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Die Gartenlaube (1871)/Heft 7

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[105]

No. 7.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Pulver und Gold.
Den Mittheilungen eines Officiers nacherzählt von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


„Sie haben das Mittel, durch das ich Ihnen Nachtruhe geben wollte, verschmäht,“ antwortete der Abbé, „damit es nicht unbenutzt bleibe, will ich selber es nehmen; nach der Scene der verflossenen Nacht wird mir die beruhigende Wirkung, die es übt, wohlthun!“

„Ah,“ sagte ich, „eine Beruhigung darüber hätten Ihnen auch meine Worte geben können; ich habe nicht daran gedacht, daß dieses Pulver nicht ein sehr harmloser Stoff sei: sogar ein sehr wohlthätiger Stoff; hätte ich ihn zu mir genommen, so würde ich sicherlich so gut und so fest wie Friedrich geschlafen haben, und Sie und Fräulein Blanche hätten ungestört Ihr Vorhaben ausführen können; ich fühlte jetzt nicht die Verzweiflung über den Kummer, den ich Fräulein Blanche habe zufügen müssen, diese helle Verzweiflung, die mich dazu trieb, Sie um eine Unterredung zu bitten. Ich möchte von Ihnen erfahren, wie Fräulein Blanche in dieser Stunde von der Sache denkt, ob ihre wilde und mir unerklärliche Aufregung sich gelegt hat; ich möchte Ihnen auseinandersetzen, daß es einer solchen Aufregung über die einfache Thatsache ja gar nicht bedarf, daß diese derselben nicht werth ist …“

Der Abbé zuckte die Achseln und sah trübselig zu Boden, während ich eifrig fortfuhr:

„Der kleine Schwarm von Franctireurs hat aus Furcht, von uns überrascht zu werden, den Geldtransport in Ihrem Hause in Sicherheit gebracht; wir haben den leidigen Schatz entdeckt und confisciren ihn nach Kriegsrecht; ich gebe Ihnen eine Bescheinigung darüber, die mein Schwadrons- und, wenn Sie wollen, mein Regimentschef bekräftigen und besiegeln wird – Sie sind damit aller Verantwortung los und ledig – es ist eine einfache vis major, der Sie gewichen sind – kein Mensch auf Erden kann Ihnen oder gar Fräulein Blanche einen Vorwurf darüber machen!“

„Sie kennen die ganze Sachlage nicht, mein Herr!“ erwiderte der Abbé. „Ich will sie Ihnen erklären, wenn Sie verlangen …“

„Ich bitte, reden Sie, sagen Sie mir Alles.“

„Jenes Geld,“ hub der Abbé an, „ist vom Präfecten des Departements der obern Saone zu Vesoul an den des Doubs nach Besançon abgeschickt worden und sollte zur Errichtung und Ausrüstung des Bataillons der Mobilen der obern Saone dienen, das zur Sicherheit nach Besançon geschickt ist, um sich dort im Schutze der Festung zu formiren. Da man jedoch die Straße von Vesoul auf Besançon nicht mehr für ganz sicher hielt – man hatte Nachricht, daß Ihre Vortruppen auf Vesoul marschirten, und mußte dann ihr weiteres Vordringen auf der Straße nach Besançon erwarten – so wurde der Transport ostwärts auf der Straße in’s Oignonthal geführt, um über Montbazon und Voray ungefährdet Besançon zu erreichen. Aber was sich in diesem heillosen Kriege so vielfach gezeigt hat, daß Sie die Schnelleren und wir die Langsameren sind … der Wagen mit dem Gelde wurde von Ihrem Detachement auf einer Straße, auf der man Sie gar nicht erwartete, eingeholt; der Gensd’arm und die Franctireurs, die ihn geleiteten, hatten, wie Sie ja selbst wissen, kaum die Zeit, den Schatz in dies Haus zu schaffen. Es war Fräulein Blanche, die ihn aufnahm, die ihn rasch in den Raum schaffen ließ, wo er am besten aufgehoben scheinen mußte, in das Zimmer, worin Herr Kühn seine Geldmittel und seine Werthpapiere aufbewahrte, das eiserne Schränke und Gitter vor dem Fenster hatte, dessen Thür durch zwei Schlösser zu sichern war … es war so natürlich, daß man in der Hast nur an diesen Aufbewahrungsort dachte. Nachdem die kleinen Fässer dorthin getragen und so für’s Erste geborgen waren, athmeten die Franctireurs auf; ihre Sorge war von ihnen genommen, ihr Muth kehrte zurück, und da sie Ihnen an Zahl ungefähr gleich waren, beschlossen sie, sich gegen die anrückenden Ulanen zu vertheidigen; wenn diese vor dem Hause ankamen, wollten sie ihnen durch das Gitter des Hofthores eine Salve geben und sich dann in unser Haus werfen, um die Feinde aus dem Fenster niederzuschießen. Sie können sich unser Erschrecken über dieses Vorhaben denken; auch wäre es sicherlich zu einer solche Scene gekommen, wäre nicht Blanche gewesen, die sie beschwor, abzuziehen, weil das Ende des Kampfes sein würde, daß unser Haus niedergebrannt werden, daß ihre Mutter von solch einem schrecklichen Ereigniß den Tod haben würde … sie stellte den Leuten vor, wie ein Blutvergießen ganz unnütz sein werde, wie die feindliche Streifpartie vorüberziehen werde, wie sie schon in der Nacht zurückkommen könnten, ihren Geldtransport weiter zu schaffen – sie setzte hinzu, daß sie, Blanche, mit Allem, was sie habe, den Leuten bürge für ihre Geldfässer – wenn sie nur rasch verschwänden und nicht an einen Kampf dächten, dessen Wirkung auf ihre kranke Mutter Blanche mehr fürchtete als Alles.“

„Und auf diese Bürgschaft hin ließen sich die Leute bereden?“ fiel ich erregt ein.

„Sie ließen sich beschwichtigen und durch Marc, den Gärtner, [106] durch unsere Gärten führen, durch welche sie verschwanden – es war Zeit, denn die Hufschläge Ihrer Pferde schallten bereits aus der Allee herüber. Sie kamen – und kündigten uns zu unserem Schreck an, daß Sie bleiben würden … zu unserm noch größern nahmen Sie und Ihr Diener diese Zimmer für sich, und durch diese Zimmer führten doch die einzigen Wege zu jenem Gelde!“

„Ah,“ rief ich aus, „wie unglücklich sich das Alles für Sie fügte! Sie kamen den Abend deshalb zu uns, um mich zu sondiren, wie lange wir bleiben würden! Und als ich Ihnen eine für Sie keineswegs beruhigende Antwort gab, entschoß sich wohl Fräulein Blanche zu jener Wanderung im Mondschein, auf der ich ihr begegnete … sie war gegangen, die Franctireurs zu bedeuten, daß sie nicht in der Nacht hoffen dürften, ihre Fässer abholen zu können …“

„So ist es – sie mußte diese Leute, die sich in den Gebüschen hinten am Oignonflusse verborgen hielten, entfernen – um sie zu beruhigen, gab sie ihnen ein Blatt, auf dem sie bezeugt hatte, daß sie die Geldsumme in Verwahr genommen und dafür einstehe. Damit gelang es ihr, die Leute fortzusenden, die ganz bereit und entschlossen waren, einen nächtlichen Ueberfall auszuführen und Sie Alle zu ermorden!“

„Wir waren ein wenig wider einen solchen nächtlichen Ueberfall auf der Hut,“ unterbrach ich ihn; „aber wer weiß, wenn auch Fräulein Blanche dies Alles nur gethan hat aus Rücksicht und Sorge für ihre Mutter – vielleicht hat sie doch mehreren von uns und besonders mir, der ich hier getrennt von meinen Leuten wohne, das Leben gerettet! – Also sie hat die Leute fortgeschickt … mit einer schriftlichen Bürgschaft …“

„Es ist ihr damit gelungen … der Gensd’arm ist nach Vesoul heimgeritten, um seinem Präfecten Bericht abzustatten und ihm Blanche’s Schrift einzuhändigen; die Franctireurs haben sich auf Besanoçon zurückgezogen. Wir hätten nun den Verlauf der Dinge abwarten können, wenn nicht die Sorge gewesen wäre, daß Sie unser Geheimniß, dem Sie so nahe waren, entdecken könnten … wenn Sie nicht selbst endlich Blanche erklärt hätten, daß Sie dies Geheimniß argwöhnten; dies ließ Blanche nicht Ruhe, nicht Rast mehr; wir mußten den Plan machen, dessen Ausführung in der vergangenen Nacht den unseligen Verlauf hatte, den Sie kennen!“

„Und Fräulein Blanche,“ sagte ich nach einer stummen Pause, „hält sich nun für verpflichtet, die ganze Summe zu ersetzen? Das wäre in der That schrecklich!“

„Sie haben Recht,“ entgegnete der Abbé, „es ist schrecklich! Was Herr Kühn den Seinigen vermacht hat, beträgt zweihunderttausend Franken für seine Wittwe und ebensoviel für seine Tochter; dies Haus, die Ferme von Colomier gehörten ursprünglich der Madame Kühn und sind einem Vorsohne derselben, einem älteren Halbbruder von Blanche, der in Liverpool als französischer Consul lebt, verschrieben. Sie sehen, daß es sich um das ganze Vermögen des Fräulein Blanche handelt!“

„Ah – unmöglich!“

„Was ist unmöglich?“

„Daß man von ihr verlangen wird, ihr Vermögen herzugeben, Alles, was sie besitzt, um den Staat zu entschädigen … der Staat muß die Verluste tragen, die der Krieg, den er gewollt hat, ihm bringt …“

„Sie kennen meine Cousine nicht!“ antwortete der Abbé trübe lächelnd.

„Nein, nein,“ fuhr ich in der tiefsten Erschütterung fort, „das kann nicht sein … es ist nicht möglich, daß man ihr das zumuthe, daß man sie zwinge, sich zu opfern!“

„Des Zwanges wird es nicht bedürfen. Sie selbst wird es nicht anders wollen … sie hat sich verbürgt und wird nun dafür einstehen; es gilt die Sache ihres Vaterlandes; und Frankreich ist heute nicht in der Lage, auf die Opferwilligkeit seiner Kinder verzichten zu können: es ist nicht die Zeit, wo seine Kinder ihre Pflichten gegen dasselbe leicht nehmen können!“

Ich war stumm. Der Kopf wirbelte mir bei dem Gedanken an das Unheil, das ich über Blanche gebracht; ich fühlte einen unwiderstehlichen Drang, zu ihr hinaufzueilen, sie zu beschwören … um was, das wußt’ ich freilich nicht, der Abbé hatte ja nur die Wahrheit gesagt, ich selbst fühlte ja nur zu gut, daß Blanche viel zu groß und edel denke, um nicht gerade so handeln zu wollen, wie er sagte.

Und doch erhob ich mich, ich vermochte es nicht, so ruhig da zu liegen; der Abbé saß gebeugt, die gefalteten Hände zwischen den Knieen und den Boden anstarrend da; ich bat ihn, Friedrich zu rufen, der mir helfen sollte mich zu kleiden; in diesem Augenblicke kam Friedrich, er meldete, daß ein Detachement unseres Regiments Chateau Giron nahe. Ich ließ mich, so rasch es bei meiner Verwundung ging, ankleiden. In kurzer Zeit ritt das Detachement auf dem Hofe auf; es war ein ganzer Zug unter Führung eines Officiers; ich ging diesem entgegen, um ihm meine Meldungen zu machen. Er war natürlich sehr erstaunt darüber, mich verwundet zu finden, wollte die Wunde, als wir in mein Zimmer gekommen, sehen, und sprach sehr bestimmt seine Meinung dahin aus, daß ich nicht weiter hier Dienst thun könne; um nicht von ihm sofort hinter die Front in ein Lazareth gesandt zu werden, wendete ich meine ganze Beredsamkeit auf, bis er einwilligte, daß ich in meinem trefflichen Quartier hier noch ein paar Tage der Ruhe pflege, und mich dann in Noroy bei unserem Commandeur melde, damit der Stabsarzt entscheide. „Sie können dann gleich das Lieutenantspatent dort in Empfang nehmen,“ sagte er; „es ist schon vorgestern beim Commandeur angekommen, wie mir dieser auftrug, Ihnen zu sagen; für Ihren Fang werden Sie nebenbei gehörig belobt werden; und nun zu unserm Geschäft, zu dem ich hierher commandirt bin. Wo ist das Geld?“

Ich führte ihn zu meinem Schatze; er zählte die Fäßchen, verglich sie mit dem Verzeichnis, das ich Glauroth mitgegeben, und übernahm den von mir gemachten Fund, um ihn auf einen Wagen bringen zu lassen, der der kleinen Truppe nachgekommen war. Nach einer Viertelstunde konnte ich, auf das Treppengeländer vor der Hausthür gestützt, sehen, wie die Kriegscasse des Bataillons der Mobilen der obern Saone, von unseren Ulanen umgeben, durch das Gitterthor des Hofes von Chateau Giron davongeführt wurde, und konnte nun gehen, die zwei Posten aufzuheben, die ich zur Sicherung meines Fundes hatte aufziehen lassen.

Zum Glück ließ mich Glauroth mit seiner Suada und dem Bericht über seinen Ritt und seine Erlebnisse im Stabsquartiere in Ruhe – er ging mit den Leuten zum Essen – mir wurde eben in meinem Zimmer servirt; ich dankte meinem Schöpfer dafür, daß ich eine Weile allein sein konnte!

Allein – mit der grenzenlos elegischen Stimmung, in der ich mich befand, und die ich mich geschämt hätte, irgend einer Menschenseele zu verrathen! Aber sie lag nun einmal auf mir; ich war nahe daran in Thränen auszubrechen … als der offene Bauerwagen mit dem Gelde durch das Hofthor geschwankt war, war mir zu Muthe, als ob nicht das elende Gold, sondern ein Sarg mit einem geliebten Todten davongeführt würde. Es that wohl meine Verwundung, meine Ermattung, der ganze fieberhafte Zustand, worin ich war, daß ich mich so weich, so schmählich, so vollständig muthlos und niedergeschmettert fühlte! Aber es war einmal so und ich konnte es nicht überwinden. Umsonst sagte ich mir selber: was ist dabei, was nicht Tausenden im Leben geschieht, daß sie einmal in einen Conflict von Pflicht und Neigung gerathen? Es ist das allgemeine Menschenloos! Die Moralisten haben dicke Bücher darüber geschrieben, unsere Romane und unsere Dramen nehmen ihre Motive von solchen Conflicten her, und wenn die Schicksale der Menschen zu Ereignissen werden, die in ihr Seelenleben greifen, dann drehen sie sich um diesen einen großen Punkt! Das ganze Leben ist eine große Lehre der Entsagung auf die Neigung um der Pflicht willen; das ganze Sittengesetz ist nur dazu da, um uns zu zwingen, in diesem Conflict die Pflicht über die Neigung siegen zu lassen, wenn wir’s nicht schon aus angeborener Sittlichkeit vermöchten. Und es ist ja auch nichts Großes … wer’s nicht vermag, ist eben ein verächtlicher Mensch, ein Schwächling, ein Lump, ein ehrloses Subject, ein Verbrecher … was freilich die Welt nicht abgehalten hat, die als Helden zu preisen, die großen Versuchungen widerstanden. Die Welt muß es also doch auch schwer, sehr schwer finden! – Das Bewußtsein, das innere Glück soll es lohnen. O mein Gott, ich fühle viel von Glück in mir!

In der That, das Bewußtsein, daß ich ohne alle Rücksicht auf Blanche gehandelt und unbeirrt meine Pflicht gethan, hinderte mich nicht, mich sterbenselend zu fühlen. Was half mir alles Philosophiren über die Sache, alles Denken und alles Raisonniren! Die Gründe der Vernunft und die Beispiele Anderer machen in solchen Lagen wenig Eindruck auf uns, wie ja auch die Erfahrung [107] Anderer uns nichts hilft. Das Besondere und Individuelle unserer Lage übt seine überwältigende Macht auf uns – wir haben immer das Gefühl, als sei diese Lage etwas ganz Apartes und nie Dagewesenes, uns ist, als hätten wir ein ganz besonderes Recht, uns wider das Schicksal zu empören.

Es mochten Hunderttausende wie ich um ihrer Pflicht willen ihrer Neigung haben entsagen müssen – es hatte doch noch Keiner deshalb auf ein Mädchen wie Blanche zu entsagen brauchen! Wie Blanche! O mein Gott, wie klammerten sich alle Fibern meines Herzens an dieses Mädchen – und doch sollte ich mein Herz losreißen von ihr; wie glaubte ich nicht mehr leben zu können ohne sie, und sollte doch von ihr gehen auf Nimmerwiedersehn! Wie war ich mir selbst ein Räthsel mit dem kecken Leichtsinn, dem heitern Uebermuth, der selbstgefälligen Scherzhaftigkeit, womit ich mich ihr genähert und die ich früher in den Verkehr mit ihr gelegt; ach, ich hatte mich so überlegen gefühlt, ich war endlich so übermüthig geworden, bei meiner Wahrnehmung eines Spieles, das sie mit mir treiben wollte … so kindisch übermüthig! Und jetzt hätte ich vor ihr hinknieen, sie anbeten mögen, dies hochherzige Mädchen mit ihrem edlen aufopferungsfähigen Herzen, ihrem starken und unerschrockenen Charakter.

Und ich hatte nicht einmal diesen Trost, ihr sagen zu können, wie ich sie bewunderte. War es ein Trost, daß ich mir sagen konnte, auch sie müsse wenigstens mich achten, sie könne mich hassen wegen dessen, was ich gethan, aber nicht verachten, sie müsse einsehen, daß ich stark und unerschütterlich meine Pflicht gethan? Nein, ich hatte nicht einmal diesen Trost, wenn es einer gewesen wäre. Unsere gegenseitige Situation war so unglückselig, daß ich ihn gar nicht haben konnte. Denn was Blanche sich jetzt sagte, was war es anders, als daß mein Handeln nur beweise, wie wenig ich die Wahrheit gesprochen, als ich ihr von meiner Leidenschaft für sie geredet? Was sie von den Männern hielt, hatte sie ja oft genug gesagt; wenn sie so urtheilte, konnte sie nicht anders glauben, als daß ich sie von Anfang an nur täuschen wollen, um ihr Vertrauen zu erschleichen, ihr Geheimniß ihr zu entlocken, daß es mir nur um dies verfluchte Gold zu thun gewesen. …

Er war zum Rasendwerden – gerade dieser Gedanke war mir entsetzlich. Ich konnte ihn nicht ertragen, ich mußte etwas thun, um ihn Blanche zu nehmen. Ich wälzte einen Plan nach dem andern in meinem Kopfe, um dahin zu gelangen; ehe ich mich für etwas entschlossen, wurde ich gestört: der Abbé kam mit einem freundlichen kleinen Herrn, den er als den Hausarzt vorstellte. Ich mußte mich ihm zur Untersuchung und zum neuen Verbinden meiner Wunde überlassen; auch er fand sie nicht bedenklich, aber er befahl mir, mich zur Ruhe zu begeben; er bestand darauf, daß ich wenigstens zwei Tage den Arm so wenig wie irgend möglich bewege. Mir war diese Vorschrift ganz willkommen; ich konnte mich darauf berufen, wenn ich auf die Anzeige des Officiers hin vielleicht doch schon früher von meinem Posten hier in Chateau Giron abberufen werden sollte, und war sehr entschlossen es zu thun, falls mein Commandeur sich anderer Meinung zeigen würde als der Premierlieutenant, der mir für’s Erste zu bleiben erlaubt hatte.

Nach dem Arzte kam Friedrich, nach ihm Glauroth mit dienstlichen Meldungen; dieser ließ sich dann nicht nehmen, mir die Unterhaltung zu machen – ich ward ihn auch, als ich mich zu Bette gelegt, nicht los … er hatte den Faublas ausgelesen und seine Cigarre rauchend erging er sich in Bemerkungen und in allerlei Kreuz- und Querraisonniren darüber. „Ich werde mich mehr auf die französische Literatur verlegen,“ sagte er; „es wachsen, scheint es, ungeheuer schmackhafte Früchte in diesem Garten … ein wenig faul, aber desto schmackhafter, wie die Mispeln. Wie diese Kriegsfahrt in Frankreich hinein überhaupt bildend auf den Menschen wirkt, ist ganz merkwürdig!“

„Ich hoffe,“ versetzte ich, „Sie bilden Ihren Geschmack nicht hier zu einer Liebhaberei für Mispelngenuß aus!“

„Wer weiß,“ sagte Glauroth; „die deutschen Eicheln mögen viel nahrhafter und gesünder sein, aber Sie müssen einräumen, daß man sie unverdaulich finden kann!“

„Sagen Sie, Glauroth,“ unterbrach ich ihn, „um von etwas Anderem zu reden. Ihr Vater ist Kaufmann, nicht wahr?“

„So ist es, er ist Kaufmann und arbeitet hauptsächlich für die Pflege des deutschen Gemüths mit wollenen Nachtmützen, Unterjacken, Kamisölern, er ‚macht‘ in Allem, was der Mensch sich dicht und warm an’s Herz legt … weshalb fragen Sie? wollen Sie die Firma Glauroth in Nahrung setzen? – etwa die Schwadron als großmächtiger Gönner mit den für den kommenden Winter willkommenen wollengewebten Wohlthaten beschenken?

„Nein nicht deshalb, sondern weil ich voraussetzte, daß Ihnen alsdann vielleicht der Name irgend eines großen und soliden Bankgeschäfts in der Schweiz, in Basel oder Bern bekannt sei!“

„In Basel oder Bern?“ sagte Glauroth nachdenklich. „Warten Sie … wer ist ist Basel? – ach, dort ist ja das alte Haus Gebrüder M. … und in Bern …“

„Genug,“ rief ich aus, „Gebrüder M. – der Name ist bekannt und genügt mir vollkommen!“

„Wollen Sie Geldgeschäfte machen?

Ich antwortete nicht, sondern sprach von anderen Dingen und sandte Glauroth endlich unter dem Vorgeben fort, daß ich nun ruhen wolle.

Ich ruhte auch: ich schlief gesund und lange in dieser Nacht, wie ein körperlich und seelisch ermüdeter Mensch schläft, wenn ein fester und starker Entschluß seiner Seele wenigstens Ruhe gegeben hat. Ich erwachte am andern Morgen erfrischt und gekräftigt. Ich konnte mich erheben und, nachdem Friedrich für meine Wunde gesorgt und den Arm hübsch in eine Schlinge gelegt, ausgehen, um nach meinen zwölf Paladinen aus dem arianischen Ulanenstamm und ihren Rossen zu schauen. Nachdem ich mit Glauroth den Dienst für den Tag besprochen, kehrte ich in mein Zimmer zurück und schrieb zwei Briefe. Den ersten an Fräulein Kühn. Daß er erst nach drei, vier wieder zerrissenen Entwürfen zu Stande kam, brauche ich nicht zu erwähnen. In den Brief schloß ich ein Document ein, welches mir weniger Mühe machte zu stilisiren, denn es war sehr kurz gefaßt.

Nachdem ich den Brief versiegelt, rief ich Friedrich herbei und sandte ihn ab, meine Depesche Fräulein Kühn selber zu überreichen. Das Herz klopfte mir, während er seinen Auftrag ausrichtete; ich fragte mich ängstlich, ob sie einen Brief von mir annehmen würde. … Friedrich kam zurück, mein erster Blick nach seinen Händen zeigte mir, daß sie leer waren, daß Blanche mein Schreiben angenommen.

Ich schrieb den zweiten längeren Brief an meinen Geschäftsmann und Verwalter daheim. Ich wollte den Arzt, der heute noch einmal zu kommen versprochen, bitten, ihn mitzunehmen und in Noroy der Post zu übergeben.

Ich war eben damit zu Stande gekommen, als der Abbé eintrat und mir mittheilte, daß Fräulein Blanche mich zu sprechen wünsche; daß, wenn ich noch zu schwach sei, zu ihr heraufzusteigen, sie sich gern herunterbegeben wolle, um zu mir zu kommen.

„Sie sehen mich gekräftigt und halbgenesen,“ unterbrach ich ihn, „darf ich mich sogleich zu Fräulein Blanche hinaufbegeben?“

Der Abbé machte mir eine Verbeugung – er war in all’ seinem Wesen und seiner Haltung förmlicher und gemessener als die Tage zuvor – und schritt vorauf. Ich folgte ihm in einer nicht leicht zu beschreibenden Gemüthsverfassung.

Oben führte er mich durch den mir bekannten Salon in das Cabinet, in welchem ich bei meinem ersten Besuche Madame Kühn hinter den herabgelassenen Portièren vermuthet hatte. Es war ein sehr hübsches Boudoir, in welches ich eintrat und mir gegenüber Blanche am Fenster sitzen sah, bleich, mit Augen, die Spuren des Weinens trugen. Doch waren die Thränen in diesem Augenblick verwischt, sie sah mich mit einem sehr trockenen und harten Blick an, als ich vor ihr stand und ihre Anrede erwartete. Meine Schreiberei lag vor ihr auf einem kleinen Arbeitstisch.

Ich hätte ihr mit einem Gefühl tiefer Rührung, das mich bei ihrem Anblick überkam, die Hand entgegenstrecken mögen; ihr Blick scheuchte dies Gefühl zurück und ich nahm den Sessel ein, auf den sie deutete.

Der Abbé war zurückgeblieben.

„Ich habe Sie zu sprechen gewünscht,“ sagte sie mit jener Verschleiertheit, die sich über ihr so glockenhelles und sonores Organ zuweilen legen konnte, „weil ich eine Frage an Sie richten muß. … Versprechen Sie mir vorher, die volle Wahrheit zu sagen!“

„Ich verspreche es Ihnen,“ versetzte ich sehr beklommen. „Welche Frage ist es?“

„Eine sehr indiscrete und doch auch sehr natürliche! Sind Sie sehr reich?“

[108] „Ich reich?“ …

„Weshalb macht diese Frage Sie so bestürzt?“

„Weil sie mich in eine große Verlegenheit bringt.“

„In einige Verlegenheit … ja, das begreife ich,“ antwortete Blanche mit einem harten, fast zornigen Tone. „Sie müssen gestehen, daß Sie es sind, sehr, sehr reich – und dann auch gestehen, daß Ihr Schritt furchtbar taktlos und verletzend für mich ist. … Sie senden mir da eine Anweisung von hundertfünfundneunzigtausend Francs auf ein Baseler Bankhaus – Sie, mir! Und Sie glauben, ich würde solch ein Geschenk von Ihnen annehmen?“

„Ich dachte,“ fiel ich betroffen ein, „ich hätte Ihnen in meinem Briefe gesagt, daß ich nicht gemeint habe, Ihnen damit ein Geschenk zu machen! Es ist mir eine solche Kühnheit nicht eingefallen. Der Abbé hat mir gesagt, daß Sie diese Summe und damit Ihr ganzes Vermögen an den Staat hingeben müßten und würden; da ich aber der Unglückliche bin, der Sie in diese Nothwendigkeit gebracht, so habe ich nicht gezögert, Ihnen diese Summe wieder zu ersetzen. Sie sind bei der ganzen Sache doch unschuldig und Sie dürfen nicht darunter leiden! Vielleicht habe ich taktlos gehandelt. Es ist möglich. Ich kann es in meiner jetzigen Gemüthsverfassung nicht klar beurtheilen. Ich war in Verzweiflung über das, was mir der Abbé gesagt hatte, und ich wußte nicht, was Anderes thun!“

„Ich werde Ihre Anweisung wenigstens nicht annehmen!“

„Das betrübt mich mehr, als ich Ihnen sagen kann. Würden Sie sie annehmen, so würde ich denken, Sie verziehen mir, was ich hier thun mußte, Sie hätten keinen Argwohn irgend einer Art mehr gegen mich; Sie würden mich beruhigen, und ich würde Ihnen tief dankbar sein, daß Sie, wenn vielleicht auch mit Widerstreben, etwas gethan, um mir meine Ruhe wiederzugeben … thun Sie es, Fräulein Blanche, wenn es Ihnen auch schwer wird; haben Sie so viel Güte für mich, der sich sehr unglücklich fühlt, jetzt so von Chateau Giron scheiden zu müssen, und noch zehnmal mehr unglücklich sein würde, wenn Sie das zurückwiesen, womit er sich bei Ihnen wenigstens ein versöhntes Andenken erkaufen möchte!“

„Unglücklich?“ sagte sie mit verächtlich aufgeworfener Lippe, „wenn man ein junger Mann und solch ein Millionär ist wie Sie, so hat das Unglück nicht langen Bestand. Nehmen Sie Ihre Anweisung zurück.“

„Sie sind in der That sehr hart,“ versetzte ich mit zuckender Lippe. „Besinnen Sie sich, Blanche, ob es Ihnen nicht möglich ist, von mir wiederzunehmen, was ich Ihnen genommen habe.“ …

„Nein,“ sagte sie mit derselben Schärfe. „Gesetzt auch, Sie machten sich Vorwürfe, oder besser, es beunruhigte Sie, daß Sie ein Unheil über mich bringen mußten – so würden Sie doch gar zu verschwenderisch handeln, mit solch einem Geschenk eine kleine Unruhe von Ihrem Gewissen abschütteln zu wollen. Um eine Sache, die ihn ein wenig peinigt, von sich abzuschütteln, giebt kein verständiger Mann so viel Geld aus. Selbst für einen Millionär sind zweihunderttausend Francs eine große Summe, und ich will zu solcher Verschwendung nicht helfen!“

Sie sprach das mit einer außerordentlichen Bitterkeit.

„Hören Sie mich an, Blanche,“ versetzte ich. „Sie bedürfen des Vermögens. Eine junge Dame, in Verhältnissen aufgewachsen wie Sie, bedarf des Vermögens, für sie ist es eine Lebensbedingung! Für mich ist es ganz etwas Anderes. Wenn Sie diese Summe von mir annehmen, so bleibt mir noch völlig genug, um ein oder auch zwei Jahre lang bequem, ja glänzend leben zu können; mehr bedarf ich nicht, denn ich habe für Niemand zu sorgen und in einem oder zwei Jahren habe ich eine Anstellung im Justizdienste, und der Staat sorgt für mich!“

Sie sah fast erschrocken auf und mich an.

„Sind Sie denn kein Millionär?“ fragte sie hastig.

„Nein. Ich bin ein jüngerer Sohn; mein älterer Bruder hat von meinem Vater ein einträgliches Gut ererbt; ich von meiner Mutter beinahe sechsundfünfzigtausend Thaler. Die Anweisung dort beträgt ungefähr zweiundfünfzigtausend Thaler – Sie sehen, daß von Millionen bei mir nicht die Rede ist.“

Sie sah mich mit einem Blick unverhohlenster Bestürzung an, dann erblaßte sie noch tiefer und nahm langsam die Anweisung von ihrem Tische und begann diese ebenso langsam in kleine Stücke zu zerreißen. Ihre Hände zitterten dabei; die Muskeln ihres Gesichtes zuckten – es war ein eigenthümliches Spiel in ihren Mienen, dessen Bedeutung mir vollständig entging.

„Blanche!“ sagte ich mit flehender Stimme, und von einer plötzlichen Rührung übermannt, über deren Grund ich mir in diesem Augenblicke schwer hätte Rechenschaft geben können. Ich stand auf, um ihre Hand zu ergreifen.

Mit Heftigkeit entriß sie mir ihre Rechte und drückte beide Hände vor das Gesicht. Ich sah, daß sie weinte, daß die Thränen zwischen ihren Fingern hindurchquollen; sie brach in Schluchzen aus und wandte sich, um fortzueilen.

Ich hielt sie fest, indem ich meinen Arm um ihre Schulter legte und an mich ziehen wollte. Aber sie entzog sich mir mit äußerster Heftigkeit. „Nein, nein, gehen Sie, sagen Sie mir nichts, nichts!“ rief sie aus … „o, gehen Sie, gehen Sie!“

Dann eilte sie davon und war im nächsten Augenblick zum Zimmer hinaus.

(Schluß folgt.)




In den Ruhmeshallen Frankreichs.


Nur wenige Monate sind vergangen, seit Frankreichs Stolz nach Malern und Bildhauern suchte, welche die zu gewinnenden Schlachten malen, die Büsten und Statuen der Sieger meißeln sollten; seit man nicht Platz genug zu haben fürchtete, den neuen gewaltigen Zuwachs, den der eben ausgebrochene Krieg versprach, der Menge älterer Ruhmeszeugen anzureihen: und heute liegen in den prangenden Sälen des Schlosses von Versailles, einst Residenz der stolzesten Könige und dann Sammelplatz von tausend und abertausend Gemälden und Statuen, die den Ruhm und nur den Ruhm Frankreichs verkünden, unsere deutschen Krieger, die in siegreichen Schlachten ehrenvolle Wunden empfangen haben; Genesende wandeln umher und bestimmen scherzend die Stellen, an welchen dereinst die Gemälde der Schlachten von Wörth und Sedan aufgehangen werden sollen. Unter Meynier’s großem Bilde, Napoleon’s Einzug in Berlin am 27. October 1806 darstellend, pflegt seine Wunden ein Sohn der Mark, dessen Roß im raschen Siegesfluge die Wasser der Mosel, Marne, Seine und Loire trank; ein deutscher Maler, der Studien sammelte zu Bildern, die den Ruhm des Vaterlandes verewigen sollen, stand neben mir und flüsterte mir, von der wundersamen Scene nicht minder ergriffen, die Worte zu: „Welche Künstlerphantasie vermöchte Aehnliches zu erfinden?“

Es ist allerdings eines jener merkwürdigen und jener bedeutsam zusammentreffenden Momente, an denen der gegenwärtige Krieg so reich ist, daß gerade hier, in dem stolzen Ruhmestempel Frankreichs, unmittelbar vor den Thoren der Hauptstadt deutsche Soldaten von deutschen Aerzten gepflegt werden müssen, jene Wunden zu heilen, die sie sich im siegreichen Kampfe und zur Ehre Deutschlands geholt haben. Diese Thatsache bildet eine ironische Illustration zu der bekannten prahlerischen Inschrift auf dem Gebäude; daß dieses letztere aber in seiner Bestimmung von so vornehmer Höhe herabsinken mußte, deutschen Barbarenhorden als Lazareth zu dienen, das machte sich auf sehr einfache und natürliche Weise.

Als nämlich mit Beginn der Cernirung von Paris die Errichtung größerer stabiler Lazarethe in nicht zu großer Entfernung von den Hauptstationspunkten der einzelnen Truppenkörper nöthig wurde, richtete sich der Blick des Chefarztes des zwölften Feldlazarethes fünften Armeecorps, Dr. Kirchner, auf den Palast zu Versailles, der durch seine Ausdehnung, seine Lage in einer größeren und wenigstens das Allernöthigste darbietenden, überdies vor feindlichen Ausfällen ziemlich gesicherten Stadt, zu diesem Zwecke besonders geeignet erschien. Neben diesen Vortheilen aber, welche für die Wahl des Schlosses sprachen, machten sich nicht geringe Bedenken geltend, welche eben diese Wahl widerriethen.

Der erfahrene Mann, welcher die Aufgabe seines Lebens darin gefunden hat, die allgemeinen Bedingungen, unter denen die menschliche Gesundheit erhalten und nach einer widernatürlichen Störung wiedergewonnen werden kann, zu erforschen, und der sowohl während seiner Wirksamkeit als Universitätslehrer, als auch

[109]

Der deutsche Weihnachtsbaum in den Ruhmeshallen von Versailles. Nach der Natur aufgenommen von Otto Günther.

[110] später in seiner Eigenschaft als Oberstabs- und Regimentsarzt des ersten schlesischen Dragonerregiments Nr. 4 in Lüben durch Wort, Schrift und praktische Thätigkeit sich den Ruf einer Autorität in seinem Fache erworben hat, konnte nicht wohl übersehen, daß die Ausdehnung des ungeheuren Baues, so vortheilhaft sie in einer Hinsicht auch sei, doch zugleich Ursache eines allzugroßen Andranges von Verwundeten werden dürfe; daß die Größe der einzelnen Räumlichkeiten deren gründliche Reinhaltung erheblich zu erschweren und die Ansammlung gasförmiger und staubartiger Ansteckungsstoffe zu begünstigen geeignet sei, und daß endlich der Zusammenhang, in welchem alle diese Säle und Galerien untereinander stehen, der Ausbreitung von unausbleiblichen gefährlichen Uebeln nur förderlich sein müsse.

Aber wohl vertraut mit allen Mitteln, durch welche sich diesen Nachtheilen entgegen treten läßt, und sich einer rastlosen Energie, die ihre Kräfte mit den Schwierigkeiten wachsen fühlt, wohl bewußt, hoffte er aus den günstigen Verhältnissen des Palastes alle nur möglichen Vortheile zu ziehen, der ungünstigen Meister zu werden, und widmete sich der Erfüllung seiner Aufgabe mit dem ganzen Eifer, der einer so großen Sache würdig ist.

Um nicht alle die Uebel alsbald herauf zu beschwören, welche durch übergroße Ansammlung schwer Verwundeter in geschlossenen Räumen nothwendig entstehen, und um sowohl Genesende als hinzukommende Neuverwundete stets der günstigsten Verhältnisse theilhaftig werden lassen zu können, galt es natürlich, so rasch als möglich den ganzen Palast seinem Zwecke dienstbar zu machen, Alles so herzurichten und auszustatten, daß noch unberührte, mit frischer Lebensluft erfüllte, oder gründlich gesäuberte, wohldurchlüftete Räume beständig bereit, neues oder vollkommen gereinigtes Material jeglicher Art in hinreichender Menge baldigst und fortwährend vorhanden und eine genügende Anzahl von Arbeitskräften jederzeit zur Hand sei, die Unmasse von Geschäften zu erledigen, deren pünktlichste Besorgung allein zum gewünschte Ziele führen konnte.

Und während schon die sorglichste Behandlung der zuerst eingetroffenen Verwundeten alle Hände beschäftigte, wurden die Einrichtungen und Ansammlungen, welche den Späterkommenden zum Segen gereichen sollten, mit einer solchen umsichtigen Thätigkeit und solchem Erfolge betrieben, daß man gar bald der Zukunft mit dem ganzen Vertrauen entgegensehen konnte, welches durch glückliche Ueberwindung der ersten, bedeutendsten Schwierigkeiten hervorgerufen wird. Hölzerne Wände und Thüren verschlossen und trennten, wo es wünschenswerth erschien, die zusammenhängenden Säle und Galerien, Latrinen, je nach Lage und Beschaffenheit der benutzten Räumlichkeiten nach verschiedenen Systemen eingerichtet, erstanden an den geeignetsten Plätzen in ausreichender Zahl. Die große, herrliche Galerie des Batailles füllte sich mehr und mehr mit Utensilien aller Art, Matratzen, Strümpfen, Decken und jenen hundert und aber hundert Dingen, die im Kriege so schwer zu beschaffen und doch im Lazarethe so unentbehrlich sind. In dem anstoßenden kleineren Saale regten sich von früh bis spät geschickte Hände, Wäsche und Kleidung auszubessern, zu sortiren und zu ordnen. Apotheke und Bandagenkammer, dicht neben dem Depot der Utensilien eingerichtet, vervollkommneten sich hinsichtlich der Fülle wie der Ordnung, des nöthigsten Materials. Wäschräume in ausreichender Zahl erhielten ihre Ausstattung und Arbeitskräfte genug, um den gesteigertsten Anforderungen gerecht zu werden. Zwei Küchen wurden in verschiedenen Flügeln des Palastes hergestellt, um den Transport der Speisen nach den Krankensälen zu erleichtern und zu beschleunigen. Daß endlich für den leitenden Mittelpunkt des Ganzen, für das Bureau, das im linken Flügel des Hauptgebäudes neben der Eingangshalle sich befindet, sofort die geeignetsten Kräfte aufgefunden waren, die unter der Oberaufsicht des Chefarztes nicht nur alle die zahlreichen Geschäfte, wie sie die Verwaltung eines großen Lazarethes mit sich bringt, sondern auch noch den umfangreichen Brief- und Paketverkehr für die Verwundeten in wünschenswerther Weise erledigten, bedarf wohl kaum besonderer Anführung.

Was der Schöpfer und Leiter der Anstalt vorausgesehen hatte – daß die ausgedehnten und scheinbar nur zum Theil benutzten Räume des Schlosses die Blicke aller Derer auf sich ziehen würden, denen die Unterbringung der ungeheuren, sich fast täglich vermehrenden Zahl von Verwundeten obliegt, erfüllte sich rasch, und die Vortrefflichkeit der Einrichtungen trug nicht wenig dazu bei, den Andrang zu vermehren. Von allen näher gelegenen Punkten des Cernirungsringes, von Orleans und Chartres trafen fast täglich kleinere und größere Transporte ein, so daß schon am Ende des dritten Monats nach Errichtung der Anstalt die Zugangslisten über zwölfhundert Mann aufzuweisen hatten, und an Aerzten, Gehülfen und Wärtern die doppelte Zahl der anfänglich beschäftigten kaum mehr zureichend erschien.

Manches der großen Lazarethe in der Heimath mag noch größere Mengen von aufgenommenen und entlassenen Kranken und Verwundeten aufzuweisen haben, als die Anstalt, von der wir reden, mag an Reinlichkeit und Ordnung dieser gleichgestellt werden können, ohne jedoch ein so hohes Lob zu verdienen, wie Jeder, der mit den Umständen und Verhältnissen der Heimath und des Feindeslandes in gleicher Weise vertraut ist, dem Schloßlazareth in Versailles zollen wird.

Dort sind es hauptsächlich leichter Verwundete, die einer so großen Sorgfalt, eines so großen Materials an Verbandstücken, Wäsche etc. nicht bedürfen. Hier sind es Kranke, die meist an den schwersten Eiterungen leiden, täglich reine Bett- und Leibwäsche nöthig haben, ja oft täglich in ganz frische Betten umgelegt werden müssen und werden.

Dort wetteifern Bewohner von Stadt und Land, entweder selbstthätig oder durch Spenden an Geld, Lebensmitteln und sonstigem Material, dem Arzte seine Aufgabe zu erleichtern. Hier sind allerdings der hohe Führer der dritten Armee und alle übrigen in Versailles versammelten höchsten und hohen Herrschaften unausgesetzt bemüht, zu helfen und zu spenden, so weit es möglich ist; hier leistet allerdings die freiwillige Krankenpflege höchst wichtige Dienste durch freigebige Lieferung von Nahrungsmitteln, Erfrischungen, Verbandsmitteln, Apparaten und anderen nöthigen Dingen – aber gerade die Beschaffung von Gegenständen, an die am wenigsten gedacht wird, die aber zu den unentbehrlichsten gehören und hier kaum zu erledigen sind; gerade die so schwierige Beaufsichtigung eines widerwilligen Miethpersonals, das beständig angetrieben und wohl gar jeden Tag neu zusammengesucht werden muß, fällt hier dem Arzte anheim und giebt seinen ohnehin zahlreichen Geschäften einen Zuwachs, der gar oft über seine Kräfte zu gehen droht.

Es ist geradezu wunderbar, wie es ermöglicht werden kann, ein großes Lazareth so auszustatten, aus nahezu Nichts so herzustellen und mit so schwer zu beschaffenden Materialien und Kräften in solcher Ordnung zu erhalten, wie es beim hiesigen Schloßlazareth der Fall ist.

Man durchschreite diese weiten Säle, die hohen Galerien, in denen Bett an Bett, jedes mit ein und zwei Matratzen, zwei reinen wollenen Decken ausgestattet, gereiht steht; man betrachte die Kranken in ihrer zwar oftmals vielfach ausgebesserten, aber stets höchst reinlichen Wäsche, prüfe die Luft, die überall so beschaffen ist, daß der schärfste Geruchssinn kaum bemerkt, wie viele Verwundete hier an den gräßlichsten Eiterungen leiden; man sehe, wie rasch und vollkommen bei einem plötzlichen bedeutenden Zuwachs von kampfunfähigen Kriegern diese in jeder Hinsicht versorgt werden; man koste die Mahlzeiten, betrachte die Fülle und Verschiedenheit des Dargereichten: und man wird nicht länger anstehen, das Feldlazareth im Palast zu Versailles als eine Musteranstalt, als einen Triumph deutscher Wissenschaft und deutscher Energie zu bezeichnen.

Sogar für das Außergewöhnlichste wird die unvermeidlichste Sorge getragen, sogar für die Wünsche, die nicht laut zu werden wagen, Befriedigung gefunden. Welcher der Kranken hätte wohl gehofft, dem vielbeschäftigten Arzte zu gestehen, daß er sich sehne, den Weihnachtsbaum an seinem Schmerzenslager brennen zu sehen! Und doch dachte man nicht nur daran, das schöne Fest auch im Lazareth zu begehen, sondern fand Zeit und Mittel, die Feier zu einer solchen zu machen, daß selbst der Gesunde, welcher sich des Zutrittes erfreute, gestehen mußte, nicht leicht einen Christabend würdiger begangen zu haben. Eine Sammlung, unter den in Versailles stationirten Officieren veranstaltet und durch den Commandanten Generalmajor von Voigts-Rhetz besonders begünstigt, lieferte die Mittel zur Herstellung einer Anzahl von Weihnachtsbäumen und zum Ankauf einer hinreichenden Menge von Gaben, theils nöthig, theils wünschenswerth für jeden der armen Kranken. Die Musik eines der Regimenter stellte sich zur Verfügung, der Feldgeistliche Herr Wernick aus Görlitz sagte seine gütige Mitwirkung [111] zu und das Gelingen war gesichert. Der Saal Ludwig des Dreizehnten im Parterregeschoß des Hauptgebäudes wurde zur Bescheerung ausersehen, festlich geschmückt und hergerichtet. Eine Anzahl der leichter Verwundeten, aber noch Bettlägrigen wurde herbeigeschafft, Solche, die gehen konnten, auf Bänken und Stühlen um die mit Gaben belasteten Tische gereiht. Als gegen ein Uhr die Zahl der Eingeladenen sich eingefunden hatte, eröffnete die Musik mit einem Choral die Feier, Pastor Wernick sprach tief empfundene und zu den Herzen dringende Worte, worauf die Musik mit dem Choral „Nun danket Alle Gott!“ den religiösen Theil der Feier schloß. Die leuchtenden Augen der umhersitzenden und liegenden Kranken, ihre Dankesworte und Geberden beim Empfange der Gaben, die Wonne, die sich beim Umhertragen der Weihnachtsbäume durch die übrigen mit schwer Verwundeten belegten Räume verbreitete, zu schildern, würde ein vergebliches Unternehmen sein. Der Maler tritt hier in seine Stelle, und mir bleibt nichts zu sagen, als daß Jeder, den ein glückliches Geschick jenen Abend mitgenießen ließ, mag er ein Beschenkender oder ein Beschenkter, ein Gesunder oder ein Kranker gewesen sein, Zeit seines Lebens an den Christabend denken wird, den er verlebt hat in dem Palaste zu Versailles, der, wie seine stolze Aufschrift lautet, gewidmet ist

à toutes les gloires de la France.
Versailles, am 30. December 1870.
Hermann Küchling.




Wie Mühlhausen französisch wurde.


Mühlhausen ist eine hochstrebende Stadt. Und sie hat Recht, es zu sein. Als sie 1798 französisch wurde, zählte die ganze Bürgerschaft erst nach Hunderten, und zwar nur sechshunderteinunsiebenzig bürgerliche und achtunddreißig adelige Geschlechter; heute zählt sie sechszig- bis siebenzigtausend Einwohner. Die Baumwollenspinnerei war damals erst seit etwa dreißig Jahren – durch Matthias Rißler – eingeführt worden; jetzt ist sie die erste in ganz Frankreich, steht sie ebenbürtig neben der der größten Fabrikstädte Deutschlands, Englands, Amerikas.

Wer in den Arbeitervierteln Mühlhausens herumwandert, wer diese musterhaften freundlichen Arbeiterstraßen sieht, wer dann hört, daß die Dollfus, die Köchlin, die Schummberger dieselben zum Besten ihrer Arbeiter mit den größten Opfern hergestellt haben, der trägt auch die unbedingteste Hochachtung gegen diese Fabrikbesitzer, ihre Tüchtigkeit, ihre Klugheit, ihre Menschenliebe mit heim.

Genug, Mühlhausen ist eine hochstrebende Stadt und die Mühlhauser sind ein kräftiges Völkchen.

Wer weiß? vielleicht ist daran doch ein wenig mit schuld, daß sie – Deutsche sind, und überdies viele Jahrhunderte eine Republik bildeten, und zwar seit dem dreizehnten Jahrhundert (1273) eine freie Reichsstadt, seit dem fünfzehnten (1476) eine dem Schweizerbunde angeschlossene unabhängige Republik.

Erst 1798 wurde diese französisch. Und nun sind sie heute schon so durch und durch französisch? Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht; sie sind nicht so böse, wie sie thun; sicher nicht Alle, ziemlich gewiß nur die Minderzahl, meist nur die eingewanderten Franzosen und nur hier und dort ein Deutscher, der gerne ein Franzose sein möchte, ein „Auch-Franzose“! – Jedenfalls ist unter den siebenhundert Geschlechtern, die 1798 französisch wurden, kaum Ein französischer Name, alle sammt und sonders, um Ausnahme eines einzigen, Thiery, der auch den Vermittler 1798 spielte, mustergültige Deutsche, die auch heute noch, wie damals, den Kern der Einwohnerschaft bilden.

Aber nicht davon wollen wir sprechen, sondern nur erzählen, wie diese kleine, freie Republik französisch wurde. Es ist eine ziemlich kurzweilige und doch lehrreiche Geschichte.

Lust zum Französischwerden hatten sie so wenig – wie letzthin Frankfurt zum Preußischwerden. Die Bürgerschaft befand sich wohl, war wohlhabend, hatte das volle Bewußtsein ihrer Freiheit, ihrer Selbstherrschaft, ihrer bevorzugten Stellung in dieser Freiheit, geschützt durch den Schweizerbund, geehrt durch ihren Fleiß und ihre Redlichkeit, geachtet in allen Nachbarländern.

Dennoch gab es Einzelne, die sich in dem engen Kreise des fleißigen, wohlhabenden und freien Bürgerthums der kleinen, glücklichen Gemeine nicht wohl befanden. Es waren meist „unruhige Köpfe“, die Gewinn suchten, ohne fortarbeiten zu wollen, die daher in der fortarbeitenden Republik nicht an ihrem Platze waren. Aus dem Jahre 1771 liegt eine Denkschrift an den „Deputirten von Belfort“, den nächsten französischen höhern Beamten, vor, in welcher die Bittschriftler die französische Regierung belehrten, daß die „französische Krone“ aus dem westfälischen Frieden „Eigenthumsrecht“ auf die Stadt habe. Dann hieß es weiter in dieser Schrift: „Mühlhausen zieht die ganze Handlung und alles Geld des Oberelsasses an sich. Es genießt alle Vortheile und bezahlt keine Abgaben; durch Schleichhandel füllt es das Königreich mit aller Gattung von Waaren an, denen es als eine freie Stadt offen steht.“

Jedenfalls wäre diese Lage der Dinge kein Grund für die Mühlhauser gewesen, französisch werden zu wollen, im Gegentheil. Deswegen schlug die obige Denkschrift auch vor, Mühlhausen seinem „rechtmäßigen Oberherrn“, wenn’s nicht durch Unterhandlung gehen wolle, durch Gewalt zu unterwerfen. Zu dem Ende solle man den Grafen von Artois zum Landgrafen des Elsasses ernennen und ihm „die damit verbundenen Rechte über Mühlhausen und die übrigen Reichsstädte der Provinz verleihen. Wollten die Mühlhauser sich dazu nicht verstehen, so könnte man ihnen drohen, sie als Rebellen zu behandeln und zur Rückgabe ihrer Güter zu nöthigen.“

Es war das am Vorabende der Revolution. Der gute Rath fand kein Gehör. Ursache war wohl, daß Mühlhausen nicht zum großen deutschen Reiche, sondern zur kleinen freien Schweiz gehörte. Hätte es noch zum „Reich“ gehört, als Ludwig der Vierzehnte seine „Reunionen“ vornahm, so wäre es damals ziemlich sicher dem Loose von Straßburg verfallen gewesen.

So war es und blieb es eine Republik, bis auch das große Frankreich die Republik ausrief. Beide konnten sich nun freundnachbarlich die Bruderhand reichen. Aber das neugeborne republikanische Riesenkind begnügte sich nicht mit dem Händedruck, es umarmte das kleine Nachbarschwesterlein und – erdrückte es in dem ersten Liebeskusse.

Es ist ein wenig die Geschichte von dem Bauern, der mit seinem Kinde durch Nacht und Wind reitet, als Erlkönig kommt und dem Kinde lockt. So freundlich, so liberal, bis es doch zuletzt heißt:

„Und folgst du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt!“

Die ersten Lockungen der großen Republik waren so milde, wie möglich. „Frankreich ist nun ja auch eine Republik, weswegen soll Mühlhausen da anstehen, sich mit der großen, schönen, freien französischen Republik zu vereinigen?“ – Aber die Mühlhauser freien Bürger waren vorsichtig; sie kannten ihre Nachbarn zu gut; sie wußten, was sie besaßen, und zweifelten, daß sie Besseres eintauschen würden, wenn sie sich der großen französischen Republik anschlössen. „Ja,“ antworteten die Zünfte, als der Versucher im Wintermonat 1792 zum ersten Male an sie herantrat, „ja, wenn sie ihrer künftigen Verfassung gewiß wären; wenn einige Anwendung sie erprobt hätte; wenn der Krieg, vorüber wäre; wenn sich eine ununterbrochene Reihe von Jahren des Friedens und Wohlstandes uns zeigte; – dann ließe sich schon auf diesem Gedanken verweilen. Jetzt kann er uns nur durch Noth vorgetragen werden.“

„Durch Noth!“ Das verstanden die damaligen Lenker der Republik in Paris sehr wohl. „Gewalt“ hätte zu laut geschrieen, hätte den schönen Redensarten des Tages den Boden eingestoßen. Man sagte ja, daß man die ganze Welt befreien wolle. Das war so recht mit der längst freien Republik Mühlhausen nicht möglich. Also anstatt „Gewalt“ hieß es:

„Und folgst du nicht willig, so brauchen wir – Noth!“

Mühlhausen lebte im Wesentlichen von seinen Fabriken; es war überdies für seine Bedürfnisse auf das Ausland angewiesen. Als nun die Mühlhauser nicht freiwillig in die französische Republik ein- und aufgehen wollten, wurden eines frühen Morgens in allen Nachbardörfern, auf allen Straßen, die von und nach Mühlhausen führten, Zollhäuser aufgerichtet, und alle ein- und ausgehenden Waaren schwer besteuert, wenn nicht einfach verboten.

[112] Da schickten die Mühlhauser ihre besten Bürger und Rathsherren nach Paris, Nicolaus Hartmann, Köchlin, Johann Dollfus, Michael Hofer u. A., um hier bei den Ministern und Herrschern ein gutes Wort für die hart geschlagene kleine Schwesterrepublik einzulegen. Da ward denn ein wunderliches Spiel mit ihnen getrieben. So lange Roland, der edle Mann, Minister war, fanden sie bei diesem ein offenes Ohr, Trost und auch allerlei gut gemeinte Erlasse; aber die andern Minister, die sie zugeknöpft empfingen und mit freundlichen Redensarten abwiesen, legten die Roland’schen Erlasse bei Seite; und wie dann die Gesandten von Mühlhausen halb und halb hoffnungsfreudig heimkamen, fanden sie, daß unterdessen die nächste französische Localbehörde, der Departementsrath von Colmar den Strick, den man der armen kleinen Schwesterrepublik um den Hals gelegt, wieder um ein gut Theil fester zugeschnürt hatte. Die Gärten, die Fruchtfelder, die Weinberge, die Waldungen der Mühlhauser lagen auf französischem Gebiet; die nachbarlichen französischen Behörden störten, hemmten, verboten das Heimfahren der Früchte, des Weines, des Holzes. Endlich wurde auch die Zufuhr von Schlachtvieh und Getreide untersagt; und erst als Mühlhausen thatsächlich in Gefahr war, zu verhungern, erlaubte der Departementsrath von Colmar die Zufuhr von so und so viel Stück Schlachtvieh, so und so viel Säcken Mehl, wodurch dem augenblicklichen Verhungern vorgebeugt, die Vertheuerung der Lebensmittel aber in fortwährendem Steigen war.

Sie haben sich redlich gewehrt, die Mühlhauser Republikaner, gehungert, gedurstet, Verluste aller Art sich gefallen lassen; vier Jahre lang ertragen, was ihnen geboten wurde, ehe sie nachgaben. Hundertfünfzigtausend Livres, eine große Summe für jene Zeit, boten sie an als jährliche Abgabe, wenn man sie wie bisher in Freiheit ihr kleines Gemeindewesen ungestört selbst beherrschen lassen wolle. Es war vergebens.

Einen furchtbaren Druck übten zu Allem die Assignaten aus. Mühlhausen hatte große Capitalien, große Schuldforderungen in Frankreich ausstehen. Mit der Entwerthung der Assignaten versuchten die Nachbarn ihre Schulden in dem werthlosen Papiere abzutragen, und Mühlhausen gerieth in Gefahr, nicht nur durch die Zollschraube zu verhungern, sondern auch die Errungenschaften, die Ersparnisse seiner Väter zu verlieren.

So kam denn nach und nach den Mühlhausern die Erkenntniß, daß die geliebte Nachbarrepublik sie vollständig vernichten werde, wenn sie nicht ihre Freiheit opfern und in die französische Republik sich einreihen lassen wollten. Am 10. Pluviose des Jahres 6 (1798) wurde der Vertrag abgeschlossen, mit welchem die kleine Republik Mühlhausen zu Grabe geleitet wurde, um als Provinzialstadt der großen Republik Frankreich wieder von den Todten aufzuerstehen.

Fast alle Mühlhauser waren nach und nach mürbe geworden. Viele wollten schließlich kaum noch eine Verhandlung zulassen über die beabsichtigte Vereinigung, die zu unvermeidlich erschien. Die Mehrzahl beugte gezwungen und schweigend ihr Haupt. Einer der Geistlichen der Stadt zwar, der Helfer Peter Witz, hatte den Muth, bis auf den letzten Augenblick das, was er für Recht hielt, offen auszusprechen. Aber er wurde von den wenigen unruhigen Köpfen und von denen, die um jeden Preis diese Qual und Noth beendigt wissen wollten, überschrieen. Die Bürgerschaft ernannte Dr. Köchlin, Sebastian Spörlin, den Licentiaten Thiery und den Stadtmajor Michel Hofer zu ihren Gesandten mit unbeschränkter Vollmacht, um den Vertrag in Paris abzuschließen – und so wurden die Mühlhauser Schweizerrepublikaner zu Franzosen.

Ob sie es wurden?

Wir zweifeln sehr daran.

Viele möchten gern Franzosen sein, Viele die Franzosen spielen.

Wir glauben kaum, daß sie – Franzosen sind, ja, Franzosen werden.

Daß sie es zur Zeit, als Herr Emil Sauvestre[WS 1], der geistvolle französische Schriftsteller, sie besuchte und über diesen Besuch in der Revue de Paris im Jahre 1836, nachdem Mühlhausen also schon vierzig Jahre französisch gewesen war – einen sehr geistreichen Reisebericht erstattete, noch nicht waren, mögen ein paar Stellen aus diesen lichtvollen Schilderungen beweisen.

Es heißt hier:

„Obgleich die Bevölkerung von Mühlhausen eine Mischung von Elsassern, Schweizern, Tirolern, Juden und Franzosen aus dem Inlande ist, so herrschen doch die deutsche Sprache und der deutsche Charakter vor. Es genügt übrigens, in ein Wirthshaus einzutreten, um zu erkennen, daß Ihr nicht mehr in Frankreich seid.“

Wir wiederholen, daß Herr Emil Sauvestre so spricht, nicht wir! Und so lassen wir ihn weiter reden:

„Die Kälte der Aufnahme findet sich nicht allein in den Wirthshäusern; man ist derselben in ganz Mühlhausen, mit Annahme der großen Industriellen und einiger ‚Fremden‘, die die Art des Landes nicht angenommen haben, ausgesetzt. Ihr findet dieselbe vorzüglich bei den alten Kaufleuten, bourgeois de pure race, die sich ärgern, wenn Ihr den Namen ihrer Stadt französisch aussprecht. Erwartet, in ihre Boutique eintretend, keine jener den Pariser Kaufleuten so gewöhnlichen freundlichen Zuvorkommenheiten. Der Mühlhauser Krämer spricht nie, wenn er raucht, und er raucht beständig.

Aber was vor Allem dazu beiträgt, in Mühlhausen die Wildheit der Formen zu erhalten, ist die Abwesenheit der gesellschaftlichen Verbindungen und der Mangel aller eleganten und literarischen Erziehung. Den ganzen Tag in seinen Fabriken beschäftigt, kommt der Industriel nie nach Hause, als um zu essen und zu schlafen. So schließt der Kreis derjenigen, mit denen er umgeht, nur seine nächsten Bekannten ein; übrigens spricht er auch in diesen Familiencirkeln nur wenig; ermüdet von den Arbeiten des heutigen Tages und den Sorgen des morgigen, begnügt er sich gewöhnlich damit, in Gesellschaft zu verdauen. Was den Unterricht des Kindes anlangt, so beschränkt sich dieser ausschließlich auf die allernothwendigsten Elemente, um die speciellen Studien und die gewerbliche Erziehung zu vollenden. Horaz hat uns ein treues Bild dieser Erziehung hinterlassen, die ebenfalls die der jungen Römer seiner Zeit war: Man lehrt sie einen Würfel durch complicirte Mittel in hundert Stücke zu theilen. ‚Sohn des Albinus, sage mir, wie viel bleibt übrig dann, wenn man von fünf Unzen eine wegnimmt?‘ – ‚Ein drittel Pfund.‘ – ‚Vorzüglich, Du wirst Dein Gut zusammenhalten können.‘

Auf diese Lehren beschränkt sich der Unterricht der Lehrer; von dem poetischen Elemente, von der Kunst der Wohlredenheit ist keine Sprache. Die schönen Wissenschaften sind für das Mühlhauser Kind, das seine Studien beendigt, das, was Amerika vor Columbus war. Es hat vielleicht nie daran gedacht, daß die Sprache zu sonst Etwas gut sein könne, als dazu, eine Rechnung zu verhandeln, oder eine neue Verfahrungsart in der Färberei zu beschreiben. Seine Intelligenz hat nie die langen Reisen durch die reichen Sprachen des Alterthums gemacht, von denen man beladen mit Andenken und Poesie zurückkommt; die Sprache, die es spricht, ist ein barbarisches Patois, das ihn die Amme stottern gelehrt hat, oder ein Deutsch-Französisch, wovon ein Deutscher ihm die Regeln beigebracht hat.

Wir müssen gestehen, um die Wahrheit zu sagen, daß seit einigen Jahren die literarische Erziehung einige Fortschritte in Mühlhausen gemacht hat. Die Reorganisation des Collegs hat diese Bewegung geschaffen und unterhalten.“

Und wir freuen uns, heute hinzufügen zu dürfen, daß diese Fortschritte groß waren, einzelne sehr ausgezeichnete Ergebnisse – Charles Dollfus und Neffzer – geliefert haben, sind aber deswegen nicht weniger überzeugt, daß Herr Emil Sauvestre Recht behalten hat und haben wird, wenn er fortfährt und sagt:

„Aber es wird noch eine gute Weile hingehen, ehe die Resultate bei der jungen Generation im Ganzen sich geltend gemacht haben werden. Die ersten Eindrücke der Kindheit sind zu stark. Das praktische Leben hat für den Mühlhauser mit dem Tage angefangen, wo er zum ersten Male das Licht sah; mit fünf Jahren weiß er den Preis der Kohlen, mit acht Jahren versteht er die Dampfmaschine, mit fünfzehn Jahren ist er Contremaitre und verdient dreitausend Franken. Wo ist das Mittel, solche Einflüsse mit einer Rede Cicero’s, mit einer Tragödie Racine’s zu bekämpfen. Daher werdet Ihr vergebens versuchen, ihn für diese unproductiven Studien zu interessiren, und in seiner Seele die Stimme der eingeschläferten Feen zu erwecken. Die einzige Egeria, die hier wohnt, und auf deren Rathschläge er hört, ist die Arithmetik.

Aber glaubet deswegen nicht, daß diese industrielle Voreingenommenheit das Zeichen einer gemeinen Gewinnsucht sei. Diese Menschen, die seit ihrer Jugend nur die positive Seite des Lebens studirt haben, sind weder geizig noch hartherzig; ihr Herz regt

[113] sich bei der Bitte; das Almosen füllt ihre Hände, nicht das knickerige und nutzlose Almosen des Rentiers, sondern das fruchtreiche Almosen, das königliche Almosen, das aus immer dem Hunger das Thor verschließt. Die alte bürgerliche und christliche Gemeinschaft ist in Mühlhausen noch nicht gänzlich zerstört; die heilige Gleichheit der alten Schweizerrepubliken besteht hier noch; der Reiche ist dem Armen gegenüber nichts als ein glücklicherer Bruder, der besser in dieser Welt reüssirt hat, und die Waise ohne Hülfsmittel wird zur Mündel aller Welt.“[1]

Der Franzose, der geistreiche Sohn des Pariser Lebens – er hatte kein Verständniß für das Wesen der Mühlhauser. Das verhindert ihn nicht, diesem Wesen, das in Wahrheit mit seinen guten und schlechten Eigenschaften germanisch, echt deutsch ist, die gebührende Achtung zuzuerkennen. Der Gallier zieht gewissermaßen scheu den Hut vor dem Germanen ab. Und so sagte Herr Emil Sauvestre weiter:

„Laßt Euch nicht durch ihr Aeußeres, nicht durch ihre Sprache abhalten; wenn Ihr sie wirklich beurtheilen wollt, besucht ihre Ateliers. Dort findet Ihr ihre Intelligenz übersetzt, nicht durch Worte, aber durch die kunstreichsten Einrichtungen, wunderbaren Verfahrungsweisen, bewunderungswürdige Maschinen. Denn diese einfachen, und diese so wenig wohlredenden Menschen sind in alle Anwendungen der praktischen Wissenschaften eingedrungen; diese Phantasie, so kalt beim ersten Anblick, ist unergründlich in fruchtbaren Schöpfungen; diese Geister, die Euch so schwerfällig vorkommen, erfinden alle eleganten Capricen der Mode; und aus den rauhen Händen dieser Cyclopen gehen jene graciösen Gewebe hervor, die jeden Sommer Eure Töchter verjüngen und Eure Frauen verschönern.

In Mühlhausen ist es nicht Brauch, daß der Handwerker auf Euren Wunsch horcht. Wenn Ihr ihn eine Arbeit, an die er nicht gewöhnt ist, machen lassen wollt, so schüttelt er das Haupt ohne Umstände und antwortet: ‚Dergleichen macht man in Frankreich, hier ist das nicht Brauch!‘ Man begreift, daß man anfangs einige Mühe hat, sich dergleichen Forderungen zu fügen. Wenn man mit seinen Gewohnheiten ausziehen zu können hofft, ist es hart, sich auf einmal in einer anderen Welt zu befinden, die man hinnehmen muß. Die Weisen ergeben sich in ihr Geschick, – aber es giebt auch solche, die zarter fühlen, sich empören und die Flucht nehmen!“

Seit Emil Sauvestre dieses prächtige Bild des Mühlhausers gezeichnet hat, sind nun wieder mehr denn dreißig Jahre vergangen. Aber das würde nicht verhindern, daß, wenn heute ein ebenso geistreicher Pariser, ohne Vorurtheil, ohne „Absicht“ nach Mühlhausen käme, er unserm Urtheile nach vollkommen die gleichen Eindrücke davontragen und ebenso wie Emil Sauvestre erkennen würde, daß hier „die deutsche Sprache, der deutsche Charakter vorherrschen,“ daß er „nicht mehr in Frankreich“ sei; wie er denn ebenso oft von unvoreingenommenen Mühlhausern auch heute noch die Antwort vernehmen würde: „Dergleichen macht und thut man in Frankreich, hier ist das nicht Brauch!“

Jedem das Seine!

Venedey. 


Um Paris herum.
Von Friedrich Gerstäcker.
I.

Draußen donnern die Feuerschlünde und manchmal zittern die Scheiben in den Fenstern von dem furchtbaren Gedröhn der Batterien, aber sonderbar, wo man sich sonst vielleicht, bei dem Getöse einer Schlacht, beängstigt, beunruhigt fühlen konnte, da ist hier gerade das Gegentheil der Fall, ja, man horcht sogar ungeduldig hinüber, wenn das Feuer einmal zu schweigen beginnt.

Das war ein Jubel hier, als nur erst einmal die Schanzarbeiten begannen, und die Soldaten hackten und schaufelten mit einem wahren Feuereifer und in den Compagnien sangen sie wieder ihre deutschen patriotischen Lieder, besonders die „Wacht am Rhein“, die ich hier zuerst wieder gehört. An ihnen sollte es wahrlich nicht liegen, wenn die heißersehnte Beschießung auch nur um eine Minute verzögert würde. Aber immer noch verging Woche auf Woche – jeder Tag brachte neue Vorräthe von Munition und Lebensmittel die Hülle und Fülle, und die Soldaten auf den Vorposten hatten einen schweren Stand. Sie wurden unaufhörlich, besonders von dem an allen Ecken und Enden befestigten Mont Avron beschossen und durften nicht antworten. Viele arme Teufel fielen unter den mörderischen Geschossen der Feinde, aber trotzdem arbeiteten die übrigen unverdrossen fort, denn sie wußten, daß ihnen jetzt bald Gelegenheit geboten wurde, die freundlichen französischen Eisengrüße mit gleicher Münze zu bezahlen.

Und der Tag kam – auf dem Mont Avron wimmelte es von Soldaten, die da drüben in größter Sicherheit exercirten und manövrirten, Signale bliesen, trommelten und aus ihren zahlreichen Batterien unaufhörlich, ja selbst dahin schossen, wo sie nur einen einzelnen Mann erblickten.

Unsere Batterien waren verdeckt erbaut worden, so daß der Feind die Arbeit gar nicht bemerkt zu haben scheint und sie wenig – meistens wohl nur durch Zufallsschüsse belästigte. Eine Batterie stand hinter einer Mauer, andere hinter Bäumen und Gestrüpp. Da fielen eines Morgens, wie mit einem Schlage – diese Deckungen und jetzt fegten unsere schweren Granaten dort hinüber, mitten zwischen den Soldatenschwarm und richteten eine fabelhafte Verwirrung an. Im ersten Augenblick stob Alles auseinander und fuhr durcheinander, aber dies Gefühl der Ueberraschung dauerte nicht lange, denn als Granate auf Granate folgte, gefiel der Besatzung da oben der Punkt nicht mehr und in wenigen Stunden selbst war der Platz von jeder Infanterie geräumt. Nur die Artillerie hielt noch eine Weile Stand, fand aber doch auch bald, daß ihr die feindlichen Geschütze zu heiß wurden, und gab die bisher allerdings unangefochtene Stellung preis.

Doch das ist eigentlich schon eine geschichtliche Thatsache und nicht gerade das, was ich dem Leser der Gartenlaube erzählen möchte. Meine Absicht ist, ihm womöglich einen Ueberblick über diesen Theil des Gefechtsfeldes zu geben, so daß er sich ein Bild von den riesigen Belagerungsarbeiten wie dem Terrain selber machen kann. Ich weiß recht gut, daß es nicht eben leicht ist, aber der Versuch muß jedenfalls gewagt werden.

Ich liege hier – nur eben außer Schußweite der Forts, in Le Vert galant, dem Hauptquartier des Prinzen Georg von Sachsen, und vor allen Dingen wird es nöthig sein, ein paar Worte über diesen Punkt selber zu sagen, da eine Schilderung des kleinen Platzes zugleich den Charakter der ganzen Gegend wiedergiebt. Diese besteht allerdings aus einer weiten großen fruchtbaren Ebene, aber wohin das Auge auch fällt, ist sie mit kleinen reizenden Ortschaften, Villen, Dörfern, Gärten oder industriellen Anstalten wie besäet. Diese Städtchen oder Dörfer haben nur das eine Unangenehme, daß sie fast sämmtlich, und mit sehr wenig Ausnahmen, eine einzige endlose Straße bilden. Es scheint und ist auch wohl so, daß keiner der Bewohner, die sich hier ein Haus gebaut, von dem Hauptverkehr dieser nach Paris hineinführenden Straßen ausgeschlossen bleiben wollte, was sicherlich in irgend einer Seitenstraße der Fall gewesen wäre, also deshalb keine Seitenstraße, und nur der eine lange Häuserdarm, der den Hindurchwandernden fast zur Verzweiflung bringt.

Glücklicher Weise sind die Franzosen in Allem, was Straßenbau betrifft, das, was sie im Ganzen sich zu sein dünken, nämlich „das erste Volk der Erde“, denn ihre Verkehrswege lassen Nichts zu wünschen übrig und Louis Napoleon hat sich da wenigstens, an die Arbeiten Louis Philipp’s anknüpfend, ein Verdienst um die sonst arg genug gemißhandelte Nation erworben. Diese ganzen Straßen sind mit großen viereckigen Steinen gepflastert, und wenn das nicht wäre, so würde bei dem jetzigen Schmutzwetter jede Verbindung entweder unterbrochen sein, oder doch wenigstens furchtbar erschwert werden. Jetzt geht es; der Schlamm liegt allerdings auf den Steinen, trotzdem daß ganze Colonnen Soldaten mit dem Besen auf der Schulter ausmarschiren und daran arbeiten, aber man hat doch festen Untergrund, wenn auch freilich reine Stiefel nur so lange bestehen, bis man den zweiten Schritt aus dem Haus hinausthut.

[114] Daß ich dem ununterbrochenen Kanonendonner, der bald klar und deutlich von unseren Batterien hinüber nach den feindlichen Forts, bald dumpf und grollend von dort zu uns herüber dröhnte, nicht lange aus der Ferne zuhören mochte, läßt sich denken.

In Lagny hatte man mir allerdings auf der Commandantur gesagt, daß mein ganzer Weg vergeblich sei, denn seit wenigen Tagen sei strenger Befehl gekommen, Niemanden, wer es auch sei, in die Batterien mehr zu lassen, selbst nicht Officiere, wenn sie ihr Dienst nicht selbst dort hielt, da so viele Unglücksfälle vorgekommen wären, aber ich verließ mich auf mein gutes Glück. Prinz Georg von Sachsen, der hier commandirt, und bei den Truppen nicht allein seines leutseligen Wesens, sondern auch seines Muthes wegen überall beliebt ist, empfing mich in so liebenswürdiger wie ehrender Weise. Nicht allein, daß er mir die erbetene Erlaubniß augenblicklich ertheilte, nein, einige der Herren vom Generalstab erboten sich sogar, mich zu führen, und auf wackeren Thieren trabten wir dem Schall der Geschütze entgegen.

Die verschiedenen Hauptquartiere liegen allerdings überall außer dem Bereich der feindlichen Geschütze, Le Vert galant ist aber trotzdem kaum mehr als eine halbe Stunde von unseren Batterien von Rancy entfernt, und je weiter wir ritten, desto deutlicher wurde der Donner der Geschütze, der immer mächtiger zu uns herüberdröhnte. Die Gegend hier war, wenn auch nicht sehr coupirt, doch so von den verschiedenen Parks und Gehölzen umschlossen, daß man keinen recht freien Blick gewinnen konnte, bis wir endlich das ziemlich hochgelegene Dorf Rancy erreichten, und von dort den ersten Ueberblick gewannen.

Ich sage Dorf Rancy, das wäre aber jedenfalls ein falscher Ausdruck, wenn wir den Begriff damit verbinden wollten, den wir uns daheim unter einem sogenannten Dorf machen. Rancy liegt in der nächsten Nähe von Paris und dies Dorf schon besteht aus einer Anzahl der reizendsten Landsitze, die sich auf der Welt nur denken lassen. Kleine Parks und Villen wechseln miteinander ab, und die Straße bilden die elegantesten Gebäude, die nur einen schlechten Geschmack in dem Anstrich zeigen. Die Ecken derselben sind nämlich – was gerade keinen angenehmen Eindruck auf das Auge macht, roth und weiß gemalt – ebenso die Pfeiler, welche die Gärten umgeben, während die eisernen Gitter grün angestrichen stehen und die einzelnen Namen der Straßen auf einem lilla Untergrund prangen. Das Ganze ist viel zu bunt, um einen guten Eindruck zu machen, aber das vergißt man bald, sowie nur die Bäume vorn eine weitere Aussicht gestatten, und dort, unmittelbar vor uns liegt die hohe Hügelkette, die Paris umschließt, und klar und deutlich – denn ich traf glücklicher Weise in dieser ewig regnerischen und trüben Zeit einen hellen Tag – lassen sich die Forts Rosny und Romainville, besonders durch die eigenthümlich hohen und plump darauf erbauten mächtigen Casernen erkennen, die allerdings einen prachtvollen Zielpunkt bieten.

Noch aber war das Ganze zu undeutlich, zu sehr von Gebüsch und Bäumen bedeckt, um einen vollen Ueberblick zu gewinnen; außerdem donnerten die Geschütze zu verlockend nahe, um nicht zu ihnen hinüber zu dringen, und deshalb die Pferde hier in dem Schutz der Gebäude lassend, stiegen wir ab und gingen zu Fuß nach den Batterien hinüber.

Armes Rancy, welch ein bewegter Platz mag es früher gewesen sein, wie mag es von fröhlichen Menschen, besonders in Sommerszeit gewimmelt haben, und wie verlassen, wie öde lag es jetzt! Keines der Häuser war mehr bewohnt, ja auch nur eingerichtet, denn nicht, etwa unsere Truppen, sondern die Franctireurs und anderes Gesindel aus Paris hatten schon vor Eintreffen unserer Armee die ganze Umgegend von Paris durchzogen und verwüstet, um den „deutschen Barbaren“, wie sie meinten, jede Hülfsquelle, jeden Schutz abzuschneiden. Den einzigen Schaden thaten sie aber nur sich und ihren eigenen Landsleuten, denn gerade diese den feindlichen Batterien zu sehr preisgegebenen Plätze wurden von unserer Armee nur allein durch die nöthigsten Posten besetzt gehalten.

Uebrigens fanden wir hier schon im reichsten Maße die Spuren eingeschlagener Granaten, theils an den Häusern, theils im Wege selber, theils an den Bäumen, und manchen Centner Eisen haben die Franzosen, seit sie hier Deutsche wußten, herübergeworfen, ohne vielen Schaden anzurichten – wenigstens im Verhältniß zu der Masse von geschleuderten Geschossen.

Unmittelbar vor uns aber donnerten jetzt die Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder, ohne daß von drüben herüber bis jetzt eine einzige Kugel gekommen wäre, und durch einen kleinen Wald – eine Art Park – mit ziemlich hohen Bäumen schreitend, standen wir plötzlich unmittelbar hinter der Batterie Nr. 1 und vielleicht zwölf Schritt höher als diese. Aber mein Blick suchte zuerst nicht etwa die mächtigen vor uns stehenden Geschütze, die in drohender Reihe vor uns eingegraben und feuerbereit standen, sondern schweifte hinüber nach dem Ziele unserer Sehnsucht – Paris, und konnte sich nicht losreißen von dem prachtvollen Bilde.

Die Stadt Paris war nun allerdings von hier aus noch nicht zu erkennen, denn erstlich beträgt die Entfernung von dieser Höhe bis zu der äußersten Enceinte derselben in gerader Richtung noch voll eine deutsche Meile; dann aber auch legte sich der ziemlich hohe Hügelrücken dazwischen, auf dem die Forts gebaut sind, und schnitt die Aussicht ab; aber interessant genug war schon das, was das Auge erreichen und überfliegen durfte.

Dicht und unmittelbar vor uns lag der langgestreckte, sich nach rechts zu Thale neigende Mont Avron, dessen so glückliche Beschießung den Parisern zum ersten Male die Augen öffnete, daß die ganze Sache mit der Belagerung der „Hauptstadt der Welt“ doch eigentlich kein bloßer muthwilliger Scherz der „deutschen Barbaren“ sei, sondern in blutigen Ernst auszuarten beginne. Dahinter erhob sich voll und deutlich Fort Rosny, dem Romainville mit eben solchen Casernen und Wällen folgte. Rechts davon in der Ebene, aber noch ziemlich weit entfernt, lag das Dorf Bondy, das von uns jetzt stark beschossen wird und aus dem wir die Franzosen schon ein paar Mal hinausgejagt haben, ohne daß sie es bis jetzt ganz aufgeben mögen, indem sie wenigstens noch den westlichen Theil desselben besetzt halten.

Wie donnerte das um mich her, während ich meinen Blick noch immer nicht von der Hauptstadt da drüben abwenden konnte, indeß in den Batterien selber Alles seinen geregelten Gang nahm!

Die Batterien, die immer in einer bestimmten Entfernung von einander liegen, sind, wie vorher erwähnt, an dem äußersten Hange des Berges, von wo aus sie einen vollkommen freien Ueberblick haben, eingegraben, und liegen nach außen zu so versteckt und in dem gleichfarbigen Erdboden umher so unsichtbar daß sich ihre Stellung nur durch das Aufblitzen der Geschütze und den nachher emporsteigenden Pulverrauch erkennen läßt. Es stehen dort sechs bis acht Geschütze – selten mehr – nebeneinander (meist Vierundzwanzigpfünder, aber auch einige Zwölfpfünder) und werden auf das Commando des darüber wachenden Unterofficiers in nicht zu langen Zwischenräumen abgefeuert.[2]

Hat das Geschütz seinen Schuß abgegeben, so reinigt es die Mannschaft erst wieder und das Rohr bekommt eine kurze Zeit Ruhe, um sich abzukühlen, dann wird die Kugel – es sind sämmtlich Hinterlader – vorsichtig eingehoben und Alles steht bereit, um den Befehl zum Feuern abzuwarten. Das Geschütz befindet sich dabei nicht auf der bloßen und jetzt weichen Erde, denn schon das Gewicht desselben wie der Rückstoß würden es da tief hineintreiben. Die Kanonen haben alle einen starken Unterboden von Planken, auf welchen sie nach abgegebenem Schuß an dem sie haltenden Seil eine Strecke zurückfahren und dann leicht wieder vorgeschoben und gerichtet werden können und unübertrefflich ist die Ruhe, mit der hier Alles gehandhabt wird.

„Bombe!“ tönt da plötzlich der monotone Ruf des wachhabenden Postens, der besonders auf die feindlichen Batterien aufzupassen und sie im Auge zu behalten hat, und die eben noch so ruhigen, fast regungslosen Gestalten der Soldaten heben sich und gewinnen Leben und Bewegung. Theils richten sie sich empor und spähen aufmerksam nach dem Feind hinüber theils drücken sie sich hinter die schützende und fest aufgewallte Brustwehr – und jetzt kommt es durch die Luft in dumpfem unheimlichen Zischen und Rauschen, lauter und lauter mit jeder Secunde und jetzt – ein dumpfer Schlag auf den Boden, in dem Moment fast ein dröhnender Knall und nun kommt der gefährliche Augenblick, denn besonders nach vorn, aber auch etwas zur Seite spritzen die Stücke des gesprungenen Geschosses, und wehe dem, den sie mit ihren scharfen zerrissenen Kanten streifen oder treffen!

Es schien das nur ein Probeschuß gewesen zu sein, aber er war nicht schlecht gewesen und hatte unmittelbar neben der Batterie [115] – die Richtung angenommen, von welcher das Feuer seitwärts kam – eingeschlagen. Eine Minute wohl kam kein zweiter Schuß, und mit lauten Schlägen, bei denen die kurzen Vierundzwanzigpfünder besonders eine nervenerschütternde Stimme haben, antworteten unsere Bulldoggen.

Wir waren etwa vierzig Schritt im offenen Walde hin einer hohen Mauer zugegangen und blieben dort stehen, um eine französische Granate zu betrachten, die gestern hier in den weichen Thonboden eingeschlagen, nicht crepirt war, und nun noch, bis zum vierten Theil etwa, aus dem Boden oder vielmehr aus dem aufgerissenen Loch hervorsah, und wandten uns dann langsam ab, um die nächste Batterie zu besuchen.

„Bombe!“ schrie da der Posten wieder, und diesmal, viel rascher als vorher, hörten wir schon fast mit dem Rufe zugleich das Sausen in der Luft und unmittelbar danach den Schlag.

An ein Ausweichen ist dabei natürlich nicht zu denken, denn in nächster Nähe verkürzt sich der Ton so, daß man kaum bestimmen kann, nach welcher Richtung die Granate fliegt, als sie auch schon explodirt und ihre Sprengstücke umherspritzt. So war es hier. Das Geschoß schlug viel näher zum Fort ein, als das vorige und ein paar große Stücken sausten vorbei – so nahe, daß man sehen konnte, wie sie durch die Luft sausten. Der Platz aber, auf dem sie einschlugen, war genau derselbe, auf dem wir kurz vorher zusammengestanden.

Jetzt aber ging das Schießen tüchtig los, und besonders machten einige Bouquets einen vorzüglichen Effect – mit diesem zierlichen Namen belegt man nämlich eine gleichzeitige Salve der Geschütze, also das, was an Bord eines Kriegsschiffs eine Breitseite genannt werden würde. Es waren immer fünf oder sechs Geschosse, die in Zeit von vielleicht 4 Secunden abgefeuert wurden, und dann auch in gleichem Tempo einschlugen. Dort drüben hatten sie auch die großen Marinegeschütze – sogenannte Achtundvierzigpfünder. Eines von diesen schlug, als wir wieder fortgingen, vor uns in den Weg und spritzte über die Straße hinüber. Das eine Stück davon hatte dabei die Größe und auch sonderbarer Weise die Form eines Hemmschuhs.

Ueberhaupt sollen die französischen Granaten lange nicht so gefährlich sein als die deutschen, weil sie gewöhnlich nur in einzelnen großen Stücken auseinander springen, während die unseren in eine Menge kleiner Theile zerplatzen und dadurch einen viel größeren Raum decken und gefährden.

Das war doch wenigstens ein eiserner Gruß aus Paris, und ich fühlte mich von meinem Empfang außerordentlich befriedigt.

Ehe wir die Batterien verließen, besuchten wir noch das mit Erde gedeckte und so viel als möglich schußfest gemachte Lager der dortigen Wacht, und einen pittoreskeren Platz kann es kaum auf der Welt geben. Es war nicht mehr als ein langer, halbgeschlossener und kaum vier Schritt breiter Schuppen, der sich an der einen Batterie hinzog und den die Soldaten im Innern auf das Wunderlichste ausgestattet hatten.

In dem größten Theil desselben lag allerdings Stroh, auf dem die müden Posten ausgestreckt eine kurze Ruhe suchten, um wenn aufs Neue gerufen, wieder frisch bei Kräften zu sein, aber auch andere Bequemlichkeiten waren vorhanden, und zwar nicht von geringerer Art: Ein sehr hübsch überzogenes Sopha nahm den Mittelpunkt ein, oder bildete vielmehr das Centrum des ganzen Ameublements – rechts und links davon standen zwei weich gepolsterte Lehnstühle, in denen behaglich zwei Unterofficiere Platz genommen und ihre kurzen Pfeifen rauchten, links am Eingang stand ein Schreibtisch mit Schreibmaterialien darauf – rechts davon ein kleiner eiserner Ofen, den der benachbarte Wald mitheizte, und neben diesem wieder ein augenblicklich leerer, aber sehr bequemer Fauteuil.

Die Leute hatten sich diese Meubles jedenfalls aus dem nicht fern davon gelegenen Rancy herbei geholt, ihre provisorische Wohnung damit ausstaffirt und befanden sich allem Anschein nach sehr behaglich. Ob eine gerade direct auf das Dach schlagende achtundvierzigpfündige Granate nicht doch am Ende durchgeschlagen wäre, ist schwer zu sagen, aber gegen umherfliegende Splitter boten die theilweisen Wände doch einigermaßen Schutz, und die Soldaten werden zuletzt überhaupt durch die ununterbrochen drohende Gefahr so abgestumpft, daß sie selbst gleichgültig gegen dergleichen kleine Unannehmlichkeiten sind.

Uebrigens fehlt ihnen hier Nichts zu einem guten Leben.

„Früher, ja,“ sagten mir Verschiedene, die ich deshalb frug, „hatten wir wohl manchmal Noth und mußten uns mit geringer Kost behelfen – doch geht das nicht anders im Krieg. Jetzt aber haben wir die Hülle und Fülle und befinden uns vortrefflich.“

Als wir den Heimweg antraten, dauerte die beiderseitige Beschießung fort, und ich hörte auch hier, daß die Franzosen gewöhnlich um halb drei Uhr Nachmittags ihr Feuern beginnen, weil sie die Sonne dann von den Forts aus gegen Rancy im Rücken, und dadurch ein besseres Licht zum Zielen haben. Unseren Batterien ist dagegen, aus denselben Gründen, der Morgen günstiger. – – –

Am Zweiundzwanzigsten hatte ich die Batterien besucht; am Dreiundzwanzigsten erbot sich einer der Herren vom Stabe des Prinzen in liebenswürdigster Weise, mich zu den äußersten Vorposten gegen Bondy zu führen, damit ich auch einmal eine ordentliche Feldwache zu sehen bekäme.

Der ziemlich lange Weg dahin führte den Canal entlang, der hinein in die Vorstadt Villette mündet, und hier bekam ich volle Gelegenheit, die wahrhaft künstlerische äußere Vertheidigungslinie unserer Truppen kennen zu lernen, und dadurch erst bekommt man einen wirklichen Ueberblick über die eigentliche Cernirung von Paris, von der man sich daheim kaum einen deutlichen Begriff machen kann.

Eine Belagerung von Paris wurde sonst, ganz abgesehen von den starken Forts, schon deshalb für unmöglich gehalten, weil die enorme Ausdehnung der Belagerungstruppen, die sich doch den Forts nicht allzusehr nähern durften, eine riesige Armee erfordert hätte – und doch ist es der an das Wunderbare grenzenden Taktik unserer Heerführer gelungen, selbst das für unmöglich Gehaltene durchzuführen.

Der größte Theil des Weges, nach der sogenannten Pondretten- oder Düngerfabrik hinaus, wo die Feldwache liegt, führte an dem Canal hin und war, den jetzigen Stand der Straße in Betracht genommen, leidlich gut, sodaß wir die Pferde wenigstens konnten austraben lassen. Ehe wir diesen aber erreichten, passirten wir die erste, oder vielmehr die letzte Vertheidigungslinie, die ich auf den ersten Blick für eine weite Fläche hielt – und doch hatte hier noch vor kurzer Zeit ein prachtvoller, mit starken Bäumen bewachsener Park gestanden, der aber der Artillerie geopfert worden.

An den Grenzen der bewachsenen Fläche, die sich nach innen zog, lief hie und da eine Mauer hin – dort waren Verhaue angelegt, da stand ein einzelnes, kleines Haus – dann lief ein Stück Wald rechtwinklig voraus – aber das Alles war zur Vertheidigung eingerichtet, die Frontlinien mit den Flanken deckend, und die Bäume des Parks hatten fallen müssen, um ein Gefechtsfeld zu öffnen und den Geschützen freie Bahn zu geben.

Geschütze waren jetzt freilich dort noch nicht eingegraben, aber die Stellen dazu bereit, und überhaupt Alles so vorbereitet, daß in der kürzesten Frist und bei dem ersten Alarm eines Ausbruchs Alles gerüstet stehen und den Feind empfangen konnte. Jeder Mann wußte genau seinen Posten, wohin er bei der ersten Alarmirung eilte, und wäre der Feind wirklich selbst bis hierher gedrungen, was aber nur mit Forcirung der beiden vorderen Vertheidigungslinien bewerkstelligt werden konnte, so kam er da erst in die schlimmste Klemme.

Und das nicht allein – am Canal hinreitend gelangten wir bald zu einer Stelle, wo unsere Ingenieure den Canal abgegraben und dadurch einen doppelten Zweck erreicht hatten. Erstlich entzogen sie dadurch einem Theil des östlichen Paris das Wasser und dann führten sie dieses in das niedere Land gen Norden, zwischen Rancy und unseren Truppen, sodaß nach dieser Richtung ein Ausfall zur Unmöglichkeit wurde. Aber selbst der trocken gelegte Canal wurde dadurch unpassirbar gemacht, daß man die an seinem Ufer stehende Allee fällte und dieselbe beim Sturz schräg, den Canal entlang, hineinzog. Durch den Schlamm und die Zweige, Aeste und Stämme hätte jetzt nie ein Corps durchdringen können, ohne sich vorher, wie in einem Urwald, mühsam Bahn zu hauen – und auch das würde man ihnen versalzen haben.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde scharfen Rittes erreichten wir die Poudretten-Fabrik – auf der Karte unter dem Namen Voicie angegeben. Kleine Häuser standen unmittelbar am Canal und die Soldaten davor, und, wie es schien, unter dem Schutz des größten Gebäudes. Von dort aus wurde uns auch schon zugewinkt, und als wir hielten, rief uns der dort befehlende Hauptmann zu, ein wenig rasch zu reiten, denn sie bekämen [116] Granaten. Allem Anschein nach war ich gerade wieder zur rechten Zeit angekommen.

Wir passirten den erbärmlichen Steg, der über den Canal führte, und stiegen dort ab.

Diese Poudretten-Fabrik ist eine der großartigsten Anstalten in dieser Art, die ich je in meinem Leben gesehen. Hierher wird der größte Theil des Düngers aus ganz Paris geführt und eine große Anzahl von Schlammteichen schrecklichster Art breiten sich da über die ganze Nachbarschaft aus, ebenso stehen ungeheure Haufen des schon fabricirten Stoffes zum Abfahren fertig – werden jetzt aber wohl noch eine Weile stehen bleiben müssen.

Höchst interessant war eine kleine bombenfeste Hütte, welche sich die Mannschaft, um vollständig geschützt zu sein, in einen der größten Composthaufen hineingebaut und dann noch hoch mit dem festen Staub überdeckt hatte. Es war, wie bei Batterie Nr. 1, ein langer derber Schuppen, der aber keine weitere Bequemlichkeit bot, als auf dem Boden dicht aufgeschüttetes Stroh. Durch Stein oder Holz mag nun die Granate, wie diese furchtbaren Achtundvierzigpfünder der französischen Marinegeschütze, durchschlagen aber nie und nimmer durch diese weiche, elastische Masse, die wohl dem Druck nachgibt, aber gerade dadurch, daß sie die Kraft bricht, den mächtigsten Widerstand leistet.

Schon auf dem Wege hierher und längs des Canals fanden wir die ganze Bahn, oft den Canalrand selbst, von Sprenggeschossen aufgewühlt, die tiefe Löcher in den Boden gerissen, Bäume zerschmettert, und einen besonders mit der ganzen zerrissenen Wurzel aus der Erde herausgewühlt hatten – und doch wird man fast gleichgültig gegen die Gefahr und horcht nur aufmerksam empor, wenn das weit gehörte Brausen des häßlichen Geschosses sein Nahen kündet. Wo es eben hinschlägt, muß man abwarten.

Hier hatte die Feldwacht ihren Sammelplatz, der Name Feldwacht begreift aber eben den Vorpostendienst, und die ganze Wacht bleibt jedesmal vierundzwanzig Stunden aus, wo sie dann wieder von einer anderen abgelöst wird. Nachmittags um fünf Uhr etwa zieht die dafür bestimmte Abtheilung aus, um ihren manchmal ziemlich fernen und immerhin gefährlichen Posten einzunehmen, und den andern Abend um sieben oder halb acht Uhr, je nach der Entfernung, kehren sie in ihr Quartier zurück; vier Tage haben sie dann Ruhe.

Dort aber, an der Poudrettenanstalt, war nur das „Hauptquartier“ der Feldwacht, und von hier ab werden erst die eigentlichen Vorposten, in zwei Stationen, ausgeschickt. Die erste von diesen dient als Stützpunkt der zweiten und äußersten, und diese, die abwechselnd von der ganzen Mannschaft bezogen wird, hat den schwersten und gefährlichsten Dienst, denn sie muß den schärfsten Ausguck halten und wird dabei nicht allein zeitweilig von den Granaten der Forts, sondern oft auch von den Chassepots der ihr gegenüber und gar nicht etwa sehr entfernt stehenden französischen Vorpostenlinie beschossen.

In der Poudrettenanstalt hatten sich die Herren übrigens ganz behaglich eingerichtet – die Soldaten in ihrem bombenfesten Local, die Officiere in dem kleinen Hause, das freilich einer einschlagenden Bombe nur wenig Widerstand geboten haben würde. Es war eben, wie der commandirende Hauptmann meinte, nur ein „moralischer“ Schutz, denn hier im Zimmer kümmerte man sich nicht um das, was draußen vorging.

In dem riesigen Composthaufen war oben auch ein Observationsposten für die Schildwache angelegt, und von hier aus hatte man einen vortrefflichen Ueberblick über die Forts, ja man konnte sogar von dem rechts liegenden und deutlich sichtbaren Fort St. Denis die Gebäude und etwas nach links die äußersten Thürme der nördlichen Vorstadt von Paris, Chapelle, unterscheiden.

Und dort drüben dicht bei und fast in Büchsenschußnähe lag das bestrittene Bondy, das schon eine ganze Weile von uns beschossen ist, und das Franzosen wie Deutsche versucht haben in Brand zu stecken, um keiner der feindlichen Abtheilungen einen Zufluchtsort zu gewähren. Aber diese französischen Dörfer mit ihren massiven Häusern brennen nur schwer, noch dazu, da die Franzosen vorher schon alles Brennbare, wie Meubles und dergleichen Dinge, ausgeräumt und entweder zerstört oder fortgeschleppt haben. Vergebens sind deshalb eine Anzahl von Brandgeschossen in das überhaupt verlassene Nest von beiden Seiten hineingeworfen worden – das Resultat blieb dasselbe und besetzt konnte es dabei von keinem Theile ordentlich bleiben, da es von unseren wie den französischen Batterien bestrichen wird. Nur ein kleiner Vorposten der Franzosen hat sich noch bis jetzt darin gehalten.

Hinter Bondy lag aber das seiner häufigen Gefechte wegen berühmte Le Bourget, das schon eine solche Menge theuren Blutes gekostet hat, und erobert, genommen und wieder erobert wurde, wie es denn auch jetzt noch die sächsischen Truppen besetzt halten.

Mich drängte es aber noch die äußersten Vorposten zu besuchen, um den Franzosen wenigstens so nahe als irgend möglich zu sein, und dorthin schritten wir jetzt, den Canal entlang, erreichten die erste Station, wo aber nicht viel zu sehen war, und gelangten jetzt zu dem äußersten von uns festgehaltenen Punkt, von wo aus man schon dort drüben in den im Felde liegenden Gebäuden ein paar wachestehende Franzosen erkennen konnte. Beide Theile mochten kaum mehr als achthundert oder tausend Schritt von einander entfernt stehen.

Drinnen in dem kleinen massiv gebauten Häuschen saßen die wenigen Soldaten und draußen hinter einer Art Barricade von flach aneinandergelegten Planken lehnte der Mann auf Wache und schaute still und aufmerksam durch eine Schießscharte hinaus in’s Weite, um bei irgend einer verdächtigen Bewegung des Feindes sogleich den Alarm zu geben.

Es ist ein mühseliger Dienst – stundenlang lehnt der Mann da auf Wacht, und verwendet keinen Blick von dem vor ihm liegenden Terrain, ja, hat sein Gewehr ununterbrochen schußfertig zur Hand. Es kann den Burschen da drüben jeden Augenblick einfallen, ihre Chassepots auf ihn abzubrennen, und allzu vollkommen schützt ihn die luftige Plankendeckung nicht, aber er darf nicht weichen, denn oft schon sind solche kleine Detachements von dem listigen Feind aufgehoben worden und seine Unaufmerksamkeit könnte das Verderben aller seiner übrigen Cameraden hier draußen zur Folge haben. Der Mann sah müde und erschöpft aus, aber er rührte sich kaum, als wir zu ihm traten, und wandte auch, während der höhere Officier mit ihm sprach, nur selten den Blick von draußen ab.

Der Platz war mir unheimlich. In den Batterien hatte ich mich wohl gefühlt – da war Leben und Action und wenn auch ein paar Granaten herumspritzten, so wußte man doch, daß sie der Feind aus seinen Donnerschlünden herüberschickte, und sie kamen wahrhaftig nicht heimlich angeflogen. Hier aber war Alles todtenstill – kein Laut wurde gehört – selbst die Schildwache sprach nur leise, als ob sie fürchtete, ihren Standpunkt zu verrathen.

Wir hatten hier genug gesehen – dort drüben lagen die Franzosen in dem kleinen Haus.

„Die könnten wir einmal aufheben,“ meinte mein Begleiter.

„Wenn sie sich mausig machen, ja,“ erwiderte der Soldat, „bis jetzt halten sie aber Frieden.“

„Und dort drüben?“

„Da lagen auch welche, die haben wir aber schon ausgeräuchert.“

Dieser Plankenzaun bildete gegenwärtig die westliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, und dort hinter jenen niedrigen Hügeln lag die Hauptstadt des in den Staub geworfenen Reiches.

Kein Schuß fiel hier in der Nähe, nur von drüben feuerte Boissière auf Rancy hinüber, und bekam auch jedes Mal rasche Antwort. Ich war froh, als wir den öden Platz endlich verließen und zu Menschen zurückkehrten.




In den Batterien vor Paris.
Von unserem Feldmaler F. W. Heine.

Es war ein abscheulich kalter Wintertag, an welchem ich mich aufmachte, den Schanzenbau einer jener Vierundzwanzigpfünder-Batterien zu besuchen welche seiner Zeit gegenüber Paris auf den Höhen von Montmorency errichtet wurden, und mich durch eigene Anschauung zu überzeugen welche ungeheuren Schwierigkeiten die Herstellung der Schanzen mitten in einem so strengen Winter bot. Man hatte lange nach den geeigneten Punkten gesucht. Nachdem unsere Vorposten bereits bis nach Villeta neuse vorgeschoben worden waren, hatte es sich als nothwendig herausgestellt, in der Nähe, kaum viertausend Schritte von den Forts double couronne und

[117]

Beim Batteriebau vor Paris.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.

[118] couronne de la briche, einige Mörserbatterien zu errichten. Das Gleiche sollte nun am Abhange von Montmorency, Deuil und Ormeson nach Epinay zu geschehen, und hierzu war endlich der Befehl zur Ausführung gekommen.

Es ist bekannt, daß diese Arbeiten sonst im bergenden Dunkel der Nacht geschehen, wo kein Laut dem Feinde das geheimnißvolle Thun verrathen darf und wo die stummen, fieberhaft mit Hacke und Schaufel an dem steingefrorenen Boden sich abmühenden dunklen Gestalten wie Gnomen und Berggeister erscheinen. Der Feind darf keine Ahnung von den Gefahren haben, die hier für ihn vorbereitet werden; ihm zur völligen Ueberraschung wird am Morgen die während der Nacht gebaute Batterie demaskirt und allein das aufblitzende Feuer der Geschütze und der aufsteigende Rauch verrathen ihm den neugewonnenen Standpunkt des Gegners. Zwar sucht auch er während der Nacht wohl dann und wann mit Leuchtraketen das Dunkel und diejenigen Feld- oder Waldstrecken zu erhellen, auf denen er möglicherweise eine gefahrdrohende Thätigkeit des Feindes vermuthet – aber ein im rechten Moment leise ausgerufenes Commandowort genügt, die Grabenarbeiter, welche eben noch in der Schanze mit dem Aufwerfen von Erde beschäftigt waren, oder die „Zuträger“, welche Schanzzeug vom Belagerungspark beischleppen, mit einem Schlag auf den Boden zu werfen und ihre Erscheinung der Helle der Leuchtraketen oder des elektrischen Lichtes zu entziehen. Oft ist es auch nur der Schall der Arbeit, den die leicht bewegte Luft von dannen trägt, ein allzu lautes Klopfen, ein unvorsichtiges Schlagen und Hämmern, das dem Feinde durch die klare Winternacht an’s lauschende Ohr dringt, ihm den Bauplatz verräth und uns selbst sofort in die Lage bringt, mit einer Unmasse jener Zuckerhüte überschüttet zu werden, die noch von Keinem, der sie gekostet hat, verdaulich und genießbar befunden worden sind.

So bedenklich war es nun heute nicht. Ein undurchdringliches Nebelmeer lag auf Paris und seiner ganzen Umgebung gebreitet – ein Nebel, den man, um eine landläufige Redensart zu gebrauchen, mit dem Messer schneiden konnte, und dessen Dichtigkeit die Herren Franzosen auch hinderte, ihre Eisenballons aus den Forts zu uns herüberzuwerfen. Kein Kanonendonner erschütterte die Luft, Alles lag im tiefsten Schweigen, und wenn nicht dann und wann einmal ein Schuß in der Vorpostenkette gefallen wäre, man hätte glauben können, die beiden Feinde hätten, des blutigen Kampfes satt, für heute Waffenstillstand geschlossen. Es war aber nur der Nebel, der mit seinem dicken, schweren Schleier Alles überzog, Freund und Feind gegenseitig trennte und uns selbst es möglich machte, in aller Stille und Schnelligkeit, unbeachtet und unbelauscht eine Batterie aufzuführen, zu deren Schanzenbau sonst unbedingt die Nacht nothwendig gewesen wäre.

Es versteht sich von selbst, daß die Anwesenheit eines Laien nur in den seltensten Fällen geduldet wird, und ich habe es in der That nur der ganz besondern Liebenswürdigkeit eines mir befreundeten Officiers zu danken, daß man mir, wie ich schon längst gewünscht hatte, den Zutritt zu einer eben im Werden begriffenen Schanze gestattete; in früher Morgenstunde aus meinem Bett geholt, eilte ich mit meinem gefälligen Freunde dem Bauplatze zu, mit Eifer und hoffentlich allen Lesern der Gartenlaube zu Nutzen nach Allem fragend und forschend, was mir auf diesem Felde noch unbekannt, und doch hier zur Beschreibung wie zur Herstellung der Zeichnung zu wissen nöthig war.

Wir schritten rüstig feldein; denn wir hatten bis zu den Höhen von Montmorency, die bekanntlich gerade in nördlicher Richtung von St. Denis liegen, immerhin ein paar Stunden zu wandern, eine kahle, langweilige Allee hin, deren Eintönigkeit nur dann und wann durch entgegenkommende Truppenkörper, durch einen Marketenderwagen oder ein einspänniges Bauernfuhrwerk, dessen Lenker in blauer Blouse uns mürrisch ansah, unterbrochen wurde. Endlich stießen wir auf das erste Zeichen, welches uns die Nähe des Bauplatzes verkündete: wir passirten das Batteriedepot. Wie nämlich jede Arbeit, so erfordert auch der Bau einer Batterie geeignete Vorbereitungen; der Bauplatz selbst wird von einem höheren Officier allein durch zwei Pfähle bestimmt, welche die Richtung einer Scharte bezeichnen und der zur Arbeit ankommenden Mannschaft völlig für die Bestimmung der übrigen Entfernungen genügen. Da nun aber der Belagerungspark und mit ihm das Baumaterial – Schanzkörbe, Faschinen, Faschinennägel, geglühter Eisendraht, Drahtanker, mit welchen die Körbe festgestellt werden, u. dergl. – oft eine halbe Meile von der zu beschießenden Festung entfernt liegt, unerreichbar den feindlichen Geschützen, so ist das natürlich zu weit, um jede Faschine und jeden Schanzkorb, der gebraucht wird, von dort zu entnehmen. Man berechnet also ungefähr den Bedarf, wählt einen in der Nähe des Bauplatzes gelegenen, der feindlichen Einsicht natürlich entzogenen Ort und schafft das Material möglichst ungesehen dahin. Hier wird nun das letztere in seinem ganzen Umfange, sowie das Handwerkszeug, Schlägel, Stampfen, Schippen, Hacken, Karren, niedergelegt und zwar so geordnet, wie es nachher gebraucht wird. Zugleich werden hier die Arbeiter, Faschinirer, Grabenarbeiter und Zuträger, eingetheilt, und von hier aus treten sie auch, etwa zweihundertfünfzig Mann stark, von einem Officier und etwa sechszehn Aufsehern begleitet, mit Schanz- und Handwerkszeug ihren stillen Marsch zum eigentlichen Bauplatz an.

Am Ort angekommen, beginnt ohne Zögern die Arbeit; mit Hülfe der schon erwähnten zwei Pfähle wird die Flucht, die Linie der Batterie festgestellt, und schon nach wenigen Minuten sind auch die übrigen nöthigen Punkte durch Pfähle bezeichnet. Längs der ersteren werden Faschinen, runde, etwa sechszehn Fuß lange und einen Fuß im Durchmesser haltende Reisigbündel, in die festgefrorene Erde eingegraben, damit sie nachher dem Drucke der aufgeworfenen Brustwehr nicht ausweichen können, Grabenarbeiter tragen die aus Strauchwerk geflochtenen, drei Fuß hohen und zwei Fuß starken Schanzkörbe bei, stellen sie auf die Faschinen und nun geht es an ein Schaufeln, an ein Graben, an ein Aufwerfen von Erde, an ein Füllen der Körbe – Alles mit fieberhaftem Fleiß; denn es gilt um jeden Preis unbemerkt Deckung zu gewinnen, und hier ist jede Minute Zeit wenn nicht Geld, doch neuer Gewinn des Lebens.

Die Brustwehr geht rasch in die Höhe, da die Arbeiter auf beiden Seiten derselben Gräben ziehen und aus ihnen die Erde werfen. Es ist auch genug Erde nothwendig zu einem solchen Wall, der nicht weniger als dreiundzwanzig Fuß Stärke haben soll, während seine Höhe acht bis zwölf Fuß beträgt. Mir einer schützenden Bekleidung wird nur die innere Seite der Brustwehr versehen, weil sie zum besseren Schutz möglichst steil sein muß und ohne die Schanzkörbe, die ihrerseits auch wieder durch sogenannte Anker oder geflochtene Drahtbänder festgehalten werden, zusammenstürzen würde. Diese Arbeit geschieht von den Faschinirern; die Grabenarbeiter indessen heben die Gräben aus, werfen die Erde auf die Brustwehr und stampfen sie dort fest. Sie haben die schwerste Arbeit, denn sie müssen die Schippe voll Erde acht Fuß weit werfen, und von ihrem Eifer hängt es ab, ob bald eine Deckung hergestellt ist.

Ich bin mit meiner Schilderung dem Gang meiner persönlichen Erlebnisse vorausgeeilt. Ich that dies jedoch nicht ohne Absicht, denn als ich mit meinem freundlichen Begleiter den Batteriehof, d. h. das Innere der Schanze betrat, war die Arbeit der Mannschaft eben soweit vorgeschritten, als ich sie in den vorstehenden Zeilen geschildert habe. Alles war in voller Thätigkeit, die nothdürftigste Deckung war gewonnen und eingehüllt in den grauen bergenden Schleier des Winternebels galt es nun, das so glücklich begonnene Werk auch einem glücklichen Ende zuzuführen. Ich habe die Ausdauer unserer Soldaten bei dieser Arbeit auf’s Neue bewundern gelernt. Zwar das härteste Stück derselben war bei meiner Ankunft schon gethan; aber ich sah es doch noch, mit welcher namenlosen Mühe die harte Erde bearbeitet werden mußte, wie man quadratmäßig in sie schneiden mußte, ähnlich wie beim Rasenstechen, wie die Keile hineingeschlagen und wie nun mit Hebeln und unter größter Kraftanstrengung Fuß für Fuß locker gemacht und herausgeholt wurde. Das geht bis in eine Tiefe von zwei Fuß, dann hört der Frost auf und die Arbeit wird leichter. Das Wühlen um diese Zeit glich wahrlich einem fleißigen Ameisenhaufen, Mann an Mann gedrängt in dem verhältnißmäßig kleinen Raum, von den Vorgesetzten zur Ausdauer mit freundlichem Wort ermuntert und nur dann und wann die Flasche mit Cognac zum Munde führend oder heftig in die vom Winde erstarrten Hände blasend.

Aber bei allen diesen Mühen stieg die Brustwehr als ein stattlicher Bau empor und erhielt nach und nach ihre Form. Die Stellen, an welchen später Scharten angebracht werden, wurden übrigens gleichfalls zugeschüttet und, wie ich eben beim Kommen bemerkte, für’s Erste nur bezeichnet, damit man nachher, wenn man die Scharte einschneiden will, die richtige Stelle trifft. Uebrigens war diese auch [119] sonst nicht aus dem Auge zu verlieren; denn eben schleppten sechs Mann und ein Unterofficier Bohlen und Balken bei, um mit deren Hülfe hinter der Scharte eine Bettung zu „strecken“, die rasch genug hergestellt war, und zwar mit sorgfältigster Beobachtung aller jener Maßregeln, welche ein gerades, trockenes und gutes Stehen des Geschützes verbürgen.

Ich bemerkte bald, daß, je mehr die Arbeit an der Brustwehr vorschritt, desto mehr Arbeiter frei wurden, welche sofort zum Bau jener Magazine verwandt wurden, aus denen sich die Batterie mit Munition versorgt. Mit solcher muß nämlich jede Batterie auf vierundzwanzig Stunden versehen sein, um allen Möglichkeiten begegnen zu können. Um aber gleichzeitig Unglücksfälle und namentlich ein Crepiren auf dem Transport zur Batterie zu vermeiden, werden alle Hohlgeschosse erst im sogenanten Laderaum fertig gemacht und zwar wieder nur so weit, daß das Feuer der Batterie nicht stockt. Der Grund hierzu ist natürlich nur eine Vorsichtsmaßregel gegen feindliche Geschosse. Uebrigens hat es mit dieser Gefahr Nichts zu sagen, da alle Batterie-Magazine bombensicher eingedeckt sind; wenigstens fand ich den Laderaum, als ich ihm meinen persönlichen Besuch abstattete, mit einer Lage Kreuzholz, Eisenbahnschienen und einer Lage Bretter eingedeckt.

Am meisten interessirte mich in der Batterie das Pulvermagazin. Ich stieg zu demselben hinab, sobald es nur fertig war. Es lag ganz seit- und rückwärts der Batterie, den Eingang von dieser abgewandt. Die Decke war aus einer Lage Kreuzholz, einer Lage Faschinen und einer Erdschicht von vielleicht zehn Fuß hergestellt, seine Wände bestanden aus Schanzkörben und seine Sohle lag vier Fuß unter der Erde. Zum Schutze gegen Feuchtigkeit waren Decken und Matten auf den Boden gelegt. Da, wie man sich denken kann, der Feind mit Vorliebe nach dem Pulvermagazin schießt, so legt man dasselbe möglichst in der Weise an, daß der Feind es nicht sehen, ja daß er seine Lage nicht einmal vermuthen kann. Wie ich das Pulvermagazin verließ, ward eben der Graben in Angriff genommen, welcher von jenem in den Batteriehof, also zu den Geschützen führte; derselbe ward aber nicht in der geraden kürzesten Linie gezogen, sondern krumm und gewunden, weil er so der Mannschaft mehr Deckung bot.

Zum Lade- und Geschoßraum hatte ich von hier aus nicht weit; beide lagen auf derselben Seite der Batterie, wie das Pulvermagazin, und zwar ist dies, wie mein Begleiter mir bemerkte, immer der Fall, um das Tragen der Pulvertonnen von einem Flügel zum andern zu vermeiden. Alle diese Räumlichkeiten liegen in dem Flügel- oder Laufgraben der Batterie, das heißt in dem Graben, der von den Flügeln der Batterie nach einer benachbarten Batterie oder rückwärts bis zu einem Terrainabschnitt führt, von dem aus man gedeckt nach dem Parke gehen kann, und dieser Flügelgraben ist es denn auch vorzüglich, den meine Illustration fast vollkommen fertig darstellt. Der Beginn der eigentlichen Batterienflucht ist auf meiner Skizze rechts nur durch die Bettung für das letzte Geschütz und durch die Schießscharte angezeigt; unmittelbar daran stößt links der Geschoßraum und dann folgt, durch eine Traverse zugedeckt, der Laderaum. Solche hohe Traversen oder Querwälle trennen auch die einzelnen Geschütze von einander, deren in der Batterie sechs standen, damit die explodirenden Geschosse in ihren Wirkungen auf einen kleinen Raum beschränkt werden. Im Rücken des Batteriehofes, das heißt im Vordergrund meines Bildes, befindet sich das Pulvermagazin.

Es war schon gegen Abend, als endlich zur Armirung der Schanze geschritten werden konnte. Die Wege pflegen zur Herbeischaffung des Geschützes nachgesehen, ausgebessert und durch Posten markirt zu werden, da ja bei ihrem Transport, der dem Feinde verborgen bleiben soll, nicht der geringste Aufenthalt stattfinden darf. Heute bot sich denn auch nicht die kleinste Schwierigkeit und bald genug standen die Vierundzwanzigpfünder, welche auf dem Bahnhofe zu Gonesse schon längst sich nach diesem Ort ihrer Bestimmung gesehnt hatten, auf ihren Bettungen. Rückwärts von den Geschützen, auch tief gestellt und mit Erderhöhungen umgeben, fanden die Protzkasten ihren Platz.

Ich muß es wiederholen, daß ich die größte Bewunderung für diese Leistung unserer Soldaten hatte; ich habe schon oben davon gesprochen, wie sehr der harte Winter ihre Aufgabe erschwerte. Dann aber erfreute ich mich nicht weniger, als unsere Mörser endlich ihren ehernen Mund aufthun durften; ich war oft in der Batterie und weidete mich immer wieder an dem großartigen Schauspiel des Bombardements. Man hat überdies von den Höhen bei Montmorency einen herrlichen Fernblick, und wie schön, wie sicher flogen unsere Geschosse hinüber nach St. Denis – so sicher, daß die Batterie schon nach acht Tagen den Befehl erhielt, dreitausend Schritte weiter vorzurücken und zwar, um schon am nächsten Morgen aus ihrer neuen Stellung zu feuern. Mittags gab sie den letzten Schuß ab, und nun ging es daran, die Geschütze aus der Schanze zu bringen und Alles zum Vorrücken bereit zu halten. Es war keine Kleinigkeit, denn inzwischen hatte der Südwind Thauwetter herbeigeführt, und es schien unmöglich, die wohl zwei Fuß im schlammigen Lehmboden steckenden Geschütze auf die bereitgehaltenen Eichenbohlen an langen Seilen zum Ausgange und an die Stelle zu bringen, wo das Gespann, acht Pferde, stand. Aber es schien nur unmöglich. Unsere braven Soldaten, die schon so viel zu Stande gebracht hatten, brachten auch das fertig – bis zum Abend war die alte Schanze geräumt, in der folgenden Nacht wurde die neue gebaut und schon am nächsten Morgen begrüßte die wackere Batterie mit ihren wohlgeschleuderten Geschossen die Begräbnißstätte der französischen Könige auf’s Neue, aber diesmal um dreitausend Schritte näher.




Blätter und Blüthen.

Ein Jägerstücklein vor Paris. Wir hatten, so schreibt uns ein preußischer Jäger vor Paris, seit einiger Zeit den Vorpostendienst, seitlich vom Wäldchen von Bondy, übernommen. Kümmerten wir uns wenig um die Granaten, welche sie uns so groß wie die kleinen Kinder von drüben herüberschickten, sobald sich auch nur ein einzelner Mann von uns sehen ließ (die Vorposten an den zumeist gefährlichen Stellen sind sämmtlich eingegraben), so ärgerte uns doch nicht wenig ein großes, eine Strecke vor unserer äußersten Vorpostenkette gelegenes steinernes Gartenhaus, in welchem sich größere und kleinere französische Patrouillen oft während der Nacht festsetzten, und von welchem aus dann am Morgen unsere Leute beschossen wurden, sobald sie sich nur die geringste Blöße gaben. Gingen wir dem Neste mit Hurrah zu Leibe, dann freilich kniffen die Rothhosen mit fabelhafter Geschwindigkeit aus, während zu gleicher Zeit von drüben die Granaten auf uns angerasselt kamen, daß es eine Art hatte.

Was war zu thun? Wünschten wir dem verdammten Gartenhause sammt und sonders den Untergang, so nahmen die drüben sich dafür nur umsomehr in Acht, je einmal eine Granate hinein zu werfen und dadurch den beliebten Schlupfwinkel ihrer Patrouillen selbst zu zerstören – des Nestes wegen aber Pionniere herkommen zu lassen und dasselbe in die Luft zu sprengen, das hätte schließlich doch mehr Umstände gemacht, als es in der That werth war.

Da kommen wir denn einmal bei einer nächtlichen Schleichpatrouille über unsere Vorpostenlinie hinaus und statten dabei auch dem Gartenhause einen Besuch ab, uns den Fall einmal gründlich in der Nähe zu besehen. Das Haus schien keinem Besitzer der „tieferen Mittelclasse“ zu gehören. Es war famos eingerichtet, oder besser, war famos eingerichtet gewesen; denn Alles, was ein französisches Soldatenherz entzücken mochte und zu gleicher Zeit leicht transportabel und nicht allzu niet- und nagelfest war, hatten die Herren Franzosen bei ihren nächtlichen Besuchen bereits mit großer Sorgfalt ausgewählt und mitgehen heißen. Immerhin aber erinnerte noch das elegante Meublement, wenngleich theilweise zerschlagen und zerfetzt, an geschwundene Pracht und Herrlichkeit; dazu gehörten auch ein Paar schön gearbeitete Marmortischchen eines großen Zimmers, wahrscheinlich des Speisesaals, welche zwei Gypsbüsten, Brustbilder in Lebensgröße, trugen – ich weiß nicht, wen vorstellend. Wir langten eine der Statuen herunter, und – ein famoser Gedanke blitzt einem unserer Leute in diesem Moment durch’s Hirn. Ohne ein Wort zu sagen, zieht er seine Feldmütze aus der Tasche und stülpt sie dem Gypsgesicht auf sein würdiges Haupt; dann zieht er den Waffenrock aus, die dunkle Unterjacke herunter, und drüber damit über Brust und Schultern des weißen Mannes. Wir hatten sofort die Ansicht unseres Cameraden errathen, und lachend standen wir im Kreise herum. Nun mußte der Popanz nur noch eine große Pfeife in die Physiognomie bekommen. Aber eine unserer Pfeifen dranzugeben, das war zu viel verlangt; so mußte denn ein hakenförmiges Holzstück, welches am Boden lag, aushelfen, und ohne Besinnen schlug ich dasselbe unserm Bleichgesicht, weil es den Mund nicht öffnen wollte, durch die geschlossenen Lippen. Noch wird ein Marmortisch, unter einem „verflossenen“ Spiegel stehend, herangeschoben, wird an eines der großen Fenster gegen Paris hingestellt, und der Popanz darauf, der nun, die Jägermütze keck auf dem Ohr und die Pfeife im Mundwinkel, unverwandt durch das offene Fenster gegen Paris hinausschaut. Das Werk ist vollbracht und wir überlassen unseren nächtlichen weißen Freund nunmehr seinem Schicksal.

Am andern Morgen, der Nebel hatte sich kaum zertheilt, hören wir’s auch schon durch die Lüfte herüberkommen – nicht wie Zephyrsäuseln, sondern wie donnerndes Granatensausen. Der erste „Zuckerhut“ fliegt einige fünfzig Schritte über das Gartenhaus hinweg, der zweite geht schon kürzer, und die dritte Granate – sie beobachten drüben durch vortreffliche Gläser – prasselt glücklich in den Giebel des Gartenhauses hinein. – „Hat gesessen!“ ruft mir mein Nachbarposten zu und reibt sich vergnügt die Hände. „Jetzt wird unserem Bleichgesicht wohl die Pfeife ausgehen!“

[120] Die Herren Franzosen aber mußten vermuthen, daß sich eine größere Abtheilung von uns in dem Gartenhause festgesetzt habe und daß irgend Etwas im Werke sei; sonst hätte ja der Observationsposten in der Jägermütze seine gefährliche Stellung gewiß nicht so hartnäckig behaupten können!

Binnen Kurzem waren denn auch noch einige Treffer in das Gartenhaus eingeschlagen und dieses selbst total in Trümmer verwandelt.

Unsere Berechnung war richtig gewesen; das Facit stimmte. Wir hatten den Parisern eine gehörige Nase gedreht; sie hatten sich, wie wir es wollten, ihren eigenen Schlupfwinkel zerstört und Monsieur Franzmann konnte unsere Posten hinfort nicht mehr vom Gartenhause aus beunruhigen.

R. L…g.





Goethe in Straßburg. Goethe’s Aufenthalt in Straßburg gehört unstreitig zu den mannigfachen Erinnerungen, welche den Gedanken an das geraubte Elsaß im Herzen des deutschen Volkes nicht sterben ließen.

Seitdem uns der alte Goethe diese unvergeßlichen Tage seines reichen Jugendlebens mit all ihrem Sonnenglanz und Frühlingsduft zu schildern wußte, blieben auch die Augen der Nation auf jene traulichen Stätten des verlorenen Landes gerichtet, wo einst der Fuß ihres Dichters geweilt, wo er denkwürdige Eindrücke empfangen und als ein Zwanzigjähriger schon den Zauber seines Genius und das rastlose Aufstreben eines machtvollen Entwicklungsdranges bekundet hat. Wer kennt Goethe und hat nicht von seinem vielseitigen Bildungsstreben, seinen Münster- und Shakespearestudien in Straßburg, sowie von der Knüpfung des Freundschaftsbundes mit Herder gehört? Wo ist ein gebildeter, der Dichtung nahestehender Kreis, in dem man nicht gern an die bewegte Tischgesellschaft in der Straßburger Krämergasse, an Salzmann und Stilling, an Lenz und Lerse, an die poetischen Spritzfahrten der fröhlichen Genossen, an das liebliche Sesenheimer Idyll und die blauen Augen und blonden Haarzöpfe der lieblichsten aller elsässischen Pfarrertöchter denkt?

Wenn aber alle diese Personen und Vorgänge, diese Beziehungen und Oertlichkeiten seit länger als fünfzig Jahren bei uns mit einer Lebhaftigkeit erörtert und besprochen, erforscht und dargestellt wurden, als handle es sich um Ereignisse des gestrigen Tages, so lag doch der Grund dieser Vorliebe nicht allein in dem biographischen Interesse und nicht blos in dem poetischen Reize des Gegenstandes. Für Unzählige hatte es vielmehr auch etwas Anheimelndes, sich mit einer Zeit zu beschäftigen, in der die politische Abtrennung jener deutschen Landstriche noch keineswegs zu einer nationalen Entfremdung ausgeartet und das geistige Band zwischen dem Elsaß und Deutschland noch nicht durch planmäßige Machinationen gelockert und zerrissen war. Wie durchaus deutsch diese Bevölkerung vor nunmehr hundert Jahren noch gewesen ist, wird uns weniger in direkten Bemerkungen Goethe’s, als durch die ganze Lebensatmosphäre gezeigt, in welcher der junge Frankfurter sich dort bewegte und heimisch fühlte, als ob er zu Hause sei. Allerdings sieht sich sein reiner und kräftiger Sinn hie und da schon durch die beginnende Nachäffung französischer Sitten und Trachten verletzt, aber aus der Denkungsart der Menschen, aus dem Innersten der Herzen und Häuser gähnte ihn noch nicht die abstoßende Armseligkeit eines lügenhaften Zwitterwesens an.

Das ist seitdem anders geworden, und deutsche Treue und Anhänglichkeit strecken jetzt dort einem uns feindselig abgewendeten, einem zum großen Theile verwälschten und verfälschten Volksthume die brüderliche Hand entgegen. Aus den früher so kerndeutschen Bewohnern des Elsaß hat sich ein Geschlecht herausgebildet, das seit Jahren in der ebenso verzweifelten als erfolglosen Anstrengung begriffen ist, seine nationalen Erinnerungen zu vergessen und seinen nationalen Charakter abzustreifen wie ein altes Kleid, das in Art und Sitte nicht deutsch bleiben will und französisch doch nicht werden konnte, in dem der Sinn wider die Natur, die Natur sich wider den Sinn empört. Wird es möglich sein, einen solchen Zwiespalt, eine so verderblich wirkende Entartung des Stammgefühls zu heilen und die Elsässer zu gesunder und glücklicher Entfaltung ihrer Eigenthümlichkeit wieder auf sich selbst zu stellen? Wir hoffen es, wenn wir bedenken, daß im Grunde ja nur ein kurzer Zeitraum zwischen heute und jenen Tagen liegt, wo Straßburg noch eine deutsche Hochschule von Bedeutung und eine hervorragende Stätte deutscher Bildung war, wo junge und ältere Männer noch aus allen Gegenden unseres Vaterlandes nach Straßburg zogen, um dort ihr Wissen zu erweitern und ihre geistigen und geselligen Anregungen zu suchen. Hat uns also ein Rückblick auf jene Goethe’sche Jugendepoche schon immer beschäftigt, so ist er sicher in diesem Augenblicke von so erheblichem Interesse, daß es uns zu doppelter Freude gereicht, unsere Leser auf ein speciell diesem Gegenstande gewidmetes Werkchen verweisen zu können, das erst soeben erschienen ist und den Titel führt: „Goethe zu Straßburg, ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Dichters von J. Leyser“ (Neustadt a. d. H., Gottschick-Witter’s Verlag).

Diese Arbeit Leyser’s ist nicht etwa ein flüchtiges zusammengeschriebenes Erzeugniß der Verhältnisse, sie war beim Ausbruche des Krieges schon vollendet. Was dem Verfasser in friedlichen Tagen auf wiederholten Wanderungen durch das schöne Elsaß, auf des Münsters Plattform und im stillen Dörfchen Sesenheim die Seele bewegte, das hat er den Freunden und Freundinnen unseres großen Dichters zu friedlichem Genusse darreichen wollen. Es sollte aber anders kommen, und in einem Nachtrage zu seinem Vorworte konnte er schon von einem wiedergewonnenen Elsaß sprechen, freilich auch von dem wehmütigen Eindrucke erzählen, den er empfand, als er vor Kurzem in Straßburg vergebens die Stätte suchte, wo er noch an einem sonnigen Nachmittage des vorigen Jahres im stillen Lesezimmer der Straßburger Bibliothek den handschriftlichen Nachlaß des guten Actuarius Salzmann durchblättert hatte. Alle diese Briefe, die Goethe aus Sesenheim und Frankfurt an seinen treuen Führer schrieb, alle die vergilbten Blättchen des unglücklichen Lenz, sowie der Originaldruck der Thesen bei Goethe’s Doctorpromotion sind jetzt als Asche im Winde verweht. Es ist schmerzlich; aber mögen die Blätter immerhin verloren sein, wenn auf Straßburgischem Boden nur ein Rest jenes warmen deutschen Wesens und Strebens geblieben, von denen sie durchweht und beseelt waren!

Goethe’s Selbstbiographie geht bekanntlich schweigend oder nur leise andeutend über manche wichtige Beziehungen hinweg und macht auf historische Genauigkeit der mitgetheilten Thatsachen keinen Anspruch. Eine beträchtliche Menge voll Fragen, welche sich für die Biographien aus diesen Bekenntnissen ergaben, blieben entweder als solche bestehen, oder konnten nur auf dem Wege emsigster Nachforschungen gelöst werden. So namentlich in Betreff der Straßburger Erlebnisse, über die eine ganze Literatur geschrieben wurde. Leyser’s Buch hat nun das Verdienst, alle diese zerstreuten Ermittelungen zu einem lebens- und eindrucksvollen Gesammtgebilde verarbeitet, sie zugleich aber hin und wieder auf Grund eigener Forschungen berichtigt und auch neue Aufschlüsse von wesentlichem Interesse hinzugethan zu haben. Möchte es auch im Elsaß zahlreiche Leser finden!

A. Fr.






Graf Moltke als Lieutenant. Die Jugend des berühmten Mannes fiel in jene lange Friedenszeit, die für einen Lieutenant wie ein undurchdringlicher Vorhang alle Aussichten auf Ruhm und Avancement verhüllte. Der elegante, feine, schlanke Gardeofficier, ausgestattet mit dem herkömmlichen Hochmuth eines solchen, war in dem töchterreichen Geheimerathsviertel von Berlin eine sehr beliebte Erscheinung, aber Moltke blieb kalt und schweigsam bei allen Versuchen sein Herz zu erobern, da er wohl wußte, wie wenig seine Lieutenantsgage ausreichen würde, um die zarten unhäuslichen Damen in den Hafen der Ehe zu führen. Um sich gegen sie und gegen sich selbst zu waffnen, hatte er eine satirische Haltung in der Gesellschaft angenommen und ließ nicht leicht eine Gelegenheit vorübergehen, wo er eine Neckerei anbringen konnte.

So war er einmal bei einem Abendessen gegenwärtig, bei dem eine der Töchter des Hauses ihre Kochkunst zeigen wollte. Sie brachte eine ganz appetitlich und stattlich aussehende Sülze auf den Tisch und schnitt sie mit ersichtlicher Mühe in Stücke, die sie dann stolz herumreichte; aber jeder Gast legte entsetzt die Gabel wieder aus der Hand und ließ die Speise unberührt aus dem Teller liegen. Der Grund ward alsbald entdeckt: es war ein sehr kalter Winter und die Sülze war in Folge dessen steinhart gefroren! Alles lachte. Vierzehn Tage später führte der Weihnachtsabend dieselbe Gesellschaft wieder zusammen. Lieutenant von Moltke überreichte schalkhaft der betreffenden jungen Dame eine große Düte mit Zuckerwerk – sie greift erfreut hinein und findet zu ihrem Schrecken einen kalten Stein darin, der mosaikartig glänzt. Bei näherer Besichtigung ist es das noch immer hartgefrorene Stückchen Sülze, welches er damals sorgfältig aufbewahrt hatte und nun aus Scherz wieder mitbrachte. Er hatte die Lacher auf seiner Seite, aber die jungen Damen fanden heimlich etwas Symbolisches in dem Stückchen Eis und gewöhnten sich sein Herz damit zu vergleichen. Er fand nicht als Lieutenant und nicht als Hauptmann Gelegenheit, sie eines Besseren zu überzeugen: erst als General und schon ziemlich bejahrt gelangte er dazu, sich zu verheirathen, und zwar mit einem viel jüngeren Mädchen, der Stieftochter seiner Schwester. Die liebenswürdige Frau wußte sich ganz in ihn zu finden; sie schrieb Kriegsstudien nach seinen Diktaten und ritt wie ein guter Cavallerist stundenlang an seiner Seite bei Wind und Wetter. Nach einem solchen forcirten Ritt erkrankte sie einmal an einer heftigen Erkältung und starb ganz plötzlich. Seit zwei Jahren betrauert sie der verwittwete General. Er ist gänzlich kinderlos und hat auch sonst keine näheren Verwandten, die seine Reichtümer erben könnten. Daher ist er noch immer der Gegenstand von Heirathsplänen, und Fama strebt darnach, ihm zum Lorbeer die Myrthe zu verschaffen, alle Augenblicke bringt sie Verlobungsgerüchte über ihn in Umlauf, ja sie erfand sogar das Märchen, seine Braut sei in Paris, und darum hätte er so lange mit dem Bombardement gezögert. Wir glauben, daß heute nur Bellona das Herz Moltke’s besitzt.




Kleiner Briefkasten.



Max Weil in New-Orleans. Danken freundlichst für Ihre Mittheilungen, die uns indeß nicht ganz neu waren. Die englisch-amerikanische Presse hat bereits seit Anfang August vorigen Jahres unsere Schilderungen vom Kriegsschauplatze theils wörtlich übersetzt, theils im Auszug ihren Spalten einverleibt, und wenn dabei die „New-Orleans-Times“ so ehrlich war, stets die Quelle zu nennen, so ist dies, wie Sie ganz richtig bemerken, nur der Beweis, daß das Ansehen der deutschen Presse – der französischen gegenüber – im Wachsen begriffen ist. Vor Jahresfrist hätte man es nicht der Mühe werth gehalten, deutsche Berichte in’s Englische zu übersetzen und heute schon prangen die deutschen Quellen obenan. „Sie können sich kaum denken,“ schreiben Sie weiter, „wie wohltuend dies auf ein deutsches Herz hier wirkt, namentlich nach den Ausfällen der amerikanischen Presse beim Beginn des Krieges.“ Wir meinen, die deutsche Nation wird sich drüben in Amerika in den nächsten Jahren auf friedlichem Wege nicht weniger Lorbeeren pflücken, als unsere braven Soldaten auf den Schlachtfeldern von Frankreich.

H. V. in Naumburg a. S. Auch Ihnen müssen wir die schon vielfach ausgesprochene Bitte um Separatabdrücke der in Nr. 3 unseres Blattes abgedruckten Illustration „Für die Feldpost“ abschlagen. Die Kosten derartiger Separatabdrücke sind so bedeutend, daß zur Deckung derselben bei dem angegebenen Preise des Exemplars mindestens eine Bestellung von fünf- bis sechshundert Exemplaren nöthig würde.

R. I. in Kl. Wie Sie aus der heutigen Nummer ersehen, hat sich Fr. Gerstäcker glücklich eingefunden, und unsere neuliche Voraussage, daß seine Berichte vom Kriegsschauplatz für uns schon unterwegs seien, hat sich als richtig erwiesen. Dagegen hat F. Hofmann in Folge der Beunruhigung der Gegend um Orleans und Nanzig durch Franctireurs mancherlei Hemmnisse auf seiner Reise zu bestehen gehabt, die ihm, wie er uns schreibt, für den Augenblick sowohl das Arbeiten wie die Zurückkehr unmöglich machen. Doch wird er das Versäumte demnächst nachholen.

Dem jungen Thüringer Bauer bei Sömmerda zur Nachricht, daß wir zwar seine Gedichte nicht abdrucken, uns aber über seinen Brief und die ganze Art seiner Mittheilungen sehr gefreut haben. Wer so klar und verständig über seinen Bildungsgang und über die Tendenzen der Gartenlaube zu schreiben vermag, ist kein „dummer Bauer“ mehr, wie Sie sich bescheiden selbst nennen.


  1. Es ist nicht selten in Mühlhausen, für unglückliche Familien, die ihre Nährer verloren, Subscriptionen zu sehen, deren Resultat sich auf dreißig- bis vierzigtausend Francs beläuft.
  2. Wir verweisen an dieser Stelle auf den nachfolgenden Artikel, der das von Fr. Gerstäcker hier nur kurz berührte Thema über den Batterienbau in eingehender Schilderung behandelt.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. gemeint ist Émile Souvestre, vgl. die Berichtigung (Die Gartenlaube 1871/9)