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Die Gartenlaube (1877)/Heft 50

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 50.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Die zehnte Sprache.
Novelle von Rudolf Gottschall.


„Meine spanische Pfeife, Skarnikatis!“ rief mit kräftiger Stimme der Hauptmann Krieger über den Flur hinüber nach der Bedientenstube, in welcher der vierschrötige Litthauer auf die Winke seines Herrn und Gebieters harrte.

Skarnikatis stammte aus dem Lande, in welchem der Ur und der Elenhirsch zu Hause sind, und hatte mit ihnen die urwüchsige Kraft gemein, während ihm seine Wildheit durch mehrjährige Dienstzeit als Stangenreiter abgewöhnt worden. Er begab sich alsbald zu der mit den buntesten Bändern geschmückten Pfeifengalerie, welche sich über seine Lagerstätte und die benachbarte Zimmerwand erstreckte, und wählte mit kundiger Hand eine Pfeife, deren Bänder die spanische Farbe trugen. Als er mit einem Fidibus, auf welchem ein genauer Sprachkenner spanische Vocabeln erkannt haben würde, das Kraut der Havanna angezündet hatte, begann der Hauptmann sein vertrauliches Gespräch mit dem treuen Diener, durch welches er bisweilen das einförmige Schweigen seiner Junggesellenwirthschaft unterbrach.

„Verwünschter Lärm da drüben!“ sagte er, mit der Pfeifenspitze auf die Gerüste zeigend, die ihm gegenüber aus der Erde wuchsen.

„Arbeiten schnell,“ entgegnete Skarnikatis achselzuckend; „doch Mauern so dünn; ein anständiger Windstoß muß das ganze neue Gerumpel uber den Haufen werfen.“

„Du hast Recht; doch es empört mich, daß sie mir die freie Aussicht und den Himmel verbauen. Im Uebrigen freue ich mich gerade heute, wo meine spanische Woche beginnt, über Deine täglich zunehmende Aehnlichkeit mit Sancho Pansa. Nicht blos wird Dein Körperumfang dem stattlichen Embonpoint des spanischen Schildknappen immer ähnlicher; Du weißt auch, wie Jener seine Sprüchwörter, stets neue Anekdoten im Gespräche anzubringen. Du wirst, seitdem Du den Stangenreiter an den Nagel gehängt hast, täglich mehr ein gebildeter Mensch.“

„Etwas bleibt immer hängen, sagte das Schaf, als es seine Wolle an der Hecke verlor,“ entgegnete Skarnikatis mit einem breiten und wohlwollenden Lächeln; „ich war Ihr Bursche und wollte es bleiben, als Sie den Dienst quittirten; denn ich habe ein anhängliches Herz, und ich hätte mich schwer von Ihren schönen Pfeifen getrennt.“

Hauptmann Krieger hatte, nachdem er den Abschied genommen, weil ihm das Friedensexercitium keine Theilnahme mehr einflößte, sich in die kleine Bergstadt zurückgezogen, wo sein Erscheinen alsbald großes Aufsehen erregte; denn er war ein Sonderling, und manche seiner Eigenheiten würde auch in größeren Kreisen aufgefallen sein. In dem Städtchen wurde er bald der Mittelpunkt aller Gespräche. Er war ein stattlicher Mann in den besten Jahren, doch seine Züge hatten etwas Düsteres, Melancholisches, und nur das Aufleuchten seiner dunklen Augen hatte bereits bei mancher vorüberwandelnden Schönen unwillkürlichen Antheil erweckt. Die jungen Mädchen pflegten ihn auch in Schutz zu nehmen, wenn er bei Kaffee- und Theegesellschaften von den älteren Damen in Acht und Bann gethan wurde; denn er hatte, so kurz seine Anwesenheit in dem Städtchen war, bereits eine große Sündenlast auf sich geladen. Nirgends bei den Honoratioren hatte er Besuch gemacht, ja er war nicht einmal Mitglied des Casinos geworden, und man konnte deshalb mit Recht bezweifeln, ob er zu den anständigen Menschen gerechnet werden dürfe. Das Casino vereinigte alle urtheilsfähigen Bürger, alle, welche im Besitze einer Würde, eines eigenen Hauses oder auch nur eines anständigen Cylinderhutes waren, allabendlich in seinen Räumen. Wer sich aus solchem Kreise selbst ausschließen konnte, der trat in eine sehr zweifelhafte Beleuchtung.

Noch mehr Anstoß erregte der Hauptmann durch seine Pünktlichkeit; sie war so groß, daß die Bewohner der Straßen, durch die er spazieren ging, ganz wie es von dem Königsberger großen Philosophen verlautet, die Uhren nach seinem Erscheinen stellen konnten. Zwar gab es in dem Städtchen keinen Philosophendamm, wie in der Stadt der reinen Vernunft, und auch Skarnikatis begleitete nicht, wie der selige Lampe, mit einem rothen Regenschirme seinen Herrn; aber es gab ein stilles Mühlthal, welches der Hauptmann täglich besuchte, und an jeder Straßenecke wußte man genau die Minute, zu welcher der Hauptmann um dieselbe biegen mußte. Die Sonne ging nicht pünktlicher nach dem Kalender auf und unter.

Als es bekannt wurde, daß der Hauptmann sich dem Studium der neuen Sprachen mit seltenem Eifer ergeben hatte und neun derselben sprach, war die Entrüstung über diese Zeitverschwendung eine allgemeine. Die Mehrzahl der Einwohner des Städtchens lebte sogar mit der eigenen Muttersprache auf einem gespannten Fuße, und nur einige Töchter der Honoratioren brachten es im Französischen zu den üblichen Sprachfehlern.

Erschien dies Alles schon als eine sehr ungewöhnliche Art, sich durch die Welt zu schlagen, so mußten die besonderen Grillen des Hauptmanns, als sie stadtkundig wurden, die größte Verwunderung erregen. Man erfuhr, daß er jede Woche einer anderen Sprache widmete, daß er für jede dieser Sprachen seine [834] besonderen Pfeifen, mit den Landesfarben geschmückt, besaß, was sich auch auf die Aschen- und Fidibusbecher, ja selbst auf die Fidibusse erstreckte, die aus den älteren überflüssig gewordenen Vocabelheften dieser Sprache zurechtgeschnitten wurden. Zwar verrieth Skarnikatis keine der Eigenheiten seines Herrn, doch wer kennt die hundert geheimen Wege, auf denen die Kunde des Verschwiegensten unter die Menschen kommt? Das übertreibende Gerücht verbreitete sogar, daß er für jede dieser Wochen die angemessenen Flüche in Anwendung bringe, daß er seine Bedienten bald mit einem sacredieu, bald mit einem carramba oder mit einem pox on You überraschte.

Oft lag er am Fenster und sah über den Garten hinweg, der seiner Wohnung gegenüber lag mit rauschenden Bäumen, mit Frühlingsblüthen oder Herbstfrüchten, nach den blauen Bergen am Horizont. Der Blick der Jugend schaut mit Sehnsucht in die blaue Ferne; da dämmert ein unbekanntes, ein ungeahntes Glück. Hinter diesen Linien liegt irgend ein wunderbares Eden. Für den Hauptmann gab es keine goldenen Zukunftsträume mehr; er wußte längst, daß hinter den Bergen, wie vor denselben, nur Arbeit und Elend sei, und daß nur das Vexirspiel eitler Hoffnungen herüber- und hinüberfliege. Dennoch blickte er an schönen Abenden mit Behagen auf das friedliche Naturbild, auf Garten und Feld und die von der Röthe des scheidenden Tages verklärten Berge; es kam ein Geist der Ruhe und des Friedens über ihn; er vergaß sogar seine Vocabeln, die wie eine wilde Jagd ihm den Tag über durch den Kopf schwirrten, und es mahnte ihn oft leise an Gefühle, die ihm unbekannt geblieben waren. „Zu spät,“ sagte er dann zu sich selbst; „wie die schönsten Jahre meines Lebens vereinsamt waren, so werden es auch die letzten sein.“ Hatte er doch nichts als seine Bücher und den Blick auf die stille Landschaft.

Doch auch in das Städtchen drang der rastlose Geist der Speculation; überall stiegen Häuser aus der Erde; auch der Garten, über dessen Wipfel der Blick des Hauptmanns in die Ferne schweifte, wurde eine Beute des Unternehmungsgeistes und an einen Speculanten verkauft, welcher ihn der Baulust und dem wachsenden Verkehre erschloß.

Noch ragten eine Zeitlang die blauen Berge über die Ziegelwände des Erdgeschosses hervor, doch Stockwerk wurde auf Stockwerk gethürmt; die Berge verschwanden, mit ihnen die Poesie der Ferne, der Zauber der Abendbeleuchtung; das Haus erhob sich als eine jener tausend Stätten, wo die alltägliche Bedürftigkeit des Lebens waltet, die Abwehr gegen die Noth, das Hin- und Herlaufen um des Erwerbes willen.

Der Hauptmann sah dem Wachsthum dieses ihm so mißliebigen Mauerwerkes mit stillem Ingrimm und verzweifeltem Humor zu.

Inzwischen wurde dem gegenüberliegenden Hause der Dachstuhl aufgesetzt; die Töpfer und Stubenmaler verschönerten sein Inneres; der Hauptmann sah mit stiller Resignation dem Walten dieser Hausgeister zu:

„Wenn früher der Abendstern heraufkam oder der volle Mond hinter den Bergen aufstieg, vergaß man es ganz, daß man sich unter Menschen befand, deren Köpfe nicht heller sind, als ihre Straßenlaternen; man hatte das Gefühl von etwas Höherem – doch das verstehst Du nicht, Skarnikatis. Meine Pfeife ist mir über dem Aerger ausgegangen. Ein Fidibus! Und wie früh es dunkel wird im Zimmer! Sonst konnt' ich um diese Zeit noch den Kalender lesen; es strömte eine solche Helle von den Bergen in's Zimmer. Und jeder aufgehende Stern erschien mir in der spanischen Woche wie ein Stern von Sevilla. Jetzt kauert der verfinsternde Dachstuhl zwischen mir und dem Abendroth und den glühenden Wolken, in welchen ich oft den Löwenhof in der Alhambra zu sehen glaubte. Es wird jetzt düsterer und einsamer hier.“

Aehnliche Selbstgespräche hörte Skarnikatis stets mit verständnißinniger Miene an, wobei er sich einzelne ausländische Kernflüche des Hauptmanns aneignete, die er gelegentlich bei der Zofe der Bel-Etage zur Geltung brachte.

Wochen vergingen in solchen trüben Stimmungen. Im Hause drüben wurde es lebendiger; hochbeladene Möbelwagen hielten vor den Thüren; hier wurde ein Pianoforte herbeigeschleppt, dort ein elegantes Büffet abgeladen.

In dem Stockwerk unmittelbar gegenüber entfaltete sich ein geringerer Glanz. Dort schien eine Beamtenwittwe zu walten, welche bessere Zeiten gekannt und Einiges aus denselben in die unfreundliche Gegenwart hinübergerettet hatte. Ein Zimmer wenigstens war elegant möblirt und auch ein Fortepiano fehlte nicht, ein unheimliches Instrument, das der Hauptmann mit stillem Argwohn betrachtete, denn wenn es einmal seine Flügel zu rühren begann, dann war es um seine Abendruhe am Fenster gänzlich gethan.

Lange Zeit hindurch erschienen diese Befürchtungen unbegründet; der Deckel des Claviers beschirmte wohlwollend das ganze Nest von Tönen; kein einziger wurde flügge und schwärmte hervor. Das Clavier blieb ein so friedliches Möbel, wie jedes andere im Zimmer. Die Beamtenwittwe zeigte sich nur hin und wieder in diesem Prunksalon; in der Regel saß sie nebenan in einem Zimmer, das nirgends von Mahagoni leuchtete, das nur Kirschbaum- und Birkenholztische und Stühle zeigte; da saß sie und stickte oft bis tief in die Nacht hinein.

Der Hauptmann hatte sich allmählich an sein Gegenüber gewöhnt; es erschien ihm harmlos genug, so wenig er den früheren anmuthigen Fernblick vergessen konnte.

An einem Morgen – es war in der italienischen Woche; Skarnikatis hatte eben den Kaffee gebracht – nahm der Hauptmann plötzlich die Pfeife aus dem Munde, und alle seine Züge drückten Erstaunen und Verzweiflung aus; der Diener sah ihn mit einem Gesicht voll lauter Fragezeichen an; er hatte ihn selten so bestürzt gesehen.

„Hörst Du, Skarnikatis?“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann!“

Corpo di bacco – das ist drüben.“

„Drüben im neuen Haus, ja wohl.“

„Der heimtückische Klapperkasten! Es ist kein Zweifel mehr. Das Ungeheuer ist aus seinem Schlummer erwacht. Irgend eine Drachenjungfrau hat ihm Leben eingehaucht.“

In der That klangen einige wirbelnde Läufe mit großer Fertigkeit gespielt, aus dem offenen Fenster des Salons herüber.

„Auch das noch!“ rief der Hauptmann. „Wir ziehen aus, Skarnikatis. Das ertrag’ ich nicht mehr; vielleicht ist’s nur ein vorübergehender Besuch.“

„Nein, das Zimmer ist bewohnt; ich sah gestern eine Menge von Koffern und Sachen hineintragen.“

„Wir ziehen aus,“ erklärte der Hauptmann mit entschlossener Miene.

„Aber die Dinger sind ja überall,“ meinte Skarnikatis mit beruhigendem Tone; „man gewöhnt sich daran wie an den Lärm einer losgeschossenen Kanone. Anfangs kitzelt es etwas das Ohr, später hört man nicht mehr darauf.“

Der Hauptmann trat an’s Fenster und sah gegenüber ein hellschimmerndes Kleid an dem Clavier. „Das sind die Schlimmsten,“ rief er ärgerlich; „ein männlicher Clavierbändiger gönnt wenigstens seinem Instrument längere Zeit Ruhe, doch diese weiblichen Centauren sind mit ihren Pianofortes zusammengewachsen. Lasciate ogni speranza – es ist das alte Unglück, das mich verfolgt.“

Den ganzen Tag verschmähte es der Hauptmann, an’s Fenster zu treten und einen Blick hinüber zu werfen, dorthin, wo sein neuer Quälgeist häufig genug die Tasten rührte. Erst gegen Abend konnte er nicht umhin, seiner Gewohnheit zu folgen, sich an’s Fenster zu lehnen und die frische Luft zu athmen, die von den Bergen herüberwehte. Mit finsteren Blicken musterte er das unvermeidliche Gegenüber; es war kein Zweifel: man hatte sich dort auf längeren Aufenthalt eingerichtet. An dem einen Fenster zeigte sich eine Epheulaube, deren Ranken zu einem Käfig emporkletterten, in welchem ein zartes Vögelchen hin- und herhüpfte. Es war allerdings nicht der gelbe, schmetternde Sänger der Canarischen Inseln, welcher für das Clavierspiel eine zu lärmende Begleitung geboten hätte; es schien ein schüchterner, heimathlicher Sänger zu sein. Ein sehr schmaler Balcon, der kaum diesen Namen verdiente, eine Art Vorsprung, damit man in’s Freie treten und frische Luft schöpfen könne, war auch mit Epheu umkränzt. In seiner Mitte erhob sich eine fragwürdige Gipsfigur, irgend eine die Laute rührende Schöne, und ein paar prächtige Camellien entfalteten zur Rechten und zur Linken der Lautenschlägerin ihre Kelche.

Der Hauptmann war für so geschmackvolle Ausschmückung [835] nicht unempfänglich, aber das Wohlgefallen, das er daran fand, mußte alsbald zurücktreten gegen den Aerger, den ihm der erneute über das Pianoforte dahinbrausende Sturmwind der Töne einflößte. Er trat vom Fenster zurück, nahm die Gedichte von Giuseppo Giusti zur Hand, deren epigrammatische Schärfe und galliger Humor zu seiner Stimmung paßten, und vertiefte sich in die Lectüre, so lange es die hereinbrechende Dämmerung erlaubte. Dann warf er wieder einen Blick hinaus und hinüber; endlich zeigte sich die gefährliche Nachbarin, die Drachenjungfrau. Sie stand zurücksprechend an der halbgeöffneten Balconthür; lange blonde Locken wallten über ihre Schultern herab.

„Eine geniale Künstlerin also, wie sie die Conservatorien unsicher machen,“ dachte der Hauptmann; „ich kenne diese löwenmähnigen Musikjüngerinnen; sie besitzen meistens eine schreckenerregende Energie und aus ihren Zügen spricht kein Herz.“

In diesem Augenblick drehte sich die blondgelockte Schöne um und trat zur Lautenschlägerin hinaus. Der Hauptmann nahm seine finstersten Mienen an, um gleichsam die erste Parallele zur Belagerung der feindlichen Festung zu eröffnen; doch unwillkürlich lichteten sich seine Züge wieder. Das war ja ein reizendes Mädchen, und ihre Erscheinung hatte nichts gemein mit der Berserkerwuth, die ihre Fingerspitzen am Clavier beseelte. Die Gestalt war schlank und fein und doch nicht von jener duftigen Zierlichkeit, wie sie manche niedliche Nipptischfiguren besitzen. Alles an ihr, Gestalt und Züge, hatten echt mädchenhaften Reiz. Der Hauptmann konnte nicht umhin, an die Sanct Cäcilie Raphael’s zu denken, als sie ohne Absicht und Koketterie mit ihren blauen Augen zu den rothen Abendwölkchen am Himmel emporsah; der sanfte, schwärmerische Ausdruck ihrer Züge hatte etwas ungemein Gewinnendes. Dem Hauptmann ging die Pfeife aus, und es fehlte nicht viel, so hätte er den schönen Pfeifenkopf, auf welchem das silberne Savoyische Kreuz im rothen Felde schimmerte, an der Fensterbrüstung zerschlagen.

„Das ist die Mamsell, die den großen Spectakel macht,“ ertönte hinter ihm plötzlich die Stimme des wackeren Skarnikatis, welcher sich durch diese Bemerkung in die Gunst seines Herrn einzuschmeicheln hoffte.

„Corpo di bacco! Was erlaubst Du Dir?“ rief der Hauptmann erzürnt, aus seinen Träumereien aufgescheucht.

„Sehr lebensgefährlich sieht sie gerade nicht aus,“ fügte der treue Diener beruhigend hinzu, indem er am Aermel seines Herrn und Gebieters eifrig herumbürstete.

Wie ein Vögelchen, das der Lärm menschlicher Stimme verscheucht, war das Mädchen inzwischen in das Zimmer zurückgehuscht; bald waren an ihrem Fenster die Rouleaux mit ihren unmöglichen grünen Blumen und blauen Blättern heruntergelassen, und nur das hindurchschimmernde Lampenlicht verrieth, daß Sanct Cäcilie noch mit irgend einer stillen Thätigteit beschäftigt war; denn das Clavier blieb stumm.

Ueber Ariosto und Dante hinweg blickte am nächsten Tag der Hauptmann schon in der Frühe nach dem Lebenszeichen seines Gegenüber. Lange blieben die Rouleaux unten. Endlich erklang das Clavier; eine Beethoven’sche Sonate, so ausdrucksvoll gespielt, daß der Hauptmann andächtig zuhörte, tönte herüber und bald darauf erschien das Mädchen wieder auf dem Balcon, so morgenfrisch, so ohne alle Vormittagsblässe, im einfachen lichten Gewande, eine Camellie im Haar. Der Hauptmann, der sich schüchtern etwas vom Fenster zurückgezogen hatte, um sie nicht mit aufdringlichen Blicken zu belästigen, konnte sein Auge nicht abwenden.

Kein Astronom hat den Durchgang der Venus durch die Sonne mit größerem Eifer beobachtet, als der Hauptmann von jetzt ab das Erscheinen und Verschwinden des schönen Sternes, der so plötzlich an seinem Horizonte aufgegangen war. Er wußte genau, wann sie auf den Balcon zu treten pflegte, überhaupt zu welcher Zeit des Tages sie zu Hause war, und verfehlte dann nicht, mit seinen Büchern sich in die Nähe des Fensters zu setzen, daß der Blick hinüber frei war. Wenn sie Clavier spielte, stand sein Fenster offen; er hatte sich auf einmal in einen leidenschaftlichen Musikfreund verwandelt und schlug mit der Pfeife den Tact zu ihrem Spiele. Nur etwas beunruhigte und ärgerte ihn: es ließ sich in den nächsten Tagen bisweilen das A-B-C der musikalischen Kunst hören, kindliche Tonleitern und Accorde, herumtastende und falsche Griffe, und dies beleidigte weniger seinen Geschmack, als der Gedanke, daß ein so reizendes Mädchen zu so kläglichen Unterrichtsstunden verurtheilt sei, sein Gefühl verletzte. Das paßte ihm nicht zu dem Lichte der Verklärung, in dem er seine Sanct Cäcilie sah.

Skarnikatis bemerkte bald, daß der ganze Kalender des Hauptmanns in Unordnung gerathen sei. Zur Zeit, wo er sonst seine täglichen Spaziergänge machte, pflegte die Schöne gegenüber auf dem Balcon zu sitzen, das sinnende Haupt über irgend ein Buch geneigt; so wurde denn die Uhr des Hauptmanns anders gestellt; er verschob seinen Spaziergang auf eine andere Stunde, um ungestört das liebliche Bild von drüben in sich aufnehmen zu können.

Aber was war das für ein sonderbares Gefühl, welches in das Herz des militärischen Sprachlehrers seinen Einzug hielt? Er hatte das Zeitwort „lieben“ in neun Sprachen conjugirt; er hatte in neun Sprachen die Gedichte gelesen, welche der Neigung des Herzens, der Leidenschaft gewidmet waren; doch die Liebe war ihm nur eine Vocabel, wie andere mehr. Weshalb zog es ihn immer an’s Fenster, wenn das blondlockige Mädchen ihm gegenüber saß?

Skarnikatis hatte mit seiner litthauischen Schlauheit bald den Eindruck bemerkt, den die anmuthige Clavierspielerin auf seinen Herrn machte, und auch ihrem Spiel warme Lobeserhebungen gespendet, wobei er nur das Unglück hatte, mehrmals die Fingerübungen ihrer Schüler durch seine glänzenden Censuren auszuzeichnen. Gleichzeitig aber hatte er Erkundigungen eingezogen, was man in dem Nachbarhause von der Dame wußte; er hatte erfahren, daß sie Hulda Freiberg heiße, in dem Städtchen nicht zu Hause sei, sondern von auswärts komme. Im Uebrigen versiechten seine Quellen; man wußte nichts von ihrer Heimath, ihrer Familie.

So vergingen mehrere Wochen; Hulda am Clavier und auf dem Balcon war der immer gleiche Stern, der über den wechselnden Kalenderwochen strahlte. Auf die italienische folgte die französische; Petrarca’s Laura verwandelte sich in eine reizende Ingénue der modernen Komödie Augier’s und Sardou’s, aber trotz der Camellie in ihrem Haar in keine Camelliendame; es giebt ja so harmlos kindliche Mädchengesichter in der Portraitgalerie der neuen französischen Schauspieldichter neben den Damen mit Camellien, Perlen und in Lila. Es folgte die polnische Woche; dem Hauptmann erschien Hulda auf einmal als eine schöne Sarmatin, aus deren Schuh er gern auf ihr Wohl getrunken hätte. Dann kam die spanische Woche; er sah sie, in die Mantilla gehüllt, auf der Giralda in Sevilla stehen. Wie man durch die bunten Scheiben einer Einsiedelei den Himmel und seine Sterne immer in neuen Farben sieht, so sah die erregte Phantasie des Hauptmanns das Mädchen in jeder Woche im Lichte einer andern Volkspoesie, je nachdem diese oder jene Sprache auf seinem Programm stand; im Bildersaal der Weltliteratur war sie das bleibende Titelkupfer.

Wieder war im Reigen der sich ablösenden sprachlichen Wochen die italienische herangekommen. Der Hauptmann saß bei den Sonetten des Petrarca; da trat Skarnikatis plötzlich in großer Aufregung herein; sein ganzes Wesen bewies, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen sei, und dennoch flüsterte er so leise, daß sein Herr ihn erst auf wiederholte Anfrage verstand:

„Das Mädchen von drüben!“

Diesmal ereilte das Savoyische Kreuz auf dem Pfeifenkopf sein unvermeidliches Geschick; der Hauptmann sprang so rasch vom Sopha empor, daß der Kopf am Tischbein zerschellte, und während Skarnikatis in größter Eile die Scherben zusammensuchte, fuhr sein Herr aus dem Schlafrock in den Hausrock und aus dem Hausrock wieder in die Regimentsuniform, die ihm beim Abschied bewilligt worden war; denn nur so erschien er sich würdig genug, die Schöne zu empfangen.

Endlich! Skarnikatis legte sein breites Gesicht in würdige Falten, als er der Dame mittheilte, daß sein Herr sie erwarte.

Hulda trat ein.

Die Lichterscheinung, die in’s Zimmer tritt,
Bringt eines fremden Himmels Schimmer mit.

Sie trat ein, und der Hauptmann begriff nicht, daß dieses große Ereigniß so spurlos in seinem Zimmer vorüberging; ein kleines Erdbeben in diesem Augenblick hätte ihn nicht in Erstaunen gesetzt; er würde es weniger wunderbar gefunden [836] haben, als den Besuch des jungen Mädchens. Alles war indeß still, selbst Petrarca raschelte nicht mit seinen Blättern – und doch glaubte der Hauptmann in diesem Augenblicke einen Chor von Unsterblichen auf seinen Bücherbrettern singen zu hören das große Lied der Liebe, das ewige Lied der Dichter, welche Beatrice, Armida, Laura, Julie, Desdemona, Dulcinea von Toboso gefeiert hatten.

Der Hauptmann wies der anmuthigen Besucherin einen Platz auf dem Sopha an und entdeckte erst in diesem Augenblicke zu seiner größten Bestürzung, daß dasselbe jeder Eleganz entbehrte und daß seine anfänglich eselsgraue Grundfarbe durch die Strahlen der Sonne und den Neid der Götter sich in ein ganz unsagbares Etwas verwandelt hatte, für das es in der Farbenlehre kein Capitel gab. Seine Verlegenheit verbarg sich hinter einem so ernsten und feierlichen Ausdrucke der Gesichtszüge, als ob er einem Kriegsgericht präsidire und die Lippen nur öffnen werde, um über den Delinquenten die Kugel zu verhängen.

„Ich komme, Herr Hauptmann, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen,“ begann Hulda mit verbindlichem Lächeln.

Der Hauptmann bemühte sich sogleich, dieses Lächeln zu erwidern, doch gelang ihm dies nicht nach Wunsch, denn seine Aufregung war noch so groß, daß sie keine behagliche Freundlichkeit aufkommen ließ. So verfing sich das Lächeln unter den Spitzen seines Schnurrbartes, während auf dem übrigen Gesicht der ernste Ausdruck erwartungsvoller Spannung lag.

„Ich bin, wie Sie vielleicht wissen werden,“ fuhr Hulda mit gleicher Freundlichkeit fort, „seit einiger Zeit Ihre Nachbarin.“

„Ich weiß es, mein Fräulein, und freue mich darüber.“

„Keinesfalls wird diese Freude eine ungetrübte sein, denn ich bereite der ganzen Nachbarschaft eine unwillkommene Störung; doch es ist nicht meine Schuld; der Kampf um’s Dasein –“

„Sie kämpfen ihn mit Noten, ich mit Vocabeln.“

„Ich hörte davon, Herr Hauptmann, und dies ist der Anlaß meines Besuches; ich erfuhr, daß Sie Unterricht in den neuen Sprachen ertheilen, und es ist mein Wunsch, mich im Italienischen zu vervollkommnen. Darf ich fragen, ob ich in dieser Sprache bei Ihnen Stunde nehmen kann?“

„Ich bin sehr gern bereit dazu,“ erwiderte der Hauptmann. „Das Italienische ist meine Lieblingssprache; ihr melodischer Klang, der poetische Duft, der schon den Wortlaut selbst umschwebt – –“

„Auch ich kenne ihre Elemente; es ist ja die Kunstsprache der Musik. Sie sind glücklich, Herr Hauptmann, so viele Sprachen zu kennen und zu sprechen; wie reich wird Geist und Leben dadurch! Ich meine, man zieht mit jeder Sprache einen neuen Menschen an, oder mindestens klingt eine neue Saite der Menschheit in unsere Seele hinein. Dumpfe Engherzigkeit besteht nicht neben so weitverbreiteter Kenntniß; diese muß die Seele befreien.“

„Sie haben Recht, mein Fräulein! Wer nur seine Muttersprache kennt, wird leicht beschränkten Sinnes.“

„Wie bereue ich,“ sagte Hulda, sich die blonden Haare, die unter dem leichten Strohhütchen auf die Stirn gefallen waren, zurückstreichend, „Ihre ernsten Studien durch meine leichtfertigen Fingerübungen so oft gestört zu haben! Welch ein Gedächtniß verlangt solche Sprachenkunde, und das Gedächtniß verlangt Ruhe und Stille. Sie zürnen mir doch nicht, Herr Hauptmann, wegen meines Clavierspiels?“

„Keineswegs,“ erwiderte dieser, „Sie spielen ja so vollendet; ich höre Ihnen oft andächtig zu.“

Das Gespräch drehte sich dann um die Lectionen; man bestimmte Zahl und Zeit, und der Hauptmann freute sich im voraus des öfteren Zusammenseins mit dem anmuthigen Mädchen. Hulda erhob sich, musterte die Bibliothek und gab ihrer Freude über die vielen schönen Bücher lebhaften Ausdruck; sie hüpfte von einem Schranke zum andern. „Wie viele unsterbliche Namen, wie viele große Geister aller Völker sind hier in Ihrem Banne! Lauter zugekorkte Flaschen! Ei, wenn das Alles einmal die Pfropfen sprengte und herausschäumte, es müßte Ihnen unheimlich zu Muthe werden.“ „Sie meinen, wie dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht zu bannen vermag?“

„Nein, wie dem Zaubermeister, der vor der Fülle der Geister erschrickt, der sie aber dann beherrscht und es versteht, wie ein Geist zum andern Geiste spricht.“

Mit freundlichem Lächeln empfahl sich nach diesen Worten die neue Schülerin, vom Hauptmanne bis an die Treppe geleitet, während Skarnikatis, nicht ohne mit schweren Stiefeln einmal ihr Flügelkleid am unteren Saume festgehalten und in den Nähten gelockert zu haben, ihr das Geleite bis an die Hausthür gab.

Der Hauptmann aber schüttete, in sein Zimmer zurückgekehrt, den Fidibusbecher mit den Papierschnitzeln des Inferno aus und füllte ihn bald darauf mit Fidibussen, auf denen die Vocabeln des Paradiso prangten. –

Hulda war eine fleißige und gelehrige Schülerin; sie hatte Gedächtniß, Verstand, Sinn für das Schöne. Der Hauptmann weihte sie in manche verborgene Schönheiten der italienischen Dichter ein; er zergliederte ihr das Dante’sche Riesengedicht mit Hülfe großer Zeichnungen, die er früher entworfen hatte. Es gab da manche Stellen, über welche seine Erläuterung flüchtig hinweggleiten mußte; bei anderen dagegen verweilte er mit Vorliebe. Als er aber die hinreißend schönen Terzinen las, in denen der Dichter das Mißgeschick der anmuthigen Francesca von Rimini und ihres Geliebten besingt, da war es ihm, als ob ihm selbst erst das Verständniß dieser Worte aufginge. Saß Hulda nicht da, so anmuthig in das Lesen vertieft, wie jene Francesca, mit so gespanntem Antheil, ohne jeden Argwohn? Gab es hier einen schöneren Commentar, als einen „dritten“ Kuß, der für Dante das geworden wäre, was jener zweite für Galeotto wurde? Ein vermessener Gedanken; der Hauptmann wagte ihn nicht auszudenken; doch es schien ihm, als ob sie ahnungsvoll seine stumme Kühnheit fühlte. Eine flammende Röthe bedeckte auf einmal ihre Züge, und sie stockte beim Lesen. Sie hatten schon manchen kecken Liebeshandel Ariosto’s ohne Anstoß gelesen – warum setzte sie die Taubenliebe der Francesca so in Verlegenheit? Das Lesen war doch kein Verbrechen, auch nicht das Lesen, dem der Liebesgott über die Schultern sieht. Doch sie fühlte das Gleichartige heraus, und daß sie es fühlte, erweckte auf einmal in der Brust des Hauptmanns Hoffnungen, die sich nur schüchtern an’s Licht wagten. Wäre es möglich? Erwiderte sie eine Neigung, die sich bei ihm von Tag zu Tage entschiedener ankündigte?

Und warum sollte er an seinem Glücke verzweifeln? Der Spiegel, den er jetzt bisweilen befragte, theilte ihm mit, daß er noch Eroberungen machen könne. Seine Züge waren ernst, doch frisch; kein einziger vorlauter Silberfaden blickte aus seinem dunklen Haar; seine Augen hatten ein feurig Leuchten; seine Gestalt war fest, männlich und edel. Er hatte sich nie darum gekümmert; es war ihm, als entdeckte er jetzt zum ersten Mal sich selbst, wie er als lebendes Wesen von Fleisch und Blut in der Welt der Erscheinungen wandle.

Seitdem sie den fünften Gesang des Dante’schen Inferno durchstudirt, änderte Hulda ihr Benehmen gegen den Hauptmann in auffälliger Weise. Hatte sie ihm sonst von ihrem Balcon freundlich zugenickt, wenn sie ihn am Fenster erblickte, so zog sie sich jetzt mit scheuem Gruß zurück, wenn er sich zeigte; dagegen glaubte er zu bemerken, daß sie oft, versteckt hinter der Epheulaube des einen Fensters und, wie sie meinte, unbeachtet, auf ihn mit großen Augen hinüberschaute, unbeweglich, still, wie man auf ein Wunder schaut, sodaß ihm oft vor sich selbst unheimlich wurde; denn er hatte nie etwas Merkwürdiges an sich entdeckt und begriff nicht, daß er irgend einem Wesen in der Welt beachtenswerth oder gar bedeutend vorkommen könnte. Nach jener Lectüre hatte Hulda mehrfach die Stunden ausgesetzt, unter dem Vorgeben des Unwohlseins, und als sie wieder erschien, da konnte sie ihre Befangenheit, ihr Herzklopfen nicht verbergen, denn aus ihrem ganzen Wesen, selbst aus den zögernden Blicken, mit denen sie ihn jetzt ansah, merkte er, daß er ihr nicht gleichgültig war.

Bald sollte er sich noch mehr davon überzeugen. Eines Tages erschien noch eine andere junge Dame bei ihm, mit der Bitte, ihr englische Stunden geben zu wollen. Ihre Eltern lebten an dem Orte in bescheidenen Verhältnissen, wie er erfuhr; ihr Vater war ein pensionirter Beamter, dessen Lebensfreuden sich auf eine Whistpartie im Casino beschränkten; sie selbst war längere Zeit auswärts gewesen. Gabriele – den Taufnamen verrieth ihre Visitenkarte – war in jeder Hinsicht der Gegensatz zu

[837]

Ein Husarenstückchen.
Nach seinem Oelbild auf Holz übertragen von Prof. A. Wagner in München.

[838] Hulda; sie hatte keine Spur der harmlosen Heiterkeit, wie sie der blondgelockten Schönen eigen war. Ihre Züge waren zigeunerhaft düster; ihre Augen blickten schmachtend und schwermuthsvoll und waren oft wie von Thränen verschleiert; ihre Lippen zuckten oft wie von innerem Groll, von tiefer Verbitterung. Sie hatte eines der Gesichter, die uns eine lange Leidensgeschichte erzählen. Wenn ihr irgend etwas Theilnahme abgewann, dann sah man, daß sie noch jung war; dann leuchteten ihre Augen, dann flog ein frischer rosiger Hauch über ihre Wangen; sonst vergaß man bei ihrem Anblick, an Jugend oder Alter zu denken; man sah nur ein zerstörtes Leben, über dessen Blüthen der Hauch des Schicksals verwüstend hinweggezogen war. In Rede und Bewegung hatte sie etwas Leidenschaftliches, und Skarnikatis, den ihr ganzes Wesen beunruhigte, verglich sie mit einem angeschossenen Elenthiere, das bald rechts, bald links durch das Gestrüppe zu brechen sucht. Der Hauptmann fand schon bei der ersten Unterhaltung, daß sie Geist hatte; merkwürdige Einfälle und Gedankenblitze zeigten sich in ihrem Gespräch, doch es war ein unruhiger Geist, scharf, erbittert, leidenschaftlich, ja gehässig. Der Hauptmann zögerte nicht, ihr die gewünschten Stunden zuzusagen; ihn überraschte und erfreute es zugleich, in der spießbürgerlichen Einsamkeit des Städtchens zwei junge Mädchen zu finden, mit denen er sich angenehm unterhalten konnte. Im Uebrigen fand es Niemand anstößig, daß junge Damen bei ihm zuhause Stunden nahmen; er galt für ein Original, für eine wunderbare Sprachmaschine, aber kaum für einen Menschen. Wenigstens dachten die Honoratioren des Städtchens hierüber nicht weiter nach, und da sie ihn nicht decliniren konnten, sahen sie ihn für ein Neutrum an.

Mehrfach traf es sich, daß Hulda in’s Zimmer trat, während Gabriele mit der krampfhaften Hast, die ihr eigen war, ihre Bücher und Hefte zusammenraffte, da ihre Lection eben beendet war. Obgleich der Hauptmann die beiden jungen Damen mit einander bekannt machte, so stellte sich doch kein freundschaftliches Verhältniß zwischen ihnen her; ja die sonst so sanfte Hulda maß ihre Mitschülerin mit feindlichen Blicken.

„Sie ist wohl sehr geistreich?“ sagte sie eines Tages, als Gabriele das Zimmer verlassen hatte und der Hauptmann den Giuseppo Giusti aufschlug, den er jetzt mit seiner Schülerin las, um sie an die schwierigeren Wendungen des neuen Satirikers zu gewöhnen.

„Scharf, wie unser Dichter,“ antwortete er.

„Und das gefällt Ihnen wohl?“ sagte Hulda. „Das sprüht, das funkelt. Wir andern lammfrommen Gemüther haben nichts so Pikantes zu bieten. Eine Zunge, die wie ein Guillotinenmesser den Nächsten abschlachtet – was ist dagegen ein Herz voll Güte und Liebe? Das erscheint langweilig; alles Sanfte, Ruhige wirkt ermüdend; eine stille Tiefe des Geistes wird nicht mehr anerkannt. Ein Bach, er mag noch so krystallklar sein, verliert sich im Gebüsch, wenn er keinen lärmenden Wasserfall zu Stande bringt. Das muß plätschern, schäumen, tosen; das ist der Geschmack der Welt und der Männer.“

„Sie irren, mein Fräulein,“ sagte der Hauptmann; „uns ergötzt wohl ein Sprühregen von Einfällen und alle die Fächerschläge der weiblichen Koketterie, aber tieferen Eindruck machen auf uns doch nur die Frauen und Mädchen, welche Naturen sind, die sich nicht zu geistreichem Wesen steigern, sondern sich mit aller Unbefangenheit und Wahrheit geben, bei denen Geist und Herz in harmonischem Einklang und was sie fühlen und sagen eine stille Offenbarung der Natur ist.“

„Doch ich glaube, die Fächerschläge sind den Herren der Schöpfung lieber als die tieferen Eindrücke, mit denen sie nichts anzufangen wissen. Und ist diese Gabriele denn nicht schön, nicht anziehend für geistreiche Männer, was immer noch mehr ist als schön? Leuchten ihre Augen nicht oft mit einem bestrickenden Glanze? Hat sie nicht etwas Geheimnißvolles, was auf dunkle Schicksale deutet?“

„Gewiß,“ sagte der Hauptmann, „sie hat Trauriges erlebt, wie sie oft erwähnte, und diese Erlebnisse haben ihr den herben Ausdruck in Wort und Ton gegeben.“

„Herb? O ja,“ sagte Hulda, indem sich ein trotziger böser Zug um ihre Lippen lagerte, „man kennt das. Um so verlockender ist dann das süße Liebeswort für den Glücklichen, der hingebender Neigung gewürdigt wird. Für die Welt die bittere Schale, für ihn – doch wo waren wir gestern stehen geblieben?“

(Fortsetzung folgt.)




Ferienstudien am Seestrande.[1]
Von Carl Vogt.
4. Fisch- und Laus-Asseln.

„Gesund wie ein Fisch,“ sagt der Mund des Volkes;

„Ach! Wüßtest du, wie’s wohlig ist
Dem Fischlein auf dem Grund!“

singt der Mund des Dichters.

So schön das klingt, so falsch ist es. Gesund dürfte wohl kaum je ein Fisch zu nennen sein, wenn wir das Wort in der Bedeutung auffassen, welche wir ihm in Bezug auf den Menschen geben, und wohlig dürfte es ihm nur selten werden, denn ein von innen und außen geplagtes, verstochenes und angefressenes Thier, dem noch obendrein beständig nackte Vergewaltigung droht, dürfte doch kaum wohlig genannt werden können. Zwar jedes Thierchen hat sein Plaisirchen – aber ich fürchte sehr, dieses Plaisirchen möchte gerade den Fischen nur sehr sparsam zugemessen sein. Giebt es eine unleidlichere Situation, als nicht kratzen zu können, wo es juckt, nicht zutappen zu können, wo es beißt? Und doch schwimmen die meisten Fische in solch’ unangenehmer Lage umher. Vielleicht aber haben sie mehr Geduld als unser Einer.

Du hast dich am Meeresufer auf einem überhängenden Felsen niedergelassen und deine Angel ausgeworfen. Der heitere Himmel mit seinem feucht verklärten Blau lockt dich sehr wenig, denn du starrst nach dem Schwimmer, dessen Bewegungen den schnappenden Fisch verrathen. Ein Ruck, ein Schwung, und ein prachtvoller, mit gelben Arabesken gezierter, goldgrün glänzender Lippfisch (Julis) zappelt auf dem Boden. Wie wohlig muß es dem Thiere da unten sein, daß es sogar in Alltagswochen und nicht nur in dem jährlich einmal wiederkehrenden Hochzeitsmonate solches Staatskleid anzieht! Aber indem du dich bemühst, den Fisch von dem Angelhaken zu lösen, siehst du in der Nähe seines Auges einen grauen Höcker, mehr lang als breit, etwa von Eigestalt, aber mit Querringeln gezeichnet und einer breitgedrückten, zuweilen fast zolllangen Kellerassel nicht unähnlich. Neben diesem Ungethüm sitzt vielleicht ein zweites Wesen, kleiner, schlanker, manchmal wohl noch ein drittes, beide dem großen Thiere ähnlich gestaltet. Jetzt schaust Du genauer zu. Tiefe, gewundene Gänge sind in der Haut um das Auge, die fast speckig ist, ausgefressen – jedes der Thiere sitzt in einem solchen blutrünstigen Canale. Der arme Fisch! Erst war er bewunderungswürdig, jetzt ist er bedauernswürdig. Er hat gewiß große Schmerzen erduldet und Alles versucht, die ungebetenen Gäste los zu werden. Aber er kann weder mit den Flossen, noch mit dem Schwanze die zerfressene Stelle erreichen. Man sieht es seiner Schnauze an, daß er sich bemüht hat, durch scharfes Reiben an den Felsen und Steinen den Schmarotzer los zu werden; hat man so besetzte Lippfische im Aquarium, so stellen sie sich gar seltsam auf den Kopf und gleiten mit der leidenden Hälfte an dem Boden hin – aber Alles ist umsonst. Der Schmarotzer ist glatt, hart, sein Kopf heruntergebogen in die ausgefressenen Höhlungen, sodaß es dem Fische nicht möglich ist, trotz aller künstlichen Schwenkungen, ihn abzustreifen. Gelingt dies ja doch nur schwer dem Naturforscher, der mit Messer und Pincette sich bewaffnet. Hat er die Thiere losgelöst, so sieht er, daß das größte ein Weibchen, die kleineren Männchen sind; daß sie alle, beide Geschlechter, mit krummen Klammerbeinen in [839] großer Zahl bewaffnet sind, scharfe und schneidende Mundtheile besitzen und nur mit Gewalt sich losreißen lassen, so sehr sind sie mit den Klammerbeinen eingehakt. Aber dennoch können wenigstens die leichteren und kleineren Männchen mittelst ihrer flossenförmigen Schwanzklappe schwimmen, während die Weibchen nur langsam und mit Beschwerde kriechen können. Als schlanke Jungfrau freilich schwimmt das Weibchen lebhaft umher, mit der breiten Schwanzflosse sich durch das Wasser fortstoßend, später aber birgt es unter den Bauchschuppen die Eier, und dann hört die Beweglichkeit auf.

Es giebt Hunderte von Arten solcher Fischasseln, die an allen Theilen des Körpers verschiedener Fische sich festsetzen und in eine große Anzahl von Gattungen vertheilt worden sind, und man findet die mannigfaltigsten Uebergänge von stets frei schwimmenden, ja in sehr großen Tiefen sich aufhaltenden Formen mit Schwimmfüßen (Serolis), welche vielleicht nur zuweilen die Fische als bequeme Transportmittel benutzen, bis zu solchen, welche nur echte Klammerfüße im Alter tragen und einzig und allein auf die schmarotzende Lebensweise angewiesen sind. Alle gehören aber einer Gruppe von Krebsthieren an, welche in den Landasseln sich bis zu der höheren Bildung von luftathmenden Thieren erhebt. Die niedrigsten Formen mögen wohl von denjenigen Asseln dargestellt werden, welche bei anderen Krebsthieren schmarotzen.


Fig. 1. Garneele, (Palaemon serratus) vom Rücken aus in natürlicher Größe.
a. Die in der linken Kiemenhöhle sitzende Lausassel.


Wer während einer Badecur am Ufer des Meeres sein Frühstück einnimmt und sich die in zartem Rosenroth glänzenden Garneelen (Crevettes nennt sie der Franzose, Shrimps der Engländer) auftragen läßt, der wird fast immer unter der Menge einige finden, welche an dem Brustschilde einen seitlichen (Fig. 1) Buckel tragen; das Brustschild selbst ist aufgetrieben; ein weißlicher Ring, der einen schwärzlichen Mittelpunkt umgiebt, oder auch ein schwarzer Ring um einen helleren Mittelpunkt (die Färbung hängt von der Entwickelung der Eier ab) schimmert durch. Das Ding hat etwa die Größe eines Hemdknopfes. Um es abzulösen, muß man das Brustschild aufbrechen, denn es sitzt an der inneren Seite desselben festgehakt, in der Kiemenhöhle. Aber es ist gekocht, und nur wer frische Garneelen untersucht, wird sich überzeugen können, daß es eine Assel (Fig. 2) ist, aber nicht symmetrisch, sondern windschief, mit tief untergebogenem Kopfe, kurzen Stummeln statt Füßen und blattförmigen Anhängen unter dem Hintertheile, die vielleicht Kiemenblätter sind, jedenfalls aber durch ihre Bewegungen einen Wasserstrudel erzeugen können. Die braunschwarze Mitte ist ein Brutsack, vollgefüllt mit unendlich kleinen Eiern und Jungen. Sieht man genau zu, so findet man auch gewiß das sechs- bis zehnmal kleinere Männchen der Lausassel (Bopyrus) (Fig. 3), das an dem Hintertheile seines gigantischen Weibchens sitzt, ein schlankes, symmetrisches Thierchen mit niedlich ausgezackten Brustringen und länglicher Schwanzschuppe, das auf seinen kurzen, seltsam gleich Dachshundbeinen verdrehten Klammerfüßen noch ziemlich schnell läuft, wenn man es vom Weibchen losgelöst hat. Das hat noch eine dem Typus der Asseln entsprechende Form; das Weibchen, das immer an derselben Stelle in der Kiemenhöhle der Garneele sitzt und den Kopf nach hinten richtet, hat sich dem Wohnplatze angepaßt und die eine nach dem Bauche der Garneele gerichtete Seite ausgebuchtet, die andere eingezogen, je nachdem es auf der linken oder rechten Seite sitzt, sodaß es vollkommen unsymmetrisch geworden ist. Die Jungen (Fig. 4 und 5) haben beim Auskriechen aus dem Ei zwei große, gehäufte Augen, lange Schwimmfühler, drei Paar langer Klammerfüße und eine Unzahl von blattförmigen Schwimmfüßen am Bauche; die Männchen haben kleine, fast punktförmige Augen und vier kleine, kurze Fühler am Kopfe; die Weibchen haben gar keine Augen und keine Fühler, denn die Rudimente, die sie am Kopfe tragen, kann man kaum noch so nennen.

Ich habe Hunderte von Jungen unter dem Mikroskop an meinem Auge vorüber gleiten lassen – sie waren genau in gleicher Weise gebildet. Auch die Jungen von verschiedenen Weibchen glichen einander vollkommen. Da aber fast immer ein Pärchen in der Kiemenhöhle einer Garneele seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, so muß man doch wohl annehmen, daß aus diesen gleich gestalteten Jungen zur Hälfte Männchen, zur Hälfte Weibchen werden. Beide Geschlechter müssen verschiedene Umwandlungen durchmachen, bevor sie zu der Gestalt kommen, welche sie definitiv behalten werden. Wir kennen diese Metamorphosen nicht im Einzelnen; wir sehen nur die beiden Endpunkte, einerseits das Junge mit seiner kugelförmigen, dem Ei angepaßten Gestalt, andererseits hier das schlanke, geringelte Männchen, dort das breit geschwollene, zur Unkenntlichkeit umgestaltete Weibchen. Wie ist es möglich, daß von einer gemeinsamen Grundlage aus so verschieden gestaltete Formen sich entwickeln konnten? Der Contrast könnte nicht größer sein, wie zwischen jungen Mäuslein, die sich einerseits in Springhasen, andererseits in plumpe Elephanten umwandeln würden. Wer einen solchen Vergleich wagte, würde ausgelacht, weil es sich um Säugethiere handelt, aber bei Krebsthieren findet schließlich nur der Laie die Sache auffallend; der Naturforscher wundert sich höchstens, daß die Unähnlichkeit nicht noch größer sei.

Mit bloßen Worten ist es heutzutage nicht mehr gethan. Man muß in das Einzelne gehen, um die Einflüsse aufzudecken, welche bei den organischen Processen ihre Rolle gespielt haben.

Anpassung? Nun ja! Das Weibchen der Lausassel hat sich seinem Aufenthaltsorte angepaßt und ist dadurch windschief geworden. Das Brustschild der Garneele, welches die Kiemenhöhle nach außen abschließt und an welche das Weichen sich ansetzt, hat keine gleichmäßig gerundete Gestalt. Es läuft nach vorn spitz zu und krümmt sich stark nach innen auf der Bauchseite. Die Lausassel bewirkt freilich eine Aufwulstung an der Stelle, wo sie sitzt, aber diese Aufwulstung ist nicht bedeutend genug, um die Gestalt des Brustschildes im Ganzen zu ändern. Die Assel wächst also nach der Seite aus, wo sie freieren Spielraum hat, und krümmt sich auf der entgegengesetzten Seite ein. Nach von mir in Roscoff gemachten Zählungen sitzt die Assel häufiger auf der linken, als auf der rechten Seite der Garneele – acht Mal auf der linken gegen fünf Mal auf der rechten Seite. Von dreizehn Asseln sind also acht nach links eingebogen, fünf nach rechts. Wollten wir den Vorgang bis in die äußersten Einzelheiten verfolgen, so würden wir mathematisch nachweisen können, daß die Assel sich ebenso nach dem Widerstand des Brustschildes modelt, wie der Fuß nach dem Schuh. Sie muß dies um so mehr, als sie bei zunehmender Größe bald die ganze Kiemenhöhle ausfüllt und, einmal an ihrem Platze festgehakt, denselben nie wieder verläßt. Ich vermuthe, daß sie über ihren Eiern, die allmählich den ganzen Körperraum füllen, stirbt, wie die Schildlaus des Weinstockes über den ihrigen, die noch von der zu einem Blatte eingetrockneten Haut der Mutter gedeckt werden. Ich schließe dies aus dem Umstande, daß ich Garneelen gefunden habe, welche zwar einen etwas aufgetriebenen Buckel besaßen, in welchem aber keine Lausassel mehr saß. Das Männchen, klein, freier beweglich, hat immer noch in der Kiemenhöhle Raum und behält seine Gestalt, weil es nach Bedürfniß den Platz ändern kann.

Es ist auch eine ganz gewöhnliche Erscheinung im Thierreiche, daß festsitzende Thiere ihre Gestalt nach der Unterlage ändern. Keine Felsenauster, keine Lochmuschel (Anomia) gleicht der andern; die festsitzende Schale hat sich der Unterlage angeschmiegt. So ist also die Windschiefheit der Lausassel eine ganz gewöhnliche Anpassung, die uns nur deshalb auffällt, weil sie auf ein Gliederthier, auf ein Krebsthier eingewirkt hat, bei welchen strenge Symmetrie meist die Regel ist, und weil sie, je nach dem Sitze in der Garneele, bald in die eine, bald in die andere Seite beschlägt.

Aber damit ist es nicht genug. Woher die große Verschiedenheit aller dieser Asseln im Bau ihrer Füße? Die frei lebenden haben Schwimmfüße, die festsitzenden Schmarotzer Haken- oder Klauenfüße. „Der Schöpfer hat es so gewollt,“ ist die Antwort einer ganzen Partei, und wir müssen dann glauben, daß jeder Fuß der Gegenstand eines besonderen schöpferischen Willensactes gewesen sei. Daß mit diesem Glauben die wissenschaftliche Forschung ein Ende hat, ist klar; die Berufung auf den schöpferischen Gedanken gleicht etwa der Antwort meines Vaters, [840] wenn er auf kindliche Fragen antwortete, deren Lösung wir noch nicht verstehen durften oder konnten: Warum? Darum! Aber auch wenn wir uns mit dieser Hinweisung begnügen wollten, so würde damit die Frage nicht gelöst, warum diejenigen schmarotzenden Arten, welche in dem Alter Hakenfüße haben, in der Jugend an deren Statt Schwimmfüße besitzen? Warum? Offenbar weil durch eine Reihe von Häutungen, die wir von andern Arten kennen, diese Schwimmfüße nach und nach so umgewandelt werden, daß das Weibchen gar keine, das Männchen nur rudimentäre besitzt.

Das Junge der Lausassel giebt uns hier schon einige Aufklärung. Es hat drei vordere Fußpaare, die mit Doppelkrallen bewaffnet sind. Aber diese Füße sind lang, mehrgliedrig, während die Füße der erwachsenen Thiere, wie es zum Festsitzen paßt, nur sehr kurze, krumme Hakenstummeln sind. Die Krallenfüße des Jungen sind offenbar dazu eingerichtet, die Garneele gewissermaßen zu harpuniren, sich an dem glatten Körper dieses überaus behenden und unbändigen Schwimmers festzuhaken und dann erst weitere Metamorphosen einzugehen.

So leitet uns denn die Bildung der Füße nothwendig zu dem Schlusse hin, daß die Lausassel ursprünglich ein freies Thier war, welches die Garneele als Locomotive benutzte, wie die Serolis wahrscheinlich die Fische benutzt, und daß aus diesem Fuhrgast zuletzt ein Hausgast der Garneele geworden ist, welcher sich an einem bequemen Orte festsetzt, wo ihm diese nichts anhaben kann, und dort sich gemüthlich von dem Blute seines Hausherrn, vielleicht auch nur von den kleinen Thieren und anderen Dingen nährt, welche durch das Kiemenloch von dem Strome des Athemwassers ein- und ausgewirbelt werden.


Fig. 2.                   Fig. 3.                   Fig. 4.                   Fig. 5.
Laus-Assel (Bopyrus squillarum).
Fig. 2. Das Weibchen von der Bauchseite, achtfach vergrößert. a Unterseite des Kopfes. – Fig. 3. Das Männchen von der Rückseite, fünfzigfach vergrößert. – Fig 4 und 5. Junge von der Bauchseite und im Profil, dreihundertfünfzigfach vergrößert.

Der Schmarotzer ist nicht ursprünglich geschaffen – er ist geworden.

Zu derselben Schlußfolgerung leiten uns die Augen und die Fühler, die einzigen bis jetzt erkannten Sinnesorgane. Groß und mächtig bei den Jungen, setzen sie dieselben offenbar in den Stand, die pfeilschnell durch das Wasser schießende Garneele, deren Körper im Leben fast so durchsichtig ist, wie das Wasser selbst, zu sehen und, sobald sie ihr genaht und sich mit ihren Harpunenfüßen angeklammert haben, den Ort auszutasten, wo sie sich festsetzen wollen. Hier also ist eine Ausrüstung mit Sinnesorganen vorhanden, wie sie die meisten Thiere derselben Sippe während des ganzen Lebens nicht besser haben. Wie ärmlich ist diesen Jungen gegenüber das Männchen ausgestattet! Die großen, gehäuften Augen sind zu kleinen Punktaugen verschwunden, die Fühler kaum vorragende Anhänge geworden. Aber es hat doch in diesen Rudimenten noch die Erinnerung an eine bessere Ausstattung, an einen reicheren Sinnesaustausch mit der Außenwelt, und die geringe Beweglichkeit, welche ihm geblieben ist, gestattet ihm wenigstens, die Organe zu benutzen.

Welchen Nutzen könnte aber das Weibchen von Augen und Fühlern ziehen? Es sitzt fest – für seine Lebenszustände ist es durchaus gleichgültig, ob die Garneele sich im Dunkel der Tangblätter und Felsengrotten birgt oder ob sie im hellen Wasser sich tummelt – seine ganze Thätigkeit ist auf Verdauen und Kinderzeugen reducirt; sein Organismus ist eine Maschine geworden, die nur im Innern arbeitet, nach außen aber keine Aeußerung dieser physiologischen Arbeit zu erkennen giebt. Ernährung und Stoffwechsel sind innere Arbeit; was an der Ernährung der Augen und der Fühler gespart wird, kommt der Erzeugung der Eier und der Jungen zu Gute. Fort also mit diesen unnöthigen Dingen! Sie gehen zu Grunde, weil sie nicht gebraucht werden.

Derselbe Einfluß der organischen Sparsamkeit, wenn ich mich so ausdrücken soll, zeigt sich im Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander. Der Mann ist bei weitem kleiner, dafür aber auch weit beweglicher und empfindender, als das Weib. Der materielle Antheil, den er an der Erzeugung der Jungen nimmt, fällt weniger in das Gewicht, nimmt geringeren Raum ein, als der Antheil, welchen der weibliche Organismus durch die Bildung des Eies liefert. Bewegung aber ist Stoffverbrauch, und wenn das Weib mehr Stoff zur Eibildung nöthig hat, so wird es unbeweglich, während das Männchen immerhin einen Theil seines Materials in Bewegung abnutzen kann. Deshalb sehen wir denn auch allgemein in der Thierwelt das Weibchen ruhiger, seßhafter, als das andere Geschlecht, und wenn es sich um Schmarotzer handelt, bei denen ja auch die Seßhaftigkeit ein wesentliches Element ist, finden wir es mehr Schmarotzer, tiefer umgebildet als das Männchen. Bei den meisten Schmarotzern kommt aber noch ein anderes Element hinzu: die Nothwendigkeit der Vermehrung der Keime, die in directer Beziehung zu der Wahrscheinlichkeit der gesicherten Existenz steht. Viele Tausende von jungen Lausasseln mögen zu Grunde gehen, ehe es einer gelingt, eine Garneele zu haschen und sich an ihr festzuhaken. Es müssen also tausend und aber tausend Eier von einem Weibchen erzeugt werden, und um diesem enormen Stoffverbrauch zu genügen, wird der Körper desselben riesenhaft in dem Verhältniß zum Männchen, während die Eier so klein wie möglich werden, um dem Zahlenbedürfniß zu genügen. So erklärt sich das Mißverhältnis der beiden Geschlechter in Größe, Gestaltung und Rückbildung einfach durch das gebieterische Muß des Kampfes um das Leben.

Wenn aber die Jugendbildung dieser schmarotzenden Asseln sowohl, wie die geringere Rückbildung des Männchens wie mit dem Finger darauf hinweist, daß dieselben ursprünglich frei umherschwimmende Thiere waren, welche erst nach und nach zu Schmarotzern sich umbildeten, so ist damit ein tiefer Einblick in die beiden großen Vorgänge gethan, in Folge deren die Organismen sich umwandelten. Wir folgen dieser Umwandlung durch Anpassung und Vererbung in allen ihren Stufen bei der Art und den sie darstellenden Individuen selbst – wir folgen ihr nicht minder in der Reihe der Asseln selbst, von welchen die einen freie Schwimmer, die anderen Fahrgäste, die dritten Außenschmarotzer und die letzten sogar Binnenschmarotzer sind. Jeder [841] dieser Typen hält bei der Stufe fest, die seinen Lebensbedingungen zukommt; der Schwimmer hat nur Schwimmfüße; der Fahrgast zeigt einige, der Außenschmarotzer die meisten Füße zu Klammern umgewandelt; der Binnenschmarotzer hat nur noch Hakenstummeln. Der Binnenschmarotzer durchläuft aber während seiner Entwickelung in seiner Rückbildung alle diese Stufen – die junge Lausassel hat die Bildung eines Fahrgastes mit ihren drei langen Hakenfußpaaren.

Kein Zweifel also, daß diese Stufen Wirkungen lange andauernder Anpassung an das Schmarotzerthum sind, und kein Zweifel auch, daß die einmal erreichten Vortheile, die nur für diesen Zweck Vortheile, für die Gesammtorganisation aber Rückschritte sind, auf die Nachkommen vererbt wurden und noch vererbt werden.

Gerade diese Rückbildung in Folge einseitiger Anpassung an einen beschränkten Lebenszweck aber leitet zu einem großen Gesetze, dessen Wichtigkeit bis jetzt noch nicht genügend hervorgehoben wurde und das ich das Gesetz der Freiheit in der organischen und speciell in der thierischen Welt nennen möchte. Nur bei dem freien Thiere, das nach allen Seiten hin um sein Leben kämpfen muß, nur bei diesem führen auch Anpassung und Vererbung zu stufenweiser Vervollkommnung der Organisation; wo diese Freiheit in irgend einer Weise beschränkt ist, die Anpassung also zu einer einseitigen Ausbildung nach einem engeren Ziele führt, da sehen wir auch als Resultat die Rückbildung derjenigen Functionen, welche nebensächlich werden, und damit auch das Zurücksinken des Gesammtorganismus.

Um aber dieses wichtige Freiheitsgesetz in seinem Ganzen näher begründen zu können, dürfte es nöthig sein, noch weitere Wirkungen der einseitigen Ausbildung und Anpassung dem Leser vor die Augen zu führen. Es ist ein bekannter Satz, daß wir die Wirkungen der Freiheit nur dann gehörig schätzen und würdigen, können, wenn wir die Folgen der Sclaverei erkannt und bis in das Einzelne erfahren haben.




Karpathen-Menschen.
Von F. Sch.


Schiller ’s oft citirtes Wort „Auf den Bergen ist Freiheit“ bewährt sich in politischer Beziehung leider bis heutzutage nur auf wenigen Bergen unseres Planeten, jene unwirthlichen Höhen etwa ausgenommen, wo nur die flüchtige Gemse und das scheue Schneehuhn hausen, oder der stolze König der Lüfte seine mächtigen Schwingen entfaltet, für menschliche Wesen aber – seien es Herren oder Knechte – die Existenzbedingungen fehlen. Wer jedoch mit voller Brust den reinen Aether der Alpenregionen athmet, offenen Auges deren Wunder schaut, erkennt bald den tiefen Sinn des Dichterspruches in der köstlichen Kraft- und Lebensfülle, welche in dieser rauhen Zone alle seine Pulse durchdringt, jener Kraftfülle, in deren Vollbewußtsein die Bewohner der Berge – von den Tagen der grauen Vorzeit an bis heute – oft genug mit heldenkühnem Todesmuthe die Sclavenketten zerrissen, welche ihnen Hinterlist und Uebermacht angelegt.

Mir wenigstens drängte sich diese Erkenntniß mit unabweislicher Gewalt auf, als ich vor Jahren eines der schönsten und unbekanntesten Hochländer Europas kennen lernte; allerdings nicht etwa in flüchtiger Touristenart, sondern so gründlich, daß ich einen dauernden, wenn auch luftigen Wohnsitz inmitten jener erhabenen Bergriesen aufschlug, deren massige Körper Siebenbürgen von dem Lande scheiden, das eben jetzt der Schauplatz folgenschwer blutiger Ereignisse ist. Ja so sehr erfüllte bald auch mich diese strotzende Lebenskraft, daß ich der von dem Leben in solcher Wildniß unzertrennlichen Entbehrungen und Mühen gar nicht mehr achtete und es trotz frugalster Kost und tüchtiger Strapazen gar köstlich fand, so den ganzen lieben Tag die großartige Bergwelt um mich her zu durchstreifen, balsamische Lüfte athmend, den Blick in unendliche Fernen tauchend, die Nächte aber im luftigen Raume des am Rande eines Urwaldes aufgeschlagenen Zeltes zuzubringen, hingestreckt auf weichem Moos, eingelullt vom leisen Gesange einer jungfräulichen Alpennajade und dem geheimnißvollen Rauschen himmelanstrebender Baumwipfel.

Sehr lebhaft erinnere ich mich noch einer Excursion auf die nächstbedeutendste Höhe, bei welcher Gelegenheit ich in meinen beiden Führern, dem alten Vorescu und seinem Sohne Pietru, deren kleine, doch kräftige Pferdchen auch die Vermessungsinstrumente zu tragen hatten, ein paar originelle Typen dieses Bergvölkchens kennen lernte. Vorescu lebte, wie fast alle Bewohner dieser Gegend, den Winter über in einem etwas tiefer gelegenen Bergdorfe, im Sommer aber in den Stinen (Alpenhütten) auf den Höhen, wo es reichliche Nahrung gab für seine Schafe, und war ein prächtiger alter Mann von seltener geistiger und körperlicher Frische; sein Sohn Pietru dagegen gehörte mehr zu jener Sorte von Kraftmenschen, welche weit lieber Arme und Beine, als das Gehirn anstrengen, womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß dem jungen Riesen keine angemessene Portion gesunden Menschenverstandes zu Theil geworden wäre.

Es war ein herrlicher Morgen, als unser kleiner Zug aufbrach dem Dialu Negru (schwarzer Berg) zu, als dem Ziele der heutigen Wanderung. Die Luft war wie immer von den süßesten Düften der thauigen Alpenkräuter und Blumen erfüllt und zugleich von jener durchsichtigen Reinheit, welche entfernte Gegenstände näher, nahe aber in köstlichster Farbenfrische erscheinen ließ. Dazu jubilirten Finken, Zeisige, Stieglitze und wie all die lustigen Waldsänger heißen, im grünen Dome des majestätischen Buchenwaldes; es eröffneten sich von Zeit zu Zeit zwischen den moosbärtigen Stämmen wundervolle Fernsichten auf duftig blaue Berge und in der Morgensonne rothgoldig erglühende Thäler. Kein Wunder, daß Menschen und Thiere unserer Gesellschaft so rüstig und munter aufwärts schritten, als wäre das Wandern auf steilen, wenig begangenen Saumpfaden nur mühelose Lust. Und rüstig und munter wie Einer schritt der alte Vorescu Allen voran, so rüstig und munter, als gäbe es für ihn keine Last der Jahre, kein Welken und Ersterben der Glieder. Wahrlich der Greis mit dem noch immer frischen gedankenvollen Blick und dem eigenthümlich kaustischen Zuge um die Lippen war gewiß einer näheren Bekanntschaft werth, dachte ich und eilte an seine Seite.

„Holla, Großväterchen,“ sagte ich, ihm die volle Feldflasche reichend, „Eure Beine strafen Eure weißen Haare Lügen; sie können unmöglich alt sein.“

„Doch, doch, lieber Herr, alt genug,“ meinte der Alte geschmeichelt, nachdem er einen kräftigen Schluck gethan.

„Nun, wie alt etwa?“

„Wer das so genau wüßte!“ versetzte der Gefragte nachsinnend, „ich zählte eben nie, denn wozu? Der Tod fragt doch nicht nach den Jahren, sondern nimmt Jung und Alt, wenn ihre Zeit um ist, aber wenn Ihr es wissen wollt, Herr, weniger als achtzig Jährchen sind es wohl kaum und mehr als hundert[2] auch nicht.“

„Allzu großer Genauigkeit darf sich Euer Taufschein nicht rühmen,“ versetzte ich heiter, und einen weiteren Anknüpfungspunkt suchend fügte ich hinzu: „und der große Junge da rückwärts ist also Euer Sohn?“

„Ja, Herr.“

„Und an Enkeln fehlt es auch nicht?“

„Ach Herr, gerade daran fehlt es am meisten,“ erwiderte der Alte kummervoll.

„Hm, sonderbar,“ meinte ich, „wenn man den Prachtjungen so ansieht, sollte man glauben –“

„Gewiß, Herr,“ fiel der Alte ein, „darum wäre auch mir nicht bange – hätte er nur schon eine Frau!“

„Wetter, Eure Mädchen müssen sehr heikel sein, wenn sie da nicht anbeißen,“ bemerkte ich.

„Ei Herr, die Mädel möchten schon anbeißen,“ beeilte sich Vorescu aufklärend zu berichten, „aber eben darum, weil sie ihm Alle nachlaufen, mag er sie nicht.“

„Bis einmal die Rechte kommt.“

Der Alte schüttelte wehmüthig den Kopf und meinte dann seufzend: „Ich fürchte fast, daß ich’s nicht erlebe; denn seht, [842] Herr, mein Pietru war immer ein eigener Junge, dem stets das am besten gefiel, was zu erlangen ihm die größte Mühe kostete, waren es nun Käfer oder Blumen, Beeren oder Wild, und darum, meine ich, müßte die Dirne, die ihm es anthun sollte, eine Nuß sein, die dem tollen Jungen tüchtig zu knacken gäbe; dergleichen findet sich bei uns gar selten.“

Unwillkürlich wandte ich mich nach dem jungen „Hartherz“ um, der hinter meinen militärischen Gehülfen als der Letzte im Zuge einherschritt, trotz des beschwerlichen Aufsteiges wohlgemuth vor sich hinpfeifend und nach des Liedchens Tacte an einer jungen Eiche schnitzelnd, die er am Wege entwurzelt. Er trug das landesübliche grobe Hemd vom breiten Ledergürtel zusammengehalten, das eng anliegende Beinkleid von grauem Barchent und die den Fuß ebenfalls knapp umschließenden Kopanken, eine Tracht, welche Männern von hohem muskulösem Körperbaue gar wohl ansteht; zum Schutze vor des Wetters Unbill aber hing von den breiten Schultern der lange Schafpelz herab, während den braunlockigen Kopf ein mit Alpenrosen geschmückter, breitrandiger Filzhut deckte, unter dem die männlich offenen, gutmüthigen Züge und ein paar Augen sichtbar wurden, die so heiter und sorglos in die Welt blickten, als wäre sie wirklich die beste aller Welten und passire nie etwas darin, was ein Menschenherz betrüben könnte. In der That, dieser bei aller Wucht des Leibes in Bewegung und Haltung urwüchsig anmuthige rumänische Hercules war nach dem gewohnten Anblicke der melancholischen, verkommenen Gestalten des rumänischen Flachlandes eine gar erquickliche Augenweide, und nachdem ich den jungen Mann so gemustert, begriff ich sowohl die Vorliebe des weiblichen Geschlechtes für ihn, wie den zärtlich stolzen Blick des alten Vorescu, dessen Auge der Richtung des meinigen gefolgt war.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als wir endlich den kühlen Schatten des Buchenwaldes verließen und eine Lichtung erreichten, welche einen prächtigen Ausblick auf das tiefer gelegene, im frischesten Grün prangende Wald- und Wiesenland und auf einzelne der erhabensten Häupter des Hochlandes gewährte, deren Felsenkronen jedoch meist noch von dichten Nebelschleiern verhüllt waren.

Wir hatten einen tüchtigen Weg hinter uns, und in Anbetracht der uns noch erwartenden Strapazen schien mir eine kurze Rast wünschenswerth. In das schwellende Alpengras hingestreckt, die heiße Schläfe vom leichten Wehen der Lüfte gekühlt, das Auge ergötzt durch den Anblick der friedlich stillen Landschaft, ruhte es sich gar angenehm, und daß auch das Ohr nicht leer ausgehe, dafür sorgten die zahlreichen Leithammel der die Lichtung beweidenden Schafheerden mit ihren an den Hälsen baumelnden Glocken. Allein der holde Friede dieser Alpenbilder war doch nur eine süße Täuschung, denn kaum eine Stunde vor unserer Ankunft war einer der fettesten Wollenträger, der sich im Vertrauen auf den holden Schein der Waldschlucht zu sehr genähert hatte, eine leckere Beute Petzens, des brummigen Herrn des Karpathenwaldes, geworden.

So berichtete einer der Hirten mit trauriger Miene dem alten Vorescu, worauf der Erzähler zum Schlusse nicht versäumte, seine und seiner Hunde leider vergebliche Tapferkeit in das rechte Licht zu stellen und dem frechen Räuber die ehrenrührigsten Titel zu verleihen. Vorescu nickte zu alledem nur mit dem Kopfe und meinte gutmüthig: „Ja nun, da läßt sich nichts dagegen thun, auch der Zottelmann weiß, was gut ist.“

Pietru aber war schon bei den ersten Worten des Hirten emporgeschnellt und ging nach Beendigung des Berichtes, ohne ein Wort zu sagen, der Waldschlucht zu, an deren Rande die beraubte Heerde weidete. Lächelnd blickte ihm der alte Vorescu nach und sagte mir zunickend: „Seht, Herr, so ist er; gilt es einem Bären, da fängt er Feuer wie ein Holzschwamm, eines Mädchens wegen aber, und wäre es das schönste im Lande, würde er weder Hand noch Fuß rühren.“

„Laßt nur, Alter! Auch seine Stunde wird noch schlagen,“ tröstete ich, „doch sagt mir, wem gehören diese Heerden?“

„Mir, Herr,“ erwiderte Vorescu nicht ohne Selbstgefühl.

„Alle?“

„Alle bis auf jene, welche dort abseits weidet; diese gehört meinem Vetter Nikola, der die Stine gerade unter uns auf dem runden Kegel bewohnt.“

Erstaunt betrachtete ich den Sprecher, der harmlos in seiner dürftigen Hirtentracht neben mir saß. Nach oberflächlicher Schätzung repräsentirten die Heerden einen Werth von mindestens sechszigtausend Mark, und doch lebte der Mann, dem dieses Vermögen zu eigen war, bei seinem hohen Alter Tag für Tag unter Gefahren und Entbehrungen, Mühen und Anstrengungen, wie man sie unserem ärmsten Tagelöhner für reichen Lohn nicht zumuthen dürfte.

„Wetter,“ rief ich meinen Gedanken unwillkürlich Ausdruck verleihend, „da seid Ihr ja ein reicher Mann, der im fruchtbaren Flachlande ein prächtiges Gut kaufen, Diener halten, in einem schönen, bequemen Hause wohnen und leben könnte wie ein Bojar.“

Vorescu sah eine Weile still vor sich hin, als ob er meine Rede überdächte, dann aber sprach er mit seinem kaustischen Lächeln: „Möglich wär’ es, lieber Herr, doch Gott sei Dank bin ich schon zu alt zu solchen Streichen; ja als jungem Burschen, da kamen mir wohl öfter solche Gedanken, namentlich zur Winterzeit, wenn es stürmte, daß man selbst unter dem Schafpelze mit den Zähnen klapperte und ich mit der alten Frau, meiner Mutter, beim Herdfeuer saß und Spähne oder Dachschindeln schnitzte. Wenn ich aber von meinen närrischen Träumen schwatzte, dann schüttelte sie den Kopf und erzählte mir die Geschichte von dem Schäferhunde, dem das Frieren und Hungern in den Bergen, das Raufen mit Wölfen und Bären auch einmal zu viel wurde, und der hinab lief in eine schöne große Stadt, um sich dort einen andern Herrn zu suchen. Sein gutes Glück ließ ihn auch bald einen reichen mitleidigen Bojaren finden, der ihn zu sich in die Stube nahm, auf weichen Polstern schlafen ließ und ihm so viel Mamaliga (Kukuruzbrod) gab, als er nur immer fressen konnte. Das ging eine Weile so fort und gefiel dem Schäferhund gar wohl, endlich aber wurde es ihm doch gar zu langweilig hinter dem warmen Ofen, und er wollte zur Abwechselung wieder einmal hinter die Berge laufen, deren weißes Schneekleid so lustig herabglänzte. Doch seine Füße waren vom Faulenzen so steif geworden, daß er nicht weit kam; außerdem fror es ihn so jämmerlich, daß er bald mit eingezogenem Schweif hinter den Ofen kroch, aber lange hielt er auch die Ruhe nicht mehr aus, wurde bald darauf krank und nahm ein elendes Ende. – So erzählte sie, und als ich dagegen einwandte, daß doch viele Hunde vornehmer Herren alt werden, da sagte sie: ‚Junge, das verstehst Du nicht; das sind eben vornehme Hunde, die zum Faulenzen geboren sind, ein rechter Schäferhund aber – glaube mir mein Junge! – der wird nur alt in den rauhen Bergen seiner Heimath bei schmaler Kost und harter Arbeit‘. Und seht, Herr, ich denke, die gute alte Frau hatte so unrecht nicht.“

Während der Alte so sprach, waren aus der Stine, welche Vorescu’s Vetter gehörte, ein Mann und eine Frau herausgetreten und in den Wald hineingegangen, der den steilen Abhang zwischen uns und der Stine bedeckte; jetzt kamen sie in die Lichtung heraus und näherten sich unserem Ruheplatze.

„Wußte wohl, daß Vetter Nikola nicht lange auf sich warten lassen werde,“ sagte Vorescu, „aber wie kommt der alte Mann zu dieser Dirne, die zu ihm paßt, wie die Edelgeis zur Schildkröte?“

Vorescu’s drastisches Gleichniß war vollberechtigt, denn ein unähnlicheres Paar als das eben herannahende ließ sich kaum denken.

Vetter Nikola war mißgestaltet klein und häßlich und glich auf’s Haar den Gnomengestalten unserer Märchenbücher. Seine Begleiterin dagegen war ein merkwürdig hoch und kräftig gewachsenes Mädchen in vollster Jugendblüthe, und wie es in dem leichten, die prächtigen Formen nur wenig verhüllenden Nationalkleide, dem gestickten, vorn und rückwärts mit einem bunten Stück Zeuge geschmückten Hemde aufwärts schritt, mit der vollen nervigen Rechten einen schweren Krug auf den dicken schwarzen Haarflechten festhaltend, die Linke auf die runde üppige Hüfte stützend, bedurfte die stolze Gestalt keines historischen Zeugnisses, daß römisches Blut in ihren Adern rolle.

Nikola war übrigens bei aller Mißgestalt keineswegs blöde. Mit vergnüglichem Schmunzeln trat er näher, und nachdem er mich mit tiefem Bückling begrüßt, rief er heiter: „Eh, Vetter Vorescu, kennst Du meines Bruders Kind nicht mehr?“

„Deines Bruders Kind?“

„Wer sonst? War freilich noch ein kleines Ding, als sein Vater über die Grenze nach Siebenbürgen hinüber wanderte.“

[843] „Wie, das wäre Ancza (Antscha)?“ meinte Vorescu noch immer verwundert, während er jedoch mit sichtlichem Wohlgefallen das prächtige Mädchen betrachtete, welches, unter unsern Blicken erröthend, den irdenen Krug zur Erde setzte, darauf ein grobes, doch blüthenweißes Linnen über das Gras breitete und nun aus dem Korbe, den Nikola getragen, fetten Schafkäse, Mamaliga und hartgesottene Eier appetitlich ausbreitete.

„Bitte, bester Herr, nehmt vorlieb!“ sagte jetzt der gnomenhafte Alte freundlich. „Besseres haben wir nicht, aber das ist Euch vom Herzen vergönnt.“

„Was aber brachte Ancza so plötzlich über die Grenze herüber, zu Dir?" fragte Vorescu, während ich der Einladung ohne weiteres folgte und einen herzhaften Zug that aus dem mir von Ancza anmuthig gereichten Kruge, der jedoch nicht etwa Rebensaft, sondern frische Ziegenmilch enthielt, ein Getränk, das man im Gebirge gar sehr schätzen lernt.

„Was sie herbrachte?“ fragte Nikola zurück, „je nun, nichts Gutes, wie’s eben kommt in der Welt; die Mutter starb ihr schon, wie Du weißt, vor Jahren, der Vater aber fiel vorige Woche einen Felsen hinab, als er ein verlaufen Schaf suchte. Da stand das arme Mädel allein und kam, nachdem der Vater begraben war, herüber zu mir, wo sie gern gesehen ist.“

Ancza, welche noch immer vor uns stand, da es nach der Landessitte sich für ein Mädchen nicht geschickt hätte, in Gegenwart eines „Herrn“ bequem zu ruhen, blickte nachdenklich vor sich hin und wischte mit der kleinen braunen Hand eine Thräne aus den getrübten Augen, aber schon im nächsten Augenblicke flog wieder ein frohes Lächeln über die frühlingsheitern Mädchenzüge, als Vorescu schmunzelnd bemerkte: „Na glaub’s, Vetter, daß sie gern gesehen ist bei Dir, hat ja ein paar Arme, daß man sich fürchten könnte, wenn’s zum Streite käme.“

„Bei Gott, die hat sie, Vetter,“ bestätigte Nikola, „das Mädel spielt auch mit der Arbeit nur wie die Katze mit der Maus.“

„Eh, eh,“ machte jetzt Vorescu mit lustigem Augenzwinkern, „mir scheint, Du siehst sie schon so gern, daß es nächstens Hochzeit geben wird.“

Nikola schnitt ein süßsaures Rübezahlgesicht, Ancza aber lachte schelmisch auf und zeigte dabei zwei Reihen perlenweißer Zähne, die gleichwohl sicher noch mit keiner Zahnbürste Bekanntschaft gemacht hatten.

Nachdem die Alten noch mancherlei mit einander geplaudert und dabei dem Milchkrug wacker zugesprochen hatten, erhoben wir uns zum Aufbruche. Vorescu meinte scherzhaft, sein Pietru werde wohl erst später von der „Bärenschau“ zurückkommen, doch erschien dieser in demselben Augenblicke am Rande des schon erwähnten Tannenschlages und begegnete dort Ancza, welche, beladen mit dem Kruge und den Resten des Frühstückes, heimging. Die fremde weibliche Erscheinung schien den eifrigen Bärenjäger nicht sehr zu interessiren, um so mehr aber der Krug auf dem Kopfe.

„Holla, gerade recht für meinen Durst!“ rief er und griff dabei ohne Weiteres nach dem für den Erhitzten höchst verführerischen Gefäße.

Ancza jedoch that, als sähe und hörte sie den baumlangen Menschen an ihrer Seite nicht, und schritt gleichmüthig weiter.

„Oh – oh, verstehst Du nicht rumänisch?“ rief Pietru ärgerlich, indem er keck die schlanke Taille des Mädchens faßte.

„Bist Du mein Herr?“ tönte es jetzt stolz und drohend von Ancza’s Lippen.

„Was, Herr?“ erwiderte Pietru verdrießlich. „Durstig. bin ich.“

„Ei nun, dort ist die Schaftränke,“ gab die beleidigte Schöne kurz zurück, „und – jetzt die Hand weg!“

Ton und Art der Sprache mochten Pietru endlich doch zu näherer Beaugenscheinigung Ancza’s bewegen, denn statt der Aufforderung zu gehorchen, fügte er auch die zweite Hand zur ersten und beguckte das stattliche Mädchen mit großen verwunderten Augen.

„Herr Gott!“ rief aber dieses ungeduldig. „Du hast wohl Dein Lebtag noch kein Mädchen gesehen? Nochmals, Hände weg, oder –“

Die Drohung schien Pietru ohne Zweifel sehr komisch, denn er lachte laut auf und meinte: „Eh, wirst mich doch nicht ganz und gar verschlingen?“

„Verschlingen – nein, mich hungert nicht nach so derbem Braten, aber Dir die Wege zeigen,“ entgegnete Ancza spöttisch.

„Närrisches Ding, gieb mir den Krug, dann finde ich den Weg ohne Dich,“ versetzte Pietru unwirsch, indem er abermals und so rasch nach dem Verlangten griff, daß Ancza nicht mehr entweichen konnte.

Einige Secunden schwankte nun das Gefäß, von vier Händen gefaßt, hin und her, in dem Augenblicke aber, als die Palme des Sieges sich entschieden nach der Seite des Angreifers neigte, flog dasselbe unter Ancza’s zornigem Ausrufe: „Ei, so habe ihn denn!“ an Pietru’s Kopf und zwar mit solcher Gewalt, daß das Thongeschirr trotz seines soliden Baues dröhnend in Trümmer ging, der ansehnliche Milchrest aber sich über Gesicht und Brust des verblüfften Ringers ergoß. Der bombenartige Knalleffect dieser unleugbar „kraftstrotzenden“ Abfertigung ließ mich einen Augenblick für die Gehirnschale des Getroffenen fürchten, allein Vorescu’s heiteres Lachen sagte mir, daß Karpathen-Menschenschädel eben nicht nach gewöhnlichem Maßstabe beurtheilt sein wollen. In der That kam Pietru, nachdem er den weißen, süßen Platzregen aus den Augen gewischt und der enteilenden herben Maid einen ungleich achtungsvolleren Blick nachgesendet hatte, mit der Miene eines Mannes auf uns zu, dem zwar etwas Ungewöhnliches passirte, worüber ungehalten zu sein jedoch nicht der mindeste Grund vorlag.

„Nun, was ist’s mit dem Bären?“ fragte Vorescu, seine Heiterkeit bei Annäherung des Sohnes, wie mir schien, absichtlich verbergend.

„Es ist derselbe, Vater,“ antwortete Pietru, sich uns anschließend.

Und während wir nun in dem tiefen, harzdurchdufteten Schattenreiche kolossaler Tannenpyramiden aufwärts wanderten, erzählte Vorescu auf meine Frage, daß seine und seiner Nachbarn Herden seit längerer Zeit vorzugsweise von einem Bärenindividuum decimirt würden, dessen Fährte, durch eine fehlende Kralle an der Vordertatze kenntlich, auf eine ganz ungewöhnliche Größe schließen lasse, und daß bisher alle Bemühungen, dem Räuber beizukommen, an dessen Schlauheit und noch mehr an dessen dickem Pelze scheiterten, welch letzterer schon ein halb Dutzend Kugeln ohne besonderen Schaden für den Eigenthümer in Empfang genommen habe.

„Aber ich kenne jetzt sein Lager, Vater,“ sagte Pietru grimmig, „und heute Nacht soll er d’ran, müßte ich ihn auch mit der Hacke erschlagen.“

„Gut, Pietru!“ meinte der Alte ruhig, „nur gehe nicht wieder zu hitzig d’rein, kommt er Dir aber an den Leib, so vergiß nicht den Schafpelz nach vorn zu nehmen! So ’n Stück Schafhaut hat schon mancher Mutter Sohn vor schlimmen Schrammen bewahrt; und noch etwas, Junge: spiel Dich nicht mit dem Zottelmann, und denke, daß Bären bisweilen noch dickere Schädel haben als – andere Leute!“

Der, dem diese Rede galt, schien sich jedoch weder die guten Lehren noch die etwas anzügliche Bemerkung des Alten zu Herzen zu nehmen, sondern in tiefem Nachsinnen versunken zu sein. Ob an dieser sichtlich anstrengenden Gedankenarbeit das vergangene Abenteuer mit der kurz angebundenen Maid, oder das künftige mit dem dickhäutigen Meister Petz den Löwenantheil hatte, ließ sich aus den Zügen des Sinnenden nicht entnehmen, doch schien mir das pfiffig-frohe Lächeln des Alten darauf hinzudeuten, daß nach des Letzteren Ansicht das Mädchen mit seinem Kruge denn doch einen Eindruck, wenn auch nicht auf den harten Kopf des Karpathenjünglings, gemacht habe.

(Schluß folgt.)



[844]

Die Mädchenpensionate der französischen Schweiz.
I.


„So wäre denn unser Töchterchen confirmirt; aber was nun?“

Ach, der Traum eines Mutterherzens, der einst, als das Kind noch mit der Puppe gespielt, dieses schon groß und erwachsen gesehn, der es walten sah in der Häuslichkeit als die rechte Hand der vielgeplagten Mutter, der es geliebt und bewundert sah im geselligen Kreise, mit einem Wort, der aus dem Kinde schon das junge Mädchen sich vorzaubert, dieser Traum, dem jede Mutter schon früh für ihre Tochter nachhängt, er überspringt einen wichtigen Lebensabschnitt: den Uebergang vom Kindesalter zur geistigen und körperliche Reife, das vielgenannte, vielgeschmähte Backfischalter.

Das junge Mädchen soll in dieser Zeit ein „frisch vom Himmel gefallener Engel“ sein; zugegeben, aber ein gut Stück vom Sprühteufelchen und Kobold steckt auch auch in ihm. Diese Doppelnatur giebt dem dreizehn- bis sechszehnjährigen Mädchen eine Unberechenbarkeit, ein Schwanken und Schillern, das nicht immer zum eigenen Behagen und zu dem der Umgebung beiträgt.

Da thun denn Eltern, deren Verhältnisse dies gestatten, ihre Tochter gern auf ein Weilchen von sich; unter neuen Lehrern soll sie ihren Schulgang vollenden, unter neuer Aufsicht die kleinen sich bekriegenden Geister im Innern zum Frieden bringen. Und so tritt denn das junge Mädchen in ihr Institutsjahr ein, das bis vor Kurzem für eine Tochter höherer Stände als unerläßlich galt und das noch jetzt vielfach als nothwendiger letzter Firniß einer wohlgelungenen Mädchenerziehung angesehen wird.

Seit Jahren entsenden wir mit Vorliebe unsere Töchter in die Pensionate der französischen Schweiz. Zu den obengenannten Momenten, die eine Entfernung des jungen Mädchens aus dem Elternhause wünschenswerth erscheinen lassen, gesellt sich dort der Vortheil, daß sie das Französische als Umgangssprache leicht und fließend erlernen kann. Zudem hat die Schweiz den wohlverdienten Ruf, seit Jahren schon vortreffliche Volksschulen und höhere Bildungsanstalten zu besitzen; man weiß dort eine größere Gediegenheit und Gründlichkeit als in Frankreich, wohin wir ja der Sprache wegen unsere Töchter auch in Pension schicken können.

Besuchen wir einmal eines der unzähligen jungen Mädchen, die alljährlich aus Deutschland in die französische Schweiz geschickt werden, in seiner Pension, gleichviel in welcher, und verleben wir einen Pensionstag mit ihm! Das Haus liegt in herrlicher Gegend; von den Fenstern seines mit neuen Polstermöbeln und bunten Handstickereien geschmückten Salons überblicken wir einen klaren See; am jenseitigen Ufer ragen stolze Berge, oder in der Ferne schimmert die Alpenkette. Besuchsstunde ist zwar noch nicht, denn es ist sechs oder einhalb sieben Uhr Morgens. Gleichviel, wir haben Eintritt.

Eine Glocke tönt durch's Haus, oder ein Klopfen an den Thüren der Schlafzimmer. Zwei, drei oder vier junge Mädchen theilen ein Zimmer; in manchen Pensionen schlafen fünfzehn bis zwanzig in einem Saal beisammen unter Aufsicht einer Lehrerin. Das Zeichen zum Aufstehen ist gegeben. Die schmalen Betten, zu denen der augenblickliche Insasse selbst die Leintücher mitbringen mußte, werden verlassen. Die Neulinge stammeln vielleicht noch halb traumbefangen ein paar Worte der Muttersprache, mit dem klaren Bewußtsein kehrt aber die Erinnerung zurück, daß hier nur französisch gesprochen werden darf. Eine Uebertretung dieses Gebotes muß die Uebelthäterin selbst anzeigen. Bei der Toilette bedient man sich selbst mitgebrachter Wäsche. Ist der Anzug in Ordnung, so kniet jeder Zögling zu kurzem Gebet vor seinem Bett nieder.

Eine gemeinschaftliche Morgenandacht vereint darauf die jungen Mädchen in einem der Schulräume. Ist diese beendet, wird das Frühstück eingenommen, das meist aus Kaffee oder Milch mit Weißbrod besteht.

Um acht oder, je nach der Hausordnung, um neun Uhr beginnt der Unterricht mit abermaligem Gebete. Jede Lehrstunde wird in französischer Sprache ertheilt. Um zehn Uhr wird eine Viertelstunde pausirt und ein kleiner Imbiß, meist ein Stück trockenes Brod, gegeben, das übrigens dort so weiß und locker wie unsere Semmel und frisch sehr wohlschmeckend ist. Um zwölf Uhr wird der Vormittagsunterricht geschlossen. In manchen Pensionaten beginnt er im Sommer schon um sieben und dauert bis elf Uhr. In diesem Falle gehört dann die letzte Vormittagsstunde dem Baden und Schwimmen; zu Beidem bietet der See prächtige und gefahrlose Gelegenheit. Die jungen Zöglinge erklären diese für die herrlichste Stunde des Tages, und wer in die fröhlichen Gesichter der Zurückkehrenden blickt, die oft noch vom triefenden Haare im buchstäblichsten Sinne des Wortes umflossen sind, glaubt dieser Versicherung gern.

Die Glocke ruft das frohe Völkchen zum Mittagessen in den Speisesaal. Jede bleibt vor ihrem Platze stehen, bis die Vorsteherin ein kurzes Gebet gesprochen hat; dann folgt allgemeines Stuhlrücken, und das eifrige Klappern von Tellern und Löffeln bezeugt, daß jedenfalls guter Appetit hier zu Hause ist. Die Serviette, die auf dem Schooße liegt, der Löffel, den man führt, das Besteck zur Seite des Tellers, Alles hat die Mama dem scheidenden Kinde noch in den Koffer gepackt, und mancher Gedanke mag jetzt der Heimath zufliegen, wo sie ja auch gerade um den Eßtisch versammelt sind. Wollen aber die Lippen mit der Nachbarin von der Heimath plaudern, so müssen sie französische Worte wählen. Allgemach verstummt das Klirren von Messer und Gabel: man ist fertig; erwartungsvolles Schweigen. Auf ein leises Zeichen der Vorsteherin erhebt sich die ganze Schaar und spricht ein kurzes Dankgebet; dann entfliegt sie fröhlich in den Garten. Nur zwei Schülerinnen, die heute Morgen schon den Kaffeetisch abgeräumt und die Tassen vielleicht sogar abgewaschen haben, bleiben auch jetzt zurück, um alles Eßgeräth von der Tafel zu entfernen. Nächste Woche aber eilen auch sie sofort nach Tisch lustig dem Garten zu, und zwei Andere müssen dafür den heutigen Dienst versehen.

Bis zwei Uhr Nachmittags ist Freizeit. Plaudernd oder die Aufgabe memorirend gehen die Mädchen im Garten auf und ab. Der Nachmittag ist meist dem Zeichnen und der Nadelarbeit gewidmet; auch die Aufgaben für den folgenden Tag werden abgeschrieben und gelernt. Um sechs Uhr wird das „Goûter“ genommen, das wie die übrigen Mahlzeiten mit Gebet begonnen und geschlossen wird. Nach dem Abendessen werden sämmtliche Zöglinge spazieren geführt. Nur Krankheit berechtigt, sich von diesem Spaziergange auszuschließen. Im Winter wird er nach dem Mittagessen unternommen.

Der Abend wird verschieden zugebracht; in dem einen Hause wird Aufgabenschreiben und Auswendiglernen fortgesetzt; in einem andern sind die Mädchen unter Aufsicht plaudernd und gesellig beisammen. Den Tag beschließt eine nochmalige Andacht. Dann setzt sich Madame oder Mademoiselle auf ihren Stuhl; die junge Schaar defilirt an ihr vorbei, und Jede sagt ihr mit einem Kusse „Gutenacht!“. Madame hält zu diesem obligaten Tagesschlusse resignirt ihre Wange hin mit einem Ausdrucke im Gesichte, den ein alter Vers etwa in die Worte übersetzt: Wie Gott will – ich halte still.

Bei dieser Tageseintheilung ist jeder clavierspielenden Schülerin eine bestimmte Stunde zum Ueben angewiesen. Auch zum Briefschreiben, zum Einkaufen (in Begleitung einer Lehrerin) sowie zum Durchsehen und Instandhalten ihrer Wäsche haben die jungen Mädchen bestimmte Tage und Stunden.

Zu den Vergnügungen gehören größere Ausflüge, Besuche bei befreundeten Familien und das Anhören von Concerten oder ausgewählten Theaterstücken. Während der Ferien wird der Unterricht unterbrochen; Ausländerinnen bleiben gewöhnlich in der Pension. Wenn die Eltern der Tochter die Mehrausgabe bewilligen, macht die Vorsteherin eine Bergtour mit ihren Pflegebefohlenen.

Die oben kurz entworfene Schilderung des Pensionslebens mag vielleicht da und dort eine kleine Abänderung erfahren; das eine Institut mag die Lehrzeit etwas früher oder später schließen, ein zweites vielleicht in den innern häuslichen Einrichtungen ein wenig von dem gegebenen Bilde abweichen, bei einem dritten mag die Zahl der gemeinschaftlichen Andachten und Gebete eine andere sein, im Großen und Ganzen aber wiederholen sich in

[845]

„Mama – bist Du nun wieder artig?“ Nach seinem Oelbild auf Holz übertragen von R. Beyschlag.

[846] all diesen Anstalten, von denen dort gerade zwölf auf ein Dutzend gehen, dieselben Einrichtungen und könnten in dem oberflächlichen Beobachter die Meinung erwecken, daß sie alle nach einer Schablone gebildet, alle von demselben Geiste beseelt seien.

Doch dies scheint nur so.

Vor Allem sondern sich da die zwei grundverschiedenen Classen der Institute von einander ab, die aus der Mädchenerziehung eine Industrie machen, ein Geschäft, wie der Uhrenhandel in Lachauxdefonds und Locle oder der Käsevertrieb im Emmenthal es ist, und derjenigen, die wirklich Bildungsanstalten sind. Erstere sind zahllos, letztere sehr dünn gesäet. Erstere haben nichts als ihr Französisch und verkaufen uns dies so theuer wie möglich; letztere wollen nach festem Plan erziehen und unterrichten.

In den Cantonen Waadt, Genf und Neuenburg wird von Institutsvorstehern und solchen, die es werden wollen, die Ablegung eines Examens nicht verlangt. Die Anstalten sind der Aufsicht des Staates unterworfen, der von ihnen fordert, daß jeder Zögling wenigstens Primar-, also Volksschulbildung in ihnen erlangt. Die Aufsicht wird im Canton Neuenburg z. B. in der Weise geübt, daß Abgeordnete der Erziehungsdirection entweder dem Examen der Institute beiwohnen, oder daß die Schüler der letzteren zu einer allgemeinen Prüfung zugezogen werden. Doch sind diesen Prüfungen nur Kinder vom siebenten bis sechszehnten Jahre unterworfen. Streng werden diese Prüfungen nicht eingehalten; oft fehlt die Behörde bei denselben. Im Canton Waadt schreitet die Behörde nur dann ein, wenn sie von einem Pensionat erkennt, daß es seinen Schülern das Minimum der öffentlichen Volksschulbildung nicht gewährt.

Bedenkt man, daß wir unsere Töchter dorthin senden, nachdem sie die deutsche Schule entweder ganz oder doch bis zu den obersten Classen durchlaufen, bedenkt man, daß es fast immer Schülerinnen höherer Lehranstalten sind, die in der französischen Schweiz ihre Bildung vollenden sollen, so muß man sich sagen, daß der Staat nur Garantie für eine Stufe von Schulkenntnissen leistet, welche fast ausnahmslos die Schülerinnen schon überschritten haben, und daß für das, was wir eigentlich wollen, für höhere Fortbildung, durchaus keine Gewähr gegeben wird.

Wer eine Pension gründen will, miethet oder kauft ein im Garten gelegenes Haus, richtet darin einen eleganten Salon, ein Eßzimmer, einige Schulräume und die nöthigen Schlafzimmer ein, läßt einen Prospect drucken, und das Institut ist bereit für seine Zöglinge. Ob die Leiter der Anstalt auch die nöthigen Kenntnisse besitzen, um das zu halten, was der Prospect verspricht, ob sie die erforderliche pädagogische Einsicht für die Führung der Anstalt und für die Wahl der Lehrkräfte haben, das müssen eben erst die Resultate den Eltern und Schülerinnen beweisen.

Sehen wir uns den Prospect an!

Monsieur, Madame oder Mademoiselle X. nehmen eine Anzahl junger Mädchen in ihrem Hause auf, deren Erziehung und Unterricht die größte Sorgfalt gewidmet werden soll. Die Unterrichtszweige sind: Die modernen Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch, ferner: Religion, Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften, Rechnen, Schönschreiben, Zeichnen oder Malen und Handarbeiten. Meist ist der Unterricht in der italienischen, oft auch der in der englischen Sprache extra zu bezahlen; immer vom Pensionspreis ausgeschlossen ist der Musikunterricht, fast ebenso ausnahmslos ist auch das Malen eine Extrastunde.

Lesen wir unsern Prospect weiter! Er enthält nur noch einige häusliche Mittheilungen und die Preise.

Der Pensionspreis ist sehr verschieden. Während im „innern Lande“ gut gehaltene Pensionen zu 700 Franken, am Bieler und Neuenburger See zu 8 bis 900 Franken sich finden, überschreiten die Anstalten am Genfer See die 1000 fast durchschnittlich. 1200, 1500, 1800 Franken sind dort die gewöhnlichen Preise; die Städte Genf und Lausanne haben Institute zu 2000 und mehr Franken Pensionspreis. Für ein Mädchen, das außer der französischen Sprache noch eine fremde erlernt, Clavier spielt und zeichnet oder malt, erwächst noch die Mehrausgabe für die betreffenden Extrastunden, die sich im Jahr auf mindestens 250, oft auf 500 bis 700 Franken und mehr beläuft.

Dies sind die Nachrichten, die wir aus dem Prospect uns verschaffen. Ein Vergleich desselben mit dem Stundenplan wird um so leichter, als die Vorsteher und Vorsteherinnen mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit Allen, die sich dafür interessiren, über die Einrichtungen ihrer Anstalt Auskunft geben, uns auch erlauben, den Unterrichtsstunden beizuwohnen. Als durchaus vereinzelter Fall ist der zu verzeichnen, daß einem Besuch, der sich über die Anstalt und deren Lehrgang zu unterrichten wünschte, die nähere Einsichtnahme und das erbetene Hospitiren verweigert wurden. Es ist dies doppelt auffallend, da durch Eltern von Zöglingen, durch letztere selbst, ja auch durch Lehrer und Lehrerinnen mancherlei Klagen über die Leitung der Anstalt in's Publicum gedrungen waren. Doch wenn auch die eine Pforte geschlossen bleibt, die andern thun sich freundlich auf. Treten wir ein, um uns zu überzeugen, wie das, was der Prospect verspricht, ausgeführt wird!

Da sind denn auf dem ersten Stundenplan wöchentlich siebenzehn Unterrichtsstunden angemerkt (außer den Extrastunden). Von diesen siebenzehn gehören acht ausschließlich der französischen Sprache, nämlich sechs für Grammatik, Dictat und Aufsatz und zwei Literaturstunden. Die übrigen neun Stunden werden auf sechs verschiedene Fächer: Deutsch, Englisch, Geschichte, Geographie, Naturkunde und Rechnen, vertheilt, sodaß auf einen dieser Unterrichtsgegenstände durchschnittlich anderthalb Stunden wöchentlich fallen. Auf dem Stundenplan des andern Institutes nimmt das Französische von achtzehn Schulstunden zwölf in Anspruch; für die übrigen sechs Fächer bleibt also je eine Stunde frei.

In einer Pension mit höherer Stundenzahl (26) erhält die französische Sprache zwölf, die englische sechs Stunden zugetheilt. Religion, Deutsch, Geschichte, Geographie, Rechnen, Schönschreiben, Zeichnen, Handarbeiten theilen sich mit 8 : 8 = 1.

Noch überwiegender herrscht das Französische auf dem vierten Plan. Dreizehn verschiedene Fächer sind auf vierundzwanzig Schulstunden vertheilt und fünfzehn davon dem Französischen gewidmet. Diese Bevorzugung der französischen Sprache ist im Grunde natürlich. Die jungen Mädchen werden in die französische Schweiz geschickt, hauptsächlich um die Sprache fertig sprechen und beherrschen zu lernen. Der Unterricht, den sie zu diesem Zweck erhalten, ist fast ausnahmslos ein guter und sorgfältiger.

Der Franzose legt auf eine gewandte Ausdrucksweise im Sprechen wie im Schreiben großen Werth. Ihm ist es ebenso wichtig, wie er etwas sagt, als was er sagt, und er verzeiht sich eher einen orthographischen, als einen Stylfehler. Die Vorliebe für die gefällige Form haben auch die französischen Schweizer in hohem Grade, aber sie vereinen sie mit der größeren Gründlichkeit, die ihren östlichen Landsleuten, den Deutsch-Schweizern, eigen ist. Eine Pensionärin der französischen Schweiz kann, wenn sie Geschick und Willen dazu hat, ein grammatikalisch richtiges und in der Form gewandtes Französisch dort erlernen.

Es giebt Institute, die im französischen Unterricht fast den Vortheil von Privatstunden bieten, ja manche Damen beschränken immer ihr Institut auf wenige Schülerinnen, um im einer Sprachstunde nur je zwei Mädchen zu unterrichten. All diese Sorgfalt wird ausschließlich der französischen Sprache gewidmet. In ihr werden tägliche Grammatikübungen, Dictate und Stylproben vorgenommen, wöchentlich ein Aufsatz geschrieben. Die Literaturstunde erfreut sich besonderer Aufmerksamkeit. In vielen Pensionen treibt die Neuangekommene in der ersten Zeit nur Französisch, um so viel Fertigkeit darin zu erhalten, daß sie den übrigen, auch französisch ertheilten Unterrichtsstunden folgen kann, ja es kommt vor, daß eine Anfängerin von einem Tage zum andern zwei und eine halbe Druckseite wörtlich auswendig zu lernen hat, um nur möglichst schnell einen Vorrath französischer Worte und Wendungen in sich aufzunehmen.

Den Hauptzweck also, denjenigen, ihren Schülerinnen ein fließendes Französisch für Conversation und schriftlichen Ausdruck zu geben, erfüllen die Institute. Weniger befriedigend sind die Resultate, die in den übrigen Fächern erzielt werden. Namentlich wird von den Eltern immer wieder Klage darüber geführt, daß ihre Töchter während des Institutjahres in der Weltgeschichte nicht nur so gut wie nichts gelernt, sondern daß sie auch noch das, was sie vorher gekonnt, zum Theil wieder vergessen haben. Diese Klage ist begründet und auch aus den Verhältnissen leicht zu erklären.

Die jungen Mädchen kommen aus Deutschland, wo nur die Muttersprache ihnen erklungen ist, in ein fremdes Land mit [847] fremder Sprache. Wohl haben sie zu Hause auch französisch getrieben, haben vielleicht der Lehrerin die Fragen ganz hübsch zu beantworten, ihre aufgegebenen Uebersetzungen und Aufsätze fast fehlerfrei zu schreiben gewußt. Hier aber macht die Schülerin die Erfahrung, daß ihr Französisch, welches für die Schule wohl ausgereicht hat, sie bei den alltäglichsten Mittheilungen im Stiche läßt. Und in dieser Sprache soll sie nun all die verschiedenen Studien fortsetzen, die sie zu Hause nur in der Muttersprache geübt.

Da theilt man denn im Institut die Schülerinnen in drei Classen; jede durchläuft während ihres Pensionsjahres diese drei Abtheilungen. In die unterste kommen die Neueingetretenen. Sie werden entweder noch von einzelnen Unterrichtsgegenständen, z. B. Geschichte und Geographie, ausgeschlossen und treiben nur oder fast nur Französisch, oder sie erhalten in den genannten Fächern gesonderten Unterricht, wobei ihnen alle Sprachschwierigkeiten erklärt werden.

Bedenkt man die verschiedenen Nationalitäten, die grundverschiedene Vorbildung der Schülerinnen, stellt man sich die möglichst geringste Zeit vor, die der Stundenplan diesem durch immer wiederholte Spracherläuterungen gehemmten Lehrgang einräumt, dann erscheint das Wort gewiß nicht zu hart: auf dieser untersten Stufe, auch wenn sie alle Fächer in sich schließt, macht der Zögling nur Fortschritte in der französischen Sprache und in nichts anderem. Einen Stillstand aber giebt es hier nicht. Wer in einem Fache keine Fortschritte macht, der vergißt, der macht Rückschritte.

Auf der mittleren Stufe mag sich im besten Falle das Neuerwerben von Kenntnissen und das Entschwinden aus dem mitgebrachten Vorrath ungefähr die Wage halten.

Ein wirklich fortschreitendes Lernen aber ist erst auf der letzten und höchsten Stufe möglich, die nun jede Schwierigkeit des Sprachverständnisses als überwunden voraussetzt. Eine Schülerin so schnell wie möglich auf diese Stufe zu bringen, ist das Streben jeder Institutsleitung, die ihren Schülerinnen wirkliche Bildung und Kenntniß geben will.

Mit den genannten Schwierigkeiten hat jede, auch die bestgeleitete Pension der französischen Schweiz zu kämpfen. In der Art, sie zu bewältigen, offenbart sich das pädagogische Geschick oder der erzieherische Dilettantismus der Betreffenden; ersteres giebt die Schwierigkeiten zu und rechnet in seinem Wirken mit ihnen; letzterer sucht sie zu ignoriren und wirthschaftet frisch drauf los. Die oft wahrhaft jämmerlichen Resultate aber erklären sich noch nicht allein aus diesen Verhältnissen.




Blätter und Blüthen.


Ein Husarenstückchen. (Mit Abbildung auf S. 837.) Ein Theil der Wiener Garnison hatte vor allerhöchsten Herrschaften Revue zu passiren. Zu solch einem Schauspiel glänzendster Art läuft Alt und Jung überall, ebenso da, wo der Liberale über den Militarismus zetert, wie da, wo er selbst im Bürgermilizrock Parade macht. Die Schuljungen bis zum kleinsten riskiren lieber eine Portion Schläge, als daß sie dem Rasseln der Trommeln und dem Schmettern der Trompete von der Schulbank aus zuhörten. „Das Eisen ziehet den Mann an,“ hat schon Vater Homer gesagt; um so weniger widerstehen ihm die leichten Jungen.

Ein solches Wiener Pflänzlein hatte sich auch mit davon gemacht, war aber bald von der Menge abseits und für sich allein so in’s Spielen gerathen, daß es Alles um sich vergaß. Es steckt mit Eifer Holzstückchen in einen Erdhaufen; ob diese einen Wald oder einen Zaun vorstellen sollten, war noch unbestimmt, als plötzlich eine von ihm unerkannte Gefahr dem stillen Kleinen Spiel und Leben zugleich zu enden drohte. Ein Husarenregiment stürmte herein; es ritt in ganzer Schwadronbreite – für den armen Knaben war ebenso wenig Entlaufen, wie für die Reiter das Halt! möglich. Die ersten Pferde, die den Kleinen sahen, würden sicherlich rechts und links ausgewichen sein, aber die hinter ihnen kamen, hätten Alles unter ihre Hufe getreten. Schon hielt man das Kind für verloren. Da sprengte ein Husar mitten aus dem Gliede hervor, und in rasender Carrière des Pferdes bog er sich so tief nieder, daß er den Jungen bei dem Westchen packen und zu sich auf den Sattel nehmen konnte, bis es ihm möglich war, das barfüßige Kerlchen am sichern Rand des Revueterrains abzusetzen.

Die Geschichte ist lange her, aber beim Regiment – damals Würtemberg-Husaren – soll sie und der Name des Mannes, der dieses Husarenstückchen wagte, noch fortleben. Es wird erzählt, daß auch in diesem Fall, wie leider so oft, die Gesetze der Humanität mit denen der Disciplin in Widerspruch gerathen seien, denn dem Husaren sei zwar dafür, daß er mit eigener Lebensgefahr ein Kind gerettet, ein Ehrenzeichen verliehen, aber zugleich dafür, daß er auf eigene Faust, ohne Erlaubniß und Meldung, aus dem Gliede herausgeritten, die für dieses Vergehen bestimmte Strafe dictirt worden. Unser Bild, von Professor Wagner in München, feiert die schöne That, wie sie es verdient.




Das Telephon. Zur Richtigstellung, respective Ergänzung der in dem Artikel: „Die menschliche Stimme auf Reisen“ gemachten Mittheilungen bemerken wir zunächst, daß der Erfinder des ersten elektrischen Telephons, der Physiker Philipp Reis, nicht in Friedrichshafen, wie in Folge eines Versehens gedruckt wurde, sondern in Friedrichsdorf bei Homburg vor der Höhe an dem dortigen Lehr- und Erziehungsinstitute wirkte. Das Telephon ist in der am Schlusse unseres Artikels angedeuteten Weise bereits auf verschiedenen Zweigstationen, z. B. in der Nähe Berlins, in amtlichen Dienst gestellt worden, und vor einigen Tagen konnten die Zeitungen eine „Dienstordnung für den Fernsprecher“ veröffentlichen. Es ist daraus besonders hervorzuheben, daß die Depesche deutlich und in solchen Absätzen gesprochen werden muß, daß sie der Empfänger sogleich niederschreiben und nachher zur Controle dem Absender wörtlich wiederholen kann. Auch in Varzin ist bereits eine Telephonstation eingerichtet worden. Diese schnelle Einstellung des Telephons, welches seit Jahr und Tag in Amerika nur zu nebensächlichen Zwecken benutzt wurde, in den öffentlichen Dienst ist, worauf wir nicht unterlassen wollen, hinzuweisen, charakteristisch für die energische Leitung des deutschen Post- und Telegraphenwesens. Es hat sich gezeigt, daß man auf Strecken, die nur eine Hin- und Herleitung haben, ohne daß daneben andere Drähte laufen, für die ungeheuersten Entfernungen sich verständlich machen kann. Auf unsern vielbeschäftigten Strecken wird das Telephon schwerlich die zuverlässig arbeitenden Drucktelegraphen verdrängen, sondern sie wahrscheinlich nur in der angedeuteten Weise ergänzen. Einzelne Consonanten, deren richtiges Verständniß im telephonischen Verkehre Schwierigkeiten bereitet, gedenkt man durch andere zu ersetzen. Von größtem Werthe werden die Telephons auch für den Vorpostendienst im Kriege werden, für welchen man vor Jahr und Tag erst einen besonderen complicirten Apparat patentirt hat, der nunmehr von dem unendlich einfacheren und keine Uebung erfordernden Telephon jedenfalls außer Dienst gestellt werden wird, noch ehe er bei uns in praktische Benutzung getreten war. Ebenso wird es für unzählige Privatzwecke die Haustelegraphen und Hörrohre zweckmäßig ersetzen. Den verschiedenen Anfragern in dieser Richtung erwidern wir, daß mehrere Berliner Firmen sich bereits mit der fabrikmäßigen Herstellung von Telephonen beschäftigen. So z. B. liefert Herr W. Teschner (Berlin, W., Friedrichstraße 180) das Paar Telephone für zehn Mark und berechnet Leitungsdraht das Meter mit fünfzehn Pfennigen. Ebenso offerirten die Telegraphenfabrik von Binger und Koch (Stallschreiberstraße 56) und die Firma Henning und Ventzke (Sebastianstraße 61) zu ähnlichen Preisen Telephone, über deren Güte Referent indessen ein Urtheil nicht abzugeben vermag. Die uns von einem an Schwerhörigkeit leidenden Leser unterbreitete Vermuthung, daß das Telephon seinen Leidensgefährten gute Dienste leisten möchte, dürfte immerhin einen Versuch verdienen, wobei man aber wohl den Schalltrichter wieder zu einem Hörrohre verengern müßte. Als Curiosum mag zum Schlusse erwähnt werden, daß, wenn mehrere Telephone in dieselbe Leitung eingeschaltet werden, natürlich in jedem einzelnen die auf der Endstation gesprochenen Worte wiederklingen. Der an mehreren Orten gleichzeitig sich vernehmbar machende Redner oder Sänger und Virtuose, von welchem früher in der „Gartenlaube“ die Rede war, ist also durchaus kein Phantasiegebilde, das sich nicht verwirklichen ließe.




Noch ein Zug aus dem Leben des General-Feldmarschalls Graf von Wrangel. Es war Anfang der fünfziger Jahre, als der General-Feldmarschall von Wrangel in seiner Eigenschaft als Gouverneur der Marken dem Cadettencorps in der neuen Friedrichsstraße zu Berlin einen Besuch abstattete, dem Unterricht in mehreren Classen inspicirend beiwohnte und bei dieser Gelegenheit sich von den betreffenden Lehrern den fleißigsten und tüchtigsten Schüler der Classe vorstellen ließ. An dem nächstfolgenden Sonntag gab der General-Feldmarschall ein größeres Diner, zu welchem auch die von ihm inspicirten Lehrer des Cadettencorps und die vorgestellten fleißigsten Schüler der betreffenden Classen mit Einladungen beehrt wurden. Nach der üblichen Musterung wanderten die Cadetten, begleitet von ihren Lehrern, nach dem von Wrangel’schen Palais und betraten im Gefühl eines gewissen Stolzes die gastlich geöffneten Salons. – Es ging zur Tafel, an deren unterem Ende die geladenen Cadetten ihren Platz angewiesen erhalten hatten und einnahmen. Aber auf den bisher freudestrahlenden jugendlichen Gesichtern zeigte sich plötzlich Unmuth und Verstimmung. Die Cadetten bemerkten nämlich zu ihrem höchsten Befremden, daß vor ihren Gedecken keine Weingläser aufgetragen worden waren. Eine Zurücksetzung konnte darin unmöglich liegen. Traute man ihnen aber vielleicht nicht zu, ein Glas Wein vertragen zu können?! – Nach der eingenommenen Suppe erhob sich der Feldmarschall, um in gewohnter Weise den ersten Toast auf Seine Majestät den König und das Königliche Haus auszubringen. Ehe er denselben aber anstimmte, brach er in die Worte aus: „Aber was is mich des? Die Junkers haben ja keene Gläser nich. Was is mich des?“ Sogleich eilte einer der Tafeldiener in ein Nebenzimmer, um mit einem Präsentirbrett wiederzuerscheinen, auf welchem kleine im Innern vergoldete silberne Becher aufgestellt worden waren, die sofort nach dem eingravirten Namen unter die jugendlichen Söhne des Mars vertheilt und mit funkelndem Wein gefüllt wurden.

Freude strahlten jetzt die Mienen der jungen Gäste, und der hohe [848] Gastgeber, dessen Aug' und Herz dies nicht entgangen sein mochte, rief befriedigt über die Tafel:

„So! Nun haben die Junkers auch ihr Trinkgefäß und den Vortheil, dasselbe nach aufgehobener Tafel in die Tasche stecken zu dürfen, was meine übrigen Gäste nicht thun werden. Junkers! Nehmt diese Becher als ein Zeichen der Anerkennung für belobigten Fleiß und als ein Andenken an – mir!“

Hierauf brachte der liebenswürdige Gastgeber ein dreimaliges Hoch aus auf Seine Majestät den König, „seinem“ Herrn und das Königliche Haus. Die eingeladenen Gäste stimmten kräftig ein; auch die jugendlichen Söhne des Mars blieben nicht zurück und leerten enthusiastisch den credenzten silbernen Becher. Diese sinnige und zarte Weise, jugendlichem Fleiß eine Anerkennung zu zollen, hatte unter allen Gästen eine höchst wohlthuende Stimmung erzeugt, die so recht geeignet war, den Genuß der Tafelfreude noch um ein Bedeutendes zu erhöhen. Gewiß werden noch heute die kleinen silbernen Becher von den betreffenden Familien in hohen Ehren gehalten als ein werthes Andenken an froh verlebte Jugendtage und an den um Vaterland und Armee so hoch verdienten Feldmarschall von Wrangel.
F. L G.




Der Verfasser des Palm'schen Buches „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“. Bezüglich des in dem Artikel „Suleika’s Eden“ in unserer Nr. 48 erwähnten Herrn von Willemer geht uns aus der Feder der Verfasserin, M. von Humbracht, noch folgende nachträgliche Mittheilung zu: „Mehrere Bewohner von Oberrad haben mir Herrn von Willemer als den Verfasser der Schrift ‚Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung‘ bezeichnet. Sie war bekanntlich dem Buchhändler Palm anonym eingesandt worden, und ihre Veröffentlichung kostete Diesem das Leben. In Frankfurt wurde die Autorschaft Willemer’s entweder bestritten oder behauptet, Gewisses sei nie darüber bekannt geworden. Bestätigt wurde uns das Gerücht 1871 durch unsere Schwester. Sie besuchte uns auf der Gerbermühle, und als ich mit ihr von den frühern Bewohnern des Hauses redete und speciell von dieser Palm’schen Angelegenheit, theilte sie mir der Reihe nach folgende Daten mit, die sie aus ihrer frühen Jugend im Gedächtniß behalten hatte, wo sie 1832 mit unserm Vater in Frankfurt und auch bei der Familie von Willemer auf der Gerbermühle gewesen war.

In den Jahren 1791 bis 1815 wurde von Frankfurts Bürgerschaft, die ihre ältern und jüngern Bürgermeister alljährlich neu wählte, ein Adolf Karl von Humbracht zwölfmal zum ältern Bürgermeister gewählt. Es ist ein vereinzelter Fall in der Geschichte der freien Reichsstadt, und jener Karl von Humbracht muß ebenso beliebt bei den Bürgern der Stadt, wie ein Mann von besondern Fähigkeiten gewesen sein. Er war genau bekannt mit Herrn von Willemer. Ob das Amt, das er bekleidete, oder die Freundschaft, welche beide Männer verband, Grund war, daß Willemer ihm sein Geheimniß anvertraute, muß dahin gestellt bleiben. Als Willemer den Tod Palm’s erfahren und entschlossen war, sich als Verfasser zu melden, hat jener Humbracht ihm so lange zugeredet, sein Leben nicht unnütz auf’s Spiel zu setzen, bis Willemer ihm versprach, über die Sache zu schweigen. Palm’s Tod konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und Napoleon oder einem seiner Vertreter unnütz ein neues Opfer zu brutaler Handlungsweise zu liefern, war in der That ganz überflüssig.

Die Jetztzeit legt jener Schrift, die bekanntlich 1806 erschien, keine hohe Bedeutung bei; man findet heute die Ausdrücke zu stark. Die zündende Wirkung aber, die sie damals im Volke und im Heere gehabt, ist so bekannt wie die Erbitterung, die Entrüstung und Empörung, die jene Behandlung Palm’s und sein Tod in ganz Deutschland wachgerufen. Was 1806 möglich und vielleicht ganz natürlich war, begreift man heute kaum noch. Die Schrift, obgleich verboten, verbreitete sich durch alle deutschen Städte und Lande.

Von dem Hasse, den sie gegen Napoleon erweckte, nur ein Beispiel! Mein Vater war preußischer Officier und hatte sich in den Freiheitkriegen und als ganz junger Secondelieutenant die hohen militärischen Orden erworben: pour le mérite und die eisernen Kreuze erster und zweiter Classe. 1812 beim York’schen Corps stehend, erhielt er eines Tages in Riga nebst drei andern Officieren von Napoleon das Kreuz der Ehrenlegion. Es war auf der Parade und auf öffentlichem Marktplatze. Den Orden in der Hand, stürzte er einem daher laufenden Hunde nach, griff ihn auf – und seine Cameraden wußten sofort, was er wollte. Ein gleicher Impuls beseelte auch sie: der Hund erhielt die Decoration. Wie wäre dergleichen jetzt denkbar!?

Im Jahre 1813 war mein Vater bei seinem Onkel, jenem eben erwähnten Bürgermeister, in Frankfurt. Die Scene aus Riga wurde besprochen. Obwohl schmunzelnd, daß er einen so energischen Neffen hatte, sagte der Onkel doch: ‚Du konntest dafür erschossen werden.‘ Er erhielt zur Antwort: ‚Lieber so sterben als einen Orden Napoleon’s tragen!‘ Darauf sprang der Bürgermeister auf und rief: ‚Dich muß der Willemer kennen lernen.‘ Und noch in derselben Stunde fuhren sie hinaus zur Gerbermühle. Herrn von Willemer’s Bekanntschaft gemacht zu haben, blieb für den jungen Preußen stets eine werthe, interessante Lebenserinnerung. 1832 suchte er ihn noch einmal von Köln aus auf, als er in Westfalen in Garnison stand.

In Oberrad hörte ich mehrfach, Herr von Willemer habe den Tod Palm’s nie überwunden; er sei der Schatten auf seinem sonst so lichten Lebenswege gewesen, die Ursache zu seiner spätern, oft so trüben oder aufgeregten Stimmung.“




Noch einmal der Schulrath auf Reisen. Als Gegenstück zu dem Artikel „Aus dem Lehrerleben“ in unserer Nr. 46 geht uns Folgendes zu:

Hier ein scherzhafter Nachtrag zu dem ergötzlichen „Falschen Schulrath“, den Sie kürzlich Ihren Lesern vorführten. Der Schulrath X. unternimmt eine Revisionsreise, um die Schulen seines Bezirks – es war der von Erfurt – und ihre Lehrer kennen zu lernen. Sein Besuch gilt unter Anderm einem Dorfe an der Grenze des seinem Scepter unterstellten Gebietes. Sein Weg geht sofort nach der Schule. Hier findet er, daß die Frau des Lehrers Wäsche in der Schulstube aufgehängt hat. Darüber in hohem Grade entrüstet, haucht er die arme Frau nicht eben sanft an, und diese muß sofort ihre Wäsche aus der Schulstube entfernen.

„Wo ist Ihr Mann?“ fragt er.

Die Frau entgegnet, er sei im Dorfe, wo er verschiedene Geschäfte zu verrichten habe.

„Sofort lassen Sie ihn holen! Ich bin der Schulrath X. und gekommen, seine Schule zu revidiren.“

Die Frau schickt sogleich nach ihrem Manne, und dieser erscheint.

„Warum ist keine Schule?“

„Ich habe Ferien,“ antwortet der Lehrer.

„Lassen Sie ohne Weiteres die Kinder zusammenrufen!“

Es erscheint auch wirklich eine kleine Zahl von Kindern, und der Lehrer muß nach Gesang und Gebet den Unterricht beginnen. Nachdem der Herr Schulrath den Lectionsplan durchgesehen, fordert er den Lehrer auf, in der vaterländischen Geographie und Geschichte zu examiniren. Der Lehrer hebt mit der Frage an:

„Welches ist die Hauptstadt in unserem Fürstenthume?“

Ein Knabe antwortet ganz richtig: „Sondershausen.“

„Wie – was?“ fährt der Schulrath auf – „Sondershausen – –? Fürstenthum – –“

„Zu Befehl, Herr Rath – Sonder – –“

„Aber um Gotteswillen – wie heißt denn das Dorf?“

Der Lehrer nennt es. Dem Schulrath fällt es wie Schuppen von den Augen. Der preußische Regierungsbezirk Erfurt grenzt bekanntermaßen auch an das Schwarzburgische, und an der Grenze liegen zwei Dörfer, von denen das eine preußisch, das andere schwarzburgisch ist; beide tragen ähnliche Namen. Der Schulrath war in das schwarzburgische Dorf gerathen. Still nimmt er seinen Hut und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit zur Schulstube hinaus, die seltsam mit seiner Körperfülle contrastirt. Der Schwarzburger Lehrer aber, der nun wohl merkt, daß der Herr Rath in einem fremden Reiche revidirt hat, erlaubt sich ihm einige Artigkeiten nachzurufen, die nicht ganz angenehm an das Ohr des Davoneilenden tönen.
K.




Kleiner Briefkasten.


B. A. in W. Das schönste, wahrhaft künstlerisch ausgeführte Portrait des Kaisers, welches wir kennen, ist jedenfalls die im October 1876 in Baden-Baden nach dem Leben gefertigte Photographie von A. Braun u. Co. in Dornach. Der Kaiser, in Civil dargestellt, hat durch seine eigenhändige Unterschrift dem Bilde das Siegel seiner besonderen Zufriedenheit aufgedrückt.

M. D. in St. Nein! Wir verweisen Sie auf unsere Erklärung in Nr. 46, laut welcher für die Aufbewahrung unaufgefordert eingesandter Manuskripte – mit Ausnahme umfangreicher Novellen und ausgedehnter wissenschaftlicher Artikel – eine Garantie nicht übernommen werden kann.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Siehe Jahrgang 1876, Nr. 16, 25 u. 48.
  2. Vorlage: „hnndert“