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Die Gartenlaube (1879)/Heft 22

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1879
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[361]

No. 22. 1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig· – In Heften à 50 Pfennig.


Im Schillingshof.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Das brünette, kluge Gesicht der Stiftsdame erstarrte förmlich in eisiger Zurückhaltung. „Die Tänzerin wird kommen? Zunächst muß ich fragen, Clementine, wie magst Du so unsäglich schwach sein, Dir dergleichen aufbürden zu lassen?“

Die Baronin schlug die Augen nieder und strich wiederholt einige Kuchenkrümchen von der Tischdecke – sie war verlegen „In diesem Falle hat mein Mann mich gebeten – er bittet sonst nie.“

„Ach so, das ist freilich überwältigend.“ Der allerstrengste Beichtvater, der eine büßende Menschenseele unter der Hand hat, konnte nicht unerbittlicher aussehen, als diese ironisirende Dame; aber der Eindruck war nicht der gewünschte. Die „distinguirte Frau“ da vor ihr wandelte sich, wie so oft, zum eigensinnigen Kinde und sagte gereizt und lächerlich. „Ach, geh doch, Adelheid – schulmeistere nicht immer! Ich weiß recht gut, wie ich mich zu verhalten habe, und reservire mich streng auch dieser dummen Geschichte gegenüber. Mein Gott, was geht’s mich an, daß dieser Felix Lucian gestorben ist? Was habe ich damit zu schaffen, daß er durch den Krieg Hab und Gut verloren hat? Ich sehe darin nur die rächende Hand Gottes an dem sündigen Sohne, der sich in abscheulicher Verblendung gegen die eigene Mutter aufgelehnt hat.“

„Das ist die alte Frau drüben auf dem Klostergute, die wir am Fenster sahen?“

„Ja; sie will bis auf den heutigen Tag nichts von dem verstoßenen Sohn hören – mit allem Recht! Sie weiß nicht um seinen Tod, nicht daß er zwei Kinder hinterlassen hat, und spart und mehrt ihr großes Vermögen einzig und allein für das Kind ihres Bruders, das kleine fratzenhafte Gerippe, das vorhin dort auf der Mauer herumsprang. Dem verzogenen, boshaften Jungen könnte es im Grunde nicht schaden, wenn ihm diese Erbschaft entzogen würde; er erbt so wie so übergenug! Aber wie gesagt, was kann die Gesellschaft da drüben mich interessiren?... Ich habe stets ein gerütteltes Maß Geduld nöthig gehabt, wenn Arnold von dem amerikanischen Freund sprach – wie ,der arme Mensch’ auf seinem Leidensbette keinen anderen Wunsch habe, als der gekränkten Mutter seine vergötterten Kinder zuzuführen wie es sein ausdrücklicher letzter Wille sei, daß nach seinem Tode die junge Wittwe mit ihnen nach Deutschland zurückkehre, und Gott weiß was Alles! Ich habe immer nur mit halbem Ohr hingehört.... Nun sollen aber alle diese Träume und Pläne verwirklicht werden, und dabei stößt man auf große Schwierigkeiten. Rath Wolfram hält geflissentlich Alles fern, was seine Schwester an den Sohn erinnern könnte; er muß mithin völlig ahnungslos bleiben, und die Großmutter soll ihre Enkel anfänglich kennen lernen, ohne zu wissen, wer sie sind – wie die guten Leute das anfangen wollen, das mag der Himmel wissen; lange genug wird’s dauern. Das Terrain dieser Manöver aber wird der Schillingshof sein, den Arnold leider in seiner überschwenglichen Freundschaft dem Verstorbenen und seiner Wittwe zur Verfügung gestellt hat.“

„Und in dieser Intrigue wirst Du trotz alledem und alledem Deine Hand haben – Du wirst das Geheimniß mit behüten müssen –“

Mit einem müden Kopfneigen und allen Zeichen des Verdrusses bestätigte die Baronin; „Wenn ich meine Einwilligung nicht zurücknehmen will, allerdings, selbst vor unseren Leuten – mit Ausnahme der Birkner, die diese ehemalige Mademoiselle Fournier gesehen hat und sie jedenfalls wiedererkennen würde.“

Adelheid deutete auf das Couvert, das eine feste Hand beschrieben hatte. „Ist der Brief von der jungen Wittwe selbst?“

Die Baronin verzog geringschätzend die Lippen. „Ich vermuthe, daß diese Tanzvirtuosin keinen anständigen Brief zu schreiben versteht; deshalb mag wohl Lucian’s Halbschwester, eine Frau Mercedes de Valmaseda, die Präliminarien in die Hand genommen haben. Sie schreibt stets wenige, kurz zusammengefaßte Zeilen, und so sehr von oben herab, daß ich Arnold’s Indolenz bewundere, mit der er sich das gefallen läßt. Ihr Herr Gemahl mag wohl ein steifleinener Grande sein, ein edler Hidalgo, der sich stolz in seinen gestickten Mantel hüllt – denn furchtbar verarmt sind sie alle durch den Krieg, diese Herren Sclavenhalter der Südstaaten.“

Sie fuhr plötzlich wie elektrisirt aus ihrer nachlässigen Stellung empor. Man hörte Pferdegetrappel, und das eiserne Gitterthor wurde klirrend zurückgeschlagen – Baron Schilling ritt in den Garten.

Die Frau mit dem müden Leib und der matten Seele war für einen Moment das Bild leidenschaftlicher Erwartung; dann sank sie mit einem lauernden Seitenblick nach der Freundin in ihre frühere Apathie zurück.




12.

In der Nähe des Hauses sprang Baron Schilling vom Pferde. Ein Stallbedienter eilte herbei, das Thier in Empfang zu nehmen, und auf einen Wink des Gebieters kam auch Hannchen vom Säulengange her. [362] „Hier, mein Kind, das trägst Du in das Atelier – Du weißt schon, wo die anderen liegen.“ Er nahm einige kleine Baumschwämme aus der Tasche und warf sie dem Mädchen in die Schürze. „Und diese hier“ – behutsam nahm er ein Sträußchen frischaufgeblühter Heckenrosen aus dem Knopfloch – „die giebst Du der Birkner und sagst ihr, ich hätte auch heute nicht vergessen, die ersten, die ich gesehen, für sie zu pflücken, was ich mir schon als kleiner Junge nicht habe nehmen lassen.“

„Er ist verrückt!“ murmelte die Baronin, die jedes herüberklingende Wort aufgefangen hatte, und jetzt bog sie sich wieder über die Balustrade und fixirte mit zorniger Verachtung die Gruppe drunten. Noch stand Baron Schilling neben dem Pferde, dessen Zügel der Stallknecht hielt; er liebkoste das edle Thier und gab ihm mit der weichsten Modulation seiner schönen Stimme sanfte Schmeichelnamen.

„Mein Gott, das sieht sich ja an wie eine Trennung für’s ganze Leben,“ sagte die Frau droben in trockenem Tone. „Welcher Mensch mit gesundem Empfinden mag eine solche Liebesverschwendung an ein Thier ruhig ertragen!“ Sie ergriff ein Paket Zuschriften und hielt es über die Geländerbrüstung. „Arnold, ich habe Briefe für Dich,“ rief sie hinab – ihr Ton klang scharf, hell und hochliegend wie eine grelle Kinderstimme.

Baron Schilling sah hinauf. Er zog grüßend den Hut unter einer leichten Verbeugung – dann schritt er auf das Haus zu.

Die Stiftsdame schob das gebrauchte Geschirr zusammen, prüfte die eine der verdeckten Schüsseln, ob sie noch warm genug sei, und war im Begriff, einen frischen Teller aufzustellen, als ihre Hand mit einem unwilligen Druck weggeschoben wurde.

„Lasse das!“ raunte die Baronin ihr gebieterisch zu. „Ich biete ihm nie etwas an, wenn er sich von der gewohnten Ordnung emancipirt und allein gefrühstückt hat, mag er noch so hungrig heimkommen.“

Mit raschen Schritten trat der Baron auf die Terrasse. Er hatte den Hut im Salon abgelegt, und der Zugwind hob leicht die dunklen Ringel, die sich stets eigenwillig aus dem zurückgestrichenen, mühsam gebändigten krausen Haar lösten, von der breiten, gebräunten und kantigen Stirn, nach welcher die Frau Baronin die Schilling’s als viereckige Köpfe bezeichnete. Im Uebrigen wich dieser letzte Vertreter des ritterlichen Geschlechts jetzt bedeutend von denen ab, die im Mittelsaal die alten, gewundenen und vergoldeten Holzrahmen mit ihren herkulischen Gestalten füllten. Er hatte sich verändert; er war nicht mehr vollwangig, wie vor acht Jahren; das Vertiefen in seine Kunst hatte an ihm gezehrt; sie hatte die Schilling’schen Züge, in denen sich drüben bei dem alten Haudegen und den gewaltigen Jägern vor dem Herrn viel Jovialität und derbe Genußsucht widerspiegelten, verschärft und veredelt; sie hatte der hohen Figur jede Spur jener stattlichen Behäbigkeit genommen und dafür die Bewegungen geschmeidigt.

Er reichte seiner Frau die Hand, während die Stiftsdame seinen höflichen, aber sehr kühlen Gruß ebenso reservirt und frostig erwiderte und sich ziemlich entfernt von den Beiden niedersetzte, um eine angefangene Arbeit – Silberstickerei auf violettem Tuch – wieder aufzunehmen.

„Donna de Valmaseda hat geschrieben,“ sagte die Baronin mit malitiöser Betonung des fremdklingenden Namens und schob den Brief auf die Tischecke.

Baron Schilling öffnete das Couvert und überflog die wenigen Zeilen, die das Briefblatt enthielt. „Wir können unsere Schützlinge in acht bis zehn Tagen erwarten,“ berichtete er, „aber Du wirst Dein Einquartierungsprogramm ein wenig verändern müssen, Clementine. Frau von Valmaseda wird ihre Schwägerin begleiten, weil, wie sie hier zum ersten Male ausspricht“ – er deutete auf die Zeilen – „Felix das ganz ausdrücklich gewünscht habe –“

„So ... Gott mag wissen, wie viel Wünsche dieser gute Felix noch gehabt hat, die zu erfüllen wir nolens volens verpflichtet sein sollen,“ unterbrach ihn die Baronin gereizt. Sie verharrte nichtsdestoweniger in ihrer nachlässigen Haltung, aber die im Schooße liegende Rechte drehte unaufhörlich ein paar abgerissene Rebenblätter zwischen den Fingern. „Für diesen anmaßenden Menschen ist eben der Schillingshof stets eine Art Hôtel gewesen; das haben wir ja schon erlebt, als er uns vor acht Jahren mit seiner Entführten ohne Umstände in das Haus fiel. Ich protestire ganz entschieden gegen einen solchen Zuwachs, Arnold – genug, daß ich mich herbeilasse, die Wittwe mit ihren lärmenden Kindern in unserem stillen Hause zu dulden.“

Baron Schilling hatte sich in einem Korbstuhle niedergelassen. Er sah dieser Opposition gegenüber sehr unbewegt aus. Zu Anfang seines Ehelebens hatte noch der Ausdruck fürsorglicher Güte und des Strebens nach Verständigung dieses Männergesicht beseelt – jetzt zeigte es in jeder Linie eine unanfechtbare Gleichgültigkeit. Er schob den Brief in das Couvert und sagte gelassen: „In diese Aenderung werden wir uns finden müssen.“

„Mit nichten! Es ist beispiellos aufdringlich von der Frau, daß sie ihre Schwägerin durchaus begleiten will –“

„Ich sagte Dir, daß sie das muß,“ versetzte Baron Schilling stirnrunzelnd.

„Gleichviel – für uns ist es absolut kein ,Muß’, sie zu beherbergen. Der Schillingshof ist nicht groß genug für eine solche Menschenkarawane.“ – Sie richtete sich ist steigender Erregung empor und streute mit hastigen Händen die Reste der zerzupften Blätter in die Luft.

„Wir haben so viel Raum, daß Du mit den Fremden gar nicht in Berührung zu kommen brauchst, so wenig wie ich,“ entgegnete er. „Clementine, sei gut und verständig. Bedenke, daß wir mit berufen sind, verwaisten Kindern zu ihrem guten Rechte zu verhelfen –“

„Ja, mit dieser rührenden Perspective hast Du mir auch meine Einwilligung abgelockt. Aber ich bin mir inzwischen bewußt geworden, daß ich Unrecht thue, wenn ich mich an dem Plan betheilige – frage Adelheid, als was sie ihn bezeichnet –“

„Als eine unerlaubte Intrigue!“ rief die Stiftsdame mit ihrer sonoren Stimme herüber.

Baron Schilling sah über die Schulter nach ihr zurück. „Ah, daher die plötzliche Umkehr!“ sagte er halb zornig, halb sarkastisch. „Ich hatte nicht an Deinen geheimen geistlichen Rath gedacht, Clementine.“

„Clementine wird mir bezeugen,“ entgegnete die Stiftsdame, „daß ich mich jeglichen Rathes enthalten habe –“

„Schön!“ unterbrach er sie kalt; „ich würde mir Ihre Einmischung auch ganz entschieden verbitten, Fräulein von Riedt.“

Auf diese strenge scharfe Zurechtweisung hatte die Stiftsdame nur ein ausdrucksvolles Achselzucken, die Baronin aber fuhr auf:

„Ich bitte mir aus, daß Du nicht fremden Schultern aufbürdest, was ich nach eigener Einsicht beschlossen habe. Ich nehme mein gegebenes Wort zurück – ich will nicht mehr, durchaus nicht! – und nun bitte ich Dich, schweige, Arnold, treibe mich nicht zum Aeußersten!“

„Inwiefern?“ fragte er mit unzerstörbarer Ruhe. Ihre Augen wichen seitwärts unter seinem fragenden Blick. Allein an ein kluges Einlenken war hier nicht zu denken; sie sagte mit trotziger, wenn auch etwas unsicherer Stimme:

„Du darfst nicht vergessen, daß ich verbriefte Rechte an den Schillingshof habe!“

Baron Schilling erblaßte leicht, aber er blieb ganz ruhig.

„Ich vergesse das so wenig, wie mein gutes Recht, kraft dessen ich Herr im Hause bin. Jetzt werde ich mit der Birkner über die Aufnahme der Kommenden verhandeln.“

„So gehe! Selbstverständlich wirst Du nicht über die mir zustehenden Logirräume verfügen. Es fällt mir nicht ein, diese – diese spanische Bettlerfamilie unter den kostbaren Gardinen meiner Gastbetten schlafen zu lassen. Mag sie sich doch drunten in den spukhaften Zimmern einquartieren –“

„Das war bereits beschlossen,“ unterbrach er sie mit einer Handbewegung, die jedes weitere Wort abschnitt. „Hoffentlich ist diese Fremde nicht so gut klösterlich erzogen, um so unverantwortlich abergläubisch und unwissend zu sein, wie –“ Er stand auf, ohne zu vollenden, schob die für ihn eingegangenen Briefe in die Brusttasche und ging hinaus.

Die Baronin hatte sich inzwischen erhoben und stand einen Augenblick unbeweglich, als besinne sie sich – sie blickte zu der Stiftsdame hinüber, die scheinbar indifferent ihre Silberfäden durch das Tuch zog; dann flog sie zur Thür hinaus, ihrem Manne nach. Wie flink diese Füße laufen konnten! Wie die Barben der Morgenhaube flatterten und die weiße Schleppe den Fußboden fegte! [363] Baron Schilling stieg eben die untersten Stufen der breiten Wendeltreppe hinab, als seine Frau droben erschien.

„Arnold!“ rief sie hinab.

„Was wünschest Du?“

Eine Pause erfolgte. Die Baronin hörte, wie ihr Mann unbeirrt die letzte Stufe verließ und auf dem hallenden Steinfußboden weiterschritt.

„Arnold, komm! Ich will gut sein ich will – abbitten,“ rief sie halblaut, und in diesem unterdrückten Ton lag so viel Gluth, er klang so verrätherisch sehnsüchtig, daß man sich unwillkürlich die ausgestreckten Arme dazu vergegenwärtigen mußte.

„Wozu das? – Ich zürne nicht,“ scholl es herauf, dabei aber verdoppelten sich unten die eilenden Männerschritte. Die Thür nach dem großen Garten wurde geöffnet, und Baron Schilling trat hinaus auf die Freitreppe. In diesem Augenblick stand aber auch seine Frau neben ihm.... Sie war so lautlos hinter ihm hergeschlüpft, als habe sich die lange, schwanke Gestalt zu einem Schatten verflüchtigt. Ihren Arm fest um den seinen schlingend, sah sie ihm unter das Gesicht und ertappte noch den Ausdruck einer stillen Verzweiflung, eines unbezwinglichen Widerwillens auf diesen Zügen.

„Arnold,“ murrte sie drohend, da er, durch ihr plötzliches Erscheinen überrascht, eine unwillkürliche Bewegung machte, als wolle er sie wie ein unheimliches Traumgespenst von sich schütteln. „Versündige Dich nicht! Denke an den Ausspruch der Aerzte, der Dich verpflichtet, mich um meines schwächlichen Nervenleidens willen vor jedem Aerger zu behüten.“

Er antwortete nicht. Seine Zähne gruben sich tief in die Unterlippe und er stieg langsam die Freitreppe hinab.

Seine Frau ging mit. Sie hing noch an seinem Arme und hatte die Hände verschränkt – für fernstehende Beobachter mußte das Paar, das langsam wandelnd in die schattige Platanenallee einlenkte, das glückliche Bild ehelicher Eintracht sein.

„Arnold, verzeihe! Es war eine Unbesonnenheit von mir, Dich an die Ansprüche der Steinbrücks zu erinnern,“ hob die Baronin wieder an. Ein Zug von Ungeduld ging durch sein Gesicht, als er, von ihr weggewendet, seine Blicke durch das Geäst der Platanen gleiten ließ.

„Lasse doch das auf sich beruhen, Clementine – verdirb mir nicht mit dem leidigen ,Mein und Dein’ den strahlenden Morgen!“

„Aber ich will Dir ja nur sagen, daß ich im Grunde an diese Ansprüche so wenig denke, wie Du,“ entgegnete sie hartnäckig.

„Darin irrst Du wieder. Ich denke sehr oft daran; so oft, als ich unter diesen lieben, alten Bäumen hingehe und den Blick auf das Säulenhaus richte, so oft ich durch eine neue Sparsumme das Capital erhöhe, das Deine Hypothek von diesem Grundstücke wenigstens, von meinem Vaterhause, ablösen soll.“

„Unsinn! Bist Du nicht Mitbesitzer alles dessen, was mir gehört?“

„Nein. Ich habe mich nur in diese Rolle zu finden gesucht, so lange mein Vater lebte. Du führst Deine Bücher musterhaft und wirst deshalb auch ohne diesen meinen Protest wissen, daß ich seit seinem Tode mich auch nicht für eine Stunde länger als Mitbesitzer gerirt habe.“ Bei diesen Worten klärte sich sein verfinstertes Gesicht auf. Diese zurückkehrende unanfechtbare Ruhe war der nebenhergehenden Frau sicher noch verhaßter, als sein Widerspruch.

„Es ist ja recht liebevoll von Dir,“ sagte sie, indem sie ihren Arm aus dem seinen zog, „mir so unverschleiert in’s Gesicht zu sagen, daß ich Dir entbehrlich bin –“

„Dein Geld, Clementine –“

„Wie richtig ist der Instinct gewesen, mit welchem ich gleich zu Beginn unserer Ehe in Deiner Kunstausübung meine Todfeindin gesehen habe!“ fuhr sie unbeirrt in wachsender Leidenschaftlichkeit fort. „Du pochst auf das, was sie Dir einbringt.“

„Meine heilige Kunst!“ sagte er, und ein schönes sanftes Lächeln glitt flüchtig um seinen Mund. „Wenn ich in ihre Sonnenaugen sehe, wie bergestief liegen da materielle Interessen unter mir! Aber Du hast Recht. Zu ihren Segnungen gehört allerdings auch die, daß sich ein Frauenfuß nicht so tyrannisch auf meinen Nacken setzen darf, wie er gern möchte. Uebrigens lasse Dir sagen, Clementine, auch wenn ich Stift und Pinsel nicht zu führen verstände, Du gelangtest doch nie und nimmer zu dieser Herrschaft, denn ich bin auch ein fleißiger Jurist gewesen – Mittel genug für den Mann, um aus eigener Kraft zu existiren.“

Sie blieb bei seinen letzten Worten stehen und richtete sich hoch auf.

„Nun, da wären wir ja fertig!“ warf sie in seltsam trockenem Tone hin. „Du wiederholst es mit gründlicher Beweisführung, daß ich in Deinem Leben ein Nichts bin, und ich bin auch albern genug, Dir so lange pflichtschuldigst zuzuhören. Aber ich wäre eine Thörin, wenn ich Dich nicht auch einmal fühlen ließe, wo ich Dir fehlen werde – ich verreise. Du hast meine Fürsorge, mein Walten in Bezug auf Deine häusliche Ordnung und Bequemlichkeit bisher ohne Dank hingenommen, als verstände sich das ganz von selbst, und auch die Art und Weise, wie ich unser Haus repräsentire, hat Dir nie auch nur das mindeste Beifallszeichen entlockt, während die gute Gesellschaft das ganz anders zu würdigen weiß. Gut denn! Lerne einmal erkennen, was es heißt, wenn die Frau im Hause fehlt! Sieh, wie Du allein fertig wirst mit den fremden Hungerleidern, die den Schillingshof überschwemmen werden, und mit unserer stupiden Wirthschaftsmamsell, deren Verstand nicht weiter reicht, als ihr kleiner Finger! – Ich trete morgen früh meine längst beabsichtigte Wallfahrtstour nach Rom an.“

„Thue das nicht, Clementine!“ erwiderte er lächelnd. „Du weißt am besten, daß diese Wallfahrtsaufregungen wahres Gift für Dich sind! Du bringst stets schlimme Nervenzufälle mit heim.“

„O, das ist wieder einmal eine Deiner Blasphemien! Was man zur Ehre Gottes thut, das kann niemals schaden. Ich reise morgen.“

„So gehe Du in Gottes Namen! Ich mache keinen Versuch mehr, Dich zurückzuhalten.“

Er schritt gleichmüthig weiter; seine Hand faßte spielend in den krausen dunklen Kinnbart, und der aufleuchtende Blick suchte das Atelier, das eben hell und fensterblitzend, anheimelnd und genußverheißend zwischen dunklem Taxusgebüsch hervortrat. Sie lenkte um; einen Moment wandte sie zögernd das Gesicht zurück und schien zu hoffen, daß auch sein Auge in Reue sie suchen werde; dann aber ging sie hastig nach dem Säulenhause zurück. In ihrem Ankleidezimmer schellte sie der Kammerjungfer und befahl das sofortige Herbeischaffen der Reisekoffer; bald darauf erschien sie wieder auf der Terrasse.

„Packe Deine Altardecke zusammen, Adelheid!“ rief sie mit fliegendem Athem. „Dein heißester Wunsch wird erfüllt – wir gehen morgen nach Rom.“

Die Stiftsdame ließ augenblicklich ihre Arbeit in den Korb sinken und erhob sich. Sie stand in ihrer ganzen imposanten Höhe vor der aufgeregten Frau; ein düsteres Feuer glomm in ihren Augen.

„Hüte Dich, Clementine!“ warnte sie mit aufgehobenem Finger. „Du spielst um Deine Seele! Deine unselige Liebesleidenschaft treibt Dich von einer Sünde zur andern. Du gehst nicht nach Rom in Glaubensinbrunst – weit entfernt – Trotz und Zorn treiben Dich fort, und der geheime Wunsch, durch Deine Abwesenheit Sehnsucht in dem Herzen Deines kalten, gleichgültigen Mannes zu wecken –“

Die Baronin fuhr auf, aber ihr stolzes Gegenüber stand da wie in den Boden gewurzelt. „Mich täuschest Du nicht,“ sagte die Stiftsdame, und ihre schwarzen, kräftig gezeichneten Brauen hoben sich und gaben den großangelegten Zügen den Ausdruck eiserner Strenge, „so wenig wie unseren gemeinschaftlichen Seelsorger, den ehrwürdigen Pater Franziskus – wir sehen voll Schmerz, wie Du Dich in dem Bemühen verzehrst, Macht über den Mann zu gewinnen, der seine armselige Kunst zum Götzen macht.... Und wenn Dir Dein Mühen glückte? Geh – was für ein erbärmlicher Sieg! Kämpfe lieber gegen Dich selber! Du hast allen Halt verloren, bist eine launenhafte Frau geworden, die in einem Athem Entschlüsse faßt und verwirft, jetzt aber sage ich Dir – autorisirt durch Pater Franziskus und die frommen Schwestern, die Deine Kindheit behütet haben – ‚bis hierher und nicht weiter!’ Hast Du die Pilgerfahrt nach Rom in Folge grenzenloser Selbstsucht beschlossen, so kannst Du diese Sünde nur büßen, indem Du das unlautere Feuer in Deiner Brust bekämpfst und die Reise wahrhaft reuig antrittst. [364] Ein ‚Zurück’, wie Du es Dir seit Jahren erlaubst, giebt es hier nicht mehr. Nicht Laune, nicht Trennungsschmerz, nicht einmal Krankheit werden Dich zurückhalten – nöthigenfalls lässest Du Dich morgen in den Reisewagen tragen. Abreisen werden wir um jeden Preis.“

Wie verscheucht war die Baronin bis zur Glasthür zurückgewichen. Diese Frau trug eine Kette am Fuß, deren äußerster Ring in den Boden des Klosterinstitutes festgenietet war. Directen Mahnungen von dorther erlag sie meistens, aber in diesem Augenblicke bedurfte es der Mahnung nicht. „Wer sagt denn, daß ich meinen Entschluß ändern will?“ rief sie mit leidenschaftlicher Entschlossenheit, indem sie sich auf der Schwelle umwandte. „Ich reise, und sollte ich mich todtkrank von Ort zu Ort schleppen.“

Damit ging sie, um das ganze Haus, behufs ihrer Reisevorkehrungen, zu alarmiren.




13.

Seit diesem stürmischen Morgen waren nur wenige Tage verstrichen. Im oberen Stockwerk des Säulenhauses umschlossen die herrlichen, steingemeißelten Halbrundbogen der Fenster das leblose, eintönige Grau der herabgelassenen Rouleaux und deuteten das tiefe Schweigen an, das in den Räumen herrschte; denn sie lagen hinter Schloß und Riegel; kein Menschenfuß betrat sie; nicht einmal lüften sollte man droben, hatte die Frau Baronin bei ihrer Abreise der Dienerschaft streng anbefohlen.

Baron Schilling stand Nachmittags in seinem Atelier. Draußen hatte ein rasch vorüberziehendes Gewitter Millionen funkelnder Regentropfen versprüht: ein frischer Windhauch lief hinter den Wolkenresten her; er schaukelte und schüttelte das tropfende Gezweig und löste den Bann der Schwüle und Gewitterfurcht von den Vogelkehlen; und der Himmel blaute wieder, als sei die thränenschauernde Wolkenwand zwischen ihm und der Erde nie gewesen.

Diese Wandlung draußen im Garten bemerkte der Mann vor der Staffelei nicht. Er sah in eine schwüle, von Fackellicht durchzuckte Sommernacht hinein. Die röthlichen Tinten quollen tief im Hintergrunde aus den Fenstern eines Palastes so täuschend zwischen riesigen Parkbäumen hindurch, daß man meinen konnte, sie müßten im raschen Vordringen auch das Atelier füllen und sein leises Dämmern durchleuchten. In das Atelier fiel augenblicklich nur das Oberlicht, aber auch gedämpft. Dabei herrschte lautlose Stille, nur unterbrochen von dem eintönigen, traumhaften Plätschern fallender Wasser hinter einem zugezogenen dunkelgrünen Velourvorhang von grandiosem Faltenwurf, der die ganze Schmalseite des Ateliers nach Süden hin vorkommen bedeckte. Auch dieses verborgene melancholische Rauschen und Rieseln schien sich zu mischen mit dem unheimlich schwülen Athem der Sommernacht auf der köstlich belebten Leinwand – der durch Alleen und Gehölz irrende Fackelschein glühte da und dort hochaufspringende Fontainenstrahlen an, und lockte sie wie plötzlich hervortretende Geistererscheinungen aus dem tiefen, verschwiegenen Dunkel.

Wie traumverloren, der Wirklichkeit vollkommen entrückt, arbeitete der Künstler. Er sah nicht, daß seitwärts durch eine aufgehende Thür das sonnige Tageslicht breit hereinfiel; er hörte nicht die leichten Tritte, die sich ihm näherten, bis eine zaghafte Mädchenstimme. neben ihm laut wurde.

„Herr Baron, die Fremden sind eben vorgefahren,“ meldete Hannchen.

Er fuhr zusammen „Lucian’s Kinder!“ flüsterte er und eilte in den Garten.

Als er die Flurhalle des Säulenhauses betrat, stand die gegenüberliegende, nach dem Vorgarten führende Hauptthür weit offen. Die Dienerschaft des Hauses trug Koffer um Koffer herein, leichtes, jedenfalls nur Damengarderobe enthaltendes Gepäck, wie die mühelose Beförderung bewies.

Neben einem Haufen Gepäckstücke, den die Leute bereits auf einander gethürmt hatten, kniete die Kammerjungfer Minna. Sie hatte einen halbzertrümmerten Hutkoffer vor sich; Spitzen und Bänder quollen aus dem geborstenen Gefüge, und auf der Faust der Zofe balancirte ein vollständig zerquetschter Damenhut, den sie aus dem Gemenge von Holzstangen und Lederfetzen gezogen hatte.

Und die flötenweiche Stimme, die an dem ereignißvollen Abend vor acht Jahren so lustig und silbern von den polirten Steinwänden widergehallt, sie war auch wieder da – sie schalt und lachte wie ein Kobold in einem Athem.

„Dumme Menschen! Einem die Effecten so zu malträtiren! Das kann eben nur im guten, biderben Deutschland passiren. Aber ich werde mich beschweren – der Hut war ganz reizend; ich war wie vernarrt in ihn. Gott, wie er in der Verfassung aussieht! Ha, ha, ha! – Bah, schneide doch nicht gar so verdrießliche Grimassen, Minna! Bin ich etwa Schuld an dem Unheil?“

Die feine Fußspitze der Sprechenden stieß eine kornblumenblaue Seidenbandrolle, die über das Steingetäfel des Fußbodens gerollt war, nach dem Gepäck zurück; um die ganze bewegliche Gestalt zitterte ein leises Geräusch von klirrendem Kettenschmuck und knisternden Stoffen, und die Hände mühten sich, die zerdrückten Locken aufzuschütteln, aber sie fuhren plötzlich herab, um sich dem eintretenden Herrn des Hauses entgegen zu strecken – die kleine Frau flog mit einem freudigen Ausruf auf ihn zu.

(Fortsetzung folgt.)




Die Island-Fahrer.[1]


Ihr Segelbrüder, habt Acht, habt Acht!
    Hängt über den Schiffsrand Schilde!
Von bösen Gewalten, von Riesen umwacht
    Sind Islands öde Gefilde.

Ich hüte den Bugspriet, und schwämme daher
    Der Midhgard-Wurm an den Nachen,
Ich durchhieb’ ihm das Haupt! – Du Eisbart Swer,
    Mit dem Speer sollst das Steuer bewachen.

Und hebt sich die Haf-Frau aus kreiselndem Meer,
    Greift spritzend sie über die Planken,
Dann wehrt mit den Schilden! Du bohre den Speer
    Ihr, Eisbart, tief in die Flanken!

Doch getrost nun, Genossen – das Land ist nah:
    Noch wenige Ruderschläge!
Nur meidet die dräuende Klippe mir da,
    Die umbrandete, zackige Säge!

Seht, hart vor dem Bug uns der Balken schwimmt,
    Mein First einst im Hofe zu Leimath:
Wo er landet, empfängt uns, götterbestimmt,
    Die Scholle der neuen Heimath.

Die alten Runen, geritzt vom Ahn,
    Er trägt sie, die Odals-Marken,
Als Landnahme-Zeichen vorauf dem Kahn;
    Denn die Erde gehört dem Starken.

Wo er antreibt, bau’ ich des Freihofs Wehr
    Uns aus Norge’s trotzigen Eichen;
Laß seh’n ob über das weite Meer
    König Harald’s Arm wird reichen!

Und den Giebel schmück’ ich – Thôr gebeut’s –
    Mit dem Hammer und mit zwei Lanzen;
Laß seh’n, ob der Pfaff das Christenkreuz
    Wird über das Haupt uns pflanzen!

Schon landet der Balken. Es knirscht das Boot.
    An das Ufer mit hurtigen Füßen!
Aus dem Feuerberg auf flammt heiliges Roth,
    Die letzten Heiden zu grüßen.

Felix Dahn.
[365]

Normannenfahrt.
Nach dem Gemälde von O. Wergeland.

[366]
Lebensfrische Thier- und Pflanzenleichen.
Ein neues Förderungsmittel für das ärztliche, zoologische und botanische Studium.


Eine der größten Schwierigkeiten für das naturhistorische Studium im Allgemeinen und das ärztliche im Besonderen hat bekanntlich stets in der Herbeischaffung möglichst lebensvoller pflanzlicher, thierischer und menschlicher Körper, sowie geeigneter Präparate von einzelnen Theilen derselben bestanden.

Georg Ebers hat uns in seinem ägyptischen Romane „Uarda“ mit lebhaften Farben die Vorurtheile geschildert, die selbst in einem Lande, in dem man die Leichen regelmäßig öffnete und secirte, der Wißbegierde des Arztes entgegen standen. Auch im alten Griechenland und Rom hatte man zum großen Schaden der ärztlichen Bildung die religiöse Scheu vor dem Zerstückeln des Meisterwerkes der Natur noch nicht überwunden, und die auffallenden anatomischen Kenntnisse, deren sich der römische Arzt Galenus erfreute, waren größtentheils durch die Zergliederung von Hunde- und Affenkörpern erworben worden, wie dies der Vater der anatomischen Wissenschaft vom Menschen, Vesalius, auf das Unzweifelhafteste dargethan hat. Als im Beginne des vierzehnten Jahrhunderts Professor Mondini in Bologna zuerst den Versuch wagte, menschliche Leichen zu Studienzwecken zu zerlegen, bedrohte der Papst Bonifacius der Achte Alle, die diesen Frevel nachahmen würden, mit dem Kirchenbann. Eifrige Jünger der Wissenschaft, die derartige beschränkte Gesichtspunkte verachteten, mußten gleichwohl die Stille und Verschwiegenen der Nacht und verborgener Werkstätten benutzen, um ganz im Geheimen an gestohlenen Friedhofs- oder Galgen-Candidaten die ihnen so wünschenswerthen und der Allgemeinheit so nützlichen Kenntnisse erweitern zu können, und noch Vesalius litt unter allerlei aus seinen Studien hergeleiteten Verdächtigungen und Anklagen.

Ueber dieses der Wissenschaft so hinderliche Vorurtheil ist man zum Wohle der Menschheit allmählich glücklich hinweg gekommen, aber die Schwierigkeiten, welche namentlich der Beschaffung geeigneter Vorlagen für den unentbehrlichen anatomischen Anschauungsunterricht entgegenstehen, sind nichtsdestoweniger bis auf den heutigen Tag größer geblieben, als man wünschen muß. Die schönsten Papiermaché-, Glas- und Wachspräparate reichen nicht aus; die ausgetrockneten oder in Spiritus aufbewahrten Naturpräparate sind nach Form und Färbung gleichmäßig unzulänglich; auch muß der Arzt vor Allem selber seciren und präpariren lernen.

In großen Universitätsstädten fehlt es nun zwar nicht an frischen Objecten für den Anatomiesaal, aber die schnelle Verwesung, die Unmöglichkeit, sofort jede Gelegenheit auszunützen, erforderte bisher eine Abhärtung der Sinnesorgane und eine Charakterfestigkeit, welche oft gerade die am besten vorgebildeten und geeignetsten Candidaten der Medicin nicht zu erwerben vermochten. Gar mancher gefühlvolle junge Mann, der gewiß eine Zierde des ärztlichen Standes geworden wäre, ist dadurch vom anatomischen Studium abgeschreckt worden, so z. B. der berühmte Naturforscher Charles Darwin. Noch schlimmer liegen diese Verhältnisse in den kleinen Universitätsstädten, wo man sich oft wochenlang mit demselben Lehrobject behelfen und wohl selbst für diesen vorübergehenden Gebrauch zu schlimmen Giften seine Zuflucht nehmen muß, um die Verwesung aufzuhalten.

Der königliche Präparator an der Berliner Universität, Wickersheimer, hat nun in neuerer Zeit eine Entdeckung gemacht, die nach dieser, wie nach manchen anderen Richtungen gründliche Abhülfe zu schaffen verspricht. Derselbe hat nämlich nach längeren Versuchen eine Flüssigkeit entdeckt, die dem Thier- und Pflanzenleib, den man einige Zeit in dieselbe hineinlegt, oder dem man sie in die Adern spritzt, nicht nur Unverwesbarkeit verleiht, sondern auch nach dem Herausnehmen und Abtrocknen seine natürliche Farbe, Weichheit und Biegsamkeit aller Gelenke sichert.

In dem Laboratorium des Herrn Wickersheimer sah der Unterzeichnete den Körper eines vor mehreren Monaten verstorbenen Knaben, der, frei an der Luft liegend, vollkommen das Ansehen eines schlafenden Kindes bewahrt hatte; der Körper war nicht leichenfarbig und starr, sondern lebensfarben und von natürlicher Weichheit, sodaß der Schein des Lebens in erstaunlicher Weise bewahrt erschien.

Ich habe mancherlei derartige Präparate gesehen, von den ägyptischen Mumien bis zu den versteinerten Leichen des Professor Brunetti aus Padua, aber sie halten auch nicht den entferntesten Vergleich mit dem hier Erreichten aus. Die vielbewunderten ägyptische Einbalsamirungskünste sind daneben kaum zu erwähnen, denn mit aller Mühe und Arbeit wurde dadurch nur ein starrer Klumpen geschaffen, während hier eine einzige Ausspritzung genügt, um den Körper vor dem Zerfall zu bewahren. Ohne Zweifel würden sich durch beschleunigte Austrocknung so präparirter Körper treffliche Mumien herstellen lassen, wenn damit einem wirklichen Bedürfniß genügt werden könnte, aber unsere Zeit sieht mit Recht in der möglichst schnellen Zerstörung des Körpers der Todten das Heil der Lebenden. „Die Mumie,“ so schrieb der bekannte deutsche Reisende Ulrich Jasper Seetzen[WS 1] vor siebenzig Jahren, „sind immer unangenehm. Will man die Reste der uns Theuren einigermaßen unter einer angenehmen Form aufbewahren, so verbrenne man sie in einem Ofen und bilde aus ihrer Asche eine Glaspaste mit ihrem Bilde, eine Vase, Büste oder dergleichen.“ Dies im Vorübergehen.

Dagegen kann das Wickersheimer’sche Verfahren sehr zweckmäßig dazu dienen, Personen, die durch eigene Anordnung oder den Wunsch ihrer Angehörigen dazu bestimmt sind, nach ihrem Ableben weite Reisen zu machen, dazu vorzubereiten, und wie ich höre, ist dies bereits mit einem Brasilianer, der in seiner heimathlichen Erde zu ruhen wünschte, geschehen. Die nächst wichtige Errungenschaft aber dürfte sein, daß man nach dem neuen Verfahren im Stande ist, thierische und menschliche Körper für Studienzwecke monatelang geruchlos und in einem Zustande zu erhalten, den man versucht ist, lebensfrisch zu nennen. Natürlich wird man nicht verabsäumen, lehrreiche Abnormitäten und krankhafte Bildungen auf demselben Wege auch für die Sammlungen zu präpariren.

Für die Museen wird, so scheint es, eine neue Epoche beginnen. Welch ein Abstand zwischen der alten Ibismumie der Katakomben und einer jüngst präparirten Fledermaus, die mir der Erfinder zeigte! Ihre Ohren und ihre Flughäute fühlen sich an wie weiche Gummi-Membrane; die Flügel lassen sich ausbreiten und zusammenlegen und alle Bewegungen wie am lebenden Thiere studiren. Krabben und andere Kruster, sowie Insecten aller Art, die vor dem Austrocknen in die besagte Flüssigkeit gelegt worden waren, hatten gleichfalls sowohl ihre natürlichen Farben wie die volle Beweglichkeit aller ihrer Gliedmaßen bewahrt, und ein Museum solcher Präparate verspricht ganz andere Studienergebnisse, als die bisherigen starren, zerbrechlichen Bewohner der Museen. Ein so präparirter Tausendfuß kann noch im Tode „hundert Gelenke zugleich“ regen; eine todte Heuschrecke kann ihr Liebeslied vortragen, und die Käfer, deren Flügeldecken sich heben lassen und deren Fühler und Kiefer nicht gleich bei jeder Berührung abbrechen, dürften vollends das Entzücken jedes Insectenkundigen erregen.

Wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, besitzt die Präparirflüssigkeit die Eigenschaft, den Sehnen und Bändern, welche die Knochen oder Panzertheile an den Gelenken verbinden, bleibende Elasticität und Weichheit mitzutheilen. Damit ist nun auch die Möglichkeit gegeben, ohne Drahtverbindungen und künstliche Gelenke bewegliche Skelete herzustellen, an denen sich die Theilnahme und Wirkungsweise der einzelnen Knochen bei den zusammengesetzten Körperbewegungen, also die Mechanik unserer natürlichen Arbeitswerkzeuge, auf das Klarste studiren lassen. Mit ganz anderer Ueberzeugungskraft, als an dem Drahtskelet, sieht man hier, wie das Gerüste des Körpers kunstreich aus Hebeln und Rollen aufgebaut ist, wie die künstlichsten Bewegungen sich aus vielen Einzelbewegungen zusammensetzen, und wie die einzelnen Knochen daran ungleichen Antheil nehmen, sodaß sich z. B. bei der Drehung der Hand nur einer der beiden den Vorderarm bildenden Knochen, die sogenannte Speiche, im Kreise bewegt etc.. Ebenso leicht lassen sich hierbei die combinirten Bewegungen des Brustkorbes beim Athmen, die des Kehlkopfes und anderer Theile zeigen. Die freie Gelenkigkeit aller mit einander verbundenen Knochen dieser wirklich bewunderungswürdigen Präparate zeigt sich besonders deutlich an den von Herrn Wickersheimer hergestellten [367] Schlangenskeleten, mit denen sich die graziösen Wellen- und Spiralbewegungen des lebenden Thieres in vollendeter Schönheit darstellen lassen, um die übersichtlichste Anschauung der Bewegung aller Theile des Gerippes zu gewinnen. Mehrere dieser Skelete mit ihren natürlichen Sehnen und Bändern sind schon über Jahr und Tag alt, ohne etwas von ihrer Biegsamkeit eingebüßt zu haben, und sollte z. B. ein derartiges Schlangenskelet einmal vor Alter steif werden, so kann man es durch kurzes Eintauchen in den Jungbrunnen der Präparirflüssigkeit sofort wieder gelenkig machen. Selbst nachträglich konnten einige ganz alte Museumsstücke, die mit Erhaltung ihrer Sehnen und Knorpeltheile präparirt worden sind, wie z. B. Rochen und andere Knorpelfische, von ihrer bisherigen Gliedersteifigkeit durch diese Badecur befreit werden. Manche Stücke erlangen dabei zugleich eine sehr angenehme Verpackungsfähigkeit und raumsparende Zusammenlegbarkeit, so die Schlangenskelete, die man wie im Leben zu einem Knäuel zusammenrollen kann, und die Schildkröten, die man Kopf und Beine einziehen läßt, sodaß sie, wie gelegentlich im Leben, geschützt in der Schale liegen.

Dieselbe unverwüstliche Weichheit und Biegsamkeit, welche den Sehnen und Bändern in der Flüssigkeit zu eigen wird, nehmen nun auch die Gefäße und Membranen des thierischen Körpers in derselben an, und darauf bauend, konnte der Entdecker einige Präparate herstellen, die man in der That als Non plus ultra der darstellenden Anatomie betrachten muß, und die wohl bei jedem Beschauer die größte Bewunderung erwecken müssen. Es sind die Athmungswerkzeuge verschiedener Thiere, mit denen sich, obwohl sie seit vielen Monaten in der freien Luft hängen, die Athmungsvorgänge beliebig wiederholen lassen. Wir sehen einen faustgroßen dunkelbraunen Körper anscheinend an einem dicken Seile hängen; es ist die zusammengesunkene Lunge eines Affen oder Fuchses mit der Luftröhre. Mittelst eines Blasebalges können nun die unzähligen, von immer feineren Röhrenverzweigungen versorgten Luftzellen dieses Organes wie im Leben von Neuem gefüllt werden; die Lunge schwillt allmählich wohl zu ihrer zehnfachen Größe an; ihre vorher unkenntlichen Lappen trennen sich deutlich von einander, die dunkelbraune Farbe weicht einer hellen frischen Röthe, und endlich bietet das ganze Organ ein Ansehen, welches dem einer frisch aus dem Körper geschnittenen Lunge nicht unähnlich ist.

Dieses wirklich erstaunliche Experiment habe ich mit immer gleichem Erfolge an den getrockneten Lungen verschiedener Thiere vornehmen sehen. An der Herstellung eines anderen ähnlichen Präparates fand ich den Entdecker bei meinem Besuche gerade beschäftigt. Bekanntlich besitzen die fliegenden Vögel im ihrem Körper eine Menge rings um das Knochengerüst vertheilter Luftsäckchen, die sich bei der Athmung mit Luft füllen und dadurch den Körper größer und spezifisch leichter machen. Diese Säckchen, welche ihrer Größe nach mit der Schwimmblase eines kleinen Fisches verglichen werden können, waren nun durch Einspritzung der mit Anilinblau versetzten Präparirflüssigkeit in die Luftröhre zunächst blau gefärbt worden, um sie sicherer mit dem Messer freilegen zu können, und wenn nun dem Torso Luft eingeblasen wurde, so sah man alle diese kleinen Nebenlungen an so vielen Stellen des Körpers zugleich mit anschwellen, ein Vorgang, durch den sich wahrscheinlich die höhere Körperwärme, Kraftentwickelung und Lebhaftigkeit der unermüdlichen Flieger zum guten Theile erklärt. Auch die Verdauungswerkzeuge und Eingeweide der Thiere kann man, nachdem sie gereinigt, präparirt und aufgeblasen worden, in ebenso haltbare wie übersichtliche Lehrpräparate verwandeln, und ich sah unter Anderem das gesammte Eingeweide eines Affen in ein zierliches, wenige Loth wiegendes Präparat verwandelt, welches an Anschaulichkeit weit das ungleich theurere Papiermachépräparat übertraf, dessen man sich sonst beim Studium bedient, zumal man hier die Theile hin- und herwenden kann.

Auch für solche Schaustücke, die in der Flüssigkeit verbleiben sollen, besitzt dieselbe bedeutende Vorzüge vor dem gewöhnlich zu diesem Zwecke benutzten Weingeist. In dem letzteren schrumpfen weiche Körper bekanntlich stark und manchmal bis zur Unkenntlichkeit zusammen und verlieren nach und nach ihre natürliche Farbe vollständig, so daß der Inhalt der Gläser der Reihe nach dieselbe unnatürliche blaßgelbe bis weiße Farbe zeigt. Querschnitte eines Elephantenrüssels, die gleichzeitig theils in Spiritus, theils in die neue Conservirflüssigkeit gelegt worden waren, zeigten nach einigen Wochen bereits den sprechendsten Unterschied. Die ersteren erschienen stark gebleicht und in der Farbe verändert, die letzteren sahen aus, als ob sie eben abgeschnitten worden wären. Dasselbe galt von einigen durch Operationen entfernten krankhaften Gebilden, die nach längerer Zeit noch das Ansehen boten, als seien sie frisch aus einem Körper herausgeschnitten worden, und die auf diese Weise dem Studium längere Zeit erhalten werden können. Der Preis der Präparirflüssigkeit würde sich einer solchen Anwendung keineswegs hinderlich erweisen, da sie billiger als Spiritus herzustellen ist.

In ganz ähnlicher Weise können nun auch Pflanzentheile in dieser Flüssigkeit conservirt werden, Blumen, Früchte, Knollen, Pilze etc., und würden darin für sehr lange Zeit ihr natürliches Ansehen behalten. Ich sah unter Anderem einen jener aus haarfeinen Zweigen bestehenden Algenrasen, wie wir sie in allerlei Gewässern finden, der, vor einem Jahre eingesetzt, seine frische grüne Farbe so vorkommen bewahrt hatte, daß man glauben konnte, er wachse einstweilen in dem Glase lustig weiter. Wäre dieses überaus zarte Gebilde in Weingeist gesetzt worden, so würde dieser nach wenigen Tagen die grüne Farbe völlig ausgezogen haben, und statt des frischen Gewächses wäre eine gebleichte, zerbrechliche Leiche übrig gewesen. Ich zweifle nicht, daß man mit dieser Flüssigkeit die zartesten Seetange in ihrer wunderbaren Zierlichkeit und Farbenpracht erhalten und auf diesem Wege prachtvolle Schau-Aquarien selbst herstellen und aus dem Seebade als Andenken mit nach Hause bringen könnte. Man denke sich ein Becken mit zart bläulich gefärbter Flüssigkeit, in welcher zauberhaft geschlitzte und gefiederte, rosenrothe und purpurne oder perlweiße und grüne Algen die phantastischste Landschaft zusammensetzen, in welcher Seesterne, Seeigel, Muscheln, Korallen, Krabben und andere zierliche Meerbewohner die Staffage bilden! Das könnte ein in seiner Art einziger Zimmerschmuck werden. Möglicher Weise werden sogar Seethiere, die bisher entweder gar nicht oder nur mit starker Einbuße ihres Aeußeren präparirt werden konnten, wie z. B. Quallen, Seerosen, Prachtwürmer und Nacktschnecken, in dieser Flüssigkeit ihre Schönheit bewahren, was weitere Versuche feststellen müssen. Reisende und Sammler werden sich desselben Mittels bedienen können, um zarte Thier- und Pflanzentheile für spätere Untersuchungen gesichert unterzubringen.

Man kann sich wohl denken, wie sehr die erste Kunde von diesem großen Fortschritte der Präparirkunde die Kenner elektrisiren mußte. Seit geraumer Zeit ist das Laboratorium des Herrn Wickersheimer der Wallfahrtsort von Anatomen, Zoologen und Botanikern geworden, die mit höchster Befriedigung seine Präparate untersuchen, sich außerordentliche Erfolge für den Unterricht von denselben versprechen und nur das eine Bedauern mitnehmen, nicht gleich eine Anzahl käuflich erwerben zu können. Vom Auslande sind dem Erfinder bereits erhebliche Anerbietungen gemacht worden, wenn er sein Geheimniß verkaufen wolle, indessen wünscht er, daß die preußische Regierung dasselbe erwerben möge, nicht, um es blos für sich zu verwerthen, sondern um es der allgemeinen Benutzung frei zu geben. Das Unterrichtsministerium wäre dazu auch anscheinend gern bereit, die verlangte, sehr bescheidene Entschädigungssumme bildet kein Hinderniß; allein, wie das in solchen Fällen so oft zu geschehen pflegt, die zur Prüfung eingesetzte hohe Commission kann seit langen Monaten zu keinem Entschlusse kommen und wird wahrscheinlich erst feststellen wollen, ob die Präparate auch hundert Jahre zusammenhalten. Der Erfinder wird durch diese Verschleppung um so empfindlicher geschädigt, als er inzwischen seine stark begehrten Präparate nicht einmal verkaufen kann[2], da er ja befürchten müßte, daß man durch Analyse seinem Verfahren auf die Spur kommen möchte und daß Andere den Lohn seiner redlichen Mühe und Arbeit ernten könnten. Vielleicht gelingt es diesen Zeilen, dazu beizutragen, uns das klägliche, aber leider ziemlich häufige Schauspiel der Auswanderung einer deutschen Erfindung diesmal zu ersparen; damit wäre ein guter Zweck und ein Vortheil für Alle erreicht.
Carus Sterne.
[368]
Nürnbergs Volksbelustigungen im 16. und 17. Jahrhundert.
Ein Culturbild nach authentischen Quellen von Karl Ueberhorst.
IV. Das Urbanreiten.

Viele unserer Volksfeste sind bekanntlich religiöse Ueberlieferungen aus der vorchristlichen Zeit. Der Glaube an die alten Götter, an ihren Einfluß auf Alles, was dem Volke von Bedeutung, war so unzerstörbar, daß die ersten Lehrer des Christentums gezwungen wurden, die heidnischen Schutzgötter und Gebräuche, wenn auch unter anderen Namen und Formen, in den neuen Gottesdienst nach und nach mit hinüber zu nehmen. An die Stelle der heidnischen Talismane, der Penaten und Laren, wurden Heiligenbilder und Reliquien gesetzt. Schon im fünften und sechsten Jahrhundert der christlichen Kirche führte dieser neue Götzendienst die schmählichste Gewinnsucht im Gefolge, denn die nimmersatte Geistlichkeit begann, wie in späterer Zeit den Ablaß (die einzige Stadt Nürnberg lieferte 1453 an Ablaßgeldern 30,000 Goldgulden, welche man den Deutschen zum Spott in Rom peccata Germanorum, deutsche Sünden, nannte), so jetzt die Heiligenbilder und Reliquien einfach den gläubigen Seelen für schweres Geld zu verkaufen.


Ein Urbanritt im alten Nürnberg.
Nach einer colorirten Handzeichnung der Nürnberger Stadtbibliothek.


Daß unter den Händen des Clerus Alles geheiligt und wunderthätig werden kann, bewiesen sogar die Producte der Pfefferküchler und Bäcker, und selbst die alten ehrlichen Brezeln sollten ein Ziel der kirchlichen Ausbeutung werden, denn das heidnische Sonnenrad auf denselben, „das Julagalt“, mußte dem mit einem Ringe umgebenen Kreuze weichen. Mit diesem neuen Talismane versehen, bildete das uralte Gebäck ein besonders geweihtes und deshalb auch besonders zu bezahlendes Genußmittel.

Daß bei der deutschen Zechlust auch für den Wein ein Schutzpatron aufgestellt werden mußte, ist daher selbstverständlich. Für den alten Bacchus, der zweifelsohne durch die Römer den Deutschen zur Genüge bekannt geworden, wählte man den heiligen Urban (Bischof von Langres), und der St. Urbanstag (Urbani dies) wurde besonders in dem weinreichen Franken durch ein hochgehaltenes Volksfest ausgezeichnet.

Wenn nun um Nürnberg selbst auch niemals Wein gewachsen, so ist doch desto mehr in seinen Mauern getrunken worden, und diesem Umstande mag es zuzuschreiben sein, daß der Urbanstag von frühester Zeit her in der lebenslustigen und wohlhabenden Reichsstadt gefeiert worden ist. Wenn aber bei sonstigen Volksfesten, bei dem Armbrust- und Stückschießen, sowie beim Schembart, sich alle Stände betheiligten, so scheint der Urbanstag mehr ein Fest der niederen Volksclassen gewesen zu sein, und toll genug ist es, nach den Ueberlieferungen zu schließen, dabei hergegangen.

Der Urbanritt gehörte zu den Rechten der sogenannten „Weinschreier“ (Ausrufer des verkäuflichen Weins). Nachdem die Erlaubniß des Rathes eingeholt worden, begann der Umzug aus irgend einer Weinschenke der Stadt. Es sind uns von demselben mehrfache Abbildungen überkommen, welche bis auf einige Abweichungen in der Tracht, eine Folge der wechselnden Jahrhunderte, ziemlich übereinstimmen. Eine höchst seltene colorirte Handzeichnung aus der Nürnberger Stadtbibliothek, welche uns vorliegt, mag den Zug am besten schildern: Voran schreiten zwei Spielleute, der eine die Schalmei, der andere die Sackpfeife blasend. Diesen folgt ein Stadtknecht in roth und weiß getheiltem Ueberwurf, den Farben Nürnbergs. Er führt eine Peitsche, um im Gedränge Raum zu schaffen. Ein Mann in schwarzem Unterkleide, rothem Ueberwurfe und rother Mütze, welcher einen mit Spiegeln und kleinen Weinflaschen behangenen Tannenbaum trägt, schreitet dem eigentlichen Helden des Aufzuges, dem heiligen Urban, voran. Dieser reitet auf einem kräftigen Gaul (auf einigen Bildern erscheint derselbe dürr und mager), trägt eine päpstliche Krone auf seinem Haupte, welche mit Weinlaub verziert ist, und einen weißen Ueberwurf, welcher ebenfalls Weinblätter und Trauben zeigt, und hält einen mit rothem Wein gefüllten Becher (Kuttroffglas) hoch empor. Hinter ihm her schreitet ein genau wie der Träger des Baumes gekleideter Mann, der an einem Stocke einen großen Weinkrug auf dem Rücken trägt. Die beiden Gebäude zur Seite

[369] sind Weinschenken; den Mittelpunkt des Hintergrundes aber bildet einer der großen, runden Thorthürme Nürnbergs, woraus mit Sicherheit zu schließen, daß die Zeichnung gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts entworfen ist. Ein anderes Bild zeigt, bei größeren Volksmassen, neben dem Urbanreiter noch ein Weib mit einem Tragkorb, in welchem ebenfalls Spiegel und Gläser zum Auswerfen unter die Straßenjugend sich befinden. Der Tracht nach zu schließen, stammt die ursprüngliche Zeichnung aus dem Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts.

Zur besseren Verständigung nun lassen wir einen Chronisten eben dieses Jahrhunderts den Urbanritt beschreiben:

„Anno 1614 am Tage Urbani aus Zulassung eines ehrbaren Rathes allhie ist nach altem Brauch und Gewohnheit Niklas Gulda, ein Weinschreier, auf einem Rößlein in der stadt allhie um und vor die wirthshäuser geritten, dem ein jeder Wirth, so da Wein schenket, ein maß Wein, einen Trunk und Geld darzu giebt. Er, der Urban, hat in der rechten Hand ein kuttroffglas und darinnen ein Schmecken (Nürnbergisch für Blumenstrauß), sitzt und stellt sich seltzam, knappet und wanket bald hinter, bald für sich, eine weil uf diese, eine weil uf jene seiten, wie ein voller Bauer, juchzet auch bisweilen. Hinter dem Urban tragen ihrer zween in rothen Schenkröcken und Hüten ein jeder eine große Flaschen an einem stecken über der Achsel, in welche sie den Wein gossen, den ihnen die Wirthe gegeben. Die Pfeifer haben ufmachen (aufspielen) müssen, so lang er in der Stadt umgeritten, ein großer Haufen Buben und Kinder sind mitgelaufen, welche immer ihm zugeschrieen: ,Urba, Du mußt in Trog! Urba, Du mußt in Trog!’ Denn wenn es am selben Tage des Umzugs regnet, so wird der Reiter uf denselben Abend in den Brunnentrog bei St. Lorenzen geworfen, denn man meinet, der Wein werde denselben Herbst nit wohl gerathen. Regnet es aber am Tage Urbani nicht, und ist schön Wetter, so ist gute Hoffnung, es werde ein gut Weinjahr und ein reicher Herbst werden. Der Urban aber wird dennoch von oben aus den Häusern mit wasser begossen, daß er und sein pferdlein triefnaß werden.“

Ob nun an diesem Urbanstage des Jahres 1614 der Urban auch in den Brunnentrog gemußt, verschweigt der Chronist, erwähnt aber dafür am Schlusse mit großer Genugthuung, daß die Theilnehmer des Zuges bei dem ersammelten Geld und Wein auf den Abend lustig geworden und die vom Jauchzen trocken gewordenen Kehlen „gar arg begossen haben“.

Die Erinnerung an den Weinheiligen lebt noch heutigen Tages im fränkischen Volksstamme fort, und die alte Wetterregel: „Hat Urbani (25. Mai) Sonnenschein, hofft man viel und guten Wein“ wird vom Weinbauer hoch gehalten. Aus dem alten Sprüchwort: „Behüt mich Gott vor St. Urbansplag!“ aber mögen alle Podagristen die – wenn auch wenig tröstliche – Genugthuung schöpfen, daß das schmerzhafte Uebel schon seit vielen Jahrhunderten den fröhlichen Zecher heimgesucht hat.




Clotilde.
Novelle von L. Herbst.


1.

Schon etwa fünfzehn Jahre ist es her, daß ich Clotilde zum ersten Male sah, doch ich kann zuweilen träumen und denken, es sei erst neulich gewesen: so tief war der Eindruck, den sie auf mich machte. Bei ihrem Oheim und Vormund war’s, einem reichen Handelsherrn, der draußen vor Berlin eine Villa bewohnte; die eleganten Räume strahlten an jenem Abend von unzähligen Flammen, denn der alte Herr gab ein Fest. Ich beobachtete von einer Nische aus die glänzende, heitere, plaudernde, hin und her ziehende Menge, bald aber hafteten meine Blicke wie bezaubert auf einer wahrhaft edlen Mädchengestalt, die, alle ihre Gefährtinnen überragend, in meine Nähe kam. Die tiefen, dunklen Augen, voll Geist und voll Milde, die regelmäßig schönen, weichen Formen des ovalen Gesichts und die leuchtenden Farben bezauberten mich förmlich.

Ebenso auffallend war die Anmuth ihrer Bewegungen, die bescheidene und doch fast majestätische Haltung ihrer vornehmen Gestalt. Ein junger Mann näherte sich ihr, den man mir kurz zuvor als Herrn Rudolph von Brauneck vorgestellt hatte. Sein Anblick – Herr von Brauneck war ebenso elegant wie schön – trieb ihr eine flüchtige Röthe auf die Wangen; ich wußte noch nicht, warum. Er flüsterte ihr einige Worte zu; sie lächelte so lieblich, daß es mich bewegte. Nach einer Weile bot er ihr den Arm und führte sie an den geöffneten Flügel; er setzte sich und stimmte mit Kraft und mit Kunst die Begleitung eines Liedes an, das damals neu war und mir sehr gefiel – vielleicht weil dieses schöne junge Mädchen es sang; sie sang es so ergreifend mit ihrer vollen, weichen, von einer mir unbekannten Erregung etwas zitternden Stimme. Doch wie erstaunte ich, als, nachdem der letzte Ton verhallt war, Brauneck der Sängerin plötzlich zu Füßen sank. Er zog ihre beide Hände an seine Lippen; dann sprang er auf und drückte die sanft Widerstrebende, Erröthende leidenschaftlich an seine Brust.

„Warum sollen wir warten, Clotilde,“ sagte er mit entschlossener, angenehmer Stimme, „bis der Wein die Gläser füllt? Warum nicht in diesem Augenblick, wo uns Alle Dein Gesang entzückt hat, der Gesellschaft bekennen, was doch nicht länger Geheimniß bleiben soll? – Meine verehrten Damen und Herren,“ setzte er hinzu, „Sie sehen hier ein Brautpaar, und wir bitten herzlich, wünschen Sie uns Glück!“

Nach einer kurzen Stille folgte ein Sturm des Beifalls. Man drängte sich hinzu, heitere und gerührte Gesichter sah ich durch einander; ich selbst, noch von Lied und Gesang berauscht, fühlte mich durch das Glück dieser mir bis dahin unbekannten Menschen wunderbar ergriffen. „Wie ihr zu beneiden seid!“ dachte ich im Stillen. „Ob euch wohl Niemand mehr als billig beneidet? Warum wohl dieser blasse Leonhard (es war der Sohn des Hausherrn, ein kalter, steifer Mensch, der mir nicht gefiel), warum er wohl seiner strahlenden Cousine so gar gemessen die Hand reicht und die schmalen, zusammengepreßten Lippen ihren Glückwunsch so mühsam hervorstammeln? Ist auch er ihr vielleicht gar zu gut?“ Ich sah von ihm weg, wieder auf die Braut. Ein paar Thränen des Glücks schimmerten ihr in den Augen. „Wirst Du nun immer so schön und so glücklich bleiben?“ flüsterte eine altkluge Stimme in meiner Brust. „Wird der Mann, der Dich heut so jubelnd seine Braut nennt, wird er Dich durch das ganze Leben auf den Händen tragen?“

Warum dachte ich das in diesem Augenblick? Ich weiß es nicht. Doch der zweifelnden Frage von damals mußte ich gedenken, als ich nach Jahren Frau Clotilde von Brauneck wiedersah. …

Sind es Ahnungen, die zuweilen die Dämmerung unserer Gedankenwelt erleuchten? Oder sind es unbewußte Einwirkungen von Gestalt zu Gestalt, von Blick zu Blick, die sich dann in unserem Bewußtsein gleichsam ohne unser Zuthun zu Gedanken formen?




2.

Fünf Jahre, in glücklicher Ehe verlebt, vergehen wie ein schöner Traum, und Frau Clotilde war glücklich. Die angenehme sociale Stellung ihres Gatten, der, bei glänzenden äußeren Verhältnissen, auch als geistvoller Jurist und liebenswürdiger Gesellschafter in weiten Kreisen gern gesehen war, gab ihr bei der angeborenen eigenen Holdseligkeit nach außen hin ein freudenreiches Leben. Und drinnen im anmuthig ausgestatteten Heim herrschten Liebe und Friede. Dem oft etwas ungestümen und unüberlegten Wesen ihres Mannes setzte Clotildens Sanftmuth und edle weibliche Haltung die wohlthuendsten Schranken. Ein Kind, ein Mädchen mit der Mutter dunklen Augen und des Vaters blonden Locken, vollendete das Glück ihres Lebens.

Nur ein unbestimmtes Gefühl der Sorge beschlich sie zuweilen, beklemmte ihr die Brust. Etwas Unstetes, Ruheloses war über Rudolph gekommen. Sie war nicht gewohnt, unbekannte Dinge zu fürchten und doch ertappte sie sich zuweilen über einer nicht zu benennenden Furcht, die sie nicht verstand. –

An einem kalten, stürmischen April-Nachmittage saß Frau [370] Clotilde in ihrem reizenden Gemach vor dem Kaminfeuer und wiegte ihr Kind – es war krank – auf dem Schooße. Während sie den unruhigen Schlaf der Kleinen mütterlich bewachte, horchte sie zugleich mit Spannung auf jeden Schritt, der sich dem Hause näherte. Von Zeit zu Zeit wandte sie ihr liebes sanftes Gesicht der Thür zu und schüttelte traurig ihre Locken, wenn es wieder eine Täuschung war.

„Mein Gott,“ flüsterte sie angstvoll, „wo bleibt Rudolph? Die Sitzung muß ja seit Stunden geschlossen sein.“

Endlich gab die Hausthürglocke den bekannten Laut.

„Doch nein, nein,“ dachte sie, „das ist nicht sein elastischer Fuß, der stets so leicht über die Treppe fliegt.“

Langsam näherten sich schwere Tritte der Thür, die dann zögernd geöffnet ward.

„Rudolph, bist Du es?“ rief Clotilde dem Eintretenden entgegen und erschrak bei seinem Anblick so heftig, daß das Kind in ihren Armen erwachte.

War das wirklich ihr stattlicher, schöner Mann, der, mit fast irren Blicken sie und das Kind streifend, wie ein Trunkener durch das Zimmer schwankte und mit schwerem Seufzer so gebrochen in die Sopha-Ecke sank?

„Rudolph, was ist geschehen? Um des Himmels willen, sprich ein Wort!“ flehte Clotilde, die mit der leise wimmernden Kranken im Arm sich an seine Seite setzte. Sie strich ihm das krause Haar von der feuchten Stirn und blickte furchtsam in das so verwandelte Gesicht. Er machte eine schwache Bewegung, um sich ihren liebevollen Bemühungen zu entziehen, und preßte tonlos heraus:

„Was geschehen ist? Das ist bald gesagt. Alles ist verloren, Alles – auch meine Ehre.“

Clotilde erbleichte.

„Auch Deine Ehre? Das verstehe ich nicht. Du machtest mich gestern auf die Möglichkeit eines Geldverlustes gefaßt, doch was hat das mit Deiner Ehre zu schaffen?“

Er bedeckte sein Gesicht mit den feinen Händen und seufzte aus tiefster Brust:

„Gestern! Da war mir noch eine kleine Hoffnung geblieben, und ich konnte mich nicht entschließen, Dich die ganze Größe der Gefahr ahnen zu lassen. Nun ist Alles vorbei. Ich bin ein verlorener Mann.“

Eine Weile blickte sie ihn rathlos an, wie er so in stummer Verzweiflung dasaß. Endlich sagte sie mit ihrer weichen Stimme: „Rudolph, ich wußte nie, wie es mit Deinen, mit unsern Verhältnissen stand; da Du darüber schwiegst, hatte ich nicht das Herz, Dich zu fragen. Aber jetzt, nicht wahr, jetzt sagst Du mir Alles?“

Er athmete schwer, doch er schwieg.

„Glaube mir,“ fuhr sie fort, „ich bin stark und kann auch das Schwerste mit Dir tragen; nur diese Marter der Ungewißheit ist schrecklich!“

Ohne zu antworten, blickte er auf sein Kind, dem er die Hand auf die Locken legte. Die Kleine faßte des Vaters Hand und zog sie an ihren Mund. Bei der Berührung der brennenden Lippen zuckte er zusammen.

„O mein Gott, welche Qual!“ murmelte er. „Das Kind ist krank und macht Dir Sorge, und ich soll – doch Du hast Recht: ich darf Dir nichts mehr verschweigen. Armes, geliebtes Weib! Als ich Dich vor fünf Jahren in dieses Haus führte, da dachte ich nur daran, Dich Deiner würdig zu empfangen – bitte, hör’ mich an! Ohne mein Vermögen ängstlich zu Rathe zu ziehen, hatte ich alle Einrichtungen unseres jungen Haushaltes genau so getroffen, wie ich es in meinem Elternhause gewohnt war. Aber – schon nach zwei Jahren nahm ich mit Schrecken wahr, daß ich es nicht lange würde durchführen können. – Was sollte ich thun? Vor Dich hintreten und Dir sagen: Clotilde, unser glänzendes Leben war ein kurzer Traum. Wir müssen jetzt in bürgerlicher Einfachheit und Beschränktheit leben – das, das konnt’ ich nicht. Das war mir unmöglich.“

„Rudolph, lieber Rudolph! Was sprichst Du! Wußtest Du denn nicht, ich wäre an Deiner Seite auch in den bescheidensten Verhältnissen –“

„Ja, ich weiß es,“ unterbrach er sie hastig, „Du wärst wohl zufrieden gewesen, aber ich vermochte es nicht, Dir eine Bequemlichkeit, eine Annehmlichkeit nach der andern zu entziehen. Und ich selbst – verwöhnt wie ich bin von Jugend auf – ich bin nicht dazu geschaffen, in dürftigen Verhältnissen zu leben. So sann ich denn anderen Mitteln nach, um meine Angelegenheiten zu verbessern – denn was meine juristische Praxis mir eintrug, wollte wenig bedeuten.“

Sie starrte ihn an und schwieg.

„Ein Zufall, den ich jetzt bitter beklage,“ fuhr er mühsam fort, „machte mich mit einem Unternehmen bekannt, von dem sich alle Betheiligten goldene Berge versprachen. Ich ließ mich nur zu leicht überreden, den – den ganzen Rest meines Vermögens in das großartig angelegte Geschäft hineinzugeben, und nach den Erfolgen glaubte ich ein paar Jahre lang, daß ich das Klügste von der Welt damit gethan hätte. Dann – kamen ungünstige Zeiten. Neue Zuschüsse wurden nöthig, die mir schon manche Verlegenheiten bereiteten, doch die Hoffnung auf ungeheueren künftigen Gewinn blieb aufrecht. Nun aber muß ich Dir sagen – seit wenigen Tagen weiß ich, daß ich, wie viele Andere, auf das Schändlichste von zwei Betrügern hintergangen worden. Der eine dieser Gauner ist freilich in den Händen der Polizei, der andere aber mit einer ungeheueren Summe schon über den Ocean und in Sicherheit. Diese Gewißheit ist das Resultat der heutigen Sitzung,“ setzte er mit tonloser Stimme hinzu.

Clotilde drückte die Kleine, die zu weinen begann, fester in ihre Arme. Einen Augenblick stand sie rathlos, wem von ihren beiden Lieben sie nun zunächst ihre ganze Sorgfalt zuwenden solle. Doch mit schnellem Entschluß trug sie die kleine Kranke in das Schlafgemach und übergab sie den Händen der alten Wärterin. Dann trat sie, die schlanke, edle Gestalt hochaufgerichtet, neben ihren Gatten, der noch immer regungslos in der Sopha-Ecke saß, und nahm seine Hand.

„Rudolph! wie kannst Du Dich nur so gänzlich von diesem Mißgeschick beugen lassen!“ sagte sie mit fester Stimme. „Wenn ich Dich oder unser Käthchen verlöre, ja, dann wäre ich trostlos. Aber der Verlust des Vermögens, der muß doch zu verschmerzen sein, so lange wir beisammen und gesund und jung sind.“

Mit ungeduldiger Bewegung entzog er ihr seine Hand und sprang auf.

„Du weißt nicht, was Du redest. Du ahnst nicht, wie rettungslos meine Lage ist. Ich sage Dir, ich bin verloren. Eine Kugel durch den Kopf wäre das Beste für mich.“

Die junge Frau zuckte zusammen.

„Und Weib und Kind elend zurücklassen?“ fragte sie langsam, jedes Wort betonend.

Er stand erschüttert. Hastig wandte er sich ihr zu.

„Was sagst Du? Ja, Du hast Recht. Ich darf nicht. O Gott, giebt es denn keine Rettung aus diesem Abgrund? – Clotilde! Clotilde!“

Mit herzerschütternder Anmuth legte sie ihre beiden Hände auf seine Schultern und sah ihm, ihr stilles Grauen überwindend, in das verstörte Gesicht.

„Nur wer verzagt, hat nichts zu hoffen,“ sagte sie; „Muth, mein Freund, Muth! Wenn Du Dich ein wenig beruhigt hast, halten wir vernünftigen Kriegsrath. Allen überflüssigen Tand werfen wir in Zukunft als Ballast über Bord; dann wird unser Schiff wieder flott –“

„Unser Schiff versinkt rettungslos,“ entgegnete er dumpf; „der Schiffer war ein Elender. Es muß heraus … Ich habe mehr, weit mehr verloren, als ich zu verlieren hatte, habe auch Gelder von Clienten mitgewagt, die mir anvertraut waren. Es sollte nur auf kurze Zeit, zu meiner sichern Rettung sein – so hoffte ich – und nun ist nichts mehr zu retten. Morgen ist der Verfalltag eines großen Wechsels, und heute schon wird mein Ruin in allen Geschäftskreisen bekannt. Ich bin ein Bettler und – ein Schurke.“

„Rudolph!“ stieß Clotilde mit zitternder Stimme heraus. … „Aber ich zweifle keinen Augenblick, daß wir Mittel und Wege finden werden, um das Schlimmste zu verhüten. Wenn Du Dich meinem Onkel entdecken möchtest! Er wird Dir sicher helfen.“

„Deinem Onkel? Kind, Kind, wohin denkst Du!“ erwiderte Rudolph, während er im Zimmer hastig auf und nieder ging. „Auch das ist vorbei. Er hat mir schon einmal geholfen – im letzten Jahre – als noch Rettung für mich möglich schien. Jetzt – jetzt ihn noch einmal bitten – wie kann ich!“

„Er braucht Dir nicht mit eigenen Mitteln zu helfen, Rudolph; überbring’ ihm nur meinen Wunsch, daß er Dir schon [371] jetzt meine Papiere ausliefert! In einem Jahr bin ich mündig; da würde er ohnehin die Verwaltung meines Vermögens Dir zu übertragen haben. Und nicht wahr, es wird ausreichen, um Dir das Schwerste zu ersparen –“

„Clotilde!“ rief er aus und drückte sie an die Brust „Clotilde! Du mein edles, hochherziges Weib – viel zu edel für mich Unwürdigen! Doch es wird mißlingen,“ setzte er zögernd hinzu. „Dein Wunsch, mir auf diese Weise zu helfen, wird bei dem alten Manne wenig Anklang finden.“

„O, gewiß, gewiß; zweifle nicht! Sein biederes Herz wird ihm schon sagen, daß mein Eigenthum auch das Deine ist; wie Dein Name der meine.“

„Doch es war seine Bedingung, als wir uns vermählten, daß zwischen uns keine Gütergemeinschaft bestehen solle –“

„Ja, das war damals – und sehr gegen meinen Willen – als er durch Leonhard’s Einfluß gegen Dich eingenommen war. Aber jetzt, wo er Dich so lieb gewonnen – und wo Leonhard fern ist –“

Rudolph schüttelte den Kopf und ging ruhelos auf und ab. Eine klagende Kinderstimme unterbrach diese bange Stille.

„Rudolph, wie gern ersparte ich Dir diesen schweren Schritt und ginge statt Deiner zum Oheim! Doch Du hörst, wie das arme Käthchen nach mir verlangt; sie ist krank, so sehr krank, und des Oheims Villa so weit vor der Stadt; ich habe nicht den Muth, das Kind auf drei bis vier Stunden zu verlassen.“

„Unmöglich,“ sagte er. „Es hülfe Dir auch wenig.“

„Aber Du darfst es nicht unversucht lassen. Du mußt zu ihm hinaus! Eine kurze schriftliche Bitte von mir wird unsern Wünschen Erfüllung bringen. … Bestelle nur inzwischen Deinen Wagen, und eile, eile! Du weißt, in später Abendstunde ist der alte Mann nicht mehr zu sprechen.“

Sie schellte, und während Rudolph – dem sie auf diese Weise keine Zeit zum Zaudern ließ – dem eintretenden Diener befahl, daß er den Wagen vorfahren lasse, eilte die entschlossene junge Frau an den Schreibtisch.

Nach wenigen Augenblicken falteten ihre feinen, weißen Finger ein zierliches Briefchen. Rudolph nahm unterdessen aus seinem Secretär Papiere und Briefe, die er zu sich steckte; dann trat er reisefertig wieder in ihr Zimmer.

„Laß Dich nur nicht einschüchtern,“ sagte sie bittend, „wenn der gute Alte im Anfang etwas unbeweglich und wortkarg dreinschaut! Ich kenne ihn so gut. Er wird eine Weile brauchen um sich in Etwas hinein zu finden, was er – verzeih’ mir, wenn ich es sage! – was er von seinem Standpunkt aus recht sehr mißbilligen wird. … Rede nur recht vom Herzen heraus ihm zu; und, nicht wahr? Du kannst ihm ja betheuern, daß diese traurige Lehre Dir für immer so gewagte Unternehmungen verleidet hat? O mein lieber Mann! wir werden arbeiten und schaffen, und noch viel glücklicher sein, als bisher!“

Er küßte sie auf die Stirn und richtete sich auf. Dann riß er sich los. Noch ein ermuthigender Blick, ein Händedruck, und sie sah ihren Gatten in seinem Wagen davonrollen.

Jetzt kam ihr das Gefühl ihres ganzen Elends. Ein schreckliches, nie gekanntes Empfinden übermannte sie. Es war ihr, als wälze sich ein ungeheurer Stein auf ihre Brust, und eine Stimme flüsterte ihr zu:

„Er ist fort; Du siehst ihn nicht wieder!“

Einen Augenblick noch starrte sie dem Wagen nach, die Hand auf das Herz gedrückt; dann eilte sie zu ihrem kranken Kinde.




3.

Rudolph kehrte an diesem Abend nicht zurück. Er schrieb ihr nur wenige Worte, die ihr eine kleine Hoffnung gaben.

Der neue Tag brach an; langsam schlich er vorüber – Rudolph kam nicht zurück. Wieder eine Nacht und dann wieder ein Tag – Rudolph kam nicht. Zwei Nächte und zwei Tage saß das junge Weib in doppelter Sorge an dem Krankenlager des Kindes. Endlich brachte man ihr einen Brief von seiner Hand. Auch das letzte mißlungen; keine Hülfe … Ein Lebewohl auf lange, lange Zeit!

Auf wie lange? – O Gott!

Clotilde drückte den Brief in bitterm Schmerz an ihre Brust; dann blickte sie mit thränenleeren Augen wieder angstvoll auf das Kind, das sterbend in seinen Kissen lag. Mit einem letzten tiefen Seufzer, einem letzten Blick aus den geliebten Augen floh auch dieses junge Leben aus ihren Armen.

Sie war allein. – Die Nacht brach herein, die öde, schaurige Nacht. –

Als die Morgensonne wieder über die Erde schien, über Gute und Böse, über Freud’ und Leid, drang auch ein Strahl in ein verhängtes, stilles Trauergemach.

Clotilde lag auf den Knieen vor einem weißen Bettchen und streichelte die weiße, kalte Hand ihres schlafenden Engels. Derselbe Sonnenstrahl, der ihren Scheitel so warm berührte, glitt auch über die kleine Hand, aber kalt blieb, was im Tode erstarrt war.

„O Kind, o Kind, wie bist Du still und stumm!“ flüsterte die Knieende. „Lässest mich so allein in meiner Qual!“ Unverwandt blickte sie auf das marmorweiße Gesichtchen, das so friedlich dalag. „Ja, schlafe nur, schlafe nur; ich will Dir Deine schmerzlose Ruhe nicht mißgönnen. O, das Leben ist schwer.“ –

Bei dem leisen Eintreten ihrer alten, treuen Wärterin erhob sich Clotilde aus ihrer Zerknirschung.

„Hast Du etwas für mich, Hanna? Einen Brief?“ rief sie der Eintretenden leise entgegen.

„Nein, gnädige Frau,“ sagte die Alte und schüttelte traurig den Kopf, während sie ihre leeren Hände zeigte.

„Ich Thörin! Ich habe auch noch keinen zu erwarten,“ seufzte Clotilde und strich mit der Hand über ihre bleiche Stirn. „Es müssen erst noch viele, viele Wochen vergehen …“

„Herr Leonhard ist da und wünscht die gnädige Frau zu sprechen,“ sagte die Alte.

„Ach, Hanna, ich wollte, Du hättest es mir ersparen können ihn zu sehen –“

„Ich habe es versucht, aber ganz vergebens. Er befahl mir kurz, ihn zu melden. Wollen gnädige Frau ihm vielleicht sagen lassen –“

„Nein, ich gehe. Es muß auch das überwunden werden.“

Sie blickte noch einmal mit gefalteten Händen auf ihr stilles Kind, dann begab sie sich in’s Empfangszimmer. Ernst und bleich, doch in edler Fassung, begrüßte sie ihren Vetter, der mit gemessenen Schritten ihr entgegen ging. Sie reichte ihm stumm die Hand, die er langsam an die schmalen Lippen drückte, während seine grauen Augen ihre Züge erforschten. Seine Enttäuschung war unverkennbar. Er hatte eine Trostlose, Gebrochene zu finden geglaubt. Die feste Haltung der jungen Frau verwirrte ihn einen Augenblick.

„Wir sehen uns unter traurigen Verhältnissen wieder,“ brachte er endlich mit seiner etwas scharfen Stimme hervor, in die er herzliche Theilnahme zu legen versuchte. „Ich bin zu keiner guten Stunde heimgekehrt.“

Sie blickte vor sich hin und nickte wie zustimmend mit dem Kopfe, aber sie erwiderte kein Wort.

„Ich verstehe Deine Gedanken,“ fuhr er fort, als sie noch immer schwieg. „Es wäre Dir lieber gewesen, wenn ich gerade jetzt fern geblieben wäre.“

Sie sah ihm voll in’s Gesicht und sagte mit edler Einfachheit: „Ich glaube wohl, daß mir dann viele schwere Tage, ach, vielleicht Jahre erspart geblieben wären!“

„Wenigstens ist es unzweifelhaft,“ versetzte er mit Bitterkeit, „daß Rudolph ohne mein energisches Dazwischentreten von dem schwachen, alten Manne selbst das Unglaublichste erreicht hätte.“

„Und warum denn, Leonhard, mußtest Du Dich meinem Wunsche so herbe und schonungslos entgegenstellen?“

„Warum? Weil mir Dein Wohl höher galt, als alle anderen Rücksichten.“

„Mein Wohl?“ fragte sie auf’s Höchste befremdet. „Du wußtest doch sicher, daß mir nur Kummer und Schmerz aus Deiner lieblosen Vermittlung erwachsen würden?“

Ihre Stimme bebte, indem sie das sprach.

„O Leonhard,“ fuhr sie fort, als er ihre Anklage mit kaltem Schweigen hinnahm. „Dein alter, unerklärlicher Haß gegen Rudolph ist Dir über alle diese Jahre hinaus treu geblieben, und der hat Dich geleitet.“

(Fortsetzung folgt.)
[372]
Die Votivkirche in Wien.


Es war am 18. Februar 1853. Kaiser Franz Joseph machte in Begleitung des Grafen O’Donnell seinen gewohnten Spaziergang über die nun längst verschwundene Bastei, und als er in der Nähe des alten Kärnthnerthores sich über die Brustwehr lehnte, stieß ihm ein verrückter Schneidergeselle aus Ungarn die Spitze eines Küchenmessers in den Nacken. Glücklicherweise war die Verletzung nur leicht, und der junge Kaiser kehrte, die angesammelte Volksmenge selbst beruhigend, zu Fuß in die Hofburg zurück.

Zur Erinnerung an dieses Ereigniß wurde die Votivkirche gestiftet, deren feierliche Einweihung vor kurzem, anläßlich der silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiserpaares, erfolgte.

Der Gedanke, sie zu erbauen, stammte von dem unglücklichen Erzherzog Max, der später in Mexico ein trauriges Ende fand; den Bau selbst hat der vortreffliche Architekt Heinrich von Ferstel begonnen und vollendet; der Plan desselben wurde von dem alten König Ludwig von Baiern geprüft und gutgeheißen.

Um den Platz, wo die Votivkirche errichtet werden sollte, herrschte anfangs ein lebhafter Streit; schließlich siegte über alle Sonderwünsche die bessere Einsicht, und kaum irgendwo in der ganzen großen Stadt Wien hätte ein schönerer Raum ausfindig gemacht werden können, als derjenige, welchen die Votivkirche schmückt. Rings umher im weiten Halbkreise laufen die Häuser zweier Vorstädte, der Josephstadt und der Roßau, zusammen; gewaltige Gebäude, das Schwarzspanierhaus, das Landesgericht, das Palais des Generalstabes, die Universität und das provisorische Abgeordnetenhaus, wenden der Kirche ihre Stirnseiten zu. Vorn zieht sich der imposante Bogen der Ringstraße hin, in die sich, gerade gegenüber der Kirche, das Leben der inneren Stadt durch das Schottenviertel ergießt. Auf die Hast der Menge, welche hier nach fünf Seiten aus einander und zusammen stiebt, blicken die beiden schlanken Thürme des anmuthigen Kirchenbaues wie Zeichen der Ewigkeit nieder.

In fünfundzwanzig Jahren ist die Arbeit vollendet worden. Wie stürmisch wälzte sich inzwischen der Strom der Ereignisse dahin! Erzherzog Max, der ein Dichter war, hat am 27. Februar 1853 den Aufruf erlassen, in welchem er die Völker Oesterreichs zur Beisteuer für die Votivkirche einlud. Am 24. April 1856 fand die feierliche Grundsteinlegung statt; um den Monarchen war der gesammte Episcopat des Reiches versammelt, und Erzbischof Rauscher pries in seiner Weiherede das Concordat als „ein Werk des Friedens und der Erneuerung im Bereiche der Geisterwelt“, bezeichnete die Bischöfe als „die Vertreter der heiligsten, Zeit und Ewigkeit verknüpfenden Interessen der Völker Oesterreichs“. Drei Jahre später ward im blutigen Kriege die Lombardei, zehn Jahre später Venetien und die Stellung in Deutschland verloren. Erzherzog Max folgte gefährlicher Verlockung, griff nach der Kaiserkrone über den Ocean hinüber und endete am 19. Juni 1867 auf dem Cerro de las Campanas bei Queretaro, von feindlichen Kugeln durchbohrt, sein Leben. Endlich am 24. April 1879 wurde der vollendete Bau eingeweiht, aber an die Stelle des Concordats war unterdessen die Verfassung als „ein Werk der Erneuerung im Bereiche der Geisterwelt“ getreten und nicht mehr die Bischöfe, sondern die Erwählten des Volkes verknüpfen die Interessen Oesterreichs.

So viel des Denkwürdigen vollzog sich, während die Votivkirche langsam in die Höhe wuchs. Will man in den Namen von Menschen und Ereignissen diese katastrophenreiche Epoche zusammenfassen, so genügt es, zu sagen, daß der Weg über Magenta, Solferino, Lissa, Custozza und Königsgrätz führte, daß Bach und Thun, Schmerling und Belcredi, Herbst, Hohenwart und Auersperg sich an dem Reiche versündigten, um das Reich verdient machten in dem Zeitraume zwischen der Stiftung und der Vollendung der Votivkirche.

Es ist oft behauptet worden, der Gegenwart sei die schöpferische Anlage versagt, sie habe sich keine eigene Dichtungsform, keinen eigenen Kunststil, kein eigenes philosophisches System geschaffen, sie zehre vom Vergangenen, begnüge sich mit dem passiven Genießen des Epigonenthums, sei unselbstständig und principlos im Geschmack, wohne in Miethscasernen und ersticke am Erwerb. Die Selbstironie ist eines der wesentlichen Merkmale unserer geistigen Physiognomie, und leider fehlt es dieser Selbstironie in künstlerischem und literarischem Betracht nicht an Grund. Wir sind in der Kunst wirklich mehr empfänglich als schöpferisch. Aber man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Gerade innerhalb der Zeitspanne, welche zwischen Beginn und Vollendung der Votivkirche verfloß, haben wir zum mindesten auf dem Gebiete der Staatsentwickelung es an schöpferischem Wirken nicht ermangeln lassen. Die ästhetische Productivität ward von der politischen abgelöst. Italien und Deutschland wurden geeint, mittelalterliche Ueberreste beseitigt und durch moderne Bildungen ersetzt. Andere Zeiten, andere Lieder! Wir reimen und bauen nach alten Mustern, aber wir leben in neuen Formen, die wir uns selbst erschaffen haben. So ganz verdient ist also der Vorwurf des Epigonenthums nicht, wenn auch zugestanden werden soll, daß wir von den Baustilen vergangener Jahrhunderte, von dem byzantinischen, gothischen, von der Renaissance und dem Rococo borgen müssen, wenn wir unsere Kirchen und Paläste, dagegen von den Mauren, wenn wir unsere Synagogen bauen wollen, ja daß unsere Dichtung noch nicht über die Impulse hinausgekommen ist, welche sie vor bald hundert Jahren von den Dichterfürsten in Weimar empfing.

Immerhin mag uns die Wiener Votivkirche ein wenig beruhigen. Sie ist nicht originell, weder im Plane noch in der Durchführung, aber sie zeigt, wie man gewaltige Muster durch getreues Nachempfinden erreichen kann, und wenn der Stephansdom, von den ehrwürdigen Schauern der Jahrhunderte umweht, den unnahbaren Ernst der Gothik repräsentirt, so vertritt die Votivkirche, das Kind unserer Tage, die Anmuth und Feinheit, die emporstrebende Grazie der Gothik, und der Wiener Volksmund hat so unrecht nicht, wenn er meint, sie sei „wie aus Zuckerwerk und Marcipan“. Mächtiger, ehrfurchtgebietender, ergreifender ist der Stephansdom mit dem in die Wolken ragenden Thurme, von dem auf viele Meilen in der Runde der Blick über die Landschaft schweift, aber zierlicher, reizvoller, einschmeichelnder ist die zweithürmige Votivkirche, officiell Heilandskirche genannt – und kein Fremder geht an ihr vorüber, ohne ihr Bild neben demjenigen des Stephansdomes sich in seine Erinnerung einzuprägen als ein Symbol des heiteren, gefälligen, vertraulichen Wesens der Stadtbevölkerung, welche sie umwohnt.

Zum Stephansdome bildet demnach die Votivkirche einen Gegensatz. Heinrich von Ferstel folgte, um mit Dr. Moritz Thausing, dem Biographen der Votivkirche, zu sprechen, dem französischen System der Gothik, wie es sich in der eigentlichen Heimath des gothischen Stils an den Kathedralen der Isle de France, der Champagne und Picardie ausgebildet hat und dann nur in vereinzelten Beispielen, namentlich im Kölner Dome, auch nach Deutschland herübergenommen wurde. Die Stephanskirche ist das unvergleichliche Muster der deutsch-gothischen Hallenkirchen. Doch denke man nicht, daß Ferstel die großen Bauprincipien des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts einfach sich angeeignet und sclavisch nachgeahmt habe; es gelang ihm, in der Behandlung der Einzelheiten originell zu sein, und das Ebenmaß der Verhältnisse, die übersichtliche Klarheit der Anordnung, die regelrechte Durchbildung der Theile und die Harmonie des Ganzen sind sein eigenes Werk und Verdienst.

Man tritt in diese verschieden abgeschlossenen und beleuchteten Hallen und hat sie sofort mit einem einzigen Blicke gefaßt. Die Fülle der Durchblicke wirkt nicht störend oder beunruhigend, sondern lösend und befriedigend. Kaum irgend ein anderer gothischer Kirchenbau diesseits der Vogesen zeigt überdies die horizontale Gliederung in so übersichtlicher Weise durchgeführt, wie die Votivkirche. Die alten deutsch-gothischen Bauformen kennzeichnen sich durch die verticale Tendenz, welche ihnen eine eigenthümliche Unruhe verleiht. Ferstel vermied diese Tendenz zu Gunsten der Gesammtwirkung, und man kann nur sagen, daß dies ein überaus glücklicher Gedanke war. Auch die üppige Entfaltung unmotivirten Zierrathes, wie sie der Spätgothik anhaftet, hat der Künstler sich mit Recht versagt. Für Pfeiler, Maßwerk, Giebel, Fialen und Gesimse sind nur wenige und sehr einfache Grundformen gewählt, nirgends drängt sich ein absichtlicher Wechsel ohne constructiven Grund störend in die Betrachtung. Nur im

[373]

Die Votivkirche in Wien.
Nach der Natur aufgenommen von J. J. Kirchner.

[374] Ornament herrscht größere Freiheit; da sind neben den deutschen Mustern auch die lebendigeren französischen Formen begünstigt.

Die Thürme der Votivkirche haben eine eigene Geschichte. Sie wurden früher fertig als Chor und Schiff, und dafür ist in den Annalen der Baukunst schwerlich ein zweites Beispiel vorhanden. Ferstel wollte seinen Bau vor dem Schicksale so vieler gothischer Dome bewahren, deren Thürme unvollendet geblieben sind. Deshalb setzte er Alles in Bewegung, um die Vollendung der Thürme zu beschleunigen, und die Commune von Wien kam ihm dabei zu Hülfe, indem sie im Jahre 1868 den Betrag von 150,000 Gulden ausdrücklich zur Fertigstellung der beiden Thürme bewilligte.

Um schließlich in Hinsicht auf die Construction noch einer Besonderheit zu erwähnen, sei wenigstens angedeutet, daß durch die eisernen Dachstühle und den Ueberguß von hydraulischem Kalk über den Gewölbekappen die Feuersgefahr, welche alte Kirchen stets bedroht, fast ganz ausgeschlossen erscheint.

Den Plan für die plastische und malerische Ausschmückung am Aeußeren und im Inneren der Kirche hatte Ferstel schon im Jahre 1860 dem Baucomité vorgelegt. Der Meister forderte, daß die Bildwerke streng aus dem Stile des ganzen Bauwerkes und mit klarer, allgemein verständlicher Charakterisirung ausgeführt würden. Die meisten Statuen wurden von den in der Bauhütte der Votivkirche geschulten Steinmetzen nach den Modellen und nur mit unerheblicher Nachhülfe der Bildhauer vollendet, die Steinornamente durchweg nur von den eigenen Steinmetzen der Bauhütte gearbeitet; die ausgezeichnete Schulung der Steinmetzen war das Verdienst des alten Bau- und Steinmetzmeisters Joseph Kranner, der später die Wiederherstellung des Prager Domes übernahm. Kranner organisirte die Bauhütte so vortrefflich, daß sie eine wahre Pflanzstätte tüchtiger Arbeitskräfte wurde.

Vollständig glatt und unbehindert geht die Ausführung eines solchen Monumentalbaues niemals von Statten. Unberufene Rathgeber mischen sich hinein; übergangene Rivalen drängen sich zum Wort; vorschnelle Kritiker haben dies und das zu tadeln; das Selbstbewußtsten mitwirkender Künstler endlich wallt hier und da empfindlich auf. In solchen Stunden kommen Zweifel, Verdrossenheit, Mißstimmung über die Seele des Meisters, und auch Ferstel mag bisweilen müde das Haupt gesenkt haben, wenngleich im nächsten Augenblicke die Begeisterung ihn wieder aufrüttelte.

Im Jahre 1873 war ein Executivcomité niedergesetzt worden, dem Eitelberger, Schmidt, Führich, Gasser und Ferstel angehörten. Es handelte sich um die malerische Ausschmückung des Inneren der Votivkirche. Führich entwarf im Auftrage dieses Comités die Grundzüge für den Bildercyclus. Unbekümmert aber um die Beschlüsse dieses künstlerischen Beirathes, entschied das Baucomité im December 1874, es dürfe in der Votivkirche keine Polychromie stattfinden; an deren Stelle sei vielmehr eine einfache Verputzung und Ausgleichung der Gewölbe, Pfeiler und Wände im Inneren der Kirche zu setzen.

Glücklicher Weise war Eitelberger der Mann nicht, um ohne Weiteres dieser Entscheidung sich zu fügen. Er protestirte dagegen, daß der kaum mehr in Privaträumen geduldete nackte Aufputz bei der Innendecoration der Votivkirche zur Anwendung komme, und sein Widerspruch fand Gehör. Zwei Reihen der Wandgemälde stammen aus Führich’s Entwürfen. Es sind die beiden Cyclen der Berufung Petri und der Sündfluth in den Fenstern und an den Wänden des Chorabschlusses oberhalb des Hochaltars. Großartigkeit ist diesen Compositionen nicht abzustreiten, aber sie reden eine verschollene Sprache. Führich, der streitbare Kirchenmaler, wollte mittelst derselben darthun, daß der päpstliche Primat göttlichen Ursprunges sei und daß nur die Kirche Rettung gewähre, wenn die Revolution den Staat umbrande. Wie weit hinter uns liegt doch die Zeit, in der solche Allegorien der Wirkung auf die Menge gewiß waren!

Eine Weile steht man vor Führich’s Compositionen bewundernd still, aber dann wandelt man weiter, um sich von dem Stiftungswerke des Erzherzogs Ferdinand Max, den Bildern welche die Rettung Franz Joseph’s darstellen, und weiter von den Glasgemälden, welche die einzelnen Kronländer repräsentiren, desto lebhafter und unmittelbarer angezogen zu fühlen. Man ist deshalb beileibe kein Ketzer; den Künstler Führich kann man vollauf würdigen, ohne dem Tendenzmaler Führich seine Ehrfurcht bezeigen zu müssen.

Ueberdies war es nicht der reiche Clerus, dessen Freigebigkeit der Votivkirche zu Statten kam, sondern das liberale Bürgerthum und das Ministerium, dessen Werk die Decemberverfassung war. Wiederholt stockte der Bau, weil die Mittel versiechten. Erst seit dem Jahre 1868 konnte er stetig bis zum frohen Ende fortgeführt werden, nachdem die Regierung eine beträchtliche Jahresspende zu seiner Förderung bestimmt hatte. Es ist nicht überflüssig, dies zu betonen, denn noch ist keine Entscheidung getroffen über die eigentliche Bestimmung der Votivkirche. Stiftungsgemäß soll sie freilich zugleich als Pfarr-, Universitäts- und Garnisonskirche dienen, allein der allgemeine Wunsch ist dies nicht. Vielmehr vernimmt man das Begehren, sie möge eine Denkmälerkirche, eine österreichische Ruhmeshalle werden, wie die Westminster-Abtei in London, das Pantheon in Paris, die Kirche Santa Croce in Florenz oder San Giovanni e Paolo in Venedig. An der vorderen Seitenwand des rechten Querschiffarmes vor dem Frauenaltar ist geeigneter Raum für das Denkmal ihres Stifters. Der Clerus, dem die Welt nicht genug der Kirchen haben kann, wird kämpfen und zetern gegen die Gründung einer Walhalla in der Votivkirche, aber die Opfer des Clerus waren es nicht, durch welche der Bau ermöglicht ward, und nicht ihm gebührt es also, die künftige Bestimmung desselben zu dictiren.

Unter Jenen, welche die Pathen des Baues waren, hat der Tod unbarmherzig aufgeräumt. Erzherzog Ferdinand Max ging zuerst dahin; es folgte König Ludwig von Baiern, Cardinal Rauscher, Perthaler, der Secretär des Baucomités, Theodor von Karajan, der Germanist, welcher die Stiftungsurkunde verfaßte, Hans Gasser, Siccardsbury, der Erbauer der Wiener Oper, endlich Johann Herbeck, der Componist des Weihegesanges. Unwillkürlich suchte man sie mit den Augen an dem Tage, an welchem in der Votivkirche der erste feierliche Act, die Trauung des Kaiserpaares zum Feste der silbernen Hochzeit, vollzogen ward. Der Regen fiel in Strömen vom Himmel, aber Kopf an Kopf drängte sich die Volksmenge vor dem Portale, denn die Wiener lieben ihre Votivkirche, und wie in allen Dingen, welche sie mit local-patriotischem Stolze erfüllen, pflegen sie auch bei dem Anblicke dieses gelungenen Bauwerkes selbstbewußt zu sagen: „Sollen’s uns anderswo nachmachen!“

Wilhelm Goldbaum.




Die vlamische Bewegung.

Von Dr. Gustav Dannehl.
2. Jan Frans Willems, der Vater der vlamischen Bewegung.


Die Jugendjahre des Vaters der vlamischen Bewegung fallen in die Zeit, während welcher mit der Einverleibung Flanderns in Frankreich dem germanischen Volksthum am rücksichtslosesten der Krieg erklärt wurde. Willems wurde am 11. März 1793 gerade in dem Augenblicke geboren, als Truppen von der Armee des Generals Dumouriez ihren Einzug in seinen Heimathsort Bouchout hielten. Schon 1803 decretirte Napoleon daß alle öffentlichen Acten und Urkunden französisch abgefaßt werden sollten, und als dies und die Französirungsversuche der Beamten noch nicht ausreichten, das zähe Deutschthum der Vlamingen zu ertödten, erließ der Tyrann 1812 ein zweites Decret, welches befahl, daß alle Zeitungen mit französischer Uebersetzung erscheinen mußten. Um diese Zeit waren die Rederijkkammern, jene nach Art der Meistersängerschulen bereits im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten und in der Zeit der spanischen Unterdrückung bewährten literarischen Genossenschaften, die einzige Zufluchts- und Pflanzstätte der vlamischen Sprache und Literatur. In ihnen wurzelte das Streben und Schaffen des echten Volksmannes, dessen Lebensskizze wir im [375] Folgenden geben wollen. Wir stützen uns dabei vorzugsweise auf die treffliche Schrift von Julius Vuylsteke: „Willems en het Willemsfonds“.

In seinem zwölften Lebensjahre siedelte Willems von Bouchout, wo er als das älteste von vierzehn Kindern eines Beamten geboren war, nach Lier über, einer Stadt bei Antwerpen, deren alterthümliche Prachtgebäude an die Zeit erinnern, wo Philipp der Schöne hier sein glänzendes Beilager hielt und der entthronte Christian (der Zweite) von Dänemark hier ein gastliches Asyl fand. Trotz aller Verwälschung hatte sich in dem Städtchen ein Stück nationalen Lebens erhalten. Nicht nur die Anregung zu frühzeitigem poetischem Schaffen und die Begeisterung für germanische Art und Kunst, sondern auch den Geist der Freiheit in religiöser und politischer Hinsicht sog Willems im Schooß der Rederijkkammer ein. Schon in seinem vierzehnten Lebensjahre schrieb er eine schneidige Satire gegen den Bürgermeister seines Geburtsortes Bouchout, dem sein Vater den Verlust seines Postens als percepteur des contributions zu verdanken hatte. Seit 1808 in dem Bureau eines Notars als Schreiber thätig, blieb er seinen literarischen Studien doch treu, und so fand ihn das Jahr 1814 in einem Alter von einundzwanzig Jahren mit Allem ausgerüstet, was erforderlich war für die Aufgabe, welche ihm bei der neuen Ordnung der Dinge zufallen sollte.

Diese Aufgabe war mühselig genug. Die Vlamingen, welche mit Willems die Schöpfung des Wiener Congresses, das Königreich der vereinigten Niederlande als eine Wiedergeburt des niederländischen Volkes zu selbstständigem nationalem Leben begrüßten, waren zu zählen. Und doch war diese Vereinigung der nur kirchlich, nicht national getrennten Stämme schon im sechszehnten Jahrhundert das Ideal der Vorfahren gewesen. Die Wiedereinführung der niederländischen Sprache in alle Verwaltungszweige und völlige religiöse Duldsamkeit waren die unerläßlichen Erfordernisse für das Bestehen des neuen Staates, aber weder das Eine, noch das Andere fand viel Anhänger.

Die katholische Partei erhob sich zuerst, und es war gewiß ein schlimmes Zeichen, daß unmittelbar nach der Schlacht bei Waterloo die Notabeln mit einem Protest gegen das neue Staatsgrundgesetz hervortraten, weil darin Gewissens- und Preßfreiheit, sowie gleiche Berechtigung aller Bekenntnisse in Bezug auf Anstellung im Staatsdienste gewährleistet war. Wenn die Großen in solcher Zeit sich von der Geistlichkeit zu solchem Auftreten verleiten ließen, was war da von den Massen zu erwarten!

Ein wahrer Chorus von Schmähreden erhob sich in Zeitungen und Flugschriften gegen die „holländische Ketzersprache“. Niemand als Willems hatte den Muth, diese vaterlandslosen Elemente zu bekämpfen. Schon 1812 hatte er durch eine preisgekrönte Dichtung über die Schlacht bei Friedland die Augen seiner Landsleute auf sich gezogen; bald darauf erschien sein Drama „Quinten Matsys“. Jetzt aber hieß es, die Feder zum Kampfe zu brauchen, und während er in seiner „Niederdeutschen Sprach- und Literaturkunde“, durch welche er seinen Ruf als Sprach- und Geschichtsforscher begründete, die falsche und unpatriotische Ansicht der Tarte, Barafin, Plaschaert, Donny und anderer Fransquillons, daß das Niederdeutsche nicht die Muttersprache der Belgier des Flachlandes sei, auf das Gründlichste widerlegte, suchte sein poetischer Appell „An die Belgier“ das geschwundene Nationalgefühl seiner Landsleute zu wecken. In Vers und Prosa wies er nachdrücklich darauf hin, welch einen bedeutenden Antheil die Vlamingen von jeher an dem Geistesleben der gesammten Niederdeutschen, namentlich an der Literatur derselben, genommen hätten.

Sein Literaturgeschichtswerk zog ihm die Feindschaft eines fanatischen Priesters Namens Buelens zu. In einem offenen Briefe ward Willems, obgleich er sich stets gut katholisch und kirchlich gezeigt hatte, auf das Heftigste als Feind der Kirche verschrieen, der „das freie Denken und die freie Presse als eine unentbehrliche Vorbedingung nationaler Entwickelung hingestellt und die gottlose naturwissenschaftliche Forschung verherrlicht, die Priester als Unterdrücker der bürgerlichen und Gewissensfreiheit gebrandmarkt habe“ etc.. Allerdings hat Willems als ehrlicher Geschichtsforscher und warmherziger Patriot nicht umhin gekonnt, den Aufstand der Niederländer im sechszehnten Jahrhundert einen Kampf für die gute Sache zu nennen, und es hatte ihm als Sprachforscher nicht entgehen können, daß die niederdeutsche Sprache das vornehmste Werkzeug der Anhänger der neuen Lehre Luther’s gewesen sei. Er hatte der Geistlichkeit den Vorwurf nicht zu ersparen vermocht, daß sie von jeher lieber die heiligsten Rechte der Nation, als ihre Machtansprüche und Herrschergelüste aufzugeben geneigt war, und daß der Verfall der niederländischen Literatur im sechszehnten Jahrhundert ihr eigenstes Werk sei. In der heftigen literarischen Fehde, welche sich in der Folge zwischen Buelens und Willems entspann, war der Erstere unvorsichtig oder verblendet genug, seiner Begeisterung für Philipp den Zweiten und seinen Henker Alba, sowie für inquisitorischen Geistes- und Gewissenszwang ganz offen Ausdruck zu geben, was ihm eine mit beißender Satire gewürzte Abfertigung seitens des Dichters zuzog.

Selbst David, der begeisterte Dichter, der so viel für die Hebung der vlamischen Literatur gethan hat, war trotz seiner Liebe zur Muttersprache, die er so meisterhaft handhabt, für die vlamische Bewegung nicht zu gewinnen. War er doch katholischer Priester, und erstrebte doch die Bewegung vor Allem Freiheit des Wortes und der Gedanken, eine Frucht, die nun einmal auf dem römisch-katholischen Boden nicht wachsen will.

Und nicht blos gegen die Jesuiten und ihre Anhänger, auch gegen die „Verfranschten“, die sich um 1829 wieder ungemein rührig zeigten, mit den eingewanderten französischen Journalisten um die Wette die vlamische Muttersprache zu schmähen und in Mißcredit zu bringen, richtete Willems die scharfen Waffen seiner Gelehrsamkeit und seines Spottes. Gleich gewandt in beiden Sprachen, schrieb er gegen die einen vlamisch, gegen die anderen französisch. Aber er blieb bei dieser negativen Thätigteit nicht stehen. Eine gründliche Volkserziehung im nationalen Sinne, eine Verbindung der Gegenwart mit der Vergangenheit, des Südens mit dem Norden war sein nächstes, mit aller Kraft und Hingebung verfolgtes Ziel. Nach allen Seiten streute er den Samen gründlichster Belehrung über Sprache und Kunst, Abstammung und Geschichte seiner Landsleute aus.

Wie die spätere belgische, so verfehlte kurz vor der Revolution die holländische Regierung vielfach des rechten Weges. Gerade damals, als Willems so mannhaft gegen Clericale und Franzosen auftrat, machte die Regierung diesen ganz unerhörte Zugeständnisse, was unserm Volksmann den bitteren Ausruf entlockte: „Französische Sprache und französische Jesuiten, die müssen wir haben, die einen für unsere Presse, die anderen für unser Unterrichtswesen, und dann ist es sicher, daß wir aufrichtige Niederländer sein werden.“

Es kam eine Einigung der beiden Hofparteien zu Stande, deren eine auf den Schultern der Encyklopädisten stand, während die andere von Jesuiten gelenkt wurde. Die erstere hatte sich so völlig von der zweiten überlisten lassen, daß die Massen, welche halb oder gar nicht begriffen, um was es sich handele, vom Adel irre geführt, auf das Eifrigste für jene „Freiheit“ petitionirten, welche dann später die Jesuiten in so verderblicher Weise ausgebeutet haben, namentlich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens. Die Universität Löwen, diese Zwingburg des freien Gedankens, diese Pflanzschule fanatischer Stockschläger, ist eine Frucht jener Unterrichtsfreiheit. Die Regierung gab also dem Drängen der vereinigten Clerico-Liberalen nach: ein Erlaß vom 27. Mai 1830 stellte die 1825 abgeschafften geistlichen Collegien wieder her; ein anderes vom 4. Juni ließ den Gebrauch der französischen Sprache im Rechtsverfahren wieder zu.

Willems war nahe daran zu verzweifeln. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die von den „Clerico-Liberalen“ angezettelte unselige Revolution vom September 1830 riß die Vlamingen und Holländer wohl für immer aus einander. Für die ersteren hatte sie vielleicht noch schlimmere Folgen, als für die „besiegten Unterdrücker“, wie die triumphirenden Jesuiten und Fransquillons die Holländer frohlockend nannten. Alle ihre geistigen Güter standen auf dem Spiele; der vlamische Unterricht wurde verwahrlost; alle Examina wurden in französischer Sprache abgehalten, und dadurch wurde den Vlamingen der Weg zum Staatsdienst wesentlich erschwert, wo nicht gänzlich abgeschnitten.

Aber auch in nationalökonomischer Hinsicht hatten sich die Vlamingen verschlechtert, wie Willems in seiner berühmten Fabel von den Ratten (Vlamingen) andeutet, welche aus der Käsekammer (Holland) auswandern, um sich im Kohlenkeller (Belgien) anzusiedeln. Es hat namentlich in der neuesten Zeit nicht an Stimmen [376] gefehlt, welche die Lostrennung von Holland unumwunden als ein Nationalunglück bezeichnen. Damals gehörte freilich mehr Mannesmuth dazu, eine solche Ansicht anzusprechen, und nur Willems besaß denselben. Hatte doch ein anderer vlamischer Schriftsteller, Van de Weyer, damals Bibliothekar in Brüssel, sich nach Abfassung eines Artikels, der etwas zu Gunsten der vlamischen Muttersprache redete, durch die Anfeindungen und Drohungen der Gegner völlig einschüchtern, zum schimpflichsten Widerruf, ja zu der öffentlichen Erklärung nöthigen lassen: „er schäme sich, jemals zu Gunsten dieser Sprache geschrieben zu haben!“

Offenbar gegen besseres Wissen haben manche französische Zeitungen Belgiens stets behauptet, die Regierung habe Wallonen und Vlamen stets gleiches Recht gewährt. Als einst Verfasser dieser Artikel in Reisebriefen aus Belgien („Kölnische Zeitung“ von 1875) die unerträgliche Lage der germanischen Bevölkerung Belgiens schilderte, hatten jene Blätter die Stirn – oder wußten sie wirklich so wenig im eigenen Lande Bescheid? – die vlamischen Klagen und Leiden als eine ganz neue Entdeckung des deutschen Reisenden hinzustellen, der dort Dinge sähe, von denen die Vlamingen selbst nichts wüßten. Und doch könnte man Bände füllen mit den Klagen über Sprachunterdrückung, die in zahllosen Flugschriften und Zeitungsartikeln laut geworden sind, und die Männer, welche jetzt wie Willems denken, ihre Gedanken frei und offen aussprechen und in seinem Geiste wirken, zählen heute bereits nach mehreren Tausenden.

Ueber Willems selbst wurde gleich nach der Revolution eine Strafversetzung auf den Einnehmerposten in Eekloo mit wesentlicher Gehaltsverkürzung verhängt, während Herr van de Weyer, der so feige seine Nationalität verleugnen konnte, zum Minister und später zum belgischen Gesandten in London befördert ward!

Seine „Verbannung“ in Eekloo, wo er Muße genug hatte, nützte Willems mit aller Kraft für sein Ideal aus. Schon vorher, seit 1827, war in seiner Zeitschrift „Mengelingen van vaterlandschen Inhoud“ für die Erhaltung des vlamischen Volksthums gekämpft worden. Jetzt erschienen in schneller Folge seine trefflichen Volksausgaben älterer Chronisten und Geschichtsschreiber, welche den Zweck hatten, dem vlamischen Stamme seine große Vergangenheit vor die Augen zu halten, sowie seine meisterhafte Bearbeitung des Reinaert de Vos, des im dreizehnten Jahrhundert entstandenen wichtigsten Literaturdenkmals Flanderns, das nun ein wahres Volksbuch wurde.

Diese Bücher sollten, wie er in der Vorrede zum Reinaert sagt, den französischen Schund, mit dem Belgien überschüttet werde, verdrängen. Und ferner heißt es dort: „In Eekloo habe ich gelernt, daß die Feindin unserer Sprache, die französische, in den sechs Jahrhunderten noch keinen festen Fuß auf vlamischem Sprachgebiet gefaßt hat. Auf 8600 Einwohner der Stadt kommen höchstes 300, welche französisch verstehen, noch nicht 100, die es geläufig sprechen können. Und doch war Eekloo viele Jahre der Sitz französischer Tribunale, französischer Sous-préfets und anderer französischer Beamten,“ und ferner erläutert er, was die berühmte Sprachfreiheit der belgischen Verfassung in der Praxis sei, und wie die 8600 Vlamingen fort und fort „gegouverneeet“, täglich „gesommeert“, „geexploiteert“ und „geexecuteert“ werden.

Von dem Erscheinen des „Reinecke Fuchs“, der mit wahrer Begeisterung aufgenommen wurde, datirt sozusagen die vlamische Bewegung. Schon 1835 schreibt Willems an Van Duijse: „Die Zeit naht, wo unsere vlamische Nationalität lebendig ihr Haupt erheben darf.“ Zwei Jahre später gründete er sein „Belgisches Museum“, welche Zeitschrift für die Kunde der vlamischen Vergangenheit in Kunst, Literatur und Geschichte von großer Bedeutung geworden ist.

Bis 1840 hatte Willems schon so viel Sympathien für die vlamische Sache erweckt, daß die erste große Petition zu Gunsten der Muttersprache mit 100,000 Unterschriften bedeckt an die Kammer gesandt werden konnte. War auch der Erfolg kein besserer, als der aller Petitionen, die in den achtunddreißig folgenden Jahren eingebracht wurden, so war doch der erste Schritt auf das politische Gebiet gethan und der Beweis geliefert, daß die vlamische Bewegung eine Macht sei, mit der man früher oder später werde rechnen müssen. Die Thätigkeit des tapferen Willems für die Annäherung des Vlamischen an das Holländische habe wir bereits im ersten Artikel bei Gelegenheit der Erwähnung der Sprachcongresse zu Gent und Brüssel gewürdigt.

Die belgische Regierung aber hatte inzwischen doch die wissenschaftliche Bedeutung Willems’ auf die Dauer nicht ignoriren können. So hörte denn die Verbannung auf, und 1834 wurde er zum Mitgliede der königlichen Geschichtscommission ernannt, nachdem ihm schon früher die Universität Löwen den Doctorgrad ertheilt hatte. Dem Rufe in ein Professoramt zu Löwen und einem zweiten nach Luik folgte er nicht, doch siedelte er in der nämlichen Beamtenstellung, welche er bisher inne gehabt, nach Gent über, welches hauptsächlich durch ihn der Mittelpunkt der vlamisch-nationalen Bestrebungen wurde. Auch der Ehre, in die belgische Akademie erwählt zu werden, ward er am Abende seines Lebens theilhaftig. Aber gerade, als er bei wachsendem Einflusse wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken konnte, ereilte ihn mitten in seiner einzig dem Vaterlande gewidmeten rastlosen Thätigkeit der Tod am 24. Juni 1846. Die Arbeit seines reichen Lebens ist nicht vergeblich gewesen.




Blätter und Blüthen.


Zur Theeverfälschung. Der Thee ist bekanntlich in England und Rußland ein allgemein nationales Getränk, das im Palast wie in der Hütte nicht fehlen darf. In jenen Ländern werden daher ungeheuere Mengen Thees verbraucht, und auch in anderen Staaten, zumal in Deutschland, ist der Theeverbrauch in fortwährender Zunahme. Aus diesem riesigen Bedarf sucht die gewissenlose Speculation seit lange Capital zu schlagen. Schon in China wird die Theefälschung betrieben. Dort wird das feine Aroma in Essenzen concentrirt, die schon gebrauchten Blättern beigemischt werden, und schlechter Thee durch allerlei fremde Pflanzen aromatisirt.

Die russischen Häuser bringen ungeheuere Mengen verfälschten Thees in den Handel, und in England steht es noch schlimmer. Wer dort jemals längere Zeit gelebt und ein eigenes Hauswesen geführt hat, dem mag es vielleicht aufgefallen sein, daß an gewissen Tagen, gewöhnlich Sonnabend, Männer wie Weiber in den Küchen der Familien sich einzufinden pflegen, um von dem Dienstpersonal die abgebrühten Theeblätter zu kaufen. Fragt man die von Haus zu Haus gehenden Käufer, wozu die abgebrühten Theeblätter verwendet werden, so erhält man stets die Antwort, sie seien für arme Familien bestimmt, die auch ihren Thee trinken wollten. Diese Angabe ist fast immer Lüge; denn der gebrauchte Thee wird wieder verkauft, und zwar als frische, echte Waare zu hohen Preisen. Dabei ist die Manipulation der Fälscher keineswegs eine complicirte oder große Auslagen erfordernde. Ein Röstofen besorgt das notwendige Einrollen der einzelnen Theeblätter, die durch das Abbrühen groß und flach geworden. Sodann werden die Blätter, je nach ihrer Qualität, mit der entsprechenden Farbe, Graphit oder Preußisch-Blau, versehen. Auch Erdbeer-, Weißdorn-, Hollunder- und Epheublätter werden beigemischt. Diese Mengen bereits gebrauchten Thees kommen alsdann in eleganten Kistchen und Paketen wieder in den Handel und zwar für die ärmeren Schichten der Bevölkerung ganz unvermischt, für die wohlhabenderen mit einem geringen Zusage noch ungebrauchten Thees.

Die Ausbreitung dieses betrügerischen Industriezweiges ist eine so große, daß seine radicale Ausrottung bei der eigenthümlichen Beschaffenheit der englische Gesetze ziemlich problematisch erscheint. Nur groben, handgreiflichen Betrügereien der englischen Theehändler vermochten bisher die britischen Behörden auf den Leib zu rücken.

Der Londoner Gerichtschemiker Dr. Saunders hat jüngst die großen Theemagazine der City untersucht. Er erklärte fünf ihm vorgelegte Theeproben für gefälscht und gesundheitsschädlich. Eine dieser Proben bestand ausschließlich aus abgekochten Theeblättern, die zweite aus einer Mischung, die siebenzig Procent Theestaub enthielt, die dritte aus Theestaub, Sand und gefärbten Pflanzenstoffen; die vierte enthielt, um ein betrügerisches Gewicht zu fingiren, erbsengroße Steine, während die fünfte Probe von der Ladung eines an der portugiesischen Küste gescheiterten Schiffes herrührte, dessen Eigenthümer die aufgefischten Theeballen wieder trocknen und verkaufen ließ. Die von Dr. Saunders untersuchten Proben repräsentirten nicht weniger als 1700 Kisten Thee.

A. C. W.

Kleiner Briefkasten.

V. B. in L. Die Sammlung für die Spessart-Nothleidenden in Aschaffenburg ist bereits geschlossen worden, da dort dem schlimmsten Mangel nunmehr abgeholfen ist. Dagegen sind Liebesgaben für die Heimgesuchten des hessischen resp. preußischen Spessarts noch sehr willkommen. Senden Sie also getrost Ihre Spende an das Unterstützungs-Comité für den hessischen Spessart in Hanau!


Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


  1. Die vulcanreiche Insel Island erhielt ihre Bevölkerung aus dem heidnischen Norwegen (Norge); den Hauptstamm bildeten ausgewanderte Grundbesitzer, welche sich der Herrschaft König Harald Harfagr’s nicht unterwerfen wollten. Der „Midhgard-Wurm“ des Gedichts ist die erdumfassende Midhgard-Schlange der nordischen Mythologie, welche, das Meerwasser trinkend und wieder ausspeiend, Ebbe und Fluth erzeugt und beim Weltuntergange (Götterdämmerung) einst im Kampfe gegen die Götter von dem Donnergotte Thôr mit dem Hammer erschlagen wird. Odal, Odel = Besitz.
    D. Red.
  2. Den geschäftlichen Vertrieb der Präparate hat die rühmlichst bekannte Firma der Hoflieferanten Gebrüder Sasse in Berlin (Friedrichsstraße 178) übernommen, deren See-Aquarien Professor Carl Vogt in diesen Blättern kürzlich so warm empfahl. Dieselbe wird auf diesbezügliche Anfragen gern vorläufige Auskunft ertheilen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ulrich Jaspar Seetzen