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Die Gartenlaube (1879)/Heft 30

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1879
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[497]

No. 30. 1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig· – In Heften à 50 Pfennig.


Im Schillingshof.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


23.

Donna Mercedes hatte gehofft, Lucile’s mehrtägige Abwesenheit werde nicht auffallen, zu ihrer Bestürzung aber liefen schon am zweiten Tage verschiedene Rechnungen an sie selbst ein, deren Ausgleichung, wie eine Randbemerkung bei einigen spitz besagte, die abgereiste amerikanische Dame vergessen zu haben scheine.

Der Bediente Robert, der viel an der offenen Hausthür oder im Säulengang herumlungerte und auch wohl die Nachricht von Lucile’s Abreise verbreitet hatte, war stets der Ueberbringer dieser Mahnungen. Er klopfte mit schüchternem Finger an die Salonthür, überreichte, pflichtschuldigst auf silbernem Teller, mit niedergeschlagenen Augen das ominöse Papier und verschwand dann auf Donna Mercedes’ kurzes „Es ist gut!“ mit krummem Rücken und einem halbverbissenen, malitiösen Lächeln wieder jenseits der Thür. Draußen streckte er regelmäßig den Wartenden die leeren Hände hin und sagte achselzuckend: „Geld giebt’s nicht – seht, wie Ihr zu Eurem Guthaben kommt! Warum habt Ihr der ersten besten Schwindelmadame leichtsinnig Eure Waare verborgt! Wir können doch nicht für die Leute einstehen, die sich zudringlich im Schillingshofe einnisten.“

Lucile hatte von dem Credit, den man ihr, als dem vornehmen Gast des Schillingshofes, gewährt, ausgiebigen Gebrauch gemacht – sie hatte nichts von alledem bezahlt, was sie in den letzten Tagen eingekauft, ihre Schwägerin aber brauchte nicht mehr darüber zu sinnen, wie wohl die bedeutenden Summen verwendet worden seien, die ihr Lucile nach und nach abverlangt – es war Alles für den Berliner Aufenthalt eingeheimst worden. Selbstverständlich mußte Jack stets noch in derselben Stunde gehen und die Forderungen der Geschäftsleute ausgleichen.

Die beiden Schwarzen sahen in diesen Tagen ihre Dame oft bedenklich von der Seite an. Sie kannten ja dieses Gesicht seit dem Moment, wo es zum ersten Mal die mächtigen Augen aufgeschlagen; sie hatten es während des unglückseligen Krieges in allen Stadien entflammter Leidenschaften gesehen, gespenstig fahl vor Grimm und Erbitterung, unbewegt und hoheitsvoll dem Feind gegenüber, der ihr Haus nach den von ihr versteckten Secessionisten durchsuchte; sie hatten es mit blassen Lippen kalt lächeln sehen, als man ihr den bluttriefenden Arm verbunden, als die vom Feind geschürten Flammen aus dem Dach ihres Vaterhauses schlugen, um es mit seiner ganzen kostbaren Einrichtung bis auf den Grund zu verzehren. Donna Mercedes war unter allen Wandlungen die Gebietende geblieben, die Unerschütterliche, von der sie, die treuen Schwarzen, die gebotene Freiheit nicht angenommen, weil sie sich unter dieser festen Führung wohl und für das ganze Leben geborgen fühlten. Hier, im fremden Lande, nun war es, als entbehre die Herrin der gewohnten Sicherheit, als verliere sie für Momente den starken Willen, der so zwingend auf ihre Umgebung wirkte und ihr selbst meist das Gepräge äußerster Kaltblütigkeit verlieh. Sie schritt oft stundenlang mit zusammengezogener Stirn und den harten bösen Zug aufbäumenden Stolzes um die Lippen im Salon ruhelos von Wand zu Wand, an Gestalt ein schlank dahingleitendes mädchenhaftes Weib, im Ausdruck aber ein eingefangener wilder Edelfalke, der mit seinen Flügeln die Käfigstäbe zerschlagen möchte. Sie fühlte sich von einem Schemen umstrickt, der schlangenhaft aus dunklen Ecken nach ihr griff und für dessen Wesen oder gar Beziehung zu ihr selber sie daheim in ihrer durch Vornehmheit und Reichthum geschützten Stellung nicht das mindeste Verständniß gehabt haben würde. Erst hier, in diesem deutschen Hause, nahte sich ihr die gemeine Lästersucht; sie fühlte den spitzen Dorn der üblen Nachrede bohrend in ihrer Seele, und sie, die als Rebellin den feindlichen Truppen muthig in’s Auge gesehen, die sich vor den mörderischen Waffen nicht gefürchtet, sie wand sich unter diesem Dorn in ohnmächtigem Grimm und echt weiblicher Verzagtheit. Voll brennender Ungeduld zählte sie die Stunden bis zu Lucile’s Rückkehr. Nicht nur der heiße Wunsch, daß die möglicher Weise aus Rom heimkommende Baronin sie nicht allein hier finden möchte, erregte sie – auch die Sorge stürmte auf sie ein, daß die unvernünftige kleine Frau durch Ungebundenheit und schrankenlose Vergnügungssucht der heimlich an ihr zehrenden Krankheit Vorschub leisten werde.

So waren vier Tage seit Lucile’s Abreise verstrichen, und noch stand die südliche Zimmerflucht der Erdgeschoßwohnung leer und verschlossen. Donna Mercedes’ Unruhe und Erwartung steigerten sich allmählich zur fieberischen Aufregung – sie horchte angestrengt auf jedes ferne Räderrollen und schrak zusammen, wenn die Salonthür geöffnet wurde. Da endlich, am fünften Tage, kam ein Lebenszeichen, aber es war nur ein dünner Brief. Donna Mercedes riß das Couvert auf und sank, nachdem sie die ersten Zeilen überflogen, wie vernichtet zusammen.

„Ich bin wie im Himmel, und ganz Berlin befindet sich in einem wahren Rausch, in Verzückung,“ lauteten die flüchtig hingeworfenen Eingangszeilen „Was waren Mamas Triumphe gegen den Sieg, den ich gefeiert! Ich ersticke fast unter den Blumen, [498] die man über mich schüttet, und habe eben aus meinem von Enthusiasten überfüllten Salon förmlich flüchten müssen, am diese paar Worte auf das Papier zu werfen. Ja, jetzt lebe ich wieder. Ich lebe ein himmlisches Dasein ohne Gleichen. Was ich, so lange ich nun wieder auf deutschem Boden stehe, im Stillen vorbereitet, es hat sich erfüllt. Und nun, da die Gefahr einer unbefugten Einmischung Deinerseits vorüber, sollst Du auch die Wahrheit erfahren – ich bin gestern Abend als Gisella in den ,Willis’ aufgetreten –“

Großer Gott, die Schwindsüchtige tanzte auf der Bühne! Man jauchzte ihr zu, die mit jedem Pas dem sicheren Tode entgegengaukelte. Dazu also die geheimen Tanzübungen, die Anschaffung neuer Costüme! Daher die fieberhafte Eile bei ihrem neulichen Weggang – Lucile hatte zu ihrem Debüt pünktlich in Berlin eintreffen müssen. Ja, sie hatte Recht gehabt – ihre Schwägerin war unverzeihlich „naiv und harmlos“ gewesen; sie hatte sich als schlechte Hüterin für das ihr anvertraute, ränkevolle junge Weib erwiesen, von welchem der sterbende Mann jedenfalls einen derartigen Streich insgeheim befürchtet hatte. Nun war es doch geschehen, all seinen Anordnungen entgegen – der Vogel war ausgeflogen und schwebte und wiegte sich in Regionen, die ihm bei jedem Flügelschlag das tödtliche Gift zuhauchten!

Donna Mercedes sprang auf. Es blieb ihr keine Wahl: sie mußte selbst nach Berlin. Wieder im vollen Besitz ihrer Energie und Kaltblütigkeit, traf sie die Anstalten zur schleunigen Abreise. Aber diesen Entschluß mußte sie dem Herrn des Hauses anzeigen; sie war gezwungen, ihn zu bitten, die Kinder während ihrer Abwesenheit in seine Obhut zu nehmen.

Das Blut schoß ihr in das Gesicht – sie stand vor einem peinlichen Dilemma. Wie sollte sie ihm, den sie seit jenem Abend nicht wieder gesehen, diese Mittheilungen machen? Zu einer langen schriftlichen Auseinandersetzung blieb ihr keine Zeit; ebenso wenig konnte sie ihm zumuthen, behufs einer Besprechung mit ihr die Gemächer zu betreten, die sie ihm selbst in so schroffer Weise unzugänglich gemacht; sie fürchtete mit Recht eine empfindliche Zurückweisung.

Es kostete einen bitteren Kampf, aber sie steckte schließlich Lucile’s Brief in die Tasche, um – in das Atelier zu gehen.

Es war um die vierte Nachmittagsstunde. Die Scheiben des Glashauses sprühten glühende Sonnenfunken der immer langsamer Wandelnden entgegen, als sie aus der Platanenallee trat. Die von dorther wehende duftbeschwerte und beklemmend heiße Luft nahm ihr fast den Athem. Sie hatte inbrünstig gewünscht, Baron Schilling möchte sie bemerken und ihr auf dem schweren Wege ritterlich zu Hülfe kommen, aber keine der Thüren öffnete sich, obgleich Pirat, in seiner Clause die Nähe der Herrin spürend, wie toll vor Freude lärmte.

Leise schob sie die Thür des Glashauses zurück und trat, von einem wilden Herzpochen fast erstickt, auf den kühlen Asphaltboden, den das üppig quellende Grün da und dort frei ließ. Das Erste, was sie erblickte, jagte ihr ein heftiges Erröthen über das Gesicht – eine Gloxiniengruppe schimmerte in sanfter Farbengluth zu ihr herüber. Da waren die Blüthen – vielleicht die ersten, kaum aufgebrochenen – gepflückt worden, die sie neulich mit eisiger Kälte zurückgewiesen. Auch diese kleinen Blumenglocken sagten der stolzen Frau mit demüthigender Bestimmtheit, daß ihr Erscheinen hier ein Schritt nach Canossa sei.

Sie wandte den Kopf weg und ging dem Eingang zu, der in das Atelier führte. Sie trat geflissentlich fest auf, und ihr schwarzes Reisekleid rauschte in allen Falten – man sollte ihr Kommen hören, allein die plätschernden Fontainen verschlangen das Geräusch.

Die Glasthür stand offen, drüben aber hing der dunkle Velourvorhang und verwehrte nahezu den Eintritt. Durch die Spalte, die der Faltenwurf frei ließ, sah Donna Mercedes den Herrn des Schillingshofes unweit der Staffelei stehen; er hatte den Malstock in der Hand, und war, den prüfenden Blick auf das Bild geheftet, um einige Schritte zurückgetreten. Das von oben kommende, alle Ecken und Schatten des Gesichts verschärfende Licht verschönte ihn nicht; trotzdem war und blieb er bei aller Unregelmäßigkeit der Linien und dem entschieden unschönen, derb deutschen Typus ein höchst bedeutender Kopf, und hier, auf der Stätte seines Schaffens frappirte er förmlich.

Er war vertieft in seine Aufgabe, und Donna Mercedes scheute sich, die Stille, die ihn umgab, durch ein lautes Wort zu unterbrechen. In diesem Moment trat der Bediente Robert droben hinter der Gobelingardine hervor auf die Gallerie; er kam die Wendeltreppe herab, Reisegepäck auf dem Arme. Beim Niedersteigen bemerkte er die Dame, aber er wendete den Blick weg, als habe er sie nicht gesehen.

Donna Mercedes trat sofort unter die Thür. Sie schob den schweren Sammetvorhang mit der Rechten zurück – so blieb sie stehen und sagte mit einer Stimme, vor deren hartem, sprödem Klang sie selbst erschrak:

„Darf ich für einige Augenblicke um Gehör bitten, Herr von Schilling?“

Er fuhr empor, und die Farbe wechselte jäh auf seinen Wangen. Sie sah deutlich, daß Unwille die Empfindung war, die ihr Erscheinen zunächst in ihm hervorrief; dann funkelte es wie grimmer Spott aus den tiefen, blauglänzenden Augen, und die Art, wie er, seinen Malstock weglegend, mit kühler Höflichkeit eine einladende Handbewegung nach dem nächsten Fauteuil machte, sagte deutlich: „Ah, ein Besuch aus – Caprice!“

Sie biß sich auf die Lippen, und ihre Augen loderten zornig; sie trat näher, und den angebotenen Stuhl zurückweisend, stützte sie die Hand auf den nächsten Tisch. Ein langsamer Seitenblick glitt über den Bedienten hin, der sich anscheinend mit einem bereits gepackten Reisesack zu schaffen machte und den Lederriemen an dem zusammengerollten Plaid wiederholt prüfte. Baron Schilling hieß ihn gehen.

Donna Mercedes zog den Brief aus der Tasche. „Bitte, lesen Sie!“ sagte sie so kurz, als wolle sie all und jeden Zeitaufwand vermeiden, der sie in diesem Raum zurückhielt.

„Ist der Brief von Frau Lucian?“

„Ja – aus Berlin.“

„Dann kenne ich den Inhalt.“

Er hob leicht und zurückweisend die Hand nach dem Brief.

„Frau Lucian hat auch an mich geschrieben; sie ist mit großem Erfolg aufgetreten.“

Donna Mercedes lächelte sarkastisch. „Ja, unser Name kommt zu hohen Ehren. Und ich bin schuld daran, daß ein Theaterzettel ihn nennt.“

„Wenn ihm sonst kein Schaden geschieht – durch die Kunst wird er nicht entwürdigt,“ sagte er gelassen. „Ich bin für viele meiner Standesgenossen auch ein Verfehmter, weil ich hier –“ er umschrieb mit ausgestrecktem Arm den Raum des Ateliers – „‚Allotria’ treibe und mein eigenes Brod esse, statt in Wasserstiefeln auf die Jagd zu gehen und den Güterverwalter meiner Frau zu spielen.“

Sie empfand den Hieb – ihr gehässiges „Ja, mit dem Gelde seiner Frau!“ war für immer gebührend zurückgewiesen.

„Uebrigens kann ich nicht einsehen,“ fügte er hinzu, „inwiefern Sie die Schuld an dem überraschenden Schritt Ihrer Schwägerin tragen sollen –“

„Ich bin lächerlich vertrauensselig gewesen.“

„So möchte ich Ihr Verhalten am wenigsten nennen, gnädige Frau.“

Es lag so viel Ironie in diesen anscheinend verbindlich gesprochenen Worten, daß sie mit einem raschen, flammenden Blick aufsah.

„Ein vertrauensseliges Frauengemüth spricht nicht aus solchen Augen,“ setzte er zur Bekräftigung seines Ausspruches flüchtig lächelnd hinzu.

Sie hatte ihn doch schwer beleidigt; er vergab ihr nicht – das hörte sie aus der verletzenden Schärfe seiner Stimme heraus. Ihr leidenschaftliches Blut wallte heiß auf.

„Ach ja,“ sagte sie rasch einfallend, „meine Augen haben das Unglück, nicht mit dem sanftmüthigen deutschen Grau oder Blau in die Welt zu blicken. Aber – das läßt mich ruhig. Ich bin fern von dem Ehrgeiz, mich mit diesen Holbein’schen Madonnen messen zu wollen. Ich kenne ja den deutschen Patriotismus; was sich jenem Frauentypus nicht anpaßt, das läßt der deutsche Maler einfach – verschwinden, wie Figura zeigt.“

Sie deutete unter einem bösen Lächeln nach dem Madonnenbild mit dem entstellenden dunklen Querstreifen über den Augen.

Das Bild lehnte an einer Schrankecke; es war vielleicht beim Reinigen des Ateliers von unberufener Hand aus seinem Versteck gezogen worden, denn Baron Schilling sah überrascht hinüber, und seine Stirn verfinsterte sich.

[499] Donna Mercedes aber lachte leise. Er erschrak fast darüber – er hatte diesen ernsten Mund noch nie lachen hören; jetzt entschleierte sich ihm für einen flüchtigen Moment der wundervolle, feuchte Perlenglanz der Zähne; die Mundwinkel vertieften sich in hinreißender Anmuth, aber auch in dämonisch ausdrucksvollen Linien – Donna Mercedes lachte spöttisch.

„Möglich, daß dem Maler die Augen dort gegen seinen Willen aus dem Pinsel geschlüpft sind,“ sagte sie mit leichtem Achselzucken; „indeß ein solcher Irrthum läßt sich ja verbessern – den vandalischen Strich da drüben aber hat der Jähzorn gemacht, oder auch die Caprice.“

Er wandte sich schweigend ab, nahm ein auf dem Tische liegendes Messer und ging hinüber. Rasch, mit wenigen scharfen Strichen schnitt er die Leinwand aus dem Rahmen, rollte sie zusammen und verschloß sie in dem Schranke – das hieß jedem weiteren Commentar den Weg verlegen.

Das schwarze Seidenkleid rauschte – Donna Mercedes war nach der Glasthür gegangen und vor der Gardine stehen geblieben. Sie lachte nicht mehr; ihr Profil hob sich, wie aus Stein geschnitten, von den dunklen Sammetfalten, die ihre Hand eben ergriffen, um sie zurückzuschlagen.

„Ich bin im Begriffe, abzureisen“ – sprach sie kühl wie immer – „und sehe mich gezwungen, um Ihren Schutz für die Kinder während meiner Abwesenheit zu bitten.“

„Sie wollen nach Berlin?“

„Ja – Lucile muß sofort mit mir zurückkehren.“

„Der Meinung bin ich auch. Aber fangen Sie eine Lerche ein, die bereits hoch in den Lüften jubilirt!“

„Das Jubiliren wird ihr vergehen, wenn sie die Ueberzeugung gewinnt, daß sie sich aus diesen Lüften herab zu Tode stürzen muß – ich werde die ersten ärztlichen Autoritäten zu Hülfe nehmen.“

„Sie hoffen, mit der Todesfurcht zu wirken? – Das sagen Sie, die diese Regung verachtet wie ein Mann? Und wenn nun die kleine Frau auch –“

„O bitte – keinen Vergleich!“ unterbrach sie ihn – sie zog die Stirn zusammen, und der harte Zug beleidigten Stolzes legte sich um ihre Lippen. „Ich möchte nie mit Lucile verglichen sein.... Ich war ein dreizehnjähriges Kind, als ich sie zum ersten Male sah, und weinte damals in einem Gefühl von widerfahrener Schmach und Erniedrigung; ich sah, daß der Leichtsinn, die vulgäre Denkweise in unser Haus einzogen, dem mein stolzer Großvater, meine Mutter den Nimbus eines Fürstenhofes zu geben verstanden hatten.“

Sie preßte die Hände auf die Brust, als wolle sie das, was sie vielleicht noch nie ausgesprochen, auch jetzt zurückdrängen, und doch sagte sie. „Mein Gott, wie tief geht mir das Haßgefühl für dieses frivole Wesen, das so schnell vergessen kann! Felix hätte sein Blut für sie hingegeben, und sie – tanzt aus dem Trauerjahr hinaus.“

„Und diese unselige Bürde,“ sagte er, sie voll ansehend, „wollen Sie wieder auf Ihre Schultern nehmen, um Ihr ganzes junges Dasein in Verbitterung hinzuschleppen?“

„Muß ich nicht?“ fragte sie wie erstaunt zurück. „Ich kann doch mein Wort nicht brechen? Felix ist todt, und was ich ihm versprochen habe, hat für mich gleich bindende Kraft, wie das Wort am Altar, das Mann und Weib verknüpft und nicht gelöst werden darf, auch wenn es als schwere Kette drückt, selbst wenn es uns mit geistigem Tode drohen sollte –“

Sie unterbrach sich jäh, als sei ihr ein Geheimniß tief aus der Seele geschlüpft, und griff verwirrt nach dem Vorhange, der vorhin ihrer Hand entglitten war. Baron Schilling trat an den Tisch, um das gebrauchte Messer an seinen Platz zu legen.

„Das hört sich an, wie spartanische Charakterkraft,“ sagte er, „und wäre in seinen Consequenzen doch höchst unmoralisch. Man hat sich sehr zu hüten, daß man mit allzu starr durchgeführten Principien nicht in das geschmähte feindliche Lager geräth, wie das meist mit dem Extrem geschieht.“

Sie klemmte die Unterlippe hart zwischen die Zähne, und ihr stolzes Haupt neigte sich gegen die Brust.

„Sie werden in Berlin nichts ausrichten,“ lenkte er gewaltsam ein. „Was wollen Sie thun, wenn Ihre Schwägerin Ihnen absolut den Zutritt verweigert?“

„Ich werde mich an ihre Fersen heften; ich werde ihr auf Schritt und Tritt folgen –“

„Auch bis hinter die Coulissen?“

Donna Mercedes wich unwillkürlich zurück.

„Das vermögen Sie nicht – ich weiß es. Sie werden bei all Ihrem Muth, Ihrer Energie auf dem fremden Terrain umherflattern wie sturmverschlagen und vor neugierigen und dreisten Blicken fliehen, ohne Ihren Zweck erreicht zu haben.... Lassen Sie mich gehen! – Ich hatte bereits den Entschluß gefaßt, nachdem ich Frau Lucian’s Brief gelesen, und bin reisefertig.“ – Er zeigte auf das am Boden liegende Gepäck. „Ich weiß zwar genau, daß auch ich unverrichteter Dinge heimkommen werde – Lucile Fournier stirbt eher auf der Bühne, angesichts des Publicums, als daß sie zu Ihnen zurückkehrt – so ungefähr hat sie mir geschrieben. José will sie Ihnen lassen, aber die kleine Paula verlangt sie mit Ungestüm, kraft ihrer Mutterrechte –“

„Nie! Niemals!“

„So lassen Sie mich gehen! Es bedarf nicht allein der ärztlichen Ueberredung, auch juristische Gründe müssen wirken, um die kleine Frau nachgiebiger zu machen.“

„Nun wohl, ich bin damit einverstanden, und – ich danke Ihnen.“ Wie weich und innig klangen diese drei letzten Worte, wie so ganz anders, als die, mit welchen sie neulich herb und gehässig in ihrer furchtbaren Aufregung die gebotene kleine Blumenspende zurückgewiesen hatte!

Er aber schien diesen Contrast nicht zu fühlen; er überhörte den Dank vollständig; er sah auch nicht, daß sie ihm die zarten Fingerspitzen hinstreckte. Mit einem Blicke nach der Uhr zog er so kräftig an der Klingel, daß sie laut ertönte.

Er befahl dem eintretenden Bedienten, mit dem Gepäck nach der Bahn vorauszugehen; dabei hing er sich eine kleine Ledertasche um und griff nach seinem Hut. –

Donna Mercedes trat in das Glashaus, während er die in das Atelier führende Thür verschloß. Sie schritt ihm voraus und streifte dabei achtlos und hart an einer Pflanzengruppe hin – ein rosenfarbener Gloxinienkelch knickte ab und fiel auf den Asphaltboden. Sie wurde so roth, wie die Blume zu ihren Füßen, und mit einem Ausrufe des Bedauerns bückte sie sich, um sie aufzuheben – aber Baron Schilling kam ihr zuvor.

„Lassen Sie doch!“ sagte er frostig. „Solch eine kleine Blumenseele ist nicht so empfindlich wie der Mensch – sie freut sich ihres Lebens weiter, auch wenn man sie plötzlich in das kalte Element versetzt.“

Damit legte er die Blume auf den Rand des Bassins, sodaß ihr Stengel die Wasserfläche erreichte.

„Bis wann dürfen wir Sie zurück erwarten?“ fragte Donna Mercedes draußen vor der Thür des Glashauses.

„Möglicher Weise in drei Tagen.“

„Das wird José unerträglich lange erscheinen,“ sagte sie und blickte auf ihre Fußspitze nieder, die sich spielend in den Kiessand grub, „er verlangt unaufhörlich nach Ihnen.“ – Sie hob den Blick und sah ihn doch nicht an. „Wollen Sie den kleinen Reconvalescenten nicht noch einmal sehen?“

„Nein – nein!“

Jetzt sah sie ihm bestürzt ist das Gesicht, in diese Züge, welche die innere Kraft der Empfindungen ehrlich widerspiegelten – ein zornig funkelnder Blick begegnete dem ihren.

„Ich habe die schmerzvolle Sehnsucht überwunden und werde das Wiedersehen mit meinem kleinen Lieblinge nur unter den grünen Bäumen hier feiern.“ –

Er zog grüßend den Hut, und sie ging rasch an ihm vorüber in die Platanenallee, während er quer durch das Fichtenwäldchen schritt. Dort führte eine Thür in der Mauer nach der öden menschenverlassenen Straße, die das Grundstück des Schillingshofes begrenzte und mit dem Stadttheil verband, in welchem der Bahnhof lag.




24.

Blaß und schweigsam war Donna Mercedes ist das Säulenhaus zurückgekehrt. Sie hatte eigenhändig alles zur Reise Vorgerichtete wieder weggeräumt, war einige Zeit bei José verblieben, der mit matten Händen ein kleines, hölzernes Pferd auf seiner Bettdecke hin und her spazieren ließ, und saß nun in [500] sich gekehrt vor dem Schreibtische im Fensterbogen. Ein Sturm ging durch ihre Seele.

Da kam die kleine Paula, ihre Puppe im Arme, aus der Kinderstube; sie sah mit großen, fragenden Augen zu ihr auf.... Das waren die glänzenden, schillernden Sterne, die Felix Lucian aus seiner Lebensbahn in einen frühen Tod gerissen hatten, die begehrlichen Augen Lucile’s.

Und dieses Kind, noch blickte es unschuldsvoll und lieblich, wie ein Seraph, unter dem wundervollen Goldgelock in die Welt hinein – sollte es der Mutter folgen in die Irrbahnen des Bühnenlebens? Niemals – niemals! – Donna Mercedes schlang die Arme um die Kleine und drückte sie in leidenschaftlicher Zärtlichkeit an sich.... Wie oft hatte Felix „seinen Augentrost“, „sein Prinzeßchen“ zu sich auf das Leidensbett heben lassen und sein blasses, schmerzverzogenes Gesicht tiefathmend in die blonde Haarfluth gedrückt!

„Hüte mir die Kinder, Mercedes, hüte sie!“ hatte er angstvoll immer wieder gebeten. „Ich glaube, ich kann nicht ruhig in der Erde bleiben, wenn sie irre gehen.“

Und mit der letzten Kraft hatte er eigenhändig alle Dispositionen und auch einen letzten Brief voll heißer Bitten an seine Mutter niedergeschrieben. Diese Schriftstücke waren ja in den Händen seiner Schwester; sie waren die Schranke, gegen welche die leichtfertige, pflichtvergessene, in die weite Welt entflohene Frau vergebens anstürmte.

Zu ihrer eigenen Beruhigung griff Donna Mercedes in das untere Schreibtischfach, wo der kleine silberne Rococokasten mit den Documenten stand; sie wußte, daß ein flüchtiger Blick in die Papiere ihr den letzten Rest von Besorgniß verscheuchen mußte – aber das Kästchen war nicht da....

Bestürzt sprang sie auf. Ihr erster schreckensvoller Gedanke, der ihr den Herzschlag stocken machte, war der, daß Lucile einen Raub begangen habe. Die kleine Frau wußte ja, daß der Rococokasten die schriftlichen Vollmachten für ihre Schwägerin enthielt – ohne diese Papiere war sie machtlos, und der Mutter fiel das uneingeschränkte Recht über die Kinder zu.

Mit fliegenden Händen rückte und schob Donna Mercedes an all den Utensilien und Bücherstößen, die den Schreibtisch und seine offenen Fächer füllten – vergebens!

Sie rief nach Deborah, die das Abstäuben des Tisches zu besorgen hatte. Die Schwarze erklärte sofort mit Bestimmtheit, daß das Kästchen bereits seit dem Morgen nach José’s Erkranken fehle. Es sei ihr wohl im ersten Augenblick aufgefallen, allein ihre Dame schließe ja häufig Dinge, die oft wochenlang auf dem Schreibtisch gelegen, wieder weg; zudem sei sie damals vor Jammer über das todkranke Goldkind in ihrem alten Kopf so müde gewesen und habe bis zur Stunde nicht wieder an den kleinen Kasten gedacht.

Also Lucile hatte die Documente nicht mit sich genommen. Nun fing auch Deborah an zu suchen; Hannchen kam aus dem Krankenzimmer, und Mamsell Birkner, die eben eine Assiette voll eingemachter Früchte für die Kinder gebracht hatte, sah mit langem Halse in den Salon und trat über die Schwelle, um zu helfen. Man durchsuchte alle Schubfächer und schob die Möbel geräuschlos von den Wänden; Donna Mercedes durchsuchte selbst die kleinen Lederkoffer, die sie stets in nächster Nähe, unter dem Schreibtisch stehen hatte – Alles vergeblich!

Mamsell Birkner fragte nach der Beschaffenheit des Kästchens, und Deborah versicherte, es sei von „fingerdickem“ Silber, und der Spitzbube, der es habe, könne sich gratuliren.

„Es enthielt unersetzliche Familienpapiere,“ warf Mercedes ein.

„Die Mäuse habe die Papiere geholt,“ sagte Hannchen mit bitterem Lächeln, und ihr Blick irrte mit jenem Ausdruck, den Lucile für notorisch verrückt erklärt hatte, über die holzgeschnitzte Wand. „Die Mäuse im Schillingshof haben ja auch Ohren für die Geheimnisse der Menschen.“

Deborah sah sie scheu von der Seite an, und Mamsell Birkner machte allerlei verlegene und lebhafte Gesten hinter ihrem Rücken – sie fuhr mitleidsvoll mit dem Finger über die Stirn, zum Zeichen, daß das junge Mädchen von einer fixen Idee beherrscht sei. Uebrigens war die gute, dicke Wirthschaftsmamsell ganz trostlos darüber, daß im lieben Schillingshofe einem Gaste „Etwas weggekommen“ sein sollte. Sie hatte nichts Eiligeres zu thun, als die deprimirende Neuigkeit im Souterrain zu verkünden. Da kam sie aber schön an – es gab einen wahren Sturm drunten in der Küche.

„So – es wird ja immer schöner!“ tobte der Bediente Robert. „Jetzt haben wir die pauvere Gesellschaft auch noch bestohlen, diese – daß Ihr’s nur wißt, Theaterleute sind’s – ja, ja, Theaterleute! Hab’ ich’s nicht immer gesagt, daß die blitzenden Steine und all das aufgetakelte Zeug in der Schlafstube Komödienkram ist? Und die zwei Mohrenfratzen! Herr Gott, wenn ich die nur einmal in’s Waschfaß stecken und gründlich abscheuern dürfte! Ich lasse mich gleich hängen, wenn da nicht die allerschönsten weißen Spitzbubengesichter zum Vorschein kommen.“ Er schnitt mit der flachen Hand energisch durch die Luft, als wolle er reinen Tisch machen. „Sie muß aus dem Hause, die Gesellschaft! Es ist eine Schande für den Schillingshof, daß solche Leute hier unterkriechen dürfen.“

Und der ganze Chor stimmte empört ein, während die Wirthschaftsmamsell bitterböse, aber schweigend in ihre Stube ging – sie wußte es ja besser, durfte aber nichts sagen; Baron Schilling hatte ihr unverbrüchliches Schweigen auferlegt.

Inzwischen durchsuchte Donna Mercedes in qualvoller Aufregung Zimmer um Zimmer. Sie hatte den Documentenkasten am Tage vor José’s Erkranken zum letzte Male in der Hand gehabt, alle Papiere herausgenommen und vor Baron Schilling hingebreitet, auch den letzten Willen ihres Bruders und das Schreiben an seine Mutter. Er war versiegelt, aber sie kannte seinen Inhalt genau und hatte ihn fast wörtlich Baron Schilling mitgetheilt. Sie erinnerte sich auch, daß er die köstliche Arbeit und den Silberwerth des kleinen Kastens bewundert und dann gemeinsam mit ihr die Papiere sorglich zusammengefaltet und wieder in den Kasten gelegt. Vor seinen Augen hatte sie den letzteren an seinen Platz in der dunklen Fachecke zurückgestellt – der Baron mußte ihr das bezeugen können. Jene Nachmittagsstunde stand ihr überhaupt noch klar vor Augen; auch der Moment, wo Lucile in ihrer kindischen Gespensterfurcht am hellen Tage geflohen war und sie mit dem Baron allein im Salon gelassen – die Mäuse hatten hinter den Wänden gespukt; die Mäuse schienen eine große Rolle im Schillingshofe und in – den Köpfen zu spielen.

Donna Mercedes blieb mitten im Salon stehen. „Haben Sie die Mäuse auch schon durch dieses Zimmer laufen sehen?“ fragte sie mit dem Ausdruck des Widerwillens Hannchen, die unter der offenen Krankenzimmertür stand.

„Ich höre nur das Knirschen und sehe kleine Staubwölkchen von der Wand fliegen,“ versetzte das Mädchen wie athemlos vor Spannung und mit hochgeröthetem Gesicht; den Arm ausstreckend, zeigte sie auf das Holzschnitzwerk, das sich wie Spitzengeflecht hinter der grünen Ruhebank erhob.

„Das mag bei jeder Erschütterung geschehen, die durch das Haus geht – das Holz ist ja uralt,“ sagte Donna Mercedes. „Bitte, sorgen Sie dafür, daß Fallen aufgestellt werden!“

Die Röthe auf den Wangen des Mädchens erlosch – sie senkte sichtlich enttäuscht den Kopf auf die Brust und ging hinaus.

Und als die Sonne untergegangen war und es kühler zu werden begann, trieb es Donna Mercedes wieder hinaus in’s Freie, in den Garten. Es war ihr, als könne sie nur draußen aufathmen von der unbeschreiblichen Angst und Unruhe, die ihr das Herz zusammenschnürte. Daheim hatte sie sich in solchen Momenten innerer Bedrängniß auf ihr treues Pferd geworfen und da waren sie, Reiterin und Thier, wie zusammengewachsen dahingerast, in die Wildniß hinein, an Schlünden, am jäh abstürzenden Wasserschwall vorüber – und die Brust hatte sich ihr geweitet, und sie hatte Himmel und Erde wieder heller werden sehen unter den Strahlen eigenen, neu hervorbrechenden Jugendmuthes. Hier nun engten Häuser und Mauern den grünen Gartenfleck klösterlich ein; an ein schrankenloses Hinausstürmen in die Weite war nicht zu denken, aber es kam doch harziger Tannenduft von den Berggipfeln herüber; man hörte das Rauschen des kleinen Baches; um die großen Wiesenflächen und die vollen Lindenwipfel schwebte der Hauch der freien Natur weit eher als im Vorgarten, den sie vom Fenster aus wie eine Gefangene überblickte und über dessen Eisengitter so oft neugierige Menschenaugen herüberschaueten.

Der Gärtner hatte im Wintergarten die Glaswände aufgeschoben, und auch der Eingang stand weit offen, damit der köstlich milde Strom der Abendlüfte hindurchziehe. Die Springbrunnen

[501]

Eingeregnet.
Nach dem Gemälde von H. Bever in München.


plätscherten traumhaft, und im leisen Abenddämmern schwebten die großglockigen Blumen, die Blüthendolden der Pflanzenfremdlinge wie breitbeschwingte Falter um das Laubdickicht. Donna Mercedes trat in das Glashaus. Die Gloxinie lag noch auf dem Rand des Bassins, leise schaukelnd durch die Unruhe der bewegten Wasserfläche, und frisch und farbenglänzend wie ihre Schwestern, die in der warmen Erde wurzelten....

Baron Schilling hatte Recht gehabt, die kleine Blume war nicht so empfindlich wie der Mensch – ihn hatte ein einziger frostiger Moment völlig verwandelt....

[502] Dieser bärenhafte Deutsche! dachte Donna Mercedes. Er hatte in seiner Seele auch nicht einen Funken jener ritterlichen Unterwürfigkeit, welche man drüben in der Heimath schönen Frauen entgegen zu bringen pflegte. Sie hätte nach jenen eleganten, dunkeläugigen Männern, die sich einst in den Salon ihres Vaters drängten, mit der Reitpeitsche schlagen können, und dafür wäre die züchtigende Hand schmeichelnd geküßt worden.... Wenn sie freilich wahr gegen sich selbst sein wollte, dann mußte sie sich sagen, daß diese Unterwürfigkeit sie stets in tiefster Seele angewidert hatte. Es war in der letzten Zeit ihrer Verlobung manchmal eine Art von Verzweiflung über sie gekommen, und sie hatte zornmüthig, ja bösartig „den armen Valmaseda“ zum Widerspruche anzustacheln gesucht, um nur einmal ihm gegenüber das Heft aus der Hand zu verlieren – vergebens!... Aber es war ein Unterschied zwischen jener gewünschten kleinen Niederlage und einer eclatanten Demüthigung. Bis zu ihrem Tode vergaß sie es nicht, daß sie in schwer erkämpfter Selbstüberwindung ein Einlenken versucht hatte und zurückgewiesen worden war. . . .

Sein häßlicher Kopf – ja, er war entschieden häßlich mit seiner eckigen Stirn, der starken Nase und der habsburgischen Unterlippe – hatte ihr schon damals, als er in der Thür der Flurhalle aufgetaucht war, um die Angekommenen zu begrüßen, einen jähen, unerklärlichen Schrecken eingeflößt, und es war ihr gewesen, als schreite etwas Uebergewaltiges auf sie zu, dem sie nicht auszuweichen vermöchte. Seitdem hatte sie das unbestimmte Gefühl, als müsse sie sich fortgesetzt kampfbereit halten; das hatte ihr die deutsche Luft vergiftet und sie schon in der ersten Stunde an der Kraft, ihre Mission durchzuführen, verzweifeln lassen....

Im Atelier nebenan war es lautlos still. Donna Mercedes sah durch den Glasstreifen, den der Velourvorhang freiließ, wie das Abenddämmern drüben hereinsank. Auf der Gallerie und in der Ecke, welche die Wendeltreppe füllte, lagerten die Schatten schon intensiver; da und dort blinkte noch ein schwacher Lichtfleck auf dem blanken Metall einer weitbauchigen Trinkkanne, oder im Glasgeschirr auf den Credenzen, und es war Donna Mercedes, als müsse jetzt eine altdeutsche Hausfrau, das lang nachschleifende Gewand mit der Gürtelkette aufgenommen, droben in dem geheimnißvollen Düster erscheinen und die Treppe herabsteigen, um dem Maler auf silbernem Brett den Abendtrunk zu bringen. Das that die eigenwillige Frau, die Herrin des Schillingshofes wohl niemals – sie haßte ja den Beruf ihres Mannes.




25.

Donna Mercedes war unter das bereits dunkelnde Laubdach der Platanen getreten. Feierliche Abendstille lag über dem Garten; selbst der letzte flüsternde Hauch in den Wipfeln und Büschen schien erloschen; kein Vogelflügel regte sich. Vom Teich her kamen vereinzelte, klatschende Laute, ein Geräusch, als würden Steine in das Wasser geworfen.

Donna Mercedes verließ die Allee; sie schritt auf dem schmalen Sandwege, der die Wiesenflächen quer durchschnitt, und blieb beobachtend hinter einem Rosenbusche stehen.

Am Teiche stand ein Knabe, den sie noch nie im Garten gesehen – ein spindeldürres Kerlchen mit langen Beinen und auffallend gewandten und sicheren Bewegungen. Er nahm Stein um Stein aus der Tasche und ließ die Kiesel unter einem steten leise pfeifenden „Hui!“ über den Wasserspiegel springen. Und dazwischen lachte er in sich hinein, strampelte mit seinen Storchbeinen und patschte sich vor Vergnügen über jeden gelungenen Wurf die Kniee.

Donna Mercedes sagte sich sofort, daß dies der heimtückische kleine Bursche sein müsse, der José neulich auf das Terrain des Klostergutes gelockt hatte, der Millionenerbe, der letzte Träger des Wolfram’schen Namens, um dessen willen den Lucian’schen Waisen das großmütterliche Vermögen gestohlen werden sollte. Heiliger Zorn wallte in ihr auf. Dieser zigeunerhafte Junge, der kichernd, wie ein triumphirendes Teufelchen, den Teichrasen stampfte, er war schuld, daß ihr schöner, sanfter José noch auf dem Siechbette lag.

Lautlos trat sie hinter dem Busche hervor und ging auf ebenso leisen Sohlen den nach dem Teiche führenden Weg entlang – es lag ihr daran, den Knaben nicht zu verscheuchen. Aber sie vergaß, daß sie ihr schwarzes Seidenkleid mit einem hellen Morgenrocke vertauscht hatte; sie wußte auch nicht, daß Gesicht und Gehör des häßlichen Burschen dort geschärft seien wie die einen jungen Fuchses.

Er wandte den schmalen, haarstarrenden Kopf plötzlich nach der Richtung, von wo das Geräusch des knirschenden Sandes erscholl. Bei Erblicken der heranschreitenden weißen Gestalt warf er den Stein, der eben über das Wasser tanzen sollte, von sich und ergriff die Flucht dem Zaune zu. Gleich darauf duckte er sich geschmeidig und war verschwunden, als habe ihn der Boden verschluckt. Einige Augenblicke später rauschte es zwischen Laub und Aesten, dann war es wieder still.

Donna Mercedes ging bis zu der Stelle, wo der Knabe verschwunden war – durch dieses wilde, scheinbar undurchdringliche Gestrüpp war auch José neulich gekrochen, ahnungslos mit seinen kleinen Füßen den Boden betretend, auf dem sein Vater auch als Kind gespielt, und nicht wissend, daß ihm in dem dunklen, fremden Hause die Großmutter lebe, die harte Großmutter, um deren willen er und sein Schwesterchen über die große, weite Wasserwüste hatte schwimmen müssen.

Donna Mercedes’ Fuß verirrte sich selten bis an den Teich, und seit sie neulich in Todesqualen unter den Linden gestanden und jeden Augenblick erwartet hatte, das blonde Köpfchen ihres ertrunkenen Lieblings müsse sich aus der dunklen Fluth heben – seit jenem grauenvollen Moment hatte sie diese Partie des Gartens gemieden. Bis an den Zaun selbst war sie überhaupt nie gekommen. Die ganze lange Linie bildete eine völlige Wildniß von Haselstauden und Syringenbüschen, die man auch auf dem Schilling’schen Grund und Boden nur nothdürftig beschnitt. Ein allzu kräftiger Geruch von Lauch und Zwiebeln quoll durch das Geäst, und da, wo Mercedes stand, hingen volle Büsche reifender kleiner Sauerkirschen zwischen dem Laub – ein niedriger Kirschbaum hatte seine Aeste durch den Zaun nach der Südsonne hin getrieben – edle Obstsorten schienen da drüben nicht gepflegt zu werden.

Ein kreischender Laut unterbrach die Stille, jenseits des Zaunes drehte sich eine Thür in rostigen Angeln und fiel knarrend wieder zu; dann traten feste Füße auf Kiesgeröll – sie schritten langsam einen, wie es schien, geradlinigen Weg entlang und bogen plötzlich auf weicheres Erdreich ein, direct auf den Zaun zugehend.

Donna Mercedes zog sich zurück, unter dem seltsamen Gefühl, als müsse die wandelnde Gestalt drüben durch das Gestrüpp brechen und an sie herantreten. Sie ging unter den Teichlinden hin, aber ehe sie den Weg wieder betrat, der nach der Allee führte, wandte sie noch einmal unwillkürlich, wie durch eine magnetische Kraft angezogen, den Kopf zurück. Es war ihr, als stände sie unter einem Bann – zwei glühende Augen mit verzehrendem Blick waren es, die ihr über den Zaun weg nachstarrten.

Sie kannte diesen Kopf mit dem Haardiadem über der Stirn, mit dem wachsbleichen Colorit und den schmalen scharfgeschnittenen Lippen, die eines Abends das erschütternde „Gestorben?“ hervorgestoßen hatten.... Das Herz stand ihr fast still vor Ueberraschung. Jetzt wußte sie um das Geheimniß der nachtwandelnden Erscheinung in der Säulenhalle – es war die Unerbittliche, die Sohn und Gatten in grausamer Härte und unbeugsamem Starrsinn von sich gestoßen und über das Meer in eine neue Heimath getrieben hatte. Das immer noch schöne, einem Steinbild gleichende Weib dort war die Vorgängerin der stolzen Spanierin, war Major Lucian’s erste Frau. Sie schlummerten Beide unter der Erde, deren Geschick sie eigenmächtig gewandelt – die gewaltige, festgefügte Gestalt dort hatte sie überdauert; sie lebte und – litt.

Die Nemesis war gekommen; sie rüttelte an diesem Gewissen wer weiß wie lange schon. Und in der erschütterten Seele regte sich jetzt ein weiches Gefühl; ein blondlockiges Kind, das die Züge des verstoßenen Sohnes trug, stand ihr mahnend immer vor Augen – die großmütterliche Liebe war mächtiger, als der Mutterzorn; sie quoll auf in dem verschütteten Herzen, unwiderstehlich, zersprengend, wie die Triebkraft einen werdenden Baum durch Gestein und Geröll an das Licht treibt.

Donna Mercedes ging auf die Frau zu, und diese wich nicht zurück. Sie mußte auf einer Bank stehen, denn vom [503] Boden aus ließ sich der hohe Zaun nicht überblicken. Mit beiden Armen drängte sie das struppige Gezweig kraftvoll aus einander. So stand sie bewegungslos – so hatte sie seit José’s Erkranken vielleicht täglich gestanden, um von irgend einem Diener des Nachbarhauses Nachricht über das Kind zu erlangen, das sich im großmütterlichen Heim, von dem übermüthigen Erben des Klostergutes gemißhandelt, die schwere Krankheit geholt hatte.

Donna Mercedes verharrte erwartungsvoll schweigend auf ihrem Platze. Sie stand der Frau so nahe, daß sie trotz der Abenddämmerung jeden Zug des Gesichts erkennen konnte, welches sich zu ihr niederbog, und jetzt begriff sie, daß Vater und Sohn, warmherzige, phantasievolle Naturen, vor dieser Macht hatten weichen müssen.

„Ich möchte wissen,“ sagte sie mit unsicherer Stimme, „ob der Kleine –“

„José Lucian wollen Sie sagen,“ fiel Donna Mercedes jetzt fest und äußerlich vollkommen ruhig ein, obgleich ihr das Herz so heftig schlug, daß sie meinte, man müsse es hören.

Mit einem Laut des Schreckens fuhr die Frau zurück; die Büsche schlugen rauschend zusammen, aber gleich darauf theilten die kräftigen Hände das Strauchwerk abermals aus einander, und das bleiche Antlitz erschien wieder – jetzt aber mit scharf zusammengezogenen Brauen und einem harten, drohenden Ausdruck.

„Hab’ ich nach dem Namen gefragt?“ klang es abweisend. „Ich wollte nichts Anderes wissen, als dies: ob der Knabe – zu retten ist.... Der kleine Sohn meines Bruders –“ eine aufkreischende, schrille Kinderstimme unterbrach sie; verstummend und sichtlich erschreckt fuhr sie herum.

Donna Mercedes sah, wie ein schlanker Körper drüben durch das Geäst eines hohen Baumes katzengeschmeidig schlüpfte und ebenso gewandt und flink am Stamm herunterglitt. Das war der Bursche, der vorhin die Steine in den Teich geworfen hatte. Man hörte ihn wie toll mit harten Absätzen über den Kies nach dem Hause zu laufen, und dabei schrie er grob und flegelhaft herüber: „Warte nur, Tante Therese, ich sag’s dem Papa, daß Du mit den Leuten im Schillingshofe sprichst! Ihr habt mir’s streng verboten, und Du thust es selber.“

Die knarrende Thür des Hinterhauses wurde aufgerissen und flog schmetternd wieder zu, und in diesem Moment verschwand auch die Frau hinter dem Zaune.

(Fortsetzung folgt.)



Peter von Cornelius.

Von Fr. Pecht.

(Schluß.)

Cornelius war im Januar 1819 nach München gekommen, längst erwartet vom Kronprinzen. Leider brachte dieser einen guten Theil seiner unsterblichen Verdienste um die deutsche Kunst dadurch um ihre beste Wirkung, daß es ihm durchaus an der Geduld fehlte, große Werke so langsam ausreifen zu lassen, wie es absolut nothwendig ist, wenn etwas von dauerndem Werth entstehen soll. Gleich den meisten Fürsten, wollte auch er womöglich morgen schon fertig sehen, was er heute bestellt hatte. Das war unter allen Umständen ein sehr schweres Uebel, ein doppelt schweres deshalb, weil die langen Kriege von 1789 bis 1815 in Deutschland fast alle technische Tradition aufgehoben hatten, die man doch in Paris zu keiner Zeit hatte aussterben lassen. Während Napoleon der Kunst die mächtigsten monumentalen Aufträge und daher einen unerhörten Aufschwung gab, dachte man in Deutschland nicht an dergleichen, ja, während die Bourbons bei ihrer Wiedererlangung des französischen Thrones sofort zwanzig Millionen Franken aussetzten für Fortsetzung begonnener und Anfang neuer Arbeiten, um „die Kunstfertigkeit der Nation, die Quelle ihres Wohlstandes“ nicht versiechen zu lassen, bewilligten die Sieger in Berlin sechshundert Thaler für Ankäufe von Gypsabgüssen, und es brauchte noch Jahre, bis man sich, obwohl im Besitze eines Schinkel und Rauch, auch nur zum Bau – einer Hauptwache entschloß. Akademien hatte man freilich überall; daß Schulen aber absolut nichts helfen können, wenn man nicht sorgt, daß die Künstler nachher zu thun haben, das hat man in Deutschland noch heute nicht begriffen.

Unter den beiden erwähnten Uebelständen litt die Ausführung der Compositionen des jungen Meisters auf eine verhängnißvolle Weise. Das Schlimmste war, daß die in München noch vorhandenen technisch geschulten Kräfte aus der Mengs’schen Schule sich ihm, dem Eindringling, feindlich gegenüberstellten. Er selbst hatte zwar eine Fülle von Compositionen gezeichnet, aber, Autodidakt wie er war, durch die zwei Bilder in der Casa Bartholdy kaum einen Begriff vom Malen erlangt, konnte also, da er keine Technik, kein System besaß, doch nicht seinen Schülern lehren, was er selber nicht gelernt hatte. So blieb ihm denn zur ersten Hülfe Niemand, als zwei mittelmäßige Künstler der Langer’schen Schule, Schlotthauer und Clemens Zimmermann, denen er seine eigenen Schüler Neureuther, Stürmer, Stilke und Andere nach und nach beigesellte, nicht immer zum Vortheil der vorschreitenden Arbeit. Da es außerdem gar keine Kunstkenner gab, und sein eigenes Selbstgefühl durch die nach jahrzehntelanger Noth und plötzlich von allen Seiten über ihn hereinstürmende Glückesfülle sehr gesteigert worden war, so fehlte es auch durchaus an der so nöthigen Kritik.

Hierzu kam noch, daß ihn kurz nach seiner Ankunft in München die Ernennung zum Director der Akademie in Düsseldorf traf, die Niebuhr bei der preußischen Regierung endlich durchgesetzt hatte. Da reiste er denn schnell erst nach Berlin, um dann in München eiligst anzufangen; schon 1821 im October trat er in Düsseldorf sein Amt an. In der rheinischen Malerstadt strömten ihm von allen Seiten Schüler zu, unter denen Kaulbach, Förster, Eberle, Hermann, Gözenberger sich bald bemerklich machten; dort wurden nun im Winter die Cartons gezeichnet, die im Sommer in München ausgeführt werden sollten, da aber der Göttersaal allein einige zwanzig figurenreiche Compositionen enthält, so war von einem gründlichen Studium auch nur der Zeichnung bald keine Rede mehr, angesichts des ewig drängenden Königs.

Im Sommer 1823 wurde der Göttersaal fertig, und Cornelius fing die Cartons für den trojanischen Saal an. Die schönste Composition desselben ist „Der Brand von Troja“, die furchtbare Schlußscene, wo der Meister ein so großartig dramatisches Leben zeigt, daß er in der Kraft der Charakteristik der Haupthelden durch Handeln und Thun schon dicht an Shakespeare hinstreift, obwohl die Schwäche der Ausführung hier noch sehr gesteigert wiederkehrt, da Cornelius dieselbe nicht einmal persönlich überwachen konnte, sondern in Düsseldorf bleiben mußte. Die Erfindung der umringt von ihren Töchtern verzweiflungsvoll dasitzenden Hekuba, über der sich Kassandra erhebt, um den durch Rauch und Flammen eindringenden Bedrängern die fürchterliche Rache zu verkünden, die das Schicksal an ihnen nehmen werde, ist eben so genial, wie die Auffassung dieser Bedränger selber. Die meisten anderen Scenen bleiben weit hinter denen des Göttersaals zurück.

Unter diesen Arbeiten erhielt Cornelius nach Langer’s Tode die Berufung zum Director der Münchener Akademie, die er um so weniger Bedenken trug anzunehmen, als es sich längst gezeigt hatte, daß in Preußen vom Staat absolut nichts für monumentale Kunst, wenigstens für ihn, zu hoffen war, obwohl die Verzierung des eben angefangenen Museums mit Fresken doch ganz wie für ihn gemacht schien. Jene unaufhörliche Reibung mit der preußischen Bureaukratie, die so charakteristisch für die preußischen Akademieverhältnisse bis heute geblieben ist, hemmte jede schöpferische Thätigkeit, und nur dem bei der königlichen Familie so überaus beliebten Rauch gelang es, ab und zu sie zu überwinden. Kunst galt als etwas ganz Ueberflüssiges unter Friedrich Wilhelm dem Dritten. Wie man die Reihe der Monumentalbauten mit einer Hauptwache begonnen, so wurde auch als einziges historisches Bild die berühmte „Wachtparade“ von Krüger beliebt, selbst Menzel aber gar keiner Aufmerksamkeit gewürdigt, geschweige denn Cornelius.

Schon während der Arbeit in der Glyptothek war diesem die Ausschmückung des Corridors der neuen Pinakothek mit [504] Fresken vom König übertragen worden, und er hatte die Compositionen dazu in den Abendstunden von 1826 an gezeichnet. Sie stellen eine Geschichte der Malerei und ihrer Hauptmeister von Cimabue bis Claude und Poussin, Rubens und Murillo dar und entwickeln eine Fülle der schönsten Motive. Leider ward in Folge eines bereits beginnenden Intriguenspiels gegen den großartig arglosen Meister die Ausführung dieser Entwürfe vom König ganz gegen Cornelius’ Intention an Cl. Zimmermann übertragen, der sie denn auch so geist- und leblos besorgte, daß man kaum irgend ein Vergnügen an ihrer Betrachtung finden kann. Während man hier auf’s Aeußerste knauserte – hatte doch Cornelius selber für die Compositionen zur Glyptothek nur ein Honorar von 10,000 Gulden erhalten – wußte es der Architekt des Baues, Klenze, durchzusetzen, daß man für höchst überflüssige Seidentapeten der Pinakotheksäle 80,000 Gulden verwendete, statt die Plafonds seinen Schülern zu übertragen, wie er es gewünscht hatte. Die Tapeten hängen heute schon in Fetzen herunter.

Cornelius selber aber sah sich noch vor der Vollendung der ersten vom König für eine andere große Aufgabe in Anspruch genommen, für die Verzierung der Ludwigskirche mit Fresken. Das war ein Auftrag, der ihn mit Entzücken erfüllte, trotz der Beschränkung, die seine Pläne bald erfuhren. Um seine classischen Erinnerungen aufzufrischen, ging er 1830 wieder nach Rom, mit der Absicht, die Cartons dort auszuführen, nachdem er die Entwürfe schon früher großentheils gezeichnet und damit ein Beispiel seiner fast unerschöpflichen Productivität gegeben hatte. Auch in diesen Arbeiten überrascht Cornelius wieder, obschon im Ganzen in den Formen des großen historische Stils der Malerei verbleibend, wie er durch die Cinquecentisten, Leonardo, Michel Angelo und Raphael festgestellt worden, durch die Einfachheit, Großartigkeit und Klarheit seiner Erfindung, in der er kaum hinter jenen zurückbleibt, durch den Reichthum der Phantasie, den er überall bekundet. Ja, gerade das Erhabene ist seine wahre Sphäre; auch darin gleicht er auffallend dem ihm in so vielen Dingen verwandten männlichen Geiste Schiller’s, daß alles Gemeine, Gewöhnliche tief unter ihm bleibt. Daß er trotzdem des anmuthigsten Spieles fähig war, beweisen seine herrlich erfundenen Arabeskeneinfassungen in der Glyptothek. Von Interesse ist es, zu beobachten, wie der Meister, bei aller sichtbaren Schulung durch die Italiener, auch in dieser religiösen Malerei sich deutsch national offenbart, sowohl durch den tiefen Ernst, die warme Ueberzeugung, die den Grundton seines Wesens bilden, als das schlichte, allem Theatralischen abgeneigte Wesen. Hatte er schon die homerischen Helden in’s Deutsche übersetzt, aus Achill eine Art Siegfried gemacht, so muthen uns auch seine Heiligen überall deutsch an. Am meisten aber bleibt er es in der Neigung zum Philosophiren, in der sittlichen Kraft seines Idealismus. Ihm sind Natur und Geschichte nicht etwas, was er gleichgültig hinnähme, nein, er will überall die Geschichte benutzen, um uns die Nothwendigkeit unserer Veredelung einleuchtend zu machen. Darum aber studirt er beide in seiner Weise. Sind die Bibel, Dante und Homer seine steten Begleiter, so beobachtet er auch das gewöhnliche Leben unaufhörlich in seinen Aeußerungen auf den einsamen Spaziergängen, die er beständig macht. Ihnen verdankt er, daß er in hohem Grade Meister eines natürlichen Ausdrucks ist und dabei doch niemals der Würde und des Maßes vergißt.

War er mit diesen Eigenschaften zur religiösen Malerei wie geboren, die denn auch fortan die ganze zweite Hälfte seines Lebens ausfüllt, so kamen noch persönliche Erlebnisse hinzu, welche diese Richtung in hohem Maße begünstigten. Er mußte die Erfahrung machen, wie wandelbar die Fürstengunst ist und wie selten Könige im Stande sind, unabhängige und stolze Charaktere lange neben sich zu dulden. War er schon neben dem schlauen Hofmann Klenze immer zu kurz gekommen, so bereiteten Andere ihm bald noch viel schlimmere Erfahrungen. Dazu kam nach einander der Tod erst einer Tochter, dann seiner Schwester, endlich der geliebten Gattin, sodaß er auf einmal fast allein dastand. Das war nun ganz geeignet, ihm den Sinn auf die letzten und höchsten Probleme des Daseins zu richten.

Er hatte für die Ludwigskirche die Erschaffung der Welt, ihre Erlösung durch das Christenthum und endlich das letzte Gericht gewählt. Bei Darstellung der ersteren ist die Anlehnung an Michel Angelo, wie bei der Kreuzigung die an Raphael unverkennbar; am originellsten und großartigsten ist die Anbetung der heiligen drei Könige, die Cornelius ganz symbolisch ohne jede Spur von unmittelbarer Natur, aber mit außerordentlicher Hoheit und Größe auffaßt. Das Christkind ist ihm lediglich die Personification einer Idee, vor deren Macht die Weisen und Gewaltigen wie die armen Hirten sich gleich tief beugen.

Weitaus am bedeutendsten ist indeß das jüngste Gericht, das er nach der Vollendung jener Bilder, die er von Anderen hatte ausführen lassen, begann und ganz allein durchführte. Er hatte den Carton in Rom gezeichnet, eben nachdem er jene Verluste erlitten, und trug in München bei der Ausstellung desselben 1835 einen unerhörten Erfolg davon. Das mußte ihn für vieles Andere, besonders die wachsende Opposition gegen seine gesammte Kunstrichtung, trösten, und so ging er denn schon 1836 an die Arbeit der Ausführung des ungeheuren Bildes in Fresco, und vollendete dieselbe eigenhändig bis 1839. Auch hier ist der ganze Vorgang wiederum symbolisch, ein innerliches Erlebniß als äußerer Vorgang gefaßt. Wenngleich Cornelius als gläubiger Katholik malt, so kann man ihn doch kaum orthodox und am allerwenigsten bigott und beschränkt nennen, wiewohl er weit entfernt ist so viel Heidenthum in seine Darstellung zu mischen, wie Michel Angelo oder gar Rubens.

Auch bei ihm thront oben Christus als Weltrichter, umgeben vom Chor der Heiligen und Propheten; unter ihm steigen rechts die Seligen in feierlichem Zuge auf; links ringen die Verdammten ohnmächtig gegen die Teufel, die sie in die Hölle ziehen; vorn empfängt sie Satan, Judas und Segest als Verräther an Gott und Vaterland unter den Füßen, vor sich die Vertreter der sieben Todsünden, darunter mehrere feiste Pfaffen und ein eidbrüchiger König sich demüthig vor ihm windend. Durchdacht ist hier Alles mit einer Schärfe, die man weder bei Rubens noch selbst bei Michel Angelo findet.

Dieses Bild ist die bedeutendste Schöpfung der Münchener Schule bis heute geblieben, um so mehr, als es auch in der Ausführung weit geistvoller und meisterhafter gerieth als Alles, was Cornelius sonst in München ausgeführt hat oder vielmehr durch Andere ausführen ließ. Mit der Vollendung dieses Bildes war denn auch seine Mission dort zu Ende; blieb ihm doch jede Anerkennung für diese letzte und höchste Leistung versagt! Beide, König und Malerfürst, schieden leichten Herzens von einander, als den Letzteren im Jahre 1840 der König Friedrich Wilhelm der Vierte nach Berlin als Director an die dortige Akademie berief.

Allerdings muß man gestehen, daß die Cornelianische Schule in München eine Unmöglichkeit, ein Anachronismus geworden war, da sie sich gänzlich unfähig erwiesen hatte, die ihr anhaftenden schweren Mängel zu verbessern. Sie mußte daher von einer realistischen Richtung abgelöst werden, und ein Kaulbach und Schwind konnten das so wenig hindern, wie der Meister selbst.

Kurz ehe er München verließ, hatte Cornelius Paris besucht und war dort überaus ehrenvoll empfangen worden; König Ludwig Philipp hatte ihm selbst sein neues Versailler Museum gezeigt und ihn zur Tafel gezogen, eine Ehre, die ihm seitens des Münchener Hofes niemals widerfahren sein soll. In Berlin nahm ihn der König Friedrich Wilhelm nicht minder mit offenen Armen auf, und auch die geselligen Verhältnisse mit Humboldt, den Grimm’s, Steffens, Rauch und Anderen knüpften sich leicht und rasch. Kaum hatte er sich etwas eingewöhnt, so traf ihn der Antrag, über den Schmuck des neuen Parlamentshauses in London ein Gutachten abzugeben. Seine Reise dorthin über Brüssel glich einem Triumphzuge; er ward mit Ovationen überschüttet. Nach seiner Rückkehr war seine erste Arbeit die Zeichnung zu dem berühmten Glaubensschilde, den König Friedrich Wilhelm als Taufpathe dem Prinzen von Wales zum Pathengeschenk machte. Erntete seine Bewältigung der Aufgabe hier mit Recht die allgemeinste Bewunderung, so ward sie um so weniger einem für den Grafen Raczynski in Oel gemalten Christus in der Vorhölle zu Theil, einer allerdings schwer verständlichen Composition, die durch die Ausführung in einer dem Meister ganz fremden Technik nicht an Reiz gewann.

Hatte man ihn in Berlin wie einen Propheten empfangen, so sollte er jetzt die Kehrseite kennen lernen, da die Presse ihn mit unsäglich grober Rücksichtslosigkeit behandelte. Das verleidete ihm Berlin, und er ging 1843 auf einige Zeit nach [505] Rom, um dort die Entwürfe zu den Bildern der vom Könige geplanten großen Friedhofshalle zu fertigen, welche die Gräber des Hohenzollerngeschlechts aufnehmen sollte. Als er nach etwa zwei Jahren zurückkehrte, brachte er dieselben vollendet mit, bei der kolossalen Ausdehnung der Arbeit ein Beweis der außerordentlichsten Schaffenskraft in so vorgerücktem Alter – um so mehr, als sie in Bezug auf Conception unzweifelhaft das Bedeutendste sind, was nicht nur er, sondern was die ganze neuere Zeit nach dieser Seite hin hervorgebracht hat. Bestimmt, die Grundlehren des Christentums den Menschen vor Augen zu führen, wurde dieser Vorwurf von Cornelius mit einer Hoheit des Gedankens, mit einer erhabenen Anschauung menschlicher Geschicke ausgeführt, die ihres Gleichen eigentlich nirgends mehr findet. Diese Entwürfe sind so allgemein verständlich, gehen so entschieden auf die ersten Bedingungen und Bedürfnisse der menschlichen Natur zurück, daß auch der größte Materialist von der Mehrzahl derselben ganz ebenso ergriffen werden kann und muß, wie der gläubigste Christ.

Erbarmen, Liebe, Duldung, Abscheu vor dem Gemeinen, Pflichterfüllung und Demuth sind niemals eindringlicher und mit hinreißenderer Beredsamkeit gepredigt, die letzten und höchsten Fragen des Daseins sind nie in erhabenerer, ehrfurchtgebietenderer Form zu lösen versucht worden, als hier in diesen wunderbaren Compositionen. Jede Spur von Confessionalismus ist ausgetilgt und aus dem alten wie neuen Testament nur dasjenige ausgewählt, was entweder unmittelbar verständlich, oder doch als Allegorie bei nur einiger Aufmerksamkeit nicht mißzudeuten ist. Es gehört zu den mancherlei Unbegreiflichkeiten unserer Zeit, daß man aus dem Ganzen dieses herrlichen Cyclus nicht längst ein Andachtsbuch, eine Art Nationalschatz gemacht hat, der Allen erreichbar, in Jedermanns Händen sein müßte, wie es einst die Holzschnitte Dürer’s oder Holbein’s Todtentanz waren, denen sie an ethischem Gehalte doch so weit überlegen sind. Jene reinigende und erhebende Wirkung, die das Ziel aller echten Kunst ist, sind diese wunderbaren Schöpfungen jedenfalls besser auszuüben befähigt, als, nächst denen Raphael’s, irgend welche andere ähnliche Kunstwerke. Es ist daher tief beschämend, daß unsere Zeit, in der man doch so viel von der Nothwendigkeit der Zurückführung der Nation zu Glauben und Sitte spricht, nichts weiter mit den Cartons anzufangen gewußt hat, als sie in ein Museum als „Sehenswürdigkeit“ zu verpflanzen, statt den Bau, den zu schmücken sie bestimmt waren, endlich zu errichten.

Zu den berühmtesten unter diesen Compositionen zählen die Apokalyptischen Reiter, Pest, Kriege und Theuerung, die als Genossen des Todes die sündige Menschheit niederwerfen. Hier übertrifft er Dürer’s furchtbaren Realismus noch durch die Gewalt und Größe seiner Auffassung und den wilden Humor in der Schilderung der Vernichtung. Ferner zählt dazu ganz besonders das himmlische Jerusalem, jene herrliche Figur der Seligkeit, die herniedersteigt, um die Guten und Herzensreinen zu belohnen. Diese Versinnlichung eines solchen ganz innerlichen Vorganges läßt an Deutlichkeit und Ueberzeugungskraft ihrer wunderbar edel erfundenen Figuren nichts zu wünschen übrig. Nicht minder Petrus und der Kämmerer, die Ausgießung des heiligen Geistes und einige entzückende Idyllen unter den Werken der Barmherzigkeit in den Predellen, den Sockelbildern, zu den zwölf Hauptscenen. Diese selber werden wieder durch die Gestalten der acht Seligkeiten geschieden, von denen mehrere eines Michel Angelo vollkommen würdig erscheinen.

Cornelius selber, der von 1848 an fast mehr in Rom als in Berlin gelebt und dort nach dem Tode seiner zweiten Frau sich mit dreiundsiebenzig Jahren sogar noch zum dritten Male verheirathet hatte, kehrte endlich 1861 heim, um Berlin fortan nicht mehr zu verlassen. Aber er zog sich jetzt von einer Gesellschaft, die ihn nicht verstand und nicht zu würdigen wußte, allmählich immer mehr zurück und lebte blos der Ausführung seiner Entwürfe. Das Bild des Greises, wie er unermüdlich, mit sinkender Kraft, aber ungebrochenem Vertrauen auf die unvergängliche Dauer seiner Werke fortarbeitet, unbekümmert um die drängende und treibende Welt rund um ihn herum, nur dem Ewigen zugewendet, hat etwas großartig Ergreifendes. Endlich, am 6. März 1867, entsank der Stift der müden Hand, und er schlief sanft und schmerzlos ein, es ruhig seinen Werken überlassend, ein dauerndes Zeugniß der Größe seiner Kraft, seines Strebens und Charakters abzulegen. – Und sicher muß man sagen, daß, wie Vieles ihnen auch fehlen mag, um absolut classisch zu sein, sie bis jetzt doch ihres Gleichen an Hoheit der Gesinnung und schlichter Größe weder bei uns, noch bei anderen modernen Völkern gefunden haben.




Die Bewohner des Mundes.


Der Mund dient dem Menschen, außer zu den höheren Zwecken der sprachlichen Mittheilung, als vorbereitende Werkstätte der Ernährung, sowie als Durchgangsraum für die zum Leben des Organismus notwendige atmosphärische Luft.

Wir haben in einem früheren Aufsatze („Gartenlaube“ Nr. 4, 1879) nachgewiesen, daß die gesammte Natur, besonders aber die großen Sammelstätten der Menschen, die volkreichen Städte, in Luft und Boden von Milliarden mikroskopischer Lebewesen, den Mikrokokken und Bakterien, bevölkert sind. Man kann sich von der Menge dieser Gebilde einen Begriff machen, wenn man in ein dunkles Zimmer einen Sonnenstrahl einfallen läßt. In dem Lichtstrahle erglänzen alsdann viele Tausende auf- und abfliegender Pünktchen, die sogenannten Sonnenstäubchen. Diese bestehen nicht allein aus Staubtheilen, wie deren Name besagt, sondern auch aus zahlreichen schwebenden Pilzkeimen, welche größtentheils, wie schon früher erörtert, einer Gattung angehören, die im Gegensatze zu denjenigen Arten, welche epidemische Krankheiten hervorrufen sollen, dem menschlichen Organismus keinen directen Schaden zufügen. Ebenso wie in der Luft, finden sich solche Keime auch im Wasser, im Boden und durch fortwährendes Niederschlagen des mikroskopische Staubes, welchem sie beigemengt sind, an allen Gegenständen, die wir berühren, mithin auch an den Nahrungsmitteln, die wir genießen.

Gelangen Luft und Speisen in den Mund, so werden gleichzeitig Millionen von, wenn auch unschädlichen, Pilzkeimen dem Organismus zugeführt, im Munde finden sowohl einzelne Theile der Speisen wie auch die mit denselben dahin gelangenden Lebewesen zwischen den Zähnen und auf der rauhen Oberfläche der Zunge eine Haltestätte. Kleine, daselbst einige Zeit verweilende Speisereste gehen allmählich durch Vermittelung der in den Mund übergeführten Bakterien in Fäulniß über. Es wird dadurch ein Nährboden für die Entwickelung und Fortpflanzung einer Unmasse niederer, nur mit den stärksten Mikroskopen sichtbarer Thierchen und Pflänzchen gebildet. Bringt man etwa den zehnten Theil der Größe eines Stecknadelkopfes von dem an dem Grunde der Zähne bei vielen Menschen sich findenden gelben Zahnschleime auf ein Objectglas, zerdrückt die Masse zu einer möglichst dünnen Schicht und legt, geschützt durch ein sogenanntes Deckgläschen, das auf diese Weise gewonnene Präparat unter das Mikroskop[1], so macht das Bild den Eindruck eines mit allen möglichen Pflanzenwucherungen bedeckten und durch Thiere belebten kreisrunden Teiches.

Zwischen gegliederten Halmen wimmelt es von Tausenden kleiner Würmchen, welche hin- und herstürmen, sich gegenseitig zu verfolgen oder mit einander Spiel zu treiben scheinen, sich zeitweise vermehren, zeitweise vermindern und dem Auge stundenlang das Bild eines wunderbar wilden Naturlebens im Kleinen darbieten. Die vielen glasig-durchsichtigen, im Wachsthume sich spaltenden Halme stellen Fäden mikroskopischer Pilzwucherungen dar, welche im Munde überall angetroffen werden, wo sie Ruhe zu weiterer Entwickelung finden. Infusorienartige Keime, welche in dem Sehfelde des Mikroskopes sich tummeln, bilden theils die mit den Pilzwucherungen in einem ursächlichen Zusammenhange stehenden Spirillen, Bakterien und Mikrokokken, theils sind es wirklich kleine Thierchen (Infusorien), welche ihr fruchtbares [506] Zeugungsgeschäft unter dem Schutze der Pilzrasen ausüben. Unsere Fig. 1 giebt in 250,000facher Flächenvergrößerung ein naturgetreues mikroskopisches Bild von dem organischen Treiben, wie es dem Forscher bei derartigen Untersuchungen der Mundflüssigkeit sich erschließt. Wir sehen vor Allem auf der linken Seite des runden Sehfeldes einen Büschel, der wie ausgerissenes farbloses Gras aussieht. Es ist eine Partie der in jedem menschlichen Munde vorkommenden niederen Pflanze, des Mundpilzes, Leptothrix buccalis, dessen feindliche Wirkung für die menschlichen Zähne wir später noch näher kennen lernen werden.

Außerdem entdecken wir in dem gleichen Raume eine Anzahl von kleineren und größeren, theils rundlichen, theils ovalen Gebilden, welche sich, bei dem Einblicke in das Mikroskop mit großer Schnelligkeit vor dem Auge des Beschauers hin- und herbewegen, infusorienartige Geschöpfe, Denticolae oder Zahnthierchen genannt, denen sich eine große Zahl beweglicher Mikrokokken und Bakterien beigesellen.


Fig. 1. Zahnschleim.
(Vergr. 500 = 250,000malige Flächenvergrößerung.)


Weiter wird das Bild von einer andern Gattung von Organismen belebt, den Mundspirillen. Solche haben eine große Aehnlichkeit mit den in dem Aufsatze „Mikrokokken und Bakterien“ („Gartenlaube“ Nr. 4, 1879) erwähnten gefährlichen Spirochäten, die als Krankheitsursache des Rückfalltyphus bezeichnet wurden. Dagegen sind unsere heutigen, spiralförmig sich lebhaft durch das Sehfeld schlängelnden Gebilde äußerst harmlose Geschöpfe, die, ohne Schaden anzurichten, fast in jedem menschlichen Munde angetroffen werden. Die in dem Bilde zerstreut liegenden, verhältnißmäßig großen Kugeln, welche ein bis drei kleinere Kügelchen sowie eine große Menge selbst bei den stärksten Vergrößerungen nur als Punkte erscheinender Körnchen in sich schließen, sind lebende Zellen. Die Pünktchen in denselben befinden sich in einer beständigen kreisenden Bewegung. Wir haben hier ein Gebilde vor uns, welches man früher als ein kugelartiges Infusorium (Volvox) angesehen, auch wohl mit dem Namen Protococcus dentalis oder zu deutsch „Zahnurthierchen“ bezeichnet hat.

Die diesen Mittheilungen zu Grunde liegenden vergleichenden Untersuchungen aber haben ergeben, daß wir es hier nicht mit selbstständigen thierischen Gebilden, sondern mit längst bekannten Bestandtheilen des Mundschleims, den sogenannten Speichelkörperchen des Mundspeichels zu thun haben, welchen bei der vorbereitenden Thätigkeit der Mundflüssigkeit für die Magenverdauung die Aufgabe der chemischen Umwandelung stärkemehlhaltiger Substanzen in Dextrin und Zucker zugewiesen ist. Oftmals platzt während der Beobachtung eine solche Kugel unter dem Sehfelde und ergießt ihren schwirrenden beweglichen Inhalt zwischen die übrigen Gebilde. Es ist wohl denkbar, daß es sich hier ebenso wie bei dem Zusatze der pilzhaltigen Hefe zum Biere um ein belebtes Ferment einen Gährungskörper handelt.

Schließlich haben wir noch der stäbchenförmigen Cylinderchen, zur Gattung der Spaltpilze oder Schizomyceten gehöriger Pflänzchen, sowie der großen unregelmäßig geformten zackigen Figuren unseres Bildes zu gedenken; letztere sind abstoßende Elemente aus der Mundschleimhaut, sogenannte Pflaster-Epithelzellen, Theile des mikroskopischen Parquetbodens, mit welchem die ganze Mundhöhle ausgepflastert ist.

Wenn wir nun bedenken, daß in der Mundhöhle alle zur Bergung der erwähnten Infusorienwelt sich eignenden Ecken und Winkel belebt sind, so können wir uns einen Begriff der Milliarden von Mundbewohnern machen, die jeder Mensch mit sich herumträgt. Daß reinliche Menschen, welche täglich den Mund mit geeigneten Mundwässern oder Zahnpulvern säubern, bedeutend weniger derartiger Gebilde mit sich herumtragen, als unsaubere Individuen, deren Hauch schon die faule Lebewelt verräth, von der ihr Mund jahraus, jahrein bevölkert wird, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Antiseptische, das heißt Fäulnißorganismen vernichtende Medicamente sind demgemäß auch die geeignetsten Zahnreinigungsmittel. Ein gutes Mundwasser zum Ausspülen wird mit der in bedeutender Verdünnung aufzulösenden Salicylsäure dargestellt, und als bestes und einfachstes Zahnpulver haben wir fein pulverisirte Lindenkohle befunden; zum Mundausspülen und Gurgeln allein hat sich das salicysaure Mundwasser trefflich bewährt, während Zahnpulver, welche Salicylsäure enthalten, nicht zu empfehlen sind; deren Gehalt an Salicylsäure verdirbt allmählich den Schmelz der Zähne, die kohlenpulverhaltigen Zahnreinigungsmittel dagegen reinigen nicht nur in mechanischer Weise den Mund, sondern sie entfalten dabei auch eine antiseptische oder fäulnißwidrige Wirkung.

Das organische Leben in der Natur zählt nach vielen Jahrtausenden. Neue Reihen lebender Geschöpfe haben die Thiergattungen untergegangener Welten ersetzt. In den Gebirgsschichten, welche vornehmlich aus Kalkstein und Kreide bestehen, finden sich bekanntlich die merkwürdigsten Versteinerungen größerer Gebilde; nicht minder bekannt ist die Thatsache, daß manche jener Mineralien Millionen von Infusorienformen einer versteinerten mikroskopischen vorsündfluthlichen Lebewelt erkennen lassen.

Durch allmähliche Niederschläge wurden die in den Gewässern lebenden Infusorien mitgerissen und beispielweise zu jener weißen Masse zusammengekittet, welche wir Kreide nennen. Ganz der gleiche Proceß spielt sich täglich im Munde des Menschen ab. Der gelbe Zahnstein, ein Stoff, der fälschlicher Weise „Weinstein“ genannt wird, besteht einzig und allein aus den versteinerten Niederschlägen der den Mund bevölkernden Infusorien und Pilzbildungen. Ein mineralischer Kitt wird nach und nach aus dem Speichel abgesondert, welcher sich unter Mitführung der den Mund belebenden Infusorienwelt an den Winkeln und Ecken der Zähne niederschlägt. Zerdrückt man eine Spur Zahnstein unter dem Mikroskope, so findet man in demselben alle jene Formenelemente, die wir als Bewohner des Mundes zuvor kennen gelernt haben. Nach den Untersuchungen des auf diesem Gebiete verdienstvollen Zahnarztes Schrott in Mühlhausen im Elsaß besteht der Zahnstein aus 60 Procent Infusorialresten, 10 Procent mikroskopischen Pflanzengebilden und 15 Procent der Körperchen, die wir als Bakterien und Mikrokokken bezeichnet haben, außerdem aus 10 Procent Speiseresten und Zellen der Mundschleimhaut, sowie aus 5 Procent der in dem Speichel löslichen Salze, welche den erwähnen Kitt für die versteinerten Gebilde abgeben. Besonders an den Sammelplätzen der Infusorien verbinden sich deren kalkhaltige Ueberreste mit der Mundfeuchtigkeit und den Speichelausscheidungen zur Bildung des Zahnsteins. Man hat berechnet, daß zur Erzeugung eines Stückchens Zahnstein von der Größe eines Kubikmillimeters (Stecknadelkopfgröße) 10 bis 11 Millionen Zahnthierchen und Zahnpflänzchen nöthig sind. Das Ausfallen der Zähne wird vielfach durch diesen Zahnstein veranlaßt, welcher das Zahnfleisch allmählich bis auf die Zahnwurzel auflockert und herabdrückt. Rechtzeitiges mechanisches Entfernen der Concremente ist daher für die Erhaltung der Zähne ein dringendes Bedürfniß.

Alle erwähnten kleinen Geschöpfe sind, solange noch an den Organen des Mundes, vornehmlich an den Zähnen, kein Defect entstanden ist, abgesehen von ihrer Unappetitlichkeit, dem menschlichen Organismus in den meisten Fällen unschädlich. Ist aber an dem Schmelz eines Zahnes durch irgend einen unglücklichen Zufall, etwa durch ein in den Mund gelangtes Sandkorn, ein Riß oder ein Sprüngchen entstanden, so beginnen sofort die Mundpilze ihr Zerstörungswerk. Sie setzen sich in den feinen Spalt des Zahnschmelzes in Form punktförmiger Kügelchen fest [507] und wuchern fadenschießend sowohl nach oben gegen die Mundhöhle, wie nach unten in das Innere des Zahnes hinein.


Fig. 2. Kranker Zahn.
(Vergr. 6 = 36malige Flächenvergrößerung.)


Jeder Zahn (Fig. 2) besteht aus verschiedenartig gebildeten Stoffen, erstens aus einer die Zahnkrone bildenden äußern festen und harten glasartigen Emailmasse, dem Zahnschmelze (Fig. 2 a) und zweitens aus der eigentlichen Zahnsubstanz oder dem Zahnbeine (Fig. 2 b). Letzteres ist aus einem System unzähliger nach der Mitte sich erstreckender parallel laufender Röhrchen, den Zahn-Canälchen, zusammengesetzt. Ein dritte Substanz endlich umgiebt die Zahnwurzeln von außen und bildet das knochenartige Cement oder den Zahnkitt (Fig. 2 c). Diese Knochenmasse beginnt als eine dünne Lage da, wo der Schmelz aufhört, und verkittet gleichsam die Zahnwurzel mit dem Kieferknochen. Jeder Zahn hat in seiner Mitte einen Hohlraum (d), welcher durch einen oder mehrere Canäle (g i) mit dem Blutkreislaufe und dem Nervensystem des gesammten Organismus in Verbindung steht. Jene Canäle durchsetzen die Zahnwurzeln von g bis i und führen Blutadern und Nerven, welche sich in dem Innern des Zahnes zu Netzwerken auflösen, um demselben Ernährung und Empfindung zu übermitteln. Die Gesammtheit der Ader- und Nervenverästelungen in der Innenhöhle eines Zahnes nennt man die Zahnpulpa (d).

Unsere Figur 2 stellt in 36facher Vergrößerung einen zweiwurzeligen Backenzahn dar, dessen Zahnschmelz in Folge einer Verletzung bei f einen kleinen Sprung erhalten hatte. In diesen Sprung, welcher bei der erwähnten Vergrößerung wie ein klaffender Abgrund aussieht, haben sich Pilzkeime eingelagert, von der umgebenden Zahn-Emailmasse wie von einer Schutzmauer gedeckt. Von den körnchenförmigen Keimen, der sogenannten Matrix, gehen reichliche Pilzfäden aus, welche nicht nur in der kleinen Höhle sich verbreiten, sondern auch durch die erwähnten Zahncanälchen hindurch nach dem Innern, nach der Stätte der Lebensthätigkeit des Zahns, der Zahnpulpa (d) fortwuchern. Die knöcherne Masse wird hierdurch anfangs dunkler gefärbt; später werden die Canälchen ausgedehnt und allmählich durch Ueberwucherung zerstört. Auf diese Weise beginnen die Zähne hohl zu werden. In einem bestimmten Momente, oft ganz plötzlich, tritt jener wahnsinnige Schmerz auf, welcher den Leidenden zum Zahnarzte führt. Es ist dieses der Augenblick, wo die Zahncaries (Fäulniß) und die Pilzkeime die im Innern des Zahnes sich verbreitenden Nervenästchen erreicht haben. Nach Reinigung der kranken Höhle findet sich gewöhnlich, daß die Zerstörung des Zahnbeines bis zu den Zahnnerven und zu der Zahnpulpa vorgedrungen ist.

In welch kolossalem Grade solche Pilzwucherungen das Zahnbein zerstören können, ist aus unserer Figur 3 ersichtlich. Die Abbildung stellt ein Stückchen durch Pilzwucherungen zerklüfteten Zahnbeins in 200facher Linearvergrößerung dar.


Fig. 3. Durch Pilze zerstörtes Zahnbein.
(Vergr. 200 = 40,000fache Flächenvergrößerung.)


Wir sehen hier, daß die wie Grashalme emporschießenden Pilzbildungen das früher noch sehr feste Zahngewebe zertrümmert haben, indem sie ihre feinkörnigen rundlichen Keime in millionenfacher Anzahl zwischen die Bruchstücke des Zahngewebes hindurchschoben. Unsere Abbildung giebt einen lebhaften Begriff von der raschen Lebensthätigkeit dieser niederen Pflanzen-Parasiten.

Die Hauptaufgabe eines rationellen Zahnarztes ist heutzutage, durch geeignete antiseptische oder pilztödtende Mittel, nachdem er die Höhle mechanisch gereinigt hat, die Krankheitserreger zu vernichten. Eine vortreffliche antiseptische Methode, durch Fäulniß erkrankte Zähne zu heilen, hat ein intelligenter Zahnarzt, Herr Adolph Witzel in Essen an der Ruhr, erfunden und seine Erfahrungen auf diesem Gebiete in einem mit vorzüglichen Abbildungen geschmückten Werke, betitelt: „Die antiseptische Behandlung der Pulpakrankheiten des Zahnes“, niedergelegt.

Die meisten Menschen sind in Bezug auf die Behandlung ihrer Zähne höchst leichtsinnig. Würde Jeder, sobald sich an irgend einem Zahne durch Vermittelung des feinsten Tastinstrumentes, das wir besitzen, der Zunge, eine kleine Krankheit oder Vertiefung bemerkbar macht, sofort zur Reinigung und Ausfüllung, der sogenannten Plombirung, sich entschließen, bevor Fäulniß und Pilzwucherung weiter in die Tiefe vorgedrungen sind, so würden viele Schmerzen erspart und mancher sonst noch vortreffliche Zahn erhalten bleiben können.

In seltenen Fällen kommt es übrigens vor, daß auch lebensgefährliche Pilzwucherungen in den Zahnhöhlen ihr Unwesen beginnen und von da aus ihre zerstörenden Keime auf dem Wege der Blutcirculation nach anderen Körpertheilen aussenden. In Figur 4 ist auf Grund einer genauen, nach der Natur wiedergegebenen mikrophotographischen Darstellung ein etwas seltener Zahnhöhlenpilz zu sehen, welcher seine Keime unter Umständen in den Organismus überwandern läßt und dadurch Blutvergiftung (Pyämie) herbeiführen kann. Die kolbigen Enden einzelner Pilzfäden öffnen sich und lassen die Keime des Pilzes, die Pilzsporen, frei austreten. Diese in unserer Figur als kleine Kugeln vielfach sichtbaren Fortpflanzungsorgane gelangen aus der Zahnhöhle in den Blutkreislauf. In dem Eiter von Zahngeschwüren hat man den Beginn der Pilzentwickelung aus solchen Sporen mehrfach beobachtet und von hier aus deren Verschleppung nach inneren Organen, wie der Lunge, der Leber, der Milz etc. folgen können.

Viele Aehnlichkeit hat der in Fig. 4 abgebildete Fadenpilz mit einer Form, welche sich oft in dem Munde kleiner Kinder, besonders solcher, die mit künstlicher Nahrung aufgefüttert werden, vorfindet. Es ist dies der sogenannte Soorpilz oder das Oidium albicans, ein Gebilde, welches, wenn der Mund der Säuglinge nicht regelmäßig gereinigt und ausgewaschen wird, sich oft auf [508] der Zunge und dem inneren Theil der Wangen in Form eines weißen schleimigen Beleges bemerklich macht. In verschiedenen Gegenden Deutschlands wird dieses sehr lästige Leiden der Säuglinge mit dem Namen „Schwämmchen“, „Mundfäule“ oder auch mit „Mehlkraut“ bezeichnet.


Fig. 4. Zahnpilze aus hohlen Zähnen.
(Vergr. 700 = 490,000fache Flächenvergrößerung.)


Es finden sich bei unreinlich gehaltenen Kindern ähnliche Belege auch an der Ausgangsöffnung des Mastdarms und verursachen hier einen gelblich weißen Ansatz, der eine empfindliche Entzündung hervorruft.

Auch die grün gefärbten, halbverdauten Abgänge der Säuglinge sind meist mit Pilzkeimen durchsäet, welche den Darmcanal durchwandert und die Verdauung beeinträchtigt haben.

Viele Mütter und Wartefrauen pflegen den Mund der kleinen Kinder mit Rosenhonig auszupinseln oder mit feingeriebenem Zucker auszureiben. Durch ein derartiges unsinniges Vorgehen machen sie sich einer unverzeihlichen Sünde gegen die Kleinen schuldig. Zuckerhaltige Stoffe mehren die Entwickelung der Pilzkeime, bezwecken demnach gerade das Gegentheil von dem, was erreicht werden soll. Einzig und allein Auswaschen des Mundes mit reinem oder vier bis fünf Tropfen einer Salicylsäurelösung (ein Gramm Salicylsäure auf dreißig Gramm Alkohol) enthaltendem Wasser ist die rationelle Methode zur Beseitigung des Soorpilzes und anderer Verunreinigungen der kindlichen Mundhöhle.

Einer der gefährlichsten Bewohner des menschlichen Mundes ist der Diphtheritispilz, ein Giftkeim, welcher leider nur allzu oft den kindlichen Organismus befällt und zerstört und dessen trauriger Existenz schon vielfach in diesen Blättern Erwähnung gethan wurde. Auch heute wollen wir seiner nicht vergessen, denn wir sind in der Lage, unsern Lesern eine vortreffliche Abbildung der Keime dieses Todfeindes des Menschengeschlechtes zu bringen. Der Pilz selbst ist bis jetzt noch nicht in seinen verschiedenen Entwickelungsformen ergründet, aber seine Abkömmlinge finden sich in Form von Milliarden punktförmiger Mikrokokken in der Schleimhaut der Rachenhöhle, auf den Mandeln und bei weiterer Verbreitung auf dem Kehlkopfe und der Innenseite der Luftröhre auf- und eingelagert. Die Pilzkeime durchwuchern hier nicht nur die berüchtigten Membranen, sondern auch die oberflächlichen Schichten der Schleimhaut, gelangen auf dem Wege der Blutbahnen in den Organismus, und rufen dann jene gefürchteten Erscheinungen der Diphtherie hervor, welche nicht mehr als eine locale Erkrankung, sondern als die gefährlichste aller allgemeinen Infectionskrankheiten zu betrachten ist.


Fig. 5. Diphtheritispilze.
(Vergr. 500 = 250,000fache Flächenvergrößerung.)


In der Abbildung Fig. 5 begegnet uns ein Stückchen einer solchen diphtheritischen Membran, eine jener gefürchteten Häute, welche die Luftröhre der Befallenen verschließen und zu den schrecklichsten Erstickungsanfällen Veranlassung geben. Wir sehen hier zwischen dem faserigen Gewebsnetze Millionen kleiner rundlicher Pünktchen eingestreut. Von hervorragenden Forschern auf diesem Gebiete sind dieselben als die dem Organismus so sehr feindlichen Pilzkeime oder Mikrokokken erkannt worden. Auch hier hat sich wiederum, wenn zu geeigneter Zeit und im ersten Stadium der Krankheit angewandt, die örtliche Anwendung pilzzerstörender Medicamente besonders heilsam und lebensrettend erwiesen.

Aus der Gesammtheit unserer Mittheilungen geht hervor, daß einzig und allein eine aufmerksame Pflege der Mund- und Rachenhöhle vor den lästigen Parasiten und den durch dieselben herbeigeführten, zum Theil sehr gefährlichen Krankheiten schützen kann. Ebenso wie man im öffentlichen Leben es jetzt als eine Hauptaufgabe der Gesundheitswirthschaft betrachtet, durch Reinhaltung der Städte, der Luft und des Bodens epidemische Krankheiten von der Gesammtheit fernzuhalten, ganz in gleicher Weise und nach gleichen Grundsätzen hat der Einzelne gegenüber seinem eigenen Ich zu verfahren. Vorkehrungen der Reinlichkeit setzen uns oft allein in den Stand, uns und die Unseren vor unsäglich schwerem Leid zu bewahren.
Dr. St.




Tunesische Studien.

Von Fritz Wernick.
II.

Die wenigen Europäer in Tunis, die zudem ebenfalls halbe Tunesier sind, wohnen in einem eigenen kleinen Stadttheile, nahe dem Marinethor. Dort flattern die Banner aller Nationen von den Häusern der Consuln; dort finden wir einen auf europäische Art eingerichteten recht guten Gasthof. Eine andere, gänzlich fremde Welt umfängt uns in der eigentlichen Stadt. Ein Gewirr enger Gäßchen mit verschlossenen kleinen Häusern, hügelan steigend – so stellt sich dieselbe äußerlich dar. Auf halber Höhe liegt der ausgedehnte Prachtbau der großen Moschee, oben krönt den Hügel die Kasba, die feste Burg, die einst das Land beherrscht hat, jetzt aber ebenfalls verfällt wie Alles hier, und unmittelbar darunter lagern sich die breiten Fronten des Dar el Bey, des Regentenschlosses, das aber niemals mehr bewohnt wird. Der Bey kommt nur höchst selten in die Stadt, vergnügt sich auf den Schlössern der Umgebung mit seinen jungen Gespielen und nimmt selbst die hohen Staatshandlungen draußen im Bardo oder im Strandschlosse von Goletta vor.

So schmal sind die Gassen, daß Wagen nur in sehr wenigen verkehren können, und selbst wenn ein Trupp beladener Kameele zu den Herbergen, Lagerstätten und Bazaren zieht, muß man sich fest an die Häuser drücken, um von den reihenweise dahertrottenden Höckerthieren nicht belästigt zu werden. Jede Gasse

[509]

Eine Schule in Tunis. Originalzeichnung von E. Berninger.

[510] ähnelt der andern. Maurische Hufeisenbogen überwölben die Thüren; zierlich geschmiedetes Gitterwerk umspinnt die Fensteröffnungen, und maurische Linienspiele, kleine Blumenmuster, phantastische Verschlingungen, von Gyps geformt oder in den Stein gemeißelt, ziehen sich an Thürwölbungen, Fenstern und Mauern entlang. Solche reizende Einzelheiten fesseln bei jedem Schritt den Blick. Sonst sind die Häuser selbst einförmig und nüchtern. Manchmal steht das äußere Thor offen, und dann sehen wir wohl in einen kleinen Gartenhof, eine Art offener Vorhalle. Leicht geschwungene Bogenstellungen umgeben den Raum; mit bunt glasirten Fliesen sind die Wände überzogen; aus einer Brunnenschale in der Mitte rauscht ein feiner Wasserstrahl empor, und grüne und farbige Dachziegel springen weit vor und umrahmen das Ganze. Da haben wir das vornehme maurische Haus, von dem Märchen und Reisebeschreibungen erzählen, das immer seltener wird und das vielleicht nur noch in Tunis zu finden sein mag. Weit größere Pracht mag sich wohl noch hinter den fest verschlossenen Pforten bergen, denn das orientalische Haus kehrt seine glänzendste Seite dem Inneren zu. Vielfach sind die Ueberreste altrömischer Bauten von den Muselmännern benutzt worden. Antike Säulen aus dem zerstörten Karthago, Marmorbalken, andere Bauglieder sind oft in die orientalischen Häuser hineingeflickt und zu Prellsteinen oder zu Stufen der Moscheeneingänge verwendet.

Der Mohammedanismus des Abendlandes hat gänzlich andere Bauweisen, wie derjenige der Türkei und ihrer östlichen Provinzen, selbst bis tief nach Aegypten hinein. Dort giebt die edle Kugelform der ehemals christlichen Sophienkirche von Constantinopel das Vorbild für alle Moscheen im Reiche. Hier folgt man mehr spanischen, maurischen Bauwerken, schlägt weit ausgebauchte Hufeisenbogen, liebt schlanke Säulen, freie Vorhöfe, Tonnengewölbe, die gänzlich mit phantastischen Linienverschlingungen in Gyps bedeckt und belebt sind. An die Alhambra, die Zisa von Palermo wird man hier weit mehr erinnert, als an die Prachtbauten von Constantinopel.

Freilich stiehlt das Auge nur gelegentlich solche Eindrücke zusammen. Das Volk, sonst von formeller, etwas feierlicher Freundlichkeit, von gemessenem Phlegma, wird heftig und wild, wenn man nur den unreinen Fuß auf die zur Pforte eines Moscheehofes führende Stufe setzt. Auch daran merkt man, wie hier Sitten, Religion und alter Brauch sich rein und streng erhalten haben, mehr als irgend anderswo auf mohammedanischem Gebiete. In den türkischen Städten bedarf es zwar eines Erlaubnißscheines zum Besuche der Moscheen, in dem nahen Algerien aber, wo derselbe arabische Volksstamm wohnt, wie in Tunis, geht man unbelästigt ein und aus durch alle Moscheen.

Um die große Moschee ziehen sich verdeckte Gänge nach allen Richtungen. Dort liegen die Bazare, die Waarenhöfe, die Werkstätten; dort findet der nomadisirende Araber einen „Chan“, eine Herberge, die ihn mit seiner Waare aufnimmt; dort sucht der Wüstensohn eine der zahlreichen Schreibstuben auf, in denen er Rath findet, die dicken Bücher und Handschriften selbst nachschlagen oder auch einen der stets anwesenden Schriftgelehrten mit Abfassung von Actenstücken, Gesuchen oder Testamenten beauftragen kann. In diese Bazargänge drängt sich das Leben von Tunis zusammen, ein Getriebe von sinnverwirrender Fremdartigkeit und Mannigfaltigkeit. Ist Tunis auch die Hauptstadt des kleinen Fürstenthums, besitzt es selbst über 100,000 Einwohner, so wird sein Volkscharakter doch nicht durch diese seßhaften Bewohner allein bestimmt. Es bildet den großen Markt, den Hauptverkehrsplatz, die Stapelstätte für Alle, die tief aus dem Lande, aus den Oasen der Wüste, von den Bergfluren des benachbarten Tripolis, wie der algierischen französischen Provinzen kommen.

Während wir in den anderen Gassen nur wenigen Menschen begegnen, herrscht hier dichtes Gewühl, lautes Geschrei, lebhafter Handel und Wandel, sodaß es Mühe macht, sich zurechtzufinden. Der eine der überdeckten Gänge bildet den Gewürzbazar. Da sitzt in jeder Bude ein Muselmann in langem Kaftan, hohem Turban, mit untergeschlagenen Beinen auf dem hohen Tische zwischen Kräutern, Straußeneiern, bunten Wachskerzen, Räuchermitteln, Essenzen und allerlei Heilmitteln. Rosenöltropfen in lange Röhrenfläschchen gebannt, wohlriechende Rattenschwänze und Spezereien legt er uns mit stummem Kopfbeugen zur Auswahl vor. Das Anpreisen scheint ihm seine Würde zu untersagen; wie ein Fürst den ihm gebührenden Tribut, streicht er das Geld ein, und sein großes dunkles Auge senkt sich kaum merkbar zum Abschiedsgruße. Lebhafter geht es in dem Stoff- und Gewebebazar zu. Arabische Teppiche mit wundervollen Mustern liegen in einzelnen der kleinen Buden aus; florartige Seidenzeuge mit Atlasstreifen oder Gold durchwirkt, wie die Vornehmen sie zum Burnus verwenden, lange, gazeartige Seidenbänder mit goldener Stickerei, die man zu Turbanen kunstvoll um’s Haupt schlingt, reizen die Kaufbegierde auch der Europäer, ebenso die großen orientalischen Wollendecken, die wie alle die anderen Gewebe aus den Haushaltungen, den Händen der Weiber im Lande hervorgehen und hier an den Markt gebracht werden. In einem andern Bazar liegen Juwelen und Geschmeide aus. Dort allein sieht man auch Weiber. Gänzlich verhüllt, die Gesichter unter Schleiermasken verborgen, hocken sie auf den Bänkchen der Verkäufer, lassen die funkelnden Brillanten durch die fetten Hände gleiten und weiden die strahlenden Augen an dem Glitzern der edeln Steine. Anderswo giebt es Waffen, alte und neue, lange Flinten, kunstvoll ausgelegte Dolche, Pistolen von ausgezeichneter Arbeit in gestickten Ledertaschen.

Doch wandern wir auch durch die Reihen, in denen das einfache Handwerk sich angesiedelt hat. Jeder Geschäftszweig wohnt beisammen in seinem eigenen Bazar. Die Tischler, die Schuhmacher, die Sattler, die Trödler, die Flintenmacher haben ihre eigenen Bezirke. Gastlich räumt der arabische Handelsmann uns einen Polstersitz sich zur Seite ein, und von dort können wir das Menschengewühl ruhig ansehen. Er erklärt uns, so weit sein Bischen Französisch oder Italienisch reicht, was wir zu wissen begehren. Es ist ein buntes Völkergemisch, das da bei uns vorüberstreift!

Der Eingeborene, in weite Gewänder von feinem maisgelbem, bläulich-grauem, blaßrothem Tuch gehüllt, das mit farbigen Schnüren oder Goldfäden reich gestickt ist, tritt vornehm und sicher, als Bürger der Hauptstadt auf. Den Reichsten trägt ein brauner Diener den langen Tabaksbeutel, das Pfeifenrohr und die kleine gestickte Geldtasche nach. Aber auch die Aermeren, die Arbeitenden erscheinen nicht ohne Gemessenheit und Würde. Die nomadisirenden Araber, die Beduinen, die Tunis als eine Art Stammeshauptstadt betrachten, kommen mit ihren Kameelen, mit dem ganzen Tribus hierher. Sie hüllen sich in flatternde weiße Stoffe und bergen das Haupt in weiße Tücher, um welche Schnüre von braunem Kameelhaar gewunden werden. Sie sind die schönsten von allen. Ihre Gesichtsfarbe glänzt in blassem Oliv; ihr großes dunkles Auge tritt aus dem bläulichen Perlmutterweiß lebhaft hervor, und ihre hochgeschwungenen Brauen, ihre langen Wimpern geben dem Antlitz einen edlen Ausdruck. Da und dort taucht der braune Biskris auf, der Sohn der Oasen, welcher den kupferfarbenen Körper kaum mit einem kurzen schmutzig weißen Wollenhemd bedeckt, einen knappen Mantel lose um die Schultern schlägt, um an keiner Handarbeit behindert zu sein. Denn er ist der Dienstling für Alle, leitet und treibt die Kameele, trägt Lasten, besorgt schnellfüßige Aufträge und lungert in den Bazaren umher, um auf ehrliche oder unehrliche Weise Geld zu verdienen. So stuft die Farbenschattirung sich ab bis zum tiefen Negerschwarz. Meist mögen diese blankhäutigen, schwarzen Kerle einst als Sclaven der Araber aus der Wüste mit hierhergebracht worden sein. Die Sclaverei hat gesetzlich aufgehört, die Neger aber sind entweder freiwillig in dem alten Abhängigkeitsverhältnisse verblieben, oder leben nun hier als selbstständige Leute. Sie sind indeß in die Bevölkerung nur eingesprengt, bilden keine eigentliche Gruppe derselben.

Als eine solche bezeichnet unser tunesischer Handelsmann uns aber die Juden. Der arabische Jude, der vielleicht mit den aus Spanien vertriebenen Mauren sich in Nordafrika angesiedelt haben mag, hält keine Gemeinschaft mit den aus Europa hergekommenen Israeliten. Wie diese sich an ihre Landsleute, an Deutsche, Franzosen, Italiener in Lebensart, Sprache, Tracht und Geselligkeit schließen, so gehört der orientalische Jude fest zu den Arabern. Er kleidet sich wie sie, spricht ihre mit dem Hebräischen verwandte Sprache und lebt in ihren Stadttheilen, wenn auch gesondert in eigenen Judenvierteln. Es bedarf eines besonderen Scharfblickes, um den Juden von dem Muselmann zu unterscheiden.

Nur die orientalische Jüdin zeichnet sich aus. Sie ist äußerlich eine andere in Algier, in Constantine, in Tunis. Ueberall dort aber ist sie das einzige Weib, das sich offen und zwar gern [511] auf der Straße zeigt, das Beziehungen anknüpft, den Eintritt in ihr Haus gestattet, das die orientalischen Straßen- und Volkstypen durch das „Ewig-Weibliche“ bereichert. Denn die arabische, maurische, tunesische Frau sieht man niemals oder nur scheu und vermummt, und was Reisende von ihren Beziehungen, Abenteuern, Erlebnissen mit arabischen, kabylischen, maurischen Mädchen und Frauen rühmen, das bezieht sich alles auf Jüdinnen, die sich im Hause ganz den eingeborenen Weibern gleich tragen.

Die ewigen Geldverlegenheiten des Bey haben das Glück der tunesischen Juden gemacht; sie haben ihn den Juden in die Arme geführt, und diese haben solche Verbindungen zu benutzen gewußt, nicht nur zu guten Geschäften, sondern auch zur Besserung ihrer gesellschaftlichen Stellung. Diese Errungenschaften tragen besonders die Jüdinnen zur Schau. Die reiche Jüdin, meist strotzend von Körperfülle, schlendert grell aufgeputzt durch die Bazargänge, sicher, daß keine Frau eines mohammedanischen Stammes sie dort durch Schönheit oder Glanz verdrängt. Ihr Antlitz trägt sie frei, seine Farben oft noch gehoben durch künstlich aufgetragenes Schwarz auf den Augenbrauen, durch Weiß und Roth auf Stirn und Wangen. Den Kopf krönt eine kleine Kappe von Goldstoff, nicht selten mit Edelsteinen besetzt. Daraus fällt über das Hinterhaupt ein dünner, kurzer Schleier, nur zur Zier, nicht zur Verhüllung. Der ganze Unterkörper bis zur Hüfte steckt in einem Tricot von Baumwolle oder Seide, auf dem Spitzenstreifen oder Weißstickereien glatt aufliegen. Darüber wird dann nur noch eine Blouse von feuerfarbener oder heller Seide geworfen, die kaum bis auf die Schenkel reicht, den Unterkörper gänzlich frei läßt und an die oberen Theile sich bei jedem Schritte anschmiegt.

Diese Jüdinnen sind die auffälligsten Erscheinungen in dem bunten tunesischen Straßenleben. Durch den Abstand ihres freien Wesens von dem scheuen Benehmen der vermummten mohammedanischen Weiber ist man versucht, sie alle für herausfordernd, ja noch für schlimmer zu halten. Aber die angesehenen, ehrbaren, reichen Frauen watscheln ebenso grell geschmückt, grell gekleidet auf den Straßen umher, wie jene Tänzerinnen im Judenviertel, zu denen uns Abends ein Miethling des Gasthofes führt, mit einer großen Laterne in der Hand, denn das Innere der Hauptstadt besitzt keine Straßenbeleuchtung. Dort, in ihrem Gemach, führt die Jüdin mit einigen Gespielinnen bei ohrenzerreißender Blechmusik Tänze auf, die theils aus lebhaftem Geberdenspiel, theils aus Zuckungen, Vorschnellen des feisten Körpers, aus Zurückweichen und Haschen bestehen. Zu solchen Abendunterhaltungen finden sich nicht nur neugierige Fremde ein, auch der Muselmann, für den sie ja eigentlich bestimmt sind, sucht sie gerne auf, als einzige abendliche Lustbarkeit.

Einem Maler müßten die Straßenbilder von Tunis eine unerschöpfliche Fundgrube bieten. Die Künstler klagen nur, daß man jeden Versuch solcher Thätigkeit mit Steinwürfen verhindere; denn der Muselmann hält es für Entweihung und Raub, wenn man ihm seine Züge stiehlt. Noch eigenthümlichere Bilder geben einzelne kleine, nischenartige Räume, die zwischen den Bazaren sich öffnen. Da sehen wir Barbierstuben, Kaffeehäuser, öffentliche Schreiber, Kinderschulen. Am zahlreichsten sind die ersteren. Junge Bursche, selbst prächtig frisirt, mit blanken Messingbecken und langen Messern ausgerüstet, bewegen sich in dem engen Raume, der rings von einem Polsterdivan umgeben ist. Gravitätisch, in beschaulicher Ruhe hocken längs der Wände die ehrbaren Männer von Tunis wie Wachsfiguren, oft zehn oder fünfzehn neben einander. Sie harren geduldig, bis der braune Junge seine Künste an ihnen vollführt, bis er sie mit duftendem Wasser, mit seinem Pudermehl verschönt hat, und sitzen selbst darnach noch eine Weile, wenn nicht neue Kundschaft sie vertreibt.

Lebhafter geht es im Kaffeehause zu. Auch das ist ein kleines, nischenartiges Loch. Hinten auf einem kleinen Kohlenherde steht die Messingkanne mit dem chocoladendicken Kaffee, daneben winzige, henkellose Tassenköpfe, nicht größer als eine halbe Eierschale. An dem Boden, auf dem Divan, bis vor die Thür kauern, hocken, liegen die Gäste, und jeder stellt solche Eierschale mit dem braunen, sehr starken Tranke neben sich, erhält eine lange Pfeife, deren Rohr bis auf die Erde reicht, und verträumt hier Stunde auf Stunde. Manchmal schieben zwei ein Schach- oder Damenbret zwischen sich auf den Polstersitz und spielen eine Partie oder lassen sich auch wohl Karten reichen, um am Erdboden, auf Teppiche gelagert, ein Spiel zu machen. Am liebsten blicken die Leute schweigend und träumend in’s Leere. Es bilden sich da aus den herrlich gewandeten, schönen Gestalten köstliche Gruppen, denen man gern bei ihrem Nichtsthun zuschaut. Im eigenen Hause fehlt den Männern jede Geselligkeit, alle Unterhaltung; das Kaffeehaus muß ihnen diese gewähren.

Am interessantesten aber sind die öffentlichen Schreibe- und Lesestuben. Dort sitzen die Schriftgelehrten, die Advocaten, die Männer der Feder beisammen. Sie brüten über dicken Bänden, über kunstvollen Handschriften, in die sie, die Brille auf der Nase, das Antlitz halb vergraben. Oft sieht man einige mit einander streiten; oft versehen sie dem Laien Schreiberdienste. Sie lassen sich durch Straßenlärm, durch das Geschrei der Ausrufer, durch die Kameelzüge bei ihrer Arbeit nicht stören und sitzen halbe Tage lang in ihren Schriften verloren.

Mehr seitab liegen die Knabenschulen, die sich gewöhnlich in der Ecke einer Moschee einnisten. Für Bequemlichkeit, für gute Haltung des Körpers sorgt dort Niemand. In einem öden Raume hocken die Jungen auf dem Estrich, und der Lehrer thront zwischen ihnen. Er leitet die Lautirübungen, spricht laut vor, und die Bengel plärren gewissenhaft nach. Wer’s nicht richtig macht, dem winkt der alte Muselmann mit dem langen Stecken. Man kritzelt auch die arabischen Schriftzeichen auf den großen Tafeln nach, die an die Lehmwand gehängt werden. Alles sitzt oder kauert vielmehr bunt durch einander, scheint im Allgemeinen aber emsig bei der Sache zu sein. Auch die Schulen liegen, höchstens durch ein offenes Vorgemach getrennt, frei in den Gassen, und man kann sehen und hören, was dort getrieben wird. Die Jungen blicken wohl neugierig umher, kichern und plaudern, genau so wie überall in der Welt, aber der Stecken des Schulmeisters stellt Ordnung und Aufmerksamkeit wieder her. Sobald das Zeichen zum Schlusse gegeben wird, wickelt der Knäuel am Boden sich aus einander; die Knaben schlagen den Burnus um die Schulter und wandern so gemessen heim wie die Alten.

Wer weiß, was aus diesen kleinen Tunesiern noch einmal wird. General Kheredim, der allmächtige Großvezier, ist als schöner circassischer Knabe, welchen Piraten auf den Sclavenmarkt gebracht hatten, von dem Sultan, den die junge Gestalt mit dem intelligenten Kopf gereizt, gekauft worden. Mustapha ben Ismail, der andere Minister, war in Tunis Kaffeehauskellner und hat den braunen Mokka jahrelang bereitet, bis auch an ihm der Bey Gefallen gefunden. Rang, besondere gelehrte Vorbildung, Beschäftigung mit den Staatswissenschaften scheint also nicht nothwendig zu sein, um hier zu den höchsten Würden zu gelangen. Wir fuhren eines schönen Nachmittags hinaus nach dem Bardo. Da begegnete uns die Staatscarosse des Mustapha ben Ismail, des noch immer geliebten Günstlings. Er ist ein schöner junger Mann von kaum dreißig Jahren und wohnt stets in unmittelbarer Nähe des Bey, der ihm indessen verstattet hat, einige Frauen zu nehmen. Mustapha begleitet den Bey auch in den Bardo zu den wöchentlichen Gerichtssitzungen. Heute stand dieser Palast, welcher eine Stunde außerhalb der Stadt landeinwärts in einer von Hügeln umschlossenen Ebene liegt, der Besichtigung offen. Eine Wasserleitung aus alter Zeit, noch von den römischen Karthagern erbaut, spannt ihre Bogen über den Weg. An den öffentlichen Brunnen rasten Kameele; da trinken durstige Biskris; da bieten Händler Datteln, Feigen, Apfelsinen oder fettes Backwerk feil, das zu den Leckerbissen der niederen Araber gehört.

Der Bardo ist Palast, Festung, kleine Stadt, Exercirplatz, alles zusammen, und der Verkehr ist hier ungehindert. Dicke Mauern schließen den ganzen Bezirk ein, und nur zwei Thore gewähren Zutritt. Dort stehen Wachposten, wieder arg zerlumpt, wieder strickend und Körbe flechtend. Ein Gewirre niedriger Lehmhütten umgiebt den Herrscherbau. In ihnen nisten kleine Handwerker, und da giebt es Buden mit Naschwerk, Kaffeehäuser, aber auch Magazine, Heuschober, Karawanserais, in denen die Kameeltreiber mit ihren Thieren nächtigen. Endlich kommt man zum ersten der Vorhöfe, dann zu einem zweiten, dritten, schließlich zu dem Palaste.

Hier könnte man wieder an die Wunder von „Tausend und eine Nacht“ glauben. Schlanke, gewundene Säulen tragen die maurischen Hufeisenbogen, die rings um die Wände laufen; Springbrunnen rauschen aus Marmorschalen auf; ein Netzwerk [512] von Stucklinien, Schnörkeln, Pflanzengebilden umzieht Wände, Gewölbe und Flure. Die Pracht steigt, je weiter wir vordringen. Eine Marmortreppe, von ruhenden Löwen getragen, führt hinan; und mit glasirten Platten sind die Wände der Vorhallen bedeckt, auf denen vielfarbige Musterspiele glänzen. Der phantastische Schmuck von Stucklinien wird immer lebhafter; die Säulen werden immer schlanker, und die maurischen Bogen schwingen sich immer kühner empor. Das Ganze wirkt zuerst bezaubernd. In diese Märchenpracht einer vergangenen Zeit blickt nur die Verkommenheit und Armseligkeit der Gegenwart hinein und stört den Eindruck. Den zerlumpten Soldaten hat man Brettchen unter die nackten Füße legen müssen, damit sie sich auf den Marmorfliesen bei stundenlangem Stehen nicht den Tod holen. Die herrlichen maurischen Hallen, der Thronsaal, die Gemächer, die einst angelegt wurden von den üppigsten und prachtliebendsten Herrschern ihrer Zeit, sind oft verunstaltet worden durch schäbige Papiertapeten, durch altmodische harte Möbel mit grellen Damastbezügen, wie unsere Großeltern sie in die Putzstuben stellten, durch Stahlstiche an den Wänden. Der Herrscher des Volkes, welches die besten Teppiche der Welt wirkt, legt in seine Säle widerwärtige englische Decken mit großen Blumen. Das Alles sticht schreiend ab gegen das, was der Bardo einst gewesen, wozu er von den üppigen Piratenfürsten angelegt worden ist.

Wir treten hinaus auf einen der Altane, unter uns liegt das Manöverfeld, auf dem die Reiterspiele veranstaltet werden, die das Auge und den Sinn des Herrschers oder seiner Gäste ergötzen. Eine freundliche Landschaft umgiebt den Bardo. Seine alten Gemäuer blicken hinab auf die nahe Manuba, wo in hübschen, aber keineswegs prachtvollen Landhäusern der Bey, seine Lieblinge und die Großen des Landes wohnen. Die Flur ist grün, mit Palmengärten, Oelhainen, Blumen- und Obstgärten geschmückt. Nur der Weinstock fehlt. Der Spiegel eines kleinen Süßwassersees senkt sich in das kesselförmige, von Hügelkränzen umgebene Land, und von Süden her kommen breitere Wege und schmale Kameelpfade über die Berge herab. Dort mündet die Wüste aus, und nach dorthin dehnt sich das unermeßliche Hinterland ohne Grenzen; dahin soll die Pforte sich öffnen, die das Wasser des Meeres über das Land ergießt und eine bequeme Straße zur Sahara schafft. Links im Osten liegt die Hauptstadt: die Kasba mit dem Beypalaste hoch oben an die Ringmauer gelehnt, von dieser sich hinabsenkend das weiße Häusergewirr von Tunis, aus dem die von offenen Säulenstellungen gebildeten Minarets emporragen. Noch weiter im Osten glänzt der Spiegel des Bahirasees. Den Hintergrund schließen die bläulichen Hochgebirge, die riesenhaft aus dem Golfe des alten Karthago sich erheben; in weitem Rund umschließen sie die bergige Landzunge, auf der die wenigen Trümmer der untergegangenen Stadt den Boden bedecken.




Blätter und Blüthen.


Der schönste Tod. Bekanntlich haben die Griechen und Römer die vom Blitze erschlagenen Menschen für die Lieblinge der Götter erklärt, und der berühmte englische Physiker Tyndall hat kürzlich in einem interessanten Vortrage nachgewiesen, daß diese Todesart mindestens völlig schmerzlos ist. Der Grund, den er dafür anführt, hört sich im ersten Augenblicke seltsam an, obwohl er offenbar durchaus richtig ist. Er sagt nämlich, zur Schmerz-Empfindung gehöre viel mehr Zeit, als zum Blitztode, der Schmerz könnte somit erst zum Bewußtsein kommen, nachdem der Mensch schon eine Weile todt ist. Bekanntlich hat zuerst Helmholtz (1856) mittelst sehr genauer Methoden und empfindlicher elektrischer Apparate, die das Messen von Tausendsteln von Secunden gestatten, nachgewiesen, daß die Fortpflanzung der Empfindung in den Nervenbahnen viel langsamer als die des Schalles in der Luft, geschweige denn des Lichtes oder der Elektricität vor sich geht. Er fand, daß eine Empfindung in den Nerven des Menschen im Mittel 180 bis 200 Fuß in der Secunde zurücklegt, sodaß ein Schmerz am Ohre merklich früher als ein solcher in der großen Zehe empfunden wird, wenn auch beide genau gleichzeitig veranlaßt wurden. Bei weniger reizbaren und namentlich bei kaltblütigen Thieren, wie z. B. beim Wal und Frosch, erfordert die Leitung die doppelte Zeit und darüber, und ebenso vergehen meßbare Zeiträume (etwa 1/10 Secunde), ehe die zum Gehirn geleitete Empfindung sich irgendwie in Muskelzusammenziehungen, das heißt in Körperbewegungen äußern kann. Eine Büchsenkugel geht in etwa 1/1000 Secunde durch den Kopf; ein Blitz braucht, um den Körper zu durchlaufen und seine vollständige Wirkung dabei auszuüben nur 1/100000 Secunde; es kann also von irgend welchem Bewußtwerden ihrer Wirkungen nicht die Rede sein. Damit stimmen auch die Aussagen solcher Personen überein, die, vom Blitze getroffen, sich wieder erholen und aus der Betäubung erwachen. Ein Soldat, Namens Hemmer, der im Jahre 1788 zu Mannheim, unter einem Baume stehend, vom Blitze getroffen worden war, wußte nur, daß er in die Höhe gesehen habe, als ihn plötzlich das Bewußtsein verließ, und ein englischer Geistlicher, Namens Bartol, erinnerte sich durchaus keines Schmerzes, den er empfunden hatte, als ihn der Blitz traf.

Je weniger diesen Personen das Schwinden des Bewußtseins mit irgend einem Schmerz verbunden erschienen war, desto lästiger fanden sie das Wiederaufleben. Der letztgenannte Geistliche empfand eine schreckliche Bedrängniß und eine entsetzliche Schwere in allen seinen Gliedern, die nur langsam wich. Professor Tyndall selbst hatte eines Tages die unfreiwillige Gelegenheit, eine Probe vom Blitzstrahl zu bekommen, als er in einer Vorlesung dem Drahte einer elektrischen Batterie von fünfzehn Leydener Flaschen zu nahe gekommen war. Sein Leben war ohne jeden Schmerz für eine Secunde ausgelöscht. In der zweiten Secunde erwachte er, bemerkte, was geschehen war, und suchte das Publicum zu beruhigen, während es ihm vorkam, als sei sein Körper in lauter Stücke gerissen. Er sagte den erschreckten Zuhörern, daß er mitunter gewünscht habe, einen solchen Zufall zu erleben, aber wahrscheinlich empfand er kein Verlangen nach einer Wiederholung. Wenn man durch eine besondere Einrichtung des Apparats im Stande wäre, den Blitztod sicher zu copiren, so dürfte dies die humanste Ausübungsform der Todesstrafe sein, die sich erdenken ließe.

Verhängnißvoller übrigens als für Herrn Thyndall ist eine solche Berührung vor wenigen Wochen für einen jungen deutschen Kaufmann in Riga geworden, der dem großen Inductionsapparate zu nahe gekommen war, welcher, durch eine Locomobile getrieben, das Haus seines Chefs, mit elektrischem Lichte erleuchtete[WS 1]. An diesem Apparate befinden sich zwei ziemlich weit von einander entfernte Klemmschrauben, die einzigen nicht mit Guttapercha überzogenen Theile der Leitung des elektrischen Stromes, deren gleichzeitige Berührung deshalb lebensgefährlich ist. Wahrscheinlich hatte der junge Mann, in dem Glauben, es werde sich blos um einen mäßigen elektrischen Schlag handeln, beide Klemmschrauben gleichzeitig berührt; er leitete dadurch den mächtigen Strom, der demjenigen einer Batterie von dreihundert Elementen entsprach, durch seinen Körper und fiel, von dem blitzartigen Schlage getroffen, todt hin, während in demselben Augenblicke die elektrische Beleuchtung im Hause und Garten erlosch: Aerztlicher Beistand fand sich sofort, aber alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos, und die Aerzte konnten nur den Trost geben, daß der Tod jedenfalls ein völlig schmerzloser gewesen sei.




Eingeregnet. (Mit Abbildung auf S. 501.) Warum können wir vor einem Bildchen, das ein so häufiges Reisemißgeschick im Hochgebirge darstellt, wie das Eingeregnetwerden es ist, uns des Lächelns nicht enthalten? Sind doch dazu künstlich herbeigezogene Contraste der verschiedenen Einwirkung des Unwetters auf etwaige Leidensgefährten nicht einmal nöthig! Der Herr Professor unseres Bildes könnte ganz allein unter dem Regendach des Alpenhauses stehen, und dennoch bliebe er eine komische Figur, und wäre er es nur als ein Mensch, der ausschließlich mit der offenbaren Absicht dasteht, auf das Aufhören des Regens zu warten. Die trippelnde Ungeduld einem Naturvorgange gegenüber, mit dessen Verlauf der menschliche Wille gar nichts zu thun hat, macht den Mann um so lächerlicher, je mehr sein gelehrtes Aussehen und sein Alter ihn zu ruhigem Ausharren verpflichten und auf eine weise Ausnutzung der für die Reiselust verlorenen Zeit hinweisen sollten. Dieser weisen Ausnutzung der Regenzeit huldigt das schäkernde Pärchen im Hintergrunde; die jungen Leute bieten einen erheiternden Anblick, aber komische Figuren sind sie nicht, sie tragen nur dazu bei, die nutzlose Verzweiflung des Alten noch spaßhafter erscheinen zu lassen. Gottlob ist zwischen den Quellen der Erde und des Himmels der Unterschied, daß jene immerzu, diese aber nur zeitweilig fließen und endlich doch einmal aufhören müssen. Das verspricht auch diesem Bilde ein gerechtes Ende, denn wenn wieder die Sonne zum Wandern winkt, geht in des Professors Antlitz die helle Freude auf, während die Jugend wahrscheinlich einen betrübten Abschied nimmt.




Der zweite deutsche Stenographentag tritt in der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main in der Zeit vom 15. bis 18. August dieses Jahres zusammen. Er ist das Organ des deutschen Gabelsberger Stenographenbundes, welcher im Jahre 1868 bei der fünfundzwanzigjährigen Jubelfeier der Gabelsberger’schen Schrift – eine Erfindung deutschen Geistes, die inzwischen die meisten Völker Europas sich angeeignet haben – zu München begründet wurde. Der Bund vereinigt gegenwärtig gegen anderthalbhundert Vereine. Letztere haben in allen Provinzen des deutsche Reiches, in Oesterreich und in der Schweiz ihren Sitz und werden in den Augusttagen ihre Vertreter nach Frankfurt senden, um über die Mittel zur Weiterverbreitung der von ihnen gepflegten Kunst und über die Fortbildung der Schrift zu berathen und zu beschließen. Aber auch aus weiterer Ferne, aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Ungarn haben sich bereits Gäste angekündigt. Denn in allen diesen Ländern werden in Gabelsberger’s Schriftzügen die Verhandlungen der Parlamente aufgenommen, wie dies in der deutschen Heimath der Erfindung bei den meisten namhaften politischen Körperschaften schon längst üblich ist. Wie wäre überhaupt der ungestörte Fortgang unseres öffentlichen und literarischen Lebens denkbar, wenn wir auch nur einmal acht Tage lang die deutsche Redezeichenkunst entbehren sollten? Dem stillen Gelehrten, welchem wir diese kostbare Gabe zu danken haben, wird in seiner Vaterstadt München für seinen bevorstehenden hundertsten Geburtstag ein Standbild errichtet werden.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


  1. Zu den unbestreitbar hervorragendsten Fabrikanten von Mikroskopen zählen in Deutschland gegenwärtig Hartnack in Potsdam, Zeiß in Jena und Seibert (Seibert u. Krafft) in Wetzlar; von letzterem wurde das vorzügliche Instrument gebaut, mit Hülfe dessen die unsere Mittheilungen begleitenden mikroskopischen Abbildungen angefertigt worden sind.

Anmerkungen (Wikisource)