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Die Gartenlaube (1877)/Heft 39

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[643]

No. 39.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Teuerdank’s Brautfahrt.
Romantisches Zeitbild aus dem 15. Jahrhundert.
Von Gustav von Meyern.
(Fortsetzung.)


Das Schauspiel, welches sich draußen vor Adelheid’s und Hugo’s Blicken eröffnet und bis zu dem tausendstimmigen Aufruf gesteigert hatte, wäre in seiner Großartigkeit von allen Städten des Landes wohl nur in Gent möglich gewesen. Die vier Stunden im Umfange messende Hauptstadt Burgund’s und der Niederlande, mit ihren dreihundert Brücken, welche unter dem Schutze von Thürmen und zinnengekrönten Mauern die sechsundzwanzig Inseln zwischen der Schelde und ihren drei Nebenflüssen mit einander verbanden, war seit zwei Jahrhunderten durch Handel und Kunstfleiß so übermäßig bevölkert und so reich geworden, daß sie allein vierzigtausend Mann Wohlbewaffneter in’s Feld zu stellen vermochte. Und hatte sie auch jetzt ihre gesammte Wehrkraft mit dem Staatenheer gegen die Franzosen geschickt, so waren doch allein in ihren Linnengarn- und Wollspinnereien noch über dreißigtausend Arbeiter beschäftigt, von denen es sich heute ein großer Theil nicht nehmen ließ, ihre eine freie Mittagsstunde in deren zwei zu verwandeln, um ein so wichtiges Ereigniß, wie der Aufzug der Friedensgesandtschaft ihres mächtigen Feindes, mit angaffen zu können. Ihre Zahl wurde aber noch überboten durch die Masse des arbeitslosen Pöbels, der, leicht kenntlich an den nackten Beinen, der rothen Gugel, verblichenem Strohhut und dem Beil im Gürtel, bei solchen Anlässen eine Hauptrolle zu spielen pflegte, zumal wenn er, im Solde politischer Parteiführer, eine besondere Aufgabe damit zu verbinden hatte.

Zu diesen schon in den buntesten Farben schillernden Tausenden kamen noch Abtheilungen der vierundfünfzig Genter Innungen, die in Abwesenheit der bewaffneten Macht in ihren Festtrachten an den Brücken Spalier bildeten, um der Gesandtschaft den Weg freizuhalten. Da waren zuerst Vertreter der edlen Bruderschaften der vornehmen Waffengilden, die Schützen vom „edlen Voetbogen“ in lichten Waffenröcken mit Franzen, die Schwertkämpfer aus der „Schermerschool“ mit Gottfried's von Bouillon silbernem Kreuz, die stets bewaffnet einhergehenden Kornmesser, die Zimmerleute, feuerwehrartig in Helm und Panzer, die Fleischhauer in blauen Kleidern mit goldenen „Brandenburgs“, die Fischverkäufer in grünen Anzügen mit silbernen Litzen, die „Hoftmans van den grisen Frocken“, die „van den Swarten“, die „Soudeniers metten witten Frocken“ und „metten rooden Crusen“, die Wollenarbeiter, die „Sargiemakers“, „Dobbelwerkers“ und „Legwerkers“, die Blaufärber, die Weißgerber und Schwarzgerber in den Farben ihres Handwerks, die Tuchscheerer, die schon damals besonders beliebten Bierbrauer und selbst ein kleiner Trupp der noch zum Gewerbe zählenden Gilde der Maler und sonstiger Künstler. Ihre gradlinigen Reihen hoben sich aus dem bunten Gedränge ab wie künstlich gleichfarbige Beete aus dem buntwogenden Rasen eines Naturparks, denn um sie her und bei ihnen vorüber strömte die große Menge fast eine Viertelstunde Weges von der Herberge der Gesandten jenseits des Gravesteins, der altflandrischen Grafenburg, an dem vierhundert Fuß hohen Belfried mit dem gewaltigen Drachen als Windfahne vorüber, zwischen Tuchhalle, Stadthaus und Nikolausthurm hin dem Schlosse zu, überall Straßen und Plätze füllend und Treppen und Brunnen besteigend, um die Franzosen zu sehen. Ab und zu sah man auch absichtlich für diese Letzteren die schwarz-grau-rothe Fahne des herzoglichen Hauses aus den Fenstern gehängt oder das Banner des schwarzen Löwen von Flandern oder des silbernen Löwen von Gent – unzweideutige Zeichen, daß die Bürgerschaft trotz Allem an ihrer Selbstständigkeit nicht rütteln zu lassen gesonnen sei.

Die Hauptmasse des Volkes aber war längst dem Endziele zugeströmt und füllte Kopf an Kopf, wie Hugo dem Herzoge gemeldet, den weiten Platz vor dem Fürstenhofe, der Hofburg der Herzogin. Dieses alte, im Laufe der Zeiten vielfach zerstörte, von Balduin dem Achten im romanischen Uebergangsstil renovirte Schloß war unter den burgundischen Herzogen mit gothischen Giebeln und vorspringenden Erkern zwischen stumpfen Eckthürmen geschmückt und in der Mitte des inneren Hofraumes mit einem Paar Glockenthürmen ausgestattet worden, die unter dem Namen „Beffroy“ in Frankreich und „Belfried“ in den Niederlanden damals bei keinem Prachtbau fehlen durften. Ueber dem weitbauschigen Kleeblattbogen-Portal nach dem Platze zu aber hatte man ein reiches, schräg crenelirtes und mit Thürmchen geziertes Frontispiz angebracht, aus dessen erstem Geschoß unter einem Metallbaldachin, von schlanken Säulen getragen und von durchbrochener Steinbalustrade eingefaßt, eben jener Balcon vorsprang, von welchem Adelheid und Hugo die Entwickelung des Schauspiels beobachteten, das sich jetzt vor ihnen abspielen sollte, während der Prinz von Cleve sich, offenbar in der Absicht, nicht gesehen zu werden, im Saale hinter ihnen an der offenen Thür aufstellte.

Denn am entgegengesetzten Ende des Platzes war soeben ein zahlreicher Trupp Reiter, in bunten Farben, mit Feldbinden, [644] wallenden Federn und Helmbüschen, um eine schwarze Fahne mit einem goldenen Mann und einem Stern darin, das Banner des Königs von Frankreich, geschaart, über die letzte Brücke geritten und von der gesammten Menge mit weithin dröhnendem Schrei empfangen worden. Was bedeutete der Schrei? War es ein Ausruf der Bewunderung? War es freudiger Zuruf? War es Drohung? ... Der Trupp hielt an. Er befand sich vor einer lebendigen Mauer, die ihm keinen Durchgang bot und ihm keine Pforte öffnen zu wollen schien. Einige Trompetenstöße schallten zum Schlosse herüber – offenbar die Aufforderung, Platz zu machen. Neues Geschrei, schon mit Gelächter untermischt. Die Trompeter, als Cleve'sche an den roth und weiß gestreiften Wämmsern erkennbar, die ihnen gleich den Hoornern den Spottnamen „Bunte Krähen“ eingetragen hatten, ritten vor und bahnten mit Mühe eine schmale Gasse. Das Volk preßte sich noch gutwillig genug nach beiden Seiten zusammen. Die Gesandtschaft kam näher. Sie mochte etwa zwanzig Pferde zählen; an ihrer Spitze ritt auf hohem Roß eine wunderliche kleine Gestalt, pfauenartig herausgeputzt, in den grellsten Farben, das Barrett mit hochwallender Feder geschmückt. So gelangten sie unter zunehmendem Geschrei, Gelächter, Gepfeife bis in Bolzenschußweite von der Hofburg. Hier aber sah sich der Zug unbedingt zum Halten genöthigt. Sei es, daß die wie eine Heerde in der Pferche zusammengedrängte Menge wirklich nicht mehr ausweichen konnte, sei es, daß man auf eine böswilligere Schicht gestoßen war – der Zug saß fest, wie in einer Sackgasse, die sich hinter ihnen sogleich wieder schloß. Auf dem Balcon konnte man schon einzelne Drohrufe vernehmen; der Lärm nahm einen tumultartigen Charakter an. Vergebens tönten die Trompetenstöße der Cleve'schen dazwischen.

In diesem Augenblicke verließ Adelheid den Balcon; Hugo blickte ihr nach; die Herzogin war mit der Aebtissin wieder in den Saal getreten.

„Mein Gott, was geht vor?“ rief sie in Aufregung. „Die Gesandtschaft ... der Tumult! Ich habe doch die Audienz abbestellt.“

„Es scheint ein Mißverständniß zu sein,“ meldete das Hoffräulein, „aber der Kanzler ist schon hinunter geeilt, um es aufzuklären.“

„Und mein Herr Vater auch,“ fiel der Prinz von Cleve, Maria begrüßend, ein.

„Gottlob! Das beruhigt mich,“ rief diese aufathmend, und alsbald zeigte sich mit dem ihr eigenthümlichen schnellen Wechsel der Empfindungen schon wieder der Schalk hinter ihren halbgeöffneten Perlen, als sie mit den Worten: „Der Prinz von Cleve, ehrwürdige Base!“ den jungen Fürsten der Aebtissin vorstellte.

Die rechte Hand zum Gruße niedersenkend, neigte der Prinz weniger den Kopf als den Oberkörper in einer so unglaublich eckigen Weise zum Gruße, daß Maria sich nach dem kurzen Gegengruße ihrer Base schnell dieser zuwandte, um den Verräther hinter den Lippen zu verbergen.

Diesen Moment benutzte das hinter dem Prinzen stehende Hoffräulein. „Jetzt, Prinz!“ flüsterte sie ihm zu. „Sagt ihr doch etwas!“

Der Prinz nickte ihr heimlich zu, trat einen Schritt näher zur Herzogin, stockte einen Augenblick, bog sich in den Schultern, als ob er die Worte emporwinden müßte, stieß zwei Lachtöne heraus und hob, auf den Platz deutend, an:

„Alle Achtung, Frau Herzogin! Das ist tapfer von Euch, daß Ihr den Gesandten abblitzen laßt. Potz Bomben, Euch als Parlamentär einen Barbier zu schicken! Als ob auf Eurem schönen Kinn ein Bart wüchse!“

Maria und die Aebtissin wechselten überrascht einen lächelnden Blick.

„Und Euch gilt es auch gar nicht,“ fuhr der Prinz, als er so glücklich im Zuge war, fort. „Nein,“ – und er deutete auf das Goldene Vlies an Maria's Halskette – „nur das Goldschäflein dort will er scheeren.“

Die Betonung des Wörtchens „dort“ wirkte zu drastisch. Maria lachte ihrer Base offen in's Gesicht. Die Aebtissin schlug die Augen zum Himmel auf.

„Aber Prinz!“ flüsterte es vorwurfsvoll hinter ihm.

Der Prinz sah sich mit einem verwunderten Blicke um.

„Ja, ja, mein lieber Vetter,“ nahm jetzt Maria seufzend und zugleich mit einem Ausdruck in ihren gutmüthigen Augen das Wort, wie wenn es ihr leid thue, ihn belacht zu haben. „Da sehet Ihr, was der König mir zu bieten wagt. Und wem bietet er es? Mir, deren Mutter aus dem Hause Valois war, wie er selbst es ist – er, der mich ein über das andere Mal seine 'geliebte Pathe', seine 'theuerste Freundin und Cousine' nennet.“

„Ha, ha!“ lachte der Prinz. „Das sagte der Fuchs auch, als er der Gans die Gurgel abbiß.“

Wieder sah, und diesmal fast erschrocken, Maria ihre Base an. Wieder himmelte die Aebtissin.

„Um Gotteswillen, Prinz!“ flüsterte es entsetzt hinter ihm.

„Was wollt Ihr? Das war ja nur durch die Blume gesprochen,“ versetzte der Prinz, halb ärgerlich, nach rückwärts. „Mit der Gurgel meinte ich Burgund.“

„Unglaublich!“ lächelte die Aebtissin, als sich Maria an ihren Arm hing und sie auf die Seite zog, um ihre Fassung wieder zu gewinnen. „In der That unglaublich für einen jungen Prinzen. Er ist ein Original, aber sicherlich ohne Falsch.“

Ein erneuter, heftiger Ausbruch des Geschreies draußen, das sich seit einigen Augenblicken gelegt zu haben schien, machte der heiteren Episode ein schnelles Ende. Von Neuem horchte Maria ängstlich auf.

„Um Gott, was giebt es schon wieder?“ rief sie Hugo zu.

„Die Gesandtschaft scheint Rath gepflogen oder mit dem Volke parlamentirt zu haben,“ rief der Ritter. „Vergebens drängt sie vorwärts; sie sitzt wie in der Falle.“

Plötzlich ertönte durch den wüsten Lärm hindurch eine furchtbare Baßstimme, bis in den Saal hinein verständlich.

„Nieder mit den Verräthern, den Spionen, die uns verkaufen!“

Und „Nieder mit den Verräthern!“ hallte es tausendstimmig im Volke nach.

„Base, Base, wie wird das enden?“ rief Maria, sich angstvoll hinter ihr bergend.

„Es kommt zum Handgemenge,“ meldete Hugo. „Man fällt Meulan in die Zügel. Die Edelleute ziehen ihre Schwerter.“

„Dann sind sie verloren. Ich kenne den Pöbel,“ stöhnte Maria.

„Jetzt ... jetzt! ... Nein ... siehe da ... endlich! Ein Clevischer Hauptmann an der Spitze einiger Reiter bricht sich Bahn von der Seite. Er hat Meulan erreicht ... er spricht mit ihm ... redet ihm zu ... Meulan wendet sein Pferd.“

Ein gewaltiger Jubelruf erfüllte die Luft. Rohes Gelächter und Spottnamen klangen dazwischen. „Bartscheer, Bartscheer!“ schrieen und lachten hundert Stimmen.

„Der Hauptmann drängt rückwärts das Volk aus einander,“ fuhr Hugo fort. „Man öffnet ihm eine Gasse.“

Da erdröhnte wiederum die gewaltige Baßstimme:

„Jagt sie aus der Stadt! Hinaus mit ihnen!“

Und „Hinaus mit ihnen!“ brüllte der Pöbel.

„Das war's, was ich erwartete,“ murmelte Hugo vor sich hin. „Ha, der Feigling!“ rief er dann. „Er galoppirt davon. Ein Pöbelhaufe mit Knitteln hinterdrein. Die Edelleute halten drohend. Man läßt von ihnen ab. Alles stürzt Meulan nach. Jetzt wenden auch sie und folgen langsam. Nun hat's das Volk gethan,“ fügte er, mit dem Kopfe nickend, leise für sich hinzu.

Der Lärm verlor sich in der Ferne.

„Gott sei Lob und Dank!“ athmete Maria auf. „Ich zittere an allen Gliedern.“

Da erklang hinter ihr eine volle, weiche, sonore Stimme, die sie erst recht erbeben machte.

„Wie? Schönes Bäschen, Ihr zittert?“ redete sie mit inniger Theilnahme der Herzog von Cleve an, der unbemerkt eingetreten war.

Es dauerte einen Augenblick, ehe Maria im Stande war zu antworten. „Wie sollte ich nicht, Herzog, nach Allem, was ich schon habe erleben müssen?“ erwiderte sie, sich mit Mühe fassend. „Der Herzog von Cleve, theure Base!“

„Beruhigt Euch, Bäschen!“ warf Cleve nach Begrüßung der Aebtissin leicht hin. „Es war ein unglücklicher Zufall, den sich das Volk zu Nutze gemacht hat. Die Menge hatte sich zu früh versammelt; des Kanzlers Bote konnte nur auf Umwegen hindurchdringen und traf die Gesandtschaft nicht mehr in der Herberge. Das Volk muß wohl vorzeitig Kenntniß von dem verrätherischen Plane Meulan's erhalten haben, vielleicht durch Unvorsichtigkeit [645] seiner eigenen Partei. Kein Wunder, daß es in Wuth gerieth. Aber ich habe ihn schützen lassen. Gent hat Euch gerächt – die kehren nicht wieder.“

„Aber die Folgen, Herzog, die Folgen!“

„Leider!“ stimmte Cleve mit besorgter Miene zu. „Auch ich fürchte, so unschuldig wir sind: Gent wird der Männer und eines starken Armes bedürfen.“

„Was ist das?“ rief plötzlich Hugo vom Balcon. „Das Volk kehrt von Neuem auf den Schloßplatz zurück. Die Hauptschreier voran!“

In der That ließ sich ein Getöse, wie heranschwellende Fluth, mit lärmenden Stimmen untermischt, vernehmen.

„Um des Heilands willen, was wollen sie noch?“ rief Maria, ihre Frage unwillkürlich an den Herzog richtend.

Cleve zuckte die Achseln.

„Ich höre den Namen des Prinzen von Cleve rufen,“ meldete Hugo.

Der Prinz wandte sich unwillig ab.

Immer näher schwoll der Tumult heran. Wieder erzitterte die Luft von hunderten von Stimmen vor dem Schlosse.

„Prinz von Cleve! Prinz von Cleve!“ rief es in wüstem Durcheinander.

Der Prinz stampfte mit dem Fuße.

„Prinz von Cleve! Prinz von Cleve!“ erdröhnte es, durch neuen Zuruf verstärkt, noch gewaltiger.

„Mein Gott, Prinz, sie rufen Euch. Zeigt Euch doch auf dem Balcon!“ flehte Maria.

Widerwillig, mit finsterer Miene, trat der Prinz hinaus.

Lautes Gebrüll empfing ihn.

„Heil, heil! Lang lebe der Prinz! Der tapfere Prinz! Heil unserm Herzog! Heil Adolf und Maria!“

Aber der letzte Ruf: „Heil Adolf und Maria!“ behielt die Ueberhand. Es war das Stichwort des gewaltigen Basses, das zuletzt alle Stimmen auf sich vereinigte.

Der Prinz, der einen Augenblick wie betäubt von dem Empfange dagestanden, fühlte jetzt offenbar Scham; er machte eine zornig abwehrende Bewegung mit der Hand und verließ rasch den Balcon.

Die Menge aber, die keine Ahnung von seinem persönlichen Widerwillen gegen ihre Absichten, geschweige denn gegen sie selbst hatte und längst darauf vorbereitet war, daß Maria ihren Wünschen nicht günstig sei, legte das auffallende Benehmen des Prinzen in diesem Sinne aus. Ein unbeschreiblicher Tumult folgte.

„Sie will nicht. Sie muß. Zwingt sie, zwingt sie!“ tobte es drunten in allen Tonarten, und als die bekannte Baßstimme jetzt den Empfindungen Aller in den zwei Worten Ausdruck gab: „In’s Schloß!“ da klirrten die Fenster im Saale von dem donnernden Rufe: „In’s Schloß, in’s Schloß!“

Maria warf sich in die Arme der Aebtissin.

„Sein letzter Schachzug!“ murmelte Hugo, mit verschränkten Armen beobachtend, für sich.

Die Thür öffnete sich. Der Kanzler trat herein. Blasser als gewöhnlich, warf er einen fast vorwurfsvoll flehenden Blick auf Cleve, als wolle er sagen: „Deine entfesselten Gewalten schlagen uns über dem Kopfe zusammen – nun hilf!“ und trat vor die Herzogin.

„Seid gefaßt, Hoheit!“ redete er sie mit erregter, leise zitternder Stimme an. „Die furchtbaren Drohungen der Franzosen haben das Volk erschreckt. Sie sollen geschworen haben, noch in dieser Nacht mit dem Heere vor der Stadt zu erscheinen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Das Volk verlangt einen Feldherrn, einen Herzog – den Prinzen Adolf.“

„Base! Base!“ schluchzte Maria an der Brust der Aebtissin.

„Bete, armes Kind, bete mit mir!“ war der einzige Trost ihrer frommen Beschützerin.

Cleve trat vor. Ein friedlicher Ernst, ein fast wehmüthiges Mitgefühl lag in seinen wasserblauen Augen.

„Theure Herzogin,“ sagte er mit dem Tone eines väterlichen Freundes, „es ist gekommen, wie ich gefürchtet. Aber das Volk hat so Unrecht nicht. Die Gefahr ist groß. ... Es ist wahr, ich muß Euch parteiisch erscheinen, denn es ist mein Sohn, den sie zum Herzog verlangen. O, könntet Ihr mir in’s Herz blicken! Nur den einen Wunsch, Euch zu retten, Euch Krone und Land zu erhalten, würdet Ihr darin finden – das habe ich mir gelobt; das will ich als Ehrenmann halten. Aber um Eines beschwöre ich Euch, flehe ich Euch an: Wer es auch sei, den Ihr erkoren, zögert nicht, ihn jetzt dem Volke zu nennen und dem Lande freiwillig zu geben, was es verlangen kann, ja wozu es Euch zwingen würde mit Bedrohung Eurer Freiheit, Eures Lebens – einen Mann, einen starken Arm, einen Retter in der Noth!“

„So ist es,“ bestätigte Ravestein. „Der Herzog spricht die Wahrheit.“

„Herr Gott im Himmel, was soll ich thun?“ flehte Maria verzweifelnd nach oben.

Wieder wurde die Thür aufgerissen. Ein Diener stürzte in den Saal.

„Sie dringen auf die Schloßwache ein.“

Der Prinz sprang vor. „Soll ich hinunter und Feuer geben lassen?“ fragte er Maria.

„Der Dummkopf!“ raunte Cleve erbittert dem Kanzler zu.

„Nein, nein, nein!“ wehrte angstvoll Maria.

„Dann entschließet Euch!“ sagte fast streng der Herzog.

„Entschließet Euch!“ wiederholte flehend der Kanzler.

„So ist denn gar kein Ausweg?“ jammerte, mit Thränen in den Augen, die unglückliche Fürstin. „Base – Herzog – Kanzler!“ Und mit bittend gefalteten Händen ging sie von Einem zum Andern.

„Keiner!“ sagte Cleve und nahm sie, wie ein willenloses Opferlamm, das nur noch des Gnadenstoßes bedarf, mit dem Kanzler auf die Seite, wo beide mit gedämpfter Stimme auf sie einsprachen.

Der Prinz horchte während dessen an der offenen Thür nach unten. Vom innern Schloßhofe drang ein Gewirr von Stimmen herauf, wie wenn zwei streitende Parteien im Begriff sind, von Worten zu Thätlichkeiten überzugehen.

Die Aebtissin war auf die Kniee gesunken und betete. Adelheid zitterte am ganzen Leibe und starrte mit vorgebeugtem Kopfe auf die Thür, als ob von dort jeden Augenblick das Verderben auf sie hereinbrechen könne. Hugo behauptete mit verschränkten Armen seinen Platz am Balcon und beobachtete fast lächelnd den Vorgang.

„Gut in Scene gesetzt!“ murmelte er. Dann blieb sein Auge entzückt auf Adelheid’s Gestalt haften.

Der Lärm wurde drohender; er wälzte sich, wie es schien, schon die Treppe hinauf. Da warf Adelheid entsetzt einen hülfesuchenden Blick durch den Saal. Ihr Blick fiel auf Hugo, und instinctmäßig ihren einzigen Beschützer in ihm erkennend, flog sie blitzschnell zu ihm hinüber.

„Verlaßt mich nicht, Ritter! Ich bin in Todesangst,“ flehte sie mit gefalteten Händen.

„Ei, so verzagt, Fräulein?“ lächelte er.

„Ach, Ritter, ich bin auch nur tapfer, wenn keine Gefahr ist. Hört nur die schreckliche Pöbelhorde!“

„Wofür fürchtet Ihr denn?“

„Für meinen Kopf! Für meinen Kopf!“

„Aber Fräulein, verliert ihn doch nicht selbst! Dieses Alles gilt ja nur der Herzogin.“

„O Ritter, die ist gut daran. Die braucht nur zu heirathen, um sich zu retten. Aber ich! – Sie werden sagen, ich hätte ihr schlecht gerathen, werden mich köpfen, wie Hugonet und Imbercourt, und ich kann doch schwören, daß ich niemals gefragt worden bin.“

„Schwöret nicht! Helfet lieber retten!“ sagte Hugo mit gedämpfter Stimme.

„Ich?“

„Pst! – Spielet der Herzogin ganz heimlich dieses Billet in die Hand!“ Und damit steckte er ihr ein Streifchen Linnenpapier zu. „Wollt Ihr?“

„Von Euch? – Ein Billet?“ fragte sie, trotz ihrer Todesangst noch von Mißtrauen erfüllt.

„Leset es denn!“

Die Eifersüchtige konnte sich nicht enthalten, einen ängstlich begierigen Blick hineinzuwerfen.

„Teuerdank?“ sagte sie aufblickend. „Wer ist Teuerdank?“

„Ihr werdet es erfahren. Pst! Man beobachtet uns.“

So war es allerdings. Während Cleve eben der Herzogin die Vorzüge ihrer künftigen Stellung unter seiner Aegide in’s [646] hellste Licht setzte, hatte Ravestein einen Blick auf Hugo geworfen und, so geschickt auch Adelheid ihm den Rücken zuwendete, doch genug bemerkt, um sich zu sagen: „Aha, ich habe mich nicht getäuscht. Er benutzt die allgemeine Aufregung, um der Geliebten ein Billet-doux zuzustecken – der ungefährliche Schmetterling!“ Und sehr zufrieden mit seiner Entdeckung, wandte er sich zu Cleve zurück.

Adelheid barg das Billet in ihrer Hand.

Plötzlich donnerten von unten Axtschläge gegen ein Thor. Ein Krach und ein allgemeiner Aufschrei folgte. Der Prinz stürzte zur Thür hinaus.

„Mein Gott, mein Gott, sie kommen, um mich zu morden. Ich will ja Alles thun,“ rief händeringend Maria und flüchtete unwillkürlich auf die entgegengesetzte Seite, Hugo zu. „Ritter Huy, Ihr steht so theilnahmlos – helft doch, schützet mich!“ flehte sie ihn an.

Des Ritters Auge sprühte. Ein leichter Blitzstrahl flammte daraus hervor; seine Rechte fuhr krampfhaft an den Degengriff. Aber ein rascher Seitenblick auf Cleve – und er verneigte sich achselzuckend, wie in schmerzlicher Entsagung, vor der Fürstin.

„Adelheid, Adelheid, Alles verläßt mich,“ rief Maria in Verzweiflung und ließ, wie gebrochen, die Hand mit dem Spitzentuche sinken.

Adelheid's Entschluß war gefaßt; ihr edleres Gefühl hatte gesiegt. Sie neigte sich auf die Hand der Herzogin nieder, wie um sie in ehrerbietiger Theilnahme zu küssen, und drückte ihr dabei das Billet auf das Tuch.

„Leset es!“ flüsterte sie.

Maria sah sie groß an, that dann einen Schritt zum Balcon und hielt das Tuch vor sich.

„Ha, diese Schrift!“ entfuhr es ihr leise. Und sie las:

„Teuerdank ruft Dir: Füge Dich,
Aber begehre vorher zu beten
In der Capelle Allerseelen!
Dort wirst Du finden, was Du suchst.“

„Von Dir?“ fragte sie leise, sich in namenlosem Erstaunen zu Adelheid umwendend, welche, sie deckend, hinter ihr stand.

„Nein, von ihm,“ gab diese, mit einem schrägen Blick auf Hugo, zurück.

„Himmel!“

Polternde Schritte und Waffengeklirr erscholl von der Treppe.

„Halt! Steht!“ dröhnte die rauhtönige Stimme des Prinzen.

Maria wankte auf Cleve zu.

Die Aermste! Ihres kindlichen Herzens hatte sich zwischen Todesangst und plötzlichem Hoffnungsschimmer auch noch ein Seelenkampf bemächtigt. Aufschub, Aufschub – das war ja der letzte Strohhalm, den zu erfassen sie sich gesehnt. Jetzt lag er greifbar vor ihr. Aber das Mittel, ihn zu erreichen, war die Lüge, war mehr als Lüge. Unter dem Vorwand des Betens zu täuschen, erschien ihrem reinen Sinn wie Mißbrauch des Heiligsten. Unwillkürlich gedachte sie des „bösen Feindes“ ihrer frommen Base. Und doch war keine Secunde zu verlieren – sie mußte sprechen. Was, wußte sie nicht; nur Eines wußte sie: keine Sünde!

Von solchen Empfindungen erfüllt, stand sie bebend, fassungslos vor dem Gefürchteten.

„Nun wohl denn, Herzog!“ hub sie an und wagte erst jetzt die Augen zu ihm zu erheben. „Nun wohl denn!“ Aber sie vermochte nicht fortzufahren. Hinter der innigen Theilnahme seiner Mienen lauerte ein so triumphirender Blick, daß sie sich schaudernd von ihm ab zu der neben ihm stehenden Aebtissin wandte.

„Nein! Sagt Ihr es ihm, fromme Base! ... Er soll ... befehlen, was er will, soll nur das Volk beruhigen ... nur kein Blut vergießen lassen! ... Ich füge mich in Alles ... heiße Alles gut. Aber ich muß ... freie Luft ... muß Stärkung suchen ... bei Euch ... sogleich! Lasset mich Euch zur Abtei zurückbegleiten! Hier ... erstickt es mich.“

„Recht, mein Kind, bete, bete mit mir! Das ist ja, was ich Dir gerathen!“ sagte die fromme Frau. „Herr Herzog, Ihr habt es gehört – thut nach Eurem Gefallen!“

„Ich kann nicht mehr,“ stöhnte Maria, sank auf den Arm der Aebtissin und wankte, von ihr gestützt, aus dem Saale.

„O, über die Frauen!“ sagte, ihr nachsehend, Hugo zu sich. „War das geheuchelt, so war's ein Meisterstück.“

Aber er irrte; es war kein Meisterstück. Ein Meisterstück würde Alles verdorben haben. Diesmal hatte die sittliche Reinheit ihres Gemüthes Maria gerettet. Denn so sicher Cleve die geringste Verstellung gewittert, so argwöhnisch er unter allen anderen Umständen in dieser wichtigen Stunde den Wunsch der Herzogin aufgenommen und ihn vereitelt haben würde: er kannte Maria zu gut, um nicht in ihren ohne all und jede Berechnung gesprochenen Worten die letzte Zuckung eines durch Todesangst gebrochenen Widerwillens und stille Ergebung in das Unvermeidliche zu finden. Keine Spur von Mißtrauen regte sich in ihm. Im Gegentheile, für die vollständige Ausbeutung seines Triumphes kam ihm eine kurze Abwesenheit der Herzogin gelegen. Im Augenblicke war sein Plan gefaßt. Nach einigen leisen Worten an Ravestein sprang er auf den Balcon und schwenkte sein Barett.

Zwei Trompetenstöße von unten antworteten, als wären sie bestellt gewesen. Lautlose Stille trat ein.

„Volk von Gent,“ rief er, „die Herzogin willigt ein, sich Euren Wünschen zu fügen.“

Ein tausendstimmiger Freudenruf ertönte.

Der Herzog winkte wieder. Erwartungsvoll zu ihm aufschauend, verstummten die Rufer.

„Das Verlöbniß mit dem Prinzen, meinem Sohne, findet noch heute Abend statt. Die Herzogin ladet Euch Alle zu Schmaus und Trunk auf die Plätze in Stadt und Schloß. Ein Karthaunenschuß wird den Anfang verkündigen. Nun ziehet in Frieden!“

Ein unbeschreiblicher Jubel bemächtigte sich des Volkes. Der glänzendste Sieg seines Heeres würde ihm in diesem Augenblicke nicht gleich dem eigenen Triumphe gewesen sein, seinen verblendeten Willen durchgesetzt und sich einen Festabend mit Schmaus und Trunk erobert zu haben.

„Panem et Circenses!“ murmelte Cleve hohnlachend vor sich hin, als er den Balcon verließ.

„Gardez la Reine!“ lächelte Hugo.

Das lärmende Gewoge draußen verlor sich. Die Fluth wälzte sich vom Schlosse der Stadt zu. Auch der Prinz kehrte zurück. Freudestrahlend trat Cleve zu den Anwesenden.

„Der ganze Hof ist zum Verlobungsabend geladen,“ rief er. „Die Herzogin begleitet zuvor noch ihre Base zum Kloster Allerseelen. Du, Adolf, führst das Ehrengeleite Deiner Braut.“ – Und ihn auf die Seite nehmend, fügte er leise hinzu: „Ich gebe Dir doppelte Mannschaft. Jeder bürgt mir mit seinem Kopfe für sie. Während dessen berufe ich die Abgeordneten und lasse mich zum Regenten ernennen. Habe Acht auf Alles und sei spätestens vor Dämmerung zurück! ... Auf Wiedersehen heute Abend!“

Mit diesem Gruß an Adelheid und Hugo verließ er mit Ravestein das Zimmer.

Der Prinz, im Begriff zu folgen, wendete sich an Hugo.

„Ihr begleitet uns doch, Huy?“

„Zum Wettritt mit Euch, mein Prinz,“ versetzte lächelnd der Ritter.

„Und mit Euch, Fräulein, bleibt es, wie verabredet. Ihr seid meine getreue Verbündete bei der großen Action.“

Hugo sah Adelheid groß an. Sie bemerkte es mit stillem Vergnügen.

„Ei, Prinz,“ erwiderte sie, nicht ohne ihre Smaragden spielen zu lassen, „wollt Ihr wirklich thun, was Euch zuwider ist? Ihr hasset ja den Sturm auf ... Weiberschanzen.“

„Eine ausgenommen – ha, ha!“ lachte der Prinz, und grüßend verließ er den Saal.

„Fräulein!“ sagte Hugo vorwurfsvoll.

„Ritter?“ fragte Adelheid, ihre schlanke Gestalt auf der Fußspitze wiegend.

„Ihr die Vertraute des Prinzen?“

„Ihr der Vertraute der Herzogin? ... Wohl gar Teuerdank selbst?“

„Bei Gott, Ihr irrt Euch. Aber was muß ich von Euch glauben?“

„Ei, Ritter, das müßtet Ihr doch am besten wissen, denn ich bin, wofür Ihr mich haltet, und Ihr sagtet ja selbst, dann möchtet Ihr wohl ... der Prinz von Cleve sein.“

Noch ein Lächeln, und sie entschwand.

„Libelle! rief Hugo, ihr nachblickend. Dann ging auch er, sein Pferd satteln zu lassen.




(Fortsetzung folgt.)
[647]
Ein aufgehender Stern.

Josephine Wessely als Clärchen im „Egmont“.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

Am Abend des zwölften Juli dieses Jahres drängten sich nach einer langen Vorstellung dichte Schaaren eines begeisterten Publicums aus den weiten Räumen des Berliner Nationaltheaters durch dessen Ausgänge hinaus in’s Freie. An den Thüren sah man frische Zettel, auf denen in überkreuzten Zeilen großgedruckt die Worte standen „Josephine Wessely. Noch zwei Rollen!“ Von drinnen aber hallten noch die letzten Beifallsrufe, die einer jungen Glücklichen galten. Erst spät war den Wenigen die [648] angenehme Enttäuschung geworden, daß dies doch keine Abschiedsvorstellung und in der letzten Stunde der Künstlerin die Möglichkeit gegeben worden, sich den Berlinern noch zwei Mal zu zeigen. Die Meisten aber hatten sie für einen Abschied gehalten, und als am Schluß der „Geschwister“ der Vorhang über dem Glück Mariannens und Wilhelm's herniederrauschte, brach ein Beifallsjubel aus, wie ich ihn in Berliner Schauspielhäusern noch nicht glaube vernommen zu haben. Viele Male mußte Marianne wieder hervorkommen, und Kränze und Sträuße über Sträuße – Sträuße, an deren enthusiastischen Ursprung ich mehr glaube, als an den der Kränze – flogen auf die Bühne, daß die kleinen, weißen Hände sie kaum fassen konnten. Wie hold war sie, die jetzt nicht mehr spielte, in ihrer erröthenden Freude über die Huldigung, die ersten Kränze und Sträuße im Leben, einem jungen Geschöpf gespendet, das, vor acht Tagen noch kaum über die Grenzen ihrer Leipziger Thätigkeit und den engen Freundeskreis in der Wiener Heimath bekannt, heute auf der Höhe künstlerischen Erfolges und, kaum wissend wie ihr geschah, von einem frischen, aber nicht geringen Ruhm umgeben dastand, den sie im Flug in der deutschen Hauptstadt gewonnen. Und wahrlich, das, womit sie ihn gewonnen, giebt begründete Hoffnung, daß der Ruhm, der ihr in wenig Tagen nur so anflog, in Jahren nicht verschwinden wird.

Hoffentlich ist unserem Volke von dem Schlachtengetöse und der politischen Beängstigung nicht der ideale Sinn des Schönen getrübt und etwas Aufmerksamkeit vorhanden für etliche schwache Worte, die den neuen strahlenden Stern am deutschen Bühnenhimmel verkünden wollen.

Sollen wir das Lebensbild eines siebenzehnjährigen, kaum aufgeblühten Mädchens geben, welches das Leben erst vor sich hat? Was giebt es da auch zu sagen? Einem ehrsamen, wohlhabenden Schuhmachermeister in Wien geboren, wuchs sie an der heiteren Donau munter auf, wurde Mädchen und fing an lange Kleider zu tragen. Der Vater ließ sie „ausbülten“, das heißt er ließ sie Französisch und den Flügel schlagen lernen und war ungeheuer stolz auf sie. Nur paßte es ihm nicht, daß sie, nach seiner Meinung verführt von der Kundschaft der Operndamen, die sich bei ihm ihre Stiefelchen anmessen ließen, durchaus zum Theater gehen wollte, aber um „Ruh'“ zu haben, gab er sie auf Dr. Förster's Rath in die dramatische Schule des Conservatoriums, wo sie bald den ersten Preis und die Medaille bekam, welche seitdem nicht wieder vergeben worden ist. Mit Förster ging sie sodann an das Leipziger Stadttheater, dem sie über ein halbes Jahr angehörte, bis sie Anfangs Juli dieses Jahres in Berlin eintraf, um an dem Gastspiele der Wiener Burgschauspieler Lewinsky, Hartmann und Hallenstein auf Veranlassung des Letztern theilzunehmen und Erfolge zu erringen, wie sie in den letzten Jahre außer dem vorjährigen Gastspiele der Wolter kaum eine Schauspielerin in Berlin davontrug. Und zwar geschah dies mit Rollen, welche theilweise zu den schwierigsten Aufgaben gehören, mit Emilia Galotti, Louise Millerin, Clärchen, Marie Beaumarchais und Marianne in den „Geschwistern“. Daß sie die Marianne, welche sonst nur den Naiven gehört, spielte, und zwar an einem Abend, nachdem sie die schwierige Marie im „Clavigo“ gegeben, ist, nebenbei gesagt, ein Kunststück, das selbst geübtere Künstlerinnen nicht immer ungestraft wagen dürften, und daß sie beide Rollen mit Leichtigkeit und vollendet spielte, in eben nur aus der Mühelosigkeit des Genies zu erklären. Den ganzen geheimnißvollen Reiz des Genies habe ich wiederum empfunden, als ich später in Leipzig Gelegenheit hatte, unsere junge Künstlerin im „Faust“ zu sehen, als sie das Gretchen zum ersten Male spielte. Es war eine nahezu vollendete Leistung voll Poesie und Anmuth, voll innerlichster Herzenswärme und erschütternder Lebenswahrheit.

Jeder, auch der ehrlichste Mensch, hat etwas vom Schauspieler, und mit Verstand und mäßiger Begabung treiben Viele diese Kunst, ohne etwas zu verderben, ja sogar oft mit ansehnlichem Erfolg. Allein auch unter den wenigen Auserlesenen, welche es so weit in der Kunst gebracht haben, den eigenen Menschen zu verleugnen und mit fremdem Ausdruck und fremden Geberden den Handlungen und Worten der dichterischen Phantasiegestalten diejenige Körperlichkeit zu geben, welche den Beschauer aus der Wirklichkeit hinwegtäuscht und ihn in der Bühne, diesem cubischen Ausschnitt einer anderen Welt, eine zweite Wirklichkeit sehen läßt – auch unter Diesen sind wieder zwei Classen von einander zu trennen. Die Eine, welche mit ausdauernder Uebung und mechanischem Geschick, das selbst die Muskeln der Augen und der Kopfhaut beherrscht, es erreicht haben, in Stimme, Geberde und Bewegung den Ausdruck aller Empfindungen zu erzeugen, von denen der Dichter uns seine Menschen will bewegt erscheinen lassen – und die Anderen, welche, sobald sie die Bühne betreten, wirklich auch von denselben Empfindungen bewegt, von den gleichen Leidenschaften durchrast werden, die sie darstellen sollen. Auf dem Theater können die Ersteren oft brauchbarer sein als die Letzteren, namentlich wenn diesen nicht ganz die gleiche Fähigkeit innewohnt, ihre Empfindung zum Ausdruck zu bringen. Allein unserem Herzen stehen diese, ob sie schon nicht den höchsten Grad der Gewalt des Schauspielers über sich selbst darstellen, näher, und wenn sie gar auch die zweite Tugend in der Vollendung besitzen, daß Empfindung und Ausdruck sich decken, dann entsteht in dem Zuhörer jener Paroxysmus der Begeisterung, mit dem der Beifall, welchen die Kunst des Virtuosen erringt, sich niemals messen kann. Und zu diesen Andern gehört Josephine Wessely; das allein erklärt auch die räthselhafte Gewalt, die sie schnell über das hiesige, sonst so kalte, gern krittelnde Publicum errungen hat.

Eine solche Erscheinung ist es auch, die unsere deutsche Bühne braucht, wenn das erschlaffte Interesse wieder aufleben soll. Wir sind blasirt von der Künstlichkeit; wir lechzen nach einer Kunst, die nicht das Abbild der Natur, sondern diese selbst ist. Das scheint sie nun in dem jugendlichen Wesen, von dem wir sprechen. Wann und wo sollte sie mit ihren siebenzehn Jahren es gelernt haben, als Emilia Galotti im Moment der Ermordung diesen wunderbaren Todesseufzer zu lügen, der nicht ein Schmerzenston, sondern ein Ah! des Dankes und der Erlösung ist, wann und wo diesen hinreißenden Ausbruch der Freude, als Egmont bei Clärchen erscheint, wann und wo den unnachahmlichen Backfisch- und Schelmenton, mit dem sie als Marianne zu Wilhelm, der sie nicht küssen wollte, sagt: „Jetzt verbrenn' ich die Tauben.“

Nein, nein, hier ist die Täuschung nicht auf unserer Seite, sondern auf derjenigen der Darstellerin, die dort mit einem unsagbaren Tone des Befremdens und des Stolzes, dessen Klang und Ausdruck ich nie vergessen möchte, auf das Wort der Mutter, daß ihre Tochter ein verworfenes Geschöpf ist, erwidert: „Verworfen, Egmont's Geliebte verworfen?“ die mit prophetischer Hoheit und fortreißender Gewalt die Memmen von Bürgern zur Rettung aufruft, die einen Schauer von Bewunderung und Ehrfurcht erregt, wenn sie sagt: „Könnt ihr mich mißverstehen? Vom Grafen sprech' ich; ich spreche von Egmont. ... Den Namen nicht! Wie? Nicht diesen Namen?“ – nein, diese scheint nicht, sie ist Clärchen. Ich hatte, als ich sie so sah, stets die Empfindung, daß, wenn jetzt plötzlich ein Brand ausbräche und es rüttelte sie Jemand, um sie in Sicherheit zu bringen, der Schreck nicht über die Gefahr, sondern über die plötzliche Verwandlung ihres Wesens sie lähmen könnte, daß ihr sein müßte, als hätte sie im Traume einen schweren, jähen Fall gethan. Mag man immerhin sagen, daß gerade diese Wirkung zu üben, die höchste und nicht unmögliche Leistung der virtuosen Kunst ist, mag es immerhin möglich sein, ohne Empfindung auch die leisesten Abstufungen der Empfindung durch die entsprechenden Muskelinnervationen zum Ausdruck zu bringen und Bewegungen zu schaffen, unregelmäßige, innige Naturlaute der Kehle zu entringen, deren Schaffung dem Bereiche des Willens für immer entzogen scheint, – ich kann es nicht glauben, und wäre dem doch so, dann müßte wohl dieses junge blühende Geschöpf um seiner Armuth willen zu beklagen sein, aber die Wirkung auf den Zuschauer würde die gleiche bleiben. Sagt ja doch schon Lessing, daß die Empfindung überhaupt immer das streitigste unter allen Talenten eines Schauspielers ist: „Sie kann sein, wo man sie nicht erkennt, und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht ist.“

Es soll übrigens nicht gesagt sein, daß die jugendliche Künstlerin etwa sich des Hausrathes technischer Erfahrung entschlägt, den ihr die Schule an die Hand giebt. Im Gegentheil, sie handhabt auch diesen vollständig und mit einem Wohlbedacht, einer Richtigkeit und Sicherheit, welche, wie ich bemerkt habe, gerade die Schauspieler am meisten in Erstaunen setzen. Sie ist [649] eine meisterhafte Sprecherin, wobei ihr schönes, allen Wandlungen sich leicht fügendes Organ sie trefflich unterstützt; ihre Bewegungen sind leicht und anmuthig; ihre Maske, auch dort, wo sie durch Alter oder Krankheit verändert sein muß, ist mit seltenem Tact gebildet, kurz nichts Gezwungenes in ihrem ganzen Wesen.

Ich habe vorhin an das Clärchen angeknüpft, weil sie die vollendetste Frauengestalt ist, die Goethe schuf, und weil die Versinnlichung dieser Gestalt durch die wundersame Darstellung des Fräulein Wessely ein bedeutendes Kunstwerk ist. „Was soll auch – sagt Helmholtz – „ein Kunstwerk, dieses Wort in seinem höchsten Sinne genommen, wirken? Es soll unsere Aufmerksamkeit fesseln und beleben; es soll eine reiche Fülle von schlummernden Vorstellungsverbindungen und damit verknüpften Gefühlen in mühelosem Spiele wachrufen und sie zu einem gemeinsamen Ziele hinlenken, um uns die sämmtlichen Züge eines idealen Typus, die in vereinzelten Bruchstücken und von wildem Gestrüpp des Zufalls überwuchert in unserer Erinnerung zerstreut daliegen, zu lebensfrischer Anschauung zu verbinden.“

Dieser schöne Ausspruch, auf Werke der bildenden Kunst berechnet, ist auch vollkommen zutreffend für eine Schöpfung der dramatischen Darstellung, welche ja Malerei, Plastik und Dichtung in sich vereinigt. Wer darum in ihr jene Wirkungen schafft, deren Ergebniß das wunderbare Wohlgefallen ist, das wir einfach mit der Empfindung des Schönen bezeichnen, dem schulden wir auch die gleiche Huldigung. Mag immerhin die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flechten, die Mitwelt ist nicht undankbar, wenn einmal es dem Genius gelungen ist, sie willenlos unter seinen zauberischen Bann zu zwingen.
Emil Schiff.




Die Verfälschung der Nahrungs- und Genußmittel.
3. Die chemischen Biersurrogate.


Während die Anwendung der Malzsurrogate, das heißt das „Schmieren“, wovon der vorige Artikel handelte, noch bis vor Kurzem von den Brauern zugegeben, ja öffentlich in Schutz genommen wurde, lassen sich die Vertheidiger der modernen chemischen Bierbereitung keine Gelegenheit entgehen, jede auf wirkliche Fälschung zielende Behauptung der Presse als verleumderische Verdächtigung des Brauereigewerbes zu brandmarken. Da nun bekanntlich die Chemie nicht im Stande ist – und dies muß besonders betont werden – jedesmal mit völliger Gewißheit nachzuweisen, was für schädliche Stoffe und in welchen Mengen sie dem Biere beigemischt sind, so ist der ewige Einwand der Brauer der, daß man nie einen Brauer namhaft gemacht habe, in dessen Bier nachtheilige Stoffe gefunden worden seien. Wir werden sehen, was von solchen Einwänden zu halten ist und daß es doch noch andere Beweise für die Anwendung dieser Surrogate giebt. Gewöhnlich verbindet man mit den Entgegnungen, die von den Präsidien dieses oder jenes Brauerbundes ausgehen, noch den nützlichen Nebenzweck, durch das Eifern gegen die Verleumder, welche von Giften gesprochen haben, sowie durch die heuchlerische Berufung auf die Erfolglosigkeit von Bieranalysen – die, beiläufig gesagt, meist gar nicht angestellt worden sind – die Aufmerksamkeit des Publicums von der zwar ungefährlichen, aber, wie wir gesehen haben, ekelhaften und – sehr lohnenden Bierschmiererei geschickt abzulenken. Da nämlich das „thörichte Vorurtheil“ des Publicums nicht zu beseitigen war, mußte man auch das Schmieren leugnen, und die Malzsurrogate wurden auf der letzten Brauerversammlung in Frankfurt recht demonstrativ auf den Index gesetzt, natürlich wohlverstanden nur in der Presse, nicht in den Brauereien.

So lebhaft aber auch die Anwendung von nachtheiligen Surrogaten in Abrede gestellt wird und so wenig sich auch dieses Ableugnen durch chemische Analysen widerlegen läßt: immer und immer wieder tritt in der Presse und in der fachwissenschaftlichen Literatur in bestimmtester Form die Behauptung auf, daß in vielen Bieren nicht blos unzuträgliche, sondern sogar stark giftige Stoffe enthalten seien und daß die Fälschung von Jahr zu Jahr bei uns an Boden gewinne.

F. H. Walchner, um nur einige Zeugnisse anzuführen, ein unermüdlicher Forscher auf dem Gebiete der Lebensmittelverfälschung, den man als praktischen Arzt und erfahrenen Chemiker wohl für einen glaubwürdigen Gewährsmann gelten lassen wird, führt in seinem trefflichen Buche über die Nahrungsmittel des Menschen außer anderen weniger schädlichen Stoffen folgende Surrogate als die bei der Bierbereitung gebräuchlichsten an: Kokelskörner, Opium, Dickauszug von Mohnköpfen, Ignazbohnen, Strychnin, Brechnuß, Tabak, wilden Rosmarin, Bilsenkraut, Belladonnablätter. Man bedient sich dieser durchaus stark giftigen Pflanzenstoffe nach Walchner und anderen Autoritäten, um den dem Biere abgehenden Weinsteingehalt und Stärkegrad durch die ihnen innewohnenden narkotischen Eigenschaften zu ersetzen. Ferner werden Quassiaholz, Weidenrinde, Enzianextract, Kalmus, Wermuth, weißer Andorn gebraucht, um die Hopfenarmuth des Bieres durch die berauschenden Eigenschaften und den bitteren Geschmack dieser Pflanzen zu verdecken; seit Kurzem haben sich, wie derselbe Autor nachweist, diesen noch der Wiesensalbei und die gemeine Haide (Erica vulgaris) gesellt, und neuerdings ist, offenbar in Folge der hohen Hopfenpreise, eine vielfach in Zeitungen erwähnte, verdächtig starke Nachfrage nach Herbstzeitlose (Colchicum) gewesen.

Nach Dr. Waltl in Augsburg ist durch die Mauthbücher erwiesen, daß manche Bierbrauer Aloe im Großen beziehen. Auch wird die Sache immer glaubwürdiger, wenn man von Bierkennern erfährt, daß hin und wieder braunes Bier vorkommt, welches sich durch auffallend bittern Geschmack und durch purgirende Eigenschaft verdächtig macht. Derselbe Fachmann weist nach, daß fünfzig Kilogramm Aloe nur fünfundfünfzig Mark kosten und daß man in der Brauerei mit einem halben Kilo Aloe soweit reicht, wie mit fünf Kilo Hopfen. Letzterer kostet aber in diesem Jahre, je nach der Sorte, dreihundert bis vierhundertfünfzig Mark der Centner. Aehnliche Vortheile ergeben sich für den Brauer durch Anwendung der anderen eben erwähnten Hopfensurrogate.

Aber unsere Liste ist noch nicht erschöpft. Zur Verbesserung des Geschmackes geschmierter nichtsnutziger Biere dienen Ingwer, Koriander (namentlich beim Bockbiere angewendet), spanischer Pfeffer, Paradieskörner, Zimmetblüthe; sie müssen dem kraftlosen Gebräu künstlich jene belebende Stärke, jenen prickelnden, erfrischenden Geschmack geben, den das so kostspielig herstellbare reine Malz- und Hopfenbier besitzt. Zur Fällung der Hefentheile dienen nicht immer unschädliche und unentbehrliche Mittel, wie Hasel- und Buchenspähne, Kalbsfüße, Hausenblase, Eiweiß (was nur für kurze Zeit klärend wirkt und große Sorgfalt erheischt), sondern auch ekelhafte und schädliche, wie Tischlerleim, Schafsdärme und Schwefelsäure.

Die Säure schlechter Biere wird mit Austerschalen, Marmor, Eierschalen, Kreide, kohlensaurem Natron, kohlensaurem Kali etc. abgestumpft; während der Alaun und der grüne Eisenvitriol bewirken müssen, „daß der Schaum fingerdick im Glase stehen bleibt“. Auch durch den sogenannten Brausebeutel, der mit pulverisirter weißer Nieswurzel gefüllt und vielfach in das kochende Gebräu getaucht wird, nimmt das Bier höchst schädliche Eigenschaften an. Durch Unwissenheit, Nachlässigkeit und Unreinlichkeit in den Brauereien werden endlich noch unabsichtliche Fälschungen verursacht; namentlich gelangen in Folge schlechter Beschaffenheit metallener Braugefäße und -Geräthschaften Kupfer, Blei, Zink und Schwefel in das Bier. Nicht selten ist auch der Brauer selbst der Betrogene. Die Unsolidität in unserem Handel und Wandel tritt eben überall in betrübender Weise zu Tage, und sobald man einmal auf den Grund geht, muß man sehen, daß Treue und Glauben leere Worte geworden sind. Schlechtes, schimmliges Malz wird massenhaft in die Brauereien eingeschmuggelt. Noch schlimmer steht es um den Hopfenhandel. In einer kürzlich erschienenen Broschüre von Dennerlein heißt es: „Erfahrungsmäßig ist der Hopfen nur so lange echt, so lange er die Schwelle eines gewissenlosen Händlers nicht passirt hat etc.“ Man mischt geringere Sorten, verdorbene Waaren mit besseren, gesunden; durch Schwefeln wird dann eine einheitliche und schönere Farbe erzielt. Der so geschwefelte Hopfen giebt dem Bier höchst

[650] nachtheilige, giftige Eigenschaften, weil er meistens arsenik- und kupferhaltig ist.

Zu diesen in den Hopfenhandlungen, chemischen Fabriken, Brauereien oder Lagerkellern ausgeübten Verfälschungen gesellen sich noch die mannigfaltigen gewinnsüchtigen Künste betrügerischer Schenkwirthe, denen der durchschnittliche Gewinn von sechszig bis achtzig Procent oder mehr noch nicht genügt. Wenn man sich die in den Zeitungen fort und fort angepriesenen Geheimmittelrecepte kommen ließe, würde man auch über den Kleinhandel mit Bier wunderbare Aufschlüsse erhalten. Das bequemste und lohnendste Streckungsmittel ist freilich immer das Wasser. Man glaube aber ja nicht, daß das Bier durch einen solchen Zusatz nur dünner und schwächer wird. Vielmehr wirkt ein auf diese Weise verdünntes Bier im höchsten Grade schädlich, weil (nach den gründlichen Untersuchungen von Friedrich) das hinzugegossene Wasser das in seiner Verbindung mit Malzzucker und anderen Extractivstoffen gesunde, seiner narkotischen Eigenschaften beraubte, nicht mehr giftige Princip des Hopfens oder das theilweise paralysirte Princip der Hopfensurrogate wieder frei macht. Ein solches, mit rohem Wasser getauftes Bier ist an seiner geringen Schaumbildung (seinem kahlen Aussehen) und an einem intensiv und widerlich bitteren Geschmack für nüchterne Beurtheiler leicht zu erkennen, aber leider kommt dieses Verfahren meist erst in den höheren Stadien der Fidelität auf Jahrmärkten, Schützen-, Sänger-, Turn- und anderen Volksfesten zur Anwendung, wo denn, „hernach, wenn sie trunken geworden sind“, die heitere Feststimmung die Leiden des Gaumens und des Magens vorläufig übersehen läßt, um dann später einem desto nachhaltigeren „Kater“ Platz zu machen. Nicht allein die Folge unserer schlaffen Gesetzgebung ist es, sondern die unbegreifliche Theilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit des Publicums gegenüber den dringendsten Forderungen des Volkswohles trifft die Schuld daran, daß wir bereits kaum noch nach verfälschten Nahrungsmitteln zu suchen brauchen, sondern schon nach unverfälschen suchen müssen. Die Vertrauensseligen argumentiren etwa so: wenn so stark giftige Stoffe im Biere vorkämen, dann müßten häufigere Krankheitserscheinungen mit deutlich ausgesprochenen Vergiftungssymptomen beobachtet worden sein.

Dagegen ist Folgendes geltend zu machen: Die genannten stark giftigen Stoffe kommen selbstverständlich nur in geringen Quantitäten im Biere vor. Der Vortheil ihrer Anwendung liegt ja gerade darin, daß eine geringe Dosis dieser Gifte ein vielfach größeres Quantum des theueren Hopfens fälschlich und scheinbar ersetzt, indem sie dem Biere einen ähnlich bitteren Geschmack und eine ähnlich narkotische Wirkung verleiht, wie der Hopfen. Die Surrogate sind daher wegen ihrer geringen Quantität und weil sie chemisch ähnlich reagiren wie Hopfen, bei Untersuchungen des Getränkes, wie in ihren Einwirkungen auf den menschlichen Organismus, schwer zu bestimmen. Man hüte sich deshalb anzunehmen, daß diese kleinen Gaben von nachtheiligen Stoffen unschädlich seien! Ein gesunder Mensch, der mäßig trinkt, nur um seinen Durst zu stillen, wird nicht so bald auffällige Wirkungen oder Krankheitserscheinungen spüren, denn der Körper gewöhnt sich bekanntlich an kleine Gaben Gift, die sich sogar mit der Zeit zu Quantitäten steigern lassen, welche einem des Giftes ungewohnten Körper lebensgefährlich werden würden.

Das Arsenikessen mancher Alpenbewohner zum Zwecke momentaner Steigerung der Muskelkräfte, sowie das Einnehmen von Belladonna seitens eitler Damen, die dadurch ihren erloschenen Augen neuen Glanz zu geben suchen, sind ja allbekannte Thatsachen. Daß aber solche Aufnahme von Giftstoffen den Körper allmählich, wenn auch ohne auffällige Symptome, zerstört und unsere Lebenszeit verkürzt, ist wohl unzweifelhaft. Und wer will sagen, daß nicht wirkliche Krankheitserscheinungen in Folge des Biergenusses in Menge auftreten? Die meisten Trinker beachten dieselben nur nicht, weil sie diese Erscheinungen für Wirkungen des „Katzenjammers“ halten, mit dem man es gewohnheitsmäßig leicht nimmt. Nach einem halben, und in schwereren Fällen nach einem ganzen Tage regiert er ja auch gewöhnlich aus. Aber wer steht uns dafür, daß manche schwere Erkrankungen in Folge falscher Diagnose nicht als das, was sie sind, als die Folge des Biergenusses erkannt werden? Medicinische Autoritäten haben nachgewiesen, daß viele der vorhin genannten Stoffe hauptsächlich zerstörend oder wenigstens nachtheilig auf einzelne Organe wirken. So können die Augen durch den Genuß von Quassia bei sonst gesunden Individuen ganz erheblich geschädigt werden.

Der gerichtlich vereidete Chemiker Dr. Heß in Berlin weist nach, daß sogar die Malzsurrogate (Kartoffelzucker, Kartoffelsyrup, Glycerin etc.) gefährlich wirken, indem sie namentlich den so schmerzhaften „Augenkatzenjammer“ hervorrufen; wie viel mehr Gefahren müssen die giftigen Hopfensurrogate den Consumenten bringen! Und wir haben bisher nur gesunde Trinker in’s Auge gefaßt; nun denke man sich einen Leidenden, dem ein Bier mit diesem oder jenem der genannten Surrogate gerade als Stärkungsmittel verordnet wird! Nun stelle man sich die furchtbaren Einflüsse gefälschter Biere in Zeiten vor, wo Epidemien, wie Ruhr, Cholera, Typhus etc., herrschen! Man muß solche Eventualitäten in Erwägung ziehen, um das gewissenlose Verfahren der Fälscher gebührend zu würdigen.

Untersuchungen von Seiten unbestechlicher Chemiker würden hier Vieles klar legen, ich habe aber bisher nur von Analysen gehört, welche im Auftrage von Brauern angestellt worden sind, und zwar in der Absicht, durch eine Veröffentlichung des Ergebnisses, das heißt durch den Nachweis bedeutenden Gehaltes an Nährstoffen etc., Reclame zu machen. Was bieten solche Analysen für eine Gewähr? Werden Fabrikanten solche Biere zur Untersuchung stellen, in denen ungehörige Stoffe enthalten sind, welche mit Hülfe der Chemie gefunden werden können? Die meisten Hopfensurrogate sind chemisch dem Hopfen selbst so ähnlich, daß es schwer sein würde, auf eine solche Untersuchung hin ein rechtskräftiges Zeugniß abzugeben, es müßten denn Gifte in solchen Quantitäten dazugesetzt worden sein; daß die Wirkungen auf lebende Organismen die Ergebnisse chemischer Untersuchungen augenscheinlich bestätigten. Behörden, welche das Recht und die Pflicht hätten, unvermuthet Untersuchungen an Bieren vorzunehmen, die auf eine nicht Verdacht erregende Weise gekauft wurden, existiren bekanntlich bei uns nicht. Apotheker oder Aerzte, welche aus eigenem Antriebe chemische Analysen anstellen und etwa gravirende Ergebnisse veröffentlichen würden, hätten sofort eine Entschädigungsklage seitens des beschuldigten Brauers zu befürchten, und es wäre gar nicht unmöglich, daß sie zur Zahlung bedeutender Entschädigungssummen, ja zu schwereren Strafen verurtheilt würden. Wer wird sich den Möglichkeiten eines solchen Processes ohne Noth aussetzen wollen? Ein ähnlicher Fall liegt gegenwärtig vor. Der Chemiker Dr. Schnacke hatte das Bier einer Actien-Brauerei in der Nähe von Gera analysirt und erklärt, dasselbe sei mit Pikrinsäure versetzt. Die Direction des gedachten Etablissements antwortete darauf mit einer geharnischten Erklärung, sicherte in derselben Demjenigen einen Preis von dreitausend Mark zu, der das Vorhandensein gesundheitsschädlicher Stoffe in ihrem Biere nachweise, und setzte den Dr. Schnacke in Anklagezustand. Der Ausgang dieses Processes, über den ich wohl seiner Zeit berichten werde, dürfte sehr belehrend werden.

Ich brauche wohl nach diesen Andeutungen nicht zu fragen, was von solchen Versicherungen wie: „noch nie ist ein Brauer öffentlich genannt worden etc.“ oder von ähnlichen Phrasen zu halten ist. Ueber den eben angeführten concreten Fall läßt sich ein Urtheil noch nicht abgeben, aber gesetzt auch, einer oder selbst mehrere Untersuchungen ergäben kein Resultat zu Ungunsten der Bierfabrikation, würde das nun beweisen, daß überhaupt nicht gefälscht wird und daß die tausend und aber tausend Centner der genannten Gifte wirklich sämmtlich in die Apotheken und nicht in die Brauereien wandern, daß ferner die immer und immer wieder auftauchenden Klagen in der Presse und in wissenschaftlichen Werken wirklich aus der Luft gegriffen sind? Wer sich der Mühe unterziehen will, in der einschlägigen überreichen Literatur nachzublättern, oder auch nur in einem neuen Conversationslexicon die Artikel über die vorhin genannten Bierfälschungsstoffe nachzuschlagen, der wird jedes Mal unter der Rubrik „Verwendung“ oder „Gebrauch“ die Bierbereitung genannt finden. Wo in aller Welt kommen denn diese tausendstimmigen Anklagen her? Kann denn wirklich eine solche fixe Idee in so vielen sonst besonnenen, kritischen Gelehrtenköpfen sich festsetzen, ohne daß stichhaltige Verdachtsgründe und unbestreitbare Thatsachen zu Grunde lägen?

Wenn nun von Untersuchungen gegohrener Getränke wenigstens [651] bei der gegenwärtigen Fassung unserer Strafbestimmungen überhaupt ein genügender Beweis nicht zu erwarten ist, wenn die Chemie gerade den gefährlichsten Hopfensurrogaten gegenüber ihre Unzulänglichkeit erklären muß, sollte es da nicht andere Mittel geben, dem Unwesen auf die Spur zu kommen und die Fälscher dem Richter zu überliefern? Es ist ganz seltsam, und wenn wir es nicht täglich erlebten, würden wir es nicht glauben, daß die deutsche Polizei alle die im Publicum und in der Presse laut werdenden Klagen über Lebensmittelverfälschung so vollständig ignorirt. Die Verabfolgung winzig kleiner Quantitäten Gift in den Apotheken unterliegt einer strengen polizeilichen Ueberwachung, und das ist eine löbliche Maßregel. Wenn dagegen, um aus einer Unzahl Notizen eine herauszugreifen, das „Berliner Tageblatt“, eine Zeitung von gegen fünfzigtausend Abonnenten, berichtet, daß eines Tages auf dem Anhalter Bahnhof achtzig Centner Herbstzeitlosesamen für Berlin angelangt sind, und zwar mit dem nicht mißzuverstehenden Hinweis, daß dieses Gift bestimmt sei, den theuren Hopfen zu ersetzen, so regt sich keine Hand, und keine Andeutung ist zu den Ohren des Publicums gelangt, aus der zu schließen wäre, daß man nachgeforscht hätte, wo dieses Gift hingekommen sei. Noch mehr! Notorisch schädliche Surrogate, nicht blos Schmierartikel, wie in unserer Nr. 36 bereits gesagt worden ist, haben sich auf landwirthschaftlichen und industriellen Ausstellungen ungestraft an's Licht wagen dürfen, und ich habe nirgends gefunden, daß die von vielen Zeitungen gebrachte Geschichte widerrufen wäre, der zufolge ein hoher Herr auf der Bremer Ausstellung nach einem ihm unbekannten Product, das in schönen weißen Säcken dastand, gefragt und die unverfrorene Antwort bekommen hätte: „Das ist Quassia, Eure – ; es dient zur Bierbereitung.“ Dieses Quassiaholz, als Fliegengift allgemein bekannt, wirkt auch selbst auf kräftige menschliche Organismen, wie von Autoritäten nachgewiesen worden ist, höchst nachtheilig.

Während so die schlimmsten Surrogate im Großhandel unverhüllt auftreten, wandern sie natürlich in die Brauereien noch verstohlener, als die Schmierartikel, unter unverdächtigen Declarationen. Und doch, sollte es nicht einer rührigen Sanitätspolizei (die wir allerdings leider nicht haben) gelingen, diesen plumpen Betrug aufzudecken? Ich bin principiell gegen jeden Eingriff in persönliche Rechte, aber wo es sich um die Gesundheit von Millionen Menschen handelt, sollte sich da nicht einmal eine gründliche Razzia auf Güterbahnhöfen und Speichern empfehlen, aus denen Brauereien Sendungen empfangen? Muß sich doch der Reisende an der Grenze wegen ein paar lumpiger Pfennige Steuer die Durchsuchung seines Gepäckes und, wie beispielsweise an der französischen, seiner Privatpapiere und Manuscripte gefallen lassen. Ich bin überzeugt, daß eine solche Nachsuchung vom besten Erfolge begleitet sein würde, und wenn je, so kann es hier heißen: suchet, so werdet ihr finden.

Natürlich wären hierzu gesetzlich autorisirte Beamte erforderlich, und die giebt es leider nicht, wie denn auch das neue humane Strafgesetzbuch nirgends eine hinlängliche Handhabe zur Bekämpfung des Unwesens bietet, das bei der Wurzel erfaßt werden muß. Das Schmieren ist ja durch die neueste Gesetzgebung förmlich sanctionirt, das Fälschen aber, welches ältere, strengere Maßregeln und Verordnungen nicht unterdrücken konnten, ist, wie Dr. jur. A. Löbner in seiner Skizze über die Verfälschung der Nahrungsmittel schlagend nachweist, durch die mildernden Aenderungen und die Herabminderung der Strafbestimmungen wesentlich gefördert worden, und wohl auf keinem Gebiete hat sich deutlicher gezeigt, wie wenig gesetzgeberischen Beruf unsere Zeit hat, als bei der Aufstellung des Brausteuergesetzes, bei den einschläglichen ganz unzulänglichen Bestimmungen des Strafgesetzbuches und der Polizeiverordnungen, sowie bei der Schöpfung und dürftigen Dotirung des Reichsgesundheitsamtes, das mit der vorliegenden Frage im engsten Zusammenhange steht. Gewiß waren wir berechtigt, von dem neuen Institut einen Schutz gegen das furchtbare Fälschungsübel zu erwarten, das wie ein Krebsschaden an der Volkskraft nagt, aber jedes Lebenszeichen, jede Publication des neuen Amtes brachte uns eine Enttäuschung.

Es kann mir nicht einfallen, dem Gesundheitsamte selbst einen Vorwurf zu machen, daß es sich bisher, wie es nach den Mittheilungen desselben scheint, auf die Ermittelung von Sterblichkeits- und Witterungsverhältnissen beschränkt hat; bei einer so mangelhaften Strafgesetzgebung und bei so dürftigen Mitteln kann natürlich höchstens so viel geschehen, daß von Zeit zu Zeit der Nachweis geführt wird, wie viel Menschen durchschnittlich jede Woche in den Großstädten sterben, fast möchte man sagen, der gewissenlosen Geldgier der Fälscher zum Opfer fallen. Ich möchte dem Bundesrath, den Volksvertretern, den Sanitätsbehörden zurufen: lasset die Todten ruhen und sorgt endlich dafür, daß die Lebenden nicht mehr vergiftet werden dürfen! Man kann kaum noch eine Zeitung in die Hand nehmen, ohne den ernstesten Klagen über das Umsichgreifen der Lebensmittelverfälschung zu begegnen, und wer nicht Partei ist, wer sehen will, der muß nun gesehen haben, daß etwas faul im Staate ist, und wenn je, so haben wir jetzt Veranlassung dem nächsten Reichstage ein „Habt Acht!“ zuzurufen.

Abgesehen von einer nothwendigen Verschärfung der strafgesetzlichen Bestimmungen über Lebensmittelverfälschung würden folgende Maßregeln von wesentlichem Nutzen sein:

  1. Strenge polizeiliche Ueberwachung der Güterbahnhöfe, Lagerräume etc. in der oben angedeuteten Weise.
  2. Verbot, Güter unter falschen Declarationen zu versenden, und strenge Handhabung dieses Verbotes.
  3. Möglichst hohe Besteuerung aller Surrogate, namentlich des Glycerins.
Dr. Gustav Dannehl.




Eine Geschichte aus Westfalen.


Mit dem nordwestlichen Zuge des Teutoburger Waldes läuft in paralleler Richtung die Mindensche Bergkette. Die blauen Linien ihres Höhenzuges durchschneiden, vom linken Weserufer ausgehend, weithin Westfalens Land und ziehen sich gen Osnabrück. Sie umkränzen blühende Landschaftsbilder und Stätten von historischer Bedeutung. An ihr reich gesegnetes Gebiet grenzt aber ebenfalls sehr oft ein ödes, düsteres Moor und eine baumlos kahle Haide, wo nur der Ginster wächst und die einfachen Blüthen der Erika den braunen Boden schmücken. Dennoch ist dieses öde, unfruchtbare Haideland nicht gänzlich unbewohnt. „Die Senne“ bei Bielefeld, wo im dreißigjährigen Kriege die Schweden von dem kaiserlichen Heere geschlagen wurden, wo sechszehn Jahrhunderte vordem schon die berühmte Schlacht zwischen den Römern und Deutschen unter Arminius ihren blutigen Schauplatz hatte – dieses alt-historische Terrain ist zur Zeit und seit langen und vielen Jahren bereits die Heimath der Besenbinder und Mattenflechter. Die Ansiedler in den übrigen Haiden Westfalens ahmen mit lobenswerther Energie denen der großen Bielefelder Senne nach und verdienen sich ihr Brod mühselig durch den rauhen, schlichten Wuchs jener unfruchtbaren Districte. – Noth und Armuth hatten die ersten Bewohner der Haiden einstmals sicher einzig und allein veranlaßt, dort sich ihre Hütten mit dem landesüblichen Strohdache zu erbauen. Einmal aber heimathberechtigt auf der kahlen Scholle, pflanzte selbst dieses trostlose Heim auf Erden jenes wunderbare Gefühl fester Anhänglichkeit in ihre Seele, das in dem Boden wurzelt, wo unsere Wiege gestanden und wo unser Herz seine ersten Eindrücke empfing.

Charakteristisch und bezeichnend für die Stärke dieses Gefühls ist der oft beobachtete Umstand, daß unter den hunderten von Auswanderern, die ein Schiff so oft über den heimathlichen Weserstrom gen Bremen trug, trotz der glänzenden Versprechungen der Agenten selten, sehr selten die sogenannten „Haidelüe“ und „Törfer“ (die Anwohner aus Haiden und Mooren, wo der Torf gestochen wird) bemerkt wurden.

Die „goldenen Berge“ der Herren Agenten regten die Haideleute wenig auf. So verächtlich der beredte „Herr Agente“ auf die Stube, auf den über dem Herdfeuer baumelnden Kessel geblickt, so zärtlich schauten sie auf beides, das ihnen lieb und gewohnt war seit Urgroßmutters Zeiten, und freundlich aber fest entgegneten Alle, bis auf einzelne wenige Ausnahmen: „Nö, Härre, nämme Sä es us nich vor übel, aber wä blieve doch lieberst hier; wä häbbe nu eimal nich’s abbekriegt vum Amärikafiever.“ –

[652] Aehnlich festgekettet an Scholle und Erde sind in Westfalen die großen Hofbesitzer, die „reichen Bauern“. Sie lockte und verlockte auch kein „Herr Agente“. Sie, die in den Ebenen des Teutoburger Waldes und in den Thälern der Mindenschen Bergkette ihr Heim besaßen, ihre gesegneten Feldfluren und Wiesen ihren Eichenkamp und ihr Torfmoor, sie hingen ebenso fest und treu am Lande der rothen Erde, wie jene Armen, denen dieser Boden nur Binsen und harte Reiser bot.

Sehr reich – und sehr sparsam zugleich – war auch der große Bauerngutsbesitzer Wedemeier, dessen Hof in der lachenden und herrlichen Ebene liegt, wo die Mindensche Bergkette sich zu den flachen Grenzen des Osnabrückschen Landes hinzieht. Fast überall von dieser Ebene aus sieht man die Thürme des alten Bisthums Osnabrück aus dem Thale der Hase aufragen, sieht weit hinein in blühendes und gesegnetes Land, auf zahllose Dörfer, Häuser und Hütten. Die Hauptberge Westfalens, über deren Boden reiche historische Erinnerungen an Wittekind und seinen argen Feind hinfluthen, begrenzen jene Ebene mit. Da ist die Kuppe des Reinebergs bei Lübbecke, wo noch die alten Linden grünen, auf den Trümmern von Wittekind’s verfallener Königsburg. Weiterhin ragt der Limberg mit seiner Ruine auf, aus deren epheuumsponnenen Thurmfenstern noch von Zeit zu Zeit „das perlengeschmückte und schleierumflossene Haupt von Prinzessin Wittekind“ auftauchen soll. Und zu Füßen dieses alten Burgberges liegt in tiefem Waldesdunkel Krollage, das Stammhaus eines der ältesten Adelsgeschlechter Westfalens, erbaut an der Stätte, wo Karl der Große einst sein Feldlager aufgeschlagen hatte, um droben in der Burg nun sicher seinen alten, ihm so oft entschlüpften Feind, den Sachsenherzog Wittekind, zu fangen.

Daß es zu diesem glänzenden Abschluß einer Kriegsfehde nie gekommen ist, darauf sind die Bauern Westfalens noch so stolz, als hätten sie in eigener Person und nicht ihre Vorfahren den Anschlag verhindert und Kaiser Carolus überlistet.

Jedenfalls hat dies aus jenen alten Bauerhöfen noch zur Zeit übliche Berauschen an Held Wittekind’s zäher Widerstandskraft Einfluß auf die Charaktere. Der Dichter nennt die Menschen dort „stark wie die Eichen ihrer Wälder“; manche Hofmutter, die unter ihres Eheherrn Starrsinn zu leiden hat, sagt kopfschüttelnd „Däs macht dä Abkunft von dem König Weking“, und am wenigsten poetisch fassen die armen Haideleute und Törfer die zähe Stärke der Reichen auf, von der sie – wie es heißt – ein Liedchen zu singen wissen. Die flüstern leise: „Sä sind struppig un borstig wie unsere härtesten Reiser in der Haide.“

Die Haide, von welcher der reiche Bauer Wedemeier seinen festen, störrischen Sinn entlehnt haben sollte, grenzte gen Westen wenigstens nahe genug an sein Gebiet, um von ihrem rauhen Wuchs profitiren zu können. Dieses lief da in einem üppigen, reich bewässerten Wiesengelände aus, dessen fette Halme mancher vermagerten Haideziege heimlich aufhalfen.

Diese Haide, wie so oft in Westfalen angrenzend an gutes Bodenland, dehnte sich fast zwei Stunden weit hin. Sie war ebenfalls von vielen Armen als Heimathstätte erkoren. Ginster und Binsen wachsen da besonders gut, und die Striche sumpfigen Moorlands, „Bruch“ geheißen, die vielfach die braune unfruchtbare Strecke durchschneiden, liefern das Feuerungsmaterial, den Torf, billiger. Wo nun aber gar, wie eine Oase in der Wüste, in jener Haide dürrem Boden ein Stückchen Grün aufsproßt, da scheint’s den armen Leuten, als sei Gottes Segen extra für sie vom Himmel niedergefallen. Und auf diesen kleinen Flecken frischen Grüns, vor denen Naturforscher und Geologen oft grübelnd über das Räthselhafte des Ursprungs stehen, da finden sich, unbekümmert um dieses „Woher“, in freundschaftlichem Uebereinkommen alle Ziegen und Hühner der Insassen der umliegenden Lehmhütten zusammen. Dahin flüchten der Kiebitz und die Moorente in des Hungers ärgster Bedrängniß ebenfalls. Oft kahl abgefressen an einem Tage, setzt gleichsam über Nacht sich wieder Halm an Halm, und dem denkenden Geist, der dieses Wunder betrachtet, will’s erscheinen, als ginge es mit diesen Oasen ähnlich zu. wie mit den sieben Broden und Fischen, von denen die Bibel berichtet.

Noch einen Reiz und Zauber hat die Haide: Sinkt Abends die Sonne mit glühend rothem Licht an ihrem dunklen Saume nieder, dann ist das öde Land nicht selten mit einem gleichen Reiz umwoben, wie das endlos weite Meer mit seinem farbenleuchtenden Meeresspiegel. Um diese Stunde stehen und sitzen alle die stets vor den Thüren ihrer Hütten, die meist den Tag über in dumpfiger Stube Binsen zu Matten verflechten und Besen binden. Die Purpurflammen, die goldumsäumten Wolkengebilde zu betrachten die mitunter wie eine farbenglühende Fata Morgana über den kahlen Boden hinziehen – das ist der Haideleute Zerstreuung, und diese prachtvollen, glänzenden Himmelsbilder sind ihre Entschädigung für viele Armseligkeit der Erde.

Ernst, sinnend sieht man sie da stehen auf dieses spröden Bodens einsamer Scholle, verharrend dort, bis der letzte Lichtschein verglühte und der Abenddämmerung Schatten die Fernen des Himmels und der Erde in unbestimmten Umriß zusammenweben. Wer solche Abendstunden in der Haide verlebte, der meint den Zauber zu kennen, der ihre Bewohner wie mit Ketten an die Scholle bindet. Niemand aber beobachtete wohl die Leute, ohne auch die Erkenntniß mit von hinnen zu nehmen, daß sie ein Glück, ein Gut besitzen, nach dem der Reichste oft vergebens strebt: die Zufriedenheit.

Mit dieser Zufriedenheit geht nicht selten eine tiefe, wahre Frömmigkeit Hand in Hand, ein Glaube, von dessen Macht und Stärke die Worte zu gebrauchen wären: „er vermag Berge zu versetzen“.

Wo des reichen Hofbauern Wedemeier ausgedehntes Moorgebiet, der „Düsternbruch“ genannt, der reiche Torfausbeute liefert, mit seinem dunkeln Saum an das Wiesenland stieß, da hatte er, gleich wie im Felde die Marksteine gesetzt werden, eine Baumreihe als Grenze pflanzen lassen. Eine Baumreihe! – Der reiche Mann konnte, wie die Armen mit Genugthuung dachten, auch nicht Alles erreichen, was er wollte. Die sich überall und leicht einbürgernde Weide kam dort am Moore nur krüppelhaft fort, und die Buchen zeigten einzig ein faserig auslaufendes Gestrüpp. Es war demnach nur eine Hecke geworden, und hätte nicht hier und da das verwehte Samenkorn einer wilden Winde Wurzel gefaßt und ihre weißen und rosa Blüthen, ihre üppigen Ranken jene klägliche Pflanzung geschmückt, die Hecke hätte einen noch elenderen Eindruck gemacht. Wie aber auch diese Idee des reichen Mannes verunglückte, er sagte ruhig zu den Haideleuten: „Als Fingerzeig genügt der Wuchs, und Ihr habt Euern Kindern nun zu lehren: ,Dahinter liegt eines fremden Mannes Land, das ihr mit euern Ziegen zu respectiren habt.'“

Die Haideziegen sind wie die Hunde. Sie laufen den Kindern nach, die nach dem langhalmigen Ginster und der Palmenbinse suchen, die vorzugsweise gut am Moorrande wächst und sich am besten zu Matten eignet. Reiser von den Büschen zu schneiden, hatten die Kinder Erlaubniß, und da Ginster und Binsen des Düsternbruchs ihre Berühmtheit hatten, so war der Strich des Haidelandes nicht nur von ihnen besonders frequentirt, auch alle gewiegten Besenbinder der Gegend suchten dort ihr Material.

Wehe aber dem, der unter den Binsen- und Ginsterhalmen je einen Vorrath Gras barg, das er der nahen Wiese entnommen hatte – trotz des Fingerzeiges der Grenze! Noch übler daran waren freilich die, deren naschhafte Ziegen die Hecke durchbrachen und auf des reichen Mannes großer Wiese so unbekümmert weideten, wie auf ihren kleinen heimathlichen Oasen. Da tobte und wetterte der reiche Bauer nicht allein – das letzte seiner Rede war auch stets: „Ich gebe Euch der Gerechtsame genug auf meinem Grund und Boden, und braucht Ihr mehr, so hat Staat und Gemeinde für Euch zu sorgen, die auch für mich und meine Klage da sind.“ Die armen Haidebewohner pflegten von diesen beiden Hinweisen auf irdische Hülfe in jenen Stunden der Noth, wo das Gericht sie schon am Zipfel hielt und die Strafe sie bedrohte, mit sehr verständlichem, vielsagendem Augenaufschlag auszurufen: „Gott im Hämmel die Gemeine, un nu gar dä Staat!“, daß mancher ernste Richter kaum seinen Ernst dabei bewahren konnte.

Die Strafe selbst war aber immer eine ernste Sache und Pfändung des Verurtheilten nicht selten ihr Endziel. Der reiche Hofbauer ließ in solchen Fällen dem äußern Anschein nach ruhig die beste Habe einer Haidehütte: „Bett oder Ziege“, über seine Wege und seinen Hof führen. Wußte er doch so sicher, wie das Amen dem Gebete folgt, nun werde seine Anne-Marie Körbe voll Lebensmittel und Milch in Hülle und Fülle täglich zur beraubten [653] Hütte schicken oder sie werde ihre ersparten Thaler aus der Truhe nehmen, um der eingetretenen Noth noch gründlicher abzuhelfen.

Ihm kam’s in diesen Fällen auch nicht darauf an, einen Fünfundzwanzigthalerschein seiner Casse zu entnehmen und freundlich zu sagen: „Wenn Dein’s nicht reicht, Anne-Marie!“

Theuer, sehr theuer waren für ihn solche Verklagungen sammt den Folgen, aber – davon abgestanden hätte er um die Welt nicht. „Recht muß Recht bleiben“, lautete sein Grundsatz, „und bestehlen lasse ich mich nicht“, wiederholte er stets.

Der reiche Hofbauer, der sich nun so ungern das Geringste auf unredliche Weise nehmen ließ, wurde in dem harten Winter vor mehr denn zwei Decennien fast jedes Mal bestohlen, wenn Backtag auf seinem Hofe war und die Brode zum „Doppelbacken“ in dem Ofen lagen. Der Backofen bildet, wie dies auf allen großen Bauernhöfen der Fall ist, sein Häuschen für sich. Er ist bis in seine mächtige Tiefe hinein angefüllt mit jenen kolossalen Broden im Gewicht von zwanzig bis vierundzwanzig Pfunden, die „Pumpernickel“ heißen; um völlig durchbacken zu sein, liegen sie auch die Nacht im Backofen.

Manches war bereits auf den Feldern des reichen Mannes gestohlen. Es war in seinen Torfgruben heimlich gestochen und aus seinem Walde nicht selten Holz geholt worden. Auf seinem Hofe aber, wo zwei riesige Dorfrüden, der berüchtigte wilde „Tyras“ und sein Gefährte „Pascha“, Wache hielten, da war, obgleich die Pforte im Lattenzaun der den Hof umgrenzte, stets nur eingehakt und nie verschlossen wurde, noch nie etwas vermißt worden.

Die Hunde, jetzt allerdings zehn Jahre alt, bisher aber so ausgezeichnete Wächter, schienen demnach nicht mehr tauglich oder der Dieb war ein Bekannter von Beiden. Dem Bauer Wedemeier war Eines so unangenehm wie das Andere, und um jeden Preis wünschte er die Sache aufgeklärt zu sehen. Seine Frau, die ihm schon das Fehlen des ersten vermißten Brodes nicht verschwiegen hatte, meldete auch das Stehlen der anderen, und er entgegnete jedes Mal: „Du schweigst zu Deinen Mägden darüber. Der Dieb soll ganz sicher gemacht werden, jedoch ehe das Dutzend voll ist, habe ich ihn – darauf verlasse Dich!“

In der achten Woche, die in die letzte Decemberhälfte fiel, stellte er sich endlich auf Lauerposten. Sein treues Weib, das ihren alten Brausekopf nicht allein in der gefährliche Situation wissen wollte, schlich ihm nach. Sie stellte sich, wie bisher im Leben, so auch in dieser, wie sie annahm, sicher sehr ereignißreichen Nacht, treu an seine Seite, und er ließ sie gewähren. Sie harrten vergeblich. In dieser Nacht blieb der Backofen unangetastet von fremder Hand. Zitternd und bebend vor Kälte krochen sie beim Morgengrauen, als der Großknecht in die Scheune, die Milchmagd zum Melken ging, in ihr Bett. Nun war der Tag angebrochen; Leben und Leute waren auf dem Hofe. Wer sollte da noch stehlen! Wie weich auch jenes Lagers Federn, und wie gesegnet auch Beide sonst mit dem festen Schlafe des Gerechten, in dieser Nacht oder vielmehr in dieser Morgenfrühe kam kein Schlaf in ihre Augen; der Fehlschlag kränkte, ärgerte sie. Ihn quälte der Gedanke: „bist du umsonst bestohlen?“ Sie seufzte bedrückt über die bösen, bösen Zeiten, wo man sich nicht einmal mehr auf sein eigenes Gesinde verlassen könne. Nicht einmal der Lieblingstrank der späteren Lebensjahre, der Morgenkaffee, schmeckte an dem Tage Mutter Anne-Marie und ihrem Caspar.

Seine Energie lähmte der eine Fehlschlag aber nicht, und auch ihre Treue bewährte sich von Neuem.

Am nächsten Backtage stand der reiche Bauer in der Nacht abermals auf dem Lauerposten. Gut verborgen stand er hinter einer Schicht von frisch gefälltem Holze in der Nähe des Backofens, und etliche gegen den Lattenzaun aufgerichtete Bohlen schützten ihn davor, vom Fußpfade aus gesehen zu werden, der hinter dem Gitter an einer Wiese, dem Weideplatze für das Federvieh des Hofes, entlang führte.

Als der letzte Lichtschein in den Mägdekammern erloschen war und Haus und Hof im Dunkel und Schweigen der späten Abendstunde lagen, da schlich auch Mutter Anne-Marie hinter den Holzstoß an die Seite des Ehegemahls, der finsterer und böser aussah, als acht Tage zuvor, und seine sehnige Faust mit bedrohlicher Energie auf seine gute Flinte stützte.

Der Abend, anfangs tief dunkel, hellte sich beim Sternenlicht mehr und mehr auf, und die anbrechende Nacht wurde immer klarer, aber auch empfindlich kalt. Tiefe Stille, lautloses Schweigen herrschten, und das einzige Geräusch machten die wie Patrouillen langsam das Hofgebiet umschreitenden Hunde.

Plötzlich, als vom unweit gelegenen Dorfe her die heisere Thurmuhr die Mitternachtsstunde verkündete, da mischte sich mit diesen letzten Schlägen ein leises Pfeifen. Es war noch fern. Es klang ganz eigenartig und so geisterhaft, wie wenn der Nachtwind durch geschlossene Föhrenlinien streift. Dazwischen ächzte es leise, wie ein Käuzchen schreit. – Die beiden Hunde standen wie gebannt inmitten des Hofes; dann sprangen sie leise winselnd mit schnellen Sätzen nach der Pforte hin, die auf den Fußpfad führte.

Das Pfeifen klang bald näher, der Ruf des Käuzchens heller; jetzt rief auch eine Stimme vom Wege sanft und schmeichelnd: „Tyras, Pascha!“

Die Hofthüre wurde dabei geöffnet – die Hunde liefen heraus. Beider Namen, unablässig so sanft und schmeichelnd gesagt, schienen wie ein Zauberbann zu wirken; lautlos lagen sie zu Füßen einer Frauengestalt, die draußen verharrte. Sie war hoch und schlank gewachsen, nur dürftig bekleidet – mindestens durch nichts gegen die winterliche Kälte geschützt. Die beiden Lauschenden konnten die Umrisse dieser Gestalt ganz deutlich erkennen – sie zeichnete sich scharf von dem weißen, reifbedeckten Weideplatze ab, auf den sie eben getreten war und mit leisem Schmeichelwort die Hunde nachgelockt hatte, die nun wiederum zu ihren Füßen kauerten, sich fest anschmiegend an die schlanke Frau. Plötzlich wandten sie sich knurrend um – ein Mann kam näher; sie sprach wie flehend zu den Thieren: „Pascha, Tyras – er ist’s ja,“ und sie lagen beschwichtigt, lautlos wieder neben ihr, wie wenn sie vollkommen gut wüßten, auch ihm sei zu trauen.

Fester faßte jetzt der Hofbauer seine Flinte, dichter an ihn heran trat sein Weib und blickte sorgenvoll in sein finsteres Gesicht. Sie sah, wie es in diesen wettergebräunten Zügen zuckte, wie er seine ganze Kraft und Energie aufbot, um nicht jetzt schon hervorzustürzen und die Leute zu fassen, die seine Hunde verdarben. Er bezwang sich aber und wartete. Sie kamen jedoch nicht.

In athemloser Spannung verharrten der Hofbauer und sein Weib hinter dem Holzstoße – die Stille blieb eine ungestörte; kein Schritt nahte sich. Vorsichtig näherten sie sich dem Zaune und lugten hinaus. Welch ein seltsames Bild bot sich ihnen! Auf dem reifbedeckten Grasboden knieeten die beiden Gestalten. Der Mann hatte seine Mütze abgenommen und Haupt und Hände gen Himmel erhoben. Der Kopf der Frau war tief gebeugt und ihre zum Gebet verschlungenen Hände berührten fast die Erde; regungslos standen die beiden großen, schwarzen Hunde neben den Knieenden.

Da plötzlich sprach der Mann laut und vernehmlich:

„Gott, Du Allwissender, Dir ist bekannt, daß wir im Begriff stehen eine neue Sünde auf unsere Seelen zu laden. Vergieb sie uns in Deiner Barmherzigkeit! Vergieb sie uns wegen der großen Noth, die wir und unsere Kinder erleiden! Halte schützend über uns Deine starke Hand, daß unser Vorhaben gelinge und das Brod des reichen Mannes noch einmal der Segen der Armen und Hungrigen werde! Ja, Gott Vater im Himmel, nur noch dieses eine Mal werden wir uns gegen Dein Gebot auflehnen. Nur noch heute Nacht. Wir können nicht weiter wandeln auf diesen Wegen des Unrechts und der Gefahr. Deine Allmacht, Deine Güte muß sich unseres Elends erbarmen. Sende Rettung, o Herr – sende Hülfe! Der Wege und Mittel hast Du ja Tausende, Deinen Kindern beizustehen, und wir, wir sind Deine Kinder trotz unserer Sünde. Du, Du allein bist unsere Zuflucht. Laß uns nicht länger vergeblich harren auf Deine Gnade! Amen.“ –

Der Mann erhob sich. Die Frau, die leise und bitterlich während der letzten Sätze des Gebets geweint hatte, sprang empor und hielt ihn fest: „Nein, nein,“ rief sie flehend, „laß mich’s heute thun! Dich hat es ja fast umgebracht, und ich habe heute wieder die Kraft, den Riegel fortzuschieben.“

Sanft schob er sie auf die Seite.

„Matthias,“ sprach sie dringender, „Matthias, ich lasse Dich heute nicht in den Hof; ich sagte Dir von meiner innern Angst – ich –“

„Ich weiß, daß ich Sünde thue. Gott wird mir’s verzeihen,“ sagte er leise.

Nun hielt sie ihn nicht mehr. Sie kniete wieder nieder, [654] und ihre Hände umfaßten die beiden Hunde, welche dem Manne folgen wollten.

Wenige Augenblicke später hatte er auch schon den Ofen geöffnet. Keine Hand wehrte es ihm; kein Zuruf hemmte ihn. Dann wurde der Ofen wieder geschlossen, der Hof verlassen; die Hunde wurden freigegeben; die Lattenthür wurde festgehakt.

Der Bauer und sein Weib regten sich nicht. Er hatte die Flinte bei Seite gestellt, sich niedergesetzt auf einen Holzblock und den Kopf mit beiden Händen gestützt; sie kniete neben ihm am Boden und hatte das thränenüberströmte Gesicht in ihrer Schürze geborgen. Jetzt hob sie das Haupt – sie horchte; sie lauschte den in der Ferne verhallenden Tritten der Beiden, die durch die stille sternenklare Nacht ihren Weg gingen.




Auch in dieser Nacht schliefen der Hofbauer und sein Weib nicht. Sie suchten nicht einmal ihr Lager auf. Sie gingen von Kammer zu Kammer und öffneten Truhen und Spinde, um zusammenzuraffen, was sie konnten die Noth Derer zu lindern, die Gott um Hülfe, um Erbarmen angerufen hatten. Es waren arme Haideleute, und sie kannten Beide. Sie dienten in ihrer frühen Jugend auf dem Hofe, dann waren sie ein Paar geworden. Es war eins der Bündnisse, von denen man in der Umgegend der Haiden zu sagen pflegte: „Noth und Elend reichen sich die Hand.“ Sie thaten Beide, was sie konnten, sich redlich zu ernähren, jedoch die Mäulchen, die nach Brod riefen, mehrten sich bei ihnen zu rasch, und ihr Unglück wurde noch größer, als sie den Verlockungen eines amerikanischen Agenten folgten. – Erst in der Ferne sahen sie ein, daß alle Vorspiegelungen Lug und Trug gewesen, und wie Gnade des Himmels erschien es ihnen, als sie nach einigen Jahren, durch Verkettung von Umständen, in die heimathliche Haide zurückkamen. Krank, arm, zerlumpt kehrten sie zwar heim – entblößt von Allem, aber dort in der Heimath halfen ihnen die Nachbarn; dort spendete namentlich der reiche Hofbauer ihnen Hülfe. Wegen eines Anerbietens, das sie ausschlugen, kamen sie später mit ihren Wohlthätern auf gespannten Fuß, und die anfängliche Spannung artete bei des Hofbauern Heftigkeit in Feindschaft aus, als er seiner ehemaligen Dienstboten Anhänglichkeit an die Haide sah, die er ihren Verderb nannte. Er verbot sogar seiner Anne-Marie, diesen törichten Leuten heimlich Hülfe zu spenden; er dachte auch, die Noth würde sie schon zu ihm zurückführen. Das geschah nicht; es geschah sogar in dem harten Winter nicht, wo Krankheit über Krankheit in den elenden Haidehütten ausbrach. Da plötzlich hörte die Hofmutter, daß ihre frühere Magd dem fünften Kinde das Leben gegeben, sehr krank sei und die Noth ihren Höhepunkt erreicht habe. – Sie wollte nun in die Haide. Eine heftige Erkältung und die Broddiebstähle auf ihrem Hofe ließen sie nicht dazu kommen Wie bitter bereute sie nun dieses Unterlassen, als sie die sogenannte „Binsen-Ilse der Haide“, die kranke Wöchnerin in der Nacht an der Pforte ihres Hofes sah – als sie einen Blick in das Elend that das die ehemals redlichsten und fleißigsten Menschen zum Diebstahl getrieben!

Auch der Hofbauer war auf’s Tiefste erschüttert. Er hätte für diese „Binsen-Ilse“ und deren Mann, trotz aller Feindschaft, die Hand ins Feuer gelegt und tausend Eide für ihre Ehrlichkeit auf’s Gewissen genommen. Und nun!? – Ruhe kam erst wieder über ihn, als er mit dem ausreichendsten Beistand und den besten Vorsätzen zur Haide fuhr: er wollte die Noth Derer für immer lindern, die am Thore seines Hauses Gott um Erbarmen gebeten hatten.

Menschenhülfe kam zu spät. Aller Erdennoth waren die Armen sammt ihren Kindern entrissen, als der Hofbauer und sein Weib die Hütte betraten. Sie fanden dort nur Leichen und ein mit dem Tode ringendes Kind.

Der Ausspruch der Aerzte lautete nach der Section des neugeborenen Kindes: „Aus Mangel an Nahrung gestorben,“ bei den andern Leichen: „Tod durch zu heißes Schwarzbrod.“ In festen Klumpen zusammengeballt fand sich’s in den Magen der Unglücklichen, die der Hunger zu der schädlichen Speise getrieben.

Das älteste, mit dem Tode ringende Kind, ein Mädchen, wurde dem Leben zurückgegeben und fand seine Heimath auf dem Hofe des reichen Bauern. Sie wurde für die alternden Leute, was die kleinen rosigen Winden in der struppigen Hecke der verunglückten Haidegrenze waren: ein Schmuck – ein Schmuck ihres Lebens und Herzens.

M. von Humbracht.




Das Germanische National-Museum in Nürnberg.

Am südlichen Ende der Stadt Nürnberg, hart an der alten Stadtmauer und eingeschlossen von dieser auf der einen, vom Kornmarkte, der Karthäuser- und Graßergasse auf den anderen Seiten, liegt die ehemalige Karthause, eine Stiftung des Nürnberger Patriziers Marquard Mendel (1380), der darin nach dem Tode seiner Frau seine Tage beschloß. Bescheiden in ihrer uranfänglichen Anlage und einfach und schmucklos, erweiterten sich die Räumlichkeiten des Klosters in den darauffolgenden Jahrhunderten in so ansehnlicher Weise, daß sie zu Beginn des sechszehnten Jahrhunderts, der Blüthezeit der Stiftung, eine Bodenfläche von zweihundert Metern in der Länge und hundertvierzig Metern in der Breite bedeckten. Zur Zeit der Reformation fand in der sonst nur von dem Memento mori der Mönche unterbrochenen Stille der Klosterhallen große Bewegung statt, und 1525 trat der damalige Prior Blasius Stöckel mit dem größten Theile seines Convents zur evangelischen Lehre über. Dadurch gelangte die Karthause in den Besitz der Stadt, welche sie später zu Wohnungen, besonders für Pfarrwittwen, einrichtete. 1784 wurde die Kirche den Katholiken zur Abhaltung ihres Gottesdienstes eingeräumt, und als für diesen Zweck später die Marienkirche überlassen wurde, kam die Karthause in den zeitweiligen Besitz der Militärverwaltung, welche die Kirche 1816 als Heumagazin, den Kreuzgang vorübergehend als Marodestall benutzte. Nothdürftig und ohne besondere Sorgfalt unterhalten, mehrten sich die Baufälle des Klosters mehr und mehr und war dasselbe auf dem besten Wege, zur Ruine zu werden. Da zog 1857 in dasselbe das vom Freiherrn von Aufseß 1852 gegründete Germanische Museum mit seinen Sammlungen ein, und dadurch wurde es nicht nur vor weiterer Zerstörung bewahrt, sondern einem Zwecke wiedergegeben, der es baulich sowohl, wie geistig zu einer Bedeutung erhob, die für alle Zeiten mit der Geschichte des deutschen Volkes innig verknüpft bleiben wird.

Den Mittelpunkt der ursprünglichen Anlage der Karthause bildete eine einschiffige Kirche, die vorne einen aus drei Seiten eines Achteckes bestehenden chorähnlichen Abschluß hat. Um dieselbe war ein großer Kreuzgang angelegt, und von diesem aus gingen die Eingänge zu den Zellen, welche hinter demselben, von einander abgeschlossen und mit Mauern umgeben, angelegt waren. Ein Speisesaal an der Südseite der Kirche und eine längs der Karthäusergasse sich hinziehende Vorrathskammer etc. vollendeten den Gebäudecomplex, den weiter ein großer Küchen- und Lustgarten umgab.

Diese Räume sind auch heute noch, wenn auch nicht mehr ganz in ihrer ursprünglicher Anlage, der architektonische Hauptbestandtheil, in dem das Germanische Museum untergebracht ist. Für die dabei nothwendigen sehr bedeutenden Reparaturen wurden die Mittel durch freiwillige Beiträge aufgebracht, und namentlich ist es der Freigebigkeit des Königs Ludwig des Ersten von Baiern zu danken, daß der große, fast in Ruinen liegende Kreuzgang wieder aufgebaut werden konnte. Die Zellen der Mönche wurden für Sammlungszwecke benützt, ebenso das Refectorium und die Halle an der Karthäusergasse; die Kirche und die zwei daran angebauten Capellen boten sich von selbst zur Aufnahme kirchlicher Altertümer dar, und endlich wurde durch eine Reihe von Ein- und Anbauten den Bedürfnissen des Museums gerecht zu werden versucht. Die größte Erweiterung geschah in der letzter Zeit durch den Wiederaufbau und Anbau des Augustinerklosters, welches abgetragen werden mußte und in welchem unter Anderem die Waffen- und Costümsammlung untergebracht worden ist. Zur Ermöglichung dieses bedeutenden Baues boten Künstler aus allen

[655]

Das Germanische Museum in Nürnberg nach seiner Vollendung.
Von Lorenz Ritter in Nürnberg. Originalzeichnung nach Vorlagen des Herrn Director Essenwein.

[656] Gegenden Deutschlands mitunter höchst kostbare Werke der Malerei und Plastik an, welche auf dem Wege der Verloosung die entsprechenden Mittel bieten sollten.

Ein weiterer Bau an der Ostseite ist in letzter Zeit in Angriff genommen worden, und damit im Zusammenhang sind Projecte für den Ausbau der Südseite ausgearbeitet worden, die die baulichen Anlagen des Museums zum Abschluß bringen sollen.

Es ist unmöglich, in kurzen Worten den Reichthum und die Bedeutung der in dem Germanischen Museum aufgestellten historischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen nur einigermaßen zu schildern; hierfür dienen die vorhandenen Fachkataloge, und ist ein eingehendes Studium und längeres Verweilen in demselben nothwendig; nur ganz im Allgemeinen wollen wir hier die Eintheilung der Sammlungen und ihre Aufstellung anzeigen.

Betreten wir das Museum von der Karthäusergasse aus, so kommen wir zunächst in den nördlichen Flügel des Kreuzganges, in welchem, sowie in dessen Fortsetzungen Grabdenkmäler aus der Zeit der römischen Herrschaft in Baiern bis zum 17. Jahrhundert aufgestellt worden sind. Rechts und links davon befinden sich in kleinen Cabineten die Denkmäler der vor- und frühchristlichen Culturperioden, einzelne Bautheile und namentlich eine kaum irgendwo noch in solcher Vollständigkeit vorhandene Sammlung von Oefen und Ofenkacheln, im letzten Cabinete eine Zusammenstellung von Schlosserarbeiten. Dahinter am äußersten Ende des Kreuzganges sehen wir die Wilhelmshalle mit einem prachtvollen Glasgemälde, nach Kreling's Entwurf von Martin in Berlin gefertigt, mit der Darstellung der Grundsteinlegung der Karthause durch den Markgrafen von Nürnberg in Gegenwart des deutschen Kaisers Wenzel und des Stifters derselben. Dieses Fenster wurde von dem gegenwärtigen deutschen Kaiser hierher gestiftet.

In dem an der Südseite der Kirche befindlichen und mit dem südlichen Flügel des großen verbundenen kleineren Kreuzgange sind verschiedene, vor der Hand provisorisch aufgestellte Sammlungen von Geschützen und Modellen aus der Zeit vom 17. bis 19. Jahrhundert zu sehen; besonders wichtig sind zunächst verschiedene Kriegswerkzeuge und Stücke der Artillerie des 17. Jahrhunderts aus dem Besitze des Nürnberger Ingenieurs Johann Carl. Daran reihen sich Modelle für technische Werkstätten, landwirthschaftliche Geräthe und dergleichen, welche die wichtigsten Aufschlüsse über die Geschichte der Technik und des bürgerlichen Lebens geben.

Im ehemaligen Refectorium befinden sich die Denkmäler des häuslichen Lebens, mittelalterliches Hausmobiliar, eine große Glas- und Thongeschirrsammlung, eine reichhaltige Zusammenstellung von Goldschmiedarbeiten, Spielwaaren, Eßgeräthen und Anderes.

Die Kirche mit den anstoßenden zwei Capellen enthält die Denkmäler der kirchlichen Kunst, architektonische und plastische Werke, kirchliche Geräthe und Gefäße, daneben eine Sammlung von Medaillen und Siegeln. Von besonderer Bedeutung ist darin das Wandgemälde von Kaulbach, die Eröffnung der Gruft Karl's des Großen durch Kaiser Otto den Dritten darstellend, ferner der prachtvolle Schrein, in dem die Kleinodien des heiligen römischen Reiches aufbewahrt wurden und der früher an dem Gewölbe des Chores der Spitalkirche in Nürnberg aufgehängt war. – An die Capellen schließt sich ein weiterer Raum für die Sammlung von Geweben, Stickereien, Nadelarbeiten und Spitzen an. Ueber demselben, im ersten Stockwerke, befindet sich eine Bildergalerie, über dem Refectorium sehen wir die Sammlungen, welche die Entwickelung der Urkundenschrift, der Buchschrift und der inneren Bücherausstattung, sowie des Buchdrucks, des Holzschnitts und Kupferstiches zeigen. Daran schließen sich Räume für Handzeichnungen, musikalische Instrumente und über dem Kreuzgange am Eingange für Gemälde älterer Meister, für Denkmäler verschiedener Wissenschaften, wissenschaftliche Apparate, Kalender und Landkarten, und endlich für die Denkmäler der aufgelösten Zünfte in Nürnberg. – Im langen Bau längs der Karthäusergasse sind die Büreaux, das Archiv und die Bibliotheken untergebracht worden.

Der Neubau des Augustinerklosters mit Kreuzgang und Kirche enthält in ersterem eine äußerst wichtige und lehrreiche Zusammenstellung von Glasgemälden aus der älteren bis zur neuesten Zeit, in letzterer vorzügliche Künstlerwerke von Nürnberger Meistern aus dem städtischem Besitz. Wir nennen blos reiche Schnitzwerke und Sculpturen von Veit Stoß, Bronzegüsse von Peter Vischer, die trauernde Maria, das schönste und bedeutendste Sculpturwerk des Mittelalters, die Tafel der Meistersänger aus der Katharinenkirche und den Altar des Landauer Brüderhauses nach einer Zeichnung von Dürer etc. Im ersten Stockwerke ist daselbst die Waffensammlung und im zweiten eine kostbare Costümsammlung angelegt worden.

Eine besondere Zierde sind die vielen Glasgemälde, welche, von Gönnern des Museums gestiftet und fast ausschließlich vom Director Dr. Essenwein entworfen, in den verschiedenen Kreuzgängen und Capellen angebracht worden sind; mit ihrem farbigen Lichte bieten sie dem Auge eine angenehme Erheiterung nach der ernsten Beschäftigung mit dem Studium der aufgestellten Denkmäler. Der Neubau, zu dem im verflossenen Monat der Grundstein gelegt ward, schließt sich im Osten an den Kreuzgang der alten Karthause an und besteht aus einer großen, durch zwei Stockwerke reichenden Eintrittshalle von der Graßergasse aus mit einem dahinterliegenden quadraten Hof und zwei an denselben anschließenden Seitenflügeln. Da für festliche Gelegenheiten der Haupteingang zum Museum in diesem Bau gedacht ist, so ist darauf Rücksicht genommen worden, daß dem Eintretenden sogleich die ganze Entwickelung der mittelalterlichen deutschen Baukunst in demselben entgegentritt.

Während der Mittelbau der Eintrittshalle, durch vier Eckthürme und ein steil ansteigendes Dach über dem ganzen Bau emporragend, im Uebergangsstil gehalten ist, ist der eine der Seitenflügel im romanischen, der andere im frühgothischen Stil projectirt, und mit Rücksicht auf diese bauliche Unterschiedenheit und im Zusammenhang damit kommen im Erdgeschosse des einen die Abgüsse von Sculpturen der romanischen Periode, in dem des andern die des fünfzehnten Jahrhunderts zur Ausstellung, während in den Arcaden des hinter der Eintrittshalle liegenden Hofes die des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts aufgestellt werden.

Im ersten Stockwerk dieses Neubaues kommen in den Gängen um den mittleren Theil der Eintrittshalle die Abgüsse von Sculpturen des sechszehnten, siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zur Aufstellung, die beiden Seitenflügel aber erhalten Oberlicht und sind für die Aufnahme der Gemälde bestimmt. Hinter dem Hofe wird ein mit sieben Kreuzgewölben überdeckter Raum für die Aufstellung von Cartons hergerichtet.

Das Aeußere dieses Baues von der Graßergasse aus bietet einen höchst würdigen und doch lebendigen Anblick, und namentlich ist der auf unserm Bilde am äußersten Ende sichtbare Mittelbau mit den Portalen so schwungvoll componirt und so phantasievoll zusammengeordnet worden, wie wir es nur von dem geistreichen Schöpfer des Planes gewohnt sind. Ueber den zwei rundbogig geschlossenen Portalen und den rechts und links davon für die Treppen bestimmten Theilen zieht sich ein Nischen- und Fensterkranz hin, über dem die beiden Seitentheile ihre Dächer ansetzen, während der Mittelbau darüber eine kleine Galerie trägt, hinter welcher der Hauptbau noch um ein Stockwerk emporsteigt, an den Seiten vier Thürme ansetzt und mit einem durch giebelüberdachte Fenster höchst malerisch angeordneten Dache schließt.

Der an diesen Neubau sich anschließende projectirte Südbau besteht aus einem mit der innern Arcadenstellung des östlichen Kreuzgangflügels der Karthause in gerader Flucht liegenden großen Saale, der, im Innern von sechs Paar Säulen getragen, zunächst für die Sammlungen von Hausmobiliar bestimmt ist. Seine Beleuchtung erhält er durch sieben maßwerkvergitterte und spitzbogig abgeschlossene Fenster auf der Ostseite. Das erste Stockwerk mit viereckigen, oben mit je drei Vierpässen verzierten Fenstern enthält die Räume für die Denkmäler des häuslichen Lebens, und das zweite Stockwerk unmittelbar unter dem Dachgesimse ist für eine künftige Wohnung des Directors in's Auge gefaßt worden.

Zwischen diesem Saalbaue und dem Augustinerkloster an der Südseite des Kreuzganges der Karthause schließt sich eine durch vier Doppelfenster erleuchtete Halle im Style der deutschen Renaissance an, welche zur Aufnahme von Hauseinrichtungsgegenständen bestimmt ist. Auf unserm Bilde wird diese Halle durch das vortretende Augustinerkloster leider verdeckt.

Ein weiterer Plan besteht darin, die alten Stadtmauern in nähere Verbindung mit dem Museum zu setzen, die Thürme, von denen drei bereits stehen und vier neu gebaut werden sollen, zur Unterbringung von passenden Sammlungsgegenständen zu benutzen, [657] in den Mauern selbst aber die verschiedenen Arten darzustellen, wie sie zu verschiedenen Zeiten gebaut, geschmückt und abgeschlossen wurden. Theils durch auf Bogen gesetzte Gänge, theils durch Zugbrücken ständen diese Mauern mit dem Museum in Verbindung.

Selbst dem gegen das Alterthum Gleichgültigsten wird dieser Plan, wie er auf unserem Bilde sich zeigt, eine gewisse Bewunderung abzwingen, wer aber davon ausgeht, daß das Germanische Nationalmuseum ein Schatzkästlein ist, in dem die deutsche Cultur von Jahrtausenden ihre Blüthen und Früchte, die Früchte ihrer Anstrengungen auf künstlerischem und wissenschaftlichem, wie nicht minder auf gewerblichem und häuslichem Gebiete niedergelegt hat, wer die Ueberzeugung festhält, daß das Germanische Museum ein lebendiges Denkmal deutscher Geschichte und deutscher Kunst, deutscher Sitte und deutschen Lebens ist, der wird, mit Freuden den Gedanken begrüßen, auch jene Reste, die wohl fast überall den Forderungen der Gegenwart weichen, mit dem großen Bau des Museums als ein Denkmal einstiger Wehr und einstigen Schutzes zu verbinden und für alle Jahrhunderts der Nachwelt zu erhalten.

Wenn Nürnberg durch seine architektonische Gestaltung als eine Perle im Herzen Deutschlands gilt, so gilt dies sicher auch von dem Germanischen Museum in dem Umfange, in dem der unermüdliche Director desselben es sich gedacht, und wir dürfen sicherlich hoffen, daß diese Projecte auch ihrer Verwirklichung entgegengehen. Wer die Geschichte des Museums seit seiner Gründung verfolgt, wer sich erinnert, wie zu einer Zeit, als von nationaler Einigung und Einheit nur mit Buchstaben gedruckt und höchstens in Liedern gesungen wurde, von einem Privatmanne das ganze Unternehmen in's Werk gesetzt wurde, wer bedenkt, mit welcher idealen und uneigennützigen Hingabe an dem Ausbau des Museums und der Erreichung seiner Zwecke gearbeitet wurde und wie diese Aufopferung von Seiten der leitenden Vorstände des Museums von dem deutschen Volke verstanden und gewürdigt worden ist, wie von nah und fern der Gedanke, ein einheitliches Denkmal deutscher Nation zu errichten, in allen wahrhaft deutschen Herzen zündete und unterstützt wurde, wer sich nun vergegenwärtigt, mit wie viel mehr Grund das deutsche Volk sich jetzt seiner Vergangenheit freuen kann, der wird gewiß der Ueberzeugung sich hingeben, daß da, wo es sich um eine Sache handelt, welche die Ehre des ganzen Volkes so wesentlich und innig berührt, die Begeisterung nicht erlöschen, die Theilnahme sich nicht mindern wird. Und wenn ein Mann im Stande ist, dieses große Denkmal deutscher Nation zu einem großartigen, der Größe des Volkes würdigen Abschluß zu bringen, so ist es sicher der gegenwärtige verdienstvolle Leiter des Museums, der, unter den Deutschen der Deutschesten einer, mit einer Willensstärke, wie sie wenige besitzen, mit eiserner Kraft und unermüdlicher Ausdauer seinem Ideale lebt, das Museum zu einem Denkmale zu gestalten, auf das jeder Deutsche von nah und fern mit Stolz und Freude schaut, zu einem Mittelpunkte, von dem aus deutscher Geist und deutsches Wissen, deutsches Streben und deutsche Kunst, wie in einem Brennpunkte vereinigt, nach allen Seiten hin ihre erwärmenden, erhellenden und zündenden Funken werfen.
St.




Die Kaisertage in Düsseldorf.
1. Empfang und Kaisermahl.


„Blut ist doch ein ganz besonderer Saft.“ Die Wahrheit dieses Ausspruches hat die in den ersten September-Tagen dieses Jahres stattgehabte glänzende Kaiserfahrt im Rheinlande, namentlich aber der ebenso begeisterte wie herzliche Empfang, den die Metropole der rheinischen Kunst, das freundliche Düsseldorf, dem deutschen Kaiser Wilhelm bereitete, auf's Neue bewiesen. Es sind noch nicht viele Jahrzehnte verflossen, als in Düsseldorf der Soldat der Garnison „da Prueß“ und die preußischen Thaler nur „Berliner Thaler“ genannt wurden, aber seit den letzten Kriegen, nachdem auch die Söhne Düsseldorfs im Vereine mit dem übrigen Preußen für die Ehre und Macht Deutschlands geblutet, giebt es keine „Prueß“ mehr, das zusammen vergossene Blut bildet vielmehr einen gar festen Kitt.

Als daher der Ruf: „der König kommt“ das Herz des Rheinänders traf, da erscholl es überall aus hunderttausend Kehlen: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.“ Das allgemeine Jauchzen der Bevölkerung, die unzähligen Zeichen der Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht, die dem ruhmgekrönten Heldengreis von Jung und Alt, von Arm und Reich, von allen Ständen und Confessionen entgegengebracht, und die wohlgelungenen rauschenden Feste voller Glanz und Pracht, die zu Ehren des erlauchten Gastes und der ihn begleitenden Paladine seines Ruhmes gegeben wurden, besonders aber der ganze bestrickende Zauber, den die Kunst in die Festesfreude wob – all’ dies vereinigte sich zu einem Gesammtbild voll entzückender und wohlthuender Harmonie.

Längs der „Pfaffenstraße“ des neuen deutschen Reiches ist dem hohen Schirmvogt der Gewissens- und Glaubensfreiheit, der ebensowenig wie sein großer Kanzler nach Canossa gehen will, eine Aufnahme zu Theil geworden, wie sie zu Ehren Kaiser Wilhelm’s bisher noch in keinem Theile der Monarchie schöner und großartiger veranstaltet wurde, und wahrlich der brausende Jubelgruß, der dem geliebten Herrscher auf Schritt und Tritt folgte, wird sich in seine Gold- und Lorbeerkrone als ein grünes und unverwelkliches Eichenblatt flechten; ja diese so bedeutungsvolle und beziehungsreiche Kaiserfahrt wird auch, wenn nicht alle Zeichen trügen, ein Scherflein dazu beitragen, daß die durch die Hetzkapläne irregeleiteten Gemüther eines großen Theiles der rheinischen Katholiken sich wieder Kaiser und Reich zuwenden, denn:

Wo Lieb’ und Treu’ sich so dem König weihen,
Wo Fürst und Volk sich reichen so die Hand,
Da muß des Volkes wahres Glück gedeihen,
Da blüht und wächst das schöne Vaterland.

Der Kaiser reiste mit seinem hohen Gefolge am 1. September, Abends 11 Uhr 35 Minuten von Berlin mit der Lehrter Bahn ab, um, wie Jedermann weiß, den großen Herbstmanövern des siebenten Armeecorps auf der Goltzheimer Haide, in der Nähe Düsseldorfs, beizuwohnen. Nachdem er am Sedantage den Geheimen Commerzienrath Krupp in Essen besucht und die großartigen Werkstätten des erfindungsreichen, genialen Kanonenkönigs in Augenschein genommen hatte, langte er um 7 Uhr 30 Minuten desselben Tages in Benrath an. Die Locomotive „Gravelotte“, welche die kaiserlichen Extrazüge, bestehend aus zahlreichen Waggons, führte, war sehr sinnig geschmückt worden. Vorn an derselben befand sich das königliche hohenzollernsche Wappen; über demselben erhob sich ein Adler mit der deutschen Kaiserkrone auf dem Kopfe; rechts und links waren die Wappen der Städte Köln und Minden angebracht; hinter denselben, scheinbar aus denselben emporwachsend, erblickte man die Symbole des Landes und der Industrie; die beiden Puffer stellte die eisernen Kreuze aus den Jahren 1813 und 1870 vor; vorn, hoch oben an der Maschine, war ein Strauß von Kornblumen, der Lieblingsblume des Kaisers, angebracht. Die Maschinen und Tender waren durch Fahnen und Kreuze geschmückt.

Der Kaiser sah sehr rüstig und frisch aus, als er mit elastischem Schritte aus dem Salonwagen stieg, um in Begleitung der Erbprinzessin von Hohenzollern, die der Monarch herzlich küßte, den Empfangssalon aufzusuchen. Zum Empfange des Kaisers und seiner welthistorischen Suite waren hier unter anderen anwesend: Der Erbprinz von Hohenzollern, der Fürst zu Wied, der Kriegsminister von Kameke, der Oberpräsident der Rheinprovinz, von Bardeleben, der Oberpräsident von Westfalen, von Kühlwetter – ja, wer zählt die Völker, die alle gastlich hier zusammenkamen? Wahrhaft orkanartig waren die begeisterten Hoch- und Vivatrufe der nach vielen Tausenden zählenden Menge, als dieselbe den Kaiser erblickte. Der hohe Herr grüßte freundlich nach allen Seiten; nachdem er im Empfangssalon Cercle gehalten, begab er sich über die Rampe des Bahnhofes zu den ihn erwartenden Wagen, um nach dem Benrather Schlosse zu fahren, wo er bekanntlich während der Manövertage bis zum Abend des 8. Septembers residirte. Erst einige Stunden nach dem Eintreffen des obersten Kriegsherrn trafen auch die Kaiserin, das kronprinzliche Paar und deren Tochter, die liebliche, in Jugendblüthe prangende Prinzessin Charlotte, denen insgesammt die Anwesenden gleichfalls nicht endenwollende stürmische Huldigungen entgegenbrachten, im Benrather Schlosse ein.

Es würde den mir zugewiesenen Raum übersteigen, wollte ich alle Einzelheiten des kaiserlichen Siegeszuges den Rheinstrom entlang hier aufzählen; ich muß es mir daher versagen, z. B. den großen Zapfenstreich zu schildern, der am Abend des 2. September im Schloßgarten zu Benrath von siebenhundert Musikern den allerhöchsten und höchsten Herrschaften gebracht wurde. Ich kann auch die am 3. September stattgehabte glänzende große Parade auf dem Manöverfelde nur flüchtig berühren, wie verlockend es auch wäre, das glänzende militärische Schauspiel und das imposante Volksfest zu beschreiben.

Erwähnen will ich nur, daß wie Donnerhall und Wogenprall das Hurrah von Hunderttausenden erbrauste, als der oberste Kriegsherr an der Spitze seines Gefolges, in dem alle Armeen Europas vertreten waren, mit dem flatternden Helmbusch auf schwarzem Rappen erschien, und ebenso als die Kaiserin in einem offenen sechsspännigen Wagen, auf dem Haupte einen schwarzen mit weißen Federn garnirten Hut, in weißem mit goldgestickten Borden garnirtem Mantel angefahren kam, wobei ich nicht vergessen darf, daß an der Seite von Fürsten und Generälen auch die Kronprinzessin des deutschen Reiches in der kleidsamen Husarenuniform ihres Regiments nebst ihrer Tochter Prinzeß Charlotte hoch zu Roß einhergaloppirte. Auch muß ich es unterlassen, die Residenz des Kaisers, das Benrather Schloß, im üppigsten Rococostil erbaut, dessen Verzierungen und Embleme auf die ursprüngliche Bestimmung desselben als eines Jagdschlosses hindeuten, mit seinem weiten Park und Königszelt, seinen prächtigen Terrassen, [658] Alleen, Wasserleitungen und Cascaden auch nur flüchtig zu skizziren – ich kann nur nochmals nachdrücklich hervorheben, daß die Rheinländer überall, wo der Landesherr erschien, alles aufboten, um dem siegreichen Einiger Deutschlands ihren vollen und herzlichen Dank für seine großen Verdienste um das Vaterland darzubringen. Während der ganzen Kaiserwoche hatte Düsseldorf sein schönstes Festkleid angelegt; was nur der menschliche Sinn erdenken konnte, war in den Hauptstraßen als Zierde angebracht worden; die Paläste sowohl wie die Hütten hatten sich mit Land und Guirlanden geschmückt, und die Kaiserbüsten, Bilder, Blumen- und Gewächsverzierungen, Fahnen und Flaggen und die mannigfaltigsten, prachtvollsten Illuminationen gaben der Park- und Teichstadt ein in hohem Grade fesselndes Gepräge.

Den Mittel- und Glanzpunkt der Kaisertage am Niederrhein bildeten die beiden Feste, die Düsseldorf seinem erlauchten Gaste darbot, nämlich das Fest der rheinischen Provinzialstände und das des Künstlervereins „Malkasten“. Am 5. September 4 Uhr 50 Minuten verkündete das Läuten sämmtlicher Glocken und Kanonendonner den Einzug des ersten deutschen Kaisers in Düsseldorf.

Das Benrather Schloß bei Düsseldorf.
Nach der Natur aufgenommen von Wilhelm Beckmann in Düsseldorf.

Ungeheuer war der Jubel der Menge, als der Kaiser an der Seite der Kaiserin in eleganter, mit sechs Rappen bespannter Equipage im Schritt durch die Reihen fuhr und von zahlreichen, festlich gekleideten jungen Mädchen mit Blumen wahrhaft überschüttet wurde. Vom Köln-Mindener Bahnhofe bis zum Bergisch-Märkischen, wo die Ehrenpforte errichtet war, hatten an dem durch reichbeflaggte Festons bezeichneten Wege zunächst weißgekleidete und Blumenbouquets tragende Schülerinnen der Stadt, dann weiter durch die Königsallee bis zur Tonhalle, wo das Ständefest stattfand, etwa 20,000 Mann von Krieger-, Landwehr-, Schützen-, Bürger-, Männergesang- und Turnvereinen im Festschmuck mit ihren Fahnen, Waffen etc. Aufstellung genommen. Den Anfang der Straße, durch welche sich der kaiserliche Zug bewegte, bezeichnete die gegenüber dem Bergisch-Märkischen Bahnhofe errichtete Ehrenpforte. Vier korinthische, auf hohen Basen ruhende Pilaster trugen eine Attika, welche das Kaiserwappen in Mitte einer Fahnentrophäe krönte. Die Capitäle der Pilaster waren in höchst origineller Weise aus frischen Blumen gebildet, welche mit der dunklen Stirnfarbe des würdevollen Baues auf das Reizvollste contrastirten. Ueber dem Einfahrtsbogen las man die Inschrift:

„Dem deutschen Kaiser Wilhelm I.

Auf der Pfeilerbasis stand links folgende Strophe:

“Willkommen, Kaiser, an des Stromes Strand,
Den Du beschirmst mit fester, starker Hand!
Mög’ Gott den vollsten Segen Dir verleih’n!
Dies wünscht Dir Düsseldorf am deutschen Rhein.“

Auf der rechten Seite las man:

„Wie Sturm und Blitz im Kriege,
Doch demuthsvoll im Siege,
Vor Gott ein Kind, im Feld ein Held –
Nun ist's mit Deutschland recht bestellt.“

Auf der der Stadt zugekehrten Seite standen an den Pfeilerbasen folgende Verse. Auf der rechten Seite:

„Gehämmert hat beim Kugelpfeifen
Das Schwert der Kaiserkrone Reifen,
Doch Milde und Gerechtigkeit
Den schönsten Kranz der Krone leiht.“

Auf der linken Seite war zu lesen:

„Der reichste Kranz von Ruhm und Ehr’
Den Herrscher ziert, doch ziert noch mehr
Gerechtigkeit und frommer Sinn
Den Sohn der Heldenkönigin.“

An dieser Ehrenpforte machte der kaiserliche Wagen Halt und hielt der Oberbürgermeister Becker eine kurze Ansprache an den Monarchen, während ein junges Mädchen dem Kaiser einen außerordentlich schönen Blumenstrauß mit Kaiserkrone und allerhöchsten Namenszügen, aus Kornblumen und weißen Rosen zusammengesetzt, überreichte, welchen der Kaiser seiner Gemahlin übergab, die nach allen Seiten, freundlich lächelnd, Grüße zuwinkte. Dem kaiserlichen Wagen folgte der Kronprinz nebst Gemahlin, dann die übrigen hohen Herrschaften in zehn bis zwölf Wagen. In der Tonhalle angekommen, begab sich der Kaiser mit seinem Gefolge in den zum Kaiserzimmer umgewandelten kleinen Saal. In dem Rittersaal hatten die sechshundert Gäste der rheinischen Provinzialstände die etiquettenmäßig vorgeschriebene Aufstellung genommen. Der Kaiser ließ sich die Militär- und Civilbehörden, die Geistlichkeit, die Vertreter des Provinziallandtages und des Kreises vorstellen und hatte fast für Jeden ein freundliches und treffendes Wort. Dann schritt man zur Tafel. Die [659] Provinzialstände hatten für das Kaiserbankett hunderttausend Mark bewilligt. Ich brauche es daher nicht erst besonders zu betonen, daß für diese Summe treffliche Speisen und Weine beschafft worden waren, aber die Hauptwürze des Festes bildeten selbstverständlich die Toaste.

Gegen sieben Uhr Abends trat der Fürst von Wied zur Seite der Kaisertafel und dankte im Namen der Stände dem Kaiser, daß er das Fest angenommen und dadurch Gelegenheit gegeben, von der Rheinprovinz ein kleines Zeichen der Freude, der Anhänglichkeit und des Dankes zu empfangen. Er feierte den Kaiser, weil er durch sein tapferes und vorzügliches Heer die schönen und lieblichen Fluren der Rheinprovinz vor der französischen Invasion bewahrt habe. Ein dreimaliges, feuriges Hoch erklang durch den Saal nach dieser Ansprache. Der Monarch schüttelte dem Fürsten von Wied die Hand, als derselbe wieder seinen Sitz ihm gegenüber eingenommen hatte. Einige Minuten darauf erhob sich der Kaiser und dankte der Versammlung mit kräftiger, weithin tönender Stimme.

Er betonte namentlich seine Anhänglichkeit an die rheinischen Lande und bezeichnete die acht Jahre, die er einst in denselben verlebt, nachdem sein königlicher Bruder ihn in bewegten Tagen an den deutschen Strom gesandt, als eine ihm unvergeßlich schöne Zeit. Er freute sich der Anhänglichkeit und Treue der Rheinprovinz und Westfalens an das große Deutschland und legte den Repräsentanten derselben die Pflege dieser Gesinnungen im Volke an’s Herz.

Unendlicher Jubel folgte auf die schlichten Worte des Heldengreises. Nachdem noch der Vicelandtags-Marschall, Herr Geyr von Schweppenburg, ein Hoch auf die Kaiserin, den Kronprinzen, dessen Gemahlin und das kaiserliche Haus ausgebracht, verließ der Kaiser mit seinem Gefolge unter den lebhaftesten Hochrufen der Versammelten den Saal. Hierauf bestiegen Seine Majestät und der Hof die Wagen, um die Illumination zu sehen. Die ganze Stadt war feenhaft beleuchtet. Um neun ein Viertel Uhr kam der Kaiser auf dem Köln-Mindener Bahnhofe an und begab sich sofort mit dem Extrazuge nach Benrath zurück. Beide Majestäten dankten wiederholt dem Herrn Oberbürgermeister Becker sowohl für die glänzende Illumination wie auch für den herzlichen Empfang. Das Kaiserpaar sprach besonders seine Zufriedenheit darüber aus, daß das Fest ohne jegliche Störung verlaufen war.

Noch viel großartiger war das Feenfest, welches Tags darauf, am 6. September, die Nixe der Düssel in dem geweihten Lieblingshain der Musen, dem reizenden und liebliche Fleckchen Erde, genannt „Malkasten“, dem Kaiser Wilhelm geboten. Die Schilderung dieses Festes ist der eigentliche Zweck des gegenwärtigen Berichtes, und so wird er denn in seiner Schlußabtheilung (in einer der nächsten Nummern) die Feerien des „Malkastens“ zu skizziren versuchen. Zu einem besonderen Schmucke dürften diesen Schilderungen einige noch im Schnitt befindliche Originalzeichnungen des Düsseldorfer Malers Wilhelm Beckmann gereichen, welche die Hauptmomente des Malkastenfestes darstellen werden.




Blätter und Blüthen.

Die Farbenbezeichnungen des Himmels bei den alten Völkern. In Folge meines in der vierten Nummer des vorigen Jahrganges (1876) enthaltenen Aufsatzes über die „Farbenblindheit wurden von den verschiedensten Regierungen Deutschlands und Europas die einschlägigen wichtigen Fragen in Betracht gezogen und bezügliche Schutzverordnungen für das öffentliche Wohl erlassen; meine Veröffentlichungen in der „Gartenlaube“ wurden zu meiner großen Freude mit dem Erfolge belohnt, welchen dieselbe angestrebt hatten. Es sind mir aber auch in Bezug auf jene Veröffentlichungen von den verschiedensten Seiten neben zustimmenden theils absprechende, theils tadelnde Worte übersandt worden. Besonders drückten mir viele israelitische Schriftgelehrte ihre Verwunderung darüber schriftlich aus, daß in jenem Artikel die Behauptung enthalten sei, die Bibel kenne keine Bezeichnung für die blaue Farbe. Uebereinstimmend erklären jene Kritiker, daß die blaue Farbe in der Bibel mit dem Worte Thecheleth bezeichnet werde, und kommt dieses Wort besonders bei den Priestergewändern vor, welche nach Angabe der Bibel an den Ecken „blaue“ Schußfäden getragen haben sollen. Ich habe in Folge dieser Einwände in jüngster Zeit Gelegenheit genommen, der betreffeden Frage näher zu treten, nachdem ich meine damaligen Mittheilungen den sprachforschenden Werken meines trefflichen, leider so früh verstorbenen Freundes Lazarus Geiger entnommen hatte.

Die ältesten griechischen Uebersetzungen geben alle jenes Wort „thecheleth“ mit „hyacinthenfarbig“ wieder, was eben nicht blau, sondern dunkel- oder schwarz-roth bedeutet, während die Uebersetzung der siebenzig Schriftgelehrten von Alexandrien, die „Septuaginta“, das Wort mit „porphyreos“ oder „dunkelpurpurfarbig“ bezeichnet. Philo und Josephus, die griechischen Schriftsteller jüdischer Confession aus jener Zeit, verglichen die Hyacinthenfarbe mit dem Aether, der in den heißen Gegenden Asiens und Afrikas dem Auge als eine gesättigte in's Blau-schwarz spielende Farbe erscheint. Der Talmud, jenes die traditionellen Ueberlieferungen der Juden enthaltende Sammelwerk, sagt: „jene Farbe gleiche dem Meere, das Meer dem Aether und der Aether dem Sapphir.“ Sicher dachte der betreffende Schriftsteller an eine Bibelstelle, in welcher der „Thron Gottes“ mit einem Sapphir verglichen wird (II. Mos., 24. Capitel, Vers 10). Die Araber übersetzten daher das Wort mit „himmelfarbig“.

Aus der vergleichenden Sprachforschung läßt sich nun schließen, was die alten Orientalen unter diesem „himmelfarbig“ verstanden haben. In vielen orientalischen Schriften wird nämlich gesagt, daß der Farbstoff, mit welchem man die „Schaufäden“ der Priestergewänder gefärbt habe, von einem Schalthiere, Chalason genannt, gewonnen werde; ferner ist erwiesen, daß man mit jenem Schalthiere sowohl die Purpurschnecke, wie auch eine bestimmte Gattung der Tintenfische bezeichnete. Letzterer Meinung ist auch der berühmte altjüdische Schriftsteller und Arzt Maimonides zugethan, indem er bei Beschreibung der Priestergewänder ausdrücklich sagt: „Man nimmt das Blut des Chalason, welches der Hyacinthenfarbe gleicht; das Blut ist schwarz wie Tinte, und man findet das Thier im mittelländischen Meere.“

Da auch die alte alexandrinische Uebersetzung der Bibel die Farbe „Thecheleth“ mit „oloporphyron“ zu deutsch tintenporphyrartig bezeichnet, so kann kein Zweifel sein, daß es sich hier um eine schwarz-rothe Farbe handelte. Wenn nun die alten Orientalen mit diesem Wort auch die Farbe des Himmels bezeichneten, so kann füglich damit nicht ein Himmelblau gemeint sein, wie wir es eben vergeblich in der Bibel suchen, sondern so zu sagen ein „Himmelschwarz“.

Der Sapphir hat dann vielleicht einen ähnlichen Eindruck auf das Auge der Alten hervorgebracht.

Was die Farbenbezeichnung des Himmels bei den übrigen orientalischen Völkern anbelangt, so findet sich bei den Indiern in den zehn Büchern der Riksanhita, den Liedern des Rigweda, dem Avesta, den biblischen Schriften, den homerischen Gedichten und dem Koran nicht nur der Himmel nicht, sondern überhaupt nichts blau genannt; ja noch mehr: es ist entschieden unmöglich gewesen, irgend etwas so zu nennen, da ein Wort für diesen Begriff nicht nur nicht vorkommt, sondern auch nicht vorhanden gewesen sein kann.

Dennoch wird kaum ein anderer Gegenstand häufiger als der Himmel erwähnt, und während seine Ausdehnung, Größe, Höhe und Weite vornehmlich gerühmt werden, wird von seiner „Bläue“ niemals gesprochen. So bedeutet auch das homerische Wort „kyanos“ nicht blau, wie man anklingend an die bekannte blaue Feldblume (Cyane) erwarten sollte, sondern schwarz. Die Barthaare des Odysseus, die Haare des Hector, das Trauergewand der Thetis, die Tiefen der Scylla, die Sturmwolken, alle werden mit dem Worte „kyanos“ bezeichnet, welches demnach nicht dem Blau, sondern dem Schwarz entspricht; in der „Odyssee“ werden die Haare des Odysseus öfter mit der Hyacinthblume verglichen, und es beziehen dies die griechischen Erklärer, denen diese Anschauung nicht so fremd wie uns war, auf die schwarze Farbe. Einen merkwürdigen Beleg für die Verwechselung der schwarzen und blauen Farbe liefert auch der Dichter Theokrit, welcher die Veilchen und die Hyacinthen direct durch das Wort „schwarz“ bezeichnet.

Aus allen diesen Zusammenstellungen geht entweder eine völlig unrichtige Bezeichnung der eigentlichen Farbe des Himmels hervor, oder es muß für den Begriff, den wir mit „blau“ verbinden, überhaupt keine Farbenbezeichnung bei den Alten bestanden haben.

Dr. S. Th. Stein.




Die „Social-Correspondenz“. Die politische Mündigsprechung der Massen durch das allgemeine Wahlrecht war lange Zeit ein Ideal und Strebeziel der freisinnigen Männer. Sie ist errungen, und das deutsche Volk wird sie bewahren – trotz der Kehrseite, die sie uns zeigte, seitdem die Socialdemokratie jene mit ebenso viel Geschick wie Energie als Grundlage ihrer staats- und gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen benutzte. Die rasche Ausbreitung dieser Partei und ihre bedeutenden Siege in den Wahlschlachten haben gezeigt, wie rathsam ein Zusammenfassen aller Kräfte in dem Ringen gegen die durch sie drohenden Gefahren ist. Und diese in den weitesten Kreisen nothwendige Arbeit, dieser geistige Waffendienst ist es, welcher in der alten Weise nicht weiter mit Aussicht auf Erfolg geführt werden kann. Manche der bisherigen Einzelkämpfer bedürfen einer gemeinsamen Rüstkammer und einer gemeinsamen Leitung nach bestimmten Angriffspunkten und vor Allem der Werbung neuer Mitstreiter. Dieses Amt versucht die „Social-Correspondenz, Organ des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Classen“ (Vorsitzender Gneist), in die Hand zu nehmen. Ein Verein von Männern, welche verschiedenen politischen Parteien angehören, trachtet durch Herausgabe volksthümlich einfacher, klarer, möglichst kurzer Artikel zunächst den Boden urbar zu machen für gesunde wirthschaftliche Anschauungen, besonders im Bereiche der Arbeiterfrage.

Blättern wir in den vorliegenden Nummern (deren zwei wöchentlich erscheinen), so finden wir Artikel, wie: „Die Socialwissenschaft, ihre Aufgabe und Methode“. Als Hauptaufgabe gilt: die Ermittelung der Wahrheit in Betreff der Entstehung, Entwickelung und Vertheilung der menschlichen Wohlfahrt. – „Die Socialdemokratie und die bürgerliche Gesellschaft enthält eine kräftige Mahnung, endlich sich zur Aufkärung des „kleinen Mannes“, das heißt der großen Masse des Publicums aufzuraffen. – In „Die Gewinnbetheiligung der Arbeitnehmer“ wird auf den beachtenswerthen Versuch des Hofbaurath Demmler in Schwerin hingewiesen, als ein Beweis dafür: „daß die Social-Correspondenz mit versöhnlichen Gesinnungen bemüht ist, jedes redliche gesunde Streben der Anhänger der Socialdemokratie leidenschaftslos zu würdigen und zur öffentlichen Kunde zu bringen“. Daß die Social-Correspondenz überhaupt keine Sonderinteressen vertreten, kein Organ der Capital- und Fabrikherren sein will und ist, vielmehr ehrlich nach beiden Seiten hin der Gerechtigkeit und Billigkeit in Ansprüchen und Zugeständnissen das Wort bietet, bezeugt die ganze Haltung des Blattes.

Sehr richtig sagt ein Mitarbeiter in Nr. 6, S. 3: „Unzweifelhaft steht fest, daß es erstens eine Schmach, zweitens mit der höchsten Gefahr verbunden wäre oder vielmehr den sichern Ruin (des deutschen Volks) vorbereiten würde, wenn Alles im bisherigen Stile fort und fort ginge, wenn die nahezu gesammte Bürgerclasse jahraus jahrein thatlos mit ansehen wollte, wie eine Anzahl geschickter, kühner, eifriger, zum Theil begeisterter Agitatoren Alles aufbieten, falsche und verderbliche wirthschaftliche Grundsätze unter Hunderttausenden von Arbeitern, Gesellen und

[660] Lehrlingen auszubreiten und ihre Begierden zu entflammen. Mit nichten kann von der Gesetzgebung, der Staatsverwaltung, der Wissenschaft die ganze Arbeit allein vollbracht werden, sondern durchaus müssen die umsichtigeren und regsameren Elemente der Gesellschaft, welcher von jener Seite aus erbitterter Krieg gemacht wird, allmählich die wirtschaftlichen Grundlehren sich aneignen und sich in den Stand setzen, auf ihrem Platze ihren Mann zu stehen in diesem wichtigsten Culturkampfe, und so gewissermaßen eine geistige Landwehr bilden gegen socialdemokratische Unterjochung.“

Möge jeder mannhafte deutsche Bürger die Bestrebungen des „Centralvereins“ nach Kräften fördern und jede Redaction, welche es redlich mit dem Volke meint, von der „Social-Correspondenz“, deren geistige Leitung dem unermüdlichen Dr. Victor Böhmert und Arthur von Studnitz anvertraut worden ist, den ausgiebigsten Gebrauch machen, jeder dazu Befähigte aber auch beitragen, daß die Rüstkammer der Kämpfer allezeit frisch und kräftig versehen sei. Man benutzt zur Bestellung, wie zur Einsendung von Beiträgen die Adresse der „Redaction der ,Social-Correspondenz’ in Dresden, Lüttichaustraße 9.“ – Eine Ausgabe für’s Publicum erscheint acht Tage nach der nur für Zeitungen bestimmten im Preise von 1 Mark 60 Pfennig vierteljährlich.


Ein Wink für Alle. Wie fester Wille oft allein im Stande ist, ein Uebel im Keime zu unterdrücken, mögen nachstehende Zeilen beweisen! Als wir vor einigen Jahren in einem thüringischen Gebirgsstädtchen übernachteten, erweckten uns früh vor Tage gellende Hustentöne, welche ununterbrochen eine Stunde lang andauerten. Am nächsten Morgen wiederholte sich der gleiche Fall, und wir erfuhren bei unserer Nachforschung, daß die junge Wirthin selbst seit Monaten mit diesem starken Husten behaftet sei. Sie habe alle Thees getrunken, Alles probirt, aber nichts wolle helfen.

„Ja,“ warfen wir ein, „Sie selbst scheinen aber auch nicht das Mindeste zur Heilung beizutragen. Sie pressen den Husten förmlich heraus; warum suchen Sie den Reiz nicht etwas zu unterdrücken?“

„Das hat mir noch Niemand gesagt,“ war die Antwort, „ich glaubte im Gegentheil immer, man müßte sich recht aushusten.“

Diese im Volke leider sehr verbreitete, von Grund aus falsche Ansicht muß die gefährlichsten Folgen herbeiführen. Die physikalische Untersuchung der betreffenden Frau zeigte, daß die eine Lunge schon in einem hohen Grade in Mitleidenschaft gezogen war, und sicher würde bei einer Fortdauer des jetzigen Zustandes diese bald vollständig zerstört worden sein. Eine leicht erklärliche Wirkung. Es ist allerdings angenehmer, bei einem Kehlkopfkatarrh dem Kitzel im Halse nachzugeben und zu husten, bis endlich glücklich etwas Schleim gelöst ist, aber jeder Hustenstoß bewirkt eine Verschlimmerung. Nerven und Muskulatur gewöhnen sich mehr und mehr an den neuen Reiz, und ein stärkerer Blutzufluß nach dem Kehlkopf bedingt eine Verstärkung des Katarrhs. Letzterer pflanzt sich dann auf die Luftröhre fort und bewirkt so die gefährliche Beteiligung der Lungen. Es wird uns zwar entgegnet werden, das Unterlassen des Hustens sei leichter gesagt als gethan; anfänglich kann auch oft der Reiz sehr schwer überwunden werden, aber gerade das beginnende Kribbeln im Halse gilt es zu besiegen; gelingt es, so sind nicht nur einige Hustenstöße gewonnen, sondern auch durch die bedeutende Gegenanstrengung dem falschen Nervenreiz energisch entgegengearbeitet. Unsere Wirthin ist das beste Beispiel für die Wahrheit des Behaupteten. Den andern Morgen schon bekämpfte sie erfolgreich den gewohnten Hustenreiz, und bei meiner Wiederkehr im nächsten Jahre war nichts mehr von der früheren Erkrankung zu bemerken. Die größte Berücksichtigung verdient aber das Gesagte in der Kinderstube. Schon vom dritten Jahre an können die Kleinen bei ernster Ermahnung durch die Mutter sehr gut etwas beitragen, den Reiz zu unterdrücken, und in dem ersten Stadium des Keuchhustens vermag eine strenge Durchführung unserer Methode sogar eine Abkürzung des lang dauernden Verlaufes zu erzielen. Selbstverständlich müssen dabei alle den Katarrh unterhaltenden Momente entfernt werden; nichts ist vor Allem verwerflicher als das immer mehr in die Mode kommende Herumlaufenlassen mit nackten Knieen und Waden nebst kurzem Röckchen. Man bedenke endlich, daß wir uns nicht unter den Hottentotten Südafrikas befinden, und erziehe seine Kinder zu gesunden Menschen, nicht aber zu scrophulösen Halbaffen!

– a–


Beim Auszug.


Bald packen sie das Letzte auf.
Da sagt mir nun der volle Wagen,
Was für des Lebens kurzen Lauf
Wir all für Ballast mit uns tragen.

5
Da stehn und liegen Bett und Schrank

Und Stuhl und Spiegel, Töpf’ und Pfannen,
Und Stiefelknecht und Tisch und Bank –
Es zieht ja Alles mit von dannen.

Ein wüstes Bild! Was seinen Ort

10
Gehabt in Kammer, Küch’ und Zimmer,

Wild liegt es durch einander dort,
Als fänd’s die alte Ordnung nimmer.
Da schaut hervor manch trautes Stück,
Das mich gemahnt an theure Stunden:

15
Das todte Holz, durch Harm und Glück

Wird mit dem Herzen es verbunden.

Noch einmal schreit’ ich auf und ab
Die Räume, die ich lieb gewonnen,
Wo das Geschick mir Manches gab

20
Und Manches ich mit Lust begonnen,

Wo manchen kühnen Hoffnungstraum
Ich sah erfüllen und verschweben.
Es hängt ja fest an diesem Raum
Ein Stück von unserm eignen Leben.

25
Das Letzte, das zur Wanderfracht

Bereit ist, macht das Scheiden linder:
Der Bilder Schmuck, der Blumen Pracht
Und alles Spielzeug meiner Kinder.
Ich war doch hier – wie fühl’ ich’s heut! –

30
Recht oft zu reinem Glück erkoren:

Viel Schönes hat mein Herz erfreut;
Nichts Liebes hab’ ich hier verloren.

Noch einmal grüß’ ich jede Wand:
Euch wird nun neuer Schmuck bekleiden.

35
Der Eltern Bilder in der Hand,

So wend’ ich endlich mich zum Scheiden.
O möge freudiges Gedeih’n
Als unser Dank das Haus belohnen,
Und mögen Alle glücklich sein,

40
Die nach uns diesen Raum bewohnen!
Friedrich Hofmann.



Meine Bitte um eine Nähmaschine für die Lehrerfrau mit fünf Kindern (in Nr. 34) hat theilnehmende Herzen gefunden. Aus vier verschiedenen Orten wurden mir Maschinen eingesandt, und nicht genug damit, sind mir von anderer Seite auch noch Geldmittel zur Verfügung gestellt worden, die es der armen Frau ermöglichen werden, zu der Maschine das nöthige Wintermaterial für die Kleinen anzuschaffen. Vorläufig herzlichsten Dank für all diese Liebesthaten! Mit seinem Namen wird der arme Lehrer kaum öffentlich danken können, denn bekanntlich wird von gewisser schwarzer Seite her – und ich komme darauf noch später zurück – den Volkslehrern in einigen Districten unseres schönen Vaterlandes das Halten und Lesen unserer „unchristlichen“ Zeitschrift geradezu untersagt und zwar unter Androhung disciplinarischer Untersuchung und Bestrafung. Wäre es nicht humaner von diesen Herren Superintendenten – Gott sei Dank, es sind nur wenige – wenn sie, anstatt auf Lehrerconferenzen lange Reden über die Unchristlichkeit der „Gartenlaube“ zu halten, lieber die Jammerwohnungen ihrer Lehrer auf- und die Noth in deren Familien untersuchten, und anstatt schöner Worte und nichts als schöner Worte den Darbenden – Nähmaschinen zu beschaffen suchten? Christlicher als das überflüssige Schmähen der unschuldigen „Gartenlaube“ wäre das jedenfalls. –

E. K.



Nicht zu übersehen.

Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Außer der Fortsetzung der im dritten Quartal begonnenen und mit so vielem Beifall aufgenommenen Erzählung

„Teuerdank’s Brautfahrt“ von Gustav von Meyern,

wird mit der ersten Nummer des vierten Quartals eine neue Novelle

„Junker Paul“ von Hans Warring, Verfasser von „Hohe Fluth“,

zum Abdruck kommen. – Eine Aufzählung der uns zahlreich vorliegenden Artikel aus dem Gebiete der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens unterlassen wir diesmal und beschränken uns auf die Mittheilung, daß wir uns bei deren Auswahl, wie immer, namentlich durch Rücksichtnahme auf allseitig belehrende und unterhaltende Sujets leiten ließen.




Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung.