Pforten öffnen!

S. Hasenclever.




Unser Hund – ein Zugthier?
Eine Thierschutzfrage.

Wenn wir im Hinblick auf diese Frage dem Hunde und vornehmlich dem Hunde der civilisirten Welt das Wort reden, so geschieht es nicht etwa aus Sentimentalität, dem Superhumanismus mancher Thierschützler. Wir sprechen aus der lebendigen Erfahrung von fast fünf Jahrzehnten heraus, in welchen wir den Hund gezüchtet, abgerichtet, mit ihm gejagt und ihn gründlich kennen gelernt haben. Sehet den treuen Hüter der Heerden sein schweres Amt Tag und Nacht mit immer sich gleichbleibendem Eifer und rührender Genügsamkeit ausüben, den mächtigen Bullenbeißer oder die englische Dogge als unbestechliche Schildwachen den Großhof beschützen, beobachtet den Hühnerhund in seiner Bravour, mit welcher er den Schützen an das Wild bringt, steigt in die schneeigen Alpen und bewundert die Hünen des Hundegeschlechts in ihrem großen Dienste für die in Unwettern Verirrten [720] und Verschütteten, überschaut dann mit einem Blicke alle dem Menschen gewidmete Dienstleistungen dieser bevorzugtesten Thierfamilie – und ihr werdet den treuesten Genossen des Menschen, der diesem in alle Zonen der Welt gefolgt ist, in seiner ganzen Bedeutung schätzen lernen.

Einem so wichtigen Bundesgenossen ist somit der Mensch ebenso sehr Aufmerksamkeit, wie Rücksicht, Gerechtigkeit und Dankbarkeit schuldig, und so ist denn auch die Frage, welche neuerdings wiederholt von den Thierschutzvereinen des gebildeten Europas in den Vordergrund der Besprechung gerückt wird, die Frage, ob der Hund als Zugthier zu verwenden ist, eine wohlberechtigte.

Die kleineren Racen kommen hier nicht in Betracht, die mittelgroßen und stärksten Arten allein trifft die Frage. Da begegnen wir denn dem Schäfer-, dem Hühner- und selbst dem größeren Haushunde, dem klugen, gelehrigen Pudel, dem Fleischerhunde, den großen Doggenracen, wie der englischen Dogge, der Bulldogge, dem Bullenbeißer, der dänischen Dogge oder dem „Blendling“ des Waidmannes, dem Saurüden und selbst dem fein- und hochbeinigen Windhunde; da gewahren wir den Bernhardiner und neben ihm den Bergamasker und Ulmer Hund, sowie den merkwürdigen Neufundländer oder dessen Abkömmlinge von der Kreuzung mit dem ersteren, die Leonberger: sie alle in dem Zwang und Drang einer „Scheere“ als Einspänner oder aber als Zwiegespann an der Deichsel.

Betrachten wir aufmerksam die Leibesgestalt aller dieser als Zugthiere figurirenden Hundearten, so erkennen wir an ihren Bewegungen auf den ersten Blick in ihnen Zehengänger, das heißt: solche, die beim Gange auf den vorderen Theil ihrer Pfoten, die Zehen, treten. Die Pfote stellt sich als ein elastischer, gegliederter Fuß mit mehr oder weniger körnig-häutigen Ballen dar, eine Gliedergestaltung, die sich schon beim flüchtigsten Beschauen als gründlich verschieden von dem Fuße der Ein-, Zwei- und Vielhufer zeigt. Dieser, der Huf, ist eine hartgewordene Pfote, von einer widerstandsfähigen Hornmasse panzerartig umgeben, unter welcher sich die Zehen nur unentwickelt erkennen lassen. Und doch, während man diesen ungleich festeren Stützpunkt durch Hufeisenbeschlag noch fester gestalten zu müssen glaubt, sieht man ohne Gewissensbeschwerden zu, wie bei dem ziehenden Hunde die Zehen der Pfoten sich widernatürlich auseinanderspreizen, wie endlich ebenso widernatürlich die Sohle des Thieres mit in Anspruch genommen wird, bis abgenutzte Zehen und wunde Füße als Folge dieses Mißbrauchs heraustreten. Und nun die Beine des Hundes! Sie sind durchgängig schlank und mager und ruhen auf verhältnißmäßig kleinen Pfoten, ermangeln alles Stämmigen, Derben, sowie besonders eines breiten festen Stützpunktes, wie ihn so charakteristisch der Huf darstellt. Die Pfoten sind nichts Anderes als die Hülfsmittel zu raschem Lauf und gewandter Bewegung.

Zu gleicher Erkenntniß führt uns die Untersuchung des Rumpfes, des Halses sowie des Kopfes und der Brust. Der Leib des Hundes ist mager, schlank und gestreckt, in den Weichen eingezogen, der Hals eher schwach und kurz, als derb, kräftig und lang, das Genick und die Stirnbildung der gerade Gegensatz zu den entsprechenden Theilen des Rindviehes, dessen Zugvermögen bekanntlich in der mächtigen Stirn und der Stärke des Nackens liegt. Das Brustskelet des Hundes ist zwar normal und nicht unkräftig gebaut, aber entfernt nicht mit dem Vordertheile der Einhufer, insbesondere unseres Zugpferdes zu vergleichen; dem Brustgerüste fehlt der mächtige Vor- und Aufbau, der den immerwährenden Gegendruck aushält, welchen die Fortbewegung von Lasten erheischt. Neben dem Körperbau fällt nun noch ein anderes Moment, das der Bewegung unseres Hundes, in’s Gewicht. Es ist der quere Gang desselben, wonach die Hinterbeine neben die Vorderläufe gesetzt werden, während beim geraden Gange unserer Zugthiere der Hinterfuß in die Spur des entsprechenden Vorderfußes tritt. Der schiefgehende Hund kann also nicht wie das Pferd, das Maulthier, der Esel etc. geradeaus ziehen, seine Brustgerüste gleichmäßig dem Gegendrucke hingeben, sondern wird bei dem Zugprocesse einseitig wirken und deshalb eine übergroße Kraftanstrengung anwenden müssen, um eine Last geradeaus zu bewegen.

Wenn wir alle diese hervorgehobenen Merkmale und Momente in’s Auge fassen und mit den einschlagenden Vergleichspunkten der zu Spanndiensten von jeher gebrauchten und herangebildeten Arten unserer Hausthiere zusammenhalten, so ergiebt sich uns gleichsam von selbst der Schluß, daß der Gebrauch des Hundes zum Ziehen ein – leider nur allzutief eingewurzelter – Mißbrauch ist.

„Aber“ – so hören wir im Geiste Manche einwenden, die es mit unserem Schützlinge nicht so ernst und genau nehmen wollen – „wir sehen doch die meisten Hunde mit ungemeinem Eifer vor den mannigfachen Fuhrwerken an uns vorüber eilen, gewiß ein Zeichen, daß die Thiere Neigung, Kraft und Ausdauer für den Zugdienst haben. Fliegen ingleichen nicht die Eskimos, die Sibirier, die Kamtschadalen, die Hasenindianer und viele andere nordische Stämme mit Hundeschlitten über die Schnee- und Eisfelder dahin, und könnten diese Völker ohne den Hund sich ergiebig fortbewegen, ihre Jagd betreiben, mit einem Worte: leben?“

In diese und ähnliche Einwendungen mischt sich wohl auch der alte Sermon und die Logik der teleologischen und theologischen Stimmen. Der Hund – so mag es aus diesen Lagern schallen – sowie überhaupt das Thier ist blos geschaffen zum unbedingten Dienste des Menschen, warum nicht auch zum Zug- und Lastthiere? Das verstand- und seelenlose Thier ist allein um des Menschen willen da, der für dasselbe denkt.

Daß dem Thiere – so erwidern wir in der Sprache einer vernünftigen Humanität des neunzehnten Jahrhunderts – keine Seele eigne, das kann nur das eingewurzeltste Vorurtheil gegen eignes, richtigeres Gefühl und gegen zahlreiche Zeugnisse für das Gegentheil behaupten. Aber selbst gesetzt, daß der Hund nicht durch diesen Umstand unserer Rücksicht näher gerückt wäre, so muß sich, wenn der Mensch für das Thier denkt, dieses sein Denken auch auf seine bessere menschliche Erkenntniß gründen und sein Thun und Handeln nach seinem edleren Fühlen lenken.

Denjenigen, welche es leichter mit unserem Thiere nehmen, entgegnen wir: allerdings greift der Hund vielfach mit Eifer in die Stränge des Gespannes, aber aus dem alleinigen Grunde, weil er vor allen Thieren gerade dasjenige Wesen ist, das Alles, was es thut, mit großer Energie und Ausdauer verrichtet. Es ist sein glühendes Temperament, es ist die Hingabe an seinen Herrn, es ist das Aufgehen in dem Menschen, was ihn Alles, auch das ihm nicht Zusagende, mit der Hochherzigkeit und dem Feuer seiner Seele ergreifen läßt. Aber ob er „mit urkräftigem Behagen“ gegen seine natürlichen Anlagen und Neigungen die ungebührliche Last hinter sich herschleppt, das ist hier die wohl zu erwägende Frage.

Die Thatsache, daß die nordischen Völkerschaften den Hund als Zugthier gebrauchen, steht fest. Die Mittheilungen guter Forscher und Polarfahrer bezeugen es. Aber was und wie berichten uns diese Gewährsmänner über dieses Thema? Jene Volksstämme bedürfen des Hundes als Zug- und Lastthier, weil sie überhaupt in dem unwirthlichen Klima und in den primitiven Verhältnissen ohne ihn gar nicht existiren und denselben auch durch kein anderes Hausthier ersetzen können. Nur da, wo neben ihm das Renthier vorkommt, sehen wir vielfach dieses für ihn in das Joch treten.

Und wie steht es mit der Behandlung und dem Aussehen der nordischen, zum Zug- und Lasttragen benutzten Hunde? Der Hund auf Kamtschatka wird uns als ein verkommenes, erbärmliches Wesen geschildert, das vom Frühjahre bis zum Herbste der Freiheit genieße, sich vom Fischfang ernähre, das aber zur Winterzeit von den Einwohnern wieder aufgegriffen werde, um es an den Pfosten der Hütten anzulegen und hungern zu lassen, bis ihm das Fett vom Sommer vergangen. Das durch dieses Hungern zum Zuge vor dem Schlitten fertiggemachte Thier versehe nun den Winterdienst. Jetzt geht, nach des Polarfahrers Steller Mittheilung, „der Hunde Noth an, sodaß man sie Tag und Nacht mit gräßlichem Geheul und Wehklagen ihr Elend bejammern hört.“

„Von dem heftigen Ziehen und Anstrengen wird das Geblüt, sowohl in den inwendigen als äußerlichen Theilen, mit solcher Gewalt gepreßt, daß auch die Haut zwischen den Zehen der Füße rötlich wie Blut wird.“

Diese Thiere sind nach Steller durch solche Behandlung wie Armesünder furchtsam, schwermüthig und im höchsten Grade mißtrauisch geworden; keine Spur von Liebe und Anhänglichkeit an den Herrn oder Interesse an dessen Hab und Gut beherrscht sie; sie müssen mit List oder Gewalt an das ihnen verhaßte Fuhrwerk gebracht werden. Ihr Sinn ist sogar darauf gerichtet, des Herrn und des Schlittens an gefährlichen Abhängen und Ufern los und [721] ledig zu werden, den letzteren, der Führung des ersteren entwunden, an Fels und Baum zu zertrümmern und dann sich zu flüchten. „Woraus man sieht“ – schließt Steller richtig – „wie sehr die Lebensart unvernünftige Thiere verändert und welchen großen Einfluß sie auf die Hundeseele hat.“

Kane, der Nordpolarreisende, und Andere sprechen sich über die Eskimohunde ähnlich aus. Steller’s Mittheilung ist die sprechende Zeichnung eines herabgekommenen Hundes, dessen Urzüge sich trotz seiner unverwüstlichen Natur nur mit Noth und allenfalls blos wiedererkennen lassen in den von Kane beschriebenen muthigen Kämpfen der Hunde mit dem grimmen Eisbär. Sind solche Thatsachen nicht ernste Fingerzeige für die Behandlung unserer Hunde? Welcher vernünftige und humane Thierkundige wird nun noch aus der Verwendung der nordischen Hunde-Arten zum Zugdienste den Schluß ziehen wollen, daß auch der gesittete Culturmensch seine Hunde zu gleichen oder ähnlichen Zwecken gebrauchen könne oder solle?

Aber was bedarf es überhaupt des Hundes zum Zugdienste in unseren civilisirten Ländern! Ist etwa Mangel an anderen, viel besser dazu verwendbaren Hausthieren? Pferd und Maulthier, Esel und Ochse sind zur Genüge vorhanden. Alle diese Haustiere sind von Alters her in’s Gespann gebracht worden, ohne daß irgend eine Abnahme der typische Formen der Arten oder gar eine Ausartung sich bemerkbar gemacht hätte.

Wie anders zeigen sich die Folgen beim Hunde, wenn er zum Elende des Fuhrwerks verurtheilt ist! Wer begegnete nicht schon keuchenden, lechzenden Hundegerippen vor Schiebkarren und Fuhren der Marktkrämer? Da arbeiten die geplagten Thiere mit den Flanken vor übergebührlicher, aufregender Anstrengung. Die Zunge streckt sich vor als das Organ, an welchem sich fast ausschließlich der Schweiß des Hundes absondert, und wenn endlich Halt gemacht wird, so fällt das arme, verhetzte Thier – ja oft unterwegs schon – vor Ermattung hörbar auf den Bauch, daß es zum Erbarmen ist. Wie oft auch empört bei solchen Martern des armen Thieres die rauhe Behandlung der Führer, die dem erschöpften Gespanne die Arbeit mit Schlägen statt mit Dank und guter Pflege lohnen!

Den so benutzten Hund sehen wir denn auch bald zu einem erbarmenswerthen Bilde herabsinken. Die Haare auf dem äußerst abgemagerten Körper werden struppig und glanzlos; der Rücken krümmt sich; die Gruppe wird abschüssig, und die Hinterbeine nehmen in den Knieen eine dem spitzen Winkel sich nähernde Beugung an, zufolge deren das Thier nicht mehr, wie sonst, auf die Zehen, sondern auf die ganzen Sohlen tritt: vor der Zeit ein Greis geworden geht es den Schritt des alten Hundes.

Wir ziehen aus solchen Thatsachen den Schluß: der handwerksmäßige Gebrauch des Hundes zum Zugdienste ist eine Thierquälerei. Die Duldung derselben in Culturstaaten erweist sich als Ungerechtigkeit und Undank gegenüber unserem intelligentesten Zöglinge und treuesten Genossen in der Thierwelt. Hülfe und Befreiung von dem Drang und Zwang des widernatürlichen Fuhrwerks und Zurückführung unseres Hundes in seine eigentliche Sphäre, ist die freie, aus Liebe zum Herrn und Lust zur Sache dictirte Wirksamkeit, in Haus und Hof, in Wald und Feld, in die Tiefe der Schluchten und auf die Höhe der Berge – das ist die gerechte Forderung der vernünftigen Humanität an unsere Gesetzgeber und Regierungs- und Polizeibehörden.

Adolf Müller.




Ein Morphiumsüchtiger.


Das letzte Zeichen zur Abfahrt des Frankfurt-Berliner Nachtschnellzuges war von der Dachhöhe des Main-Neckar-Bahnhofes zu Frankfurt am Main erklungen. Ich hatte mir einen Schein zur Benutzung des Schlafwagens gelöst und in dem bequem eingerichteten Raume meinen Platz eingenommen. Mir gegenüber saß dichtverhüllt ein Herr, dessen Alter ich im ersten Augenblicke auf fünfzig bis sechszig Jahre schätzen zu müssen glaubte. Bei genauerer Betrachtung verriethen seine von Blässe angekränkelten Gesichtszüge ein jugendlicheres Alter. In der kleinen Vorhalle des uns Beiden zugewiesenen Schlafraumes hatte ich bei dem Einsteigen einen strammen Burschen in militärischer Haltung bemerkt, welcher unverwandt seine Augen durch die halbgeöffnete kleine Cabinetsthür auf den erwähnten Fahrgast richtete. Wenn auch diese eigenthümliche Situation gerade keinen sehr anheimelnden Eindruck auf mich machte, so glaubte ich dennoch eine Aenderung in meiner Platzverfügung nicht vornehmen zu sollen; war ich auf meinen vielen Reisen doch schon mit manchem unheimlicheren Fahrgaste zusammengerathen, und so dachte ich denn: auch dieser wird keiner der gefährlichsten sein.

Der gemüthliche Zugführer, mit welchem ich im Jahre 1870 bei Mars-la-Tour als Camerad im Feuer gestanden, rief sein schmetterndes „Ferrrtig!“ in die stürmische Märznacht; der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr dröhnend über die breitbogige Mainbrücke, der Station Sachsenhausen zu, dem Heimathlande des Apfelweins. Kaum hatten wir das Weichbild der Stadt Frankfurt verlassen, als mein bärenbepelzter Nachbar sich regte und zu der mittlerweile etwas geöffneten Thür unseres Cabinets den Namen „Conrad“ hinausschnarrte. Mit Blitzesschnelle stand der vorher erwähnte Diener vor seinem Herrn, in der Hand ein Ledertäschchen, welches er jenem darreichte.

„Nein!“ herrschte dieser seinen dienstbaren Geist an, „wenn ich diese Gifttasche zehnmal verlangen sollte, hast Du mir solche heute Nacht entschieden zu verweigern.“

Der Bursche machte, ohne eine Miene zu verziehen, Rechtsum kehrt, mit dem militärischen „zu Befehl, Herr Major!“ – um sofort seinen Posten vor der Thüre wieder einzunehmen.

Mein Nachbar lehnte sich wieder ruhig in seinen Sitz zurück, ich aber konnte mich über die eigenthümliche Scene nicht beruhigen. Der Gedanke, daß ich muthmaßlich, wenn auch nicht mit einem Wahnsinnigen, so doch mit einem Menschen beisammen saß, dem ein gehöriger Käfer im Gehirn rumorte, ließ mich ihn keinen Moment aus dem Auge verlieren. Der persönliche Eindruck des Menschen war ein krankhafter. Das Unterhautzellgewebe seines Gesichts und seiner Hände schien verschwunden; die Farbe seines Antlitzes war aschgrau, und eine eigenthümliche Schweißabsonderung perlte auf seinen Wangen. Sein Mund war bläulich-blaß, sein Auge glanzlos, mit ungewöhnlich verengten Pupillen von ungleicher Weite, sein Blick matt, abgespannt und scheu. Die Schleimhaut des Mundes schien sehr trocken zu sein, denn mit zitternder Zunge bemühte er sich zeitweilig, die runzligen Lippen zu befeuchten.

Als wir ungefähr eine Stunde, ohne ein Wort mit einander zu wechseln, gefahren waren, athmete mein Nachbar auf einmal tief auf; seine Respirationsthätigkeit beschleunigte sich und er fuhr von Zeit zu Zeit mit der rechten Hand nach der Gegend des Herzens, einen tiefen Seufzer ausstoßend, welcher eine eigenthümliche Beklemmung der Brustorgane verriet. Die sonderbare Veränderung in dem Zustande meines Nachbars war mir peinlich; ich glaubte das Recht zu haben, denselben anzureden und ihm mit der Frage, ob ihm nicht wohl geworden sei, meine Hülfe durch Ueberreichung eines Schluckes Cognac anzubieten.

Der Leidende nahm die dargebotene Flasche mit dankbarem Blicke entgegen und entleerte in kräftigen Zügen fast die Hälfte des Inhaltes. Sofort erglänzte sein mattes Auge; er drückte mir beim Zurückreichen der Flasche kräftig die Hand und sagte: „Sie haben mich seit einer halben Stunde scharf beobachtet, mein Herr, und ich las in Ihren Zügen eine eigenthümliche Scheu, die Sie mir entgegenbrachten; eigenthümlich muß Ihnen freilich die Rede erschienen sein, die ich bei Beginn unserer Fahrt mit kurzen Worten an meinen Diener richtete, aber ich hatte mir einmal vorgenommen, heute enthaltsam zu sein, denn es muß ja endlich einmal ein neues Leben angefangen werden, und dazu habe ich mich nun entschlossen.“

Auch diese mir nicht so recht zusammenhängend erscheinenden Worte konnten meine Zweifel über den sonderbaren Fahrgast nicht zerstreuen; ich bat daher um Aufschluß über die mir unverständliche Mittheilung und erfuhr, daß er activer Officier sei, längeren Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit genommen habe und sich auf dem Wege nach der Heilanstalt des Dr. Levinstein in Neu-Schöneberg bei Berlin befinde. Da mir diese Anstalt als ein Asyl für Nervenleidende bekannt war, so bemerkte ich [722] meinem Schlafgenossen, daß er gewiß an nervösen Zuständen leide. Er blickte mich einen Moment, wie um eine Antwort verlegen, an. Endlich machte er eine entschlossene Bewegung und sagte: „Ich glaube Ihnen zu Ihrer Beruhigung vollständige Offenheit schuldig zu sein. So hören Sie denn! Während der Strapazen des deutsch-französischen Feldzuges hatte ich mir eine rheumatische Neuralgie zugezogen, welche mit unsäglichen Schmerzen verbunden war; einzig und allein durch Morphinmeinspritzungen [1] unter der Haut konnten meine Leiden gemildert werden. Das wurde mein Unglück. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß die Opiumesser und Opiumraucher in neuerer Zeit vornehmlich unter den höheren Classen unserer westeuropäischen Bevölkerung eine ziemlich weit verzweigte Bruderschaft gefunden haben, nämlich die Morphiumverzehrer, jene glückselig-unglücklichen Menschen, welche durch gewohnheitsmäßigen Morphiumgenuß sich in die wonnigen Gefilde eines orientalischen Opiumessers hinüberträumen. Ebenso wie im Orient ganze Völkerschaften durch fortgesetzten Opiumgenuß entnervt und in ihren gesammten Lebenskräften zerrüttet werden, finden wir bei uns eine große Zahl einzelner Individuen, welche durch Gewöhnung an Morphium ihre Säfte zerstören, ihre Nerven aufreiben und ihren Geist zerrütten. Selbst der energischste persönliche Wille, die beste Absicht für’s eigene Wohl, die tiefste Erkenntniß von dem Nachtheile der erwähnten Unsitte reichen nicht hin, die Morphiumsucht zu bezwingen.

Sie sehen in mir einen solchen Unglücklichen. Die ursprüngliche Nothwendigkeit, meine schmerzhafte Krankheit durch Morphiumeinspritzungen zu übertäuben, machte, daß ich mich an das verführerische Mittel gewöhnte, und während der Arzt täglich höchstens etwa sechs Hundertstel Gramm gestattet, verbrauchte ich bis vor drei Jahren je nach Bedarf und Stimmung binnen vierundzwanzig Stunden ein halbes Gramm Morphium – nicht etwa um Schmerzen zu lindern – denn von meinem ursprünglichen Leiden war ich befreit – sondern nur um träumerischen Sinnengenüssen zu fröhnen.

Als nun gar in den letzten Jahren häufige Kümmernisse über unverschuldete Vermögensverluste und die Entwerthung industrieller Unternehmungen, an denen ich mich durch die unglückselige Ritterschaftliche Privatbank zu Stettin betheiligt hatte, meine Stimmung noch mehr zerrütteten, suchte ich durch Erhöhung der Dosis die trüben Gedanken, die mich täglich überkamen und in meiner Dienstfähigkeit beeinträchtigten, zu verscheuchen, sodaß ich es in neuerer Zeit bis zu einem ganzen Gramm Morphium auf den Tag gebracht habe. Ich pflege mir alle zwei bis drei Stunden eine Spritze voll Lösung von einem Decigramm Morphiumgehalt direct in das Blut überzuführen, indem ich mir mit einer sogenannten Pravaz’schen Spritze die Flüssigkeit –“ hier unterbrach mein Nachbar seine Schilderung und schnarrte zum zweiten Male den Namen „Conrad“ gegen die Thür des Cabinets. Conrad erschien. Der Officier verlangte ungestüm die Morphiumspritze und das Medicament. Der Diener verweigerte Alles auf Grund des erhaltenen Befehls. Diese vermeintliche Insubordination aber brachte den Leidenden in eine solche Erregung, daß er den armen Pommeraner krampfhaft am Halse packte und mehrmals schüttelte, sodaß dem armen Teufel Hören und Sehen vergehen mußte.

Jetzt sah ich die Hünengestalt meines zum ersten Male seit unserer Abfahrt sich erhebenden Genossen und konnte bemessen, in welch erschreckender Weise sein riesenhafter Knochenbau und die Kraft seiner Körpermuskulatur von der Fahlheit und Blässe seines Gesichtes abstachen. Ich beruhigte den aufgeregten Herrn mit der Versicherung, ich würde trotz seines eigenen Verbotes ihm die Morphiumspritze verschaffen, worauf er sich wieder in seinen Sessel niederließ. Da überkam ihn eine plötzliche Apathie, welche die Aerzte mit dem Namen Collapsus zu bezeichnen pflegen. Er preßte nur noch das Wort „Morphium!“ durch die Lippen und sank, sich total verfärbend, wie todt von dem Sitze herab. Conrad hatte sich, als er von den Fäusten seines Herrn durch mich befreit war, wieder aus dem Cabinet entfernt, aber bei dem stürmischen Angriffe das erwähnte lederne Täschchen fallen lassen; ich entdeckte solches am Boden, hob es rasch auf und riß in meiner verzweifelten Lage und in der Meinung, einen Sterbenden zu Füßen zu haben, das Schloß rasch aus einander. Ich entdeckte die Morphiumspritze und ein weithalsiges Gläschen mit Morphiumlösung.

Während meiner Feldzugszeit oftmals zum Lazarethdienste beordert, hatte ich die Technik der Morphiumeinspritzungen kennen gelernt. Die Procedur besteht bekanntlich darin, daß man eine nadelförmig zugespitzte kleine gläserne Spritze mit der Lösung des Medikamentes füllt, die Spitze durch die Haut in das Unterhautzellgewebe einsticht und nun durch Einschieben des Pistons die nöthige Anzahl Tropfen aus der Spritze in das Körpergewebe des Kranken einfließen läßt. Ich füllte rasch das Instrumentchen und spritzte dem zu meinen Füßen Liegenden die volle Ladung unter die zu einer Falte emporgezogene Haut des bloßliegenden Nackens.

Kaum war die Morphiumlösung in das Blut des Armen eingedrungen, als er die Augen aufschlug und wieder ein Lebenszeichen von sich gab. Ich hob ihn auf den Sitz empor und brachte ihm noch einen kräftigen Schluck Cognac bei; er erholte sich und war bald wieder vollkommen seiner Sinne mächtig. Es verging kaum eine Viertelstunde und ein sichtliches Wohlbehagen überkam meinen Begleiter, welcher der Dankesbezeigungen für meinen ihm erwiesenen Liebesdienst nicht müde werden konnte. Ich riet ihm, nun sich das Lager bereiten zu lassen und einem erholenden Schlaf sich hinzugeben, was er denn auch selbst für rathsam fand. Bald hatte ihn die Einspritzung dem Schlafgotte überwiesen. In den milden Zügen des Schlafenden zeigte sich eine wohlthuende Behaglichkeit, und das Spiel seiner Lippen verrieth wonnige Träume, welche sein morphiumberauschtes Gehirn umgaukelten.

Mich selbst floh nach dieser Aufregung der Schlaf. Ein Büchlein, welches mein Gefährte scheinbar als Reiselectüre hinter seinem Sitze verwahrt hatte, sollte mir die Zeit verkürzen. Es war eine Monographie über das Leiden, von welchem er heimgesucht, betitelt: „Die Morphiumsucht von Dr. Ed. Levinstein.“ Ich entnahm aus demselben, daß die Morphiuminjectionen in Deutschland bis vor etwa fünfzehn Jahren nur selten ausgeführt wurden. Die Methode war in England im Jahre 1857 von Dr. Alexander Wood erfunden worden. Die wundergleiche Wirkung gegen den Schmerz hatte der neuen Behandlungsweise rasch den Weg gebahnt, und die praktischen Aerzte benutzten anfangs allein die Morphiumspritze gegen jegliche Art von Unbehagen ihrer Patienten. Wäre die Technik der Morphium-Injectionen in den Händen der Aerzte geblieben und hätte durch deren imponirende Wirkung sich nicht auch der Laie der Handhabung dieses Instruments bemächtigt, so würde die moderne Verbannungsmethode des Schmerzes ein Segen für die Menschheit geblieben sein. Als aber die Laien besonders der höheren Gesellschaftskreise erkannt hatten, daß auch psychischer Schmerz durch Morphium-Injectionen vernichtet werde, erlernten sie die Selbstapplikation der Methode, und von diesem Augenblicke beginnt die Geschichte des schrecklichen Leidens, welches mit dem Namen „Morphiumsucht“ bezeichnet wird. Urheber und Verbreiter der Krankheit waren jene Aerzte, welche bei mehr oder weniger schmerzhaften oder langandauernden Krankheiten dem Patienten die Morphiumspritze selbst überließen. Die verführerische Wirkung der Morphiumeinspritzung besteht, wie bereits angedeutet, außer in der Bekämpfung der Schlaflosigkeit und des Schmerzes in einer gleichzeitigen glücklichen Umwandlung im ganzen Wesen. Der Betrübte wird heiter; der Ohnmächtige erhält Kraft, der Geschwächte Energie; der Schweigsame wird beredt, der Zurückhaltende verwegen. Ist aber das Gift aus dem Körper wieder ausgeschieden, was allmählich geschieht, so folgt dieser hochgradigen Steigerung des behaglichen Selbstgefühls, der sogenannten Euphorie, ein Zustand tiefer Ermattung und Niedergeschlagenheit.

Um diese physischen Unbequemlichkeiten zu verscheuchen, greift dann der Betäubungssüchtige wiederum zur Injectionsspritze, wie der Trunkenbold zur Schnapsflasche. Er vertrinkt seinen Unmuth, seinen häuslichen Aerger, seine geschäftlichen Unannehmlichkeiten. Er macht, wie der Branntweintrinker durch seinen Morgenschnaps, die zitternden Glieder mit Morphium wieder fest, und wenn die Wirkung des letzteren aufhört und die Gemüthsverstimmung, verbunden mit körperlicher Unbehaglichkeit, einen eigenthümlichen [723] Katzenjammer herbeiführt, so wird der Morphiumvertilger seiner traurigen Lage bewußt und kommt zu dem verhängnißvollen Schlusse, daß er sein geistig und körperlich zerrüttetes Leben nur durch erneute Zufuhr des Giftes wieder heben könne.

Die zerstörende Wirkung des übertriebenen Morphiumgebrauches tritt bald nach einem Zeitraume von fünf bis sechs Monaten, bald erst nach Jahren ein. Viele Morphiumsüchtige befinden sich eine Zeit lang unter dem Morphiumgebrauche ganz wohl, bis plötzlich eine Reihe von Störungen im Allgemeinbefinden eintreten, welche den Menschen bei plötzlicher Entziehung des Gewohnheitsgiftes in einen Zustand bringen, wie derjenige ist, den ich vorher in meiner Erzählung schilderte. Es stellen sich Kopfcongestionen, Herzklopfen, rheumatische Anfälle mit gespanntem Pulse ein, welch letzterer auch plötzlich verschwindet. Angstzustände, hervorgerufen durch Hallucinationen und Illusionen fast sämmtlicher Sinnesorgane, bilden schließlich einen Krankheitszustand heraus, welcher dem Säufer-Delirium ähnlich ist.

In einer solchen Lage nun befand sich mein Reisegefährte. Ich hatte ungefähr eine Stunde in dem Buche gelesen, als er erwachte und, sich behaglich dehnend, mir nochmals dankte. Wir unterhielten uns eine Weile über seinen lobenswerthen Entschluß, mit äußerster Energie die üble Gewohnheit künftig zu vermeiden. Ich rieth ihm, auf Grund meiner aus seinem Büchlein erworbenen Kenntnisse, die Cur erst zu beginnen, wenn er unter der Leitung eines tüchtigen Arztes sich befände, und er gab mir darauf auch das Versprechen, sich gegen Morgen selbst noch eine Morphiumeinspritzung in gewohnter Weise zu machen. Da ich somit einen neuen Anfall seinerseits nicht zu befürchten hatte, konnte ich mich selbst der nöthigen Ruhe hingeben; ich erwachte erst, als unser Zug in dem Anhaltischen Bahnhofe zu Berlin einfuhr. Mein Genosse hatte sich zwischen drei und vier Uhr noch eine Morphiuminjection gemacht; es sollte die letzte sein für’s Leben, wie er sich vorgenommen. Wir verabschiedeten uns am Bahnhofe. Er wurde von einem jungen Arzte, wie mir schien aus der Anstalt, in die er sich freiwillig begab, begrüßt und nach einem zweispännigen Gefährte geleitet, während mir der wachhabende Schutzmann die übliche Droschkenmarke einhändigte. Ich hatte dem Kranken versprochen, ihn in Neuschöneberg zu besuchen.

Die Heilart, welche daselbst zur radicalen Bewältigung der Morphiumsucht üblich ist, beruht auf einer sehr raschen und energischen Entziehungsmethode, während man in anderen Anstalten erst durch allmähliche Verringerung der Morphiumdosen ein stufenweises Abgewöhnen vornimmt. In Marienberg bei Boppard am Rhein bei Dr. Burkart, in Bendorf bei Dr. Erlenmeyer, in Wien bei Dr. Eder und in vielen Wasserheilanstalten werden gleichfalls solche Curen mit Erfolg durchgeführt.

Die Theilnahme, welche mir Major von B. eingeflößt, veranlaßte mich bald, mein Versprechen zu erfüllen und ihn in der Heilanstalt aufzusuchen. Er befand sich in einem wahrhaft jammervollen Zustande. Die Entziehungscur hatte sofort begonnen. Zufälle, wie ich solche in dem Eisenbahncoupé mit ihm erlebt, waren im Verlauf der verflossenen Tage mehrere vorgekommen; der Patient war kaum wieder zu erkennen. Er lag auf einfachem Sopha, von einer Pflegeschwester und zwei kräftigen Krankendienern bewacht; im Nebenzimmer saß einer der Assistenzärzte, welcher zur Beobachtung des Kranken fortwährend anwesend sein mußte. Die Thüren und Fenster des Krankenzimmers hingen in Charnierbändern, hatten weder Angeln, Griffe noch Riegel, sondern waren so eingerichtet, daß sie von innen weder geöffnet noch geschlossen werden konnten. Außerdem war das Bett mit glatten abgerundeten Pfosten versehen. Auf dem Tisch standen Champagner, Portwein, Cognac, kleingeschlagenes Eis, eine Theemaschine mit Zubehör. In dem anstoßenden Cabinet des Arztes waren verschiedene Medicamente vorräthig, sowie ein elektrischer Inductionsapparat aufgestellt, um bei vorkommenden Schwächezuständen den Kranken sofort wieder zu beleben. Auf mein Befragen, weshalb das Krankenzimmer so eigenthümlich eingerichtet sei, wurde mir mitgetheilt, daß fast alle Morphiumsüchtigen, denen das Morphium entzogen werde, zu Selbstmordversuchen äußerst geneigt seien, daher jede Möglichkeit zu solchen Vorkommnissen in der Bauart eines derartigen Locals vorgesehen werden müßte.

Die Erfolge, welche bei der geschilderten Heilmethode gegen die Morphiumsucht verzeichnet werden, sind in Bezug auf die Entwöhnung günstig, in Bezug auf die Rückkehr zur Leidenschaft getheilt. Bei charakterfesten, widerstandsfähigen, geistig und körperlich gesunden Personen ist die Aussicht auf absolute Heilung sicherer, als bei schwächlichen Charakteren. Eine einzige Injection nach geheilter Morphiumsucht besiegt den monatelang mit Erfolg geleisteten Widerstand gegen die Leidenschaft.

Auf mein Befragen, ob derartige Patienten in jener Anstalt sehr häufig Hülfe suchten, erfuhr ich, daß die Krankheit sowohl dort wie anderwärts allerdings in ganz erschreckender Weise zugenommen habe. Es zeigt sich hier wiederum, wie es im modernen Culturleben so oft zu finden ist, daß die Anmaßung der Laienwelt, sich selbst ärztlichen Rath ohne Einholung der Meinung eines tüchtigen Arztes zu erteilen, zu den unheilvollsten Ausschreitungen führen muß. So heilsam und glückbringend die Erfindung der Morphiuminjectionen für viele Leidende geworden ist, in eben dem Grade stiftet sie in leichtsinniger Hand Unheil und Verderben.

Der ferneren Ausbreitung der Morphiumsucht kann einzig und allein durch ein energisches Zusammenwirken der Aerzte mit den zuständigen Behörden entgegengewirkt werden. Die von verschiedenen Regierungen erlassenen Verbote beziehentlich der Verabreichung von Morphiumlösungen ohne ärztliche Specialverordnung sind von den zuständigen Aufsichtsbeamten der Apotheken in verschärfterem Maße zu handhaben. Besonders sollen die Apotheker keine Morphiumrecepte wiederholt anfertigen, wenn solche nicht die deutlich ausgedrückte Zustimmung eines im Orte ansässigen Arztes enthalten. Aber auch die Aerzte sollten jede Morphiuminjection nur persönlich oder durch Assistenten bewirken, unter keinen Umständen aber dem Kranken oder dessen Angehörigen überlassen.

Mein durch so eigenthümliche Zufälle neu erworbener Freund wurde nach einigen Wochen vollkommen geheilt aus der Anstalt entlassen. Bei dem festen Charakter des strammen Militärs ist anzunehmen, daß er nicht wieder in seinen früheren Fehler zurückverfalle. Mögen ihm die Folgen eines Rückfalls in die Morphiumsucht, Schwächezustände, die schließlich zum Tode führen, erspart bleiben!
Th. St.




Gerechtigkeit in Rom.

Erinnerungen eines einstigen Schlüsselsoldaten.

(Schluß.)


So marschirten wir ziemlich kleinlaut und düster in der Gegend der Maremmenstraße dahin. Schon den dritten Miglienstein hatten wir erreicht, keine Seele war uns begegnet, ja nicht einmal ein Gebäude kam uns zu Gesicht, außer den halb zerfallenen mittelalterlichen Thürmen, die sich hier und dort in der Nähe der Seeküste erhoben – der einstige Schutz gegen Normannen und Barbaresken. Die Stimmung war eine gedrückte, und tiefes Schweigen herrschte in den Gliedern. Die Bemerkung des Compagniewitzmachers, daß wir genau wie ein Zug Todtengräber einherzögen, war sehr zutreffend.

Da endlich, als wir die Höhe eines niedrigen Hügelzuges erreicht hatten, bot sich eine Erscheinung, von der auch offenbar die Lösung unserer Zweifel kommen mußte. Zu Füßen des Hügels erblickten wir eine größere Menge Truppen, die wir an ihren rothen Beinkleidern sofort als Franzosen erkannten. In zwei parallelen Linien aufmarschirt, hatten vier Compagnien die Gewehre zusammengestellt und erwarteten uns augenscheinlich, denn kaum gewahrten sie uns, als die Commandos der Officiere erschollen und sich die Reihen ordneten. Der Commandant aber ritt unserm Hauptmann entgegen und machte ihm Mitteilungen, worauf wir als Verbindungsglied zwischen die beiden sich gegenüberstehenden Linien der Franzosen einrückten, auf diese Weise mit ihnen ein auf einer Seite offenes Carré bildend. Auf dieser offenen Seite aber, die gegen die Anhöhe gerichtet war, zeigten [724] sich eine Anzahl dicht beisammen stehender Menschen, theils in bürgerlicher Kleidung, theils in Uniform hinter einem frisch aufgeworfenen Sandhügel.

Was hatte das zu bedeuten? Ich sah nach dem Hauptmanne, der in der Nähe bei den französischen Officieren stand; er war bleich, und man sah ihm Schrecken und Aufregung an. Ein alter Troupier in meiner Nähe, der als Fremdenlegionär in der Krim, in Algier, Italien und Mexico unter den napoleonischen Fahnen gedient hatte, warf mit gestrecktem Halse zwischen seinen Vormännern hindurch einen forschenden Blick nach dem räthselhaften Menschenknäuel und der ebenso räthselhaften Grube und sagte dann: „Corporal, verlaßt Euch darauf – da giebt’s eine Füsillade.“

Himmel und Hölle – mir ward es schwarz vor dem Gesicht und das Blut erstarrte mir vor Entsetzen. Wo hatte ich doch meine Augen vorher gehabt – wahrhaftig: das war ein offenes Grab, neben dem in dem Sandhügel die Spaten zum Zuwerfen steckten. Und jetzt erkannte ich auch die Uniformen der Sbirren in dem Haufen und sah sie gefesselte Männer bewachen. Gräßlich!

Also zu Henkern hatte man uns bestimmt! Nein, mehr noch, zu Mördern! Denn daß es sich nicht um die Ausführung eines rechtmäßigen Urtheiles handelte, sondern um einfachen Mord, das zeigten die absonderlichen Umstände, unter denen die Execution stattfinden sollte. War es nicht das erste Geschäft der nach 1849 zurückkehrenden päpstlichen Regierung gewesen, an Stelle der vom Volk verbrannten Guillotine ein neues solches Mordinstrument anzuschaffen, mit dem die Hinrichtungen in der Hauptstadt der Christenheit öffentlich ausgeführt wurden? Warum entzog man diese Opfer dem schauwüthigen, demoralisirten Pöbel Roms und schleppte sie hierher in eine öde, menschenverlassene Gegend?

Aber was sollten wir, die wir zur Durchführung des Bubenstreiches bestimmt waren, thun? Als echte Mordknechte ohne Liderzucken den Blutbefehl ausführen? Unsere ganze Abtheilung, welche die Schreckensnachricht wie der Blitz durcheilt hatte, war empört über die ihr zugemuthete Rolle, und Niemand wollte Theilnehmer an der Execution sein. Aber die Disciplin! Und würden nicht Widerspänstigkeiten schnell durch die Franzosen unterdrückt werden, die vielleicht zu gar keinem andern Zwecke da waren? Ja, ja, das war’s: die Franzosen mochten sich wohl für die ihnen zugemuthete Ehre, Henker zu spielen, bedankt haben, weshalb man uns und gerade uns, die wir ohne Aufsehen herbeigeschafft werden konnten, holen ließ; aber man mißtraute unserer Brauchbarkeit für solche Dinge, und darum umstellte man uns mit einer Uebermacht fremder Truppen, die uns die Möglichkeit einer Nichtausführung des Blutbefehls benehmen sollten. Wie nun aus diesem Dilemma herauskommen?

Alle Gedanken und Erwägungen wurden durch einen Trommelwirbel der französischen Tamboure und das Commandowort unseres Hauptmanns abgeschnitten. Der Letztere, ebenfalls ein Deutscher, dem trotz seiner bekannten Frömmigkeit und päpstlichen Gesinnung das Henkeramt offenbar gleich uns in tiefster Seele widerstrebte, trat mit trübseliger Miene vor die Front und forderte Freiwillige zur Execution vor. Aber Niemand meldete sich. So mußte denn eine Squadra – zwölf Mann – commandirt werden. Als dieser der Befehl zum Vormarsch gegeben wurde, zuckte manche Miene, manche Lippe bewegte sich zu einer leisen Frage, aber ein energisches Commandowort und – die Disciplin hatte gesiegt. Das Peloton lud die Gewehre.

Jetzt wurden von den Sbirren zwei der Opfer vor die Grube geführt, das eine ein älterer, hagerer Mann, das andere eine kleine, corpulente Figur mit rothem Bart und lebhaften Bewegungen, beide in eleganter Kleidung. Alsdann trat ein ebenfalls in Begleitung der Sbirren angekommener Beamter vor und verlas pathetisch das „Urtheil des heiligen Tribunals“. Die beiden Verbrecher, „deren Namen den hochwürdigsten General-Inquisitoren bekannt“ seien, hätten sich des „gottlosen Hochverrathes an der Regierung Seiner Heiligkeit“ schuldig gemacht und darum den Tod verdient.

Die Sbirren traten zur Seite; das Commando des Sergeanten des Executionspelotons ertönte; der Kleine rief ein trotziges „morte ai tiranni!“ – die Gewehre knatterten und als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sahen wir erschüttert die beiden Opfer der milden, gottesfürchtigen Regierung in den Sand gestreckt.

Aber was war das? Das Würgen hatte noch kein Ende; denn ein neues Opfer ward auf den blutbespritzten Plan geschleppt. Dieser Mann aber, der keine Städterkleidung trug, sondern eine mir bekannte ländliche Tracht – täuschte eine Spukgestalt meine erregten Sinne oder war es Wahrheit? – dieser Mann, der jetzt eisengefesselt, gebeugt, aber festen Schrittes vor die Gewehrmündungen trat, war – Boticelli, unser Freund und Lebensretter.

Ich glaubte, der Schlag müsse mich rühren oder die Nacht des Wahnsinns mich umfangen, und eine Minute lang war ich wie gelähmt. Ich sah und hörte nichts, was um mich vorging, weder das Flüstern und Murren meiner empörten Cameraden, die ebenfalls Boticelli erkannt, noch den befehlenden Zuruf des über die Unruhe seiner Abtheilung erstaunten Hauptmanns; ich starrte nur wie durch einen Zauber gebannt die mir so sympathische, nun wohl durch Kerkerhaft und Mißhandlungen gebrochene Gestalt des Freundes an und hörte die Stimme des danebenstehenden Beamten, der das Urtheil verlas. Welche Gründe wollte man hier nennen, den Mord zu rechtfertigen? Wessen erfrechte man sich diesen Mann zu bezichtigen, dem die Regierung so viel Dank schuldete? „Nachdem er sich fortgesetzt feindselig gegen die Regierung des heiligen Vaters und unsere heilige Religion benommen und gegen sie conspirirt, auch die Soldaten des römischen Stuhles zum Ungehorsam und zum Abfall zu verleiten gesucht, ging er in der Bosheit seines Herzens so weit, seinen ihm verwandten Knecht, einen treuen Freund der Regierung, dessen Ueberwachung er fürchtete, vorbedacht zu ermorden und für dieses Verbrechen durch meineidige Versicherung einen treuen Unterthan und Beamten verantwortlich zu machen, um danach aus dem Lande zu fliehen, woran ihn aber die Pflichttreue des von ihm fälschlich denuncirten Sbirren Castelvetri rechtzeitig verhindert.“

Ein „Ah“ der Verwunderung, in das meine Nebenmänner ausbrachen, löste den Bann und gab mir den Vollbesitz meiner Sinne wieder. Nun aber hielt mich keine Disciplin mehr, und schnell trat ich salutirend aus dem Glied an den Hauptmann, der eben ergrimmt auf die unbotmäßige Abtheilung zustürzte, heran, um ihm von der unerhörten Frevelthat Meldung zu machen, die hier begangen worden und eben mit dem schändlichsten Mord gekrönt werden sollte. Währenddessen war die Abtheilung in ein lautes Murren ausgebrochen, das von dem Geist des Widerspruchs angesteckte Executionspeloton aber hatte kurzweg Kehrt gemacht und war in die Reihe eingerückt.

Natürlich zogen diese außergewöhnlichen Auftritte die Aufmerksamkeit der Franzosen in immer höherem Grade auf sich, und endlich ritt der Commandant herbei, um sich bei dem Hauptmann über die Gründe der Unruhe zu erkundigen. Als dieser, der sich jetzt von Montefiascone her jenes Meuchelmordes Castelvetri’s erinnerte, selbst empört dem Commandanten Mittheilung über diese Art von römischer Gerechtigkeit machte und ihm erklärte, daß unter diesen Umständen von einer Füsillirung des offenbar Unschuldigen durch seine Abtheilung keine Rede sein könne – da schüttelte auch dieser im Prätorianerdienst ergraute Officier das Haupt.

Ein Officiersrath wurde zusammenberufen, der einstimmig beschloß, daß die Execution bei so überwältigenden Zweifeln an der Schuld des Verurtheilten nicht stattfinden könne, vielmehr das Urtheil dem Gerichte zur Prüfung zurück zu geben und letzteres auf mein und des Hauptmanns Zeugniß für Boticelli und die Weigerung der Abtheilung aufmerksam zu machen sei.

Nachdem der über diese Wendung höchlich verwunderte Regierungsbeamte auf Anfordern unseres Hauptmannes den Sachverhalt zu Protocoll genommen hatte, trat der Hauptmann mit feierlichem Ernste, aber gewiß innerer Zufriedenheit vor die Front, tadelte die Indisciplin, versprach aber, daß der Fall gewissenhaft geprüft werden solle, und forderte uns streng auf, nunmehr voll und ganz zu unserer Pflicht zurück zu kehren und das Weitere ruhig abzuwarten. Dann marschirten wir ab, von den beifälligen Zurufen der Franzosen begleitet und nicht ohne unsrem durch unser Dazwischentreten dem schon geöffneten Grabe entrissenen Freunde, der während der ganzen Scene erstaunt nach uns geblickt, einen stummen Gruß zugeworfen und von ihm einen lauten Segensruf empfangen zu haben.

Mit dem Bewußtsein einer guten That erreichten wir nach längerem Marsche gegen Mittag Civitavecchia wieder, von wo uns derselbe Dampfer, der uns abgeholt, bald nach unserer Garnison zurückbrachte.

[725]

Weinlese an der Mosel.
Nach seinem Gemälde auf Holz gezeichnet von J. Fr. Engel.

[726]

5.

Der nächste Frühling traf mich in Rom.

Der Ungehorsam meiner Abtheilung bei jener Execution hatte die Regierung arg aufgebracht, aber des öffentlichen Skandales wegen wagte man nicht, öffentlich gegen uns vorzugehen. Dagegen suchte man die unsichere Compagnie dadurch zu discipliniren, daß man ihr andere und zwar französische Officiere gab und auch die Unterofficiere zum größten Theil wechselte – Officiere und Unterofficiere traten nun in der rücksichtslosesten, provocirendsten Weise gegen die Abtheilung auf. Das Resultat war natürlich nur eine hochgradige Erbitterung der im Uebrigen verlässigen Leute, die sich bei der Executionsaffaire hatten fühlen gelernt und deren Abneigung gegen das Regime, dem sie dienten, immer offenbarer wurde. Später, als die Schläge, welche im Sommer 1870 die stolze napoleonische Armee trafen, auch in Rom ihre Wirkung äußerten, haben diese Dinge nicht wenig dazu mitgewirkt, daß die päpstliche Regierung gerade ihre militärisch besten Truppen, die Deutschen, gegen die anmarschirenden Italiener gar nicht zu verwenden wagen durfte.

Was mich, den Hauptschuldigen bei der Affaire, betrifft, so hatte mich ein in den Salzsümpfen von Fiumicino geholtes Fieber der mir ohne Zweifel besonders zugedachten Chicanen der neuen Strafofficiere überhoben. Man hatte mich nach Rom in’s Lazareth senden müssen, das ich nach langer, erfolgloser Cur dienstunfähig verließ, um als Reconvalescent nach Belieben über meine Zeit zu verfügen.

Schleichenden Schrittes durchwanderte ich der Tiberstadt reiche Kunstsäle und ihre mächtigen, erinnerungsreichen Trümmerstätten, vor allem aber ihre herrlichen Parks und Anlagen, in denen ich Erquickung und Genesung für den fiebergefolterten Leib suchte. Für die Seele konnte ich freilich keine finden. Jene Hinrichtungsscene hatte meinen bisherigen Erfahrungen in Rom die Krone aufgesetzt, und das gräßliche Bild wollte mir im Wachen und Träumen nicht mehr aus dem Sinn. Nur fort, fort aus dieser Hölle der Menschheit, aus diesem Lande, das die Priester mehr als irgend ein anderes zu einem Jammerthal gemacht, fort, um so viel geistiges und körperliches Elend des Volkes und so viel Verdorbenheit und Infamie der Herrschenden nicht länger ansehen zu müssen! In diesem Wunsche concentrirte sich all mein Sehnen, und ich fühlte, daß ich auch körperlich nicht gesunden könne, ehe ich nicht die Pestatmosphäre der päpstlichen Tiberstadt mit der rauheren, aber reineren Luft jenseits der Alpen vertauscht haben würde. Darum hatte ich auch bereits nachdrückliche Schritte zu meiner Dienstentlassung gethan, sodaß meine lange ersehnte Abreise in die Heimath in naher Aussicht stand.

Aber noch waren nicht alle Fäden zwischen mir und Rom zerschnitten, denn eine heilige Pflicht blieb mir noch zu erfüllen: die Förderung des Processes Boticelli’s, des armen verfolgten Freundes Befreiung und Rehabilitirung. Von dem Augenblick an, wo ich meines Körpers wieder einigermaßen mächtig war, bemühte ich mich an allen mir in der Sache von Einfluß scheinenden Stellen, aber ein Achselzucken über den sonderbaren Schwärmer, die Versicherung, daß man auf die Gerechtigkeit der Generalinquisitoren unbedingt bauen dürfe und daß man mich schon werde zu finden wissen, wenn man meines Zeugnisses bedürfe – das war Alles, was ich zu erreichen vermochte. Ich schrieb an den Hauptmann und an Werner – ihr Zeugniß war ebenso wenig gefordert worden, wie das meinige. Ich erkundigte mich nach dem Schicksale Boticelli’s – man gab mir keine Auskunft; die Wirksamkeit des heiligen Tribunals war in ein undurchdringliches Geheimniß gehüllt.

Eines Nachmittags hatte ich wieder solch einen vergeblichen Versuch gemacht und war dabei rundweg angewiesen worden, nicht wieder zu kommen und überhaupt meine „Nörgeleien“ aufzugeben. Von Wortgefecht und Gemüthsaufregung ermüdet, flüchtete ich mich ist die schattigen Haine und südlichen Zaubergärten des Monte Pincio, um in der balsamischen Luft dieser üppigen Vegetation zu ruhen und – zu träumen. Ja, zu träumen! Denn wer vermöchte es, kalt und berechnend nur an die Interessen des Tages zu denken an solcher Stelle, den Blick auf das einzige, sinnberauschende Bild jener Stadt der Städte gerichtet, deren Name allein die Erinnerung an Jahrtausende wachruft! Von den tropischen Yuccabäumen, Agaven, Cacteen und Palmen des Monte Pincio aus übersieht der staunende Blick die Denkmale dreier Jahrtausende, die Erinnerungszeichen zahlreicher Völker von Nah und Fern, von Abend und Morgen, die in Entstehen, Glanz und Untergang die Stadt geschaut, welche zweimal den Erdkreis beherrscht!

Die Weltherrschaft des alten und des neuen Rom ist gesunken, aber beide haben tiefe Spuren zurückgelassen. Welche von ihnen war für die Menschheit sind ihr Fortschreiten ersprießlicher? Die erste unterwarf sich die Welt mit Feuer und Schwert und Gewaltthat jeder Art, aber sie vermittelte ihr die Cultur. Die andere brachte zehnmal mehr Schrecken über die Menschheit, und was sie der Welt geschenkt, ist noch in seinen Resten der freien Entwickelung geistigen Lebens hinderlich. Um wie viel mehr mußte es ihm hinderlich sein an der Tiber selbst, wo das ganze Land unter diesem modernden Getrümmer begraben lag. Und noch war keine Aussicht, daß der Erlöser bald kommen würde, der die für ihre Beherrscher büßende Stadt befreien sollte von dem Fluch der Tiara.

So dachte und träumte ich, alles Lebende rings umher vergessend, bis mich die Dämmerung überraschte und Fieberfrösteln mich zum Aufbruch zwang. Durch die Ripetta und das vaticanische Viertel schritt ich eilig meinem Quartier in Trastevere zu. Da, als ich die Engelsbrücke überschritt, hörte ich von der Courtine der Engelsburg herab meinen Namen rufen und entdeckte hinaufblickend bald einen Bekannten, der, zur Besatzung des Hadrianscastelles gehörig, mich einlud, zu ihm in die Veste hinaufzukommen und den Abend bei ihm zu verbringen. Ich folgte seiner Einladung.

Die Engelsburg, das alte Mausoleum Hadrian’s, ein riesiger Cylinder auf quadratischem Unterbau, von starken Befestigungen umgeben, ist die Bastille der Tiberstadt. Seit neunhundert Jahren diente sie als Festung, welche die Stadt am linken Tiberufer beherrschte und in der die friedlichen, von ihrem Volk geliebten Päpste oft Schutz vor Gefahren suchten und fanden. Zugleich befanden sich in ihr auch die berüchtigten Staatsgefängnisse, die unter dem „milden“ Regime des Vaticans stets überfüllt waren.

In der That sah es sehr kerkermäßig dort droben aus. Auf dem Casemattenhofe, in dem das Wachlocal meines Bekannten lag, waren ein paar mit Eisen an Händen und Füßen belastete Gefangene mit Arbeiten beschäftigt, und Kerkermeister mit ihren Schlüsselbunden und Stöcken gingen ab und zu, die Gefangenen mit herrischen, rohen Worten anfahrend. Die einförmigen, düsteren Festungsgebäude, der kahle Hof, der riesige Thurm mit seinen zahlreichen vergitterten Fenstern – all das machte einen düsteren Eindruck auf mich, und ich sagte meinen Bekannten, daß ich höchst unglücklich sein würde, hier länger Dienst thun zu müssen. Mein Gastfreund aber meinte, es sei doch wohl nicht ganz so schlimm; käme doch selbst manches hübsche Mädchen herauf, sich um ihre gefangenen Verwandten bekümmernd. „Sieh nur,“ fuhr er mit einem Blick nach dem Thor fort, „dort ist gleich eine. Ich muß doch hingehen und sie näher ansehen.“

Es war eine Landbewohnerin, und ihre hohe Gestalt und würdevoll gemessene Haltung zogen mich eigenthümlich an – ich glaubte sie zu kennen, aber es war wohl nur Einbildung, denn diese imponirende Haltung ist das Erbtheil aller Latierinnen, und gingen sie in Lumpen und wären sonst häßlich wie die Nacht.

Mein zurückkehrender Freund brachte mir, nachdem das Mädchen wieder gegangen, einigen Aufschluß über dasselbe. Seit Wochen, sagte er, komme das Mädchen, dessen Schönheit und Anmuth er nicht genug rühmen konnte, alltäglich und übergebe dem Gefangenenwärter ein Körbchen mit Früchten, Käse u. dergl. für ihren in der Burg gefangen sitzenden Vater. Oefters schon hätte er die Schöne gern angesprochen, aber ihr würdiges Wesen und vor Allem die tiefe Trauer, die auf ihren schönen Zügen liege, halte ihn von jedem platten Scherze ab und nöthige ihm inniges Mitgefühl und Achtung ab. Es that mir nun doch leid, daß ich nicht an das Mädchen herangetreten war; ich vergegenwärtigte mir immer auf’s Neue ihre Gestalt und ihr Wesen, die mir so bekannt gedünkt. Aber ich konnte zu keiner Klarheit kommen, und da ich an der Sache wärmeren Antheil nahm, als ich mir zu erklären vermochte, rief ich den eben vorübergehenden Kerkermeister, der vorhin mit dem Mädchen gesprochen, an und fragte ihn, ob er nichts Genaueres über die Besucherin wisse.

„Ah,“ erwiderte der Mann mit widerlichem Lachen, „das schöne Kind hat Euch in die Augen gestochen – wie? Nun, da kann ich Euch dienen; ’s ist eine gute Freundin von mir. Aber

[727] Ihr könnt nichts machen mit ihr, denn sie ist gar stolz, und doch war ihr Vater blos ein gemeiner Mörder. Vor mehr als drei Monaten ward der gefährliche Kerl eines Nachts hierhergebracht. Am zweiten Tag darauf stellte sich schon unser Mädchen ein und gab mir gute Worte und einen Paolo, daß ich ihren Vater gut behandeln und ihm einige Kleinigkeiten übergeben solle, denn er sei bei Gott und der Madonna unschuldig – Ihr wißt ja, das sind alle Spitzbuben, wenn man sie hört. Nun, einem schönen, traurigen Mädchen muß ein Christ schon einen Gefallen thun, und so übernahm ich den Auftrag der Schönen zum Trost, obgleich der Alte doch nichts davon bekam. Seitdem kommt nun das Mädchen jeden Abend mit ihrem Körbchen und fragt immer wieder, ob denn ihr Vater noch nicht bald befreit werde. Die Arme! Verflucht, aber ich, der ich seit fünfzehn Jahren Gefangenenwächter bin, habe nicht den Muth, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen. Denn in Wahrheit ist er von den Kerkerleiden längst befreit. Er war schon zum Tode verurtheilt gewesen, ehe er hierher kam, und hatte erschossen werden sollen, aber die verdammten Franzosen hatten sich geweigert, ihn abzuthun. Nun, da hat man ihn hierhergebracht und – Ihr wißt ja, man hat so seine Mittelchen, solche Leute zum Schweigen zu bringen. Acht Tage darnach trugen sie den Körper in der Nacht nach San Spiritu zu den Menschenzerschneidern hinüber –“

Wie wahnsinnig sprang ich empor und würgte den Schergen am Hals: „Den Namen, Schurke!“

Der Erschrockene suchte sich von meinen Griffen zu befreien: „Aber, Signor, wollt Ihr mich erwürgen? Wenn Ihr nichts als den Namen wollt, den hätt’ ich Euch auch so gesagt. Luigi Boticelli hieß er; er war aus der Provinz Viterbo.“

Kraftlos brach ich auf die Bank zusammen. In demselben Augenblicke aber trat ein Marschall der Sbirren in silberstrotzender Uniform und mit gebieterischem Wesen in den Hof und herrschte den vor ihm kriechenden Kerkermeister an. Ich starrte den Mann gleich einem Schemen an, denn diese Gaunerphysiognomie kannte ich, und ich werde sie nie vergessen – es war Castelvetri, der belohnte Meuchelmörder!




Blätter und Blüthen.


Etwas von Alpenvereinen. Es geht unleugbar ein starker wissenschaftlicher Zug durch unsere Zeit. Auch die „edle Touristerei“ ist eine Wissenschaft geworden. Man werfe nur einen Blick in die zum Theil sehr glänzenden und sehr gelehrten touristischen Publicationen, und man wird sich dieser Wahrheit nicht verschließen können. Ein Hauptverdienst daran haben die „Alpenvereine“, die Sammel- und Pflegstätten des Touristenwesens. Und doch dürfte es eine Menge „Gartenlauben“-Leser geben, welche nie etwas von dem deutsch-österreichischen Alpenvereine gehört haben, der mit seinen 68 Sectionen und 8000 Mitgliedern unzweifelhaft zu den imposantesten Vereinen nicht nur Deutschlands und Oesterreichs, sondern der Welt überhaupt zählt.

Die Entstehungsgeschichte dieses Vereins ist bald berichtet. Sie beginnt mit der Bildung zahlreicher localer Touristenvereine zunächst in Oesterreich und weiterhin durch Deutschland, aus welchen sich, dem Vorgange des 1858 gegründeten Londoner „Alpine Club“ folgend, zunächst 1862 in Wien ein österreichischer, dann 1869 ein deutscher Alpenverein zusammenthat; beide vereinigten sich, einem instinctiven Drange folgend, 1874 zu dem großen „deutsch-österreichischen Alpenvereine“.

Unsere weite Gotteserde hat wenig schönere, reinere und erhebendere Genüsse zu bieten, als den der ewigen herrlichen Natur. Sie vermag den Genießenden bis in das innerste Herz zu beglücken, und der beglückte Mensch ist mittheilsam; er will erzählen, will schildern, will Andere desselben Glückes theilhaftig werden lassen. Darum sind die Touristen so redselig; sie wollen auch die übrige Menschheit zu ihrem Cultus bekehren und ihr dessen ungekannte Genüsse vermitteln. Von allen Seiten lassen sie ihre Batterien gegen die Gleichgültigkeit des Publicums spielen. Sie fassen uns bei unserem wissenschaftlichen Interesse, bei unserem Lerntriebe. Sie erschließen und schildern uns die majestätische Gletscherwelt und erzählen uns von dem Leben und Weben, Drängen und Treiben derselben. Verführerisch malen sie uns die Reize der Alpenflora und wecken unsern botanischen Forschungstrieb; die Geologie, Meteorologie, Länder- und Völkerkunde haben an ihnen eifrige Pioniere, die auch auf den liebenswürdigen Irrgängen des Dialektes und der Dialektdichtung der Volksseele nachspüren. Und wie sie der Cultur die Wege ebnen, ebnen sie diese auch den nachfolgenden Culturträgern selbst. Sie bauen auf gemeinsame Kosten Wege und Unterkunfts- und Schutzhäuser; da ein massives steinernes Gebäude auf schwindelerregender Höhe, dort eine leichte Hütte; sie richten all diese bereits sehr zahlreichen Baulichkeiten zweckmäßig ein, sodaß der Wanderer selbst in den unwirthlichsten Gegenden des Segens der Civilisation nicht entbehrt.

Wenn man die Mitgliederliste der verschiedenen Sectionen des deutsch-österreichischen Alpenvereines durchblättert, bekommt man, wohl oder übel, Respect vor einer Association, in welcher sich, man kann sagen, die Blüthe des deutschen und österreichischen Volkes zusammengefunden hat. Alle Berufsarten und alle Stände sind da vertreten, am stärksten wohl der Stand der gewerbsmäßigen Stubenhocker, der Gelehrten.

Sehen wir uns beispielsweise den Berliner Touristenclub, der auch nur eine Section des Vereins bildet, näher an! Berlin hat bekanntlich von der Nachbarschaft eines Hochgebirges wenig zu leiden, und ein Berliner Tourist hat schon ein gutes Stück Weg zu machen, ehe er sich an der Herrlichkeit der deutschen Alpenwelt erquicken kann. Darum zählt der Club auch nur 96 Mitglieder; unter diesen aber gehören fast alle dem Gelehrten- und Künstlerstande an, und 57 davon haben ihr Doctordiplom in der Tasche. Die stärkste Section wird wohl die Wiener sein mit ihren 1080 Mitgliedern. Der Vorstand der Wiener Section ist der Reichsfinanzminister Freiherr von Hofmann, ihr Schriftführer der Staatsanwalt C. Adamek. Leipzig, das deutsche Klein-Paris, läßt sich auch nicht verspotten: es beherbergt 121 Touristen, welche unter der Leitung des Universitätsprofessors Dr. Pückert wacker mitarbeiten in dem großen deutsche Touristenconcerte.

Fast alle größeren deutschen und österreichischen Städte haben ihren Touristenverein; wir nennen außer den bereits erwähnten: Augsburg mit 116 Mitgliedern, Breslau mit 57, Constanz mit 94, Darmstadt mit 44, Dresden mit 133, Frankfurt am Main mit 205, Graz mit 137, Hamburg mit 85, Heidelberg mit 48, Innsbruck mit 139, Karlsruhe mit 62, Klagenfurt mit 142, Laibach mit 60, Triest mit 107, Landshut mit 81, Linz mit 190, Marburg an der Drau mit 33, Meran mit 91, München mit 650, Nürnberg mit 117, Passau mit 190, Prag mit 156, Regensburg mit 89, Section Rheinbund mit 128, Rosenheim mit 84, Salzburg mit 261, Ischl mit 69, Stuttgart mit 140, Steyer mit 75, Villach mit 59, Bregenz mit 212, Würzburg mit 97 Mitgliedern etc..

Um das große Publicum für ihre Thätigkeit zu interessiren, veranstalten die verschiedenen Sectionen von Zeit zu Zeit alpine Ausstellungen, und diese pflegen thatsächlich sehenswerth zu sein. Da sind dann vertreten die alpine Flora, Fauna und Geologie, wissenschaftliche Instrumente, Reise-Utenstlien, Ausrüstungsstücke, Reise- und alpine Literatur, Karten, Panoramen, Bilder in allen Techniken, Pläne, Conserven u. dergl. m.

In der Section Algäu-Immenstadt mit Lindau wurde jüngst in der Generalversammlung, gleichsam zur Instruction, das Ideal einer touristischen Ausrüstung durch ein lebendiges Exemplar vordemonstrirt. Ein Vereinsmitglied war vollständig herausstaffirt worden, und es zeigte sich, daß zu einer durchaus vollständigen, zweckmäßigen Gesammtausrüstung nicht weniger als 250 Gegenstände nothwendig seien. Da darf die Reiseapotheke ebenso wenig fehlen, wie die Nähnadel, wie die Kochmaschine, der rationelle Bergstock, Bergschuhe, Eishacke, Steigeisen, Eispickel, Gletscherseil, Feuerzeug, Taschenmesser, Gletscherbrille, Fernrohr, Zeichenmappe; die wissenschaftlichen Instrumente gehören natürlich mit dazu, so Taschenzirkel, Thermometer, Aneroïd (Instrument zur Messung des Luftdruckes), Winkel-, Curven- und Schrittmesser, botanisches, entomologisches und mineralogisches Besteck etc.. Das alles muß möglichst handlich und praktisch gepackt sein, und wer, so ausgerüstet, seine Tour antritt, wird, trotz der allerpraktischsten Packung, eines Führers oder Trägers nicht leicht entrathen können.

Touristenvereine haben auch andere Länder aufzuweisen; zum Theil sind ihre Ziele andere Gebirge, als die im engern Sinne sogenannten „Alpen“. In bunter Reihenfolge seien nur folgende ausländische alpine Verbindungen genannt: „Club alpin français“, „Club alpino Italiano“, „Schweizer Alpenclub“, „Alpine Club“ in London, „Ungarischer Karpathen-Verein“, der „Galizische Tátra-Verein“ etc.. Mit diesen Vereinen unterhält der „deutsch-österreichische Alpenverein“ lebhafte Verbindungen, und außer mit den genannten Vereinen steht er noch im Tauschverkehr mit der „Aardrijkskundig Genootschap“ in Amsterdam, mit der „Gesellschaft für Erdkunde“ in Berlin, mit der „k. k. Geographischen Gesellschaft“ und der „k. k. Geologischen Reichsanstalt“ in Wien, mit der „Sociedad geografica“ in Madrid, mit der „kaiserlichen Geographischen Gesellschaft“ in St. Petersburg etc..

Die alpine Literatur – und wir haben hierbei natürlich lediglich die periodische im Auge, die allein sich halbwegs controlliren läßt – ist eine sehr große. Bisher sind mir bekannt geworden: „Der Alpenfreund“, „Die Alpenpost“, „Alpenzeitung“, „Touristische Blätter“ (mit dem belletristischen Beiblatt „Die Alpencither“), „Der Tourist“, „Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg“, „Jahrbuch des schweizer Alpenclubs“, „Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins“ (hervorgegangen aus den „Mittheilungen“ desselben Vereins), das „Jahrbuch“ ebendesselben Vereins; zu diesen gesellen sich: „Alpine Journal“, „Bolletino del Club alpino Italiano“, „Bulletin trimestriel du Club alpin français“, „Bulletin de la Section du Sud-Ouest“ (Bordeaux), „Annuaire du Club alpin français“ etc. in schier unabsehbarer Folge.

Wir schließen mit dem Wunsche: möge die fröhliche Wanderlust und der ernste wissenschaftliche Trieb immer so würdige Pflegestätte haben, wie sie jetzt besitzen an den wackeren Sectionen des großen „deutsch-österreichischen Alpenvereins“, dem die Alpenländer einen guten Theil ihres jetzt so erhöhten Touristenverkehrs zu danken haben und der durch seine würdigen literarischen Publicationen, durch seine Wege- und Hüttenbauten und die von ihm bewirkte Organisation und Sicherung des Führerwesens gründlich die Meinung widerlegt, als handelte es sich dabei nur um eine Gesellschaft von Bergsteigern zur Veranstaltung waghalsiger Klettertouren.[2]
Balduin Groller.

[728] Der Texanische Ochse lernt den Menschen zuerst kennen, wenn dieser ihn, noch ganz jung, von der Mutter trennt; mit der Eigenthumsmarke seines Besitzers versehen, die entweder in einem Brandmal auf der Schulter oder Hüfte, oder einem Einschnitte in Ohr oder Horn besteht, wird er nun in einen andern Theil der großen ländlichen Besitzung übergeführt, wo er sich der vollkommensten Freiheit erfreut, bis er ausgewachsen ist. Sein Besitzer bekümmert sich nunmehr um ihn nur insofern, als er durch Instandhaltung der Umzäunung dieses Terrains ihn verhindert, seinem weiten Gefängniß zu entfliehen. Ist er hier ausgewachsen, dann begegnet er dem Menschen wieder, der, zu Pferde die einzelnen zu einer großen Heerde zusammentreibend, jeden widerspänstigen mit dem Lasso zur Erde wirft und zwingt, seine Herrschaft anzuerkennen und sich seinem Willen zu fügen. Deshalb hat auch der Texanische Ochse einen großen Respect vor dem Reiter, während er dem Fußgänger sofort angreifend entgegentritt. Diese Heerden werden nun nach Santa Fé oder einem andern mit Vorrichtungen zur Aufnahme derselben versehenen Eisenbahnplatz getrieben und von dort direct nach New-Orleans, Galveston, New-York, Baltimore etc. oder nach den Binnenstädten St. Louis, Chicago etc. versandt. Zur Graszeit, wenn die Ochsen fett, geschieht der Transport gewöhnlich nach den erstgenannten Städten, zum Zweck des einheimischen Verbrauchs, während im Herbst die Binnenstädte als Bestimmungsorte anzusehen sind, wo die Ochsen von den Landwirthen zur Mästung angekauft werden; sie dienen dann größtentheils dem Exporthandel, theils lebend, theils geschlachtet oder in präservirtem Zustand als Pökelfleisch (corned beef). Die lebendig zu exportirenden Ochsen, mit denen wir uns im Nachstehenden beschäftigen wollen, werden in den großen Viehhöfen dieser Städte, welche beinahe Städte für sich selbst bilden, nach Größe und Gewicht, welches beides zusammen auf den Grad der Mästung schließen läßt, sortirt und kommen alsdann nach ihren verschiedenen Graden, mit Nr. 1 für das fetteste und schwerste Vieh, das heißt Ochsen von 1500 Pfund und darüber angefangen, in den Handel.

Der Landwirth, der hier die mageren Ochsen zur Mästung kauft, treibt sie in sein Kornfeld, nachdem er vorher taxirt, wie viel Ochsen dasselbe wohl fett machen könne; er fügt eine Anzahl Schweine bei, die sich von dem durch die Ochsen zu Boden getretenen Korn mästen sollen. Auch hier überläßt er die Heerde sich selbst, so lange genügend Futter vorhanden; dann bringt er sie wieder nach den Viehhöfen zurück, und die Differenz des früher gezahlten und des jetzt erzielten Preises bildet dann den Ertrag seines Kornfeldes. Der erstere Preis übersteigt selten für das Pfund 7 bis 8 Pfennig nach unserem Geld, während der letztere mit ungefähr 15 bis 20 Pfennig angenommen werden kann. Obgleich bei dieser Art Mästung viel Futter verloren geht, wird auf der andern Seite wieder viel Arbeit gespart, und wenn darauf Bedacht genommen wird, daß der Bushel Wälschkorn in Kolben, 70 Pfund wiegend, dem Landwirth in den letzten Jahren nur 70 bis 80 Pfennig gebracht hat, so erscheint jene Art der Verwerthung als eine keineswegs ungünstige.

Die für den Versandt in’s Ausland bestimmten Ochsen werden nun direct vom Westen nach ihrem europäischen Bestimmungsort mit nur einem Tage Rast, ehe sie von der Eisenbahn in das Schiff übergeladen werden, verschickt; es beträgt die Fracht von da nach einem östlichen Hafen 10 bis 12 Dollar pro Stück von 1500 Pfund, und von dort nach einem europäischen Hafen 30 bis 35 Dollar.

Jetzt hat unser Texaner schon viel von seiner natürlichen Wildheit verloren und fügt sich willig dem Menschen; besonders die Eisenbahnfahrten, die er oft tagelang ohne Futter und Wasser aushalten muß, machen ihn zahm. Auf dem Schiffe hat er es schon besser; das Deck ist sein Quartier; je fünf erhalten eine besondere Abtheilung und werden besonders gut abgewartet. Wenn auch viele durch Seekrankheit tagelang vom Fressen abgehalten werden, so trinken doch alle das ihnen reichlich mit Syrup und Oelkuchenmehl vermischt gebotene Wasser. Heu und Wälschkorn erhalten sie im Uebermaß; dennoch verlieren sie auf der ungefähr achtzehn Tage lang dauernden Reise an Gewicht circa hundert Pfund pro Stück; da häufig auch ein Beinbruch vorfällt oder ein Stück Vieh beim Aus- und Einladen beschädigt wird, so wird der durchschnittliche Verlust auf zweieinhalb Procent während der Reise gerechnet. Bei einem einigermaßen günstigen Verkauf in England oder Frankreich läßt dieses Geschäft dem Händler immer noch einen Gewinn von fünfundzwanzig bis dreißig Procent, und daraus erklärt es sich, daß beinahe jeder die Vereinigten Staaten verlassende Frachtdampfer, zwölf bis fünfzehn wöchentlich, die Texaner als Deckpassagiere mitnimmt, die aber oft bei stürmischem Wetter ein kühles Grab im Ocean finden.

Obgleich der Nutzen ein großer in diesem Geschäft ist, so ist, wie man sieht, auch das Risico bedeutend. Häufig ziehen sich die Thiere auf der Reise den Milzbrand zu, eine Art Schaden, gegen den es keine Versicherung giebt. Der Verlust auf dem Transport beträgt bei Schafen zehn Procent, bei Schweinen war er zu groß um einen Nutzen zu lassen. Auch magere Ochsen hat man von den Vereinigten Staaten nach den Marschländern der Eider und Elbe gesandt, um sie auf deren Weiden fett zu machen, doch ist mir das Resultat solchen Unternehmens nicht bekannt geworden.
G. F.




Des Winzers Octobersegen. (Mit Abbildung Seite 725.) Es giebt kaum noch andere stoffliche Dinge, welche so viel erstrebt sind und so viel gepriesen werden, wie Gold und Wein; ihr Glanz und Duft bilden das verklärende Element für ein Leben in Pracht – und wenn Goethe seinem Gretchen den Seufzer in den Mund legt:

„Am Golde hängt, nach Golde drängt
Doch Alles – ach, wir Armen!“ –

so sagen uns die ältesten Bücher europäischer Cultur, wie hoch in Ehren der Wein zu allen Zeiten stand, und wie viele Millionen der Sterblichen sich ihr Lebelang vergeblich nach der Flasche voll sehnten, die nach der gutmüthigen Sage für Jeden einmal im Jahre wachsen soll. Und wie Gold und Wein, so sind auch der Bergmann und der Winzer Schicksalsgenossen; einerlei ob jener wirklich nach Gold und Silber, oder ob er nach Eisen und den „schwarzen Diamanten“ gräbt, die durch den Dampf Verkehr und Industrie beherrschen, und ob dieser den eigenen bescheidenen Weinberg bebaut oder in fremdem Dienst das schweißbenetzte Werkzeug führt: sie arbeiten Beide für das Lockendste, Reizendste an einem üppigen Lebensgenusse, während in ihre eigene bescheidene Behausung von dem Glanze dieses üppigen Lebensgenusses kaum je ein Schimmer fällt.

Auf solche Gedanken kann Einen ein Bild bringen! In den Gestalten, die uns im Vordergrund unserer Mosellandschaft entgegentreten, erkennen wir eine einfache Winzerfamilie, die ihre Ernte heimfährt; und wenn wir die Mienen von Vater und Mutter prüfen, so spricht neben der Arbeitsmüdigkeit auch der Ernst des Lebens aus ihren Zügen. Fast theilnahmlos läßt die Mutter den Arm herabhängen, an den ihr heranwachsendes Töchterchen sich anschmiegt, und in des Vaters Augen steht neben der stillen Freude, mit der sie auf dem jüngsten Sprößling ruhen, etwas wie verhaltene Wehmuth und nagende Sorge. In der That – wenige Weintrinker wissen, wie kärglich im Ganzen das Brod des ärmeren Weinbauern ist, wie schwer eine einzige Mißernte auf ihm lastet! Ist es dies etwa, wovon die Gesichter auf unserem Bilde reden? Ganz glücklich sind nur die beiden Kleinen, der lachende Schäker auf dem Fuhrmannssitz und der fröhliche Junge, der seine große Weintraube mit dem Rebengehänge gern aller Welt zeigte; denn das Glück unbefangenen Daseins ist ein köstliches Vorrecht der Jugend, die „des Denkens süßes Weh“ nicht kennt. – Auch der Esel gehört zum fröhlichen Bund; er sendet offenbar der schönen Traube Blicke des Verlangens zu und würde sicherlich nicht Esel genug sein, um sie nicht gern zu verzehren. Denn ein weiser Mann sprach das gerechte Wort aus: „Kein Esel ist als Esel ein Esel.“




Zum Besten der Spessarter, deren auch mancher unserer Leser hülfreich gedacht hat und deren äußerster Bedrängniß ja bereits abgeholfen wurde, ist nachträglich ein fördernder Schritt gethan worden, den wir der Beachtung unserer Leser im Interesse der guten Sache empfehlen. Müller und Beilhack in Aschaffenburg haben aus Beiträgen der meisten hervorragenden deutschen Dichter ein Poesie-Album unter dem Titel „Aus dem Spessart“ zusammengestellt (Commissionsverlag von A. Wailandt in Aschaffenburg), dessen Ertrag nach Abzug der Kosten den Spessartern zu Gute kommen soll und am besten – beiläufig gesagt – dazu angewendet würde, die Quelle der Noth im Spessart: den Mangel einer dauernd lohnenden Beschäftigung, stopfen zu helfen. Wir müssen uns leider versagen, das „Eingangsgedicht“ von Oscar von Redwitz, wie wir wohl möchten, hier wiederzugeben, welches so rührend den Irrthum des in der poesievollen Natur des Spessarts von Idyllen träumenden Wanderers durch die Schilderung der traurigen Wirklichkeit corrigirt. Der Schlußvers lautet:

„Ja lieber Wandrer, hemme den Fuß,
Wenn solch ein Dorf Dir begegnet,
Bis Du mit klingendem Frühlingsgruß
Der Armuth Hütte gesegnet.
Lied, Blume, Bronnen, Baum und Strauch
Wird doppelt dann Dich laben,
Und wirst Du Waldesfrühling auch
In Deinem Herzen haben.“

Wir wünschen, und das von Herzen, diesen Worten des Dichters eine erweiterte Wirkung zum Besten des hübschen Buches, dessen wir hier aus Humanitätsgründen gern Erwähnung gethan haben, obgleich wir entschlossen sind, von Bücherempfehlungen an dieser Stelle principiell abzusehen.




Nachtrag. In Nr. 34 unseres Blattes nannten wir eine Reihe sächsischer Anstalten, die sich der Pflege und Erziehung zurückgebliebener und schwachsinniger Kinder unterziehen. Wir haben hier noch das Familienpensionat von Epstein in Neustadt-Dresden, „Weißer Hirsch“, Rißweg 2, nachzutragen. Dasselbe, früher in Dahlen befindlich, wurde bereits im Jahrgang 1871, Nr. 52, von Professor Bock auf’s Beste empfohlen. Jetzt ist es nach Dresden übersiedelt, und die gesunde Lage unmittelbar am Waldsaum macht die kleine Anstalt ganz besonders zu einem zweckmäßigen Aufenthalt für nervenleidende und solche schwachsinnige Kinder, die recht treuer, mütterlicher Pflege bedürfen. Herr Geheimrath Dr. Fiedler in Altstadt-Dresden, Stallstraße 1, empfiehlt das Epstein’sche Pensionat nicht minder, wie früher Dr. Bock.




Berichtigung. In unserer Nr. 40 ist in dem Artikel „Das neue deutsche Reichsgericht“ auf Seite 663, 2. Spalte, Zeile 35 von oben zu lesen „des preußischen Appellationsgerichts zu Frankfurt an der Oder“ statt: „am Main“, wie in Folge eines Satzfehlers in einem Theil der Auflage unseres Blattes gedruckt wurde.




Kleiner Briefkasten.

Kosmopolitischer Verein in Catamarca, Argentinische Republik. Warum gleich so verdrießlich? Wir freuen uns sicherlich, daß die „Gartenlaube“ in Ihrem Verein, und zwar unter erschwerenden Umständen, eine ähnliche Rolle spielt, wie in dem Chemnitzer „Gartenlauben-Verein“, aber wie konnten wir von dieser Thatsache vor Empfang Ihres Briefes Kunde haben? Nehmen Sie einen herzlichen deutschen Gruß über den Ocean!

C. B. in Kairo, R. F. E. in München, H. R. in Wien, E. H. in Estland. Ungeeignet! Verfügen Sie über das Eingesandte!

Th. Sp. in Frankfurt a. M. Ja!




Verantwortlicher Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Das Morphium ist ein specifischer Bestandtheil des orientalischen Opiums, jenes bekannten Medicaments, welches aus dem Safte halbreifer Kapseln des gewöhnlichen einährigen Mohnes, Papaver somniferum, gewonnen wird. Der wichtigste Bestandtheil, welchen der Milchsaft dieser Pflanze enthält, ist dessen schlafbringende Substanz, das Morphium, ein weißer, fast durchsichtiger, in feinen Blättchen krystallisirender Stoff, der mit Säuren Salze bildet und, in Wasser aufgelöst, vielfach als schmerzstillendes Medicament benutzt wird. Bekanntlich hat die Wirkung des Opiums solches im Orient zu einem berauschenden Genußmittel gemacht, das den Alkoholgenuß des Abendlandes ersetzt.
  2. Nähere Auskunft über die Vereinsbestrebungen giebt der soeben erschienene Rechenschaftsbericht „Der deutsche und österreichische Alpenverein. Ein Blick auf seine Ziele und seine bisherigen Leistungen.“ (Graz, Leuschner und Lubensky.)