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Die Gartenlaube (1871)/Heft 40

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 40.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Sühne durchs Leben.

Von Gottfried Kinkel.


Eine warme Sommernacht ruhte über einer noch jungen Ansiedlung im westlichen Theil des Staates Iowa, da wo er an Minnesota stößt. Der Mond, im ersten Viertel über der Prairie untergehend, warf ein röthliches Dämmerlicht über die Gegend. Es war, was die Hinterwäldler eine Opening nennen; die Prairie drang vom Westen her in den Urwald ein und bildete zwischen dessen dunkler Umsäumung eine Bucht. Am Waldrand floß mit leisem Rauschen ein klarer tiefer Bach, und über diesem war ein Stück des Forstes ausgehauen, um das Holz für die Wohngebäude und die mächtigen Zäune zu liefern, welche die Pflanzung mit dunkeln Linien einschlossen und durchschnitten. Die Stümpfe der von der Holzaxt auf halber Manneshöhe abgeschlagenen Bäume standen bleich im Mondlicht, wie Grabsteine auf einem Kirchhof; zwischen ihnen lagen schlafend die braunen Pferde. Näher der Wohnung, auf der flachen Wiese, ruhten die Rinder, und nur leise tönte zuweilen eine Kuhglocke, wenn ein Thier im Schlaf einen kriechenden Käfer abschüttelte. Weiterhin am Waldsaume hingereiht sah man noch ein paar Blockhäuser in ihren Pferchen liegen, wo andere Ansiedler auf dem Boden sich niedergelassen hatten, den der Pflug aber erst dem Ackerbau eroberte. Die Nacht war heiter und still: aus dem tiefen Urwald kein Schlag eines Vogels, im Haus des Ansiedlers kein Licht; nur Feuerfliegen durchgaukelten den Wald, wo sein Laub gegen den Wiesenrand hin dünner wurde und ihrem Spiel Raum gab. Zuweilen rauschte ein Windstoß von der Steppe herüber und verklang ostwärts in dem unergründlichen Walde.

Jetzt aber, als eben der Mond über der silberglänzenden Grasfläche wie über einem Meere versank, scholl aus der Prairie, von dem hohen Gras gedämpft, der Hufschlag eines Pferdes. Auf einem zottigen Pony ritt ein Knabe auf die Ansiedlung zu, an allen Blockhäusern vorüber, schlug mit dem Knopf seiner Peitsche an die Fensterladen und weckte die Bewohner. Vor dem größten der Häuser sprang er vom Pferde, band den Zügel an den Pfostenring und öffnete die Thür.

Drinnen und in allen Blockhäusern den Waldsaum entlang wurde es lebendig, in den Fenstern schienen Lichter. Die Thüren öffneten sich, die Männer traten heraus in ihren warmen Röcken von Wolldecken gemacht, alle die Flinte in der Hand, in den Thüren standen die Frauen, neugierig zu hören, was es gebe.

Die Männer sammelten sich vor der größten Ansiedlung; deren Besitzer trat unter sie und sagte leise: „Aloys meldet, die Indianer kommen diese Nacht. Ritter,“ sagte er zu einem der Nachbarn, „lauf’ an alle Häuser und heiße die Frauen die Lichter löschen, damit sie nicht sehen, daß wir gewarnt sind.“

„Laß den Aloys erzählen, was er weiß,“ sprach ein Anderer.

Der Knabe, der inzwischen einen Carabiner geladen hatte, trat unter die Männer und gab Bericht.

Er war höchstens fünfzehn Jahr alt, aber in der frühen Reife, die Arbeit und Gefahr auf solch neuem Boden hervortreiben, mochte er an Thatkraft und Verstand wohl für einen Mann gelten.

Die Nachbarn schätzten ihn und vertrauten seinem Wort.

Wieder einmal war an den Grenzen der Cultur und der Steppe der Kampf zwischen Ackerbau und Jägerfreiheit entbrannt, der so alt wie die Culturwelt ist. Der Indianerstamm der Dacotahs hatte auf diesen äußersten Pflanzungen mit einem Viehdiebstahl den Anfang gemacht; auch dem Vater des Aloys waren ein paar gute canadische Pferde in die Prairie verschwunden. Aus Rache hatten einige Yankees von der drei Stunden entfernten Nachbar-Ansiedlung zwei Indianer erschossen, die friedlich und vielleicht ohne böse Hintergedanken ihre Pflanzungen betraten. Die Dacotahs übten Blutrache, und jene Pflanzung war in einer Nacht überfallen, alle Männer erschlagen, Weiber, Kinder und Vieh fortgeführt und die Blockhäuser niedergebrannt worden.

Seit dies geschehen, litt es den Aloys Nachts nicht zu Haus. Die Männer waren von der schweren heißen Tagesarbeit der Ernte zu müde, um regelmäßige Wachen aufzustellen; auch hatte man mehrere Wochen von Indianern nichts mehr gehört, es hieß, sie hätten sich nordwärts nach dem inneren Minnesota zurückgezogen; die Regierung der Vereinigten Staaten hatte zehn Stunden rückwärts von der Pflanzung einen Posten regelmäßigen Militärs aufgestellt, das schien sie zurückgescheucht zu haben. Mit der Leichtblütigkeit, die alle Menschen in stets gefährdeter Lage kennzeichnet, gab man sich wieder einer sorglosen Sicherheit hin.

Nur Aloys rastete nicht. Er war ein merkwürdiger Mensch. Schon mit sechs Jahren ritt er am liebsten allein auf seinem Pony in die Prairie hinaus, halbe Tage lang, wenn es auf den Feldern und beim Vieh nichts zu arbeiten gab. Mit der Prairie war er vertrauter als irgend ein Mann unter den Ansiedlern. Jedes Rinnsal eines Baches, jeden Busch kannte er, der als Merkzeichen eines Tümpels diente; Tagereisen weit in die Steppe hinaus wußte er, wo Wasser anzutreffen war. Als er zehn Jahre alt wurde, ritt er mit der Vogelflinte den Prairiehühnern und Wandertauben nach, die waren dann auch seine Nahrung, und oft kam [662] er erst nach mehreren Tagen mit reicher Jagdbeute in der Ansiedlung wieder an.

Sein Vater, der die jüngeren Kinder nach amerikanischer Weise als Gottessegen ansah, weil sie ihm von früh auf tapfer bei der Arbeit halfen, ließ diesem Einen Sohn die merkwürdigste Freiheit, dafür arbeitete Aloys aber auch für zwei, wenn zur Zeit des Pflügens, Säens und Einschneidens die Geschäfte sich drängten.

Die Mutter des Aloys war vor einem Jahr gestorben. Mit deren Tode kam über ihn ein neuer Geist. Ein Wanderapostel der Mäßigkeitsvereine war um jene Zeit in diese entfernten Gebiete vorgedrungen und hatte auf der Farm für eine Nacht gastliche Aufnahme nach Hinterwäldlersitte gefunden. Von diesem nahm der Knabe aus eigenem Entschluß die Medaille, die ihn zur Enthaltsamkeit von allen geistigen Getränken verpflichtete, und wenn der Vater bei der Feldarbeit den Kindern einen Whisky einschenkte oder Sonntags ein Glas guten Weines gab, verschmähte er jede Stärkung dieser Art. Man bemerkte im Dorf, daß er seit dem Tod der Mutter auch sonst einsamer und ungeselliger in Gemüth und Sitten wurde und immer länger in Wald und Steppe sich umtrieb.

Diesmal kam aber seine rastlose Jäger- und Reiternatur allen Nachbarn zum Segen. Seit der Indianergefahr war er wie von innerer Unruhe verzehrt. Jeden Abend nach dem Nachtessen lud er die Flinte frisch, bestieg sein Pferd und schweifte nach der Steppe hinaus; oft kehrte er erst gegen die Morgendämmerung zurück, aber seiner starken Natur genügten die paar Stunden Schlaf, um am Morgen wieder mit allen übrigen Hausbewohnern die Sichel oder Sense zu schwingen. Alles kannte seine Tüchtigkeit, und seine Meldung in jener Nacht: die Indianer kommen! wurde aufgenommen, als ob ein reifer Mann sie ausgesprochen hätte.

„Die Indianer kommen,“ sagte er ruhig und leise zu den lauschenden Männern. „An der Creek, drei Stunden von hier, haben sie am Abend ihr Lagerfeuer gezündet. Sie schlachteten und brieten einen Ochsen von unsern Nachbarn, und im Mondlicht malten sie ihre Gesichter mit der Kriegsfarbe.“

„Woher weißt Du das?“ fragte der Vater.

„Ich sah das Feuer fern auf der Prairie,“ antwortete Aloys. „Da ließ ich das Pferd im Gebüsch an der untern Creek zurück, kroch und watete durch’s Flußbett bis zum Lager hinauf. Ich war ihnen so nahe, ich sah den Feuerglanz in ihren Augen sich spiegeln. Hunde haben sie keine mit, sie mögen wohl fürchten, daß ihr Bellen sie verrathen könnte. Als sie aufbrachen, bin ich durch die Creek bis zum Pferd zurückgewatet; sie können keine Fährte von mir spüren, sie wissen sicher nicht, daß wir gewarnt sind, und in einer Stunde sind sie hier.“

„Du bist ein braver Bursch,“ sagte Straites, ein Anglo-Amerikaner unter den sonst deutschen Ansiedlern. „Capitain Wölfling,“ wandte er sich an des Aloys Vater, „hier stellen wir uns Euch zu Dienst, commandirt uns, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Aber wohl haben wir noch Zeit für einen kurzen Kriegsrath,“ sagte der Capitain. „Was meint Ihr Herren? Wir sind hier einundzwanzig Männer, die Buben eingerechnet, die auch ihr Gewehr zu führen wissen. Jeder hat seinen Fiveshooter, zwölf haben Bajonnete auf den Flinten, die andern haben gute Büchsen. Wie stark schätzest Du den Feind, Aloys?“

„Es sind nicht unter fünfzig und nicht über sechszig Indianer,“ sagte mit fester Bestimmtheit der Knabe.

Wäre die Nacht nicht dunkel gewesen, man hätte doch bei dieser Zahl einige Gesichter erbleichen sehen. Der Capitain aber entgegnete ruhig. „Im schlimmsten Fall also nur Drei auf Einen, und wir haben bessere Waffen und wehren uns um Weib und Kind, um unser Leben und unser wohlerworbenes Eigenthum. Also, was machen wir? Fünf Häuser und Haushaltungen sind. Sollen wir vier Mann in jedes Haus legen und aus den Fenstern schießen?“

„Unmöglich,“ sagte der Amerikaner. „Nur wenn wir zusammenwirken, können wir über die Ueberzahl siegen. Fallen sie Ein Haus an, da müssen die Anderen doch heraus, um zu helfen, und dann schießen die Indianer die Abtheilungen einzeln nieder. Wir müssen alle Häuser preisgeben bis auf Eins, in das versammeln wir alle Weiber und Kinder, und das eine vertheidigen wir.“

„Das muß Euer Haus sein, Capitain,“ sagte einer der Nachbarn, „denn es ist das festeste und hat die meisten Fenster zum Schießen.“

„Aber,“ warf der kleinere deutsche Ansiedler ein, „soll ich mein Haus abbrennen lassen und einem Anderen seines vertheidigen?“

Der Capitain erwiderte ruhig. „Was Einem zerstört wird, ersetzen wir Alle. Ist das Euch recht?“

„Recht, Capitain!“ tönte es von allen Seiten.

„Also die Frauen und Kinder schnell hierher in dies Haus,“ sagte Straites. „Und wir mit den Büchsen an die Fenster!“

„Capitain Wölfling,“ sagte Aloys, „wollt Ihr und die Männer mir gestatten, daß ich Euch eine andere Meinung sage? Ich habe mir’s überlegt auf dem Ritt hierher.“

„Sprich, Junge, wenn Du etwas Vernünftiges weißt!“

„Also,“ sagte Aloys, „es handelt sich nur um die Pferde. Die Indianer wollen die Pferde vor Allem, auch schon, damit Keiner von uns ihnen entwischen kann. Haben sie die Pferde, so hilft es uns nichts, wenn wir auch siegen, denn sie reiten uns in die Prairie hinaus und treiben auch die Kühe mit sich. Die Pferde, meine ich also, werden sie zuerst zu bekommen suchen und die Pferde müssen wir vertheidigen.“

Die Gründe des Knaben waren so schlagend, daß sie den kleinen Kriegsrath augenblicklich überzeugten. Ein beistimmendes Gemurmel sagte dies dem Capitain.

„Wir sollten,“ fuhr Aloys fort, „zwölf Pferde zäumen, satteln und festpflöcken, damit wir sie nachher verfolgen können, wenn sie fliehen. Dann möchte die Halbscheid von uns, die mit den Bajonneten, sich hinter den Pferdezaun dicht neben dem Gatter in’s Versteck legen. Durch’s Gatter werden sie eintreten wollen, um die Pferde zu fangen, dort empfängt man sie durch den Zaun mit einer Salve und stürzt durch’s Gatter mit den Bajonneten auf sie los.“

„Und die andere Halbscheid von uns?“

„Nun,“ sagte Aloys, „wenn sie beim Roßgatter im Schrecken auseinanderfliegen, so werden sie einzeln in den Wald zu entkommen suchen, wo er ihnen am nächsten ist. Da finden unsere Kugeln sie nicht mehr, sie könnten dort sich sammeln und uns am Ende noch einmal angreifen. Diesen Rückzug müssen wir ihnen abschneiden. Laßt uns die übrigen zehn Mann in drei getrennten Posten hinter dem Zaune aufstellen, der am Walde hinläuft, und wenn sie auf der Flucht ankommen, schießen wir sie dort zusammen. Halten sie aber Stand bei den Pferden, so fallen diese drei Abtheilungen ihnen in den Rücken.“

Der Knabe hatte ganz ruhig, ganz bescheiden gesprochen und trat jetzt aus dem Kreise der Männer hinter seinen Vater zurück. Dieser sagte:

„Es dünkt mich gescheidt, was Aloys meint – aber Ihr sollt entscheiden.“

„Yes, the boy is right,“ sagte Straites, „und so muß es gehen.“

„Alle elf Bajonnete also hinter den Roßhag, dicht bei dem Gatter!“ befahl der Capitain.

„Diese Abtheilung laßt mich commandiren, als Euern Lieutenant!“ verlangte der Amerikaner. „Ihr, Capitain, solltet den äußersten Posten am Walde einnehmen, wo Ihr Alles übersehen und zu rechter Zeit eingreifen könnt.“

„Also trennen wir uns!“ rief Wölfling. „Merkt, Ihr Elf: keinen Schuß, bis der Feind das Gatter fast erreicht hat und der Lieutenant Feuer commandirt. Aloys,“ fragte er leise, „wo willst Du stehen?“

„Allemal auf dem äußersten Posten, und bei Euch, Capitain.“

Die kleine Truppe vertheilte sich; die Frauen kamen weinend mit den schlaftrunkenen Kindern auf dem Arme und zogen in das große Haus ein. Die Mannschaft für die drei Posten am Walde war eingetheilt und legte sich hinter den hohen Zaun in den Hinterhalt. Elf Pferde waren gesattelt und gepflöckt, der Lieutenant schritt durch’s Gatter in den Roßhag und befahl seinen Leuten, sich hinter dem Zaune niederzulegen.

Alles dies ging schneller, als wir es erzählen konnten; auf die rasche Aufregung folgte wieder die lautlose Stille der Nacht. Im Hause des Capitains hörte man nur noch ein Kind weinen, das aus dem Schlafe geschreckt war, und den leisen Gesang der Mutter, die es auf ihrem Schooße wieder einwiegte. Auch das Kind wurde endlich still, der Gesang der Mutter verstummte – und nichts mehr hörten die Männer, als das erwartende Klopfen ihrer eigenen Herzen.

Wie lange diese Stille dauerte, hätte nachher Keiner von ihnen berichten können. Unsäglich langsam schleichen auch dem [663] Tapfern die Minuten in solcher Zeit des Abwartens, wo Leben, Familie, Habe, wo Alles, was ein Mann sein nennt, auf dem Spiele steht. Nur der Capitain versuchte auf seine Uhr zu sehen, aber obwohl draußen die Sterne so hell funkelten, daß man auf einen nahen Feind vortrefflich zielen konnte, hier im Waldesschatten war es desto dunkler, er konnte die Zeiger auf dem Zifferblatte nicht erkennen. Neben ihm hatten diesen äußersten Posten noch zwei Nachbarn. Aloys, der einen doppelläufigen Carabiner führte, lag hart bei ihm wie ein Hühnerhund auf dem Bauche und spähte durch die untersten Baumstämme der Fenz auf die Prairie hinaus. Der Capitain saß auf einem Feldsteine und hatte den Lauf der Büchse auf die Riegel gelegt.

Die Nachtstille wurde fast schauderhaft; selbst die Windstöße aus der Prairie hörten auf, als die Mitternacht langsam heranschlich.

Da schwirrte etwa fünf Minuten Wegs vor der Ansiedelung eine Kette Prairiehühner in die Luft; man hörte deutlich den scharfen knatternden Schlag ihrer Flügel.

„Da sind sie,“ flüsterte Aloys.

In diesem Moment erhob sich in dem unbestimmten Sternenlicht eine dunkle Linie aus der Prairie. Die Indianer, welche bisher herangekrochen waren, sprangen auf ihre Füße und liefen mit fast lautlosem Trott über das Gras auf das Haupthaus zu.

Jetzt mußte sich’s entscheiden. Schoß jetzt ein Mann von den Weißen zu früh, so war Alles verloren. Der Capitain faßte sein Gewehr krampfhaft; jede Secunde fürchtete er den Schuß aus dem Walde blitzen zu sehen. Aber Alles auf seiner Linie bis zum Pferdehag blieb still. Jeder Mann dachte mit Schaudern, ob jetzt die Indianer sich gegen das Haus wenden würden, das all’ ihr Lebensglück umschloß.

Aber Aloys hatte Recht gehabt. Die Indianer trabten an dem Hause, an den Kühen vorbei und liefen auf das Gatter des Pferdehags zu.

Da – „Fire!“ scholl der laute Ruf des Amerikaners. Elf Blitze schlugen aus dem dunkeln Hag. Und dann mit lautem frohem Hurrah sprangen die Gestalten der weißen Männer in das aufgerissene Gatter. Die Indianer schossen in jähem Schreck ihre Flinten los, ohne zu zielen, aber schon wütheten die Bajonnete in ihren Eingeweiden. Mit dem wilden Geheul eines verwundeten Raubthieres zerstreuten sie sich und eilten theils einzeln in die Prairie hinaus, theils dem schützenden dunkeln Walde zu. Aber gerade als sie den Zaun erreichten, der vor dem Walde die Wiese umgab, knatterte ihnen eine frische Gewehrsalve entgegen. Die dennoch den Zaun erklettern wollten, fielen von Revolverschüssen, die Anderen rannten besinnungslos der Prairie zu. Die weißen Männer auf dem Waldposten hörten die kleine Schwadron von elf Pferden aus dem Roßhag den Fliehenden in die Prairie nachstürmen. Allein in diesem Moment sah Aloys dicht am Walde eine dunkle Masse, die gegen den Posten sich bewegte, wo sein Vater und er stand.

„Zu Hülfe dem Capitain und frisch geladen!“ schrie er den Männern zu, die schon in Siegesfreude sich wiegten. Er selbst hatte seine Revolverschüsse gespart.

Auch die Indianer zeigten auf ihre Weise Taktik. Mit einem Dutzend seiner besten Krieger war ihr Häuptling als Reserve hinter der Linie seiner Leute geblieben, welche gegen den Roßhag vorging. Sie Alle trugen Aexte; mit ihnen wollte man das große Haus angreifen, während die Anderen das Vieh wegtrieben. Jetzt war das Alles verloren; aber noch Rache wollte der rothe Mann für die Gefallenen und wenigstens einen Skalp mitbringen aus dem unrühmlichen Gefecht. Sein scharfes Auge hatte an den Schüssen erkannt, daß auf dem letzten Posten nur wenige Männer standen; auf diese rannten jetzt die zwölf Indianer blitzschnell vor. Wie wilde Luchse übersprangen sie den Zaun, zwei der Weißen fielen unter ihren Schädelhieben, ehe sie noch die Gefahr recht erkannt, und der Häuptling wurde mit dem Capitain handgemein. Der Kampf war nicht ungleich, dieser mit dem langen Messer, jener mit dem Tomahawk. Der Indianer erhielt einen Stich in den Arm, aber er unterlief den zweiten Stoß und warf durch die Wucht seines Anpralls den weißen Mann nieder.

„Zu Hülfe dem Capitain!“ scholl zum zweiten Mal die schrille Stimme des Knaben. Er war fast am Boden liegen geblieben; jetzt sprang er auf, schoß zwei Läufe seines Revolvers ab und blendete die anderen Angreifer. Dann nahm er den Carabiner in beide Hände, schritt auf den Indianer los, der zum Todeshieb auf das Haupt des Capitains ausholte, und schmetterte ihm das Schloß des Carabiners an die linke Schläfe. Den Kolben brach ein Schlag ab; aber wie ein Ochs, den das Beil des Schlächters trifft, fiel das mächtige Mannsbild mit einem tiefen Stöhnen zu Boden. In diesem Augenblicke brachen die Männer von dem nächsten Waldposten laut rufend durch’s knackende Unterholz und Dorngestrüpp, das Bowieknife in der Hand, und die elf Reiter aus der Prairie kamen in Galopp zurückgesprengt, weil sie zu ihrer Verwunderung das Schießen in ihrem Rücken sich erneuern hörten. Die noch kampffähigen Indianer verloren den Muth: ein paar entkamen in den Wald; zwei, die über den Zaun wieder zurücksprangen, wurden von der kleinen Schwadron niedergeritten und dann mit dem Bajonnete abgethan. Der ganze Kampf war in weniger als zehn Minuten entschieden; die Reiter hielten noch eine Weile in der Prairie, auch die Posten am Waldsaum stellten sich noch einmal auf für den Fall, daß unversehens noch ein Angriff käme. Aber Alles blieb still, man hörte nur das Röcheln der Sterbenden. Der Capitain befahl der ganzen Mannschaft, sich vor dem Hause zu sammeln; die Frauen öffneten die Läden, die Reiter ritten zu ihnen und umarmten sie von den Pferden. Ein lauter Freudenschrei stieg aus allen Herzen empor.

Die Ansiedlung war gerettet. Die Weißen hatten nur auf dem äußersten Posten Einen Todten und Einen Verwundeten; dann war am Gatter des Roßhags einer der Ansiedler in das Bajonnet des andern gelaufen und hatte eine gefahrlose Fleischwunde zwischen den Fingern erhalten. Aber von den Indianern fand man fünfzehn Todte, und starke Blutspuren nach der Prairie zeugten davon, daß manche mit schweren Wunden geflüchtet waren. Bei anbrechendem Tage ritten drei Männer wohlbewaffnet zu dem Mititärposten der Vereinigten Staaten, der im Rücken der Ansiedlung lag; am Abend rückte ein Detachement regelmäßiges Militär ein, die weiter zurückliegenden Posten wurden vom Commandeur in den nächsten Tagen verstärkt, und nie wieder hat der Fuß eines feindlichen Indianers die Ansiedlung betreten. Heute, so wenige Jahre nach jener Angstnacht, ist sie zu einem blühenden und wohlhabenden Dorfe an der nordwestlichen Ecke von Iowa geworden und bildet mit Kirche, Schul- und Gerichtshaus und einigen Kaufläden ein kleines Culturcentrum für die Ansiedler, welche, von ihr im Rücken gedeckt und mit der Welt vermittelt, jetzt schon meilenweit hinaus in die Prairie den Pflug geführt und die Sense geschwungen haben.


Vierzehn Jahre vor diesen Ereignissen war Wölfling in die Gegend eingewandert. Zu jener Zeit war Alles umher noch unvermessenes Wald- und Prairieland; er hatte jene Opening sich ausgewählt und sich als Squatter daselbst niedergelassen. Damals brachte er aus Deutschland eine Frau und den Aloys mit, der noch an der Brust lag. Seine bürgerliche Stellung war ohne Makel; er hatte klein angefangen und hart gearbeitet, aber der Boden war gut und zehn Jahre hatte er Mais bauen können, ohne zu düngen. Dann begann er Weizen zu säen und zu verkaufen. Gute Pferde von der ausdauernden canadischen Race züchtete er mehr, als für seine Farm nöthig war; sie wurden von neuen, meist deutschen Ansiedlern gern gekauft, die in seiner Nähe sich niederließen. Der Hausstand vermehrte sich in Amerika noch um vier Kinder; das älteste nach Aloys war ein Mädchen, das trotz seiner Jugend nach dem Tode der Mutter die Sorge für die einfache Haushaltung und für die kleinen Kinder verständig in die Hand nahm. Man wußte, daß Conrad Wölfling aus dem Rheinlande und zwar von der Ahr abstammte; soviel konnten seine deutschen Nachbarn allenfalls aus seinem Dialekt schließen. Sonst wußte man nichts von seiner Vergangenheit, er war ein stiller und besonnener Mann und redete über das, was hinter ihm lag, wenig. Daß er in der preußischen Armee gedient, verrieth seine stramme soldatische Haltung; deshalb und weil sie ihn achteten, hatten seine Nachbarn ihn zum Capitain für ihre freiwillige Bewaffnung gewählt. Jeder der neuen Ansiedler war ihm zu Dank verpflichtet: dem einen hatte er sein Blockhaus aufsetzen helfen, dem andern Saatkorn vorgeschossen, dem dritten auf sein ehrliches Gesicht Milchkühe und Fohlen auf Credit verkauft. Auch die Frau, so lange sie lebte, war Allen freundlich gewesen und hatte tapfer zum Wohlstand des Hauses mitgewirkt. Als sie starb, galt ihr Mann für einen der angesehensten und reichsten Farmer an der Westgrenze des Staates.

[664] Inzwischen gingen die Jahre in’s Land, der Indianer war seit jener Blutnacht verschwunden, und wie die Cultur nach dem Westen vorrückte, hatte die Regierung der Vereinigten Staaten die Gegend vermessen lassen und das Land zum Verkauf ausgeboten. Conrad Wölfling bediente sich seines Anspruchs auf den Vorkauf, den das Gesetz in Nordamerika jedem Squatter giebt; er kaufte mit baarem Geld das von ihm besetzte Land von der Regierung und besaß nun ein Grundstück zu eigen, das in Deutschland ein Rittergut repräsentirt hätte. Sein und der Nachbarn Land wurde zu einer Gemeinde, einer Township der Vereinigten Staaten erklärt, und es galt nun, auf demokratischem Wege und nach allgemeinem Stimmrecht Personen in die bürgerlichen Aemter zu wählen.

Das geehrteste und einflußreichste dieser bürgerlichen Aemter ist das des Friedensrichters. Er ist der Hauptrepräsentant des Staates in den neuen Ansiedelungen; er kann durch freundlichen Beirath viel Unglück und Streit abwenden; er traut, wo noch kein Priester ist, die jungen Paare, und wo ein neuer Ankömmling Rath und gute Sitten der Nachbarn braucht, geht er zuerst zum Friedensrichter. Niemand in der Ansiedelung war darüber zweifelhaft, daß Conrad Wölfling das Amt des Friedensrichters erhalten müsse. Um diese Zeit aber trat in der ganzen amerikanischen Union die Spaltung über die Sclavenfrage hervor. Es handelte sich um die erste Wahl Abraham Lincoln’s.

Bis in diese entfernten Grenzgegenden hinein spalteten sich die Bürger der großen Republik. Wölfling, wie die meisten im Unmuth vom Vaterland geschiedenen Deutschen, war gegen die Sclavenpartei und ging für Lincoln. In einer benachbarten Ansiedelung aber, welche zu derselben Township gehörte und den Friedensrichter mit zu wählen hatte, herrschte die Partei der Sclavenhalter vor. Die geographischen Verhältnisse machten sich geltend. Die entfernten Ansiedelungen trieben den Des Moines-Fluß hinunter Handel mit dem Mississippi. Ein reicher Schweinezüchter, auch vom Rhein gebürtig, hatte ein großes Geschäft in gepökeltem Schweinefleisch angefangen, das er in Fässern den großen Fluß hinunter den Sclavenbaronen zur Fütterung der Neger auf den Pflanzungen zusandte. Mit mehreren der reichsten Plantagenbesitzer stand er so in Verbindung, und gar nicht ohne Ursache fürchtete er, wenn der Süden ruinirt würde, möchten drunten in Arkansas keine Neger als Consumenten seines Schweinefleisches mehr übrig bleiben. Aus reinem Geschäftsinteresse war er demnach ein wüthender Anhänger der Sclaverei, und unter der Devise: „Erhaltung der Union durch Erhaltung der Sclaverei“, trat er in seiner Gemeinde für die Wahl von Jefferson Davis auf. Seine Anhänger in der Township ernannten ihn zum Candidaten für die Friedensrichterstelle, und der Wahlkampf zwischen ihm und Capitain Wölfling erregte die Gemüther des jungen Districts, weil man die Entscheidung als eine Vorbedeutung für die Wahl der beiden Präsidentschaftscandidaten ansah.

Der Kampf zwischen den beiden Bewerbern um den Ehrensitz im Friedensgericht hatte zugleich einen persönlichen Charakter. Man wußte, daß der Schweinezüchter aus einer Gegend ganz nahe der Heimath Conrad’s herstammte. Er war ein paar Jahre später als dieser nach Amerika eingewandert, und er hätte dem Nachbar viel aus der Heimath erzählen können. Aber Conrad, sonst gegen alle neuanziehende Nachbarn, Deutsche wie Amerikaner, freundlich und zuvorkommend, war diesem eher aus dem Wege gegangen, als scheute er an seine Vergangenheit erinnert zu werden. Die beiden Männer, beide in ihren Kreisen die geachtetsten und einflußreichsten, hatten wenigstens in Amerika sich nie von Aug’ zu Aug’ gesehen. Conrad’s Anhänger in seiner Ansiedelung waren von der Richtigkeit und Ehrlichkeit ihrer Opposition gegen die Sclaverei so treulich überzeugt, daß sie eine Verständigung mit der Gegenpartei für möglich hielten. Sie luden demnach die Nachbargemeinde zu einem Wahl-Meeting ein, das in dem Schulsaal ihrer Niederlassung zusammenberufen wurde.

Die Nachbarn erschienen, und in englischen und deutschen Reden, mit mehr und weniger Geschick, mit mehr und weniger Ideal oder Egoismus wurde die Frage durchgesprochen, welche als Gegensatz von Capital und Arbeit, Grundbesitz und Frohndienst, Despotie und Freiheit in unserm Jahrhundert die Lebensfrage aller gebildeten Völker geworden ist.

Ueber diese theoretische Frage kam es zu keiner Einigung. Man mußte die Personalfrage berühren. Straites, den wir als Capitain Wölfling’s tapferen Lieutenant aus jener Schreckensnacht kennen, hob in englischer Rede die Verdienste des Letzteren hervor: man wisse, wie freundlich und leutselig er sei, was einem Friedensrichter am besten anstehe, und wie er Andere immer bereitwillig unterstützt und oft schon, auch ohne amtliche Stellung, den Nachbarn zu Frieden und Eintracht geholfen habe. Auch seiner Uneigennützigkeit und Tapferkeit bei dem Indianerangriff wurde gedacht, und seines kühnen Aloys neben ihm in Ehren Erwähnung gethan. „Vom Schweinezüchter aber,“ fuhr der Redner fort, „ja, was wisse man von Dem, als daß er ein wohlhabender Mann sei und das Seine gut zu Rath halte, aber um die Nachbarn habe er sich nie besonders gekümmert, und wenn sein Schweinefleisch im Norden der Union bessern Absatz finde als unten am Mississippi, so würde er ebenso tapfer, wie heute für die Sclavenbarone, für die Abolitionisten einstehen.“

Dieser Hieb traf, und der reiche Fleischhändler empfand, daß er traf. Straites brachte nun in bester Form den Antrag, daß diese Versammlung den Capitain der freiwilligen Miliz in der Township, Conrad Wölfling, als eine geeignete und tüchtige Person erkenne für das Amt eines Friedensrichters, und daß man sich verpflichte, ihm bei der bevorstehenden Wahl die Stimmen zu geben. Der Beifall, womit dieser Antrag entgegengenommen wurde, zeigte dem Gegencandidaten, daß seine Sache verloren sei, wenn er keinen starken Gegenschlag führte. Er bestieg die Rednerbühne und sprach in gebrochenem Englisch wie folgt:

„Männer und Mitbürger! Wer über Recht und Eigenthum amerikanischer Bürger als Richter entscheiden soll, der muß, meine ich, ein unbescholtener und friedlicher Mann sein, der nicht selber dem Gesetz verfallen ist. Ob ich das bin, mögt Ihr entscheiden; mich aber dünkt, ein jeder Bürger sei ehrenwerth, der fleißig zu seinem eigenen Gut sieht, dafern er dabei daß Recht seines Nachbars nicht schädigt. Das, hoffe ich, ist mein Fall. Aber Eins könnt Ihr nicht leugnen: Ein Mann soll nicht in Amerika mit den Händen den Richterstab führen, mit denen er daheim in Deutschland, wie mein Gegencandidat, dort Mister Wölfling, eines Menschen Blut vergossen hat.“

Ein ungeheurer Tumult durchlief bei diesem Wort die zahlreiche Versammlung. „Hört, hört!“ riefen die Anhänger des Fleischhändlers. Aber die Freunde Conrad’s drangen in wilder Wuth gegen den Sprecher, um ihn von der Rednerbühne herabzureißen, und wohl hundert Stimmen riefen: „Das lügt er!“

Der Capitain stand todtenbleich, und Aloys unterstützte ihn.

„Hört mich,“ rief der Sprecher jetzt mit lauter Stimme von der Tribüne herab. Ihr sagt, ich lüge. Gut, geht vor die rechte Schmiede, fragt Den, der es am besten wissen kann. Fragt den Capitain selber. Ihr sagt, er ist ein ehrlicher Mann, ich halte ihn dafür wie Ihr. Laßt ihn sprechen: kann er auf seine Mannesehre versichern, daß kein Menschenblut an seinen Händen klebt, so will ich ihm abbitten, was ich gesagt habe, und will ihm selber meine Stimme geben zum Friedensrichter!“

Alle Augen wandten sich auf den Capitain.

(Fortsetzung folgt.)


Der Heerwurm.
Zur Enthüllung eines heimischen Waldschreckens.

Unsere Leser haben den „Heerwurm im Salon der Gartenlaube“ entstehen sehen und wissen aus der Nr. 34 unseres Blattes, daß derselbe, weiter nichts, als die zusammenhängende Masse von Larven eines armseligen Mückleins ist, die nach einem Ziele vorwärts kriechen. Wir dürfen uns deshalb wohl gleich zur Geschichte dieser Erscheinung wenden.

Sie ist nicht sehr alt, die Geschichte des Heerwurms, noch nicht volle zweihundertsiebenzig Jahre, aber ihre Sagenzeit hat sie doch und der Aberglaube hat eine große Rolle in ihr gespielt, bis es endlich der Naturforschung gelang, mit ihrem Lichte auch dieser Gruseligkeit ein Ende zu machen.

Ein Wunder war es eben nicht, wenn der Heerwurm gerade

[665]

Der Heerwurm.
Nach der Natur gezeichnet von Emil Schmidt.

[666] zu der Zeit, wo er zuerst beobachtet oder wo wenigstens zum ersten Male über ihn berichtet wurde, zur Zeit des blühendsten Teufels-, Gespenster- und Hexenglaubens, gleich bei Beginn des siebenzehnten Jahrhunderts, einen Schrecken durch den ganzen Wald verbreitete, in welchem er sich sehen ließ. Die Art der Erscheinung selbst trug allerdings dazu ganz besonders bei. Das einzig in seiner Art dastehende geheimnißvolle, widerlich schlangenähnliche, geräuschlose und langsam gemessene, aber unaufhaltsame Dahinschleichen der Heerwurmszüge im Waldesdunkel zur Abendzeit, während der Nacht oder in der Morgenfrühe und das allmähliche spurlose Verschwinden unter der Laub- oder Nadeldecke des Bodens konnte selbst für weniger befangene Blicke eine unheimliche und für zaghafte Gemüther grauenvolle, gefürchtete Erscheinung sein, an die dann der Aberglaube seine Vorbedeutungen mehr schlimmer als guter Art knüpfte. In seiner bald ein-, bald mehrköpfigen Gestalt hielt man den Heerwurm für ein Mittelding zwischen Wurm und Drache und belegte ihn mit den Namen Heerschlange, Kriegsschlange, Kriegswurm, Wurmdrache, Drachenschlange, Schlangenwurm etc. im Thüringerwalde, im Harze, wie im Riesengebirge. Den Bewohnern der letzteren beiden war er ein Vorbote schlechter Ernte, wenn er bergan zog – daher von den Harzern auch vorzugsweise Hungerwurm genannt – gesegneter aber, wenn er thalwärts kroch. Den Thüringerwäldlern verkündete er Krieg im Bergaufziehen, Frieden im Abwärtsziehen, doch wurde er im Allgemeinen mehr als Vorbote des Krieges gefürchtet, denn als Friedensbote begrüßt. Und, nicht blos für die Geschicke ganzer Länder und Völker wurde demselben prophetische Bedeutung beigelegt, sondern selbst einzelne Personen glaubten ihr kommendes Geschick von ihm erfahren zu können. Männer und Frauen in Thüringen warfen gleich den Bewohnern Schwedens und Norwegens ihre Gewänder – Jacken oder Schürzen – der Heerschlange in den Weg, auf daß sie darüber hinwegkröche, und erachteten dies, wenn es geschah, für ein glückverheißendes Zeichen. Kinderlosen Frauen bedeutete es den gewünschten Ehesegen und den Hoffenden eine leichte und glückliche Entbindung.

Die Goralen des Tatragebirges im Nordwesten der Karpathen, wo der Heerwurm in neuerer Zeit mehrfältig, aber fast ausschließlich nur in Nadelholzbeständen beobachtet ist, halten denselben für das Vorzeichen einer gesegneten Ernte. Die Landleute sammeln und trocknen ihn, lassen ihn in der Kirche weihen und streuen ihn in Scheunen, Ställen, Zimmern, Feldern etc. aus, da sie glauben, Brod und Glück halte sich an einem solchen Orte. Sie prophezeien auch für Polen Fruchtbarkeit, wenn der Heerwurm bergab gegen Norden zieht, für Ungarn aber, wenn er bergauf in südlicher Richtung gegen die ungarische Seite gleitet. Diese Bedeutung verdankt der Heerwurm der folgenden Sage. Als Polen noch ungetheilt war, ging ein Weib während einer Hungersnoth nach Ungarn, um dort Brod zu kaufen. Unverrichteter Sache heimkehrend, fand sie in der Tatra einen ziehenden Heerwurm und nahm ihn in einem Tuche mit sich. Zu Hause angelangt, warf sie den ausgehungerten Kindern den Geldsack vor die Füße und vertröstete sie, es werden gute Jahre wiederkehren, denn der Heerwurm ziehe nach Polen. Seitdem gilt der Heerwurm als Prophet von Geschlecht zu Geschlecht, und Niemand vertilgt ihn, da man weiß, daß er keinen Schaden anrichtet. In der Babia-Gora, einem Zweige der Karpathen, betrachtet man den Heerwurm als ein Vorzeichen fruchtbarer Jahre, wenn er bergan zieht, von Mißjahren hingegen, wenn er von Berg zu Thal wandert. Die Hirten nennen ihn Zyr; wer ihn findet, bringt ihn in einen neuen Topf und stellt diesen zwischen die Schafe, auf daß sie gedeihen.

Aus dieser Finsterniß des Aberglaubens bis zur vollen Klarheit der Einsicht in den Verlauf des Insectenlebens, von welchem der Heerwurm der interessanteste Theil ist, führte ein so langsam aufsteigender Pfad mit so vielen Hindernissen, daß erst vor zwei Jahren der letzte Zweifel darüber gelöst werden konnte. Die erste gedruckte Nachricht über den Heerwurm gab Caspar Schwenkfelt zu Liegnitz im Jahre 1603 in seinem jetzt sehr seltenen „Thiergarten Schlesiens“. Schwenkfelt nannte die ihn bildenden Maden oder Larven von ihrer einigermaßen an die kleinen weißen, unter dem Namen Ascariden bekannten menschlichen Eingeweidewürmer erinnernden Gestalt ascarides militares und hielt sie für wirkliche Würmer, „die zur Sommerzeit gleichsam wie Ketten zusammenhängend kröchen, wie wenn sie ein Heer bildeten“.

Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts erwähnt M. Christian Junker, Rector der Schule zu Schleusingen, in einer Beschreibung der Grafschaft Henneberg den Heerwurm als eine sonderliche Art Waldwürmer, die der Oberförster Hans Christoph Ludwig zu Ilmenau in seinen Forsten beobachtet habe. Er sei drei Finger breit, ineinandergeschlungen wie Weiberzöpfe, und man sage, daß er ganze Berge einnehme zu fünfzehn bis zwanzig Klaftern (fünfundvierzig bis sechszig Ellen) lang.

In einigen Theilen von Deutschland, zumal am Thüringer Walde und am Harz war diese Erscheinung dem Volke schon lange genug bekannt gewesen und hatte, verschiedene Beurtheilung erfahrend, auch die Aufmerksamkeit der Fachleute auf sich gezogen, bis endlich der Professor Dr. Nowicki zu Krakau den Heerwurm in den Karpathen beim Dorfe Kopaling beobachtete, aus seinen Larven die Mücke züchtete und in ihr eine bis dahin noch nicht beschriebene Art erkannte, der Thomas-Trauermücke in ihrem schwarzen Kleide mit gelber Seitenstrieme jederseits am Leibe des Weibchens zwar ähnlich, aber doch durch ganz charakteristische Merkmale und insbesondere auch durch geringere Größe davon verschieden, die er Sciara militaris genannt hat. Diese, sowie gleichzeitige Beobachtungen auf dem Harz berechtigen nunmehr zu der endgültigen Annahme, daß alle Heerwürmer nur von Larven der Sciara militaris gebildet werden.

Die vielbewunderten Heerwurmsprocessionen geschehen in folgender Weise: die nicht ganz einen halben Zoll langen, schlanken, weißlichen, glasglänzenden, wässerig durchscheinenden, fußlosen Maden mit schwarzbraun erscheinendem Inhalte des den Körper fast seiner ganzen Länge nach durchziehenden Darmes und mit glänzend schwarzem kleinen Kopfe kriechen neben-, über- und hintereinander genau nach derselben Richtung hin und bilden, durch die klebrige Beschaffenheit ihres Körpers zusammengehalten, einen bald breiteren, bald schmaleren, bis zu dreißig Fuß und darüber langen, seilähnlichen oder schlangenförmigen, meist aus tausenden von Individuen zusammengesetzten, innig vereinten Zug, der gewöhnlich vorne am breitesten ist, sich nach hinten allmählich verschmälert und schließlich nur noch von einzelnen bindfadenartig hintereinander herziehenden Larven formirt wird. Die emsige Bewegung aller der eng aneinander geschlossenen Larven nach demselben Ziele hin läßt die Procession als ein einziges, in sich abgeschlossenes Individuum erscheinen, und die durch die glänzenden schwarzen Köpfe und den schwarzbraun durchscheinenden Darminhalt hervorgerufene bräunlichgraue Färbung des Ganzen erinnert einigermaßen an eine Kreuzotter.

Mitunter und namentlich bei einem im Wege stehenden Hindernisse theilt sich das vordere, den Kopf des Wurmes darstellende Ende in zwei oder mehrere Stränge, die sich gelegentlich wieder vereinigen. Die Wanderung, die, wie bereits bemerkt, in der Regel zur Abendzeit und die Nacht hindurch bis zum Morgen geschieht, ist nicht, wie man lange gefabelt hat, an eine bestimmte Richtung – von Süd nach Nord – gebunden, sondern folgt den verschiedensten Himmelsgegenden. Durch starken, den Boden anfeuchtenden Thau oder durch Regen wird die Fortbewegung der Larven begünstigt oder ermöglicht und deshalb bewegen sich die Züge, deren in der Regel mehrere oder viele in der Nähe bei einander gefunden werden, an regnigen Tagen auch wohl bis zum Mittage und länger auf dem Boden umher; dann verschwinden sie wieder spurlos für längere oder kürzere Zeit unter der Laub-, Nadel- oder Moosdecke des Waldes. Sonnenschein vertragen die Larven nicht und schon helleres Tageslicht ist ihnen zuwider.

Wird ihr Zug unterbrochen, so suchen sie sich immer wieder möglichst rasch zu einem solchen zu vereinigen. Eine Thüringerwäldlerin sah einst am frühen Morgen den Heerwurm als eine entsetzlich lange Schlange quer über die Straße kriechen, deren Breite nicht hinreichte, daß man Kopf und Schwanz der Schlange hätte sehen können. Die Frau faßte sich ein Herz und zertrat die Schlange an mehreren Stellen, allein zu ihrem großen Schreck wuchs dieselbe bald wieder zusammen. Da gerieth die Frau plötzlich in Furcht und Angst, sie ergriff die Flucht und betrat denselben Weg lange nicht wieder, denn, meinte sie, eine zertretene Schlange, die so schnell wieder zusammenwachse, was nicht mit rechten Dingen zugehe, könne Unglück bringen über Menschen und über Vieh.

Was nun den Zweck dieser regelmäßigen Wanderungen betrifft, so meinte man früher, die Veranlassung dazu sei, einen in Verwesung begriffenen thierischen Leichnam oder Mist von Wild und [667] anderem Vieh zur Nahrung aufzusuchen. Erst 1867 ist ermittelt worden, daß sich die Heerwurmslarven im Laubholzwalde ausschließlich oder doch vorzugsweise von der auf der Erde liegenden Laubschicht in der Weise nähren, daß sie das Zellengewebe mit mehr oder weniger vollständiger Verschonung sämmtlicher, auch der kleinsten und zartesten Rippen und Adern, verzehren, so daß ein mehr oder weniger vollständig über das ganze Blatt hin sich erstreckendes Skelet entsteht, und dies rechtfertigt nunmehr die Annahme, daß die Züge der Heerwurmslarven keinen anderen Zweck haben, als den, eine neue passende Fraßstelle aufzusuchen. Betrachten wir aufmerksamer die Laubdecke des Waldbodens, so finden wir, daß dieselbe im Frühjahr und Sommer niemals mehr eine so gleichförmige ist, wie der herbstliche Blätterabfall bei ruhiger Luft sie bildete; denn Wind und Stürme bleiben nicht aus und vertreiben das auf den Boden herabgefallene Laub von manchen Stellen vollständig, von anderen größtenteils, um es in Gräben, in Vertiefungen oder auf sonstigen geschützten Räumen hoch und höher anzuhäufen. Sodann wissen wir aber auch, daß die Feuchtigkeit oder Frische des Bodens und der darüber lagernden Laubdecke eine sehr verschiedene ist je nach der Gebirgsformation, nach der Geschlossenheit des Holzbestandes, nach der Himmelsgegend, wohin im Gebirge der Abhang sich senkt, nach dem Vorhandensein von Quellen und Bächen in der Nähe etc. Da nun, wie jetzt als unzweifelhaft erkannt ist, die untere, schon mehr oder weniger in Verwesung begriffene Lage einer mehrere Zoll hohen, nicht zu trockenen Laubschicht, in welcher aber keine Schimmelbildung eingetreten sein darf,

Der Heerwurm als a. Larve. b. Puppe. c. Weibliche Heerwurmfliege. d. Natürliche Größe derselben. e. Hinterleibende des Männchens. f. Ein vergrößerter Theil des Fühlers.

die naturgemäße Nahrung der Heerwurmslarven im Laubholzwalde liefert, so ist es begreiflich, daß jene Larven, welche bei ihrem massenhaften Zusammenleben und der großen Gefräßigkeit, die ihnen wie fast allen anderen Insectenlarven eigen ist, einer großen Menge Laub zur Ernährung bedürfen, gleich den Raupen des Processionspinners nach neuen Weideplätzen ausziehen müssen, sobald sie an einer Stelle die ihnen zusagende Nahrung aufgezehrt haben. Dabei scheinen jedoch Witterungsverhältnisse in der Weise eine nicht unwichtige und vielleicht die hauptsächlichste Rolle zu spielen, daß die Larven auch dann eine andere, mehr oder weniger entfernt liegende Fraßstelle aufzusuchen sich veranlaßt fühlen, wenn anhaltende Dürre die Laubschicht, unter der sie leben, zu sehr austrocknet oder ungewöhnlich viel Regen dieselbe zu naß und den Aufenthalt unter derselben unangenehm macht. In letzterem Falle kommen sie in der Regel auf die Oberfläche und zehren von den obersten erweichten Blättern, verkriechen sich aber wieder unter die Laubdecke, sobald diese obenher zu trocken werden.

Die wunderbaren Processionen beginnen vielleicht schon, wenn die Larven noch ganz klein sind und möglicherweise unter Umständen gleich nach dem Ausschlüpfen aus dem Eie, wenigstens haben die Harzer Beobachtungen des Sommers 1868 ergeben, daß den Larven die Tendenz zur Bildung von Zügen gleich von der Geburt an beiwohne. Denn am 22. Mai jenes Jahres unterhalb der Laubschicht aufgesuchte, wenig über eine halbe Linie lange Lärvchen, die auf ein feuchtes Buchenstreulaubblatt gesetzt wurden, begannen daselbst allsobald Umherzuziehen gleich den erwachsenen Larven. Bemerkt im Walde sind die Züge innerhalb Deutschlands seither immer erst von den letzten Tagen des Juni an bis zu der in der Regel im Monat August eintretenden Verpuppung, welche letztere unterhalb der Laubschicht des Waldes, gern in den von Mäusen herrührenden Gängen oder sonstigen Höhlungen, geschieht. Die Puppen liegen in größeren oder kleineren, meist lang gedehnten Häufchen ohne ein eigentliches Gespinnst beisammen und werden nur ganz locker durch einzelne feine, spinnewebartige Fäden, sowie auch die am Hintertheile hängengebliebenen, zusammengeschrumpften, braungewordenen, fettglänzenden Larvenbälge und die grobkörnigen braunen Darmausleerungen, deren sich die Larven vor der Verpuppung entledigten, unter einander verbunden.

Nach acht bis zehn oder zwölf Tagen geht aus der anderthalb bis zweieinhalb Linien langen, anfangs milchweißen, später bräunlichgelben und zuletzt im vorderen Theile, so weit die Flügelscheiden reichen, schwärzlich gefärbten, bei den weiblichen Individuen längs des Hinterleibes und der Mittellinie des Unterleibes mit je einer Reihe citronengelber Flecken versehenen Puppe das fertige Insect hervor, die kleine, wenig über zwei Linien lange Trauermücke, welche sehr träge ist und sich mehr auf ein Umherkriechen beschränkt, als mit Fliegen befaßt. Ihre Thätigkeit ist lediglich auf Erhaltung der Art gerichtet und im Walde kommt die Mücke häufig gar nicht unter der Laubdecke weg zum Vorschein, legt vielmehr an der Stelle, wo sie der Puppenhülle entschlüpfte, ihre Eier ab und stirbt dabei oder unmittelbar nachher, nachdem sie ihr Leben höchstens auf drei Tage gebracht hat. Die etwa hundert Eier eines jeden Weibchens bilden einen rundlichen Haufen, sind sehr klein, fünfzehn bis zwanzig zusammengenommen von der Größe eines Mohnkornes, etwas länglich, ellipsoidisch, durchscheinend, glänzend und nach dem Ablegen zuerst milchweiß, färben sich aber innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Stunden bräunlich und überwintern unter der Laub- oder Nadeldecke des Waldes. Die aus denselben im nächsten Jahre und zwar in der Regel wohl im Monat Mai hervorgehenden Larven bilden gewissermaßen zusammengehörige Familien oder Gesellschaften und halten wiederum, sobald die Umstände danach angethan sind, ihre Processionen. In welcher Menge und Ausdehnung die Heerwurmszüge und deren Larven zuweilen vorkommen, ergeben folgende Beispiele: Am 24. Juli 1864 zog im Leinewalde unweit Altenburg bis nach sechs Uhr Morgens ein Heerwurm in gerader Linie von Süden nach Norden, welcher sechsundzwanzig Ellen lang war und die Breite einer mittleren Hand hatte. Siebenzehn Ellen waren gleich breit und neun Ellen gingen allmählich nach dem Schwanze spitz zu. Diese Ausdehnung erscheint um so überraschender, als der Heerwurm daselbst schon vierzehn Tage vorher aufgefunden war und die vielen Beobachter und Beschauer desselben namhafte Quantitäten Larven mit fortgenommen hatten.

Am 17. August 1867 Vormittags wurden bei bewölktem Himmel und nachdem es in den Tagen vorher viel und noch Morgens früh gelinde geregnet hatte, unweit Hahausen am Harze sechsundvierzig ein bis zehn Fuß lange Heerwurmzüge, von denen die meisten vorn handbreit waren, alle aber nach hinten allmählich spitz zuliefen, auf der etwa einhundert Schritt im Geviert haltenden nassen Laubdecke eines geschlossenen Buchenbestandes nach den verschiedensten Himmelsrichtungen hin- und herziehend beobachtet. Es konnten auf diese sechsundvierzig Züge durchschnittlich mindestens fünf Fuß Länge und ein Zoll Breite gerechnet werden, und da sich bei vorgenommener Zählung auf ein Zoll Länge und ein Zoll Breite etwa zweihundert ziehende Larven fanden, so ergab dies auf jene sechsundvierzig Züge über eine halbe Million zweiundfünfzigtausend Stück Larven. Die sechsundvierzig Züge vereinigt gedacht hätten ein zweihundertdreißig Fuß langes, ein Zoll breites oder ein nahe an sechszig Fuß langes, handbreites Heer bilden können.

In Deutschland ist der Heerwurm vorzugsweise im Thüringerwalde und am Harze, weit seltener in feuchten Waldungen der Ebene und fast ohne Ausnahme nur in Laubholzbeständen beobachtet. Bei dem Aufsehen, welches sein Erscheinen in engeren oder weiteren Kreisen jedesmal machte, haben die Jahre, in denen er sich zeigte, für die Naturgeschichte mehr als gewöhnliche Bedeutung erhalten und mögen solche deshalb hier Erwähnung finden, so weit sie bekannt geworden sind. Im Thüringerwalde beobachtete man den Heerwurm von 1698 bis 1867 siebenzehn Mal, und zwar in weitaus den meisten Fällen bei Eisenach. Am Harze zeigte sich derselbe von 1804 bis 1871 einundzwanzig Mal. Ferner bei Tilsit in der Jacobsruhe 1845 und 1856; bei Hannover in der Eilenriede 1853; unweit Herrnhut in der Oberlausitz 1853 und [668] 1854; zu Sarquitten bei Rastenburg 1854; bei Buchholz im sächsischen Erzgebirge 1860; im Laubwalde Leine bei Altenburg 1864. Außerhalb Deutschlands ist der Heerwurm, abgesehen von Schweden und Norwegen, noch in Litthauen, in der Schweiz unweit der Tarasper Salzquelle (1851) und, wie schon bemerkt, im Tatra- und Karpathengebirge aufgefunden. Diesem nach sind die Heerwurmerscheinungen bislang immer noch selten genug gewesen, um darauf die Worte des Dichters Anwendung finden zu lassen:

Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen,
Es leben Viele, die das nicht geseh’n.


Unter den Tropen.[1]

II. Ein Tigergefecht.

Es ist eine Anzahl Jahre her. Ich befand mich zur Zeit in Surakarta, Hauptstadt des Kaiserreichs Solo – Surakarta Adining-rat, der Welt Ruhm und Stolz, wie die Javanen in ihrer blumen- und sinnreichen Sprache sie nennen, als mich am frühesten Morgen schon heitere Musik von der Straße her weckte. Rasch erhebe ich mich vom Lager und verlasse meine Wohnung. Die ganze Stadt trägt ein festliches Gepräge. Zahllose Gamellans, die beliebte nationale Musik der Javanen, lassen allerorten ihre fröhliche Weise ertönen und begrüßen munter, im schnellen Tempo, mit ihrem reinen vollen Metallklange weithin schallend, den anbrechenden Tag. Endlose Laubfestons, deren graziöse Bogenwindungen an buntbemalten Lanzenschäften befestigt sind, fassen die Hauptstraßen zu beiden Seiten ein, geschmackvoll aus schlanken Bambus errichtete, mit grünen Palmblättern und rothen Daluwangzweigen malerisch decorirte Ehrenpforten schmücken den Eingang des Vorhofs zum Residenz-Hôtel, und die Fähnlein der en haie aufgestellten Pikenträger flattern zu vielen Tausenden im Winde. Das Gewühl auf den Straßen wird lebhafter und immer lebhafter. In Gruppen zu zehn, zwölfen schreiten sie dahin, beherzte Männer, mit freudestrahlenden Augen, die lange Lanze in der Faust. Dann wieder ist’s ein Haufe Frauen, umringt und gefolgt von ganzen Schaaren fröhlicher Kindergesichter. Alle haben sie sich herausgeputzt, und stammt ihr Sonntagsstaat auch nicht aus den Pariser Modemagazinen, es ist eine Freude, wie reinlich, wie sauber der einfache Anzug ist und kleidsam. Das rabenschwarze Haar ganz glatt gekämmt und in der eigenthümlichen Landesfrisur als Sangul den Nacken bedeckend, um den sich ein duftender Kranz von Melati- oder Tandjung-Blumen windet.

Meilenweit sind die Bewohner aus der Umgegend herbeigeeilt. Wie die Wellen des Meeres wogt es in den breiten Straßen, Aller Gedanken concentriren sich auf einen Punkt, es ist nur ein Gedanke, welcher Groß wie Klein beschäftigt und dieser Gedanke findet seinen Ausdruck in der fieberhaften Erregung, womit aus aller Munde das Wort Rampok! rampok! ertönt. Und wirklich, ein Tigergefecht – rampok – das ist ein fürstliches Vergnügen, ein Schauspiel, welches man nur noch am Hofe der Fürsten in Solo oder Djokjo erlebt, das Größte, das Interessanteste der nationalen Volksbelustigungen der Javanen.

Wir folgen dem wogenden Menschenstrom. Er führt uns nach wenigen Minuten hin zu einem breiten, im modernen Stil erbauten Thor. Vor uns liegt ein weiter Platz, die Alun-Alun genannt, in Größe dem Pariser Champ de Mars so ziemlich gleich. An den vier Seiten ziert ihn eine Einfassung hoher hundertjähriger Waringins. Die dichtbelaubte feinblätterige Laubkrone spendet zu jeder Tagesstunde Schatten und Kühlung. Zur rechten Hand an der Alun-Alun erhebt sich die Moschee und unter ihrem Säulen-Portico läßt sich heute der kaiserliche Gamellan vernehmen. Er trägt seinen eigenen Namen, Sekaten. Sein voller, glockenreiner Ton macht einen überwältigenden, tief ergreifenden Eindruck. In nächtlicher Stille trägt die Vibration der Luftwelle, mit jedem Schlage der großen, wohl vier Fuß messenden Gongscheibe, den Schall bis zur Entfernung von zwei englischen Meilen. Selbstverständlich ertönt der Sekaten nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten.

Gerade gegenüber unserm Standort nimmt eine hohe weißgetünchte Mauer diese ganze Seite der Alun-Alun ein. Hinter ihr liegt die Residenz des Kaisers. An der linken Seite des Platzes endlich fällt in’s Auge ein nur wenige Ellen hinter einer Mauer hervorragendes Gebäude – der kaiserliche Tigerzwinger, eigentlich ein kolossaler, ungefähr fünfundzwanzig Fuß in der Länge messender und ebenso breiter Käfig. Wände, Decke wie Flur bestehen aus starken, mit dicken eisernen Reifen und Klammern wohlbefestigten und miteinander verbundenen Palissaden aus vortrefflichem Teakholz. Zwei niedrige Oeffnungen, mit starken Fallthüren versehen, gewähren den gefangenen und lebend herbeigeschleppten Insassen Einlauf in den Zwinger. In diesem engen Raum hausen beständig die Königstiger, gewöhnlich sechs bis acht an der Zahl, keineswegs in gewünschter Harmonie, mit und neben einander. Das Recht des Stärksten gelangt hier in dieser idyllischen Tigerrepublik zur vollsten Geltung. Es ist ein Gebrüll, ein Springen, ein Lärm ohne Ende. Tritt einmal ein Augenblick relativer Ruhe ein, so scheint es den Bestien ein Bedürfniß, durch fortwährendes Knurren und Brummen und Zähnefletschen zu bekunden, daß dieses brüderliche Zusammenwohnen ihnen keineswegs behagt. Und darin mögen sie theilweise nicht ganz Unrecht haben. Ihre Nahrung ist gerade keine reichliche und leidet nicht an Abwechselung. Hunde, Hunde, toujors Hunde, an Fest- wie Wochentagen. Und wer den in den Javanischen Kampongs halbverwildert umherirrenden, räudigen, abgemagerten Dorfhund von Ansehen kennt, wird begreiflich finden, wie ein solcher Bissen gerade nicht zu den appetitlichsten gehört. Das Regime empfiehlt sich jedoch durch seine Billigkeit. Solch eine Hunde-Razzia kostet gar nichts und je mehr man sie wegfängt, je fruchtbarer scheint der Nachwuchs der Race zu werden.

Ein Hofbeamter, mit dem Titel und Sonnenschirm eines Mantri, ist Vorgesetzter des Zwingers. Der Zutritt in den Hofraum steht Allen und Jedem zu jeder Stunde frei. Die Segnungen des civilisirten Polizeistaats sind im Reiche Solo noch ziemlich unbekannt. An Gaffern ist denn auch selten Mangel. Vorzüglich umstehen die Neulinge von der europäischen Garnison der Citadelle oft schaarenweise den Zwinger, dem man sich bis an die Palissaden nähern kann. Wer jedoch den Eau de mille fleurs-Duft liebt und vorzieht, der thut besser, er hält sich in einer respectabeln Entfernung. Der Gestank ist ein wahrhaft pestilenzialischer, da an eine regelmäßige oder unregelmäßige Reinigung der Tigerhôtels selbstredend niemals gedacht wird.

Aber welch interessantes Schauspiel bietet jetzt der Anblick der Alun-Alun dar! Der ganze weite Platz hat sich nach und nach mit Menschen gefüllt. Es wogt dort wie ein Meer und immer strömen und drängen sich noch neue Zufuhren massenhaft durch die drei Eingangsthore heran. Alles jubelt und jauchzt wild durcheinander, Frauen, Männer und Kinder.

Links, in der Nähe der Eingangspforte zum Kraton, sind mehrere Tribünen errichtet, reich und geschmackvoll decorirt mit Grün und buntem Fahnenschmuck. Neben der Tribüne sieht es aus wie ein musikalisches Festlager. Eine ganze Reihe Gamellans, zu denen die Prinzen ihr hübsches Contingent geliefert, hat dort Posto gefaßt. Die Gamellans der Regenten und anderer höherer Beamten, welche als Untergebene des Reichsverwesers in den Provinzen das Regiment führen, sind ebenfalls herbeigeholt und an der dem Kraton gegenüberliegenden Seite der Alun-Alun aufgestellt. Jedes Orchester spielt ganz unbekümmert um seinen Nachbar und ohne Aufhören seine eigene lustige Weise und dazwischen ertönt, alle Concurrenz überwältigend und beschämend, der volle tiefe Ton des Sekaten mit seinen, fernem Kanonendonner ähnlichen Gongschlägen. Es ist ein Lärm, ein buntes Tohu-Bohu, ein Bild, des Pinsels eines Teniers oder Breughel würdig. Aber wohin das Auge immer späht, wohin das Ohr auch lauscht, nirgends selbst nur die Spur eines Excesses, unziemlichen Wesens oder Drängens, einer Balgerei oder Schlägerei. Wohl ihrer fünfzigtausend sind sie da zusammengeströmt, auf engem Raum, alles fröhliche, lustfreudige Menschen, keine Polizei, kein Militär ist zu erblicken und nicht Einer unter [669] so vielen Tausenden wird den Anstand verletzen, wird vergessen, was er seinem Nächsten schuldet. Es sind eben Javanen, arme, ungebildete, einfache Javanen, keine Europäer!

Die Uhr schlägt die zehnte Stunde. Eine mit Vieren bespannte Hofequipage, escortirt von einem Detachement der kaiserlichen Leibwache, Dragonern, verläßt das Thor des Kratons. Ehrerbietig weicht die Menge zur Seite. Es ist der Kronprinz, welcher sich in Gala im Auftrage seines kaiserlichen Bruders nach dem Hôtel des niederländischen Residenten begiebt, dem Residenten die Meldung zu überbringen, daß im Kraton Alles bereit sei für den Empfang Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich, der eben erst wenige Tage vorher zum Besuche angekommen ist. In der Residenz haben sich gegen neun Uhr schon die niederländischen Beamten versammelt und ein Theil des nicht im Dienst befindlichen Officiercorps, sowie die Notabeln unter den europäischen Einwohnern der Hauptstadt. Zahlreiche Hof- und Privatequipagen stehen in dem geräumigen Vorhof aufgefahren. Der offene Galawagen des Residenten, mit seinem prächtigen Sechsgespann, fährt am Perron vor. Der Prinz der Niederlande und der Resident steigen ein. Ein uniformirter Lakai öffnet den großen goldenen Sonnenschirm und steigt hinten auf. Die Wache präsentirt das Gewehr. In demselben Augenblick donnert der erste Schuß eines königlichen Saluts von den Wällen der nahen Citadelle. Alle Gamellans ertönen. Langsamen Schrittes schlägt die lange Wagenreihe den Weg ein zum Kraton.

Der Kaiser, ein ehrwürdiger Mann in den fünfziger Jahren, empfängt seinen hohen Besuch an der untersten Treppe der großen Audienzstelle. Dem Prinzen den rechten Arm bietend schreitet er die Stufen hinauf. Nachdem alle Anwesenden sich auf die in zwei langen Reihen rechts und links vom kaiserlichen Dampar aufgestellten Sessel niedergelassen, reichen einige kaiserliche Pagen dem Prinzen und dem Residenten auf einem massiv goldenen, den übrigen Gästen auf silbernen Präsentirblättern den Thee dar, in Tassen von feinem französischen Porcellan. Nach einer Viertelstunde erhebt sich der Kaiser zum Aufbruch und begiebt sich, den Prinzen an seiner rechten Seite, nebst allen Anwesenden zu Fuß über mehrere Vorhöfe hinweg, wo die in Parade aufmarschirten kaiserlichen Truppen den vorüberschreitenden hohen Gästen mit gesenkter Fahne und Trommelwirbeln salutiren, hinaus zu der vor dem Kraton, auf der Alun-Alun errichteten kaiserlichen Tribüne.

Welch anderes Ansehen bietet jetzt dieser Platz dar! Gerade vor der Tribüne hat sich ein Quarré von Pikenträgern formirt. Jede Seite des Vierecks mag ungefähr fünfhundert Schritt in der Länge messen. In drei Gliedern stehen die Pikenträger, eng aneinander, jeder mit der Lanze in der Faust, zusammen mehr als sechstausend Mann stark. In der Mitte des Quarrés erblickt man fünf aus starken Bohlen gezimmerte Käfige, in einer Reihe mit je zehn Fuß Zwischenraum aufgestellt. Jeder enthält einen erwachsenen Königstiger. Die Käfige sind ganz niedrig und schmal. Der Tiger kann darin weder stehen noch sich umdrehen. Eine Schiebethür bildet den Verschluß in dem der Tribüne zugekehrten Eingang. Das andere entgegengesetzte Ende des ungefähr zehn Fuß langen Behälters ist von außen dick mit Stroh umwunden.

Außer jenen fünf Käfigen machen sich innerhalb des Quarrés noch zwei mysteriöse Gegenstände bemerkbar, am besten zu vergleichen mit großen zehn Fuß hohen länglichen Bienenkörben ohne Boden. Es ist ein Flechtwerk, aus unzähligen dicht durch- und ineinandergeflochtenen handbreiten Bambulatten zusammengesetzt.

Der Kaiser erscheint nebst seinen hohen Gästen auf der Tribüne. Sofort tritt eine allgemeine feierliche Stille ein. So eben noch allgemeiner fröhlicher Jubel und Lust – jetzt lautloses tiefes Schweigen des unzähligen Menschenmeers da unten. Auch die Gamellanmusik verstummt.

Die Tribüne, zehn bis zwölf Fuß hoch, steht dem Quarré ganz nahe. Gerade vor uns, die ganze Front entlang, zeigt sich eine Lücke in der Reihe der Pikenträger. Diese Lücke wird eingenommen von den jüngeren Prinzen und den Söhnen des höchsten Adels des kaiserlichen Hofes. Ihre persönliche Aufgabe ist es, für die Sicherheit ihres Gebieters und seiner hohen Gäste einzustehen. In zwei Reihen geschaart sitzen sie dort, la fine fleur de la chevalerie des Hofes, zu den Füßen des Kaisers, ihre langen kostbaren, oft mit Edelsteinen verzierten Lanzen neben sich. Die Etiquette legt diesem Corps d’élite ein durchaus passives Verhalten auf. Sie erheben sich nicht von ihren Teppichen, so lange keine directe Gefahr droht. Dann aber wird auch nicht Einer einen Moment zögern, wenn es sein muß, sein Leben zu wagen und zu opfern. Uebrigens hat’s damit so große Noth nicht. Noch niemals hat ein Tiger den majestätschänderischen Versuch gewagt, dort durch die Linien zu brechen.

Jetzt erscheint der Reichsverweser, umgeben von seinen Regenten. In demüthiger Haltung, nach Landessitte, nähern sie sich und nehmen ihren Sitz wenige Schritte von der Tribüne im Quarré ein, keiner redet, keiner erhebt nur den Blick.

„Ist Alles, meinem Befehl gemäß, zum Gefecht bereit?“ erklingt die Stimme des Kaisers.

„Inggih, Sinuhun!“ („Zu Befehl, Hoheit!“) antwortet der Reichsverweser.

„So laß dann beginnen!“

Der Reichsverweser verbeugt sich und tritt nun mit seinen Regenten, mit Piken bewaffnet, ebenfalls ein in das Quarré.

Sämmtliche Gamellans lassen jetzt ihr Spiel erklingen. Ihr Spiel ist jedoch kein wildes, kein lustiges, sondern ein langsames leises Adagio, gleichsam das Präludium, während Alles ringsum ihren Tönen lauscht, zu dem ergreifenden Schauspiel, welches nun folgt.

Wie ein elektrischer Schlag zuckt es in den Reihen der Pikenträger. Unwillkürlich schließen sich die Glieder, rücken näher zusammen. Der Körper richtet sich strammer in die Höhe, – der Fuß sucht festeren Boden. Scheint’s doch, als würde ein Jeder von einem gewissen bangen unsichern Vorgefühl ergriffen. Und nicht ganz ohne Ursache! Bringt doch der nächste Moment schon vielleicht Diesem oder Jenem ein frühzeitiges Ende, einen blutigen Tod. Wohl erstarken Kraft und Muth beim Anblick so vieler Tausende Lanzenträger, jedoch der Feind ist ein fürchterlicher, das Spiel ein gefahrvolles!

Ein Wink des Reichsverwesers. Langsam senken sich die Speerspitzen des vordersten Quarrés. Ein zweiter Wink erfolgt. Zwei Männer treten aus dem Gliede hervor. Ihre äußere Erscheinung macht sie kennbar als Hofbeamte. Die Arme, der ganze obere Theil des Körpers entblößt, das Haar lang und wallend, der Kopf verziert mit dem Kuluk, dem niedrigen weißen Hütchen der Hofkleidung, statt einer Waffe das kurze Messer an der Seite. Langsam, bedächtig, Schritt vor Schritt, in rhythmischer Bewegung nach dem Tacte der Gamellans, bald den rechten, bald den linken Fuß hebend und wieder senkend, nähern sie sich dem vordersten Käfig und bezeigen, indem sie sich zu Seiten des Käfigs niedersetzen, mit vornübergebeugtem Oberkörper, beide Hände an die Stirn streichend, dem kaiserlichen Gebieter ihre Reverenz. Sie erheben sich, der eine besteigt den Käfig, zieht das Messer, faßt, nachdem er die Taue durchschnitten, mit beiden Händen den schweren Schieber, hebt ihn langsam und läßt ihn einmal, dann zum zweiten Male wieder niederfallen. Dumpf wiederhallt in der lautlosen Stille das Einschlagen der Fallthür auf dem harten Holzboden der Unterlage. Sie wechseln einige Worte. Der zweite der Männer schlägt Feuer. Das Feuer zündet. Eine wirbelnde Rauchsäule am hintern entgegengesetzten Ende des Käfigs verräth, daß das dicke Strohkleid in Flammen steht. Zum dritten Male bückt der Mann sich oberhalb des Käfigs, erfaßt den Schieber, zieht an und schleudert ihn mit einem gewaltigen Rucke weit hin in die Arena.

Ihre Aufgabe ist gelöst. Ruhig kehren Beide wieder zurück zu ihren Sitzen rechts und links neben dem Käfig, dem Winke des Kaisers harrend, ehe sie sich entfernen. Keine Muskel zuckt, nicht die Spur innerer oder äußerer Erregung ist an ihnen ersichtlich. Zwei übermenschliche Wesen sitzen sie da, dort, wenige Fuß hinter ihnen die kräuselnde Rauchsäule, zwischen ihnen zwar ein Käfig, jedoch frei, ohne Bande der Tiger. Die Kehle preßt sich zusammen, kaum wagt man zu athmen. Es ist ein Augenblick höchster Spannung, eine That unerhörter Kühnheit. Selbst den stoischen Javanen muß das Herz schneller klopfen. Kein Laut, Grabesschweigen ringsum. Man könnte ein Blatt fallen hören!

Der Kaiser winkt. Eine kurze Bewegung der Hand. Langsamen Schrittes, wie sie gekommen, ohne nur einmal umzuschauen, schreiten die kühnen Gandeks auf das schützende Quarré zu. Nur die zunehmende Länge der letzten rhythmischen Fußbewegungen verräth, daß auch in ihnen – eine Menschenseele wohnt, menschliche Schwächen, menschliche Regungen!

[670] Inzwischen lodert das Stroh in heller Flamme. Vom Feuer verjagt, am Kopfe versengt, stürzt der Tiger hervor, ein stolzes prächtiges Thier. Die knechtenden Bande sind zerrissen, frei steht er da, der stolze Fürst des Waldes! Nur einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, das schöne Trugbild ist verschwunden. Noch ist sein Stand neben dem brennenden Käfig. Mit flammenden Augen überblickt er das Gefahrvolle seiner Lage; aber was thut’s – seine Gegner da sind ja Menschen, nur Menschen, und zählen sie auch zu Tausenden, er kennt keine Furcht, keine Gefahr. Wild schlägt er mit seinem Schweife, sein Auge sprüht Flammen, den stolzen Kopf hoch erhoben, stürzt er in wildem Sprunge hinan zum Quarré. Nirgends ein Ausweg, nirgends eine Oeffnung. Schnell kehrt er um, stürmt hinüber zur andern Seite; fürchterlich brüllend sprengt er die Speergasse entlang. Schon längst ist das leise Adagio der Gamellans verklungen, schneller und schneller wird das Tempo, ein nervenerschütterndes Fortissimo mischt sich mit dem Gebrüll des Tigers. Der kühne Sprung wird gewagt, muß gewagt werden, hoch in der Luft schwebt der mächtige Körper. Von zahllosen kräftigen Speerstößen durchbohrt, zurückgeschleudert, sinkt er zusammen, aus allen Wunden trieft das Blut. Einen Augenblick nur, das tapfere Thier erhebt sich auf’s Neue, zum zweiten Sprunge. Aber schon ist seine Kraft gebrochen, der Sprung ist zu niedrig. Von den Speeren der vordersten Glieder tödtlich getroffen, taumelt er zurück und verendet auf dem Felde der Ehre. –

Das Halali der Gamellans ist verstummt. Hell lodert die Flamme am zweiten Käfig und leckt mit feuriger Zunge am dürren Holze herum. Längst schon sind die Gandeks wieder eingetreten in’s Quarré, noch immer bleibt’s regungslos und still im Käfig; an allen Ecken brennt’s und prasselt’s. Da endlich regt es sich und bewegt sich. Aber bei Allah, ist das Sinnenbetrug? Was da langsam hervorkriecht, ist das ein Tiger? Nie und niemals. Wo ist das prächtige gelbe Kleid mit seinen dunkelglänzenden Parallelstreifen? Kein ungestümes Hervorbrechen, kein todesmutiges Herausfordern des Feindes. Wie ein Esel liegt er da neben dem Käfig, grau und schwarz, alle Haare versengt, gleichgültig für den Genuß der wiedererlangten Freiheit. Dem Tode durch Ersticken nahe, halb geröstet, hatte das Unthier das feurige Gericht ruhig über sich ergehen lassen.

„Es strecket die Glieder und legt sich nieder.“

Ob dem Dichter aber gerade dieses Bild vorgeschwebt beim Dichten jener Strophe, ist zweifelhaft. – Da, mit einem Male, ein zweites Wunder! Der mysteriöse Bienenkorb wird lebendig, kommt herangerutscht und von einigen Lanzenstichen unsanft berührt, springt unser geeselter Gesell auf, taumelt wie betrunken vorwärts und rennt buchstäblich zum allgemeinen Hohngelächter dem Quarré in die gefällten Lanzen.

Zum dritten Male formiren und schließen sich die Reihen. Zum dritten Male lodert die Flamme. Noch haben die kaiserlichen Gandeks die schützende Linie nicht erreicht, da bricht schrecklich brüllend das Unthier hervor, ein stattlicher Königstiger, ein Patron seltener Größe. Vor zwei Tagen erst eingefangen, durch keine Hundediät geschwächt, steht er da, in seiner ungeschmälerten Kraft und Wildheit. Im schnellsten Tempo eilen die Bienenkorbmänner, im Schutze ihres trojanischen Pferdes, herbei zum Entsatz der gefährdeten Gandeks. In demselben Augenblick wirft der Tiger laut brüllend sich auf den Korb. Vergebens versucht er an dem dichten Flechtwerk die fürchterliche Kraft seines Gebisses; der zähe Bambu spottet seiner Wuth. Vergeblich hängt er mit der ganzen Wucht seines kolossalen Körpers am Korbe; die Widerstandsfähigkeit der breiten Grundlage macht ein Umstürzen unmöglich. Ein schreckliches Schauspiel, das wilde wüthende Thier! Starr blickt das Auge wie von Zauber gebannt, das Herz pocht schneller. Ein unheimliches Gefühl beschleicht die Zuschauer. Ja, das ist der Tiger, der Herr der Wildniß, in seiner ganzen unverdorbenen Wildheit. In diesem Moment höchster Spannung sitzt der Kaiser da, ein marmornes Bild. Kein Wort entschlüpft seinen Lippen, keine Muskel rührt sich. Eine leichte Bewegung dort unten verräth, daß die Edelgarde im Begriff steht, sich zu erheben, die Lanze zu ergreifen. Da, schnell wie der Blitz, springt der Tiger vom Korbe herunter. Er steht in der Mitte des Quarrés, wie feurige Kohlen funkeln die Augen. Kurz ist sein Zweifeln – der Entschluß gefaßt. In drei Sätzen wirft er sich todesmuthig dem Quarré entgegen. Zehn Lanzen durchbohren den tapfern Leib, zehn andere liegen in Splittern am Boden. Taumelnd sinkt das kühne Thier zurück, erhebt sich, stürzt im wilden Flug, wüthend, die abgebrochenen Lanzenschäfte in den Seiten, heran zu erneutem Anfall und stirbt ein Held, von hundert Lanzen durchbohrt!

Noch harren der vierte und fünfte Tiger ihrer Erlösung. Aber sei’s Ueberspannung der Nerven nach so langer Aufregung, sei’s weil der Geist noch ganz erfüllt ist von den vorhergehenden mächtigen Eindrücken – das Interesse ist abgestumpft. Beinahe gleichgültig sieht man den letzten der Tiger unter den Lanzen verbluten. –

Vor einigen Jahren weilte der Generalgouverneur Baron Sloet van de Beele zum Besuche in Surakarta. Ein Rampok wurde veranstaltet. Und sieh, ganz gegen Regel und Sitte und im Widerspruch mit der Tradition des Mataramschen Fürstenhauses, richtet der Tiger seinen Anfall nach der Seite der Tribüne hin. Zurückweichend vor den Lanzen der Edelgarde dringt das Thier kurz danach zum zweiten Male auf die Edlen ein. Die Adjutanten des Generalgouverneurs und die übrigen Officiere machen Miene, den Degen zu ziehen. Andere Herren des Gefolges sind der Ansicht, ihrer Würde nichts zu vergeben, indem sie im gymnastischen Schwunge das Gebälk des Daches ersteigen. Und wenn der Himmel selbst einstürzt, ein Bild steinerner Ruhe sitzt der Kaiser da; ebenso, vielleicht ein wenig wider Behagen, neben ihm der Generalgouverneur. Uebrigens war es schließlich doch nicht dort, sondern an einer andern Seite des Quarrés, wo man den Tiger erlegte.

Daß der Tiger selten oder nie diese Seite des Quarrés zum Ziele seines Angriffs erwählt, hat wohl wie manche andere dergleichen Wunder seinen einfachen Grund darin, daß die Tribüne mit ihren farbigen Fahnen und buntem Menschengewühl an jener Seite das Quarré wie mit einer Mauer begrenzt und abschließt. Der Tiger glaubt an den drei andern, wohl besser vertheidigten, aber jedenfalls niedrigeren Seiten eine bessere Aussicht auf Erfolg zu haben und wendet also dorthin seine Schritte. Die der Edelgarde drohende Gefahr ist daher auch keine so große, wie es anfänglich den Schein hat. Den Liebhabern von Aufregungen können wir jedoch immerhin ein Plätzchen in den Reihen dieses jungen Adels als durchaus zweckentsprechend anempfehlen.

K. de C.


Kaiser Wilhelm und seine Paladine.

Eine Erinnerung an den 16. Juni 1871.

Seit den Tagen des „großen Jubels“ hatten wir die neue Kaiserstadt nicht wiedergesehen. Mit den Bildern aus dem Feste ohne Gleichen in Geist und Herzen waren wir zurückgekehrt nach unserm ländlichen Sommerasyle; noch von ihnen erfüllt, die Eindrücke noch frisch und unverwischt, kamen wir mit dem Blätterfallen heim in die gewohnten Winterquartiere an der Spree. In Wirklichkeit hatte Berlin schon längst wieder sein Alltagskleid angelegt, wir aber, für welche die mannigfachen Zwischenstadien von der abnormen Erregung zur normalen Alltäglichkeit nicht vorhanden gewesen, wir sahen uns noch auf Schritt und Tritt gefolgt von den Erinnerungen an die gewaltige Feier. Was uns umgab, wir schauten’s

„– – – wie im Weiten,
Und was verschwand, ward uns zu Wirklichkeiten.“

Wo wir gingen und standen, überall war’s, als umbrauste uns noch das Festgewoge, als umwehten uns noch die Fahnen, als schritten wir noch zwischen den Trophäenspalieren einher, als betäubte uns noch das hunderttausendstimmige Hurrah, welches die Sieger in dreiundzwanzig Schlachten, mehr, die Neubauer des deutschen Reiches, empfing, als umflösse uns noch das Lichtermeer, [671] in dem der Jubel allmählich versank. Von allen den reichbewegten Bildern aber und all den heitern wie rührenden Scenen, welche uns auf’s Neue vor die Seele treten, während wir, zum ersten Male nach Monaten, durch Linden und Brandenburger Thor in den Thiergarten hinausschlendern, bleibt unsere Erinnerung wieder und wieder auf einer Gruppe haften, denn in ihr gipfelt wie das äußere so zugleich das innere, das geistige und nationale Interesse des weltgeschichtlichen Festes. Es ist dieselbe, mit welcher der berühmte Düsseldorfer Meister die gegenwärtige Nummer der Gartenlaube geschmückt hat: Wilhelm der Siegreiche mit seinen Paladinen, mit dem hellstrahlenden Dreigestirn Bismarck, Moltke und Roon und mit den glorreichen Marschällen und Führern des deutschen Heeres.

Die Gestalten sind uns längst vertraute. Unzählige Male haben unsere Augen auf ihnen geruht, auf den leibhaftigen Männern und auf ihren Conterfeis, wie diese jetzt, in jeglichem Grade der Vollendung und Abscheulichkeit, Heimath und Fremde überschwemmen; allein wir können uns nicht versagen, unsere Blicke stets von Neuem auf sie zu richten, wann und wo sie in unsern Gesichtskreis treten. Nicht weil sie alle so mannhaft-deutsche, so vornehm-stattliche Erscheinungen sind, sondern weil wir in ihnen die Schöpfer und Träger der neuen Aera verehren, welche Deutschland für alle Zeiten aus der Schattenhaftigkeit des bloßen geographischen Begriffs zur staatlichen Wirklichkeit erhoben und das verlorengegangene Reich in einer Herrlichkeit wieder aufgerichtet hat, vor der selbst sein alter Glanz erbleichen muß. Darum und weil schon ihre äußere Persönlichkeit darthut, daß sie nicht zu den Dutzendmännern gehören, weil vielmehr sich in Physiognomie und Haltung unverkennbar die geistige Bedeutung ausprägt, welche sie zu dem gemacht hat, was sie uns geworden sind – darum dürfen wohl auch wir, die sonst das schlichte Bürgerkleid sympathischer zu berühren pflegt als die bänder- und sternenbedeckte Uniform, mit warmer Theilnahme die hohen Reiterfiguren betrachten, welche der Griffel des genialen Künstlers so lebens- und wirkungsvoll veranschaulicht, ebenso wie wir, begeistert gleich den Tausenden um uns her, aus vollem Herzen unser Hurrah losgejubelt haben, als sie an der Spitze unserer tapferen Brüder, mit denen sie getreulich Nöthen und Gefahren getheilt, den beispiellosen Triumphzug eröffneten.

Kaiser Wilhelm, der Greis von mehr als siebenzig Jahren, der noch heute so fest und gerade im Sattel sitzt, wie ein Mann in der Fülle seiner Kraft, ist nach seiner äußern strammen, stattlichen Erscheinung schon so oft und in so beredten, glänzenden Farben geschildert worden, daß wir den Lesern der Gartenlaube hier kein in die Einzelnheiten gehendes Bild des Mannes zu geben brauchen, der, bedürfnißloser als der jüngste Lieutenant, mit frohem Muthe die Beschwerden eines langen Feldzugs auf sich genommen und seinen Thron zum mächtigsten der Gegenwart gemacht hat. Kaiser Wilhelm ist vielleicht nicht der Idealkopf, nach dem sich der Bildhauer einen Karl den Großen oder Barbarossa modelliren möchte; sein Kopf hat nichts gemein mit dem Haupte eines römischen Imperators, dessen Blick uns erstarren macht wie der Blick der Medusa; nichts mit den wie aus Stein gemeißelten Zügen eines Napoleon des Ersten, welche uns bannen mit unheimlichem Zauber – aber er ist deutsch durch und durch, der echte Hohenzollernkopf. Daß in seiner Erscheinung, in seinem ganzen Wesen das Soldatische vorwaltet, ist bekannt. Er liebt das militärische Element in seinem Staate und pflegt es mit um so größerer Vorliebe, nachdem er ihm so weittragende Erfolge verdankt. Hoffen wir denn, daß das Leben seines Nachfolgers zwar nicht lassen möge von der alten tüchtigen Art, aber das Leben eines Bürgerkaisers werde, dem die Uniform nicht höher gilt, als der Civilrock, und die Heldenthat auf dem Schlachtfeld nicht höher, als der Sieg im Wettkampf des Geistes – und wir haben Ursache zu glauben, daß sich unsere Hoffnung verwirklicht.

Wilhelm der Erste hatte noch nicht den Thron bestiegen, er war noch Prinz von Preußen, als er einst an einem Julitage nach Frankfurt am Main kam. Das gesammte diplomatische Corps des Bundestages hatte sich am Bahnhofe aufgestellt, den erlauchten Reisenden zu empfangen, darunter ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann in den dreißiger Jahren und mit der Uniform eines einfachen Landwehrlieutenants. Die meisten der übrigen Herren Gesandten, Legationsräthe und Legationssecretäre erstickten fast unter der Last von Kreuzen und Sternen und Bändern auf ihrer Brust, der Officier war mit einer einzigen Decoration erschienen, der simplen Medaille „für Rettung aus Gefahr“, die ihm zu Theil geworden, weil er „die Gewohnheit hatte, gelegentlich einmal Menschen das Leben zu retten“, und hätte sich auch mit keiner andern schmücken können, aus dem triftigen Grunde, weil er keine andere besaß. Der Mann war zwar schon eine politische Persönlichkeit, hatte im Vereinigten Landtage, in der preußischem zweiten Kammer, im Erfurter Parlament als Heißsporn unter den Hochconservativen sich einen Namen erworben und bei allen Liberalen zu einer Art Popanz gemacht, als die Verkörperung des rücksichtslosesten, hochmüthigsten Junkerthums, in diplomatischer Schule aber war er nie gewesen, ja er hatte, nach seiner eigenen Erzählung, überhaupt nur zweimal ein Universitätscolleg besucht, „im Dienste“ es nicht weiter gebracht, als bis zum Referendarius und nachher das Amt eines Deichhauptmanns bekleidet. Ehe er sich verheirathete, hatte er in Berlin, in der Mark, in Pommern, auf Reisen ein ziemlich wildes Leben geführt, so daß man ihn weit und breit den „Tollen“ hieß und seine Schwiegereltern nur mit Widerstreben die Hand ihrer Tochter in die seinige legten. Trotz alledem aber war er von seinem Gönner Friedrich Wilhelm dem Vierten zum preußischen Gesandten am Bundestage zu Frankfurt am Main bestimmt.

Der Prinz von Preußen mochte das offene, frische Wesen des neu creirten Diplomaten wohl leiden, allein daß derselbe so ganz ohne Weiteres mit dem wichtigen und gerade in jenen Tagen besonders heiklen Posten eines Bundestagsgesandten betraut werden sollte, das wollte ihm nicht in den Kopf, und er unterdrückte seine diesfälligen Bedenken gegen den ergrauten Gesandten nicht, den der Landwehrlieutenant und Deichhauptmann zu ersetzen ausersehen war.

So viel wir wissen, ist dies die erste mehr als oberflächliche Begegnung des nachmaligen deutschen Kaisers mit seinem nachmaligen Reichskanzler gewesen – denn der Diplomat in der Lieutenantsuniform war der märkische Junker Otto von Bismarck-Schönhausen, derselbe reckenhafte Mann mit den vorstehenden, großen graublauen Augen, dem bleichen Gesicht und dem dicken kranzartigen Schnurrbart um die vollen Lippen, den wir dort auf dem schweren dunkelbraunen Rosse seinem Kaiser voraus reiten sehen; nicht mehr in unscheinbarer Lieutenantsuniform, sondern in Generalsgala, das orangefarbige Band des Schwarzen Adlers über der Schulter – nicht mehr Otto von Bismarck-Schönhausen, sondern Bismarck schlechtweg, Fürst-Reichskanzler des neuerstandenen Deutschlands, und im vollen Ernst der „populärste Mann“ nicht blos Deutschlands, sondern der Welt, wie er dies, seinen Gegnern zum Hohne, vor neun Jahren geweissagt. Ob er es selbst geglaubt? Wer, außer ihm allein, vermöchte dies zu entscheiden?

Daß er in Wirklichkeit dieser populärste Mann unserer Zeit geworden, was beweist dies schlagender, als die Thatsache, daß sich bereits ein Mythenkreis um ihn zu ziehen begonnen hat. Gleich allen im eminenten Sinne populären Menschen, wie Friedrich der Zweite, Napoleon der Erste etc., umspinnt auch ihn schon ein Gewebe von Aussprüchen und Anekdoten, von denen es schwer ist zu sagen, wo die Wahrheit aufhört und die Dichtung anfängt, welche aber alle wahr sein könnten, weil sie Geist und Wesen des Mannes, seine offene, rücksichtslose, joviale, schlagfertige, sarkastische, geniale Natur, charakterisiren. Solcher „Bismarckiana“ haben wir bereits Legion. Zahllos sind die „geflügelten Worte“, die man ihm mit Recht oder Unrecht in den Mund legt, existiren doch schon mehrere Sammlungen davon. Ebenso besitzen wir bereits umfängliche Darstellungen von Leben und Wirken des mächtigen deutschen Reichskanzlers, und keine Woche vergeht, ohne daß eine oder die andere Zeitung irgend ein pikantes Dictum oder Factum Bismarck’s auftischt. Daß viele derselben ihm in der That ihren Ursprung verdanken, werden am besten die Mitglieder der verschiedenen Land- und Reichstage bezeugen können, die so manchmal über seine witzigen Bemerkungen und Entgegnungen gelacht haben, auch wenn seine Pfeile ihnen im Fleische staken.

Gewiß, ein populärer Mann wie kein zweiter der Gegenwart, das ist Bismarck. Wo er sich zeigt, und ob auch neben seinem Kaiser, neben Moltke, neben dem Kronprinzen, neben allen Heerführern des letzten Kriegs, immer wird er es sein, welcher zunächst den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildet. „Bismarck! Bismarck!“ läuft es durch die Reihen des Volks,

[672]

Die drei Paladine des deutschen Kaisers.
Ein Erinnerungsblatt von Prof. W. Camphausen in Düsseldorf.

[673] 

WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [674] sobald sich in den Straßen und Promenaden Berlins sein blauer Uniformrock mit dem schwefelgelben Kragen nur von Weitem blicken läßt, und Vornehm und Gering, Männer und Frauen treten grüßend zur Seite, wenn der Reichskanzler auf seinem hohen Pferde vorübertrabt. Reisende berichten, daß selbst im spanischen Amerika Bismarckportraits einen stehenden Handelsartikel abgeben, und in den Vereinigten Staaten sind mehrere Städte nach dem großen Kanzler getauft. Den Namen „Bismarck“ am Spiegel, segeln deutsche Schiffe auf allen Meeren, und vor dem letzten Kriege fabricirte man in der Champagne einen Bismarck-Schaumwein. Daß endlich längere Zeit hindurch ein Bismarckbraun als Modefarbe florirt hat, brauchen wir unseren Lesern nicht erst zu berichten.

Ist Bismarck aber bei alledem auch der „Liebling des Volks“? Trotz des Bürgerblutes, das von der Mutter ihm in den Adern fließt, ist er dafür, so fürchten wir, ein zu großer Herr, und nicht so leicht dürfte die Kluft seiner Antecedentien, seines schneidenden Wortes und seines menschenverachtenden Hohnes zu überbrücken sein, welche ihn vom Volke trennt. Man verehrt den Mann als den Gründer des neuen Deutschlands, man bewundert seinen Genius und seine Thatkraft – der Liebling des Volks würde er sein, wäre er auch nach innen der Bismarck, der er nach außen, der Gründer der deutschen Freiheit, wie er der Gründer der deutschen Einheit gewesen ist.

„Bismarck den Streitbaren“ – so möchten wir ihn nennen; denn Kampf ist das Element seines Lebens. „Ich sehne mich nach frischem, ehrlichem Kampf,“ schreibt er an seine Schwester, und das aus Frankfurt aus Main, wo es ihm doch wahrhaftig an Kampf nicht fehlte, an Kampf gegen den alten Zopf der Diplomatie, an Kampf gegen die Rücksichten und Bedenklichkeiten des Berliner Hofes, an Kampf gegen die Anmaßungen Oesterreichs, denn es war die Schwarzenberg’sche Zeit, und in Wien hieß die Parole: „Erst Preußen demüthigen und dann es vernichten!“ Gekämpft hat er sein Lebenlang: als flotter Studio, der in einem einzigen Semester an zwanzig Paukereien ausficht, als Abgeordneter, als Minister, als Friedensunterhändler, und wer weiß, welche Siege er noch erkämpfen muß? Darf es uns also Wunder nehmen, wenn ein so Kampfeslustiger und Kampfesmuthiger auch dem äußeren Gewande des Kampfes, der Uniform, den Vorzug giebt vor dem Kleide des Friedens? Die Uniform, „seines Königs Rock“, ist von jeher Bismarcks Lieblingskleid gewesen. Wie der Reichskanzler heute selten anders erscheint, als in der Kürassiermontur, so trug der Gesandte Preußens am hohen Bundestage zu Frankfurt am Main bei allen feierlichen Gelegenheiten, zumal bei Militärfestlichkeiten, seine Lieutenantsuniform mit der Rettungsmedaille, so daß er von den Soldaten, deren großer Günstling er war, als „Se. Excellenz der Herr Lieutenant von Bismarck“ angeredet zu werden pflegte.

Als im Jahre 1866 der Krieg an Oesterreich erklärt war, wußte man, daß ordnungsgemäß der Chef des preußischen großen Generalstabs die strategischen Operationen leiten würde. Es war dies ein General von Moltke. Derselbe sollte ein gelehrter Officier sein, auch unterschiedliche militärische Schriften verfaßt haben. Darauf beschränkte sich aber auch, was das große Publicum bislang von dem Manne vernommen hatte, in dessen Hände jetzt eine so große Verantwortlichkeit gelegt werden sollte. Kein Monat ging indeß in’s Land, und der seither dem Volke völlig unbekannte Mann war mit Einem Schlage eine Berühmtheit ersten Ranges geworden und sein Name in Aller Munde. Jedermann sprach von dem „großen Moltke“ und seiner genialen Heeresleitung, und nur darüber erstaunte man, wie sich ein geistreicher Schriftsteller treffend ausdrückt, „daß der Mann so lange hatte unberühmt bleiben können“, daß er volle sechsundsechzig Jahre alt werden mußte, bevor die Welt erfuhr, weß Geistes Kind er war.

Darüber staunte man, allein man fühlte sich beruhigt, geborgen ist dem Bewußtsein, daß man einen solchen Mann besaß, um den uns das Ausland jetzt beneidete, wie es uns um unsern Bismarck beneidete, und als es in den Franzosenkrieg ging, da sah man die Truppen ruhig ziehen und vertrauensvoll dem Ausgang entgegen: man hatte ja seinen Moltke, den größten Strategen, und seinen Bismarck, den ersten Staatsmann der Gegenwart, und der Erfolg hat gezeigt, daß man sein Vertrauen nicht an die unrechten Männer verschenkt hatte.

Aber weiß man darum vom Sein und Leben des großen Strategen jetzt viel mehr als ehedem? Während fast jede Woche ein neues geflügeltes Wort, ein neues Begegniß Bismarck’s in die Welt hinaus trägt; während der Berliner genau weiß oder wenigstens wissen will, wie es draußen in der Wilhelmstraße Nr. 76 bei Bismarcks zugeht, wann der Reichskanzler das Frühstück einnimmt, wann er die Räthe seines Ministeriums empfängt, wann er ausreitet und wann er sich zum Kaiser begiebt, wer mit ihm im Garten unter den alten Bäumen sitzt und wo er sich mit seinem Seidel Bairisch erquickt, – aus dem täglichen Leben Moltke’s weiß er nichts zu erzählen, und wer sich etwa in Büchern oder Zeitungen, im Kalender oder dergleichen darüber Raths erholen will, der wird vergeblich suchen; „Moltkiana“ sind vorläufig nicht gesammelt. In allen Verhältnissen bleibt der große Mann auch der „große Schweiger“, im Salon und Cabinet wie im Felde, und sehr ergötzlich ist die Geschichte, welche ein höherer Officier von einem Abende bei Moltke erzählt. „Da saßen wir Beide zusammen am Kamin, und nachdem wir uns eine Stunde lang etwas vorgeschwiegen hatten, ging ich nach Hause.“

Bismarck und Moltke! Wer Beide nebeneinander sieht, muß der nicht fast glauben, der Natur sei eine kleine Verwechselung passirt? Die kolossale Gestalt in der Kürassieruniform mit dem gebieterischen Blick und dem dicken Schnurrbart, sieht die nicht ganz aus wie der geborene Feldmarschall, die schmächtige hagere Figur dagegen mit dem langen bartlosen Gesicht, den Denkerfalten auf der Stirn und den festgeschlossenen schmalen Lippen, ist das nicht eine leibhaftige Diplomatenerscheinung? Und vielleicht, dem Vaterlande zum Heile, steckt auch in dem Einen zugleich ein Stück vom Andern, im Diplomaten etwas vom Feldherrn, im Feldherrn etwas vom Diplomaten; sicher wenigstens hat die Feder des Erstern nicht wieder verdorben, was das Schwert des Zweiten gut gemacht hatte, und so wollen wir uns, um mit Goethe zu sprechen, freuen, daß wir zwei solche „Kerle“ haben, wie Bismarck und Moltke!

Vom Dritten im Bunde, dem Kriegsminister Roon, läßt sich kaum sagen, daß er je in die große Oeffentlichkeit getreten ist, wiewohl er als geographischer Schriftsteller nicht Unerhebliches geleistet und sein „kleiner Roon“ schon manchem Fähndrichsaspiranten den Kopf heiß gemacht hat. Die Unpopularität von 1862 und 1865 her, als er, oft in sehr kaustischen Worten, die Armeereorganisation vor der Kammer vertrat, scheint noch einigermaßen auf ihm zu lasten, wenngleich schon der Krieg mit Oesterreich den Werth der Neugestaltung über alle Zweifel hinaus hob. Bismarck und Moltke kennt jeder Berliner Gassenbube, an Roon schreiten Tausende vorüber, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß der Officier mit den scharfen Zügen und dem militärisch gedrehten Schnurrbart der Mann ist, der das ausgezeichnete Material gebildet hat, welchem wir unsere von der Welt bestaunten Siege verdanken – der aber mit der ihm eigenthümlichen Bescheidenheit sich selbst blos „seines Königs Feldwebel“ zu nennen pflegte.

Als eines charakteristischen Momentes glauben wir zum Schlusse noch des Umstandes gedenken zu müssen, daß Roon sowohl als Moltke einst die militärischen Begleiter und Rathgeber unserer beiden ruhmgekrönten Generalfeldmarschälle gewesen sind; der Erstere dem Prinzen Friedrich Karl zugetheilt, mit dem er Deutschland, die Schweiz, Italien, Frankreich und Belgien bereiste, der Letztere als persönlicher Adjutant des Kronprinzen. Mit diesem stattete er unter Anderem einen Besuch in den Tuilerien ab. Napoleon der Dritte stand im Zenith seiner Macht, er war der Beherrscher der europäischen Politik, und wie hätten Gast oder Wirth sich träumen lassen können, daß der Genius des Erstern vor Allem es sein sollte, der vierzehn Jahre später den Letztern zum „Manne von Sedan“ erniedrigte, als welcher derselbe in der Geschichte fortleben wird!

Ist es eine zu kühne Vermuthung, wenn wir annehmen, daß eine solche Schule nicht ohne Einfluß geblieben sein wird auf die Lorbeerfülle, die heute die Stirnen der beiden prinzlichen Heerführer umschattet, wie sie den Kaiser Wilhelm und alle seine Paladine unverwelklich bekränzt?

Mögen sie ausruhen auf diesen Lorbeeren, die tapferen Kämpen, die unser Bild uns so lebenswahr vergegenwärtigt, und fortan nur Eichenkronen des Friedens ihre Schläfen schmücken! Der kriegerischen Lorbeeren hat Deutschland genug „bis an’s Ende aller Dinge“.
H. S.
[675]

Das Haideprinzeßchen.

Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


16.

Ich lief über den Fahrweg und trat an das Staket. Gretchen sah mich mit großen Augen an; sie verließ schleunigst ihr Wägelchen und kam auf mich zu.

„Hast Du aufgemacht?“ fragte sie mich und deutete nach der offenen Thür hinter mir. „Darfst Du denn das, Du Kleine?“

Ich bejahte lachend.

„Aber höre, Dein Garten ist nicht hübsch,“ sagte sie, das Näschen verächtlich emporziehend – sie nickte nach dem grünen Düster hin, das sich hinter der Thür aufthat. „Hast ja nicht eine einzige Blume drin! … Da guck’ ’mal unseren an – Herr Schäfer hat viele, viele – ach, wohl hunderttausend Blumen!“

„Ja, aber Du darfst keine abreißen.“

„Nein, abreißen nicht,“ versetzte sie niedergeschlagen und steckte den kleinen, spitzen Zeigefinger in den Mund.

„Aber ich weiß viele blaue Glockenblumen und niedliche weiße – die darfst Du nehmen, und Erdbeeren kannst Du pflücken, Deinen ganzen großen Heuwagen voll!“

Sie zog sofort den Wagen hinter sich her, kam herüber zu mir und legte ihre Hand vertrauensvoll in die meine; wie ein Vögelchen so weich und warm schmiegte sie sich zwischen meine Finger. Ich war glücklich über meine neue Bekanntschaft; es fiel mir nicht ein, die eigenmächtig geöffnete Thür wieder zu schließen, sie blieb weit offen hinter uns, während wir in das Gebüsch eindrangen. Da gab es freilich Erdbeeren und Glockenblumen, als hätten sie droben die Baumkronen von sich abgeschüttelt. Die Kleine schlug die Hände zusammen und fing an, zu rupfen und zu zupfen, wie wenn es gelte, den halben Waldboden des Herrn Claudius nach Hause zu schleppen.

„Ach Gott, diese Menge Erdbeeren!“ seufzte sie glückselig auf und pflückte und mühte sich, daß ihr die hellen Schweißperlchen auf die Stirn traten. Dabei aber summte sie doch ein Liedchen vor sich hin.

„Ich kann auch singen, Gretchen,“ sagte ich.

„So schöne Lieder wie ich? Das glaub’ ich nicht – Onkel Max hat sie mich gelehrt – na, da sing’ doch einmal!“

Mein musikalisches Gehör mußte sich frühe entwickelt haben, denn all den kleinen Singsang, den ich kannte, hatte mir Fräulein Streit noch in der Hinterstube eingelernt. Ich liebte über Alles die Taubert’schen Kinderlieder und begann jetzt „Der Bauer hat ein Taubenhaus –“ zu singen. Ich hatte mich auf eine Steinbank gesetzt, und bei den ersten Tönen verließ Gretchen ihren Heuwagen, legte die Arme auf meine Kniee und sah mir aufhorchend und athemlos in das Gesicht.

Es war seltsam – ich erschrak vor meiner eigenen Stimme. In der Haide war sie schwach verklungen, die Lüfte hatten sie nach allen Himmelsrichtungen hin versprengt und verweht; hier aber fingen die engzusammengezogenen grünen Coulissen der Waldbäume den Klang auf; er strömte so voll und glockenartig, so ganz anders beseelt aus, daß ich meinte, ich sei das gar nicht selber.

Es ist ein lustiges Liedchen, das von dem Bauer und seinen Tauben, die ihm davonfliegen. Gretchen lachte aus vollem Halse und schlug in die Hände vor Vergnügen nach dem ersten Vers. „Fängt er die Tauben wieder? Geht denn das Liedchen nicht weiter?“ fragte sie.

Ich begann abermals, aber plötzlich erstarb mir der Ton auf den Lippen. Ich konnte von meinem Steinsitz aus ziemlich tief in das Gebüsch einen Weg verfolgen, der nach der Karolinenlust mündete. Wenn ein Windhauch hie und da die Blätterschichten lüftete, sah ich die Fenster des Hauses aufblinken. … Auf diesem Weg her kam der alle Buchhalter – ich mußte an die weißgekrönte Hagelwolke denken, wenn sie der Sturm über die Haide hintrug, so finsterdräuend erschien das Gesicht unter dem unbedeckten, silberglänzenden Haar, und so beschleunigt und überraschend schritt die mächtige Gestalt auf mich zu.

Gretchen folgte der Richtung meiner Augen – ihr Gesicht färbte sich purpurroth, mit einem Freudenruf flog sie auf den alten Herrn zu und schlang ihre Arme um seine Kniee.

„Großpapa!“ rief sie mit zurückgeworfenem Köpfchen zärtlich zu ihm hinauf.

Er stand wie zu Stein erstarrt und sah auf das Kind nieder; er hielt beide Arme vorgestreckt, wie Jemand, der sich im arglosen Weiterschreiten plötzlich vor einer ungeahnten Tiefe sieht und entsetzt zurückweicht, und in dieser Stellung verharrte er regungslos; es war, als fürchte er, seine Hände könnten im Niedersinken eines der hellen Goldhaare auf dem Köpfchen berühren.

„Gelt, Du bist mein Großpapa? … Luise hat’s gesagt –“

„Wer ist Luise?“ fragte er mit tonloser Stimme – mir klang es, als wolle er mit dieser Frage näherliegende Erörterungen abwehren.

„Aber Großpapa – unsere Luise! – Sie hat meinen kleinen Bruder getragen, wie er noch im Wickel lag. Aber nun ist sie fort. Wir können kein Kindermädchen halten, sagt die Mama, es kommt viel, viel zu theuer. …“

Jetzt lief ein Zucken durch das versteinerte Gesicht, und die Hände sanken tiefer.

„Wie heißest Du denn?“ fragte er.

„Ach, das weißt Du nicht einmal, Großpapa? … Und Herrn Schäfer sein Caro weiß es, und unsere Miezekatze auch! … Gretchen heiß ich. Aber ich habe noch mehr Namen – wunderhübsche Namen – ich will sie Dir alle einmal hersagen. Anna, Marie, Helene, Margarethe Helldorf heiße ich.“

Sie faßte bei der feierlichen Aufzählung jedesmal einen ihrer kleinen Finger. Es lag ein unbeschreiblicher Zauber in der Stimme und dem ganzen Wesen des unschuldigen Geschöpfchens, und der alte Mann vermochte sich ihm bei aller Anstrengung nicht zu entziehen – ich sah plötzlich seine beringte Hand auf dem blonden Scheitel liegen; er bog sich nieder – wollte er wirklich das holde Gesichtchen küssen? … Vielleicht, wenn ihm Zeit verblieben wäre, das kleine Wesen in seine Arme zu nehmen und Herz an Herzen zu fühlen, daß es zu ihm gehöre durch das Blut, das diese jungen Pulse pochen machte – vielleicht wäre das ein Augenblick geworden, zu welchem die Engel im Himmel gelächelt hätten. Aber in das Gute und Versöhnende, das sich gestalten will, greift oft eine dunkle Hand herüber und stößt heimtückisch die Seelen selber, die sich in besserer Erkenntniß nähern sollten, störend in die feinen Webefäden.

Ich wußte nicht, warum ich so heftig erschrak, als ich das helle Frauengewand in der Richtung der Mauerthür durch das Gebüsch flattern sah. Es kam in fliegender Eile näher, und plötzlich stand die junge Frau aus dem Schweizerhäuschen nur wenige Schritte von der Gruppe entfernt – sie stieß einen Schrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht.

Der alte Herr schreckte empor – nie werde ich den Ausdruck von eisigem Hohn vergessen, in welchem das tiefbewegte, schöne, alte Männergesicht sofort wieder erstarrte.

„Ach, sieh’ da! Die Komödie ist vortrefflich gelungen! … Man weiß ja seine Kinder recht gut zu verwenden und abzurichten!“ Er stieß das Kind von sich, daß es taumelte.

Die Frau fuhr zu und fing es in ihren Armen auf. „Vater,“ sagte sie und hob warnend den Zeigefinger, und ein fast aberwitziges Lächeln zog die Oberlippe von den Zähnen zurück, „mir hast Du Alles anthun dürfen, mich kannst Du mit Füßen treten … ich leide es willig, aber mein Kind darfst Du mir nicht mit Deiner harten Hand berühren – das wagst Du nicht wieder!“

Sie nahm die Kleine, von deren blaßgewordenen Lippen kein Laut mehr kam, auf ihren Arm.

„Ich weiß nicht, wer das Kind hierhergebracht hat“ – fuhr sie fort.

„Ich!“ sagte ich vortretend mit bebender Stimme. „Verzeihen Sie mir!“

Bei aller heftigen Aufregung wandte sie doch augenblicklich das Gesicht mit einem milden, wenn auch sofort wieder verfliegenden Ausdruck nach mir hin.

„Ich wollte die Kleine in das Haus holen,“ sagte sie weiter [676] zu dem alten Mann – mir kam es vor, als sei plötzlich jeder Muskel dieser durchsichtig zarten Gestalt stählern geworden; – „sie war fort und die Mauerthür stand offen. In namenloser Angst bin ich hereingeflogen, um dem Augenblick vorzubeugen, wo Dein Blick auf das Kind fallen könnte – ich bin zu spät gekommen. … Vater, ich habe mich nach furchtbaren Kämpfen endlich darein ergeben, von Dir die herzlose, undankbare, die verlorene Tochter genannt zu werden; ich bin ohnmächtig Deinen Angriffen gegenüber, zu denen die fromme Welt ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagt. Aber als Mutter darfst Du mich nicht antasten! … Ich sollte mein Kleinod, mein Heiligthum“ – sie preßte das Kind in leidenschafllicher Inbrunst an sich – „dieses süße, selige Kinderherz in Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke zu einer Komödie abrichten? Das ist eine Schmähung, die ich nicht ertrage, die ich zurückweise, und für die Du mir dereinst bei Gott Rechenschaft schuldig bist!“

Sie wandte sich und ging.

Ich meinte, er müsse der schwerbeleidigten Frau nachspringen und sie versöhnend in seine Arme schließen; allein er war offenbar einer jener schrankenlos eitlen Menschen, die es für unmöglich halten, je im Unrecht zu sein – kommt ihnen ja einmal das dunkle Gefühl, daß sie geirrt, dann reizt sie die Beschämung erst recht zu Trotz und Härte.

Er sandte der Davoneilenden einen tief erbitterten Blick nach und trat mir plötzlich mit zorngeröthetem Gesicht so nahe, daß ich in das dornige Gesträuch hinter mir zurückweichen mußte.

„Sie da, wie können Sie sich denn unterfangen, auf fremdem Grund und Boden eine festverschlossene Thür ohne alle Befugniß zu öffnen?“ fuhr er mich an – aus diesen Tönen brach ein Groll hervor, der unverkennbar lange Zeit hindurch heimlich genährt worden war.

Ich stand da wie gelähmt vor Bestürzung, ich konnte weder Hand noch Fuß rühren. … O Gott, und nun bekam dieser Entsetzliche auch noch einen Helfershelfer! – Dicht neben mir stand plötzlich, wie aus der Erde gehoben, Herr Claudius; er mußte aus dem Dickicht getreten sein. Ich sah zu ihm empor, er hatte die schreckliche blaue Brille vor den Augen und sah dadurch noch viel blässer aus, als neulich im Comptoir. … Der verzieh es mir sicher niemals, daß ich unerlaubter Weise seine Gartenthür geöffnet und Fremde hereingebracht hatte. … Jetzt hielten diese zwei unerbittlich strengen und hartherzigen Krämer Gericht über mich, und ich konnte nicht entfliehen – ich stand ihnen wehrlos gegenüber. … Ob ich nicht doch einen Versuch machte, Ilse oder meinen Vater herbeizurufen?

„Herr Claudius,“ sagte der Buchhalter, merkwürdiger Weise sehr frappirt durch das unerwartete Hervortreten des Besitzers selbst, in herabgestimmtem Ton, „Sie sehen mich in großer Aufregung. Ich kam auf meinem gewöhnlichen Sonntagsspaziergang hierher, da –“

„Ich habe den Vorfall in seinem ganzen Verlaufe hinter dem Gebüsch mit angesehen,“ unterbrach ihn Herr Claudius ruhig.

„Desto besser – dann werden Sie mir auch zugeben, daß ich Grund genug habe, ungehalten zu sein. Erstens einmal wird ohne unser Vorwissen eine weitentfernte Hinterthür, die wir nicht überwachen können, geöffnet –“

„Das ist allerdings unstatthaft, Herr Eckhof. … Aber Sie haben in Ihrem Eifer vergessen, daß Fräulein von Sassen die Tochter meines Gastes ist und nicht in solcher Art und Weise, wie Sie sich eben noch erlaubt, zur Rede gestellt werden darf.“

Ich sah erstaunt auf und suchte nach den Augen unter der Brille – es kam ganz anders, als ich erwartet hatte. Der Buchhalter aber trat so betroffen zurück, als höre er zum ersten Male in seinem Leben eine solche Antwort aus diesem Munde. Er zog die weißen Brauen grollend zusammen, und ein hämischer Zug entstellte den untern Theil seines Gesichts.

„Fräulein von Sassen?“ wiederholte er spöttisch. „Wo soll ich da den Adel respectiren? … Doch nicht etwa in dieser lächerlich herausstaffirten Kindergestalt?“

„Es ist mir nicht eingefallen, den adeligen Namen zu betonen,“ versetzte Herr Claudius leicht erröthend. „Ich habe einfach auf die Rücksicht hingewiesen, die Sie jedem Gast meines Hauses, ohne Unterschied, schuldig sind.“

„Nun, nun, Sie werden schon noch erleben, welchen Segen die Gastfreundschaft gerade in diesem Falle über Ihr ehrliches Dach bringen wird! … Ich habe gewehrt und gebeten genug – es hat Alles nichts genutzt! Die heidnischen Bilder sind wieder an’s Tageslicht gezerrt worden, und droben in der Karolinenlust sitzt Einer, der keinen Gott kennt, und die alten Götzen wieder aufrichtet. Und der das Scepter in der Hand hat, der junge Gottlose auf dem Fürstenthron, der seinem Volk in Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht vorangehen und sein Volk zu einer Hütte voll des Lobens und Betens machen sollte, er hilft das neue Kalb aufrichten. ‚Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorra, das ist groß, und ihre Sünden sind fast schwer.‘ … Der Herr ist langmüthig, aber die Stunde wird kommen, da Feuer und Schwefel vom Himmel regnen!“

Herr Claudius ließ schweigend, aber in sichtlich tiefer Betroffenheit den fanatischen Eiferer gewähren. Der alte Mann sprach offenbar aus vollster Ueberzeugung; aber vielleicht hatte er dieselbe seinem Chef noch nie so drastisch laut werden lassen, als in diesem Augenblick der heftigsten Erregung.

„Der Herr hat mich gewürdigt, zu sehen und zu hören, wo die Ungläubigen mit Blindheit und Taubheit geschlagen sind,“ fuhr er fort. Er hob den Arm und deutete wie ein Seher nach der Karolinenlust hinüber. „Das Haus dort ist in Sünden erbaut und zu allen Zeiten ein Pfuhl des Lasters geblieben, und die dort gefehlt haben gegen die Gebote des Herrn, können den Frieden nicht finden – sie wandeln umher und wehklagen und weissagen Unglück dem Hause, das die Sabbathschänder aufgenommen hat –“

Herr Claudius hob unterbrechend die Hand.

„Habe ich ihn nicht gehört, den markerschütternden Schrei in den Sälen, vor denen die Siegel liegen?“ fuhr der Alte unbeirrt mit erhöhter Stimme fort. „Habe ich nicht gesehen, wie die Ampel an meiner Zimmerdecke geschwankt hat unter den Tritten des Unheimlichen, der ruhelos droben gewandert ist? … Ich weiß es, sie sind aufgestanden aus ihren Gräbern, sie sind verdammt um ihrer Sünde willen, in die Welt zurückzukehren und die Blinden zu warnen. … Herr Claudius, an dem Tage, wo dieses junge Geschöpf“ – er zeigte auf mich – „die Karolinenlust betreten hat, ist es lebendig geworden droben in den vermauerten und versiegelten Sälen.“

Großer Gott, der Mann hatte mich belauscht! Während ich unverantwortlich leichtsinnig in der streng gehüteten Verlassenschaft eines Todten herumgestöbert, hatten die scharfen, blauen Augen drunten an der Ampel gehangen und an ihren Schwingungen jeden meiner Schritte gesehen; der alte Mann hatte den Schrei gehört, den ich vor meinem Spiegelbild ausgestoßen, und benutzte nun in seinem finstern Wahn den Vorfall, den Hausbesitzer gegen meinen Vater und mich zu hetzen.

Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht des Herrn Claudius – es war mir zugewendet; allein die funkelnden, blauen Gläser bedeckten so vollkommen seine Augen, daß es sich unmöglich bestimmen ließ, welchen Eindruck die Worte des Buchhalters auf ihn machten. Er war mir nur um einen Schritt näher getreten; vielleicht hatte der Schrecken mein Gesicht entfärbt, und er fürchtete eine nervöse Schwäche meinerseits; als er aber sah, daß mir die Füße nicht treulos wurden, wandte er sich wieder zu meinem finstern Verfolger.

„Sie bestätigen schlagend, daß uns die Orthodoxie schließlich dem crassesten Aberglauben wieder zuführen muß!“ sagte er – Entrüstung und Bedauern mischten sich ist seiner sonst so gleichmüthigen Stimme. „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir thut, Sie diesem entsetzlichen Mysticismus verfallen zu sehen, Herr Eckhof! Man hat mich bereits darauf aufmerksam gemacht, aber ich habe es nicht glauben wollen. … Das Recht, Ihre Ansichten zu meistern, steht mir selbstverständlich nicht im Entferntesten zu – ich habe Sie nur zu bitten dieselben im Geschäft sowohl, als auch meinen Anordnungen im Hause gegenüber vollständig aus dem Spiel zu lassen.“

„Werde nicht verfehlen, Herr Claudius,“ entgegnete der Buchhalter – in seiner auffallend betonten Unterwürfigkeit lag viel versteckte Malice. „Aber Sie werden mir erlauben, an dieser Stelle auch eine Bitte auszusprechen. … Ich bewohne nun die Karolinenlust seit langen Jahren, und es hat mir stets als Vorzug gegolten, daß ich hier den heiligen Sonntag streng nach des Herrn Gebot in ehrfürchtiger Stille und ungestörter innerer Einkehr feiern durfte. Ich bitte Sie hiermit dringend, anzuordnen, [677] daß die Sonntagsfeier künftighin nicht durch solch unstatthaftes Geschrei, solchen leichtfertigen Singsang, wie er vorhin den ganzen Garten alarmirt hat, unterbrochen werde – ich glaube, so viel Rücksicht verdiene ich alter Mann schon.“ –

Wieder wandten sich die blauen Gläser nach mir hin; ich erwartete eine strenge Zurechtweisung und Verhaltungsmaßregeln für die Zukunft – aber nichts von alledem!

„Ich habe kein Geschrei gehört,“ versetzte Herr Claudius sehr gelassen. „Aber eine Scene habe ich mit ansehen müssen, die mein Gefühl verletzt hat. … Dieses junge Mädchen“ – er neigte den Kopf nach mir hin – „hat mit seinem unschuldigen Kinderliedchen nicht gegen das Gebot des Herrn gefehlt; aber, Herr Eckhof, Sie kamen eben aus der Kirche – Sie sind, wie Sie mir heute deutlich beweisen, einer jener unfehlbaren Christen, die jede ihrer Handlungen auf ein Gesetz Gottes zurückzuführen wissen – wie war es Ihnen möglich, den Tag des Herrn durch Härte und Unversöhnlichkeit Ihrem Kinde gegenüber zu beflecken?“

Ein böser Blick zuckte unter den weißen Brauen hervor nach dem Sprecher.

„Ich habe keine Kinder mehr, Herr Claudius, das wissen Sie doch am allerbesten,“ sagte er, das „Sie“ so scharf zuspitzend, als solle es tiefe Wunden schlagen.

Er verbeugte sich und ging mit raschen Schritten den Weg zurück, den er gekommen. Ich hatte deutlich gefühlt, daß Herr Claudius mittelst des einen so charakteristisch betonten Wörtchens verletzt und geschlagen werden sollte, und sah ihn an – der Dolch saß.

(Fortsetzung folgt.)




Pariser Bilder und Geschichten.
Die Armen und Elenden.

Es war im August dieses Jahres. Wir saßen vor einem der großen Kaffeehäuser des „Boulevard des Italiens“ und ließen die bunte wogende Menge Revue passiren. Mein Freund war zum ersten Male in Paris. Die Ruinen der Weltstadt hatten einen so unwiderstehlichen Reiz auf seine Einbildungskraft ausgeübt, daß er nicht umhin konnte, sich durch den Augenschein von der Glaubwürdigkeit der Zeichner und Berichterstatter seiner vaterländischen Blätter zu überzeugen. Wir waren den ganzen Tag rastlos herumgelaufen und erfreuten uns nun unserer „halben Tasse“, im Bewußtsein, die Labung redlich verdient zu haben.

Es schlug Neun. Immer farbenreicher gestaltete sich das kaleidoskopische Treiben auf den Asphaltplatten. … Jetzt trat ein alter zitternder Mann an unsern Tisch heran. Sein ganzer Körper schlotterte wie von einem heftigen Nervenschütteln. Er bat um ein Almosen; mein Freund reichte ihm ein Zweisousstück. Eine halbe Minute später legte uns ein junger Bursche einen Zettel neben die Tasse. Der Wisch war mit einigen Anekdoten etc. bedruckt und trug auf der Rückseite die Aufschrift: „Meine Herren und Damen! Kaufen Sie gefälligst dieses Werk Ihrem ergebenen Diener ab, der taubstumm ist. Es kostet nur zwanzig Centimes.“ Mein Freund kaufte. Unmittelbar darauf erschien eine zerlumpte Frau, die ein Kind auf dem Arme trug und ein zweites, älteres an der Hand führte. „Eine arme Wittwe!“ murmelte sie in kläglichem Tone. … „Erbarmen, meine Herren! … Meine Kinder hungern seit zwei Tagen.“ … Dabei warf sie Blicke gen Himmel, die einer christlichen Märtyrerin keine Unehre gemacht haben würden. Mein Freund reichte auch ihr eine Kleinigkeit und schüttelte dann, wie nachdenklich, das lockenumwallte Haupt.

„Es muß doch in dieser Riesenstadt ein entsetzliches Elend herrschen!“ seufzte er nach einer Weile. „Die Pariahs der Gesellschaft ziehen ja hier zu Hunderten an uns vorüber …“

„So scheint es – aber der Schein trügt!“

„Wie so?“

„Nun, die wahren Armen und Elenden darfst Du nicht hier im Lichte der funkelnden Candelaber suchen.“

„Aber ich bitte Dich!“

„Lieber Freund, ich kenne dieses Paris wie meine Rocktasche. Verlaß Dich darauf, Deine Mildthätigkeit von vorhin war durchaus nicht am Platze.“

„Der arme zitternde Greis …“

„Geht des Tags über so stramm und kräftig umher, wie ein Grenadier. Er begegnet mir oft, wenn ich meinen Morgenspaziergang mache. Seine Virtuosität im Schlottern bringt ihm eine jährliche Rente von fünf bis sechstausend Francs ein.“

„Unmöglich! Aber der Taubstumme …“

„Spielt seine Rolle meisterhaft, ist aber nichtsdestoweniger ein Schwindler. Er gehört zu den bekanntesten Figuren der Boulevards.“

„Und die unglückliche Wittwe …“

„Ist so wenig Wittwe als Du und ich. Die beiden Kinder hat sie sich gemiethet. Sie ‚verdient‘ so viel, daß sie den Eltern der beiden armen Würmer täglich vier Franken Pachtzins bezahlen kann. Nein, mein Bester, das wahre Elend verbirgt sich, scheu und furchtsam, als ob Armuth ein Verbrechen wäre.“

„Und wo sind diese wahren Dulder zu finden? Sind es die Arbeiter der Faubourgs, die Soldaten der Commune, die Männer des socialen Umsturzes?“

„Die Lage der Ouvriers, der Arbeiter, läßt viel zu wünschen übrig – aber unter zehn Fällen vermag Einer doch neun Mal sich und die Seinen ehrlich durchzuschlagen. Gesunde fleißige Hände verdienen selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen so viel, daß von einer eigentlichen Noth nicht die Rede sein kann. Der Pariser Arbeiter würde sich sogar vortrefflich stehen, wenn er beispielsweise nicht mehr Bedürfnisse hätte, als der deutsche. Aber das ist eben der Fluch einer luxuriösen Stadt; die überfeinerten Lebensformen wirken allenthalben ansteckend, und so kommt es, daß sich allmählich zwischen Wollen und Können ein unversöhnlicher Zwiespalt ausbildet. Der französische Ouvrier beansprucht bei jeder Mahlzeit sein Dessert, so gut wie der Petit-Crevé des Boulevards; er gefällt sich in kostspieligen Liebschaften, ganz nach der Manier der großen Herren. Unter solchen Umständen muß er seine Löhnung natürlich knapp finden. Der fleißige sparsame Familienvater wird dagegen sein redliches Auskommen erzielen; als Arbeiter braucht er in keiner Beziehung zu ‚repräsentiren‘; seine tägliche Tracht ist die überaus billige Blouse; er wohnt ohne Rücksicht auf irgend welche gesellschaftliche Aeußerlichkeit, wo und wie er Lust hat; seine Frau, seine Kinder helfen mit verdienen, denn auch sie können thun und lassen, was ihnen behagt; kurz, der Ouvrier gehört, trotz aller Mangelhaftigkeit unserer socialen Zustände und unbeschadet seiner berechtigten Ansprüche auf Verbesserung, noch keineswegs zu den eigentlichen ‚Misérables‘. Nein, ich will Dir die eigentlichen Pariahs des modernen Paris nennen: es sind die unverheiratheten Arbeiterinnen und die Subalternbeamten! Von dem Elende, das diese beiden Kategorien von Unglücklichen zerwühlt und zermartert, macht sich unsre leichtfertige Welt, die nur nach dem Scheine urtheilt, keinen Begriff.“

Mein Freund drückte mir den Wunsch aus, etwas über die Lebensweise dieser modernen Sclaven zu erfahren, und so erzählte ich ihm denn, was ich wußte. Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht uninteressant, wenn ich das flüchtige Bild, das ich damals entwarf, an dieser Stelle nachzeichne – wo nicht, so hat er das souveraine Recht, die folgenden ohnehin düsteren Skizzen zu überschlagen.

Es mag wohl zwei Jahre her sein, da fuhr ich eines schönen Morgens auf der Omnibus-Impériale von Batignolles-Clichy nach den Weinhallen. Mein Nachbar zur Rechten war ein anständig gekleideter intelligent aussehender Mann in der Mitte der Dreißiger.

Sein blasses Gesicht war von einem wohlgepflegten dunkeln Vollbart umrahmt, der die fahle Nuance der Wangen noch auffälliger machte. Es lag Etwas wie ein unsagbarer geistiger Druck über der ganzen Erscheinung; ein Hauch von freudloser Seelenverfinsterung, vermischt mit einer unerquicklichen Resignation.

Der Mann interessirte mich. Nach wenigen Minuten hatte ich ein Gespräch mit ihm angeknüpft. Er war mittheilsamer, als ich erwartet hatte. Ich erfuhr, daß er Employé (Beamter) im Hôtel de Ville sei; daß er erst vor einem halben Jahre seinen Geburtsort – er nannte ein kleines Städtchen der Normandie – verlassen habe, um nach Paris überzusiedeln. Seine Stimme frappirte mich [678] fast noch mehr als sein Aeußeres. In ihrem seltsam zitternden Klange lag so viel geheimes Weh, so viel ungesprochene Sorge, daß ich alsbald mit dem ernsten, blassen Menschen ein aufrichtiges Mitleid empfand, ohne mir völlig darüber klar zu sein, inwiefern er eigentlich zu diesen Gefühlen berechtige.

Nach einer Fahrt von etwa zwanzig Minuten grüßte er mich auf’s Artigste und verschwand in der Nähe des St. Jacques-Thurmes. Ungefähr vier Wochen später begegnete ich ihm in dem Hausflur meiner Wohnung. Ich erkannte ihn augenblicklich wieder.

„Sieh da, Monsieur,“ sagte ich, „wie geht’s?“

„Ach, Sie sind es, Monsieur,“ erwiderte er lebhaft. „Ich glaube, wir sind jetzt Nachbarn.“

„Wohnen Sie hier im Hause?“

„Hinten im Hofbau, fünf Treppen hoch.“

„O dieses Paris! In einer biedern deutschen Stadt würde man sich längst einen Besuch abgestattet haben!“

Er erröthete.

„Meine Verhältnisse erlauben mir nicht, Jemanden bei mir zu sehen,“ stammelte er in augenscheinlicher Verlegenheit, „sonst würde ich …“

„I,“ versetzte ich lachend, „ich kann mir wohl denken, daß Sie da droben unter Ihrem Dache keine Metternich’schen Salons etablirt haben. … Was thut’s? Bei mir finden Sie auch keinen überschwenglichen Luxus.“

„Ich bin verheirathet,“ fuhr er fort, „und habe fünf Kinder. … Die Wohnung ist sehr, sehr beschränkt, – ich kann wirklich nur meinen allernächsten Freunden zumuthen …“

„Nun, so seien Sie außer Sorgen, ich will Sie nicht eher besuchen, als bis Sie mich direct dazu auffordern. Aber Sie können mir doch wenigstens die Ehre schenken. Wir haben damals auf der Omnibus-Imperiale so angenehm geplaudert, daß es mir ein ganz besonderes Vergnügen machen würde, Sie bei mir zu sehen. Die Visite engagirt Sie in keiner Richtung. Wenn es Ihnen in meinen vier Wänden nicht behagt, so sind Sie unbedingt ermächtigt …“

„O, Sie sind zu gütig. … Schön also! Demnächst werde ich an Ihre Thür pochen.“

Höflich grüßend eilte er an mir vorüber, ich aber sann den Tag hin und her, wie es da oben, fünf Treppen hoch, wohl aussehen möchte. … Ich sollte es früh genug erfahren.

Monsieur Edouard, so hieß der Employé, besuchte mich am folgenden Sonntag. Ich lud ihn ein, mit mir zu Abend zu essen, was er auf’s Entschiedenste ablehnte. Im Uebrigen schien er sich indessen sehr wohl bei mir zu fühlen. Die Sympathie, welche ich für ihn empfand, mochte meinem Benehmen gegen ihn etwas besonders Herzliches und Vertrauliches verleihen. Kurz, wir wurden bald gute Freunde, und ehe der zweite Monat verging, hatte Edouard sein anfangs so zurückhaltendes Wesen völlig verändert. Er machte mich mit seiner Familie bekannt; er enthüllte mir seine Verhältnisse mit der Offenheit eines Kindes, dem es eine Befriedigung gewährt, seinen Kummer ungehemmt ausschütten zu dürfen. Und Kummer war es im vollsten Sinne des Wortes, Kummer, Noth und Elend, was dieser unglücklichen Familie fast jede Secunde des Lebens verbitterte und schließlich ihren Untergang herbeiführte.

Edouard hatte zwölfhundert Franken Gehalt. Er wohnte so bescheiden als möglich; aber zweihundertundfünfzig Franken, das war doch das Wenigste, was er für Miethe in Abzug zu bringen hatte. Als Employé des Hôtel de Ville mußte er stets anständig gekleidet gehen; auch seine Frau durfte in dieser Beziehung nicht ganz und gar die Forderungen des Wohlstandes verletzen. Trotz aller Vorsicht, trotz aller Berechnung war es unmöglich, diesen wichtigen Posten unter die Höhe von hundertundachtzig Franken herabzudrücken. Machte mit der Wohnung in Summa vierhundertdreißig Franken. Setzen wir nun nach einem ungefähren Ueberschlag für Wäsche sechszig Franken an, für Feuerung achtzig, für Licht zwanzig, für die Kleidung und das Schuhwerk der Kinder achtzig, für Schulgeld vierzig, und für unvorhergesehene und nicht näher zu bezeichnende Ausgaben neunzig Franken, – Alles die fast unmöglichen Minima –, so blieben für den eigentlichen Lebensunterhalt von sieben Menschen vierhundert Franken übrig! Man sollte es für absolut unthunlich halten, daß eine Familie mit dieser armseligen Summe mehr bestreiten könnte, als die Nahrungskosten eines Quartals. Edouard und die Seinen mußten mit vierhundert Franken ein volles Jahr hindurch wirthschaften. „Aber fragt mich nur nicht wie!“ Das Herz blutet Einem bei diesem trostlosen, himmelschreienden Elend!

Ein Franken und zehn Centimes, – also noch nicht neun Silbergroschen täglich in einer Stadt wie Paris! Das war der langsame Hungertod in allerbester Form! In der That starb eines der unglücklichen Kinder noch in demselben Herbste – am Schleimfieber, wie die Mutter meinte, in Wahrheit aber aus Entkräftung.

Ich muß es Madame Edouard nachsagen, sie wußte das Verhungern der Ihrigen meisterhaft zu verzögern. Sie verstand es, die knurrenden Mägen doch wenigstens zweimal in der Woche zu befriedigen. Aber freilich, es waren seltsame Diners, die sie auftischte. Bald kochte sie zwei Pfund Weizenmehl mit Salz und Wasser zu einem zähen Brei, – eine Delicatesse, die bereits drei Viertel ihres täglichen Budgets erschöpfte. Das wurde dann Abends zur Hauptmahlzeit servirt, nachdem ein Theil zum Frühstück für den folgenden Tag bei Seite gestellt worden war. Dazu gab es mikroskopische Brodportionen, aber nicht einen Tropfen Wein, so unentbehrlich dieser billige Trank selbst den bescheidensten Ansprüchen erscheinen mag. Bald kaufte sie in den Markthallen verdorbene Fische und suchte die scheußliche Waare durch eine beizende Zwiebelbrühe weniger ungenießbar zu machen. Bald warf sie etwas Kohl in einen großen Kessel und bereitete eine „Suppe“, das heißt, sie sättigte ihre Familie mit Wasser, in welchem einige Blätter herumschwammen. Kurz es war im besten Falle ein sinnreiches Belügen der gebieterisch fordernden Natur, und heute noch ist es mir räthselhaft, wie es den Unglücklichen gelingen konnte, so lange den verheerenden Wirkungen der Entbehrung Widerstand zu leisten. Zwei der kleineren Kinder sind offenbar von Zeit zu Zeit wider Wissen der Eltern – betteln gegangen. … Paris ist groß und der Hunger thut weh. … Alle mütterlichen Moralpredigten, alle Grundsätze des Stolzes schmelzen vor dem quälenden Gefühl der Leere, das der junge Organismus, der da wachsen will, doppelt schmerzlich empfindet!

In Deutschland hätte Madame Edouard über ein kostbares Hülfsmittel verfügt, das ihr den grenzenlosen Jammer wenigstens um Einiges erleichtert hätte, – über die Kartoffeln. In Paris spielt dieses Hauptnahrungsmittel des deutschen Proletariats eine untergeordnete Rolle, weil es zu theuer ist. Auch das Brod hat nicht die gleiche Bedeutung wie in Deutschland. Mit Einem Worte, die Armen und Elenden von Paris sind die elendesten unter der Sonne!

Die Wohnung der Edouard’schen Familie bestand aus zwei Räumen: einem Zimmer und einer Küche, die indeß fast einem Verschlage glich. In diesem Zimmer befand sich ein Ameublement der dürftigsten Art: drei Betten, ein Tisch, sechs Stühle und ein Schrank aus Eichenholz; das war Alles! Hier waltete von früh bis spät Madame Edouard und nähte, strickte, flickte, bügelte und bürstete sich schier den Bast von den Fingern. Nur so war es möglich, die Garderobe der Familie mit den oben angedeuteten Auslagen zu bestreiten. Unter diesen Umständen konnte von einem Nebenverdienste der Frau natürlich nicht die Rede sein.

Aber – wird man fragen – hätte nicht vielleicht Monsieur Edouard in seinen Mußestunden …? Vollende nicht, grausamer Leser! Monsieur Edouard war von Morgens sechs bis Mittags Zwölf und von Nachmittags Eins bis Abends Sechs beschäftigt, um nach eingenommener Mahlzeit abermals in’s Joch gespannt zu werden. Manchmal kam er erst um halb Elf, Elf vom Bureau zurück. Nur Sonntag Nachmittags war er frei, aber so abgespannt, daß er diese Frist unbedingt seiner Erholung widmen mußte, wenn er nicht krank werden wollte!

Eines Tags kam Edouard zu mir auf’s Zimmer und bat mich mit zitternder Stimme um ein kleines Darlehn. … Seine Frau war seit drei Tagen bettlägerig. … Sie bedurfte der Pflege, der Medicamente, des ärztlichen Beistandes, … aber es waren keine hundert Sous mehr in der Haushaltungscasse vorräthig.

Nie hat mich eine ähnliche Bitte mehr erschüttert als diese. Es lag so viel Bescheidenheit, so viel Zartgefühl in der Art und Weise des unglücklichen Mannes, daß ich in diesem Augenblicke gewünscht hätte, über die Renten Rothschild’s zu verfügen, – nur um dem Aermsten ein paar Tausendpfundnoten zu Füßen legen zu können. Ich wußte wohl, daß Edouard, der seit Jahren mit dem Deficit rang, kaum jemals im Stande sein würde, ein [679] eventuelles Darlehn zurückzuzahlen; aber ich glaube, wenn ich Harpagon in Person gewesen wäre, ich hätte diesem bemitleidenswerthen Opfer unserer socialen Mißverhältnisse gegenüber nicht Nein gesagt. Eine beredtere Berufung an das menschliche Erbarmen, als Edouard’s trüben Blick, hätte selbst Thomas Hood, der Dichter des mark- und beinerschütternden „Song of the Shirt“, nicht erträumen können!

Dies ereignete sich im Juni 1870. Zwei Tage darauf trat ich eine Reise in die Schweiz an, wo ich von den gewaltigen politischen Begebnissen des Juli, unvorbereitet wie alle Welt, überrascht wurde. Ich sollte Edouard nicht wiedersehen. Bei meiner Rückkehr nach Paris fand ich seine Wittwe in den jammervollsten Verhältnissen. … Folgendes hatte sich inzwischen zugetragen:

Während der ersten Monate des Krieges ging das Leben der unglücklichen Familie seinen alten gewohnten traurigen Gang. Auch die Belagerung verschlimmerte ihre Lage nicht wesentlich. Die stillen Dulder waren ja von je an die härtesten Entbehrungen gewöhnt, und jetzt lieferte man ihnen die nothdürftigsten Lebensmittel, die sie aus eignem Vermögen nicht erschwingen konnten, gratis. Im März aber, als die Versailler Regierung vor einer anfangs leicht zu bewältigenden Emeute kopflos zurückwich und Paris dem Pöbel der Vorstädte preisgab, da stürzten so viele Verhältnisse über den Haufen, daß Edouard seinen Posten verlor und im buchstäblichen Sinne des Wortes brodlos wurde. Die Gutherzigkeit der Hausbewohner bewahrte ihn und die Seinen vor dem Aeußersten, und er nahm die freundlich gebotenen Unterstützungen dankbar entgegen, obgleich ihm das Bewußtsein, von der Gnade Anderer zu leben, wie Blei auf der ächzenden Seele lastete. …

Die Commune organisirte sich. Sie brauchte Beamten. Man gab es Monsieur Edouard an die Hand, sich zu melden. Er zögerte, aber der Hunger überwog. Mit hundertfünfzig Franken monatlicher Besoldung trat er in ein städtisches Bureau ein. Die Familie athmete auf. So glänzend war sie nie gestellt gewesen.

Aber der Traum war nur von kurzer Dauer. Die regulären Truppen schienen nach wochenlangem Geplänkel endlich Ernst machen zu sollen. Die Unhaltbarkeit der schon um ihrer Principien willen nicht lebensfähigen Commune ward von Tag zu Tag sichtbarer. Der grollende Donner der Versailler Geschütze schien den verblendeten Machthabern des Stadthauses ein nahes, unvermeidliches, furchtbares Ende zu weissagen. …

Die Maitage erfüllten diese Prophezeiung in ungeahnter Weise. Mord und Brand wütheten bestialisch durch die Straßen der riesigen Seinekönigin. Die Bataillone Mac Mahon’s, durch den zähen Widerstand der Föderirten erbittert, begingen himmelschreiende Grausamkeiten. Wehrlose Männer und Frauen wurden zu Tausenden ohne Urtheil und Recht füsilirt. Auch Edouard sollte seinen „Hochverrath“ mit dem Leben bezahlen. Irgend ein hämischer Schurke denuncirte ihn als Beamten und Helfer der Herren Pyat, Assy und Consorten. Eine Rotte betrunkener Musketiere drang in seine Wohnung, riß ihn aus den Armen seiner zitternden Familie und schleppte ihn an die nächste Hofmauer, wo er, von fünf Kugeln durchbohrt, seine Seele aushauchte. Sein Verbrechen bestand darin, daß er nicht gelernt hatte, zur größern Ehre des Herrn Thiers Hungers zu sterben. …

Wie viele ähnliche Opfer hat die Barbarei der Mac Mahon’schen Soldateska geschlachtet! Und wie viele Unglückliche vom Schlage Edouard’s gehen auch ohne das tödtliche Blei in Elend und Verzweiflung langsam zu Grunde! Wahrlich, die Arbeiter in einem Quecksilberbergwerke sind nicht mehr den nagenden Würmern der körperlichen und geistigen Vernichtung ausgesetzt, als die Pariser Subalternbeamten! Und Edouard gehörte noch zu denjenigen, die sich den Forderungen der äußeren Form mehr entziehen, als höheren Ortes eigentlich erwartet wird. Viele seiner Collegen halten darauf, wenigstens ein anständiges Empfangszimmer zu besitzen, und beschneiden auf diese Weise ihr Ernährungsbudget noch um sechszig oder siebenzig Franken!

Sollte man es für möglich halten, daß sich unter diesen Umständen gleichwohl bei einer neuerlichen Vacanz in einem der Municipalbureaux dreihundertneunundsiebenzig Bewerber, darunter neunundachtzig verheirathete, gemeldet haben? Das Gehalt der ausgeschriebenen Stelle betrug neunhundertfünfzig Franken jährlich – und dreihundertneunundsiebenzig Candidaten. O menschlicher Jammer!

Die Schilderung der Leiden einer „petite ouvrière“ – wie die Arbeitermädchen allgemein genannt werden – behalten wir uns für einen besondern Artikel vor.
Ernst Eckstein.




Blätter und Blüthen.


Eine geheimnißvolle Geschichte. Die Leser der Gartenlaube werden sich noch des Artikels über das Schatzamt in Washington in Nr. 24 dieses Jahrgangs erinnern. In demselben wird der unter seltsamen Umständen stattgehabte Verlust einer Million Dollars erwähnt, die im Schiffbruch des Dampfers Golden Rule verloren gingen, während ohne Gefahr nicht abzusetzende Sieben-Dreißiger Bonds wunderbar erhalten blieben. Im gegenwärtigen Augenblick, wo man den Dieben am Staatsgut in New-York stark zu Leibe rückt, haben amerikanische Blätter auch das geheimnißvolle Verschwinden jener Million wieder angeregt und ein Freund der Gartenlaube setzt uns in den Stand, die interessanten Details des Schiffbruchs der Golden Rule mitzutheilen.

Im Frühjahr 1865 erhielten die beiden Schatzamtsclerks Rufus Leighton und Victor Smith den Auftrag, 1,162,150 Dollars nach St. Francisco zu bringen, wie das häufig geschah. Um Diebe nicht in Versuchung zu führen, wurden solche Sendungen gewöhnlich geheim gehalten und außer den begleitenden Clerks und dem Capitain des nach Aspinwall fahrenden Schiffes sollte eigentlich Niemand etwas davon wissen. Um nicht die Aufmerksamkeit der Schiffsleute zu erregen, wurde die eiserne Kiste, in welcher sich die Summe in Papier befand, in eine gewöhnliche hölzerne gethan und in dieser Verkleidung an Bord des Dampfers Golden Rule gebracht, welcher der „Central-American-Transportation-Company“ gehörte und am 22. Mai von New-York nach Aspinwall abfahren sollte.

Die Kiste wurde von Capitain E. P. Dennis in Empfang genommen und in den hintern Bagageraum gestellt. Mehrere Tage vor der Abfahrt hintereinander erschien im Büreau der „Transportation-Company“ ein Mann, der sich sehr angelegentlich danach erkundigte, ob Herr Victor Smith mit dem Schiffe segle. Der Zufall wollte, daß derselbe einst im Büreau anwesend war, und ein Beamter sagte zu dem Fremden: „Dort ist Herr Smith“. Der Fremde stellte sich demselben als Herr Montgomery Gibbs vor, behauptete, daß er im Auftrage des Schatzamtes in Frankreich gewesen und im Begriff sei, in derselben Angelegenheit nach Californien zu reisen. Er fragte Herrn Smith, ob er auch hinreise, und freute sich, Gesellschaft zu haben.

Herr Smith hatte indessen nicht die geringste Lust, den Fremden zu seinem Vertrauten zu machen, dessen Aussehen ihm wenig Zutrauen einflößte, trotzdem er, nach Aussage einer Dame, wie ein Geistlicher aussah. Er war von mittlerer Größe, hatte eine stark gewölbte Brust, ein glatt rasirtes Gesicht und trug sein schlichtes blondes Haar hinter die Ohren zurückgestrichen. Sein Blick hatte jedoch etwa Gespanntes, Lauerndes. Er sah aus, als ob er entweder etwas verbergen oder etwas auskundschaften wolle; ein Blick, den man übrigens nicht selten bei Leuten findet, welche Theologie studirt und übrigens sonst nicht Böses begangen oder im Sinne haben.

Am Bord der Golden Rule befanden sich sechshundertachtzig Menschen, unter denen hundertachtzig Frauen und Kinder waren. Alle konnten jedoch Herrn Gibbs wegen dieses pfäffischen Blickes nicht leiden, mit Ausnahme des Capitains und eines verdächtigen Individuums, welches sich unter dem falschen Namen Walker an Bord geschmuggelt hatte und welches wunderbarer Weise Kenntniß von der Anwesenheit der Geldkiste besaß, da es darüber mit Herrn Smith einen Streit hatte.

Die Golden Rule hatte gleich beim Auslaufen ein Unglück. Ein kleiner Dampfer rannte derart in ihren linken Räderkasten, daß das Schiff einige Tage liegen bleiben mußte, bis der Schaden ausgebessert war.

Capitain Dennis überließ die Sorge für das Schiff und Passagiere seinen Lieutenants Pendleton und Reed und trank und amüsirte sich mit Herrn Gibbs und Walker und einigen leichtfertigen Frauenzimmern, von denen eine große Menge an Bord waren.

Am 29. Mai war der Geburtstag des Capitains. Zu Ehren des Tages wurde ein prächtiges Diner aufgetragen und nach dem Thee auf dem Deck getanzt. Die Abendstunden vergingen mit Unterhaltungen aller Art, wie gewöhnlich an Bord eines Schiffes auf längerer Fahrt, und Alle gingen zu Bett, ohne zu ahnen, was bevorstand.

Die Nacht war finster und nebelig und um Mitternacht fing es an zu regnen. Um drei Uhr Morgens rief Pendleton den Capitain; dieser fragte, was es für Wetter sei.

Der Lieutenant sagte: „Dick, unklar und nebelig.“

Der Capitain erwiderte: „Seht aus nach Brandung auf der Starbordseite und ruft mich um fünf Uhr!“

In der That sah der Lieutenant bald die Brandung in einer Entfernung von einer englischen Meile. Er zog sogleich die Glocke, um das Zeichen zum Halten zu geben, und befahl dann zurückzugehen. Das war kaum geschehen, als das Schiff auf ein Riff lief, aber in Folge des Rückwärtsgehens geschah dies so leicht, daß man es, der Aussage Pendleton’s nach, kaum fühlte. Der Stoß muß doch nicht so ganz leicht gewesen sein, denn kaum hatte er stattgefunden, so erschienen auch – als hätten sie darauf gewartet – der Capitain in Hemd und Unterhosen und ebenso Herr Gibbs. [680] Beide verschwanden wieder zu gleicher Zeit und kehrten in etwa fünf Minuten angezogen zurück.

Sobald sich im Schiffe die Nachricht verbreitete, daß dasselbe aufgelaufen sei, entstand ein gräßlicher Lärm. Alles rannte schreiend, weinend, betend oder fluchend durcheinander, und der Schrecken wurde noch erhöht durch das Benehmen des Capitains, der gänzlich den Kopf verloren hatte. Er warf sich in die Arme des Obermaschinenmeisters Slote und heulte und schluchzte wie ein kleines Kind.

Der erste Lieutenant hielt es für möglich, das Schiff zurückzubringen, da es nur angestoßen hatte und nicht aufgelaufen war; allein auch er gab die Hoffnung auf, als gemeldet wurde, daß im untersten Raume ein Leck sei, so groß „wie der Leib eines Pferdes“. Das Schiff schwenkte übrigens herum und legte sich mit der Breitseite gegen das Riff, so daß Hoffnung war, es werde halten, bis ein Floß gebaut sei, wenn kein Sturm kam. Unter der Leitung der drei Officiere wurde sogleich mit dem Bau eines Floßes begonnen, wobei die ganze Mannschaft willig Hand anlegte.

Die Lage des Riffes Roncador war wohl bekannt und ebenso daß in diesem Theil eine Strömung nach Nordwesten stattfand, welche es durchaus nöthig machte, sechs bis acht Meilen vom Riff vorbeizusteuern; allein der Capitain blieb nur etwa drei Meilen ab und mußte demnach gerade auf das Riff getrieben werden.

Um neun Uhr Morgens fuhr Pendleton mit sechs Mann in einem kleinen Boote nach Providence-Island, welches etwa achtzig englische Meilen entfernt ist, um Hülfe zu holen, und als man später einige Meilen wirklich Land zu sehen glaubte, ging auch Reed um drei Uhr Nachmittags ab zu recognosciren. Er kehrte gegen Abend mit der freudigen Nachricht zurück, daß er Land gefunden, und ungeheurer Jubel unter den armen Leuten an Bord folgte der Verzweiflung.

Es war heller Mondschein, als das Floß gegen acht Uhr vollendet war und Anstalt gemacht wurde, die Passagiere nach der kleinen Insel hinüberzuschaffen, zuerst natürlich Frauen und Kinder. Die letzten derselben kamen um drei Uhr des nächsten Nachmittages an, die letzten Männer erst vierundzwanzig Stunden später.

Die Lage der armen Schiffbrüchigen war schrecklich. Es regnete, was es konnte, und auf der kleinen, etwa fünfundzwanzig Morgen haltenden Insel war kein Schutz. Die Frauen saßen trostlos im Sande und hatten ihre Kinder an sich gedrückt, die vor Angst, Nässe und Hunger weinten. Die Insel erhob sich nur wenige Fuß über die See und trug nichts als ein der Petersilie ähnliches Kraut; allein glücklicher Weise nistete hier eine große Menge Seevögel, welche Menschen nicht kannten und sich nicht fürchteten, sondern auf ihren Nestern sitzen blieben und sich von den Kindern streicheln ließen. Die Eier, die man roh aß, gewährten wenigstens einige Nahrung, allein das Fleisch der Vögel war fast ungenießbar.

Allmählich brachte man indessen Lebensmittel und Material zu Zelten von dem Wrack; allein der Capitain wollte Niemandem erlauben, nach der Bagage zu sehen. Er, Herr Gibbs und einige Personen, welche der Letztere bezeichnete, nahmen den Bagage-Raum – in welchem sich auch die Geldkiste befand – unter ihre specielle Aufsicht, und nicht einmal die beiden Schatzamt-Clerks erhielten Erlaubniß hineinzugehen, obwohl das noch sieben Tage lang möglich war. Endlich am achten Tage setzte es Smith durch, mit einigen Arbeitern die Rettung der Geldkiste versuchen zu dürfen, allein ehe sie noch das Geringste hatten thun können, befahl ihnen der Capitain barsch abzulassen. Am folgenden Tage blieb Smith mit den Arbeitern auf dem Floß, in der Hoffnung, vom Capitain Erlaubniß zu erhalten, ihre Arbeit fortzusetzen; allein in der Nacht peitschte ein starker Wind die See zur Wuth. Die ganze Seite der Golden Rule brach ein, und nun war alle Hoffnung verloren, das Geld und die Bagage zu retten. Man erbeutete indessen einige Koffer und fand, – daß alles Geld daraus verschwunden war. Auch den von Gibbs rettete man, und man fand in demselben das Silberzeug des Schiffes.

Endlich am 8. Juni kamen zwei Schooner von Musquito-Bay, wohin Pendleton in seinem offnen Boot verschlagen war. Alle Mannschaft und Passagiere wurden eingeschifft, aber Herr Smith blieb allein auf dem Riff und schrieb von dort den Brief an den Minister Mac Culloch, den ich früher erwähnte und im Namen desselben beantwortete. Der brave Beamte schickte seine Frau und Kinder, die er bei sich hatte, nach St. Francisco und blieb vierzehn Tage lang allein auf dem Riff, bis Hülfe von Aspinwall kam und er seine Versuche, die Geldkiste zu finden, fortsetzen konnte.

Das Erste, was man fand, waren siebenundzwanzig Pakete mit Bonds, die auf die Namen von Personen in Francisco, oder Firmen zahlbar gemacht waren, also nicht ohne deren Endossement verkauft werden konnten. Aus einem derselben fehlten zwei Fünfhundert-Dollarnoten, endlich fand man auch die Geldkiste; sie war offen und sämmtliche au porteur zahlbare Cassenanweisungen, zusammen eine Million, waren verschwunden! – Die zerbrochene Kiste wurde auf Befehl des Finanzministers nach Washington geschickt, – wohin sie nie gelangte. Sie war an D. W. Gray comp. in Baltimore adressirt und wurde auf dem Schooner „Virginia“ dorthin geschickt. Sie kam nicht nach Baltimore. Der Capitain des Schiffes sagte, er habe sie bei einem Sturm in der Chesapeak-Bay, um das Schiff zu erleichtern, über Bord werfen müssen.

Der brave Victor Smith verließ Fort Roncador erst am 8. Juli und kam so krank von all den Anstrengungen in St. Francisco an, daß er seinen Bericht nicht machen konnte, sondern denselben aufschob, bis er von einer Reise nach Oregon zurückgekehrt sein würde, wohin er in dem Schiffe „Brother Jonathan“ segelte, welches mit ihm zu Grunde ging.

Auf Veranlassung des Unter-Schatzmeisters Cheeseman in St. Francisco, der mit Smith eine Unterredung hatte in Bezug auf das Verschwinden der Million, wurde ein Beamter der Detectiv-Polizei dem Capitain Dennis auf die Fährte gesetzt; allein gar bald mußte man einen andern Beamten senden, welcher seinen Cameraden, Namens Girvan, und Dennis beobachtete. Dies führte zur Arrestation Girvan’s, allein es scheint, daß derselbe sich mit seinem alten Cameraden abfand. Geld hatte der früher ganz arme Mann, denn er erwarb im Namen seines Sohnes eine Farm für zwanzigtausend Dollars ganz in der Nähe einer andern, welche Capitain Dennis kaufte, nicht weit von Ellicot’s Mills in Maryland, er hatte sein Vermögen durch Speculationen erworben und Girvan hatte Geld durch Hopfenhandel verdient, – sagten sie.

Gibbs ging nach Paris, wo er herrlich und in Freuden lebte und von wo er, erzählt man, kostbare Geschenke an Beamte im Schatzamt sandte, deren Agent er in der ganzen Geschichte gewesen sein soll. Das würde es allerdings erklären, daß alle Versuche, die Diebe aufzufinden, fruchtlos blieben; der Controller des Schatzamts, Herr R. W. Taylor, behauptet jedoch, daß das Geld nicht gestohlen, sondern ehrlich und rechtschaffen ertrunken sei. Warum allein die Noten au porteur ertranken und die Sieben-Dreißiger Bonds nicht, – darüber bleibt er den Aufschluß schuldig. Auch sagt er, daß die offene Geldkiste im Schatzamt von Washington angekommen und von dem Ober-Maschinisten untersucht worden sei und daß derselbe erklärt habe, die Kiste sei durch keine Instrumente geöffnet worden, – wenigstens könne das nicht bewiesen werden. –

Ich war damals im Schatzamt und wundere mich nur, daß ich von der Ankunft der Kiste nichts hörte, obwohl das schon möglich ist. Jedenfalls ist in dieser Geschichte nicht alles klar und die öffentliche Meinung spricht sich dahin aus, daß Capitain Dennis, den Gibbs ganz beherrschte, das Schiff absichtlich auf das Riff laufen ließ, entweder um den Raub zu begehen, oder den bereits vorher vielleicht schon in New-York begangenen Raub zu verdecken.

Dennis lebt in menschenscheuer Abgeschiedenheit und verkehrt außerhalb seines Hauses mit Niemand. Hin und wieder erscheinen in der Gegend verdächtige Gestalten, die mit dem Capitain verhandeln, oder doch den Versuch machen es zu thun, was nicht oft gelingt, da er sich verleugnen läßt. Man meint, daß diese Personen Mitwissende sind, welche ihre Kenntniß dazu benutzen, ihn auszupressen.

Von einem Montgomery Gibbs wollte man nichts im Schatzamt wissen. – Da haben die Romanschriftsteller einen Stoff, wie sie ihn sich nicht besser wünschen können.
Corvin.

„Aus der Jugendzeit!“ Das war in dem fröhlichen Jahr 1836, wo man den Vierunddreißiger so gern trank. Da hatten sich unterschiedliche Cadetten im Darmstädter Hofe zu Rüdesheim am Rhein zusammengefunden und genossen die liebe Gottesgabe mit großer Entschiedenheit. Während sie mitten im Treiben waren, trat auch ein Referendar heran, ein junger schlanker Mann, dem die muntere Gesellschaft gefiel und der deshalb sich die Anfrage erlaubte, ob er sich ihr anschließen dürfe. Bereitwilligst wurde das angenommen, und der neue Mann war nicht der schlechteste Trinker unter ihnen.

So zechte denn die wackere Runde und ließ die richtigen Lieder dazu erschallen, bis die Köpfe heiß waren und die Sehnsucht nach den „Bettzipfeln“ ihr Recht behauptete. Alle schlichen zufrieden dem dienstbaren Geist mit dem Leuchter zu den Schlafstätten nach, nur Einer war anderer Meinung als Alle, und das war der lange Referendar. Dieser behauptete, daß jetzt ein kühles Bad im freien deutschen Rhein angezeigt sei, und er spannte alle Segel eines unbeuglichen Willens auf, seinen Zweck zu erreichen, wie eifrig auch der Nüchternste von der Gesellschaft sich dagegen sperrte. Es begreift’s kein Mensch, wie das zuging, daß, während man den Badeschwärmer endlich in seinem Zimmer beruhigt glaubte, derselbe plötzlich durch ein Fenster in der untern Etage entschlüpfte, und zwar in einem so leichten Costüme, wie es sich für einen schickt, der in’s Bad gehen will. Allein ebenso rasch sprang der Nüchterne ihm nach, Beide kamen fast zugleich auf den Kähnen am Ufer an und jagten sich nun von Kahn zu Kahn, der Schlanke zwar immer voraus, aber der Nüchterne wacker hintennach. Ohne Schreien, Fluchen, Lachen und Krachen ist das natürlich nicht abgegangen, und so kam wirklich der Nachtwächter herbei und machte der Sache ein Ende. Der Schlanke mußte durch dasselbe Fenster wieder zurückwandern, zu dem er herausgesprungen war. Die Hatz mag die Stelle des gewünschten Bades ersetzt haben, Alles streckte die Glieder und Rüdesheim war ruhig.

Am andern Morgen fuhr die Gesellschaft von Rüdesheim nach Bingen, und da verrieth der Herr Referendar noch einen so grimmigen innern Brand, daß er auf der ganzen Fahrt fortwährend mit der hohlen Hand Rheinwasser schöpfte und zur Kühlung trank.

So erzählte der alte Wirth mir die Geschichte. Und was ist denn Besonderes daran? Dasselbe kann ja schon Tausenden an dem weinseligen Rhein widerfahren sein. Ja, der Unterschied liegt in den Personen selbst. Von Hinz und Kunz wird’s leicht vergessen; ganz anders sehen wir’s an, wenn wir erfahren, daß der Nüchterne noch heute als Oberst Sterzing in Wiesbaden lebt, und auch der Referendar hat später noch einigermaßen von sich reden gemacht, denn es ist kein Anderer gewesen, als Fürst Bismarck.


Warnung. Herr A. Kilian in Neuwied zeigte in den der Gartenlaube beiliegenden Annoncen, die mit der Gartenlaube selber natürlich in keiner Verbindung stehen, eine Flohfangmaschine unter dem Titel „Attrape-Puces à Caire“ – „dieses im Orient so beliebte Damengeschenk“ an, Preis 15 Ngr. mit Postnachnahme.

Ich ließ mir, um diesem Schwindel auf die Spur zu kommen, eine schicken – kostete mit Postnachnahme 21 Ngr. und enthielt: eine kleine durchlöcherte lackirte Blechbüchse, mit einem Holzzapfen darin, die recht gut – mit dem daranhängenden seidenen Band für 3 Ngr. herzustellen ist.

Neben dem Blech lag eine Gebrauchsanweisung: Flohfangmaschine à 15 Ngr., Fangtinctur direct aus Cairo bezogen à Flacon 10 Ngr.

Das Flacon folgte aber nicht bei, sondern man müßte es jedenfalls noch apart wieder mit Postnachnahme verschreiben, und erhielte dann für 10 Ngr. ein Fläschchen Quassia-Extract, das für einen Groschen herzustellen ist – mit dem wird dann der Holzzapfen bestrichen und daran sollen sich die Flöhe fangen. Hoffentlich läßt sich das Publicum von diesem Schwindel nicht fangen.
Friedr. Gerstäcker.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Eine neue Skizze aus der Feder des Herrn K. de C. in Holland, der, wie unsern Lesern aus dem vorigen Jahrgang bekannt ist, gegen dreißig Jahre in Java lebte und daselbst in verschiedenen Provinzen die Stelle eines Gouverneurs bekleidete. D. Red.