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Die Gartenlaube (1874)/Heft 26

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[411]

No. 26.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


Beatrice zog aus der Notenrolle, die sie in der Hand hielt, ein anderes Papier hervor. „Ich habe vergebens gewartet, daß der Autor dieses Liedes zu mir kommen werde, um es einmal von meinen Lippen zu hören und den Dank dafür in Empfang zu nehmen. Er hat Fremden überlassen, was doch wohl seine Aufgabe gewesen wäre. Ich bin gewohnt, daß man mich sucht, Signor. Sie scheinen das Gleiche für sich zu beanspruchen.“

Es lag wohl noch ein Vorwurf in der Stimme, aber herb war er nicht, und das wäre auch kaum möglich gewesen, denn Reinhold’s Auge verrieth nur zu sehr, was ihm dieses Fernbleiben gekostet hatte. Er gab keine Antwort auf den Vorwurf, vertheidigte sich nicht dagegen, aber sein Blick, der wie magnetisch gefesselt an der strahlend schönen Erscheinung hing, sagte ihr, daß seine Zurückhaltung eher allem Anderen als der Gleichgültigkeit entstammte.

„Glauben Sie, daß ich Sie hergerufen habe, um die Arie von mir zu hören, die auf dem Programme steht?“ fuhr die Italienerin scherzend fort. „Das Publicum verlangt diese Arie stets da capo; sie ist zu anstrengend für eine Wiederholung; ich beabsichtige daher statt dieser etwas – Anderes zu singen.“

Eine tiefe Gluth bedeckte auf einmal die Züge des jungen Mannes, und er streckte, wie in unwillkürlicher Regung, die Hand nach dem Papiere aus.

„Um Gotteswillen! Doch nicht mein Lied?“

„Sie erschrecken ja ganz außerordentlich darüber,“ sagte die Sängerin zurücktretend und ihm die Noten entziehend. „Fürchten Sie das Schicksal Ihres Werkes in meinen Händen?“

„Nein, nein!“ rief Reinhold heftig, „aber –“

„Aber? Keine Einwendung, Signor! Das Lied ist mir gewidmet, ist mir auf Gnade und Ungnade übergeben. Ich schalte damit nach Gefallen. Nur noch eine Frage. Der Capellmeister ist zwar vorbereitet; wir haben den Vortrag zusammen einstudirt, ich sähe aber lieber Sie am Flügel, wenn ich mit Ihren Tönen vor das Publicum hintrete. Darf ich auf Sie rechnen?“

„Sie wollen sich meiner Begleitung anvertrauen?“ fragte Reinhold mit bebender Stimme. „Unbedingt anvertrauen ohne vorhergehende Probe? Das ist ein Wagniß für uns. Beide.“

„Nur wenn Ihnen der Muth fehlt, sonst nicht,“ erklärte Beatrice. „Ihre Meisterschaft auf dem Flügel habe ich bereits kennen gelernt, und es bedarf wohl keiner Frage, ob Sie der Begleitung Ihres Werkes sicher sind. Wenn Sie es nur Ihrer selbst sind und zwar diesem Publicum gegenüber, wie Sie es neulich vor der Gesellschaft waren, so tragen wir das Lied unbedingt vor.“

„Ich wage Alles, wenn Sie mir zur Seite stehen,“ brach Reinhold jetzt leidenschaftlich aus. „Das Lied war für Sie geschaffen, Signora. Wenn Sie ihm eine andere Bestimmung geben – sein Schicksal liegt in Ihren Händen. Ich bin zu Allem bereit.“

Sie antwortete nur mit einem stolzen siegesgewissen Lächeln und wandte sich dann zu dem Capellmeister, der soeben herantrat. Es entspann sich jetzt ein leises, aber lebhaftes Gespräch in der Gruppe, und die übrigen Herren blickten mit unverhehltem Mißvergnügen auf den jungen Fremden, der die Aufmerksamkeit und das Gespräch der Signora ganz allein für sich in Anspruch nahm und zu ihrem großen Aerger auch leider so lange fesselte, bis das Zeichen zum Beginne des Concerts gegeben wurde.

Der Saal hatte sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefüllt, und der blendend erhellte Raum bot im Vereine mit den reichen Toiletten der Damen einen glänzenden Anblick dar. Die Gattin des Consul Erlau saß mit einigen anderen Damen im Vordergrunde des Saales und war gerade im Gespräche mit Doctor Welding begriffen, als ihr Gemahl in Begleitung eines jungen Mannes, der Capitainsuniform trug, an ihren Sessel trat.

„Herr Capitain Almbach,“ sagte er vorstellend, „dem ich die Rettung meines besten Schiffes und der gesammten Mannschaft verdanke. Er war es, der unserer bereits mit dem Untergange ringenden ,Hansa‘ zu Hülfe kam, und einzig seiner aufopfernden Energie –“

„O, ich bitte, Herr Consul, stellen Sie doch Ihrer Frau Gemahlin nicht sogleich einen Seesturm in Aussicht!“ fiel Hugo ein. „Wir armen Seeleute sind schon so verrufen wegen unserer Abenteuer, daß jede Dame mit geheimem Grauen der unvermeidlichen Aufzählung derselben entgegensieht. Ich versichere Ihnen aber, gnädige Frau, daß das bei mir nicht zu befürchten steht. Ich gedenke mit meinen bescheidenen Unterhaltungsversuchen durchaus auf dem Continente zu bleiben.“

Der junge Seemann schien in der That ganz genau den Unterschied der Kreise zu kennen, in denen er sich bewegte. Es fiel ihm nicht ein, hier, wo doch die Gelegenheit dazu geboten war, mit Abenteuern zu glänzen, die er im Hause seiner Verwandten sehr freigebig ausstreute. Der Consul schüttelte ein wenig unzufrieden den Kopf.

„Sie scheinen es nun einmal zu lieben, jede Anerkennung [412] Ihrer Leistungen wegzuspotten,“ entgegnete er. „Ich bleibe deshalb nicht weniger in Ihrer Schuld, auch wenn Sie es mir unmöglich machen, sie Ihnen in irgend einer Weise abzutragen. Uebrigens glaube ich nicht, daß Ihnen die Erzählung dieses Abenteuers bei den Damen schaden wird, im Gegentheil. Und da Sie jede Schilderung desselben so entschieden ablehnen, so behalte ich mir dies für die nächste Gelegenheit vor.“

Frau Erlau wandte sich mit gewinnender Freundlichkeit zu Hugo. „Sie sind uns kein Fremder mehr, Herr Capitain, schon um Ihrer Familie willen nicht. Wir hatten erst kürzlich die Freude, Ihren Bruder bei uns zu sehen.“

„Jawohl, ein einziges Mal,“ bestätigte der Consul. „Und auch da nur durch Zufall. Almbach scheint es mir nun einmal nicht vergeben zu können, daß meine Art zu leben von der seinigen abweicht. Er hält sich und die Seinigen absichtlich entfernt und hat uns schon seit Jahren den Besuch unseres Pathenkindes entzogen – wir wissen kaum mehr, wie Eleonore aussieht.“

„Die arme Eleonore!“ bemerkte Frau Erlau mitleidig. „Ich fürchte, sie ist verschüchtert durch eine allzustrenge Erziehung und eine allzuweit getriebene Abgeschlossenheit. Ich kenne sie nicht anders als scheu und still, und ich glaube, sie schlägt in Gegenwart Fremder niemals die Augen auf.“

„Doch, gnädige Frau,“ sagte Hugo mit ganz eigenthümlicher Betonung. „Sie thut es bisweilen, aber freilich zweifle ich daran, daß mein Bruder das je gesehen hat.“

„Ihr Bruder ist also nicht anwesend?“ fragte die Dame.

„Nein. Er verweigerte es, mich zu begleiten, ich begreife das nicht, da ich seine Begeisterung für die Musik und speciell für den Gesang der Biancona kenne. Mir soll ja heute zum ersten Male diese Sonne des Südens aufgehen, deren Strahlen bereits ganz H. blenden.“

Der Consul drohte ihm scherzend mit dem Finger. „Spotten Sie nicht, Herr Capitain, und wahren Sie lieber Ihr eigenes Herz vor diesen Strahlen! Euch, Ihr jungen Herren, ist dergleichen am gefährlichsten. Sie wären nicht der Erste, der dem Zauber dieser Augen erliegt.“

Der junge Seemann lachte übermüthig. „Und wer sagt Ihnen denn, Herr Consul, daß ich ein solches Schicksal fürchte? Ich unterliege in solchen Fällen immer mit dem größten Vergnügen und dem tröstlichen Bewußtsein, daß der Zauber nur dem gefährlich wird, der ihn flieht. Wer Stand hält, pflegt gewöhnlich sehr bald entzaubert zu werden, oft viel früher, als ihm lieb ist.“

„Es scheint, Sie haben bereits viel Erfahrung in solchen Dingen,“ bemerkte Frau Erlau mit leisem Vorwurfe.

„Mein Gott, gnädige Frau, wenn man so jahraus, jahrein von Land zu Land fliegt und nirgends Wurzel faßt, nirgends daheim ist, als auf der wogenden, ewig bewegten See, da lernt man den ewigen Wechsel als etwas Unabänderliches hinzunehmen und ihn schließlich lieben. Ich stelle mich Ihrer vollsten Ungnade zur Verfügung mit diesem Geständniß, aber ich muß Sie wirklich bitten, mich als einen Wilden zu betrachten, der in den tropischen Meeren und Ländern längst verlernt hat, den Anforderungen norddeutscher Civilisation zu genügen.“

Die Art, wie der junge Capitain sich dabei verbeugte und die Hand der Dame küßte, verrieth gleichwohl eine ganz hinreichende Vertrautheit mit diesen Anforderungen, und Doctor Welding bemerkte trocken zu dem Consul gewandt:

„Die tropische Uncivilisirtheit dieses Herrn wird sich in unseren Salons gerade nicht allzu schlimm ausnehmen. Der Held unserer vielgenannten Hansa-Affaire ist also wirklich[WS 1] der Bruder des jungen Almbach, dem Signora Biancona soeben drinnen im Versammlungszimmer eine Audienz ertheilt?“

„Wem? Reinhold Almbach?“ fragte Erlau überrascht. „Sie hören ja, daß er sich nicht hier befindet.“

„Nach der Ansicht des Herrn Capitains allerdings nicht,“ sagte Welding ruhig. „Nach der meinigen ganz entschieden. Bitte, erwähnen Sie nichts davon! Das heutige Concert scheint bestimmt zu sein, uns irgend eine Ueberraschung zu bringen; ich habe einen gewissen Verdacht, und es wird sich ja zeigen, ob er gegründet ist oder nicht. Signora liebt die Theatereffecte auch außerhalb der Bühne; Alles muß unerwartet, blitzähnlich, überstürzend sein. Eine prosaische Ankündigung würde Alles verderben. Der Capellmeister ist jedenfalls mit im Complot, war aber nicht zum Reden zu bringen. Wir wollen es abwarten.“

Er schwieg, denn jetzt trat Hugo, der bisher mit den Damen gesprochen hatte, zu ihnen, und gleich darauf nahm das Concert seinen Anfang.

Der erste Theil und die Hälfte des zweiten gingen programmmäßig unter mehr oder weniger lebhafter Theilnahme der Zuhörer vorüber. Erst gegen den Schluß hin erschien Signora Biancona, deren Leistung trotz Allem, was man bisher gehört, doch nun einmal den Glanzpunkt des Abends bildete. Das Publicum empfing und begrüßte seinen Liebling, dessen blasses Aussehen heute entzückender war als je, mit einem lauten Applaus. Beatrice war aber auch in der That blendend schön, als sie so dastand, im strahlenden Glanze des Kronleuchters, in dem blumenbestreuten duftigen Florgewande, mit den Rosen im dunklen Haare. Sie dankte lächelnd nach allen Seiten, und nachdem der Capellmeister, der diesmal selbst die Begleitung übernahm, sich am Flügel niedergelassen hatte, begann der Vortrag.

Es war eine jener großen italienischen Bravour-Arien, die in jedem Concert, wie auf jeder Bühne ihres Erfolges sicher sind und den Beifall des Publicums herausfordern, ohne gleichwohl höheren Ansprüchen zu genügen. Eine Menge glänzender Passagen und Effecte mußten hier die Tiefe ersetzen, die der Composition durchaus abging, aber sie bot der Italienerin die vollste Gelegenheit zur Entfaltung ihrer herrlichen Stimme. All diese Läufe und Triller perlten so glockenrein von ihren Lippen, nahmen so schmeichelnd Ohr und Sinn der Zuhörer gefangen, daß jede Kritik, jeder ernstere Anspruch unterging in der reinen Lust des Hörens. Es war ein reizendes Spiel mit den Tönen, freilich nur ein Spiel, nichts weiter, aber es wirkte, im Verein mit der vollendeten Sicherheit und Anmuth des Vortrags, zündend auf das Publicum, das die Sängerin reichlicher als je mit dem gewohnten Beifall überschüttete und stürmisch die Arie da capo verlangte.

Signora Biancona schien auch gewillt, diesem Wunsche nachzugeben, denn sie trat von Neuem vor, aber zugleich verließ der Capellmeister den Flügel, und ein junger Mann, den bisher Niemand unter den mitwirkenden Künstlern bemerkt hatte, nahm seinen Platz ein. Verwundert schauten die Zuhörer, überrascht der Consul und dessen Gattin zu ihm hinüber; selbst Hugo sah im ersten Augenblicke fast erschreckt auf den Bruder, dessen Hiersein er nicht vermuthet hatte, aber er begann den Zusammenhang zu ahnen. Nur Doctor Welding sagte ruhig und ohne das mindeste Erstaunen: „Dachte ich es doch!“ Reinhold sah bleich aus, und seine Hände bebten auf den Tasten; aber Beatrice stand an seiner Seite – ein leise geflüstertes Wort aus ihrem Munde, ein Blick aus ihrem Auge gab ihm den verlorenen Muth zurück. Er begann fest und ruhig die ersten Accorde, die dem Publicum sofort klar machten, daß es sich hier nicht um eine Wiederholung seines Lieblingsstückes handelte. Alles horchte auf mit Befremdung und Spannung, und jetzt fiel Beatrice ein.

Das war nun freilich etwas Anderes, als die eben gehörte Bravour-Arie. Die Melodien, die jetzt emporquollen, hatten nichts gemein mit jenen Läufen und Trillern, aber sie brachen sich Bahn zu den Herzen der Zuhörer. In diesen Tönen, die bald aufwogten wie in stürmischem Jubel, bald zusammensanken wie in düsterer Klage, schien das ganze Glück und Weh eines Menschenlebens zu athmen, schien ein lang gefesseltes Sehnen sich endlich emporzuringen. Es war eine Sprache von ergreifender Gewalt und Schönheit, und wenn sie auch nicht überall ganz verstanden wurde, man fühlte doch, daß in ihr etwas Mächtiges, Ewiges klang; selbst die gleichgültigste, oberflächlichste Menge bleibt nicht empfindungslos, wenn der Genius zu ihr spricht.

Und hier hatte dieser Genius einen Ebenbürtigen gefunden, der ihm zu folgen und ihn zu ergänzen wußte. Es war nicht die Rede mehr von einem Wagnisse der Beiden; denn Eines kam der Auffassung des Anderen entgegen. Das sorgfältigste Studium hätte kein so vollendetes Ineinandergreifen geben können, wie es hier der Moment und die Begeisterung schufen. Reinhold sah sich in jedem Tone verstanden, in jeder Wendung begriffen, und nie hatte Beatrice so hinreißend gesungen, nie war die Seele ihres Gesanges so hervorgetreten. Mit glühender Hingebung erfaßte sie ihre Aufgabe. Die Begabung der Sängerin und die [413] dramatische Gewalt der Künstlerin flossen in Eines zusammen. Es war eine Leistung, die selbst das Unbedeutendste geadelt hätte – hier wurde es zu einem zweifachen Triumphe.

Das Lied war zu Ende. Einige Secunden lang dauerte die athemlose Stille noch fort, mit der man zugehört; keine Hand regte sich, kein Beifallszeichen wurde laut; dann aber brach ein Sturm aus, wie ihn selbst die gefeierte Primadonna nur selten vernommen hatte, und wie er bei einem Concertpublicum jedenfalls unerhört war. Beatrice schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben; im nächsten schon war sie zu Reinhold getreten, hatte seine Hand ergriffen und ihn mit sich auf das Podium gezogen, ihn dem Publicum vorstellend. Diese eine Bewegung sagte genug; man begriff sofort, daß man den Componisten vor sich habe. Auf’s Neue umtobte der Sturm des Beifalls die Beiden, und der junge Künstler empfing, noch halb betäubt von dem unerwarteten Erfolge, an der Hand Beatricens, den ersten Gruß und die erste Huldigung der Menge. –

Reinhold kam erst wieder zur klaren Besinnung in dem Versammlungszimmer, wohin er Signora Biancona geleitet hatte. Noch blieben ihm einige Minuten des Alleinseins; draußen im Saale spielte das Orchester die Schlußpièce unter vollster Unaufmerksamkeit des Publicums, das sich noch völlig unter dem Eindrucke des eben Gehörte befand. Beatrice zog den Arm zurück, der auf dem ihres Begleiters lag.

„Wir haben gesiegt,“ sagte sie leise. „Waren Sie zufrieden mit meinem Gesange?“

Mit einer leidenschaftlichen Bewegung ergriff Reinhold ihre beiden Hände. „Ach, nicht diese Frage, Signora! Lassen Sie mich Ihnen danken, nicht für den Triumph, der ja Ihnen mehr als mir galt, aber dafür, daß ich mein Lied von Ihren Lippen hören durfte. Ich schuf es in der Erinnerung an Sie, für Sie allein, Beatrice. Sie haben verstanden, was es Ihnen sagt, sonst hätten Sie es nicht so singen können.“

Signora Biancona mochte es nur zu gut verstanden haben, aber in dem Blicke, mit dem sie zu ihm niedersah, lag doch mehr noch, als blos der Triumph einer schönen Frau, die auf’s Neue die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht erprobt hat. „Sagen Sie das der Frau oder der Künstlerin?“ fragte sie halb scherzend. „Die Bahn ist jetzt geöffnet, Signor! Werden Sie sie betreten?“

„Ich werde,“ erklärte Reinhold sich entschlossen aufrichtend, „was sich mir auch entgegenstellt! Und wie sich meine Zukunft einst gestalten mag, für mich hat sie die Weihe empfangen, seit die Muse des Gesanges selbst mir die Pforten öffnete.“

Die letzten Worte hatten wieder jenen Ton schwärmerischer Huldigung, den Beatrice schon einmal von ihm vernommen; sie neigte sich näher zu ihm, und ihre Stimme klang weich, fast bittend, als sie erwiderte:

„Nun, so fliehen Sie auch diese Muse nicht mehr so hartnäckig wie bisher. Dem Künstler wird es doch wohl erlaubt sein, der Künstlerin von Zeit zu Zeit zu nahen. Wenn ich Ihr nächstes Werk einstudire, Signor, werde ich mir da wieder allein das Verständniß suchen müssen oder werben Sie mir diesmal zur Seite stehen?“

Reinhold gab keine Antwort, aber der Kuß, den er brennend heiß auf ihre Hand drückte, sprach kein Nein aus. Diesmal rief er ihr kein Lebewohl zu, diesmal riß ihn keine Erinnerung weg aus der gefährlichen Nähe. Was damals noch leise warnend in der Ferne aufgetaucht war, das hatte jetzt auch nicht mehr mit einem einzigen Gedanken Raum in der Seele des jungen Mannes. Wie hätte das matte farblose Bild seiner Gattin auch bestehen können neben einer Beatrice Biancona, die in dem ganzen dämonischen Reiz ihres Wesens vor ihm stand, neben dieser „Muse des Gesanges“, deren Hand ihn soeben zu seinem ersten Triumphe geleitet! Er sah und hörte nur sie allein. Was jahrelang verborgen in seinem Innern gelegen, was seit jener ersten Begegnung mit ihr sich emporgekämpft und emporgerungen hatte, das entschied dieser Abend, den Beginn einer Künstlerlaufbahn – und eines Familiendrama’s.




Die nächsten Tage und Wochen im Almbach’schen Hause gehörten nicht zu den angenehmsten. Es konnte dem Kaufmann natürlich nicht verborgen bleiben, daß sein Schwiegersohn öffentlich mit einer Composition hervorgetreten war, schon deshalb nicht, weil Doctor Welding im Morgenblatte eine ausführliche Besprechung jenes Concerts brachte, in der der Name des jungen Componisten genannt wurde. Aber weder das Lob, das der sonst so strenge Kritiker hier ertheilte, noch der Beifall, mit dem das Lied überall aufgenommen wurde, noch selbst die Dazwischenkunft des Consuls Erlau, der lebhaft für Reinhold Partei nahm und ganz entschieden für dessen musikalische Begabung eintrat, vermochten das Vorurtheil Almbach’s zu erschüttern. Er beharrte darauf, in jeder künstlerischen Bestrebung eine ebenso unnütze wie gefährliche Spielerei zu sehen, den eigentlichen Grund der Untüchtigkeit zum praktischen Geschäftsleben und die Wurzel alles Uebels. Da er so wenig wie sonst Jemand davon wußte, daß es eine Art von Gewaltstreich gewesen war, mit dem Signora Biancona Reinhold zum öffentlichen Hervortreten gezwungen, so hielt er das Ganze für eine vorher abgekartete Sache, die ohne sein Wissen, wider seinen Willen unternommen war, und das brachte ihn vollends außer sich. Er ließ sich so weit hinreißen, seinen Schwiegersohn wie einen Knaben darüber zur Rede zu stellen, und ihm kurz und gut jede weitere Beschäftigung mit der Musik zu verbieten.

Das war nun freilich das Schlimmste, was er thun konnte. Reinhold flammte bei dem Verbote in einem ganz unzähmbaren Trotze auf. Die Leidenschaftlichkeit, die trotz Allem, was sie äußerlich fesselte und in Schranken hielt, doch den eigentlichen Grundzug seines Charakters bildete, brach jetzt in wahrhaft erschreckender Heftigkeit hervor. Es gab eine furchtbare Scene, und hätte sich nicht Hugo rasch besonnen in’s Mittel gelegt, der Bruch wäre jetzt schon unheilbar geworden. Aber Almbach sah mit Entsetzen, daß der Neffe, den er erzogen und geleitet, den er mit allen möglichen Familien- und Geschäftsbanden an sich gefesselt, ihm völlig entwachsen war und nicht daran dachte, sich seinem Machtworte zu beugen. Der Streit war für den Augenblick beigelegt worden, aber nur, um bei der nächsten Gelegenheit von Neuem hervorzubrechen. Eine Scene folgte der andern; eine Bitterkeit überbot die andere. Reinhold stand bald genug im Kampfe gegen seine ganze Umgebung, und der Trotz, mit dem er seinen musikalischen Studien mehr als je nachhing und seine Selbstständigkeit nach außen behauptete, erhöhte nur den Groll seiner Schwiegereltern.

Frau Almbach, die die Ansichten ihres Mannes durchaus theilte, unterstützte jenen nach Kräften, Ella dagegen verhielt sich, wie gewöhnlich, vollständig passiv. Von ihr wurde freilich ein Eingreifen oder eine Parteinahme weder erwartet noch verlangt; den Eltern fiel es nicht ein, ihr auch nur den geringsten Einfluß auf Reinhold zuzutrauen, und Reinhold selbst ignorirte sie in dieser Angelegenheit völlig und schien ihr gar nicht einmal das Recht einer Meinungsäußerung zuzugestehen. Die junge Frau litt unleugbar unter diesen Verhältnissen; ob sie auch die traurige, demüthigende Rolle empfand, die sie, die Gattin, hier spielte, wo sie von beiden Parteien übersehen, bei Seite geschoben und als unmündig behandelt ward, ließ sich kaum entscheiden. Sie zeigte bei den erbitterten und erregten Debatten der Eltern und bei der fortwährenden Gereiztheit ihres Mannes, die oft um geringfügiger Anlässe willen hervorbrach und sich zumeist gegen sie richtete, stets die gleiche geduldige Fügsamkeit, kam nur höchst selten mit einem bittenden Worte, nie mit einer entschiedenen Parteinahme dazwischen, und zog sich, wenn sie wie gewöhnlich von beiden Seiten herb zurückgewiesen wurde, scheuer als je zurück.

Der Einzige, der mit Allen nach wie vor auf dem besten Fuße stand und seine Stellung als allgemeiner Liebling unangefochten behauptete, war merkwürdiger Weise der junge Capitain. Wie alle eigensinnigen Menschen, fügte sich Almbach weit eher einer Thatsache als einem Conflicte, und verzieh leichter die directe, aber ruhige Mißachtung seiner Autorität, die der älteste Neffe sich hatte zu Schulden kommen lassen, als die stürmische Auflehnung gegen seinen Willen, die jetzt von dem jüngeren versucht ward. Hugo hatte, als er sah, daß ihm ein verhaßter Beruf aufgezwungen werden sollte, weder getrotzt, noch den Oheim beleidigt; er war einfach davon gegangen und ließ den Sturm hinter seinem Rücken austoben. Freilich kam es ihm auch gar nicht darauf an, später die Rückkehr des verlorenen Sohnes in Scene zu setzen, um sich damit den Wiedereintritt in das Haus, dem sein Bruder angehörte, und die Wiederaufnahme in die Gunst seiner Verwandten zu sichern. Reinhold besaß weder die Fähigkeit noch die Lust, in dieser Weise mit den Verhältnissen [414] zu spielen und sie sich dienstbar zu machen. Wie er niemals im Stande gewesen war, seine Abneigung gegen das Geschäftsleben und seine Gleichgültigkeit gegen die kleinbürgerlichen Interessen zu verhehlen, so machte er auch jetzt kein Hehl aus seiner Verachtung der ganzen Umgebung, seinem glühenden Haß gegen die Fesseln, die ihn einengten, und das war es, was ihm nicht verziehen wurde. Hugo, der entschieden auf der Seite seines Bruders stand, durfte ganz offen dessen Partei nehmen, was auch bei jeder Gelegenheit geschah. Der Oheim vergab ihm das, fand es sogar natürlich, denn die Art des jungen Capitains, sich zu geben, ließ es nie zu einem Conflicte kommen, während bei Reinhold dieser Punkt nur berührt zu werden brauchte, um sofort die heftigsten Scenen zwischen ihm und den Schwiegereltern zu veranlassen.

Es war um die Nachmittagsstunde, als Hugo das Almbach’sche Haus betrat und unten an der Treppe seinem Diener begegnete, den er vorher mit einem Auftrage zu dem Bruder gesandt hatte. Jonas war eigentlich nur dem Namen nach Matrose auf der „Ellida“; er war längst von den Schiffsarbeiten entbunden und ausschließlich zur Dienstleistung bei dem jungen Capitain bestimmt worden, den er auch bei einem längeren Aufenthalte auf dem Lande nie verließ, und dem er mit zäher, unerschütterlicher Anhänglichkeit überall folgte. Beide standen ungefähr in gleichem Alter. Jonas war im Grunde nichts weniger als häßlich; er konnte in seiner Sonntagstracht sogar für einen ganz hübschen Burschen gelten, aber seine ungeschickten Manieren und sein rauhes, wortkarges Wesen ließen diese Vorzüge nie zur Geltung kommen. Er stand mit dem ganzen Dienstpersonal des Almbach’schen Hauses, zumal mit dem weiblichen, auf beinahe feindseligem Fuße, und noch Keiner davon hatte je eine freundliche Miene bei ihm gesehen oder ein Wort mehr von ihm gehört, als unumgänglich nothwendig war. Auch jetzt sah er äußerst grämlich aus, und die vier oder fünf Thaler, die er soeben in die rechte Hand zählte, schienen sein höchstes Mißfallen zu erregen, so grimmig schaute er darauf hin.

„Was giebt es denn, Jonas?“ fragte der Capitain herantretend. „Hältst Du Uebersicht über Dein Baarvermögen?“

Der Matrose blickte auf und setzte sich in Positur, aber sein Gesicht wurde nicht freundlicher.

„Zum Blumenhändler soll ich gehen und einen Strauß abholen,“ brummte er, das Geld in die Tasche steckend.

„Ei sieh! Benutzt man Dich hier auch schon zum Blumenboten?“

„Ja, hier auch,“ sagte Jonas, nachdrücklich das letzte Wort betonend, und mit einem vorwurfsvollen Blicke auf seinen Herrn fügte er hinzu: „Gewohnt bin ich’s freilich.“

„Allerdings,“ lachte Hugo. „Aber ich bin es nicht gewohnt, daß Du dergleichen Gänge für einen Andern als mich besorgst. Wer hat es Dir denn aufgetragen?“

„Herr Reinhold,“ lautete die lakonische Antwort.

„Mein Bruder – so?“ sagte Hugo langsam, während ein Schatten über seine eben noch so hellen Züge hinflog.

„Und ein wahres Sündengeld soll ich dafür bezahlen,“ murrte Jonas weiter. „Herr Reinhold versteht es noch besser als wir, die Thaler fortzuwerfen für die Dinger, die morgen verwelkt sind. Und wir sind doch wenigstens nicht verheirathet, aber er –“

„Der Strauß ist jedenfalls für meine Schwägerin bestimmt,“ schnitt ihm der Capitain kurz das Wort ab. „Was giebt es dabei zu verwundern? Glaubst Du, ich werde meiner Frau keine Blumen schenken, wenn ich erst einmal verheirathet bin?“

Die letzte Bemerkung mußte dem Matrosen wohl sehr unerwartet kommen, denn er richtete sich mit einem Rucke in die Höhe und starrte seinen Herrn im vollsten Entsetzen an, aber schon in der nächsten Minute kehrte er beruhigt zu seiner früheren Haltung zurück und sagte zuversichtlich:

„Wir heirathen nie, Herr Capitain.“

„Ich verbitte mir dergleichen Orakelsprüche, die mich ohne Weiteres zur Ehelosigkeit verdammen,“ fiel Hugo ein. „Und warum werden ‚wir‘ denn nie heirathen?“

„Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen,“ beharrte Jonas.

„Du hast eine höchst wunderbare Manier, immer im Plural zu sprechen,“ spottete der Capitain. „Also ich mache mir nichts aus den Frauen? Ich dächte, das Gegentheil hätte oft genug Deinen Ingrimm erregt.“

„Aber zur Heirath kommt es doch nicht,“ triumphirte Jonas im Tone unerschütterlicher Ueberzeugung. „Im Grunde machen wir uns nicht so viel aus der ganzen Gesellschaft. Weiter als bis zum Blumenschicken und Handküssen geht die Geschichte nie, dann segeln wir ab, und sie haben das Nachsehen. Es ist auch ein wahres Glück, daß es so ist. Frauenzimmer auf der ,Ellida‘ – Gott bewahre uns davor!“

Diese mit unverwüstlichem Ernste, freilich auch wieder in dem unvermeidlichen Plural gegebene Charakteristik schien leider das Richtige getroffen zu haben, denn der Herr Capitain erhob nicht den geringsten Einwand dagegen. Er zuckte nur lachend die Achseln, drehte dem Matrosen den Rücken und stieg die Treppe hinauf. Er fand Reinhold in dessen eigener Wohnung, die im oberen Stocke lag, und ein einziger Blick auf das Gesicht des Bruders, der heftig im Zimmer auf und ab schritt, zeigte ihm, daß auch heute etwas vorgefallen sein müsse.

„Du willst ausgehen?“ fragte er nach der ersten Begrüßung mit einem Blicke auf den Hut und die Handschuhe, die auf dem Tische lagen.

„Später!“ antwortete Reinhold, sich zusammennehmend. „In einer Stunde etwa. Du bleibst doch einige Zeit?“

Hugo überhörte die letzte Frage. Er stand vor seinem Bruder und sah ihn forschend an.

„Hat es wieder eine Scene gegeben?“ fragte er halblaut.

Der finstere Trotz, der einige Minuten lang aus den Zügen des jungen Mannes gewichen war, kehrte wieder zurück.

„Gewiß. Man hat wieder einmal den Versuch gemacht, mich wie einen Schulknaben zu behandeln, der, wenn er sein tägliches Arbeitspensum geleistet, sich auch noch in den Erholungsstunden überwachen lassen und von jedem Gange Rechenschaft ablegen muß. Ich habe ihnen klar gemacht, daß ich dieser ewigen Bevormundungen müde bin.“

Der Capitain fragte nicht, um welchen Gang es sich bei diesem Streite handelte; das kurze Gespräch mit Jonas schien ihn hinreichend darüber aufgeklärt zu haben; er sagte nur kopfschüttelnd: „Es ist ein Unglück, daß Du so gänzlich abhängig von dem Onkel bist. Wenn es früher oder später zwischen Euch zum Bruche kommt und Du aus dem Geschäfte trittst, so ist das für Dich eine Existenzfrage; Dein ganzes Einkommen fällt damit. Du allein könntest Dich wohl zur Noth Deinen Compositionen anvertrauen, aber ihnen jetzt schon die Erhaltung einer Familie zumuthen, hieße Deine Zukunft von vornherein in Frage stellen. Ich hatte damals nur für mich allein einzustehen; Du wirst nothgedrungen warten müssen, bis Dich ein größeres Werk in die Lage versetzt, mit Frau und Kind der ganzen kleinbürgerlichen Sphäre den Rücken zu kehren.“

„Unmöglich!“ rief Reinhold beinahe ungestüm. „Bis dahin wäre ich zehnmal zu Grunde gegangen, und was ich an Talent besitze, mit mir. Ausharren, warten, vielleicht noch Jahre lang? Das kann ich nicht, das ist für mich gleichbedeutend mit Selbstvernichtung. Meine neue Arbeit ist vollendet. Wenn sie nur einigermaßen den Erfolg der ersten erreicht, so ermöglicht sie mir wenigstens, einige Monate in Italien zu leben.“

Hugo stutzte.

(Fortsetzung folgt.)




„Die Nachtigall im Fliederbusch“.


Es ist drei Uhr Morgens. Stille, laue, sanfte Dämmerluft, wie sie der heurige Wonnemonat nicht eben oft gespendet, deutet auf einen warmen, leider den letzten Maientag.

Lauter, vollstimmiger Vogelgesang und der Gedanke an die Nachtigall im Fliederbusch haben mich heute um fast zwei Stunden früher geweckt als sonst. Ich trete hinaus in meine von wildem Wein umrankte Veranda. Ringsum frisches Grün, ein Stückchen Wald, blühende Apfelbäume, blühende Fliederhecken, Goldregen

[415] 

Philomele.
Originalzeichnung von E. Schmidt.

[416] und Rothdorn, und eingerahmt in Maiengrün und halb verschleiert in Morgenduft die alte Feste Coburg. Würziger Fliederduft und Nachtigallenschlag empfangen, umfangen mich.

Ja, der treffliche Künstler, der die schlagende Nachtigall im Fliederbusche gezeichnet, hat richtig beobachtet und poetisch gestaltet: die Blüthe des Flieders und des Nachtigallenliedes gehören zusammen. Das naturwahre und in jeder Linie poetische Bild ist in der That ein kleines Meisterstück. Figur und Haltung der königlichen Sängerin sind ganz offenbar der Natur abgelauscht. Scheint es doch, als strömte eben die schmelzendste ihrer sehnsuchtathmenden Strophen aus der kleinen zaubermächtigen Kehle und müßte auch dem äußeren Ohre vernehmlich werden.

Die Nachtigall im Fliederbusche! Der darstellende Künstler hat Recht. Wenn es auch vielleicht poetischer ist, die „Sängerkönigin“ mit der „Blumenkönigin“ zu vermählen, in der goldenen Mitte der gemäßigten Zone der nördlichen alten Welt ist die volle Gluth des Nachtigallenliedes bereits abgekühlt, wenn die Rosengluth erst recht aufflammt, und die Nachtigall des Orients, welche „der Rose ihre schönsten Liebeslieder singt und Demantperlen aus ihrem glühenden Kelche schlürft“, ist nicht unsere Nachtigall, sondern ein ganz anderer Vogel.

Doch halt! Durch all das eben erwachte krause, bunte Liedergewirr hindurch klingt wieder die hellste der Strophen.

„Nachtigallen in Coburg? Sind sie nicht seit Jahren von dort verschwunden?“

Ach leider ja! Hier wie an manchen anderen Orten, wo sie sonst zahlreich vertreten waren.

„Und doch Nachtigallenschlag?“

Und doch! Es ist ein Paar der Nachtigallen des hiesigen Vogelschutzvereins, der sich unter Anderm die Aufgabe gestellt hat, die edelsten der Sängerinnen womöglich wieder einzubürgern. Es ist das unter meine persönliche Pflege genommene Paar, dessen treffliches Männchen so prächtig schlägt, meist die ganze Nacht hindurch schlägt.

Drüben im boscagereichen blühenden Parkgarten ist ein mit halbem Bretterdache versehener geräumiger Drahtkäfig über hohes Flieder-, Jasmin- und Spiräengebüsch geflochten, das lustig grünt und blüht. Ein kleiner Springbrunnen liefert frischen Trunk und kühles Bad. Der Boden ist zum Theil mit trockenem Laub, besonders mit Eichenblättern bedeckt, unter welchen sich allerlei Gewürm verbirgt und das vorzugsweise zur Grundlage des Nestes gewählt wird. Dürres Gras und Gewürzel, Borsten, Pferdehaar und Agavenfasern liegen zur Verwendung für den Nestbau bereit. Denn das wohlgepflegte Sängerpaar soll nisten, Eier legen, Junge erziehen. Dann soll Ende Juli oder Anfang August die Thür geöffnet werden. Jung und Alt werden in der Nähe des Brutkäfigs, natürlich auch darin, alle Bedingungen für ihr Wohlsein finden; der stille, dicht bebuschte Platz ist wie geschaffen für sie. Kommt dann Ende August und September die Zugzeit und erwacht der mächtige Wandertrieb, so mögen sie ungehindert hinziehen in ihre afrikanischen Winterquartiere, in’s grüne Nilthal oder zu den Aschantees; sie werden dann, trifft sie nicht ein besonderes Unheil auf der weiten Wanderung, sicher zu der liebgewonnenen Geburtsstätte zurückkehren und mit alter Liebe empfangen und gehegt und gepflegt werden. Glückt der Versuch auch nur mit einem Paare, so werden sich unter dem strengen Schutze der Behörden und der lebhaften Theilnahme des Publicums die Nachtigallen allmählich wieder ansiedeln in dem schönen Coburg, in dessen nächsten Umgebungen sie früher, vor zehn bis zwölf Jahren ziemlich häufig waren, wo viele Paare noch heute, und mehr als früher, geeignete Aufenthaltsplätze und Wohnstätten finden und wo sie lediglich durch Jahre lang fortgesetztes rücksichtsloses Wegfangen schließlich ausgerottet worden sind, wie mir das einer der Schuldigen reuevoll selber bekannt hat.

Freilich ist es schwierig, eben weil die Zugvögel regelmäßig zu ihren Geburts- und Heimathsorten zurückkehren, die daraus gänzlich vertriebenen, zumal die zarten Insectenfresser, wieder heimisch zu machen. Indeß ist der Versuch mit der Nachtigall mir selber bereits zweimal geglückt, und ich kenne außer den von Dr. A. Brehm in seinem trefflichen Buche „Gefangene Vögel“ angeführten Fällen noch mehrere andere vollkommenen Gelingens.

Und die zutrauliche köstliche Sängerin ist es schon werth, daß man weder Mühe noch Kosten scheut, um sie mindestens da wieder einzubürgern, wo sie sich früher heimisch fühlte, also alle Existenzbedingungen vorfand, und nur durch den sträflichen Egoismus der Vogelliebhaber und ihrer Handlanger, der Vogelfänger, ausgerottet worden ist. Leider ist dies nur allzuleicht zu bewerkstelligen.

Ich kannte in Bad Liebenstein einen jungen Vogelsteller, der die fünf binnen drei Tagen dort angekommenen Nachtigallen jedesmal nach kaum einer Stunde wegfing und so zur Ausrottung dieses Vogels in jener Gegend beigetragen hat. Die Berliner, Wiener, Petersburger etc. Vogelhändler bringen jährlich Hunderte von Nachtigallen und Sprossern, den nächsten und alleinigen Verwandten, zu Markt. Hunderte von Nachtigallen werden in den Vorhölzern des Thüringer Waldes, des Harzes etc. und in den Auenwäldern der deutschen Flüsse gefangen und an der Brut verhindert, da sie eben gleich nach ihrer Ankunft weggefangen werden. Waltershäuser und Hörselgauer Vogelfänger machen nach eigener Versicherung wochenlange Reisen, um die Nachtigallen auch in weiterer Ferne einzufangen, und ein „Matador“ dieses abscheulichen Gewerbes wollte sich verpflichten, mir so viel Nachtigallen, wie ich nur wünschte, bis Mitte Mai zu liefern.

Ueberall, wo diese Virtuosen der Ausrottung der Nachtigallen ungestraft ihre Schlagnetze und Leimruthen stellen dürfen, steht das gänzliche Verschwinden der armen lieblichen Wesen in nächster Aussicht, zumal wo die rationelle Gartencultur durch Ausroden und Umlegen der alten baum- und strauchreichen Grasgärten vorgearbeitet hat.

Selbst in ihrem Lieblingsaufenthalte, in den feuchten, mit üppigem Unterholze bestandenen Auenwäldern unserer Ströme und Flüsse, oder in wohlbewässerten Parkanlagen und größeren grabendurchzogenen Grasgärten der Ebene und der Berghänge, ist die Nachtigall längst nicht mehr so häufig wie vor dreißig Jahren. Ihre gesammte Lebensweise, wie ihre besonderen Eigenschaften, die Gewohnheit, ihre in allerhand Gewürm, Kerfen und deren Larven bestehende Nahrung am Erdboden zu suchen und ebenda, oder nur dicht darüber, das allerdings der äußeren Umgebung wohl angepaßte, für den Unkundigen nicht leicht zu entdeckende Nest, meist zwischen den dicken Stämmen eines Strauches, anzulegen, setzen sie und ihre Nachkommenschaft gar vielen Gefahren aus. Behaartes und befiedertes Raubzeug: Füchse, Marder, Wiesel, Mäuse, Katzen, Elstern, Rabenhäher, Heher, und manche andere Raubgesellen wissen das in einem Haufen dürren Laubes versteckte Nest aufzuspüren, den mehr als halbkugeligen sauber ausgewandeten Napf und die fünf oder sechs dunkelolivengrünen, olivenbräunlich gewölkten Eier, trotz ihrer wenig vom Neste abstechenden Färbung, und noch leichter die Jungen zu entdecken, die ihnen dann leider oft sammt der Mutter zur Beute werden.

In noch größerem Maßstabe, wenn auch im Ganzen seltener, zerstören Naturereignisse: Gewitter- und Platzregen, Hochwasser der größeren Flüsse, z. B. der Elbe, Oder, Weichsel, Nest und Brut. Wenn dergleichen Unfälle im Mai eintreten, schreiten die Nachtigallen zu einer zweiten Brut, und sind dann im Allgemeinen gesicherter. Doch habe ich auch eine solche zweite Brut in den Elb-Auenwäldern durch ein sogenanntes Johannishochwasser der großen Mehrzahl nach zu Grunde gehen sehen.

Greift nun der „Erb- und Erzfeind der Natur“ mit täppischer, rücksichtsloser Hand in einen so vielfach gefährdeten Haushalt ein, so muß er mehr und mehr untergraben werden.

Es ist Thatsache: die Klagen über die sichtliche Verminderung des ersten aller Singvögel mehren sich von Jahr zu Jahr, und es ist höchste Zeit, daß die „Hohepriesterin des Lenzes“ allerseits unter ganz besonderen Schutz genommen wird.

Was aber ist zunächst zu thun, um dem drohenden localen Verschwinden Halt zu gebieten?

Vor Allem sollte auf mehrere, vielleicht auf zehn Jahre hinaus das Fangen und Halten der Nachtigall in kleinen Zimmerkäfigen gänzlich verboten und Ausnahmen nur zu Gunsten der Ansiedelungsversuche an früher von ihr bewohnten Orten gestattet, das Fangen zu diesem Zwecke überwacht und nur zuverlässigen Leuten anvertraut werden. Gleichzeitig müßte seitens der deutschen Regierung auf strenge Beobachtung des internationalen Vogelschutzgesetzes, so lücken- und mangelhaft es auch in seiner jetzigen Form erscheint, besonders Italien, Griechenland [417] und Südfrankreich gegenüber, gedrungen werden. Sodann müßten aber auch diejenigen Feinde, denen man wirklich das Räuberhandwerk zu legen vermag: Elstern, Rabenkrähen und Heher decimirt und Wiesel, Marder und Katzen streng überwacht werden.

Wie das Alles und noch manches andere auf den Vogelschutz Bezügliche eingerichtet und ausgeführt werden könnte, möchte ich ein anderes Mal vorzuschlagen mir erlauben. Vorläufig mögen diese Andeutungen genügen, um auf das drohende Uebel und seine mögliche Abwendung hinzuweisen. Und ein Uebel, ein großer Verlust wäre es jedenfalls, wenn die Nachtigall im grausamen und für die hochbegabte Sängerin so ungleichen Kampfe um’s Dasein in kürzerer oder längerer Frist erliegen, wenn sie einst nur noch in ornithologischen Sammlungen, allenfalls noch in großen, weniger zugänglichen Auenwaldrevieren zu sehen und zu hören sein sollte. Ein Verlust, freilich nicht für Diejenigen, welche die Meistersängerin niemals in ihrem Freileben und im Mai gehört haben, aber umsomehr für Alle, welche sich keinen rechten Maimorgen und keine rechte Maimondnacht ohne unsere herrliche Primadonna vorstellen können. Denn was die nicht immer competente und unparteiische Liebhaberei auch sagen mag: der Gesang der Nachtigall wird von keinem der gerühmtesten Singvögel erreicht, geschweige übertroffen, und es will mir geradezu unbegreiflich erscheinen, wie es Vogelgesangliebhaber – und wären es auch Capellmeister oder erste Opernsänger – wie es Liebhaber geben solle, welche beispielsweise den Gesang der amerikanischen Spottdrossel oder der grauen Grasmücke mit dem der Nachtigall auch nur vergleichen könnten.

Ich habe seit meiner Jugend eine leidenschaftliche Liebe für den Vogelsang, und viele Lieblinge unter den gefiederten Tonkünstlern haben mich seitdem immer wieder und in jedem neuen Frühlinge entzückt. Ich kenne mit sehr wenigen Ausnahmen südlicher Arten die Locktöne und Gesänge aller europäischen Singvögel, ebenso die der hervorragendsten ausländischen durch Selbsthören oder durch Beschreibungen reisender Kenner; aber auch nicht ein einziger ist mir bekannt, dessen Gesang sich an Tiefe, Kraft, Wohllaut und Rhythmus, an bestimmtem und doch wechselvollem und reichem Strophenbau, an schöner Modulation der Klangfarbe und überhaupt an großartiger Originalität, an deutlicher Vocalisation mit dem Nachtigallenliede auch nur entfernt messen könnte. Sein Charakter ist ein so bestimmt ausgeprägter, seine Wirkungen sind für alle nur mit einigem Tonsinne ausgestatteten Menschen so genau dieselben, daß nur dadurch die merkwürdige Uebereinstimmung der verschiedensten Völker aller Zeiten in seiner Charakterisirung und Deutung, wie in dem unerschöpflichen Lobe und Preise desselben erklärbar wird.

In welcher Cultursprache wäre die Königin des Gesanges nicht gefeiert und besungen worden von Homer bis auf heute! Welcher Vogelgesangliebhaber hätte nicht versucht, ihre reichen Lieder ohne Worte wenn nicht in Worte, so doch in bezeichnende Silben zu setzen! Bechstein, Naumann, Friderich und Andere haben die Strophen der in ihrer Heimath Lebenden wiedergegeben, denn die Nachtigallen, wie alle andern Singvögel, singen nicht überall in ihrem Verbreitungsgebiete gleich gut. Bechstein und Friderich zählen fünfundzwanzig Strophen, und Naumann bemerkt im Allgemeinen: „Je mehr und längere Strophen ein Schlag hat und je mehr von solchen darunter sind, welche im Tone auf- und abwärtssteigen wie die vierzehnte und siebenzehnte in der Bechstein’schen Angabe, und je weniger schirkende Töne oder kurze Strophen dabei sind, desto besser ist der Schlag.“ Diese vierzehnte und siebenzehnte Strophe lauten aber nach Bechstein, um eine Probe von seiner Angabe zu geben:

Lü lü lü lü ly ly ly ly lî lî lî lî und
Qui qui qui qui qi qi qi qi gi gi gi gi.

Ich meinerseits muß gestehen, daß ich zwar eine tüchtige Sängerin auch lieber höre als eine Stümperin, daß ich aber doch keiner der Strophen eines wirklich guten Schlages einen besondern Vorzug einräumen, daß ich mindestens keine einzige gern vermissen möchte.

Was aber auch zur Verherrlichung des Nachtigallgesanges in Versen und in Prosa geschrieben worden ist, einen so drastischen Beweis von seiner Wirkung hat meines Wissens doch kein Dichter und kein Naturforscher vorgeführt wie Fritz Reuter in seinem „Hanne Nüte“. Der alte würdige „Pastur, dem das heiter junge Frühlingsleben, der Wein und die Erinnerungen ein Bischen in den Kopf gestiegen“, entschuldigt sich in Folge des ehehälftlichen Vorhaltes, daß er „weltlich gesungen“ habe. „Sieh Dich um, Sohn! Die ganze Creatur ist in der Sünde tief versunken etc. Halt ’mal! War das die Nachtigall? – Wahrhaftig, ja! Bleib’ doch ’mal stehn! Ja, ja, sie ist’s. – Wie wunderschön!“ –

„Ja, ja, verderbt ist die Natur,“ fährt er in der Sprache der fossilen Orthodoxie fort, „und liegt in Höllen-Sündenbanden, und durch die Lust der Creatur macht uns der Böse all zu Schanden, darum mein Sohn …

Ei, ei, da ist sie wieder! –
Wie legen sich die Nachtigallenlieder
So trostvoll doch in’s Menschenherz!
Als wenn sie mit der Sehnsucht Klängen
Vom Himmel zu uns niederdrängen,
Zu zieh’n die Seele himmelwärts,
So süß gewaltig ist ihr Ton! –“

Coburg, im Mai 1874.
Dr. E. B.




Herman Grijn’s Kampf mit dem Löwen.
Altkölnische Sage.


Zu Köln am Domhof saßen
     Die würdigen Herren vom Stift,
Verdrossen über die Maßen
     Vor lauter Gall’ und Gift;

5
Es mocht’ auch keiner dreister

     Auf sie zu sprechen sein,
Als Grijn, der Bürgermeister
     Der reichsgetreu’sten Stadt am Rhein.

Der wahrte jedem Bürger

10
     Sein wohlverbrieftes Recht,

Daß auch der ärmste Schürger
     Nicht würd’ ein Pfaffenknecht;
Deß bosten sich am meisten
     Ein Knünch[1] und ein Kaplan;

15
Die hätten dem Ueberdreisten

     Doch gar zu gern ein Leids gethan.

Am Domhof lag im Zwinger
     Ein Löwe grauenhaft,
Dem kein Athlet und Ringer

20
     Gewachsen war an Kraft;

Den plagten sie mit Fasten
     Und luden gleißnerisch
Den Mann, den bestgehaßten,
     Auf guten Imbiß ein zu Tisch.

25
Der hat’s wohl angenommen

     Und als er am Dom erschien,
Da hieß es: „Schön willkommen
     Seid Ihr, Herr Herman Grijn!“
Doch als er stand im Saale

30
     – Sie ließen ihn just allein –

Da brach mit einem Male
     Das Löwenungethüm herein.

„Ha! Bin ich so zu Gaste
     Geladen an diesen Heerd?“

35
Er rief’s voll Zorn und faßte

     Sein doppelschneid’ges Schwert.
„Daß man sich so maskire,
     Ist das am Dom erlaubt?“
Er rief’s und warf dem Thiere

40
     Den seid’nen Mantel über’s Haupt.


Und eh’ der Leu begriffen,
     Den kölnischen Maskenscherz,
Da fuhr ihm scharfgeschliffen
     Der Stahl schon tief in’s Herz.

45
Er sank mit Wuthgebrülle,

     Getroffen auf den Tod;
Da lag, von der seidenen Hülle
     Bedeckt, das arge Gastgebot.

Und als nun tief erschrocken

50
     Das Pfaffenpaar erschien,

„Ihr hofftet zu frohlocken“ –
     So sprach Herr Herman Grijn;
„Ihr hattet mich dem Leuen
     Als Imbiß zugedacht.

55
Das soll Euch schwer gereuen;

     Ihr sollt noch sterben diese Nacht.“

Da half kein Dräu’n und Bitten;
     Bald war der Spruch gethan,
Den Henkertod erlitten

60
     Der Knünch und der Kaplan. –

Am Rathhaus sieht man heuer
     Gemeißelt noch in Stein
Das Löwenabenteuer;
     Zur Lehre soll’s dem Enkel sein. –

65
So geht die kölnische Sage

     Vom Löwenkampf am Dom;
Drum gilt noch heutzutage
     Das Wort am deutschen Strom:
Ob süß es fall’, ob sauer,

70
     Es sei dir Beides gleich;

Halt fest, du kölnischer Bauer,
     Halt fest am Kaiser und am Reich!

Hermann Grieben.



[418]
Ein Plauderstündchen in der Depeschen-Annahme.


Als mir zum ersten Male die Ehre zu Theil wurde, den Posten in der Depeschen-Annahme für einen erkrankten Collegen versehen zu dürfen, war ich höchst gespannt auf meine Erlebnisse am Schalter und malte mir das Wechselvolle dieses Postens, gegenüber der monotonen Beschäftigung des Apparatbeamten, in den lebhaftesten Farben aus. Allein meine Hoffnungen wurden schmählich getäuscht: nie habe ich so viel Aerger gehabt, wie damals.

Es kann nicht meine Absicht sein, alle Rencontres jenes Vormittags hier zu erzählen, ich will nur auszugsweise diejenigen allgemeinen Regeln wiedergeben, auf welche die Depeschen-Aufgeber aufmerksam zu machen ich damals Gelegenheit hatte.

Die frühe Morgenstunde ließ mir Zeit, gleich die erste mir überbrachte Depesche ein wenig näher zu betrachten. Ich wurde sofort lebhaft an jenen Elegant erinnert, welcher nie an eine Dame geschrieben hatte, ohne vorher auf das Sorgfältigste Toilette zu machen. Seinem Beispiele war der Verfasser dieser Depesche nicht gefolgt. Auf ein schmutziges Stück Papier hatte er die herzlichsten Glückwünsche für die Geliebte seines Herzens mit Bleistift und in Krähenfüßen, welche nur mit Mühe zu entziffern waren, niedergeschrieben.

Wenn Jemand gut zu schreiben absolut außer Stande ist, so wird es Niemand beikommen, das Ansinnen an ihn zu stellen, er möge seine Depeschen deutlich schreiben; man fragt ihn einfach, was dieses oder jenes unleserliche Wort bedeuten soll, und schreibt es deutlich darüber; und wenn Jemand, der keinen Begriff von Anstand hat, seine Depesche auf unsauberes Papier schreibt, so wundert sich Niemand darüber, sondern die Depesche wird aufgeklebt und befördert, ohne daß ein Wort darüber verloren würde.

Es wird aber auch Jeder unwillkürlich auf schlechtes Papier schlechter schreiben, als auf gutes, und hier kommen wir zu einem Punkte, den das Publicum doch beachten sollte; es handelt sich dabei um sein eigenes Interesse. Wie genau auch bei der Beförderung der Depeschen die Reihenfolge nach der Aufgabezeit innegehalten wird, so werden doch stets schlecht geschriebene Depeschen später befördert werden müssen, als gut oder wenigstens deutlich geschriebene.

Man denke sich z. B. an die Stelle eines Beamten, der während der Börsenzeit – also der Zeit des stärksten Depeschenverkehrs – an seinem Hughes-Apparate sitzt, und dem die zu befördernden Depeschen immer zu zehn, zu zwanzig Stück auf den Tisch gelegt werden. Um diese Correspondenz zu bewältigen, muß er per Stunde gegen sechszig Stück – bei Weitem noch nicht das Maximum der Leistung – verarbeiten; er kann also selbstverständlich die einzelnen Depeschen nicht vor der Beförderung durchlesen, sondern erst im Moment des Abtelegraphirens; woher soll er die Zeit nehmen, um schlecht geschriebene Depeschen Wort für Wort durchzubuchstabiren, und warum sollen durch diese zeitraubende Beschäftigung alle anderen Depeschen verzögert werden? Die schlecht geschriebenen Telegramme wandern also zum Aufsichtsbeamten, kann dieser sie nicht lesen, zum Annahmebeamten behufs Entzifferung; der hat aber in diesen Stunden alle Hände voll zu thun, um das Publicum am Schalter zu befriedigen, und so kann es vorkommen, daß Depeschen von vielleicht großer Wichtigkeit und Dringlichkeit durch Schuld des Aufgebers wegen schlechter Schrift nicht unbeträchtlich verzögert werden.

Sind die Depeschen unwichtig, so legt man sich eher auf das Errathen. Ob man schreibt: Gratulation oder Glückwunsch, herzlich oder innig oder aufrichtig – das macht am Ende keinen großen Unterschied, ob es aber in einer Geschäftsdepesche heißt: Kauft zehntausend Laura, 100 oder 101 oder 110, das ist eine gewaltige Differenz, und die Folgen eines möglichen Irrthums wird kein Beamter auf seine Schultern nehmen wollen.

Der Aufgeber, wenn er darüber interpellirt wird, ist natürlich stets höchst verwundert, daß seine „deutliche“ Schrift unleserlich gewesen sei; der Mann bedenkt nicht, daß wir Beamte meist nicht in der glücklichen Lage sind, uns so genau um die Course kümmern zu müssen, wie er. Wer konnte z. B. in der Schwindelperiode dem Beamten zumuthen, die Namen von allen den Unternehmern zu kennen, welche damals wie die Pilze aus der Erde wuchsen? Trotzdem aber wurden gerade jene Bezeichnungen sehr oft so undeutlich geschrieben, daß wir manchmal Alle die Köpfe zusammensteckten, um diese Hieroglyphen zu entziffern. Kam dann die Depesche spät an, so waren die Actien vielleicht schon wieder um ein achtel Procent gestiegen oder gefallen – das Geschäftchen war nicht mehr zu machen, und der Unglücksmann kam zur Station und wollte Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Ersatz zu erhalten für den durch die Verspätung erlittenen Schaden, den er doch nur selbst verschuldet hatte.

Ebenso ungünstigen Einfluß auf die Leserlichkeit der Depeschen bringt auch zumeist das bei Geschäftsleuten übliche Copiren derselben mittels Anfeuchtung hervor.

Darum wolle man vor Allem die Depeschen und besonders die darin vorkommenden Geschäftsausdrücke möglichst deutlich schreiben. Man erspart dadurch nicht nur sich selbst und den Beamten viel Zeit und Aerger, sondern kann auch versichert sein, daß die Depeschen jederzeit prompt befördert werden.

Ein zweiter Fehler der Depeschen ist sehr oft eine unvollständige Adresse. Eine Depesche „an Herrn Müller in Berlin“ ist natürlich von vornherein unbestellbar; denn welcher von den tausend Müller’s ist wohl der Rechte? „An Auguste in Dresden“ – nun, lieber Beamter, suche Dir im Adreßbuch diese Holde auf und übernimm es, die Depesche bestellen zu lassen! Letztere Adresse hat mir wirklich vorgelegen, ein Beweis für die Naivetät, mit welcher manche Correspondenten bei Benutzung des Telegraphen zu Werke gehen. Meist sucht man, thöricht genug, die Worte in der Adresse zu sparen, während man doch gerade diese so genau wie möglich formuliren und lieber im Texte einen überflüssigen Zusatz, wie: „Herzlichen Gruß“ u. a. weglassen sollte. Wenn die Depeschen mit ungenauer Adresse nicht geradezu unbestellbar werden, so wird ihre Bestellung doch gewiß bedeutend verzögert; denn der betreffende Beamte muß sich erst in das Adreßbuch vertiefen, und wenn diese Forschungen noch kein genügendes Resultat ergeben, so muß er bei den Polizeibehörden nach der Wohnung des Adressaten recherchiren lassen. Diese Ermittelungen kosten Zeit, viel Zeit, und um diese zu gewinnen, telegraphirt man doch; wird also die Depesche verspätet, so verfehlt sie ihren Zweck, und dies ist sehr oft die Quelle vieler Unannehmlichkeiten für beide Theile, Aufgeber und Empfänger.

Wenn dann einmal das gelbe Zettelchen: „Verzögert in Folge unvollständiger, respective unrichtiger Adresse“ der Depesche aufgeklebt ist, so hilft kein Reclamiren bei der zuständigen Behörde mehr. Man kann zwar eine ungenaue Adresse nachträglich vervollständigen, jedoch nur gegen nochmalige Entrichtung der Gebühr für eine einfache Depesche zwischen denselben Stationen.

Will man z. B. einem Freunde mit dem nicht mehr ungewöhnlichen Namen „Schulze“ in Berlin seine Ankunft für heute, vielleicht schon für die nächsten Stunden, anmelden, dann adressire man so genau wie möglich, etwa:

Kaufmann Friedrich Wilhelm Schulze,
Auguststraße 21, II. rechts. Berlin.

Dies sind neun Worte; eins braucht man zur Unterschrift; es bleiben also noch zehn für die eigentliche Mittheilung. Darin kann man ihm einen ganzen Roman erzählen, ohne siebensilbige Worte zu bilden, wie eine gewisse Bank: Nachmittagsdreiuhrzugig sendet etc. Der Text laute z. B.: „Cassirer mit 20000 durchgegangen. Polizei sofort benachrichtigen. Komme heute noch.“ Ob man dem Freunde noch einen telegraphischen Gruß sendet oder nicht, wird demselben wohl gleichgültig sein.

Eine genaue Adresse bedingt aber auch die genaue Bezeichnung des Adreßortes, wenn es deren mehrere gleichen Namens giebt. Eine Depesche nach Straßburg z. B. kann nach dem Elsaß, kann auch nach Westpreußen befördert werden; in beiden Provinzen existirt ein Ort dieses Namens. Setzt man nun nicht die nähere Bezeichnung „Straßburg Elsaß“ hinzu, so muß man einer bedeutenden Verzögerung oder gar der Unbestellbarkeit der Depesche gewärtig sein.

Ist einem aber ganz besonders viel daran gelegen, zu wissen, um welche Zeit die Depesche dem Adressaten behändigt worden [419] ist – wie dies ja bei Börsendepeschen der Fall ist – so schreibt man zwischen Adresse und Text den Zusatz: „Empfangsanzeige bezahlt.“ Dafür entrichtet man die Gebühr für eine einfache, das heißt bis zwanzig Worte enthaltende Depesche zwischen dem Ausgangs- und dem Adreßorte der Empfangsanzeige. Man depeschirt z. B. von Dresden nach Berlin und bezahlt für die einfache Depesche zehn Groschen. Für die Empfangsanzeige zahlt man nochmals zehn Groschen, in Summa zwanzig Groschen. Dafür meldet einem nun die Station Berlin nach Dresden zurück: „Depesche Nr. 302 dem Kaufmanne Friedrich Wilhelm Schulze, Auguststraße 21, II. rechts, zugestellt den 12/4. 3 Uhr 45 Minuten Nachmittags.“ Nun weiß man bestimmt, der Freund hat das Telegramm richtig und rechtzeitig enthalten, und diese Gewißheit ist sehr oft mit den wenigen Groschen nicht zu theuer erkauft.

Man kann sich aber solche Empfangsanzeige auch nach irgend einem anderen Orte senden lassen. Gesetzt den Fall, man giebt eine Depesche nach Hamburg in dem Moment der Abreise von Dresden nach Berlin auf, und es liegt einem daran, vor der Weiterreise von Berlin nach Hamburg Gewißheit über das Schicksal der Depesche zu erhalten, so sagt man dem Annahmebeamten: „Ich bitte, die Empfangsanzeige nach Berlin zu dirigiren,“ und bezahlt in diesem Falle nur zehn Groschen für dieselbe, weil eine einfache Depesche zwischen Hamburg und Berlin nur zehn Groschen kostet.

Giebt man nun vielleicht einen telegraphischen Auftrag zu irgend einem Kaufe oder Verkaufe und will sich gegen jede etwaige Verstümmelung, das heißt unrichtige Uebermittelung der Depesche sicher stellen, so bietet Einem die Verwaltung hierzu die Möglichkeit dadurch, daß man gegen Mehrzahlung der Hälfte der auf die eigentliche Depesche entfallenden Gebühr die vollständige Collationirung derselben verlangen kann. Man telegraphirt z. B. von Breslau nach Hamburg; die Depesche enthält vierzig Worte und kostet einen Thaler. Die richtige Uebermittelung derselben ist Einem sehr wichtig; daher begehrt man deren Collationirung und entrichtet hierfür noch fünfzehn Groschen. Den Vermerk „Collation bezahlt“ setzt man gleichfalls zwischen Adresse und Text der Depesche. Dieselbe wird dann von dem gebenden wie von dem nehmenden Beamten Wort für Wort collationirt, also zweimal gegeben, so daß sich irgend welcher Fehler nur sehr schwer verbergen könnte. Kommt ein solcher aber dennoch vor und kann man nachweisen, daß in Folge dessen die Depesche ihren Zweck nicht hat erfüllen können, so zahlt auf Wunsch die Verwaltung die für die Depesche entrichtete Gebühr zurück.

Es wird z. B. etwas für den 16. dieses Monats bestellt; die Collation ist bezahlt, trotzdem schreibt aber der aufnehmende Beamte 26. statt 16. In Folge dessen wird die Bestellung am 16. nicht effectuirt, und die Depesche hat dadurch ihren Zweck verfehlt. In diesem Falle werden die bezahlten Gebühren auf diesbezüglichen Antrag restituirt. Dasselbe kann geschehen, wenn gewöhnliche Depeschen durch Schuld der Telegraphenverwaltung gar nicht oder mit bedeutender Verzögerung dem Adressaten zugehen.

Alle derartigen Reclamationen sind bei der Aufgabestation einzureichen und zwar innerhalb zwei Monaten, vom Tage der Aufgabe der Depesche an gerechnet (bei Depeschen nach außereuropäische Ländern, so wie bei solchen, für welche die Antwort, die Collation oder die Empfangsanzeige bezahlt ist, innerhalb sechs Monaten). Als Beweisstücke sind beizufügen: in dem Falle der Nichtankunft einer Depesche eine schriftliche Erklärung der Adreßstation oder des Adressaten, daß dieselbe wirklich nicht angekommen ist, in dem Falle einer Verstümmelung der Depesche aber die dem Adressaten zugestellte Ausfertigung.

Es wurden eben Depeschen mit bezahlter Antwort erwähnt: der Aufgeber kann nämlich die von dem Adressaten verlangte Antwort frankiren. Wird eine Antwort von nicht mehr als zwanzig Worten gewünscht und zwar nach demselben Orte, wo die erste Depesche aufgegeben wird, so ist einfach zwischen Adresse und Text zu setzen: „Antwort bezahlt“, und es ist der Betrag für eine einfache Depesche zwischen beiden Stationen zu entrichten. Die Antwort von Berlin nach Dresden kann aber auch mehr als zwanzig, z. B. dreißig Worte enthalten sollen, dann ist zu schreiben: „Antwort bezahlt 15 Gr.“; bei nach außerdeutschen Stationen gerichteten Depeschen ist der Betrag in Franken und Centimes anzugeben.

Die Antwort kann man sich nach jedem beliebige Orte senden lassen. Depeschirt man z. B. von Köln nach Danzig und wünscht, da man sich auf der Reise nach Paris befindet, die von Danzig verlangte Antwort in Paris zu erhalten, so bezahlt man außer der Gebühr für die Depesche von Köln nach Danzig noch für die Antwort die Gebühr für eine Depesche von Danzig nach Paris, welche sich wieder nach der Länge der verlangten Antwort richten wird. In keinem Falle aber darf der für die Antwort zu zahlende Betrag die für die Ursprungsdepesche entrichteten Gebühren um mehr als das Zweifache übersteigen.

Dem Adressaten wird zugleich mit der betreffenden Depesche ein Antwortformular zugestellt, auf dessen Rückseite die Höhe der von dem Aufgeber hinterlegten Summe vermerkt ist. Dieses Formular vertritt die Stelle einer Anweisung an die Casse der Adreßstation, und gegen Rückgabe desselben wird dem Vorzeiger der vermerkte Betrag ausgezahlt bis sechs Wochen nach dem Tage der Ausfertigung. Der Adressat kann also keineswegs gezwungen werden, dieses Formular eben zu der verlangten Antwort zu benutzen, und ebenso wenig findet eine Restituirung der Antwortgebühren an den Aufgeber statt, wenn er die begehrte Antwort nicht erhält.

Jede Depesche muß eine Unterschrift haben, und jeder Aufgeber einer Privatdepesche ist verpflichtet, auf diesfälliges Verlangen die Echtheit der Unterschrift nachzuweisen. Depeschen ohne Unterschrift sollen zwar auch zur Beförderung angenommen werden, der Aufgeber ist jedoch auf die aus der Weglassung der Unterschrift möglicher Weise entstehenden Nachtheile aufmerksam zu machen. In der That werden Depeschen ohne Unterschrift auch nur selten aufgegeben und dann meist in Folge von Vergeßlichkeit des Aufgebers; eine stricte Verweigerung der Unterschrift dürfte nur in den seltensten Fällen vorkommen.

Umgekehrt aber liegt sehr Vielen daran, daß der Adressat von der Echtheit ihrer Unterschrift überzeugt sein möge, und zu diesem Zwecke können sie sich dieselbe nach vorgängiger Legitimation von der Aufgabestation beglaubigen lassen. Der betreffende Zusatz ist dem Texte zuzuzählen und bei Berechnung der Gebühren mit in Ansatz zu bringen.

Hat man z. B. der Post einen Brief oder ein Packet zur Beförderung übergeben und faßt nachträglich den Entschluß, dasselbe dem Adressaten nicht aushändigen zu lassen, so läßt man sich von der Aufgabepoststation die Identität der Person bescheinigen und telegraphirt nun an die Adreßpoststation, sie solle den betreffenden Gegenstand zurückhalten. Gegen Vorzeigung der Postbescheinigung wird dann die Telegraphenstation die Unterschrift gern mit den Worten beglaubigen: „Aufgeber durch Postbescheinigung legitimirt.“

Solche Fälle waren sehr häufig in der Krachperiode des vorigen Jahres. Ein Bankhaus übersendet dem andern, welches noch für ganz solid gilt, eine bedeutende Geldsumme durch die Post; nach Abgang derselben erhält es die Nachricht von dem unmittelbar bevorstehenden Sturze dieses Hauses; die Geldsumme wäre verloren, wenn nicht der Telegraph rettend einträte und durch denselben das Adreßpostamt zur Zurückhaltung der Sendung aufgefordert werden könnte. Wir haben hier einen Fall, wo Post und Telegraphie Hand in Hand gehen; es kommt dies sehr oft vor; abgesehen davon, daß die Post Depeschen, welche nach Orten ohne Telegraphenstation gerichtet sind, zur Weiterbeförderung übernimmt, ist besonders im nachstehenden Falle das Zusammenwirken von Post und Telegraphie sehr angenehm und sicher schon von Vielen mit Dank anerkannt worden.

Man denke sich, man hätte einen Wechsel einzulösen, ohne im Besitze des nöthigen Geldes zu sein – wovor uns übrigens der Himmel in Gnaden bewahren möge! Lautet der Wechsel nur über fünfzig Thaler, so würden Einem selbst in dem günstigen Falle, daß man wenige Stunden vor Ablauf des letzten Termins die benöthigte Summe erhielte, dennoch viele Unannehmlichkeiten und Kosten erwachsen, böten sich Einem nicht Post und Telegraphie als rettende Engel dar, welche den Fünfzigthalerschein dem drängenden Gläubiger noch zur rechten Zeit in die Hände spielen, vorausgesetzt, daß sowohl an des Aufgebers wie des Gläubigers Wohnort eine dem öffentlichen Verkehre dienende Telegraphenstation sich befindet.

Man lasse sich nun in Kürze erklären, was man zu thun hat, um die fünfzig Thaler rechtzeitig an ihre Adresse gelangen [420] zu lassen. Man geht zur Post und zahlt diese Summe ein mit der Weisung, dieselbe telegraphisch zu befördern. Will man dem Adressaten noch irgendwelche Mittheilungen machen, so übergiebt man sie ebenfalls der Post. Diese vermittelt nun die telegraphische Beförderung und sofortige Auszahlung des Geldes an den Adressaten, und dafür ist zu entrichten: die Postanweisungsgebühr, die Gebühr für das von der Post zu redigirende Telegramm, das Expreßbestellgeld für Besorgung der Depesche am Aufgabeorte vom Postbureau bis zur Telegraphenstation, wenn letztere sich nicht im Postgebäude mit befindet, und endlich – sofern die Anweisung nicht poste restante oder bureau restant adressirt ist – das Expreßbestellgeld für die Bestellung am Adreßorte zur Erhebung.

Setzen wir nun einen andern Fall: Man sei auf einer Reise begriffen und es sei Einem durch irgend eine unglückliche Verkettung von Umständen das Reisegeld ausgegangen, so ist nichts leichter, als sich solches schnellstens aus der Heimath zu requiriren – vorausgesetzt natürlich, daß dort das Requiriren etwas hilft. Man depechirt: „Sendet mir telegraphisch so und so viel Thaler bureau restant hierher!“ In kurzer Zeit wird die Depeschenanweisung bureau restant eingegangen sein, und dieser Zusatz ermächtigt die Telegraphenstation, dem Reisenden nach vorausgegangener Legitimirung die betreffende Summe gleich selbst auszuzahlen, ohne daß dieser erst zur Post zu gehen nöthig hätte. – Man sieht, daß diese beiden Elemente, Post und Telegraphie, innig gesellt, nicht nur die Welt beherrschen, sondern auch sehr viel zur Erleichterung der süßen Gewohnheit des Daseins beitragen können. Freilich giebt es auch Fälle, wo dem Telegraphen recht herzlich gemeinte Flüche und Verwünschungen nicht erspart bleiben, wenn z. B. flüchtige Cassirer etc. durch telegraphische Steckbriefe erkannt und an der Sicherung ihrer sauer erworbenen Gelder gehindert werden.

Eine andere Erleichterung gewährt die Telegraphenverwaltung dem Publicum insofern, als es gestattet ist, dieselbe Depesche an mehrere Adressaten gleichzeitig für einen geringern Satz befördern zu lassen, als zu entrichten wäre, wenn man an jeden eine besondere Depesche richten müßte. Man kann Depeschen mit mehreren Adressen aufgeben entweder an mehrere Adressaten an demselben Orte oder an denselben Adressaten in verschiedenen Wohnungen an demselben Orte.

Dies wird durch ein Beispiel klar werden: Ich sei Banquier und stehe am Vorabende einer großen vorkrachlichen Gründung, zu welcher mir fremde Capitalien sehr erwünscht, wenn nicht unentbehrlich sind. Ich will meinen Geschäftsfreunden an den anderen Börsenplätzen hiervon Mittheilung machen, was damals Anstands halber nur per Draht geschehen konnte, und will ihnen bestimmte Summen zur Consortial- oder Syndicatsbetheiligung offeriren. Die betreffende Depesche zähle sechszig Worte, koste also von Berlin nach Hamburg einen Thaler. Die Zahl meiner Hamburger Geschäftsfreunde möge sich auf einundfünfzig belaufen, und ich will sie alle gleichzeitig glauben machen, daß ich jedem Einzelnen nur aus ganz besonderer Rücksicht Gelegenheit biete, sein und anderer Leute Geld bei meiner Gründung auf anständige Manier loszuwerden. Müßte ich nun an jeden Einzelnen dieselbe Depesche richten, so würde dies Kosten in der Höhe von einundfünfzig Thalern verursachen. Statt dessen schreibe ich auf meine Depesche alle einundfünfzig Adressen und bezahle nun – wenn diese einundfünfzig Adressen hundertzwei und der Text der Depesche achtundfünfzig Worte enthalten – die Gebühr für eine achtfache Depesche, gleich zwei Thalern zwanzig Silbergroschen, in Summa also sechs Thaler fünfundzwanzig Silbergroschen; ich erspare daher vierundvierzig Thaler fünf Silbergroschen. Bei Depeschen nach außerdeutschen Stationen erhöht sich der Satz für die zweite und jede folgende Adresse auf vier Silbergroschen.

Es kann aber auch der Fall eintreten, daß ich Jemandem, dessen Wohnung ich nicht genau kenne, etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Er ist vielleicht auf einer Reise begriffen und hat mir sein Absteigequartier nicht bekannt gegeben, oder sein Bureau liegt von seiner Wohnung ziemlich entfernt. Ich kann in diesem Falle meine Depesche an denselben Adressaten nach verschiedenen Wohnungen dirigiren. Zum Beispiel: An Herrn N. N., Berlin, Hôtel Rom, oder Thiergartenhôtel, oder Hôtel Petersburg. Dies sind drei Adressen: mit denselben soll die Depesche zwanzig Worte zählen, kostet also von Metz nach Berlin fünfzehn Groschen; hierzu die Gebühr für zwei weitere Adressen à zwei einen halben Groschen, macht in Summa zwanzig Groschen, während ich für drei separate Depeschen desselben Inhalts einen Thaler fünfzehn Groschen hätte bezahlen müssen. Es wird nun an jede Adresse eine Abschrift der Depesche gesandt.

Nehmen wir ferner an, Jemand will eine Reise unternehmen und den Zurückbleibenden die Möglichkeit bieten, ihm jederzeit telegraphische Nachrichten zukommen zu lassen, so giebt er ihnen ein Verzeichniß der von ihm in Aussicht genommenen Nachtquartiere nebst ungefährer Angabe der Daten und beauftragt sie, ihren Depeschen den Zusatz: „Nachzusenden“, beizufügen, gefolgt von den Adressen, unter welchen ihn an den bestimmten Tagen Mittheilungen erreichen können. Er reist z. B. von Leipzig nach Nürnberg, Augsburg, München, Salzburg, Wien, Prag, Dresden und zurück; er gedenkt an jedem Orte fünf Tage zu bleiben und weiß im voraus, in welchen Hôtels er absteigen wird. Am zehnten Tage will man ihm von Leipzig etwas Wichtiges melden, weiß aber nicht genau, ob er nicht schon von Augsburg nach München gereist ist. Man adressirt dann die Depesche wie folgt: „Herrn N. N., Drei Mohren, Augsburg, nachzusenden München, Vier Jahreszeiten.“ Nun wird in Augsburg versucht, ihm die Depesche zu behändigen; ist er schon nach München weitergereist, so besorgt die Telegraphenstation Augsburg die Abtelegraphirung der Depesche nach München, wo sie ihn im Hôtel „Zu den Vier Jahreszeiten“ erreicht und ihm gegen Zahlung der Depeschengebühr Augsburg–München ausgeliefert wird.

Vermuthet man in einer empfangenen Depesche eine Verstümmelung, so steht es Einem frei, eine Wiederholung entweder der ganze Depesche oder der betreffenden Stelle zu verlangen. Sei die Depesche z. B. von Hamburg nach Dresden gekommen und heiße es darin: „Herr N. heute gestorben, wird morgen begraben,“ so wird man sich mit Recht über diese Schnelligkeit wundern und auf die Vermuthung kommen, die Depesche sei Einem fehlerhaft übermittelt worden. Um hierüber Gewißheit zu erlangen, hinterlegt man in Dresden die Gebühr für eine bezahlte Antwort nach Hamburg gleich einem Thaler, und die Station Dresden ersucht nun die Station Hamburg um Wiederholung der Worte „wird“ bis „begraben“. Stellt sich dann heraus, daß es vielleicht heißen muß: „wird Montag begraben“, daß also die Depesche durch Schuld der Telegraphenverwaltung verstümmelt worden ist, so wird Einem der Betrag von einem Thaler sofort zurückerstattet. Andernfalls geht er Einem verloren. Derartige Reclamationen müssen aber stets innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nach Empfang der Depesche erhoben werden.

Dies wäre so ungefähr das Wichtigste, was dem depeschirenden Publicum zu wissen nöthig ist; ein specielleres Eingehen auf alle möglichen Fälle dürfte leicht zu weit führen. Daß der Inhalt der Depeschen nicht gegen die Gesetze des Staats und der Sittlichkeit verstoßen darf, versteht sich wohl von selbst. Es ist ferner überflüssig, dem Annahmebeamten Fragen zu stellen, wie zum Beispiel: Wann kommt die Depesche dort an? Wann werde ich Antwort haben? Der Beamte kann ja nicht wissen, welche Hindernisse sich einer sofortigen Zustellung der Depesche an den Adressaten oder dem Abgange von dessen Antwort entgegenstellen. Freilich will dies manchmal blaustrumpfigen jungen Damen nicht in den Kopf. Kürzlich wurde mir auf meine Aeußerung, ich könne nicht bestimmen, wann die Depesche ankommen werde, eingeworfen: „Das wissen Sie nicht? Weiß man es doch von jedem Eisenbahnzug. Das ist ja scandalös; ich werde es meinem Vater erzählen, damit er es einmal in seiner Zeitung bespricht.“ Solcher Naivetät ist natürlich nur mit ausdrucksvollem Lächeln beizukommen. – Auch darf man dem Beamten nicht zumuthen, wie mir dies gleichfalls geschah, über die Lage aller mögliche Hôtels in London oder Paris Auskunft zu ertheilen, oder Adreßbücher dieser Städte zur Hand zu haben: Die Telegraphie bringt eben nicht so viel ein, daß man derlei hôtelologische Studien an Ort und Stelle machen könnte.

Lassen wir es denn hiermit genug sein! Etwa noch auftauchende Zweifel wird jeder Telegraphenbeamte gern bereit sein zu beseitigen.

Reinhold Billig.



[421]
Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.


6. Die Mätzchenmacher.


Mätzchenmacher?!

Zunächst bitte ich um Verzeihung für diesen dem Rothwälsch der Theatersprache entnommenen Ausdruck. Ich wagte es, ihn zu benutzen, weil ein bezeichnenderer schwerlich zu finden sein dürfte. Das zu einer Hälfte der französischen Sprache und zur andern dem Deutschen ungehörige Hauptwort „Nüancenjäger“ erschöpft den Begriff nicht vollkommen, denn die Nüance ist in der Kunst nicht nur ein Erlaubtes, sondern auch ein Nothwendiges. Das Mätzchen hingegen ist – vom Standpunkte einer reinen Kunstanschauung aus – weder nothwendig noch erlaubt. Das Nüanciren und die Nüance sind künstlerisch, und selbst ein kleines Zuviel in dieser Beziehung involvirt noch nicht den Begriff des Unkünstlerischen, des Unästhetischen. Das Mätzchen aber ist auf alle Fälle verwerflich und jeder dramatische Künstler, dem seine Kunst heilig ist, verwirft es auch. Der Nüancenjäger wäre also als Künster immer noch anzuerkennen; der Mätzchenmacher ist eben keiner.

In der Naturgeschichte des deutschen Komödianten verdient auch diese Species sogenannten Künstlerthums, die sich in den letzten Decennien merklich vermehrt hat, ein eigenes, wenn auch kleines Capitel. Man hat von jeher viel darüber gestritten, wer denn eigentlich die meiste Schuld an dem Verfalle des deutschen Theaters trage, ob die Dichter, die Darsteller oder das Publicum. Jeder betheiligte Factor wehrt sich möglichst gegen die Beschuldigung, und es liegt in der Natur der Sache, daß man niemals endgültig wird entscheiden können, wer denn eigentlich das Kainszeichen zu tragen verdient. Die Wahrheit wird auch hier, wie so häufig, in der Mitte liegen. Wenn dem Publicum eine Schuld beizumessen ist, so gehört sie jedenfalls weniger zu den Begehungs-, als vielmehr zu den Unterlassungssünden. Es ist erstaunlich, was sich das deutsche Publicum selbst von Kunstinstituten und Schauspielern bieten läßt, die nach Maßgabe der Verhältnisse entschieden verpflichtet wären, Anderes und zwar Besseres zu geben. Dieser Mangel an gesinnungstüchtigem Oppositionsgeist ist die eigentliche Todsünde des deutschen Publicums seinem Theater gegenüber. Das passive Zuschauerthum hat der dramatischen Kunst sehr viel geschadet. Eine durchgängig kühl ablehnende Opposition des wahrhaft kunstfreundlichen und kunstverständigen Auditoriums gegen Schlechtes und Mattes würde, wenn von jeher energischer geübt, von den besten Folgen für die Entwickelung der deutschen Bühne gewesen sein, und manches bedeutende Talent, das bei seinen ersten Bizarrerien statt dem donnernden Applause einem stillen und kühlen Verweise begegnet wäre, zählte heute nicht zu den Virtuosen und ihren schlimmsten Consequenzlern, den Mätzchenmachern.

Was ist also ein Mätzchenmacher?

Ein Künstler im dramatischen Berufe soll seine höchste Ehre darein setzen, der pietätvolle Ausleger und, wenn nöthig, der verständnißvolle Ergänzer des Dichters zu sein. Die Wahrheit ist sein höchstes Ziel, denn nur der antikisirende Hyper-Idealismus, der gottlob nunmehr zu den überwundenen Standpunkten gehört, vindicirte dem Kunstwerke die absolute Schönheit. Ein dramatischer Künstler soll den darzustellenden Charakter ganz und voll erfassen, liebevoll aufnehmen und hegen, und sein Bestes daran setzen, ihn vor den Lampen würdig zu verkörpern. Es wird’s Keiner in dem schweren Berufe der Menschendarstellung zum vollgültig Guten bringen, dem der Kopf nicht klar und das Herz nicht heiß ist, den nicht jede wahrhaft bedeutende Rolle zur Aufbietung aller Kräfte hinreißt, und wenn ein Stück Leben mitgehen sollte. – So der Künstler.

Der Mätzchenmacher dagegen macht sich die Sache viel leichter. Er nimmt Buch und Rolle her und spielt zunächst möglichst nur die Aufgaben, die „seiner Individualität zusagen“ oder ihm wie „auf den Leib geschrieben sind“. Hat er aber besonderen Appetit auf eine Partie, die seinem Können eigentlich fern liegt, so „macht er sich die Rolle zurecht“, das heißt ohne Rücksicht auf den Dichter und dessen Absichten modelt er sich den Charakter oft in einem ganz entgegengesetzten Sinne. Ganze Scenen werden aus purem Egoismus und ohne sonstige Nothwendigkeit verlegt oder gar gestrichen, brillante „Auftritte“ und „Abgänge“ werden geschaffen und das Studium der Rolle gipfelt in dem Streben, an möglichst viel Stellen möglichst viel mehr oder weniger motivirte „Mätzchen“ loszulassen.

Das sind die Mätzchenmacher, die es sehr gern hören, wenn sie die oberflächliche Tageskritik „denkende Künstler“ oder „feinfühlige Darsteller“ nennt.

Consequenzler des Virtuosenthums nannte ich sie oben, und das bleibt mir zu beweisen. Es liegt in der Natur der Sache, daß jene in Kunst machenden Geschäftsreisenden, welche die größeren Städte des deutschen Vaterlandes in ziemlich regelmäßig wiederkehrenden Zeiträumen als „Gäste“ der betreffenden Theater besuchen, ungemein leicht in einen Fehler verfallen, der die Wurzel alles Uebels in dieser Beziehung ist, nämlich in den Fehler: um jeden Preis neu sein zu wollen. Das ist ganz natürlich. Das Repertoire dieser gastspielreisenden Herren und Damen ist stets ein ziemlich beschränktes, und neue Partien in dasselbe aufzunehmen sind die Herrschaften meist zu bequem. Nach einem kürzeren oder längeren Zeitraume nahen sie sich wieder demselben Publicum mit denselben Rollen. Was nun thun, um neues Interesse einzuflößen? – Die schon einmal am Orte gespielte Rolle wird umgemodelt. In rein äußerlicher Beziehung werden Maske und Costüm geändert, und in Bezug auf die eigentliche Verkörperung des Charakters wird nach neuen Effecten, nach noch nicht bekannten, wirksamen Details gesucht. Gleichviel ob diese Effecte und Einzelheiten der Aufgabe wirklich entsprechen oder nicht – wenn sie eben nur neu und originell sind. Das große Publicum wird für den Moment gepackt und hat auch während der Spanne Zeit, die den Zwischenacten zur Disposition gestellt ist, gar nicht Gelegenheit, sich in Reflexionen über die Wahrheit des Gegebenen zu ergehen. Im Gegentheil – man dankt dem gefeierten Künstler, daß er noch fortwährend „die Feile an seine herrlichen Gebilde lege“. Derartiges thun Matadore der dramatischen Kunst, und das Schlimme bei der Sache ist, daß Diejenigen, die keine Matadore sind, diese so erfolgreiche Art und Weise nachzuahmen suchen.

Nachdem wir auch in politischer Beziehung eine Nation geworden sind, werden wir wohl früher oder später daran denken müssen, eine Nationalbühne – wenn auch im modernen Sinne des Wortes – zu schaffen. Es ist dies nur eine Frage der Zeit, und sie tritt immer und immer wieder in den Vordergrund des Kunstlebens. Eine heilige Pflicht des großen, kunstsinnigen Publicums ist es, mitzuwirken an dem Zustandekommen dieser Nationalbühne, und damit es demselben möglich werde, diese Pflicht zu erfüllen, ist es heilsam und nöthig, daß von vielen Schattenpartien der deutschen Bühne der Schleier hinweggezogen werde, der sie bis jetzt mit mehr als christlicher Nächstenliebe zudeckte. Dadurch wird dem der ausübenden Kunst ferner stehenden Theile des Volkes Gelegenheit geboten, die Spreu von dem Weizen zu sondern; dadurch nur kann es auch in weiteren Kreisen zum Bewußtsein gebracht werden, daß die Auswüchse eines falsch verstandenen Künstlerthums zum Vortheile des Ganzen mit energischer Opposition bekämpft werden müssen.

Das ist der Grund, warum ich hiermit dem großen Publicum die Mätzchenmacher als eine der Schattenseiten des heutigen dramatischen Kunstlebens zeichne und in negativem Sinne empfehle. Die Thatsachen, die ich erzähle, verbürge ich. Die betheiligten Namen der meist noch lebenden Darsteller verschweige ich, denn nicht um die einzelne Persönlichkeit, sondern um die Sache handelt es sich.

Eine unserer bedeutendsten Darstellerinnen des Goethe’schen Gretchen gastirte in dieser Rolle in einer größeren Provinzialstadt Mitteldeutschlands. Da man sie am folgenden Morgen im Hoftheater zu X., wo sich die Dame im stabilen Engagement befand, wieder in der Probe erwartete und der Eisenbahnzug, der allein sie rechtzeitig zurückführen konnte, bald nach zehn Uhr Abends abging, so resolvirte sie kurz: „daß sie nur dann auftreten werde, wenn der Director den Goethe’schen Faust mit der Kirchgangsscene Gretchens beginnen lasse.“ Nach der gewöhnlichen Bühneneinrichtung ist dies bekanntlich der dritte Act des Werkes. Faust begann also – horrible dictu! – mit dem dritten Acte; das [422] Publicum ließ es sich gefallen, applaudirte wie rasend und war sehr erbaut davon. –

Einer unserer renommirtesten Charakterdarsteller gastirte in der Rolle des Franz von Moor. Nach Schiller’s Vorschrift sitzt oder steht Franz in der bekannten Scene neben seinem Vater, mit welchem er in tiefer Unterhaltung begriffen ist. Daß eine Unterhaltung vorhergegangen sein muß, geht aus den Anfangsworten hervor: „Aber ist Euch auch wohl, mein Vater?“ etc. Franz muß also schon, ehe der Vorhang sich hebt, eingetreten sein und seinem Vater mitgetheilt haben, daß er eine „Zeitung“ für ihn habe. Was that der renommirte Gast? – Da er möglicher Weise um den Empfangsapplaus kommen konnte, wenn er beim Emporfliegen der Gardine schon auf der Bühne stand, so ignorirte er Schiller, der ein Auftreten des Franz nach geöffneter Scene nicht vorgeschrieben hat, weil es nach den einleitenden Worten unlogisch sein muß, ließ den Vorhang aufziehen, den alten Moor während einer langen Pause still in seinem Stuhle sitzen wie einen Greis, der sich nicht zu helfen weiß, und erst nach dieser sonderbaren, ungerechtfertigten Pause trat der große Mime auf und wurde natürlich donnernd empfangen. Dies geschah in einer großen Universitätsstadt, und der Darsteller selbst war honoris causa von einer süddeutschen Universität zum Dr. philosophiae gemacht worden. Das Publicum hatte kein Verständniß für diese Sünde, die nur des rohen Effects wegen begangen wurde.

Ein ebenfalls bedeutender, jetzt verstorbener Heldendarsteller gastirte als Tell. Die Scene mit dem Fischer (4. Act, 1. Scene) schließt folgendermaßen:

 Tell.

Ist es gethan, wird’s auch zur Rede kommen. (Ab.)

 Fischer.

Zeig’ ihm den Weg, Jenni – Gott steh’ ihm bei!

Er führt’s zum Ziel, was er auch unternommen. (Geht ab.) Den Fischer spielte ein braver Schauspieler, der dem Gaste sicherlich nichts verdorben hätte. Aber die zwei Zeilen des Fischers mußten dem Rothstifte des Regisseurs zum Opfer fallen, der Schiller’sche Vers mußte zerrissen werden. Warum? Damit der gefeierte Gast Herr des letzten Wortes vor dem Sinken der Verwandlungsgardine sei und somit sicherer auf einen Applaus oder Hervorruf rechnen könne. Dies wurde sogar seinerseits mit naivem Cynismus zugestanden. – Der gastirende Künstler war Mitglied eines großen Hoftheaters.

„Neu um jeden Preis!“ Dieser Devise sind die Besten zum Opfer gefallen. Unser weitaus bedeutendster Charakterdarsteller der Neuzeit gehörte ebenfalls zu diesen Opfern. Er spielte den Perin in Moreto’s „Donna Diana“. Man wird beim besten Willen in der Rolle nichts Anderes finden können, als den ehrgeizigen, scharfblickenden, behenden und humoristischen Grazioso der spanischen Komödie, den feinen Leiter der Intrigue, die bewegende Ursache des Stückes, den weltklugen und hofmännischen Philosophen, der alle übrigen Personen des Lustspiels in geistiger Beziehung überragt. Es ist absolut nichts Anderes aus dem Perin herauszuklügeln. Und doch geschah es von dem großen Charakteristiker. Er wollte neu sein in dieser Rolle. Er wollte etwas geben, was vor ihm noch Keiner gab. So sah man denn seinen Perin einige Male versuchsweise als tölpischen, habsüchtigen, rauhen Diener und im Costüme eines baskischen Bauern. Erträglich war das höchstens in der Scene, wo Perin der Donna Diana gegenüber den bärbeißigen Weiberfeind heuchelt, sonst war es einfach unerträglich; denn wie kam dieser Perin überhaupt zu einer so bevorzugten Stellung an einem Hofe? Wo blieb der feine Grazioso Moreto’s? Wo blieb das Stück? Aber der Darsteller war neu und das Publicum war entzückt.

Es ist gewißlich wahr, daß die gelehrten Commentatoren und Interpreten eines Shakespeare, Goethe, Schiller und Anderer diesen Dichtern in Bezug auf die von ihnen geschaffenen Charaktere Absichten untergelegt haben, die jenen Geistesheroen sicherlich fern lagen. Man kann sehr für Gründlichkeit sein und doch auch hier das Zuviel verdammen.

So geht es mit dem Shylock Shakespeare’s. Ganz aus seiner Zeit heraus kann auch der größte Dichter nicht, denn wir sind schließlich alle Menschen. Kannten die Zeiten eines Shakespeare schon jene Humanität dem Judenthume gegenüber, die erst in unseren Tagen zur Wahrheit geworden ist? Nein, und Shakespeare wird darum sicher nicht daran gedacht haben, im Shylock einen Heros hinzustellen, der mit der That, die er zu begehen vorhat, die jahrhundertelange Unterdrückung seines Volkes rächen will. Aus dem Shylock einen Heros machen, heißt dem Stücke Gewalt anthun, denn der schließliche Urtheilsspruch, den Shakespeare seinem Publicum zumuthen konnte und der eine Parodie auf Alles, was Recht heißt, ist, beweist zur Genüge, daß er selbst und sein Publicum nichts Anderes im Shylock gesehen haben als den verdientermaßen tüchtig geprellten alten jüdischen Wucherer. Diesen Standpunkt – mindestens ein sehr entsprechender für die Zeit, in der das Stück entstand – hielt auch Heinrich Marr in Hamburg fest, als er für die Thaliabühne, die ja nur Lustspiele geben durfte, vom Hamburger Senate die Freigebung des „Kaufmann von Venedig“ verlangte, da dieses Stück aus den und den Gründen entschieden ein Lustspiel sei. Wo finden wir aber heute diese Auffassung des Shylock? – Seydelmann soll ihn noch so gespielt haben. Eine falsch angebrachte Humanität hat heutzutage die Rolle gewaltig veredelt. Aber wie sonderbar! – Shylock ist also ein Held, der sein Volk an einem der vielen Unterdrücker rächt, und fast Alle, die ihn so spielen, vergessen beileibe nicht das alte Traditionsmätzchen des Messerwetzens und des Probirens der Schneide am Haar. Darf der Blutdurst eines Helden in so raffinirt gemeiner Weise zum Ausdruck gelangen?

Dabei fällt mir ein, daß ein wandernder Tragöde der Neuzeit den Shakepeare’schen „Kaufmann von Venedig“ recht praktisch eingerichtet hat. Da er nämlich als Shylock im vierten Acte fertig ist und voraussetzt, daß das Publicum dem fünften Acte nunmehr kein Interesse entgegenbringt, so hat er diesen fünften Act bis auf ein Minimum zusammengestrichen und als Verwandlung der Gerichtsscene angehängt. Diese Verwandlung geht sehr schnell vorüber, und das Publicum hat dadurch Gelegenheit, sich zu erinnern, daß der Gast zum Schlusse noch einige Male gerufen werden muß.

Eine Rolle, die wegen ihrer drastischen Wirksamkeit noch sehr häufig auf dem Repertoire gastirender Künstler des charakterkomischen Faches steht, ist der Candidat Elias Krumm in dem Kotzebue’schen Lustspiele: „Der gerade Weg ist der beste“. Für den, der das Stück nicht kennt, sei der wesentliche Inhalt kurz angedeutet. Ein alter Major von Murten, ein Haudegen vom reinsten Wasser, derb und soldatisch gerade, hat eine Pfarre zu vergeben, zu welcher sich zwei Bewerber gemeldet haben. Der eine, Namens Wahl, der die Freiheitskriege mitgemacht hat, ist der Repräsentant des geraden Weges, der auch schließlich zum Ziele führt, und der zweite Candidat, der obengenannte Elias Krumm, geht als echter Mucker mit Vorliebe die Wege, die „hinten ’rum“ führen. In dieser Partie, die an und für sich schon höchst drastisch gezeichnet ist, gastiren vorzugsweise zwei unserer bedeutendsten Charakterdarsteller. Aber mit welcher Unzahl van motivirten Nüancen und gar nicht zu motivirenden Mätzchen haben sie diese Rolle ausgestattet! Dieser Elias Krumm ihrer Auffassung ist ein hohes Lied auf den Hanswurst, und Gottsched könnte, wenn er noch unter den Lebenden wandelte, sich dreist die Mühe noch einmal nehmen, den Harlekin von der Bühne zu vertreiben. Es liegt doch so nahe, daß der biedere, soldatisch rauhe Major von Murten einen solchen Candidaten der Theologie nicht fünf Minuten in seinem Zimmer dulden würde. Der gerade Kriegsmann muß sich aber – aller Logik hohnsprechend – sogar dazu hergeben, die Mätzchen, die theilweise auf seine Kosten gemacht werden, zu unterstützen.

Bisjetzt sprach ich nur von sogenannten Größen, die sich, als dem Virtuosenthum angehörig, auch mehr oder weniger der Mätzchenmacherei in die Arme geworfen haben. Das Unwesen gewinnt aber auch höchst betrübenden Umfang in jenen künstlerischen Kreisen, die ihre Ehre darin suchen, im festen Engagement gute Repertoireschauspieler zu sein. Namentlich unter den Charakterspielern und Komikern verbreitet sich das Uebel der Mätzchenmacherei mehr und mehr. Die Letzteren sind, leider Gottes, in den letzten fünfundzwanzig Jahren dahin gebracht worden, den Schwerpunkt ihrer Kunst im Couplet zu suchen. Das rächt sich sichtlich bitter. Mit sehr wenigen Ausnahmen bringen die Komiker immer und immer wieder ihre Individualität, und man wird nicht mehr Viele dieses Faches finden, die einen Valentin im „Verschwender“, einen Rappelkopf in „Alpenkönig

[423]

Schwarzburg.
Nach der Natur aufgenommen von H. Heubner.

[424] und Menschenfeind“, einen Just in „Minna von Barnhelm“ zu zeichnen verstünden. Das politische Couplet und seine damit erzielten leichten Erfolge haben die Komiker corrumpirt, und so ist es zu erklären, daß die eigentlich komischen Stellen der Lust- und Schauspiele unserer classischen Dichter heute vom Charakterspieler übernommen werden müssen. Daß der jüngere Nachwuchs im Charakterfache mehr und mehr zu dem Unwesen des Mätzchenmacherthums gedrängt wird, hat noch einen anderen Grund, den ich hier kurz anführen will. Man ist in der Neuzeit sonderbarer Weise dahin gekommen, den Werth der rein physischen Mittel für einen Charakterspieler zu unterschätzen. Nun ist es wohl richtig, daß gerade in diesem Fache eine wissenschaftliche Bildung und eiserner Fleiß über manche Schranke, die mangelnde äußerliche Mittel gezogen, hinweghelfen – aber damit ist es auch genug. Um eine Rolle herauszugreifen: den König Lear. Diese Rolle bedingt doch entschieden imponirende Mittel an Figur und Organ. Eine Persönlichkeit unter Mittelgröße mit einem Organ, das dieser herrlichen, königlichen Ruine nicht entspricht, wird nie eine einheitliche, harmonische Wirkung aufkommen lassen, so Braves auch vom Darsteller geleistet werden mag. Heutzutage ist man aber, scheint es, zu der Ansicht gekommen: äußere Mittel sind für den Charakterspieler zwar willkommen, besitzt er aber eine bedeutende Bildung und Fleiß, so wiegen diese beiden Vorzüge alle fehlenden physischen Mittel auf. Mit Lewinsky’s Eintritt in die Reihen der Kunstgrößen wurde das beinahe Axiom.

Es kommen junge Charakterspieler zum Theater, die mit der Persönlichkeit und dem Organe eines Shakespeare’schen Junker Spärlich oder Christoph von Bleichenwang beanspruchen, einen Lear, Richard, Alba und Jago darstellen zu dürfen. Nun darf man allerdings annehmen, daß Bildung und Fleiß meist in hohem Maße bei diesen jungen Novizen vorhanden sind. Das genügt aber nicht allerwegen, und nicht Jeder, der mit solcher Persönlichkeit die großen classischen Aufgaben reproduciren will, hat das Glück, einen bedeutenden Dramaturgen bei guter Laune zu treffen und von diesem mit apodiktischer Bestimmtheit als zukünftige Kraft ersten Ranges bezeichnet zu werden. Was ist die Folge? – Die jungen Leute mühen sich redlich ab, aber es geht eben nicht auf die Dauer. Die schwachen Lungen und die kleine Gestalt geben’s nicht her. Was ihnen die Natur versagte, suchen sie durch Studium zu ersetzen. Das sogenannte durchdachte Spiel, die Nüance soll den Ausfall der natürlichen Mittel decken, und wie leicht thun sie hierin nicht zu viel und verfallen der Mätzchenmacherei!

Gerade weil die Schauspieler heutzutage durchschnittlich über eine entsprechende Bildung verfügen, hat sich das Uebel der überwuchernden Detailmalerei und des unmotivirten Mätzchenmachens ausbilden können. Gerade so, wie das scenische Ausstattungsbedürfniß sich eine eigene Malerkunst, die Decorationsmalerei, hat schaffen müssen, gerade so möchte man die echte Kunst der dramatischen Darstellung am liebsten in kräftiger Holzschnittmanier ausgeführt sehen. Diese Manier schließt ja Feinheit der Empfindung und zweckgemäße Vertheilung von Licht und Schatten nicht aus, aber sie verhindert das unkünstlerische Ueberwuchern des Einzelnen; sie betont weniger farbenprächtig, aber nicht minder richtig als die Oelmalerei. Die Maler, deren Hauptstärke im Colorit liegt, sind ja mit Recht meist Vorwürfen über Mängel in der Conception und Zeichnung ausgesetzt, und das Miniaturbild hat ja immer mehr oder weniger als bloße Spielerei gegolten.

Das Publicum und die Kritik haben die Pflicht, dem Ueberwuchern dieser verderblichen Richtung in der deutschen Schauspielkunst entgegenzutreten – ersteres dadurch, daß es nicht Alles auf Treu und Glauben nimmt, was ihm von Großen und Größen geboten wird, die letztere durch logischen Nachweis des Falschen, Mißverstandenen und Unkünstlerischen. Freilich, so lange der Kritiker die Bühnentechnik und die Handwerksgriffe, die Jeder gebrauchen muß, der irgend eine Kunst ausübt, zu studiren nicht für seine Pflicht erachtet, so lange er dem Schauspieler nicht dadurch imponirt, daß er Kenntniß von Allem hat, was zur Kunst der Menschendarstellung gehört, so lange wird er wohl thun, seine Stimme nicht für das delphische Orakel zu halten. Jeder Journalist hält es für eine gewöhnliche Nebenbeschäftigung, Theaterkritiken zu schreiben. Daß er das versteht, versteht sich bei ihm von selbst. Zu einem Kritiker aber, der dem Theater wirklich von Nutzen sein soll, gehört noch etwas mehr als das Bewußtsein, Lessing und Börne gelesen zu haben.

Schließlich noch eine kleine Mittheilung, die, wenn nicht wahr, so doch gut erfunden ist und die zeigt, wie man dem Mätzchenthum in Theaterkreisen entgegentritt.

Ein „renommirter Gast“ soll den Franz von Moor spielen. Als man in der Probe bis zum fünften Acte und der sogenannten Traumscene gekommen ist, wendet sich der gastirende Künstler an den Darsteller des Daniel, der ihm in dieser Scene sehr zur Hand gehen muß, und sagt ihm:

„Wollen Sie sich gefälligst merken, Herr X, daß ich Abends in meiner furchtbaren Aufregung Ihren Kopf in meine beiden Hände nehme, Ihnen die Worte: ‚Aber so lache doch, Daniel!‘ gewissermaßen in das Gesicht sprudele, Sie dann niederwerfe und Ihnen einen heftigen Fußtritt versetze.“

Der Daniel, ein wackerer alter Schauspieler, erwiderte darauf: „Ich habe hier auch eine Nüance. Sobald Sie, geehrter Herr, die mir angedeutete Nüance zur Ausführung gebracht haben, erhebe ich mich und verabreiche Ihnen eine solenne Ohrfeige.“

Der Mätzchenmacher soll in dieser Scene am Abend der Vorstellung sehr zahm gewesen sein.

Arno Hempel.




Blätter und Blüthen.


„Eine helle Perle im dunkeln Kranz.“ (Mit Abbildung, S. 423) So haben wir vor zwei Jahren auf der Wanderung, auf welcher wir damals[2] unsere Leser mit Bild und Wort durch das Schwarzathal führten, die Burg genannt, die auf der Felsenfaust unter dem Trippstein (auf welchen wir unsere Leser heute stellen) emporleuchtet, vom glänzenden Silberring der Schwarza umschlungen.

Bis jetzt war die Schwarzburg eine, wenn auch noch so helle, dennoch vor der Hochfluth des Verkehrsstroms versteckte Perle; denn wenn es in der Touristenzeit auch nicht an Luftschnappern fehlte, welche, vom Rufe des Schwarzathals angezogen, durch die Wald- und Felsenthäler von Nord und Süd daherschwärmten, so waren es immer nur Post- und Privatwagen, welche neben der leider zu sehr aus der Mode gekommenen Fußwanderung die Beförderung hierher zu besorgen hatten. Wie viele Postwagen mit Passagieren muß Schwager Postillon auffahren, um mit diesen einen einzigen Eisenbahnwaggon zu füllen! Und welche Arche Noäh öffnet sich, wenn sich ein ganzer Eisenbahnzug entleert! Und solcher Entleerungen drohen in nächster Zeit drei das Schwarzathal und die Schwarzburg mit ihren Menschenströmen zu überschwemmen. Schon zieht das Dampfroß die Wagenreihen mit Thüringerwaldlustigen von Nordost über Gera, vom Norden die Saalbahn daher, und bald wird auch vom Süden her aus den Weingauen Frankens der Schienenstrang das Gebirg durchdringen und das nahe Saalfeld der Knotenpunkt dieser dreifachen Verkehrsverbindung sein; eine vierte von Westen nach Südosten, von Erfurt über Saalfeld nach Hof, wird nicht lange auf sich warten lassen.

Wie sehr wir auch als Menschen dieser vorwärtsstrebenden Zeit uns darüber zu freuen haben, daß durch den Donner solcher Dampfzüge der alte Industriegeist des Gebirgs da, wo er von erdrückender Concurrenz niedergebeugt oder unter harter Kriegs- und anderer Noth ganz versunken war, neu gestärkt oder wieder erweckt werde, so beschleicht uns doch ein leises Bangen um den schönen stillen Waldesfrieden, in welchem der von der Geschäftshatz Abgehärmte hier einst athmen und sich erquicken und stärken konnte. Diese „schönen Tage“ von Schwarzburg werden nun wohl dahin sein.

Zum Glück ist das Gebirg so reich an Wegen und Pfaden, denen der Bequemlichkeitssinn der großen Menge nur fahrender Gäste ausweicht, daß wir von ihnen unbehelligt immer noch bis zur Anblicksstätte unseres Bildes gelangen können, am schönsten von Rudolstadt aus. Man geht über Schaala, Eichfeld und Keilhau (wegen der von Fr. Fröbel hier gegründeten waldfrischen Erziehungsanstalt an sich ja besuchenswerth) auf den Steiger mit seiner prächtigen Aussicht; von da gelangt man in einem Stündchen über Watzdorf hinauf nach Kordegang und von da nach dreiviertelstündiger Lustwandelung durch den fürstlichen Thiergarten zu dem Borkenhäuschen des Trippsteins. Und wer da zum ersten Male durch das Fenster auf unser Bild hinabschaut, ruft sicherlich aus: „Ach, wie ist der Wald so schön!“

Der Wanderer, welcher den eben bezeichneten Fußweg überstanden, hat es verdient, daß er erfahre, wo man einen Guten schenkt. So geleiten wir ihn denn den Zickzackweg hinab zur Landstraße, die zum Schloß führt. Da stehen, wenige Minuten vor demselben, zwei Gasthöfe sich gegenüber, deren Besitzer beide den Namen Hübner tragen. Der Thüringer Volkswitz weiß sie dennoch zu unterscheiden: er heißt den Einen „Hübner“ und den Andern „Drübner“. Gut wohnen und weilen ist bei Beiden. Und hat der Mensch sich gelabt und so weit gestärkt, daß er der Wißbegierde wieder ein Opfer bringen kann, so rathen wir ihm durchaus nicht von einem Besuche des Schlosses ab, wenn wir ihm auch nicht etwas ganz [425] Absonderliches von Sehenswürdigkeiten versprechen können. Für den auf culturgeschichtliche Gegenstände aufmerksamen Reisenden enthält wohl jede alte Sammlung etwas Beachtenswerthes, und für einen solchen ist auch der Gang in die Schwarzburg kein vergeblicher. Mit drei Fünfgroschenstücken zu Trinkgeldern ausgerüstet, begeben wir uns an das Thor, wo der wachthaltende Invalide das erste empfängt und uns dem Büchsenmacher überantwortet, der uns die Rüstkammer zeigt. Hier wende der Gast sich besonders der Sammlung alter Sättel und Pferdegeschirre aus verschiedenen Jahrhunderten zu, welche culturgeschichtlichen Werth hat, und ebenso zeigt die Sammlung älterer Feuergewehre, guterhaltene und werthvolle Exemplare. Haben wir uns hier des zweiten Fünfgroschenstücks entledigt, so lassen wir für das dritte uns von der Beschließerin in das Innere des Schlosses führen. Der Jagdfreund findet hier als Schmuck der Galerien eine ausgezeichnete Sammlung von zum Theil sehr starken Hirschgeweihen; der Pferdeliebhaber kann zweihundertsechsundvierzig Pferdebilder bewundern, die sämmtlich von einem schwarzburgischen Fürsten, Ludwig Günther, in Oel gemalt sind; den Curiositätenfreund wird im Speisesaale u. A. ein gar seltsamer Mutherprober überraschen, der „Schwarzburger Willkomm“, ein stattlicher Pokal, dessen Leerung schon einen erprobten Trinker erforderte; aber ehe er den Pokal bis zur Neige hob, rollte im Boden desselben eine Kugel auf eine Zündmasse, die einen Schuß löste, und nur wer da nicht erschrak, sondern ruhig bis zur Nagelprobe austrank, war ein ganzer Mann. Im Kaisersaale sind jetzt, statt der alten schlechten, gute neue Kaiserbildnisse (vom Hofmaler Oppenheim) aufgestellt, und in der mit Thüringer Marmor und Alabaster ausgeschmückten Schloßkirche bewahrt man einen Gypsabguß des Grabdenkmals, welches dem Kaiser Günther von Schwarzburg († 1349) im Dom zu Frankfurt am Main errichtet ist.

Der Kaisersaal mit seiner viereckigen Kuppel ist ein Ueberrest der alten Burg aus dem zwölften Jahrhundert, und auch das Aeußere des Baues läßt errathen, welch ritterlichen Wohnsitz die großen Feuersbrünste, Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, zerstörten. Das jetzige Schloß ist 1744 fertig geworden, aber wie! Als ein Denkmal der traurigsten Zeit Deutschlands auf noch vielen Gebieten menschlicher Thätigkeit, und insbesondere der Baukunst. Der Kasernenstil hat hier einen allzugroßen Triumph gefeiert, und die Späteren haben leider Nichts gethan, um durch veredelnde Nachhülfe dem Auge die trostlose Einförmigkeit der langen Wand- und Dachflächen ein wenig erträglicher zu machen. Nur zum Leuchten im dunklen Kranze sind die hellen Mauern gut; dies und der Kranz selbst schützen unsere Freude an der Schwarzburg vor jeder dauernden Störung. Ein Blick vom Schloßgarten oder der Balustrade oder aus den Fenstern des Salons im „Hirsch“ hinab in’s Thal, dessen Wiesengründchen am Morgen und Abend das äßende Wild belebt, läßt alle Bauten und Unbauten vergessen, und die köstliche Lust des Waldes bleibt völlig über uns Herr.

Oestlich am Fuße des Schloßfelsens durchrauscht die Schwarza das Dorf Schwarzburg, in welchem die „Thalleute“ wohnen und die „Männer von Schwarzburg“ in dem ehemaligen Eisenhammer schwarze Erdfarbe aus Döschnitzer Alaunschiefer bereiten. Westlich vom Schlosse erhebt der Quittelsberg sein über 2200 Fuß hohes Haupt und eröffnet auf seinem Gipfel, der Keilsburg, einen Rundblick voller Waldpracht, der von Neuhaus am Rennsteig bis zum Steiger bei Erfurt reicht und hoch über die leuchtende Schwarzburg hin bis zu der Burg, die durch ihren Namen leuchtet, zur Leuchtenburg.

Wird wirklich, wie unheimlich verlautet, die Eisenbahn von Westen her bis zur Schwarzburg vordringen und auch das Schwarzathal durchbrechen? Was ist der Industrie-Speculation heute unmöglich? Geschieht’s aber, so haben wir vor unseren Nachkommen, die wir sonst so gern beneiden, wenigstens Das voraus gehabt, daß wir Burg und Thal gesehen, als sie noch undurchräuchert und undurchschrillt waren vom Dampf und Pfiff der Eisenkönigin Locomotive.

Fr. Hfm.




Winke für Großstädte. In der größten Stadt der Welt, London, mit dem größten Straßenlärm, beschäftigt man sich seit längerer Zeit mit Versuchen, möglichst geräuschlose Straßen herzustellen. Gründlich kann dies nur mittelst des Straßenpflasters geschehen. Hier hat man nun besondere Versuche und Vergleiche mit Granit-, Asphalt- und Holzpflasterung angestellt und ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß für Gewinnung möglichster Geräuschlosigkeit das Steinpflaster überhaupt ganz aufgegeben werden müsse. So handelt es sich vorläufig nur noch um die Vorzüge zwischen Asphalt und Holz. Sechs Wochen lang fortgesetzte genaue Beobachtungen auf Holz- und Asphaltstraßen haben den damit beauftragten Ingenieur Heywood zu folgendem Urtheile geführt: Asphalt macht das wenigste Geräusch; Räder und Pferdehufe passiren weich und glatt darüber hin, und wenn die Straße aufgerissen werden muß, läßt sich die Asphaltdecke leicht in regelmäßigen Stücken ausschneiden, und binnen kurzer Zeit wieder befestigen. Aber im Regenwetter ist dieser Boden für Pferde zu schlüpfrig, so daß sie gar zu leicht fallen und sich schwer verletzen. Gleich beim ersten Guß dick aufgestreuter grober Kies veringert indessen diesen üblen Umstand bedeutend. Holz ist entschieden die beste Pflasterung für Erreichung möglichster Geräuschlosigkeit. Man hört zwar die Pferdehufe, aber nur dumpf, und die Räder gleiten sanft darüber hin. – In einer Hauptverkehrsader Londons und zwar in der City von Templebar bis zur Bank und Börse findet man dicht hintereinander Muster von Granit-, Asphalt- und Holzpflasterung und kommt hier bei jeder Fahrt zu der Ueberzeugung, daß auch dieses beste Steinpflaster noch als zu schlüpfrig, geräuschvoll, mühsam und kostspielig für Erhaltung und Reparatur zu Gunsten der Asphalt- oder Holzpflasterung aufgegeben werden müsse. Auf die Mehrkosten kommt es dabei gar nicht an, denn eine Stadt, als Ganzes genommen, verliert, indem sie durch schlechtes Steinpflaster die gesunden Nerven ihrer Einwohner und deren Wagen und Pferde verdirbt, immer unendlich viel mehr, als das theuerste gute Pflaster kosten würde. Wir in Deutschland mit unseren weisen Magistrats- und Stadtbehörden werden wohl nicht so bald das schlechte Steinpflaster los werden, geschweige auf einen guten Holzweg kommen. So wäre es wenigstens gut, wenn ein guter, vielfach bewährter Rath angenommen würde. Dieser besteht darin: man pflastere wenigstens die Hauptverkehrsstraßen mit möglichst regelmäßig behauenen Steinvierecken und zwar mit möglichst geringer Wölbung nach der Mitte, wie es eben hinreichend ist zum Abfluß des Regenwassers in Rinnsteine, für welche Berlin meist eine Warnung und Paris ein Muster ist. Diese Rinnsteine müssen oben nur eine schmale Oeffnung haben, eben breit genug, um die Stiele der zur Reinigung besonders eingerichteten Besen hindurch und entlang zu ziehen. Dieses ziemlich glatte und wenig gewölbte Steinpflaster ist zwar auch nicht billig, aber doch für die Stadt und deren Bewohner gegen das gewöhnliche schlechte schon eine ungeheure Ersparniß an Nerven, Rippen, Wagen und Pferden.

In London hat man außerdem mit den Squares und Crescents oder halbmondförmigen Straßenbogen wenigstens gute Anfänge für geräuschloses Wohnen gemacht. An den Ecken und Winkeln vieler dieser viereckigen Plätze und an den halbmondförmigen Straßenfronts hin wird wenig oder gar nicht gefahren. Dies sichert schon ziemlich viel Ruhe, nur daß die Leierkasten und Ausrufer noch entsetzlich stören. So müßte man für das Wohl der geistigen Arbeiter in Schulen, Universitäten und Staatsbureaux, sowie für sonst ruhebedürftige Personen die betreffenden Stadtabschnitte vervollkommnen, wie dies in London hier und da geschieht, obwohl noch mancherlei Fehler auch hier übrig bleiben. Kurz, Staats- oder Stadtbehörden oder gebildete Privatspeculanten sollten für das Gedeihen des geistigen Lebens und somit auch ihrer Casse für Stadtabschnitte sorgen, in welchen kein Ausrufer, kein öffentliches Wagenrad, kein Leierkasten, nicht einmal ein Kind die für geistige Arbeiten oder schwache Nerven nöthige Ruhe stören kann. Für Kinder müßten hinter den betreffenden Häusern besondere gesicherte Spielplätze eingerichtet sein. Solche Stadtabschnitte entstehen am besten dadurch, daß man einen größeren Flächenraum mit Häusern, die einander die Gesichter zukehren und durch Garten- und Parkanlagen in der Mitte einen gemeinschaftlichen heiteren und gesunden Ausblick haben, so bebaut, daß nur ein oder zwei Einfahrten von der Außenstadt bleiben. Diese Zugänge wären durch Portiers zu bewachen, wie die sogenannten herrschaftlichen verschlossenen Häuser. Schwache Anfänge dazu in Berlin, Hamburg und London habe ich immer so beliebt und von allen höher gebildeten Familien so bevorzugt gefunden, daß vervollkommnete Anlagen dieser Art sich jedenfalls auch als gewinnreiche Privatspeculation empfehlen. Wo diese sich nicht einfindet, könnten Vereine für Hebung geistiger und physischer Gesundheit, städtische oder staatliche Behörden den dazu gehörigen Geist beleben und so das dazu erforderliche Geld herbeischaffen. Dies fiele wohl auch in das Bereich der „Verschönerungsvereine“. Berlin hatte einen solchen dem Namen nach, aber wohl kaum je in sichtbar gewordener Wirksamkeit.

Musterhaft wirkt dagegen seit zehn Jahren der Verschönerungsverein in Halle an der Saale, früher wohl einer der häßlichsten und jetzt schon vielleicht einer der musterhaftesten Städte. Der edelsten Nacheiferung würdig ist wenigstens die schon ziemlich abgerundete That dieses Vereins, zwischen der alten Stadt und den massenhaften neuen Ansiedelungen ringsum einen Schönheitsgürtel zu ziehen, eine luftige, sonnige und zugleich schattige Rundpromenade, welche den Bewohnern der inneren und äußeren Stadttheile gleichmäßig zu gute kommt. Hier wirkten die gebildeten Kräfte der Universität, der höheren Beamten und gebildetsten Bürger so gut und einheitlich, so energisch und ausdauernd zusammen, daß die häßliche Stadt wenigstens in dieser Beziehung bereits zum Muster für alle Städteverschönerung geworden ist. Der Verein hat, um nur das Eine zu erwähnen, auch unfruchtbare, trockene, felsige Höhen mit schattigen, luftigen Bäumen bepflanzt und, um das Begießen derselben zu erleichtern und zu sichern, oberhalb der Wurzeln größere Flaschen ohne Boden eingegraben, in welche das Wasser mit Trichtern gefüllt wird. So kommt jeder Tropfen den Wurzeln zu gute, während beim gewöhnlichen Gießen, noch dazu an Abhängen, viel Wasser nutzlos abläuft und verdunstet.

Dies sind so einige aus mehreren Großstädten gesammelte Andeutungen für Beruhigung, Gesundheit und Verschönerung unserer dämonisch menschen- und moralmörderisch wachsenden Großstädte. Wenn nicht gründlich und umfassend wenigstens für Ruhepunkte, geräuschlosere Straßen, Athmungs- und Erholungsplätze innerhalb derselben gesorgt wird, so können wir uns darauf verlassen, daß diese gerühmten Brennpunkte des geistigen Lebens vielmehr zu Mördergruben desselben werden. An Warnungen und Beispielen fehlt es schon jetzt nicht. Auch in dieser Beziehung könnten unsere bedrohlichen Großstädte sich zum Theil Halle und in noch größerem Maßstabe London zum Muster nehmen. London, die größte Großstadt der Welt, ist zugleich am wenigsten eine solche, sondern eine höhere Vereinigung von Stadt und Land. Mit Ausnahme der alten inneren Theile überall große, viereckige Plätze mit herrlichem Blumen- und Buschwerk zwischen den Straßen; dazu ein Dutzend Parks mit allen Reizen des offenen Landes, des Waldes und des Feldes und Tausende von größeren oder kleineren Straßen mit Gärtchen vor den Häusern und meist zusammenstoßenden Hintergärten, die nur durch niedrige Mauern oder Hecken getrennt mit ihrer guten Luft und ihrem heiteren Gesammtüberblicke allen Bewohnern ringsum gleichzeitig ohne Beeinträchtigung zu Gute kommen. Tausende von Augen, sich gleichzeitig darauf weidend, stören einander nicht, und jeder Blick führt jeder einzelnen Seele den Eindruck eines großen, gemeinsamen heiteren und erquickenden Besitzthums zu. Das kleine, längliche Viereck von Privatgärten liefert den einzelnen Bewohnern vollständig ungehinderten Spielraum für Erholung und nützliche, angenehme Beschäftigung. Auch der kleinste Garten, den man theils mit Küchengewächsen, theils mit Blumen und Strauchwerk bepflanzt, giebt der Sorgfalt, Lust und Liebe jeden Tag hinreichende angenehme Beschäftigung.


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[426] Diese mehrfachen leichten Anregungen brauchen nicht leicht genommen und überlesen zu werden. Für den Empfänglichen und Verständigen können sie Stoff und Bewegungskraft zu schöner, solider That werden.

H. Beta.




Eine Gartenlaubenreflexion. Die Pfingstfeiertage und die darauf folgende Woche hatte ich auf einem Gute in Mecklenburg zugebracht. Das Gut liegt drei Stunden von der Hamburg-Berliner Eisenbahn entfernt und eine Stunde von der nächsten Chaussee. Meine kurze Villeggiatur durfte daher auf das Prädicat „ländlich“ gerechten Anspruch machen, und da ich es zur Bedingung gestellt hatte, daß alle „Umstände“ meinetwegen wegfielen, so konnte ich auch ungestört in der Gartenlaube sitzen und in alten Jahrgängen der „Gartenlaube“ blättern, die man hier sorgfältig gesammelt und mit einem durabeln Einbande versehen hatte. Eine solche Ehre widerfährt den politischen Zeitungen nie oder selten. Der politische Journalist schreibt in letzter Instanz – Maculatur für den Käseladen. Sein geistiges Schaffen ist Reflex, seine Wirksamkeit eine Ephemeride. Es mag ein wahres Wort sein: „Der Schriftsteller geht in dem Journalisten zu Grunde“, obschon es wie ein Paradoxon klingt. Selbst für einen modernen „Junius“ ist die Concurrenz zu groß geworden.

Ich blätterte hin und her und stieß auf manchen Namen, der jetzt auch auf Grabsteinen zu lesen ist. Ein wehmüthiges Gefühl! Die „Gartenlaube“ kam mir vor wie ein gedruckter Kirchhof, die Aufsätze der Verstorbenen erschienen mir wie ein Vermächtniß für die Leser, und ich glaube sogar, meine Augen sind etwas feucht geworden, als ich unter den jetzt Todten auch meinen alten Schulfreund Gerstäcker gedruckt reden sah.

Weg mit den trüben Gedanken!

Unter den vielen Aufsätzen, welche ich noch einmal durchflog, waren von einem andern Autor auch Reminiscenzen aus dem vorigen Jahrhundert. Sie behandelten ein Geschäft, welches von einer Anzahl deutscher Fürsten getrieben wurde. Der Artikel war Menschenfleisch, und der Leser wird bereits errathen haben, daß von dem Verkauf deutscher Landeskinder an England die Rede ist, um die junge Freiheit in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu unterdrücken. Die beregten Artikel befinden sich besonders in dem Jahrgange 1864 der „Gartenlaube“ und dürfen der Wiederlectüre sehr empfohlen werden, nicht damit wir in eine billige Entrüstung über eine Barbarei der Vergangenheit ausbrechen, o nein! sondern damit wir sehen, daß die Factoren nur gewechselt haben und die modernen „Landgrafen von Hessen“ etc. nur anders geformt als Kaufleute, Rheder und Expedienten auf den Comptoirsesseln sitzen.

„Stehe auf, daß ich mich hinsetze!“ klang es mir in die nachrevolutionären Ohren. Der alte „Werber“ heißt heute „Agent“; die „gewaltsame Pressung“ ist der „Ueberredung“ gewichen, die „Zunge“ vertritt die „Faust“, und der „Vertrauensmißbrauch“ trommelt „Cam’rad komm!“ Auch die alten deutschen Fürsten verstanden es, von goldenen Bergen jenseits des Oceans zu reden und ihren Menschenschacher mit dem Nimbus einer gewissen Philanthropie zu umgeben. Was aber damals Beute und Plünderung locken mußte, das sind heute Versprechungen von Landbesitz nach freier oder billiger Ueberfahrt. Nach den Begriffen des vorigen Jahrhunderts verbot keine Verfassung dem „Landesvater“, seine Unterthanen in der Form von „Soldaten“, „Hülfstruppen“ zu verkaufen. Die straflosen Verbrechen der Gegenwart nehmen die Maske des „freien Verkehrs“ vor, und derselbe Rheder, der durch „Kulifrachten“ oder durch „Auswanderer“ reich wird, die er in die Sümpfe und Urwälder Brasiliens locken läßt, spielt ganz ungenirt den sittlich Entrüsteten, wenn von dem Menschenhandel der deutschen Fürsten des vorigen Jahrhunderts die Rede ist.

Und dennoch – wenn man nämlich stark genug zu einer eiskalten Reflexion ist – wie philanthropisch war jener Menschenhandel durch die Verhältnisse jenseits des Oceans gegen den modernen!

Die schmählich verkauften Landeskinder kamen vor Allem auf einen Kriegsschauplatz, dessen Klima ein temperirtes genannt werden durfte. Sie kämpften gegen Menschen, nicht gegen eine furchtbare Sumpf- und Urwaldsnatur der Tropen. Sie konnten desertiren, ihren Peinigern entrinnen und wurden von der jungen Union als Bürger, die man nicht mit leeren Versprechungen abspeist, empfangen. Und bekanntlich desertirten die deutschen Landeskinder gar nicht übel zur Zeit des nordamerikanischen Freiheitskrieges. Der Grund und Boden, das Klima, die Sitten und Gebräuche von Nordamerika waren den verkauften Deutschen nicht absolut fremd und feindlich. Die Nichtswürdigkeit des Verkaufsactes konnte durch persönliche Willens- und Thatkraft abgeschwächt werden in ihren Folgen.

Die Scene hat sich heute verwandelt. Die Schauspieler sind anders costümirt und sprechen einen andern als den Corporalsjargon. Mit einer Naivetät ohne Gleichen geschehen von den deutschen Seeplätzen aus die modernen Transporte der verlockten Menschen. Die Werbetrommler schneiden humane Grimassen, und mit einer ebenso unglaublichen Naivetät rauchen die „Bundescommissäre“, welche an den Seeplätzen „zum Schutze der Auswanderer“ spazieren gehen und Diners besuchen, ihre Cigarre dazu.

Es sind – „lauter Freiwillige!“ wie der Kammerdiener in „Kabale und Liebe“ sagt. „Freiwillig“ überantworteten sie sich der ausmergelnden Schiffskost; „freiwillig“ gehen sie wie die Fliegen auf den Leim, und vielleicht toastirt der „Bundescommissär“ an der Tafel des Rheders „auf die Größe und Einheit des deutschen Vaterlandes“ dazu. Es lebt sich gut, es ißt und trinkt sich gut in den deutschen Seeplätzen, und ein gutes Diner stimmt das menschliche Gemüth weich und nachsichtig.

Ja, wenn wir mit Brasilien im Kriege lebten! Aber die deutschen Landeskinder werden ja nicht todtgeschossen; Fieber und Ungeziefer sind keine Kugeln, und es sind ja – „lauter Freiwillige“; die Strafgesetzbücher sind lückenhaft in Bezug auf den Selbstmord und auf die Verleitung zum Selbstmord. Auf dem Wege zu diesem findet der Deutsche weniger Schwierigkeiten und Weitläufigkeiten, als wenn er sich verheirathen will.

Ein Radicalmittel giebt es gegen die bürgerlichen Geschäftsnachfolger der deutschen Fürsten des vorigen Jahrhunderts nicht, außer daß man allüberall die sogenannten Auswanderungsagenturen strengstens verbieten müßte, wodurch der Act der Auswanderung zu einer völlig freien Selbstbestimmung würde.

Doch ich überschreite die Grenze der Aufgabe, welche sich dieser Artikel gesteckt hat: die Parallele zwischen Sonst und Jetzt. Früher der rauhe, gerade landesväterliche Despotismus; heute die glattrasirte Physiognomie des „ehrbaren Kaufmanns“. Früher die Menschenwaare sans phrase; heute mit der Etiquette der lügenhaften Vorspiegelungen. Die Provision ist – Dank der Concurrenz – heute geringer geworden. Früher hieß es, die englische Armee zu stärken; heute gilt es, Fracht für die Schiffe zu erhalten, und die strafgesetzlichen Bestimmungen über Vertrauensmißbrauch machen respectvoll Halt vor jedem Hausknecht, der zum großen Rheder geworden ist. Die straflosen Verbrechen des vorigen Jahrhunderts sind für die Fürsten unmöglich geworden; sie sind das Privilegium, welches subtiler ausgeübt wird von ihren Nachfolgern der Comptoirs. Die Form ist eine andere; das Wesen ist geblieben. Die deutschen Regierungen aber haben leider noch nicht so viel geographische Kenntnisse, um zu wissen, daß jedes Tropenland, welches niedriger als circa drei- bis viertausend Fuß über dem Meeresspiegel liegt, für den europäischen Landmann ein unmöglicher Boden ist. Nicht Tiger und Schlangen, nicht wilde menschenfressende Indianer, womit die Touristenphantasie die Tropenregionen zu illustriren pflegt, ah bah! das sind Märchen und Uebertreibungen. Die sogenannten „kleinen Leiden des menschlichen Lebens“, gegen welche uns Nichts schützt, die aber millionenfach in Gestalt von Ungeziefer, tödtlichen Sumpfgasen etc. unser harren, das sind die unbesieglichen Feinde der Einwanderer.

Was ist nun schlimmer: der „deutsche Landesvater“ des vorigen Jahrhunderts, der seine Unterthanen verkaufte, um gegen civilisirte Menschen zu kämpfen, oder die Handvoll gewissenloser Schiffsrheder, die, um „Frachten zu machen“, mit Hülfe von Auswanderungsexpedienten und Agenten die Menschen in den Tod hineinlügen? Jedes Kind in den deutschen Seestädten kennt diese „Biedermänner“, die als „ehrbare Kaufleute“ einherstolziren, allein das „lückenhafte Strafgesetz“ setzt die straflosen Verbrecher in den Stand, mit der prosaischen Injurienklage die Stimme der empörten Moral mundtodt zu machen, und mancher deutsche „Landesvater“ des vorigen Jahrhunderts, wenn er wieder auferstände, würde sich wundern, wie man in ihm den „Splitter“ verdammt, während man die „Balken“ mit Händen greifen könnte, wenn man nur wollte. –

W. Marr.




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das zweite Quartal unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das dritte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.




In den nächsten Quartalen kommen zum Abdruck an Novellen:
„Gesprengte Fesseln“ von E. Werner (Fortsetzung).
„Das Capital“ von L. Schücking.

Außerdem eine Reihe interessanter, belehrender und unterhaltender Artikel, deren Titelanzeige wir dieses Mal unterlassen.




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Die Verlagshandlung.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Knünch, contrahirt aus Canonicus (wie Münch aus Monachus), ist die von Alters her in den Rheinlanden und in den oberdeutschen Gegenden noch heute volksübliche Bezeichnung der Stifts- und Domherren.
  2. Gartenlaube, 1872, Nr. 28.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wirlich