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Die Gartenlaube (1878)/Heft 12

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[191]

Der Bettler vor dem Thron.
Hiob XXX, 31: „Meine Harfe ist ein Klagen worden und meine Pfeife ein Weinen.“

Ich komm’ von der sonnigen Illenau;
Da liegt mein Sohn
Lebendig begraben in Geistesnacht
Viel Monden schon.
Und daheim im ärmlichen Kämmerlein
Da liegt mein Weib
Wohl bald schon ein Vierteljahrhundert lang
Mit siechem Leib.
Ich selber bin ein durchlöchertes Sieb,
Zu nichts mehr nutz,
Und biet’ nur den Schlägen des Schicksals noch
Ein wenig Trutz;
Wohin ich auch blicke, kein Ausgang mehr,
Nur finst’re Nacht,
Und da es noch hell war, hat jeder Tag
Sein Leid gebracht.
Das Dach meiner Hütte ward weggefegt
Vom wilden Sturm;
Da zog ich zum Nachbar, doch dessen Haus
Zerfraß der Wurm.
Hohläugig lau’rte ein schlimmer Gast
Dort vor der Thür,
Und eh’ wir’s versah’n, zog der Hunger ein
Bei ihm und mir.
So zieh’ ich denn bettelnd von Ort zu Ort,
Wie sehr mich’s plagt,
Und habe der Hoffnung auf Besserung
Schon längst entsagt.
Mein einziger Trost ist – daß Viele noch
Viel übler d’ran,
Und daß ich mein Elend, so hart dies ist,
Noch klagen kann.
Und so klag’ ich’s denn Euch, mein hoher Herr,
Zu dieser Stund’,
Und bitte, käm’ Einer und spräche je
Mit süßem Mund:
„Heil, Großherzog, Dir, Du glücklicher Fürst!
In Deinem Land
Ein Unglücklicher nicht zu finden ist,
Wie allbekannt.
Es herrscht nur Wohlstand, wohin man geht,
Land ein, Land aus,
Und ungetrübtes Familienglück
In jedem Haus!“[1]
Ich bitte, ich bitte, o glaubt ihm nicht!
Er lügt, er lügt,
So gewiß, wie mein gramdurchfurchtes Gesicht
Eu’r Aug’ nicht trügt.

Und drum steht es fest, und ich sag’ es dreist
Was mir auch droht:
Untröstlich, o Herr, ist’s noch allerwärts
Und Viel noch zu helfen thut noth.

     Februar 1878.

y.



Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Der Hofrath schüttelte bedenklich den Kopf. „Was seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit betrifft, so theile ich vollkommen die schmeichelhafte Meinung Euer Excellenz über ihn, aber es sind mir Dinge über den Assessor zu Ohren gekommen – Dinge, die von der höchsten Illoyalität zeugen. Es steht leider fest, daß er bei Gelegenheit seines jüngsten Urlaubs in der Schweiz die verdächtigsten Beziehungen angeknüpft und den intimsten Umgang mit allerlei Demagogen und Revolutionären gehabt hat.“

„Daran glaube ich nicht,“ sagte der Freiherr mit Entschiedenheit. „Winterfeld ist nicht der Mann, der seine Zukunft so nutzlos und zwecklos auf’s Spiel setzt: er ist überhaupt keine extravagante Natur, für die solche Versuchungen gefährlich werden könnten. Die Sache hängt vermuthlich anders zusammen; ich werde sie untersuchen. Hinsichtlich des Berichtes bleibt es bei meiner Bestimmung. Bitte, rufen Sie den Assessor zu mir!“

Der Hofrath ging, und wenige Minuten später trat Georg Winterfeld ein. Der junge Beamte wußte, daß ihm mit dem Auftrage, den er jetzt empfing, eine Auszeichnung vor seinen Collegen zu Theil wurde, aber diese offenbare Bevorzugung schien ihn eher zu drücken, als zu erfreuen. Er nahm mit ruhiger Aufmerksamkeit die Weisungen seines Chefs hin. Die kurzen, fachlichen Andeutungen desselben fanden bei ihm das vollste Verständniß, einzelne Winke, die er zu geben für nöthig fand, die schnellste Auffassung, und die wenigen, aber treffenden Bemerkungen des jungen Mannes zeigten, wie vollständig er mit der ihm

[192] übertragenen Sache vertraut war. Raven hatte zu oft mit der Schwerfälligkeit und Unfähigkeit seiner Beamten zu kämpfen, um nicht die Annehmlichkeit zu empfinden, in wenigen Worten verstanden zu werden, wo er sich sonst zu ausführlichen Auseinandersetzungen herbeilassen mußte; er war sichtlich zufrieden. Die Angelegenheit war in verhältnißmäßig kurzer Zeit erledigt, und Georg, der bereits ein Papier mit verschiedenen Notizen seines Chefs in der Hand hielt, wartete auf ein Zeichen der Entlassung.

„Noch Eins!“ sagte der Freiherr, ohne den ruhigen Geschäftston zu ändern, in welchem er bisher gesprochen. „Sie haben den Urlaub, den Sie vor einigen Wochen nahmen, in der Schweiz zugebracht?“

„Ja, Excellenz.“

„Man behauptet, Sie hätten dort gewisse Verbindungen aufgesucht oder doch wenigstens angeknüpft, die mit Ihrer Stellung als Beamter unvereinbar sind. Was ist an der Sache?“

Der Blick des Freiherrn ruhte mit seiner ganzen, von den Untergebenen so sehr gefürchteten Schärfe auf dem jungen Beamten, aber dieser zeigte weder Bestürzung noch Verlegenheit.

„Ich habe einen Universitätsfreund in Z. aufgesucht,“ erwiderte er ruhig, „und bin auf dessen wiederholte, herzliche Einladung im Hause seines Vaters geblieben, der allerdings politischer Flüchtling ist.“

Raven runzelte die Stirn. „Das war eine Unvorsichtigkeit, die ich bei Ihnen am wenigsten vorausgesetzt hätte. Sie mußten sich sagen, daß ein solcher Besuch nothwendig bemerkt und verdächtigt werden mußte.“

„Es war ein Freundschaftsbesuch, nichts weiter. Ich kann mein Wort darauf geben, daß er auch nicht die entfernteste politische Beziehung hatte; es handelte sich um reine Privatverhältnisse.“

„Gleichviel, Sie haben Rücksicht auf Ihre Stellung zu nehmen. Die Freundschaft mit dem Sohne eines politisch Compromittirten könnte allenfalls noch als unverfänglich gelten, wenn sie Ihnen auch schwerlich als Empfehlung für Ihre Carrière dienen dürfte, den Verkehr mit dem Vater aber und den Aufenthalt in seinem Hause mußten Sie unter allen Umständen vermeiden. – Wie ist der Name jenes Mannes?“

„Doctor Rudolf Brunnow.“ Der Name kam fest und klar von den Lippen Georg’s, und jetzt war er es, der das Antlitz seines Chefs unverwandt beobachtete. Er sah, wie etwas darin aufzuckte, unheimlich und gewaltsam, wie eine jähe Blässe die ehernen Züge überflog und die Lippen sich fest auf einander preßten, aber das alles kam und ging mit Blitzesschnelle. Schon in der nächsten Minute siegte die Selbstbeherrschung des Mannes, der gewohnt war, seiner Umgebung stets ein unbewegtes Gesicht zu zeigen und für sie undurchdringlich zu sein.

„Rudolf Brunnow – so?“ wiederholte er langsam.

„Ich weiß nicht, ob Excellenz den Namen kennen?“ wagte Georg zu fragen, aber er bereute sofort seine Uebereilung. Die Augen des Freiherrn begegneten den seinigen, oder vielmehr, wie Gabriele zu sagen pflegte, sie bohrten sich so tief ein, als wollten sie die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen. Es lag ein finsteres, drohendes Forschen in diesem Blicke, welcher den jungen Mann warnte, auch nur einen einzigen Schritt weiter zu gehen; er hatte das Gefühl, als stände er an einem Abgrunde.

„Sie sind mit dem Sohne des Doctor Brunnow eng befreundet?“ begann der Freiherr nach einer secundenlangen Pause, ohne die letzte Frage zu beachten, „also auch wohl mit dem Vater?“

„Ich habe ihn erst jetzt kennen gelernt und in ihm einen trotz mancher Schroffheit und Bitterkeit doch durchaus verehrungswürdigen Charakter gefunden, dem meine volle Sympathie gehört.“

„Sie thäten besser, das nicht so offen auszusprechen,“ sagte Raven in eisigem Tone. „Sie sind Beamter eines Staates, der über solche Persönlichkeiten ein für alle Mal den Stab gebrochen hat und sie noch jetzt unnachsichtlich verdammt. Sie können und dürfen nicht in vertraulicher Weise mit denen verkehren, die sich offen zu seinen Feinden bekennen. Ihre Stellung legt Ihnen Pflichten auf, vor denen derartige Freundschafts- und Gefühlsregungen zurücktreten müssen. Merken Sie sich das, Herr Assessor!“

Georg schwieg; er verstand die Drohung, die sich hinter dieser eisigen Ruhe barg; sie galt nicht dem Beamten, sondern dem Mitwisser einer Vergangenheit, die Freiherr von Raven wahrscheinlich längst begraben und vergessen wähnte und die sich jetzt so urplötzlich vor seinen Augen erhob. Jedenfalls vermochte die Erinnerung daran den Freiherrn nicht länger als einen Augenblick zu erschüttern, und als er sich jetzt erhob und entlassend mit der Hand winkte, lag wieder der alte unnahbare Stolz in seiner Haltung.

„Sie sind jetzt gewarnt. Was bisher vorgefallen ist, mag als eine Uebereilung gelten; was Sie in Zukunft thun, geschieht auf Ihre Gefahr.“ –

Georg verbeugte sich schweigend und verließ das Gemach. Er fühlte wieder, wie so oft schon, daß Doctor Brunnow Recht gehabt, als er ihn vor der dämonischen Macht des einstigen Freundes warnte. Der junge Mann mit seinem hohen Ehrgefühl und seinen reinen Grundsätzen hatte sich nach jener inhaltschweren Eröffnung berechtigt geglaubt, den Verräther seiner Freunde und seiner Ueberzeugung aus tiefster Seele zu verachten, aber das wollte ihm nicht mehr gelingen, seit er wieder in den Bannkreis jener mächtigen Persönlichkeit getreten war. Die Verachtung wollte nicht Stand halten vor jenen Augen; die so gebieterisch Gehorsam und Ehrfurcht heischten; sie schien abzugleiten an dem Manne, der das schuldige Haupt so hoch und stolz trug, als erkenne er überhaupt keinen Richter über sich. So wenig sich Georg von der hohen Stellung und dem herrischen Wesen seines Vorgesetzten imponiren ließ, so wenig vermochte er sich dessen geistiger Ueberlegenheit zu entziehen. Und doch wußte er, daß ihm früher oder später ein erbitterter Kampf mit dem Freiherrn bevorstand, der mit der Entscheidung über die Zukunft Gabrielens auch sein Lebensglück in der Hand hielt. Auf die Dauer konnte das Geheimniß ja doch nicht bewahrt bleiben – und was dann? Vor den Augen des jungen Mannes tauchte das Bild der Geliebten auf, die seit gestern mit ihm unter demselben Dache weilte, ohne daß es ihm möglich gewesen war, sie auch nur zu sehen, und daneben das eiserne, unerbittliche Antlitz dessen, den er soeben verlassen – er ahnte erst jetzt, wie schwer der Kampf war, mit dem er sich seine Liebe und sein Glück erobern mußte.




Einige Wochen waren vergangen. Die Baronin Harder und ihre Tochter hatten die nöthigen Besuche zur Anknüpfung des gesellschaftlichen Verkehrs gemacht und empfangen, und Erstere bemerkte mit Befriedigung die große Rücksicht und Aufmerksamkeit, die man ihr um des Gouverneurs willen überall erwies. Noch mehr befriedigte sie die Entdeckung, daß ihr Schwager in der That nichts weiter von ihr verlangte, als die Repräsentation seines Hauses; es wurden ihr keinerlei lästige und unbequeme Pflichten zugemuthet, wie sie im Anfange gefürchtet. Die Sorge und Verantwortlichkeit für das große, streng geregelte Hauswesen lag nach wie vor in den Händen eines alten Haushofmeisters, der schon seit langen Jahren dieses Amt verwaltete und Alles ordnete und leitete, während er nur seinem Herrn selbst Rechenschaft darüber ablegte. Der Freiherr mochte zu tiefe Einblicke in den Residenzhaushalt seiner Schwägerin gethan haben, um ihr in dieser Hinsicht irgend eine Selbstständigkeit zu gestatten. Sie vertrat der Gesellschaft gegenüber die Dame des Hauses, war aber eigentlich nur Gast in demselben. Eine andere Frau hätte die Stellung, in die sie dadurch gedrängt wurde, als eine Demüthigung empfunden, der Baronin aber lag eigentliche Herrschsucht ebenso fern, wie der Begriff von Pflichten; sie war viel zu oberflächlich, um beides zu kennen. Ihre Lage gestaltete sich weit angenehmer, als sie nach der Katastrophe, die dem Tode des Barons folgte, hoffen durfte; sie lebte mit ihrer Tochter in glänzenden Umgebungen; der Freiherr hatte ihr eine ziemlich bedeutende Summe für ihre persönlichen Ausgaben zugesichert; Gabriele war seine anerkannte Erbin – da ließ sich schon der Zwang ertragen, den das Zusammenleben nun einmal unvermeidlich mit sich brachte.

Auch Gabriele hatte sich schnell mit der neuen Umgebung vertraut gemacht. Der vornehme, großartige Zuschnitt des [193] Raven’schen Hauses, die peinliche Pünktlichkeit und die strengen Formen, welche überall vorherrschten, die unbedingte Ehrfurcht der Dienerschaft, für die jeder Wink des Herrn ein Befehl war, das alles imponirte der jungen Dame ebenso sehr, wie es sie befremdete. Es stand im schärfsten Gegensatze zu dem elterlichen Haushalte in der Residenz, wo neben dem größten Glanze auch die größte Unordnung herrschte, wo die Diener sich Unzuverlässigkeiten und Respectwidrigkeiten aller Art erlaubten und das Familienleben in der Jagd nach Zerstreuungen unterging. Dazu kamen später, als die Schuldenlast sich häufte und die Verlegenheiten dringender wurden, die heftigsten und unzartesten Scenen zwischen dem Baron und seiner Gemahlin, wo jeder dem Andern Verschwendung vorwarf, ohne daß dieser jemals gesteuert werde. Die halberwachsene Tochter war nur zu oft Zeuge solcher Scenen gewesen; gleichzeitig verzogen und vernachlässigt von den Eltern, die gern mit dem hübschen Kinde Staat machten, sich aber sonst so gut wie gar nicht um dasselbe kümmerten, fehlte ihr jede ernstere Lebensrichtung. Selbst die Ereignisse des letzten Jahres, der Tod des Vaters und die bald darauf hereinbrechende Vermögenskatastrophe, waren fast spurlos an dem jungen Mädchen vorübergegangen, das in seinem sorglosen Leichtsinn gar keine Empfänglichkeit für den Schmerz hatte. Aber so viel Urtheilskraft besaß Gabriele doch, zu sehen, daß es in dem Hause des „Emporkömmlings“ sehr viel vornehmer und aristokratischer zuging, als in dem ihrer Eltern, und sie ärgerte die Mutter oft genug mit Bemerkungen über diesen Punkt. –

Die Baronin saß auf dem kleinen Sopha ihres Wohnzimmers und blätterte in den Modejournalen. In den nächsten Tagen sollte eine größere Festlichkeit bei dem Gouverneur stattfinden; die höchst wichtige Toilettenfrage harrte also der Entscheidung, und Mutter und Tochter gaben sich mit dem größten Eifer dem für sie so interessanten Studium hin.

„Mama,“ sagte Gabriele, die neben der Mutter saß und gleichfalls einige der Modeblätter in der Hand hielt, „Onkel Arno erklärte gestern diese großen Gesellschaften für eine lästige Pflicht, die seine Stellung ihm auferlege. Er findet nicht das mindeste Vergnügen daran.“

Die Baronin zuckte die Achseln. „Er findet an nichts Vergnügen, als an der Arbeit. Ich habe nie einen Mann gesehen, der sich so wenig Ruhe und Erholung gönnt, wie mein Schwager.“

„Ruhe?“ wiederholte Gabriele. „Als ob er die Ruhe überhaupt kennte oder auch nur ertrüge! In den frühesten Morgenstunden sitzt er schon an seinem Schreibtisch, und Abends sehe ich oft noch um Mitternacht Licht in seinem Arbeitszimmer. Bald ist er in der Kanzlei, bald in den Bureaus; dann wieder fährt er aus, nimmt Besichtigungen vor und inspicirt Gott weiß was für Dinge; dazwischen empfängt er alle möglichen Leute, hört Vorträge an, giebt Befehle – ich glaube, er allein leistet so viel, wie all seine übrigen Beamten zusammengenommen.“

„Ja, er war stets eine rastlose Natur,“ bestätigte die Baronin. „Meine Schwester erklärte oft, es mache sie schon nervös, an diese unausgesetzte, ruhelose Thätigkeit ihres Mannes auch nur zu denken.“

Gabriele stützte den Kopf in die Hand und sah nachdenkend vor sich hin. „Mama,“ begann sie plötzlich wieder, „die Ehe Deiner Schwester muß recht langweilig gewesen sein.“

„Langweilig? Wie kommst Du darauf?“

„Nun, ich meine nur: nach allem, was man hier im Schlosse davon hört. Die Tante bewohnte den rechten Flügel und der Onkel den linken; er kam oft wochenlang nicht in ihre Zimmer und sie niemals in die seinigen; ich glaube, sie speisten nicht einmal zusammen. Jedes hatte seine eigene Equipage und Dienerschaft. Jedes ging und fuhr auf eigene Hand aus, ohne nach dem Andern auch nur zu fragen – es muß ein ganz seltsames Leben gewesen sein.“

„Du bist im Irrthum,“ entgegnete die Mutter, für welche diese Art zu leben offenbar gar nichts Abschreckendes hatte. „Es war eine durchaus glückliche Ehe. Meine Schwester hatte sich nie über ihren Gemahl zu beklagen, der jeden ihrer Wünsche erfüllte. Die Glückliche hat niemals die Bitterkeiten und Scenen kennen gelernt, die ich in den letzten Jahren nur allzu oft ertragen mußte.“

„Ja, Du hast Dich freilich sehr oft mit dem Papa gezankt,“ sagte Gabriele naiv. „Onkel Arno hat das sicher nie gethan, aber er hat sich auch nie um seine Frau gekümmert. Und er kümmert sich doch sonst um alles Mögliche, sogar um meine frühere Erziehung. Es war sehr unartig von ihm, neulich in Deiner Gegenwart zu sagen, er finde meine Bildung sehr lückenhaft und vernachlässigt, und man sähe es auf den ersten Blick, daß ich stets nur den Nonnen und Gouvernanten überlassen worden sei.“

„Ich bin leider an solche Rücksichtslosigkeiten von seiner Seite gewöhnt,“ erklärte die Baronin mit einem Seufzer, der sie aber durchaus nicht hinderte, das Modell einer Robe sehr genau zu betrachten. „Daß ich sie ertrage, ist ein Opfer, das ich einzig und allein Deiner Zukunft bringe, mein Kind.“

Die Tochter schien nicht besonders gerührt von dieser mütterlichen Fürsorge. „Wie ein kleines Schulmädchen bin ich examinirt worden,“ schmollte sie weiter. „Er hat mich mit seinen Kreuz- und Querfragen so in die Enge getrieben, daß ich nicht mehr aus noch ein wußte, und dann zuckte er die Achseln und decretirte mir noch alle möglichen Unterrichtsstunden. Mit siebenzehn Jahren noch Unterricht nehmen! Er will mir Lehrer aus der Stadt kommen lassen, aber ich werde ihm gerade heraus erklären, daß das ganz und gar nicht nothwendig ist.“

Die Mutter sah erschrocken von ihren Modejournalen auf. „Um des Himmels willen, laß das bleiben! Du stehst ja schon in fortwährender Opposition gegen Deinen Vormund, und ich schwebe oft genug in Todesangst, daß Dein Eigensinn und Uebermuth ihn endlich einmal reizen wird. Bis jetzt hat er Dein Benehmen freilich mit einer mir unbegreiflichen Geduld hingenommen, er, der sonst nie einen Widerspruch duldet.“

„Ich sähe es weit lieber, wenn er einmal zornig würde,“ rief Gabriele in gereiztem Tone. „Ich ertrage es nicht, wenn er so von seiner Höhe auf mich herablächelt, als wäre ich ein viel zu unbedeutendes Kind, um ihn reizen oder ärgern zu können, und er lächelt immer, wenn ich das versuche. Und wenn er mir vollends die Gnade erweist, mich auf die Stirn zu küssen, möchte ich am liebsten davonlaufen.“

„Gabriele, ich bitte Dich –“

„Ja, Mama, ich kann mir nicht helfen. So oft ich in Onkel Arno’s Nähe komme, ist es mir, als müsse ich mich wehren, mit allen Kräften wehren, gegen irgend etwas, das von ihm ausgeht. Ich weiß nicht, was es ist, aber es peinigt und quält mich. Ich kann mit ihm nicht verkehren wie mit anderen Menschen, und – ich will es auch nicht.“

Es klang ein ganz entschiedener Trotz aus den letzten Worten der jungen Dame; sie nahm Hut und Sonnenschirm vom Tische und machte sich zum Gehen fertig.

„Wo willst Du denn hin?“ fragte die Mutter.

„Nur auf eine halbe Stunde in den Garten; es ist zu heiß in den Zimmern.“

Die Baronin protestirte und wollte vor allen Dingen die Toilettenfrage entschieden wissen, aber Gabriele schien heute alles Interesse daran verloren zu haben und war überhaupt viel zu sehr gewohnt, ihren Launen zu folgen, um den Einwand zu beachten. In der nächsten Minute eilte sie davon. –

Der Garten lag an der Rückseite des Schlosses, dessen Mauern ihn auf der einen Seite begrenzten, während er sich auf der anderen bis an den Rand des hier steil abfallenden Schloßberges erstreckte. Die hohe Befestigungsmauer, welche ihn einst auch nach dieser Richtung hin abschloß, war niedergelegt worden, und über diese niedrige Brüstung, die ein dichtes Epheugeflecht umzogen hielt, schweifte der Blick ungehindert in’s Freie. Das Thal that sich dort in seiner ganzen Weite auf und entfaltete, von hier aus gesehen, seine eigenthümlich malerischen Reize; der Schloßberg war weithin berühmt wegen dieser Aussicht. Der Garten selbst verrieth noch überall den ehemaligen Burggarten. Etwas eng, etwas düster und sehr beschränkt im Raume, hatte er weder viel Sonnenschein, noch viel Blumenpracht, besaß aber dafür einen anderen selteneren Reiz: herrliche, uralte Linden beschatteten ihn und wehrten jeden Einblick, selbst vom Schlosse aus. Sie sahen ernst nieder auf die jüngere Generation, die, aus den ehemaligen Wällen und Befestigungen aufgewachsen, mit ihren schlanken Stämmen und ihrem frischen Grün den Schloßberg schmückte. Jene alten Baumriesen freilich wurzelten schon länger als ein Jahrhundert in diesem Boden; die riesigen Stämme [194] hatten schon manchen Sturm ausgehalten, und die mächtigen Aeste der Kronen flochten sich in einander zu einem einzigen, dichten Laubdache, das nur selten einen Sonnenstrahl hindurch ließ. Es breitete tiefen, kühlen Schatten über den ganzen Raum, dem die Blumen fast vollständig fehlten. Nur einzelne Gebüschgruppen erhoben sich auf dem grünen Rasen, und inmitten desselben rauschte ein Brunnen. Es war eine Fontaine im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts, mit alten, halbverwitterten Steinfiguren, die in seltsam phantastischer Auffassung Nixen und Wassergeister darstellten. Dunkles, feuchtes Moos bedeckte die steinernen Häupter und Arme, die eine Muschelschale stützten, aus welcher der Wasserstrahl emporstieg, um dann in tausend einzelnen Strahlen und Tropfen in das mächtige Bassin niederzurieseln. Auch hier überwucherte eine dichte, grüne Moosdecke das graue Gestein und gab dem sonst so krystallhellen Wasser eine eigenthümlich dunkle Färbung. Der „Nixenbrunnen“, wie er nach den Steingruppen hieß, die ihn schmückten, stammte aus der frühesten Zeit des Schlosses und spielte noch jetzt eine gewisse Rolle in der Umgegend. Es knüpfte sich irgend eine alte Sage daran, die dem Quell eine heilbringende Kraft lieh, und trotz Neuzeit und Aufklärung und obgleich das alte Bergschloß längst ein modernes Regierungsgebäude geworden war, behauptete sich jene Kraft in dem Aberglauben des Volkes.

Man schöpfte an gewissen Tagen des Jahres das Wasser; man gebrauchte es als Mittel gegen Krankheit, als Arznei für allerlei Leiden, zum großen Mißvergnügen des Gouverneurs, der schon mehrere Male diesem Unfuge energisch entgegengetreten war. Er hatte sogar den Schloßgarten schließen lassen, der früher Jedermann zugänglich war, und verboten, irgend einem Fremden den Zutritt zu gestatten, aber dieses Verbot hatte die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt eigensinnig fest an seinem Aberglauben und klammerte sich nur um so zäher an den Gegenstand desselben. Die Schloßdienerschaft wurde bald mit Bitten, bald mit Geschenken bestochen, um heimlich zu dulden, was sie nicht offen durfte geschehen lassen, und das Wasser des Schloßbrunnens galt nach wie vor als so heilkräftig, wie nur irgend ein Weihwasser, wiewohl es doch offenbar unter dem Schutze der heidnischen Nixengottheiten stand.

Gabriele hatte gleichfalls von diesen Dingen gehört, durch den Freiherrn selbst, der sich oft mit heftigen Unwillen darüber äußerte, und vielleicht war es die von der Mutter so gefürchtete fortwährende Opposition gegen den Vormund, welche die junge Dame bestimmte, gerade hier ihren Lieblingsplatz zu wählen. Auch heute hatte sie ihn aufgesucht, aber weder der Nixenbrunnen selbst, noch die weite Aussicht, welche sich drüben an der freien Seite des Gartens aufthat, vermochte sie zu fesseln. Gabriele war übler Laune, und sie hatte allen Grund dazu. Nach der schrankenlosen Freiheit, die sie in Z. genossen, konnte sie sich durchaus nicht mit den strengen Formen des Raven’schen Hauses befreunden, um so weniger, als diese Formen die gehofften öfteren Begegnungen mit Georg Winterfeld unmöglich machten. Das junge Paar war in R. fast vollständig getrennt und mußte sich, ein zufälliges Zusammentreffen vor Zeugen abgerechnet, mit einem flüchtigen Sehen aus der Ferne oder einem Gruße begnügen, den Georg verstohlen zu den Fenstern hinaufsandte. Er hatte freilich eine Annäherung versucht und den Damen einen kurzen Besuch gemacht, zu dem die frühere Bekanntschaft ihn berechtigte. Die Baronin hätte auch nichts dagegen gehabt, den liebenswürdigen jungen Mann auch hier öfter zu empfangen, aber Raven gab seiner Schwägerin einen sehr deutlichen Wink, daß er keinen näheren Verkehr zwischen den Damen seines Hauses und einem seiner jungen Beamten wünsche, der noch gar keinen Anspruch auf eine solche Auszeichnung habe. In Folge dessen wurde der Besuch zwar angenommen, aber es erfolgte keine Einladung, ihn zu wiederholen, und damit war der Versuch gescheitert.

Es war freilich mehr Ungeduld als Schmerz, womit Gabriele den Zwang ertrug, der sie hier von allen Seiten umgab. Seit der Freiherr sie so vollständig zu der Kinderrolle verurtheilte, vermißte sie sehr die zarte und doch leidenschaftliche Huldigung Georg’s, die sie früher als selbstverständlich hingenommen hatte. Er fand ihre Bildung nicht „lückenhaft und vernachlässigt“; er examinirte sie nicht und muthete ihr keine Unterrichtsstunden zu, wie der Vormund, der so gar nicht wußte, wie man junge Damen ihres Alters eigentlich zu behandeln habe. Für Georg war sie die Geliebte, das angebetete Ideal; ihn beglückte schon ein Gruß, den sie ihm aus der Ferne zuwarf – trotzdem war sie auch auf ihn böse. Warum versuchte er nicht energischer, die Schranken zu durchbrechen, die sie von einander trennten? warum hielt er sich in so ehrerbietiger Entfernung? warum schrieb er ihr nicht wenigstens? Das junge Mädchen war noch viel zu kindlich und unerfahren, um die zarte Rücksicht zu würdigen, mit der Georg Alles vermied, was nur den geringsten Schatten auf sie werfen konnte, mit der er Trennung und Entfernung ertrug, ehe er irgend etwas unternahm, was ihren Ruf gefährdete.

„Nun, Gabriele, suchst Du die Geheimnisse des Nixenbrunnens zu ergründen?“ sagte plötzlich eine Stimme. Sie wandte sich rasch um. Freiherr von Raven stand vor ihr. Er mußte soeben erst aus dem Gebüsche hervorgetreten sein; es geschah überhaupt nur höchst selten, daß er den Garten betrat. Ihm fehlte sowohl die Zeit, wie die Lust zu einsamen Spaziergängen. Auch heute mußte ihn irgend etwas Besonderes herführen, denn er schritt sofort auf die Fontaine zu und begann sie aufmerksam von allen Seiten zu besichtigen.

„Nun, Onkel Arno, mit den Geheimnissen mußt Du ja besser vertraut sein, als ich,“ gab Gabriele lachend zur Antwort. „Ich bin noch fremd hier, und Du wohnst schon lange im Schlosse.“

„Glaubst Du, daß ich Zeit habe, mich um Kindermärchen zu kümmern?“

Der verächtliche Ton der Worte reizte die junge Dame unwillkürlich. „Du hast wohl niemals die Kindermärchen geliebt?“ fragte sie. „Auch als Knabe nicht?“

„Auch als Knabe nicht! Ich hatte schon damals Besseres zu denken.“

Gabriele sah zu ihm auf; dieses stolze, strenge Antlitz mit dem Ausdrucke finsteren Ernstes sah freilich nicht aus, als hätte es je die Märchenpoesie der Kindheit gekannt oder geliebt.

„Trotzdem gilt mein Besuch heut dem Nixenbrunnen,“ fuhr er fort. „Ich habe Befehl gegeben, ihn abzubrechen und den Quell zu verstopfen, will mich aber zuvor überzeugen, ob die Anlagen nicht etwa darunter leiden, und ob deswegen Vorkehrungen getroffen werden müssen.“

Gabriele fuhr erschrocken und empört auf. „Der Brunnen soll vernichtet werden? Weshalb denn?“

„Weil ich endlich des Unfuges müde bin, der damit getrieben wird. Der lächerliche Aberglaube ist nicht auszurotten. Trotz meines strengen Verbotes wird fortwährend heimlich Wasser aus dem Brunnen geschöpft und damit dem Unsinn immer wieder neue Nahrung gegeben. Es ist die höchste Zeit, der Sache ein Ende zu machen, und das kann nur geschehen, wenn dem Aberglauben der Gegenstand genommen wird, an den er sich klammert. Es thut mir leid, daß eine alte Merkwürdigkeit des Schlosses dabei zum Opfer fallen muß, aber gleichviel – sie muß fallen.“

„Aber dann wird dem Garten seine schönste Zierde geraubt,“ rief Gabriele. „Gerade dieses einsame Sprühen und Rauschen der Fontaine gab ihm den höchsten Reiz. Und das silberhelle Wasser soll auf immer in die dunkle Erde gebannt werden? Das ist abscheulich, Onkel Arno; das leide ich nicht.“

Raven, der noch immer mit der Besichtigung des Brunnens beschäftigt war, wandte langsam den Kopf nach ihr.

„Du leidest es nicht?“ fragte er, sie scharf fixirend, aber es war nicht jener drohende, gebieterische Blick, mit dem er sonst jeden Widerspruch zu Boden schmetterte. Es dämmerte sogar ein leises Lächeln in seinem Gesichte auf. „Dann wird freilich nichts übrig bleiben, als daß ich meinen Befehl zurückziehe; es wäre freilich das erste Mal, daß so etwas geschieht. – Glaubst Du denn wirklich, Kind, ich werde Deinen romantischen Bedenken einen meiner Entschlüsse opfern?“

Das war wieder das überlegene, halb spöttische, halb mitleidige Lächeln, das Gabriele stets zur Verzweiflung brachte, und der Ausdruck „Kind“ that es nicht minder. Tief verletzt in ihrer siebzehnjährigen Würde, zog sie es vor, gar nicht zu antworten, und begnügte sich, ihrem Vormund einen entrüsteten Blick zuzuwerfen.

„Du thust ja, als ob Dir mit der Wegnahme des Brunnens eine persönliche Beleidigung geschähe,“ sagte der Freiherr. „Mir scheint, Du hegst noch den ganzen Respect der Kinderstube vor

[195]

In den Pongau-Klammen der Salzburger Alpen.
Nach der Natur aufgenommen von Oscar Kallwitz.

[196] den Ammenmärchen und fürchtest Dich im vollen Ernste vor dem gespenstischen Nixenvolk.“

„Ich wollte, die Nixen rächten sich für den Spott und für die angedrohte Vernichtung,“ rief Gabriele mit einem Tone, der muthwillig sein sollte, aber sehr gereizt klang. „Mich freilich würde ihre Rache nicht treffen.“

„Aber mich, meinst Du?“ ergänzte Raven sarkastisch. „Sei ruhig, Kind! Dergleichen droht nur poetischen Mondscheinnaturen. An mir möchte sich dieser Nixenzauber doch wohl umsonst versuchen.“

Sie standen unmittelbar am Rande der Fontaine; das Wasser rauschte und rieselte eintönig aus der Muschelschale nieder, plötzlich aber gab ein Windhauch dem Strahle eine andere Richtung; er sprühte seitwärts, und ein funkelnder Tropfenregen ergoß sich gleichzeitig über den Freiherrn und Gabriele. Sie sprang mit einem leichten Aufschrei zurück. Raven blieb gelassen stehen.

„Das traf uns Beide,“ sagte er. „Deine Nixen scheinen sehr unparteiischer Natur zu sein. Sie strecken nach Feind und Freund ihre nassen Arme.“

Die junge Dame war nach der Bank geflüchtet und trocknete mit dem Taschentuche die Tropfen von ihrem Kleide. Der Spott ärgerte sie unbeschreiblich, gleichwohl wußte sie ihm nichts entgegen zu setzen. Jedem Anderen gegenüber wäre sie auf den Scherz eingegangen und hätte aus dem Zufall eine Neckerei gemacht – hier konnte sie es nicht. Der Scherz des Freiherrn war immer Sarkasmus; sein Lächeln schloß nie eine Spur von Heiterkeit in sich, und es war höchstens Ironie, die auf Augenblicke den gewohnten Ernst seiner Züge verdrängte. Er schüttelte mit einer raschen Bewegung die Tropfen ab, die auch ihn überschüttet hatten, und trat dann gleichfalls zur Bank, während er fortfuhr:

„Es thut mir leid, daß ich Dir Deinen Lieblingsplatz nehmen muß, aber das Urtheil über den Brunnen ist nun einmal gesprochen. Du wirst Dich darein finden müssen.“

Gabriele warf einen Blick auf die Fontaine, deren träumerisches Rauschen vom ersten Tage an einen geheimnißvollen Reiz auf sie geübt hatte. Sie kämpfte fast mit dem Weinen, als sie antwortete:

„Ich weiß es ja, daß Du nicht darnach fragst, ob Deine Befehle Jemanden wehe thun, und daß es ganz umsonst ist, Dich zu bitten. Du hörst ja niemals auf eine Bitte.“

Raven kreuzte ruhig die Arme. „So? Weißt Du das bereits?“

„Ja, und es bittet Dich auch Niemand. Sie fürchten sich ja Alle vor Dir, die Dienerschaft, Deine Beamten, die Mama sogar, nur ich –“

„Du fürchtest Dich nicht?“

„Nein!“

(Fortsetzung folgt.)




In den Liechtenstein-Klammen.
Von Oscar Kallwitz.
(Mit Abbildung.)

Der Zug hielt. „St. Johann!“ riefen die Conducteure, „zwei Minuten Aufenthalt!“ Ich folgte dem Drängen meiner Reisegefährten und stieg aus, nicht ohne ein gewisses Zögern. Mein Reiseziel nämlich war Zell am See, und dahin lautete auch meine Fahrkarte. Aber meine bisherigen Coupégenossen hatten mir von den wilden Klammen der Großarl, den sogenannten Liechtenstein-Klammen, so viel des Merkwürdigen erzählt, daß ich eben noch im letzten Momente meinen Reiseplan umänderte und die Klammen zu besuchen beschloß, um so mehr, als ich eigentlich Großartiges in dieser Art noch nicht gesehen hatte.

Die Klammen der Großarl sind von St. Johann nicht weiter als eine gute Stunde entfernt. Da wir nun jedenfalls (es war erst Nachmittag) im Verlaufe des Tages wieder von St. Johann weiter zu reisen gedachten, mietheten wir ein Gefährte und fort ging es, zunächst nach der genannten Stadt.

St. Johann, zum Unterschied von anderen Orten gleichen Namens „im Pongau“ zubenannt, ist der Hauptmarkt dieses Gaues und zählt fast 3000 Einwohner, die sich durch Rührigkeit und Wohlhabenheit vor vielen anderen Gebirgsbewohnern auszeichnen.

Von St. Johann aus führt die Fahrstraße nach Süden das rechte Ufer der wild dahin rauschenden Salzach entlang. Die Landschaft ist herrlich. Rechts und links und vor uns thaleinschränkende, kühngeformte und dichtbewaldete Berge, hinter uns in duftiger Ferne das rauh zerrissene, schroffe, schneebesprenkelte Tännengebirge, dessen Gerippe durch die von Sonnenschein des prachtvollen Augusttages hervorgerufene scharfe Begrenzung von Licht und Schatten besonders plastisch hervortrat.

Nach einer Fahrt von etwa einer halben Stunde, während deren wir am dem Dorfe Plankenau vorbei aus dem Salzachthal in das Nebenthal der Großarl eingebogen waren, hatte der Fahrweg sein Ende erreicht. Wir stiegen aus und überließen uns der Führung eines Fußweges, der uns durch Gebüsch und jungen Wald thalauswärts führte. Nicht mehr weit vor uns schien das Thal von einer senkrechten, fast tausend Fuß hohen Felswand sackgassenähnlich abgeschlossen zu sein, sodaß wir verwundert nach dem Durchbruche der unter uns im Sonnenschein glitzernd dahineilenden Ache forschten. Aber wir konnten nichts wahrnehmen; nur ein dumpfes, weithallendes Getöse ließ auf bedeutende Wasserstürze schließen.

Die Großarl ist ein wasserreicher Gebirgsbach von reichlich dreißig Kilometer Lauflänge und nimmt ihren Ursprung aus einem Gletscher, dem sogenannten Gstöß-Kees, nicht weit vom Ankogel, dem dominirenden Punkte der näheren Umgebung. Das Großarler Thal verdient unter den vielen schönen Seitenthälern hervorgehoben zu werden, welche sich quer in nördlicher Richtung mit seltener Regelmäßigkeit von jenem gewaltigen Gebirgszuge der Tauern herabziehen, der die in westöstlicher Richtung sich erstreckende, musterhafte Centralkette der Ostalpen darstellt. Ungefähr da, wo die hohen Tauern in die niederen oder Radstädter Tauern übergehen, steigt das Großarler Thal herab und mündet in das Längsthal der Salzach, wo dieses, den Charakter eines Querthales annehmend, nach Norden umbiegt. Die Klammen selbst, ausgezeichnet durch ihre Enge und Tiefe, liegen im unteren Theile des Thales, nicht weit vom Einflusse der Ache in die Salzach und waren bis vor Kurzem fast ganz unbekannt und unzugänglich.

Ende des Jahres 1875 faßte die Section Pongau des deutschen und österreichischen Alpen-Vereins den Beschluß, die Klammen zugänglich zu machen, und schon in der Mitte des nächsten Jahres war ein Steig von eintausendachthundert Meter Länge durch den Haupttheil der Klammen fertig hergestellt. Am Pfingstmontage des Jahres 1876 wurden die Klammen feierlich eröffnet und zu Ehren des Fürsten Liechtenstein, der das Protectorat über die Anlagen übernommen, mit dem jetzt gebräuchlichen Namen belegt. Der Weg soll noch etwa eine halbe Stunde weiter auswärts geführt werden, wo eine zweite Reihe von Klammen und, was für die Weiterführung des Weges am maßgebendsten ist, warme Quellen sich befinden, welche man der leidenden Menschheit nutzbar machen will. Diese Quellen, als ganz gleich mit den im Nachbarthale von Gastein gelegenen befunden, sind übrigens schon seit alter Zeit bekannt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts waren sie sogar zu einem Bade hergestellt, das allerdings sich in einem sehr primitiven Zustande befand und noch dazu, einen die Klammen umgehenden, steilen, lebensgefährlichen Zugang hatte, sodaß mancher, der hier Heilung seiner Leiden suchte, durch einen Sturz verunglückte. Es wurde leider nach einigen Jahren durch eine Ueberschwemmung zu Grunde gerichtet und später von Lawinen verschüttet.

Mittlerweile hat uns der Weg um einen Vorsprung des Thalhanges geführt, und nun sehen wir auch mit Staunen, welchen Weg die Ache genommen. Als ob die schon erwähnte thalabsperrende Felswand durch unterirdische Kräfte, durch irgend eine Erdrevolution gespalten worden wäre, gähnt dicht vor uns

[197] eine ungeheuere Kluft die berghohe, senkrechte Wand herab, und aus ihrem Grunde schießen brausend und donnernd die schaumweißen Gewässer der Großarl. Wir überschreiten eine Brücke und treten sodann in die Schlucht ein. Dieselbe ist so eng (etwa drei bis vier Meter breit) und die Wände sind so glatt und steil, daß man die Schwierigkeiten sieht, welche sich hier der Bahnung eines Weges entgegenstellten. Der Steig, im Durchschnitt etwa einen Meter breit und durchgängig mit Geländern versehen, zieht sich mit Benutzung jedes Vorsprunges vermittels zahlloser Brücken bald auf das rechte, bald auf das linke Ufer und steigt mitunter, dem Gefälle des Wassers entgegenstrebend, in Stufen empor.

Je tiefer wir in die grause Schlucht eindringen, desto enger und dunkler wird sie. Die Felswände treten oben perspectivisch fast zusammen und lassen nur einen schmalen Himmelsstreif erkennen. Die Gewässer, in zahllosen Fällen über Felsblöcke hinabstürzend, verursachen ein Getöse, ein Gebrause, das, von den Windungen und Krümmungen der Felswände hundertfach verstärkt zurückgeworfen, unaufhörlichem Donner zu vergleichen ist.

Bald erweitert sich auf einmal die bisher fast dunkle Schlucht zu einem Kessel, indem die senkrechten Wände sich schräg abdachen und etwas zurücktreten. Wir sehen wieder blauen Himmel, Sonnenschein und Pflanzengrün und das Wasserrauschen verliert den Donnerton. Die Kesselseite zu unserer Rechten ist mit Gebüsch und Alpenblumen bewachsen.

Aber bald schließt sich wieder die Schlucht, und die Felswände treten enger als je zusammen. Die Scenerie wird noch wilder, noch düsterer und schauriger als zuvor. Alles Leben ist wieder verschwunden; keine Blume, kein Pflänzchen, kein Sonnenschein, kein Himmel ist zu erblicken. Da ist nichts als Wasser und Felsen, als Donner und Brausen, als Nacht und Grauen. Das ist der Weg zur Unterwelt, verkörperte Dante’sche Phantasie.

So geht es eine Weile fort; dann biegt plötzlich der Steig um eine Felsecke und ist zu Ende. Uns aber bietet sich ein Schauspiel dar, so erhaben schön, so voller Pracht und Majestät, wie es sich großartiger selbst die kühnste Phantasie nicht vorzustellen vermag.

Vor uns die Ache, in wütenden Stürzen über fünfzig Meter hoch herabrollend und nach jedem Sprunge, wie betäubt von der Gewalt des ungeheuren Falles, einen Absatz, ein Becken mit horizontalen Niveau bildend, in dem es sich allmählich erholt, um daraus mit neuer Wuth, mit erneutem Ingrimme sich hinabzugießen, sodaß die zerstiebenden Wasser in Schaum und Gischt, in Dampf und Nebel aufwallen. Hunderte von Metern hoch bauen sich beiderseits daneben die starren, steilen Kalkfelsen auf. Hier ist die Herrschaft des Starren und des Flüssigen. Aber das Flüssige scheint mächtiger zu sein als das Starre, denn es hat seinen Charakter, seine Form dem Starren aufgedrückt. Wie versteinte Meereswellen, wie aufgerichtete Oceane sind sie anzuschauen, diese hohen, gigantischen Wände mit den kühn geschwungenen Erhabenheiten und Vertiefungen, wie Wellen, die, in stürmisch wallender Bewegung begriffen, auf das Geheiß einer naturgebietenden, wunderthätigen Macht plötzlich stillstanden und erstarrten.

Wie wir noch dastehen, in Anschauung und Bewunderung versunken, wird das Bild vor uns allmählich immer heller, leuchtender; die Wassergarben der Fälle erglänzen in blendendem Lichte, anfangs nur in ihren oberen Partien, dann aber immer tiefer herab, bis endlich die ganze tobende Wassermasse im intensivsten Weiß, im Glanze des flüssigsten Silbers erstrahlt. Es ist die Sonne, die diese Erscheinung hervorbringt. Für eine kurze Zeit, für nur eine halbe Stunde des Tages etwa, wirft sie, denn Culminationspunkt nahe, ihre Strahlen voll und blendend in diesen Theil der zickzackförmig sich windenden Schlucht.

Eine Viertelstunde des erhabensten und reinsten Naturgenusses, und wir waren wieder auf dem Rückwege. Etwa fünfzig Schritte weiter standen wir an der engsten, finstersten und unheimlichsten Stelle der ganzen Schlucht. Die Wände schließen sich, in der Höhe scheinbar zu einem Spitzbogengewölbe, und wie der Schlußstein zu einem Gewölbe hängt dort oben, von uns auf dem Hinwege unbemerkt, ein Stein, ein Felsblock, der höchstens zwei Cubikmeter stark sein mag, aber es schien uns, als halte er die beiden Wände auseinander, als müsse mit seiner Entfernung der ganze großartige Bau zusammenfallen. Er war wirklich unheimlich anzuschauen, dieser Stein, wie er so da hing, dem Anscheine nach ganz lose, nur an zwei Punkten wie von einer gigantischen Pincette festgehalten. Wenn er nun doch einmal hinabstürzte, die Wände vielleicht ihren Halt verlören, so – da auf einmal, was ist das? – ein Donnern, ein Getöse, wie wenn hundert Geschütze auf einmal ihren ehernen Mund öffneten, ein Gedonner, grauenvoll! Die Schallwellen umzitterten fühlbar den ganzen Körper, und an den Ohren gar vibrirte die Luft so heftig, als ob dort ein Nachtgespenst, ein Ungeheuer, ein Vampyr mit seinen Schwingen lächele. Hilf, Himmel! Was ist denn das? Sollte denn –? „Die Klamm stürzt ein,“ schreit auf einmal eine Stimme. Und wahrlich, was kann es denn Anderes sein? Alles zittert ja; Alles bebt. Dazu hören wir Felstrümmer fallen, von den Wänden abprallen, hin und wieder stürzen und in den Fluthen versinken.

Eilen wir! Vielleicht ist es noch Zeit, dem Verderben zu entrinnen. Vor uns ist der Weg ja noch frei. Und wir stürzen vorwärts, gleiten aus dem schlüpfrigen Wege dahin mit einer Hast und zugleich mit einer Sicherheit, die nur unsere blinde Furcht möglich machte. Da, indem wir in eine andere Schluchtwindung einbiegen, erblicken wir vor uns einen Mann in der kleidsamen Tracht der Bewohner dieser Gegend, der trotz des noch andauernden höllischen Getöses heiter und ruhig dasteht. Und wie er uns erblickt, umfliegt ein sarkastisches Lächeln seine Gesichtszüge und er spricht: „Fiarchten’s Iane net! Do is niks zu fiarchten – g’sprengt haben’s.“

Das also war’s: gespregt haben’s. Ein Sprengschuß hat uns so in die Flucht gejagt. Und wir schauen uns an, verdutzt, verlegen und beschämt zugleich, daß wir uns so leicht hatten in’s Bockshorn jagen lassen. Auf unseren Wunsch führt uns der Mann sodann zurück, an dem Glanzpunkte und Abschlusse unserer Wanderung vorüber, zu der in unmittelbarster Nähe gelegenen Sprengstelle, einem in Arbeit stehenden und schon etwa zehn Meter tief eingesprengten schmalen Tunnel von etwas über Manneshöhe, dessen Eingang hinter einem Vorsprunge der linkshändige Felswand wir früher in unserem Enthusiasmus völlig übersehen hatten. Und dann setzen wir uns mit den Sprengern, die sich während der Detonation ganz in der Nähe an geeigneten Orte gesichert hatten, vermittelst eines Trinkgeldes in’s Einvernehmen, und nicht lange haben wir zu warten, und es ertönt abermals der grause, nervenerschütternde, schlachtenlärmübertönende Donner, der uns aber diesmal nur das Gefühl höchsten Interesses abzugewinnen vermochte.

Ohne daß uns ein weiteres Begebniß aufgestoßen wäre, verließen wir sodann die Klammen und trafen, begeistert von den empfangenen Eindrücken, nach mehrstündiger Abwesenheit wieder in St. Johann ein, von wo wir noch an demselben Tage unser vorläufiges gemeinsames Reiseziel, das herrliche gebirgsumschlossene Zell am See, erreichten.

Hiermit könnte ich eigentlich schließen, wenn ich mich nicht zu einem Nachtrage verpflichtet glaubte.

Das Wasser spielt, wie die Geologie lehrt, nicht nur als chemische, sondern auch ganz besonders als mechanisch wirkende Kraft eine bedeutende Rolle bei der dauernden Umgestaltung der Erdoberfläche, so ganz vorzüglich auch bei der Thalbildung. Ja, es läßt sich behaupten, daß, während allerdings ein nicht unbedeutender Theil der Thäler mit dem umgebenden Gebirge ursprünglich zugleich entstand und erst später durch die Einwirkung des Wassers wesentlich erweitert und umgestaltet wurde, ein anderer nicht minder großer Theil nur durch Auswaschung (Erosion) allein gebildet wurde. Diese letztere sind die eigentlichen, sogenannten Erosionsthäler. Allseitig und erschöpfend auf den interessanten Thalbildungsproceß einzugehen, kann wohl nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, aber es ist für das Verständniß der Klammbildung nothwendig, auch die Entstehung, beziehungsweise Fortbildung der Thäler wenigstens in großen Zügen anzudeuten.

Im Allgemeinen beginnt jeder Thalbildungsproceß damit, daß das von atmosphärischen Niederschlägen herrührende Wasser, dem Gesetze der Schwere gehorchend, auf dem mehr oder weniger geneigten Boden eines Berghanges den zufällig vorhandenen, vielleicht kaum bemerkbaren, rinnenartigen Vertiefungen folgt, und später, wenn bei andauernder Neigung einzelne Rinnen sich [198] vereinigt haben, eine bedeutendere, bis zum Fuße des Abhanges sich hinabziehende Furche bildet. Natürlich ist die Auswaschung da am stärksten, wo die größere Wassermenge wirkt, also am Fuße des Abhanges. Hier wird daher auch die Thalbildung ihren Anfang nehmen, indem das fließende Wasser, wenn es den Grund und die Seiten seines Bettes genugsam ausgewaschen hat, ein Nachstürzen der umgebenden Schuttmassen der Ufergehänge verursacht. Je lockerer diese Schuttmassen sind, desto flacher wird das Ufergehänge werden, je compacter, desto steiler. Ja, im Gestein von fester Structur können sie sogar senkrecht werden. Hat nun das Wasser in seinem unteren Laufe so viel ausgewaschen, daß sein ursprüngliches Bett sich zu einem Thale erweitert hat, dessen Sohle nicht viel höher als der Fuß des Abhanges liegt, so läßt hier in Folge des jetzt eintretenden geringen Gefälles die Kraft der Erosion nach, und das Wasser beginnt weiter oben in seinem Laufe, wo das Gefälle noch bedeutend ist, vorzugsweise auszuwaschen und zu nagen, wenngleich wegen seiner geringeren Menge in schwächerem Grade. Die Thalbildung schreitet somit von unten nach oben fort; unten verbreitert und vertieft sich das Thal; nach oben schneidet es sich weiter ein und vergrößert auf diese Weise sein Wasserabzugsgebiet.

Nicht immer aber geht die Thalbildung so regelmäßig und ohne alle Störung vor sich. Nicht selten stellen sich im Verlaufe der Thalauswaschung der Strömung des Wassers mächtige Querhemmnisse entgegen, sei es, daß diese in festeren, nicht so leicht zu erodirenden Gebirgstheilen oder in Bergvorsprüngen, sei es, daß sie gar in Hebungen des unteren Thalbodens oder in anderen Ursachen bestehen. Die Folge davon wird jedenfalls sein, daß das Wasser sich allmählich zu einem See ansammelt, dessen Abfluß dann, wenn jener das gehörige Niveau erreicht hat, an der niedrigsten Stelle des Querdammes stattfindet und sich über den in der Regel steilen Hang des Hemmnisses als Wasserfall hinabstürzt. Erst wenn das Hindernis, gänzlich durchwaschen ist, was jedenfalls außerordentlich lange Perioden erodirender Thätigkeit bedingt, wird der See entleert werden und sein Grund fortan wieder trockenen Thalboden bilden. Der Ort der Durchwaschung selbst wird sich gewöhnlich, besonders wenn das durchbrochene Material ein festes war, als eine enge Schlucht, als ein Felsdefilê darstellen. – Dies ist im Großen und Ganzen der Hergang bei der Thalbildung.

Eine besondere Erwähnung verdienen die Wasserfälle. Bei diesen muß natürlich die Erosion sich am kräftigsten zeigen, da das Wasser dort die stärkste mechanische Kraft äußert, wo es am schnellsten fließt. Stürzt es sich als Wasserfall über eine senkrechte Wand, so lassen sich wieder zwei Punkte seiner vornehmsten Wirksamkeit unterscheiden: oben die Schwelle seines Absturzes, unten die Stelle seines Aufpralles, während die senkrechte Wand direct desto weniger angegriffen wird, je weniger das im größeren oder kleineren Bogen herabschießende Wasser dieselbe berührt.

Daß das Wasser auf die Schwelle seines Absturzes und weiter oberhalb durch die ganz außergewöhnliche Schnelligkeit seiner Strömung einsägend wirkt, ist leicht einzusehen, besonders wenn man bedenkt, daß in Thälern mit steilem Gefälle das Wasser meistens Steingerölle, ja sogar mitunter mächtige Felsblöcke mit sich führt, welche nach Maßgabe ihrer Schwere den Boden in ausgiebiger Weise ausschleifen und ausnagen. An der Stelle seines Aufpralles wirkt das Wasser vorzugsweise ausgrabend. Zunächst bildet sich hier in Folge der besagen Stoßkraft des Wassers eine kesselartige Vertiefung, die sich mehr und mehr ausbreitet und namentlich den untersten Theil der Absturzwand selbst angreift, weil dem zwischen der Wand und dem herabfallenden Wasserstrome befindlichen, aufwallenden und wirbelnden Wasser durch den Strom selbst der Abfluß gesperrt wird. Diese Unterwühlung dauert nun so lange fort, bis endlich die unterminirte Felswand in Folge ihrer eigenen Schwere zusammenstürzt, worauf der ganze Vorgang von neuem beginnt. Selten jedoch wirkt die Erosion sowohl oben wie unten in gleichem Maße, meistens wird das Wasser, zufolge verschiedener Bedingungen, bald oben, bald unten überwiegend stärker angreifen. In beiden Fällen jedoch ist eine Folge der Erosion die, daß der Wasserfall, indem er vor sich, das heißt stromabwärts, eine Schlucht mit senkrechten Wänden zurückläßt, stetig so lange thalaufwärts rückt, bis er die Thalstufe gänzlich durchbrochen hat und nun das Wasser mit gleichmäßiger Schnelligkeit abwärts fließen kann. Es ist einleuchtend, daß die hier geschilderten Vorgänge in um so großartigerem Maße auftreten, je größer die Wassermasse und ihre Triebkraft und je weniger hart das ihrer Einwirkung unterliegende Gestein ist.

Ein sehr lehrreiches Beispiel von Wasserfällen, die vorzugsweise durch Unterminirung rückwärts schreiten, liefert der berühmte Wasserfall, welchen der Niagara in Nordamerika auf seinem Laufe vom Erie-See bis zu dem etwa hundert Meter tiefer gelegenen Ontario-See bildet. Die Fallwand besteht hier aus Schichten von härterem Kalkstein mit einer unterlagernden Schicht von weichem Schiefer (Niagaraschiefer). Von dem ungeheuren Wasserschwall wird der Schiefer bald weggewaschen, und die nun überhängende Kalkwand stürzt zusammen, sobald ihr die Unterlage in genügendem Maße entzogen ist. Nach Berechnungen von Hall und Lyell beträgt das Zurückschreiten des Niagarafalles im Durchschnitt etwa ein drittel Meter jährlich, und ist nach derselben Quelle die drei Stunden lange Schlucht mit den schroffen Wänden vom Falle abwärts bis Queenstown in der Nähe des Ontario, wo die von dem Strome durchflossene Hochebene plötzlich abfällt, in sechsunddreißigtausend Jahren gebildet worden, und wird der Fall den Erie-See in weiteren siebenzigtausend Jahren erreichen und denselben entleeren. Aehnliche Bewandtniß hat es mit dem Rheinfall bei Schaffhausen, der auch fortwährend rückwärts schreitet und so lange rückwärts schreiten wird, bis er den Bodensee erreicht und wenigstens theilweise entleert.

Die Klammen dagegen liefern Beispiele von Erosion, die vorzugsweise durch Einsägung von oben her wirkt, besonders dann, wenn die Wasserfallwand nicht geradezu senkrecht, sondern nur in höherem Grade steil ist oder wenn dieselbe aus gleichartig festem oder gar in ihren unteren Schichten aus härterem Gestein besteht. Hierher gehören denn auch die Klammen der Großarl, sowie die engen Schluchten in den benachbarten Tauernthälern. In diesen Thälern finden sich aber auch alle Vorbedingungen zur Klammbildung gegeben. Sie haben alle ein steiles Gesenke, ein bedeutendes Wassersammelgebiet, dieses letztere nicht sowohl wegen seiner Ausdehnung, als vielmehr deshalb, weil sie größtentheils aus Gletschern in Fülle gespeist werden und weil die atmosphärischen Niederschläge hier sehr reichlich sind. Fast alle stürzen mit ihrer Sohle kurz vor ihrem Eintritt in’s Salzachthal sehr steil oder geradezu senkrecht ab, wie das Großarler, das Gasteiner, das Rauriser Thal und andere. Dabei bestehen dieselben in ihrem unteren Gebiete aus nicht allzu hartem Kalkgestein.

Im Frühling ist es, wo sich hier die Erosion in vollster Thätigkeit zeigt. Nicht nur, daß dann unter der Einwirkung der die Schnee- und Eismassen des Gebirges schmelzenden Frühlingswärme die Wassermenge eine außergewöhnlich mächtige wird, die sich mit tobender Wuth und zerstörender Gewalt, Alles mit sich reißend, die steilen Thäler hinabstürzt, sondern es werden ihnen auch in reichlicherem Maße als sonst größere Felstrümmer dadurch zugeführt, daß das in die Fugen und Spalten des Gesteins der Thalwände einbringende Schneewasser bei dem zu dieser Jahreszeit besonders häufig eintretenden Temperaturwechsel sehr oft wieder gefriert und, da es in gefrorenem Zustande einen größeren Raum einnimmt, wie ein Keil absprengend und lösend thätig ist.

In dieser Weise hat das Wasser, der fallende Tropfen, seit unermeßlichen Jahren, seit Jahrtausenden gewirkt und in unermüdlicher, rastloser Thätigkeit, die einen Begriff von der Unendlichkeit beizubringen geeignet ist, im harten Fels diese unheimlichen Abgründe und Klüfte gegraben; so wirkt es noch fort, und so wird es weiter wirken, abermals Jahrtausende vielleicht, bis es endlich, gleichsam wie im demokratischen Nivellirungsdrange, einen Theil der Gebirge abgetragen und sich einen gleichmäßigen, bequemen Abfluß verschafft hat.

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Aus Robert Blum’s Leben.
1. Kindheit.

In den folgenden Blättern soll damit begonnen werden, die interessantesten Abschnitte aus dem Leben Robert Blum’s dem großen Leserkreis der „Gartenlaube“ vorzuführen, um so einen guten Theil des deutschen Volkes, ja der deutschen Leserwelt in allen Erdtheilen, aufmerksam zu machen auf die in Kürze erscheinende, zusammenhängende und, soweit es möglich ist, erschöpfende Geschichte dieses reichen Lebens.

Einer langen Einleitung bedarf das Unternehmen, einzelne Bilder aus dem Leben Robert Blum’s zu veröffentlichen, nicht. Obwohl beinahe dreißig Jahre seit seinem Tode verflossen sind und Deutschland seither in allen seinen öffentlichen Verhältnissen sich von Grund aus verwandelt hat, ist Robert Blum dennoch bei der großen Mehrzahl des deutschen Volkes unvergessen. Viele seiner Mitstreiter und Gegner aus der ersten deutschen Nationalversammlung haben ihn überlebt und seither hervorragenden und rühmlichen Antheil an der politischen Arbeit des deutschen Volkes genommen: Präsident Simson, Biedermann, Grumbrecht, Löwe, Ruge etc. Aber dennoch kann sich kaum Einer von ihnen mit der Popularität des todten Robert Blum messen. Mit rührendster Beharrlichkeit und Zähigkeit hängt das deutsche Volk an dem Andenken dieses Todten.

Der Grund der unverwelklichen Liebe und Verehrung, die das Volk an diesen Namen heftet, ist einfach genug. Robert Blum hat in seiner Kindheit und Jugend die Leiden der Armuth gekostet, wie selten ein Anderer. Er hat schon als ganz junger Mensch lange schmerzliche Blicke gethan in die tiefsten Tiefen leiblichen und geistigen menschlichen Elends. Ihm ist der herbste Schmerz nicht erspart geblieben, der eine reichbegabte wissensdurstige Natur erfüllen kann: der Schmerz, aus Armuth dem Lernen, jeder höheren Bildung entsagen, mit einfacher Handarbeit sein Brod verdienen zu müssen. Robert Blum ist mit eigener Kraft aus diesem ihm von einem harten Schicksal vorgezeichneten, scheinbar unübersteiglichen Lebenskreise immer freier und größer herausgewachsen. Er hat begonnen, mit unvergleichlicher Ausdauer an seiner eigenen geistigen Fortbildung, seiner Befreiung aus den Banden der Armuth und Unbildung zu arbeiten. Er hat mit jedem Schritte, der ihn unabhängiger stellte und seine Gesichtspunkte erweiterte, auch weitere Ziele in’s Auge gefaßt. Von den Interessen seiner Person, seiner freien Seele, seiner Familie, seines Standes, seiner Stadt, seiner Religionsgenossen ist er vorgeschritten zu dem Streben, die heiligsten und wichtigsten Angelegenheiten seines ganzen Volkes zu vertreten. Die Leiden und Kümmernisse wie die berechtigten Forderungen des Arbeiters haben niemals einen beredteren und uneigennützigeren Anwalt gefunden, als Robert Blum.

In wunderbarem Maße war ihm die Macht der Rede gegeben: niemals hat ein Mann so wie er verstanden, aufgeregte Massen zu beschwichtigen, als wären Tausende seines Sinnes, als geböte ein milder Vater dem ungeberdigen Kinde. Und dieses reiche, kraftvolle Leben, dessen letzter Theil, mit Aufopferung und großherziger Verleugnung aller eigenen Interessen, nur seinem Volke gewidmet war, hat Robert Blum gekrönt durch seinen in der Blüthe seiner Jahre muthig erlittenen Tod. Dieser Tod vor Allem macht ihn noch der Gegenwart theuer. Denn Robert Blum ist nicht erschossen worden wegen irgend einer persönlichen Handlung, welche auch nur den Vorwand eines Todesurtheils gegen ihn gerechtfertigt hätte. Vielmehr geben die heute bekannten Acten seines sehr kurzen Processes volle Gewißheit darüber, daß jener Schrei der Entrüstung vollkommen berechtigt war, der bei der Nachricht von seiner Hinrichtung Deutschland durchzitterte: daß in Robert Blum nicht die Person, sondern der Vertreter des deutschen Volkes, die Unverletzlichkeit des deutschen Reichstagsabgeordneten habe gerichtet werden sollen; daß mit einem Worte die allgemeine siegreiche Reaction an dieser Tödtung symbolisch zeigen wollte, daß sie Alles, was seit dem März des großen Jahres 1848 geschehen, nicht anerkenne und nun die Stunde gekommen erachte, um Deutschland wieder das Joch des alten tiefverhaßten Bundestages auf den Nacken zu legen. So gilt denn Robert Blum noch heute mit Recht als eines der edelsten Opfer, welche Deutschland jemals seiner nationalen Freiheit und Einheit gebracht hat.

Auch die Geschichte der Familie, aus der dieser bedeutende Mann hervorging, ist schnell erzählt. Auf eine lange Ahnenreihe konnte Robert Blum nicht zurückblicken. Das Wenige, was hierüber bekannt ist, muß auch berichtet werden, da es für die Kindheit und Jugend Robert Blum’s von Wichtigkeit wurde.

Aus dem Dorfe Freelsen, zwei Stunden von Köln, siedelte der Faßbindermeister Johann Blum und dessen Frau um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Köln über. Von sieben Söhnen übernahm der älteste, Robert Blum, das Geschäft des Vaters und wohnte als fleißiger Meister auf dem Fischmarkte in Köln. Er hatte drei Kinder: Engelbert, Heinrich und Agnes. Der im Jahre 1780 geborene älteste Sohn Engelbert war zu schwächlich, um sich dem Geschäfte des Vaters widmen zu können; namentlich hatte er eine schwache Brust und taugte daher für schwere Arbeit nicht. Auch hätten die ziemlich wohlhabenden und streng katholischen Eltern gern gesehen, wenn ihr ältester Sohn Theologie studirt hätte und „geistlich“ geworden wäre. Er besuchte daher das Kölner Gymnasium und hatte fünf Classen desselben absolvirt, als Untersuchungen und Verfolgungen gegen die Schüler stattfanden, die verdächtig waren, sich den verruchten Lehren ketzerischer Freigeister zugewendet zu haben. Engelbert Blum war in dieser Hinsicht bei den frommen Vätern sehr schlecht angeschrieben. Er hatte für die Verbreitung ketzerischer Irrlehren Propaganda gemacht und wurde von nun an streng bedroht und scharf beobachtet, sodaß ihm die Studien ernstlich verleidet wurden. Er schwankte, ob er freiwillig abgehen, sich wegschicken lassen oder heucheln solle, und war – wohl hauptsächlich mit Rücksicht auf die kirchliche Treue und die für ihn getroffene Berufswahl der Eltern – über seinen Entschluß noch nicht im Reinen, als die Franzosen in Köln einzogen, der Staatsherrlichkeit des Krummstabes daselbst ein Ende bereiteten und das Gymnasium schlossen.

Engelbert verzichtete nun definitiv auf seine Ausbildung zum Theologen und versuchte abermals, sich der Faßbinderei zu widmen, um das väterliche Geschäft zu übernehmen. Aber auch diesmal zeigte sich, daß ihm hierzu die nöthige Körperkraft mangle. Das nährende Gewerbe des Vaters ergriff der jüngere Sohn Heinrich, ein stämmiger Bursche, mit Kraft und Umsicht. Er ist in hohem Alter wohlhabend gestorben. Die Tochter, Agnes Blum, hat, wie wir sehen werden, ein Zufall zur Lehrerin gemacht. Ihr werden wir später noch einmal begegnen. Der halbstudirte, zu dem Gewerbe seines Vaters zu schwächliche Engelbert Blum aber hatte seine liebe Noth, sich sein tägliches Brod zu verdienen. Er suchte nach Beschäftigung, die seinen Kennwissen entspräche, doch ohne Erfolg, und mußte endlich für kargen Lohn eine Schreiberstelle an einem Kölner Lagerhause annehmen, die er nach einiger Zeit mit der Aufseherstelle in einer Stecknadelfabrik vertauschte. Das tagelange Sitzen am Schreibtisch war jedoch seiner schwachen Brust kaum nachtheiliger gewesen, als die verdorbene Luft, die er in seinem neuen Beruf den ganzen Tag athmen mußte. Denn in engem Raume mußte er hier mit einer großen Anzahl arbeitender Kinder aus den niedrigsten Ständen sich aufhalten. Für Ventilation war so wenig gesorgt, wie für Reinlichkeit der armen Kinder. Schulzwang und Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken waren noch unbekannte Dinge. Kinder im zartesten Alter wurden von ihren Eltern schon als Erwerbskräfte ausgebeutet.

Als Engelbert nach dem Schiffbruche seiner theologischen Hoffnungen zum zweiten Male den Versuch gemacht hatte, Küfer zu werden, hatte er ein junges Mädchen kennen gelernt, das mit sechszehn Jahren nach Köln gekommen war, bei verschiedenen Herrschaften gedient hatte und in den Jahren 1804 und 1805 bei einer wohlhabenden Faßbinderfamilie Wolff, die mit Blum’s verwandt war und in deren Nachbarschaft wohnte, in Diensten stand. Dieses Mädchen hieß Maria Katharina Brabender. Sie war über ihren Stand gebildet, etwas romantisch veranlagt, aber voll tüchtigen Selbstgefühls. Die jungen Leute liebten sich, und trotz des heftigsten Sträubens der Eltern Engelbert’s wie der [200] Familie Wolff – weshalb sich die letztere sträubte, ist etwas räthselhaft – heiratheten sich die jungen Leute am 25. November 1806. Sie wohnten in den ersten Jahren im Hause der Eltern Engelbert’s in der zweiten Etage des sehr schmalen Hauses Fischmarkt Nr. 1490 und erfreuten sich trotz ihrer Armuth des freundlichsten Familienlebens. Der junge Ehemann verdiente freilich nur achtzig Pfennige (einen Franken) den Tag. Die junge Frau aber nähte für die Leute, und da sie geschickt und fleißig, gut und gefällig war, so war sie überall gern gelitten, und es fehlte ihr nie an Arbeit.

Hier, im Hause seiner Großeltern, wurde am 10. November 1807 dem jungen Paare der erste Sohn, Robert Blum, geboren. Nichts charakterisirt wohl so sehr die damalige Lage des Vaterlandes, dessen kraftvoller Streiter der Neugeborene später werden sollte, als die Thatsache, daß der Geburtsschein dieses deutschen Kindes in der französischen Stadt Köln französisch ausgestellt wurde. Er lautet (Nr. 1421 vom Jahre 1807):„Acte de naissance de Robert Blum, né le dix novembre entre huit et neuf heures du matin, fils d’Engelbert Blum, tonnelier, et de Catharine Brabender, époux, demeurant rue Fischmarkt No. 1490.“

Das Kind war der Abgott der ganzen Familie. Vergessen war der Groll über die Heirath Engelbert’s. Der Großvater und Taufpathe Robert’s, der damals schon kränkelte, fühlte sich in dem Enkelchen wieder verjüngt und glücklich und wünschte sich nun noch ein langes Leben, das ihm indessen nicht beschieden sein sollte, denn im Jahre 1810 starb er. Der kleine Robert wuchs indeß herrlich heran; ungemein früh lernte er sprechen. In zartester Jugend schon entwickelte er außergewöhnliche Anlagen. Mit drei Jahren bekam er die Masern, an denen er so heftig erkrankte, daß man ihn bereits verloren gab. Von dieser Krankheit behielt er schlimme Augen und wurde schließlich blind, neun Monate lang; Alles versuchten die Eltern, um ihm das Augenlicht wiederzugeben. Zuletzt riefen sie die Hülfe eines Dr. Bracht an, der ihnen als Augenarzt gerühmt worden war und der den Kleinen mit der größten Sorgfalt behandelte. Immer sprach er den Eltern Muth und Hoffnung ein und bestellte endlich eines Tages die ganze Familie auf den kommenden Morgen zusammen. Der Arzt erschien pünktlich, nahm den kleinen Robert auf den Schooß, spielte mit ihm, erzählte ihm und schwenkte dazwischen, wie spielend, ein weißes Tuch hin und her. Zur unaussprechlichen Freude der Seinen griff Robert nach dem Tuche und gab so den ersten Beweis wieder erlangter Sehkraft. Doch blieben seine Augen immer schwach, eine Schwäche, die ihm auf seiner Lebensbahn recht hinderlich ward; um so höher steht jener eiserne Fleiß und Muth, mit welchem später der Mann, ohne Schonung seiner schwachen Augen, in durchwachten Nächten den Lücken seiner Bildung abzuhelfen bemüht war.

Das gute Gedächtniß, welches Robert sehr frühzeitig bekundete, veranlaßte seinen Vater, ihm das Meßdienen, das Knaben in lateinischer Sprache verrichten, zu lehren. Bald konnte Robert, kaum vier Jahre alt, die ganze lateinische Messe auswendig. Sein Vater zeigte ihm nun auch in der Nähe eines Altars, an dem gerade Messe gelesen wurde, was die Knaben dabei zu beobachten hätten. Und als Robert sich auch das eingeprägt, ließ der Vater ihn, unter Beihülfe eines größeren Knaben, am Altar mit dienen, und Robert sagte sein auswendig gelerntes Latein so schön und deutlich her, daß der Geistliche, ein gutmüthiger alter Herr, den Vater bat, ihm doch das liebe Kind täglich zum Meßdienen zu senden; den kleinen Robert aber beschenkte der freundliche alte Herr häufig mit Bildern, Büchern, Bonbons etc. Von dieser Zeit an ging der Kleine täglich in die Messe, bis er später wirklicher Meßdiener wurde.

Aber auch irdischere Künste brachte der Vater seinem Kinde bei: er lehrte ihm Lesen, Schreiben und Rechnen in sehr frühen Jahren. Sicher ist, daß Robert zu der Zeit, als sein Vater im letzten Viertel des Jahres 1814 am Ende seiner Kräfte in seiner aufreibenden Thätigkeit angelangt war und für immer auf’s Krankenlager geworfen wurde, also mit sieben Jahren, bereits in allen diesen Künsten, ganz tüchtig Bescheid wußte. Nach neunmonatlicher Krankheit, am 24. Juni 1815, starb Engelbert Blum. Er hinterließ eine Wittwe mit drei Kindern, Robert, Johannes und Gretchen, von denen Robert beim Tode des Vaters noch nicht acht Jahre zählte.

Die schlichten Aufzeichnungen, die mir vorliegen, über das Elend der Armuth, das die lange Krankheit und der Tod des Ernährers über die Familie brachte, und das Verhalten dieses jungen Knaben seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber, als er in so zartem Alter Waise geworden war, gehören zu dem Rührendsten und Ergreifendsten, was man lesen kann, und lassen namentlich die ganze Verlogenheit der socialistischen Declamationen erkennen, wenn diese heutzutage danach trachten, die vergleichsweise beneidenswerthe Ueppigkeit einer heutigen Arbeiterfamilie, bei den jetzigen Löhnen, Lebensbedürfnissen und Lebensgewohnheiten auch der ärmsten Classen, als den Gipfel des Elends und der Würdelosigkeit zu bezeichnen. Robert erkannte mit seinem klaren Verstande, seiner herzlichen Liebe für Mutter und Geschwister viel schärfer als sonst Kinder in seinen Jahren, wieviel mit dem Vater für die arme Familie verloren war. Aber statt seiner Mutter Schmerz durch die Offenbarung seiner frühreifen Erkenntniß zu vergrößern, suchte er seine Mutter zu trösten durch die treuherzige Versicherung, er sei schon groß und stark und werde deshalb fleißig mit ihr arbeiten; nur solle sie nicht mehr weinen, sonst werde sie auch noch krank. Er that aber mehr. Er ließ die scheinbar prahlerischen Worte zur That werden. Die Mutter gewann mit ihrer Nadel den ganzen Unterhalt der Familie – kümmerlich genug. Damit sie keine Minute versäume, holte Robert die Arbeit von den Kunden und trug das Fertige wieder fort. Er rathschlagte ernstlich mit der Mutter darüber, was jeweilig zuerst beschafft werden müsse, ganz wie ein ordentlicher Finanzminister, und holte das Nöthige herbei. Er unterhielt und ermahnte die jüngeren Geschwister, damit die Mutter ja beim Nähen bleiben konnte. Er blieb auf, wenn die Jüngeren im Bette waren, und strickte für die Geschwister und für sich selbst, weil die Mutter darauf keine Zeit verwenden konnte. Er verrichtete freudig und geschickt aus freien Stücken die meisten Hausarbeiten. Und als sein Bruder Johannes zu kränkeln anfing, pflegte ihn Robert mit rührender Geduld und Ausdauer.

Aber so traurig es der armen Familie ergangen war seit der Erkrankung und dem Tode des Familienhauptes, so sollte doch nun eine noch viel traurigere Zeit über sie kommen. Bisher hatte es wenigstens am Besten nicht gefehlt: an dem Frieden des Hauses. Die Ehegatten hatten sich aus Liebe geheirathet und sich herzlich geliebt, bis der Tod Engelbert’s sie trennte. Das Verhälniß zwischen Eltern und Kindern war das beste gewesen. In der Liebe, dem Gedeihen und dem Gehorsam ihrer Kinder sah auch die arme Wittwe einen unermeßlichen Schatz. Aber dieser Schatz wurde ihr mehr und mehr auch zu großer Sorge, namentlich als Johannes’ Krankheit sich verlängerte und als böses väterliches Erbtheil sich ankündigte. Da glaubte die arme Frau, sie werde doch auf die Dauer ihren Kindern das Brod nicht allein mit ihrer eigenen Kraft verdienen können, und nahm den Antrag an, den der Schiffer Kaspar Georg Schilder ihr machte, seine Frau zu werden.

Schilder hatte einen etwas stürmischen Lebenslauf hinter sich. Er war zuerst Schmuggler gewesen, ein Beruf, der die Betheiligten nicht immer mit den Spitzen der Gesellschaft zusammenführen soll. Dann, vor acht Jahren, war er als Soldat mit Napoleon nach Spanien gezogen und dort bis jetzt verblieben, ohne auch hier unablässig an der Spitze der Civilsation zu marschiren. Nun war er eben aus dem Kriege zurückgekehrt und hatte zwar ein hübsches Stück Geld, aber auch eine kleine Schwäche mitgebracht, welche geeignet war, einer zu großen Ansammlung von Ersparnissen mit der größten Aussicht aus Erfolg energisch entgegenzutreten, nämlich eine liebevolle Anhänglichkeit an alkoholhaltige Flüssigkeiten. Es ist begreiflich, daß diese mit dem Charakter eines alten Troupiers sonst keineswegs unvereinbare Leidenschaft nicht an Liebenswürdigkeit gewann, als der spanische Krieger, der dort gewöhnt gewesen war, die ältesten, feurigsten Klosterweine im Namen des einen und untheilbaren französischen Kaiserreiches à discrétion durch die rächende Gurgel zu gießen, sich, nach seinem geliebten Heimathlande zurückgekehrt, gezwungen sah, für weit saurere oder gemeinere Getränke sein gutes Geld Zug um Zug hinzugeben. Sehr bald konnten sich die besten Freunde Schilder’s der Erkenntniß nicht länger verschließen, daß der einstige Bändiger Hesperiens nicht blos dem Trunke, sondern sogar einem bösen Trunke ergeben sei.

[201] Ob nun die arme Frau, die diesem Manne ihr Jawort gab, seine Schwäche weniger bemerkt hat, ob sie hoffte, ihn in dieser Hinsicht zu bessern, oder sich angezogen fühlte durch die wirklich guten Eigenschaften Schilder’s – denn er war kerngesund, gutmüthig, grundehrlich, treu und fleißig – sicher ist, daß sie vor Allem einen Ernährer ihrer Kinder in ihm zu heirathen meinte. Aber sie sah sich schwer getäuscht. Auch in nüchternen Stunden zeigte sich der neue Gatte argwöhnisch, eifersüchtig, jähzornig und nur zu geneigt, bösen Einflüsterungen ein williges Ohr zu leihen, mit denen seine Mutter und Schwestern ihn reichlich versorgten. Bedauert und aufgehetzt von seiner Familie, trug er dieser das verdiente Geld zu und gab murrend von dem Reste Weniges in den Haushalt seiner Frau. Während diese also schon wenige Monate nach Eingehung der neuen Ehe erkannte, daß sie nur den lieben Frieden ihres Heims geopfert habe, ohne irgend eine Erleichterung in ihrer vielen und schweren Arbeit zu gewinnen, im Gegentheile nach wie vor für ihre Kinder allein sorgen müsse, und ihre Verbindung mit Schilder tief bereute, brachte dieser eines Tages ganz plötzlich und unerwartet, zum größten Schrecken und Staunen seiner Frau, seine Mutter und drei Schwestern dauernd in’s Haus. Das häusliche Elend, welches dadurch für Robert, dessen Geschwister und vor Allem für dessen Mutter geschaffen wurde, war grenzenlos. Die neuen Ankömmlinge waren völlig ungebildete, rohe und zanksüchtige Menschen, die unter einander und mit Schilder’s Frau und Stiefkindern unaufhörlich haderten und stritten. Den Mann gegen die Frau aufzuhetzen, schien ihnen Lebensbedürfniß. Robert stand mit blutendem Herzen in dieser heillosen Wirthschaft. Das Leiden der Mutter erdrückte ihn fast. Inniger als je schloß sich Robert’s Herz an Mutter und Schwester. Stolz und ohne jede Heuchelei von Liebe, die er nicht empfand, trat er den neuen Tanten gegenüber. Mit Stichelreden und rohen Mißhandlungen wurde ihm von der Sippschaft vergolten. Unwirsch und gereizt durch das stete häusliche Gezänk, ward Schilder immer verdrießlicher und liebloser; zuletzt mißhandelte er im Trunke sein treues Weib, zum Lohne für ihre unendliche Anstrengung und Arbeit. Mehrere Monate dauerte dieses unselige Verhältniß – bis endlich Robert’s Mutter mit dem Muthe der Verzweiflung ihrem Manne die Wahl stellte: mit ihr ohne die Seinen, oder mit den Seinen ohne sie und ihre Kinder zu leben. Dieser Energie der Frau beugte sich der im Grunde gutmüthige Mann, indem er sie dauernd von seinen Angehörigen befreite.

Elend blieb auch so genug noch übrig. Johannes starb im ersten Jahre der neuen Ehe an Schwindsucht, bis an’s Ende von Robert treu gepflegt und nach Kräften erheitert. Der lange Zwist, Verdruß und Kummer hatten tief am Herzen der Mutter genagt. Viermal nacheinander hat sie nach Eingehung der neuen Ehe zu früh geboren. Fortdauernde Kränklichkeit und Entkräftung waren die Folgen. Gicht und Lähmung traten schon jetzt bei ihr ein, um sie niemals mehr zu verlassen.

Mit besonderer Liebe wandte sich Robert nach dem Tode seines Bruders dem Schwesterchen zu. Er war der Schutzgeist ihrer Kindheit und Jugend; er unterrichtete sie, spielte mit ihr, darbte sich oft einen guten Bissen ab, um ihr eine Freude zu machen, und hatte er Kleinigkeiten an Geld, so wurden sie zu einem Spielzeug, einer Leckerei etc. für die Kleine. War Gretchen einmal unartig, so brauchte er nur zu sagen: „Lieb’ Gretchen, thue das nicht mehr!“ und das Verbotene wurde keinesfalls wieder gethan. Bei schönem Wetter führte er, so oft er Zeit fand, sein Schwesterchen nach dem fast dreiviertel Stunden entfernten Friedhof, an das Grab ihres Vaters, das durch ein einfaches schwarzes Holzkreuz bezeichnet war, in dem sich hinter Glas ein Todtenzettel des Vaters befand. Hier hielt er Gretchen an zu beten und erzählte ihr jedesmal, wie gut der Vater und wie glücklich sie Alle bei seinen Lebzeiten gewesen. Bei einem solchen Besuche auf dem Friedhofe bemerkte Robert Nachbarn, die sich zugleich mit den beiden Kindern von dort entfernten und in einen Wagen stiegen, um nach Hause zu fahren. Er trat an die gutmüthigen Leute heran und sagte, daß Gretchen so müde und außerdem noch nie in einem Wagen gefahren sei. Sie würden ihr wohl ein Plätzchen einräumen und ihr einmal diese Freude machen. Die Leute – eine Faßbinder-Familie Namens Merzenig – meinten, es sei auch für ihn noch ein Plätzchen übrig. Er aber war durchaus nicht zum Einsteigen zu bewegen, sondern eilte, so schnell er konnte, voraus, um das Schwesterchen in Empfang zu nehmen, brachte sie eilig nach Hause und erzählte der Mutter glückselig, wie es ihm gelungen sei, Gretchen in einem Wagen fahren zu lassen.

Ein anderes Mal sahen die Kinder, gleichfalls auf einem ihrer Gänge nach dem Friedhofe, am Wege einen Judenknaben, der ein Murmelthierchen zeigte und dafür Pfennige einsammelte. Um ihn hatte sich eine Schaar Buben zusammengerottet, die den Knaben verhöhnten, schimpften und mit Stöcken nach ihm und selbst nach dem Thierchen schlugen. Robert trat, voller Entrüstung über dieses Gebahren, auf die theilweise viel größeren Knaben zu und redete sie mit seiner lauten Stimme also an: „Schämt Ihr Euch denn gar nicht, den armen Jungen und selbst das unschuldige Viehchen zu mißhandeln? Das Kind ist arm und hat gewiß zu Hause noch kleinere Geschwister, die auf seine Pfennige mit Hunger warten. Braucht Eure Stöcke zu was Anderem und gebt dem Knaben was!“ und damit gab er dem Kinde einen halben Stüber (etwa zwei Pfennig), den ihm die Mutter zum Ankauf einiger Brezeln mitgegeben hatte. Unterdessen hatten sich auch mehrere Erwachsene um den Judenknaben und Robert versammelt und riefen: „Der Knabe hat Recht. Gebt dem armen Kinde was und mißhandelt es nicht!“ und der arme kleine Jude wurde reichlich beschenkt. Ein Herr aber sagte zu Robert: „Das hast Du gut gemacht, mein Junge. Sage Deinen Eltern, sie sollen Dich Pastor werden lassen! Predigen kannst Du schon jetzt.“

Mißhandlungen Seiten seines Stiefvaters hat Robert, obwohl das vielfach behauptet und auch in biographischen Arbeiten über Robert Blum zu lesen ist, nie erfahren. Die Mutter hielt ihre Kinder so streng und folgsam, auch ihr selbst gegenüber, daß der Vater, auch in seinen reizbarsten Augenblicken, nie Veranlassung fand, gegen die Kinder auszufallen.

Die größte Hingebung und Aufopferung für die Seinen bewies Robert in den schweren Hungerjahren 1816 und 1817. Schilder verdiente damals täglich vierzig Stüber, anderthalb Mark. Die Familie brauchte aber jeden Tag sieben Pfund Brod, und diese kosteten achtundvierzig Stüber. Also nicht einmal zum täglichen Brode reichte der Verdienst des Vaters. Der tägliche Brodverbrauch der Familie mußte um die Hälfte reducirt werden. Und dieses theure Brod war zudem noch so selten, daß Robert im Winter schon um fünf Uhr Morgens, bei grimmiger Kälte und schlecht bekleidet, an den Bäckerladen gehen mußte, um nach langem Warten und Kämpfen das kloßähnliche, heiße, kaum genießbare Gebäck zu erhalten. Nicht selten wurde es ihm von Stärkeren entrissen. Denn Noth kennt kein Gebot. Bald aber war auch dieses Brod nicht mehr zu erschwingen, und die Familie mußte sich durch ein Gebäck aus Hafer und allen möglichen anderen halb ober ganz ungenießbaren Dingen vor dem Hungertode zu schützen suchen. Es gab Leute genug, die Robert deutlich zu verstehen gaben, er solle sich auf’s Betteln legen. Aber dagegen bäumte sich der ganze Stolz seiner edlen Natur. Er hungerte, aber er bettelte nicht. Als dagegen die Noth zu Weihnachten 1816 auf’s Höchste gestiegen war und das frohe Fest herannahte, freudlos und gramvoll wie die andern Tage, da leuchtete ein anderer Gedanke in dem Haupte des gesunden Buben auf. Er eilte zu einem alten, wohlhabenden, geizigen Großonkel, einem der sieben Söhne des Johann Blum, mit dem wir die Genealogie des Hauses eröffneten, erschien hier mit rothgefrorenen Backen und blitzenden Augen und begann ungefragt dem biedern Onkel mit der ganzen überzeugenden Kraft, der echten Gottesgabe der Rede, die er in sich trug, die Drangsal und Noth der Seinen ergreifend zu schildern. Der alte Geizhals that, was er seit Langem nicht gethan: er vergoß einige Zähren des Mitleids. Er that aber noch ein Uebriges, was Robert sehr viel werthvoller war: er beschenkte Robert mit einem Sack Erbsen und Kartoffeln, einem Stück geräucherten Fleisches und sechs Stübern. Außer sich vor Freude, keuchend unter der schweren Bürde, flog der Knabe athemlos die Straßen entlang, seiner Wohnung zu. Da stolperte er, stürzte hin, Erbsen und Kartoffeln rollten über das Pflaster; doch Robert las sie bis auf die letzte zusammen und trat mit den völlig unerwarteten reichen Gaben unter die Seinen, mit Jubel und hoher Festfreude Aller Herzen erfüllend.

[202] Keinen Stachel und keinen Schatten von Verbitterung hat diese überaus trübe Kindheit, welcher ebenso peinvolle Lehrjahre folgten, in Roberts Herzen zurückgelassen. Er hat daraus nur eine eiserne Charakterstärke und Willenskraft gewonnen, eine Aufopferungsfähigkeit, die keine Grenzen kannte, wenn das Gebot der Liebe sie ihm zur Pflicht machte.

Hans Blum.





Ein Dornröschen der Cultur.
Von Auguste von Roeßler-Lade.

Viele Jahrhunderte hindurch wurde die Nessel nicht nur in Deutschland, sondern weit über seine Grenzen hinaus als eine Nutzen bringende Pflanze geachtet. Ihr Anbau trat zwar nur in einzelnen Erscheinungen zu Tage und wurde nur hier und da systematisch gepflegt. Einige Nesselarten werden noch bis heute in Amerika und Nordasien mit besonderer Aufmerksamkeit cultivirt, um aus ihrem Materiale allerlei Nutzen gewährende Gegenstände für’s bürgerliche Leben zu gewinnen.

Abgesehen davon, daß sich die Nessel als Gespinnstpflanze, als Futterpflanze in praktischer Hinsicht bewährt und die Vergangenheit als redendes Zeugniß zur Seite hat, ist sie auf medicinischem Boden schon längst existenzberechtigt und nimmt keineswegs, wie es auf den ersten Blick den Anschein gewinnen könnte, eine ausschließlich verachtete Stelle ein, wurde sie ja doch selbst für wunderthätig gehalten.

Mehr vielleicht, als jede andere Pflanze, war unsere Nessel dazu berufen, eine große Rolle in der Volkspoesie, Volksphantasie und dem Volksglauben zu spielen. Ich erinnere nur an die Sage von der Entdeckung der Nesselfasern. Ein böser Vormund wollte das Glück seiner Mündel nicht eher krönen, als bis sie aus einem am Wege stehenden Unkraute – er deutete dabei auf die Brennnessel – sich ihr Brautkleid selbst gesponnen und gewebt habe. Die Arme eilte mit schwerem Herzen in ihr Kämmerlein, warf sich vor dem Bilde der Mutter Gottes in die Kniee und bat innig um Hülfe. Ermattet schlief sie ein. Da öffnete sich ihr im Traume der Himmel, und zwei Engel schwebten zu der Schlafenden hernieder, nahmen sie bei der Hand und geleiteten sie zu dem verhängnißvollen Nesselstrauche. Hier unterwiesen sie die Maid, daß sie, so lange noch der Thau auf der Pflanze liege, dieselbe ungefährdet ernten könne, zeigten ihr, welche wunderbare Fasern der Stengel in sich birgt, lehrten sie diese Fasern spinnen, weben und bleichen und sich daraus ihr Brautkleid fertigen. Als das Mägdelein erwachte, dankte sie der heiligen Jungfrau aus tiefstem Herzensgrunde und ging sofort an das Werk. An dem Tage, an welchem sie ihre Arbeit vollendet, starb der böse Vormund eines jähen Todes, und die Liebenden wurden vereint. Das Geheimniß aber, welch feinen, im praktischen Leben zu verwerthenden Faden die Nessel in sich birgt, war entdeckt und wurde viele Jahrhunderte hindurch bei nothwendiger Pflege und zweckentsprechender Behandlung zu Nutz und Frommen der Menschheit getreulich gehandhabt.

Ebenso bekannt dürfte wohl das Märchen von den sieben Raben sein, nach welchem die stumme Königin sieben Hemden aus Nesseln spinnen mußte, um ihre Brüder zu entzaubern und ihre Sprache wieder zu gewinnen.

Es ist wirklich unbegreiflich, daß eine Pflanze, welche Jahrhunderte lang solche Verehrung gefunden, wie die Nessel, in Vergessenheit, sagen wir, sogar in die tiefste Verachtung gerathen konnte, sodaß man ihrer nur als des schlimmsten Feindes gedachte und sich alle Mühe gab, sie auszurotten, wo sie nur ihr Haupt erhob. Es könnte dem aufmerksamen Beobachter fast der Gedanke kommen, als ob die Nessel die zerstörende Hand des Menschen ermüden und dadurch den letzteren auf den ihr innewohnenden Werth hinlenken wollte, weil sie so schwer und erst nach mühevoller Kriegsarbeit die Stätte räumt, auf welcher sie sich einmal ansässig gemacht hat. Man sollte glauben, daß sie des Fußes spotte, der sie niedertritt, weil sie jedesmal mit erneutem Muthe das gesenkte Haupt wieder erhebt, oder wenigstens durch neue Triebkraft in Seitenästen ihr kümmerliches Dasein zu fristen sucht. Man sollte wähnen, daß sie damit dem undankbaren Sterblichen ihre permanente Dankbarkeit zu zeigen trachte, daß sie keine besondere Pflege als als unerläßliche Bedingung ihrer Existenzfähigkeit kategorisch beanspruche, wie ihre zahllosen Schwestern, die dem Erzieher so manchen Schweißtropfen auspressen und doch hier und da die auf ihre Pflege verwendete Mühe kaum oder höchst spärlich lohnen.

Sie ist nicht lüstern nach guter Bodenbeschaffenheit und begnügt sich fern von der menschlichen Verkehrsstraße mit der Einsamkeit in feuchten Walddistricten oder unfruchtbaren Triften, aber mit der nicht anzutastenden Willenserklärung, hier, wo sie einmal festen Fuß gefaßt hat, auszuharren, und mit der gegen sie angriffsweise vorgehenden Menschenmacht einen Krieg auf Leben und Tod zu bestehen, bis sie schließlich, von der Uebermacht überwältigt, den Platz räumen muß.

In neuerer Zeit jedoch ist es anders geworden, denn die ganze Welt redet von Nesseln und Nesselzucht, und es scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo die bisher verachtete und in Wahrheit mit Füßen getretene Pflanze zu nie gesehener Ehre erhoben werden soll. Die Landwirthe wenden ihr die Aufmerksamkeit zu und erhoffen, wenn die Nesselcultur systematisch und mit Eifer betrieben wird, eine ergiebige und werthvolle Ernte. Die Industriellen hören schon in ihrem regen Geiste ihre Webstühle klappern, um Nesselgespinnst aller Art zu verfertigen, vom feinsten Kleiderstoff bis zum Segeltuch und Schiffstau herab. Auf allen landwirthschaftlichen Vereinen wird die Cultur der Nessel auf die Tagesordnung gebracht, und es werden Mittel und Wege berathen, um der gegenwärtig vielfach darnieder liegenden Industrie durch Beschaffung eines bisher unbeachteten Erwerbszweiges neuen Boden zu beschaffen und neue Bahnen für ihre weitverzweigte Thätigkeit zu eröffnen. Die gelehrte Herren vom Katheder preisen in ihren Hörsälen das neuerstandene Dornröschen, welches vor mehr denn hundert Jahre durch den Stich einer englischen Spindel in Schlaf verfallen.

Und sie haben Alle Recht, die Landwirthe, wenn sie im Blick auf die wieder aufgenommene Nesselcultur hoffnungsvoll in die Zukunft sehe, die Industriellen, wenn sie für’s praktische Leben der Natur abgewinnen, was bisher unbeachtet in der Ecke stand, und die Gelehrten, wenn sie mit Untersuchungen und Experimenten auf theoretischem Wege der Praxis zu Hülfe kommen. Sie Alle betonen, wenn auch aus verschiedenartigem Gesichtspunkte, wie aus einem Munde: „Das Geschlecht der Urticeen soll und muß auferstehend wieder zu Ehren kommen und seine Kronen segnend über die Menschheit ausbreiten.“

Welchen nicht auszudenkenden Vortheil für Palast und Hütte gewährt doch ein regelrecht betriebener Anbau von Flachs und Hanf! Man überlege die Mannigfaltigkeit ihrer Production von den gröberen Waaren des Seilers bis zu dem feinen Pechdraht des Schusters und dem so viel wirkenden Zwirn der Nähterin, von dem starken Packtuch des Kaufmanns bis zu dem feinsten Battist der Edelfrau!

Eine gleiche Beachtung verdient die Nessel, welche sich in den Dienst der verbrauchenden Menschheit stellt und an ihrem Theile beitrage möchte, Arbeit und Verdienst für viele that- und rathlose Hände der Gegenwart zu schaffen. Welch ein weites Feld von Arbeit und Verdienst öffnet sich vor unserem Blicke, wenn das wieder erwachte Werk der Nesselzucht gedeiht und überzeugende Erfolge liefert!

Die Nessel gewährt, bis sie zu brauchbaren Gegenständen verwendet wird, gar manchem Verdienstlosen Verdienst und manchem Industriellen neue Quellen für zu erwerbenden neuen Wohlstand. Im Frühling baut sie der Landmann an; der Sommer bleicht sie mit Hülfe der Wasserstrahlen unter der Sonne, nachdem sie gebrecht, gehechelt und gesponnen worden – wer kann die Momente, wer die Geschäfte, wer die Hände alle nennen, welche wesentlichen Nutzen und Gewinn aus einem rationellen Betriebe der Nesselpflanze zu ziehen berufen sind!

Ihre nicht wegzuleugnende Nützlichkeit und das gewaltige allgemeine Interesse, welches dieser in Rede stehenden Cultur [203]

Osman Pascha.
Originalzeichnung von Professor W. Camphausen in Düsseldorf.





neuerdings zugewendet wird, veranlaßt mich, in diesem so viel gelesenen Blatte mit wenigen Worten ihrer zu gedenken und ihre Vergangenheit und Zukunft etwas näher zu beleuchten.

Nestorius erzählt schon im 9. Jahrhundert von den prächtigen Gewändern aus Nesseltuch und rühmt ihren Glanz und ihre Feinheit. Dann spricht er von der Haltbarkeit und Zähigkeit der Schiffstaue und Schiffssegel, die alle mehr oder minder nach damaligen Gebrauche aus Nesselfasern verfertigt zu werden pflegten. Noch in späteren Jahrhunderten wurde die Nesselcultur betrieben und war nach vorliegenden Berichten weit verbreitet. [204] Ich glaube kaum, daß es damals eine deutsche Hausfrau gegeben, welche nicht den Stoffen aus Nesseln huldigte. Wir sehen daraus, daß die Nessel nicht immer das unnütze Ding gewesen, das seiner Häßlichkeit wegen in Ecken und Winkel verbannt und mit Füßen getreten wurde, wie heute. Die Nessel war damals ebenso geachtet wie Flachs und Hanf; sie war eine gesuchte Pflanze, welche man ihres vielseitigen Nutzens wegen allüberall gern pflanzte und pflegte.

Vor mir liegt ein altes Medicinbuch aus dem 15. Jahrhundert, worin viele Seiten lang über die Brauchbarkeit und Wirksamkeit der Nessel in der Arzeneikunde zu lesen steht. Es ist da hauptsächlich unsere gemeine hochgehende Nessel, die urtica divica, gerühmt, aus deren Blättern man Thee gegen allerlei Uebel und aus deren Stengel man Tränke aller Art bereitete. Ein altes Verschen allda lautet:

Wenn sie Nesselsaft trunken im März
Bei helllichtem Mondenschein,
So ginge noch manche Maid
Spazieren am Ufer des Rhein.

Selbst die Eitelkeit damaliger Zeit stellte die Nessel in ihren Dienst, indem Nesselsamen, in destillirtem Wasser gekocht, als vielfach begehrtes und umworbenes Schönheitsmittel in gewissen Kreisen verkauft wurde. Es sollte dieses Säftchen, auf die Haut gestrichen und auf derselben von selbst trocknend, der Haut eine Weiße wie Alabaster und eine Zartheit gleich dem Sammet verleihen. Quacksalber und Zauberer priesen die Liebestränke aus Nesseln. Wer an Liebe krank, den ließen sie Nesselsamen in Wasser kochen und unter Gemurmel folgenden Sprüchleins das Gebräu umrühren:

Wie Jesus jeden Mensch geliebt,
Auch selber den, der ihn betrübt,
So sei auch Du in Liebe mein,
So brennend, als die Nesseln sein!

Mit diesem Safte begoß man die Thürschwelle des Liebsten. Natürlich entbrannte derselbe sofort in unwandelbarer Liebe zu der holden Zauberin.

Noch jetzt findet sich der Aberglaube, der Blitz fürchte sich vor der Nessel, weshalb sie in vielen Gegenden Donnernessel genannt wird. Der Blitz - so glaubt man - schlüge nie in einen Nesselstrauch. In Tirol legt man deshalb bei starkem Gewitter einen Nesselstrauß auf den Herd, damit der Blitz das Haus verschone, und in den Kellern legen sie Nesseln auf die Bierfässer, damit das Bier bei dem Gewitter nicht sauer werde.

Die Indier sagen: ich werde meine Rachegedanken in die Nesseln werfen, was so viel heißen soll, als: ich werde sie nie wieder aufnehmen. Kurz, man fand in ihr alle möglichen guten Eigenschaften und verehrte unsere wildwachsende urtica divica, wie vielleicht keine andere Pflanze.

Da kam vor etwas mehr denn hundert Jahren, von den Engländern eingeführt, die Baumwolle, King cotton, aus Osten, welche unserer armen divica eine sehr gefährliche Rivalin werden sollte und es auch ward.

War es der Reiz der Neuheit, welcher uns Deutsche ja stets so mächtig angezogen, oder war es die große Billigkeit, mit welcher sie ausgeboten wurde, kurz, die junge Engländerin trat gegen unsere bescheidene Landsmännin in offenem Kampfe auf und nach einigen Jahren war die arme Deutsche ohne Schutz und Schirm von jener aus den Schranken geschlagen. Von der stolzen Feindin verdrängt, mußte sie sogar erleben, daß Alle, welche sie früher verehrt, nun ihrer bittersten Feindin huldigten. Sie war eben alt und die Baumwolle - sagen wir neu. Arme divica!

Lange, lange Jahre schlief unsere nun nicht mehr geehrte und gepriesene divica den Schlaf der Vergessenheit, und als wollte sie im Schmollwinkel, in den sie sich zurückgezogen, über die Undankbarkeit des Menschen nachdenken, so verkroch sie sich an die Hecken, die Felsenrisse, überhaupt an von dem Fuße der Sterblichen wenig betretene Orte, um von ihrem entschwundenen Ruhme zu träumen. Aber die Seele ihres Lebens bewahrte sie ängstlich für die kommenden Generationen, und die ihr innewohnende Kraft wollte sie nicht preisgeben oder verleugnen, gerade als ob die Ahnung sie aufrecht erhielte, daß sie, nachdem das Geschlecht der Undankbaren ausgestorben, dereinst wieder zu vollen Ehren aufgenommen würde. Und so sollte es kommen. Ihr Mißcredit, in den sie ohne Schuld gerathen war, ging über an wohlverdienten Credit, welchen Sachverständige ihr erwiesen. Und wunderbarer Weise war das Ausland, welches die Nessel aus der von ihr innegehabten Stellung verdrängt hatte, dazu berufen, sie wieder an das Licht zu ziehen.

Als nach der Weltausstellung zu Philadelphia Professor Reuleaux[WS 1] in Berlin der deutschen Industrie das bekannte niederbeugende, aber durchaus wahre und nicht übertriebene Zeugniß ausstellte, daß sie, wenn anders sie eine gebietende Machtstellung unter den industriellen Producten für die Zukunft einnehmen wolle, andere, gewissenhaftere Wege einschlagen müsse, als der genannte Vertreter der deutschen Industrie dieser letzteren in wohlverstandenem und wohlgemeintem Interesse den Rath ertheilte, die fachliche und persönliche Aufmerksamkeit wieder mehr inländischen Erwerbserzeugnissen zuzuwenden, um sich so allmählich unabhängiger von dem Auslande zu machen, da wurde auch die Brennnessel wieder in das Gedächtniß ihrer Verächter zurückgerufen. Man erinnerte sich mit einem Male aller der guten Eigenschaften des verkannten Unkrautes.

Verschiedene Autoritäten auf dem Gebiete der Industrie, namentlich der aus seinem Berufsfeld so tüchtige und bewährte Garteninspector Bouché in Berlin beschäftigte sich in Gemeinschaft mit dem Reichstagsabgeordneten Dr. Grothe damit, die in Vergessenheit gerathene Nesselcultur wieder an das Tageslicht zu ziehen. Bouché scheute weder Mühe noch Aufopferung ihr aufzuhelfen. Die Herren richteten jedoch vielfach ihr Augenmerk auf fremde Nesselarten, von denen bereits günstige Ergebnisse vorliegen. Da ist vor allen Dingen eine chinesische Nesselart zu nennen, die urtica nivea (schneeweiße Nessel), welche bei der Berührung nicht brennt, wie unsere einheimische. Sie liefert einen Faserstoff, welcher einzigartig ist und an gediegener Schönheit, seidenartigem Glanze und haltbarer Feinheit von keinem andern übertroffen wird. Natürlich erhebt sie bei solchen Resultate auch ganz andere Ansprüche als unsere ausdauernde und bewährte divica. Sie verlangt ein besonderes Klima und eine eigens präparirte Bodenbeschaffenheit, um eine einigermaßen dankbare Ernte zu liefern, während unsere deutsche Brennnessel gar keine Umstände macht und allüberall zu Hause ist, wo man sie hinstellt.

Die Chinesin ist zart, gleich der Theerose, verlangt im Winter ein warmes Bett und einen warmen Mantel und gedeiht nur schwer im südlichen Europa.

Professor Reuleaux hatte die Güte, mir Fasern dieser urtica nivea zukommen zu lassen, welche der feinsten Seide, ja ich kann behaupten, dem gesponnenen Glase im Aussehen gleich kamen. Von diesen Fasern wird der wunderbare Stoff verfertigt, welchen wir unter dem Namen Chinagras oder Grasleinen kennen. Ob es gelingen wird, diesen Fremdling in unserer Gegend zu acclimatisiren, darüber schon jetzt ein endgültiges Urtheil zu füllen dürfte nach den wenigen Versuchen, welche man bisher mit seiner Verpflanzung auf deutschen Boden augestellt hat, verfrüht sein. Jedenfalls kann erst die Zukunft lehren, ob die urtica nivea durch ihre Acclimatisirung auf fremden Boden nicht von ihrer Schönheit und Güte einbüßen würde.

Noch andere fremde Nesselsorten kommen in Betracht, die urtica cannabina in Sibirien, die urtica canadensis aus Canada und die laportea pustulata vom Alleghanygebirge. Diese eben angeführten Nesselsorten könnten aller Wahrscheinlichkeit nach leichter eine Verpflanzung in deutsches Gebiet vertragen, da sie, wie die Erfahrung in überzeugender Weise lehrt, dem Einflusse der kälteren Jahreszeit gegenüber keines besonderen Schutzes bedürfen. Bis jetzt fehlt es aber noch an Vorrath von Wurzelstöcken um größere Anpflanzungen damit zu machen.

Vor der Hand müssen wir uns begnügen mit dem, was in unserm Klima und auf unserm Boden wächst, mit unserer alten Bekannten, der urtica divica.

Von dem kleinen frechen Vetter derselben, urtica urens, der von allen seinen europäischen Verwandten am meisten brennt, der sich auf allen Schutthaufen und in ungepflegten Gärten wohl fühlt und breit macht, wollen wir gar nicht reden. Seine Fasern sind zwar fein, aber sehr kurz, sodaß sie zum Gespinnst sich weniger eignen. Aber auch von der divica giebt es zwei verschiedene Zwillingsschwestern: die eine mit grünem Stiele, die andere mit röthlichem. Ich würde der grünen den Vorzug geben, [205] weil ihre Fasern weicher und feiner sind als die ihrer röthlichen Schwester.

Schon vor fünf Jahren machte ich den freilich verunglückten Versuch, diese divica als Gespinnstpflanze zu behandeln. Die Landleute konnten damals ihren Spott nicht zurückhalten als ihnen zugemuthet wurde, die abgeschnittenen Stengel der Brennnessel gerade wie ihren Hanf zu behandeln. Der ganze Versuch ist an dieser Kleingläubigkeit gescheitert, welche die Leute verhinderte, die Sache mit dem nöthigen Ernst zu betreiben. Fällt es doch dem Landmann entsetzlich schwer, trotz allem Reden den Vortheil einer Neuerung einzusehen, zu begreifen. Als darauf Professor Reuleaux öffentlich für die Brennnessel in die Schranken trat, erbat ich mir von diesem und vom Garteninspector Bonché in Berlin weitere Belehrung und Auskunft über die Anpflanzung und Behandlung der Nessel. Mit Muth und Eifer ging ich an einen neuen Versuch. In einem Gebirgsdorfe des Taunus, in einer armen, felsigen Gegend, wo nur eine dünne Humusschicht den steinigen Boden bedeckt, veranlaßte ich nach den freundlich gegebenen Vorschriften eine Nesselcultur, welche vollständig gelang und allen Wünschen entsprach.

Aus der im vergangenen Herbst bei uns abgehaltenen landwirthschaftlichen Festversammlung zeigte sich zum ersten Mal bei der Ausstellung der Bodenerzeugnisse neben Aepfeln, Birnen, Trauben, Kartoffeln und allerlei Gemüsesorten in Prachtexemplaren ein einfacher Kasten, welcher Nesselfasern in den verschiedenen Stadien der Verarbeitung bis zum gesponnenen Garne enthielt.

Da waren gebrechte und gehechelte Nesselstränge; da war ein großer Wust von Nesselwerg, zarter, schöner und seidenartiger als Werg von Hanf und Flachs; da prangte zum ersten Mal das gesponnene Garn aus Nesseln, zu seinem Ehrentage mit bunten Schleifen festlich geziert. Heute war unsere divica nicht mehr das verhaßte, das verachtete Bettelkind; heute stand sie im festlichen Schmucke, am meisten angestaunt und beachtet von der schaulustigen Menge. Ihre Ahnung war mit einem Male in Erfüllung gegangen. Die Ungläubigen, welche früher die Nasen gerümpft, wurden bekehrt, und viele Hunderte faßten den Entschluß, denn gegebenen Beispiele zu folgen und auch Nesseln zu pflanzen. Der landwirthschaftliche Verein gab Ehrendiplome; in allen Zeitungen wurde die Nesselcultur gepriesen; Minister und Oberpräsident zollten ihren Beifall, und bald entstand in ganz Deutschland und weiter gewaltiges Aufsehen über die gelungene, bescheidene Nesselpflanzung. Viele Vereine und viele Grundbesitzer erbaten sich nähere Auskunft über Anbau und Art der Vearbeitung der Nessel, und in diesem Frühjahre werden überall in Deutschland, in der Schweiz, Belgien, Ungarn, Polen, Schweden und Oesterreich, sogar in Nordamerika, wohin Proben der hier gezogenen Nesseln abgegeben wurden, Nesselpflanzungen aus der Erde wachsen.

Ueber die Art der Behandlung der Pflanze bei rationellem Anbau, die Bearbeitung derselben nach der Ernte etc., habe ich meine geringen Erfahrungen in einem Druckschriftchen: „Die Nessel als Gespinnstpflanze“ im Verlage von H. Johannssen’s landwirthschaftlicher Verlagsbuchhandlung (G. Hoefler) in Leipzig, Thalstraße 32, niedergelegt. Den Inhalt dieser Schrift hier auch nur kurz zu wiederholen, würde zu weit führen. Im Allgemeinen aber bemerke ich nur noch, daß die Nessel gerade wie der Hanf behandelt wird, und über die oft erwähnte Frage, ob es vortheilhafter sei, Nesseln oder Hanf zu ziehen, erlaube ich mir nur noch Folgendes zu bemerken: die Nessel wird nur alle zehn bis fünfzehn Jahre einmal angepflanzt; die Arbeit des Anbaues ist nur gering; es giebt bei der Nessel kein Mißjahr; jedes Jahr, jede Witterung, jeder Boden sagt ihr zu; sie gedeiht bei Sonne und Regen, bei Sturm und ruhigem Wetter, bei Hagel und Gewitterschauer; sie kommt auf Felsen mit nur drei bis vier Zoll Erde noch gut fort; überall ist sie zu Hause; überall wuchert sie.

Ob man dies auch von Flachs und Hanf sagen kann, bezweifle ich sehr.

Obgleich Alles, was als Novität auf den Schauplatz der Erscheinung tritt, angestaunt zu werden pflegt, hält es, zumal bei dem deutschen Charakter, schwer, Experimentir-Versuche selber anzustellen und den anfänglichen Spott der Unberufenen auf sich zu nehmen. Dadurch ist es, wie die Geschichte in vielen Beispielen zeigt, schon zum öfteren geschehen, daß unser Deutschland um die Ehre mancher Erfindung kam, deren erster Gedanke in dem Kopfe eines seiner fleißigen Söhne aufgetaucht war, weil diesem späterhin der Muth fehlte, seiner ersten Idee nachzugehen und aus ihr praktische Consequenzen zu ziehen.

Aehnliches könnte auch der wieder erwachten Nesselcultur begegnen, wenn ihr nicht kräftiger Beistand gewährt und namentlich das Vorurtheil entfernt wird, welches sich klettenartig an jedes neue Unternehmen hängt, das auf den Markt der Oeffentlichkeit zu treten sich anschickt.

Der deutsche Kleinbauer, conservativ von Haus aus, wenn auch nicht immer in seiner Gesinnung, so doch jedenfalls auf dem praktischen Gebiete des landwirthschaftlichen Lebens, entschließt sich bekanntlich sehr schwer, einer Neuerung offenes Ohr zu gönnen und thatkräftige Handreichung zu leisten, während er alten Vorurtheilen höchst zugänglich ist. So kann er es im Hinblick auf den beregten Gegenstand kaum über sein Herz bringen, der Nesselcultur ein geneigtes Ohr zu leihen, ja es geht ihm geradezu wider die Natur, das so lang verachtete und von Groß- und Voreltern verhaßte Unkraut nur mit wohlwollend freundlichem Blicke anzuschauen.

Wir möchten ihm mit dem altdeutschen Liedchen aufmunternd zurufen:

„O Bäuerlein, Bäuerlein, habe Muth
Und baue Du auf Deinem Gut,
Ist’s nur ein Plätzchen winzig klein,
Die Nessel - sie wird dankbar sein.“

Und nun lasse mich dir zurufen: Wache auf, urtica divica, wache auf! Erhebe stolz dein Haupt! Du sollst jetzt aus deinem hundertjährigen Schlafe aufgeweckt werden. Sollst wieder zu deinen alten Rechten erhoben sein, sollst wieder deine Kräfte im vielfach verschlungenen Tauwerk für Staats- und Volkswohl erproben und sollst als feinstes Kleidungsstück, dem Armen zum Verdienst, dem Reichen zum Schmucke prangen. Strenge dich an, divica, soviel es in deiner Macht liegt! Denn der Sieg ist des Kampfes werth. Strenge dich an, auf daß die Hoffnung derer nicht getäuscht werde, welche, von Muth beseelt, in vollem Vertrauen dir nahen, dich aus dem hundertjährigen Meere der Vergessenheit hervorzuziehen, und bereit sind, dich wieder zu Ehren zu bringen!




Blätter und Blüthen.

Der berühmteste Gefangene des letzten Krieges. (Mit Abbildung auf S. 203) Man braucht den Namen dieses Gefangenen kaum zu nennen. Sein Schickaal hat ihm die Theilnahme der gebildeten Welt gesichert. Nie ist eine so entschiedene Wendung des Kriegsglückes und die vollständige Entmuthigung eines durch rasche Siege übermüthig gewordenen Gegners mit noch weniger Geist und Geschick erfaßt, und nie erbärmlicher in ein schmähliches Ende verkehrt worden, als die erschütternden Kämpfe von Plewna. Dieser Name, vor welchem ganz Rußland gebebt hatte, sollte auch an der Säule prangen, die das Ende des europäischen Türkenreichs bezeichnet, und daß an dieser Säule auch der Name Osman Paschas steht, das ist das tragische Verhängnis, welches seinen Siegerkranz mit einem Flor bedeckt. Ueber sein Leben haben wir auf S. 89 das Nöthige berichtet. Seinem Bilde fügen wir hier, zur Ergänzung unserer dortigen Angaben, die charakteristische Selbstbiographie bei, welche ein Correspondent der russischen Zeitung „Golos“ aus Charkow, dem Aufenthaltsorte des Gefangenen, einer Unterredung mit Osman Pascha verdankt. Der Pascha soll, auf die Bitte um einige biographische Notizen, mit Beziehung auf eine bekannte, auch von uns, in dem oben genannten Artikel schon angedeutete Zeitungsente, begonnen haben: „Meine Biographie ist der gesammten Welt bekannt. Ich bin ja der Marschall Bazaine; meine Frau ist eine Andalusierin, und ich habe drei Töchter. Eine meiner Töchter ist Paris Sängerin in einem Café Chantant, die andere tanzt in einem öffentlichen Local in London, und die dritte führt in Petersburg ein leichtfertiges Leben. Eine würdige Nachkommenschaft eines Vaters, der sein Vaterland verrathen.“ Der Herr Correspondent erstaunte sicherlich nicht wenig, aber Osman Pascha änderte hier den Ton seiner Erzählung selbst, indem er fortfuhr: „Nein, mein Herr! - Ich bin ein Türke, aus Tokat in Anatolien gebürtig, wurde in der Kriegsschule in Constantinopel erzogen und führte in der letzten Zeit, da ich dem Generalstabe zugezählt war, ein Nomadenleben. Ich bin Familienvater.

[206] Zwei meiner Söhne werden in der Familie des Sultans Abdul Hamid erzogen. Ich habe gekämpft in Arabien, Bosnien und der Herzegowina. Ich wurde zum Range eines Muschirs erhoben in Folge der Niederlage, welche ich den Serben bei Zafcar beibrachte. Da haben Sie meine Biographie.“

Die Frage, ob die Türken bei Plewna ebenso tapfer gekämpft, wie die Russen, beantwortete Osman Pascha folgendermaßen: „Sie stellen mir eine so kitzlige Frage, daß sie wohl kein Feldherr offen beantworten würde. Ihre Armee war eine frische, die meine – wollen wir gerecht sein – bestand aus Reservisten. Dafür verhielten wir uns aber defensiv, während die Russen offen vorgehen mußten. Unsere Lage war daher eine bessere. Kaum hatten wir Plewna betreten, als wir am andern Tage einen Angriff des Generals Schilder-Schuldner aushalten mußten. An diesem Tage kämpften die Russen wie Helden. Als die Russen fort waren, machten wir uns daran, uns zu verschanzen, und waren nicht so einfältig, uns von den Russen unter General Krüdener aus diesen Positionen vertreiben zu lassen. Allerdings nahm uns Skobeleff zwei Redouten ab. Da dieselben jedoch für uns unbedingt nothwendig waren, so eroberten wir sie wieder zurück und nannten sie bis zur Capitulation die ‚wiedereroberten Redouten‘, obwohl sie eigentlich die ‚Redouten des Gebets‘ heißen. Als uns die Redoute von Grivica abgenommen wurde, bedauerten wir diesen Verlust nicht besonders, da sich neben derselben eine andere, unbezwingliche Redoute erhob. Die Besetzung der Grünen Berge durch General Skobeleff war für uns eher vortheilhaft als nachtheilig, da die dort befindlichen Tranchéen für uns so schwer zu vertheidigen waren, daß wir dieselben ohne Widerstand aufgaben. Dort befanden sich etwa dreihundert Mann. Der tapfere General Skobeleff beunruhigte uns in jeder Nacht, ließ uns nicht ordentlich schlafen und machte beständig Ausfälle. Mit der Uebergabe dieser Redouten beruhigten wir ihn. Wir wünschten, daß die Russen noch einen Sturm unternehmen sollten. Wohlweislich thaten sie dies aber nicht und nöthigten uns in Folge Mangels an Lebensmitteln zu capituliren. Ich bemerke hierbei, daß die russischen Gefangenen in dieser Zeit keinen Mangel zu leiden hatten. Ich halte es für eine angenehme Pflicht, hier das Lob zu wiederholen, welches damals von Seiner Majestät, Seiner kaiserlichen Hoheit dem Obercommandirenden und allen russischen Befehlshabern sowohl mir wie meinen Truppen gespendet wurde, als wir durchbrechen wollten.“

So weit der „Golos“, dem wir selbstverständlich die Verantwortlichkeit für die Wahrheit seiner Erzählung überlassen müssen. Neuesten Nachrichten zufolge ist dem Pascha die Freiheit geschenkt und die Rückkehr nach Constantinopel gestattet, wo er am 23. März ankommen und sofort mit dem Commando der bosnischen Armee betraut werden soll.




Dr. Airy’s Naturheilmethode. Haben sich unsere Leser schon einmal überlegt, was unter diesem Prachtworte zu verstehen ist? Wohl nicht! Sonst würde nicht eine so große Anzahl von Gläubigen, nur durch die Reclame bewogen, diesem Schwindel zum Opfer fallen. Ein naturgemäßes Heilverfahren soll den Weg, welchen die Natur bei der Heilung der Krankheiten einschlägt, genau nachahmen. Nun ist aber die Natur nur in den seltensten Fällen so gütig, vorzüglich bei der Schwäche der jetzigen Generationen, selbst eine Krankheit zu einem glücklichen Ausgange zu führen; sie muß, und manchmal recht energisch, von Menschenseite unterstützt werden. Die Bekämpfung einer Erkrankung geschieht auf doppelte Weise. Erstens sucht man die Ursache zu entfernen, bringt z. B. bei Kinderdiarrhöen die in Gährung geratenen Massen vor Allem aus dem Darme heraus, weil sonst die frisch genossenen Speisen gleichfalls sofort in Fäulniß übergehen, zweitens sind die Symptome der Krankheit, hier also Schmerz, öftere dünne Ausleerungen, Fieber etc., zu beseitigen. Der Grundpfeiler einer derartigen vernunftgemäßen Behandlung ist aber selbstverständlich die richtige Erkennung des Uebels. Jeder, der es wagt, ohne eine genaue Kenntniß des gesunden und kranken Baues und Lebens des menschlichen Körpers selbst durch die scheinbar unschuldigsten Mittelchen in den verwickelten Organismus handelnd einzugreifen, ist ein Frevler, der allein von maßlosem Ehrgeize und Selbstüberschätzung, oder öfter noch von schnöder Gewinnsucht geleitet wird. -

Schon bei Ueberlesung des Titels der Airy’schen Broschüre tritt klar zu Tage, daß ihr nichts, als die erbärmlichste Geldschneiderei zu Grunde liegt. „Anleitung zu sicherer und schneller Heilung der am meisten vorkommenden Krankheiten des Menschen durch einfache und bewährte Mittel; Schwindsucht, Krebs, Cholera, Bruchübel, Blattern etc.“ - Betrachten wir nun diese Mittel nach der Analyse von Dr. Hager. In denselben sind hauptsächlich enthalten:

1) Pain-Expeller. Spanische Pfeffertinctur 35 Theile, verdünnter Spiritus 20 Theile (wohl Kampherspiritus, Dr. –a–), Salmiakgeist 20 Theile. Durch Hinzufügung von einem Farbstoff und ätherischer Oele kann Geruch und Farbe beliebig verändert werden. Preis 1 Mark 80 Pfennig. Werth 30 Pfennig.
2) Sarsaparillian. Eine braune, klare Flüssigkeit von süßlichem Geschmack; ein mit etwas Weingeist und Honig versetzter 1 Procent Jodkalium enthaltender Auszug aus Sarsaparilla und Chinawurzel. Kostet 4 Mark 50 Pfennig!! Wirklicher Werth 60 Pfennig.
3) Airy’sche Pillen bestehen aus: Eisenpulver, Jalapenharz, Jalapenpulver, Althäpulver und irgend einem bitteren Extract. Eine Schachtel mit 60 Pillen kostet 1 Mark. Wirklicher Werth 25 Pfennig.

Und diese Stoffe sollen Krebs heilen, Brüche zurückbringen und den Schwindsüchtigen von seinen Leiden befreien? Befreien allerdings, aber in entgegengesetzter Richtung als gesagt. Während der Sarsaparillian wenigstens gar keine Wirkung ausübt, können die beiden anderen Medicamente dem Leidenden großen Schaden zufügen.

Aeußerlich wirkt Pain-Expeller hautreizend, innerlich dagegen sind, vorzüglich bei schwachem Magen, heftige Katarrhe eine häufige Folge; größere Dosen, von dreißig bis vierzig Tropfen an, müssen durch den Ammoniakgehalt bedenkliche Erscheinungen des Nervensystems, sogar Krämpfe hervorrufen. Also ein nichts weniger als unschädliches Präparat. Die Pillen enthalten Abführstoffe, welche bei gereizter Darmschleimhaut streng zu vermeiden sind, abgesehen davon, daß sie durch zu starke Entleerungen bei erschöpfenden Krankheiten, wie gerade Krebs, dem Kranken die letzte Widerstandsfähigkeit rauben. Dieser körperlichen Schädigung vollständig gleich steht der nachtheilige moralische Einfluß. Es liegt etwas Verlockendes in dem Gedanken sich selbst zu helfen, man versucht wenigstens, ob die Versprechungen wahr sind, und - verpaßt den rechten Zeitpunkt, wo schnelles Einschreiten nothwendig war. Freilich gesteht nur in den seltensten Fällen der Patient dem Arzte, wie er noch zum Schluß seine Gesundheit gänzlich zerstörte. Möge daher endlich die Erlösungsstunde schlagen, in welcher das Reichsgesundheitsamt diesem verderblichen Treiben der Pfuscher und dem Geheimmittelschwindel eine feste Schranke entgegensetzt!

Dr. -a-




Ein Sohn Thüringens. Wieder hat das sang- und klangreiche Thüringerland einen Dichter hervorgebracht, der nach seinen bisherigen Leistungen zu einer bedeutenden Stellung in der modernen Literatur bestimmt scheint. Rudolf Baumbach ist 1842 als Sohn eines Arztes in Meiningen geboren, studirte in Jena, Leipzig und Heidelberg Medicin und Naturwissenschaften und ist jetzt Lehrer an einer Akademie in Triest. Schon frühzeitig regte sich sein poetisches Talent, und seine Commilitonen in Leipzig wissen davon zu erzählen. Vor zehn Jahren, als ich eine Badecur in Kösen gebrauchen wollte, sandte er mir zur Freude eine epische Dichtung aus dem Saalthal und von der „Rudelsburg Samiel hilf!“. Ich war überrascht von den poetischen Schönheiten derselben, wie von dem sprudelnden Humor, der die Dichtung durchweht, und gab sie ohne Baumbach’s Wissen zum Druck. Sie hat zahllose Besucher Thüringens und der Rudelsburg seitdem erfreut. Baumbach, der viele und große Reisen in Italien, Montenegro, im Orient etc. gemacht hat, ist ein flüchtiges Mitglied des Alpenclubs, und seine Dichtungen der letzten Jahre galten meist diesem. In drei Heften liegen die frischen, humorreichen Blüthen des Gebirges in „Enzian, ein Gaudeamus für Bergsteiger“ (Leipzig, Liebeskind) vor. Ebendaselbst sind jetzt „Lieder eines fahrenden Gesellen“ erschienen, die von allen Seiten mit Freude und Anerkennung begrüßt worden sind. Selbst der kritische Paul Lindau rief dem jungen Dichter ein freudiges Willkommen! zu. Das werthvollste Werk Baumbach’s ist aber sein „Zlatorog“, eine slovenische Alpensage. Hier vereinigen sich Schönheit und Knappheit des poetischen Gedankens mit musterhafter Form zu einem echten Meisterwerke, dem volle Anerkennung gebührt.




Titulaturen. Wäre es nach dem Ableben von Pius dem Neunten nicht an der Zeit, wie mit dem ungebührlichen höchstens spottweise möglichen Titel „Heiligkeit“, so mit gar manchen anderen unzulässigen Bezeichnungen gründlich aufzuräumen, wenigstens im Bereiche deutscher Zunge und vorschriftsmäßiger Ausdrucksweise? Wie ein sich seiner Menschenwürde bewußter Sterblicher nicht häufig genug, in Wort oder Schrift, mit „gnädiger Herr“, „gnädige Frau“, „gnädiges Fräulein“ um sich werfen kann, ist schlechterdings unerfindlich, fast noch mehr aber, wie gewöhnliche Erdensöhne und Erdentöchter diese Erhebung über ihres Gleichen leiden mögen. Das Wort „gnädig“ bedeutet ja doch, daß der, dem solche Eigenschaft zukommt, mit Wohlgefallen und segnend aus einer höheren Wesenssphäre in eine niedrigere herabzusteigen pflegt, durchaus nicht etwa, daß einer dann und wann, wie Fürsten, Gnade für Recht ergehen läßt. Jenes unbegreifliche Nichtachten des wahren Verhältnisses und des sprachlichen Rechtes hat gewaltig überhand genommen, gewiß nicht zur Ehre des deutschen Volkes. Wie mag man z. B. „hochverehrt“ sagen, wo selbst das einfache „verehrt“ schon zu viel ist, wie „in Ehrfurcht ersterben“ vor einem Menschen! Hören wir doch einmal auf, uns in so muthwilliger oder aufgedrängter Weise selbst zu erniedrigen!

W. F.




Erklärung. Gegenüber der Behauptung der „Kölnischen Zeitung“, daß der in diesem Blatte unter dem Titel „Die Jungfernrede des deutschen Kronprinzen“ mitgeteilte Vorgang „erfunden“ sei, bin ich genöthigt zu erklären, daß nach den besten Informationen, die keinen Zweifel aufkommen lassen, die Sache sich genau oder doch zum mindesten mit großer Ähnlichkeit so zugetragen hat, wie sie beschrieben worden ist, wenn auch eine Verwechselung des Isabellensaales mit einem anderen im Gürzenich vorgekommen sein sollte.

Der Verfasser von „Die Jungfernrede des
deutschen Kronprinzen“.[2]


  1. In einem Festgedicht zu dem kürzlich gefeierten Jubiläum des Großherzogs von Baden hatte Victor Scheffel die allerdings unter dieser Regierung mannigfach sehr erfreulich gewordenen Zustände des Badener Landes gepriesen, sich aber bei der begeisterungsvollen Aufzählung aller durch einen edlen Fürstenwillen erwirkten Fortschritte auch zu dem Ausrufe hinreißen lassen: „Familienglück in jedem Haus!“ Freilich sucht der Dichter in der nächstfolgenden Strophe anzudeuten, daß er hier nur von dem „fürstlichen Ideal“, das heißt einem innigen Wunsche des Großherzogs, gesprochen und ihm also keineswegs in der trivialen Uebertreibungsmanier byzantinischer Hofpoeten eine Macht andichten wollte, die niemals ein Sterblicher besessen hat oder besitzen wird. Wie jedoch die bezeichnete Phrase dasteht und in einer Reihe politischer Errungenschaften sich ausnimmt, mußte sie ebenso gewagt wie bedenklich erscheinen und zu Mißverständnissen, bitteren Empfindungen und Urtheilen, namentlich unter den Nothleidenden und Gebeugten in der Bevölkerung, Anlaß geben. Solch ein Widerspruch aus dem Volke ist es, der in den obigen an den mit Recht verehrten Großherzog gerichteten Versen eines badischen Landmannes einen zwar an mancher Stelle etwas herben, aber doch erschütternden und herzergreifenden Ausdruck gefunden hat, eine Mahnung an die Dichter, in ihren Außerungen zum Lobe fürstlicher Verdienste ein wenig maßvoller, und vorsichtiger zu sein.
    Die Red.

  2. Wir haben hierzu nur zu bemerken, daß der oben erwähnte kleine Artikel uns von dem Herrn Verfasser, Redacteur einer angesehenen rheinischen Zeitung, mit der ausdrücklichen Versicherung zugegangen: „Für die Richtigkeit und Wahrheit des Erzählten verbürge ich mich“, und daß wir somit kein Bedenken tragen konnten, denselben zu acceptiren. Diejenigen Blätter, welche das Dementi der „Kölnischen Zeitung“ nachgedruckt, bitten wir, auch von dieser Erklärung freundlichst Notiz zu nehmen.
    Die Red.




Kleiner Briefkasten.

B. S-ch. in Kiel und R. in Rom. Nicht geeignet! Das Manuscript steht zu Ihrer Verfügung.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. vgl. Franz Reuleaux: Briefe aus Philadelphia