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Die Gartenlaube (1876)/Heft 31

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[513]

No. 31.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Das Boot, in welchem sich Waldemar und die junge Gräfin Morynska befanden, flog mit vollem Segel dahin. Die See war heute ziemlich bewegt; die Wellen, die das Schiffchen durchfurchte, brachen sich schäumend am Kiele und spritzten auch wohl über Bord, was die beiden Insassen aber wenig kümmerte. Waldemar saß am Steuer, mit einer Ruhe, die bewies, daß er der Führung unter allen Umständen Herr war, und Wanda, die ihm gegenüber im Schatten des Segels Platz genommen hatte, schien an der schwebend schnellen Fahrt große Freude zu haben.

„Leo wird uns bei der Tante verklagen,“ sagte sie, nach dem Lande zurückblickend, von dem sie schon eine Strecke entfernt waren. „Er ging in vollem Zorne fort. Sie waren aber auch sehr unfreundlich gegen ihn, Waldemar.“

„Ich liebe nicht, daß ein Anderer das Steuer in Händen hat, wenn ich im Boote bin,“ antwortete er kurz und herrisch.

„Und wenn ich es nun haben wollte?“ fragte Wanda neckend.

Er gab keine Antwort, aber er stand sofort auf und bot ihr schweigend das Steuer. Die junge Gräfin lachte.

„O, nicht doch. Es war nur eine Frage. Ich habe kein Vergnügen an der Fahrt, wenn ich fortwährend auf das Lenken achten muß.“

Ohne ein Wort zu sagen, nahm Waldemar das Steuer wieder zur Hand, das allerdings den ersten Anlaß zum Streite zwischen ihm und Leo gegeben hatte, wenn der eigentliche Grund auch anderswo lag.

„Wohin segeln wir denn eigentlich?“ nahm Wanda nach einem kurzen Schweigen wieder das Wort.

„Ich denke, nach dem Buchenholm. Es war ja verabredet.“

„Wird das für heute nicht zu weit sein?“ fragte die junge Dame ein wenig bedenklich.

„Bei dem günstigen Winde sind wir in einer halben Stunde dort,“ sagte Waldemar, „und wenn ich später die Ruder tüchtig einlege, brauchen wir kaum mehr Zeit zur Rückkehr. Sie wollten ja den Sonnenuntergang einmal vom Buchenholm aus sehen.“

Wanda widersprach nicht länger, obgleich sie ein unbestimmtes Gefühl von Bangigkeit überkam. Sonst war Leo der stete Begleiter der Beiden auf allen Spaziergängen und Ausflügen; zum ersten Male befanden sie sich heute allein mit einander. So jung Wanda auch noch war, sie hätte keine Frau sein müssen, um nicht schon bei dem zweiten Besuche Waldemar’s zu entdecken, was ihn bei dem ersten so seltsam scheu und verlegen gemacht hatte. Er war nicht fähig, sich zu verstellen, und seine Augen redeten eine nur allzu deutliche Sprache, obgleich er sich noch mit keinem Worte verrathen hatte. Er war gegen Wanda noch einsilbiger und zurückhaltender als gegen Andere, aber trotzdem kannte sie ihre Macht über ihn hinreichend und wußte sie zu brauchen, mißbrauchte sie wohl auch gelegentlich einmal, denn ihr war die ganze Sache in der That nur ein Spiel, nichts weiter. Es machte ihr Vergnügen, daß sie diese starre, unbändige Natur mit einem Worte, ja mit einem einzigen Blicke lenken konnte; es schmeichelte ihr, Gegenstand einer zwar meist stummen und seltsamen aber doch leidenschaftlichen Huldigung zu sein, und vor allem machte es ihr Spaß, daß sich Leo so sehr darüber ärgerte. Seinem älteren Bruder den Vorzug zu geben, fiel ihr in Wirklichkeit gar nicht ein, denn Waldemar’s ganzes Wesen war ihr im höchsten Grade antipathisch. Sie fand sein Aeußeres abstoßend, seine Formlosigkeit entsetzlich und seine Unterhaltung langweilig. Auch hatte die Liebe den jungen Nordeck nicht liebenswürdiger gemacht. Er zeigte nie jene ritterliche Artigkeit, in der Leo, trotz seiner Jugend, schon Meister war; er schien sich im Gegentheil nur widerwillig dem Zauber zu beugen, dem er doch nicht mehr entfliehen konnte, und gleichwohl gab sein ganzes Wesen Zeugniß davon, mit welcher unwiderstehlichen Gewalt ihn die erste Leidenschaft gefangen genommen hatte.

Der Buchenholm mochte früher wirklich eine kleine Insel gewesen sein; der Name deutete noch darauf hin, jetzt war er nur noch eine dichtbewaldete Anhöhe, die durch einen schmalen Landstreifen, eine Art Dünenzug, mit dem Ufer zusammenhing, von wo aus man ihn zu Fuß erreichen konnte. Der Ort wurde trotz seiner Schönheit nur wenig besucht; er war zu einsam und abgelegen für die glänzende und zerstreuungssüchtige Badegesellschaft von C., die ihre Ausflüge meist nach den benachbarten Stranddörfern richtete. Auch heute befand sich Niemand auf dem Holm, als das Boot landete. Waldemar stieg aus, während seine junge Begleiterin, ohne seine Hülfe abzuwarten, leichtfüßig auf den weißen Sand des Ufers sprang und dann die Anhöhe hinaufeilte.

Der Buchenholm führte seinen Namen mit Recht. Der ganze Wald, der sich fast eine Meile lang am Strande hinzog, zeigte nicht so viele und so prachtvolle Bäume dieser Art, wie sie hier auf diesem Fleckchen Erde vereint standen. Es waren mächtige, [514] uralte Buchen, die ihre riesigen Aeste weithin über den grünen Rasen ausbreiteten und über die grauen verwitterten Steintrümmer, die hier und da zerstreut lagen – der Sage nach die Ueberreste einer alten heidnischen Opferstätte. An der Landungsstelle traten die Bäume zu beiden Seiten zurück, und wie in einem Rahmen lag das weite Meer da. Tiefblau dehnte sich die unabsehbare Fläche aus; kein Ufer, keine Insel begrenzte den Blick; kein Segel tauchte am Horizonte auf, nichts als das Meer in seiner ganzen Schönheit, und der Buchenholm lag so einsam und weltverloren da, als sei er wirklich ein kleines Eiland mitten im Ocean.

Wanda hatte ihren Strohhut abgenommen, um den sich nur ein einfaches schwarzes Band schlang, und ließ sich jetzt auf einem der moosbewachsenen Steine nieder. Sie trug noch theilweise die Trauer um den verstorbenen Fürsten Baratowski; das weiße Kleid zeigte als einzigen Schmuck einige schwarze Schleifen, und die schweren Enden der gleichfalls schwarzen Schärpe fielen an der Seite nieder. Diese Todtenfarbe auf dem weißen Gewande gab der Erscheinung des jungen Mädchens etwas Ernstes, Schwermüthiges, das ihr sonst gar nicht eigen war; sie sah unendlich reizend aus, als sie so, mit leicht verschlungenen Händen, dasaß und nachdenkend auf das Meer hinausblickte.

Waldemar, der an ihrer Seite auf den riesigen Wurzeln einer Buche Platz genommen hatte, schien das auch zu finden, denn er unterhielt sich ausschließlich damit, sie anzusehen. Die ganze übrige Umgebung existirte für ihn nicht, und er schreckte wie aus einem Traume empor, als Wanda auf ihren Steinsitz deutete und dabei scherzend fragte:

„Ist das vielleicht einer von Ihren alten Runensteinen?“

Waldemar zuckte die Achseln. „Da müssen Sie meinen Lehrer, den Doctor Fabian, fragen,“ entgegnete er. „Der ist in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung besser zu Hause als in dem jetzigen. Er würde Ihnen einen sehr gelehrten und ausführlichen Vortrag über Runensteine, Hünengräber und dergleichen halten; es wäre sein höchster Genuß, das zu thun.“

„Um Gotteswillen nicht!“ lachte Wanda. „Aber wenn Doctor Fabian solche Begeisterung für die Vorzeit hegt, dann wundert es mich, daß er nicht auch Ihnen den Geschmack daran beigebracht hat. Mir scheint, Sie sind sehr gleichgültig dagegen.“

Der junge Mann machte eine verächtliche Miene. „Was kümmern mich diese Alterthumsgeschichten! Mich interessiren Wald und Felder nur wegen der Jagd, die sie mir bieten.“

„Wie prosaisch!“ rief Wanda entrüstet. „Also nur Ihre Jagdgeschichten haben Sie im Kopfe? Und hier auf dem Buchenholm denken Sie wohl auch nur an die Rehe und Hasen, die er möglicher Weise bergen könnte?“

„Nein,“ sagte Waldemar langsam, „hier nicht.“

„Es wäre auch unverzeihlich in dieser Umgebung. Sehen Sie nur diese Abendbeleuchtung! Dort drüben scheint die Fluth förmlich zu strahlen.“

Waldemar folgte gleichgültig der Richtung ihrer Hand. „Ja wohl – dort soll ja auch Vineta versunken sein.“

„Was ist dort versunken?“ fragte die junge Dame, sich lebhaft umwendend.

„Haben Sie noch nicht davon gehört? Es ist eine unserer Meeressagen; ich glaubte, Sie kennten sie bereits.“

„Nein. Erzählen Sie!“

„Ich bin ein schlechter Märchenerzähler,“ sagte Waldemar abwehrend. „Fragen Sie unser Strandvolk danach! Jeder alte Schiffer weiß Ihnen das besser und ausführlicher zu berichten als ich.“

„Ich will es aber aus Ihrem Munde hören,“ beharrte Wanda. „Also erzählen Sie!“

Auf der Stirn Waldemar’s zeigte sich eine Falte – der Befehl klang auch gar zu gebieterisch.

„Sie wollen?“ wiederholte er mit einiger Schärfe.

Wanda sah recht gut, daß er verletzt war, aber sie pochte auf eine Macht, die sie während der letzten Wochen oft genug erprobt hatte. „Ja wohl, ich will,“ erklärte sie mit der gleichen Bestimmtheit wie vorher.

Die Falte auf der Stirn des jungen Mannes vertiefte sich. Es war wieder einer jener Momente, wo er sich trotzig gegen den Zauber aufbäumte, der ihn in Fesseln gelegt hatte, aber jetzt begegnete er den dunkeln Augen, die den Befehl in eine Bitte umzuwandeln schienen, und vorbei war es mit Trotz und Widerstand – seine Stirn glättete sich; er lächelte.

„Nun denn also, wie ich es geben kann, kurz und – prosaisch,“ sagte er, das letzte Wort betonend. „Vineta soll, der Sage nach, eine alte Meeresfeste gewesen sein, die Hauptstadt der damaligen Bevölkerung, die das Meer und die Küsten ringsum beherrschte und an Glanz und Pracht ihres Gleichen suchte, während ihr aus allen Ländern unermeßliche Schätze zuströmten. Aber Hochmuth und Sünden ihrer Bewohner riefen das Strafgericht des Himmels auf sie herab, und sie ward von den Fluthen verschlungen. Unsere Schiffer schwören noch heute darauf, daß dort drüben, wo das Ufer so weit zurücktritt, die Feste Vineta unversehrt auf dem Meeresgrunde ruht. Sie wollen unter dem Wasser oft die Thürme und Kuppeln erblicken, die Glocken läuten hören, und bisweilen, in gewissen Zauberstunden, soll die ganze Wunderstadt wieder heraufsteigen aus der Tiefe und sich den besonders Begnadeten zeigen – es giebt ja Luftspiegelungen genug auf dem Meere, und wir haben hier im Norden auch eine Art von Fata Morgana, wenn auch freilich äußerst selten –“

„So erlassen Sie mir doch die nüchterne Erklärung!“ unterbrach ihn Wanda ungeduldig. „Wer fragt darnach, wenn die Sage nur schön ist, und wunderschön ist sie. Finden Sie das nicht auch?“

„Ich weiß nicht,“ versetzte Waldemar in einiger Verlegenheit. „Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht.“

„Aber haben Sie denn ganz und gar keine Empfindung für Poesie?“ rief die junge Gräfin verzweiflungsvoll. „Das ist ja entsetzlich.“

Er schaute sie betreten an. „Finden Sie das wirklich so entsetzlich?“

„Gewiß!“

„Mich hat aber nie Jemand gelehrt, die Poesie zu verstehen,“ sagte der junge Mann wie im Tone der Entschuldigung. „Im Hause meines Onkels weiß man nichts davon, und meine Lehrer haben mir nur immer trockene Unterrichtsstunden gegeben – ich fange erst jetzt an zu begreifen, daß es überhaupt eine Poesie giebt.“

Die letzten Worte hatten einen beinahe träumerischen Ausdruck, den Waldemar sonst niemals zeigte. Er warf das Haar zurück, das ihm wie gewöhnlich tief in die Stirn herabfiel, und lehnte den Kopf an den Stamm der Buche. Wanda machte zum ersten Mal die Entdeckung, daß es eine merkwürdig hohe und schön gewölbte Stirn war, die sich da unter dem blonden Haargewirr barg. Jetzt, wo sie sich frei und unbedeckt zeigte, schien sie das unschöne und unregelmäßige Gesicht förmlich zu adeln. An den linken Schläfen lief eine eigenthümlich gezeichnete blaue Ader hin, die selbst im Moment der Ruhe scharf und deutlich hervortrat; die junge Gräfin hatte sie noch niemals bemerkt unter der „ungeheuren gelben Löwenmähne“, die ihr stets ein Gegenstand des Spottes war.

„Wissen Sie, Waldemar, daß ich soeben etwas entdeckt habe?“ fragte sie neckend.

„Nun?“ fragte er zurück, ohne seine Stellung zu verändern.

„Die seltsame blaue Ader da an Ihrer Stirn – die Tante trägt sie gleichfalls an den Schläfen, genau an derselben Stelle und genau ebenso gezeichnet, nur schwächer.“

„Wirklich? Nun, das ist auch wohl das Einzige, was ich von meiner Mutter habe.“

„Ja, es ist wahr, Sie ähneln ihr nicht im Mindesten,“ meinte Wanda unbefangen. „Und Leo gleicht ihr doch zum Sprechen.“

„Leo!“ wiederholte Waldemar mit eigenthümlicher Betonung. „Ja freilich, Leo! Das ist auch etwas Anderes.“

Wanda lachte. „Weshalb? Soll der jüngere Bruder darin etwas vor dem älteren voraus haben?“

„Warum nicht? Hat er doch die Liebe der Mutter vor ihm voraus – ich dächte, das wäre genug.“

„Aber Waldemar!“ warf die junge Gräfin ein.

„Ist Ihnen das neu?“ fragte er mit einem finsteren Aufblick. „Ich dächte, es könnte für keinen Dritten ein Geheimniß mehr sein, wie ich mit meiner Mutter stehe. Sie zwingt sich [515] freundlich gegen mich zu sein, o ja! und das mag ihr oft Mühe genug kosten, aber sie kann die innere Abneigung nun einmal nicht überwinden, und ich kann’s auch nicht – also haben wir uns Beide nichts vorzuwerfen.“

Wanda schwieg betreten. Die Wendung, die das Gespräch nahm, befremdete sie im höchsten Grade. Waldemar schien das nicht zu bemerken; er fuhr in herbem Tone fort:

„Die Fürstin Baratowska ist und bleibt mir fremd. Ich gehöre nicht zu ihr und ihrem Sohne – das fühle ich bei jeder neuen Begegnung. Sie ahnen nicht, Wanda, was es mich kostet, immer wieder diese Schwelle zu betreten, immer wieder dieses Zusammensein zu ertragen. Es ist eine wahre Tortur, die ich mir auferlege, und ich habe nie geglaubt, daß ich sie so geduldig aushalten würde.“

„Aber weshalb thun Sie es denn?“ rief Wanda unvorsichtig. „Es zwingt Sie ja Niemand dazu.“

Er sah sie an. Die Antwort lag in seinen Augen, lag so deutlich darin, daß das junge Mädchen bis an die Stirn erröthete. Der heiße, vorwurfsvolle Blick sprach auch gar zu deutlich.

„Sie thun der Tante Unrecht,“ versetzte sie rasch, wie um ihre Verwirrung zu verbergen. „Sie muß und wird doch ihren eigenen Sohn lieben.“

„O gewiß!“ Die Bitterkeit Waldemar’s ließ sich jetzt nicht länger bewältigen. „Ich bin überzeugt, daß sie Leo sehr liebt, trotz ihrer Strenge gegen ihn, aber weshalb sollte sie mich lieben, oder ich sie? Ich hatte kaum die ersten Lebensjahre hinter mir, da verlor ich Vater und Mutter zugleich. Da wurde ich fortgerissen aus der Heimath, um im fremden Hause aufzuwachsen. Als ich später denken und fragen lernte, da vernahm ich, daß die Ehe meiner Eltern ein Unglück gewesen war, ein Unglück für Beide, daß sie sich im bittersten Haß von einander losgerissen hatten, und ich habe es erfahren, wie dieser Haß über Tod und Grab hinaus noch in mein Leben eingriff. Man sagte mir, die Mutter sei an Allem schuld gewesen, und doch hörte ich so manche Aeußerung, so manche Andeutung über den Vater, die mich auch an ihm irre machte. Wo andere Kinder lieben und verehren dürfen, da wurden mir Argwohn und Mißtrauen eingeflößt – ich kann sie jetzt nicht wieder los werden. Der Onkel ist gut gegen mich gewesen; er hat mich auch lieb in seiner Weise, aber er konnte mir doch auch nichts anderes bieten, als das Leben, das er selbst führt. Sie werden es ja wohl zur Genüge kennen; ich glaube, man ist bei meiner Mutter sehr genau darüber unterrichtet – und da verlangen Sie von mir, Wanda, ich soll die Poesie kennen?“

Die letzten Worte klangen wie ein grollender Vorwurf, und doch barg sich tief dahinter etwas wie eine dumpfe Klage. Wanda blickte mit großen erstaunten Augen auf ihren Begleiter, den sie heute gar nicht wieder erkannte. Es war freilich das erste Mal, daß sie in ein ernstes Gespräch mit ihm gerieth, daß er seine einsilbige Zurückhaltung ihr gegenüber aufgab. Auch ihr war das eigenthümlich kalte Verhältniß zwischen Mutter und Sohn nicht entgangen, aber sie hatte nicht geglaubt, daß dieser überhaupt eine Empfindung dafür habe; hatte er doch bisher mit keiner Silbe darauf hingedeutet, und nun auf einmal verrieth er eine fast leidenschaftliche Kränkung darüber. Dem jungen Mädchen kam erst in dieser Stunde eine Ahnung davon, wie einsam, wie grenzenlos leer und öde die Jugend Waldemar’s gewesen sein mußte, und wie verlassen und freundlos der junge Erbe, dessen Reichthum sie so oft hatte preisen hören.

„Sie wollten ja den Sonnenuntergang sehen,“ sagte Waldemar, plötzlich abbrechend, in ganz verändertem Tone, indem er sich erhob und an ihre Seite trat. „Ich glaube, wir haben ihn heute in seltener Pracht.“

Das Gewölk, das den Horizont umsäumte, war in der That schon von rother Gluth umflossen, und die Sonne selbst sank in voller Klarheit dem Meere zu, das seltsam aufleuchtete, als es den Abschiedsgruß des scheidenden Gestirns empfing. Eine Fluth von Glanz und Licht schien darüber hinzuströmen und sich weithin zu verbreiten. Dort drüben aber, wo Vineta auf dem Meeresgrunde ruhte, brannten die Wellen in dunklem Purpurscheine; in ihren Furchen glänzte es wie flüssiges Gold und tausende von strahlenden Funken tanzten darüber hin. Es liegt doch etwas in den alten Sagen, was sie weit hinaushebt über den Aberglauben, und man kann ein Kind der neuen Zeit sein, und doch voll und ganz die Märchenstunde erleben, in der das alles wieder lebendig wird. Es waren ja Menschen, welche die Sagen schufen, und ihre ewigen Räthsel, wie ihre ewigen Wahrheiten ruhen noch heute tief in der Menschenbrust. Freilich nicht Jedem öffnet sich das jetzt so streng verschlossene Märchenreich, aber die Beiden auf dem Buchenholme mußten wohl zu den besonders Begünstigten gehören, denn sie fühlten deutlich den Zauber, der sie leise, aber unwiderstehlich in seine Kreise zog, und keines hatte den Muth oder den Willen, sich ihm zu entreißen.

Ueber ihren Häuptern rauschten die Buchenwipfel im Winde, und noch lauter rauschte das Meer zu ihren Füßen. Woge auf Woge kam an das Ufer gerollt; die weißen Schaumkronen auf den Häuptern, bäumten sie sich einen Moment lang empor, um dann zischend am Strande zu zerschellen. Es war die alte mächtige Melodie des Meeres, jene aus Windesrauschen und Wellenbrausen zusammengesetzte Melodie, die mit ihrer ur-ewigen Frische jedes Herz gefangen nimmt. Sie singt von träumender sonnenbeglänzter Meeresstille, von Sturmestoben mit all seinem Schrecken und Verderben, von rastlosem, endlosem Wogen und Leben, und jede Welle bringt einen Ton davon an’s Ufer, und jeder Windhauch bringt den Accord dazu.

Waldemar und seine jugendliche Gefährtin mußten diese Sprüche wohl verstehen, denn sie lauschten ihr in athemlosem Schweigen, und für sie klang auch noch etwas Anderes mit hindurch. Aus der Tiefe der Fluth schwebten die Glockenklänge zu ihnen empor, und es legte sich ihnen um das Herz, wie Schmerz und Sehnsucht, und doch wieder wie die Ahnung eines unendlichen Glückes. Den purpurnen Wellen aber entstieg ein schimmerndes Luftgebild. Es schwebte auf dem Meere; es zerfloß im Sonnengolde und stand doch klar und leuchtend da, eine ganze Welt voll unermessener, nie gekannter Schätze, von ihrem Zauberglanze umwoben, die alte Wunderstadt – Vineta.

Der glühende Sonnenball schien jetzt mit seinem strahlenden Rande die Fluth zu berühren; tief und tiefer sinkend, entschwand er langsam den Blicken; noch einmal flammte es am Horizonte auf, wie mit feuriger Lohe – dann war das Licht verschwunden, und auch das dunkle Roth, das noch auf dem Wasser lagerte, begann allmählich zu verblassen.

Wanda athmete tief auf und fuhr mit der Hand über die Stirn. „Die Sonne ist nieder,“ sagte sie leise, „wir werden an die Rückkehr denken müssen.“

„An die Rückkehr?“ wiederholte Waldemar wie im Traume. „Schon jetzt?“

Das junge Mädchen erhob sich rasch, als gelte es irgend einer beängstigenden Empfindung zu entfliehen. „Das Tageslicht bleibt nicht mehr allzulange, und wir müssen jedenfalls bei anbrechender Dämmerung in C. sein, sonst verzeiht uns die Tante nie diese eigenmächtige Fahrt.“

„Das werde ich bei meiner Mutter vertreten,“ sagte Waldemar, auch er schien sich zu den gleichgültigen Worten förmlich zwingen zu müssen, „wenn Sie aber die Rückkehr wünschen –“

„Ich bitte darum.“

Der junge Mann machte eine Wendung nach dem Boote hin, auf einmal aber hielt er inne.

„Sie wollen ja wohl fort, Wanda? Schon in wenigen Tagen? Nicht wahr?“

Die Frage klang seltsam erregt, und auch in der Stimme der jungen Gräfin lag nicht die gewöhnliche Unbefangenheit, als sie antwortete:

„Ich muß zu meinem Vater; er entbehrt mich schon so lange.“

„Meine Mutter und Leo gehen nach Wilicza –“ Waldemar stockte bei den Worten, als ob ihm irgend etwas den Athem benehme. „Es ist die Rede davon, daß ich sie begleite – darf ich das?“

„Weshalb fragen Sie mich danach?“ fragte Wanda mit einer ihr sonst ganz fremden Befangenheit. „Es hängt doch einzig von Ihnen ab, ob Sie Ihre Güter besuchen wollen.“

[516] Der junge Mann beachtete den Einwurf nicht; er beugte sich zu ihr nieder; seine Stimme bebte, wie in leidenschaftlicher Unruhe.

„Ich frage aber Sie, Wanda, Sie allein – darf ich nach Wilicza kommen?“

„Ja!“ fiel es wie unwillkürlich von Wanda’s Lippen, aber in demselben Augenblick erschrak sie auch darüber, denn Waldemar hatte mit einer stürmischen Bewegung ihre Hand ergriffen und hielt sie so fest, als sei es für die Ewigkeit. Die junge Gräfin fühlte, was er in dieses „Ja“ hinein legte, und das machte sie bestürzt. Es überkam sie auf einmal wie eine heiße Angst. Waldemar bemerkte ihr Zurückweichen.

„Bin ich Ihnen wieder zu ungestüm?“ fragte er leise. „Sie dürfen mir darüber nicht böse sein, Wanda, heute nicht. Ich konnte nur den Gedanken an Ihre Entfernung nicht ertragen. Jetzt weiß ich’s ja, daß ich Sie wiedersehen darf – jetzt will ich geduldig warten, bis wir in Wilicza sind.“

Sie gab keine Antwort. Schweigend gingen beide nach dem Boote hinunter. Waldemar richtete die Segel und legte die Ruder ein, und einige mächtige Stöße trieben das kleine Fahrzeug weit hinaus in die See. Noch lag ein leichter Rosenschimmer auf den Wellen, als das Boot darüber hinglitt. Niemand sprach auf der Fahrt, nur das Meer rauschte eintönig, während das letzte flüchtige Roth am Himmel verblaßte und die ersten Schatten der Dämmerung sich über den Buchenholm legten, der weit und weiter zurückwich. Der Traum beim Sonnenuntergang war zu Ende, aber die alte Sage, die ihn gesponnen, erzählt auch, daß, wer einmal das versunkene Vineta geschaut, einmal seinen Glockenklängen gelauscht habe, den lasse die Sehnsucht danach nicht ruhen sein Lebelang, bis die alte Wunderstadt wieder zu ihm emporsteigt – oder bis sie ihn hinabzieht in die Tiefe.


Die diplomatische Mission, zu der Herr Witold den Doctor Fabian auserlesen hatte, schien dem Ersteren in ihrer Ausführung nicht halb so schwierig, wie in ihrer Einleitung. Um genauen Bericht darüber zu erstatten, „was eigentlich da drüben in C. passirte“, mußte der Doctor natürlich Zutritt bei der Fürstin Baratowska haben, und das konnte nur durch Waldemar geschehen. Witold zerbrach sich den Kopf darüber, wie er seinem starrsinnigen Pflegesohne die Sache beibringen könne, ohne gleich von vorn herein auf ein entschiedenes Nein zu stoßen. Da kam ihm unerwartet der Zufall zu Hülfe. Die Fürstin hatte bei dem letzten Zusammensein den Wunsch ausgedrückt, den Lehrer ihres Sohnes persönlich kennen zu lernen. Waldemar sprach davon nach seiner Rückkehr, und der Gutsherr ergriff mit beiden Händen die willkommene Gelegenheit. Er war zum ersten Male in seinem Leben in der Lage, einen Wunsch der Fürstin Jadwiga vernünftig zu finden; er hielt den Doctor unerbittlich beim Worte, und dieser, der noch immer gehofft hatte, die Sache werde an dem Eigensinne seines Zöglings scheitern, mußte schon am zweiten Tage mit Waldemar zu der gewünschten Vorstellung nach C.

Waldemar war auch heute zu Pferde. Er war ein leidenschaftlicher Reiter und verabscheute das Fahren auf den sandigen oder steinigen Landwegen, über die er im Galopp hinsprengte. Es fiel ihm nicht ein, Rücksicht auf seinen Lehrer zu nehmen und sich zu ihm in den Wagen zu setzen. Doctor Fabian war an dergleichen Rücksichtslosigkeiten gewöhnt, und von Natur schüchtern und nachgiebig, hatte er nicht den Muth, sich dagegen zu erheben oder deswegen seine Stellung zu opfern. Er besaß kein Vermögen; eine Stellung war überhaupt für ihn eine Lebensfrage. Das Leben in Altenhof sagte ihm wenig zu, aber er nahm im Ganzen ja auch nur wenig Theil daran. Er erschien nur bei Tische und hin und wieder Abends auf eine Stunde, um dem Gutsherrn Gesellschaft zu leisten; sein Zögling nahm ihn wenig genug in Anspruch. Waldemar war stets froh, wenn er die Unterrichtsstunden hinter sich hatte, und sein Lehrer war es noch mehr. Die ganze übrige Zeit stand diesem zur freien Verfügung; er konnte sich ungestört seinem Steckenpferde, den germanischen Studien, hingeben. Diesen geliebten Studien verdankte Herr Witold es allein, daß der jetzige Erzieher seines Pflegesohnes nicht dem Beispiele der sechs Vorgänger folgte und gleichfalls davonlief, denn er sagte sich ganz richtig, daß in einer anderen Stellung, wo eine stete Beaufsichtigung der Zöglinge verlangt werde, es mit dem Studiren vorbei sei. Freilich gehörte ein so geduldiger Charakter, wie der des Doctors dazu, unter solchen Verhältnissen auszuhalten; er ertrug es auch heute schweigend, daß Waldemar wirklich vorausritt und ihn erst am Eingange von C. erwartete, wo sie gegen Mittag anlangten.

Sie fanden bei ihrer Ankunft nur Gräfin Wanda im Salon und Doctor Fabian machte die erste Vorstellung zwar in großer Befangenheit, aber doch in leidlicher Haltung durch. Leider reizte seine sichtbare und ein wenig komische Aengstlichkeit die junge Gräfin sogleich, ihren Muthwillen an ihm zu üben.

„Also Sie, Herr Doctor, sind der Erzieher meines Vetters Waldemar,“ begann sie. „Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus und beklage Sie von ganzem Herzen.“

Fabian sah erschrocken in die Höhe und dann nicht minder erschrocken auf seinen Zögling, aber dieser schien die Aeußerung gar nicht gehört zu haben, denn seine Miene verrieth nicht die geringste Entrüstung.

„Wie meinen Sie, gnädige Gräfin?“ stammelte der Doctor.

„Nun, ich meine, daß es ein sehr schwieriges Amt ist, Herrn Waldemar Nordeck zu erziehen,“ fuhr Wanda unbekümmert fort und ergötzte sich unendlich an der grenzenlosen Verlegenheit, die ihre Worte hervorriefen.

Doctor Fabian blickte in einer wahren Todesangst zu Waldemar hinüber; er wußte, wie empfindlich dieser war, auch gegen bloße Neckereien. Oft genug hatten weit harmlosere Aeußerungen des Herrn Witold einen wahren Sturm hervorgerufen, aber merkwürdiger Weise zeigte sich heute nicht das kleinste Anzeichen davon. Der junge Mann stützte sich ruhig auf den Sessel der Gräfin Morynska, ja, es schwebte sogar ein Lächeln um seine Lippen, als er, zu ihr herabgebeugt, fragte:

„Glauben Sie, daß ich so schlimm bin?“

„Jawohl, das glaube ich,“ erklärte Wanda. „Hatte ich doch erst vorgestern bei dem Streite um das Steuer das Vergnügen, Sie in vollem Zorne zu sehen.“

„Aber doch nicht gegen Sie,“ sagte Waldemar vorwurfsvoll.

Der Doctor ließ den Hut sinken, den er bisher mit beiden Händen festgehalten hatte. Was war das für ein Ton, der so weich und mild von den Lippen seines wilden Zöglings kam, und was sollte der Blick bedeuten, der ihn begleitete? Das Gespräch ging in dieser Art weiter. Wanda neckte den jungen Mann mit ihrem gewöhnlichen Uebermuthe, und Waldemar ließ sich das Spiel mit einer unendlichen Geduld gefallen. Hier schien ihn nichts reizen, nichts verletzen zu können; für Alles, hatte er nur ein Lächeln: er war überhaupt wie ausgetauscht, seit er sich in der Nähe der jungen Gräfin befand.

„Herr Doctor Fabian hört uns ganz andächtig zu,“ spottete diese. „Sie freuen sich wohl über unsere muntere Laune?“

(Fortsetzung folgt.)




Hirschjagden im Hochgebirge.


Die Mühseligkeiten und Gefahren, mit denen der passionirte Gemsenjäger unter Umständen zu kämpfen hat, umgeben diesen Zweig der waidmännischen Beschäftigung mit einem Nimbus der Romantik und des Heldenthums, der zwar in manchen Fällen seine Berechtigung hat, aber im Allgemeinen fast zu viel Aufmerksamkeit für sich beansprucht und dadurch verschiedenen anderen Vorgängen auf dem Gebiete der Bergjagd, die äußerst interessant sind, den Platz in der Chronik des alpinen Lebens verkümmert, den sie verdienen.

In den Bergen des baierischen Hochlandes nimmt neben der Gemse ein anderes edles Thier, der Hirsch, eine hervorragende Stelle ein, und das Herz des Jägers fühlt sich zur Jagd auf diesen königlichen Recken vielleicht mehr angezogen, als zum Pürschgang auf die Gemse.

[517]

Aufbringung eines Berghirsches aus der „Zwing“.
Originalzeichnung von Gustav Sundblad.

[518] Soweit die Tanne reicht, also bis zu sehr ansehnlicher Höhe, dehnt der Berghirsch seine Wanderungen aus und kommt eben so selten in die Niederung, wie die scheue Gemse. Die dominirende Gewalt der alpinen Natur, welche allen lebenden Wesen in ihrem Bereiche das Merkmal ihrer Eigenheit verleiht, hat auch den Berghirsch mit einer Fülle von Eigenschaften ausgestattet, die ihn weit über seines Gleichen in der Ebene erheben. Hervorragend an Größe, zeichnet er sich durch besondere Kraft und Behendigkeit aus und mancher sonst erfahrene Jäger hat zugestanden, daß ihn beim erstmaligen Anblicke eines solchen herrlichen Thieres eine Aufregung befallen habe, die ihn zum Werke völlig unfähig machte.

Wenn der Berghirsch durch das Dickicht bricht, aufgescheucht von menschlichen Wesen oder im Zornesmuthe der beleidigten Hoheit, dann schallt es und kracht es im Walde, als ob der Sturm durch die Büsche zöge, und prasselnd zersplittern die Zweige am Gehörne des ungestümen Flüchtlings. Wenn im Herbste die Natur seine Triebe mächtig erregt, dann durchtönt ein gewaltiges Brüllen die Schluchten der Berge, und gar oft hört man das Getöse des wilden Kampfes zweier Nebenbuhler bis weit in’s Thal herab. Mit welcher Erbitterung derartige Angelegenheiten ausgefochten werden, ist zur Genüge bekannt; ist es doch schon mehrere Male vorgekommen, daß zwei kämpfende Hirsche sich mit den Geweihen so in einander verstrickten, daß sie unmöglich mehr aus einander konnten und dadurch ihr beiderseitiger Untergang herbeigeführt wurde.

In den Bergen des Algäu kommt diese Gattung Hirsche noch sehr häufig vor, in einzelnen Revieren sogar in solcher Zahl, daß in einer Saison oft Hunderte abgeschossen werden müssen, um den empfindlichen Wildschaden etwas herabzumindern. Die außergewöhnliche Kraft und Abhärtung macht dem Berghirsche das Ueberwintern leichter; denn er ist nicht allein zu größeren Wanderungen befähigt, sondern vermag auch eher zu einer Nahrung zu gelangen, die für das übrige Rothwild unerreichbar ist; besonders wählerisch ist allerdings der Edle nicht. Es kam z. B. im vergangenen Winter in der Hindelanger Gegend vor, daß Hirsche den gewaltigen Düngerhaufen eines ziemlich hochgelegenen Gehöftes bis auf das letzte Atom vollständig aufgefressen haben. Der jüngeren Generation muß bei sehr strengen Wintern durch Füttern etwas nachgeholfen werden; an solchen Stellen versammeln sich dann ganze Rudel „Wildpret“, wie man diese Familie schlechtweg dort zu Lande bezeichnet, und harren stundenlang geduldig, bis die Barmherzigkeit des Jägers etwas Heu zur Stelle schafft; in gewöhnlichen Zeiten begnügt sich letzterer, ein paar Rothtannen fällen zu lassen, die mit Rinde, Sprossen und Nadeln für viele Tage Nahrung geben. Geht endlich der Schnee fort, dann sehen freilich die Thiere sehr herabgekommen aus, allein in einigen Wochen haben sie sich wieder erholt und durchstreifen, von Kraft und Uebermuth strotzend, auf’s Neue die Wälder.

Die Herbsttreibjagden sind für den Hirsch am gefährlichsten; fast jeder Tag bringt ein paar der gewaltigen erlegten Burschen in die Thalstätten herab, wo sie vom Wildhändler erwartet werden. Mit einer gewöhnlichen Holzsäge wird dann das Geweih sammt einem handbreiten Stück der Hirnschale vom Kopfe abgetrennt, und das Stück selbst wandert entweder ganz oder zerwirkt nach seinem Bestimmungsorte, zumeist in die größeren Bäder der Schweiz, um den Gaumen der wildpretlüsternen Touristen zu laben. Der Wildexport nach der Schweiz ist ein außerordentlicher, und von dem Städtchen Immenstadt gehen hunderte von Centnern über den Bodensee, um die Schweizerküche mit landesüblichen Producten zu versehen.

Die Einzeljagd auf den Hirsch hat so wenig Gefahren im Gefolge wie die Gemsjagd, wenn der Jäger nicht selbst in seinem Eifer durch Nichtbeachtung des Terrains eine bedenkliche Situation herbeiführt. Am schwierigsten ist es in solchen Fällen meistens, das geschossene Stück zu holen, da das waidwunde Thier, von Kraft und Instinct verlassen, gewöhnlich ohne Wahl geraden Weges sich zur Flucht wendet und daher leicht in Schluchten und Abgründe stürzt, die schwer zugänglich sind.

Ein höchst interessanter derartiger Fall hat sich im letzten Winter in der Oberstdorfer Gegend, hart an der Vorarlberg’schen Grenze, zugetragen. Ein Oberstdorfer Jäger war so glücklich, einen prächtigen Hirsch aufzuspüren, der hart an der Grenze wechselte und dem deshalb mit um so größerem Eifer nachgestellt wurde. Das Terrain ist dort jedoch so eigenartig, daß es einer vorhergehenden Beschreibung desselben bedarf, um dem Nachfolgenden den Charakter des Außerordentlichen zu sichern. Unmittelbar vor dem Eingang in das kleine Walserthal liegt eine der wildesten Schluchten, die im deutschen Hochlande existiren. Jahrtausende hindurch mögen die von den umliegenden bedeutenden Höhen sich sammelnden Wassermassen mit der ganzen Wucht ihrer elementaren Kraft gekämpft haben, bis es ihnen möglich geworden ist, die ungeheuren Felswände zu durchbrechen, zwischen denen sich jetzt in schwindelnder Tiefe ein Gebirgsstrom brüllend und schäumend durchzwängt, und dieses gewaltige Bild der vorweltlichen Revolutionen hat der Gebirgsbewohner nicht mit Unrecht „die Zwing“ benannt. Ein kleiner, schmaler Steg führt über die schaurige Schlucht, und wenn man von dort weg in die grausige Tiefe blickt, drängt sich uns das Blut zum Gehirn und eine unnennbare Macht zwingt uns, vom Geländer der kleinen Brücke weit zurückzurücken, da der Anblick des Abgrundes zu überwältigend ist, als daß Jemand, der an denselben nicht gewöhnt ist, mit Kaltblütigkeit in die Kluft hinabzusehen vermöchte. Die Felswände fallen in eine Tiefe von weit über siebzig Meter thatsächlich senkrecht bis zum schäumenden Wasserspiegel ab, und kein Strauch, kaum ein Moosfleckchen, giebt dem irrenden Auge einen Halt, wenn es über die feuchten grauen Steinwände hinabgleitet in ein gespenstiges Dunkel, aus dem nur der helle Gischt des wüthenden Stromes heraufleuchtet, wie der zornige Blick eines in dämonischer Umgarnung sich windenden Riesen. Die beiden Felswände liegen in einer Entfernung von höchstens einigen Metern von einander da, und es trägt diese Enge der Schlucht ungemein viel dazu bei, den schaurigen Eindruck zu erhöhen. Wirft man einen Stein oder ein Stück Holz in die Tiefe, so hört man in immer weiterer Entfernung das Anschlagen des Körpers an die Felsen, und nach erheblicher Pause folgt endlich das prasselnde Zerstieben auf dem Gestein oder der dumpfe Fall in den Strom. Oft schleudert das Hochwasser große Tannen in die Zwing; nach wenigen Minuten sind sie aller Aeste und Wurzeln beraubt, und der fußdicke Stamm erscheint, von oben gesehen, wie ein erbärmlicher Prügel von einigen Centimeter Dicke. Was Wunder, wenn die Volkssage hier böse Dämonen hausen läßt, ja die Zwing bis zu einen gewisse Grade sogar mit der Unterwelt identificirt, indem sie einen reichen, aber gewissenlosen Walser Käsehändler, auf einer Käsekiste sitzend, in der Tiefe geistern und jammernd auf Erlösung harren läßt.

Im Winter sieht es hier womöglich noch fürchterlicher aus; die ungeheuren Felswände sind mit einer dicken, grünlich schimmernden Eisdecke überzogen, und an den hervorragenderen Stellen bilden sich ungeheure Eiszapfen, die wie Krystallsäulen zur Tiefe streben, während ein nebelgleicher Dunst bei strenger Kälte das Gewässer verbirgt und den Abschluß des eigenartigen Gemäldes noch geheimnißvoller gestaltet. Auf der rechten Seite dieser Schlucht, die überall von Tannenwald umgeben ist, erhebt sich eine gleichfalls senkrechte Felswand ungefähr vierzig bis fünfzig Meter hoch, und auf der Höhe dieses Aufbaues, der mit Nadelholz reichlich bewachsen ist, kam der obenerwähnte Jäger zum Schusse auf den lange verfolgten Hirsch.

Auf einem anderen Platze wäre das Wild eine sichere Beute des Jägers gewesen, denn in Folge der empfangenen Wunde mußte der Hirsch nothwendiger Weise nach kurzer Flucht verenden. Der Hirsch brach auf den Schuß hin zusammen, raffte sich jedoch gleich wieder auf, schlug eine andere Richtung ein, machte ein paar gewaltige Sätze – dann war Alles todtenstill – der Hirsch blieb verschwunden. Da es bereits dunkelte, war es zu gewagt auf diesem Punkte der Fährte des Flüchtlings zu folgen, und am nächsten Tage war dieselbe von fußhohem, neu gefallenem Schnee gänzlich verdeckt. Man suchte alles ab, fand nirgends eine Spur, und nun konnte so ziemlich sicher angenommen werden, daß der Hirsch in die „Zwing“ gefallen sei.

Das Ereigniß war in der Umgegend schnell bekannt; Jagd- und Abenteuerlust, sowie Freude an halsbrecherischen Unternehmungen sind bei den Bergbewohnern durchaus nicht in Abnahme gerathen, und so ist es leicht erklärlich, daß man die Möglichkeit, den Hirsch zu finden und etwa gar zu holen, bald in den Wirthsstuben besprach. Ein junger Oberförster war der Erste, welcher sich daran machte, in Begleitung von einigen [519] Freunden das Wild zu suchen. Er ließ sich an verschiedenen Plätzen an einem Seile fast bis zum Wasserspiegel hinab und durchforschte die ganze Zwing, bis er endlich fast am Ausgange derselben den Hirsch auf einer theilweise noch vom Wasser bespülten Felsplatte auf der linken Seite der Schlucht liegen sah. Leider war gerade diese Seite die am schwersten zugängliche, und der Gedanke, das verendete Thier heraufbringen zu können, wurde sogar von den erfahrensten Bergsteigern als unausführbar verworfen. Gerade diese angenommene Unmöglichkeit scheint aber einen so mächtigen Reiz auf den Unternehmungsgeist der Kühnsten unter den Bergmenschen ausgeübt zu haben, daß die Sache nicht aufgegeben wurde, sondern die Zutageförderung des Hirsches nunmehr als ein Ziel des höchsten Ehrgeizes erschien.

Nach ein paar Tagen meldete sich bei dem königlichen Förster ein Ortsbewohner des nahe liegenden Dorfes Tiefenbach, welcher sich erbot gegen eine Entschädigung von fünfundzwanzig Gulden den Hirsch aus der Zwing zu holen. Diese Bedingung wurde angenommen, und der Unternehmer Namens Seraphim Schoell, ein Mann nahe den Fünfzigern, machte sich daran, die Expedition auszurüsten.

Schoell selbst ist eine Erscheinung, wie man sie sogar in diesem Theile des Gebirges nur noch in einzelnen Exemplaren findet. Ein ungeheures Knochengerüst, überzogen mit Sehnen und Muskeln wie von Stahl und bedeckt mit einer fast „lohgaren“ Haut ohne eine Spur von Fett und Fleisch, läßt zwar auf Kraft und Ausdauer, aber nicht auf den hohen Grad von Gewandtheit und Sicherheit schließen, den der kühne Bergsteiger besitzt. Wenn man aber in das Gesicht desselben blickt und die scharfgebogene Nase sowie die tiefliegenden blitzenden Augen betrachtet, dann begegnet man einem so ausgeprägten Kennzeichen der Energie, daß man an der Ausführung keines Vorsatzes dieses Mannes mehr zweifelt.

Derselbe wählte zu seinem Unternehmen noch neun Männer aus, von denen einer, Namens Speiser, ihn in die Tiefe begleiten sollte, die anderen aber zum Halten der Ablaßseile bestimmt waren. Die zu solchen Zwecken verwendeten Seile sind zwar nicht dick, aber sehr sorgfältig und von bestem Materiale gearbeitet, sodaß ein Zerreißen derselben ohne mechanische äußere Einwirkung nicht leicht vorkommt; man nennt diese Art Seile gemeinhin „Krieg-Seile“ (von dem Zeitwort „kriegen“ abgeleitet).

Zwei Tage vor Weihnachten begab sich die Zwing-Expedition an Ort und Stelle. Der einzige zum Werke passende Platz war aber so beschaffen, daß gewiß jedem Techniker die Lust vergangen wäre, nach den Regeln der Kunst und Wissenschaft die nöthigen Dispositionen zu treffen. Ein paar dicht über dem Rande des Abgrundes ineinander gewachsene Föhren bildeten den Hauptanhaltspunkt für die beabsichtigte Operation. Das Terrain, auf welchem die Hülfstruppen vertheilt werden mußten, war höchstens anderthalb Meter breit und dazu sehr abschüssig; da wurden nun die acht Nothhelfer nebeneinander aufgestellt, um die beiden Männer auf- und abzuziehen. Jeder unter ihnen mußte nun vor allen Dingen darauf bedacht sein, sich auf dem schneebedeckten, hartgefrorenen Boden einen möglichst sichern Standpunkt zu suchen, da das unbedeutendste Ausgleiten, einige Fuß von der Schlucht entfernt, für Alle verderbenbringend werden konnte; jede Bewegung mußte berechnet und mit Sicherheit ausgeführt werden.

Zuerst bereitete sich der Adjutant Schoell’s, der erwähnte Speiser, zur frostigen Höllenfahrt vor. An das Ende des Seils wurde ein breiter Lederriemen, dem Zuggeschirre eines Pferdes entnommen, derart befestigt, daß er eine Schlinge bildete, in welche sich der Mann hineinsetzte; um die Oberschenkel und den Leib liefen Stricke, mit denen er an das Seil befestigt wurde, denn da das Seil beim Hinablassen sich beständig dreht, so liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß den Betreffenden ein kaum zu vermeidender Schwindel in einen Zustand der Passivität versetzt, der ohne die äußersten Vorsichtsmaßregeln unbedingt verderbenbringend wäre.

Speiser war festgemacht; nochmals wurden alle Knoten untersucht; die Männer am Rande der Schlucht zogen das Seil straff an, und Speiser rutschte langsam dem gähnenden Schlunde zu. Jetzt löste sich ein Theil der Schneefläche los und fiel zerstäubend in die Tiefe, und nun hing der Kühne zwischen Himmel und Erde. Langsam ging’s abwärts; oftmals legte sich der Führer der Expedition oben dicht am äußersten Rande der Zwing auf den Bauch, um den Niedergang des immer kleiner werdenden Körpers zu beobachten. Kein Wort wurde gesprochen; die am Seile Beschäftigten blickten nur auf die Hand ihres Führers, um das Zeichen zum Stillhalten oder langsam Ablassen abzunehmen. Nach einer langen Zeit – das Ablassen hatte mit den nöthigen Pausen beinahe eine halbe Stunde in Anspruch genommen – erscholl aus der Tiefe ein schwacher Laut. Das Seil lockerte sich, und die oben Stehenden hatten die Gewißheit, daß der Reisende glücklich angelangt sei. Man ließ nun ein zweites Seil hinab, um den Hirsch daran heraufziehen zu können, und harrte ruhig der Entwickelung der Dinge.

Der Mann in der Unterwelt hatte aber keine leichte Arbeit. Wohl lag dicht vor ihm der getödtete Hirsch, welcher auf der einen Seite schon mit einer mehrere Zoll dicken Eisdecke überzogen war, allein zwischen ihm und dem Gegenstande seiner Thätigkeit brauste der Wildstrom; nirgends hatte er den geringsten Halt an den eisbedeckten Wänden, und von oben her drohte eine furchtbare Gefahr, die man vorher wohl nicht in Erwägung gezogen hatte. Von den Wänden herab hingen nämlich in der sonderbarsten Aufeinanderthürmung riesenhafte Eiszapfen, die sich jeden Augenblick loslösen konnten und mit ihrer Wucht den unten Stehenden dann in Atome zerschmettern mußten; an ein Ausweichen in diesem Falle war natürlich nicht zu denken. Eine ebenso unerwartete Schwierigkeit mußten diese Eisgebilde beim Hinaufziehen des Hirsches bereiten. Nach ungeheuerer Anstrengung und stundenlangen Versuchen gelang es dem unermüdlichen Manne endlich, die Hinterläufe des Hirsches zu erreichen und durch die Hacksen ein Seil zu ziehen, so daß sein Zweck als erreicht angesehen werden konnte. Er gab das Zeichen zum Aufziehen und verließ den Platz, nachdem er zwei und eine halbe Stunde unten in der Zwing, theilweise im Wasser stehend, verbracht hatte. Langsam ging es aufwärts, und mit der größten Vorsicht mußte er laviren, um den drohenden Eisklippen zu entgehen; endlich kam er halberfroren bei seinen Gefährten an und erstattete Bericht, nachdem der landesübliche Enzianer die eingeschlafenen Lebensgeister wieder aufgeweckt hatte. Nun galt es, den Hirsch heraufzubringen, aber das war nicht möglich, ohne daß Jemand die Leitung der Last von unten übernahm, was eine ungleich schwierigere Sache war.

Nun machte sich Schoell selbst an’s Werk und trat die Fahrt in die Schlucht an. Er verfehlte jedoch nicht, beim Abwärtsgleiten mit den Füßen so viele Eiszapfen wie möglich wegzustoßen, und war deshalb in beständig schaukelnder Bewegung; daß dieses Manöver die Bedenklichkeit seiner Lage wesentlich erhöhte, bedarf keiner Auseinandersetzung; im Hinblick darauf war es nöthig, die Vorsichtsmaßregeln oben zu erhöhen. Endlich war alles in Ordnung, und nun mußte man mit dem Aufziehen der doppelten, ja man darf sagen der vierfachen Last – denn der Hirsch wog ehrliche drei Centner – beginnen. Anfangs ging es leidlich; Schoell wußte durch alle möglichen Wendungen die so schwer erkaufte Beute über bedeutende Hindernisse, als da waren Felsvorsprünge, Eiszapfen und Eisspalten, wegzubugsiren; allein, schon beinahe am Ende des Weges angelangt, verhängte sich der Hirsch derart, daß es unmöglich war, denselben weiter zu bringen. Alle Anstrengungen der oben Ziehenden und alle Bemühungen Schoell’s waren fruchtlos. Zudem durfte Schoell nicht wagen, seine riesige Kraft voll in Anwendung zu bringen, da die ungeheuere Spannung wahrscheinlich ein Zerreißen der zur Befestigung verwendeten Seile zur Folge gehabt hätte. Nur eine Gewichtsverringerung konnte die Calamität heben. Schoell besaß Geistesgegenwart und Kaltblüthigkeit genug, einen Ausweg zu finden. Durch Zeichen nach oben sich verständlich machend, dirigirte er seine Fahrt so, daß er ganz nahe zum Körper des Hirsches kam; hier zog er sein Messer und fing in dieser Situation an, den Hirsch aufzubrechen und kunstgerecht auszuweiden.

Das war wahrlich ein Stück Arbeit, um das ihn sicherlich kein Jäger beneidet hätte, und schwerlich dürfte der Fall je einmal sich ereignet haben, daß diese wichtige waidmännische Handlung an solchem Orte und unter solchen Umständen vorgenommen worden ist. Wer zu ermessen vermag, welcher Kraftaufwand und welche Geschicklichkeit dazu gehören, ein Thier von [520] der Größe eines Rindes, dazu halb gefroren frei in der Luft hängend zu öffnen und auszunehmen, mag dabei nur noch beherzigen, daß das Aufgehen eines einzigen Knotens für den daran Hängenden ein unabwendbares Todesurtheil bedeutet hätte, und er wird zugeben, daß der Fall einzig in seiner Art und werth ist, der alpinen Jagdchronik einverleibt zu werden.

Nachdem der Aufbruch entfernt war, gelang es dem Manne, den Hirsch über das Hinderniß wegzubringen, und langsam kamen Hirsch und Wagehals an die Oberfläche. Nun war die kühne That vollbracht; die Felswände hallten von dem Jauchzen der fröhlichen Männer wieder, und langsam löste sich eine große Eismasse vom oberen Theile der Schlucht und fiel krachend in die Tiefe. Zwar war es kein leichtes Stück Arbeit, das gewaltige Thier über den schmalen Felsvorsprung weg noch ungefähr eine Viertelstunde weit auf einem Wege zu schleifen, den nicht jeder Bergbesteiger begehen möchte, doch das war nach solchen Vorgängen eine Sache von untergeordneter Bedeutung. Bald kam man an eine gefahrlose Stelle; dort wurde der so mühsam zu Tage geförderte Hirsch auf einen Ziehschlitten, einen sogenannten Horner, gelegt und mit Tannenreis geschmückt. Nun ging’s im Triumphe nach Oberstdorf hinunter. Die Kunde vom Gelingen des Unternehmens ging wie ein Lauffeuer durch die Ortschaft; haufenweise eilte man den verwegenen Zwing-Erforschern entgegen und Schoell mit seiner Schaar war unbestritten der Held des Tages.

Man wird nun noch billiger Weise fragen: Wie mag wohl der Hirsch ausgesehen haben nach einem so unerhörten Sturze? Das ist das Wunderbarste an der Sache: der Hirsch war fast gar nicht verletzt, die Decke kaum ein wenig geschunden, und vom Geweihe war lediglich die rechte Augenzinke abgebrochen; das Fleisch war frisch, ausgenommen an den Stellen des Anschusses, und die Zwinghelden verzehrten am Weihnachtsvorabende hochvergnügt einen sogenannten „Sarazener“, bereitet aus der Leber des Hirsches.
B. Rauchenegger.




Ein Besuch bei George Sand.
Von Gottlieb Ritter.


„George Sand ist todt.“ Wie ein Lauffeuer ging diese traurige Botschaft am 8. Juni durch das große Paris. Ich sehe und höre es noch, wie die melancholischen vier Worte in den volksbelebten Straßen und überall, wo die Menschen zusammen kommen, von Mund zu Mund liefen und manches Augen trübten und manches Lächeln verscheuchten. Es ist ein eigenes, ganz einziges Weh, das man bei einem solchen Verluste empfindet; es giebt lebhaftere Schmerzen, die dem Herzen näher gehen, aber keine tieferen. Man fühlt mit einem Male eine Kälte und Verfinsterung, wie wenn ein Licht da oben verlöschte; es ist die Schwermuth und das Unbehagen eines Tages der Sonnenfinsterniß.

Um wie viel größer und stärker ist unser Leid, wenn wir die Todte gesehen gekannt, geliebt haben! George Sand – auch die Fernerstehenden kennen sie, denn ihre Werke, ihr eigenstes Ich, sind ihnen erschlossen; sie haben die Genugthuung, zu wissen, daß sie zur nämlichen Zeit gelebt hat; man kennt ihren Ideenkreis, ihr Gemüth, ihr Herz aus ihren Werken, und so kommt es, daß sie jenen, die sie kennen, ohne sie gesehen zu haben, oft vertrauter ist, als eine nächste Verwandte. Daher diese allgemeine herzliche Trauer um George Sand.

Ich habe sie gekannt. Wenige Tage, bevor der Tod sie auf das Sterbelager streckte, führte mich mein Weg zu ihr; ich bin vielleicht der letzte Gast im Schlosse zu Nohant, dessen Eingang die geniale Castellanin gesegnet hat, und den sie mit rührender Ahnungslosigkeit einlud, sie recht bald wieder zu besuchen. Kaum kann ich es glauben, daß sie schon jetzt nicht mehr unter den Lebenden weilt, daß ihre großen Augen, die wie glühende Kohlen aussahen, gebrochen und erloschen sind. Aber Petrarca hat Recht, wenn er selbst die lebensprühendsten Augen sterbliche Sterne nennt. George Sand ist wirklich todt. Mein mir unvergeßlicher Besuch bei ihr wurde mir dadurch eine um so theuerere Erinnerung, weil es die einzige und die letzte an die große Todte ist. Ich will versuchen, das Bild zu fixiren[WS 1], bevor die Zeit darüber hinweggeht und die Farben erblassen macht, die ich von jenen schönen Stunden zu Nohant im Herzen trage.

Als ich zum Besuche der berühmten Frau von Paris nach La Châtre fuhr, der Eisenbahnstation des unfernen Nohant, da schuf ich mir im Geiste das Conterfei der Dichterin, wie es sich etwa aus dem Mosaik ihrer Werke und Thaten zusammensetzen ließ, und nahm mir vor, alsdann dieses Ideal mit der Wirklichkeit zu vergleichen, die mir ja bald gegenübertreten sollte. Man kennt George Sand’s Marotte, im Buche wie im Leben als Mann gelten zu wollen. Im Beginne ihrer literarischen Laufbahn ging sie am liebsten in Männerkleidung und Stiefeln spazieren, und bis zu ihrem Tode rauchte sie mit Leidenschaft – allerdings sehr unschuldige – Cigarretten. Selbst in ihren zahlreichen Liebesverhältnissen, wie in ihrer naturgemäß unglücklichen Ehe, war sie immer bestrebt, ein souveränes Uebergewicht beizubehalten. Sie war nach einander Emancipirte, Socialist und Republikaner; sie warf mit einem männlichen Muthe erst der Gesellschaft, dann der Tyrannei den Handschuh hin; sie fraternisirte mit Barrikadenhelden, war Journalist und Zeitungsredacteur und schrieb glühende Pamphlete und Manifeste für die Provisorische Regierung und die „Commune de Paris“. Etwas Vulcanisches, Revolutionäres steckte in ihr, die zuerst die Marseillaise des Weibes anstimmte und der gute Camerad der Demokraten war. Was Wunder, daß diese außerordentliche Frau oft an ihrem eigenen Geschlechte irre wurde und ihren Stolz darein setzte, als Mann zu gelten. Aber schaut man etwas näher zu, so verwandelt sich dieser halbe Mann in ein ganzes Weib, dem alle Vorzüge und viele Schwächen des Geschlechts anhaften und dessen Größe nicht zum geringsten Theile gerade in der Gebundenheit dieses Geschlechts liegt. Ihr Wesen äußert sich immer in echt weiblicher Subjectivität; Alles löst sich ihr in Stimmung auf. Sie denkt mit dem Herzen, und all ihr Philosophiren, oder wie man es sonst nennen will, entströmt ihrem überaus zart besaiteten Gemüthe, das specifisch weiblich ist. In dieser Weiblichkeit fußt ferner jenes charakteristische sich Hingeben und Anlehnen an fremde, das heißt männliche Individualitäten, mögen ihr diese noch so unterlegen sein. Mit ihren Geliebten und Cameraden änderte sie ihre religiösen und philosophischen Meinungen. Freie Liebe predigte sie in den Armen von Jules Sandeau und Alfred de Musset, und christliche Ergebung mit Lamennais, jenem glühenden Priester, der sich bei seiner Kurzsichtigkeit einmal irrte und statt des rothen Cardinalshutes die rothe Jacobinermütze auf die Tonsur setzte.

Dann wieder erging sie sich an der Seite von Pierre Leroux im blauen Dunst der Mystik, folgte Michel de Bourges bis in die extremsten Theorien des Socialismus und schrieb für Ledru-Rollin revolutionäre Manifeste im Lager der radicalen Citoyens. Nur einem Einzigen ist sie ihr Lebenlang treu geblieben: Rousseau und seiner Weltanschauung. Hier bestätigt sich wieder so recht die tiefe Wahrheit, die dem berühmten Worte Goethe’s zu Grunde liegt: daß Niemand wähnen möge, seine Jugendeindrücke verwinden zu können. Der Genfer Philosoph war der Evangelist ihres elterlichen Hauses; ihre Großmutter wußte den „Emile“ und die „Neue Heloise“ fast auswendig; Rousseaus Schriften bildeten die erste Lectüre des heranwachsenden Mädchens und blieben die steten Begleiter der Frau, der Greisin. Ihr ganzes Denken, Fühlen und Schaffen wurde schon von Grund aus so sehr durch Rousseau bestimmt, daß sich dessen Ideenkreis mit dem ihrigen identificirte und ihrem Gemüthe ein unauslöschliches Gepräge gab. Bis auf die Form erstreckte sich diese durchaus weibliche Anlehnung an Jean Jacques, der ja von jeher einen weit größeren Einfluß auf das schöne, als auf das starke Geschlecht ausgeübt hat, und wenn sie später versuchte, ihren Styl zu wechseln, um dem Vorwurfe der Nachäfferei zu entgehen, so gelang ihr dieses Experiment nur sehr mangelhaft.

Wirkliche Männer vermochte George Sand niemals zu [521] zeichnen; alle ihre Romanhelden sind weich, verschwommen, weibisch, mehr Nerv als Muskel. Auch dies ist in der Natur ihres Geschlechtes ebenso tief begründet, wie in ihrer Begeisterung für den Autor des „Emile“. Sondert man ihre Helden genauer, so findet man in ihnen nichts weiter, als dichterische Reproductionen ihres einzigen Ideals: sie alle sind verkappte Rousseau’s, ebenso blasirt, weich und sentimental, wie schwach und feig, wo es gilt, mit der Convenienz zu brechen. Und dann ihre ebenfalls Rousseau’sche Naturschwärmerei und Gefühlsschwelgerei, worin sie sich, als echtes Weib, namentlich nach der melancholischen Seite hin, viel mehr vertiefte, als ihr Vorbild! War es eine plötzliche Erkenntniß ihres gewaltsam verleugneten inneren Wesens, daß sie nach der Juni-Revolution ernüchtert mit einem Male ihre social-politische Periode beschloß und jene berühmten Dorfnovellen schrieb, welche in ihrer rein künstlerischen Conception die geniale Frau, aber doch die Frau verriethen und ihren Namen verewigen werden, wenn längst alle jene weltstürmenden Werke, womit George Sand das meiste Aufsehen erregte, vergessen sein dürften?

Ich erwartete ein Weib, eine Hausfrau und Mutter zu sehen, zweiundsiebenzig Jahre zählte sie; ich mußte also eine Greisin finden, aber eine von jenen, die eine unverwüstliche Jugend im Herzen tragen und die nimmer rastende Feder mit der alten Energie zu führen verstehen. Für letzteres hatte ich zwei Zeugen: den Einladungsbrief, der ihre deutliche entschiedene Handschrift zeigte, und die im vergangenen Januar von ihr veröffentlichte reizende Novelle: „La Tour de Percemont“.

Ich täuschte mich nicht.

Im Aeußern der George Sand verrieth nichts die Emancipirte von einst, die Heldin der Feder, kurz den Blaustrumpf. Im Gegentheil nahm ich an ihr das ausgesprochene Bestreben wahr, so schlicht und – ich möchte fast sagen – so unbedeutend wie möglich zu scheinen. Nichts Einfacheres, Unmittelbareres und Natürlicheres. Das überraschte mich um so mehr, als ich wohl weiß, daß selbst der Schlichteste, wenn er vor seinem Biographen steht, sich unwillkürlich mehr oder weniger drapirt, aufputzt, den innern und äußern Menschen im Feiertagskittel zeigt. Von alledem fand sich bei der berühmten Schriftstellerin nicht die Spur. In einfachem, dunklem Hauskleide kam sie mir nicht als Schriftstellerin, sondern wie das Ideal einer Familienmutter vor. Gemessen, doch voller Grazie in ihren Bewegungen, ein freundliches Lächeln um den Mund, streckte sie mir ohne Umstände die Hand entgegen und lud mich zum Sitzen ein.

Es war um die Frühstücksstunde, ungefähr elf Uhr Vormittags. Um den Tisch saß die ganze Familie: ihr Sohn Maurice, der den Namen Sand angenommen hat, den seine Mutter berühmt gemacht, und seine Schwester Solange Clesinger, Beide mit ihren Ehehälften und Kindern. Auch einige Gäste saßen da, von denen ich nur den alten Hausfreund und Hausarzt Dr. Favre nennen will, der mir schon von Paris her wohl bekannt war. Er ist zugleich der Intimus von Alexander Dumas Vater, der durch ihn in das Gebiet der Physiologie eingeführt und zum Danke dafür in Dumas’ neuestem Stück „L’Etrangère“ als geistvoller Doctor Remonin auf die Bühne gebracht wurde.

Das Dejeuner war bereits vorüber, ohne daß Madame Sand, die kurz vorher aus ihrem Studirzimmer getreten, daran Theil genommen hätte. Ihr Couvert lag noch unbenützt am bestimmten Platze. Da sie bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten pflegte, so stand sie gewöhnlich des Morgens ziemlich spät auf und traf erst gegen das Ende des Frühstücks im Speisesaal ein.

„Guten Tag, meine Kinder!“ sagte sie, nachdem sie mich willkommen geheißen. Dann reichte sie Allen die Hand und ließ sich von ihren Enkelinnen umarmen, indem sie für jedes ein herzliches Wort hatte. Während dieser Familienscene stand ich abseits und hatte reichliche Gelegenheit, die Erscheinung der berühmten Frau zu betrachten. Man sieht einen Menschen dann am besten, wenn er uns nicht sieht.

George Sand war von untersetzter Statur und vom Alter in ihren natürlichen Formen etwas beeinträchtigt, doch merkte man ihrer Haltung nicht die geringste Erschlaffung an. Man hat die wenig gewählte Bemerkung des unverbesserlichen Spötters Heine, der zeitweilig dieser Frau ziemlich nahe gestanden und eine aufrichtige Bewunderung für sie hegte, vor Jahren in Paris sehr übel aufgenommen, wonach George Sand’s Kopf einige Aehnlichkeit mit dem – Haupte eines Hammels haben sollte. So geschmacklos oder doch respectwidrig dieser echt Heine’sche Vergleich auch ist, eine gewisse Wahrheit kann ihm nicht abgesprochen werden. Daran ist vor Allem die Haarfrisur der Dichterin schuld, die ihrem Kopfe, von vorn gesehen, etwas Dreieckiges giebt. Sie trug ihr reiches Haar ein wenig nach griechischer Art: zwei leicht gewellte Strähne umrahmten die niedrige Stirn fast bis zu den Enden der Augenbrauen und verdeckten unter einem hohen, staffelförmigen Wulst die Ohren beinahe ganz. Allgemein nahm man an, daß die Dichterin, seitdem sie vom Typhus befallen war, der Natur mit falschen Haaren zur Hülfe kam. Erst der Tod bestätigte die Unrichtigkeit dieser Meinung: bei der letzten Toilette fand man den wundervollsten, mit wenigen Silberfäden gemischten natürlichen Haarschmuck und konnte nicht begreifen, welch eigenthümlicher Coquetterie halber die geniale Greisin ihn mit so vieler Sorgfalt verheimlichte. Wahrscheinlich trug auch die kräftige Nase und die unendliche Oberlippe das Ihrige zu der von Heine verkündeten Aehnlichkeit bei. Was mir am meisten in diesem Antlitz imponirte, das war die schwungvolle Zeichnung der Linien des Gesichts. Die Züge waren groß, beinahe zu männlich. Und dann diese Augen! Von der nämlichen Schwärze wie ihr Haar, hatten sie noch viel von dem inneren Feuer beibehalten, doch erschien dies in der Ruhe unendlich gemildert und verlieh dem ganzen Antlitz etwas Sinnendes, Melancholisches. Man könnte sich in ihren großen unergründlichen Augen baden, meinte einmal Théophile Gautier. Mund und Kinn waren schon vom Alter entstellt; letzteres schien klein und energielos, und der Mund mit den unfeinen Lippen mag niemals schön gewesen sein. Auf ihrem einst weißen Teint lag es jetzt wie die helle Bitumenkruste gewisser vlämischer Portraits, womit der weiße Hals und die aristokratischen Hände gewaltig im Widerspruch standen. Das Ganze athmete Ruhe, Wohlwollen, Geist.

Ich wußte von gemeinschaftlichen Freunden, daß George Sand gegen Fremde bei einer ersten Begegnung viel Schüchternheit, ja oft gänzliche Unbeholfenheit zeigte, überhaupt zu keinen Zeiten in ihrer Unterhaltung durch Witz und Geist glänzte. Bestätigt doch selbst Musset, der ihr wahrlich kein Fremder war, daß ihr Geist langsam arbeite und daß sie träge im Sprechen sei. Ich erinnerte mich jener Unterhaltung, die vor vierunddreißig Jahren Karl Gutzkow mit ihr führen wollte und in der sie ihm mehr zu errathen, als zu hören gab. Freilich war sie damals in der harten Schule des Lebens, in einer verbissenen, mißtrauischen Stimmung, während jetzt jene bewegten Stürme längst über sie hinweg gegangen und ein stiller, friedlicher Lebensabend der vielgeprüften Frau zu Theil geworden war. Gleichwohl bedauerte ich einen Augenblick beinahe, nicht dem Beispiele des vortrefflichen Beaumarchais-Biographen de Loménie gefolgt zu sein, der auf den originellen Einfall kam, sich als Schornsteinfeger bei der schüchternen Frau einzuführen, um sie weniger genirt und weniger genirend studiren zu können.

Ein alter Diener brachte auf einem Teller mehrere soeben angekommene Briefe und Zeitungen. Ein Jedes nahm seinen Theil, und das Eßzimmer wurde zum Lesecabinet. Man las und plauderte, schritt auf und ab, bildete Gruppen oder ging in den Garten.

„Entschuldigen Sie!“ sagte die Dichterin zu mir, „erst lese ich meinen Courier, sonst lege ich die Briefe beiseite und vergesse sie ganz. Ich lese alle Briefe, die mir zukommen, es sei denn, daß sie unleserlich geschrieben sind. Freunden antworte ich umgehend und Unbekannten je nach Stimmung.“

Ihr Organ klang sehr angenehm, obgleich ein wenig verschleiert. Nun sah ich, wie die weißen, fleischigen Händchen in nervöser Hast die Briefumschläge aufrissen und die träumerischen Blicke sich belebten. Sie überflog den Inhalt; ihre Art, dies zu thun, zeigte nichts von der sonst dem Alter oft eigenen Pedanterie. Bald erhob sie sich von ihrem Sitze. Wir machten plaudernd einen Gang durch den Garten und das angrenzende Dorf.

„Sie ist eine feine Horcherin,“ hat Heine einmal von ihr gesagt. Mit Recht. Während unseres Spaziergangs, wobei sie mir die Herrlichkeiten ihres Daheims zeigte, sprach sie sehr wenig, war aber ganz Ohr und beobachtete mich heimlich auf’s Schärfste. Oft sah ich, wie ihre Augen forschend minutenlang auf mir ruhten und sich selbst das gleichgültigste Wort nicht entgehen ließen; trafen sich dann zufällig unsere Blicke, so schlug [522] sie eingeschüchtert die Augen nieder, und das Alles mit einem mädchenhaften Ausdruck, der die ehrwürdige Greisin ungemein reizvoll kleidete. Wir führten unsere Unterhaltung theils französisch, theils italienisch. Fehlte mir dann, wie es oft sogar in der eigenen Muttersprache zu gehen pflegt, ein Wort, ein Ausdruck, so kann sie mir sogleich zu Hülfe, was mir ein Beweis schien, wie aufmerksam sie meinem Geplauder zuhörte. Bei dieser Aushülfe zeigte sie eine seltene Schlagfertigkeit; man erkannte leicht, daß sie in der schweren Kunst, sich in die Denk- und Sprechweise Anderer hineinzuversetzen, eine große Virtuosität erlangt hatte. Um so angenehmer war es, ihr sein Herz zu öffnen, weil man sich eben verstanden wußte.

Wir suchten die schönsten Punkte des Gartens auf, der das Schloß, in dem die Dichterin geboren wurde und zwei Drittheile ihres Daseins verlebte, auf allen Seiten umgiebt und an die Dorfkirche von Nohant mit ihrem großen Schindeldach und kleinen viereckiger Thurm stößt. Tannen, Pappeln und Fruchtbäume beschatten den Park und verstecken fast ganz das herrschaftliche Haus, dessen hohes Dach und olivengrüne Fensterläden ihm ein patriarchalisches Aussehen geben. Ein anderes Gebäude, das den Namen Le Pavillon führt und ein thurmähnlicher, epheuumrankter Luginsland ist, gewährt einen reizenden Ausblick auf das umliegende „Schwarzthal“, wo ein großer Theil von George Sand’s Romanen spielt, ein Stück vom wald- und weidereichen, ebenen Berry.

„Im Winter ist es hier kalt und unfreundlich,“ sagte die Dichterin, „und da können wir uns weniger mit der eingeschlafenen Natur, sondern müssen uns mehr mit uns selbst beschäftigen. Dann ist ein reges Leben in unserem Hause. Wir haben viele Gäste, Eingeladene und Ungebetene. Da sollten Sie sehen, wie Diejenige, welche von der Welt für das Urbild der düstern Frau in Muffet’s „Octobernacht“ gehalten wird, mit einem Male lustig sein und ihre Gäste fröhlich machen kann! Ganz hinten im Garten ist unser kleines Privattheater, das siebenzig numerirte Plätze, eine ziemlich große Bühne und Decorations- und Costümir-Räumlichkeiten enthält.“

Dieses Haus war vor Jahren, als George Sand noch für das Theater schrieb, die Experimentalbühne der Dichterin, wo sie oft eben vollendete Scenen und Acte aufführen ließ, um die Wirkung zu prüfen. Nur hier sind jene Fragmente und Dramolets zur Aufführung gekommen, die später unter dem Titel „Theâtre de Nohant“ gesammelt erschienen sind und unter denen sich auch die Dramatisirung einer Novelle unseres Callot-Hoffman befindet, den George Sand so sehr bewunderte. Jetzt wurden hier blos noch Stegreifkomödien oder Marionettenstücke aufgeführt.


(Schluß folgt.)




Astronomie mit bloßem Auge.

Von zehntausend Menschen kommt durchschnittlich wohl höchstens Einer dazu, gelegentlich durch das Fernrohr einen Blick auf den Sternenhimmel zu werfen, und weil man nun meint, ohne Fernrohr sei an demselben nicht viel Besonderes zu schauen, so wird er selbst in den meisten Schulen mit einer nicht entschuldbaren Gleichgültigkeit behandelt. Wie groß dieser Irrthum ist, mag aus der Bemerkung erhellen, daß die Fixsterne, sofern sie nicht zu den Doppelsternen gehören, dem bewaffneten Auge selbst durch die stärksten Werkzeuge keineswegs größer erscheinen, als dem bloßen Auge, sondern eher kleiner. Im Gegentheile kann man viele der merkwürdigsten Erscheinungen des Sternenhimmels, z. B. die verschiedene Farbe und den regelmäßigen Lichtwechsel einzelner Sterne, das Thierkreislicht, Nebelflecke etc. recht wohl mit bloßem Auge, oder wenn dasselbe schwach ist, mit einem kleinen Opernglase, wie es ja fast Jedem zugänglich ist, erkennen, und ich glaube Manchem einen Gefallen zu erweisen, wenn ich ihn auf einige dieser den meisten Menschen ihr Lebelang verborgenen Sehenswürdigkeiten am Sternenhimmel aufmerksam mache.

Zunächst sollen diese Zeilen nur anregend wirken, und ich werde mich deshalb auf den Standpunkt jener ältesten Väter der Astronomie stellen, denen der nächtliche Himmel ein großes Märchenbuch mit schönen Bildern war, in deren Symbolik sich das geistige Auge gern vertiefte. Wenn wir eine der gewöhnlichen Sternkarten, wie sie unsern Schul-Atlanten vorgeheftet zu sein pflegen, zur Hand nehmen, so sehen wir darauf den Niederschlag jener uralten mythischen Betrachtungsweise des Weltalls, ein wundersames Gewimmel von Götter- und Menschenkindern, Thieren und Fabelwesen, die sich bunt, wie auf einem Maskenballe, durch einander tummeln. Auch in unsere Kalender sind jene märchenhaften Bezeichnungen der Sterngruppen, zum wenigsten die Namen und Bilder der sogenannten Thierkreiszeichen übergegangen, und wir finden dort jedem Monat sein besonderes Thierkreiszeichen: Widder, Stier, Zwillinge etc., wie sein Wappen zuertheilt. Es sind dies bekanntlich diejenigen zwölf Sternbilder, welche, den Leidensstationen der Calvarienberge katholischer Länder vergleichbar, längs des stark geneigten Himmelspfades liegen, den die Sonne im Laufe des Jahres scheinbar zurücklegt, sofern sie jeden folgenden Monat bei der nächsten Station auftaucht.

Jene Bezeichnungen der Thierkreissternbilder, wie das Gerippe unseres ganzen Kalenders und unserer Zeiteintheilung verdanken wir einem alten Culturvolke, welches viele Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung Babylon colonisirt hatte, den sogenannten Akkadiern, von deren culturhistorischer Bedeutung die Alterthumsforschung erst seit wenigen Jahren die sicheren Spuren aufgefunden hat. In einer aus Ziegelsteinen bestehenden Bibliothek des wieder aufgegrabenen königlichen Palastes von Ninive hat man unter den vor zweitausendfünfhundert Jahren copirten Keilschrifttafeln bruchstückweise auch dem viel älteren poetischen Commentar zu jenen zwölf Bildern gefunden, welche die erste Textseite unserer Kalender zu zieren pflegen. Es ergab sich daraus, daß jenes älteste Culturvolk die Sonne als einen abenteuernden Ritter verherrlichte, der alljährlich seine Rundreise durch die Himmelsstaaten machte und dabei an jeder der zwölf Monatsstationen eine Heldenthat verrichtete, z. B. wilde Widder und Stiere besiegte, oder sonst Abenteuer erlebte, an welche jene Thierkreisbilder zu erinnern bestimmt waren. So bezog sich z. B. das Sternbild des Wassermanns (auf unseren Himmelskarten als ein Mann dargestellt, der aus einer Urne einen ungeheuren Strom über den Himmel ergießt) auf den babylonischen Regengott, der die sogenannte Sündfluth auf Befehl eines höheren Gottes vollzogen haben sollte, und die Bibel hat, wie wir seit wenigen Jahren wissen, die Beschreibung derselben Zug für Zug dem chaldäischen Dichter entlehnt. Auch die sogenannten zwölf Thaten des Hercules sind nichts als ein entstellter Nachklang jenes altehrwürdigen Sonnen-Epos, welches die Namen der jetzt freilich (durch das Vorrücken der Nachtgleichen) weit von ihrem ursprünglichen Platze entfernten Monatszeichen in Form eines Märchens erläuterte.

Aber nicht allein sie, sondern auch alle übrigen Sternbilder verdanken ihre Namen der mehr oder minder poetisch angehauchten Volks- oder Gelehrtenphantasie. Wie sehr sinnig und volksthümlich solche astronomische Märchen oftmals sein können, möge uns das Sternbild lehren, mit welchem für die Kinder der nördlichen Halbkugel stets die Sternkunde beginnt, nämlich der große Wagen, oder wie ich ihn mit einem bekannteren, aber bloßen Mißverständnissen entsprungenen Namen nennen muß, der große Bär. Jedes Kind kennt diese uns nie entschwindende herrliche Zierde unseres nordischen Himmels, aber nur höchst wenige unter ihnen werden wissen, daß sie darin die Illustration, ja wahrscheinlich den Ursprung eines ihnen Allen bekannten Volksmärchens zu erblicken haben,des Märchens vom kleinen Däumling. Ich selbst habe erst von einem mit unserer Volksliteratur ausnehmend vertrauten Franzosen, Herrn Gaston Paris in Paris erfahren, daß dieses Sternbild, über dessen Mythologie derselbe im vorigen Jahre ein kleines lesenswerthes Buch[1] herausgegeben, in der Volkssprache der alten Deutschen und Slaven von Belgien bis Rußland, von Schweden bis nach Süddeutschland, seit Jahrhunderten allgemein der Däumlingswagen genannt worden ist; gerade wie vor mehr als zweihundert Jahren der hessische Schriftsteller Prätorius das Sternbild [523] als den „Fuhrmann Hans Dümeke“ bezeichnete, so hört man in Holstein noch heute die Benennung „Hans Dümken sitt opn Wagen“, und die Wallonen in Belgien geben ihm den Namen „Char-poucet“, das heißt Däumlingswagen.

Wir bitten die Väter, welche ihren Kindern das Märchen am Himmel zeigen wollen, die nähere Erklärung hinzuzufügen, welche schon die alten Griechen den Römern überlieferten, daß nämlich die vier Sterne, welche zusammen ein Viereck bilden, als die vier Räder eines Wagens anzusehen sind, während die drei in gebogener Linie daranstoßenden Sterne drei Zugthiere (Rinder oder Pferde) vorstellen, die, wie es in vielen Ländern z. B. jenseits des Rheins, allgemein Sitte ist, nicht nebeneinander, sondern hintereinander angespannt sind. Genau betrachtend bemerken wir, daß der Wagen rückwärts geht, als wenn er umwenden wollte, und so erklärt sich nun leicht die schiefe Stellung der Deichsel und der drei Zugthiere an derselben. „Wo aber steckt der Fuhrmann, der den Wagen rückwärts lenkt?“ wird wohl bei dieser Erklärung jeder Zuhörer fragen. Wenn wir den mittelsten der drei als Zugthiere gedeuteten Sterne genau betrachten, so werden wir bei leidlich guten Augen sogleich, ganz klar aber mit einem Opernglase dicht über demselben eine zweiten, ganz winzigen Stern erblicken, der also, wie es Fuhrleute thun, auf dem einen Ochsen oder Pferde seines Gespanns gleichsam reitet: das ist das Reiterchen der Araber, der Postillon der Franzosen, der Fuhrmann Hans Dümchen oder Däumling der Deutschen. Sein Auftauchen über dem größern Sterne beim genauern Hinschauen bietet uns für das bloße Auge fast dasselbe Schauspiel, wie die Zerlegung eines sogenannten Doppelsternes durch das Fernrohr. Wie jene in unendlicher Ferne umeinander kreisenden Sonnen des Weltalls dem bloßen Auge stets als einfache Sterne erscheinen und sich erst durch stärkere Fernröhre in zwei, meist complementär (das heißt grün und roth oder orange und blau) gefärbte Sterne trennen lassen, so erscheint dem ersten Blick auf unser Sternbild Zugthier und Reiterchen stets verschmolzen, und die Araber betrachten es als einen Prüfstein guter Augen, beide voneinander getrennt zu erblicken. Bei Anwendung eines gewöhnlichen Opernglases stehen sie bereits fingerbreit voneinander entfernt. Während sich diese beiden Sterne für den Ausblick in das All nur zufällig beinahe decken, weil sie im Raume mit unserer Sonne fast eine gerade Linie bilden, entpuppt sich der Träger des Reiterchens in stärkeren Ferngläsern als ein wirklicher aus zwei umeinander kreisenden Sonnen bestehender Doppelstern, sodaß die Absonderung des Reiterchens nur das Vorspiel einer wirklichen Entzweiung oder Zweitheilung ist.

Aus dieser eigenthümlichen Erscheinung des nur bei völlig dünstefreiem Himmel dem bloßen Auge erkennbaren Reiterchens scheint nun der Volkswitz der Germanen und Slaven jenes reizende Märchen von dem kleinen, schlauen Däumling „geschnitzt“ zu haben, der seinem Vater auf dem Felde vorschlug, ihn in das Ohr des einen Wagenpferdes zu setzen, um von dort unsichtbar das ganze Gespann mit jüh und joh! mit hott und har! zu lenken, wie es in dem Grimm’schen Märchenbuche heißt. Unser Sternbild stellt, wie gesagt, den Augenblick dar, in welchem der unsichtbare Fuhrmann seinen Wagen durch energisches Ziehen und Zupfen mit der Leine rückwärts umlenkt, worin sich ja die Kunst des Fuhrmannes vorzugsweise bewährt, und deshalb heißt der kleine Wagenlenker in Westphalen Zupdümken, und es wird hinzugesetzt, daß er stets um Mitternacht seinen Wagen „torügge zupt“, damit er anderen Tages wieder auf seinem richtigen Platze stehe.

Auch noch andere Züge unseres Märchens stehen offenbar mit den häufigen Verschwinden und Unsichtbarwerden des Reiterchens in Verbindung, so wenn er von seinem Ochsen „aus Versehen“ verschluckt wird, aber immer wieder zum Vorsehen kommt und seine Geschicklichkeit sich zu ducken und durch die engsten Spalten zu schlüpfen zu einer Reihe von Diebeskünsten benutzt. Schenkl hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Däumlings-Streiche von den arkadischen Schäfern dem Hermes in die Schuhe geschoben wurden, der bekanntlich als ganz kleiner Knirps Rinder stahl, sie scheinbar rückwärts gehen ließ, damit die Spuren irre führen sollten, sich durch Schlüssellöcher drückte und endlich, was besonders kennzeichnend ist, der Gefangenschaft durch denselben Originalkniff entwischte, wie Daumesdick bei den Gebrüdern Grimm. Wir haben also hier offenbar ein indogermanisches Sternmärchen vor uns, und die griechische Lesart von den sieben Rindern, die das Hermeskind scheinbar rückwärts davon trieb, malt sich noch in der Deutung der Römer, die das Sternbild auch als sieben auf der Tenne des Himmels im Kreise umgehende und dreschende Rinder (Septem triones) bezeichneten und nach ihnen den ganzen Nordhimmel und die Weltgegend Siebenrind (Septemtrio) tauften.

Unser Däumlings-Gestirn dient auch insofern als Ausgangspunkt für alle ersten Ausflüge in die Sternregionen, als man in der Verlängerung der Verbindungslinie seiner beiden Hinterräder am leichtesten den Polarstern findet, um welchen alle übrigen Gestirne kreisen. Er, der einem ganz ähnlichen Sternbilde wie unser Däumling, dem kleinen Bären oder Wagen als Schwanz- oder Deichselspitze angehört, war natürlich bei Naturvölkern wegen seiner allein festen Stellung in dem scheinbar allgemeinen Wirbeltanz der Sterne ebenfalls der Gegenstand sinnvoller Dichtungen und Mythen. Die alten Indier verehrten in ihm geradezu den Gott Indra, der die Welt erschaffen, und hielten die sechs oder sieben zunächst um ihn kreisenden Sterne für sieben fromme, in seine unmittelbare Betrachtung immerdar versenkte Büßer. Die Chinesen hielten, wie die Griechen, den Polarstern für den Palast ihres höchsten Gottes, für den unbeweglichen Sitz, von dem er das Weltall regiert; die Finnen wollten wenigstens in ihm das Thor erblicken, aus welchem alles Leben in die Welt getreten sei.

Die Abiponen, ein südamerikanisches Volk, haben diesen Wohnplatz und Regierungssitz ihres höchsten Gottes, denn sie zugleich als ihren „Großvater“ verehren, nach Dobritzhoffer in das Siebengestirn verlegt, und sie fürchten, wenn dieser Sternhaufen im Winter von dem südlichen Himmel verschwindet, um an dem unsrigen aufzugehen, daß der Großvater krank geworden sei, und wünschen ihm bei der Rückkehr von seiner Erholungsreise im Frühling Glück zu seiner Genesung. Sie würden eine auffallende Bestätigung ihrer Ueberzeugung, daß dort die Gottheit residire, in den Ansichten der neueren Astronomie finden, die, entgegen dem scheinbaren Mittelpunkte des Polarsternes, in dieser gedrängten Gruppe kleiner Gestirne den wirklichen Mittelpunkt unseres von der Milchstraße umgürteten Sternensystemes sucht. Im Uebrigen spielt auch in dieser Gruppe der eine Stern „Versteckens“ mit dem menschlichen Auge und hat daher, wie der Däumling, entsprechende Märchen hervorgerufen. Einem schwachen Auge erscheint das Siebengestirn wie ein Nebelfleck; ein etwas schärferes erkennt deutlich nur den einen Stern, die Alcyone, inmitten eines Gewimmels kleinerer (woher der Name der „Gluckhenne mit ihren Küchlein“); ein normales Auge unterscheidet sechs, aber nur ein ganz vorzügliches sieben Sterne, weshalb die Griechen das Märchen von den sieben Töchtern (Plejaden) der Pleione erfanden, unter denen sich eine in einen Sterblichen verliebt hätte und deshalb aus Scham vor den Blicken der anderen Menschen gewöhnlich einen Schleier über’s Gesicht ziehe, sodaß nur die übrigen Plejaden sichtbar sind. Durch ein Opernglas betrachtet, vermehrt sich die Zahl dieser kleinen Sterne bereits zu einem ganzen Haufen, der sich, durch ein Fernrohr gesehen, noch beträchtlich an Kopfzahl erweitert.

Aber auch einen wirklichen Nebelfleck vermögen wir in mondlosen Nächten von October bis April mit unbewaffneten Augen am nördlichen Sternenhimmel zu erkennen. Wenn wir die Linie, die uns vom großen Wagen zum Polarstern führte, über denselben hinaus verlängern, so treffen wir diesseits und jenseits der Milchstraße auf eine Anzahl von Sternbildern, die allesammt dem babylonisch-griechischen Märchen von Perseus und Andromeda angehören. Zuerst begegnen wir den königlichen Eltern der Andromeda, Cepheus und Cassiopeja, dann der Königstochter selbst; tiefer am Horizonte steht der Walfisch, das Ungeheuer, welches sie verschlingen wollte, auf der einen Seite Perseus mit dem Medusenhaupte, auf der andern der durch vier ein großes Quadrat bildende Sterne bezeichnete Pegasus, welcher den befreienden Helden herbeigetragen.

Indessen wir wollen in diesem alten Märchenbuche nicht weiter blättern, sondern unsere Aufmerksamkeit vielmehr auf den mit Hülfe einer Sternkarte leicht auffindbaren Nebelfleck am Gürtel der Andromeda richten. Er ist von den Tausenden der später mit Fernrohren gefundenen Nebelflecke des nördlichen [524] Sternenhimmels der Erstentdeckte, denn er wurde bereits 1612 von dem ehemaligen Musicus Mayer aus Guntzenhausen, nachmaligem Hofmathematicus des Markgrafen von Kulmbach, beobachtet. Er zeigt die besonders im Opernglase hervortretende weberschiffchenförmige Gestalt der meisten Nebelflecke, und sein Licht erscheint, wie Mayer ganz trefflich sich ausdrückte, wie der verwaschene Schimmer des Lichtes in einer Hornlaterne, oder wie eine fadenscheinige Stelle der dunklen Wölbung, durch welche der außen befindliche glanzvolle „Himmel der Seligen“ (nach Derham’s Ausdruck) hindurchschimmert. Uebrigens gehört dieser dem bloßen Auge allein deutlich sichtbare Nebelfleck zur Gruppe der auflösbaren Nebel, und der amerikanische Astronom Bond, dem im Jahre 1845 zuerst die theilweise Auflösung mittelst eines Riesenteleskopes glückte, zählte in diesem Lichtwölkchen fünfzehnhundert dicht aneinander gedrängte Sterne. Wir erblicken also dort wie durch ein Fenster unseres Sterngebäudes schon mit bloßem Auge eine äußere Fixsternwelt von ähnlicher linsenförmiger Gestalt wie diejenige, welche die Milchstraße umgürtet, und ihre Betrachtung muß daher für jeden Menschen ein interessantes Schauspiel darbieten.

Nicht sehr fern von diesem Nebel der Andromeda in dem Medusenhaupte des Perseus funkelt uns der leicht auffindbare Stern Algol entgegen, der in der Regel einen so lebhaften Glanz hat, daß man ihn den Sternen zweiter Größe beizählt. Aber jedesmal, nachdem er zweiundsechszig Stunden in diesem Glanze gestrahlt hat, nimmt seine Helligkeit so plötzlich ab, daß er nach viertehalb Stunden als Stern vierter Größe unserem Auge fast zu verschwinden droht, worauf er nach einer Viertelstunde größter Lichtschwäche neu erstarkt und nach weiteren viertehalb Stunden wieder in voriger Herrlichkeit strahlt. Da diese Stunde der Schwäche im Laufe des Jahres oftmals in die Nachtzeit fällt, so müssen wir uns eigentlich wundern, daß die Alten nicht auch davon ein schönes Märchen zu erzählen wußten. Man vermuthet mit guten Gründen, daß diese schnell vorübergehende theilweise Verdunkelung durch einen um den Algol kreisenden dunklen Begleiter von kleinerem Umfange hervorgebracht werde, sodaß es sich bei diesem Schauspiele um eine ringförmige Sonnenfinsterniß am Nachthimmel handeln würde. Einen noch auffallenderen Lichtwechsel, der deshalb auch zuerst (1596 von Fabricius) am nördlichen Sternenhimmel wahrgenommen wurde, bietet ein Stern am Halse des Ungeheuers (Walfisch), das die Andromeda zu verschlingen drohte, denn seine Helligkeit sinkt im Laufe von elf Monaten von derjenigen eines Sternes zweiter Größe bisweilen herab bis zu einer völligen Unsichtbarkeit selbst für starke Fernröhre. Dieser daher der Wunderbare (Mira) genannte Stern ist aber nur im Herbste zu sehen und daher viel seltener zu finden als Algol, den man den größten Theil des Jahres am Nachthimmel erblickt.

Auch die verschiedene Farbe der Gestirne gehört zu den Gegenständen der Astronomie mit bloßem Auge. Von den jedem Betrachter auffallenden Sternen erster Größe sind Wega, Deneb, Regulus und Spica weiß, der Polarstern, Procyon, Atair (und besonders das eine Hinterrad im großen Wagen) gelblich, Arktur, Aldebaran, Pollux und Beteigeuze deutlich röthlich. Man nimmt an, daß die röthlichen Sterne weniger heiß seien, als die gelblichen, zu denen unsere Sonne gehört, und diese wiederum weniger heiß, als die weißglühenden. Mit dem Fernrohre entdeckt man freilich, namentlich unter den Doppelsternen, lebhaftere Färbungen, purpurrothe, grasgrüne, blaue Sterne, sodaß manche Gegenden des Himmels mit schimmernden Edelsteinen aller Farben besäet erscheinen. Aber von diesen Märchengebilden darf ich heute nichts erzählen.
Carus Sterne.




Die Züricher Breifahrt.
Von einem Elsässer.


Am 20. Juni 1876 hätte Straßburg den dreihundertjährigen Gedächtnißtag einer der lieblichsten Episoden aus den Zeiten der Bürgerfreiheit und der Bürgerlust gefeiert. Es schien am Ende des sechszehnten Jahrhunderts, als wollte Deutschland sich zum voraus schadlos halten für alle die namenlosen Drangsale und Gräuelthaten des dreißigjährigen Krieges. Damals glühte und blühte deutsche Lust und Kraft in üppiger Fülle, doch trugen die Volksfeste das Gepräge der Biederkeit und Treuherzigkeit, ja nicht selten eines ritterlichen Geistes und einer fürstliche Gastfreundschaft.

Durch Gewerbe und Handel die Schatzkammer des Reiches, durch weises Regiment die Wiege der Freiheit, durch Aufklärung und Toleranz die Herberge der Gerechtigkeit, blühte Straßburg im Kranze der deutschen Reichsstädte. „Hier,“ schreibt Erasmus, „sieht man eine Aristokratie ohne Parteien, eine Demokratie ohne Tumult. Zu Massilia im Alterthume und zu Straßburg in neueren Zeiten hätte Plato das Ideal seiner Republik verwirklicht gefunden.“ Seit mehreren Jahrhunderten bestand zwischen Straßburg und Zürich ein freundschaftliches Verhältniß, das durch gegenseitige Hülfsleistungen immer fester und fester geknüpft wurde. Gemeinschaftlich hielten sie Wacht, bald an der Donau, im Jahre 1276, um ihren ehemaligen Stadthauptmann, Kaiser Rudolf von Habsburg, in den östlichen Marken des Reiches zu schützen, bald am Rhein in den Jahren 1376 und 1476, um ihre wälschen Dränger, die Armagnaken und Burgunder, abzuwehren. In friedlicheren Zeiten übte man sich „in G’schütz und Witz“ und förderte die Bollwerke der Freiheit, die edle Buchdruckerkunst und die Reformation. Nach gethaner Arbeit schmauste und zechte man mit einander, wetteiferte

mit allerhand erfund’ner Freud’
zu bezeugen seine Gutwilligkeit,

und kehrte mit Sang und Klang, von tausend Segenswünschen begleitet, fröhlichen Muthes heim.

So viele Bande vereinten die treuen Eidgenossen, als am 18. Hornung 1576 der Rath der allezeit freien Reichsstadt Straßburg die Züricher in einem patriotischen Ausschreiben zu einem großen Freischießen einlud. Der Züricher Geschichtsschreiber, Hans Rudolf Maurer, erzählt, mit welcher Begeisterung Magistrat und Volk die freundliche Botschaft aufnahmen. Es erwachte das Andenken an die Tage der Vorzeit; man sprach in den Zunftstuben von Granson und Murten; man erwähnte der alten Bünde und des neuen mit Straßburg geschlossenen Burgrechtes, auch des in theuerer Zeit von den Elsässern gespendeten Getreides. Sechszig Züricher Schützen eilten mit ihrem Bürgermeister Hans Bräm nach Straßburg und schilderten, wetteifernd in ihren Briefen, den herzlichen Empfang und des Festes Herrlichkeit. Doch fanden sie auch Sonderbündler, welche meinten, die Eidgenossen seien zu weit entfernt, um Straßburg im Nothfalle helfen zu können. Das waren die Sturmvögel des dreißigjährigen Krieges, die ultra-lutherischen und die ultramontanen Theologen, denen das frische und freie Wesen der Schweizer ein Gräuel war. Da faßten die edlen Züricher den Entschluß, ihren liebwerthen Freunden und Bundesgenossen zu zeigen, wie die Schweizer noch immer Leute von Entschlossenheit und Ausdauer seien, um den Straßburgern im Falle der Noth schnelle Hülfe zu leisten. Hans im Weerd, genannt der Ziegler, schlug seinen Mitbürgern vor, einen warmen Hirsebrei in einem Tage von Zürich nach Straßburg zu bringen, zum Zeichen, die Züricher könnten in Kriegsnöthen den Straßburger Freunden zu Hülfe kommen, bevor ein Hirsebrei kalt werde. Man erinnerte an ein ähnliches Unternehmen, das im Jahre 1456 glücklich vollbracht worden war. Man wiederholte das alte Losungswort:

Sind nur doch Nachbarn nach (nah);
Wir schöpfen Wasser aus einem Bach.

Da machten sich vierundfünfzig Männer in der Blüthe oder Vollkraft der Jahre mit dem Bannerherrn Kaspar Thomann und dem Chronikschreiber Georg Keller an der Spitze, auf den Weg nach Straßburg. Drei Trompeter, zwei Trommelschläger und ein Querpfeifer bildeten das Musikcorps des ritterlichen Zuges.

Am Mittwoch, den 20. Juni 1576, am hundertsten Jahrestage der Schlacht von Murten, schifften sich die kühnen Argonauten auf der Limmat ein. Ein eherner, dreibeiniger, hundertvierundzwanzig

[525]

Ankunft des Breitopfes von Zürich in Straßburg am 20. Juni 1576.
Originalzeichnung von Arthur Langhammer.

[526] Pfund schwerer, mit glühendheißem Hirsebrei gefüllter Topf wurde als Ehrengeschenk für die Straßburger Freunde in eine sandumgossene Tonne gestellt. Die ehrsamen Hausfrauen brachten dreihundert Semmelringe herbei, den Kindern Straßburgs zur willkommenen Gabe. Mit dem Glockenschlage Eins, bei funkelndem Sternenhimmel, setzte sich das Schiff in Bewegung, und von der Brücke flossen Grüße und Segenswünsche wie Thautropfen herab.

Ein Straßburger Augenzeuge, Fischart, hat die romantische Fahrt unter folgendem Titel beschrieben: „Das Glückhafft Schiff vonn Zürich, Ein Lobspruch, vonn der Glücklichen und Wolfertigen Schiffart einer Bürgerlichen Geselschafft auß Zürich auff das außgeschriben Schiessen gehn Straßburg den 20. Junij des 76 jahrs, nicht vil erhörter weiß vollbracht, darzu eines Neidigen Verunglimpfers schantlicher Schmachspruch von gedachtem Glückschiff, durch Vlrich Mannsehr von Treübach.“ In diesem schleppenden Tone beginnt das Heldengedicht. Sobald aber das Schifflein vom Lande stößt, erhebt sich Fischart’s Geist von der Erde. Der Strom der Rede fließt in geregelten Wellen dahin, wie in dem Verse:

„Die Ruder giengen auff und ab.“

Alles athmet Luft und Leben; die Berge winken; die Sonne lächelt freundlich den Schiffern entgegen, und mit vollen Weinkrügen eilen die Anwohner des Rheins herbei:

          „– die zu beschauen,
Die große Flüsse zu zwingen trauen.“

Freundlich erwidert Fischart die Grüße der Stammesgenossen. Mit kecker Laune und aristophanischen Wortschöpfungen verwandelt er Rhätien in Rheinzierland, Breisgau in Preisgau, Mühlhausen in Mildhausen, Straßburg in Treuesburg, Trier in Treuehr. Er leitet die Namen Helveter von Heldväter, Elsassen von Heldsassen ab und wird nicht müde, den politisch getrennten Bruderstämmen zuzurufen: „Ihr seid ein Volk und einig sollt ihr handeln.“

Als die Sonne die Thurmspitze des Straßburger Münsters vergoldete, da schwebte langsamer das Schiff dahin und die erprobten Helden rüsteten sich zum Empfange der Siegeskränze. Mit fröhlicher Hast warfen sie die schwarzen Mäntel um, ordneten die wallenden Federbüsche und fuhren mit kriegerischer Musik und wehendem blauweißem Fähnlein den jubelnden Straßburgern entgegen. Gegen sieben Uhr Abends fuhren sie aus dem Rhein in die Ill und sprangen bei der Kaufhausbrücke an’s Land, wo die Straßburger Rathsherren mit Trommlern und Pfeifern und einer unabsehbaren Menge Volkes zum Empfange bereit standen. Hier ergriff der Sprecher Kaspar Thomann das Wort:

„Ihr lieben Eidgenossen, heut’ zeigten wir Euch gern,
Daß Euch in Noth und Fährde die Zürcher nie zu fern.
Wenn Ihr – was Gott verhüte! – je Feindesobmacht fühlt,
So kommen wir gefahren, eh’ sich ein Brei verkühlt.“

Und nun begann der Triumphzug der Glücklichen. Ringsum pries man die wackeren Züricherknaben, die mit starkem Ruderschlage aus vier Tagereisen eine gemacht. Voran die Musik beider Städte, trug man durch gedrängte Volksreihen die bedeutungsvolle Tonne in feierlichem Zuge auf die Zunftstube der Maurer, wo den Ankömmlingen eine reichbesetzte Tafel entgegendampfte. Als Vorgericht stellte man auf jeden Tisch eine Platte voll Hirsebrei,

„Dessen sich Mancher g’wundert hat,
Wenn er jn an Mund prennen that.“

Man erquickte sich am fröhlichen Gastmahle, das der Straßburger Dichter Adolf Stöber mit folgenden Worten beschreibt:

„Elsässerweine fließen; hell klingt es hier und dort,
Man wechselt traute Rede, manch freies deutsches Wort.
Man spricht von alten Tagen, wie beider Städte Bund
Schon zu der Väter Zeiten so kräftiglich bestund.“

Die Stunden kamen und flohen und mit lieblichen Sprüchen, die uns Fischart aufgezeichnet hat, wurde der Schlaftrunk gewürzt:

„Das sei der Freuntschaft eigenschaft:
Zur fröud hertzhaft, zur not standhaft.“

Um Mitternacht geleitete man die Eidgenossen mit Fackelschein in die Herberge „zum güldenen Hirtzen“. Tag für Tag bemühten sich die Rathsherren, ihren Gästen alle mögliche Ehre und Freundschaft zu erweisen. Am 21. Juni führte man sie auf den Schützenrain und in das Zeughaus, das die Trophäen der gemeinschaftlich errungenen Siege enthielt. Am 22. bewirthete man sie auf der Plattform des Münsters und schenkte ihnen aus den wohlgefüllten Magazinen der Stadt hundertsiebenunddreißigjährigen Weizen, hundertsiebenundneunzigjähriges Salz und hundertvierjährigen Wein. Die Stunde des Abschieds kam, und man trennte sich mit dem Versprechen: „Unsere Freundschaft soll dauern, so lange unsere Ströme zusammenfließen. Wenn die Treue aus der Art schlagen würde, so wollen wir uns nicht mehr Deutsche nennen.“

Auf des Ammeisters Bitte überließen die Eidgenossen ihren Breitopf sammt dem Schiffe ihren Straßburger Freunden „den Kindern und Kindeskindern zur Gedechtnuß“. Als Gegengeschenk und zur Urkunde des bestandenen Abenteuers erhielten sie vierundfünfzig Fähnlein und ebenso viele Denkmünzen in damastenen Beuteln. Sorgfältig hatte der Magistrat sechs Rollwagen mit dreißig Pferden ausrüsten lassen und einigen Rathsherren den Auftrag ertheilt, die fröhliche Gesellschaft das Elsaß hinauf zu geleiten. Zwei Söldner wurden aus dem Stadtsäckel mit Geldmitteln ausgestattet, um alle Kosten der Rückreise bis Zürich zu bestreiten. Die Heimkehr glich einem Triumphzuge. Zu Benfeld, Schlettstadt, Ensisheim und Mühlhausen wetteiferten die Bürger, den Dank des Elsasses abzutragen, und bewillkommneten die gefeierten Gäste mit Böllerschüssen und Ehrenwein.

„Man wird nicht Rühmens müde; man wünscht einander Glück.
Die Zürcherfahrt däucht Allen der Freundschaft Meisterstück.“

Am Donnerstag, den 28. Juni, langten die Eidgenossen, die Straßburger Ehrenherolde an der Spitze, nach einer achttägigen Abwesenheit in ihrer Vaterstadt wieder an. Der Widerglanz der schönen Festtage verbreitete sich noch lange über die hereinbrechende düstere Zeit. Noch trägt ein Haus auf dem alten Weinmarkte zu Straßburg neben der Inschrift BAINS DE SPIRE den altdeutschen Denkspruch:

In der Zit war es volent,
Da die Schwitzer von Zirch gerennt.

Umsonst versuchte ein Römling, den Lobliedern und Erinnerungstafeln gegenüber die republikanischen „Kuhmäuer“ und ihren „Milachprei“ lächerlich zu machen. Mit flammenden Worten widerlegte Fischart in seinem geharnischten Gedichte „Kehrab“ den „neidigen Schwätzer und Ehrverletzer“. Wohl wußte Fischart, daß der oberdeutsche Bund nicht ohne das Reich und das Reich nicht ohne Einigkeit bestehen konnte. Darum erzählte er den Deutschen, was Straßburg und Zürich gethan, „ob’s ihnen möchte zur Witzung werden.“

„Nun, libs Wagschifflin, schiff hinein
In d’Welt; laß dir befohlen seyn
Das gantz Teutschland.“

Diese Warnung verhallte ungehört. Noch im Jahre 1676 kämpften Elsässer und Lothringer, unterstützt von ihren Züricher Bundesgenossen, an den Ufern des Rheins und der Saar gegen die französischen Eroberer. Die eilende oder elende Reichshülf blieb aus; ein Machtspruch Ludwig’s des Vierzehnten entfernte von Straßburg die kleine schweizerische Besatzung, und nun blieb der Meise, unserer berühmtesten Kanone, ihr republikanisches Trutzliedlein im Halse stecken. Aber hundert Jahre später erneuerten Pfeffel und Lavater den oberdeutschen Bund. Ein günstiges Gestirn hatte damals mehrere der tüchtigsten deutschen, schweizerischer und elsässischen Jünglinge zu Straßburg versammelt. Im Jahre 1776 ließen sie als ein noch immer fortdauerndes Denkmal ihres poetischen Zusammenlebens ihre Namen im Innern der Münsterpyramide in den Stein hauen. Ein anderes Denkmal ihres Wirkens war die „Gesellschaft zur Ausbildung der deutschen Sprache“, welcher wir Elsässer es zum Theil verdanken, daß die politische Abtrennung nicht in nationale Entfremdung ausarten durfte. Mit sorgsamer Hand hielt die Dichterfamilie Stöber das unter der Asche glimmende Feuer wach und verherrlichte in poetischen und prosaischen Erzählungen die Züricher Breifahrt. Oft hörte der Verfasser in seiner Knabenzeit die Straßburger sagen: „Das Rheinthal von Zürich bis zur Pfalz, mit Straßburg als Hauptstadt in der Mitte, das wäre ein Paradies auf Erden.“

[527] Damals lebte zweierlei Volk in den Mauern der alten Reichsstadt. Die Einen – ihr Häuflein schmolz mit jedem Jahre zusammen – hielten treu an vaterländischer Sprache und Sitte; die Anderen lockte der fremde Zauber gewaltsam über die Berge. Selbst der wackere Meistersänger Daniel Hirtz begrüßte mit dem vaterländischen Titel „Die glückhaften Schiffe“ die beiden Boote, welche im Juni 1836 die erste Reise von Straßburg nach Paris vollbrachten. Seit dem Staatsstreiche und namentlich kurz vor dem Ausbruche des deutsch-französischen Krieges wurden die freundlichen Verhältnisse der elsässischen Protestanten mit Deutschland und den benachbarten Schweizerstädten in gehässigen Flug- und Fluchschriften denuncirt. Beim Ausbruche des Kampfes wurden die Delegirten der schweizerischen Hülfsvereine theils verdächtigt, theils mit Gefängniß bedroht. Auch das Palladium des oberdeutschen Bundes, der Züricher Breitopf, wurde in der sogenannten Bartholomäusnacht des Jahres 1870 zertrümmert.

Es sollte neues Leben aus den Ruinen erblühen. Plötzlich erschienen die Abgeordneten der Städte Zürich, Bern und Basel in den Mauern der hart geängstigten Stadt und theilten der staunenden Volksmenge den Entschluß der Schweizer mit, allen elsässischen Flüchtlingen, und sollten sie nach Zehntausenden zählen, eine freundliche Herberge zu gewähren. Auf allen Schlachtfeldern Elsaß-Lothringens, in allen durch Kriegsnoth heimgesuchten Städten erschienen die treuen Eidgenossen als Helfer in der Noth mit tröstendem Wort und reichlicher Spende. In dankbarer Erinnerung widmete der elsässische Geschichtschreiber Rathgeber seine „Geschichte der Stadt Straßburg“ den deutschen Schweizerstädten. Unter dem Titel „Gute Nachbarschaft“ wird die Züricher Breifahrt in den Lesebüchern der elsaß-lothringischen Volksschulen erzählt. Seit 1871 erinnert der Name einer Gasse Straßburgs (die Zürcherstraße) an Alles, was die Züricher in Freud und Leid an ihren Bundes- und Stammesgenossen gethan. „Denkt an den 20. Juni 1576! Denkt an den 11. September 1870!“ hieß es in Straßburg, als man eine Collecte für die Ueberschwemmten im oberen Rhonethal eröffnete.

„Die Schweizertreue sei gepriesen,
So felsenfest wie Alpenhöh’n,
So tief wie eure blauen Seen!“

klingt es in den Liedern, die uns zur dritten Säcularfeier der Züricher Breifahrt mitgetheilt wurden. Der Vorschlag eines ultramontanen Deputirten, für die in den Jahren 1376 und 1476 im Kampfe gegen die Engländer (Armagnaken) und Burgunder gefallenen Bürger einen Todtendienst zu halten, fand wenig Anklang bei den Straßburgern. Uns treibt das Herz, am 20. Juni 1876 den treuen Eidgenossen die Bruderhand zu reichen und mit ihnen den Rütlischwur zu wiederholen:

„Ob uns der Strom, ob uns die Berge scheiden
Und jedes Volk sich für sich selbst regieret,
So sind wir eines Stammes doch und Bluts.“




Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
9. Der Genossenschafts-Revolver.


Zu der Menge von originellen Typen, die das heitere, leichtlebige Künstlervölkchen aufzuweisen hat und welche an dieser Stelle bereits Beachtung und Besprechung gefunden, gesellt sich in letzterer Zeit eine neue, noch gar nicht genugsam gewürdigte Gattung von Originalien, deren Anzahl indessen schon eine bedeutende ist und unter denen sich ebenso interessante wie merkwürdige Exemplare befinden.

Die „Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger“, dieses segensreiche, nicht hoch genug zu schätzende Institut ist es, der diese sonderbare Species von „homo theatralis“ ihre Entstehung verdankt. Jedem meiner Collegen und Colleginnen ist sie genugsam bekannt, das Publicum indessen hat noch wenig oder gar keine Gelegenheit gehabt, einen Blick in die stille Wirksamkeit dieser interessanten Käuze zu thun, die es werth sind, daß man sie ihrer Verborgenheit entreißt, ihr Thun und Treiben, ihre hohen Verdienste zur Kenntniß weiterer Kreise bringt. Ich spreche von dem sogenannten „Genossenschafts-Revolver“.

Die Gelder, die der Pensionscasse der „Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“ durch die obligatorischen monatlichen Einzahlungen der Mitglieder zuströmen, werden um ein Beträchtliches vermehrt durch freiwillige Beiträge der Bühnenkünstler. Tausende von Thalern fließen auf diese Weise jährlich der Generalcasse zu. Diese freiwilligen Beiträge mit allen Mitteln von seinen Collegen einzutreiben, ist Ziel und Lebensaufgabe des Genossenschafts-Revolvers, und er weiß sich dieser selbstübernommenen heiligen Verpflichtung mit einer Consequenz, Ausdauer und Unermüdlichkeit, mit einem Aufwande von Erfindungsgabe ohne Wahl der Mittel, nach wirklich jesuitischen Grundsätzen zu entledigen.

Der Genossenschafts-Revolver gehört gewöhnlich der jüngern Generation darstellender Künstler an, spielt Liebhaber, Komiker oder Bonvivants, ist ein gefälliger, angenehmer College, ein beliebter Gesellschafter, immer liebenswürdig und bei Humor, kurz der Urtypus eines sorglosen, heitern, gutmüthigen Komödianten, bis auf die eine schon erwähnte Leidenschaft, in welcher er weder Mitleid noch Erbarmen kennt. An Zähigkeit und Geschicklichkeit in Schröpfung der Geldbeutel seiner Collegen kann er sich mit dem gewiegtesten Collectenbruder messen, den er an Gefährlichkeit noch bei Weitem übertrifft. Alle seine Fähigkeiten concentriren sich in diesem einen Brennpunkte. Der ihn beseelende, nie rastende Feuereifer findet seine Erklärung allein in dem Umstande, daß der Genossenschafts-Revolver für die Unsterblichkeit arbeitet. Sein einziger Lohn ist nämlich der, seinen Namen allwöchentlich in den Spalten des officiellen Organs der Genossenschaft unter der Rubrik für kleine Beiträge zu lesen.

Da steht denn: „Durch Herrn N. N. gesammelt.“ Mit freudestrahlenden Augen liest der Genossenschafts-Revolver diese Notizen, streicht die Stelle mit einem Rothstifte sorgfältig an und legt die Zeitung zu den vielen übrigen, in denen bereits sein Name prangt, um sie am Jahresschlusse einbinden zu lassen. Auf einen solchen Band blickt er dann mit größerer Liebe, als irgend ein Autor auf seine Geisteswerke. Der Anblick ermuthigt und stärkt ihn zu neuen Thaten, er spornt ihn an, setzt ihn über alle Hänseleien und Grobheiten von Seiten seiner Collegen, seiner Opfer, hinweg und ist für ihn die unerschöpfliche Quelle reiner Freude und stolzer Genugthuung.

Ich will mich bemühen, die Wirksamkeit des Genossenschafts-Revolvers in den folgenden Zeilen in einigen Zügen zu schildern.

Die Mitglieder eines Provinzial-Stadttheaters sitzen gemüthlich des Abends beim Glase Bier zusammen, nichts Uebles ahnend. Plötzlich tritt der gefürchtete Geossenschafts-Revolver ein. Jeder greift ängstlich nach dem Portemonnaie und gelobt sich im Stillen, diesmal durch keinerlei „bübische Kniffe“ sich nur einen Pfennig ablocken zu lassen.

Der Genossenschafts-Revolver weiß das – er befindet sich stets auf dem Kriegspfade, und die Gesinnung seiner Gegner ist ihm kein Geheimniß. Ein humoristisches Lächeln gleitet über seine Züge; siegesgewiß nimmt er in der Mitte seiner Collegen Platz. Er kennt seine Pappenheimer; einige fallen doch herein und er hat sich schon vorbereitet.

Das Gespräch dreht sich eine Weile um allerlei Theater-Historien und Scandälchen, um die Auffassung dieser oder jener Rolle etc.; der Genossenschaft wird nicht erwähnt – Alles athmet auf. Plötzlich zieht der Genossenschafts-Revolver eine große in Bast gehüllte Cigarre aus der Tasche und legt sie auf den Tisch.

„Meine Herren,“ beginnt er, „diese vorzügliche Cigarre erhielt ich heute von Baron X. Er bot sie mir eigenhändig an. Sie ist mir zu schwer; ich will sie daher zu Gunsten der Genossenschaft versteigern – wer bietet?“

Starrer Schrecken! Endlich faßt sich ein muthiger Jüngling ein Herz – die Cigarre scheint ja eines Gebotes werth zu sein.

„Zehn Pfennige gebe ich,“ sagt er entschlossen, um der Sache ein Ende zu machen.

„Fünfzehn Pfennige!“ ruft ein Zweiter.

[528] „Es ist eine echte Havanna,“ sagt der Genossenschafts-Revolver, „dreißig Pfennige gebe ich selbst dafür. Wer bietet mehr?“

„Zwanzig Pfennige will ich geben,“ sagt der Heldenvater, der ein starker Raucher ist, „aber mehr nicht.“

„Schön, lieber Freund! Geben Sie zwanzig Pfennige!“

Der Käufer zahlt. Der Genossenschafts-Revolver zieht mit verbindlichem Lächeln die zwanzig Pfennige ein und sagt: „Im Namen der Genossenschaft besten Dank!“ Die Cigarre ist fünf Pfennige werth und von ihm eigenhändig präparirt.

Man schlägt ein Spielchen vor. Der Genossenschafts-Revolver ruht und rastet nicht, bis Alle versprechen, zehn Procent des Gewinnes für die Genossenschaft zu geben. Er zieht Karten hervor, die er stets bei sich trägt.

„Hier sind Karten, meine Herrschaften. Das Kartengeld ist an mich zu entrichten, nicht an den Wirth, es ist zum Besten der Pensionscasse.“ – Ehrenhalber müssen die Collegen auf die Offerte eingehen, da der Wirth sich damit einverstanden erklärt, und ein dreimal höheres Kartengeld zahlen, als gewöhnlich.

Zum Schluß, wenn das Spiel vorüber, macht der Genossenschafts-Revolver Kartenkunststücke, natürlich nur gegen ein entsprechendes Entgelt für die Pensionscasse. Läßt einer der Anwesenden aus Neugier sich verleiten, einige Pfennige zu zahlen, so schämen sich die Uebrigen zurückzustehen, und es fließt wieder ein Sümmchen zusammen. Dann erzählt er die neuesten pikanten Anekdoten aus der Stadt, die er, wer weiß wo, aufgefangen hat, selbstverständlich nicht umsonst, und hält beim schönen Geschlecht eine reiche Ernte. Er ist unwiderstehlich, keine Abweisung schreckt ihn. Er verschluckt glühende Kohlen und Spazierstöcke, sticht sich Nadeln durch die Backe, trinkt Bier mit Petroleum ohne eine Miene zu verziehen – Alles zu Gunsten der Genossenschaft. Er besitzt den Stoicismus des Spartaners und die Opferfreudigkeit eines Märtyrers.

In der That benutzt er jede freie Stunde zu Haus, um sich Taschenspielerkunststücke einzuüben, sowie neue Kniffe zu ersinnen, die den Dickfelligsten mürbe machen.

Macht einer der Collegen einen Kalauer, der die entsetzten „Ach“ und „Au“ der Beschädigten zur Folge hat, so ist er es, der energisch eine Geldstrafe beantragt, wobei ihn die Uebrigen gewöhnlich unterstützen, da ihre Geldbeutel ja diesmal verschont bleiben.

Genug – an Gemeingefährlichkeit kann sich keine noch so gefürchtete Species von Collegen mit ihm messen. Dies sind indessen noch die liebenswürdigeren Seiten des Genossenschafts-Revolvers, aber er hat auch unangenehme.

Einer Collegin, die von einem säumigen Schauspieler das geliehene Geld nicht zurückerhalten kann, bietet er sich als Commissionär unter der Bedingung an, die Hälfte der Summe an die Pensionscasse abführen zu dürfen. Die Gläubigerin, die schon längst auf ihr Geld verzichtet hat, geht den Handel ein, und richtig – sie erhält die Hälfte ihres Eigenthums zurück. Der eingefleischteste Schuldenmacher, der dem blutgierigsten Wucherer lachend ein Schnippchen schlägt, ist unfähig, dem Genossenschafts-Revolver zu widerstehen.

Geht es gar nicht anders, so macht der für seine Mission Begeisterte auch wohl selbst unter allerlei rührenden Vorwänden bei seinen Collegen Schulden, denkt aber nie an’s Bezahlen. Die energischsten Forderungen um Rückgabe des Geliehenen werden mit einem Lächeln, einem Achselzucken und der stereotypen Redensart: „Im Namen der Genossenschaft besten Dank!“ abgewiesen. Vorzüglich die Kunstnovizen beiderlei Geschlechts, die Anfänger, die man in der Theatersprache als „junge Vergnüglinge“ bezeichnet, fallen dieser Manipulation zum Opfer.

Auf diese und ähnliche Weise wirkt der Genossenschafts-Revolver zum Besten der Pensionscasse, der, wie gesagt, dadurch jährliche Tausende zufließen. Sind auch die Mittel, die er anwendet, nicht immer die besten und nobelsten, der Zweck ist gut. Der gutherzige Künstler sieht in dem Genossenschafts-Revolver ein nützliches Glied des großen Bühnenstaates. Wenn der unverdrossene Zahlungseintreiber ihm auch manchmal lästig wird, er zahlt ihm schließlich doch und murmelt: „Es muß auch solche Käuze geben!“
Friedrich Zimmermann.




Blätter und Blüthen.
Thymol. Auf den Thymian bringt mich eine Entdeckung der neueren Chemie. Ich möchte nur wissen, wie unsere Ur-Hausmütter herausgebracht haben, daß dieses würzige Pflänzchen ihnen so kräftig beistehen könnte, schädliche Gerüche zu vertreiben und alles, was man zu des Lebens Nothdurft und Nahrung gebraucht, vor schnellem Verderben zu schützen. Die Wissenschaft unserer Zeit hat den Scharfblick jener alten Hausmütter, die den Thymian zuerst in ihren Hausgarten aufnahmen und als vorzüglichstes Wurst- und Speisegewürz gepflegt haben, glänzend gerechtfertigt. Unsere Chemiker und Physiologen sind seit Jahren emsig bemüht, Stoffe auszumitteln, welche, wie Plutarch sich einmal ausdrückt, gleichsam die davongegangene Seele der organischen Körper ersetzen und sie, obgleich leblos, vor Verwesung schützen können. Wir wissen, daß diese Schutzstoffe, das „göttliche“ Salz Homer’s allzeit voran, vielmehr den Zweck haben, jenen mikroskopischen Thier- und Pflanzenwesen, welche Gährung und Fäulniß im todten und Krankheiten im lebenden Körper erregen, das Dasein zu verleiden, ja diese geschäftigen Diener des Zerstörer Schiwa geradezu zu vergiften. Die starken Mineralgifte sind nicht zu verwenden, wo es sich um Erhaltung von Nahrungsmitteln handelt; man würde mit ihnen wie jener Wächter der Fabel fahren, der die Fliege auf der Stirn des Schlafenden mit einem großen Steinschlage tödtete, und man hat deshalb vorzüglich nach weniger scharfen organischen Giften gesucht, die den kleinen Wesen, aber nicht dem Menschen tödtlich sind. Nachdem die Carbolsäure unsere Kriegslazarethe vor dem gefürchteten Hospitalbrande bewahrt und in der Wundenheilung wie für die Desinfection der Aborte ihre hohe Wirksamkeit bewiesen, erntete die Entdeckung des Professor Kolbe in Leipzig, daß die aus der Carbolsäure leicht darstellbare Salicylsäure dieselben guten Eigenschaften äußere, ohne so übelriechend und scharfgiftig zu sein, wie erstere, einen wohlverdienten Beifall. Nach neueren Untersuchungen, die L. Lewin im vergangenen Jahre angestellt und in Virchow’s „Archiv für pathologische Anatomie“ veröffentlicht hat, ist aber ein im Arom des Thymians enthaltener Stoff, das Thymol oder der Thymian-Kampher noch viel wirksamer als die genannten, sofern ein Theil Thymol eine größere gährungshemmende Wirkung ausübte, als vier Theile Carbol- oder Salicylsäure. Diese gährungs- und fäulnißwidrige Kraft des Thymols ist bereits im Jahre 1868 von dem Chemiker Paquet bemerkt worden, ohne daß vergleichende Untersuchungen damals angestellt wurden. Das Thymol hat den Vorzug, wohlriechend zu sein, während die Salicylsäure geruchlos, die Carbolsäure übelriechend ist. Allerdings scheint sie etwas stärker auf den Organismus einzuwirken, als die zweitgenannte, denn man kann durch starke Gaben auch größere Thiere tödten und bemerkt dann, wie der amerikanische Naturforscher Valverde zuerst beobachtete, daß ihre Cadaver selbst in der Tropensonne nur sehr langsam verwesen, aber in kleinen Mengen ist das Thymol vollkommen unschädlich. Sein gewürzhafter Geschmack wird es vorzugsweise zur Erhaltung der Fleischwaaren empfehlen, während die geschmacklose Salicylsäure für die Haltbarmachung der Getränke und des Eingemachten eine bedeutende Wichtigkeit erlangen dürfte. Die Heilmittellehre knüpft außerdem an beide vielfache, zum Theil bereits völlig bewährte Hoffnungen.
C. St.

Magyarische Willkür. Das Briefgeheimniß ist von den civilisirten Völkern der Erde von jeher als eine geheiligte Institution betrachtet worden, und so lange Menschen über Menschen richten, galt Derjenige für frivol und verfehmt, der dieses Geheimniß verletzte. Zufolge einer Mittheilung des kaiserlichen Postamts Leipzig sind von hier expedirte Briefe in Ungarn mit Beschlag belegt und von dortigen Postofficianten eröffnet worden, und zwar lediglich auf den Verdacht hin, dieselben könnten Exemplare unserer im Lande der Magyaren bekanntlich verbotenen Zeitschrift enthalten. Die eröffneten Briefe sind weder den Adressaten zugestellt, noch den Absendern zurückgesandt worden, sondern einfach den Weg alles Papiers gegangen. Wir stehen nicht an, ein solches Verfahren, abgesehen von der kleinlichen Art der Kriegführung, die es documentirt, als eine höchst unwürdige und gröbliche Verletzung des Briefgeheimnisses zu bezeichnen. Was den Absendern jener Briefe gestern passirt ist, das kann heute und morgen jedem Anderen in Ungarn begegnen; ist es doch nunmehr der Privat-Willkür jedes der dortigen Herren Postbeamten anheimgegeben, diese und jene Briefschaften unter dem sehr wohlfeilen Vorwande: „Ich bin auf Gartenlauben-Suche“ zu eröffnen. Die ungarische Post – und noch mehr vielleicht die Behörde, welche sie dazu veranlaßt – hat sich durch diese Maßnahmen in der öffentlichen Meinung des In- und Auslandes arg discreditirt. Wir haben diese Mittheilung nicht unterdrücken wollen, um die correspondirende Welt vor ähnlichen Gefahren im Königreiche Ungarn zu warnen.




Kleiner Briefkasten.

A. M. in R. Dank für die Sendung! Gegen Ihre Bezeichnung der Richard Wagner’schen Musikaufführungen in Bayreuth als eines „nationalen Unternehmens“ müssen wir indessen entschieden Verwahrung einlegen. Wenn auch Sie und Andere der Welt weiß machen möchten, daß ein solches Prädicat hier an seinem Platze sei, so wird doch jeder unbefangen Urtheilende sich der Erkenntniß nicht verschließen können, daß bei allem künstlerischen Werthe, den man der Wagner’schen Musik beimessen mag, die „Nation“ den Bayreuther Aufführungen absolut fern steht, und daß es nur das in Deutschland noch immer florirende Coterie- und Reclamewesen ist, welches dem Wagner-Feste einen Nimbus leihen möchte, den es in Wirklichkeit nicht hat noch haben kann.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. „Le petit poucet et la grande ourse“. Paris 1875

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: fixirien