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Die Gartenlaube (1876)/Heft 24

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 24.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Im Hause des Commerzienrathes.


Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


„Was er mit mir verhandelt hat,“ fuhr Käthe fort, „das darfst Du wissen, Wort für Wort. Er hat sich bemüht, und ich habe es ihm schwer genug gemacht, mein blindes Hoffen auf eine abermalige Besserung der Kranken zu zerstören – er hat sich bemüht, mich darauf vorzubereiten, daß“ – ihre Stimme brach, und halb verhaltene Thränen glänzten in ihren Augen – „Henriette uns verlassen wird.“

Flora trat schweigend und sichtlich verwirrt in das Fenster; bei aller Selbstvergötterung kam ihr doch vielleicht die Ahnung, daß sie diesen beiden Menschen gegenüber in allen Fällen eine klägliche, verlorene Rolle spiele. „Kind, weißt Du das nicht längst?“ sagte sie in gedämpftem Tone. „Und hast Du Dir nicht selbst gesagt, daß wir Alle für die arme Kreuzträgerin um endliche Erlösung von der Schmerzenslast bitten müssen?“ Sie trat mit lautlosen Schritten wieder an das Mädchen heran. „Und war das wirklich Wort für Wort“ der Inhalt Eurer Gespräche?“

Das Gefühl unsäglicher Verachtung stieg in Käthe auf. Sie meinte, das sei gemeine Eifersucht nicht des liebenden, sondern des eitlen Weibes, die dem Manne nachschleiche und jedes seiner Worte zu controliren suche. „Glaubst Du, Bruck habe in solchen Stunden, wo er Trost und Stütze der armen Kämpfenden sein muß, für irgend etwas Anderes Sinn und Interesse,“ antwortete sie mit ernster Zurückweisung, „noch dazu an einem Schmerzenslager, wie das da drüben, wo ihm die treueste Freundin auf Erden stirbt?“

„Ja, sie hat ihn geliebt,“ sagte Flora kalt.

Eine Flamme schlug über Käthe’s Gesicht hin – Flora weidete sich förmlich an der mädchenhaften Unbeholfenheit, mit der die junge Schwester ihr Erglühen zu verbergen suchte. „Ei ja, der Mann kann sich gratuliren zu dem Zauber, der ihn, ihm selbst unbewußt, umgiebt, der die Mädchenherzen anzieht, wie die Lichtflamme einen Mückenschwarm. Und die Welt wird lachen, wenn sie erfährt, daß, so viele Töchter Banquier Mangold hinterlassen hat, auch ebenso viele in den Lichtkreis hineingetaumelt sind, – Bleib’!“ Sie hatte in fast spielendem Tone gesprochen, bis zu dem Momente, wo Käthe sich abermals abwandte und nach der Thür eilte – jetzt kam der herrische Befehl wie ein wilder Schrei von ihren Lippen. Das junge Mädchen blieb, als wäre sie festgewurzelt, stehen, aus Furcht, daß der Aufschrei sich wiederholen und die Kranke erschrecken könne. „Auch unsere Jüngste, die schöne Müllerin, derb von Gliedern und tapfer von Gemüth, ist so schwach gewesen,“ fuhr sie, in den sarkastischen Ton zurückfallend, fort. „O, möchtest Du protestiren mit dieser trotzigen Miene, mit diesem kläglichen Versuche, stolz und beleidigt auszusehen? Nun gut – ich will Dir glauben; Du kannst Dich rein waschen, wenn Du widerrufst, was Du vorhin mit solch unvergleichlicher Emphase zu Bruck’s Verherrlichung ausgesprochen hast –“

„Nicht mit einem Jota widerrufe ich.“

„Siehst Du wohl, Du Sünderin, daß Du Deiner sträflichen Liebe mit Haut und Haar verfallen bist? Sieh’ mir in die Augen! Kannst Du Deiner verrathenen Schwester in’s Gesicht hinein ‚nein‘ sagen?“

Käthe hob den gesenkten Kopf und sah über die Schulter zurück; sie griff nach der Stirnwunde, die in Folge der Nervenaufregung zu schmerzen begann, aber das geschah mechanisch – und wenn ihr Leben der Wunde entströmt wäre, sie hätte es nicht beachtet in diesem Augenblicke, wo sich ihr ganzes Denken und Fühlen auf einen Punkt concentrirte. „Du hast kein Recht, mir eine solche Beichte abzuverlangen,“ sagte sie fest, und doch mit einer Stimme, aus der stürmisches Herzklopfen klang; „ich bin nicht verpflichtet, Dir zu antworten. Aber Du hast mich eine Sünderin genannt, Du hast von Verrath gesprochen – das sind dieselben Worte, mit denen ich mich selbst beschuldigt und gestraft haben bis ich mir klar geworden bin über die Neigung, die Du eine sträfliche nennst –“

„Ah, ein Bekenntniß in bester Form!“

Ein weiches Lächeln spielte um den blaßrothen Mund; ein verklärender Schimmer legte sich über das erblichene Gesicht, das in diesem Moment weiß erschien, wie die Binde über der Stirn. „Ja, Flora, ich bekenne, weil ich mich nicht zu schämen brauche, ich bekenne auch um Unseres verstorbenen Vaters willen; ich will die scheinbare Schuld, als griffe ich nach den heiligen Rechten einer meiner Schwestern, seinem Andenken gegenüber nicht auf meiner Seele haben. Für unsere Gefühle können wir nicht – verantwortlich sind wir nur für die Macht, die wir ihnen einräumen; das weiß ich nun, nach dem erfolglosen Kampfe mit einer räthselhaften Neigung, von der man sich plötzlich sagt, daß sie mit Einem geboren und immer dagewesen sein muß – nur schlafend. Ist es Sünde, wenn man verehrend an den Hausaltar eines Anderen tritt? Ist es Sünde, wenn man freudig zu einem stolzen Baume aufblickt, der im Garten eines Anderen steht? Ist es Sünde, wenn ich liebe, ohne zu begehren? Ich will nichts von Euch; ich werde nie Deinen und Bruck’s Weg kreuzen. Ihr sollt nie wieder von mir hören, [394] sollt Euch nicht einmal meiner erinnern; was kann es Eurem ehelichen Glücke schaden, wenn ich ihn liebe, so lange ich athme, und ihm die Treue halte wie einem Gestorbenen?“ –

Ein verletzendes Auflachen unterbrach sie. „Nimm Dich in Acht, Kleine! Im nächsten Augenblicke wird Dein dichterischer Schwung in Verse verfallen.“

„Nein, Flora, die überlasse ich Dir, wenn ich mir auch sagen muß, daß ich gesteigert bin in meinem Empfinden und nicht mehr in den festen, ruhigen Geleisen meiner Erziehung gehe, seit ich diese Neigung im Herzen trage.“ Sie schritt wieder tiefer in das Zimmer zurück, an dem Ständer vorüber, der den Brautanzug trug. Ohne es zu wissen, streifte sie die nur noch lose droben hängende Schleppe, und mit einem leisen Gezisch sank der rauschende Seidenstoff zur Erde.

Käthe bückte sich erschrocken, aber Flora schleuderte den Atlas verächtlich mit dem Fuße aus dem Wege. „Lasse den Plunder liegen!“ sagte sie schreibend. „Aber sieh, selbst der leblose Stoff wird rebellisch und empört sich gegen die Schuldige.“

„Und sprichst Du Dich ganz frei von Schuld, Flora?“ fragte Käthe rasch mit fliegendem Athem – sie hatte auch lebhaft wallendes Blut in den Adern; sie hatte ein strenges Rechtsgefühl in der Seele – dem ausgesprochenen Unrecht der eigensüchtigen Willkür beugte sie sich nicht um des lieben Friedens willen. „Was war es, das mich zu Anfang erfüllt hat? Mitleid, unsägliches, schmerzliches Mitleid für den edlen Mann, den Du nicht verstanden, den Du vor unser Aller Augen gemißhandelt und um jeden Preis abzuschütteln gesucht hast. Wäre es nicht eine schwere Schuld gewesen, wozu hättest Du denn Abbitte geleistet? Ich habe Dich als Büßende gesehen. … Als Du den Ring in den Fluß warfst –“

„Gott im Himmel, Käthe! Wärme doch nicht immer die alte Vision auf, die Du einmal gehabt haben willst,“ rief Flora und preßte secundenlang die Hände auf die Ohren; dann hielt sie dem jungen Mädchen den Goldfinger unter die Augen, und ihre Oberlippe hob sich scharf einwärts gekrümmt über den weißen Zähnen. „Da – da sitzt er ja. Und ich kann Dir versichern, daß er echt ist – die gravirten Buchstaben lassen nichts zu wünschen übrig. … Um übrigens der Sache ein Ende zu machen, will ich Dir sagen, daß dieses Ding da in meinem Leben keine Rolle mehr spielt, es sei denn die eines Drahtes, an dem man eine Marionette lenkt – mein bräutliches Verhältniß zu Bruck ist gelöst –“

Käthe fuhr bestürzt zurück. „Diese Lösung hast Du ja schon früher erfolglos versucht,“ stammelte sie verwirrt, athemlos.

„Ja, damals hatte der Erbärmliche noch einen Rest von Kraft in der Seele; jetzt ist er windelweich geworden.“

„Flora – er giebt Dich frei?“

„Mein Gott, ja, wenn Du denn durchaus die Freudenbotschaft noch einmal hören willst –“

„Dann hat er Dich auch nie geliebt. Dann hat ihn damals ein anderer Impuls getrieben, auf seinen Rechten zu beharren. Gott sei Dank, nun kann er noch glücklich werden!“

„Meinst Du? Wir sind auch noch da,“ sagte Flora; sie legte ihre Hand mit festem Druck auf den Arm des jungen Mädchens, und ihr Blick tauchte vielsagend und diabolisch tief in die verklärten braunen Augen. „Ich werde ihm die Stunde nie vergessen, in der er mich vergebens um meine Freiheit betteln ließ. Nun soll er auch fühlen, wie es thut, wenn man den Becher zum ersehnten Trunk an die Lippen setzt, und er wird Einem aus der Hand geschleudert. Ich gebe den Ring nicht heraus, und sollte ich ihn mit den Zähnen festhalten –“

„Den gefälschten –“

„Willst Du das beweisen, Kleine? Wo sind Deine Zeugen? Mir gegenüber bist Du verloren mit einer Anklage, wenn sie nicht Hand und Fuß hat – man sagt mir nicht mit Unrecht nach, daß ein Juristengenie in mir stecke. … Uebrigens magst Du Dich beruhigen. So unmenschlich grausam bin ich nicht, meinem ehrmaligen Verlobten das Heirathen überhaupt zu verbieten; mag er sich doch vermählen – morgen, wenn er Lust hat, aber selbstverständlich nur mit einer Ungeliebten; gegen eine Convenienzehe erhebe ich keinen Einspruch. … Ich werde ihm nachspüren, nachschleichen auf jeder inneren Regung, die er unvorsichtig an den Tag legt – wehe ihm, wenn ich ihn auf einem Wege betreffe, der mir nicht convenirt!“

Sie hatte einen der rings verstreuten Orangenzweige ergriffen und wiegte ihn zwischen den Fingerspitzen spielend hin und her; sie sah aus wie ein schönes Raubthier, das ein Opfer mit geschmeidigen Windungen des schlanken Körpers umkreist.

„Nun, Käthe, Du liebst ihn ja; hast Du nicht Lust, für ihn zu bitten – wie?“ hob sie wieder an, die langsam gesprochenen Worte scharf markirend. „Schau, ich hab’ sein Glück in der Hand; ich kann es zerdrücken; ich kann es aufleben lassen, ganz nach Belieben. Diese Machtvollkommenheit ist für mich allerdings unbezahlbar, und doch – kann ich kaum der Versuchung widerstehen, sie hinzugeben, lediglich, um einmal zu erproben, in wie weit die hochgepriesene sogenannte wahre Liebe feuerfest ist. … Gesetzt, ich legte diesen Ring mit der Befugniß in Deine Hand, ihn zu verwenden, wie es Dir gut dünkt –, verstehe mich recht: ich selbst hätte mich dann von diesem Augenblicke an jedes Einspruchs, jedes Anrechtes begeben – würdest Du bereit sein, Dich jeder meiner Bedingungen zu unterwerfen, damit Bruck von dieser Stunde an freie Wahl hätte?“

Käthe hatte unwillkürlich die Hände verschlungen und drückte sie fest gegen die wogende Brust; man sah, ein unbeschreiblicher Kampf arbeitete in dieser jungen Seele. „Ich unterwerfe mich jeder, auch der härtesten Bedingung, sofort, wenn ich Bruck aus Deinen Schlingen erlösen kann,“ rang es sich heiser, aber entschlossen von ihren Lippen.

„Nicht zu sanguinisch, meine Tochter! Du könntest mit diesem übereilten Opfermuthe leicht Dein eigenes Lebensglück hinwerfen.“

Das junge Mädchen schwieg und legte die Rechte an die schmerzende Stirn. Man sah, der Starken brach eine Stütze nach der anderen, der Jugendmuth, die elastische Kraft, die auf sich selber pocht, der Glaube an das schließliche innere Ueberwinden – nur der Wille blieb stark. „Ich weiß, was ich will – da braucht es kein Besinnen,“ sagte sie.

Flora hielt den Blüthenzweig vor das Gesicht, als athme sie den Duft der künstlichen Blumen ein. „Und wenn er nun – vielleicht nur um mich namenlos zu demüthigen – Dich selbst begehrte?“ fragte sie mit einem blinzelnden Seitenblick.

Der jungen Schwester stockte der Athem. „Das wird er nicht – ich war ihm nie sympathisch.“

„Das ist richtig. Ich will aber einmal annehmen, er sage Dir, daß er Dich liebe, da wäre das Unterpfand seiner Freiheit denn doch sehr schlecht aufgehoben in Deinen Händen meinst Du nicht? … Er würde eines Tages um die Geliebte freien und sie könnte nicht widerstehen, und ich mit meinen unbestrittenen Anrechten hätte das Nachsehen – nein, ich behalte meinen Ring.“

„O Gott, darf es wirklich geschehen, daß eine Schwester die andere so entsetzlich martert?“ rief Käthe in schmerzlicher Entrüstung. „Aber gerade in diesem Augenblick, der Deinen ganzen beispiellosen Egoismus, Dein Herz ohne Erbarmen, Deine unbezwingliche Neigung zur Intrigue bloßlegt, wie noch nie, fühle ich mich doppelt berufen, Bruck um jeden Preis von dem Vampyr, zu befreien, der nach seinem Herzblut trachtet – Du darfst keine Gewalt mehr über ihn haben. … Er soll ein neues Leben anfangen; er wird sich eine Häuslichkeit schaffen, die ihn beglückt und befriedigt; er wird nicht mehr verurtheilt sein, an der Seite einer herzlosen Gefallsüchtigen ein steifes Salonleben zu führen –“

„Sehr verbunden für die schmeichelhafte Beurtheilung! Du sprichst viel zu warm für sein Glück, als daß ich Dir mein Kleinod anvertrauen möchte.“

„Gieb es her – Du kannst es getrost.“

„Und wenn er Dich nun wirklich und wahrhaftig liebte?“

Die Lippen des jungen Mädchens zuckten in unsäglicher Qual; sie verschlang die Hände angstvoll in einander, wie es die Verzweiflung thut, aber sie blieb standhaft. „Wäre es auch – ich bin nicht unersetzlich. Wie leicht wird es ihm werden, eine Bessere zu finden! Und daß er nicht wieder blindlings ein falsches Loos zieht, dafür bürgt seine schmerzliche Erfahrung. Gieb mir den Ring, den gefälschten, von dem ich weiß, daß in Wahrheit auch nicht die leiseste Spur von einem Recht mehr an ihm hängt – ich verspreche Dir, ihn zu achten, wie den, der im Flusse liegt, weil er trotz alledem und alledem Bruck’s Befreiung verbürgt.“ Sie streckte die Hand aus.

[395] „So wie ich Dich kenne, bist Du ehrenhaft genug, ihn nie zu Deinen Gunsten zu verwenden,“ sagte Flora nachdrücklich und den Ring abstreifend; ein leises Zittern durchlief Käthe’s Glieder, als das Gold ihre Handfläche berührte – dann schlossen sich die Finger wie im Krampf über dem Reifen; dabei stahl sich ein bitterverächtliches Lächeln um den Mund des Mädchens – sie war zu stolz, auch nur mit einer Sylbe ihre makellose Absicht zu betheuern.

„Nun?“ rief Flora beunruhigt.

„Du hast mein Wort. Jetzt bin ich die Marionette, die Du an diesem Drahte lenkst,“ – sie hob die geschlossene Hand mit dem Goldreifen; – „bist Du zufrieden?“ Damit ging sie.

In dem Moment, wo sie auf die Schwelle der geöffneten Thür trat, kam Doctor Bruck die gegenüberliegende Treppe herauf. Sein Blick überflog die zwei Gestalten, von denen die eine aufrecht, triumphirend inmitten des Zimmers stand und ihn kalt anlächelte, während das herausschreitende, fieberglühende Mädchen bei seinem Anblick fast zusammenbrach.

Er eilte bestürzt herbei und legte rückhaltslos den Arm um die Schwankende. Die Thür hinter ihnen fiel zu, und in ihr Geknarr mischte sich ein wohlbekanntes, gedämpftes Auflachen.




28[.]

Nachmittags brach der Sturm los, den die wie die Möven um das Haus schwirrenden Gerüchte verkündigt hatten – eine Gerichtscommission erschien. Man hatte sich die feierliche Beschlagnahme seit den frühen Morgenstunden vergegenwärtigt, und doch ging es wie ein erschütternder Schlag durch das ganze Haus, als die Herren unter das Portal traten. Sie kamen für Alle zu früh. Noch schleppten die Bedienten die altmodischen, blinden Mahagonitische und Commoden der Präsidentin, die Sophas und Stühle mit den verstaubten und zerschlissenen Bezügen vom Dachboden herab in den Hauptcorridor; noch standen Flora’s Kisten mit dem eingepackten Trousseau droben und harrten auf den säumigen Spediteurwagen; noch lag im kleinen Haus-, Wein- und Bierkeller allerlei „Trinkbares“, das man nicht mehr bei Seite bringen konnte.

Die Präsidentin hatte sich stolz und vornehm in ihr Schlafzimmer zurückgezogen – sie wollte die Herren nicht sehen, aber so höflich und respectvoll dieselben auch waren, sie durften auf die Nervenzufälle der gnädigen Frau keine Rücksicht nehmen; sie mußten fragen, ob die Zimmereinrichtung ihr Eigenthum sei, und auf das Verneinen der Dame hin bitten, einstweilen in ein leerstehendes, heizbares Entrée überzusiedeln, weil das Zimmer versiegelt werden müsse. Nun wurden die alten Möbel aus dem Corridore in das kleine, freundliche Zimmer geschoben, die pensionirten Federbetten gelüftet und bezogen und unter die verschossene, braunseidene Steppdecke gesteckt, die der Präsidentin seit Jahren nicht vor die Augen gekommen war und bei deren Erblicken ein Schauder des Abscheus durch ihre Glieder flog. Die Jungfer richtete das Stübchen so wohnlich wie möglich ein; sie hatte den kleinen Mahagoniblumentisch am Fenster mit einigen aus dem Wintergärten eroberten Blattpflanzen gefüllt und Manches aus dem Schlafzimmer herübergerettet, was ihrer verwöhnten Herrin besonders lieb und unentbehrlich war, aber die alte Dame sah die Bemühungen nicht – sie saß am Fenster und stierte nach dem Pavillon hinüber, dessen neuglänzendes Dach hinter der Boscage auftauchte.

Dieser gefürchtete und namenlos verhaßte „Wittwensitz“ war ein wahres Feenschlößchen geworden. Reiche Gardinen hingen hinter den Spiegelscheiben; sie sah eine köstliche Spitzenkante an einem Eckfenster, welches das Ahorngeäst freiließ; es funkelte Alles im Glanze der Neuheit, das spiegelglatte Parquet, die eleganten Möbel, die Deckenmalereien, die Lüstres in den Salons; selbst die Küche war splendid und vorsorglich ausgestattet, bis auf den einfachsten Blechlöffel hinab. Dieses „Bijou“ hatte ihr Eigenthum sein sollen bis an ihr Ende, und sie hatte es verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen, aus Furcht, es werde sie von der Geselligkeit im Hause des Commerzienrathes isoliren – und nun, und nun!!

Währenddem kämpfte Flora um ihre Effecten, aber alle erschöpfenden Argumente, das schließliche Berufen selbst auf das Zeugniß der Dienerschaft waren vergeblich. Fräulein Mangold möge später reclamiren, augenblicklich müsse alles Vorgefundene in Bausch und Bogen unter die Siegel – lautete die höfliche, aber sehr bestimmte Antwort. Und so ging es treppauf, treppab, stundenlang. Alles, was an lebenden Blumen das Haus schmückte, wurde in die Treibhäuser gestellt; man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen, und die noch offenen Fensterläden vorlegen – es war schauerlich, wie sich so nach und nach, hinter der Vollstreckern des Gesetzes her, die Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte. Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn, aber Jedes schnürte sein Bündel, um das Haus zu verlassen, dessen Comfort hinter Schloß und Riegel lag, dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten. Nur der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert.

Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der Beletage die Flügel, um nach jahrelangem, heldenhaftem Kampfe den kranken Leib leise und klaglos abzustreifen.

Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der Beschlagnahme – was die Sterbende umgab, war ihr Eigenthum. Man bemühte sich auch, in der Beletage jeden Lärm, selbst den der lauten Fußtritte, zu vermeiden, und so drang nichts zu der scheidenden Seele, was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere zurückblicken machen konnte. Sie sah nur vor sich, durch das offene Fenster, in einen wahren Rosenhimmel hinein; sie sah die Schwalben mit ihren weißen Brust- und Flügelfedern wie silberne Kreuze unter den hochziehenden, rothglänzenden Abendwolken hinschießen, hastig, von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt: Noch gestern waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen, und fernes Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen, wo die berstenden Mauern zusammengestürzt waren über „dem Unvorsichtigen“, an welchem sie, bei allen seinen Schwächen, doch mit schwesterlicher Zuneigung gehangen hatte. In die jetzige feierliche Abendstunde aber, in das stille Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr.

Der Doctor saß an Henriettens Bett. Er sah, wie der Tod dieses Antlitz voll Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit, Strich um Strich, schärfte und markirte; an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen, als kehre von fern her hie und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das verlassene Ufer.

„Flora!“ flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke an.

„Soll sie kommen?“ fragte er, sofort bereit nach ihr zu gehen.

Henriette schüttelte schwach den Kopf. „Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich mit Dir und Käthe allein bleiben möchte, bis“ – sie vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem welken, rothen Weinlaub auf der Bettdecke. „Ich will es ihr ersparen, und sie wird es mir Dank wissen“ – noch einmal schwebte der Anflug eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund – „sie kann Rührscenen nicht leiden. … Du sollst ihr nur einen Gruß bringen, Leo.“

Der Doctor schwieg und neigte das Haupt. In seiner nächsten Nähe stand Käthe. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen – die Sterbende stützte sich ahnungslos auf Beziehungen, die nicht mehr existirten; erfuhr sie noch die Wahrheit? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des Doctors; es blieb vollkommen ernst und gefaßt; die Scheidende durfte durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden, und zu einer Vorbereitung blieb – keine Zeit.

Henriettens Augen schweiften über den Himmel hin. „Wie köstlich klar und rosig! Ein Hineintauchen der befreiten Seele muß himmlisch sein,“ flüsterte sie innig. „Ob es ein Zurückblicken giebt? Ich will ja nur Eines sehen“ – sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen und sah voll, zum ersten Male mit dem ganzen, unverhehlten Ausdruck unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf – „ob Du glücklich wirst, Leo. Dann mag es [396] mich fort, in Sonnenfernen tragen.“ Zu sagen: „ich muß das wissen, um selig werden zu können, weil ich dich geliebt habe mit allen Kräften, mit jeder Faser meines Herzens,“ das konnte die scheu verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich gewinnen.

Es war, als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn des Doctors. „Es hat sich noch Alles glücklich für mich gewendet, Henriette,“ sagte er bewegt. „Ich wage zu hoffen, daß ich nicht mehr einsam und verbittert durch’s Leben gehen werde, oder besser: ich weiß, daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer Lebensbeglückung erfüllen wird – genügt Dir das, meine Schwester?“ Er zog die schmale, erkaltete Hand, die er noch in der seinen hielt, an die Lippen. „Ich danke Dir,“ setzte er innig hinzu.

Ein Erröthen, sanft rosig wie das Abendlicht draußen, kam und schwand in jähem Wechsel auf den Wangen der Sterbenden; mit einem Ausdruck von scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester, welche, die Rechte auf Bruck’s Armstuhl gelegt, sichtlich bemüht war, ihren Schmerz, aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern. Bei diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid.

„Sieh meine Käthe an, Bruck!“ sagte sie bittend, aber mit erlöschender Stimme und unaufhörlich von Athemnoth unterbrochen. „Lasse mich’s noch aussprechen, was mich immer bedrückt und tief geschmerzt hat! Du bist immer so kalt gegen sie gewesen – einmal sogar hart bis zur Grausamkeit – und ihr kommt doch Keine gleich, Keine! Leo, ich habe Dein Vorurtheil nie begreifen können. … Sei gut gegen sie – stehe an ihrer Seite –“

„Bis zum letzten Athemzug! Bis über den Tod hinaus!“ unterbrach er sie, kaum fähig, seiner stürmischen Bewegung Herr zu werden.

„Sieh, nun ist Alles gelöst! Ich weiß es; hältst Du sie in treuer Hut, dann wird meine starke, meine muthige Käthe stets zwischen Dir und allem Ungemach stehen –“

„Wie eine treue Schwester, die ich ihm von dieser Stunde an sein werde,“ vollendete Käthe mit halberstickter Stimme.

Ein geisterhaftes Lächeln irrte um Henriettens Mund – sie schloß die Augen. Sie sah nicht, daß durch die Glieder der Starken, Muthigen Schauer liefen, als schüttle sie das Fieber – sie sah nicht, daß sie Bruck’s dargebotene Rechte mit weggewendetem Gesicht von sich schob; als sei selbst ein Händedruck nicht statthaft. Das Lächeln erlosch, und aus der Brust der Sterbenden rang sich ein röchelnder Laut. „Grüßet die Großmama! – Nun möchte ich Ruhe haben – schaffe mir Ruhe um jeden Preis, Leo!“ hauchte sie angstvoll.

„In zehn Minuten wirst Du schlafen, Henriette,“ sagte er in tiefen, beruhigenden Tönen. Er legte ihre Hand auf die Bettdecke zurück, und sich erhebend schob er seinen Arm sanft und unmerklich unter das Kopfkissen – so lag sie wie ein Kind an seiner Brust – seliges Sterben!

Und nach zehn Minuten schlief sie. Die hereinnickenden Weinblätter wehten leise, als streife sanfte Berührung an ihnen hin, und das Rosenlicht draußen, in das zu tauchen die Seele sich gesehnt hatte, erglühte plötzlich wie angefacht zum tiefsten Purpur. Und der kleine, kirre Vogel ließ sich wie immer zum Abendgruß auf dem Fenstersims nieder; er zwitscherte leise herein, nach dem wachsweißen Mädchengesicht hin letzten Mal; denn nun wurde auch dieser Fensterladen geschlossen, bis – fremde Hände kamen und Besitz ergriffen vom Hause des Commerzienrathes.

Da kam die Präsidentin herein, gebeugt, als habe ihr das so lange nachschleichende Alter nunmehr mit doppelter Wucht einen Stoß in das Genick versetzt. Die weiße Schleierwolke lag wieder um Kinn und Hals; sie hatte die schwarze Krepphaube fortgeschleudert – um einen Schurken trauere man nicht, hatte sie gesagt. Sie trat an das Bett, und ein leichter Krampf machte ihre Lippen beben, als sie in das stille Todtengesicht sah. „Ihr ist wohl,“ sagte sie mit brechender Stimme. „Sie hat das bessere Theil erwählt; nun braucht sie nicht in die Verbannung zu gehen – der bittere, bittere Kampf mit der Armuth ist ihr erspart geblieben.“

Flora aber kam und ging wortlos. Die zwei treuen Wächter am Todtenbette existirten nicht für sie. Sie küßte die heimgegangene Schwester auf die Stirne, dann schritt sie, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, wieder nach der Thür, durch die sie gekommen. Wohl wurzelte ihr Fuß auf der Schwelle, aber sie wandte weder die Augen, noch den Kopf nach der Richtung, wo der Doctor stand und mit ernster, feierlicher Stimme die Grüße der Todten bestellte. Sie neigte unmerklich das Haupt, zum Zeichen, daß sie den Ausdruck des letzten Gedenkens in Empfang genommen, und ging mit rauschender Schleppe weiter, die Treppe hinab, um drunten Hut und Regenmantel anzulegen und nach dem nächstgelegenen Hôtel zu gehen, in welchem sie Zimmer für sich und die Präsidentin gemiethet hatte; unter dem Dach des Verbrechers durfte kein Glied der Familie Mangold mehr schlafen, selbst die Todte nicht.

Und als man auch sie nach hereingebrochener Dunkelheit fortgetragen hatte in die große Halle, wo sie Alle im letzten Schmuck und blumenüberschüttet auf das Oeffnen der letzten Pforte warten, da wurde auch in der Beletage die letzte Zimmerthür verschlossen, und der Doctor und Käthe stiegen die Treppe herab. Wie schollen ihre Schritte durch das schweigende, verlassene Haus! Wie gespenstig schlich der Schein der Lampe, die der Gärtner vor ihnen hertrug, über die einsamen Wände des Treppenhauses und der Corridore, an denen Tag für Tag die Fluthen des üppigsten Lebens, die übermüthigen Zeugen der goldgleißenden Schwindelepoche hinweggerauscht waren.

Die weiche Nachtluft, welche die Fortgehenden umfloß, legte sich wie Balsam auf Käthe’s heiße, verweinte Augen. Ein sternfunkelnder Himmel breitete sich über den schweigenden Park hin; man konnte die einzelnen Baumgruppen unterscheiden, und der Teichspiegel glomm schwach herüber, wie mattes Silber durch schwarzes Schleiergewebe. Das Sandgeröll wich knirschend unter den Tritten, und von fern her tosten die über das Wehr stürzenden Wasser, aber kein Blatt an den Wipfeln und Büschen regte sich – es war so lautlos still, wie droben im Sterbezimmer, wo man während der letzten Stunden nur flüsternd das Nothwendige beredet hatte. Und deshalb schrak auch Käthe jetzt so zusammen und brach fast in die Kniee, als der Doctor mit seiner tiefen, vollen Stimme das Schweigen unterbrach! Sie hatten gerade das tiefdunkle Laubthor der Allee vor sich, und da blieb er stehen.

„Ich verlasse in wenigen Tagen die Residenz, und so wie ich Sie kenne, werden Sie bis dahin weder zu meiner Tante kommen, noch mir gestatten, die Mühle zu betreten,“ sagte er – eine unsägliche Beklommenheit und Spannung lag in diesen Tönen. „Ich muß mir also sagen, daß wir zum letzten Male neben einander gehen – das heißt, für jetzt –“

„Für immer!“ unterbrach sie ihn tonlos, aber fest.

„Nein, Käthe!“ sagte er entschieden. „Eine Trennung für immer wäre es allerdings, wenn ich das, was Sie vor wenigen Stunden ausgesprochen haben, für unverbrüchlich halten müßte, denn eine Schwester will ich nicht. … Glauben Sie, ein Mann werde sich zeitlebens da mit wohlgemeinten schwesterlichen Briefen begnügen, wo er nach dem lebendigen Worte von geliebten Lippen dürstet? … Aber nein, das wollte ich ja heute nicht sagen. Die Selbstsucht reißt mich hin, Sie in einem Augenblicke zu bestürmen, wo Sie eine so bittere Schmerzenslast zu tragen haben. Nur über Eines muß ich mich noch aussprechen. Sie haben heute Nachmittag eine Begegnung in dem Zimmer gehabt, aus welchem Sie mir in der heftigsten Gemüthsbewegung entgegentraten. Man hat Ihnen mitgetheilt, was geschehen ist, und dabei ist selbstverständlich der ganze mißliche Anschein, den eine solche gewaltsame Lösung stets gewinnt, auf mich allein gefallen – ich sah das an Ihren Mienen, und später, als Sie sich gegen eine innigere Beziehung verwahrten, indem Sie Henriette zu Liebe mir eine Schwester sein wollten, da hörte ich auch, daß böse Einflüsterungen Macht über Sie gewonnen hatten – Gott sei Dank, nicht für immer! Ich weiß es – Ihr klarer, kluger Blick mag sich vielleicht momentan trüben, aber er wird sich nicht hartnäckig verschließen. Käthe, ich war neulich, an dem schreckensvollen Nachmittage, in meinem Garten; ich stand hinter dem Ufergebüsche, und drüben legte ein Mädchen die Stirn an einen Baumstamm und weinte bitterlich.“


(Fortsetzung folgt.)
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Das Sanssouci der spanischen Königsfamilie.

„Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende“ – wer hätte nicht schon diese Worte des Paters Domingo in Schiller’s „Don Carlos“ bei passenden und unpassenden Gelegenheiten citirt! Heute läßt sich dieser Ausspruch sicher mit mehr Berechtigung auf das berühmte spanische Lustschloß anwenden, als zu den Zeiten Philipp’s des Zweiten, jenes fanatischen Despoten, dem die Geschichte das zweifelhafte Verdienst beimißt, das furchtbare Institut der Inquisition zur höchsten Entwickelung gebracht und dadurch den Grund zu der socialen und politischen Zerrüttung gelegt zu haben, die noch heute auf dem einst so blühenden Lande lastet. Dennoch verdankt Spanien diesem Fürsten, den seine Umgebung niemals scherzen, viel weniger lachen sah, manches Geschenk von bleibendem Werthen; viele der bedeutenden Kunstsammlungen der Hauptstadt wurden durch ihn in’s Leben gerufen, Bibliotheken und andere wissenschaftliche Institute begründet und unterstützt, vor Allem aber die architektonische Verschönerung seiner Residenzen mit Eifer und Erfolg betrieben – gewiß ein seltsamer Widerspruch in dem Charakter dieses finstern Zeloten, der dem starren, jede Volksaufklärung mit wahnwitziger Strenge bekämpfenden Katholicismus kaltblütig viele Tausende von Menschenleben zum Opfer brachte.

Die Tritonenfontaine im Parke von Aranjuez.
Nach einer Photographie.

Eine der großartigsten Schöpfungen Philipp’s des Zweiten ist das königliche Lustschloß Aranjuez, dessen ausgedehnte Baulichkeiten und wunderbare Garten- und Parkanlagen ein wahrhaft fürstliches Besitzthum bilden. Es liegt siebenunddreißig Kilometer südlich von Madrid und ist mit der Hauptstadt, außer durch eine vortreffliche Straße, seit dem Jahre 1853 auch durch die nach Alicante führende Eisenbahn verbunden. Das Hauptgebäude des Schlosses hat an der Vorderfront eine Breite von einundzwanzig Fenstern und ist an jeder Ecke mit einem kleinen Thurme geziert. Die äußere Architektur bietet nichts Bemerkenswerthes; sie ist einfach, aber edel gehalten, und die späteren Erweiterungen sind deutlich unterscheidbar, ohne daß dieselben jedoch mit dem ursprünglichen Stile contrastiren. Ein großes, ebenfalls später ausgeführtes Nebengebäude diente den Infanten mit ihrem Hofstaate zum Aufenthalte, während das eigentliche Schloß ausschließlich von dem königlichen Paare selbst benutzt wurde.

Die innere Einrichtung entspricht ganz der äußeren Ausstattung; sie trägt den Charakter prunkloser Eleganz, solider Gediegenheit. Die Treppenaufgänge und Corridors sind mit Büsten und Statuetten geziert, die Wände zum Theil mit Marmor verkleidet und die Plafonds von Künstlerhand mit Ornamenten, Arabesken und allegorischen Darstellungen geschmückt. Ein Flügel des Schlosses enthält das Theater; die Deckenmalereien sind von Mengs. Das Amphitheater für die Stiergefechte ist nach altrömischer Weise mit einer Doppelreihe von Sitzplätzen angelegt und faßt nicht weniger als sechstausend Zuschauer. Hier war einst der Sammelpunkt der hohen spanischen Aristokratie, die, soweit sie nicht zur unmittelbaren Umgebung des Hofes gehörte, zu diesen nationalen Kampfspielen besondere Einladungen erhielt.

Die Schloßcapelle war, bevor sie durch spätere Veränderungen unverständiger Baumeister verunstaltet wurde, ein architektonisches Meisterwerk. Ihr größter Schmuck besteht in einer Anzahl von Gemälden von großem Kunstwerthe, von denen Tizian’s Schöpfung, „Die Verkündigung der Maria“, das bedeutendste ist. Der Maler schenkte das Bild Kaiser Karl dem Fünften, nachdem das sonst so kunstsinnige Venedig, für welches die Arbeit ursprüglich bestimmt war, darüber abfällig geurtheilt hatte. Den Hochaltar ziert ein Gemälde von Mengs, die heilige Familie darstellend; ein anderes großes Bild, „Der heilige Antonius [398] von Padua“, rührt ebenso, wie einige in der Sacristei befindliche Arbeiten, von dem Italiener Corrado Giaquinto her, welcher mehrere Jahre am Hofe Ferdinands des Sechsten zubrachte.

In den Sälen und Gemächern des Schlosses sind noch verschiedene Kunstwerke zerstreut, namentlich verdienen vier große Darstellungen aus der Geschichte Joseph’s nach dem Alten Testamente Beachtung, welche die Wände des Speisesaales zieren. Sie sind von Giordano gemalt, dem auch ein anderes Gemach, das sogenannte „alte Cabinet“, seine künstlerische Ausstattung verdankt. Das Ankleidezimmer des Königs, die Boudoirs der Königin, der Empfangssalon und andere Räume des Schlosses bergen ebenfalls eine bedeutende Anzahl werthvoller Gemälde, namentlich Familienportraits, mythologische Darstellungen und italienische Landschaften von Mengs, Bonito und Mazo. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die spanischen Könige der Porcellansammlung, die sich, Dank dieser Fürsorge, im Laufe der Zeit zu einer der reichhaltigsten und werthvollsten dieser Art entwickelte, obgleich sie fast nur Arbeiten aus der königlichen Fabrik zu Buen Retiro enthält.

Der größte Schmuck von Aranjuez aber sind seine Gärten, die in dieser Ausdehnung und Pracht schwerlich ihres Gleichen finden. Breite Doppelalleen der herrlichsten Ulmen laufen nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, auf diese Weise einen riesigen Stern bildend; prachtvolle Baumgruppen wechseln mit Rasenflächen und mächtigen Lilienbeeten; lange, in französischem Geschmacke angelegte Hecken und Laubgänge ziehen sich zwischen Blumenboskets dahin; purpurfarbige Blüthen der Cacteen und Aloen leuchten aus frischem Grün hervor, und blühende Orangen-, Citronen- und Mandelbäume erfüllen die Luft mit ihrem Wohlgeruch. Dazwischen senden prächtige Springbrunnen ihre Kühlung verbreitenden Strahlen in marmorne Becken; zahlreiche Statuen altrömischer Göttergestalten bevölkern den Park, und eine Menge gefiederter Sänger belebt die Wipfel der Bäume und schmettert ihre fröhlichen Melodieen hinaus in die milde Luft.

Die größte Fontaine ist die des Neptun, deren Wasserstrahl alle anderen überragt. Sie zeigt in der Mitte des Bassins den Meeresgott, auf einem Muschelwagen stehend, während den Rand des Wasserbeckens sieben bronzene Gruppen umgeben, von denen die bedeutendste Jupiter darstellt, wie er auf die himmelstürmenden Giganten Blitze schleudert. Die Statuen sind von dem berühmten italienischen Bildhauer Alessandro Algardi (gestorben 1654) gearbeitet und zeigen neben vielen Vorzügen doch auch wieder die Mängel, welche den Arbeiten dieses Künstlers anhaften, namentlich sind sie bei aller Genialität der Erfindung nicht frei von jenem hohlen Pathos, der den Werken der Sculptur etwas Kaltes, Affectirtes verleiht.

Eine zweite Fontaine erhielt ihren Namen von den Hauptfiguren des Werkes, drei Tritonengestalten, die auf niedrigem Sockel am Bassin angebracht sind. Sie steht an Umfang des Wasserbeckens dem Neptunsbrunnen bedeutend nach, übertrifft diesen aber an Kunstwerth der Gruppen und Mannichfaltigkeit der Wassereffecte. Die Arbeiten werden dem verdienstvollen spanischen Bildhauer Alonso Berriguete (starb 1561) zugeschrieben, demselben, der als Hofkünstler Karl’s des Fünften den berühmten königlichen Palast zu Granada, das prächtige Rathhaus zu Sevilla, vor Allem aber die Kathedrale zu Toledo mit Sculpturen schmückte, die dem Besten, was diese Kunst überhaupt hervorgebracht hat, zugezählt werden.

Zahlreiche andere Springbrunnen sind an Größe und Kunstwerth weniger bedeutend, obgleich auch sie, jeder für sich allein, manchem fürstlichen Garten zur hohen Zierde gereichen würden. Die Fontaine des mit der Hydra kämpfenden Hercules, die des Bacchus und die Dornenfontaine, letztere eine Nachbildung der bekannten Antike, würden für bedeutend gelten, wenn sie nicht gegen die Großartigkeit der erstgenannten beiden Wasserwerke zurücktreten müßten. Ein anderer Brunnen führt seltsamer Weise den Namen des Don Juan d’Austria, obgleich nichts an diesen Halbbruder Philipp’s des Zweiten erinnert, die Fontaine vielmehr einfach die Figur einer Venus zeigt. Die Mehrzahl aller dieser Bildhauerarbeiten ist von Marmor und nur einige wenige sind von Bronze; die meisten der Bassins sind aber mit zahlreichen Säulen, Figuren und Gruppen umgeben, die sämmtlich Motive aus der Mythologie zum Vorwurf haben.

Das Wasser zu allen diesen Springbrunnen liefert der eine halbe Stunde entfernte See Mar de Ontigala, der mit Aranjuez durch mehrere Leitungen in Verbindung steht. Das Dorf Ontigala, von welchem der See den Namen führt, war früher der Sommeraufenthalt der fremden Gesandten und wird noch jetzt wegen seiner angenehmen Lage vielfach von Madrider Familien besucht.

Der ganze große Garten ist im Laufe der Jahrhunderte nur wenig verändert worden und trägt in der Hauptsache noch denselben Charakter, wie zu den Zeiten seines Begründers. Er zerfällt in drei Abtheilungen, welche die Namen La Huerta Valenciana, los Deleitos und el Cortijo führen. Der eigentliche Lustgarten zunächst am Schlosse heißt auch Isla, die Insel, weil Philipp der Zweite rings um diesen Theil zur leichteren Bewässerung der Anlagen aus dem Tajo einen Canal führen ließ; die beiden Wasserfälle des Tajo, die so wesentlich zur Erfrischung des Gartens beitragen, sind ebenfalls ein Werk dieses Fürsten. Der Garten des Infanten Don Luis ist für sich abgeschlossen und zeichnet sich durch eine Reihe von Büsten spanischer Herrscher, sowie die Kolossalstatue König Philipp’s des Dritten und die Medaillonportraits Karl’s des Fünften und der Kaiserin Isabella, sämmtlich von Leoni modellirt, aus.

Die Stadt Aranjuez ist ein reinlicher, nach holländischer Art angelegter Ort von etwa zehntausend Einwohnern und besitzt breite, mit Bäumen bepflanzte Straßen, hellgetünchte Häuser mit grünen Fensterläden und Thüren, die der Stadt ein freundliches Ansehen verleihen. Es ist das Ara Iovis der Alten und gehörte nebst dem mehrere Geviertmeilen umfassenden Areal im Mittelalter dem reichen Ritterorden von Sanct Jago, dessen Mitglieder hier häufige Jagden abhielten. Karl der Fünfte lernte bei einer solchen Gelegenheit die Gegend kennen und erwarb sie von dem Orden, aber erst sein Sohn und Nachfolger ließ durch den Architekten Juan de Herrera das Schloß erbauen und mit Parkanlagen umgeben. Aranjuez war oft der Schauplatz glänzender Feste, seine Blüthezeit aber fällt in die Regierung König Ferdinands des Sechsten, wo der Sänger und spätere Minister Farinelli der Königin Maria Barbara zu Ehren eine Lustbarkeit nach der anderen veranstaltete. Das war die Zeit, in welcher das französische Sprüchwort entstand: „Ils sont passés les jours d'Aranjuez“, mit welchen Worten ein halbes Jahrhundert später Deutschlands größter Dichter eines seiner Meisterwerke begann und dadurch dem Namen Aranjuez für alle Zeiten den Glorienschein der Poesie verlieh. Freilich ist der Nimbus, den Schiller’s Muse um das Haupt des Don Carlos wob, mit den historischen Thatsachen nicht in Einklang zu bringen; denn dieser an Körper und Geist verkrüppelte, in tiefster moralischer Versunkenheit dahinlebende Mensch war einer dichterischen Verherrlichung durchaus unwerth.

Die Geschichte hat diesem Lustschlosse der spanischen Könige keine besonders hervorragende Rolle zuertheilt, und nur zweimal fand sie Veranlassung, den Namen desselben in ihre Annalen aufzunehmen. Am 12. April 1772 wurde hier zwischen Frankreich und Spanien der Vertrag abgeschlossen, nach welchem sich letzteres verpflichtete, dem ersteren in dem in Amerika ausgebrochenen Kampfe gegen England Hülfe und Unterstützung zu leihen, ein Uebereinkommen, das für Spanien ohne alle historische Bedeutung blieb. Wichtiger ist ein anderes geschichtliches Ereigniß: der Aufstand zu Aranjuez am 17. März 1808, der zunächst gegen den allmächtigen Minister Karl’s des Vierten, Don Godoy, den sogenannten Friedensfürsten, gerichtet war. Napoleon strebte längst nach dem Besitze der pyrenäischen Halbinsel, die spanische Regierung vermied aber sorgfältig jede Veranlassung, die dem französischen Kaiser hätte zum Vorwande militärischer Maßregeln dienen können. Erst durch eine Intrigue gelang es ihm, seinen Zweck zu erreichen; er hatte den ehrgeizigen und habsüchtigen Godoy durch das Versprechen einer selbstständigen Krone bewogen, an Portugal den Krieg zu erklären – für Napoleon die längst ersehnte Veranlassung, sich in die Angelegenheiten des spanischen Königshauses einzumischen. Sofort rückte er mit einer starken Armee über die Pyrenäen, angeblich um die Streitigkeiten zu schlichten, in Wahrheit aber um das Land zu besetzen und im geeigneten Momente sich des Thrones zu bemächtigen.

Als Godoy den Einmarsch der Franzosen erfuhr, veranlaßte er die königliche Familie, nach Mexico zu fliehen; der Infant [399] Don Ferdinand, Sohn Karl’s des Vierten und dessen Thronerbe, widersetzte sich aber diesem Vorhaben und suchte die Gelegenheit zu benutzen, den verhaßten Friedensfürsten zu stürzen. Während daher das Volk durch die Anstalten zur Abreise vor das Schloß zu Aranjuez gelockt worden war, begab sich der Prinz zu den die Bedeckung bildenden königlichen Garden und rief ihnen zu: „Der Friedensfürst ist ein Verräther; er will meinen Vater entführen. Hindert ihn an diesem Verbrechen!“ Sofort erklärten die Soldaten ihre Bereitwilligkeit, die Abreise des Königs zu verhindern, und kaum hatte das Volk die Absichten des Militärs erfahren, als es seiner Wuth gegen den Friedensfürsten freien Lauf ließ. Der Palast desselben wurde gestürmt, die innere Einrichtung zertrümmert, und Godoy selbst entging nur mit Mühe der Rache des Volkes, das ihn mit Recht im Verdacht hatte, mit Napoleon in geheimem Einverständniß zu sein. Als Karl der Vierte auf des Letzteren Drängen dem Throne endlich entsagte, folgte Godoy dem Könige nach Rom und kehrte erst im Jahre 1847 nach Spanien zurück, um Besitz von seinen ihm wieder zurückgegebenen Gütern zu ergreifen. Godoy starb am 28. September 1851 zu Paris.

Noch heute, wie vor Jahrhunderten, wälzt der Tajo seine trüben Wogen an den herrlichen Gärten des Lustschlosses vorbei, aber nicht mehr, wie damals, mischt sich in das Rauschen derselben der Klang schmetternder Fanfaren, die zu fröhlichen Festen rufen. Nur selten weilt der Hof noch hier, und dann bleibt es still in den weiten Räumen des Schlosses und Gartens; die Zeiten sind zu ernst für das unglückliche Land, um den Sinn für geräuschvolle Lustbarkeiten zu wecken, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß die schönen Tage von Aranjuez für immer vorüber sind.
M. L.




Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.
Das rothe Quartal.
(März–Mai 1871)
Von Johannes Scherr.
12. Facit.


Zweierlei pflegt Erscheinungen, wie wir eine an uns vorübergehen ließen, auf dem Fuße zu folgen: – die Rache der Sieger und die Kostenrechnung.

Das erstere, die Rache der Sieger, hat auch anno 1871 gezeigt, wie weit wir es gebracht haben in der „Religion der Liebe“.

Beispiele von entgegengesetzter Art sind selten und reizen nicht zur Nachahmung. Das erhabene Beispiel von Milde, Schonung und Verzeihung, welches die schweizerische Eidgenossenschaft i. J. 1847 den besiegten Sonderbundssündern gegenüber, und das noch erhabenere, welches die nordamerikanische Union i. J. 1865 den besiegten Secessionsfrevlern gegenüber gegeben – solche republikanische Beispiele sind natürlich für Monarchien nicht nachahmungswürdig.

Indessen wird, wer in den Sentimentalitätskrämern von neumodischen Juristen, welche wohl das Blut von Gemordeten, nicht aber das von Mördern fließen sehen können, keine Orakelgeber, sondern nur phantastische Theorieenspinner erblickt, nicht anstehen, zu bekennen, daß die französischen Sieger vom Mai 1871 denn doch eine ganz andere Berechtigung zur Rache an überwiesenen Mördern und Mordbrennern hatten als die deutschen Sieger vom Juni 1849 an den besiegten Reichsverfassungskämpfern. Der französische Liberalismus machte daher, als er den Wahrsprüchen des Kriegsgerichtes in Versailles zustimmte, immerhin eine weit noblere Figur, als der deutsche, welcher, nachdem er durch seine aus Dummheit und Dünkel, aus Hochmuth und Feigheit, aus Impotenz und Sesselsucht gemischte „Staatsmännischkeit“ anno 1848 alles verdorben hatte, die Standrechtsschüsse von Mannheim, Rastadt und Freiburg mit beifälligem Händereiben und unterthänigem Schmunzeln begleitete. Eine schwere Makel haftet an Herrn Thiers, seinen Ministern und Generalen, daß sie den trikoloren Schrecken, welcher den rothen in Paris abgelös’t hatte, gewähren ließen. Es mochte allerdings schwer sein, die durch alle die Strapazen und Gefahren des sechstägigen Straßenkampfes angestachelte Wuth der Soldaten zu sänftigen, aber es hätte trotzdem versucht werden sollen. Es wurde entweder gar nicht oder doch nicht ernstlich versucht. Daher der Gräuel jener massenhaften Niederschießungen gefangener Kommunekämpfer. Die Ziffer derselben ist nicht aktenmäßig festgestellt, allein die Schätzung auf 20,000, worunter etwa 4000 Weiber und Kinder!!! ist kaum zu hoch, vielleicht eher zu niedrig gegriffen. Auch die Zahl der auf den Barrikaden selbst gefallenen Kommunarden ist nicht amtlich erhärtet, sicherlich aber darf man 10,000 ansetzen, was mit den unmittelbar erschossenen Gefangenen die Summe von 30,000 Todten ergäbe.

Ein im November 1875 durch den General Appert an die Nationalversammlung erstatteter Bericht über die Thätigkeit der Kriegsgerichte von 1871 stellte amtlich fest, daß nach vollendeter Einnahme von Paris ungefähr 38,000 Gefangene sich in den Händen der Armee befanden. Darunter waren 7460 rückfällige Kriminalverbrecher, 5000 fahnenflüchtige Soldaten und 850 Weiber. Ueberhaupt in Untersuchung gezogen wurden 30,000 Personen. Davon sind 18,930 nach der Voruntersuchung freigelassen und 11,070 vor die Kriegsgerichte gestellt worden, darunter auch 80 Kinder. Mehrere Todesurtheile fällten die Kriegsgerichte gegen zur Kommune übergelaufene Militärpersonen, so gegen Rossel. Im Ganzen fielen 110 Todessprüche, wovon 24 zur Vollstreckung kamen. Von den gefangenen Mitgliedern der Kommune wurden zwei zum Tode verurtheilt, Ferré und Lullier, aber nur jener hingerichtet. Andere, wie Urbain, Trinquet, Assi, Billioray, Champy, Lisbonne, Regère, Ferrat, Grousset, Verdure, Jourde und Rastoul erhielten in nicht ganz gerechter Abstufung lebenslängliche Zwangsarbeit, Deportation in Festungen oder einfache Deportation (nach Neukaledonien) zugemessen. Die processirten wilden Klubbgänse und Amazonen kamen ziemlich gelinde weg. Nur über 6 überführte Petroleusen verhängte das Kriegsgericht die Strafe lebenslänglicher Zwangsarbeit. Auch der alte Blanqui und der weiland Laterne-Rochefort wurden nachträglich zur Deportation verurtheilt.

Das Gebaren der Kommunarden war wohl in einzelnen Exemplaren, z. B. in Ferré und Lullier, komödiantisch-frech, aber nichts weniger als heldisch und erhaben. Die meisten legten sich wie ganz gemeine Halunken auf’s leugnen und lügen. Nur sehr wenige hatten den Muth, zu ihren Thaten zu stehen. Zu diesen wenigen gehörte der Belleviller Schuster Trinquet, ein sonst unbedeutender Halbnarr, der aber jetzt mannhaft Farbe bekannte und, von der Feigheit seiner Schicksalsgenossen angewidert, ausrief: „Als mich meine Mitbürger in die Kommune gewählt hatten, glaubte ich nicht, sie hätten mich mit dieser Wahl beehrt, damit ich am Tage der Gefahr die Kommune verleugnete. Ich habe mich bis zur letzten Stunde geschlagen, mein Rock und mein Käppi wurden von Kugeln durchlöchert und ich beklage nur eins, nämlich nicht gefallen zu sein, damit ich nicht heute mitansehen müßte, wie meine Kameraden sich ihrer Verantwortlichkeit entziehen wollen.“ …

Am 2. August von 1871 gab der Marschall Mac Mahon seinen Rapport über die Verluste aus, welche die Armee in der Niederkämpfung der Kommune vor und in Paris erlitten hatte. Sie bezifferten sich auf 83 todte und 430 verwundete Offiziere, auf 794 todte, 6024 verwundete und 183 vermißte Soldaten.

Der Feuerschaden war kolossal. Die Ruinen der Tuilerien und des Stadthauses allein repräsentirten eine Einbuße von 60 Millionen, die des Finanzministeriums eine solche von 15 Millionen, die der „Docks“ von Belleville und Villette eine von 27 Millionen, die des Staatsraths- und Rechnungshofgebäudes eine von 10 Millionen, die des Justizpalastes, der Conciergerie und der Polizeipräfektur mitsammen eine von 6 Millionen. Der Gesammtschaden, die zerstörten Staatsgebäude, Kirchen, Paläste, Theater, Fabriken, Speicher und Privathäuser [400] zusammengethan und die vernichteten Mobilien und Waaren dazugerechnet, ist auf die Summe von 500 Millionen anzuschlagen und dieser Anschlag dürfte noch entschieden zu niedrig gegriffen sein.

Wie furchtbar die Kommune in Wehr und Waffen gestanden hatte, mag schon aus der Thatsache klarwerden, daß die blauen Sieger den rothen Besiegten 2500 Kanonen und Mitrailleusen, sowie mehr als 400,000 Schießgewehre aller Art abgenommen haben.

Und nun wollen wir das Facit dieser Blut- und Brandrechnung ziehen, indem wir die Frage stellen: Wozu der ganze Gräuel?

Was ist mit so vielem Kraftaufwand, mit so viel Wuth und Weh, mit so viel Blut und so viel Thränen erreicht worden?

Was hat Frankreich dadurch gewonnen?

Rein nichts, wohl aber hat es viel verloren.

Ja, so viel verloren, daß Frankreich Ursache haben dürfte, in seinem Geschichtekalender den 18. März von 1871 als einen Nationaltrauertag, als einen, ja wohl als den „dies nefastissimus“ zu verzeichnen.

Warum?

Weil das mit jenem Tage angehobene rothe Quartal im Grunde eine Verleugnung der wahrhaft großen, befreienden und erlösenden Principien von 1789 gewesen ist. Diese hatten ja – das ist und bleibt ihr unvergänglicher Ruhm – die sociale Einheit verkündet und begründet, und zwar theoretisch dadurch, daß sie die Gleichheit der politischen Rechte aufstellten, praktisch dadurch, daß sie an die Stelle der Privilegien der Geburt oder der Kaste die Berechtigung der Arbeit und des Verdienstes setzten. Die Kommunarden von 1871 dagegen, wenigstens diejenigen, welche sich zu Werkzeugen der Internationale hergaben, wollten hinter der spanischen Wand einer angeblichen Demokratie, welche aber in Wahrheit nur eine Pöbeltyrannei war, den Grundsatz der Gleichheit vernichten, indem sie auf die Schaffung einer neuen Kaste, die der Handarbeiter, abzielten und mittels dieser Kaste eine neue Klassendespotie, die des bevorrechteten Proletariats über die übrigen Volksklassen, begründen wollten.

Daß damit der Rückfall der Gesellschaft aus der Civilisation in die Barbarei begonnen haben würde, muß jedem, welcher fünf gesunde Sinne besitzt und davon Gebrauch machen will, einleuchtend sein.

Wir anderen Demokraten sind von ganzem Herzen bereit, die Tyrannei des Geldsacks niederkämpfen zu helfen, aber gegen eine bloße Ersetzung derselben durch die Tyrannei des Bettelsacks verwahren wir uns entschieden. …

Die unmittelbaren Schäden, welche das rothe Quartal – auch abgesehen von der dreihundertfachen Menschenhekatombe und dem Brandschaden – angerichtet hat, sind ebenso schmerzlich wie handgreiflich. Angenommen, der Drang nach Decentralisation, das Verlangen nach Gemeindefreiheit sei der ursprüngliche Gedanke der Kommune gewesen, was hat sie durch ihre Art und Weise, diesen Gedanken zu verwirklichen, bewirkt? Nichts als die Straffung und Schärfung der Centralisation, die Auslöschung sogar des bloßen Gedankens gemeindlicher Selbstverwaltung in Frankreich.

Und was hat die aberwitzige rothe Rebellion gegen die Republik des Herrn Thiers zuwegegebracht? Nichts als die Republik der Herren Broglie und Buffet, also die schnödeste Gaukelei, welche jemals einer Nation vorgemacht worden ist.

Und auch daran war es noch nicht genug. Der frevelhafte Vorstoß der Kommune nach Wolkenkukuksheim rief einen Rückschlag von solcher Macht hervor, daß die Wiederinthronisirung des Mittelalters in Frankreich in der Person des Grafen von Chambord bekanntlich nur an der e–hrenhaften Seite dieser Persönlichkeit scheiterte.

Was endlich das mörderische Wüthen der Kommunarden gegen die Priester angeht, so liegen die Folgen hell oder vielmehr dunkel, sehr dunkel zu Tage. Denn es ist ja eine ganz zweifellose Thatsache, daß das im Mai von 1871 durch die Rothen vergossene Priesterblut in Frankreich für das Pfaffenthum ein Mairegen geworden, welcher es zur üppigsten Blüthe trieb, zu einer Blüthe, welche anzukünden scheint, daß „la grande nation“ nicht mehr – wie sie bislang wenigstens in ihrer Einbildung gethan – an der Spitze der Civilisation, wohl aber unter dem Banner des Heiligen von Loyola an der Seite Spaniens marschiren wird.

Das ist die Schuldrechnung des rothen Quartals. Nur Narren können sie abmindern, nur Gauner können sie leugnen wollen. Sie ist sehr lehrreich; aber damit will ich nicht sagen, daß sie die Menschen viel oder auch nur etwas lehren werde. Das wäre ja gegen alle herkömmliche moralische Kleiderordnung und würde den alten Hegel Lügen strafen, welcher sein wahrstes Wort gesprochen hat, als er sagte: „Die Geschichte lehrt nur, daß sie die Leute nie etwas lehrte.“

Also weiter im gewohnten und beliebten „Laissez faire, laissez aller!“ mehr oder weniger liebe Zeitgenossen. Immer rüstig weitergeschwindelt, bis euch eines schwarzen oder rothen Tages der europäische Generalkrach wie ein Blitz auf die Köpfe fällt!




Wunderliche Leute.
1. Krawutschke.


Ein Augustnachmittag in dem vielbesuchte Badeorte W. mit höchst unschuldiger Quelle und herrlichen landschaftlichen Umgebungen. Es ist gegen fünf Uhr. Mit dem Glockenschlage beginnen die Curstunden und das Concert.

Auf einer Anhöhe des Curparkes haben es sich zwei junge Leute bequem gemacht. Diese Anhöhe bietet ihnen, zwischen den dichtschattenden Bäumen hindurch, einen vollen Anblick der Badepromenade. In ihren Hängematten liegend, wohlbewehrt mit Operngläsern zur bevorstehenden Revue über die Curgesellschaft, welche da unten lustwandelt, blasen sie in süßem Nichtsthun den Rauch ihrer Cigarren in die Luft. Die zwei jungen Leute sind mir genau bekannt. Der Jüngling mit schwarzem Haare und militärisch strengem Kaiserbarte ist ein neugebackener königlich preußischer Assessor und – trotz seiner Jugend – Realist von der stricten Observanz. Der zweite junge Mann ist meine erzählende Wenigkeit, und diese Wenigkeit überläßt sich in Allem der orts- und personenkundigen Führung des Freundes.

Die Promenade vor dem Curhause und dem Brunnen füllt sich. Der Assessor schildert mir mit liebenswürdiger Bosheit, welche so häufig dem süßen Nichtsthun ihren Ursprung dankt, manche interessante Specialität der verehrlichen Curgesellschaft. Plötzlich unterbricht er seine pikanten Plaudereien und fragt mich: „Kennst Du Krawutschke, die interessanteste Persönlichkeit des Ortes?“

„Wie sollte ich? Ich bin erst seit einigen Tage hier. – Wer ist denn dieser Krawutschke?“

„Augenblicklich ist er Gastwirth und hauptsächlich ein halbgebildeter Allerweltsmensch. Aber komm’! Du mußt ihn kennen lernen. Ich bin dann und wann ein wenig Pessimist. Wenn ich an Herrn Krawutschke denke, so möchte ich es fast für einen Fehler halten, daß die letzten Jahrzehnte so eifrig daran gearbeitet haben, die Wissenschaften volksthümlich zu machen.“

„O, o,“ rief ich, indem wir uns zu Krawutschke auf den Weg machten.

„Gewiß. Dieser Herr Krawutschke ist der Sohn von Eltern niederen Standes. Wäre er bei einer gesunden, guten Volksschulbildung stehen geblieben, so hätte er, bei seiner leichten Auffassungsgabe, der es nur an Tiefe fehlt, in festbegrenztem, kleinem Kreise ein ganz tüchtiges Mitglied der Gesellschaft werden können. Krawutschke war das verhätschelte Genie des Dorfes und wurde eitel auf seinen ‚Geist‘. Als eitler Mensch blieb er äußerlich. Ein Bildungstrieb wohnt ihm indessen jedenfalls inne. Er las ohne Wahl alles populär Zurechtgemachte, und das Conservationslexicon war und ist sein bester Freund. Kunterbunt würfeln sich in seinem guten Gedächtnisse zusammen etwa: eine gehörte Stelle des Horaz, ein Journalartikel über Spectralanalyse, die Mystik eines Perty und etwas [401] Eduard von Hartmann. So ist seine ‚Bildung‘, von welcher er tief durchdrungen ist, zu Stande gekommen. Diese unverdaute Belesenheit gereicht ihm aber nicht zum Segen. Er hält sich für höchst bedeutend und ist doch nur ein unbedeutender Hans in Allem, der Jeden meistern will. Man darf schon Pessimist sein dieser durch die Popularisirung der Wissenschaft herbeigeführten Halbheit gegenüber.

„Du bist in schlechter Laune oder die Consequenzmacherei des Realisten verleitet Dich zur Ungerechtigkeit. Ich theile Deinen Pessimismus nicht.“

„Gleichviel. Du wirst in Herrn Krawutschke eine höchst schätzenswerthe Bekanntschaft machen. Da sind wir schon.“

In Badeorten ist es gebräuchlich, den Häusern Namen statt der Nummern zu geben. An dem ganz stattlichen Gebäude, welches wir eben betreten wollten, glänzte mit riesengroßen Buchstaben der Name: „Poseidon“.

„Poseidon?“

„Ahnst Du Krawutschke?“ gegenfragte mein Freund.

Wir betraten die Gaststube. Sie war leer und eine drückende Hitze in dem nicht allzugroßen Raume. Die Fliegen schienen hier besonders gehegt zu werden.

„Welche Fliegenplage!“

„Herr Krawutschke würde Dir mit vernichtendem Blicke antworten, daß ein Thier sozusagen auch ein Mensch sei, und ferner würde er Dir, im Hinweise darauf, daß wir eigentlich nicht berechtigt sind, zwischen niedriger oder höher organisirten Wesen vom allgemein sittlichen Standpunkte aus einen nennenswerthen Unterschied zu machen, den guten Rath geben, das Unvermeidliche mit Würde zu tragen.“

Ein Schenkmädchen nahte den Eintretenden.

„Herr Krawutschke zugegen?“

„Der Herr Major ist ausgegangen.“

„Major?“ fragte ich verwundert.

„Zwei Seidel Bier!“ befahl mein Freund. „Allerdings,“ wendete er sich dann zu mir, „Herr Krawutschke ist Major der freiwilligen Feuerwehr. Ob der Titel zu Recht besteht, weiß ich nicht. Genug, er führt ihn und hört ihn nicht ungern.“

Eine kleine, freundliche, wohlgenährte Frau trat ein. Ihre Züge trugen das Gepräge ausgesprochenster Gutmüthigkeit.

„Ah, Frau Krawutschke!“ – Mein Freund erhob sich.

„Bitte, behalten Sie Platz! Mein Mann wird gleich kommen; er ist nur in’s Spritzenhaus gegangen.“ – Die kleine Frau verschwand wieder.

„Will sagen: in eine Restauration, wo er aus dem Stegreif den Gästen einen Vortrag hält und seinen Durst auskömmlich stillt,“ raunte mir der Assessor halblaut in’s Ohr. „Daß er das kann, verdankt Herr Krawutschke dieser kleinen, gutmüthigen Frau. Mit ihr hat er Haus und Vermögen erheirathet, und das schwache Weibchen hat einen solchen Respect vor dem ‚gelehrten‘ Gatten, daß es nie zu einer Opposition ihrerseits kommt.“

Von draußen ertönte das Geräusch herannahender Schritte und das Gewirr durcheinander sprechender Stimmen.

„Jetzt kommt der Major,“ variirte der Assessor singend die Operettenstelle des Monsieur Jakob Offenbach.

Und er kam. Mit kräftiger Hand wurde die Thür aufgestoßen, und herein trat Herr Krawutschke in Begleitung mehrerer Ortsbewohner, die ganz wie Gevatter Schneider und Handschuhmacher aussahen. Er trug die Uniform eines Vorgesetzten der freiwilligen Feuerwehr.

„Attention!“ rief Herr Krawutschke mit erhobener Stimme dem Schenkmädchen zu. „Nach wohlvollbrachtem Tage geziemt dem Hausherrn und paterfamilias ein Seidel Wiener Märzen.“

Ich sah mir den Mann genau an. Eine lang aufgeschossene Figur mit blassem, blutleerem Antlitz. Das hellblonde, etwas dünne und etwas gelockte Haar gab im Bunde mit der blassen Hautfarbe dem Gesicht etwas Verwässertes, Verschwommenes. Ein sorgfältig gepflegter sogenannter Christusbart umrahmte das Antlitz. Kopf und Hals neigten etwas vornüber. Man sagt wohl, die volle Aehre neige sich der Erde zu, die leere trage stolz ihr Haupt den Wolken zugewandt. Den Eindruck machte nun die leichtgebeugte Haltung des Herrn Krawutschke nicht. Sie erschien mir vielmehr als ein Zeugniß des verborgen Kränklichen. Hektisch pflegt man landläufig solche Leute zu nennen.

Herr Krawutschke hatte uns sofort erblickt und ging mit ausgebreiteten Armen auf meinen Freund zu.

„Ah, siehe da! Auch Du, Brutus? Welche Ehre für mein schlichtes Haus, liebwerther Freund und Assessor! Mann des Rechtes – ich grüße Sie.“

„Guten Tag, Herr Krawutschke,“ meinte ziemlich trocken mein Freund. „Ihr Bier ist wieder verdammt matt.“

„So ist’s. Die Diener tragen alle Schuld,“ citirte pathetisch Krawutschke. „Der alte Goethe hilft mir immer aus aller Fahr und Noth.“

Schiller, Herr Krawutschke!“

„Goethe, Herr Assessor!

„Verlassen Sie sich d’rauf, die Stelle ist von Schiller, aus der Braut von Messina.“

„Na, denn nicht!“ brach der Major ärgerlich das Gespräch ab, um es gleich darauf wieder vorwurfsvoll aufzunehmen. „Und Sie stellen mir nicht einmal diesen neuen, werthen Gast des ‚Poseidon‘ vor? Da haben die Leute nun Justinus und Trebonius studirt, aber die Convenienz bleibt ein pia desideria. Das ist auch eine signatura temporus.

Ris, ris, Herr Major!“

Ris, richtig! Sagte ich rus? Ein kleiner horror! Errare est humanum ist ein Spruch aus weisem Munde. – Ihr Name, mein vielwerther Gast?“

Der Assessor nannte ihn. „Auch ein Stückchen Mann der Feder!“ fügte er hinzu. Krawutschke ergriff meine beiden Hände.

„Bruder in Apoll! Seien Sie mir willkommen! Ich bin ein Freund des Geistes und der Feder.“ – Wohlgefällig lächelnd und mit verbindlicher Verneigung ergänzte er sich: „Sie sehen in mir das Referentchen des Ortes. Also soyons amis, Sulla!“

Das Französisch war so schauderhaft, daß wir ganz erschreckt vergaßen, den armen Cinna in seine Rechte einzusetzen. Vornehm fuhr Krawutschke fort:

„Die Herren trinken mit mir zum Willkommgruße einen Ingwer! Keine Widerrede!“ antwortete er unseren ablehnenden Handbewegungen. „Die aromatische Bittere dieses Getränkes ist von wohlthätigster, sanitärer Wirkung auf die gereizten Schleimhäute des gastrischen Systems.“

Der Trank bereitete sich langsam auf sein Erscheinen vor.

„Der Herr ist auch Schauspieler,“ begann der Assessor wieder.

„Was hör’ ich? Die Musik der Sphäroide schlägt an mein Ohr! Oh! Doppelt, dreifach gesegnet sei der Tag, der uns zusammenführte!“ – Und mit Herablassung versicherte Krawutschke: „Ich bin ein Mäcen der Kunst. Ich leite unser Liebhabertheater und schreibe Recensionen, wenn sich einmal eine wandernde Truppe zu uns verirrt. Sie sind ein Fachmann; ich unterschätze das nicht. Aber ich gäbe etwas darum, wenn Sie einmal eine Vorstellung an dem von mir geleiteten Liebhabertheater sehen könnten. Die Bühne leistet unter meiner Leitung außerordentlich Gutes.“

Stolz auf sich selbst, bestellte sich Krawutschke noch ein Seidel. Sein Ingwer war während der letzten Rede verschwunden.

„Alles wendet sich an mich. Für Alle bin ich der Berather –“

Die kleine, gutmüthige Hausfrau nahte sich uns. Man sah es ihrem hochgerötheten Gesicht an, daß sie vom Herdfeuer kam. Schüchtern legte sie dem Gatten die Hand auf die Schulter.

„Lieber Arnim!“

„Was willst Du, mein braves, treues, deutsches Weib?“

„Lieber Arnim, in welchem Hause wohnt denn die russische Herrschaft, welche für heute Abend Beefsteak bestellt hat? Die Beefsteaks sind fertig; ich möchte sie hinschicken.“

„Im ‚schwarzen Kreuz‘, wackere Hausehre.“

„Ich danke Dir. Darf ich einmal von Deinem Bier trinken, Arnim?“

„Nimm und labe Dich!“

„Ich danke Dir, lieber Arnim!“ – Die gutmüthige, kleine Hausglucke trank und verschwand.

„Warum nennt Sie denn Ihre Frau Gemahlin immer Arnim, Herr Major? Tragen Sie diesen Vornamen vielleicht Jemand zu Ehren?“

Mit überlegenem Lächeln brachte Krawutschke den Finger an die Stirn.

[402] „Verlangen Sie von meiner geistig bescheidenen Frau nicht zu viel! Eine Verwechselung ihrerseits, weiter nichts. Ich heiße eigentlich Hermann. Der Name war mir, wenn auch echt deutsch, doch etwas gewöhnlich. Man muß einer Frau immer imponiren, auch in Kleinigkeiten. Ich änderte meinen Namen in die lateinische Form und befahl meinem Weibe, mich Armin zu nennen.“

Er seufzte leise.

„Nun?“

„Weiß der Teufel, mein sonst so braves Weib konnte den Armin durchaus nicht behalten und nennt mich obstinataliter immer Arnim. Hat mich schon oft geärgert!“

Krawutschke that einen tiefen Zug. Seine Melancholie verschwand.

„Sie glauben nicht, meine Herren, wie wohl ich mich inmitten geistreicher Leute von der Feder fühle. Wenn ich nur freier nach außen hin schaffen könnte! Aber ich werde von der agrarischen Bevölkerung des Ortes und der Umgegend so sehr überhäuft, daß ich –“

„Wie so?

Aergerlich schüttelte Krawutschke den Kopf. „Es herrscht hier die leidige Sitte, jeden Festtag oder Trauertag in der Familie dadurch publik zu machen, daß man im Localblatt ein Carmen bringt. Ich werde damit überlaufen, und das absorbirt meine ganze schriftstellerische Kraft. Heute Nacht muß ich wieder einige Stunden opfern. Ich habe einer Familie versprochen in einigen Tagen eine Xenie für einen Verstorbenen zu liefern.“

„Eine Nänie!“ verbesserte der unverbesserliche Assessor.

„Xenie oder Nänie!“ meinte überlegen Herr Krawutschke. „Das wird wohl darauf ankommen, wie ich die Form auffasse.“

Er befleckte sich ein frisches Seidel und fuhr dann fort: „Und doch lohnt es sich hin und wieder, aus der fastalischen Quelle getrunken zu haben. Vorigen Sommer erhielt ich davon einen erhebenden Beweis. Während der Belagerung von Paris ging von hier aus ein Transport mit Liebesgaben ab. Ich betheiligte mich daran und nicht nur mit leiblicher Nahrung. In einer guten Stunde hatte ich ein mark- und saftvolles Vaterlandslied im Genre Béranger’s gedichtet. Im Refrain verwendete ich mit Glück eine frühere Aeußerung des Ministers Eulenburg. Der Refrain lautete:

‚Der Eintracht Band
Umschlingt nunmehr das deutsche Land.
Durch wen? Durch Euch, Ihr Heldensöhne,
Denn Ihr siegtet elegant.‘

Dieses Gedicht ließ ich in tausend Exemplaren drucken und sendete sie zur Vertheilung an das Regiment. Ich denke natürlich nicht weiter daran. Im vorigen Sommer aber tritt ein Unterofficier zu mir in’s Zimmer und fragt:

‚Sind Sie Herr Krawutschke?‘

‚Der bin ich.‘

‚Endlich habe ich also die Ehre. Das Regiment sendet Ihnen durch mich den tiefgefühltesten Dank für Ihr herrliches, begeisterndes Gedicht. Es hat uns wahrhaft gestärkt. Sie sind ein Vaterlandssänger im besten Sinne des Wortes.‘

Er schüttelte mir die Hand mehrmals. Natürlich war er während der Dauer seines Aufenthaltes öfters mein Gast. – Sie sehen, ich bin auch eine Art Tyrtäus.“

Krawutschke schwieg selbstzufrieden.

„Der Unterofficier hatte viel Talent zum Diplomaten,“ meinte der boshafte Assessor.

Das verstand Krawutschke nicht. Tief aufathmend rief er:

„Ja, so etwas thut wohl, meine Herren. Der Dichter braucht den Erfolg, wie der dürre Acker den Regen.“

Krawutschke’s Hausehre trat mit einem verlegenen Gesichte zu uns.

„Lieber Arnim!“

„Mulier taceat in ecclesiae – was bringst Du, Frau?“

„Lieber Arnim, die russische Herrschaft muß doch nicht im ‚schwarzen Kreuz‘ wohnen. Das Mädchen hat mit den Menagen das ganze große Haus durchwandert, aber es wohnen keine Russen dort.“

„Ich irre mich nie.“

„Ne,“ rief die bequeme Dame am Zahltische. „Im ‚Kreuz‘ wohnen die Russen nicht; die wohnen im ‚Anker‘.“

„O Jungfrau, warum öffnetest Du den Zaun Deiner Zähne nicht früher!“ rief der Herr Major mit einem Gemisch von Wehmuth und Entrüstung.

„’s hat mich ja Keener jefragt.“

„Optime! So lasse die Menagen in den ‚Anker‘ tragen, liebes Weib!“

„Aber, lieber Arnim, der ist ja gute zehn Minuten entfernt, und das Essen ist schon so lange unterwegs; es muß ganz kalt sein.“

„Thut nichts. Der Jude wird verbrannt,“ parodirte Krawutschke. „Die Russen sind übrigens, ihren klimatischen Verhältnissen zu Folge, an Kälte gewöhnt. Der Golfstrom mit seiner lebensspendenden Wasserwärme dringt nicht bis an ihr unwirthliches Gestade.“

Eine Handbewegung verabschiedete die Gattin. Sie ging betrübten Herzens, und wir empfanden das tiefste Mitleid für die Angehörigen der verbündeten Nation.

„Es ist noch die Frage, ob der Genuß allzu warmer Speisen nicht der Ur-Hygieine widerspricht,“ nahm Krawutschke das Gespräch wieder auf, indem er mir seine Blume zutrank. „Ich hatte einmal in München Gelegenheit –“. Er stützte, wie nachdenkend, den Kopf in die Hand und schwieg eine Weile. Wir harrten der Dinge, die da kommen sollten. Langsam erhob Krawutschke das Haupt. Nachdenklich starrte er auf die gegenüberliegende Wand, an welcher einige Prämienbilder besserer Sorte und mehrere Gypsstatuetten berühmter Dichter und Künstler prangten. Leise begann er:

„An München knüpfen sich für mich schöne Erinnerungen, und eine meiner teuersten Erinnerungen ist Er – der große Meister.“ – Sein Finger zeigte auf die Statuette Kaulbach’s.

„Standen Sie zu dem Meister in Beziehungen?“ fragte mit teuflischer Theilnahme der Assessor.

„Allerdings. Ich besuchte öfters sein Atelier. Sie müssen wissen, meine Herren, ich bin eigentlich Maler.

„Ah! In welchem Genre? Landschafter? Historie?“

„Nichts weniger als dies,“ antwortete mit unzerstörbarem Selbstbewußtsein Herr Krawutschke. „Porcellan!“

„Wie?!“

„Ich bin Porcellanmaler.“

„Ah!“

„Ja. Also ich besuchte öfters Kaulbach’s Atelier und vertiefte mich in die göttlichen Compositionen. Eines Tages klopft mich Jemand auf die Schulter. Ich wende mich – der Genius steht vor mir. Mit durchdringendem Blicke mustert er mich. Dann fragt er: ‚Auch Künstler?‘ – ‚In Porcellan!‘ antwortete ich, mich verneigend. – ‚Ah!‘ ruft der Meister verbindlich. Mit mildem Lächeln fordert er dann ein eingehendes Urtheil über die von mir soeben betrachtete Composition. Ich lehne es ab, ein Urtheil zu geben. ‚Warum nicht?‘ – ‚Meister, wir Beide können uns gegenseitig nicht beurtheilen. Sie arbeiten in Oel, ich in Porcellan. Ich muß aus dem Dunkeln in’s Helle arbeiten. Sie arbeiten aus dem Hellen in’s Dunkle. Wo bleibt da der Maßstab der Beurtheilung?‘ – Kaulbach sah mich verständnißvoll lächelnd an. Dann führte er mich durch das Atelier an den Ausgang, drückte mir die Hand und sagte beim Abschiede: ‚Es freut mich, meine Zeit nicht an einen ganz Unwürdigen verschwendet zu haben.‘“

Mein Freund biß die Zähne aufeinander. Ich krampfte, um dem Lachreize zu widerstehen, die Hände in den Taschen. Krawutschke erhob sich und mit fürstlicher Vornehmheit bat er uns, ihn zu entlassen, „da er dort drüben Freunde am Tische habe, die seiner bedürften und die nicht ganz zu vernachlässigen ihm Pflicht sei.“

Wir gingen und ließen, vor der Thür angekommen, zunächst der zurückgehaltenen Thätigkeit unseres angeregten Zwerchfelles freien Lauf. Als dies zur Genüge geschehen war, kamen wir zu einer Würdigung meiner neuen Bekanntschaft.

„Wir sollten eigentlich nicht lachen,“ meinte ich.

„So denke auch ich,“ antwortete mein Freund. „Es ist immer traurig, einen Menschen der bis zu einem gewissen Grade begabt ist, auf Abwegen zu sehen, die ihn früher oder später in’s Verderben führen müssen. Was ist nun Herr Krawutschke mit all’ seiner unverdauten, falschen Belesenheit? Eine zum Lachen herausfordernde Persönlichkeit, ein Mensch, [403] der, so sehr er sich der Allgemeinheit widmet, von ihr fast gemieden wird, wenn sie ihn nicht gerade braucht. Dazu sein unsicheres Tasten innerhalb des praktischen Lebens. Der Porcellanmaler wurde Porcellanhändler. Der Porcellanhändler wurde Gastwirth und dies wahrscheinlich nur aus dem Grunde, um sein eigener bester Gast zu sein. Nebenbei ist er Feuerwehr-Major, Director eines Liebhabertheaters, Vorstandsmitglied des Gesangvereins, Präsident des Gemeinnützigen Vereins, Gründer eines Gastwirthvereins, Dichter, und Gott weiß es, was noch. Sein Geschäft geht aber den Krebsgang, und das mit der allzu gutmüthigen Frau erheirathete Vermögen wird täglich dünner. Und was das Schlimmste ist: bei dieser lodderigen, zersplitterten Lebensweise, die im Grunde genommen eine Art Müßiggang ist, befindet er sich auf dem besten Wege, in aller Gemüthlichkeit ein Trinker zu werden. Das aber hilft ihm in ein frühes Grab, denn ich weiß von seinem Arzte, daß sich bei ihm ein allerdings noch in den ersten Stadien stehendes Nierenleiden entwickelt hat und daß ihm spirituöse Getränke aller Art geradezu Gift sind. Wir sollten also nicht lachen.“

„Gewiß nicht!“

„Uebrigens bleibe ich diesem Einzelfalle gegenüber bei meinem Pessimismus. Beiläufig halte ich es für eine dankbare und gebotene Aufgabe, den Mann zu zeichnen. Es giebt wohl noch mehr Krawutschkes, und mancher ist vielleicht noch im Stande, sich zusammenzuraffen.“ –

Ich besuchte Herrn Krawutschke noch mehrere Male. Der Abschiedsbesuch ist mir unvergeßlich.

„Ich bin Zschokkeaner,“ sagte er, „Deist von reinstem Wasser. Ich kenne nur drei Dinge: Deus, Mater und Maître! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen diese drei Dinge in zwei fremden Sprachen nenne!“ Sein selbstgefälliges Lächeln bei diesem Aufwande von Geist ist selbstverständlich. – – –

Zwei Jahre vergingen. Ich dachte nicht mehr an Herrn Krawutschke. Da erhielt ich eines Tages von meinem Freunde einen Brief. Von seinem Inhalte führe ich die folgenden Zeilen an: „Der arme Krawutschke ist vor Kurzem gestorben. Sein Leiden wurde immer bedenklicher und nahm einen außerordentlich schnellen Verlauf. Er war ganz zurückgekommen. Die verarmte Wittwe und die unmündigen Kinder sind in traurigster Lage. Seine letzten Lebenstage waren einsam. Die Herren Philister zogen sich von dem verarmten Manne zurück, ‚der immer Alles besser gewußt habe‘. Mir thut er sehr leid und Dir gewiß nicht minder. War mein Pessimismus ihm gegenüber nicht gerechtfertigt?“

Lebe wohl, armer Krawutschke! Es ist Gefahr vorhanden, daß Du nicht der Letzte Deines Stammes bleibst.
Arno Hempel.




Die Aussichten zum ewigen Frieden.
Riesengeschütze alter und neuerer Zeit: Die tolle und die faule Grete, „Palmerston’s Thorheit.“ – Krupp’sche Riesengeschütze. – Das Duell zwischen Panzer und Kanone. – Gußstahl oder Stahlbronze? – Elektrisch verbundene Geschütze. – Mit Wasser gefüllte Bomben. – Fisch-Torpedo’s und eiserne Netze zu ihrem Fange. – Uebertrumpfung des griechischen Feuers und moderne Höllenmaschinen.

Wenn wir mit prüfenden Blicken der Vorgeschichte des Menschen folgen, so sind es vor Allem seine aus Schutt und Gräbern emporgezogenen Waffen, die uns, je nachdem sie aus Knochen, Stein, Bronze oder Eisen gefertigt wurden, als Werthmesser der von ihren ehemaligen Inhabern erreichten Culturstufe dienen, und die sogenannten prähistorischen Museen bieten vorzugsweise Waffensammlungen dar. Auch heute noch, und heute vielleicht mehr als jemals vorher, hält sich stets die bestbewaffnete und damit kriegstüchtigste Macht für die civilisirteste, und fragt man, welcher Gegenstand auf den letzten gemeinsamen Culturabrechnungen der Völker in Paris und Wien mit dem allgemeinsten Respecte betrachtet worden ist, so wird man ehrlicher Weise antworten müssen: die Krupp’sche Riesenkanone. Keine Erfindung, und möge sie das Heil von Millionen verbürgen, findet bei unseren Regierungen zärtlichere Aufnahme, ehrenvollere und reichlichere Belohnung, als diejenige, welche den Sieg im Streite verheißt. Ja, und gilt nicht nach der Meinung unserer vorgeschrittensten Naturforscher der Kampf überhaupt als das vornehmste Culturelement, für das treibende Princip, durch welches sich der Mensch über das Thier erhoben und durch welches sogar unsere höchsten Güter nicht blos vertheidigt, sondern zwangsweise verbreitet zu werden pflegen: Religionen, Civilisationsbestrebungen, Humanität, Freiheit und Friede? Gewiß nicht wenige unter uns theilen die Ueberzeugung Friedrich von Hellwald’s, daß der Männerkampf auf der Erde nie aufhören wird, niemals rasten darf, weil des Krieges Ende Versumpfung und Fäulniß bedeuten würde, aber auch die Andersmeinenden, welche den Kant’schen Traum vom endlichen „ewigen Frieden“ fortträumen, welche behaupten, daß der Kampf schließlich nur noch als geistiger Wettstreit fortdauern dürfe, müssen der riesenhaften Leistungssteigerung der Kriegsmaschinen unserer Zeit, die bereits zu drei Vierteln wissenschaftliche Apparate in den Händen gelehrter Artilleristen geworden sind, mit Theilnahme zuschauen, denn einmal macht die Zerstörungsphilosophie, je mehr sie die Naturkräfte entfesselt und die Entscheidung den physischen Kräften der Kämpfer entringt, die Kriege, so lange sie doch unvermeidlich sind, kürzer, und sodann muß sich jeder in’s Titanische gesteigerte Kampf endlich selbst seine Schranken setzen. Der junge Dumas läßt in einem seiner neueren Dramen – demselben, für dessen Aufführung auf deutschen Bühnen er Elsaß-Lothringen als Entschädigung forderte – einen Waffenerfinder auftreten, der mit einer neuen Monstrewaffe die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu beglücken gedenkt, sofern er durch seine Erfindung die Kriege dermaßen mörderisch zu machen hoffte, daß ein allgemeiner Abscheu alle Menschen in den Schooß einer Friedensliga treiben und so dem Kriege mit seinen eigenen Waffen ein Ende gemacht werden wird.

Dieser nachdenklichen Lehre unserer Culturforscher zufolge wäre also die größte und verdienstvollste Erfindung des Mittelalters keineswegs die Buchdruckerkunst, sondern vielmehr die Erfindung des Schießpulvers, dieser merkwürdigen Mischung von Salpeter, Schwefel und Kohle, welche die königliche Wissenschaft der Chemie auch heute noch nicht von ihrem auf Schädelbergen errichteten Throne absetzen konnte. Der Grund dieser sonderbaren Thatsache liegt darin, daß sich unter all’ den zahllosen und größtentheils viel stärker wirkenden Explosionsstoffen, welche die moderne Wissenschaft entdeckte, auch nicht ein einziger befindet, der so viel Solidität, immer gleiche Wirkung und verhältnißmäßige Harmlosigkeit mit einer so weit steigerbaren Zerstörungskraft vereinigte. Nur für wenige Kriegszwecke, z. B. für die aus der Ferne bedienten Minen und Torpedos, ist das Schießpulver durch stärker wirkende Explosionsstoffe ersetzt worden.

Nicht gar lange, nachdem die Anbeter des Propheten den Ungläubigen im mittleren Europa die Wohlthat des Cultur-Pulvers mitgetheilt hatten, wurde die noch heute die Welt bewegende Frage, welche in Essen und Woolwich, in Petersburg und Wien mit gleicher Spannung erwogen wird, aufgeworfen: durch welche Mittel läßt sich die Fernwirkung des Pulvers zum höchsten Maße steigern? Wahrscheinlich bereits gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts wurde eine Donnerbüchse hergestellt, die „tolle Grete“ von Gent, deren Größenverhältnisse erst von neueren Monstregeschützen überboten worden sind. Sie ist über fünf Meter lang und 16,000 Kilogramm schwer. Die steinerne Kugel, welche sie ausspie, wog 340 Kilo bei einem Durchmesser von 64 Centimetern. Das Rohr ist aus 32 schmiedeeisernen Stäben, die durch 41 aneinandergeschweißte Eisenringe zu einem festen Cylinder vereinigt werden, zusammengesetzt.

Auch aus Bronze goß man im folgenden Jahrhundert ähnliche Riesengeschütze, die sich aber sehr wenig bewährten, wie die ihrer Schwerfälligkeit wegen sogenannte „faule Grete“ von Braunschweig, der man nachrühmt, daß sie niemals Menschenblut vergossen, und jenes Riesengeschütz, welches Muhamed der Zweite zu derselben Zeit (um 1451) in Adrianopel gießen ließ, und welches durch 60 Ochsen nach zweimonatlicher Reise glücklich vor Constantinopel ankam, aber bereits vor Einnahme der

[404]

Schloß Aranjuez. Nach einer photographischen Aufnahme.

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Große Fontaine im Garten-Parterre von Aranjuez.
Nach einer photographischen Aufnahme.

[406] Stadt sprang. Aus dem sechszehnten Jahrhundert wäre die russische Kaiserkanone mit ihrem 90 Centimeter weit gähnenden Rachen, der zu Trier gegossene Greif von fünf Meter Länge und die Colubrine (Feldschlange) von Danzig, welche sieben Meter lang war, zu erwähnen. Die letzteren beiden Geschütze hatten aber, ebenso wie die später in Berlin gegossene colossale Asia, nicht das Caliber der älteren Riesenkanonen, aus denen man auch gelegentlich mit Hackblei, Nägeln, Glasscherben, ungelöschtem Kalk etc. gefüllte Tonnen, ja Fässer mit Unrath und Pestleichen abschoß, um die Festungen zur schleunigen Uebergabe zu zwingen. Vielmehr war man dazu gekommen, die größeren, nunmehr aus Eisen gegossenen und oft mit Pulver gefüllten Bomben, aus kürzeren und weiten Mörsern zu schießen, die lange Zeit in der französischen Armee den Spitznamen des Herrn von Comminges, eines sehr beleibten Officiers, führten, nach welchem sie Ludwig der Vierzehnte bei ihrer ersten Anwendung getauft haben soll. Der Berühmteste unter den Nachkommen derer von Comminges ist ein als Invalide im Arsenale von Woolwich bewahrter Riesenmörser, der, wie die „tolle Grete“, aus Eisenstäben hergestellt, 90,000 Kilogramm wiegt, aber schon nach Entsendung der vierten Bombe, à 1500 Kilo, pensionirt werden mußte und daher wegen seiner unnütz verwendeten bedeutenden Kosten von dem Volkswitze „Palmerston’s Thorheit“ getauft wurde.

Die neueren Riesengeschütze, welche dem Festungskriege, dem Angriffe und der Vertheidigung der Seeküsten gewidmet sind, übertreffen ihre Vorgänger natürlich unendlich, wenn auch nicht an Größe, so doch an Material, Dauerhaftigkeit, Treffsicherheit und Lenksamkeit. Es sind größtentheils Hinterlader mit gezogenen Läufen, deren Bedienung und Handhabung durch allerhand mechanische Vorrichtungen so erleichtert wird, daß z. B das große Krupp’sche Geschütz der Wiener Weltausstellung von einer einzigen Person gerichtet und geladen werden kann, obwohl das Rohr 6,7 Meter lang und 36,000 Kilogramm schwer ist, während die zuckerhutförmige Bombe gegen sechs Centner wiegt. Das Schießpulver, mit welchem diese Eisenlasten fortgeschossen werden, würde schwerlich von einem Uneingeweihten als Schießpulver anerkannt werden, denn die Körner desselben stellen, damit es langsamer und doch wieder nicht zu langsam abbrennt, zollhohe sechsseitige Säulchen, die mit feinen Röhren durchbohrt sind, dar, von denen 1424 Stück, aneinandergesetzt wie die Bienenzellen in einer Honigwabe, die ellenlange Patrone bilden. Der Schuß ist mit Einschluß der Bombe nicht unter fünfhundert Mark herzustellen, ein sehr kostspieliges Vergnügen, neben welchem die Redensart „nicht einen Schuß Pulver werth sein“ wesentlich an ihrer Bedeutung einbüßt.

Ein solches Geschütz ist im Uebrigen ein wahrer Triumph der rechnenden Künste, ein höchst gelehrtes und wohlüberlegtes Exemplar der berühmten ultima ratio, bei welchem alle Elementargeister zu Hülfe gerufen sind, um die fünfhundert Mark wohl anzuwenden. Der elektrische Strom wird angestellt, die Zeit zu messen, welche der Zuckerhut braucht, um von der Pulverkammer die Mündung zu erreichen, die Anfangsgeschwindigkeit, mit welcher das Geschoß wirbelnd den Lauf verläßt, höchst subtile Rechnungen, um den Bogen zu bestimmen, welchen die sechs Centner in der Luft beschreiben, und die Kraft, mit der sie auf Mauern und Panzer prallen. Mechanische oder hydraulische Vorrichtungen besorgen meist die ganze Handhabung, und der Kolben einer Oelkammer, die sich nur durch feine Oeffnungen entleeren kann, empfängt wie ein höchst elastisches Polster den nicht eben sanften Fußtritt, mit welchem sich die sechs Centner in die Luft schwingen und von dannen trollen.

Solcher Großmäuligkeit konnte nur mit Dickfelligkeit begegnet werden, und im nordamerikanischen Bürgerkriege bereits hielten es die Kriegsschiffe für nothwendig, wie die Richter des Mittelalters, ein Panzerhemd anzulegen. Damit kam die kostspielige Frage auf’s Tapet, wie viel Schichten Eisenblech man auf einander schweißen müsse, um dem Anprall der modernen Culturgrüße mit Ruhe entgegensehen zu können. Man versuchte es nach einander mit zehnzölligen, zwölfzölligen, vierzehnzölligen Platten, um sie nach einander mit entsprechend verstärkten Geschützen durchzuschlagen und in Fetzen zu zerreißen. Dem Krupp’schen Sechshundertpfünder folgte ein Tausendpfünder, und dieser ist vor einigen Monaten in Woolwich durch die Fertigstellung der Einundachtzig-Tonnen-Kanone überboten worden, deren Lauf acht Meter lang ist und deren Geschoß von sechshundertfünfundzwanzig Kilogramm Schwere nahezu zwei Centner Pulver für jeden Knall erfordert. Natürlich müssen nun die Panzer wieder um eine ganze Anzahl Eisenschichten dicker gemacht werden, und so geht die gegenseitige Schrauberei zwischen Kanone und Panzer weiter, bis das Kriegsboot wie das Staatsschiff die ungeheuren Lasten nicht mehr tragen kann, in seinen Bewegungen schwerfällig wird und bei der nächsten Gelegenheit untergeht, wie bereits mehrere englische Panzerboote gethan haben. Natürlich ist England bei dieser Panzerei am meisten engagirt, und in den Sheffielder Schmiedewerkstätten soll man eben mit zweiundzwanzig Zoll starken Panzern fertig geworden sein.

In dieses unabsehbare Panzer- und Kanonen-Duell fällt wie ein Lichtstrahl die Nachricht vom Dülmener Schießplatze, daß man dort durch genau gleichzeitige Abfeuerung mehrerer kleinerer auf dasselbe Ziel gerichteter Geschütze, welche der elektrische Strom bewirkt, denselben Zerstörungseffect erreicht hat, wie mit einzeln abgefeuerten Riesengeschützen. Man warf da zum Beispiel zwölf Centner Eisen mit einem Schlage auf einen mächtigen Schiffspanzer aus zweihundert Meter Entfernung, indem man vier Centner Pulver in vier Rohren wirken ließ, und siehe da, der vierundzwanzig Zoll dicke Panzer aus Schmiedeeisen und Teakholz, den man da zum Spaß für 150,000 Mark hingestellt hatte, war vollkommen zerfetzt. Damit wäre dann vielleicht vor der Hand dem Kanonenwachsthum ein Ziel gesetzt und die Panzerei, welche die Schiffe zuletzt unfähig macht, zu manövriren, so daß sie wie ihre Kanonenthürme nur noch durch complicirte hydraulische Maschinen bewegt werden können, als Thorheit erwiesen, wozu sich dann insbesondere die Steuerzahler Glück wünschen könnten. Denn solche Panzerboote kosten Millionen und die Riesengeschütze abermals Millionen, sintemalen mehrere Tausend Tiegel Gußstahl, jeder zu einem halben Centner Inhalt, erforderlich sind, um jene unersättlichen Schlünde zu umgießen, welche den Reichthum der Cultur-Länder aufzehren und vernichten.

Aber auch die Frage, ob kostbarer Gußstahl oder Bronze das geeignetere Material sei, ist wiederum zu einer Staats-Lebensfrage geworden, seit man der Bronze durch Zumischung einer ganz kleinen Menge Phosphor (dem Bruchteile eines Procentes), durch nachheriges Walzen oder Pressen eine Zähigkeit mitzutheilen gelernt hat, welche nach Behauptung österreichischer Artilleristen fast dreimal so groß ist, wie die des besten Gußstahls. Die Uchatius-Kanonen, zu denen, wie die Zeitungen sagen, ein deutscher oder belgischer Chemiker das Material, ein französischer Techniker die Bearbeitungsweise und Krupp das Modell geliefert haben, werden durch Erweiterung der gebohrten Bronzerohre durch eingepreßtes Wasser, womit man bekanntlich einen ungeheuren Druck ausüben kann, hergestellt. Die Laufwandung erwirbt dabei die größtmöglichste Elasticität und soll dem Springen viel weniger ausgesetzt sein, als der sprödere Gußstahl, wie denn diese Geschütze dem Wetter widerstehen und natürlich niemals Gefahr laufen, „altes Eisen“ zu werden. Die Engländer scheinen immer noch mit gewöhnlicher Bronze und Schmiedeeisen auszukommen, indem sie die Läufe aus mehreren Metalllagen zusammensetzen und die Festigkeit des Gefüges, umgekehrt wie die Oesterreicher, die von innen ausweiten, durch glühend aufgezogene Ringe, welche sich beim Erkalten zusammenziehen, zu erreichen wissen.

Während die meisten militärischen Verbesserungen dem Staate sehr theuer zu stehen kommen, weil sie in der Regel zu einer Umwälzung im gesammten Bewaffnungswesen führen, ist wenigstens eine Entdeckung auf artilleristischem Gebiete als billig zu preisen, diejenige Abel’s nämlich, daß die beste Füllung für Bomben und Granaten reines Brunnenwasser ist. Seine Wasserbomben, die sich bei den im vorigen Jahre in England angestellten Schießversuchen als außerordentlich wirksam erwiesen haben, enthalten nämlich in einer abgeschlossenen Kammer nur eine geringe Menge Explosionsmasse, gewöhnlich Schießbaumwolle. Ihre Wirksamkeit beruht auf der geringen Zusammendrückbarkeit des den übrigen Raum ausfüllenden Wassers und der Gleichmäßigkeit, mit welcher es die Erschütterung nach allen Richtungen fortpflanzt. Die gußeiserne Bombe wird dadurch in eine viel größere Anzahl von Stücken zersprengt, als durch die [407] gewöhnliche viel stärkere Ladung, wodurch natürlich ihre verderbliche Wirksamkeit erhöht wird. Während eine gewöhnliche Sechszehn-Pfünder-Bombe, mit sechszehn Unzen Schießpulver gefüllt, in neunundzwanzig Bruchstücke zerplatzte, gab eine Wasserbombe gleicher Größe und Construction mit einer Viertelunze Schießwolle einhunderteinundzwanzig, mit einer Unze dreihundert Bruchstücke, wobei mehrere Pfund Eisen buchstäblich gepulvert wurden. Dabei ist eine etwaige Durchnässung der Schießwolle ungefährlich, da sie, wenn nur der Zünder in Ordnung bleibt, nach den Erfahrungen desselben Sprengtechnikers, naß eben so kräftig explodirt, wie trocken.

Bomben werfende Kanonen, mögen sie nun aus Eisen, Stahl oder Bronze bestehen, sind, alten tapferen Haudegen vergleichbar, doch immer offene, ehrliche Polterer, denen man nur begegnet, wenn man ihnen eben begegnen und Stand halten will. Aber leider wird der moderne Krieg auch alle Tage heimtückischer, und selbst das Herz eines sich vierundzwanzig Zoll dick umpanzert wissenden Schiffscapitains mag hörbar pochen, wenn er an die in der Tiefe möglicherweise lauernden oder anrückenden Torpedo’s denkt, gegen die ihn sein Panzer sehr wenig schützen würde. Früher verankerte man dieselben in der Tiefe der zu sichernden Küstengewässer und Flußmündungen und zündete sie, falls sie nicht auf Berührungs-Explosion eingerichtet waren, durch den elektrischen Funken von einer Uferwarte aus an, sobald das feindliche Schiff in einem Camera obscura- Bilde die Stelle kreuzte, wo sie lagen. Wenigstens das Meer, die Wahlstatt einer Seeschlacht, war frei von solchen heimtückischen Fußangeln. Aber jetzt fängt man an, die Torpedo’s lebendig zu machen, damit sie sich wie Raubfische auf ihre Beute stürzen und beim Zusammenprallen explodiren sollen. Halbe Meilen weit hat man im Seehafen von Fiume die in Fischform aus Stahlplatten gefertigten, mit Schießwolle und anderem Teufelszeuge ausgestopften Torpedo’s unter dem Wasser auf ihre Opfer geschleudert und geschossen; man giebt ihnen einen Betriebsfond in Form comprimirter Luft mit auf den Weg, damit sie nicht unterwegs ermatten, ja man lenkt sie wohl sogar aus der Ferne durch zwei Drähte, in denen ein elektrischer Strom bald in der einen, bald in der andern Richtung circulirt, damit sie ja ihre Ziele nicht verfehlen können. Alles das sind bisher friedliche Versuche, aber welches Schauspiel wird die Seeschlacht dereinst bieten, wenn alle diese Teufelskünste im Ernste mitwirken?

Die Gepanzerten sind in diesem vorläufig nur in der Phantasie ausgeführten Wettkampfe den neuen Angreifern gegenüber auf ein allerdings nahe liegendes Mittel verfallen. Fische muß man in Netzen fangen, haben sie sich gesagt, und warum sollte man nicht das ganze Schiff in neun bis zehn Metern Entfernung mit einem von eisernen Stangen getragenen Gitterdrahtwerke umgeben, um den unsichtbaren Angreifer durch eine unsichtbare Mauer, welche die Bewegungen des Schiffes wenig hindern würde, in respectabler Entfernung zu halten? Man rechnet in England so bestimmt auf die ausreichende Schutzkraft solcher Drahtschleier, daß man das vor vier Jahren mit einem Aufwande von Millionen gebaute Panzerschiff „Devastation“ demnächst mit solchen Außenwerken allen möglichen Torpedo-Angriffen aussetzen will. Das Kriegsschiff wird dadurch einer schwimmenden Festung mit Wall und Graben immer ähnlicher, und der Ausschlag des Kampfes wird immer mehr von sinnreichen Constructionen und wissenschaftlicher Ueberlegenheit abhängig gemacht.

Der eigentliche Schrecken der älteren Seeschlachten, das Inbrandgeschossenwerden der Schiffe, scheint bei der allgemeinen Metallumkleidung derselben nicht mehr in demselben Maße gefürchtet zu werden wie ehemals. Das ist ein Glück, denn die moderne Chemie hat den Kämpfern zur Füllung der Brandbomben Mischungen zur Verfügung gestellt, gegen welche das ehemals im Heere der Kreuzfahrer Entsetzen verbreitende griechische Feuer harmlos genannt werden müßte. Diese Mischungen von Petroleum und anderen Kohlenwasserstoffverbindungen haben die Eigenschaft, nicht nur im Wasser nicht gelöscht zu werden, sondern sich vermöge einer Beimischung von Kaliummetall oder Phosphorkalium im Wasser sogar von selbst zu entzünden und die Wasserfläche rings in ein Flammenmeer zu verwandeln. Andere Mischungen entzünden sich von selbst, wenn sie auf Holzwerk, Leinwand, Tauwerk spritzen, kurz, die moderne Zerstörungskunst ist nicht verlegen um Hülfsmittel. Kaum lohnt es sich, neben diesen „herrlichen Culturwerkzeugen“ der neuen Mitrailleusen zu gedenken, deren eine, die schwedischer Herkunft ist und kürzlich vor dem Herzoge von Edinburgh probirt wurde, in zwei Minuten achthundert Kugeln abgeben konnte und eine Scheibe in einer Entfernung von siebenhundertfünfzig Schritten zu einem Siebe durchlöcherte. Der geneigte Leser ersieht, daß die Aussichten zum ewigen Frieden, wenn Dumas’ Schlußfolgerung richtig ist, günstiger sind als jemals.




Blätter und Blüthen.


Die schädliche Einwirkung der Gasbeleuchtung auf die Zimmerblumen und der Schutz dagegen. Der in einer Zuschrift von schöner Hand aus Prag dem Verfasser des Artikels über Zimmerblumen in Nr. 10 der „Gartenlaube“ gemachte Vorwurf, daß in demselben nichts von dem schädlichen Einflusse des Leuchtgases und den Mitteln dagegen gesagt sei, ist allerdings begründet. Der Verfasser giebt aber dagegen zu bedenken, daß ein Journalartikel nicht Alles enthalten könne, was wünschenswerth. Wurde doch schon in Nr. 17 des vorigen Gartenlauben-Jahrganges in dem Einleitungs-Artikel über Zimmerblumenzucht erklärt, daß Ausführliches nicht gegeben werden könne und auf Fachzeitschriften, namentlich aber auf des Verfassers Buch „Zimmer- und Hausgärtnerei“ etc. (zweite Auflage 1875) verwiesen werden müsse. Der Gegenstand ist indessen für Blumenfreunde so wichtig, daß die Redaction einen weiteren kleinen Artikel über Nachtheile und Schutz bei Gasbeleuchtung gestattet hat. Da der Verfasser selbst in dieser Frage wenig Erfahrung machen konnte, so bezieht er sich besonders auf die Mittheilung eines vollendeten Zimmerblumenzüchters, seines leider verstorbenen Freundes, Professor Schleicher in Jena, des berühmten Sprachforschers und Indogermanisten.

Die Schädlichkeit des Leuchtgases für die Pflanzenwesen ist jetzt eine stehende Frage; in Bezug auf die Wurzeln sprechen aber ebenso viele Erfahrungen gegen die vermuthete Schädlichkeit wie für dieselbe, und wenn in einer Stadt die Bäume der Promenaden dicht neben Gasröhren absterben, während sie unter andern gleich ungünstigen Verhältnissen gut gedeihen, so muß ersteres wohl andere Ursachen haben. Ueber die Schädlichkeit des Leuchtgases für Zimmerpflanzen waltet jedoch nicht der mindeste Zweifel ob.

Die hiergegen mit Aussicht auf Erfolg zu ergreifenden Maßregeln bestehen nun darin, daß man Vorrichtungen anbringt, welche einerseits das Ausströmen des Gases vermindern, andererseits die Pflanzen durch Abschluß schützen. Das Gas dringt nicht nur durch die Flamme, sondern auch durch undichte Röhren und Hähne zum Theil unverbrannt in das Zimmer. Bei der Leichtfertigkeit, mit welcher Röhren und Hähne oft gearbeitet und aufgestellt werden, um sie billig zu liefern, ist der Verschluß häufig nicht dicht. Die Röhren haben unbemerkbare kleine Oeffnungen; die Hähne sind nicht luftdicht. Wer daher eine Wohnung mit Gas einrichten läßt, lasse vorher alle Röhren mehrmals mit Oelfarbe oder einem anderen deckenden Stoffe anstreichen und die Hähne nachschleifen, sowie genau nachsehen, ob ein Riß darin ist. Hat man hierin das Mögliche gethan, so scheue man die Mühe nicht, nach dem Schließen der Hähne selbst nachzusehen, ob sie wirklich ganz geschlossen sind. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß eine solche Vorsicht sowohl im Interesse der Menschen geboten ist, wie auch in dem der Pflanzen.

Es giebt viele Pflanzen, welche durchaus kein Gas zu vertragen scheinen und selbst unter Glasverschluß vertrocknete Blattränder zeigen. Dahin gehören vor allem die beliebten großblätterigen Schiefblätter (Begonia), unter denen aber wieder einige mit glatten Blättern weniger empfindlich sind. Epheu und Kaffeebaum leiden immer vom Gas und sind wegen ihrer Größe kaum zu schützen. Der beliebte Gummibaum leidet meistens, hält sich aber hier und da ganz gesund, ein Beweis dafür, daß manche Gaseinrichtungen weniger Gas ausströmen und daß mancher Standort größere Sicherheit gewähren kann. Palmen und Drachenpalmen (Dracänen) leiden selten vom Gas, ebenso die schöne Aspidistra (Plectogyne). Von Ampelpflanzen vertragen nur Sedum spathulatum und die grüne Tradescantia Gas. Cactus, Aloe, Yucca und ähnliche harte Pflanzen scheinen keinen Nachtheil dadurch zu erleiden. Man muß es mit vielen Pflanzen versuchen, weil die Gärtner und daher auch die Gartenbücher wenig davon wissen, beginnen aber muß man damit im Herbst, wenn noch weniger Gas gebrannt wird, damit der ohnedies nachtheilige Wechsel von Treibhaus- und Wohnzimmerluft nicht gar zu schroff ist. Es besteht natürlich in Bezug auf die Blumenpflege ein großer Unterschied zwischen Räumen, in denen jeden Abend bis tief in die Nacht hinein Gas gebrannt wird, und solchen, wo es nicht regelmäßig geschieht; in letzterem Falle ist der Nachtheil gering.

Als Schutzmittel gegen das Gasbrennen – denn nicht nur der Geruch, sondern auch die trockene Hitze schadet – empfiehlt sich zunächst ein Verhängen der Blumentische und der einzelnen großen Pflanzen mit einem leichten, dichten Stoffe, bevor das Gas angezündet wird. Beiläufig bemerke ich, daß man diese Umhüllung früh so lange beibehält, bis nach dem Reinigen und Lüften das Zimmer wieder durchwärmt ist. Am Blumentische läßt sich zuweilen eine Vorrichtung mit einer Eisenstange zum Halten der Schleier anbringen. In meinem 1871 erschienenen „Frauengarten“ befindet sich auf Seite 121 die Abbildung eines solchen verschleierten Blumentisches. Für kleine Blumen giebt das erweiterte Doppelfenster hinlänglich Schutz. Im Zimmer selbst gewährt der mit Glas bedeckte [408]

Blumentisch (Zimmerglashäuschen) neben Schutz gegen Gas und Staub noch viele andere Vortheile. Für größere Pflanzen richtet man Behälter nach Art der Glasschränke ein und kann daran mit Leichtigkeit einen Springbrunnen und mit Moos bewachsene Tuffsteinfelsen anbringen. Die Beschreibung solcher Vorrichtungen würde hier zu weit führen und ohne gute Abbildungen doch kein deutliches Bild geben. Man findet sie in meinen genannten beiden Büchern in verschiedenen Formen, sowie in anderen, einen gleichen Zweck verfolgenden Schriften. Endlich bemerke ich noch, daß das Bespritzen der Pflanzen auch die Nachtheile des Gasbrennens für dieselben vermindert und daher jeden Abend vor Dunkelwerden vorgenommen werden sollte.
H. Jäger.

Eierconserven. Während des Krieges in den Jahren 1870 und 1871 war es eine Ehrenpflicht der deutschen Nation, den im Felde befindlichen Truppen eine ausreichende Verpflegung zu verschaffen. Es ist daher auf diesem Gebiete viel geleistet und manches Neue zur Verwendung gekommen, wozu die stets im Fortschreiten begriffene Technik und die modernen Forschungen der Wissenschaft ebenfalls das Ihrige beigetragen haben. Trotzdem soll die Verpflegung der im Gefecht stehenden, oder der nach demselben in unmittelbarer Nähe des Feindes befindlichen Truppen noch sehr der Verbesserung fähig sein. Dies hat unter Anderem darin seinen Grund, daß der Genuß des frischgeschlachteten Fleisches der Gesundheit nicht zuträglich ist, und der Transport desselben nur in der kälteren Jahreszeit ohne Verwesung des Fleisches möglich ist. Auch sollen die mitgenommenen Ersatzmittel nicht vollständig ihre Aufgabe erfüllt haben. Dies veranlaßte einen Officier der baierischen Armee, sich mit der Darstellung eines kräftigen, leicht transportablen und haltbaren Nahrungsmittels zu beschäftigen, das in den äußersten Fällen den Truppen als gutes, naturgemäßes Verpflegungsmittel dienen konnte.

Die verschiedenartigsten Versuche in dieser Richtung führten endlich zur Verfertigung der Eierconserven. Es liegt auf der Hand, daß diese in jüngster Zeit gemachte Entdeckung neben ihrer ursprünglichen speciellen Bestimmung auch auf anderen Gebieten eine vielseitige und ausgedehnte Verwendung finden kann, vorzugsweise da, wo rohe Eier entweder nicht zu beschaffen sind, oder nur zu einem verhältnißmäßig hohen Preise. Die Fabrik dieses neuen Consumartikels befindet sich in Passau unter Leitung des Herrn von Effner. Dreierlei Arten Conserven werden von dort auf den Markt gebracht: Conserve Nr. 1 enthält die Bestandtheile des ganzen Hühnereis, Conserve Nr. 2 die des Eigelbs, Conserve Nr. 3 jene des Eiweißes. – Die erste Art bildet ein weißgelbes, die zweite ein intensiv gelbes und die dritte ein schwachgelbes, glasartiges Pulver. Es mögen hier einige Vorzüge der Eierconserven Erwähnung finden.

In gut geschlossenen Behältern, vor dem Einflusse der feuchten Luft geschützt, können sie ohne Zersetzung aufbewahrt werden. Sie besitzen eine erhebliche Widerstandsfähigkeit gegen die Einwirkungen der Temperatur, insbesondere ist ein Gefrieren derselben unmöglich. Im Verhältnisse zu rohen Eiern nehmen sie einen geringen Raum bei der Aufbewahrung in Anspruch. Werden z. B. sechshundert Eier zur Conservirung nach der bisher üblichen Weise in Kalk gelegt, so würde dazu ein Faß erforderlich sein, das im Stande ist, dreitausendsechshundert Eier als Conserve aufzunehmen. Diese Ersparniß an Raum ist für die Verproviantirung von Schiffen, Festungen etc. gewiß beachtenswerth.

Während der Wintervorrath einer kleinen Haushaltung, den wir zu dreihundertsechszig Stück Eiern annehmen wollen, einen nicht unbedeutenden Raum in der Vorrathskammer beansprucht, würde eine Blechdose, die etwa sechs Pfund Kaffee aufnehmen kann, den erwähnten Vorrath in Form von Conserve bequem beherbergen können. Ein anderer Vorzug, nämlich die große Transportfähigkeit der Eierconserven, ist von vornherein einleuchtend. Ein Eisenbahnwaggon, der nach der bisher gebräuchlichen Transportweise in sechszig Kisten dreiundneunzigtausendsechshundert Stück in Stroh verpackte rohe Eier zu fassen vermag, ist im Stande, eine Million zweihunderttausend Stück Eier in trockenem Zustande aufzunehmen, wodurch eine große Ersparung an Transportkosten erzielt wird.

Bei Benutzung der Post gestaltet sich das Verhältniß in Bezug auf die Porto-Auslagen des Empfängers noch günstiger; so kosten sechs Sendungen von je fünf Kilo Conserve, die zusammen ein Quantum von dreitausendsechshundert Eiern repräsentiren, auf hundertfünfzig Meilen nur drei Mark Porto, während bei derselben Entfernung die gleiche Menge an rohen Eiern, mit der Eisenbahn per Eilgut befördert, achtundvierzig Mark kosten würde.

Der Chemiker H. Vohl hat kürzlich in den Berichten der „Deutschen chemischen Gesellschaft“ zu Berlin die quantitative Analyse der Effner’schen Conserven veröffentlicht, wodurch die vollständige Abwesenheit aller fremden Beimischungen in denselben erwiesen wurde. Diese Angabe kann ich bestätigen; denn bei der von mir angestellten Untersuchung der drei verschiedenen von Passau bezogenen Conserven ergab sich das Resultat, daß sie gänzlich frei waren von fremden Bestandtheilen und nur die normalen Stoffe des Hühnereies enthielten. Bei der praktischen Anwendung im Haushalte, worauf ich die verschiedenen Arten der Eierconserven außerdem prüfen ließ, zeigte es sich, daß sie, in Bezug auf die Wirkung und den Geschmack, als Zuthat zu gebackenen und gekochten Speisen, das rohe Ei vollkommen ersetzen können.

Nach meinem Dafürhalten hängt die Anwendung der Eierconserven in den Haushaltungen lediglich vom Preise ab; können unsere Hausfrauen dieselben zu einem mäßigeren Preise erhalten, als zum zeitigen Eierpreise, so werden die Conserven Eingang finden, im anderen Falle nicht. In den Monaten, wo die rohen Eier theuer sind, dürften sie ohne Zweifel in großen Städten mit Vortheil zu verwenden sein.

Natürlich ist die Einführung eines neuen Artikels zur Bereitung von Speisen immer mit Schwierigkeiten verknüpft, da erst manches Vorurtheil zu besiegen ist, bevor sich die Sachverständigen der edelen Kochkunst herbeilassen, ihre alten Gewohnheiten zu beseitigen, um sich einer neu erfundenen Zuthat zu bedienen, die in den liebgewonnenen Speiserecepten eine Aenderung hervorruft.

Außer der Verwendung im Haushalte werden die Eierconserven als Nahrungsmittel unter Anderem noch zu folgenden Zwecken zu verwerthen sein: als Proviant auf Kriegs- und Handelsschiffen, zu Expeditionen, in Feldspitälern, für Jäger und Gebirgsbewohner, für Touristen, zur Verproviantirung der Festungen und als eiserner Bestand des Feldsoldaten, vorzugsweise der berittenen Waffen. Dann zu einer Reihe gewerblicher Zwecke, von denen ich nur einige anführen will: in den Färbereien, Kattunfabriken und in photographischen Ateliers.

Bei der vielseitigen Verwendbarkeit der Eierconserven ist es wohl zu erwarten, daß demnächst dieser neue Consumartikel sowohl als Nahrungsmittel wie auch auf gewerblichem Gebiete einen unverkennbaren Nutzen stiften wird. Vornehmlich in Betreff der erstgenannten Art der Verwendbarkeit wird es vom volkswirthschaftlichen Standpunkte aus als ein Fortschritt zu betrachten sein, wenn die Eierconserven auch zur Nahrungsversorgung großer Städte einen wesentlichen Beitrag liefern, um durch Herbeiführung eines günstigeren Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage die zeitweilige Theuerung eines für die Ernährung des menschlichen Organismus so bedeutenden Nährmittels zu verringern.
Dr. Julius Erdmann.

Der Einfluß des Denkens auf den Puls. Alte Schriftsteller erzählen bewundernd von dem Arzte Erasistratus, daß er die tiefverschwiegene Ursache der zehrenden Krankheit des jungen Antiochus lediglich an der Aufregung seines Pulses erkannt habe, als die Königin Stratonice, des Prinzen schöne Stiefmutter, plötzlich in’s Krankenzimmer getreten sei. Aber dabei ist am Ende so gar besonderer Scharfblick nicht nöthig gewesen, denn wir Alle wissen ja, wie mächtig die Seelenregungen und Leidenschaften den Puls beeinflussen. In unserer Zeit, wo man die Blutwelle und den Herzschlag mit allen ihren Eigenheiten, Unterbrechungen, Unregelmäßigkeiten, Zuspitzungen der Wellenberge etc. photographirt und so den Augen sichtbar macht, will das wenig bedeuten; hat man doch Apparate ersonnen, die aus der Stärke der Blutwelle im Arme sofort erkennen lassen, ob eine Person, die während des Versuches eintritt, uns völlig oder nicht völlig gleichgültig ist, ob schwere oder leichte Gedanken vor der Seele vorüberziehen, ob ein Schlafender träumt oder nicht etc. Prof. Fick in Würzburg dürfte der Erste gewesen sein, welcher (1869) einen Apparat herstellte, um die Anschwellung der Blutgefäße im Arme oder in anderen Körpertheilen genau zu messen. Sein Verfahren bestand einfach darin, daß er den Arm oder Fuß wasserdicht in einem völlig mit Wasser gefüllten Gefäße, vor dem sich eine enge gläserne Maßröhre abzweigt, abschloß. Sobald die Blutgefäße im Arme sich stärker füllen und ihn anschwellen, wird eine entsprechende Wassermenge aus dem Gefäße in die gradweise eingetheilte, enge Maßröhre getrieben und giebt sich dort durch gleichmäßiges Steigen zu erkennen.

Mit einem solchen Volumeter, welches vermittelst eines Schwimmers die rhythmischen Niveauschwankungen auch auf einer rotirenden Trommel aufzuzeichnen vermag und welches neuerdings von A. Mosso in Turin mit einer kleinen Abänderung der Aufzeichnungsmethode als Plethysmograph beschrieben worden ist, läßt sich nun leicht zeigen, daß der Eintritt eines Bekannten oder Freundes die Blutwelle, ohne daß wir es mit dem Daumen an der Pulsader fühlen würden, merklich beeinflußt, sodaß man die Freundschaft und das Interesse, welches uns eine bestimmte Person einflößt, nach ihrem Umfange direct messen kann. Aber noch mehr, wenn wir den Geist unseres Versuchsmenschen beschäftigen, sehen wir die Blutmenge in seinem Arme sofort abnehmen, weil das Blut nunmehr dem in Thätigkeit gesetzten Denkorgane lebhafter zuströmt, und wenn wir ihm ein philosophisches Buch, ein Räthsel oder eine Rechnungsaufgabe geben, werden wir ein um so auffallenderes Sinken des Seelenbarometers wahrnehmen, je schwieriger die gestellten Aufgaben und je mehr der Denker darüber „schwitzen“ muß. Das Gehirn arbeitet und braucht dann viel Blut auf seine Mühle, welches den anderen Körpertheilen entzogen werden muß, die sich dafür im Schlafe schadlos halten, es aber nicht allezeit willig hergeben, z. B. während der Verdauung, woher es kommt, daß man mit vollem Magen so ungern studirt. Mit dem Augenblicke, wo das Buch weggelegt, die Lösung des Räthsels oder das Facit des Exempels ausgesprochen wird, steigt auch die Wassersäule wieder, da die Nerven des Gehirns ebenso schnell den Bedarf abbestellen, wie sie ihn fordern.

Reichen wir jetzt dem von der geistigen Arbeit ermatteten Versuchsmenschen ein Schlafmittel, so werden wir, sobald die Wirkung eingetreten, das Seelenbarometer seinen höchsten Standpunkt gewinnen sehen, das Gehirn, welches im wachen Zustande sehr viel Blut anzieht, begnügt sich jetzt mit ganz wenig, um alles den Gliedern zu ihrer Stärkung zukommen zu lassen. Gelingt es uns aber, durch den immer offenen Gehörscanal, zum Beispiel mit Hülfe eines charakteristischen Geräusches, einen Traum einzuschmuggeln, so werden wir an dem Sinken der Wassersäule wahrnehmen, daß das Gehirn wiederum, wenn auch nur mit halben Kräften, arbeitet. So hat man hier in der That eine Art Seelenbarometer, wie es Hogarth auf seinem drastischen Bilde der Methodistengemeinde darstellte, viel empfindlicher, als jene kleinen Weingeistthermometer, die man sonst zum Scherz von jungen Leuten in der Hohlhand halten ließ, um zu sehen, „wie heiß ihre Liebe sei“.
C. St.

Nachtrag. Zu unserer Abbildung „Moltke im Vortragszimmer des Generalstabsgebäudes“ (Nr. 14) haben wir nachzutragen, daß das Bild nach einer Photographie aus dem Atelier des Herrn H. Schnaebeli in Berlin auf Holz übertragen worden ist.


Der Curwy-Bittsteller, auf dessen Veranlassung wir die Notiz in Nr. 19 unseres Blattes veröffentlichten, wird gebeten, uns seine genaue Adresse anzugeben.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.