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Die Gartenlaube (1874)/Heft 36

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 36.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


Im Opernhause donnerte der Beifallssturm, und der Vorhang hatte sich noch nicht einmal gehoben. Es galt der Ouverture, deren letzte Töne soeben verhallten. Das Theater war überfüllt in all’ seinen Plätzen mit alleiniger Ausnahme einer der kleinen Prosceniumslogen zunächst der Bühne; dort befand sich nur ein einziger älterer Herr, vermuthlich irgend ein reicher Sonderling, dem es Vergnügen machte, den Alleinbesitz einer Loge an solchem Abende mit Gold aufzuwiegen, denn anders würde er schwerlich dazu gelangt sein. Im Uebrigen boten die blendend erhellten Räume und die Logenreihen mit ihrem reichen Damenflore ein glänzendes und vielgestaltiges Bild dar. Die Künstlerwelt wie die Aristokratie war vollständig vertreten. Alles, was die Stadt nur an Schönheiten, Berühmtheiten und Personen von Stand aufzuweisen hatte, war erschienen, um dem gefeierten Lieblinge der Gesellschaft einen erneuten Triumph zu bereiten, denn nur um einen solchen handelte es sich. Hier gab kein junger Künstler zaghaft sein Werk dem Beifalle oder dem Mißfallen des Publicums preis; eine anerkannte und unbestrittene Größe im Reiche der Musik trat mit einer neuen Offenbarung ihres Talents vor die Welt hin, um damit einen neuen Sieg zu erringen. Diese Gewißheit lag sehr deutlich, wenn auch in ziemlich mißgünstiger Form, auf dem Gesichte des Maestro Gianelli ausgeprägt, der das Orchester leitete. Gleichwohl wagte er nicht, es an Eifer oder Aufmerksamkeit fehlen zu lassen. Er wußte zu gut, daß, wenn er versuchte, hier, wo doch immerhin ein Theil des Gelingens in seine Hand gelegt war, gegen den allmächtigen Rinaldo zu intriguiren, dies ihn seine Stellung, vielleicht seine ganze Zukunft kosten konnte, denn die Ungnade des Publicums war ihm in diesem Falle gewiß. So that er denn im vollsten Maße seine Schuldigkeit, und die Ouverture ging in vorzüglicher Ausführung zu Ende.

Der Vorhang rauschte auf, und man huldigte bereits im Voraus dem Componisten durch ein erwartungsvolles Stillschweigen. Noch war der erste Act nicht zur Hälfte vorüber – und es war nicht Einer unter den Zuhörern, der Rinaldo nicht bereits die Tyrannei verziehen, mit der dieser über alle ihm zu Gebote stehenden Mittel verfügt und rücksichtslos seinen Ansichten Geltung verschafft hatte. Die Darstellung war eine in jeder Hinsicht vollendete, die Scenirung eine meisterhafte. Man fühlte es, daß eine andere Hand als die des gewöhnlichen Regisseurs hier gewaltet und den bloßen Theatereffect überall zu künstlerischer Schönheit veredelt hatte; aber all’ diese äußerlichen Vorzüge verschwanden vor der Gewalt, mit der das Werk an sich zu fesseln wußte.

Es war vielleicht das Vollendetste, was Rinaldo in der ihm nun einmal eigenthümlichen Richtung je geschaffen hatte, einer Richtung, die von so Vielen bewundert und vergöttert und von so Manchem beklagt ward. Jedenfalls hatte er diesmal das Höchste geleistet auf jener Bahn, auf die ihn der Einfluß Beatricens gerissen; ob es das Höchste war, was er überhaupt leisten konnte – diese Frage ging vorläufig noch unter in dem jubelnden Beifalle, mit dem das Publicum diese neue Schöpfung seines Lieblings begrüßte. War es doch auch hier wieder Rinaldo mit dem ganzen Feuergeiste seines Genies, von dem man nie recht wußte, ob es droben auf der Höhe des Ideals oder drunten in der Tiefe der Leidenschaft heimisch war, und der wieder alle Empfindungen des Menschenherzens aufwühlte, die zwischen diesen beiden Polen lagen.

Der Sturm brauste über die nordischen Haiden hin, und die Brandung donnerte gegen die Küste. Wie die Nebel an den Uferhöhen hinziehen, so wogten und wallten die Töne chaotisch durcheinander, bis endlich aus ihnen eine traumhaft schöne Melodie emportauchte. Aber sie schwebte nur wie ein flüchtiges Nebelbild über dem Ganzen, nie vollendet, nie klar und voll austönend, und bald genug ging sie unter in anderen Klängen, die, nicht so rein und süß wie jene, doch mit fremdartig seltsamem Reize zu fesseln wußten. Die Nebel zerrissen, und aus ihnen hervor trat die dämonisch schöne Gestalt, welche die Hauptträgerin und der Mittelpunkt der ganzen Oper war. Ein lauter Beifall begrüßte das Erscheinen Signora Biancona’s auf der Bühne. Beatrice zeigte es heute, daß sie noch schön zu sein verstand, so schön, wie nur jemals im Beginne ihrer Laufbahn. Was die Kunst vielleicht dazu gethan hatte, kam ja hier nicht in Betracht, genug, die Erscheinung, die jetzt vor dem Publicum stand, war vollendet in jeder Hinsicht. Das halb phantastische, halb classische Costüm zeigte die Gestalt in ihrem ganzen Reize; die dunkeln Locken wallten gelöst über die Schultern, und die Augen brannten in der alten verzehrenden Gluth. Und jetzt erhob sich diese Stimme, welche die Bewunderung fast ganz Europas gewesen war, voll und mächtig, den weiten Raum erfüllend – die Sängerin stand noch im Zenith ihrer Schönheit und ihrer künstlerischen Kraft.

Glühender, feuriger rauschten die Melodien auf, und vor dem Publicum entrollte sich ein Tongemälde, das seine Farben [572] bald dem hellsten Sonnenlichte und bald der lodernden Gluth eines Kraters zu entlehnen schien. Es malte ein heißes, wildes Leben, dem der Becher bis an den Rand gefüllt war, und das ihn bis auf die Neige auskostete. Dieses Stürmen über alles Maß und Ziel hinaus, diese vulcanische Gluth der Empfindungen, dieses dämonische Spiel mit den Tönen riß die Zuhörer widerstandslos mit hinaus auf das tobende Meer der Leidenschaften, um sie dort zwischen Grauen und Entzücken, zwischen Himmel und Hölle ruhelos umherzuschleudern. Wohl klang es bisweilen daraus hervor wie Jubel und Triumph, aber dazwischen zuckten auch grelle Dissonanzen, und dann wieder wehten verlorene Klänge jener ersten Melodie herüber, die wie eine leise tiefschmerzliche Sehnsuchtsklage durch die ganze Oper ging. Wie ein Traum von Liebe und Glück durch die Seele des Menschen zieht, ohne je zur Wirklichkeit herabzusteigen, so verwehten und erstarben diese Töne in der Ferne, im Vordergrunde aber stand immer und immer wieder die eine Gestalt, die Rinaldo mit der höchsten dramatischen Gewalt ausgestattet hatte, in der er Meister war wie kein Anderer, die er mit dem ganzen Zauber seiner Melodien umgeben hatte, deren sinnlich bestrickender Reiz sich wie ein Bann auf die Seelen der Zuhörer legte.

Und wenn irgend Eine, so war Beatrice dazu geschaffen, gerade diese Musik in ihrem innersten Sein und Wesen zu erfassen und zur Geltung zu bringen, sie, deren eigentlichstes Element die Leidenschaft war, die selbst als Künstlerin nur darin ihre Triumphe gesucht und gefunden hatte. Sie klang aus jedem Tone ihres Gesanges, bebte aus jeder Regung ihres Spiels, das sich zu einer dramatischen Höhe erhob, wie nie zuvor, während sie Haß und Liebe, Hingebung und Verzweiflung, Wuth und Rache mit ergreifender Wahrheit zeichnete. Es war, als ob ein Gluthstrom von dieser Frau ausgehe und sich dem Publicum mittheile, das halb entzückt, halb beängstigt ihrer Darstellung folgte. Noch nie war die Sängerin so eins mit ihrer Aufgabe gewesen, noch nie hatte sie diese so vollendet gelöst, wie diesmal. Freilich, es ahnte ja Niemand, um welchen Preis sie kämpfte, was sie antrieb, ihre beste Kraft einzusetzen. Galt es doch den zurückzugewinnen, den sie schon mehr als halb verloren hatte! Er hatte die Künstlerin bewundert, ehe er die Frau lieben lernte, und die Künstlerin rief jetzt alle Macht ihres Talentes zu Hülfe, um die der Frau zu behaupten. Zum ersten Male war ihr der Beifallssturm gleichgültig, der jeder ihrer Scenen folgte; zum ersten Male lag ihr nichts an den Huldigungen der Menge, sie wartete nur auf den einen Blick leidenschaftlichen Entzückens, der ihr so oft gedankt hatte an solchen Abenden – heute wartete sie vergebens.

„Signora Biancona übertrifft sich heute selber,“ sagte Marchese Tortoni begeistert zu dem Capitain Almbach, der sich in seiner Loge befand. „So oft ich sie auch schon bewundert habe, so habe ich sie noch nie gesehen.“

„Ich auch nicht,“ entgegnete Hugo einsilbig.

Cesario blickte ihn mit unverhehltem Erstaunen an. „Das klingt sehr kühl, Signor Capitano. Haben Sie keinen anderen Ausdruck der Bewunderung für diese Frau, die Ihrem Bruder so nahe steht?“

Hugo’s Miene war in der That so kühl, wie sein Ton, als er ruhig antwortete: „Das ist eben Reinhold’s Geschmack. Wir gehen bisweilen in unseren Ansichten sehr weit auseinander. Uebrigens wäre es ungerecht, Signora Biancona heute nicht unbedingt zu bewundern, und ich thue das gleichfalls, das heißt, vom Zuschauerraume aus. In der Nähe wäre mir eine solche über alles Maß hinausgehende Leidenschaft, die gar keine Grenze zu kennen scheint, doch etwas unheimlich. Ich kann mich nie ganz des Gedankens erwehren, daß Donna Beatrice einmal dieses allerdings meisterhafte Spiel in die Wirklichkeit übertragen und auch dort eine Art Medea sein könnte, die nur Tod und Verderben sprüht. Daß sie das kann, sieht man an ihren Augen, und – wenn ich auch sonst nicht gerade zu den Furchtsamen gehöre – zu lieben vermöchte ich eine solche Frau nicht.“

„Und doch fordern gerade Rinaldo’s Werke diese flammende Darstellung,“ sagte der Marchese vorwurfsvoll, „und dessen ist nur eine Biancona fähig.“

„Ja wohl, sie ist von jeher sein Verhängniß gewesen,“ murmelte Hugo. „Und er wird nie frei werden, so lange dieses Verhängniß über ihm waltet.“

Die beiden Herren hatten längst in der gegenüberliegenden Prosceniumsloge den Consul Erlau bemerkt, auch einen Gruß mit ihm ausgetauscht. Daß er nicht allein sei, davon ahnten sie so wenig, wie sonst Jemand aus dem Publicum, denn die Dame, welche sich in seiner Begleitung befand, saß tief im Hintergrunde der Loge, gänzlich verborgen hinter den Falten des zur Hälfte herabgelassenen Vorhanges, aber doch so, daß sie die Bühne vollständig überblicken konnte, und ihr Begleiter gebrauchte die Vorsicht, jedesmal, wenn er mit ihr sprach, aufzustehen und gleichfalls zurückzutreten. Sie wollte augenscheinlich das Gesehenwerden überhaupt und wohl auch einen Besuch der beiden Herren in ihrer Loge vermeiden.

Ella hatte in der That die Erfüllung ihres Wunsches von Seiten des Pflegevaters erreicht. Sie kannte bisher nur Weniges und Unbedeutendes von den Compositionen ihres Mannes, einige Lieder und Phantasieen, sonst nichts. Das eigentliche Feld seines Schaffens und seiner Erfolge, die Oper, war ihr fremd geblieben. Im Gefühle der tödtlichen ihr widerfahrenen Kränkung hatte sie es nie über sich gewinnen können, Zeugin der Triumphe zu sein, die Rinaldo’s Opern auch in ihrer Vaterstadt feierten, jener Triumphe, die sich auf den Trümmern ihres Lebensglückes aufbauten, und was sie durch die Zeitungen oder durch Fremde, denen ihre nahen Beziehungen zu dem gefeierten Componisten nicht bekannt waren, davon erfuhr, senkte den Stachel nur noch tiefer in ihre Seele. Jetzt zum ersten Male trat ihr der Tondichter Rinaldo in dem genialsten seiner Werke entgegen; jetzt lernte auch sie die Macht dieser Töne kennen, die so oft schon Freund und Feind bezwungen hatten und selbst die Gegner zur Bewunderung hinrissen, und der Eindruck war überwältigend. Halb vorgebeugt, in athemlosem Lauschen folgte die junge Frau jedem Tone der Musik; war sie jetzt doch fähig, neben all den Schönheiten, welche sich ihr entschleierten, auch in die dunkeln Tiefen zu blicken, die sich darin aufthaten. Zum ersten Male verstand sie ganz und voll den Charakter ihres Gatten, diese glühende Künstlernatur mit all ihren Widersprüchen, mit ihrem Stürmen, Wogen und Drängen; zum ersten Male begriff sie, was die tiefverletzte Frau bisher nicht hatte begreifen wollen, die innere Naturnothwendigkeit, die Reinhold zwang, sich aus den beengenden Fesseln des kleinbürgerlichen Alltagslebens loszureißen und dem Rufe seines Genius zu folgen, die diese Katastrophe für ihn zu einem Kampfe um Leben und Tod machte.

Daß er dabei auch feste Bande zerriß, die ihm unter allen Umständen hätten heilig bleiben sollen, daß er der freien berechtigten Selbstbestimmung des Mannes die Schuld des Gatten und Vaters hinzufügte, der die Seinigen verließ, davon freilich sprach ihn auch der Genius nicht frei; aber in dem Innern Ella’s tauchte jetzt leise mahnend die Frage auf: was sie selbst denn damals ihrem Gatten gewesen sei, um zu verlangen, er solle der Versuchung Stand halten, die in Gestalt einer Beatrice Biancona vor ihn hintrat, und was sie bieten konnte gegen eine Leidenschaft, deren glühende Romantik von jeher viel mehr den Künstler als den Mann beherrscht hatte. Die ihm angetraute Frau stand damals noch viel zu sehr unter dem Drucke ihrer Erziehung und Umgebung, um sich auch nur einigermaßen zu seiner Höhe erheben zu können; – statt ihrer stand eine Andere da, im vollsten Glanze ihrer Schönheit und ihres Talentes, und diese Andere zeigte dem jungen Künstler die Bahn der Freiheit und des Ruhms – er war unterlegen! Ella aber fühlte tief im innersten Herzen, daß er es nicht wäre, hätte sie ihm damals sein können, was sie heute war.

Zum letzten Male hob sich der Vorhang, und bis zur letzten Note zeigte Rinaldo, daß er sich treu geblieben war. Der Schluß stand durchaus auf der Höhe des Ganzen und war von hinreißender Wirkung. Und dennoch fehlte dem Werke das Eine, Höchste, das all diese flammenden Blitze des Genies nicht zu ersetzen vermochten, die Versöhnung mit sich selber. Es hatte keinen Frieden und weckte keinen in der Seele der Zuhörer. Der Componist schien den Conflict, der ungelöst in seinem eigenen Inneren lag, auch auf seine Schöpfung übertragen zu haben; es war doch schließlich nur ein Verzweifeln an dem Leben, an dem Glücke, an sich selber. Wenn die Sturmnacht ausgetobt hatte, schimmerte kein verklärendes Morgenroth, das einen neuen, besseren Tag verhieß; auf der weiten öden Wasserwüste trieben nur die Trümmer umher, und an sie geklammert, erreicht der [573] Schiffbrüchige endlich wieder die Heimathküste – zu spät zur Rettung. Und wie er todesmüde und todeswund dort niedersinkt, da klingt noch einmal, wie mit Geisterlauten, aus weiter, unnahbarer Ferne jene Traummelodie zu ihm hernieder, zum ersten Male vollendet, zum ersten Male voll und ganz austönend – im Tode. Und die Klänge verwehen und ersterben leise, wie das Leben sich verblutet.

Die Aufnahme der Oper von Seiten der Zuhörer ließ Alles hinter sich zurück, was Rinaldo je an Erfolgen errungen hatte. Bei einem Publicum des Südens freilich waren diese Musik und diese Darstellung des Triumphes sicher. Da zündete jeder Funke; da flammte ein Feuer in das andere. Man hätte meinen sollen, der Beifall müsse sich doch endlich einmal erschöpfen, der Jubel sich endlich einmal mäßigen, aber heute schien selbst der glühendste Enthusiasmus noch einer Steigerung fähig zu sein. Nach jedem Actschlusse, nach jeder Scene brach er von Neuem hervor und endete schließlich in einem wahren Aufstande, mit dem das ganze Haus stürmisch das Erscheinen des Componisten forderte.

Signor Rinaldo ließ lange auf sich warten, ehe er diesem Verlangen Folge leistete; er ließ, trotz all der stürmischen Rufe, die ihm galten, Signora Biancona immer wieder allein vortreten. Erst am Schlusse der Oper, als das Rufen in ein Toben ausartete und der Ansturm der Begeisterung nicht länger zu bändigen war, erst da zeigte er sich und wurde nun vom Publicum in einer Weise begrüßt, die selbst den maßlosesten Ehrgeiz befriedigt hätte. Stolz und ruhig trat Rinaldo auf die Bühne; fast unbewegt stand er inmitten all der begeisterten Huldigungen. Er hatte es längst gelernt, Triumphe als etwas ihm Gebührendes hinzunehmen, und so ungemessen der heutige war, er raubte ihm nicht einen Moment lang die Fassung. Seine dunklen Augen glitten langsam an den Logenreihen hin, plötzlich aber blieben sie gefesselt an einem Punkte haften. Es war, als ob ein elektrischer Schlag auf einmal das ganze Wesen des Mannes durchzucke, so schreckte er empor, und jetzt flammte sein Blick auf – jener Blick leidenschaftlichen Entzückens, für den Beatrice heute vergebens alle Macht ihres Talentes eingesetzt hatte – und wenn das blonde Haupt, das nur einen Augenblick sichtbar geworden war, auch im nächsten schon wieder verschwand, er wußte jetzt doch, wer sich hinter den Vorhängen jener Loge barg, wer Zeuge seines Triumphes wurde.

„Eleonore, das war unvorsichtig!“ sagte Erlau, der gleichfalls von der Brüstung zurücktrat. „Du beugtest Dich zu weit vor. Du bist gesehen worden.“

Die junge Frau gab keine Antwort; sie stand aufrecht, mit beiden Händen die Lehne des Sessels umfassend, von dem sie sich in völliger Selbstvergessenheit erhoben hatte. Die großen, thränenvollen Augen waren noch unverwandt auf die Bühne gerichtet, wo Reinhold soeben nochmals vortrat, um dem Publicum zu danken, dieser jubelnden stürmisch erregten Menge, deren einziger Mittelpunkt er jetzt war. All diese tausend Augen waren auf ihn allein gerichtet; all diese Lippen und Hände verkündeten ihm seinen Sieg, und während Lorbeerkränze und Lorbeerzweige zu seinen Füßen sanken, hallte sein Name, wie von einer brausenden Woge hoch emporgetragen, in tausendfachem Echo zurück.




Bei dem –schen Gesandten fand eine große Soirée statt, die erste derartige Festlichkeit in der Saison. Durch die weiten und prachtvollen Räume des Gesandtschaftshôtels wogte eine zahlreiche Gesellschaft. In den lichtstrahlenden, blumendurchdufteten Salons rauschten die Schleppen und blitzten die Uniformen; neben reizenden Frauengesichtern und vornehmen Ordensträgern sah man aber auch manche ernste bedeutende Männergestalt in einfacher Civiltracht, und unter all diesen längst bekannten Gestalten und Namen tauchten so manche fremde auf, die, je nach ihrer Erscheinung und ihrem Klange, eine größere oder geringere Aufmerksamkeit beanspruchten, um sich schließlich unter der Menge der Gäste zu verlieren.

Auch Reinhold und Capitain Almbach befanden sich unter den Eingeladenen, und der erstere war auch hier wieder der Gegenstand allseitiger Huldigungen, wenn diese sich auch weniger ungestüm kundgaben, als neulich im Theater. Rinaldo galt längst in der Gesellschaft als eine Berühmtheit ersten Ranges. Seine neue Oper machte ihn vollends zum Löwen der Saison, und er konnte sich nicht zeigen, ohne sogleich von allen Seiten umringt und beglückwünscht zu werden.

Mit ihm theilte die geniale Darstellerin seiner Schöpfung, Signora Biancona, die allgemeine Aufmerksamkeit. Leider kam man diesmal nicht in den Fall, den Ausdruck der Bewunderung beiden gemeinschaftlich darzubringen, denn sie schienen sich eher zu meiden als zu suchen. Aufmerksame Beobachter wollten behaupten, daß so etwas wie ein Zerwürfniß zwischen Beiden stattgefunden haben müsse, denn sie waren zu verschiedenen Zeiten gekommen und näherten sich fast gar nicht einander. Nichtsdestoweniger war auch die Künstlerin fortwährend von Huldigungen umgeben, an denen ihre Schönheit vielleicht einen nicht geringen Antheil hatte. Beatrice verstand es meisterhaft, sich zu „drapiren“, für den Salon nicht weniger wie für die Bühne, und wenn ihre Toilette auch gewöhnlich etwas Phantastisches zeigte, so entsprach dies so durchaus der Eigenart ihrer Erscheinung, daß sie nur um so hinreißender erschien. Die Sängerin trug, wie so viele ihrer Landsmänninnen, mit Vorliebe schwarze Kleidung, und hatte diese auch heute gewählt, aber die aus Sammet, Atlas und Spitzen zusammengesetzte Robe war dennoch von einer verschwenderischen Pracht, und auf dem dunklen Grunde funkelte ein reicher Juwelenschmuck. Einzelne purpurrothe Blüthen, scheinbar regellos hier und da in die Locken gestreut, schienen den schwarzen Spitzenschleier zu halten, und damit bildete der dunkle Teint der Italienerin und die lodernde Gluth ihrer Augen ein Ganzes, das, wenn es auf den Effect berechnet war, wenigstens diese Wirkung im vollsten Maße erreichte.

„Ah, Mr. Almbach, finde ich Sie hier?“ fragte Lord Elton, der, glücklich endlich Jemand zu finden, mit dem er Englisch sprechen konnte, auf den Capitain zutrat. „Ich wollte Sie bereits in diesen Tagen aufsuchen. Die neue Oper Ihres Bruders –“

„Um Gotteswillen, Mylord, fangen Sie mir nicht auch noch davon an!“ unterbrach ihn Hugo mit einer Geberde des Entsetzens. „Seit dem Tage der Aufführung werde auch ich halb todt gequält mit dieser Oper meines Bruders; alle Welt fühlt sich verpflichtet mich gleichfalls zu beglückwünschen. Wie oft habe ich schon eine Revolution, ein Erdbeben oder doch mindestens einen kleinen Vesuvausbruch herbeigewünscht, nur damit endlich einmal in der Gesellschaft von etwas Anderem gesprochen werde!“

Der Lord schüttelte halb lachend, halb mißbilligend den Kopf. „Mr. Almbach, Sie sollten das nicht so unumwunden aussprechen. Wenn ein Fremder Sie hörte, es könnte gemißdeutet werden.“

„O, ich habe mir bereits verschiedene Male das Vergnügen gemacht, mir einige der ärgsten Bewunderer mit solchen Aeußerungen vom Leibe zu halten,“ versicherte Hugo ganz unbekümmert. „Ich fühle mich durchaus nicht verpflichtet, als Opferlamm für die Popularität meines Bruders Jedem Rede zu stehen. Wie Reinhold diesen Triumph auf die Dauer aushält, begreife ich nicht. Künstlernaturen müssen in dieser Hinsicht wohl ganz absonderlich organisirt sein, meine Seemannsnerven wären längst unterlegen.“

Lord Elton schien auch heute wieder Vergnügen an der Laune des Capitains zu finden, denn er blieb beharrlich an dessen Seite und war ein zwar schweigsamer, aber sehr aufmerksamer Zuhörer bei all den Bemerkungen, die Hugo wie gewöhnlich schonungslos über alles Bekannte und Nichtbekannte ergoß.

„Wenn ich nur wüßte, weshalb Marchese Tortoni auf einmal in solch einer Kometenbahn durch den Saal bricht,“ spöttelte er. „Die Thür drüben scheint der Magnet zu sein, der ihn unwiderstehlich anzieht – ah so! Ja freilich, nun kann ich mir diesen Sturmlauf erklären.“

Die letzten Worte klangen in so unverkennbarem Aerger, daß auch der Lord aufmerksam nach dem Eingange blickte. Dort erschien jetzt Consul Erlau, der Ella am Arme führte; Marchese Tortoni befand sich bereits an ihrer Seite, und alle Drei traten soeben über die Schwelle. Die junge Frau war in weißer, scheinbar sehr einfacher Toilette, aber man sah es, daß Erlau auch in Bezug auf seine Pflegetochter es liebte, sich als Millionär zu zeigen. Dieses weiße Spitzenkleid, das so duftig Ella’s zarte Gestalt umwogte, ließ die meisten jener schweren Sammet- und Atlasroben, welche durch den Saal rauschten, an Kostbarkeit weit hinter sich zurück, und die Perlenschnur, die den Hals Ella’s schmückte, war von einem so ungeheuren Werthe, daß [574] viele der funkelnden Juwelen davor verschwanden. Das Haupt der jungen Frau trug einzig seinen natürlichen Schmuck; kein Diamant, nicht einmal eine Blume zierte die reichen blonden Flechten, deren matter Goldglanz so eigenthümlich reizend mit der zartrosigen Färbung des Teints harmonirte. Diese Gestalt bedurfte keiner berechneten Toilettenkünste, um sich schön zu zeigen, sie war es, ohne alle künstliche Unterstützung, und wenn die Blicke der Damen bald genug herausgefunden hatten, welch ein Werth sich hinter dieser anscheinend so einfachen Toilette barg, so hatten die Herren nicht weniger Augen für die Poesie der Erscheinung, die an ihnen vorüber schwebte.

Die Drei waren etwa bis in die Mitte des Saales gelangt, als sich zufällig eine der Gruppen, deren Mittelpunkt Reinhold gewesen war, auflöste und dieser selbst hervortrat und fast unmittelbar seiner Frau gegenüberstand. Es war nicht die erste derartige Begegnung zwischen den beiden Gatten, und sie mußten an solchem Orte immerhin auf die Möglichkeit eines Zusammentreffens gefaßt sein. Bei Ella schien dies auch der Fall; nur einen Moment lang bebte ihr Arm in dem ihres Begleiters, und eine fliegende Röthe kam und ging in ihren Zügen, dann aber glitt das große Auge ruhig weiter, und sie wandte sich zu dem Marchese, der ihr soeben die Namen einiger der Anwesenden nannte. Reinhold dagegen stand so fassungslos, als habe er die ganze Umgebung vergessen. Wenn ihm die jetzige Erscheinung seiner Frau auch nicht mehr fremd war, sie sah doch anders aus bei dem matten Lampenschimmer im Gartensaal der Villa Fiorina, bei dem düsteren Regenlichte der Veranda an jenem Sturmtage, und in dem halbdunklen Hintergrunde der Theaterloge. So hatte er sie noch nie gesehen, wie heute. Im blendenden Lichtmeer des Salons, im duftigen Festgewande und trotz des Ortes und der Umgebung wehte es zu ihm herüber, wie eine Erinnerung an jene traumhaft schöne Morgenstunde in Mirando, wo das Meer so tiefblau um die Terrasse des Schlosses wogte und der Blüthenduft aus den Gärten herüberzog, während die weiße Gestalt drüben an der Marmorbalustrade lehnte – freilich, ihr Antlitz war auch hier abgewandt, aber jetzt wandte sie es einem Anderen zu. Bei dem Anblick Cesario’s, der noch immer seinen Platz an ihrer Seite behauptete, zerstob Traum und Erinnerung; vor Reinhold tauchten die Worte seines Bruders auf, die ihm seit jener Unterredung alle Ruhe raubten. „Vielleicht für einen Anderen,“ klang es in seinem Inneren. Ein heißer drohender Blick fiel aus Cesario, und mit einer heftigen Bewegung in den kaum verlassenen Kreis zurücktretend, entzog er sich dem Gruße oder der Anrede des jungen Marchese.

Dieser sah ihm betroffen nach. Er kannte nicht entfernt den Grund dieses plötzlichen Ausweichens, aber er ahnte längst schon, daß hier mehr zu Grunde lag als nur eine Feindschaft zwischen Rinaldo und Erlau, die er früher angenommen hatte. Es war ihm nicht entgangen, daß irgend eine geheime Beziehung zwischen seinem Freunde und Ella stattfand, und das heutige Zusammentreffen bestätigte nur zu sehr diese Annahme. Cesario war zu stolz, um wie Beatrice seine Zuflucht zum Spioniren zu nehmen, und so ertrug er denn eine Ungewißheit, deren Lösung von Ella oder dem Consul zu verlangen er noch kein Recht hatte, und die Rinaldo ihm nicht lösen wollte.

Der deutsche Handelsherr war beinahe fremd in der Gesellschaft, dennoch begann die Erscheinung seiner Begleiterin bereits Aufsehen zu erregen. Erlau hatte allerdings die Stirn gerunzelt bei dem unerwarteten Anblicke Reinhold’s; da er aber sah, daß Ella scheinbar ganz ruhig blieb, so gewährte ihm das Zusammentreffen eher eine Genugthuung. Der Consul war augenscheinlich sehr stolz auf seine schöne Pflegetochter und bemerkte sehr wohl die bewundernden Blicke und flüsternden Bemerkungen, welche ihr überall folgten. Er sagte sich, daß auch der einstige Gatte diese Blicke sehen, diese Bemerkungen hören müsse, und mit einem kaum verhehlten Gefühl des Triumphes schritt er an der Gruppe vorüber.

Die Menge der auf- und abwogenden Gäste und die zahlreichen Gesellschaftsräume machten es für die, welche sich nicht sehen wollten, leicht, einander auszuweichen.

Es mochte ungefähr eine Viertelstunde seit dem Erscheinen Erlau’s vergangen sein, als Capitain Almbach herantrat, um ihn zu begrüßen.

„Sind Sie denn überall, Herr Capitain?“ fragte der Consul überrascht.

Hugo machte eine halb ironische Verbeugung. „Ich habe die Ehre. Mißfällt Ihnen das so sehr?“

„Nicht doch! Sie wissen ja, daß ich Sie immer gern sehe, aber am dritten Orte trifft man Sie leider nur in Begleitung Ihres Bruders. Es scheint, man kann keinen Schritt in die Gesellschaft thun, ohne auf Signor Rinaldo zu stoßen.“

„Er ist mit dem Herrn des Hauses befreundet,“ erklärte Hugo.

„Natürlich,“ grollte der Consul. „Ich möchte einen Kreis kennen, der ihn nicht vergöttert, und in dem er nicht dominirt. Ich konnte die Einladung unseres Gesandten nicht ausschlagen und wollte meiner armen Eleonore doch endlich einmal etwas Anderes zeigen, als nur das Krankenzimmer. Haben Sie sie schon gesprochen?“

„Allerdings,“ sagte der Capitain, nach der andern Seite des Saales hinüberblickend, wo Ella im Gespräch mit dem Marchese, dem Lord und einigen Damen stand, „das heißt, so weit Marchese Tortoni mir die Möglichkeit dazu ließ. Er beansprucht durchaus den Löwenantheil der Unterhaltung. Ich halte mich bescheiden zurück.“

„Ja, bester Capitain, daran werden Sie sich gewöhnen müssen,“ lachte Erlau. „Im Gesellschaftskreise ist Eleonore selten frei für die Unterhaltung eines Einzigen. Ich wollte, Sie sähen Sie einmal, wenn sie in meinen Salons die Honneurs macht. Wir sind fast gänzlich fremd hier, sonst, versichere ich Ihnen, wären Marchese Tortoni und Lord Elton nicht die Einzigen, über die Sie sich in solcher Weise ärgern.“

Ella hatte inzwischen ihr Gespräch beendigt und verließ jetzt mit einer leichten Verneigung die Gruppe, um zu ihrem Pflegevater zurückzukehren. Da der Marchese zu seinem großen Mißvergnügen durch eine der Damen in der Unterhaltung festgehalten wurde, schritt die junge Frau ganz allein durch den Saal, als plötzlich in der Mitte desselben ein dunkles Sammetgewand das ihrige so nah und heftig streifte, daß es beinahe wie Absicht aussah. Aufblickend gewahrte sie dicht vor sich das schöne, aber in diesem Augenblick fast erstreckende Antlitz Signora Biancona’s.

Ella verrieth indeß weder Schrecken noch Verlegenheit, sie nahm langsam ihr Spitzenkleid auf und trat etwas seitwärts. In der Bewegung lag ein ruhiger, aber sehr entschiedener Protest gegen jede Berührung von dieser Seite, und Beatrice schien ihn nur zu gut zu verstehen, trotzdem trat sie noch näher. Die junge Frau fühlte einen heißen Athem dicht an ihrer Wange und vernahm die geflüsterten Worte:

„Signora, ich bitte Sie um einige Minuten Gehör!“

Ella antwortete mit einem Blick des Erstaunens und der Entrüstung. „Sie – mich?“ fragte sie gleichfalls leise, aber mit einer nicht mißzuverstehenden Betonung.

„Ich bitte um einige Minuten,“ wiederholte Beatrice. „Sie werden sie mir gewähren Signora.“

„Nein!“

„Nicht?“ Die Stimme der Italienerin bebte in kaum verschleiertem Hohne. „Also fürchten Sie mich so sehr, daß Sie nicht einmal ein kurzes Alleinsein mit mir wagen?“


(Fortsetzung folgt.)




Land und Leute.


Nr. 36. Pancratius Sanitabringius im Elsaß.


Wenn die Sitten eines Volkes dargestellt werden sollen, so kann die Religion und das religiöse Leben nicht außer Acht bleiben. Es ist bekannt, daß das Elsaß, Straßburg und die Landstädte obenan, der Herd vielfacher religiöser Bewegungen gewesen. Hier ist nicht der Ort, darüber eine Geschichte zu schreiben. Aber es muß hervorgehoben werden, daß die Bevölkerung des Elsaß, in Folge ihrer hohen Empfänglichkeit für die praktischen Fragen des Christenthums, zu allen Zeiten [575] lebendigen, ja hingebenden, opferwilligen Antheil an der jedesmaligen Erhebung gegen die Herrschaft und die Gebrechen des Papstthums nahm. Wie die Albigenser und Waldenser fanden im Elsaß auch die Hussiten Anklang; und ebenso bildete sich in der lutherischen Stadt, mit der Erlaubniß der Obrigkeit und mit der Billigung der beiden Straßburger Reformatoren, Bucer und Capito, eine reformirte Gemeinde, welcher der damals von Genf entflohene Calvin als erster Pfarrer vorstand.

Pancratius Sanitabringius im Elsaß.
Nach der Natur aufgenommen von Theod. Pixis in München.

Dieser Geist der Freisinnigkeit und der weitherzigen Duldung ist mit wenigen Ausnahmen bis auf den heutigen Tag der vorherrschende in der protestantischen Kirche des Elsaß geblieben. Ernst religiös war der Grund, liberal im Allgemeinen gegen Andersdenkende die Handlungsweise der kirchlichen Behörden.

Von der katholischen Kirche kann eigentlich nur das Nämliche gesagt werden, wie in anderen Ländern dieses Glaubens, jedoch mit dem Unterschiede, daß in Bildung und Aufklärung Clerus und Volk desto mehr von ihren Glaubensgenossen in Deutschland abstachen, je älter die Einverleibung mit Frankreich wurde. Was das Volk betrifft, so lastet im Allgemeinen der clericale Druck schwer auf den Geistern, und der geistige Zustand wirkt auf den materiellen. In den katholischen Ortschaften giebt es einige Reiche, die sich durch Fleiß und weise Thätigkeit aufzuschwingen wußten. Die Meisten grenzen an die Armuth und sind Tagelöhner. In den gemischten Ortschaften sehen wir allermeistens die protestantischen Einwohner durch ihren Wohlstand und ihre Gesittung über ihre katholischen Mitbürger hervorragen. In den ganz evangelischen Ortschaften herrscht zwar meistens kein großer Reichthum, aber ein guter solider Wohlstand ist allgemein.

Die traurigste Folge des geistigen Drucks im Elsaß ist der große Aberglaube an Geistererscheinungen und Hexen, und der Vorrath von magischen Mitteln, um wirklichen oder erträumten Uebeln abzuhelfen. Ist uns doch im Unterelsaß sogar eine Wallfahrtsstätte wegen kranker Thiere bekannt, die [576] auf der Grenze der Cantone Niederbronn und Buchsweiler, zwischen den Orten Rothbach und Ingweiler ist einem verborgenen Seitenthale des Wasgaus liegt. Da erheben sich auf einem Felsen die Ruinen einer Capelle aus dem zwölften oder dreizehnten Jahrhundert, deren mit Nischen versehene höhlenartige Unterlage noch ein höheres Alter verräth. Wer ein krankes Roß, Rind oder Schwein hat, der wallfahrtet nach dem Thierkirchlein und legt, je nach der Zahl der kranken Thiere, einen oder mehrere Besen in den Chor dieser Ruine und steckt eine oder mehrere Kupfermünzen in eine Mauerritze einer der Seitenwände. Ich weiß, es giebt immer einige Holzmacher der Nachbarschaft oder im Gebirge streifende Zigeuner, welche den Muth haben, das verborgene Geld aufzusuchen, aber an die Besen – das ist etwas Anderes – wagen sie sich nicht. Dieses Besen- und Geldopfer hat übrigens seit den letzten zwanzig Jahren auch abgenommen. Aber immer noch kann man in dem in dunkler Einöde liegenden Waldkirchlein diese Abwehr gegen Hexen und böse Geister finden.

Der Glaube an die Hexen ist in den katholischen, weniger schon in den protestantischen Dörfern des Elsaß noch allgemein. Der Besen, dessen sich die Hexen bedienen sollen, um an den Versammlungsort zu kommen, spielt, wie überall, eine große Rolle. Aber weniger bekannt dürfte es sein, daß der verkehrt vor der Thürschwelle hingelegte oder mit dem Stiele neben der Thür stehende Besen nicht allein den Einfluß der Hexen hemmt, sondern auch ihren Eintritt in ein Haus hindert. Eine Hexe, heißt es, kann in kein Haus eintreten, wo ein solcher Besen vor der Thür liegt oder steht.

Die Hauptübel durch Hexen geschehen nach der Volksmeinung an den Kindern und an den Kühen. Eine Kuh giebt ungesunde, blutige Milch oder gar keine, weil eine Hexe an derselben in ihrem eigenem Hause an einer Handzwehle (Handtuch), an dem Stiele einer in die Wand gehauenen Axt oder eines Beils, ja aus dem Hefte eines in den Tisch gestoßenen Messers milkt. Auch verwandelt sie sich öfters in eine Katze und trinkt an den Eutern der Kühe, daß dieselben böse Blattern davon erhalten; oder sie reiten des Nachts auf dem Rücken der Pferde, so daß des Morgens der Besitzer sie in schaumtriefendem Schweiße ganz erschöpft antrifft.

Das Sprüchlein, welches die Landleute sprechen, wenn sie ein Weib im Verdachte haben, durch Melken an einer Zwehle oder auf sonstige Weise den Kühen die Milch zu entwenden, um die Hexe daran zu hindern, lautet also:

Heilig Kreuz, Blut floß,
Heilig Kreuz, Wasser floß,
Heilig Kreuz, Milch floß.

Ein anderer Aberglaube im Elsaß, der sich aber über ganz Europa erstreckt, ist der an den Vampyr, in der Provinz Letzel oder Redsel genannt, ein geheimnißvolles Wesen, halb Mensch, halb Thier, das bei nächtlicher Weile in die Schlafstuben, selbst in die verschlossenen, kommt, seine Ankunft durch ein Rascheln oder Tappeln, oder auch durch ein Säuseln wie von Flügeln bemerklich macht. Der Schlafende hört es, kann sich aber, wie gelähmt, nicht regen. Eine Gestalt legt sich schwer über den Schläfer, der die ungeheuersten Anstrengungen macht, um sich der Last zu entledigen. Das unheimliche Letzel säuft dann, nach dem allgemeinen Volksglauben, den also Heimgesuchten, gewöhnlich Burschen und jungen Männern, die Brust aus. Endlich wacht nach vielem ohnmächtigem Sträuben der in vollkommener Erstarrung Liegende matt und kraftlos auf. Das ist ein Zustand, der überall vorkommt. Aber was ans Unbegreifliche grenzt, oder doch die Macht der Einbildung darthut, das ist bei der Erscheinung des Letzels folgender Umstand: Die also ausgetrunkenen Opfer geben wirklich Milch. Die Brust schwillt an, die Warze derselben tritt mehr hervor, und bei mäßigem Drucke quillt eine weißgelbliche Flüssigkeit hervor. Dasselbe betheuerte mir mein Kutscher, ein gar nicht auf den Kopf gefallener junger Mann, wie vor kurzer Zeit sein Nachbar, der ebenfalls von dem Letzel geplagt zu werden vorgab, ihm seine angeschwollene Brust zeigte, und vor seinen Augen die nämliche Flüssigkeit herausdrückte. Ich enthalte mich jedes weiteren Commentars hierüber.

Bei dem also vorhandenen Aberglauben im Lande ist es kein Wunder, wenn es Solche giebt, die denselben ausbeuten. Schmiede, Winkelthierärzte, Abdecker, Meister genannt, ziehen reichlichen Gewinn von der leichtgläubigen Menge, die erst zu gebildeten Aerzten ihre Zuflucht nimmt, wenn die magischen Aerzte und Teufelsbeschwörer nicht mehr helfen können. Und weil der Arzt in den meisten Fällen dann auch nicht mehr helfen kann, so wendet sich ihm entschiedenes Mißtrauen zu, während seine Vorgänger irgendwie eine List dagegen deckt. Ebendeswegen ist es kein Wunder, wenn die sogenannten Marktschreier, wie man sie im Elsaß nennt, oder Quacksalber so große Ausbeute im Lande machen. Leider sind es in der Regel Deutsche, die in einem fremdartigen Jargon und in bizarrer Kleidung die Massen bethören. Ich war einmal Zeuge des Aufzugs eines solchen Marktschreiers und ich kann nicht umhin, denselben hier zu schildern.

An einem schönen Sommertage, so zwischen der Arbeitszeit, wie man bei uns sagt, hörte ich in meinem Studirzimmer plötzlich den Schall einer rauschenden Musik, die immer näher kam. Ein Marktschreier war in einer prächtigen, mit bunten Farben ausgeschlagenen Kutsche in das Dorf gefahren, in Begleitung von vier oder fünf Musikanten, die auf der Decke des Wagens saßen. Nachdem derselbe das Dorf unter lärmender, mit der großen Trommel begleiteter Musik durchzogen hatte, nahm er Posto auf dem öffentlichen Platze vor dem Rathhause. Dort entfaltete er einen ungeheueren rothseidenen Schirm, der die ganze wohlbesetzte Kutsche überdeckte. Nachdem die buntgekleideten Musikanten noch eine gewaltige Fanfare hatten erbrausen lassen, erhob sich der in einen weiten faltigen, hellblau seidenen und mit Silber besetzten Talar gekleidete Marktschreier, lüftete seinen chinesischen, mit allerlei geheimnißvollen Zeichen bedeckten Hut, grüßte majestätisch die herbeiströmende Menge und fing an, in fremdartigem gebrochenem Deutsch ungefähr folgendermaßen zu den staunenden Zuhörern zu sprechen:

„Verehrtes, hohes Publicum! Ich, Pancratius Sanitabringius, komme zehntausend Stunden weit her, von den Grenzen Chinas, wo ich auf dem großen Berge Humalaya die Wurzel Razina als Heilmittel für alle menschliche Schäden zweihundert Fuß tief aus dem Berge durch einen gottvollen Bohrer gegraben, und diese herrliche Wurzel mit dem heiligen Wasser des Flusses Ganschossa abgekocht habe. Kommt, Ihr armen Menschen, und kaufet dieses leben- und gesundheitbringende Elixirium, Ihr möget Kopfweh, Zahnweh, Flüsse aller Art, Magenweh, Husten oder Engigkeit haben. Dieses kostbare Lebenswasser vertreibt die Sommerflecken, die Unfruchtbarkeit und macht die häßlichsten Menschen schön wie Engel, auch reinigt es den Kopf und macht gescheidt und verständig wie Salomo. Wer es trinkt, an dem hat der blutige Vampyr, oder das schreckliche Letzel, wie Ihr es heißt, keine Gewalt. Nie betritt es wieder die Thürschwelle eines Hauses, wo dieses gewaltige Elixir seine Dünste verbreitet. Kommt herbei, Ihr Alle, die Ihr gesund, schön, kräftig und befreit von aller Plage sein wollt! Ich bleibe nur eine Stunde in diesem Dorfe und dann könnt Ihr zusehen, wie Euch geholfen wird. – Was schüttelt Ihr ungläubig die Köpfe?! Glaubt Ihr, daß ich Euch betrügen und um Euer Geld bringen will? Ich bin ein Freund der unglücklichen kranken Menschheit und brauche Eure Groschen nicht, um zu leben. Ich habe tausend Mal mehr Geld als Euer ganzer Ort. Da, seht einmal selbst, daß ich kein Marktschreier bin, der Euch Euer Geld aus dem Beutel lausen will.“

Dabei ergriff er eine kleine Schaufel, fuhr nacheinander in zwei vor ihm stehende Gefäße und zeigte den dadurch schon halbgewonnenen Zuschauern, eine Menge Fünffrankenthaler, Zwanzig- und Vierzigfrankenstücke.

„Oder glaubt Ihr,“ fuhr er fort, als er sah, daß das Geld seinen Einfluß nicht verfehlt hatte, „glaubt Ihr, daß es etwa Falschmünzergeld sei? Ich bitte drei Personen von Euch, von denen, die das Geld kennen, selbst herbeizukommen, um es zu untersuchen.“ Eine Menge von Bauern strömte herbei, um dieses Amt zu verwalten. Sie drängten sich an die Kutsche und der Wunderarzt hob mit einer ungeheuren Anstrengung das eine Gefäß zu ihnen herab. Sie griffen gierig hinein, untersuchten die Thaler und nachher auch die Goldstücke, ließen sie aneinander erklingen und gaben dieselben mit gewichtiger Kennermiene wieder zurück.

„Das ist lauter gut Geld,“ sagten Alle. „Das Silber ist exact echt, also muß auch das Gold echt sein, denn es rappelt [577] nicht wie Blei.“ – Die Bauern, geehrt durch das Zutrauen, verloren sich in der Menge und suchten die Anwesenden nach Kräften zu überzeugen, daß sie wenigstens hinsichtlich des Geldes nicht getäuscht seien. Das machte einen gewaltigen Eindruck auf die Menge. Das wußte der pfiffige Quacksalber wohl, der dadurch, daß er Geld zeigen konnte, desto mehr gewann. Doch wollte er das an den Geberden der Bauern leicht zu erkennende Erstaunen und somit Zutrauen womöglich noch steigern.

„Um Euch zu zeigen,“ fuhr er fort, „daß ich Euch nicht um Euer Geld prellen, sondern der leidenden Menschheit zu Hülfe kommen und nur meine Reisekosten, die Wurzel und das Lebenswasser zu holen, zurück haben will, so biete ich Euch an, z. B. einem Jeden unter Euch einen kranken hohlen Zahn unentgeltlich herauszuziehen. Wer hat einen kranken Zahn, zwei, drei, vier solcher Zähne? Ich ziehe sie alle umsonst heraus. Es kostet auch nicht den rothen Sou.“

Eine allgemeine Stille und Nachdenklichkeit unter den Anwesenden folgte, eine Stille, die der Wunderdoctor durch einen die Menge noch mehr betäubenden Marsch der Musikanten bedecken hieß. Als der Tusch vorüber war, zeigte er auf einer Platte Hunderte von Zähnen aller Art, die er ausgerissen. Zuletzt öffnete er eine Büchse und ließ ein paar Zähne herausfallen; dieselben zeigend, sagte er: „Seht, das sind die bösartigsten aller Zähne. Der Teufel hat sie wachsen lassen neben ihren Cameraden. Aber was Keiner kann, ich habe sie herausgezogen, so schnell, daß der Patient nicht allein keinen Schmerz verspürte, sondern auch meinte, ich fange erst an, wenn ich den Zahn schon ausgezogen. Wer will jetzt kommen? Es kostet nichts. Meine Zeit ist kurz gemessen; ich muß so schnell als möglich nach Paris, um dort einem Prinzen einen schrecklichen Pufferzahn, den kein Doctor jener großen Stadt bewegen kann, herauszuiehen.“

Da näherte sich ein armer Schelm, der immerwährend an Zahnweh litt und kein Geld hatte, um sich helfen zu lassen, der Kutsche; er zog seine Kappe ab und blickte ehrfurchtsvoll zu dem Quacksalber hinauf. Er wurde von den hin- und herrollenden Augen des Doctors schnell bemerkt. Der Zitternde wurde in die Kutsche hinaufgezogen und zeigte seinen kranken Zahn. Der Schreier berührte ihn mit einer kleinen Zange, die man kaum in seiner Hand bemerkte, und – in einem Hui hatte er ihn heraus. „Mein Sechs!“ sagte der Patient, als er todtenbleich von der Kutsche herunter kam, „Der kann’s – besser als der Schmied, der Einem den Kopf zwischen die Beine nimmt und so lange zerrt, daß man am Ende froh ist, daß er mit dem Zahne nicht den halben Kiefer und das ganze Zahnfleisch mitnimmt. Juhe, Herr Doctor, was bin ich schuldig?“

Der Doctor blickte ihn lachend an und sagte: „Hm, Du siehst nicht groß danach aus, daß Du viel bezahlen kannst.“ In der Tasche wühlend, fügte er hinzu: „Hier, weil Du der Erste gewesen, der mir glaubte, nimm diesen Zwanziger und trinke auf meine und Deine Gesundheit.“

Das wirkte. Jetzt kam eine Menge Weiber, Männer und Jungen, die ihrer kranken Zähne entledigt sein wollten. Jeder hätte zuerst in der Kutsche sein mögen. Der Marktschreier, der in seinem phantastischen Anzuge, mit seinem schwarzen Schnurrbarte und glänzenden Kraushaare in der That die Menge magisch an sich fesselte, zog aber auch die Zähne mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und Geschicklichkeit heraus. Er hatte genug zu thun, so daß ihm der Schweiß von der Stirn rann. Auf einmal hielt er inne und rief einem auf dem Fußwege neben der Fahrstraße sitzenden fremden Manne, der gar übel jammerte, zu:

„Heda, guter Freund, was sitzt Ihr dort und jammert so sehr? Habt Ihr Zahnweh, so kommt her, es soll Euch schnell geholfen werden.“

Da klagte stöhnend der Mann: „Ihr mir helfen? Das kann kein Mensch. Ich habe schon zehn Doctor gebraucht und es wird immer ärger mit meinem Bauchgrimmen.“

„Ach, ich glaubte, Zahnweh hättet Ihr, weil Euch der Bart so wackelte. Also Ihr leidet an der Cholika. Das ist ein Spaß für mich, sie Euch auf der Stelle zu nehmen, wenn Ihr keinen Bandwurm oder keine Kröte habt, was nach Befund mehrere, bis zu sieben meiner Gläser, erfordert. Kommt nur her,“ sagte der Marktschreier vornehm einladend, holte ein Fläschchen hervor, öffnete es mit wichtiger Miene und gab dem Zögernden den Inhalt zu trinken mit den Worten: „Ich habe Euch etwas Stärkeres gegeben. Es wuß wirken auf die eine oder die andere Weise.“ Alles lachte über die Grimassen, die der Patient schnitt. Jedermann war aber begierig auf die Wirkung der Arznei. Kaum war sie genommen, so fing er zum allgemeinen Gelächter an noch gräßlichere Gesichter zu schneiden. Er winselte furchtbar und setzte sich voller Verzweiflung auf den Erdboden. Der Eindruck des Zahnausreißens, des Geldes war verwischt, der Ruhm des Doctors war dahin. Der Arme krümmte sich auf dem Boden. Auf einmal rief er verzweifelnd: „Ich muß sterben! Helft mir, Ihr guten Leute! O, ich muß sterben!“

Der Doctor sprang von der Kutsche herab und strich ihn mitleidig vom Magen bis zum Halse, und siehe, o Wunder! da entfuhr ihm aus dem Munde ein kleiner Frosch, den der Marktschreier mit der Hand aufzufangen schien – da noch einer, zwei, drei, vier!

Auf einmal wurde der Patient ruhig.

„Wie ist mir?“

„Was habt Ihr denn?“ riefen Alle.

„Was ich habe? Mir ist erdenwohl. Keine Spur mehr von Weh. O, Ihr Leute, ich weiß es selber nicht, wie es ’gangen ist. Aber ich spüre kein Weh mehr, ich bin gesund wie ein Fisch im Wasser.“ So sprach er, noch selbst erstaunt scheinend, über seine Heilung.

Der Glaube der Menge war wieder zurückgekehrt im vollkommensten Maße, das merkte der Schreier gleich, und darum rief er mit seiner gewaltigen Baßstimme, welche den ganzen Tumult überhallte: „Da habt Ihr’s! Ich merke wohl, daß Ihr mir nicht glauben wollt. Jetzt geht heim, legt Euch in’s Bett und behaltet alle Eure Uebel, und ich will dafür sorgen, daß ich zu vernünftigern Menschen komme. Fort, Kutscher!“

Aber daraus wurde nichts. Fünf, zehn, dreißig Hände erhoben sich, von dem Elixir zu begehren. Der Zulauf wurde immer stärker. Kleine Fläschchen verkaufte der Wundermann zu einem, größere zu zwei und mehr Franken. Immer eilten neue Liebhaber herbei. Andere eilten heim, um vielleicht ihr letztes Geld zu holen. Manche ließen sich, weil sie sich schämten, aber nichtsdestoweniger daran glaubten, durch Andere von dem Heilwasser kaufen.

Während der Quacksalber aus der Kutsche heraus unablässig verkaufte, ging ein reizendes junges Mädchen unter der ferner stehenden Menge mit einem mit Fläschchen gefüllten Körbchen einher. Es war in leichte Tänzerinnentracht gekleidet, in weißem rothbordirtem Röckchen, hatte feine grüne Stiefelchen an, die mit rothen Fransen geziert waren, auf dem Kopfe einen kleinen italienischen Strohhut, von dem bunte Bänder herabhingen, und gehörte zur „Gesellschaft“ so gut wie der Fremdling, der Kranke, der durch die Kraft des Elixirs die Frösche gespieen und der am Abend mit dem „Doctor“, seinem Freunde oder Patrone, in dem benachbarten Flecken sich in einem der zahlreichen Gasthäuser bei Wein und Braten gütlich that.

In der Nacht ergänzte der Wunderdoctor seinen stark erschöpften Vorrath durch etwas in der Apotheke gekaufte Farbe und Wohlriechendes, das Uebrige fand er an den auf den öffentlichen Plätzen plätschernden Brunnen.

Zu den erfreulichen Gebräuchen im Elsaß gehört der, jedes Jahr zu Johanni in allen Dörfern auf den Anhöhen ein Feuer anzuzünden. Es ist ein Fest der Jugend, und um die gewaltige Flamme tanzen die jungen Leute, und zuletzt springt in einigen Dörfern Eins nach dem Andern durch die Flamme. In einigen Bergdörfern werden von Schindeln verfertigte runde Scheiben angezündet und flammend den Berg hinabgeschleudert; auch giebt es noch Höhen, welche von dem Gebrauche, feurige Scheiben abwärts zu werfen, „Schyweberge“ heißen, wie z. B. der südwestlich von Rothbach gelegene Berg, dessen vordere, gegen die Ebene gelegene Seite von einem an manchen Stellen noch mächtigen, aus Felsblöcken bestehenden Steinwalle umgeben ist.

Früher wurden die Johannisfeuer Sungihtfihr genannt, weil die Sonne an Johanni awe, wieder abwärts geht. Die Lieder, welche an diesem Feuer gesungen wurden, sind längst verhallt und nur wenige Spuren davon vorhanden. Wie überall haben auch hier unpoetische Menschen, besonders Schulmeister [578] und fanatische Geistliche, ohne Sinn für die althergebrachten Sitten und Gebräuche unserer Voreltern, manche originelle Spur aus der altersgrauen Vorzeit verwischt.

Fort mit den Hexen, fort mit der trüben Geistesnacht, die besonders über den katholische Dörfern des Landes lagert! Licht, mehr Licht! Aber mit Wahrung der alten guten Sitten und frohen Feste und frei von dem traurigen Gefolge der Alles verflachenden Mode, die ihre Zofen, Prunksucht, fieberhafte Genußsucht und in Folge dessen nicht geringe Entsittlichung, überall mit sich führt!




Pariser Bilder und Geschichten.
Von Ludwig Kalisch
Bei Béranger.


Wenn die Gartenlaube auch schon früher ein Lebensbild Béranger’s gebracht hat, so war doch die Persönlichkeit des vom französischen Volke so hochgefeierten Liedersängers eine so interessante und bedeutsame, daß sicher auch jetzt noch charakteristische Züge aus dem Leben des Dichters einer freundlichen Aufnahme sicher sein können. Erlauben Sie mir eine meiner Erinnerungen, die besonders scharfe Schlaglichter auf den Charakter des unvergeßlichen, auch in Deutschland hochgeehrten Mannes wirft, Ihren Lesern heute mitzutheilen.

Béranger liebte die Zurückgezogenheit über Alles; ja, in seinen letzten Lebensjahren versteckte er sich förmlich vor der Welt und war nur für die paar Freunde sichtbar, die ihm der Tod noch nicht entrissen. Ich würde daher nie daran gedacht haben, mich ihm zu nähern, hätte sich mir nicht eine ganz besondere Veranlassung dazu geboten. Ich wurde nämlich beauftragt, ihm eine neue deutsche Uebersetzung seiner Lieder persönlich zuzustellen. Und so machte ich mich denn an einem heitern Maitage 1855 auf den Weg, nachdem es mir, nicht ohne die größte Mühe, gelungen war, seine Wohnung zu erfahren.

Béranger wohnte damals in der Nähe des Tempels und zwar in einem klosterartigen Hause. Drei steile Treppen mußte man ersteigen und dann noch einen unendlich langen, dunkeln Corridor durchmessen, bis man an seine Zimmer gelangte. Ich zog die Schelle. Eine kleine Matrone in einer altfränkischen turbanartigen Haube öffnete mir die Thür und hieß mich eintreten. Diese alte Dame war keine andere als die vielbesungene Lisette.

Ich fand Béranger beim Frühstück.

„Mein Herr,“ sagte er, nachdem er einige Augenblicke den Band durchblättert, den ich ihm übergeben, „es ist mir in der That sehr schmeichelhaft, daß Ihre Landsleute meine armen Lieder so wohlwollend aufnehmen. Leider aber verstehe ich nicht deutsch; ich kann also nicht sehen, wie sich dieselben in Ihrer gewaltigen Sprache ausnehmen. Ich verstehe überhaupt keine fremde Sprache,“ setzte er nach einer Pause hinzu. „Ich habe nie Mittel genug gehabt, um mich mit dem Studium fremder Sprachen zu befassen. Auch hatte ich hinlängliche Arbeit mit der meinigen.“

Ich fragte ihn, ob er niemals in Deutschland gewesen.

„Ich bin nie gereist,“ antwortete er. „Ich bin niemals weiter gekommen als bis nach Tours und Peronne. Es hat mir stets an Geld gefehlt, um mit Bequemlichkeit reisen zu können; und Unbequemlichkeit auf Reisen zu suchen, war eben meine Sache nicht.“

„Ich weiß,“ fuhr er dann fort, „daß Ihre Landsleute der Literatur des Auslandes viel Aufmerksamkeit widmen, und wie ich gehört, sind meine Dichtungen häufig, besonders aber von Chamisso, mit großer Meisterschaft übersetzt worden. Chamisso schickte mir seine deutsche Uebersetzung meiner Chansons, begleitet von einem sehr liebenswürdigen französischen Briefe, in welchem er mich bat, ihm die Schnitzer in seiner Muttersprache nicht übel zu nehmen. Das war aber wohl nicht so ernst gemeint; denn sein Brief war in vortrefflichem Französisch geschrieben.“

Unterdessen hatte mir Béranger einen Stuhl neben seinen Fauteuil gerückt, und während er sein frugales Frühstück fortsetzte, sagte er mir auf einige meiner Bemerkungen über seine Lieder: „Ich war in meiner Jugend nicht ohne Ehrgeiz. Ich wollte etwas recht Großes werden und glaubte, ich könnte als Lustspieldichter herrliche Lorbeeren ernten. Ich blickte natürlich dabei auf Molière, als auf das beste Vorbild. Allein je mehr ich arbeitete, desto riesiger schien mir der Dichter des Tartuffe, desto winziger schien ich mir selbst, und ich gewann endlich die feste Ueberzeugung, daß mir im Dienste der Thalia keine üppigen Kränze blühen werden. Ich wollte aber meine Kräfte nicht anstrengen, um eine Niederlage zu erleben; ich widmete mich also dem Chanson. Das ist ein kleines Genre, dem ich mich gewachsen fühlte. Mein Erfolg war größer, als ich erwartet, viel größer, als ich verdient habe.“

Als ich ihn im Laufe der Unterhaltung fragte, warum er nicht Mitglied der französischen Akademie sei, antwortete er: „Ich weiß, daß man der Akademie oft vorgeworfen, mich nicht unter ihren Mitgliedern zu besitzen. Man thut aber in dieser Beziehung der Akademie großes Unrecht; denn sie hat mir nicht nur einmal, sie hat mir zu wiederholten Malen den von Vielen so eifrig erstrebten Sessel angeboten. Ja, sie hat mir sogar zu verstehen gegeben, daß ich sie verbinden würde, wenn ich mich vorschlagen ließe, da sie sonst den Platz einem Andern würde einräumen müssen, der ihr bei Weitem nicht so angenehm wäre. Ich lehnte jedoch entschieden ab, und zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Grundsatz. Ich wollte nämlich nicht mit meinen leichten Liedern in die eigentliche Literatur eintreten. Meine hochgeschürzte Muse hätte sich in der That unter der Kuppel des Instituts curios genug ausgenommen. Wie dem aber sei, ich habe mich persönlich über die Akademie durchaus nicht zu beklagen und ich habe sie, ein kleines satirisches Gedicht ‚L’académie et le caveau‘ abgerechnet, niemals angegriffen. Wenn ich der Akademie einen Vorwurf machen wollte, so würde er darin bestehen, daß sie mit unserer Sprache allzu eigenmächtig schaltet und waltet, daß sie sich das Recht anmaßt, über unsern Sprachschatz eigenmächtig zu verfügen, ohne die übrigen Mitglieder des Instituts zu Rathe zu ziehen. Wollte die Académie française in ihrem Dictionnaire ein wirkliches Nationaldenkmal schaffen, so müßte sie den vier andern Akademien bereitwilligst Sitz und Stimme einräumen und überhaupt viel liberaler verfahren. Sie verbannt aber aus ihrem Wörterbuche unzählige Wörter und Ausdrücke, deren alle Franzosen und die Verfasser des akademischen Wörterbuchs selbst sich jeden Augenblick bedienen. Das ist lächerlich und daher kommt es auch, daß nichts weniger national ist, als das legitime Dictionnaire der französischen Akademie.“

Ich fragte ferner, ob er noch dichte.

„Seit sechs Jahren,“ antwortete er, „habe ich keinen einzigen Vers zu Stande gebracht; doch habe ich einen Band ungedruckter Gedichte liegen, die nach meinem Tode erscheinen werden.“

Wir kamen jetzt auf die deutsche Literatur und auf Goethe’s Faust zu sprechen. Er kannte diese Tragödie bis in deren Einzelnheiten und fragte mich, ob sie aufgeführt werden könnte, und als ich diese Frage bejahte, war er sehr begierig zu wissen, welche Wirkung sie auf der Bühne hervorbringe. Ich versicherte ihm, daß dieses Meisterwerk ganz bewältigend auf der Bühne sei, wenn die Darsteller ihren Rollen gewachsen, und daß ich im Jahre 1833 in Frankfurt einer Vorstellung des Faust beigewohnt, die auf mich, der ich damals noch blutjung war, einen unauslöschlichen Eindruck hervorbrachte. Er fragte mich nach den Hauptdarstellern, und ich nannte ihm Seydelmann und Fräulein Lindner. Ich mußte ihm diese Namen mehrere Male wiederholen.

Er bemerkte hierauf, daß er in Bezug auf Tragödien seinen eigenen Geschmack habe, daß er nämlich ausschließlich das griechische Trauerspiel liebe. Aeschylus, Sophokles und Euripides seien wahre Tragödiendichter. Ueber das deutsche Trauerspiel wolle er nicht urtheilen, da er es nicht kenne; die französische Tragödie habe ihn aber niemals angemuthet, sie sei kalt, zu conventionell.

Er wußte recht gut, daß Goethe oft über ihn gesprochen, [579] wie ich denn im Laufe des Gesprächs seine große Belesenheit zu bewundern hatte. Béranger, der nicht sehr productiv war, las fast den ganzen Tag, und so oft ich ihm später auf der Straße begegnete, hatte er in den tiefen Seitentaschen seines langen, beinahe bis auf die Füße gehenden Rockes eine Menge Bücher und Revuen stecken, die neugierig in die Welt guckten. Im Laufe der Unterhaltung sprach er häufig von den Alten, die er in verschiedenen guten Uebersetzungen oft gelesen und mit neuer Bewunderung immer wieder las.

Er kam abermals auf Goethe’s „Faust“ zurück und da durch diesen das Gespräch auf Hölle und Teufel gelenkt worden, erwähnte er Dante’s „Hölle“, die er in der eben erschienenen Uebersetzung seines Freundes Lamennais las. Lamennais brachte uns auf das schlüpfrige Feld der Politik. Béranger sprach sich frei und offen über die politischen Zustände Frankreichs aus, und ich hatte Gelegenheit, in diesem Gespräche seine Gesinnungswärme kennen zu lernen. Als die Rede auf den Bonapartismus kam, rief er lebhaft: „Ich war niemals Bonapartist, obgleich ich gegen meinen Wohlthäter Lucien die Schuld der Dankbarkeit abzutragen hatte und sie auch, freilich nach meinen schwachen Kräften, abtrug. Ich habe Napoleon den Ersten besungen, weil er eine poetische Erscheinung ist und meine junge Phantasie beschäftigte, und weil sich eine große Epoche meiner vaterländischen Geschichte an ihn knüpft. Ich habe ihn jedoch erst nach seinem Sturze besungen und ganz besonders deshalb, um die Bourbons zu ärgern, die ich haßte, die ich verabscheute. Sie waren mit unseren Feinden nach Frankreich zurückgekommen und in Begleitung des bezopften Adels, des hochmüthigen Junkerthums, umschwärmt von der lieben Clerisei, von Kutten und Capuzen und was sonst an Eulen und Käuzen aus den ultramontanen Nestern zu schlüpfen pflegt. Ich habe mich über Napoleon niemals getäuscht. Er war Despot von Natur, und ich liebe die Freiheit über Alles.“

„Ich habe jetzt,“ fuhr er nach einer Pause fort, „keine Beziehungen mehr zu den Bonapartes. Bei ihrer Ankunft in Paris 1848 besuchten sie mich. Jerome und sein Sohn dankten mir in den herzlichsten Ausdrücken und versicherten, daß sie niemals vergessen würden, was ich für ihre Familie gethan. Louis Napoleon besuchte mich ebenfalls mehrere Male, aber immer zu einer Stunde, wo er annehmen konnte, mich nicht zu finden. Wenigstens habe ich meine Gründe dies zu vermuthen. Indessen nahm ich mir doch vor, seine Besuche zu erwidern und zwar noch vor seiner Ernennung zum Präsidenten der Republik; denn ich wollte nicht gern antichambriren. Ich schob aber meinen Besuch zu lange auf. Louis Napoleon wurde inzwischen zum Präsidenten der Republik ernannt, und so habe ich ihn nicht gesehen und werde ihn auch niemals sehen.“

Béranger hat auch wirklich Louis Napoleon niemals gesehen; dagegen war er einige Zeit nach meinem Besuche nahe daran, die Bekanntschaft der Kaiserin Eugenie zu machen. Als nämlich dieselbe eines Tages die Chansons las, die sie früher nicht gekannt, war sie davon so sehr entzückt, daß sie gegen eine ihrer Hofdamen den Wunsch äußerte, den Chansonnier persönlich kennen zu lernen. Die Hofdame bemerkte, daß die Erfüllung dieses Wunsches nicht so leicht sein dürfte, da Béranger sich schwerlich dazu verstehen würde, den Fuß in die Tuilerien zu setzen, worauf die Kaiserin entgegnete, Béranger sei ein Greis und sie könne ihn wohl, ohne ihrer kaiserlichen Würde etwas zu vergeben, in seiner Wohnung aufsuchen. Und als die Hofdame einwarf, die kaiserliche Equipage vor der Thür des Chansonniers würde großes Aufsehen erregen und allerlei Klatsch verursachen, entschloß sich Eugenie, den Besuch in einer Droschke zu machen.

Die Hofdame verneigte sich, ermangelte jedoch nicht, den Kaiser von dem Entschlusse seiner Gattin in Kenntniß zu setzen. Der Kaiser lobte die Sympathie Eugeniens für Béranger, bemerkte ihr aber zugleich, daß ihr beabsichtigter Besuch aus vielerlei Gründen unausführbar sei. Hingegen ließ er durch Perrotin, den Verleger Béranger’s, diesem eine Pension anbieten. Béranger lehnte natürlich ab.

Ich komme nach dieser Abschweifung wieder auf meine Unterhaltung mit ihm zurück.

Die rohen und pöbelhaften Angriffe, denen er einige Zeit von Seiten des „Univers“ und der Fusions- und Confusionspartei ausgesetzt war, schmerzten ihn sichtbar. Besonderes Wohlwollen konnte er von diesen Parteien freilich nicht erwarten; daß sie sich aber nicht entblödeten, ihn einen Polisson, einen Sittenverderber und Dummkopf zu nennen, das schien ihn doch viel tiefer zu kränken, als er gestehen mochte. Vielleicht aber kränkte es ihn weniger, auf diese niederträchtige Weise angegriffen zu werden, als zu sehen, daß man in Frankreich solche Gemeinheiten sich erlauben durfte, ohne den Zorn der öffentlichen Meinung zu erregen.

Ich habe oben gesagt, daß Béranger während des Gesprächs sein Frühstück fortsetzte. Dasselbe bestand aus Brod, Butter und einigen Datteln und wurde im Schlafzimmer eingenommen. Mein Stuhl befand sich zwischen dem Bett und dem Tische. Der ärmste Pariser Ouvrier kann nicht einfacher, nicht ärmlicher leben, als der Dichtergreis lebte, dessen Lieder jeder Franzose auswendig weiß, um dessen Gunst die gewaltigsten Minister buhlten und dem es so leicht geworden wäre, große Reichthümer zu erwerben. Allein Béranger hat niemals Reichthum und äußeren Glanz begehrt. Er hat niemals einen hohen Posten verlangt; er hat keinen Titel, keinen Orden angenommen, obgleich man ihm all dies anbot, ja zu Zeiten förmlich aufdrängte. Er hatte sich gegen tausend verlockende Anerbietungen mit allen Kräften zu wehren. Hat ihn doch seine Anspruchslosigkeit zu einem langen, höchst sonderbaren Kampfe mit seinem Verleger getrieben! Béranger verlangte nämlich bloß achthundert Franken jährlicher Rente für seine Lieder, weil er glaubte, diese würden nach und nach in Vergessenheit gerathen. Der Verleger verfünffachte allmählich diese Summe, ohne sich dadurch zu Grunde zu richten.

So gering übrigens Béranger’s Einkünfte waren, er theilte sie dennoch mit den Hülfsbedürftigen und Nothleidenden, ja, er gab die größere Hälfte seines Einkommens hin, ohne es an die große Glocke zu hängen, ohne jemals davon zu sprechen. Die schönen Verse:

Mes besoins ne sont pas nombreux;
Mais, quand je pense aux malheureux,
Je me sens né pour être riche –

waren, wie er bis zu seiner Todesstunde bewiesen, aus tiefstem Herzen gesprochen. Wo seine eigenen Kräfte nicht ausreichten, wendete er sich an einflußreiche Freunde, von denen er niemals etwas für sich selbst verlangte.

Die Persönlichkeit des Dichters war höchst anziehend. Auf seinem breiten heiteren Gesichte, das mehr einen alten rüstigen Landmann als einen Poeten vermuthen ließ, lag die freundlichste Gutmüthigkeit; um seine aufgeworfenen Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln und sein klares großes Auge belebte sich ungemein, wenn er sprach. Seine Unterhaltung war sehr geistvoll, und man hörte ihm um so lieber zu, als er lange und unter den bewegtesten Epochen gelebt, zu den einflußreichsten Männern in vertrautester Beziehung gestanden und auch selbst keine geringe Rolle in der neuesten Geschichte Frankreichs gespielt hat. Welchen Zauber der Chansonnier auf Alle ausübte, die sich ihm näherten, mag Folgendes beweisen.

Als ich einst an einem Sommerabende mit Thackeray vor dem Café Richelieu saß, gesellte sich Appleton, der bekannte amerikanische Buchhändler, zu uns. Er war nach Europa gekommen, um der Krönung des gegenwärtigen Kaisers von Rußland beizuwohnen.

„Ich habe,“ sagte er, „ein gewaltiges Stück Eures Welttheils gesehen und gar viele Eurer politischen, literarischen und artistischen Größen kennen gelernt; aber unter allen diesen Größen hat nur ein Mann einen bleibenden Eindruck in mir zurückgelassen, und dieser Mann ist Béranger.“

Dies ist leicht zu erklären. Bei der persönlichen Bekanntschaft mit bedeutenden Dichtern wird man oft sehr enttäuscht. Der naive Leser hat deren Ideale in sich aufgenommen und hält den Schöpfer derselben ebenfalls für ein Ideal, für einen erhabenen Priester, der mit der weißen Binde um die Schläfen am Altare die heilige Flamme der Menschenliebe nährt und an nichts Irdisches denkt. Nach der ersten Begrüßung hören wir aber von dem erhabenen Priester nur bittere Klagen über die Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit der Recensenten, über die Engherzigkeit und den Geiz der Verleger, allerlei boshafte Bemerkungen über seine Mitbrüder in Apollo und die schmeichelhaftesten Ausdrücke über sich selbst. Bei Béranger erlebte man solche Täuschungen nicht. Er sprach von sich selbst sehr wenig [580] und mit wahrer Bescheidenheit, und von Anderen mit aufrichtigem Wohlwollen. Man fand ihn im Leben, wie man ihn in seinen Dichtungen findet. „Mes chansons, c’est moi,“ hat er gesungen, und sobald man ihn persönlich kennen lernte, überzeugte man sich von der vollen Wahrheit dieser Worte.

Und dieser Mann hatte nicht nur erbitterte Feinde unter den Pfaffen und Reactionären, er hatte auch zahlreiche Widersacher unter den Republikanern. Sie erklärten ihn für einen Komödianten, der seine eigene Rolle spiele. Seine Uneigennützigkeit, seine Verachtung aller irdischen Güter, seine unbegrenzte Wohlthätigkeit, seine Zurückgezogenheit vom Geräusche der Welt: dies Alles war ihnen blos eine auf Effect berechnete und mit Talent durchgeführte Rolle. Nun, wenn Béranger ein Komödiant war, so hätte man zu wünschen, daß es Tausende solcher Komödianten gäbe. Wir armen harmlosen Zuschauer würden dann die Darstellungen auf der Weltbühne gewiß viel erbaulicher und erquicklicher finden.

Während Béranger sprach, warf ich mehrere Male einen Blick auf seine fünfundsiebenzigjährige Freundin, welche, in die Lectüre vertieft, sich an der Unterhaltung nicht betheiligte. Es war dies die zweite, des Poeten würdige Lisette. Die erste Lisette, welche Béranger in seinen ersten Liedern besungen, war ein Schmetterling von der flatterhaftesten Art. Als Béranger sie kennen lernte, hatte er kaum das siebenzehnte Jahr zurückgelegt, hatte sie kaum das sechszehnte Jahr erreicht. Sie war schön, liebenswürdig und gutmüthig, aber auch sehr launenhaft und sehr leichtsinnig. Béranger’s Verhältniß zu ihr dauerte nicht lange; denn bevor noch ein Jahr dahin geschwunden, verschwand sie selbst spurlos wie Schiller’s Mädchen aus der Fremde.

In dieser Lisette hatte Béranger nichts verloren als eine Maitresse. Er sollte bald eine treu ergebene, edelgesinnte und gebildete Freundin in Judith Frère finden. Fräulein Frère, die zweite Lisette, lebte mit dem Dichter seit 1798, seit siebenundfünfzig Jahren. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen. Man bewunderte an ihr die klaren blauen Augen, den tadellosen Wuchs, das wallende blonde Haar und die sanften Gesichtszüge; noch mehr aber bewunderte man an ihr das biedere edle Herz, die aufopferungsfähige Treue und das unermüdliche Streben nach geistiger Vervollkommnung. Sie war sehr unterrichtet und suchte ihre Erholung in der Lectüre. Ich betrachtete ihre gefurchte Stirn und erinnerte mich dabei der herzlichen Verse, die Béranger seiner „Alten“ gewidmet. Sie war drei Jahre älter als er; doch hoffte er, daß sie ihn überleben würde. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Zwei Jahre nach meinem Besuche ward sie ihm entrissen, nachdem sie fast zwei Menschenalter an seiner Seite gelebt. Der greise Chansonnier folgte ihr einige Monate später in’s Grab.




Im Weltengarten.


Von Dr. Hermann J. Klein.


Es liegt tief in des Menschen Natur begründet, daß er gern und oft den Blick emporwendet zu der nächtlich leuchtenden Sternenschaar an der weiten Himmelsdecke, und daß er sehnsüchtig eindringen möchte in Natur und Wesen der funkelnden Himmelslichter, die da droben schweigend ihre uralten Kreise ziehen. Wohl Niemand giebt es, der, aufblickend zu den Sternen, nicht schon gedacht hätte, was das englische Volksliedchen in den Versen ausdrückt:

Funkle, funkle, schöner Stern,
Was du bist, wie wüßt’ ich’s gern!

Was du bist, wie wüßt’ ich’s gern! Das haben Millionen von Menschen Jahrtausende hindurch gedacht, wenn sie das sternbesäete Himmelsgewölbe betrachteten und sehnsüchtige Blicke hinüberschweifen ließen in jene hohen Regionen, deren Durchforschung auf ewig dem Menschengeiste entzogen schien. Aber im Laufe der Zeiten und mit dem Fortschritte der Wissenschaften ist das Unmöglichscheinende zur Wirklichkeit geworden. Von der engen kleinen Warte Erde aus, auf die ihn ein freundliches Geschick gestellt, ist der menschliche Geist emporgestiegen bis in jene entlegenen Regionen, wo die Sonnen wandeln, welche den Gürtel des Orion bilden und wo in dem schimmernden Streifen der Milchstraße „wie Gras der Nacht Myriaden Welten keimen“. Und nicht allein die Gegenwart im Baue des uns sichtbaren Theiles der Welt hat der Mensch erkannt, sondern auch die Vergangenheit liegt vor seinen Blicken. Jahrmillionen hat er durchmessen und gefunden, daß es einst eine Zeit gab, wo die Milchstraße, welche heute ihren mildleuchtenden Gürtel um den Himmel zieht, nicht vorhanden war, und daß eine Zeit kommen wird, in der die Sternenbilder zerrissen sind, die uns noch leuchten, wie sie einst den sidonischen Seefahrern den einsamen Pfad auf den graulichen Wogen des Oceans zeigten.

Die Alten haben, wie bereits bemerkt, von der Natur der Sterne und ihrer Stellung zu einander sowie der Erde gegenüber nichts gewußt. Die Schriften der größten Pilosophen des Alterthums enthalten meist nur thörichte Aussprüche über den Sternenhimmel. So hielt Anaximenes das scheinbare Himmelsgewölbe für eine krystallartige Sphäre, also für eine Art Glasglocke, die über die Erde gestülpt ist. Aristoteles meinte, die Fixsterne seien der Himmelskugel eingeheftet, Ptolemäus glaubte sie dort angewachsen und Demokritus nebst seinem Schüler Metrodarus lehrten, die Fixsterne wären wie Nägel am Krystallhimmel befestigt. Die Kirchenväter gingen noch weiter und nahmen sieben bis zehn wie Zwiebelhäute übereinander liegende gläserne Himmelsschichten an. Diese Meinung hat sich fast während des ganzen Mittelalters erhalten, in einigen Klöstern des südlichen Europa’s sogar noch bis heute, wo selbst ein ehrwürdiger Kirchenfürst, nach dem so viel Aufsehen erregenden Meteorsteinfalle von Aigle, gegen Alexander von Humboldt äußerte, diese Meteorsteine seien nicht Theile des gefallenen Steines selbst, sondern Stücke des durch denselben zerschlagenen krystallenen Himmels.

Die Idee von festen Sphären, an denen die Fixsterne wie Nägel befestigt sein sollten, war bei den Alten dadurch entstanden, daß sie, dem unmittelbaren Eindrucke folgend, alle Sterne für gleich entfernt annahmen, sowie weiter glaubten, daß sie gegeneinander völlig unbeweglich seien und nur gemeinsam täglich um die Erde herumgeführt würden. Diese beiden Annahmen sind aber grundfalsch. Schon Kepler, der unsterbliche deutsche Astronom, rühmte sich, daß er mit dem Nachweise, die Kometen durchschnitten die Bahnen der Planeten, die kugelförmigem Glassphären der Alten zertrümmert habe.

Heute wissen wir, daß die Fixsterne in sehr ungleichen Entfernungen von der Erde sich befinden, und daß man im Großen und Ganzen ihren Abstand von uns in dem Maße bedeutender annehmen kann, als sie uns zahlreicher und lichtschwächer erscheinen. Die hellsten Sterne des Himmels, wie Sirius, die glänzenden Sterne im Orion etc., befinden sich demnach weit näher bei der Erde, als die zahllosen kleinen, lichtschwachen Sternchen, die man eben noch mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Es ist natürlich von großem Interesse, die genaue, etwa in Meilen ausgedrückte Entfernung der hervorragenderen Fixsterne zu kennen, und in der That haben sich die Astronomen sehr viele Mühe gegeben, in dieser Beziehung zu sichern Resultaten zu gelangen; allein lange Zeit hindurch ohne allen und jeden Erfolg. Diese Entfernungen erwiesen sich nämlich als so groß, daß es mittelst der feinsten Meßinstrumente nicht möglich war, sie zu bestimmen. Der Entdecker des wahren Weltsystems, Copernikus, versuchte es zuerst, die Entfernung eines Fixsternes zu messen. Mittelst seiner Instrumente sondirte er den Weltraum bis zu einer Distanz von siebentausend Millionen Meilen rings um die Erde herum, allein die Fixsterne erwiesen sich als weiter abstehend. Fünfzig Jahre später beobachtete Tycho de Brahe mit weit vollkommneren Instrumenten, aber selbst in einer Entfernung von sechszigtausend Millionen Meilen war noch kein Fixstern zu erreichen. Nach weiteren hundertfünfzig Jahren war die Kunst, astronomische Instrumente zu bauen und damit zu beobachten, soweit gediehen, daß der große englische Beobachter Bradley Entfernungen im Weltraume bis zu viertausend [581] Milliarden Meilen sicher bestimmen konnte, aber auch dieses Senkblei reichte nicht bis in die Regionen der Fixsterne. Doch kam es ihnen nahe, und Deutsche waren es, denen endlich die Lösung des Problems gelang.

Fraunhofer, ursprünglich ein armer Glasschleiferlehrling, dem der König von Baiern, als er einst unter dem zusammengestürzten Häuschen seines Lehrherrn halb todt hervorgezogen wurde, aus Mitleid einige Goldstücke schenkte, hatte diese Hand voll Thaler so gut zur Ausbildung seines großen Talentes verwandt, daß er ein paar Jahre später an der Spitze eines optischen Instituts stand, aus welchem astronomische Werkzeuge von einer solchen Vollendung hervorgingen, wie sie die Welt bis dahin nie gesehen hatte. Er stellte ein Instrument her, welches zehnmal stärkere Messungen gestattete, als jenes, dessen sich Bradley bedient hatte. Freilich war damit nur nach einer Seite ein Fortschritt erzielt worden, denn das Instrument bedurfte auch eines Astronomen, der es verstand alle Vorzüge desselben gehörig zu benutzen. Auch der war da.

Friedrich Wilhelm Bessel, früher Handlungslehrling im Hause Külenkamp und Söhne in Bremen, hatte sich der wissenschaftlichen Welt durch Arbeiten bekannt gemacht, welche ein bedeutendes Talent verriethen, und war durch Humboldt’s Vermittelung als Director der neuen Sternwarte nach Königsberg berufen worden. In seine Hände kam das neue Instrument Fraunhofer’s. Bessel wandte es in den Jahren 1837 bis 1840 zu Messungen der Fixsternentfernung an. Aus seinen Beobachtungen geht hervor, daß der Stern Nr. 61 im Sternbilde des Schwans achttausend Milliarden Meilen von uns entfernt ist.

Seit dieser Zeit sind noch viele andere Bestimmungen von Fixsterndistanzen ausgeführt worden und man hat unter Anderen gefunden, daß der glänzende Sirius einundzwanzigtausend, der Stern Wega in der Leyer achtzehntausend, der Stern Arktur zweiunddreißigtausend und der Stern Capella neunundachtzigtausend Milliarden Meilen von uns entfernt ist. Diese Entfernungen sind so groß, daß wir uns ganz und gar keine Vorstellung davon machen können. Ich will daher nur bemerken, daß der Schall, wenn er beispielsweise bis zum Sirius hinaufdringen könnte, dazu dreizehn Millionen Jahre Zeit gebrauchen würde. Die Antwort auf eine nach dort gerichtete Frage würde also sechsundzwanzig Millionen Jahre auf sich warten lassen. Ein Baumwollfaden von größter bisjetzt erreichter Feinheit, der von der Erde zum Sirius reichte, würde ein Gesammtgewicht von fünftausend Millionen Centner besitzen. Der Lichtstrahl durcheilt in jeder Secunde einen Raum von vierzigtausend deutschen Meilen, er umkreist also in einer einzigen Secunde mehr als siebenmal die Erde. Trotz dieser ungeheuren Schnelligkeit gebraucht das Licht fast sechszehn Jahre um vom Sirius bis auf unsere Erde zu gelangen. Jeder Lichtstrahl, der beim Anblicke des Sirius in unser Auge dringt, ist demnach schon vor sechszehn Jahren von diesem Sterne ausgegangen. Weiter folgt hieraus, daß, wenn der Sirius heute aus irgend einem Grunde plötzlich seine Leuchtkraft einbüßte, wir ihn dennoch sechszehn Jahre lang leuchtend erblicken würden, weil der letzte seiner Strahlen uns erst nach Verlauf dieser Zeit erreicht hätte. Was hier vom Sirius gesagt wurde, gilt ähnlich, je nach Maßgabe der Entfernung, auch von den übrigen Fixsternen. Die schwächsten dieser letzteren, welche eben noch in mächtigen Fernrohren als aufglimmende Pünktchen erkannt werden, stehen in so großen Entfernungen, daß der Lichtstrahl drei bis vier Jahrtausende gebraucht, um von dort bis zu uns zu gelangen. Man begreift hiernach leicht, daß es richtig ist, zu behaupten, der gestirnte Himmel zeige sich unsern Blicken nicht wie er ist, sondern wie er vor vielen Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden war.

Wenn man die großen Entfernungen betrachtet, in welchen sich die Fixsterne befinden, und wenn man bedenkt, daß sie uns trotzdem ein so stechend scharfes Licht zusenden, so muß man schon hieraus schließen, daß diese Weltkörper nicht von unserer Sonne erleuchtet werden, sondern, daß sie in ihrer Heimath selbst große, strahlende Sonnen sind. Dieser Schluß ist vollständig richtig, denn das Licht der Fixsterne erweist sich bei näherer Untersuchung mehr oder minder abweichend von der Zusammensetzung unseres Sonnenlichtes. Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und beweisen, daß die Leuchtkraft unserer Sonne weit geringer ist als diejenige mancher Sterne. Der Sirius z. B. ist, wie ich oben bemerkt, einundzwanzigtausend Milliarden Meilen von uns entfernt oder etwas mehr als eine Million Mal so weit als unsere Sonne. Würde aber diese letztere eine Million Mal so weit entfernt, als sie wirklich ist, so müßte sie uns als ein Sternchen erscheinen, das nur den achtundachtzigsten Theil der Helligkeit des Sirius hätte. Folglich besitzt Sirius achtundachtzig Mal mehr Leuchtkraft als unsere Sonne, oder mit andern Worten, er würde, wenn er sich an Stelle unserer Sonne befände, uns achtundachtzig Mal mehr Licht und wahrscheinlich auch Wärme zuschicken, als diese. Auf ähnliche Weise hat sich gefunden, daß der Stern Capella sogar dreihundertsechszig Mal mehr Licht ausstrahlt als unsere Sonne, der Stern Nr. 61 im Schwan dagegen nur 1/200, ein anderer Stern (Nr. 34 Groombridge) gar nur 1/5000 des Sonnenlichtes. Letztere Sterne sind wahrscheinlich erlöschende Sonnen.

Allein nicht nur durch ihre sehr verschiedenen Helligkeiten unterscheiden sich die Fixsterne von unserer Sonne, sondern ein ziemlich bedeutender Theil davon strahlt dazu ein Licht aus, das nicht weiß, sondern intensiv gefärbt ist. Es giebt blaue, rothe, grüne, gelbe, goldfarbene Sterne. Besonders bei den sogenannten Doppelsternen erscheinen die Farben sehr ausgeprägt. Die hierhin gehörigen Fixsterne bilden ganz eigenthümliche Sternsysteme, in welchen sich zwei leuchtende Sonnen umeinander bewegen. In sehr vielen Fällen strahlen die beiden Sonnen, welche ein solches Doppelsternsystem bilden, ein ungleichfarbiges Licht aus; so kennt man weiße und blaue, grüne und blaue, goldfarbige und purpurrothe, weiße und rothe Doppelsterne. Dieselben gewähren im Fernrohre einen reizenden Anblick. Aber ein ganz anderes muß es in der Heimath dieser Doppelsterne sein, wie muß es auf den Planeten aussehen, welche zu diesen Sternsystemen gehören! Wir können uns hiervon eine allgemeine Vorstellung machen. Suchen wir uns zunächst einmal die magische Beleuchtung zu versinnlichen, welche am Firmamente und auf unserer Erde herrschen würde, wenn unsere Sonne statt weiß etwa purpurroth oder glänzend grün erschiene. Denken wir uns jetzt diese Sonne hoch am Himmel stehend; die ganze Natur ist von ihrem purpurfarbenen Lichte übergossen, statt eines blauen Himmels erblicken wir ein schwarzes Firmament; ebenso dunkel und schwarz erscheint das saftige Grün der Auen. Da plötzlich erhebt sich über den Horizont eine zweite goldgelbe Sonne. Mit einem Schlage verwandelt sich der ganze Anblick der Gegend. Ganz verschiedene Farben entstehen und tausendfach gebrochen und zurückgeworfen erscheinen die farbigen Strahlen, allenthalben tausenderlei Abstufungen bietend. Das sind in der That bunte Verhältnisse. Und gleich wie wir Menschen auf unserer Erde uns auf einen klaren, schönen Sonntag freuen, so erwarten vielleicht die Bewohner der Planeten jener Fixsterne mit gleicher Sehnsucht den Aufgang ihrer blauen oder goldgelben Sonne, um eine Landpartie zu machen, oder einen Berg zu besteigen, während die dortigen Maler jedenfalls den heillosen Mischmasch verschiedenfarbiger Beleuchtung verwünschen, oder noch gar in zwei Classen getheilt sind, von denen die eine Bilder malt, welche nur während des ausschließlichen Leuchtens der rothen oder blauen Sonne aufzustellen sind, während die andere auf die Erleuchtung der grünen oder gelben Sonne speculirt.

Doch ich will mich nicht weiter über Dinge verbreiten, von denen ich speciell ebenso wenig weiß, wie der Jesuit Kircher von den Leuten auf dem Planeten Mars oder wie Fontanelle von den Bewohnern des unserer Sonne so nahen Planeten Mercur, die nach der Meinung dieses berühmten Schriftstellers ein ziemlich verbranntes Hirn haben sollen. Uns kann es genügen zu wissen, daß es Systeme giebt, in welchen statt einer Sonne, wie bei uns, zwei und sogar drei und vier Sonnen sich befinden, daß diese Sonnen in vielen Fällen ganz verschiedenfarbiges Licht ausstrahlen, und daß für uns unter diesen Umständen recht bunte und recht schwarze Zustände eintreten würden.

Die nähere Untersuchung der Doppelsterne ist in diesem Jahrhunderte von mehreren Astronomen eifrig betrieben worden; zu welchen interessanten Resultaten man dabei gelangt ist, will ich hier nur an einem einzigen Beispiele zeigen. Im Sternbilde des Schlangenträgers befindet sich unter vielen anderen ein unansehnliches Sternchen, das sich im Fernrohre als doppelt erweist, [582] bestehend aus einem gelben Hauptsterne und einem purpurrothen Begleiter. Dieser Doppelstern ist zuerst von Herschel im Jahre 1779 beobachtet worden und die weiteren Messungen haben ergeben, daß der purpurne Begleiter seinen Hauptstern in sechsundneunzig Jahren einmal umkreist. Ferner hat die Beobachtung gezeigt, daß dieses Sternenpaar fünfundzwanzigtausendfünfhundert Milliarden Meilen von uns entfernt ist, daß der Hauptstern nur ein Fünftel der Leuchtkraft unserer Sonne besitzt, beide Sterne zusammen aber unsere Sonne an Gewicht zwei und drei Viertel Mal übertreffen. Und nun vergegenwärtige man sich die ungeheure Kluft, welche der menschliche Verstand überbrückt hat, indem er von dem bloßen Anblicke dieser Sterne als zweier kleiner Lichtpünktchen bis zu solchen Resultaten sich emporschwang!

Wie wir aber gesehen haben, sind die Entfernungen der Fixsterne so ungeheuer groß, daß wir uns von denselben gar keine sinnliche Vorstellung machen können. Mit diesen ungeheuren Entfernungen correspondirt die ungeheure Anzahl der Fixsterne. Wie mancher der geneigten Leser hat nicht schon bei aufmerksamer Betrachtung des gestirnten Himmels bewundernd der Schaar leuchtender Sterne gedacht, welche in den verschiedensten Helligkeitsabstufungen, bald hier bald da funkelnd, das Auge auf sich lenken! Immer neue Sternchen glaubt der schärfere Blick wahrzunehmen, die Schaar schwillt an; wer möchte sie zählen, wer ihren Ort bestimmen, wer sie alle registriren! In der That, es ist etwas Merkwürdiges um diese Anzahl, um diese dem bloßen Auge sichtbare Sternenmenge, aber nicht wegen ihrer Größe, sondern – wegen ihrer Geringfügigkeit. Es giebt Leute, welche mit großer Zuversicht behaupten, daß der aufwärts gerichtete Blick am nächtlichen Himmel Millionen von Sternen wahrnehme; diese Leute werden sich wohl nicht wenig wundern, wenn ich hier behaupte, daß noch nie ein Mensch mit bloßem Auge zweitausend Sterne gleichzeitig wahrgenommen hat. Auf Grund der genauesten wissenschaftlichen Untersuchungen, wobei alle Sterne der Reihe nach verzeichnet wurden, hat sich ergeben, daß das schärfste menschliche Auge am ganzen Himmelsgewölbe nur sechstausend Sterne wahrzunehmen vermag, wobei wohl zu bemerken ist, daß auch der südliche Himmel, den man jenseits des Erd-Aequators wahrnimmt, mitgerechnet ist. Wenn etwas an dieser Zahl überrascht, so ist es sicherlich ihre Geringfügigkeit. Vielleicht könnte man glauben, es sei doch bei dieser Zählung der eine oder andere Stern vergessen worden; ich will daher bemerken, daß die Astronomen in ihrer statistischen Aufnahme des Himmels viel weiter gegangen sind, daß sie nicht allein die dem bloßen Auge sichtbaren Sterne gezählt, katalogisirt und registrirt, sondern daß sie auch jenes große Heer von Fixsternen bestimmt haben, welches nur durch sehr lichtstarke Ferngläser gesehen werden kann. Erst auf diesem letzten Gebiete, dem der teleskopischen Sterne, fängt die Zahl der Gestirne an in’s Ungeheure zu wachsen. Ehe ich näher auf diese Verhältnisse eingehe, muß ich aber einige Erklärungen voraufschicken.

Man theilt die Sterne, wie den meisten Lesern bekannt sein dürfte, je nach ihrer scheinbaren Helligkeit in eine Anzahl von Classen oder Größenordnungen ein. Die hellsten Sterne, wie Sirius, Wega, Capella etc., gehören zur ersten Größe, Sterne, welche nur den vierten Theil dieser Helligkeit besitzen, zählen zur zweiten Größe, andere, die den vierten Theil des Glanzes der Sterne zweiter Größe haben, rangiren in der dritten Größe etc. Es hat sich nun ergeben, daß man mit bloßem Auge noch Sterne der sechsten Größe wahrnehmen kann, daß dagegen in den den kräftigsten Ferngläsern der Gegenwart noch Fixsterne sichtbar sind, welche zur sechszehnten Größe gehören. Gegenwärtig sind alle Sterne von der ersten bis zur neunten Größe, welche sich an der nördlichen Himmelshälfte befinden, gezählt, und außerdem ist der Ort jedes einzelnen so genau bestimmt, daß man ihn zu jeder Zeit mit Sicherheit finden kann. Und wie groß ist diese Summe? Sie beträgt dreihundertvierzehntausendneunhundertundzwanzig und übertrifft daher mehr als hundertmal die Anzahl der Sterne, welche dem bloßen Auge an der nördlichen Himmelshälfte sichtbar sind.

Um zu dieser Zahl zu gelangen, hat es der fast siebenjährigen ausschließlichen Arbeit der Sternwarte zu Bonn und beinahe einer Million einzelner Beobachtungen bedurft. Betrachtet man die auf diese Weise gewonnenen langen Zahlenreihen genauer, so findet sich, daß jede folgende Sternengröße fast genau dreieinhalbmal so viele Sterne enthält, als die vorhergehende. Diese Bemerkung setzt uns nun in den Stand, annähernd die Zahl sämmtlicher Sterne bis zur sechszehnten Größenclasse, also bis zur Grenze der Sichtbarkeit in unsern Ferngläsern, zu berechnen. Es findet sich dafür die Summe von sechshundertsiebenzehn Millionen. So groß diese Zahl ist, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß sie sich blos auf die nördliche Himmelshälfte bezieht; der südliche Himmel ist aber mindestens ebenso sternreich als der nördliche, so daß wir demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gesammtsumme aller überhaupt in den größten Ferngläsern noch sichtbaren Fixsterne auf eintausendzweihundert Millionen schätzen dürfen.

Diese Zahl wird dazu dienen, eine Ahnung von der Ausdehnung der Sternenwelt zu geben. Wir haben aber gesehen, daß es der Neuzeit gelungen ist, bei einigen Sternen directe Messungen ihrer Entfernung mit Erfolg anzustellen. Die Sterne, bei denen dies gelang, sind die uns nächsten, für die kleinen entfernten aber reichen unsere directen Messungsmittel nicht aus. Hier kann nur, wie schon Herschel gezeigt hat, die Anzahl der Sterne dazu verhelfen, annäherungsweise ihre Entfernung von uns kennen zu lernen. Man hat nämlich gute Gründe zu der Annahme, daß im Durchschnitt alle Sterne ziemlich gleich weit von einander entfernt sind; einige stehen ohne Zweifel näher bei einander, andere sind weiter entfernt, aber wenn man Hunderttausende von Sternen in’s Auge faßt, so gleichen sich die Unterschiede der Entfernungen nahezu aus und es ergiebt sich ein durchschnittlicher Abstand, den man nach Herschel „Siriusweite“ nennt. Steht dies einmal fest, so ist klar, daß der Raum, den eine Anzahl Sterne einnimmt, um so größer sein wird, je größer diese Anzahl selbst ist; kennt man letztere, so kann man auf die Größe des Raumes und die Entfernung der äußersten Sterne zurück schließen. Diese Rechnung hat man, auf Grundlage der obigen Sternzählungen, ausgeführt und gefunden, daß die äußersten Fixsterne so weit von uns entfernt sind, daß ihr Licht drei bis vier Jahrtausende gebraucht, um bis zu uns zu gelangen, wie ich bereits oben angeführt habe.

Ist nun dieser ungeheure Weltengarten das Universum oder ist er nur ein Theil davon? Diese Frage wird sich wohl den meisten Lesern aufdrängen. Ich will daher bemerken, daß dieses ungeheure Sternenheer keineswegs das ganze Universum ausmacht, sondern nur einen kleinen Theil desselben bildet, denjenigen nämlich, der in der Sehweite unserer Ferngläser sich befindet. Aus noch größeren Entfernungen schimmern neblige Gestalten zu uns herüber, die uns, wie ich in meinem Buche „Kosmologische Briefe“ auseinandergesetzt habe, allerdings wichtige Winke über die Entstehung des Sternenhimmels geben; aber im Großen und Ganzen stehen wir hier an der Grenze unseres Forschens, nicht jedoch an der Grenze der Welt! Die Wissenschaft bestätigt das Wort unseres großen Dichters Schiller:


„Steh! du segelst umsonst – vor der Unendlichkeit! – –
 Senke nieder,
 Adlergedank’, dein Gefieder!
 Kühne Seglerin, Phantasie,
 Wirf ein muthloses Anker hie.“




Riesenüberbrückung des größten nordamerikanischen Stroms.


Von Dr. J. J. Richter.


Es war an einem klaren Novembertage, als der Bahnzug nach einer zweitägigen Fahrt durch die Staaten New-York, Pennsylvanien, Ohio, Indiana und Illinois sich dem Mississippi näherte. Noch beschäftigte sich meine Phantasie in der eintönigen Umgebung mit den Eindrücken der vergangenen Nacht. Auf meinem Bette im Schlafwagen liegend, hatte ich den Vorhang, welcher das Fenster verhüllte, zurückgeschoben und lange hinausgeblickt auf die vom Monde beschienene Landschaft. Ausgedehnte Wälder begleiteten

[583]

Die neuerbaute Brücke über den Mississippi bei St. Louis.

den Zug zu beiden Seiten; dann wechselten Pfützen und Sümpfe, in denen eingestürzte Bäume vermoderten, mit Wiesenland, und dazwischen erschien von Zeit zu Zeit ein einsames Farmhaus. Einen merkwürdigen Anblick bot ein hoher, abgestorbener Baum, an welchem, ohne Zweifel von dem Besitzer des Landes angelegt, die Flammen hoch emporzüngelten, eine Riesenkerze eigener Art.

In vollendeter Klarheit ging der Tag auf über den weiten Ebenen von Illinois, und in ungetrübter Reinheit spannte sich der blaue Himmel eines indianischen Sommers über die gleichförmige Landschaft. Endlich, gegen drei Uhr Nachmittags, erreichte der Zug den Bahnhof am Ufer des Mississippi. „Ein sauberer Bahnhof das!“ sagt wohl der verwöhnte Europäer. Denn da ist nichts als ein langes Holzgebäude, vom Wetter und vom Kohlendampfe geschwärzt; darüber erheben sich Gruppen von alten, hohen Bäumen, nicht durch Kunst und zur Zierde dahin gepflanzt, sondern noch ein Rest des echten Urwaldes. Ein tiefer, schwärzlicher Staub bedeckt nicht nur den Boden, sondern mehr oder weniger Alles, was unseren Augen begegnet. Doch – nur wenige Schritte, und wir stehen im Freien. Das Ufer senkt sich rasch dem Strome zu, der in majestätischer Breite, aber schmutzig gelb seine Gewässer vorbeiwälzt, und jenseits dehnen sich, so weit die Blicke reichen, die Häuserreihen der großen Mississippistadt am Ufer aus. Auch dort hebt sich das Ufer und mit ihm die Häusermassen höher und höher, und über alle hoch empor ragt die Kuppel des stattlichen Courthouse, welches den Mittelpunkt der Stadt bildet.

Wie in dem amerikanischen Leben überhaupt die ungeschminkte Natur noch häufig mit der Cultur sich nahe berührt, wie in der Stadt St. Louis selbst sich unbebaute Stellen finden, wo die ursprüngliche Prairie noch erkennbar ist, so stoßen an dem gegenüberliegenden Ufer, das man vom Osten her zuerst erreicht, dicht an die kleinen Städte Illinoistown und Ost-St. Louis die Ponds oder seeartigen Teiche, an deren Rande noch die Reste des Urwaldes sich erheben. In derselben charakteristischen Weise bilden auch die beiden Stromesufer an dieser Stelle einen auffallenden Gegensatz.

Doch der Bus (Omnibus) erwartet uns, um uns an das andere Ufer zur Stadt zu bringen. Mehrere solcher Wagen stehen, alle mit vier Pferden bespannt, am Depôt (Bahnhof) bereit uns aufzunehmen. Wagen, Pferde, Passagiere, Alles ist mit Staub bedeckt. Nachdem wir eingestiegen sind, rasseln sie hintereinander her, über das holprichte Ufer zum Flusse hinab und im Galopp über die Landungsbrücke auf das Dampffährboot. Da stehen sie nun ruhig, bis das Boot, welches fast unmittelbar darnach vom Lande abstößt und den Strom unter dumpfem Gestöhne der Maschine kreuzt, nach einigen Minuten das andere Ufer erreicht hat. Dann geht es wieder im Galopp über die holprichte und staubige Levee (Uferstraße) von St. Louis hinauf in die Straßen der Stadt und zu irgend einem Gasthofe, den der Reisende verlangt. Die Fahrt sowohl im Omnibus als auf dem Fährboote, Alles ist mit dem Ticket, das man in New-York oder sonst wo gelöst hat, bereits bezahlt und verursacht keinen besonderen Aufenthalt und [584] keine besonderen Kosten, ebenso wenig als das Gepäck, für das man in New-York eine messingene, numerirte Marke (Check) erhalten hat, gegen deren Ablieferung man im Gasthofe zu St. Louis sein Gepäck wieder erhält.

Obgleich die bisherigen Einrichtungen für den riesig anwachsenden Verkehr unter den gegebenen Umständen das Mögliche leisteten und in der That vortrefflich waren, so machte sich doch das Bedürfniß nach einer stehenden Brücke über den Mississippi schon lange geltend. Denn, der südlichen Lage ungeachtet, friert der gewaltige Strom oft gänzlich zu, und dann stockt aller Verkehr mit dem jenseitigen Ufer, das heißt mit dem ganzen Osten der Vereinigten Staaten, oft Wochen lang. Es sind besonders zwei Ursachen, welche hierbei ihre klimatischen Einflüsse geltend machen. Die eine ist die Lage inmitten ungeheurer Länderstrecken und weit entfernt vom Meere, wodurch die Gegensätze von Sommerhitze und Winterkälte gesteigert werden. Die zweite ist der Lauf der beiden großen Ströme selbst, welche in nur geringer Entfernung von der Stadt ihre Gewässer vereinigen, des Mississippi und des Missouri; denn sie kommen beide weit von Norden her und führen ihre Eisschollen Tausende von Meilen weit dem Süden zu.

Obwohl nun die fast gänzliche Stockung des Verkehres sowohl zwischen beiden Ufern, das heißt an der großen Handelsstraße vom Osten nach dem Westen, als auch auf dem Strome selbst, wo die vielen Dampfer unbeschäftigt zu liegen hatten, natürlicher Weise ungeheure Nachtheile mit sich brachte, so erforderte doch ein so großartiges Unternehmen, wie die Erbauung einer Brücke, so große Capitalien, und andererseits waren gerade hier so viel eigenthümliche Schwierigkeiten zu besiegen, daß die Stadt zu einer Bevölkerung von nahezu einer halben Million heranwuchs, ehe das kühne Werk zu seiner Vollendung, welche vor wenigen Wochen gefeiert wurde, heranreifen konnte.

Bereits im Jahre 1864 bildete sich eine Gesellschaft zur Erbauung einer Brücke über den Mississippi bei St. Louis. Die Stadt selbst liegt im Staate Missouri, dagegen gehört das andere östliche Ufer zum Staate Illinois. Während es sich nun darum handelte, der Gesellschaft die zu ihrer Unternehmung nöthigen gesetzlichen Rechte und Befugnisse sowohl von Seiten des Staates Missouri, als auch von Seiten der Unionsregierung zu erwerben, bildete sich im Staate Illinois eine zweite Gesellschaft zu demselben Zwecke, welche der ersten den Rang abzulaufen drohte, und von der man glaubte, sie würde die Brücke, den Schlußstein eines Hauptverkehrsweges im Innern der Vorstaaten, zum Vortheil ihres eigenen Staates und der Stadt Chicago und zum Nachtheil von St. Louis ausbeuten. Eine langwierige, heftige Fehde entspann sich zwischen den zwei Gesellschaften, und ein unabsehbarer Proceß drohte das Unternehmen in weite Ferne hinauszurücken. Da gelang es, wie es schon öfter bei amerikanischen Unternehmungen in ähnlicher Weise vorgekommen ist, eine Vereinigung der beiderseitigen Interessen herbeizuführen, und die beiden Gesellschaften verschmolzen sich am 19. März 1868 in eine einzige. Die Ausführung des Baues wurde dem Ingenieur Capitain James B. Eads übertragen, und derselbe machte sich nun alsbald an das Werk.

Noch vergingen anderthalb Jahre mit den Vorbereitungen jeder Art, bis an der dazu bestimmten Stelle des Stromes selbst mit der Arbeit begonnen werden konnte. Denn ein höchst schwieriger, noch nie in solchem Umfange ausgeführter Theil des Baues war die Errichtung der Pfeiler in dem tiefen, reißenden Gewässer, dessen Bett mit einem fast unergründlichen Schlamm bedeckt ist. Drei Bogen sollten den ganzen Strom überspannen, deren mittlerer fünfhundertzwanzig, die beiden andern je fünfhundert Fuß weit sein sollten. Es waren also vier Pfeiler nöthig, zwei am Ufer und zwei im Flusse. Diese zwei letzteren, sowie der Pfeiler am Illinoisufer, wurden durch langsame Versenkung ungeheuerer eiserner Caissons (Kästen) aufgeführt, auf denen das Mauerwerk der Pfeiler sich erhob. Der erste derselben wurde am 17. October 1869 von einem Eisenwerk zu Carondelet, einer Vorstadt von St. Louis, auf zwei Schleppdampfer gebracht und an seiner bestimmten Stelle, fünfhundert Fuß von der Ostseite des Flusses entfernt aufgestellt, bis am andern Morgen die Versenkung selbst begann. Derselbe war aus Schmiedeeisen, fünftausend Centner schwer, zweiundachtzig Fuß lang, sechszig Fuß weit, achtzehn Fuß hoch und enthielt sieben Luftkammern. Hundertfünfundsiebzig Arbeiter waren mit der Versenkung dieses Eisenkastens und dem Aufbau des Pfeilers beschäftigt, bis jener am 1. März 1870 den felsigen Grund des Flusses, dreiundneunzig Fuß tief unter der Oberfläche des Wassers (dem mittleren Wasserstand), erreichte. Freudenschüsse verkündeten der Stadt das bedeutsame Ereigniß. Ein großer Theil der Arbeit war während der Nacht vollendet worden, indem zwei Calciumlichter und eine Anzahl Reflectoren das Innere des Werkes erhellten. Ebenso tief ruht auch der andere Flußpfeiler, während der Pfeiler an dem Ufer von Illinois hundertzwanzig Fuß tief unter dem Wasser ruht. Von der Oberfläche des Wassers an wurden sämmtliche Pfeiler noch fünfzig Fuß hoch weiter geführt.

Die Versenkung der Caissons selbst nun geschah auf folgende Weise. Dieselben haben die sechseckige längliche Gestalt der auf ihnen ruhenden Steinpfeiler und sind nach unten offen. Sie kamen an der ihnen bestimmten Stelle mit der unteren, offenen Seite auf den Sand und Schlamm im Strom zu ruhen und senkten sich in dem Maße allmählich tiefer, als der Schlamm unter ihnen nach oben herausgeschafft wurde, und in demselben Maße wurde auch das Mauerwerk auf der Oberfläche der eisernen Caissons allmählich aufgebaut. In der Mitte jedoch wurde eine Oeffnung frei gelassen und so ein gerade aufwärts führender Schacht mit aufgebaut, in welchem eine Wendeltreppe sich befand und die Arbeiter sowohl als die Besucher bequem nach oben oder unten führte. Andere, kleinere Schachte wurden ebenfalls in dem Mauerwerk offen gelassen, welche zu verschiedenen Zwecken, wie z. B. zum Auspumpen des Sandes nach der Oberfläche, dienten.

Je tiefer die Caissons sanken und je höher auf ihnen das Mauerwerk allmählich stieg, desto gewaltiger wurde der Druck, den sowohl das Mauerwerk von oben, als die Sandmassen von den Seiten her auf die eisernen Gehäuse ausübten. Um diesem Drucke mit der dazu nöthigen Kraft entgegenzuwirken, wurde die Luft im Innern der Caissons vermittelst kolossaler Luftpumpen, welche ebenfalls durch Schachte mit dem Innern in Verbindung standen, fortwährend mehr und mehr verdichtet. In einer Tiefe von fünfundneunzig Fuß unter dem Wasser war ein Druck von drei Atmosphären, das heißt ein dreimal stärkerer als der gewöhnliche Druck der Luft, erforderlich, um dem Drucke von zwanzigtausend Tonnen auf die Oberfläche der Caissons das Gleichgewicht zu halten. Natürlich konnten die Arbeiter diesen Druck nicht sehr lange ertragen und mußten alle zwei Stunden gewechselt werden.

Die Besucher traten zuerst von der Wendeltreppe her durch eine Thür in eine kleine Vorkammer. Darauf wurde, bevor sie durch eine andere Thür in die Luftkammer der Caissons selbst eintreten konnten, durch Oeffnung eines Krahnes die verdichtete Luft in die Vorkammer hereingelassen. Mancher wurde durch die Gewalt der einströmenden Luft zu Boden geworfen, und das Athmen war bedenklich erschwert. Durch dieselbe Gewalt wurde nun die Thür, durch welche man eingetreten war, fest verschlossen, dagegen konnte man die andere, welche in das Innere der Caissons führte, jetzt mit Leichtigkeit öffnen. War man vollends hinein, so wurde die verdichtete Luft in der Vorkammer durch ein Ventil nach oben entlassen, und dann konnte die erste Thür, welche zu der Wendeltreppe führte, wieder mit Leichtigkeit geöffnet werden, während jetzt die andere wieder fest verschlossen war.

Nachdem die Caissons auf die beschriebene Weise durch den Sand und Schlamm hindurch bis auf den felsigen Grund des Stromes gelangt waren, wurden sowohl die Luftkammern, das heißt die offenen Räume in denselben, als auch die bisher offen gelassenen, durch das auf ihnen aufgeführte Mauerwerk der Pfeiler führenden großen und kleinen Schachte sämmtlich mit einer Mischung von Cement und Stein ausgegossen und somit waren dann die Pfeiler bis zur Oberfläche des Wassers vollendet. Noch ist nachträglich zu erwähnen, daß das Innere der Caissons mit der Oberwelt auch durch einen Telegraphen in Verbindung gesetzt war, was, nach der Versicherung der Ingenieure, nicht wenig dazu beitrug, daß die Arbeiter mit Muth und Vertrauen sich ihrer schwierigen Aufgabe unterzogen.

Dreierlei Gestein wurde für das Mauerwerk der Pfeiler benutzt. Zuerst der gelbliche Kalkstein von Graston in Illinois (etwa sechszig englische Meilen nördlich von St. Louis, wo der [585] Illinoisfluß in den Mississippi mündet) von unten herauf bis zwei Fuß unter dem niedrigsten Stand des Wassers; darauf folgt Granit bis zu einer Höhe von zwei Fuß über dem höchsten Wasserstand, und zuletzt Sandstein. Die Brückenbogen selbst sind aus einer Anzahl hohler Cylinder von Gußstahl zusammengesetzt und tragen auf eisernen Balken zuerst einen fünfzig Fuß breiten Weg für die Eisenbahnen mit zwei Doppelgleisen, und achtzehn Fuß hoch darüber einen zweiten für das andere Fuhrwerk, vierunddreißig Fuß breit, mit je einem Fußweg von acht Fuß Breite zu beiden Seiten. Die Brücke setzt sich auf dem Lande nach beiden Seiten hin mit fünf steinernen Bogen von sechsundzwanzig Fuß Weite für den Eisenbahnweg, und über diesem mit zwanzig kleineren Bogen für den oberen Weg weiter und geht dann in der Stadt St. Louis in einen Tunnel von etwa einer englischen Meile Länge über, der in den großen Centralbahnhof mündet. Die Länge der ganzen Brücke vom östlichen Ufer an bis zur Einmündung in den Tunnel beträgt zweitausendzweihundertunddreißig Fuß. Sie wird von anderen in dieser Hinsicht wohl übertroffen, dagegen ist sie einzig durch die Weite ihrer Bogen und durch die Tiefe ihres Fundamentes. Die Kosten beliefen sich schon im Sommer des vergangenen Jahres auf mehr als sieben Millionen Dollars und werden wohl die Höhe von zehn Millionen erreicht haben.

Unberechenbare Vortheile erwartet man für die Stadt St. Louis von dieser neuen Riesenbrücke. Denn bei jenem ungeheueren Reichthum an Rohmaterial, wie Eisen, Kupfer, Kohlen etc., welcher den Staat Missouri auszeichnet, und der Lage im Mittelpunkte eines weiten Gebiets, dessen Handelswege alle hier zusammenlaufen, ist die dadurch vollbrachte Erleichterung des Verkehrs mit den weitreichendsten Folgen für die materielle Entwickelung dieses Theils der Vereinigten Staaten verknüpft. Von dem bisherigen Aufschwunge dieser Stadt mögen folgende wenige Thatsachen einen Begriff geben. Die Zahl der Eisenwerke und Hochöfen ist seit dem Jahre 1870 von elf auf dreiundvierzig gestiegen. Vierzehn Eisenbahnlinien münden in St. Louis, und acht andere sind theils projectirt, theils schon im Bau begriffen. Die Zahl der großen und prächtigen Mississippidampfer, welche jährlich ein- und auslaufen, beläuft sich auf nicht weniger als dreitausend. Die Bevölkerung der Stadt, welche von hundertsechszigtausend im Jahre 1860 auf dreihundertzehntausend im Jahre 1870 gestiegen war, wird jetzt bereits auf vierhundertfünfzigtausend geschätzt.

Schon vorher war der Anblick der Stadt St. Louis von dem jenseitigen Ufer des Mississipi her ein wenn nicht gerade schöner, doch gewiß imposanter. Die Flußseiten großer Handelsstädte pflegen selten einladend oder schön auszusehen. Doch die Fahrt über die hohe Brücke, mit der an dem Ufer weithin ausgestreckten Stadt vor sich und dem gewaltigen Strom unter sich, hat jetzt den ersten Eindruck dieser Metropole des Westens zu einem wahrhaft großartigen erhoben.




Blätter und Blüthen.


Einer von der alten Garde. Wer im Laufe der letzten Jahrzehnte so glücklich war, die Perlen der schlesischen Bäder, Warmbrunn, Landeck oder Salzbrunn, besuchen zu können, der wird möglicher Weise – wenn sein Aufenthalt dort längere Zeit währte, als es sonst dem flüchtigen Touristen vergönnt ist – auch von dem Manne gehört haben, den ich meine. Haben sie doch in einem dieser Badeorte, dem liebenswürdigen alten Herrn zu Ehren, einem seiner Lieblingsplätzchen im rauschenden Waldesgrün seinen Namen gegeben! Der Taufvater dieses schönen Fleckchens Erde war der pensionirte königlich preußische Oberst vom 1. Garderegiment zu Fuß, Wilhelm von Studnitz!

Ich hatte das Glück, den ehrwürdigen Greis näher kennen zu lernen. Die Plauderstunden an seiner Seite werden mir unvergeßlich bleiben, ebenso die Vorzüge seines Geistes und Gemüthes. Es war sein hoher Stolz, mit Ausnahme des Kaiser-Königs, der älteste Officier in der preußischen Armee zu sein, welcher die Uniform des berühmten 1. Garderegiments zu Fuß trug. Als blutjunger Fähndrich und Lieutenant hatte er den Feldzug von 1813 mitgekämpft. Welche Fülle von interessanten Mittheilungen verdanke ich seiner Güte! Dieser Brunnen quoll fast unerschöpflich und ich wurde nicht müde, dem alten Herrn zu lauschen.

Seine letzten Lebensjahre verschönte er sich durch eine treue Hingabe an die Kunst. So war auch ich ihm näher getreten und fast ein täglicher Gast seines Hauses. Seine Unterhaltung war geistvoll und lebhaft, wenn auch hier und da das Greisenalter seinem Gedächtnisse, namentlich was Ortsnamen und Localbezeichnungen betraf, einigen Abbruch that. Manches köstliche Wort aus seinem Munde ziert mein Tagebuch und ich will – mit der stillen Absicht, dem freundlichen alten Herrn im Herzen der Leser ein kleines Denkmal zu setzen – Einiges von allgemeinerem Interesse mittheilen.

Friedrich Wilhelm den Dritten verehrte der alte Herr sehr hoch. Von dessen sprüchwörtlicher Gerechtigkeitsliebe kannte er mehrere Beispiele.

„Der König,“ erzählte mein greiser Oberst, „befand sich eines Abends während der Vorstellung in seiner kleinen Loge im königlichen Schauspielhause. Das scharfe Auge desselben bemerkt während des ersten Actes im Parquet drei nebeneinander sitzende Fähndriche. Nun hatte der König vor nicht langer Zeit eine Cabinetsordre erlassen, welche ein besonderes Abzeichen an den Uniformen der Fähndriche decretirte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welcher Art dieses Abzeichen war. Genug, der König bemerkt die drei jungen Herren, bemerkt aber auch gleichzeitig, daß an ihren Uniformen das erwähnte Abzeichen fehlt. In militärischen Dingen war Friedrich Wilhelm der Dritte äußerst streng. Er wartet, bis der Act zu Ende ist, dann öffnet er seine Logenthür und ruft den dienstthuenden Adjutanten. In seiner kurzen, fast unverständlichen Weise spricht er zu diesem mit allen Zeichen des Unmuths im Antlitze, indem er ihm die Fähndriche zeigt:

‚Sehen – drei Fähndriche da unten?‘

‚Zu Befehl, Majestät!‘

‚Sofort hinuntergehen – fragen – woher kommen!‘

Der Adjutant verschwindet und der König nimmt seinen Platz wieder ein.

Die drei Fähndriche waren aus einer fernen Garnison – wenn ich nicht irre, Neisse – auf einige Tage zum Besuche nach Berlin gekommen. Sie trugen das bewußte Abzeichen allerdings nicht. Entweder war die Cabinetsordre in ihrer Garnison noch nicht perfect geworden oder sie hatten in jugendlichem Leichtsinne vergessen, der neuen Einrichtung nachzukommen.

Der Adjutant läßt, am Parqueteingange angelangt, durch den Logenschließer den ältesten der drei Herren auffordern, sich zu ihm zu bemühen. Derselbe erscheint und der Officier theilt ihm mit, daß der König mit allen Zeichen der Ungnade ihm aufgetragen habe, sich zu erkundigen, aus welcher Garnison die Herren nach Berlin gekommen seien. Ganz betreten giebt der Fähndrich sofortige Auskunft und der Adjutant entfernt sich wieder. Der junge Mann kehrt zu seinen Cameraden zurück und theilt ihnen die eben stattgehabte Unterredung mit. Alle Drei hatten natürlich schon früher den König in seiner Loge bemerkt und sind nun im höchsten Grade niedergedonnert. Ein kurzer Kriegsrath und die drei Herren Fähndriche halten es für gerathen, noch vor Beginn des folgenden Actes den Rückzug anzutreten.

Friedrich Wilhelm der Dritte hat währenddem die jungen Leute nicht aus den Augen gelassen. Er bemerkt, daß der Logenschließer einen der Beobachteten citirt, daß dieser kurz darauf zurückkehrt, daß einige scheue Blicke auf seine Loge fallen und daß schließlich die drei jungen Herren ihre Plätze verlassen und nicht zurückkehren.

Der Adjutant erscheint wieder vor dem Monarchen.

‚Wo sind Fähndriche?‘ empfängt ihn der König, indem er auf die leergewordenen Plätze zeigt.

Ganz bestürzt antwortet der Officier: ‚In der That – Majestät – ich weiß nicht –‘

‚Was haben da unten gesagt?‘

‚Nachdem ich mir einen der Herren hatte herausrufen lassen, theilte ich ihm mit, daß Majestät mit allen Zeichen der Ungnade mich beauftragt hätten, die Garnison der Herren zu erforschen –‘

‚Habe nichts von Ungnade gesagt – arme Jungen – haben Angst bekommen – sind davongelaufen – gehen Sie – zurückholen – sollen ruhig sitzen bleiben!‘

Der arme Adjutant kam zu spät. Die Herren Fähndriche hatten sich mit ‚affenartiger Geschwindigkeit‘ rückwärts concentrirt und waren dem Hause bereits enteilt. Der bestürzte Officier kommt zurück und erstattet dem Könige Rapport.

‚Sehen Sie – kommt davon, wenn meine Befehle nicht genau vollzogen werden! – Ist Ihre Sache – erkundigen sich morgen nach jungen Leuten – sollen Nachurlaub haben, damit Vorstellung sehen können – ihr Vergnügen gestört worden – hatte nicht befohlen – wenn gefunden, sollen zu mir kommen – künftig nur sagen, was befehle!‘

Die Fähndrichssuche des folgenden Tages trug das Ihrige dazu bei, daß die Worte des Königs dem Gedächtnisse seines Adjutanten nicht so bald verloren gingen.“ –

Die Gerechtigkeitsliebe Friedrich Wilhelm’s des Dritten kam auch manchmal zu sehr drastischem Ausdrucke, wie das folgende Beispiel beweist.

Wenn der König Spazierfahrten für einen Tag unternahm, nach Charlottenburg, Potsdam etc., von welchen er meist spät Abends wieder nach Berlin zurückkehrte, so hatte der Küchenmeister ein- für allemal Befehl, dafür zu sorgen, daß es an Speise und Trank – auch für die Dienerschaft – am Ziele der Spazierfahrt nicht fehle. Der Küchenmeister half sich nun, wenn das Mitgeführte aus irgend welchem Grunde dem Bedürfnisse nicht genügte, damit, daß er die niedere Dienerschaft für die ausgefallene Beköstigung in baarem Gelde entschädigte. Dem Könige war dies hinterbracht worden. Eines Abends fragt er beim Einsteigen den Kutscher:

„Hat Ihm X. heute zu essen gegeben?“

„Zu Befehl, Majestät – nein!“

„Warum nicht?“

„Er hatte nichts mehr, Majestät. Aber hier den Thaler hat er mir gegeben.“

„Geb’ Er!“

Der König nimmt dem Kutscher den Thaler ab. Nach erfolgter Ankunft in Berlin läßt er den Küchenmeister sofort in sein Zimmer rufen. Der erschrockene Mann, der durchaus nicht begreifen kann, was die Majestät zu so später Stunde von ihm zu verlangen beabsichtigt, erscheint.


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[586] Der König geht auf ihn zu, nimmt den Thaler des Kutschers in die Hand und hält diesen in die nächste Nähe des küchenmeisterlichen Mundes.

„Da – ess’ Er!“

„Majestät – ich –“

„Ess’ Er!“

„Majestät – wie kann ich –“

„Er kann nicht? – Hm! – Kutscher soll aber können! – Kann er satt werden von Thaler, wenn Hunger hat? Leute sollen Essen haben, nicht Thaler – ich will’s!“

Die derbe Logik des Königs soll vom besten Erfolge gewesen sein.

Chronologisch gehört hierher auch eine andere kleine Mittheilung meines liebenswürdigen Gewährsmannes. Hat sie auch mit der Person des Königs direct durchaus nichts zu thun, so fällt sie doch in seine Zeit und mag darum hier Platz finden.

In den ersten Decennien dieses Jahrhunderts lebte in Potsdam der alte General von P. als Pensionär. Er hatte seine militärische Carrière als Cornet unter dem großen Fritz begonnen. Der alte General war stets ein tüchtiger Haudegen gewesen, aber Alles, was über den Begriff der streng militärischen Bildung hinausging, war ihm eine terra incognita. Seine sonstigen sonderbaren Manieren machten ihn sehr häufig zur Zielscheibe von kleinen Scherzen der jüngeren Officiere. Friedrich Wilhelm der Dritte hörte von solchen Scherzen sehr ungern und hatte immer eine höchstpersönliche Genugthuung für den alten Herrn bereit. Aber einmal hat er doch auch herzlich über den General von P. lachen müssen und zwar wegen des Folgenden:

Der frühere napoleonische Marschall Bernadotte hat es bekanntlich bis zum Könige von Schweden gebracht. Sein Sohn und späterer Nachfolger war einige Jahre vor seiner Thronbesteigung, während einer Reise auf dem Continente der Gast des Berliner Hofes. Der hohe Reisende ließ es sich während seines Aufenthaltes sehr angelegen sein, die Sehenswürdigkeiten der Residenzstädte Berlin und Potsdam kennen zu lernen. So durchwanderte die schwedische Hoheit auch eines Tages in Begleitung eines zahlreichen Gefolges, unter welchem sich auch der alte General von P. befand, die Gärten von Sanssouci und dessen Umgebungen. Eine – zur damaligen Zeit wenigstens – sehr primitive Fähre führte über einen kleinen Flußarm. Zu beiden Seiten dieses Flußarmes befanden sich damals – ob noch heute, konnte mein greiser Erzähler nicht behaupten – mehrere nicht sehr kunstvoll ausgefallene Statuen berühmter Männer, unter anderen die des schwedischen Helden im dreißigjährigen Kriege, des Königs Gustav Adolf. Als der hohe Gast mit seinem Gefolge in die Nähe des Steinbildes seines großen Vorgängers gekommen war, machte ihn Jemand auf die Statue aufmerksam. Der Kronprinz von Schweden, der Sohn des französischen Marschalls Bernadotte, blieb einen Augenblick stehen, mit forschendem Blicke das Antlitz des Steinbildes musternd. Da ließ sich plötzlich während der allgemeinen Stille die halblaute Stimme des Generals von P. hören, der seinem nächsten Nachbar bemerkte:

„Es ist doch sonderbar mit der Familienähnlichkeit! – Vergleichen Sie einmal, meine Herren! – Die Züge Sr. Hoheit ähneln doch auf das Täuschendste dem Antlitze seines erlauchten Ahnherrn, dessen Statue er jetzt so forschend betrachtet!“

Nicht alle Herren aus dem Gefolge vermochten hier eine berechtigte Heiterkeit zu unterdrücken. Der Kronprinz von Schweden bemerkte diese Heiterkeit. Im Weiterschreiten frug er einen seiner distinguirtesten Begleiter nach der Ursache. Als ihm Bescheid geworden, theilte er diese Heiterkeit vollständig. Friedrich Wilhelm der Dritte und sein Gast sollen über die tiefsinnige Betrachtung des General von P. herzlich gelacht haben.

Für seinen „Herrn“, den Kaiser Wilhelm, schwärmte er aus vollem, treuem Soldatenherzen. Am 22. März, dem Geburtstage des hohen Herrn, begab ich mich zu dem Oberst. Ich fand ihn in voller Uniform, mit seinen Orden und Ehrenzeichen geschmückt. Es läßt sich nicht leugnen, die Uniform übt einen magischen Einfluß auf einen alten Militär. Der Greis des Civilrocks verschwindet und der alte Soldat reckt und streckt sich noch einmal zu früherer Strammheit, sobald er in „seines Königs Rock“ steckt. Ich machte dem alten Herrn mein Compliment über seine stattliche Erscheinung. Er seufzte trotz der Heiterkeit, die entschieden auf seinem freundlichen Gesichte thronte.

„Zu Ehren meines Herrn trage ich nochmals die Uniform! – Ich ahne, es ist zum letzten Male! –“

Zwei Monate später ist er heimgegangen, der älteste Officier des ersten Garderegiments z. F. Er ruhe in Frieden! –

Arno Hempel.




Schulze-Delitzsch in Frankreich. Auch Schulze-Delitzsch hat bekanntlich zu der großen Anzahl hervorragender Vertreter der deutschen Demokratie, der deutschen Wissenschaft und Geistesbewegung gehört, die in und nach dem Kriege von 1870 und 1871 mit dem vollen Gewichte ihres ermuthigenden Zeugnisses, der ganzen Kraft ihres Urtheils und ihrer Ueberzeugungen, für den nationalen Gedanken und für den gerechten Kampf ihres Vaterlandes eingetreten sind. Es hat sich diese patriotische Gesinnung des bewährten Freiheitsmannes und socialen Organisators, abgesehen von sonstigen Aeußerungen, ganz unzweideutig in den drei offenen Briefen ausgeprägt, die er an den Italiener Vigano über die Frage geschrieben, ob Deutschland nach dem Tage bei Sedan von einer weiteren Verfolgung des Krieges hätte abstehen sollen oder können; sie hat sich ferner mit aller Schärfe und Wärme in einem Vortrage offenbart, den Schulze erst vor Kurzem in Leipzig gehalten und unter der Ueberschrift „Deutschland und Frankreich nach dem Frieden“ in Lindau’s „Gegenwart“ veröffentlicht hat. Bestimmte Anzeichen machen es unzweifelhaft, daß man diese Manifestationen in Frankreich kennt und beachtet hat, es ist gewiß, daß der Verfasser derselben bei allen Chauvinisten, allen Wortführern des französischen Haß- und Revanchegeistes, ein wenig beliebter Name ist.

Ob dieser lärmende Haufe drüben an Einfluß verloren, oder ob nur einzelne Besonnene allmählich den Versuch machen, dem einschüchternden Wuthgeschrei einer sinn- und gedankenlosen Tollheit entgegen zu wirken? Noch läßt sich darüber Bestimmtes nicht sagen. Gegenüber den wüsten und meistens sehr pöbelhaften Verkleinerungen deutschen Geistes und Wesens aber, durch welche in den letzten Jahren die Intelligenz Frankreichs sich nur selber herabgewürdigt und in wahrhaft mitleiderregender Weise blamirt hat, erscheint es immerhin als ein Symptom mehr beruhigter Stimmungen, daß gegenwärtig schon die französische Uebersetzung eines deutschen Buches, des berühmten „Arbeiterkatechismus“ von Schulze-Delitzsch, sich in Paris mit der ausgesprochenen Absicht an das Licht wagen darf, den Franzosen hier etwas Bedeutsames zu lehren, was sie in ihrer eigenen Literatur und Culturbewegung nicht aufzuweisen haben.

Herr Benjamin Rampal ist es, der den Muth hatte und es für eine „Pflicht des Patriotismus“ hielt, seinen wider unsere Nation nur in leidenschaftlichen Zornausbrüchen sich ergehenden Landsleuten dieses Kleinod deutscher Geistesarbeit so unbefangen und ruhig darzubieten, wie heute noch bei uns jede irgend werthvolle französische Leistung aufgenommen wird. Nur einmal berührt er dabei den nationalen Widerstreit, indem er die Ueberzeugungen Schulze’s in Betreff der französischen Politik zu widerlegen sich bemüht. Es geschieht das aber nicht in der unverschämten Weise eines Alexander Dumas jun. und des Pariser Preßpöbels, sondern in einem Tone maßvoller Erörterung, der Achtung und Theilnahme erwecken muß.

Das bezeichnete französische Werk ist bei Guillomin und Compagnie in Paris erschienen und führt den Titel „Cours d’Économie politique à l’usage des Ouvriers et des Artisans par Schulze-Delitzsch“. Erst der zweite Band enthält die sehr geschickte und sorgfältige Uebersetzung des „Arbeiterkatechismus“, während der erste einleitende Theil eine ausführliche Biographie und Würdigung Schulze’s, ein wahrheitsgetreu und in warmen Zügen entworfenes Bild seiner Persönlichkeit, seines Lebens und Wirkens auf dem politischen und wirthschaftlichen Felde bietet, sowie eine kritisch-wissenschaftliche Beleuchtung des Genossenschaftswesens, seiner Entwickelung und der dieser großen Schöpfung zu Grunde liegenden ökonomischen Gedanken. Auch der bekannte Brief an Lassalle in Betreff der „Aufhebung des Risico“, sowie viele andere bezeichnende und eingreifende Stellen aus den Vorträgen Schulze’s sind zur Ergänzung der ebenso gediegenen als eindrucksvollen Schilderung mitgetheilt. In der Vorrede sagt der Biograph und Uebersetzer von dem „Arbeiterkatechismus“: „Wir kennen weder in unserer Literatur, noch in der Literatur eines anderen Volkes eine Arbeit, die in einer so gemeinfaßlichen Darstellung besser die großen Fragen behandelt, die in so außerordentlichem Grade die Geister des civilisirten Europa beschäftigen. Gegenüber den tiefen socialen Zerwürfnissen, welche die französische Gesellschaft spalten, haben wir es für eine patriotische Pflicht gehalten, die Stimme eines Mannes sprechen zu lassen, dessen Leben dem Studium jener heißen Fragen gewidmet war und dessen Autorität die doppelte Weihe der Wissenschaft und der praktischen Erfahrung erhalten hat.“

Es ist nur ein Buch, um das es sich handelt, aber die Erscheinung hat für uns in zweifacher Hinsicht etwas Tröstliches. Indem sie die gebildete französische Welt nach einer bestimmten Seite hin zu einer ruhigen Beschäftigung mit deutschem Leben, Leisten und Wirken auffordert, die nur günstig auf das Entstehen versöhnlicher Neigungen wirken kann, bahnt sie zugleich dem Werke unseres Schulze-Delitzsch, den Grundsätzen der Selbsthülfe und der Genossenschaftsbewegung neue Wege, auf denen ihre erlösende und versöhnende Kraft sich bewähren kann.




Noch eine Erinnerung an David Friedrich Strauß. Einer meiner Freunde, ein alter Apotheker, hatte im Jahre 1864 im Bade Homburg das Glück, den berühmten Verfasser vom „Leben Jesu“ kennen zu lernen und sich mehrere Wochen lang seines und seiner liebenswürdigen Familie täglichen Umganges zu erfreuen. Mein Freund, der sich etwas mit Naturwissenschaften beschäftigte, pflegte dort nicht allein Pflanzen und Steine, sondern auch Land- und Wasserschnecken zu sammeln, was auch auf den gemeinschaftlichen Spaziergängen mit der Familie Strauß geschah und den großen Gelehrten sehr zu interessiren schien. Als nun mein Freund vor seiner Abreise den Wunsch äußerte, für seine Autographensammlung ein paar Zeilen von Strauß zu erhalten, erhielt er nach wenigen Stunden von ihm folgendes allerliebste Gedicht:

Der Knabe jagt nach Schmetterlingen,
Die sich von Blum’ zu Blume schwingen,
Der rasche Lauf ist ihm Genuß.
Der Mann an hellen Wintertagen
Liebt es, das flücht’ge Wild zu jagen
Im rauhen Forst mit schnellem Fuß.

Als Jäger wollen wir, die Alten,
Uns weislich an die Schnecken halten,
Die laufen uns nicht zu geschwind.
Und wenn auch sie uns noch ermüden,
So wenden wir uns zu den Blüthen,
Die bleiben ruhig, wo sie sind.

Indessen nicht im Schneckengange
Enteilt das Leben; aber bange
Macht uns sein rasches Schwinden nicht.
Bereitet sind wir längst und fertig,
Als reife Früchte still gewärtig,
Bis uns die Hand des Gärtners bricht.

Dem werthen Botaniker und Conchyliologen Herrn D.... zum Andenken an den gemeinsamen Aufenthalt in Homburg

Im Juli 1864. von

 D. F. Strauß.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.