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Die Gartenlaube (1876)/Heft 39

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[643]

No. 39.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)

„Ah, historische Studien!“ wiederholte der Assessor. „Da möchte ich Sie doch fragen, ob Sie nicht die große Autorität auf diesem Gebiete, den Professor Schwarz, kennen – er ist mein Onkel. Doch Sie kennen ihn jedenfalls; er ist ja an der Universität zu J. thätig, wo Herr Nordeck studirt hat.“

„Ich habe das Vergnügen,“ sagte Fabian kleinlaut, mit einem scheuen Blick auf das Zeitungsblatt.

„Wie sollten Sie auch nicht!“ rief der Assessor. „Mein Onkel ist ja eine Berühmtheit, eine Capacität allerersten Ranges; wir haben allen Grund stolz zu sein auf die Verwandtschaft, wenn auch unsere Familie sonst manchen Namen von gutem Klange aufweist. Nun, ich denke ihr auch keine Schande zu machen.“

Der Doctor stand noch immer ängstlich behütend vor seinem Schreibtische, als müsse er ihn gegen ein Attentat von Seiten des Assessors sichern, doch dieser hatte sich viel zu sehr vertieft in die Bedeutung seiner Familie im Allgemeinen und die seines berühmten Onkels im Besonderen, um den Schreibereien eines simplen Hauslehrers jetzt noch Beachtung zu schenken; gleichwohl fühlte er sich veranlaßt, diesem eine Artigkeit zu sagen.

„Es ist aber doch sehr anerkennenswerth, wenn auch Laien sich für solche Studien interessiren,“ meinte er herablassend. „Ich fürchte nur, Sie haben hier nicht die nöthige Muße dazu. Es ist wohl sehr unruhig im Schlosse? Ein fortwährendes Kommen und Gehen von den verschiedensten Persönlichkeiten, nicht wahr?“

„Das mag wohl sein,“ versetzte Fabian arglos und ohne jede Ahnung des Manövers, das sein Besuch sich erlaubte, „aber ich merke nichts davon. Waldemar hat die Güte gehabt, die einsamsten und ruhigsten Zimmer für mich auszusuchen, weil er meine Neigung kennt.“

„Natürlich, natürlich!“ Hubert stand jetzt am Fernster und versuchte von hier aus einen Ueberblick zu gewinnen. „Aber ich sollte doch meinen, solch ein jahrhundertealtes Gebäude wie dieses Wilicza mit seinen historischen Erinnerungen müßte auch für Sie von Interesse sein. All diese Säle, Treppen und Gänge! Und was für mächtige Kellergewölbe muß das Schloß haben! Waren Sie schon in den Kellern?“

„In den Kellern?“ fragte der Doctor auf’s Aeußerste betroffen. „Nein, Herr Assessor, was sollte ich denn dort thun?“

„Ich würde hineingehen,“ sagte der Assessor. „Ich habe eine Vorliebe für solche alte Gewölbe, wie überhaupt für alle Merkwürdigkeiten. – Dabei fällt mir ein, ist denn die große Waffensammlung des seligen Herrn Nordeck noch vollständig? Er soll eine höchst kostspielige Liebhaberei in dieser Hinsicht besessen und Hunderte der schönsten Büchsen und Gewehre aufgehäuft haben; ob sie wohl noch vorhanden sind?“

„Danach müssen Sie seinen Sohn fragen!“ Doctor Fabian zuckte die Achseln. „Ich gestehe, daß ich noch nicht im Waffensaale gewesen bin.“

„Er wird auf der andern Seite liegen,“ meinte Hubert, sich mit seinem berühmten Polizeiblicke orientirend. „Nach der Beschreibung Frank’s ist es ein düsteres, unheimliches Ding wie überhaupt das ganze Wilicza. – Haben Sie denn noch nicht davon gehört, daß es hier umgehen soll? Haben Sie auch des Nachts nie etwas Ungewöhnliches, Außerordentliches bemerkt?“

„Des Nachts schlafe ich,“ erklärte der Doctor ruhig, aber mit leisem Lächeln über den Gespensterglauben seines Besuches.

Der Assessor sandte einen anklagenden Blick zum Himmel. Dieser Mensch, den ein Zufall mitten in das Schloß hineingesetzt hatte, sah und hörte nicht, was um ihn her vorging. Er kannte die Keller nicht, er war noch nicht einmal im Waffensaale gewesen, und des Nachts schlief er sogar. Aus diesem harmlosen Bücherwurme war nichts herauszubringen – das sah Hubert ein, und so verabschiedete er sich denn nach einigen Höflichkeiten und verließ das Gemach.

Langsam schritt er den Corridor entlang; bei der Ankunft hatte ihn ein Diener in Empfang genommen und nach dem Zimmer des Doctors geführt; jetzt auf dem Rückwege war er allein, allein in dem „Verschwörungsneste“, das freilich am hellen Vormittage mit seinen teppichbelegten Gängen und Treppen so ruhig, so vornehm und ungefährlich aussah, wie das loyalste Schloß des loyalsten Gutsherrn. Aber der Assessor ließ sich durch diesen Anschein nicht täuschen; er witterte rechts und links die Verschwörung, die er leider nicht greifen konnte, und streckte die Nase hoch in die Luft. Da war eine Thür – sie kam ihm verdächtig vor. Sie lag im Schatten eines mächtigen Pfeilers und war auffallend tief und fest in die Mauer gefügt. Die kleine Pforte führte jedenfalls zu einer Seitentreppe, vielleicht in geheime Gänge, möglicher Weise sogar an die Keller hinab, welche die Phantasie Hubert’s sofort mit verborgenen Waffenlagern und ganzen Schaaren von Hochverräthern bevölkerte. Ob man es versuchte, wenigstens auf die Klinke zu drücken? Im schlimmsten Falle konnte man sich mit einem Irrthume, mit [644] einem Verirren in den Gängen des Schlosses entschuldigen; vielleicht lag hier der Schlüssel zu all seinen Geheimnissen. Da öffnete sich urplötzlich die Thür und – Waldemar Nordeck trat heraus. Der Assessor prallte zurück. Gerechter Gott! beinahe wäre er zum zweiten Male an den Herrn von Wilicza gerathen. Ein einziger Blick durch die offene Spalte zeigte ihm, daß es dessen Schlafzimmer war, das er für so gefährlich gehalten. Waldemar ging mit sehr kühlem Gruße an ihm vorüber nach den Zimmern des Doctor Fabian. Hubert sah, daß ihm trotz seiner Entschuldigung das „verdächtige Subject“ noch nicht vergeben war. Dieses Bewußtsein und die unerwartete Begegnung nahmen ihm für jetzt die Lust zu ferneren Entdeckungen, und als vollends ein Diener auf der Treppe erschien, blieb ihm nichts weiter übrig, als den Rückzug anzutreten.

Waldemar war inzwischen bei seinem Lehrer eingetreten, den er am Schreibtische fand, beschäftigt, die Bücher und Zeitungen, welche er vorhin vor den neugierigen Augen des Assessors in Sicherheit gebracht, wieder zu ordnen; der junge Gutsherr näherte sich gleichfalls dem Tische.

„Nun, was giebt es für Nachrichten?“ fragte er. „Sie haben Briefe und Zeitungen aus J. erhalten. Ich sah es, als ich Ihnen vorhin das Briefpaket herübersandte.“

Der Doctor blickte auf. „Ach, Waldemar,“ sagte er in beinahe schmerzlichem Tone, „warum haben Sie mich fast gezwungen, mit meinen stillen Studien und Arbeiten vor die Oeffentlichkeit zu treten! Ich sträubte mich von Anfang an dagegen, aber Sie ließen nicht nach mit Treiben und Drängen, bis ich das Buch erscheinen ließ.“

„Natürlich! Was nützt es Ihnen und der Welt, wenn es in Ihrem Schreibtische verschlossen bleibt? Aber was ist denn geschehen? Ihre ‚Geschichte des Germanenthums‘ wurde ja über alles Erwarten günstig in den betreffenden Kreisen aufgenommen. Gerade aus J. kam die erste Anerkennung vom Professor Weber, und ich dächte, dessen Name und Urtheil wäre doch von entscheidendem Gewichte.“

„Das glaubte ich auch,“ entgegnete Fabian niederschlagen. „Ich war so glücklich und stolz auf das Lob aus einem solchen Munde, aber gerade dies hat dem Professor Schwarz – Sie kennen ihn ja – Anlaß gegeben, in einer ganz unerhörten Weise über mich und mein Buch herzufallen. Lesen Sie nur!“

Er reichte ihm das Zeitungsblatt hin. Nordeck nahm es und las es ruhig durch. „Das sind ja allerliebste Bosheiten; besonders der Schluß läßt darin nichts zu wünschen übrig: ‚Wie wir hören, war diese von Herrn Professor Weber ganz neu entdeckte Berühmtheit längere Zeit Hauslehrer bei dem Sohne eines der ersten Grundbesitzer unseres Landes, mit dessen Erziehung sie aber durchaus kein glänzendes Resultat erzielte. Trotzdem mag der Einfluß dieses vornehmen Zöglings das Seinige gethan haben zu der maßlosen Ueberschätzung eines Werkes, mit dem ein ehrgeiziger Dilettant es versucht, sich in die Reihe von Männern der Wissenschaft zu drängen.‘“

Waldemar warf das Blatt auf den Tisch. „Armer Doctor, wie oft werden Sie wohl noch büßen müssen, mich Ungethüm erzogen zu haben! Freilich ist Ihre Erziehung so unschuldig an meiner Unliebenswürdigkeit wie mein Einfluß an der Weber’schen Kritik Ihres Buches, aber den Hauslehrer vergiebt man Ihnen nun einmal nicht in jenen exclusiven Kreisen, und sollten Sie auch später selbst den Professorenstuhl besteigen.“

„Mein Gott, wer denkt daran!“ rief der Doctor, förmlich erschreckt von dieser Idee. „Ich doch gewiß nicht, und eben deshalb kränkt es mich so tief, daß mir Ehrgeiz und unberechtigtes Eindrängen vorgeworfen wird, weil ich ein einfaches wissenschaftliches Werk geschrieben habe, das sich streng an die Sache hält, Niemand beleidigt, Niemandem zu nahe tritt –“

„Und nebenbei ausgezeichnet ist,“ fiel Waldemar ein. „Ich dächte, das müßten Sie endlich glauben, nachdem Weber so entschieden Partei dafür ergriffen hat. Sie wissen, er läßt sich nicht beeinflussen, und er war Ihnen doch sonst eine unbestrittene Autorität, zu der Sie bewundernd emporblickten.“

„Professor Schwarz ist auch eine Autorität.“

„Ja, aber eine schwarzgallige, die keine Bedeutung außer der eigenen gelten läßt. Mein Gott, warum mußten Sie auch gerade mit dem Germanismus hervortreten! Das ist sein Fach, darüber hat er geschrieben, und wehe dem, der sich noch sonst darin zu regen wagt – sein Urtheil ist von vorn herein gesprochen. Sehen Sie doch nicht so muthlos aus! Das schickt sich nichts für die entdeckte Berühmtheit. Was würde Onkel Witold mit seiner souveränen Verachtung des ‚alten Heidengerümpels‘ wohl zu dieser Entdeckung gesagt haben! Ich glaube, Sie wären daraufhin in Altenhof etwas respectvoller behandelt worden, als es leider der Fall war. Es war ein Opfer von Ihnen, bei mir auszuhalten.“

„Sprechen Sie doch nicht so, Waldemar!“ sagte der Doctor mit einem Anfluge von Unwillen, „ich weiß doch am besten, auf wessen Seite jetzt das Opfer ist. Wer bestand denn hartnäckig darauf, mich bei sich zu behalten, obgleich ich ihm gar nichts mehr nützen konnte, und weigerte sich doch stets, die kleinste Rücksicht anzunehmen, die mich von meinen Büchern entfernte? Wer gab mir die Mittel, mich jahrelang einzig dem Studium hinzugeben und mein zerstreutes Wissen zu sammeln und zu ordnen? Wer zwang mich fast, ihn auf der Reise zu begleiten, weil das angestrengte Arbeiten meine Gesundheit erschüttert hatte? Mir ist jene Stunde, in der Ihr Normann mich verwundete, zu großem Segen geworden; sie hat mir Alles gegeben, was ich vom Leben hoffte und wünschte.“

„Da wünschen Sie wahrhaftig sehr wenig,“ unterbrach ihn Waldemar ungeduldig – er war offenbar bemüht, das Gespräch von diesem Punkte abzulenken. „Aber noch eins: ich begegnete ja vorhin im Schlosse dem genialen Vertreter des Polizeidepartements von L. Er kam von Ihnen, und auch drüben auf dem Gutshofe sehe ich ihn jede Minute auftauchen. Uns können doch seine Besuche nicht mehr gelten, seitdem wir uns als unverdächtige ‚Subjecte‘ ausgewiesen haben. Was macht er denn noch fortwährend in Wilicza?“

Fabian sah mit großer Befangenheit zu Boden. „Ich weiß es nicht, aber ich vermuthe, daß seine häufige Anwesenheit in der Familie des Administrators einen durchaus persönlichen Grund hat. Mir machte er vorhin einen Besuch.“

„Und Sie empfangen ihn auch ganz freundschaftlich? Herr Doctor, Sie sind ein Mann nach der Lehre des Christenthums. Wenn man Ihnen die rechte Wange schlägt, reichen Sie geduldig die linke hin. Ich glaube, Sie würden sich nicht einen Augenblick bedenken, dem Professor Schwarz den größten Freundschaftsdienst zu erweisen. Aber nehmen Sie sich in Acht vor diesem verhaftungswüthigen Assessor! Er ist sicher wieder auf der Jagd nach Verschwörern, und so beschränkt er auch ist, der Zufall könnte ihm doch einmal die rechten in die Hände spielen – hier in Wilicza ist das nicht schwer.“

Die letzten Worte wurden in so grollendem Tone gesprochen, daß der Doctor den ersten Band seiner „Geschichte des Germanenthums“, den er in der Hand hielt, schnell niederlegte.

„Sie haben unangenehme Entdeckungen gemacht?“ fragte er. „Schlimmere noch, als Sie erwarteten? Ich dachte es mir, wenn Sie mir auch bisher wenig genug darüber sagten.“

Waldemar hatte sich niedergesetzt und stützte den Kopf in die Hand. „Sie wissen ja, ich spreche nicht gern von Widerwärtigkeiten, deren ich noch nicht Herr geworden bin, und überdies brauchte ich Zeit, um mich zu orientiren. Wer stand mir denn dafür, daß der Administrator nicht auch ein Interesse hatte, die Sache so darzustellen, wie er es that, daß er nicht wenigstens übertrieb und entstellte? In solchen Dingen darf man nur dem eigenen Urtheile vertrauen, und ich habe das meinige in diesen letzten Wochen gebraucht. Leider bestätigt sich jedes Wort, das Frank mir geschrieben hat; so weit seine Machtvollkommenheit reicht, herrscht Ordnung, und es mag ihm schwer genug geworden sein, sie zu halten und zu vertheidigen, auf den anderen Gütern aber, auf den Pachthöfen und vollends in den Forsten – ich war auf Schlimmes gefaßt, aber solch ein Chaos hätte ich denn doch nicht erwartet.“

Fabian schob seine Bücher und Zeitungen jetzt gänzlich bei Seite und folgte der Schilderung Waldemar’s mit ängstlicher Theilnahme. Die düstere Miene seines ehemaligen Zöglings schien ihn zu beunruhigen.

„Onkel Witold hat immer gemeint, meine polnische Herrschaft ließe sich aus der Ferne regieren und verwalten,“ fuhr Nordeck fort, „und er hatte leider auch mich in diesem Glauben erzogen. Ich liebte Wilicza nicht. Für mich wurzelten hier nur bittere Erinnerungen an das unheilbare Zerwürfniß meiner [645] Eltern, an meine ersten freudlosen Kinderjahre; ich war gewohnt, Altenhof als meine Heimath anzusehen, und später, als ich hätte hierherkommen sollen, herkommen müssen, da – war es etwas Anderes, was mich zurückhielt. Das rächt sich jetzt. Die zwanzigjährige Beamtenwirthschaft, die mein Vormund duldete, hat schon Unheil genug gestiftet, aber das Aergste haben die letzten vier Jahre unter dem Baratowski’schen Regimente gethan. Freilich, es ist meine Schuld allein. Warum habe ich mich nie um mein Eigenthum gekümmert, warum machte ich die leidige Gewohnheit des Onkels, jedem Berichte zu glauben, der auf dem Papiere stand, zu der meinigen? Jetzt stehe ich wie verrathen und verkauft auf meinem eigenen Grund und Boden.“

„Sie waren ja noch so jung damals, als Sie mündig gesprochen wurden,“ begütigte der Doctor. „Die drei Jahre auf der Universität waren wirklich dringend nothwendig für Ihre Ausbildung, und als wir dann noch ein Jahr auf Reisen waren, ahnte ja Niemand, wie die Dinge hier standen. Wir sind sofort umgekehrt, als Sie den Brief des Administrators erhielten, und Sie mit Ihrer Energie sind doch sicher auch den schlimmsten Verhältnissen gewachsen.“

„Wer weiß!“ sagte Waldemar finster. „Die Fürstin ist meine Mutter, und sie und Leo sind gänzlich von meiner Großmuth abhängig – das ist es, was mir die Hände bindet. Wenn ich es zu einem ernstlichen Zerwürfnisse kommen lasse, so müssen sie Wilicza verlassen. Rakowicz ist dann ihre einzige Zuflucht, und einer solchen Demüthigung will ich wenigstens meinen Bruder nicht aussetzen. Und doch muß ein Ende gemacht werden, besonders mit dem, was hier im Schlosse geschieht. Sie ahnen noch nichts davon? Ich glaube es, aber ich weiß desto mehr. Ich wollte nur erst klar in der Sache sehen – und nun werde ich mit meiner Mutter reden.“

Es trat eine längere Pause ein. Fabian wagte keine Erwiderung; er wußte, daß, wenn das Gesicht des jungen Schloßherrn so aussah wie jetzt, es sich nicht um Kleinigkeiten handelte, endlich oder trat er doch auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter mit der leisen Frage:

„Waldemar, was ist denn gestern auf der Jagd vorgefallen?“

Waldemar blickte auf. „Auf der Jagd? Nichts! Wie kommen Sie darauf?“

„Weil Sie so grenzenlos verstimmt zurückkamen. Ich hörte freilich bei Tische einige Andeutungen über einen Streit zwischen Ihnen und dem Fürsten Baratowski –“

„Nicht doch!“ sagte Nordeck gleichgültig. „Leo war allerdings empfindlich, weil ich sein Lieblingspferd beim Reiten etwas unsanft behandelte, die Sache ist aber von gar keiner Bedeutung und bereits ausgeglichen.“

„Dann war es also etwas Anderes.“

„Ja – etwas Anderes.“

Es folgte ein erneutes secundenlanges Schweigen, dann begann der Doctor wieder:

„Waldemar, die Fürstin nannte mich neulich Ihren einzigen Vertrauten; ich hätte ihr entgegnen können, daß Sie überhaupt keinen Vertrauten haben. Etwas stehe ich Ihnen vielleicht näher, als alle Anderen, aber Ihr Inneres schließen Sie auch mir niemals auf. Müssen Sie denn durchaus Alles allein tragen und durchkämpfen?“

Waldemar lächelte, aber es war ein kaltes, freudloses Lächeln. „Sie müssen mich schon nehmen, wie ich nun einmal bin. Aber wozu denn die Besorgniß? Ich habe doch wohl bei all den Sorgen und Widerwärtigkeiten, die hier auf mich einstürmen, Grund genug, verstimmt zu sein.“

Der Doctor schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Dergleichen reizt und erbittert Sie höchstens, aber die Stimmung, die Sie jetzt beherrscht, ist eine andere. So habe ich Sie nur einmal gesehen, Waldemar, damals in Altenhof, als –“

„Herr Doctor, ich bitte, verschonen Sie mich mit diesen Erinnerungen!“ unterbrach ihn Waldemar so rauh und ungestüm, daß Fabian zurückwich, aber er besann sich sofort wieder. „Es thut mir leid, daß auch Sie unter dem Aerger leiden müssen, den dieses Wilicza mir verursacht,“ fuhr er mit bedeutend gemilderter Stimme fort. „Es war überhaupt egoistisch von mir, daß ich Sie mit hierher nahm. Sie hätten nach J. zurückkehren sollen, wenigstens so lange, bis ich hier Ordnung geschafft habe und Ihnen ein ruhiges Asyl bieten kann.“

„Ich hätte Sie unter keiner Bedingung allein gelassen,“ erklärte Fabian mit seiner sanften Stimme, die aber diesmal etwas ungewöhnlich Bestimmtes hatte.

Waldemar reichte ihm wie zur Abbitte die Hand. „Das weiß ich ja, aber nun quälen Sie sich auch nicht länger mit meinen Sorgen, oder ich bereue es wirklich, offen gegen Sie gewesen zu sein. Sie haben genug mit Ihren eigenen Angelegenheiten zu thun. Wenn Sie nach J. schreiben, so sagen Sie dem Professor Weber einen Gruß von mir, und ich wäre eben dabei, Ihr Werk in’s Praktische zu übersetzen und meinen urslavischen Gütern etwas von der ‚Geschichte des Germanenthums‘ aufzuprägen; es thäte Noth hier in Wilicza. – Leben Sie wohl!“

Er ging. Doctor Fabian blickte ihm nach und seufzte. „Undurchdringlich und starr wie ein Fels, sobald man es versucht, diesem einen Punkte nahe zu kommen, und ich weiß doch, daß er bis auf den heutigen Tag noch nicht damit fertig geworden ist und es niemals werden wird. Ich fürchte, der unglückselige Einfluß, um dessen willen wir Wilicza so lange mieden, fängt wieder an, seine Kreise zu ziehen. Mag Waldemar es leugnen, wie er will, als er gestern von der Jagd zurückkam, habe ich es gesehen – er ist wieder in dem alten Bann.“


Es war am Abend desselben Tages. In Wilicza herrschte die vollste Ruhe und Stille im Gegensatz zu gestern, wo alles von Gästen schwärmte. Nach der Rückkehr von der Jagd hatte noch ein großes Souper stattgefunden, das sich bis in die Nacht hinein ausdehnte, und die meisten der Eingeladenen hatten erst am heutigen Morgen das Schloß verlassen. Auch Graf Morynski und Leo waren zum Besuch eines der Gutsnachbarn abgereist; sie beabsichtigten erst in einigen Tagen heimzukehren. Wanda war zur Gesellschaft ihrer Tante zurückgeblieben.

Die beiden Damen befanden sich also heute Abend allein im Salon; er war bereits erleuchtet, und die Vorhänge waren überall herabgelassen; man merkte hier drinnen nichts von dem rauhen Novembersturm, der draußen tobte. Die Fürstin saß auf dem Sopha, während die junge Gräfin von ihrem Sitze aufgestanden war; sie hatte den Sessel wie im Unmuth zurückgestoßen und ging unruhig im Zimmer auf und nieder.

„Ich bitte Dich, Wanda, verschone mich mit diesen Kassandrawarnungen!“ sagte die ältere Dame. „Ich wiederhole Dir, daß Dein Urtheil vollständig von Deiner Antipathie gegen Waldemar beeinflußt wird. Muß er denn nothgedrungen unser Aller Feind sein, weil Du fortwährend mit ihm auf dem Kriegsfuße stehst?“

Wanda hemmte ihren Schritt, und ein finsterer Blick flog zu der Sprechenden hinüber. „Vielleicht bereust Du es noch einmal, Tante, daß Du nur Spott für meine Warnungen hast,“ erwiderte sie. „Ich bleibe dabei, Du täuschest Dich in Deinem Sohne. Er ist weder so blind noch so gleichgültig, wie Du und Ihr Alle glaubt.“

„Willst Du mir statt all dieser dunkeln Prophezeiungen nicht lieber klar und deutlich sagen, was Du eigentlich fürchtest?“ fragte die Fürstin. „Du weißt, ich gebe in solchen Dingen nichts auf Meinungen und Ansichten – ich verlange Beweise. Woher kommt Dir der Verdacht, an dem Du so hartnäckig festhältst? Was hat Dir Waldemar eigentlich gesagt, als Du gestern mit ihm auf der Försterei zusammentrafest?“

Wanda schwieg. Dieses Zusammentreffen am Waldsee – nicht auf der Försterei, wie sie für gut gefunden hatte, ihrer Tante zu sagen – bewies doch im Grunde nichts für ihre Behauptungen, denn Waldemar hatte ihr gegenüber nicht das Geringste zugegeben, und sie hätte um keinen Preis der Welt die Einzelheiten ihres Gespräches mit ihm hier wiederholt. Sie konnte nichts anführen, als jenen seltsamen Instinct, welcher sie von Anfang an geleitet hatte bei der Beurtheilung eines Charakters, der sich sogar dem Scharfblick der Fürstin verhüllte, aber sie wußte sehr gut, daß sie Ahnungen und Instincte nicht geltend machen durfte, ohne ein Spottlächeln auf die Lippen ihrer Tante zu rufen.

„Wir sprachen nur wenig miteinander,“ entgegnete sie endlich, „aber es war genug, um mich zu überzeugen, daß er bereits mehr weiß, als er wissen sollte.“

„Das ist möglich,“ versetzte die Fürstin mit vollkommener Ruhe, „und darauf mußten wir früher oder später gefaßt sein. Ich zweifle zwar, daß Waldemar selbst Beobachtungen angestellt [646] hat, aber man wird ihm das Nöthige wohl drüben auf dem Gutshofe eingeflüstert haben, wo er mehr verkehrt, als mir lieb ist. Er weiß eben, was der Administrator weiß, und was auch in L. kein Geheimniß mehr ist, daß wir zu den Unseren halten. Ein tieferer Einblick ist ihm so wenig möglich wie den Anderen; danach haben wir unsere Maßregeln genommen. Uebrigens beweist seine ganze bisherige Haltung, daß ihm die Sache vollkommen gleichgültig ist, und sie kann es ihm auch sein, da sie ihn persönlich nicht im Mindesten berührt, in jedem Falle aber besitzt er Anstandsgefühl genug, seine nächsten Blutsverwandten nicht zu compromittiren. Ich habe das erprobt, als es sich um die Entlassung Frank’s handelte; sie war ihm unangenehm – das weiß ich, und doch zögerte er nicht, sich auf meine Seite zu stellen, weil ich bereits zu weit gegangen war, als daß er noch hätte widerrufen können, ohne mich preiszugeben. Ich werde sorgen, daß ihm auch in ernsteren Fällen keine Wahl bleibt, wenn er wirklich einmal Lust zeigen sollte, den Schloßherrn oder den Deutschen herauszukehren.“

„Du willst nicht hören,“ sagte Wanda resignirt. „So mag denn die Zukunft entscheiden, wer von uns Beiden Recht hat. – Jetzt noch eine Bitte, liebe Tante! Du hast wohl nichts dagegen, wenn ich morgen früh nach Hause zurückkehre?“

„So bald schon? Es war ja ausgemacht, daß Dein Vater Dich hier abholen sollte.“

„Ich bin einzig hier geblieben, um eine ungestörte Unterredung mit Dir über diesen Punkt zu haben; sonst hätte mich nichts in Wilicza zurückgehalten. Es war umsonst, wie ich sehe, – also laß mich fort!“

Die Fürstin zuckte die Achseln. „Du weißt, mein Kind, wie gern ich Dich um mich sehe, aber ich gestehe Dir offen, nach dem heutigen Zusammensein bei Tische habe ich nichts gegen Deine beschleunigte Abreise einzuwenden. Du und Waldemar, Ihr wechseltet ja auch nicht eine Silbe miteinander; ich mußte fortwährend den Doctor Fabian in’s Gespräch ziehen, um nur einigermaßen die Pein dieser Stunde zu überwinden; wenn Du Dich bei den doch nun einmal unvermeidlichen Begegnungen nicht mehr beherrschen kannst, so ist es wirklich besser, Du gehst.“

Trotz des sehr ungnädigen Tones, in welchem die Erlaubniß ertheilt wurde, athmete die junge Gräfin doch auf, als sei damit eine Last von ihr genommen.

„So werde ich den Papa benachrichtigen, daß er mich bereits in Rakowicz findet und nicht erst den Umweg über Wilicza zu nehmen braucht,“ sagte sie rasch. „Du erlaubst mir wohl auf einige Minuten Deinen Schreibtisch?“

Die Fürstin machte eine zustimmende Bewegung; diesmal hatte sie in der That nichts gegen die Abreise ihrer Nichte einzuwenden, denn sie war es müde, fortwährend zwischen ihr und Waldemar stehen zu müssen, um eine Scene oder gar einen vollständigen Bruch zu verhüten, mit dem Eigensinn der Beiden ließ sich nun einmal nichts anfangen. Wanda ging in das anstoßende Arbeitscabinet ihrer Tante, das nur eine halbgeöffnete Portière von dem Salon trennte, und setzte sich an den Schreibtisch. Sie hatte jedoch kaum die ersten Worte geschrieben, als ein rasches Oeffnen der Salonthür und ein fester, sicherer Schritt, der sogar auf dem weichen Teppich hörbar wurde, sie innehalten ließ. Gleich darauf ertöne Waldemar’s Stimme nebenan. Langsam legte die Gräfin die Feder nieder; man konnte sie hier im Cabinet unmöglich bemerken, und sie fühlte keine Veranlassung, ihre Gegenwart kund zu thun, sondern verharrte unbeweglich, den Kopf auf den Arm gestützt; es entging ihr kein Wort von dem, was im Salon gesprochen wurde.

Auch die Fürstin sah beim Eintritt ihres Sohnes überrascht auf. Er pflegte sie um diese Zeit niemals aufzusuchen. Waldemar brachte die Abende stets auf seinen eigenen Zimmern zu, in der ausschließlichen Gesellschaft des Doctor Fabian. Heute aber schien ein Ausnahmefall stattzufinden, denn er nahm nach kurzer Begrüßung an der Seite seiner Mutter Platz und begann von der gestrigen Jagd zu sprechen.

Einige Minuten lang drehte sich die Unterhaltung um gleichgültige Dinge. Waldemar hatte ein auf dem Tische liegendes Album mit Aquarellzeichnungen ergriffen und blätterte darin, während die Fürstin sich in die Sophakissen zurücklehnte.

„Hast Du schon gehört, daß Dein Administrator beabsichtigt, selbst Gutsherr zu werden?“ warf sie im Laufe des Gespräches hin. „Er geht ernstlich damit um, sich in der Nachbarschaft anzukaufen. Die Stellung in Wilicza muß doch sehr einträglich gewesen sein, denn so viel ich weiß, besaß Frank kein Vermögen als er hierher kam.“

„Er hat aber zwanzig Jahre lang ein sehr bedeutendes Einkommen gehabt,“ meinte Waldemar, ohne von den Blättern aufzusehen. „Nach der Art, wie sein Haushalt eingerichtet ist, kann er kaum die Hälfte davon verbraucht haben.“

„Und nebenbei wird er auch wohl seinen Vortheil wahrgenommen haben, wo und wie es nur anging. Doch das bei Seite – ich wollte Dich fragen, ob Du schon an einen Ersatz für ihn gedacht hast?“

„Nein.“

„So möchte ich Dir einen Vorschlag machen. Der Pächter von Janowo vermag das Gut nicht mehr zu halten; er ist durch unverschuldete Unglücksfälle zurückgekommen und genöthigt, sich wieder in Abhängigkeit zu begeben. Ich glaube, daß er sich für die Stellung in Wilicza ganz außerordentlich eignen würde.“

„Ich glaube es nicht,“ sagte Waldemar sehr ruhig. „Der Mann ist den ganzen Tag betrunken und hat seine Pachtung durch eigene Schuld und in der unverantwortlichsten Weise zu Grunde gerichtet.“

Die Fürstin biß sich auf die Lippen. „Wer hat Dir das gesagt? Der Administrator jedenfalls.“

Der junge Gutsherr schwieg, während seine Mutter in etwas gereiztem Tone fortfuhr:

„Ich denke begreiflicher Weise nicht daran, Dich in der Wahl Deiner Beamten zu beeinflussen, aber in Deinem eigenen Interesse möchte ich Dich doch warnen, den Verleumdungen Frank’s so unbedingten Glauben zu schenken. Der Pächter ist ihm als Nachfolger unbequem und deshalb intriguirt er gegen ihn.“

„Schwerlich,“ versetzte Waldemar mit derselben Gelassenheit wie vorhin, „denn er weiß bereits, daß ich ihm keinen Nachfolger zu geben gedenke. Für die Details der Wirthschaft genügen die beiden deutschen Inspectoren vollkommen, und was die Oberleitung betrifft, so werde ich sie selbst in die Hand nehmen.“

Die Fürstin stutzte. Es war, als ob ihr etwas plötzlich den Athem raube. „Du selbst?“ wiederholte sie. „Das ist mir neu.“

„Das sollte es doch nicht sein. Es ist ja stets die Rede davon gewesen, daß ich meine Güter einmal selbst übernehmen würde. Der Universitätsbesuch und die Reisen haben das wohl verzögert, aber doch nicht aufgehoben. Die Land- und Forstwirthschaft kenne ich genügend, dafür hat mein Vormund als mein Erzieher gesorgt. Ich werde allerdings einige Mühe haben, mich in die hiesigen Verhältnisse hineinzufinden, aber bis zum Frühjahre bleibt mir ja noch Frank zur Seite.“

Er warf das Alles mit einer Gleichgültigkeit hin, als sage er ganz selbstverständliche Dinge, und schien dabei so vollständig in die Betrachtung einer Aquarellzeichnung vertieft zu sein, daß er die Bestürzung seiner Mutter gar nicht gewahrte. Diese hatte sich aus ihrer nachlässigen Stellung aufgerichtet und sah ihn forschend und unverwandt an, aber sie machte dieselbe Erfahrung wie gestern ihre Nichte – aus diesem Antlitze ließ sich nichts herauslesen.

„Es ist doch seltsam, daß Du nie ein Wort über diesen Entschluß hast fallen lassen,“ bemerkte sie. „Du ließest uns Alle nur an einen kurzen Besuch glauben.“

„Er war auch anfangs beabsichtigt, aber ich sehe, daß den Gütern die Hand des Herrn fehlt. Uebrigens,“ fuhr er nach einer Pause fort, „habe ich mit Dir zu reden, Mutter.“

Er schloß das Buch und warf es auf den Tisch. Jetzt zum ersten Mal kam der Fürstin der Gedanke, der „Instinct“ Wanda’s könne doch richtiger gesehen haben als ihr eigener sonst so untrüglicher Blick; sie sah den Sturm kommen, aber sie war auch sofort bereit, ihm zu begegnen, und der Ausdruck von Entschlossenheit in ihrem Gesichte ließ keinen Zweifel darüber, daß es ein schwerer Kampf sein werde, den der Sohn mit ihr zu bestehen hatte.

„So sprich!“ sagte sie kalt. „Ich höre Dir zu.“

(Fortsetzung folgt.)



[647]

Vor dreiundsechszig Jahren.


Nicht die geringste unter den Annehmlichkeiten der schönen Hauptstadt Sachsens ist es, daß ihre Bewohner in kürzester Zeit die rußige Stadtluft mit dem würzigen Odem der Berge vertauschen können. Zu den am schnellsten zu erreichenden Thalgründen in Dresdens Nähe gehört der Seidewitzgrund. Es giebt nicht leicht etwas Reizvolleres, als dieses liebliche, abwechselungsvolle stille Thal mit seinem birkendurchwirkten frischen Tannengewande und dem murmelnden Forellenwasser der Seidewitz, welches noch von Pirol- und Finkengesang übertönt wird.


Schloß Kukukstein.
Nach der Natur aufgenommen von M. Steche.


Kaum einem Menschen begegnet man im stillen Grunde, der, sich langsam verengend, in fortwährenden Windungen sich hinzieht; wir gehen an einer fleißigen Schneidemühle vorüber und erblicken bald nach zweistündigem Marsche auf dem Saume der linken Thalwand ein romantisches thurmgeschmücktes Schlößchen. Es ist Kukukstein. Fast in demselben Momente sind wir, links einbiegend, im alten Städtchen Liebstadt, welches sich in den engen Thalkessel einschmiegt, über sich das Schloß und gegenüber auf niedriger Anhöhe seine schmucke Kirche. Die ganze Zusammenwirkung von Städtchen, Schloß und Kirche erinnert an die gemüthlichen Zeichnungen unseres Ludwig Richter, und ich müßte mich sehr irren, wenn der Meister nicht den dicken Schloßthurm mit seinen vier kecken Eckthürmchen sollte verewigt haben, etwa auf dem Blatte, wo die Kinder nach dem bekannten Goethe’schen Spruche von der alten Obstfrau viele Aepfel für wenig Geld kaufen wollen.

Außer seiner anmuthigen Lage bietet das Städtchen nur ein geringes Interesse; seine Geschichte, seine Leiden und Freuden hat es mit anderen Orten gemeinsam; öftere Verheerungen durch Feuersbrünste, vernichtende Krankheiten, kriegerische Gräuelthaten der Schwedenzeit bieten wenig Sympathisches für uns. Erwähnenswerth bleibt aber die Cultur der Strohflechterei, welche in dem kaum tausend Einwohner zählenden Städtchen in Blüthe steht. Das Weizenstroh der umliegenden Felder eignet sich vorzüglich zum Flechtwerk; wenn der Weizen sorgfältig eingeerntet, trennt man die Aehren ab und zerschneidet die Halme so, daß die Knoten herausfallen; nun wird das Stroh geschwefelt und gewässert und, hierdurch mürbe gemacht, in schmale Streifen gespalten, um dann von Jung und Alt zu dem verschiedenartigsten Flechtwerke verarbeitet zu werden; gerade die geschmeidigen Fingerchen der Kleinen spielen bei der mühsamen Arbeit eine nicht unbedeutende Rolle. Gegen zwanzigtausend Menschen der Gegend von Altenberg bis hinab nach Dohna und in das Gottleubathal erwerben durch diese Strohflechtereien ihren Unterhalt.

Die stattliche massive Kirche erinnert durch schöne Grabmäler an die früheren Besitzer von Stadt und Schloß, an die von Bünau, ein im Mittelalter mächtiges sächsisches Adelsgeschlecht, dessen Kunstsinn sich in ihrer edel ausgeführten Begräbnißstätte zu Lauenstein ein herrliches Denkmal gesetzt hat. [648] Auch ein gutes Gemälde von einem Schüler Cranach’s schmückt die Kirche.

Das Thal der Seidewitz bildete oft den Schauplatz kriegerischer Scenen; es ist eine der drei Hauptstraßen über den Kamm des Erzgebirges in die fruchtbare Ebene Böhmens. Vom dreißigjährigen Kriege an bis zu den Kriegen des ersten Napoleon wurde das sonst so ruhige Thal viel zu Durchmärschen benutzt, zuletzt von der französischen Armee, im Jahre 1813. Nach zweitägigem hartem Kampfe hatte Napoleon die blutige Schlacht bei Dresden gewonnen. Noch einmal hatte ihm sein Glücksstern gestrahlt, um bei Leipzig wenige Wochen darauf zu verlöschen. Der Todfeind Napoleon’s, Moreau, war geblieben. „Er ist geblieben,“ sagte Napoleon, als man ihm die Nachricht brachte, „als ein Opfer seiner Verrätherei am Vaterlande. Das ist der Lohn, wenn man vergißt, was man seiner Ehre und seinem Vaterlande schuldig ist.“ Das große verbündete Heer der Preußen, Oesterreicher und Russen war im vollen Rückzuge nach Böhmen. General Wittgenstein war zurückgedrängt. Napoleon’s Truppen folgten dem Heere der Alliirten auf dem Fuße. Die Corps von Victor, von Lobau und von Marschall Saint Cyr rückten gegen Altenau, Berggießhübel und Breitenau.

Am 9. September Nachmittags fünf Uhr kam der gefürchtete Kaiser selbst in Begleitung von Murat und einem Heere von 40,000 Mann nach unserem Liebstadt. Napoleon nahm sein Hauptquartier im Schlößchen Kukukstein, und durch diesen seinen Aufenthalt hat dasselbe ein gewisses historisches Interesse erhalten, so wenig auch die Geschichte des Schlosses bekannt ist; einige Worte darüber werden sich wohl deshalb rechtfertigen.

Erbaut im frühen Mittelalter, bildete Schloß Kukukstein ein Lehen der böhmische Krone, sein Aeußeres wie Inneres unterlag aber so vielen Aenderungen, daß von dem „edlen Rost“ des Alters und der Geschichte nicht mehr viel erhalten ist. Im Jahre 1573 erwarb die Familie von Bünau die Besitzung, und aus dieser Zeit stammt wohl in der Hauptsache die jetzige Anlage des Schlosses mit seinem starken viereckigen Thurme. Im Jahre 1775 kam es an die Familie von Carlowitz, in welcher es bis jetzt verblieben ist. Abgesehen von einigen guten und interessanten Glasgemälden des sechszehnten Jahrhunderts, erinnern nur noch die Bezeichnungen „Mönchsgang“ und „Capellstube“ an die mittelalterlichen Zeiten. Die Räume sind alle modernisirt worden, und auch diejenigen, welche die reichhaltige Bibliothek bergen, machen einen nüchternen Eindruck; es sind weite, große Zimmer, welche Napoleon bewohnte, doch scheint der liebliche Blick, denn sie in das drunten liegende Thal bieten, ihn nicht lange gefesselt zu haben. Kaum hatte er von der Bibliothek des Schlosses gehört, so ließ er sich in dieselbe führen. Wenige Stufen führen in die zwei Bibliotheksräume, und der erste Gegenstand, welcher sich dem Blicke bietet, ist ein colorirter Kupferstich im einfachen Rahmen mit dem Portrait – Moreau’s. Er ist in jüngeren Jahren dargestellt als General der französischen Republik, mit der dreifarbigen Cocarde seines Vaterlandes am Dreimaster. Mit Ungestüm – so erzählt die Ueberlieferung – ging der leidenschaftliche Corse auf das Bild los, riß es von dem Bücherrepositorium, dessen Seitenfläche es schmückt, riß es aus dem Rahmen, schnitt die Cocarde aus dem Hute Moreau’s und schrieb in großen, von Erregung zeugenden Schriftzügen unter das verstümmelte Portrait; „Le traître en était indigne.“ („Der Verräther war ihrer unwürdig.“)

Am andern Morgen verließ Napoleon Schloß Kukukstein; das durch ihn zur historischen Reliquie gestempelte Bildniß Moreau’s aber hängt heute noch an derselben Stelle, trotz der hohen Summen, welche so oft schon begehrende Fremde geboten haben. Nach Napoleon machte sein Marschall Saint Cyr im letzten Drittel desselben Monats September das Schloß zu seinem Hauptquartier, bewohnte aber mit seinen Officieren nicht die große Suite der von seinem Herrn inne gehabten Zimmer, sondern kleinere Räume, aber auch diese stillen Gemächer bieten uns noch jetzt Erinnerungen an die französische Occupation. Mehrere von den Officieren Saint Cyr’s haben mit den Diamanten ihrer Ringe in die Fensterscheiben ihre Namen geritzt; wir lesen da die Namen „Louis de St. Belin Capitaine aide-de-camp du Mal. Gouvion St. Cyr“, ferner „de Gogendorp chef d’Escadron aide-de-camp de M. le Maréchal Gouvion St. Cyr“. Wie sehr sich die Herren trotz ihrer eben frisch erworbenen Lorbeeren auf dem Schlößchen gelangweilt und nach ihrem schönen Vaterland und dem üppigen Paris gesehnt, zeigen die gleichfalls in eine Fensterscheibe gegrabenen Verse, in welchen wir Deutschen höhnisch abgefunden werden:

Amateurs du veau,
ne quittez pas la Germanie!
Admirateurs du beau,
fixez-vous en Italie!
Mais pour trouver les plaisirs et le ris,
ne sortons jamais de Paris!

Zu deutsch also: Ihr Liebhaber von Kalbfleisch, verlaßt Deutschland nicht! Ihr Bewunderer des Schönen, setzt Euch fest in Italien; oder um Vergnügen und Scherz zu finden, laßt uns nie Paris verlassen!

Sympathischer aber als die eben aufgeführten französischen Verse berühren wohl jeden Leser die „Méyne“ unterschriebenen Worte „ah, que je sens d’impatience, mon cher pays, de te revoir!“ (Ach, wie ungeduldig ich bin, dich, mein geliebtes Vaterland, wiederzusehen!)

„Ob dem Schreiber wohl dieser Wunsch erfüllt wurde?“ fragen wir uns ernst gestimmt beim Verlassen des Schlosses, „oder blieben seine Gebeine im Lande der Kalbfleisch essenden Barbaren?“
M. Steche.




Die Sprachmengerei der Gerichtskanzleien.


Motto: Ist denn kein Stephan da?

Seitdem wir uns den hemmenden Einflüssen ausländischer Politik glücklich entzogen haben und endlich ein Volk geworden sind, macht sich ein lobenswerther Eifer bemerkbar, auch die Sprache, soweit sie sich von obenher beeinflussen läßt, von fremdartigen und sonst überflüssigen Bestandtheilen zu reinigen. Die kaiserlich deutsche Reichspost ist rüstig vorangefahren und hat den fremden Flitterkram dem neuen Reiche erschlossen zum Opfer gebracht. In dem Generalstabswerke über den letzten Krieg finden wir manches Fremdwort, das sich ohne Gefahr für die Deutlichkeit beseitigen ließ, stillschweigend durch ein kerndeutsches Wort ersetzt. Selbst die Hochschule, welche verhältnißmäßig wohl das meiste Recht hat, an dem alten verschossenen lateinischen Doctorgewande festzuhalten, mit dem manches weniger Tüchtige und – Neue sich prächtig umhüllen ließ, gleichwie viele Sünden mit dem bekannten Mantel der christlichen Liebe zugedeckt werden, selbst die Hochschule gestattet seit einiger Zeit, daß Nichtphilologen deutsch mit ihr sprechen. Ein Häuflein von Sprachforschern, vom Reichskanzleramt berufen und auserwählt, erklärt zwei Dehnungszeichen, die sich bisher des unbescholtensten Rufes erfreut hatten und selbst Kundigen heute noch lieb und werth sind, unbarmherzig in die Reichsacht, und wenn man nun alle diese wirklich vaterländischen Bestrebungen in ihrer Gesammtheit betrachtet, so hat man das Gefühl, als sähe man einen Gärtner sorgfältig und peinlich jedes Gräschen aus den sauber gehaltenen Wegen entfernen, während er auf den Beeten das üppigste Unkraut ruhig weiterwuchern läßt. Ohne Bild gesagt: ich finde, daß ein Stück treuer deutscher Arbeit und guten Willens an die Beseitigung ziemlich unschuldiger Dinge verschwendet wird, während auf dem Gebiete oder den Gebieten der deutschen Rechtspflege nicht etwa blos zur peinlichsten Unbequemlichkeit, nein sogar, wie ich mir nachzuweisen getraue, zur wirklichen Benachtheiligung des Volkes eine Unzahl fremdländischer Sprachblüthen ungestört weiter treiben dürfen.

Die Klage über die Sprachmengerei der Kanzleien ist keineswegs neu. Im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert, wo das Unwesen am größten war, wo die deutschen Sprache Gefahr lief, unter dem Wust fremder Bestandtheile zu ersticken, [649] thaten sich die Juristen noch immer vor allen Anderen durch ganz außerordentliche Sprachmengerei hervor. Der Grammatiker Moscherosch sieht sogar die Kanzleien als die Hauptquelle der Fremdwörterfluth an. Und dabei ist der gute alte Philander von Sittewald durchaus kein Eiferer, und höchst unparteiisch geht er mit der „Latein- und Griechischfresserei der neusüchtigen Deutschlinge“ in’s Gericht. Er darf also wohl als Gewährsmann gelten und hat sicher das Richtige getroffen.

Man müßte nun freilich blind sein, wenn man nicht sehen wollte, daß seit der Zeit, wo Philipp von Zesen[WS 1] die ganze deutsche Sprache in der festen Zuversicht durch die „hochdeutsche heliconische Hechel“ zog, daß alle Fremdworte darin hängen bleiben sollten, Vieles auch auf dem Gebiete der Rechtssprache besser geworden ist. Allein wir werden auch sehen, daß uns noch recht, recht viel zu thun erübrigt. Wir möchten daher unseren Gesetzgebern und Landesvertretern, welche sich in der Kürze mit einer Umgestaltung unseres Rechtswesens zu beschäftigen haben, die Berücksichtigung der Kanzleisprache nach der angedeuteten Richtung hin auf das Angelegentlichste empfehlen.

Sehen wir uns die Ausdrucksweise der namentlich im Verkehre mit dem Publicum gebräuchlichen Formulare über „Mandats-, Bagatell-, Civil-, Injurien-, Exmissions- oder andere Klagen“ einmal etwas genauer an. Verklagter erhält in der Vorladung zu einem Termine die Weisung: „entweder in Person, oder durch einen gehörig legitimirten zur Proceßpraxis bei dem unterzeichneten Gerichte berechtigten Bevollmächtigten zu erscheinen.“ Ist er nun in Person, oder „durch einen Andern erschienen“, so soll er unter Anderem „die etwa erforderlichen ‚Editions- oder Adcitationsgesuche‘ anbringen“, widrigenfalls mit dem „Contumacialverfahren“ gedroht wird. Dennoch stellt sich der Vorgeladene zuweilen nicht, ja selbst der „Comparent“ ist schon zuweilen nicht erschienen, wie es im Protokoll stets zu heißen pflegt, und was so viel bedeutet, als „der Erscheinende erscheint nicht“.

Ein Kläger muß beweisen, daß das „Forum“ für die Klage begründet, der Sitz der Obligation in seinem Departement anzunehmen ist; seine Klage muß substantiirt, sein Legitimationspunkt erwiesen sein. Er muß sich entscheiden, ob er dem Verklagten den Eid deferiren will; er kann argwöhnen, daß Jener den Diffessionseid oder den verschmitzten Eid de ignorantia leistet, wenn er ihn überhaupt acceptirt und nicht refüsirt oder referirt. Ist nun in der Klage eine Cumulation der Art vorhanden, daß die Ansprüche des Klägers auf Geld oder fungible Sachen mit Ansprüchen anderer Art verbunden sind, so wird es die höchste Zeit, sich nach einem Assistenten oder Mandatarius umzusehen, dem noch (falls er durch ein lohnenderes Geschäft abgehalten sein sollte) die Substitutionsbefugniß ertheilt wird. Hat dieser im Audienztermine, vor commissarischer Verhandlung etc. seine Vollmacht producirt und sich zur Proceßpraxis legitimirt, so ist er befugt, für seinen Clienten Restitutionen zu ertheilen, angebotene Interventionsprocesse einzugehen, Gelder aus Depositorien zu nehmen, Arreste zu extrahiren, des Mandanten Vermögen für alle aus Nichtjustification entstehen könnende Schäden als Caution zu bestellen, in allen Instanzen auf Execution, Subhastation, Sequestration, auf Concurs-, Liquidations- und Prioritätsverfahren anzutragen, und endlich – wie der Fuchs mit dem Schwanze die Spur verwischt – die Manualacten zu cassiren. In dem Letzteren hätten wir zugleich eine nette kleine Probe von dem redlichen Bemühen der Herren Justitiarien, den Laien das Verständniß des gerichtlichen Verfahrens zu vermitteln.

Um zu verstehen, was ideeller Antheil, was materielle Verfügung, liquider oder illiquider Klageanspruch, Executionsanträge ohne executorische Titel, eine Verweisung ad separatum, periculum in mora, Agnitions-Resolut und hundert andere Formeln bedeuten, die in der mündlichen und schriftlichen Gerichtspraxis gang und gäbe sind, muß man schon einige philologische oder juristische Bildung besitzen. Was denkt sich wohl ein Bauer oder Tagelöhner, ein Handwerksmann oder gar eine alleinstehende „Unverehelichte“, wenn ihnen notificirt wird, daß in ihrem sistirten Processe unter Vorbehalt der Reassumtion auf Reposition der Acten angetragen werden kann? Was verstehen diese Leute wohl unter inexigiblen Forderungen, unter Insinuations-Documenten und Instrumenten, unter einem concludenten Petitum, Diffamations-, Possessorien-, Spolien-Sachen, Conventions- und Regreßklage, Purifications-Resolutionen etc. etc.? Ein gerichtliches Schriftstück kann ein Mandat, ein Decret, ein Protokoll, ein Manifest, ein Document, Instrument, Recurs, Regreß, oder das Duplicat von dem Allen und der Himmel weiß was sonst noch sein.

Was kann erst aus dem Menschen durch seine Berührung mit dem Gerichte nicht Alles werden! Bald ist er Mandant, Implorant, Implorat, bald Impetrant, Recurrent, Provokant, Provokat, Petent, Legator, Assignat, bald gar Succumbent oder Inculpat, oft nur Expertent, Intervenient, Intervent oder Cointervent.

Ich habe im Vorstehenden nur ein ganz geringes Pröbchen von der Sprachmengerei der gerichtlichen Geschäftssprache zu geben versucht. Die mitgetheilten Beispiele ließen sich ohne große Mühe verzehnfachen, und wem nach mehr gelüstet, dem empfehle ich die etwa tausend Arten Justizformulare, welche in einem preußischen Appellbezirke gebraucht werden, als lohnende Fundgrube.

Was hilft solchen Dunkelheiten gegenüber, wie wir sie oben probeweise mitgetheilt haben, selbst dem Gebildeten sein Wissen? Er muß so gut zum Rechtsanwalte seine Zuflucht nehmen, wie der gemeine Mann, wenn er sicher gehen will. Oder er denkt: „Die Gebühren kannst du sparen“ und schlägt eins jener nützlichen Bücher auf, welche das allgemein gefühlte Bedürfniß nach Aufklärung in Gerichtssachen in’s Leben gerufen hat, etwa den „Rechtsbeistand für den X’schen Staatsbürger“. Schön! Da findet er eine reichliche Auswahl Muster und Beispiele von allerlei Klagen des Kaufmanns Nimmersatt, des Cigarrenhändlers Rauchstengel, des Branntweinbrenners Fusel, der Gastwirthe Kellermann, Kleinglas und Bratwurst und vieler Anderer contra Schuster Crispin Knieriem, Anton Pech und August Pfriem, contra Schneider Bock, Fingerhut und Nähseide, wider den Maler Pinsel, den Färber Sudelmann, den Major Haudegen etc., er erfährt, wie er in dem Concurse des Kaufmanns Hiob Garaus seine Ansprüche vorschriftsmäßig geltend machen muß, und hat er einen Injurienproceß, so kann ihm das Beispiel der Klage des Bengel contra Lümmel zum Vorbilde dienen.

Aber auch diese Bücher können bei aller Ausführlichkeit nur annähernd allen vorkommenden Fällen genügen, und da sie nach amtlichen Vorlagen gearbeitet sind und sein müssen, so können sie nie ganz volksthümlich oder auch nur einigermaßen gemeinverständlich sein. Für Gebildete mag also diese Literatur ganz nützlich sein, doch auch diesen geben sie wenig mehr, als das Muster zu einem Klageantrag.

Nun stelle man sich vor, daß Leute, wie die bei Fritz Reuter mit wunderbarer Naturtreue geschilderten Tagelöhner Krischan Däsel und Johann Päsel, oder selbst wie der Bauer Schwart und der Küster Sur eine solche mit Fremdwörtern gespickte Vorladung. wie wir sie vorhin erwähnt haben, zugesandt bekommen. Ist wohl anzunehmen, daß Verklagte aus den bezeichneten Bevölkerungsschichten, mit denen doch die „Abtheilung für Bagatellsachen“ vorzugsweise zu arbeiten hat, wirklich eine genügend klare Vorstellung von dem bekommen, was alles in der Zuschrift verlangt wird? Wer diese Frage bejaht, giebt sich das unwiderlegbare Zeugniß, daß er die niederen Volksschichten nur von Hörensagen kennt. Sollten nicht viele meiner Leser schon recht oft von ungebildeten um Aufklärung und Lösung derartiger Räthsel angegangen worden sein? Setzen wir nun einmal den Fall, der Empfänger eines gerichtlichen Schriftstückes wohnt auf einem abgelegenen Dörfchen. Der Schullehrer ist vielleicht der einzige Schriftgelehrte im Ort, und man wird zugeben, daß auch dieser, daß selbst ein Geistlicher oder Gutsherr nicht immer die gewünschte Auskunft zu geben im Stande ist oder Lust dazu hat. Und ferner: ist es im besten Falle für einen ohnehin schon bedrängten Verklagten wohl angenehm, einem Fremden einen Einblick in seine Verhältnisse gestatten zu müssen? Viele sonst hochgebildete Nichtjuristen würden wohl nicht im Stande sein, genügende Auskunft darüber zu geben, was Editions- und Adcitationsgesuche sind, von denen doch in einer ganz einfachen Vorladung zu einem Termin gesprochen wird. Sollte daher die Dunkelheit und Unverständlichkeit der Gerichtssprache nicht recht häufig zum mindesten etliche unnöthige Wege, z. B. in die meilenweit entfernte Stadt, in der das Gericht seinen Sitz hat, auch hin und wieder eine falsche Maßnahme, eine Versäumung nothwendiger Schritte und die sich daraus ergebenden Nachtheile zur Folge haben?

[650] Die Heimlichthuerei, die zopfig-verschnörkelte, unfaßbare Sprache der Gerichte ist aber nicht blos eine peinliche Unbequemlichkeit, führt nicht blos oftmals zu Benachtheiligungen der Betheiligten, sondern sie hat auch noch tiefer liegende sittliche Bedenken. Niemals wird sich bei der gegenwärtigen Geschäftsordnung ein rechtes Vertrauen zu Gesetz und Recht bei dem gemeinen Manne einbürgern. In den sprachlichen Wendungen „einen Proceß gewinnen, einen Proceß verlieren“, oder wie es in der Volkssprache heißt „verspielen“, findet sich deutlich genug ausgeprägt, daß das sprachbildende Volk eine Proceßsache mehr oder weniger als ein Glücksspiel aufzufassen gewohnt war, während doch eine einfache Klage ein rein geschäftlicher Vorgang ist.

Wie viele Rechtsstreitigkeiten um nichtige Dinge würden ferner vermieden werden, wie viel aussichtslose Appellationen an eine höhere Instanz würden unterbleiben, wenn der Geschäftsgang der Gerichte klarer, ich möchte sagen: durchsichtiger wäre! Nur die eine Hoffnung, daß er das Glück haben könne, das Gewinnloos zu ziehen, treibt oft den Menschen an, eine Klage, eine Appellation zu unternehmen, selbst wenn ihm sein gesunder Menschenverstand sagt, daß das Unrecht auf seiner Seite ist.

Man sollte überhaupt meinen, daß die streitenden Parteien berechtigt wären, für ihr Geld eine volksthümliche Behandlung ihrer Sache zu verlangen, ja daß es im Interesse der Gerichte selbst liege, auf ihrem Gebiete das Volk zur Selbstthätigkeit anzuleiten. Statt dessen zwingt die Dunkelheit der gerichtlichen Geschäftssprache dasselbe, bei der geringfügigen Sache seine Zuflucht zu einem Rechtsanwalt zu nehmen. Das ja eine neue, nicht zu rechtfertigende Besteuerung der ohnehin schon meist genug bedrängten Parteien.

Und doch sind die noch am besten daran, welche in ihrer Bedrängniß gleich an die rechte Schmiede, das heißt zu einem Rechtsanwalt gehen. Schlimmer ergeht es meist denen, welche ihre Unberathenheit einem Winkeladvocaten in die Krallen treibt. Das Geschäft dieser dunklen Ehrenmänner ist meist doppelter Art. Die unschuldigere derselben ist die Anfertigung von Klagebeantwortungen und ähnlichen Schriftstücken, sowie die Ertheilung von Rathschlägen. Sie pflegen dabei wie medicinalpfuschende Barbiere und sonstige Wunderdoctoren ihre Unwissenheit mit Erfolg hinter einigen Dutzend richtig oder falsch gebrauchten zunftmäßigen Kunstausdrücken, wie wir sie oben aufgeführt haben, zu verstecken. Die Vergütigung, welche sie dafür beanspruchen, wird meist nicht hoch sein, sich aber nicht nach einer bestimmten Taxe, sondern nach der größeren oder geringeren Unerfahrenheit des Kunden richten. Das Schlimmste, was diesem bei solcher Handhabung des Geschäfts begegnen kann, ist, daß er einen falschen Rath bekommt, oder daß seine Eingabe, wie durch neuerliche Verfügungen des preußischen Justizministeriums bestimmt wird, ganz unberücksichtigt bleibt.

Die Herren „Commissionäre“ oder „Volksanwälte“ haben aber zuweilen noch daneben eine andere Art, ihr Gewerbe zu handhaben. Ihre Beschäftigung giebt ihnen Gelegenheit, den Kunden gehörig auszufragen und sich genaue Kenntniß von seinen Vermögensverhältnissen, von seiner augenblicklichen Lage und ähnlichen Dingen zu verschaffen, welche Gelegenheit zur Einmischung in gewinnsichtiger Absicht bieten. Ist trotz der augenblicklichen Verlegenheit des Betreffenden noch etwas bei ihm zu holen, so wird er beispielsweise durch wucherische Darlehne, durch Verlockung zu leichtsinnigen Verkäufen, die dann zuweilen gegen Reugeld rückgängig gemacht werden und durch hundert andere abgefeimte Schliche gehörig hineingeritten. Entspinnt sich daraus, wie es nicht selten der Fall ist, ein Proceß zwischen dem Winkeladvocaten und dem Winkelclienten – also Habicht contra Gimpel, wie es in dem oben citirten Rechtsbeistand heißen würde, – so gewinnt gewöhnlich, vermöge seiner überlegenen Geschäftsgewandtheit, der in alle Kniffe der Rechtsverdrehung eingeweihte Ehrenmann, und der arme Gimpel wird unter dem Scheine des Rechts, ja unter dem Schutze des Gesetzes, ganz gehörig gerupft. Wer die Handlungsweise dieser Menschen, die in jedem kleinen Neste zu finden sind, erschöpfend schildern wollte, müßte ein Buch schreiben, und das Material dazu wäre nicht schwer aufzutreiben. Ein solches Buch würde ein Stück wahrer Leidensgeschichte des armen Volkes enthalten.

Es kann mir nicht einfallen, den Gebrauch von Fremdwörtern allein für dieses Unwesen verantwortlich machen zu wollen; man wird mir aber zugeben müssen, daß der Mangel an Gemeinverständlichkeit, an dem das ganze Gerichts-Verfahren noch immer krankt, ein recht treuer Bundesgenosse der unsauberen Zunft ist. Und kann es wohl einem gewissenhaften Richter gleichgültig sein, wenn er zu Ungunsten eines auf oben beschriebene Weise Hineingefallenen und zu Gunsten eines Betrügers entscheiden muß, der sich durch den Buchstaben des Gesetzes gedeckt hat?

Man darf sich nun freilich keineswegs verhehlen, daß die hier empfohlene Vereinfachung der Kanzleisprache ihre großen Schwierigkeiten haben wird. Nicht für jedes Fremdwort dürfte sich ein gleich kurzer, gleich schlagender, völlig gleichbedeutender deutscher Ausdruck finden lassen. Man wird also etwa nach der von Daniel Sanders vorgeschlagenen Regel verfahren können, wonach völlig eingebürgerte, d. h. auch dem gemeinen Manne verständliche Fremdwörter, für welche sich nicht gut ein passender deutscher Ausdruck darbietet, immerhin beibehalten werden mögen. Aber selbst dieses zugestanden, werden sich noch hunderte von gerichtlichen Kunstausdrücken oben erwähnter Art finden, welche ohne Bedenken ausgemerzt und durch gut deutsche Wörter ersetzt werden können, wenn man nur mit dem nöthigen guten Willen und mit rechtem Ernst an die Sache herantreten will.

Man wird bei etwaigen Besserungsversuchen am natürlichsten von einer reinigenden Durchsicht der sämmtlichen für den Verkehr der Behörden mit dem Volk bestimmten Formulare ausgehen. Der einzelne Beamte kann eigenmächtig gar nichts oder so gut wie gar nichts zur Steuerung des Unwesens thun. Die Sprachreinigung, die ich hier empfehlen möchte, muß unbedingt von oben herab bewerkstelligt werden, und zwar mit einem Schlage, wie bei der Post, deren geschicktes Verfahren bei Erledigung derselben Sache den mit der Aufgabe zu Betrauenden zum Vorbilde dienen könnte. Verfügungen und Erlasse der Ministerien, welche den Gerichtsbeamten anempfehlen und einschärfen, daß sie sich einer möglichst verständlichen Sprache bedienen sollen, würden wenig nützen, so lange das Unkraut noch in den Formularen wuchert. Gott bessere es!
Dr. Gustav Dannehl.




Eine Nacht im Harem des Paschas von Belgrad.


Es ist vielfach darüber gestritten worden, welche Religion wohl am schnellsten und eindringlichsten bei plötzlich hereinbrechenden unabänderlichen Schicksalsschlägen Tröstung und Beruhigung bringt, und da ist wohl nicht ganz mit Unrecht der Islam mit seiner Lehre von der Vorherbestimmung als diejenige Glaubensgrundlage bezeichnet worden, die namentlich bei morgenländischer Welt- und Lebensanschauung diese heilbringende Aufgabe am vollkommensten löst.

Erlauben Sie, daß ich den Lesern Ihres Blattes ein Erlebniß erzähle, das sie hiervon überzeugen dürfte.

Vor ungefähr dreißig Jahren hatte mich mein jugendlicher Wandertrieb an die östliche Grenze unseres Vaterlandes geführt, und besondere Zufälle hielte mich längere Zeit in Semlin fest, wo ich nach einigen glücklichen Curen bald ein gesuchter Arzt wurde. Semlin ist eine öde kleine Grenzstadt Oesterreichs an dem Ufern der Save, die sich dort, majestätisch herangewachsen, mit der Donau vermählt. Gegenüber, jenseits der blauen Wogen stolz und malerisch emporsteigend, liegt Belgrad, die Hauptstadt Serbiens, damals noch ein türkisches Fort, der Sitz des Paschas. – Tags über war lebhafter Verkehr auf und ab, herüber und hinüber auf dem breiten Wellenrücken des Flusses. Man sah Dampfer, Fischerkähne, Fahrzeuge aller Arten und Formen bis herab zu den mit Seilen gezogenen primitiven Fähren oder Flößen, welche die Verbindung der beiden Nachbarstädte vermittelten. Die abenteuerliche Bemannung, die seltsamen Ladungen, das Sprachengewirre, das ganze Treiben bot ein Bild bunten und reichen Lebens, bis die alte Uhr auf dem Festungsthurme mit heiserem Tone den Tagesschluß (zehn Uhr) verkündete. Da war [651] wie durch einen Zauberschlag Alles verändert. Ein Kanonenschuß donnerte von den Basteien; die Zugbrücken wurden aufgezogen, die Thore gesperrt, die Communication aufgehoben – dem Geräusche des Tages folgte lautlose Stille.

Ich wohnte am Stromufer. In einer klaren, poetisch schönen Frühlingsnacht saß ich am offenen Fenster. Die Brust athmete mit innigem Wohlgefühle die erfrischende Wasserluft, und entzückt weidete sich mein Auge an den orientalisch weichen Linien der Türkenstadt, die mondverklärt wie ein Gemälde Canaletto’s vor mir lag, gekrönt von dem weißschimmernden Castell des Paschas, der, die Hoheitsrechte wahrend, das Ansehen, die Macht und Pracht eines Sultans besaß. Doch meine Gedanken wandten sich in den Momenten süßen Nichtsthuns, wachen Träumens weit ab von Politik. Der tändelnden Phantasie gefiel es, die unübersteiglichen Bastionen zu überfliegen, die klafterdicken Mauern zu durchdringen, mich unmittelbar in das innerste Hauswesen des Paschas, in den Harem, zu versetzen. Alle Märchen aus „Tausend und einer Nacht“ mußten herhalten, die üppigen Bilder meiner Einbildungskraft auszustatten. Ich sah den Pascha, umgeben von allen Wundern der Pracht und Ueppigkeit des Morgenlandes; Odalisken sah ich, schön wie die Houris des Paradieses, dem Herrn schmeichelnd zu Füßen, zu ihm wie zu einem Gotte aufblickend, alle Künste anwendend, allen Liebreiz aufbietend, um einen Gnadenblick, ein Liebeswort zu erhaschen. Ich sah blühende Bajaderen mit berauschenden Tänzen ihn umgeben, hörte Musik und holden Gesang erklingen. Schaaren von Sclaven harrten nur des befehlenden Winkes, den Gaumen mit den erlesensten Genüssen zu reizen und zu sättigen. Welches Meer von Wonne im Vergleiche zu meinem hartgeplagten Dasein, der armseligen Erwerbsquelle eines jungen europäischen Arztes, der erst Carrière machen will! Ein Gefühl neidischer Bitterkeit, gepaart mit unbestimmter Sehnsucht, bemächtigte sich meiner. Ein tiefer Seufzer entrang sich unwillkürlich der freudelechzenden Brust: wer doch – nur eine Nacht – mit dem Glücklichen tauschen könnte!

Ein Kanonenschuß, der von der Bastion abgefeuert wurde, brachte mich zur Besinnung. Das Thor der Festung öffnete sich. Einige Reiter erschienen gespenstisch im Halbdunkel der Nacht und sprengten gegen das Save-Ufer. Zwei tief in ihre Mäntel gehüllte Männer stiegen von den Pferden und weckten den Fährmann, der auf seinem Flosse zusammengekauert schlief; er fuhr erschreckt auf. Die Beiden stiegen ein; die Stricke wurden gelöst, und die Fähre setzte sich gegen Semlin in Bewegung. Angekommen, bedeuteten sie durch eine Handbewegung den Schiffer zu warten und wandten sich gegen die Stadt. Wenige Minuten darauf wurde an meine Hausthür gepocht; fremde Stimmen begehrten Einlaß. Mein Name wurde fragend genannt; und ich trat hinaus. Im Flur stand, ein trübe flackerndes Talglicht in der Hand, mein Hausgeist in Nachtmütze und Pantoffeln, vor ihm die zwei Männer, die ich von Belgrad kommen gesehen. Beim Knarren meiner Thür wandte er sich um und zeigte mit zornigem Knurren ob der gestörten Nachtruhe auf mich. Erstaunt erkannte ich in dem einen der fremden Männer einen alten Bekannten, Baron Velden, vormaligen österreichischen Officier, dann politischen Flüchtling, jetzt Dolmetsch des Paschas. Er schien sehr eilig, ja bestürzt, grüßte flüchtig und stellte seinen Begleiter vor, den Secretär und Günstling Achmed Paschas. Sie kamen im Auftrage ihres Gebieters, mich sogleich zu einem Schwerkranken in dessen Harem abzuholen.

War es einer jener lichtdurchwobenen Augenblicke gewesen, in denen der Seele innerstes Sehnen vor dem Weltenlenker Erhörung findet, als vorhin der abenteuerliche Wunsch in mir aufdämmerte? Welche cirkassische Venus war der ärztlichen, war meiner Hülfe bedürftig? Wie kam ich dazu, in jene allen männlichen Geschöpfen, den Ungläubigen noch besonders unzugänglichen, geheiligten Räume des Harems meinen profanen Fuß setzen zu dürfen? Hatte ich unbekannte Freunde, Gönnerinnen in jenen geheimnißvollen Regionen?

Brennende Neugierde ließ mich eine bezügliche Frage thun. Die Herren schienen aber nicht Lust zu weiteren Erklärungen zu haben. Sie antworteten ausweichend und drängten zum Gehen. Dürfen sie nicht mehr sagen? Sind sie nur Boten und wissen nicht mehr? Pah! dem Arzte muß es gleich sein, wer seiner Hülfe bedarf. Damit warf ich meinen Rock um, drückte den Hut in die Stirne und folgte meinen Führern, die stumm und rasch zur Fähre schritten. Am jenseitigen Ufer angekommen, rief ein schriller Pfiff des Türken die Pferde herbei, auch mir wurde eins geboten. Wir ritten zur Festung, wo auf ein Zeichen das Thor geöffnet wurde; die Parole wurde gewechselt, und in wenigen Minuten waren wir am Ziele. Der Baron empfahl sich und verschwand im Dunkel der Nacht, während mein anderer Begleiter mich in den Palast des Würdenträgers führte. In einem Vorsaale, nur matt beleuchtet, winkte er mir zu warten und entfernte sich durch eine Seitenhür. Nach geraumer Zeit erschien er wieder und ersuchte mich in gebrochenem Französisch, ihm zum Pascha zu folgen. Mein Herz klopfte hörbar. Nachdem wir noch einige schmale halbdunkle Räume durchschritten, gelangten wir in ein größeres, hellerleuchtetes Zimmer. Rings um die Wand lief ein breiter niedriger Divan. Darauf saß, der Thür gegenüber, mit untergeschlagenen Beinen, seine Wasserpfeife rauchend, regungslos wie ein Steinbild, ein noch junger Mann mit großen dunklen Flammenaugen, die mir fast unheimlich entgegenstarrten. Ein dunkler Bart wallte ihm fast bis zum Gürtel herab; ein grüner Turban bedeckte sein Haupt. „Ein Mekka-Pilger, ein Ulema“ war das Resultat meiner kurzen Beobachtung. Die lichten Dampfwolken des Nargileh umgaben ihn mit einer Art mystischen Heiligenschein – so mußte Mohamed ausgesehen haben.

Wir machten die üblichen Verbeugungen. Während mich der Pascha mit stummem Neigen des Hauptes begrüßte und durch eine Handbewegung zum Sitzen einlud, entfernte sich der Secretär. Erwartungsvoll sah ich den Hausherrn an. Wird er mir endlich das Räthsel meines Hierseins lösen? Vorläufig hatte er nicht Lust dazu; er klatschte in die Hände. Diener mit goldblinkenden Kaffeegeräthschaften erschienen und setzten dieselben auf Tabourets, die im Orient als Tische dienen, vor uns nieder. Wir tranken Kaffee und rauchten. Lautlose Pause. Endlich begann der Türke in französischer Sprache:

„Allah segne Deinen Eingang, Doctor! Erkenne, wie viel ich von Dir erwarte, daß ich Deinetwillen die geheiligten Gesetze des Herkommens breche und Dich, den Ungläubigen, in das Innerste meines Hauses, in die Frauengemächer, führen will! Ermesse daran, welches Vertrauen ich in Deine Kunst, Dein Wissen setze!“

„Ich werde Eure gute Meinung, hoher Herr, nach Möglichkeit zu rechtfertigen suchen,“ antwortete ich, mich verbeugend. „Wollt Ihr mir sagen, wer meiner Hülfe bedarf?“

„Freund! Ich bin in großer Bekümmerniß,“ erwiderte er kaum vernehmbar mit dem Ausdrucke tiefsten Schmerzes in den edlen Zügen. „Das Wesen, das meinem Herzen am theuersten ist, ich kann wohl sagen, das Einzige, was mir nahe steht – mein Sohn ist krank, sehr krank. Das Vorurtheil unseres Volkes gegen europäische Aerzte, die schlimme Sitte, unsere Frauen und Kinder durch alte Weiber behandeln zu lassen, hat schon manches blühende Leben in unseren Harems geknickt. Ich war immer gegen diese unvernünftige Quacksalberei, aber erst jetzt erkenne ich das Unheil ganz, seit mein Kind, mein einziges geliebtes Kind das Opfer wurde. Er ist an den Rand des Grabes gebracht – o rette ihn, Effendi! Rette ihn! Du sollst königlich belohnt werden, wenn Du den Krallen des Todes die edle Beute entreißt.“ Ein tiefer Seufzer schloß die Worte; sein Haupt sank auf die Brust. Regungslos wie ein Automat saß er wieder da.

„Führt mich zu dem Kranken, Herr!“ wagte ich nach einigen Minuten die Stille zu unterbrechen. Der Pascha fuhr zusammen wie aus einem Traume erwachend, klatschte in die Hände und befahl dem darauf eintretenden Diener, uns im Harem zu melden.

„Bevor Du dahin geführt wirst, muß ich Dir die Gedanken mittheilen, die mich vorhin gefangen hielten. Du wirst daraus ersehen, Doctor, wie entsetzlich, wie unersetzlich mir der Verlust meines Kindes wäre.“ In dem Augenblicke erschien der Diener wieder und meldete mit gekreuzten Armen: man sei bereit, den fremden Doctor zu empfangen. Achmed Pascha erhob sich und winkte mir zu folgen. Wir durchschritten mehrere Corridore und gelangten endlich in einen hohen, düstern Saal. Ein dicker Teppich machte unsere Tritte unhörbar; eine Anzahl Wachslichter auf blinkenden Girandolen verbreiteten ein angenehmes mattes Licht; breite Polstersitze liefen rings um die [652] Wände, und in der Mitte des weiten Gemaches stand ein seltsames mit Decken behangenes Gerüste, fast wie ein bunter Katafalk anzusehen. Röchelnde Athemzüge drangen von dort an mein Ohr. Achmed trat auf den Zehenspitzen näher – es war das Krankenbett.

Ich blieb in einiger Entfernung stehen und blickte forschend umher. Der Saal schien menschenleer zu sein, und doch hörte ich ein seltsames Rauschen und Zischeln. Da bemerkte ich, daß die Wände mit braunem Holzgitterwerk bekleidet waren, wie ich es in jüdischen Synagogen an den Frauenabtheilungen schon gesehen hatte. Was oder wer verbarg sich dahinter? Meine Entdeckungsreise in das Innere unterbrach ein Aechzen des Kranken. Er war erwacht, und ein Wink des Paschas rief mich zu ihm. Ich ergriff eine brennende Kerze und ließ das volle Licht auf den Patienten fallen. Welcher Anblick bot sich mir dar! Auf dem reichen Bette lag ein unförmlicher thranduftender Klumpen, aus dessen Kopfende ein schönes, aber wachsbleiches, abgemagertes Menschenantlitz mit großen dunklen Augen hervorstarrte. Ich stand, schreckerstarrt, einige Minuten stumm beobachtend da. Welche Qualen mußte das arme Kind in dieser entsetzlichen Einpackung ausstehen!

„Doctor! Warum schweigst Du? Wie findest Du seinen Zustand?“ fragte mich der arme Vater mit angstbebender Stimme.

„Ich sehe ihn wegen der Umhüllungen nicht recht,“ antwortete ich ihm ausweichend, denn der erste Blick verrieth mir den trostlosen Zustand höchstgradiger Abzehrung. „Die Wärterinnen mögen ihn entkleiden. Dann wollen wir das Weitere sehen.“

Er rief halblaut einige Worte. Auf mehreren Seiten zugleich öffneten sich Thüren im Gitter, und verschleierte Frauen traten heraus. Das Zimmer, in dem wir uns befanden, war also ein Mittelraum, ähnlich dem Atrium der Griechen, in den die übrigen Zellen des Harems mündeten.

Ich ersuchte die Frauen, den armen Jungen vollständig zu entkleiden. Ein Murren des Widerspruchs wurde laut; ein strenger Blick des Gebieters – es verstummte und Alles geschah nach meinen Anordnungen. Zehn und mehr in Schlangenfett getauchte Tücher und Decken, die mit ranzigem Geruche die Luft arg verpesteten, wurden allmählich abgenommen. Aus dem ungestalten Klumpen entpuppte sich der zum Gerippe abgemagerte Körper eines schöngebauten zwölf- bis dreizehnjährigen Knaben. Ein Becken warmes Wasser wurde auf meinen Wunsch gebracht; ich goß eine stärkende Essenz hinein, ließ dem vernachlässigten, gemarterten Körper die langentbehrte Labung des Waschens angedeihen, die übelduftenden Bandagen hinausbringen, reines Linnen anlegen. Die Procedur that dem Kranken, der schon von Agonie befallen war, sichtlich wohl; er athmete geräuschloser und tiefer.

„Ist noch Rettung möglich? O, sage: ja! Ich sehe, Deine Nähe wirkt wohlthätig auf ihn,“ flüsterte der Vater, den Kranken, der ihn nicht mehr erkannte, mit unendlicher Liebe anblickend.

„Wir müssen abwarten, welche Folgen die Waschung nach einigen Stunden der Ruhe, des Schlafes hat,“ antwortete ich, ihn zu beruhigen; ich wußte nur zu gut, daß die Sanduhr des jungen Lebens im Ablaufen war; ich verordnete noch einen kühlenden Trunk, wenn die trockenen, fieberverbrannten Lippen darnach begehren sollten, dann wollte ich mich empfehlen und versprach den nächsten Tag wiederzukommen.

„Du darfst uns jetzt nicht verlassen, Doctor,“ rief der Pascha mit glühenden Blicken, als wir das Krankenzimmer hinter uns hatten. „Dein Aussehen weissagt Böses, und ich habe Niemanden, keine Menschenseele, der ich vertrauen, auf die ich mich verlassen kann. Bleib’ hier, bis es sich zur Besserung wendet oder – wie es Allah in seiner Weisheit sonst bestimmt.“

„Ich habe alles Nöthige angeordnet, und Eure Frauen, gnädigster Herr, werden das Kind gewiß vortrefflich pflegen, bis ich wiederkomme,“ war meine Erwiderung.

„Ich habe keine Frauen. Mein Weib ist lange todt,“ seufzte der Pascha; „die Du sahst, Fremdling, sind blos Dienerinnen, in deren Händen mein Kind in diesem Zustand gerieth. Du siehst, Du mußt bleiben.“

Wir waren in seinem Gemache angekommen. Wieder brachten Diener Kaffee und Tschibuks; wir saßen eine Weile stumm rauchend. Die blauen Rauchwolken ringelten sich empor. Achmed Pascha verfolgte die phantastischen Ringe eine Weile mit träumerischer Melancholie, dann wandte er sich zu mir und sagte mit weicher Stimme:

„Der Diener unterbrach mich vorhin, als ich Dir eine Episode meines Lebens, die Bezug auf mein krankes Kind hat, erzählen wollte; höre sie jetzt!

Mein Vater war Gelehrter und seine Freunde bildeten einen Kreis weiser Männer, in deren Gesellschaft sich die Liebe zur Wissenschaft bald mächtig in meiner Kindesseele regte. So brachte ich auch meine Jugend, statt mit sinnlosen Vergnügungen, die meinen Alters- und Standesgenossen geläufig waren, mit ernsten Studien zu. Mein Lehrer und zugleich wärmster Freund war Butu, ein Ulema von ungewöhnlichen Geistesgaben, der, meinen Wissensdurst erkennend, mich ungehindert am Zauberborne der Erkenntniß trinken ließ. Bald genügten mir die Studien nicht mehr, wie sie an unseren Medressen geboten wurden. Ich begann christliche Bücher und Sitten zu studiren; nicht lange konnte ich meinen Neigungen leben; nach den Jahren der Vorbereitung mußte ich, um dem Willen meines Vaters nachzukommen, in den Staatsdienst treten und sollte mir ein eigenes Hauswesen gründen. Unsere Religion überläßt weisermaßen die Zahl der Ehefrauen ganz den Neigungen des Betreffenden. Meine Vorliebe für die Gebräuche und Sitten des Abendlandes hatte Widerwillen gegen die Vielweiberei in mir erweckt. Ich liebte eine schöne, junge Armenierin; sie trat meinetwillen zum Islam über und wurde meine Gattin, meine einzige, angebetete Gattin. An der Seite dieses Weibes fand ich Alles, was die Erde zum Paradiese macht; meine Dienste für den Staat wurden auch im vollsten Maße anerkannt, glänzend belohnt; der Weg zu den höchster Ehrenstellen war mir geebnet. Ich wäre vollkommen glücklich gewesen, wenn es der Vorsehung gefallen hätte, unserer Liebe ein sichtbares Zeichen, ein Kind, einen Sohn, zu gewähren.

Endlich, nach vielen Jahren, als wir die Erfüllung unseres Lieblingswunsches fast nicht mehr hofften, gefiel es dem Propheten, mein Weib zu segnen.

In der Freude meines Herzens wallfahrtete ich kurz vor der Geburt des Sehnlicherwarteten zu dem heiligen Grabe nach Mekka, Allah für die große Gnade zu danken, seinen Schutz und Beistand zu erflehen und auch meinen alten Freund und Lehrer Butu, der mittlerweile dort Imam geworden, wiederzusehen. Am Grabe des Propheten war, wie er sich ausdrückte, der Geist der Weissagung über ihn gekommen. Schaaren wallten aus allen Theilen des Reiches zu ihm, sich das Räthsel der Zukunft von ihm lösen zu lassen; sein Ruhm war in Aller Mund.

Unser Wiedersehen war ein herzliches und freudiges; ich erzählte ihm der Grund meiner Pilgerreise und bat ihn, kraft seiner Sehergabe mir das Leben und Schicksal des noch Ungeborenen vorherzusagen.

Es war ein seltsamer Orakelspruch, den er nach langen inbrünstigen Gebeten, nach der Stellung der weißen Stäbe und anderen geheimnißvollen Vorbereitungen verkündete: ‚Du wirst einen Sohn bekommen,‘ lautete der Spruch, ‚der frei von jeder Sünde bleiben wird.‘ Mein Dankgefühl war grenzenlos – ein Sohn, und dieser Sohn makellos, und ich war das Gefäß der Gnade, auserwählt, der Erzeuger dieses vollkommenen, dieses reinen Menschen zu werden. Wozu hatte ihn das Schicksal schon vor seiner Geburt bestimmt? Sollte er der Wohlthäter seines Volkes, der Segen seines Jahrhunderts, die Leuchte seines Vaterlandes werden?

Erfüllt von der frohen Botschaft, reiste ich fröhlichen Sinnes nach Hause. Die Nacht vor meiner Heimkunft war mein Weib niedergekommen. Der Neugeborene war ein schöner, kräftiger Knabe; der erste Theil der Verkündigung war erfüllt.“

Der Pascha schwieg und seufzte tief. Als er wieder aufblickte, waren seine Augen feucht. „Ich sah einen heißen Wunsch erfüllt; ich hatte einen Sohn,“ flüsterte er, „aber Allah! um welchen Preis! Fatime, mein Weib, war gestorben. Ich habe kein Weib mehr genommen. Jussuf ist mein einziges Kind geblieben. Armer Jussuf! armer Jussuf! Viel ist in den dreizehn Jahren über mich hingegangen; ich hatte lange Zeit weder an den alten Imam noch an seine Prophezeiung gedacht. Als Jussuf immer tiefer in sein Leiden versank, sehnte ich mich [653] nach der Nähe des alten Freundes und sandte einen sichern Boten, mit einem Schreiben, das die Bitte um seinen Rath und sein Gebet für meinen armen Sohn enthielt. Gestern konnte mein Sendbote zurückgekehrt sein; ich erwartete ihn vergebens und gab endlich dem Drängen meines Secretärs nach, Dich holen zu dürfen, aber als ich vorhin an dem Krankenbette mit Dir stand und Dein unseliges Schweigen mir meines Kindes Todesurtheil verkündete, da gedachte ich plötzlich der alten Weissagung und verstand den dunklen Sinn. Flüchtig, grell und entsetzlich wie Wetterleuchten flammte die Erkenntniß auf, mein ganzes Leben zu verwüsten, zu vernichten.“

Der Türke hatte die Hände vor das Gesicht gepreßt und ächzte. Ich hatte den Sinn seiner Worte nicht gefaßt und sah ihn forschend an, doch ehe ich eine Frage stellen konnte, erschien ein Diener und meldete dem Fürsten einige Worte in arabischer Sprache. Achmed Pascha erhob sich und winkte mir, ihm zu folgen – wir gingen nach dem Krankensaal. Einige Frauen, jetzt in ihrer Verzweiflung unverschleiert, hockten um den Sterbenden und versuchten mit dem Hauche ihres Mundes die erkaltenden Hände und Füße des Kindes zu erwärmen. Beim Nahen des Vaters erhoben sie sich laut heulend. Er gebot ihnen Ruhe. Ich ergriff die herabhängende Hand; kein Pulsschlag verrieth mehr inneres Leben – die Brust hob sich kaum merklich. Bei mehr Lebenskraft hätte die vernünftigere Behandlung das Leben des Kranken verlängert, vielleicht sogar gerettet; in dem Zustande der Erschöpfung, in welchem ich ihn fand, hatte die Veränderung des Gewohnten sein Ende beschleunigt. Noch ein tiefer, röchelnder Athemzug, ein leises Zucken – er war todt. Ein mildes Lächeln verklärte die erstarrten Züge. Wie ein flügelloser Seraph lag der schöne Knabe da.

Laut weinend stürzte sich der Vater auf den geliebten Leichnam. Der Saal füllte sich mit Menschen, die ein gräßliches Klagegeheul anstimmten. Plötzlich wurde das Weinen gedämpft. Rechts und links wichen die Leute zurück; der Secretär des Paschas führte einen Greis herein. Der Fremde näherte sich Achmed, legte die Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm einige Worte zu.

Kaum hatte der unglückliche Vater den Alten erblickt, so erhob er sich von den Knieen und umarmte denselben mit wilden Aufschrei. Der Ankömmling sprach ihm Trost zu und führte ihn aus dem Sterbegemache.

In demselben Augenblicke näherte sich mir der junge Mann, der mich hierhergebracht. „Herr Doctor,“ sagte er französisch, „wollen Sie gefälligst dem Diener folgen. Sie dürfen nicht länger im Frauengemache bleiben.“

„Wer ist der Fremde, der solchen Einfluß auf den Pascha hat?“ frug ich neugierig.

„Sein alter Lehrer, ein großer Prophet und weiser Mann. Leider kam er zu spät,“ antwortete der Secretär und entfernte sich.

Ich folgte dem Diener wieder durch mehrere Corridore, die seine Fackel gespenstisch erleuchtete; endlich führte er mich in ein Cabinet, zündete einige Kerzen an, verbeugte sich und verließ stumm das Zimmer, die Thür geräuschvoll schließend. Ich war hungerig, müde, allein – was sollte ich hier? Die Nacht wich schon dem Morgengrauen, dessen bleicher Schein unangenehm, mit dem gelben flackernden Kerzenlichte kämpfte. Die Thore mußten bald geöffnet werden; ich wäre gerne nach Hause zurückgekehrt – „aber ohne Abschiedsgruß?“ sagte eine innere Stimme dagegen; „Warten wir noch eine Weile!“ war das Resultat meines Selbstgespräches. Auf dem Divan lag der Koran; es unterhielt mich, eine Weile darin zu blättern, die seltsamen Schriftschnörkel zu entziffern, den Inhalt halb zu übersetzen, halb zu errathen.

Nach einer Weile begann die Ungeduld wieder gegen die Höflichkeit zu protestiren. Ich zog die Uhr; sie zeigte sieben. Meine Anwesenheit hier war so überflüssig. Die Stunde meiner Morgenbesuche nahte; meine armen Kranken harrten meiner sicher mit Sehnsucht. Der Pascha hatte in dem Schmerze um sein geliebtes Kind meine Wenigkeit vergessen – das war so natürlich. Ich nahm meinen Hut und drückte auf die Thürklinke; sie gab nicht nach. Nochmals versuchte ich meine ganze Kraft, sie zu öffnen – vergeblich; kein Zweifel, der Diener hatte mich eingeschlossen, wahrscheinlich auf hohen Befehl; ein kalter Schauer überlief mich. Säcke mit menschlicher Inlage, nächtlicher Weile in den Bosporus gesenkt; Mörser, die Hochverräther zu Brei zermalmten, und ähnliche gräßliche Bilder tauchten schwindelerregend vor meinem bestürzten Geiste auf.

Haftet der Arzt nach türkischen Begriffen mit seinen Kopfe für den Ausgang der Krankheit, das Leben des Patienten? Hat die asiatische wilde Art der Rechtshandhabung ihre Ableger auch an die blaue Donau, die zahme Save versetzt?

Mitten in meinen abenteuerlich düsteren Phantasien hörte ich den Riegel an der Thür zurückschieben; sie wurde geöffnet – der Pascha trat ein. In seinem Gesichte war die wilde Verzweiflung dem Ausdrucke heiliger Ergebung gewichen. Er reichte mir die Hand, ließ sich auf dem Divan nieder und bedeutete mir, ein Gleiches zu thun. Diener erschienen und stellten auf goldenen Platten ein delicates Frühstück vor mich hin, dem ich auf die Einladung des hohen Hausherrn tapfer zusprach.

„Vergieb, Doctor, daß ich Dich so lange vergessen konnte!“ sprach er weiter mit weicher, tiefer Stimme, in der die Aufregung der Nacht noch leise nachzitterte. „Auch der Prophet möge mir vergeben, daß ich mich gegen den erhabenen Rathschluß des Schicksals mit knabenhaftem Trotze und Ungestüm auflehnte. O, jetzt erkenne ich es klar: es war eben so vergeblich wie thöricht und vermessen, auf menschliche Hülfe zu hoffen und gegen das Verhängniß ankämpfen zu wollen. Mein frommer und gelehrter Freund, der heute Nacht statt durch schriftliche Botschaft in eigener Person mich zu trösten kam, hat das vorhergesehen und mir durch ein Wort die Ruhe der Ergebung verliehen, einem großen und gerechten Schmerze den quälendsten Stachel genommen, den Stachel der Selbstqual, des Vorwurfs, daß bei größerer Fürsorge die Rettung meines todten Lieblings doch möglich gewesen wäre. Der Gedanke war eine arge Versündigung gegen Gott, der in seiner Allmacht nur zuläßt, was sein soll. Siehst Du, Fremdling!“ fuhr er mit gesteigerer Aufregung fort; „die Weissagung lautete: ‚Du wirst einen Sohn bekommen, der frei von jeder Sünde bleiben wird.‘ Des dunklen Satzes düstere Lösung ist – der Tod. Ja, mein Sohn mußte heute Nacht, an der Schwelle seines dreizehnten Geburtstages, sterben; denn erst mit dreizehn Jahren wird nach den Satzungen unseres Glaubens der Mensch für seine Handlungen im Himmel verantwortlich gemacht. Bis dahin ist er ohne Sünde, ohne Erkenntniß und ohne Schuld. Das Loos jedes Menschen ist nach unerforschlichen Gründen von Anbeginn bestimmt. Gelobt sei Allah, der es in seiner Weisheit so gefügt! Nimm meinen Dank für Deine Mühe und kehre glücklich heim!“

Damit erhob sich der Pascha und verließ das Zimmer; gleich darauf erschien der Secretair, übergab mir im Namen seines Gebieters eine Rolle Ducaten und geleitete mich zur Fähre hinab. Wie im Traume fuhr ich über den wohlbekannten Strom. War das wirklich Uros, der alte Fährmann? Noch ganz unter dem Eindrucke des Erlebten, glaubte ich aus einem Fabellande zu kommen; so seltsam hatte die Zaubermacht des Fatalismus meine skeptische Seele berührt. O ihr gesammten Philosophen der Erde, habt ihr einen wissenschaftlichen Satz gefunden, der eine Menschenseele so zu trösten, zu versöhnen vermag, wie der blinde Glaube, die Lehre der Vorherbestimmung? „Wahrlich, wenn ich nicht Alexander wäre, ich möchte Diogenes sein.“
A. F–m.




Das deutsche Geschwader im Orient.


Das von der deutschen Reichsregierung anläßlich der Ermordung des deutschen und französischen Consuls in Salonichi dorthin entsandte Flottengeschwader hat, nachdem der deutschen Ehre und Flagge die denkbar vollste Genugthuung Seitens der türkischen Regierung zu Theil geworden, die dortige Station jüngst wieder verlassen und befindet sich nun theils auf dem Heimwege, theils unterwegs nach anderen entfernten Stationen, wo die Entfaltung der deutschen Reichsflagge zur Wahrung der deutschen Interessen und zu Schutz und Schirm für unsere Landsleute in der Ferne dienlich und nothwendig erscheint.

[654]

Das deutsche Geschwader im Orient. Nach der Natur aufgenommen von Hermann Penner.

„Deutschland“,
Panzerfregatte.
„Pommerania“,
Aviso.
„Kaiser“,
Panzerfregatte. (Flagschiff).
„Friedrich Karl“,
Panzerfregatte.
„Kronprinz“,
Panzerfregatte.
„Nautilus“,
Kanonenboot.
„Meteor“,
Kanonenboot.
„Medusa“,
Corvette.
Comet“,
Kanonenboot.

[655] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [656] Es möchte deshalb an der Zeit sein, unsern Lesern ein Bild jenes vor Salonichi vereinigt gewesenen Geschwaders, wie es für die „Gartenlaube“ von einem der tüchtigsten Marinemaler nach der Natur angenommen worden, hier vor Augen zu führen.

Ist es auch nur ein Theil, und zwar der kleinere Theil, der deutschen Schlachtenflotte, aus dem jenes Geschwader formirt worden, so gewährt dasselbe gleichwohl in seiner von unserem Maler naturgetreu wiedergegebenen Aufstellung einen recht imposanten Anblick, und der müßte kein Deutscher sein, der davon nicht von Freude erfüllt würde. Leider läßt sich hier im Bilde nur das Aeußere wiedergeben, während es doch hauptsächlich die vortreffliche Ausrüstung und Armirung der Fahrzeuge und deren Führung durch die tüchtigsten Officiere, sowie die exacte Ausbildung der ebenso gut geschulten wie disciplinirten Mannschaften ist, durch welche unsere doch immerhin noch junge Seemacht selbst ihren schlimmsten Neidern im Auslande Achtung eingeflößt und offene Anerkennung abgenöthigt hat.

Und mit welchem Jubel wird erst das Erscheinen der deutschen Kriegsflagge von unseren deutschen Landsleuten in fernen, fremden Landen begrüßt, wie wird von ihnen jede Ankunft eines deutschen Kriegsfahrzeuges als ein schon monatelang vorher ersehntes und erwartetes Ereigniß hochgefeiert! Haben sie doch auch alle Ursache zu solchem Jubel und solcher Freude. Ist der deutsche Aar doch schon überall und soweit der Kiel eines Schiffes bis in die fernsten Meere nur zu dringen vermag, eine feste Burg geworden für die Deutschen und das deutsche Recht, und nicht mehr, wie sonst, sind unsere Handelsschiffe der Raublust barbarischer Piraten und Strandräuber, die in fernen Zonen ansässigen Landsleute nicht mehr der Willkür fremder Machthaber schutz- und hülflos preisgegeben, wie das noch vor zwei Decennien, ja in uns noch näher liegenden Zeiten der Fall war.

Doch wenden wir uns nun zur Betrachtung unseres Bildes. Das vor uns sich ausbreitende Geschwader besteht aus neun Kriegsfahrzeugen, nämlich vier Panzer-Fregatten „Kaiser“, „Deutschland“, „Friedrich Karl“ und „Kronprinz“; einer Glattdecks-Corvette „Medusa“; einem Kanonenboot der Albatroß-Classe „Nautilus“, zwei Kanonenböten erster Classe „Komet“ und „Meteor“ und endlich einem Dampf-Aviso „Pommerania“, der zugleich dem Geschwader als Tender dient. Dieses letztere Fahrzeug ist ein Raddampfer, alle vorher genannten Schlachtschiffe sind Schraubendampfer.

Der Commandant des Geschwaders befindet sich an Bord des „Kaiser“. Dies sagt uns nämlich die viereckige Flagge, ein schwarzes Kreuz im weißen Felde zeigend, welche am hinteren, dem Kreuzmaste, dieser Panzerfregatte aufgehißt ist und zugleich bekundet, daß ein Contre-Admiral (bekanntlich der Contre-Admiral Batsch) das vor uns liegende Geschwader befehligt.

Zur Orientirung für unsere mit den Gebräuchen und der Rangordnung in der Marine nicht bekannten Leser wollen wir hier einschalten, daß Rang und Flagge der höheren Seeofficiere folgende ist:

1) Der Admiral (im Range eines commandirenden Generals der Landarmee) führt die Flagge (viereckig mit schwarzem Kreuz im weißen Felde) am mittleren, dem Großmast, seines Schiffes;
2) der Vice-Admiral (im Range eines Generallieutenants) führt dieselbe Flagge, aber am vordersten, dem Fockmast, seines Fahrzeuges;
3) der Contre-Admiral (der den Rang eines Generalmajors der Landarmee einnimmt) läßt die gleiche Flagge, wie schon oben erwähnt, am hinteren, dem Kreuzmaste, seines Schiffes wehen;
4) ein Capitain zur See (Commodore, im Range eines Obersten der Landarmee) führt den Commodore-Stander, das ist eine ausgezackte, weiße Flagge mit schwarzem Kreuze am mittleren, also dem Großmaste.

Diese vier Officiere heißen deshalb Flaggofficiere, weil sie zum Zeichen ihres Ranges eine Flagge führen, während allen übrigen Schiffsbefehlshabern nur gestattet ist, einen ganz langen und schmalen, vorn ausgezackten Wimpel zu führen.

Was das soeben am Großmaste des Flaggschiffs „Kaiser“ gehißte Signal bedeutet, ist uns einstweilen noch unbekannt, da uns das zur Erklärung nöthige Signalbuch nicht zur Hand ist, doch können wir es leicht errathen,[WS 2] wenn wir ein wenig aufmerken, und da haben wir’s wohl auch schon; es heißt vermuthlich: „Bramsegel festmachen!“

Für unsere seebrauchsunkundigen Leser sei hier noch bemerkt, daß außer dem internationalen Flaggensystem, vermittelst dessen sich die Schiffe aller Nationen mit einander verständigen können,[1] jedes Land für seine Kriegsmarine auch noch ein eigenes Signalsystem hat, das streng geheimgehalten wird und werden muß und bei einer befürchteten Entdeckung sofort sich ändern läßt. Viele dieser mit Recht streng verborgenen Signalbücher sind in Blei gebunden, um sogleich über Bord geworfen und in’s Meer versenkt werden zu können, falls ein Schiff vom Feinde genommen wird.

Wer noch niemals ein Seeschiff, zumal ein größeres Kriegsfahrzeug, gesehen hat, der wird sich schwerlich einen auch nur annähernd richtigen Begriff von der Größe und Ausrüstung, vor Allem aber der regelrechten Leitung eines solchen See-Ungethüms machen können. Raum und Zeit sind uns aber heute so knapp zugemessen, daß wir unseren Lesern leider eine näher eingehende instructive Beschreibung der einzelnen uns bildlich vor Augen geführten Schlachtschiffe, so interessant dieselbe auch für sie sein möchte, hier nicht mehr zu geben vermögen. Wir müssen uns das für eine spätere gelegentliche Spazierfahrt nach den deutschen Kriegshäfen noch vorbehalten und uns für diesmal darauf beschränken, Alter, Stärke und Kampffähigkeit unserer Geschwader-Fahrzeuge, soweit es möglich ist, hier noch anschaulich zu machen.

1) Das Flaggschiff „Kaiser“, mit dem Geschwader-Chef, Contre-Admiral Batsch, an Bord, commandirt vom Capitain zur See Freiherrn von der Goltz, ist am 19. März 1874 vom Stapel gelassen. Es hat 458616/94 Tonnen Gehalt und eine Maschine von 8000 nominellen Pferdekräften. Seine etatmäßige Besatzung besteht aus sechshundert Mann. Es führt acht lange Sechsundzwanzig-Centimeter-Kanonen in Rahmenlaffeten und eine lange Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanone in Kajütslaffete. Außerdem hat es noch vier schwere Acht-Centimeter-Stahlkanonen auf zweiräderigen Laffeten als Landungsgeschütze an Bord.
2) Die Panzerfregatte „Deutschland“, zur Linken des „Kaiser“, hat die gleiche Größe, Armirung und Bemannung, wie dieser. Sie machte ihren Stapellauf am 12. September 1874. Commandant ist der Capitain zur See Mac-Lean.
3) Der Aviso „Pommerania“, der zwischen beiden genannten Schiffen sichtbare, unserem Geschwader als Tender beigegebene Raddampfer, hat 400 Tonnen Gehalt und eine Maschine von 700 nominellen Pferdekräften. Er ist im Jahre 1870 von der Marineverwaltung angekauft, hat eine etatsmäßige Besatzung von vierundvierzig Mann und wird zur Zeit vom Capitain-Lieutenant Georgi befehligt.
4) „Friedrich Karl“, dem „Kaiser“ zunächst, ist gleich diesen Panzerfregatte und am 16. Januar 1867 vom Stapel gegangen. Sein Tonnengehalt ist 4003; seine Maschine hat 3500 nominelle Pferdekräfte. Er führt fünfzehn kurze Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanonen und eine lange Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanone in Rahmenlaffeten. Außer diesen hat er vier schwere Acht-Centimeter-Stahlkanonen auf zweirädrigen Laffeten (Landungsgeschütze) an Bord. Seine etatsmäßige Besatzungsstärke ist fünfhundert Mann. Commandant ist Capitain zur See Przewinsky.
5) „Kronprinz“, eine am 6. Mai 1867 vom Stapel gelaufene Panzerfregatte, hat 3404 Tonnen Gehalt und seine Maschine 4800 nominelle Pferdekräfte. Etatsmäßige Armirung und Besatzungsstärke ist die gleiche wie beim „Friedrich Karl“. Commandant ist Capitain zur See Livonius.
6) „Nautilus“, dem vorhin genannten Panzer zunächst liegend, ist ein Kanonenboot der Albatroß-Classe, von 60125/94 Tonnengehalt mit einer Maschine von 600 nominellen Pferdekräften. Er ist am 31. August 1871 vom Stapel gelassen. An Geschützen führt er zwei kurze Fünfzehn-Centimeter-Ringkanonen in Rahmenlaffeten und zwei Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Brookwelllaffeten. Er hat eine etatsmäßige Besatzungsstärke von fünfundneunzig Mann. Commandant ist Corvetten-Capitain von Valois.

[657]

7) „Meteor“, ein Kanonenboot erster Classe, ist erheblich kleiner, als der „Nautilus“. Er hat seinen Stapellauf bereits am 17. Mai 1865 gemacht, hält 304 Tonnen und hat eine Maschine von 320 nominellen Pferdekräften. Von Geschützen führt er zwei Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Mittelpivotlaffeten und eine kurze Fünfzehn- Centimeter-Ringkanone in Rahmenlaffeten. Seine Besatzungsstärke beträgt vierundsechszig Mann. Commandant ist Capitain-Lieutenant Freiherr von Rössing.
8) „Medusa“, das nächstliegende Schiff, ist eine am 20. October 1864 vom Stapel gelaufene Glattdecks-Corvette. Ihr Tonnengehalt ist 970; ihre Maschine hat 800 nominelle Pferdekräfte. Sie führt neun Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Brookwelllaffeten und eine Acht-Centimeter-Bootskanone in Boots- und Landungslaffete. Die etatsmäßige Besatzungsstärke besteht in hundertneunzig Mann. Commandant ist Corvetten-Capitain Zirzow.
9) „Comet“, das ganz rechts auf unserem Bilde gleich dem „Meteor“ nur eben sichtbare kleine Schiff, ist ein Kanonenboot erster Classe von der Größe des „Meteor“ und mit einer Maschine von 250 nominellen Pferdekräften; es ist am 4. August 1860 vom Stapel gelaufen. Armirung und Bemannung ist genau dieselbe wie beim „Meteor“. Commandant ist Capitain-Lieutenant Pawelz.

Fassen wir nun die vorstehenden Zahlenangaben zusammen, so ergiebt sich daraus, daß die acht Schlachtschiffe des Geschwaders mit zusammen neunundsechszig Schiffsgeschützen, meist schwersten Calibers, armirt sind und außerdem noch siebenzehn Landungsgeschütze an Bord haben, während die etatsmäßige Besatzungsstärke aller vorher genannten Fahrzeuge zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig Mann beträgt.

Hinsichtlich der Ausrüstung der größeren, namentlich der Panzerfahrzeuge, bedarf es hier noch der Erwähnung, daß jedes derselben neben den sonstigen auf jedem größeren Schiffe untergebrachten Booten eine Dampfbarkasse – das ist ein mit einer Dampfmaschine ausgerüstetes großes Boot – mit sich führt.

Wir hoffen uns den Dank der Leser zu verdienen, wenn wir ihnen zum Schlusse an nur einem Beispiele zeigen, in welche Bestandtheile die Besatzungsstärke eines größeren Panzerschiffes zu zerlegen ist.

Die Besatzungsstärke der Panzerfregatte „Friedrich Karl“, die wir für unser Beispiel wählen wollen, beträgt, wie vorher schon angegeben, 500 Mann. Diese 500 Mann aber vertheilen sich wie folgt: 1 Capitain zur See, 1 Corvetten-Capitain, 2 Capitain-Lieutenants, 4 Lieutenants zur See, 7 Unter-Lieutenants, 1 Premier-Lieutenant vom Seebataillon, 1 Stabsarzt, 2 Assistenzärzte, 1 Maschinen-Ingenieur, 1 Zahlmeister, 7 Decksofficiere 1. Classe und 4 Decksofficiere 2. Classe (Feldwebel), 12 See-Cadetten, 11 Obermaate (Sergeanten), 27 Maate (Unterofficiere), 59 Obermatrosen (Gefreite), 173 Matrosen, 2 Obermeisters-Maate, 2 Meisters-Maate, 1 Oberhandwerker, 11 Handwerker, 4 Obermaschinisten-Maate, 9 Maschinisten-Maate, 2 Oberfeuermeister, 5 Feuermeister, 14 Oberheizer, 42 Heizer, 1 Ober-Lazarethgehülfe, 1 Unter-Lazarethgehülfe; vom Seebataillon: 1 Stabs-Wachtmeister, 2 Stabs-Sergeanten, 3 Stabs-Unterofficiere resp. -Gefreite, 1 Sergeant, 5 Unterofficiere, 72 Gemeine und Spielleute für die verschiedenen Messen (Messe heißt auf den Kriegsschiffen soviel wie Tischgenossenschaft): 4 Köche und 4 Kellner. Dies sind die obigen 500 Mann, die den Besatzungs-Etat nur eines deutschen Kriegsfahrzeuges ausmachen.

Es ist das ein recht großer Apparat für die Abwickelung des Dienstes auf einem Schiffe, und ein Unkundiger könnte zweifeln, ob es bei solcher Complicirtheit möglich, daß stets Alles richtig ineinander greife. Wer aber einmal Gelegenheit gehabt hat, eines dieser Seeungeheuer in allen seinen Einrichtungen genauer kennen zu lernen und zu sehen, mit welcher echt deutschen Pünktlichkeit sich da jeder Dienst abwickelt, wie exact jedes Manöver unter dem Commando der erfahrenen Officiere von den braven Mannschaften selbst unter den schwierigsten Verhältnissen ausgeführt wird, dem werden ähnliche Zweifel nicht mehr aufkommen können und der wird mit uns das vollste Vertrauen gewinnen müssen zur Tüchtigkeit und Kampffähigkeit unserer Marine.

Wenn irgendwo die deutsche Einheit schon zur vollen Wahrheit geworden ist, so ist sie es in unserer Kriegs-Marine, zu der alle alle Gaue unseres lieben, großen deutschen Vaterlandes ihre braven Söhne als Contingent gestellt haben. „Gleiche Arbeit, gleiche Treue“ verbindet zu einem innigern Vereine die Söhne des deutschen Südens mit denen des Nordens auch auf den schwimmenden deutschen Vesten der Meere.
C. B.




Blätter und Blüthen.


Anastasius Grün. Wieder widmet die deutsche Literatur zugleich zwei Auserwählten ihre Kränze, einen Jubellorbeer dem Einen, einen Todtenkranz dem Andern – während man in Wien Vorbereitungen trifft, um den siebenzigsten Geburtstag Heinrich Laube’s zu feiern, sind auf Anastasius Grün’s Sarge die Blumen kaum verwelkt.

In dem gesinnungstapferen Wiener „Spaziergänger“ hat die österreichische Poesie ihren Ehren-Veteran verloren. Seine Dichtung ist eng verknüpft mit den politischen Kämpfen Oesterreichs; Grün war ein lyrischer Volkstribun, der die freien Forderungen und reformatorischen Ideen der Zeit in geharnischten Liedern zur Geltung brachte. Die Nachwelt wird von ihm rühmen, was die Mitwelt längst anerkannt hat, daß er zu einer Zeit schwerster nationaler Heimsuchungen seinem Volke einen Spiegel vorgehalten, in dem er ihm sein politisches und nationales Elend mannhaft und unerschrocken zeigte, daß er ihm aber zugleich als ein thatkräftiger Poet der Opposition den Weg wies, welcher es zu einem aus „Schutt“ erblühenden Frühling führte. Anastasius Grün’s unvergängliche Dichtungen, tief und bedeutsam ihrem geistigen Inhalte nach, edelschön und abgeklärt in der Form, sind ebenso viele Denkmale des politischen und freiheitlichen Ringens des österreichischen Volkes, aber nicht nur das leiht ihnen ihren Werth – sie weisen eine reiche Fülle rein menschlicher Schönheiten und Wahrheiten auf, welche sie weit hinausträgt über die Grenzen Oesterreichs. Das gesammte Deutschland, ja die ganze gebildete Welt betrauert das Hinscheiden dieses standhaften Verfechters von Freiheit und Menschenrecht.


Die Photographie der Töne noch einmal. Folgende Ergänzung eines kürzlich von uns veröffentlichten kleinen Artikels geht uns zur Mittheilung zu: „In Nr. 34 der ‚Gartenlaube‘ findet sich eine Notiz ‚Photographirte Musik‘, in welcher eine ‚Idee‘ des Professor H. Vogel zu Berlin mitgetheilt wird, mittelst Cyangasflämmchen musikalische Töne zu photographiren. Der betreffende Herr Berichterstatter bemerkt, daß derartige photographirte Musik in der Theorie schöner ausfällt, als sie sich in der Praxis darbieten würde. Nichtsdestoweniger ist das Problem, Töne und Accorde photographisch darzustellen, glänzend gelöst, jedoch nicht auf jene complicirte Methode, sondern höchst einfach, indem sehr dünne geschwärzte Glimmerblättchen an die schwingenden Saiten befestigt werden. Die Glimmerblättchen sind mit einer feinen punktförmigen Oeffnung versehen, durch welche mittelst Spiegelung je ein greller Sonnenstrahl geleitet ist. Wenn nun die Saite angeschlagen wird und in ihrem eigenthümlichen Tone vibrirt, macht das Glimmerblättchen und dessen grell beleuchteter Mittelpunkt die Tonschwingungen der Saite in gleicher Zeiteinheit mit. Wird ferner ein photographischer Apparat mit beweglicher Platte auf die Glimmerblättchen der tönenden Saiten gerichtet, so bilden sich alle Tonschwingungen in Curvenform auf der lichtempfindlichen Schicht des Apparates ab, die sich dann je nach der Dauer der Accorde und bei genügender Länge der Platte als zusammenhängende Toncurvenbilder aneinanderreihen. Die Photographie der Töne wurde inn Herbste 1875 von dem Mitarbeiter der ‚Gartenlaube‘, Dr. S. Th. Stein zu Frankfurt a. M., erfunden und ist in dessen größerem Werke ‚Das Licht im Dienste wissenschaftlicher Forschung‘, sowie in den bekannten ‚Poggendorff’schen Annalen für Physik und Chemie‘ (Septemberheft 1876) ausführlich beschrieben und durch viele Abbildungen erläutert worden.
Th.

Untersuchungsbüreau. Von Hamburger Agenten wird ein Mittel gegen Warzen und Hühneraugen vertrieben, das wahrscheinlich englischen Ursprungs ist. Wir übergaben es dem „Untersuchungsbüreau des Pharmaceutischen Kreisvereins zu Leipzig“ und erhielten darüber folgende Auskunft:

„Die Flüssigkeit in dem übersandten Glasröhrchen ist weiter nichts als ganz gewöhnliche rauchende Salzsäure, wie sie z. B. der Klempner zum Löthen braucht und wie sie zuweilen zu technischen Zwecken verwandt wird. Der Werth derselben ist gleich Null, das heißt: das ganze Pfund davon kostet etwa zehn Pfennige.“

Wir benutzen diese Gelegenheit, um auf das genannte Untersuchungsbüreau in weiteren Kreisen aufmerksam zu machen. In Folge der immer mehr überhand nehmenden Verfälschung vieler Nahrungsmittel, welche nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Wohlbefinden und selbst die Gesundheit der Menschen beeinträchtigt, hat bereits im vorigen Jahre der Verein der Apotheker des Regierungsbezirks Leipzig ein Büreau für Untersuchung von Nahrungsmitteln, sowie für gewisse hygieinische Zwecke, welche das öffentliche Wohl betreffen, errichtet. Dieses Büreau hat, wie aus einem im „Leipziger Tageblatte“ enthaltenen Berichte hervorgeht, seit etwa fünf Vierteljahren bereits eine bedeutende Anzahl von Untersuchungen ausgeführt und zwar hauptsächlich in Bezug auf Bier, Wein, [658] Brunnenwasser, Essig, Milch, Butter, Brod und andere Gebäcke, Mehl, Gewürze, Fleischwaaren und dergleichen, auch sind daselbst vielfach Tapeten, Kleiderstoffe, Papiere etc. auf Arsenik und andere giftige Farben untersucht worden. Es würde uns zu weit führen, über die verschiedenen Fälle zu berichten, in denen mehr oder minder gefährliche Verfälschungen nachgewiesen wurden. Wir geben diese kurze Notiz nur für Diejenigen, welche nicht wissen, an wen sie sich vorkommenden Falles wenden sollen, um Verfälschungen ermitteln zu lassen. Es genügt, das Untersuchungsobject an irgend einen Apotheker des Regierungsbezirks Leipzig einzusenden; wem keine Adresse zu Gebote steht, der wende sich an den dermaligen Vorstand des Büreaus, Apotheker Kohlmann in Leipzig (Reudnitz).


Ein biographisches Denkmal Ferdinand Freiligrath’s hat Schmidt-Weißenfels zugleich mit der Feder des warm empfindenden Freundes und des ruhig urtheilenden Kritikers entworfen. Das bei Wilhelm Müller in Stuttgart erschienene kleine Buch entrollt uns ein anschauliches Bild von dem schicksal- und kämpfereichen Leben des begeisterten Sängers der Freiheit und der Liebe; das treue, tiefe Gemüth Freiligrath’s, sein männlich edler Charakter und das dabei doch so naiv kindliche Wesen dieses echt deutschen Mannes und Dichters werden uns hier durch Mittheilung von meistens noch unbekannt gebliebenen Zügen und Ereignissen aus dem Leben des Dahingegangenen in neuem Lichte vorgeführt. Es ist eine feinsinnige Art der psychologischen Betrachtung, in der Schmidt-Weißenfels es verstanden hat, der inneren Entwickelung des ihm eng verbundenen Kämpfers und Dulders in dieser Schrift nachzugehen und die einzelnen bedeutsamen Stufen und Stationen des Werdens und Wachsens des Poeten durch Citate aus dessen Gedichten eindrucksvoll zu kennzeichnen. Wir heißen das kleine Werk, welches durch das Portrait des Dichters und seine facsimilirte Namensunterschrift geschmückt wird, als eine gewiß allgemein freudig begrüßte Vervollständigung des geistigen Bildes Freiligrath’s warm willkommen.


Aus dem Leben der Insecten. Die Meinung, daß der Mensch allein die Befähigung besitze, zu denken, die Thiere aber in Allem, was sie vornehmen, blos von dem ihnen angeborenen Instinct oder Naturtrieb sich leiten lassen, ist hinsichtlich der höher organisirten Säugethiere und der Vögel längst widerlegt; daß aber auch die Insecten bei außergewöhnlichen Vorkommnissen mit Berechnung und Ueberlegung handeln geht aus folgendem vom Beobachter in allen Einzelheiten verbürgten Vorfall klar hervor: Ein Freund der Natur und insbesondere der Thierwelt betrachtete einst an einem heißen Sommertage das emsige Treiben von Ameisen, welche eben beschäftigt waren, die vorhandenen Puppen – irrthümlich Eier genannt – aus dem Innern des aufgeworfenen Erdhaufens hervorzuholen und den Sonnenstrahlen auszusetzen, und erblickte während seiner Beobachtungen seitwärts eine Ameise, welche derart in einen Wassertropfen gerathen war, daß sie sich trotz aller Anstrengungen nicht herausarbeiten konnte. Nach kaum zwei Minuten wollte eine andere Ameise an jener Stelle in einer Entfernung von etwa vier Zoll vorübereilen, blieb aber nun, wie auf Commando oder Hülferuf, plötzlich stehen und lief dann sogleich zu der bedrängten Cameradin hin, um diese aus ihrer schlimmen Lage zu befreien. Um jedoch nicht selbst allen Halt zu verlieren, blieb das kleine Thier mit den beiden Hinterfüßen auf dem festen Boden stehen und streckte dann den linken Vorderfuß so weit wie möglich aus. Die andere Ameise aber, welche die Absicht der Retterin jedenfalls gleich erkannte, reichte ihr den rechten Vorderfuß entgegen, klammerte sich an die Helferin an, und wurde nun von dieser, welche sofort rückwärts ging, schnell auf den trockenen Boden gezogen, worauf beide Ameisen nach verschiedenen Richtungen weiter liefen.

Dieser ungewöhnliche Fall liefert doch gewiß den Beweis, daß auch die Insecten denken; denn die rettende Ameise erkannte nicht nur die Gefahr der anderen, sowie die Nothwendigkeit der Hülfeleistung, sondern sie fühlte sich wohl auch verpflichtet, deren Rettung selbst zu versuchen, sie verfuhr aber hierbei mit solcher Klugheit, daß sie nicht anders hätte handeln können, wenn sie menschliche Vernunft besessen hätte.


Ein erfreuliches Zeichen von dem wachsenden Verständniß für die deutsche Poesie in England ist das Erscheinen einer Sammlung von Gedichten, welche C. A. Buchheim unter dem Titel „Deutsche Lyrik“ (London, Macmillen u. Comp.) für das englische Publicum herausgiebt. Ausgestattet mit einer literarischen Einleitung und zahlreichen Anmerkungen, beides in englischer Sprache, gewährt diese Anthologie, welche sich aus den hervorragendsten poetischen Erzeugnissen unserer Literatur von Luther’s Zeiten an bis in die Gegenwart im deutschen Originaltext zusammengesetzt, ein interessantes Bild von der Entwickelung der Poesie im Lande der „Denker und Träumer“ und ist vor anderen derartigen Sammelwerken geeignet, ausländische Leser mit unserer lyrischen Dichtung bekannt zu machen. Unter vorwiegender Berücksichtigung des sangbaren Liedes bietet uns der Herausgeber in verständnißvoller Auswahl und lichtvoller Gruppirung dreihundertundvierzehn Gedichte und stellt so ein poetisches Ganzes zusammen, welches in Hinblick auf seine vermittelnde Stellung zwischen den Literaturen Englands und Deutschlands gewiß jenseits und diesseits des Canals gleich freudig begrüßt werden wird.


Berichtigung. In unserem Artikel: „Die steinerne Chronik an der Saale“ (Nr. 37) ist Seite 624 in der ersten Spalte, Zeile 16 und 17 von oben, statt: Peterberg zu lesen: Paterberg. Ebenso in der zweiten Spalte, Zeile 5 von unten, nicht: Ruinen, sondern Rainen.



Kleiner Briefkasten.

Ab. in Posen. Oeffentliche Alters-Asyle sind uns außer den in Nr. 49 des Jahrgangs von 1875 der „Gartenlaube“ bereits genannten nicht bekannt geworden. Das Anerbieten aber, Privatunternehmungen dieser Art nachzuweisen, müssen wir, da wir die Mißlichkeit der Ausführung erkannt, zurücknehmen. Wir können ebenso wenig alle diese Unternehmungen prüfen, wie es gewissenhaft finden, sie ohne Prüfung, nur auf das eigene Lob der Besitzer hin, zu empfehlen. Die Förderung „Allgemeiner Alters-Asyle“ werden wir indessen nicht aus dem Auge verlieren.

Zozia in Gnesen. Die Novelle „Das Kind Gabrielens“ ist für die „Gartenlaube“ nicht geeignet; wir bitten darüber zu verfügen.

Die Achtzehnjährige in Mainz. Wer behauptet, daß es keine Frauenfreundschaft gebe und Freundschaft nur unter Männern bestehen könne, der beschimpft seine eigene Mutter. Da die höchste, die rein geistige Freundschaft (bei der Liebe sprechen neben Gemüth und Geist immer die Sinne ein Wort mit) auf der Uebereinstimmung zweier Menschen im Denken, Fühlen oder Wollen beruht, so müßte man der Jungfrau, der Frau, der Mutter geradezu die Fähigkeit zum Denken, Fühlen und Wollen absprechen, indem man sie von der Würdigkeit zum Glück der Freundschaft ausschließt. Daß Sie in Geschichtsbüchern häufiger die Beispiele von Männerfreundschaft gepriesen finden, erklärt sich daraus, daß die Männer es sind, welche die Geschichte machen (wenigstens zu machen glauben) und ihre Freundschaften auf dem Markte zeigen, während das Frauenleben sich im Hause abspinnt. Dennoch steht auch Ihnen ein Beispiel von höchstem Werthe zu Gebote, das Sie in keinem geringeren Buche als der Bibel finden: die Freundschaft der Maria und Elisabeth, der Mütter des Jesus und Johannes. Sie haben die Wette gewonnen.

W. N. in Sch. „Schamlose Schmarotzerei“ ist in der That das rechte Wort für das Verfahren der uns von Ihnen namhaft gemachten Blätter. Dieselben standen übrigens schon auf unserem Brette; neu war uns unter ihnen nur das „Tägliche Cincinnati Volksblatt“, welches, wie Sie richtig annahmen, ohne unsere Ermächtigung Werner’s „Vineta“ nachdruckt, hierin an Frechheit jenen Theaterbearbeitungen nicht nachstehend, welche ein Berliner Vorstadttheater trotz der erst halb fertigen Novelle schon jetzt seinen Besuchern vorführt. – Was Ihre Vermuthungen in Betreff der Uebersetzungen von „Vineta“ betrifft, so haben Sie übrigens recht argumentirt; denn schon jetzt sind englische und russische Federn eifrig mit der Uebersetzung der Erzählung beschäftigt. Da Sie sich indessen so lebhaft für E. Werner interessiren, wird es Sie gewiß auch nicht gleichgültig lassen, daß von „Glück auf“ eine mit der gewohnten britischen Solidität und Pracht ausgestattete englische Uebersetzung von Christina Tyrrell unter dem Titel: „Success and how he won it“ (London, Bentley & Son) erschienen ist.

H. P. Ihre Arbeit ist nicht zu verwenden. Disponiren Sie gefälligst über das Manuskript!




Nicht zu übersehen.


Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Außer der Fortsetzung der im dritten Quartal begonnenen und mit so vielem Beifall aufgenommenen Erzählung

„Vineta“ von E. Werner,

liegt für das vierte Quartal noch eine tief ergreifende Novelle:

„Er hat kein Herz“

vor, auf die wir im Voraus aufmerksam machen möchten.

Außerdem eine Reihe interessanter, belehrender und unterhaltender Artikel, deren Titelanzeige wir heute unterlassen.


Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig anstatt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Signalflaggen unterscheiden sich durch Form, Farbe und Farbenzusammenstellung von einander, und zwar kommen „Flaggen“, dreieckige „Stander“ und lange „Wimpel“ dabei zur Anwendung.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Philander von Zesen
  2. Vorlage: erratheu