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Die Gartenlaube (1871)/Heft 10

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 10.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Zuwider-Wurzen.
Eine Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Das Tagwerk war beendet; Martl saß allein unter dem offenen Vordache auf der Herdbank, neben sich seine Cither, zur anderen Seite auf dem Herde die eiserne Pfanne, in welcher heißes Schmalz prasselte, um sich mit grobem Mehl zum derben Schmarren zu formen, der einzigen selbstbereiteten Nahrung des Holzarbeiters. Martl hatte auf keines von beiden Acht; er starrte gerade vor sich hin in die unendliche Landschaft hinaus, welche wie ein Garten Gottes im Glorienschein des Abends sich vor ihm ausbreitete. Die Sonne war eben ferne am Horizont untergetaucht, der einsame Peissenberg hob sein verdunkelndes Haupt in den rothglühenden Abendhimmel empor, während die Ebene mit ihren verschwimmenden Linien, vom Widerschein desselben umwallt, wie im rothen Feuergewande prangte, an welchem hie und da gleich einem schimmernden Bande ein Fluß aufblitzte und gleich eingesetzten riesigen Kleinodien die Wasserbecken des Würm- und Ammersees leuchteten. Kein Laut drang herauf; auch waltete ringsum das tiefste Schweigen. Die Mondsichel selbst schien nur vorsichtig über einem fernen schwarzen Waldsaume hervorzuschlüpfen, und ein Lämmergeier strich gegen den Felsgrat der Benedictenwand hin, majestätisch langsamen Fluges und den gewohnten heiseren Schrei anhaltend, als scheue er sich, die feierlichen Abendgedanken der entschlummernden Schöpfung zu stören. Die Augen des Burschen hingen wohl an der Gegend; dennoch war sein Sinn nicht bei derselben, und in der einsamen Stille des Sommerabends umtönte ihn der fröhliche Lärm eines vor nicht langer Zeit erlebten Frühlingsmorgens, der – er wußte selbst nicht, wie das kam – immer wieder in ihm auftauchte und, wenn er auch tagüber vor der Arbeit floh, ihm jeden Augenblick der Ruhe und des Alleinseins ausfüllte. Er schalt sich selbst darüber aus; hundertmal hatte er sich gelobt, sich das Bild aus dem Sinn zu schlagen, aber der Vorsatz war wie kranker Schnee im März, der beim ersten warmen Anhauch schmilzt und dann verräth, daß die Blumen, die man unter ihm erfroren geglaubt, still fortgekeimt sind und plötzlich in voller Blüthe stehen. Wohl hatte er sich allerlei vorgenommen, was er mit dem Gelde unternehmen wolle, das ihm der Förster von Altlach auszuzahlen hatte; er wollte in die Stadt, nach München, gehen und die gerühmten Freuden und Herrlichkeiten derselben von Grund aus kennen lernen, an denen er immer nur im Fluge vorbeistreifen konnte, wenn er mit einem Floße von Tölz heruntergefahren, und Tags darauf, wenn das Floß verkauft war, mit dem vollen Geldgurt um den Leib und dem Beil über dem Rücken wieder zu Fuß in die Berge hineingewandert war. Aber es war ihm auch mit diesen Vorsätzen sonderbar ergangen! Als die schwer erworbenen fünfzig Guldenstücke blank auf dem Tische lagen und funkelten, daß seine alte Mutter sich nicht mehr verwußte vor Freude über die Pracht und den Reichthum, hatte ihn Anblick und Besitz des mit so vieler Mühe erstrebten Schatzes ganz kalt gelassen.

„Heb’s auf, Mutter, und haus’ damit!“ hatte er gesagt, und wie der Förster erzählte, daß er wieder einen Arbeiter suche, daß es abermals gelte, einen großen Schlag auf dem Rabenkopf auszuführen, da waren im Augenblicke alle Pläne und alle Freude, die er von ihnen erwartet hatte, vergessen; ehe er sich kaum recht besonnen, hatte er dem Förster abermals die Hand und mit ihr die Zusage gegeben und sich wieder für den ganzen Sommer verdungen – es war ihm zu Muthe, als tauge er nicht unter die Leute und habe es dringend nothwendig, allein zu sein.

Das hochaufspritzende Schmalz weckte ihn endlich aus seinen Gedanken. „Oho!“ rief er aufspringend, indem er die Pfanne vom Feuer hob. „Am End’ geht mir über dem dummen Sinnir’n die ganze Hütt’n in Rauch auf. Ich bin ein rechter Narr, daß ich mir die Geschicht’ nicht aus’m Sinn schlagen kann und alleweil an das Madel denken muß. Weiß Gott, sie hat mir’s nicht darnach g’macht – sie ist grob mit mir gewesen und unfreundlich, und verdient’s nit, daß ich nur einen Augenblick an sie denk’ … Na, an der Unfreundlichkeit und Grobheit,“ setzte er dann leiser hinzu, „hab’ ich’s freilich auch nit fehlen lassen – aber was ist’s denn weiter? Sie hat auf jeden Fall angefangen und wie man in den Wald schreit, hallt’s zurück, das ist ein altes Wort, und auf einen groben Klotz g’hört ein grober Keil!“

Durch diese Erwägung beruhigt ging er wieder an sein Geschäft, stürzte den Inhalt der Pfanne auf einen an der Herdecke stehenden Holzteller und machte sich zum Essen bereit; er kam aber nicht dazu. Der Schmarren dampfte und duftete vergebens; Martl saß daneben, den Leib vorgebeugt, die Hände um die aufgezogenen Kniee schlingend, und lauschte mit gesenktem Kopfe dem stillen Selbstgespräche, das in seinem Innern noch immer kein Ende fand. Die Entschuldigung, mit der er sich zuerst beschwichtigt hatte, wollte nicht lange nachhalten; er sagte sich, daß es ein Mädchen war, das ihm so unfreundlich begegnete, und mit dem er als Mann es [158] nicht so streng hätte nehmen sollen! Konnte er doch nicht wissen, welchen Kummer oder Verdruß sie vielleicht gerade an diesem Morgen gehabt, und hatte er doch schon oft genug an sich selbst erfahren, daß man in unguter Stunde die Worte eben nicht auf die Goldwage legt. Und hatte das Mädchen denn so Unrecht, wenn sie ihn für einen zudringlichen Bettler oder Vagabunden hielt? Gab es doch derlei Leute hie und da im Lande, und mußte er nicht sich selbst gestehen, daß sein Anzug und sein ganzes Aussehen wohl darnach gewesen, um ihn mit Einem von diesem Gelichter zu verwechseln? Das war allerdings vollkommen einleuchtend; wenn er aber dann mit sich selber darüber grollte, weil er sich wegen der Dirne so sehr vom Aerger hatte hinreißen lassen, so bedurfte es nur einer zufälligen Bewegung, die seine Hand nach Brust oder Hals führte, so war das übergenug, um den Groll wieder von sich auf das Mädchen abzuleiten. Um den Hals hing an einer starken Schnur ein kleines Lederbeutelchen herab, welches nach hinten geschlossen, nach vorn aber offen eine kleine Geldmünze erkennen ließ und wie ein Kleinod verwahrt hielt – es war der verhängnißvolle Sechser vom Jachenauer Bocktanz. Wenn er diesen berührte, kam, wie losbrechendes Wildwasser, der alte Grimm über ihn. Krampfhaft faßte und hielt er die sonderbare Medaille, mit dem alten Unmuth kamen auch die alten Gedanken wieder und das alte beim Umhängen und Fassen des Sechsers gemachte Gelöbniß, nicht zu ruhen, bis er Gelegenheit gefunden, sich für den Schimpf und Spott, der ihm angethan worden, volle Genugthuung zu schaffen.

Er zerdrückte eben einen halblauten Fluch zwischen den Zähnen, als ein Geräusch wie das Rieseln von abbröckelndem Gestein ihn abermals aus seinem Brüten aufstörte. Er horchte auf und wollte eben aus der Hütte eilen, um nachzusehen, ob nicht etwa von der Felswand, an die sie sich lehnte, ein Stein sich zu lösen beginne und ihr Gefahr drohe. Er kam aber nicht bis an den Ausgang, denn das Geräusch ging, immer stärker und stärker werdend, in das eines Falles über. Halb stürzend, halb springend, kam ein Mann über die Felswand herunter, ihm bis fast vor die Füße getaumelt.

„Holla, was giebt’s da?“ rief Martl zurückspringend und streckte den Arm aus, um das an der Wand hängende Beil zu ergreifen, unterließ es aber, denn trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte er, daß von dem Manne, waffenlos, verrissen und von dem Falle geschunden, wie er war, eine Gefahr nicht zu befürchten war, obwohl er mit dem wirren grauen Bart und Haar und dem verwitterten Gesicht keinen sehr freundlichen Anblick bot.

„Laß Dein’ Hacken hängen!“ keuchte der Mann in einer Mundart, welche die Nähe der Tiroler Grenze verrieth. „Ich hab’ kein Arg’s im Sinn. Ich bin nur so viel müd’ und hab’ mich nit mehr halten können auf dem steilen Weg! Gieb mir ein’ Bissen zu essen! Ich bin ganz hin vor Hunger und verschmacht’ beinah’ vor Durst.“

„Das kannst hab’n,“ entgegnete Martl; „dort steht noch meine ganze Mahlzeit. Laß Dir’s schmecken! Ein Glasl Kranawitter (Wachholder) wird’s auch noch leiden.“

Während der Fremde heißhungrig über den Holzteller herfiel, war Martl in die Kammer getreten, hatte von dem Gesimsbrette eine Flasche heruntergeholt und das einzige Glas gefüllt, das in der Hütte zu sehen war. „Da trink’!“ sagte er heraustretend. „Wer bist, Mann? Wo kommst her und zuwegen was bist so erlegt?“

„Wer werd’ ich sein?“ sagte der Mann, nachdem er das Glas ausgestürzt. „Ein armer Teufel bin ich halt … hab’ mir ein paar Groschen verdienen wollen und hab’ mich vom Teufel blenden lassen, ein Bissl Tabak und andere Waar’ aus Tirol über die Grenz’ herüber zu tragen! Da haben mich die Grenzjäger erwischt, mit genauer Noth hab’ ich den Pack noch weggeworfen und hab’ mich in die Felsen g’flücht’t; aber ich bin nit bekannt in der Gegend und so hab’ ich mich verstiegen und bin schon den ganzen Tag in der Irr’ herumgekrapelt und hätt’ zu Grund’ gehen müssen, wenn ich nit zuletzt das Rinnsal von ein’ Wildwasser g’funden hätt’! Dem bin ich nachgangen, und so bin ich zu Dir ’kommen und bin froh, daß ich mir nit den Hals gebrochen hab’. Aber wo bin ich denn eigentlich?“ unterbrach er sich dann, indem er während des Essens mit scheuem Blicke um sich sah.

„Wo wirst sein?“ erwiderte Martl. „Wenn Du über’n Berg hinunterkommst, bist in der Jachenau. Dort kannst ausrasten und über Nacht bleiben. Wird Dich wohl nit g’rad’ Einer von dene Grenzjäger aufgehen, und morgen kannst nachher schauen, wie Du ’nüberkommst nach Wallgau oder Mittenwald zu.“

„Dank’ schön, Camerad!“ sagte der Bursche. „Aber ich hab’ kein Zeit … will schon lieber heut noch hinunter in die Jachenau. Da bin ich nit zum ersten Mal; ich kenn’ die Weg’ und will heut’ noch hinaus bis an die Wegscheid’; morgen werd’ ich mich schon durchschleichen durch die Riß und in mein Heimathl hinein!“

„Wie Du willst,“ entgegnete Martl, indem er den Burschen seitwärts etwas schärfer in’s Auge faßte. „Ich werd’ Dich nit aufhalten. Kannst gar nit fehlen; geh’ nur dem Waldweg nach, bis Du zu einer Kohlhütt’n kommst! Die liegt gleich unten, ein’ Büchsenschuß weit, wo die Holzriß ist. Kannst auch gleich auf der abfahren, wenn Du’s gar so eilig hast und wenn Du Schneid’ hast.“

„B’hüt’ Gott!“ sagte der Bursche, indem er das noch einmal gefüllte Glas leerte und sich aufrichtete. „Ich dank’ Dir schön für Dein’ Unterstand, Holzknecht! Wenn ich einmal kann, werd’ ich Dir’s vergelten.“ Damit sprang er bei Seite und war im Augenblick gleich einem Thiere in den Gebüschen verschwunden, deren Schwanken und Knicken den auch jetzt so ungewöhnlichen Weg verrieth, den er nahm.

„Ich brauch’ Dein’ Dank nit,“ rief ihm Martl nach. „Ist Dir geschenkt; will keine Abraitung mit Dir haben! Das ist einmal ein besonderer Bursch,“ sagte er dann kopfschüttelnd. „Ich mein’ alleweil’, ich kann’s errathen, was das für eine Waar’ ist, die der von Tirol ’rübertragen hat.“

Martl hatte während dessen das Eßgeschirr bei Seite geräumt und gewahrte darüber einen Mann, der aus dem Waldabhang hervorgekommen war, nicht eher, als bis er neben ihm stand. Der grobe Zwilch des Hemdes, das Martl’s kräftige Schultern und Arme bedeckte, ließ an Aussehen und Farbe erkennen, daß die Sonne manchen heißen Tages darauf herniedergebrannt hatte; dennoch glich er noch frischgefallenem Schnee, gegen das Hemd und die Zwilchhose gehalten, ist denen der Ankommende steckte.

„Grüß’ Gott!“ sagte derselbe, indem er sich ohne Weiteres wie ein guter Bekannter auf den Herdrand setzte. „Mein Meiler brennt; ich laß ihn ein Stündl allein rauchen und hab’ meinem Buben gesagt, daß er darauf Obacht geben soll. Ich will ein Bissel zu Dir in Heimgarten kommen; es ist so schön bei Dir heroben. Drunten unter meinen Buchen ist’s beinah’ schon völlig Nacht … Hast schon Besuch gehabt, soviel ich gesehen hab’,“ fuhr er fort. „Ich hab’ ihn unter den Bäumen gegen mich herkommen sehen und hab’ ihn angeschrieen, weil ich gemeint hab’, es wär’ der Forstgehülfe von der Jachenau. Da ist er umgeschlagen wie ein Fuchs, in den Wald hinein und nachher über die Riß ’nunter, als wenn er auf einem Schneeschlitten säß’.“

Ehe Martl antworten und die Sache erklären konnte, wurden abermals Schritte hörbar, und bald darauf kam ein dritter Gast an der entgegengesetzten Seite um die Felsecke hervor, auf welcher ein schmaler Steig zu den Höhen hinaufführte, auf denen die Grasmatten und Almweiden sich ausbreiten, mit Sennhütten bestreut und umkränzt von den Felswänden, auf denen die Gemsen hausen. Der Waidsack auf dem Rücken des Mannes ließ in dem Ankömmling ebenso wie die Doppelbüchse und die graue Joppe mit grünem Kragen den Jäger erkennen. Es war ein hochaufgeschossener, stattlicher Bursche, dessen ganze Erscheinung auf Kraft und Ausdauer schließen ließ; beide aber schienen ihn nahezu völlig verlassen zu haben; denn mit einbrechenden Knieen und das Gewehr nach sich schleifend, schleppte er sich mühsam gegen die Holzhütte hin.

„Ja, seid Ihr’s denn Herr Forstgehülf’?“ rief Martl, indem er aufsprang und ihm mit dem Kohlenbrenner entgegeneilte. „Ihr seid ja völlig erlegt! Was ist Euch denn passirt?“

„Es ist nichts Besonderes,“ entgegnete schwer athmend der Jäger, indem er, von Beiden geleitet, nach der Hütte wankte. „Auf einmal haben meine Füß’ ausgelassen, und wenn die Hütte noch hundert Schritt’ weit gewesen wär’, hätt’ ich’s nimmer machen können. Gieb mir nur einen Trunk Wasser, Martl, und laß mich sitzen; dann werd’ ich mich wohl bald wieder zusammenklauben!“

„Aber was hat’s denn gegeben?“ rief Martl wieder, nachdem er mit einer Schüssel aus der Quelle geschöpft, welche nebenan über die Felsen heruntergetröpfelt kam und am Fuße derselben sich in einen kleinen Tümpel sammelte. „Jetz’ seh’ ich’s erst, das Blut ist Euch unter’m Hut heruntergelaufen und auf dem ganzen Gesicht und am Gewand eingedorrt.“ …

[159] Der Jäger trank, athmete dann tief auf und lehnte sich, so bequem es anging, auf der Holzbank zurecht. „Das macht nix,“ sagte er dann, „das geht für einen kleinen Aderlaß hin. Ich hab’ heut’ in der Früh’ einen Raubschützen versprengt, der einen Prachtbock auf dem Rücken getragen hat. Ich hab’ ihn angeschrieen, aber er ist fort und in’s Gewandt hineingesprungen, als wenn er selber ein Gemsbock wär’, ich alleweil hinter ihm drein! Wie er gespürt hat, daß ich nit auslass’ und daß das Springen nix hilft, hat er den Bock weggeworfen, aber zutiefst in eine Kluft hinein, wo er sich ganz zerfallen hat müssen und keinem Menschen was nützt! Drauf, wie der Blitz hat er sich umgedreht, und eh’ ich mich hab’ ducken können, hat mir seine Kugel schon den Hut vom Kopf geschlagen; die Haar’ haben aufgehalten, daß sie mich nur gestreift hat, sonst hätt’ ich mein Testament machen dürfen. Ich bin einen Augenblick damisch worden und an den Felsen hingetorkelt; und wie ich mich wieder aufgemacht hab’, war mir der Kerl schon weit aus dem Schuß und ist die Haklwand hinunter, und jetz’ ist er mir doch ausgekommen. Das Bluten muß mich matt g’macht haben, und es hat auch schon zu dämmern angefangen, sonst hätt’ ich ihn wohl beim Kragen erwischt.“

„Aha,“ sagte Martl halblaut vor sich hin, indem er dem Kohlenbrenner mit den Augen zuwinkte. „No, komm’ mir wieder einmal vor’s Gesicht, Du Lugenschippel, nachher reden wir ein anders Wort mit einander!“

„Wie ist das, Martl?“ unterbrach ihn der Jäger. „Wie redst Du? Hast Du ihn etwa gesehn?“

„Gesehn? Einen Wildschützen? Mit keinem Aug’,“ entgegnete der Holzknecht, einen Augenblick schwankend, ob er das, was er eben erlebt, erzählen oder verschweigen solle. Für das Letztere sprach die unwillkürliche Theilnahme für den Burschen, und das eigene Bewußtsein, daß auch er schon manches Mal es nicht vermocht hatte, der Jagdlust zu widerstehen, und eine unbestimmte Scheu, den zu verrathen, der, wenn auch unfreiwillig, in seiner Hütte als Gast geweilt hatte – für das Erstere sprach, daß der Fremde nicht blos ein einfacher Wilderer, sondern ein Raub- und Mordschütze war, der dem Gehülfen an’s Leben gegangen war, und überdies ein Ausländer, der, wenn er jagen wollte, doch drüben bleiben sollte in seinem Tirol; denn diesseits der blau-weißen Pfähle gab es Leute genug, die Lust und Geschick besaßen, um nachzuhelfen, wenn irgendwo der Gemsenstand gar zu sehr überhand zu nehmen drohte. Der Umstand, daß der Jäger seine Unschlüssigkeit nicht zu bemerken schien und zu reden fortfuhr, überhob ihn des weiteren Zweifels.

„Wenn mich die Kugel nit g’worfen hätte,“ sagte er, „hätte der Hallunk’ den Vorsprung nit bekommen, und die Kugel hätte mir auch nichts anhaben können, wenn Du mir das Amulet gegeben hättst, das ich Dir schon neulich abkaufen wollte.“

Martl beugte sich über das Kohlenfeuer. Es war nicht zu unterscheiden, ob die Röthe, die sein Angesicht überflog, von der Gluth desselben herstammte oder von innerer Erregung. „Ich hab’ es Euch schon gesagt,“ erwiderte er leichthin, „das ist kein Amulet!“

„Mach’ mir nichts weis!“ rief der Jäger, der nicht so leicht zu beruhigen war. „Warum thätst Du dann das Lederbeuterl so um den Hals tragen? Du willst es nur nit sagen, und ich weiß wohl warum – hab’ es oft schon sagen hören: Wenn man ein Amulet beredet, dann verliert es seine Kraft.“

„Ja, das hab’ ich auch schon gehört,“ rief der Kohlenbrenner drein. „Nit bereden darf man so etwas und nit aus der Hand geben. Mein Vater selig hat mir oft erzählt von einem seiner Cameraden, vom Franzl am Ort; der hat auch ein solches Amulet gehabt und ist auch ein Holzknecht gewesen wie Du und ist Jahr für Jahr im Wald gesessen, und ist ihm nie was zu Leid geschehn! Das hat gemacht, er hat einen angeöhr’leten Georgithaler auf der Brust getragen, ein solcher ist gut für Alles, für Hieb und Stich, für Feuer und Wasser – aber einmal da hat ein Freund von ihm eine Floßfahrt nach Wien gemacht und hat nit ausgelass’n mit Zureden, bis er ihm den Thaler geliehen hat. Der Freund ist auch glücklich wiedergekommen; wie aber der Franzl wieder zur Holzarbeit hinauf ist und hat den Thaler umgehabt, da haben’s einen großen Tannenbaum umgeschlagen, und eh’ sie ihn recht gefaßt haben mit der Schling’ zum Niederreißen, ist der Baum unversehens gebrochen, hat den Franzl im Niederstürzen mit den Aesten gepackt und über eine Wand hinuntergeschnellt, so hoch wie ein Kirchthurm, daß man ihn unten hätt’ mit einem Besen zusammenkehren können. Der Thaler aber ist verschwunden gewesen!“

„Ich glaub’ nit an solche Sachen,“ lachte Martl. „Die alten Weiber, wann s’ beisammen sitzen und nichts Gescheiter’s zu thun haben, hecken solche Geschichten aus. Von mir aus kann’s aber auch wahr sein, ich versteh’ mich nit d’rauf; das aber weiß ich ganz g’wiß, daß das, was ich da umhängen hab’, kein solches Amulet ist. Das ist nur für Eins gut: für die gachen (jähen) fliegenden Hitzen, die mich manchmal übergeh’n.“

„Das sind Ausreden,“ rief der Jäger wieder. „Und wenn es das nicht ist, kann ich mir doch einbilden, was Du damit im Sinn hast. Das Ding in dem Beutel sieht aus wie Blei, fast wie eine vom Schuß plattgedrückte Kugel. Die soll Dir einen sichern Schuß machen – hast gewiß auch schon gehört von dem großen Schießen und richtest Dich darauf ein, ein Bestes davon zu tragen!“

„Von einem Schießen?“ sagte Martl aufhorchend. „Ich hab’ nix davon gehört; seit dem Auswärts bin ich wieder da heroben in der Waldarbeit, ich leb’ wie ein Einsiedel, und erfahr’ nichts von der Welt, wenn nit diemalen wer in’ Heimgarten zu mir kommt. Wo ist denn das Schießen? Wenn’s nit gar zu weit weg ist und zu einer gerechten Zeit, nachher könnt’s schon sein, daß ich schauen thät’, ob meine Büchs’ das Treffen noch nit verlernt hat.“

„Der Herr Forstg’hilf meint gewiß das große Schießen,“ sagte der Kohlenbrenner, „das in der Stadt München drinnen ’geben wird. Hab’ auch schon davon reden hör’n, ist ja ein großmächtiges Ausschreiben herausgekommen aus der Stadt. Die Bürger geben das Schießen dem König zu seiner silbernen Hochzeit, und beim Octoberfest, da wird’s gehalten, und das Octoberfest soll so schön werden heuer, wie’s noch gar niemals nicht gewesen ist; jedes Gericht im ganzen Land schickt seine Leut’ hin und seine besten Schützen, und in Länggries ist schon die Red’ davon gewesen, alle Bueb’n wollen sich zusammenthun und ein’ Hauptmann wählen, und dann miteinander als Bergschützen hineinzieh’n in die Stadt.“

„Was Du nit Alles weißt, Kohlenbrenner!“ rief Martl in freudiger Erregung. „Beim Octoberfest also? Juhe, dann ist’s schon gewiß, daß der Floßermartl nit dabei fehlt! Wenn ich jeden Tag um eine Stund’ länger arbeit’, werd’ ich bis Michaeli gerad’ fertig; dann hab’ ich auch Zeit zum Octoberfest und zum Bergschützenaufzug. Juhe! Das soll wieder amal eine Gaudi’ geben!“ rief er in einer Anwandlung seiner früheren gewöhnlichen Lustigkeit, griff in die Cither und sang, indem er eine übermüthig lustige Weise dazu spielte:

„A G’sangl, das klingt,
Und a Glocken, die hallt;
Aber das Schönst’ ist halt doch,
Wenn der Stutz’n recht knallt.“

In den in das Lied sich anreihenden Jodler fiel der Kohlenbrenner mit einer tiefen, nicht eben sehr rein klingenden Stimme ein; der Jäger konnte es nicht, er hatte eine rauhe Kehle, als ob er nach dem Bauernsprüchwort einen Kapuziner sammt der Kutte verschluckt hätte. Es währte nicht lange, so wurde der Gesang noch vollstimmiger; denn erst aus der Entfernung, dann immer näher kommend, tönte eine frische Weiberstimme kräftig darein. Einen Augenblick später kam eine Bauerndirne den Felsensteig herab mit einer hohen Kraxe auf dem Rücken, eine dralle und festgebaute Gestalt, welcher die ansehnliche Last, die sie trug, nicht eben viel Beschwerde zu machen schien.

„Grüß’ Gott bei’nander!“ sagte sie, indem sie sich an den Zaun lehnte und ihre Bürde darauf ruhen ließ. „Weil’s gar so alert hergeht, muß ich schon auch ein bissel einkehr’n und ausschnaufen!“

„Das wollen wir hoffen,“ sagte der Kohlenbrenner, während Martl, um als Hausherr die Ehre des Hauses zu wahren, seinem neuen Gaste das Glas mit dem Kranawittwasser anbot. „Wo gehst noch hin so spat, Madl? Ich mein’, ich soll Dich schier kennen.“

„Freilich, wie wirst mich nit kennen, Kohlenbrenner-Veitl?“ sagte die Dirne lachend. „Bist ja alleweil um die nämlichen Weg’ herumgewesen, wo ich daheim bin, – weißt wohl, wo’s beim Leichbauern ’naufgeht zum Friedl in der Point.“

[160] „Bist Du etwa gar die Pointnerkathl?“ sagte der Kohlenbrenner. „Fallt mir schon wieder ein, weil ich Dich jetzt genauer anschau … Wir hab’n uns halt ein Bissel stark verwachsen, alle zwei; wir können uns alle zwei nimmer recht drauf besinnen, wie lang es her ist, daß wir jung gewes’n sind. Wo bist jetzt, Kathl, und was treibst?“

„Was werd’ ich treiben!“ erwiderte die Dirne. „Ich bin Sennerin drob’n auf der Brettenalm. Die Graserei ist heuer so schön und gut, daß wir gar nit g’nug ausrühren und Butter machen können, und weil der Abend so schön ist, so hab’ ich gedenkt, ich will nit bis auf den Samstag warten und will heut’ noch abtragen.“

„So, so, auf der Brettenalm?“ sagte der Kohlenbrenner. „Hast leicht so fortkönnen? Bin nie hinaufgekommen; aber es muß eine große Alm sein, so viel ich gehört hab’. Wird wohl noch wer droben sein bei Dir, daß das Vieh nit allein is? Wem g’hört denn die Brettenalm?“

„Freili, es ist wohl eine große Alm; ist leicht kein’ größere da in der Jachenau! Sind auch alleweil zwei Sennerinnen oben; heuer aber bin ich mit der Tochter da – wirst sie wohl kennen, die schöne Stasi vom Kurzen am Berg.“

„Dasselbe kann leicht sein, wenn ich mich auch g’rad’ nit d’rauf besinnen kann –werden nit viel Leut’ sein in der Jachenau, die der Kohlenveitl nit kennt! Aber wie ist denn das nachher? Dem Kurzen am Berg gehört die Brettenalm? Wenn mir recht ist, hat der ja nur ein einzig’s Dirndl; und die ist gen Alm gefahr’n und macht eine Sennerin? Ah, narrisch! Das ist doch nirgends der Brauch! Thun s’gewiß recht ruecherisch auf dem Kurzenhof, daß sie nit g’nug zusamm’scharren können, und wollen den Lohn für die Dirn’ ersparen?“

„A mein,“ erwiderte die Dirne lachend, „das hat ganz andere Ursachen. Es ist sonst nit gut reden davon, damit es nit heißt, ich richt’ sie aus … Sie hat’s nimmer aushalten können in der Jachenau von wegen dem … von wegen … na ja, Ihr werd’ts schon wissen, wegen was!“

„Wenn ich was weiß,“ sagte der Kohlenbrenner begierig, „will ich mich gleich mitten in mein’ Kohlenhaufen hineinsetzen. So red’ doch!“

„Ja red’!“ rief auch der Jäger. „Ich möcht’s auch wissen; hab’ schon allerhand läuten hören von der Sach’, aber das Richtige hat mir doch noch Niemand sagen können.“

Alle waren mit der erwarteten Neuigkeit so beschäftigt, daß Niemand auf Martl achtete, und das war gut; denn auch dem einfachsten Beobachter hätte die Bewegung nicht entgehen können, die ihn erfaßte, als Stasi’s Name ausgesprochen worden war. Unbemerkt und langsam hatte er sich in den von der Herdgluth nicht beschienenen Raum der Hütte zurückgezogen und lauschte begieriger noch als die Andern der Nachricht, welche die Sennerin geben sollte; er hielt den Athem an, und das Herz in seiner Brust schien stille stehen zu wollen, um besser lauschen zu können.

„Sie hat nimmer bleiben können,“ sagte das Mädchen, indem es die Stimme zum Flüstern dämpfte, „weil sie überall nix Anderes getroffen hat als Gelächter und Gespött. Sie ist eine unguete Person, alleweil fürig (mürrisch) und grantig, und hat für jeden Christenmenschen eine g’schnappige, abschnalzerische Red’ auf’m Teller; aber zunächst, wie heuer in der Jachenau der Bocktanz ist gehalten worden, da ist sie an den Unrechten gekommen. Da ist auch ein Bursch’ gewesen – wer, weiß ich nit; aber ein Holzknecht soll er sein – den hat sie auch foppen wollen und trotzen; der hat ihr aber die Zeitigen heruntergethan und hat s’ eine Z’widerwurz’n geheißen, und von demselbigen Augenblick an ist ihr der Namen geblieben, und wo sie gegangen und gestanden ist, hat s’ nix Anderes gehört als den Spitznamen. Wenn sie in die Kirch’ kommen ist, haben die Bueb’n gesagt: ‚Geht’s auf die Seiten, daß sie Euch nit beißt – die Z’widerwurz’n kommt!‘ Wenn s’ über’n Hof gegangen ist, hat sie’s von den eig’nen Knechten und Mägden in’s Ohr hineing’hört: ‚Weicht’s aus! Da geht unser’ Z’widerwurz’n.‘ Da ist sie desperat worden und hat gemacht, daß sie den Leuten aus’m Gesicht gekommen ist, und ist ’nauf auf die Alm, damit sie vielleicht vergessen wird, die Geschicht’, bis man wieder abtreibt im Herbst!“

„Recht ist ihr gescheh’n,“ rief der Kohlenbrenner, „der grantigen Gretl! Wird wohl auch eine von denen sein, die glauben, weil s’ reich sind, wären sie auf der Brennsuppen daher geschwommen, die andere Leut’ aber auf’m Wasser. Giebt sie’s nachher jetzt klein bei, drob’n auf der Alm?“

„Hab’ noch nit viel gespürt,“ sagte die Dirne lachend, indem sie sich aufrichtete und ihre Kraxe wieder auf den Rücken nahm. „Die meist’ Zeit geht sie sinnirend herum wie eine Henn’, die nit weiß, wo sie ihre Eier hinlegen soll … aber es wird schon völlig Nacht; ich muß machen, daß ich durch’n Wald ’nunterkomm’, eh’s ganz finster wird; da giebt’s Z’widerwurzen g’nueg im Weg, über die man stolpern kann.“

„Ich geh’ mit,“ sagte der Kohlenbrenner, sich ebenfalls erhebend. – „Es wird auch schon Zeit, daß ich nach mein’ Bueb’n und nach mein’ Meiler schau’. Gut’ Nacht, Martl!“

„Gut’ Nacht, Holzknecht!“ rief die Sennerin’ zurück, indem sie mit dem Kohlenbrenner gegen den Waldabhang schritt. –„Ich dank’ schön für’n Unterstand; wir kommen schon einmal wieder zusammen, denk’ ich.“

Martl, noch immer in der alten Stellung, schien gar nicht zu bemerken, daß die Beiden sich entfernten; auch der Jäger stand jetzt auf, trat zum Herde, um seine Pfeife anzuzünden, und rief: „Ich denk’, ich werd’ mich auch auf den Weg machen. Ich bin ausgerastet, daß ich’s wohl werd’ machen können bis hinunter in die Förstnerei … Gute Nacht, Floßermartl!“ fuhr er fort, indem er vor ihn hintrat und den noch völlig Achtlosen mit der Hand auf die Schulter klopfte. Schlaf’ nit etwa gar ein da heraußen! Und wegen demselben Amulet, von dem wir geredet haben, ist mir jetzt schon das rechte Licht aufgegangen. Was ich zuvor schon gehört hab’ und was die Dirn’ just erzählt hat, – wenn ich mir das Alles zusammenreim’, mein’ ich alleweil’, ich kenn’ den Holzknecht, der der Kurzenstasi den Spitznamen aufgebracht hat. Hast schon Recht, das Amulet kann schon gut sein für gach aufsteigende Hitzen! Geh’ Du nur zum Königsschießen, Martl, und hol’ Dir ein Bestes! Es ist gescheidter, als wenn Du Dir solche Sachen in den Kopf setzen thätest, die doch keinen Zusammenstand haben und keine Heimath!“ Der Jäger eilte den Anderen nach, und bald verklang sein Tritt im Schweigen des Waldes, der ihn mit doppelt undurchdringlicher Nacht umfing.

(Fortsetzung folgt.)




Eva.
Ein Frauenbild aus dem vorigen Jahrhundert von Albert Fränkel.

Wenn das jetzt so vielbesuchte Wald- und Bergstädtchen Ilmenau zu jenen „classischen Stätten“ des Thüringerlandes gehört, auf welche einst die goldenen und lustigen Tage von Weimar einen Strahl ihres unvergänglichen Glanzes warfen, so war es doch sicher noch ein recht öde und abgeschieden jenseits der Welt liegender Ort, als dort am Abend des 17. August 1770 eine fremde Dame verweilen und Stunden hindurch auf die Postpferde warten mußte, die sie mit ihrem Wagen und ihrer Dienerin weiter über das Gebirg führen sollten. Von dem aufblitzenden Stern des jungen Goethe wußten im Jahre 1770 nur seine nächsten Bekanntenkreise; er lebte damals als Student in Straßburg, und sein zukünftiger Freund und Lebensgenosse Karl August seufzte noch als ein elfjähriger Knabe unter der pedantischen Zucht eines strengen und steifen Erziehers. Niemand in Deutschland ahnte die Macht der hohen Culturblüthe, die bald in diesem stillen Winkel, auf dem Boden dieses unbedeutenden thüringischen Ländchens und seiner armen Hauptstadt sich entfalten sollte. Der Aufschwung war aber vorbereitet, es waren ihm schon die Wege geebnet und die Ziele gewiesen durch jenen gewaltigen Kämpfer, jenen großen Denker und Dichter, der jetzt vereinsamt durch die öden Räume der Wolfenbütteler Bibliothek wandelte und auf das arbeitsvolle Ringen zurückschaute, mit dem er nun beinahe zwanzig Jahre hindurch unermüdlich und unter unausgesetzten Bedrängnissen jene Keime ausgestreut hatte, denen Weimar seinen Ruhm, Deutschland bis zum heutigen

[161]

Eva Lessing.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.


Tage das Gefühl seiner Selbstständigkeit verdankt. Bei diesem einsamen Manne weilten die Gedanken der harrenden Fremden im Posthause zu Ilmenau, als an ihrem Geiste die theueren Personen vorüberzogen, welche sie in der Heimath zurückgelassen hatte. Sie setzte sich nieder und schrieb:

„Ilmenau, den 17. August 1770.     

Mein lieber Herr Lessing! Ich bin unschlüssig, ob ich an Sie schreiben, oder mich mit dem Postmeister zanken soll. Das Eine geschieht auf Ihre Unkosten, das Andere auf meine. Ich will dieses Mal eigennützig sein und Ihnen lieber einige Minuten verderben, als meiner Gesundheit schaden; zudem ist der Postmeister so freundlich, daß man ihm nicht ankommen kann. Es ist aber doch verzweifelt arg, daß er mich schon sieben Stunden hier sitzen läßt, und ich jetzo noch nicht sehe, wie ich fortkommen werde. Man erwartet die Pferde erst von einer Station zurück … Die Wege habe ich ganz abscheulich gefunden! so grundlos, daß es ein wahres Wunder ist, daß meine Chaise ganz geblieben ist. Das Heimweh stellt sich nun schon ein; es muß sich aber wieder verlieren, sonst geht es nimmer gut. Hier will ich abbrechen, ich möchte sonst wunderliches Zeug sagen. – Ich denke, ich lege mich [162] in’s Bett, denn noch ist kein Pferd zu sehen und am Ende möchte ich mich doch noch mit dem Postmeister zanken. – Schlafen Sie wohl und bitten Sie den Himmel, daß ich in’s Künftige geschwinder befördert werde, so bleiben Sie von meinen Briefen verschont.

Dero ergebene Dienerin E. C. König.“

Das muntere und flüchtige Briefchen ist an sich nicht von Bedeutung, erhält aber doch ein pikantes Interesse durch den Umstand, daß es an diesem Orte, zu dieser Zeit und von dieser Frau an den damaligen Einsiedler zu Wolfenbüttel geschrieben wurde. War etwas im Stande, den bittern und grollenden Unmuth zu verscheuchen, welcher den geselligen und lebensfrohen, an beweglichen Verkehr mit der großen Welt gewöhnten Schriftsteller schon hie und da in der unheimlichen Reiz- und Regungslosigkeit seines gegenwärtigen Aufenthalts zu ergreifen begann, so waren es die Erinnerungen an seine zahlreichen Freunde in dem schönen und geistig angeregten Hamburg, wo er bekanntlich die vorangegangenen Jahre (vom April 1767 bis April 1770) gelebt hatte. Zu diesen Freunden gehörte auch die Familie des Fabrikanten und Seidenhändlers König, eines wohlhabenden und angesehenen Mannes, der mit anerkannter Rechtschaffenheit und Herzenswärme auch eine feinere Geistesbildung und ein Interesse für Literatur verbunden haben muß, da ihm Lessing sehr nahe stand, Taufpathe seines jüngsten Söhnchens war und ihn in einem Empfehlungsbriefe an Gleim seinen „speciellen Freund“ nannte. König, der zwar in Hamburg wohnte, aber Fabriken in Wien besaß, war durch seine weitverzweigten Geschäfte oft zum Reisen genöthigt. Als er im Jahre 1769 nach Venedig reiste, sagte er zu Lessing, der ihn eine Strecke begleitete: „Wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so nehmen Sie sich meiner Frau und Kinder an.“ Es mochte wohl ein Vorgefühl sein, das sich plötzlich beim Abschiede des achtunddreißigjährigen Mannes bemächtigte. Denn er sollte in der That nicht zurückkehren. Kaum in Venedig angekommen, wurde er durch Erkältung von einer Krankheit ergriffen und schnell hinweggerafft, fern von der Gattin, mit der er elf Jahre in glücklichster Ehe gelebt, und die nun nicht blos die Sorge um die Erziehung ihrer vier unmündigen Kinder zu tragen, sondern auch durch unerwartete geschäftliche Bedrängnisse schwerster Art sich hindurchzukämpfen hatte. Denn die Vermögensverhältnisse König’s, der neben seiner Familie noch für elf Geschwister gesorgt, und sein und seiner Frau nicht unbedeutendes Vermögen in seinen umfangreichen Unternehmungen angelegt hatte, erwiesen sich bei der Regulirung des Nachlasses keineswegs als günstig, ja es stellten sich Verwicklungen heraus, die zu ihrer Ordnung einer starken Hand und eines klugen und redlichen Willens bedurften.

Für einen Charakter wie Lessing hätte es nicht erst der Mahnung des Freundes bedurft, um seine Anhänglichkeit einem so gebildeten Hause zu bewahren, in dem er sich wohl gefühlt, das ihn fast zu seinen Angehörigen zählte, dessen Kinder er liebte, als wären es seine eigenen. War er doch selber ein alleinstehender Mann, mit allem Drange seines Gemüths, mit all seinem Bedürfniß nach Mittheilung und herzlichem Anschluß an Diejenigen gewesen, die es mit Stolz erfüllte, ihm in ihren Häusern die gastliche Erholungsstunde bereiten zu dürfen. Er blieb also in dauernder Verbindung mit der verwittweten Frau Eva König, die ihm im hellen Glanze des bisherigen Glücks wohl immer schon eine anmuths- und eindrucksvolle Erscheinung gewesen, an der er aber jetzt auch die Kraft des Charakters, die praktische Tüchtigkeit, den klaren, tapfern und heitern Sinn, kurz alle jene Eigenschaften des Geistes und Herzens bewundern lernte, mit denen sie, kaum einige dreißig Jahre alt und bei zarter und schwächlicher Gesundheit, allen ungewohnten Pflichten und Widerwärtigkeiten einer ernsten Lebenslage zu begegnen wußte. Und sicherlich gereicht es dieser Frau zum besondern Ruhme, daß Lessing ihr nicht blos der gefeierte und verehrte Schriftsteller war, sondern daß sie mit feinem und sicherem Blicke in ihm auch das edle, reine und treue Herz, die selbstlose Lauterkeit des Gemüths, den großen und hochsinnigen Menschen erkannte, als den ihn erst die hervorragenden Geister der Nachwelt zu würdigen verstanden.

Leider aber war dieser große Mensch damals selber der Teilnahme in einem höheren Grade bedürftig, als seine Hamburger Freunde ahnen mochten. Seine persönliche Lage war eine gedrückte und sorgenvolle. Seitdem er seine schriftstellerische Thätigkeit eröffnet, hatte er abwechselnd in Leipzig, Berlin, Breslau und Hamburg gewirkt und seiner Nation an diesen verschiedenen Orten unter anderen Kleinigkeiten die „Literaturbriefe, den „Laokoon“, die „Dramaturgie“, ferner die „Fabeln“, „Philotas“, „Miß Sara Sampson“ und „Minna von Barnhelm“ gegeben. Eine lange Zeit hindurch gefiel er sich in dieser wandernden Heimathlosigkeit, in diesem Leben des „Sperlings auf dem Dache“, wie er es nannte, weil es seinem Bedürfniß nach Bewegung und erregendem Wechsel, nach Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntnis entsprach; aber seit einer Reihe von Jahren schon war in ihm das Streben aller soliden Naturen, die Sehnsucht nach einem bleibenden Aufenthalt, einem gesicherten und umfriedeten Wirkungskreise, erwacht. Aber alle Bemühungen seiner Freunde, dem stolzen Manne die gewünschte feste Stellung zu schaffen, waren ohne Erfolg geblieben, und auch in Hamburg, wo er eine solche sich gründen wollte, waren die theatralischen und buchhändlerischen Unternehmungen gescheitert, auf die er schöne Hoffnungen für die Zukunft gebaut. So stand er in seinem vierzigsten Jahre wieder da ohne jeden bestimmten Anhalt, dabei arm und mannigfach verschuldet, denn seine Leistungen während der letzten Jahre hatten ihm wenig oder nichts eingebracht. Seine „Minna“ ward zwar auf allen Theatern gespielt und riß überall das Publicum zum Entzücken hin; es wurden Scenen daraus „in Kupfer gestochen und auf Punschnäpfe gemalt“. Während aber die Pariser Poeten – so schrieb damals Ramler an Knebel – „von Einem solchen Stücke gespeist, getränkt, gekleidet und beherbergt wurden“, sann Lessing in gerechtem Mißmuthe nur über die Mittel und Wege nach, wie er am schnellsten seinem Vaterlande den Rücken kehren und auf italienischem Boden sein Wissen erweitern und verwerthen konnte.

Aber auch dieser Plan war leichter entworfen als ausgeführt; es fehlten zunächst die dreihundert Thaler, welche zur Bestreitung der Reise erforderlich waren, und im Uebrigen mag dann wohl auch der plötzliche Tod König’s und das Geschick seiner Angehörigen als ein Hinderniß dazwischen getreten sein. Genug, Lessing war in Hamburg geblieben und hatte in den Verlegenheiten, die ihn umdrängten, keinen anderen Ausweg, als sich selber die Schlinge um den Hals zu legen, mit der ihn bald der braunschweigische Hof in das elendeste aller Kummernetze zog. Die kleinen deutschen Höfe fingen damals an, sich gern mit glänzenden literarischen Persönlichkeiten herauszuputzen, wenn diese nämlich wohlfeil für den Fürstendienst sich anwerben und fangen ließen. Unter huldreichen Versprechungen für die Zukunft, die niemals erfüllt werden sollten, nahm ein Lessing auf der Höhe seines Wirkens die armselige Bibliothekarstelle in Wolfenbüttel mit einem Gehalte von sechshundert Thalern an!

Seine gelehrten Freunde, die ihn gern an Deutschland gefesselt sahen, jubelten über dieses Ereigniß, ihn selbst aber schienen bange Vorgefühle beschlichen zu haben. Denn trotz wiederholter Mahnungen aus Braunschweig, daß dort „alle fürstlichen Herrschaften, Prinzen und Prinzessinnen sehnlich auf sein Erscheinen warten“, dauerte es doch noch vier Monate, ehe er seiner bisherigen Unabhängigkeit entsagen und von seinen herzlichen bürgerlichen Kreisen in Hamburg sich losreißen konnte. Schon kurze Zeit nach seiner Ankunft in Wolfenbüttel klingt denn auch aus den Briefen des festen und entschlossenen Mannes ein weicher Ton von Sehnsucht heraus. Frau König hatte ihm Proviant geschickt und er entschuldigt sich wegen seines bisherigen Stillschweigens mit dem Geständniß, er sei eben den ganzen Tag unruhig, wenn er nach Hamburg schreibe, und es vergingen sodann drei Tage, ehe ihm Alles um ihn her wieder so recht gefiele, wie es ihm doch gefallen solle. Besonders nach den Kindern erkundigt er sich lebhaft und schreibt: „Es ist jetzt Alles so weitläufig und öde um mich, daß ich zu mancher Stunde gern wie viel darum geben wollte, wenigstens von meinen kleinen Gesellschaftern in Hamburg etwas um mich zu haben. Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, und bedenken Sie fein, daß der Mensch nicht blos von geräuchertem Fleisch und Spargel, sondern, was mehr ist, von einem freundlichen Gespräche, mündlich oder schriftlich, lebet.“

Lessing hat um dieselbe Zeit manchen bedeutsamen oder interessanten Brief an Nicolai und Mendelssohn, an Ramler und Elise Reimarus geschrieben, aber in keinem dieser Briefe das drückende Gefühl der Vereinsamung, die innerste Stimmung seines Herzens so vertraulich und doch in so anmuthig scherzender Weise angedeutet, wie in den obigen Zeilen an die befreundete Kaufmannswittwe. Man sieht, er sehnt sich nach dem Hause, das doch in der letzten Zeit seines Hamburger Aufenthaltes keineswegs eine Stätte der Freude und der Zerstreuung war. Die Freundin [163] antwortet ihm mit gleicher Schalkhaftigkeit und sie stellt ihn zur Rede, daß er sie eine „so fertige Briefschreiberin“ genannt, und meint: „Ohnmöglich wollen Sie mich zum Besten haben. Viel lieber will ich glauben, daß Sie diesesmal in den Ihnen ganz ungewöhnlichen Complimententon gefallen sind. Er kleidet Sie nicht; drum hüten Sie sich in’s Künftige davor.“ Von ihren geschäftlichen Mißhelligkeiten meldet sie nichts, gleichwohl wären dieselben noch immer so schwieriger und verwickelter Art, daß sie endlich den Entschluß fassen mußte, sich nach Beendigung einer Badereise wiederum von ihren Kindern zu trennen und in eigener Person nach Wien zu reisen. Auf dieser Reise, die ihr auch Gelegenheit zu einem Besuche Lessing’s gab, haben wir sie am Eingange unserer Schilderung im Posthause zu Ilmenau gefunden.

Das Reisen war in jener Zeit des vorigen Jahrhunderts noch eine ebenso beschwerliche, als gefahrvolle Sache und wurde im Allgemeinen nicht ohne dringende Veranlassung und nur äußerst selten zum bloßen Vergnügen unternommen. Schon in Ilmenau hatte Frau König über die bisherige Grundlosigkeit der Wege zu klagen. Um zwölf Uhr in der Nacht war sie endlich von dort weggekommen mit einem trunkenen Postillon und einem Halbblinden, der ihr leuchtete, aber schon nach einer Viertelstunde kein Licht mehr hatte. „Und just,“ so erzählt sie, „just im Thüringer Walde, wo man auf zwei Meilen keine Hütte antrifft und wo solche Wege sind, die man am Tage mit Lebensgefahr passirt. Nun glauben Sie, daß mir der Muth gefallen sei? Wahrhaftig nicht! ich stieg aus und suchte Tannenzapfen, die steckten wir an und so halfen wir uns fort! “

In allen ihren Reisebriefen finden sich lebhafte, culturgeschichtlich höchst interessante Schilderungen der ganz außerordentlichen Beschwerlichkeiten, Aergernisse, Gefahren und Gesundheitsschädigungen, die sie auf der langen Tour zu bestehen hatte. Ein erhebender Lichtpunkt dagegen war die überaus entgegenkommende und herzliche Aufnahme, welche ihr bei der Durchreise in angesehenen Häusern der süddeutschen Städte und endlich auch in Wien zu Theil wurde. „Ich stehe nicht dafür,“ schreibt sie aus Augsburg, „daß ich nicht sehr aufgeblasen und stolz zurückkomme, wenn ich überall so aufgenommen werde wie bisher.“ Dennoch wurde sie innerlich von der entgegengesetzten Stimmung, einer tiefen Schwermuth und Traurigkeit beherrscht und nur höchst ungern folgte sie den mannigfachen Zerstreuungen, die ihr die freundlichen und aufmerksamen Wiener bereiten wollten. Wiederholt klagt sie das schriftlich dem Freunde, geht aber dann bald scherzend über diese Empfindungsausdrücke hinweg, indem sie ihn durch Urtheile und Mittheilungen über Persönlichkeiten und über gesellschaftliche, literarische und künstlerische Verhältnisse Wiens zu unterhalten sucht.

Während Lessing vom Herbst 1776 bis zum Frühling 1771 – denn so lange währte die Abwesenheit der Frau König – diese Berichte empfing, hatten seine eigenen Verhältnisse sich gegen früher nicht verbessert, sondern verschlimmert und es war zu der peinigenden Geldnoth, von der ihn eine karge Besoldung nicht befreien konnte, noch die hemmende Gebundenheit in der Fessel des Herrendienstes und das einsiedlerische Leben einer menschenöden Winkelexistenz gekommen. Zum ersten Male mußte er, der stets so gern und so reichlich gegeben, der bisher namentlich seine unbemittelten Eltern und Geschwister, so aufopfernd unterstützt hatte, dem hochbetagten, dicht am Rande des Grabes stehenden Vater gestehen, daß er jetzt gänzlich außer Stande sei, ihm mit einer Geldsumme beizustehen. „Ich habe es,“ so schrieb er damals als nunmehriger herzoglich braunschweigischer Bibliothekar an seinen Bruder, „ich habe es, weiß Gott, noch niemals nöthiger gehabt, für Geld zu schreiben, als eben jetzt, und diese Nothwendigkeit hat natürlicher Weise sogar Einfluß auf die Materie, wovon ich schreibe. Was eine besondere Heiterkeit des Geistes, was eine besondere Anstrengung erfordert, was ich mehr aus mir selbst ziehen muß, als aus Büchern, damit kann ich mich jetzt nicht abgeben. Ich muß das Brett bohren, wo es am dünnsten ist; wenn ich mich von außen weniger geplagt fühle, will ich das dicke Ende wieder vornehmen.“ Dennoch schuf er seine „Emilia Galotti“ in dieser Zeit.

Daß Frau König in Wien die drangvolle Lage ihres großen Freundes in ihrem ganzen Umfange geahnt haben sollte, läßt sich nicht annehmen. In seinen Briefen findet sich keine Andeutung darüber, und hinter der Beharrlichkeit, mit der sie ihn auf einen Gewinn im Lotto hoffen sah, hat sie gewiß nicht die heimlichen Gründe vermuthet, welche ihn dazu veranlagten.

Es ist nicht mit Bestimmtheit anzugeben, wann in der Seele Lessing’s das herzliche Freundschaftsgefühl für Frau König zu einer klaren und bewußten Neigung sich entfaltet hat. Sollte er aber diese Liebe schon mit sich genommen haben, als er so ungern von Hamburg schied, so war sie doch sicher damals nur ein leise und heimlich glimmendes Fünkchen, das erst in jenem einsamen Wolfenbütteler Winter allmählich zu einem Feuer geworden und wie ein lichter Morgen- und Hoffnungsstrahl aus der Nacht der Sorge und des Mißmuths hervorgebrochen ist. Aus den Briefen des strengen, mit Gefühlsäußerungen so äußerst sparsamen Denkers klingen in dieser Zeit mit einem Male hie und da Gemüthstöne heraus, wie er sie in so besorgter und zärtlicher Weise niemals einem Menschen und besonders niemals einem Weibe geäußert hatte. Lessing war einer der schönsten und stattlichsten Männer seiner Zeit; es konnte nicht fehlen, daß die noble Eleganz seiner weltgewandten, durch körperliche Uebungen zu feinster Natürlichkeit entwickelten Haltung, sein regelmäßiges geistdurchleuchtetes Gesicht mit den offenen tiefdunkelblauen Augen, vor Allem aber der als hinreißend geschilderte Zauber seines entschiedenen und doch immer anspruchslosen und zuvorkommenden Wesens ihn frühe schon zu einem Liebling der Frauen machten. Um so auffallender ist es, daß die Geschichte seines langen Junggesellenlebens nichts von jenen stürmischen Herzensneigung und zärtlichen Beziehungen weiß, welche in der Jugend aller anderen Heroen unserer klassischen Literatur eine mehrfach so bedeutsame Rolle spielten. Die Annahme, daß es ihm an Seele, an Blutwärme und Leidenschaft gefehlt, ist durch viele Beweise des Gegentheils widerlegt, aber der große und platte Haufe der Toiletten- und Gesellschaftsweiber konnte ihm allerdings ein tieferes Interesse nicht abgewinnen.

Noch abstoßender und widerwärtiger aber mußte seinem immer geraden und wahrheitsliebenden Sinne alle gedunsene Schöngeisterei und Schönseligkeit, die geschraubte Unnatur jenes vordringlichen Blaustrumpfthums erscheinen, wie es schon damals bald als literarischer Dilettantismus, bald als erlogener, künstlich zusammengeflickter Bildungsaufputz in der deutschen Frauenwelt sich breit zu machen begann. Berührungen mit allen diesen Sphären, auch mit den Damen vom Theater, sind wohl mannigfach vorhanden gewesen; um sie jedoch ohne ernsteren Antrieb zu vorübergehenden Beschäftigungen seines Herzens und zu leidenschaftlichen Gefühlsspielereien zu benutzen, war der Sohn des sittenstrengen Pfarrhauses zu stolz gegen sich selber und zu gewissenhaft gegen Andere. Bei aller nachsichtsvollen Milde seines Urtheils und bei aller eleganten und weltmännisch freien Richtung seines Wesens war Lessing eine so durchweg keusche, aller Frivolität abgewendete Natur, daß wohl in dem damals sehr französirten Deutschland manches gelehrte Haupt mitleidig lächelnd die ehrwürdige Perrücke geschüttelt haben mag, als einst der fünfundzwanzigjährige Mann in seiner „Rettung des Horaz“ in Bezug auf manche diesem römischen Dichter vorgeworfene geschlechtliche Sünde das naive Geständniß ablegte: „Ich verstehe eigentlich hiervon nichts, ganz und gar nichts.“

Hatte also der Dichter der „Minna von Barnhelm“, der bereits in diesem Drama, sowie in seiner „Dramaturgie“ die echte Liebe mit so überaus warmen und lebhaften Farben zu schildern gewußt, hatte er, sagen wir, die Machte dieses Gefühls erst in seinem vierzigsten Jahre in sich selber erfahren, so ist damit nicht mehr und nicht weniger gesagt, als daß ihm bis dahin wohl kein Weib begegnet war, dem er eine so ganze und volle Hingebung hätte widmen mögen. Erst in Frau Eva König hatte sein reifes und waches Mannesauge dieses Weib erkannt, von ihr schrieb er später an seinen Bruder: „Es ist die einzige Frau in der Welt, mit der ich mich zu leben getraute.“ Und doch war sie keineswegs eine gelehrte Frau. Ihre Briefe aber zeichnen sich nicht blos in Bezug auf den klaren Fluß des Stils und die schöne Reinheit des oft naturwüchsig-derben Ausdrucks vor manchen zwanzig Jahre später geschriebenen Briefen hervorragender Männer aus, sie verrathen auch in der Selbständigkeit des Urtheils und in vielen treffenden meistens ganz beiläufig hingeworfenen Bemerkungen einen bei Frauen noch heute nicht alltäglichen Grad von inhaltsvoller Geschmacks- und Geistesbildung. Es ist Lessingischer Geist in diesen so schlichten und anspruchslosen Briefen, und Lessingisch ist auch der schelmische und schalkhafte Humor, hinter welchem die Schreiberin den Ernst ihrer tüchtigen Gesinnung zu bergen weiß.

(Schluß folgt.)
[164]
Hermann, Fürst von Pückler-Muskau.
Erinnerungen von Paul Wesenfeld.

Der Wind strich eisig über die Schneegefilde, welche sich unwegsam bis zum Eingange in den Vorpark des Schlosses Branitz (bei Cottbus in der Niederlausitz) ausdehnten, als wir uns vor Kurzem eines Tages dorthin aufmachten. Wir durcheilten die Schöpfungen des Fürsten Pückler auf der kürzesten Bahn. Nur im Vorübergehen fiel unser Blick in das Gebüsch zur linken Hand und auf das halbzerfallene hölzerne Gitter, welches das Grab der Reichsgräfin von Pappenheim, der geschiedenen Gemahlin des Fürsten, einer Tochter des großen Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg, einfriedigt.[1] Vorbei – unser Besuch galt heute dem Fürsten selber: auf der Zinne seines Schlosses wehte das blau-gelb-schwarze Banner, das Zeichen, daß er aus seiner Residenz anwesend, daß er zu Hause war, aber – er war es heute zum letzten Male! In einer Stunde sollten seine irdischen Ueberreste zur ewigen Ruhe bestattet werden. Nur wenige Schritte, und – wir standen am Sarge des deutschen Odysseus. Semilasso hatte seinen „letzten Weltgang“ angetreten; seine „Briefe eines Verstorbenen“ waren nun in der That solche. Da stand der schwere gelbe Eichenschrein in der Mitte des von königlichem Luxus strotzenden Gemachs, dessen grüne Sammettapeten mit den weißen und rothen Lichtern, welche von außen her durch die Vorhänge der geschliffenen Scheiben fielen, und den zu Häupten des Sarges brennenden Kerzen einen magischen Reflex schufen. Der erlauchte Todte nahm von alle Dem nichts mit hinfort als sein letztes Bett mit den schweren Silberbeschlägen und den Palmenzweigen, Kränzen und Blattgewinden darauf. Alles, wofür sein Herz geschlagen und seine Seele geglüht, es war für ihn nur ein schöner Lebenstraum gewesen, aus dem für ihn selbst auf Erden nichts mehr zurückblieb als sein berühmter Name, sein unsterbliches Gedächtniß und seine weltbekannten Schöpfungen in der Park- und Gartenbaukunst. – –

Die Geistlichkeit hatte inzwischen ihre Amtshandlungen am Sarge verrichtet und unter dem Wirbel der gedämpften Trommeln des vorausziehenden Militärs setzte sich der Zug in Bewegung. Die Uhr an dem Cavalierhause gegenüber zeigte die erste Morgenstunde. Von dem Sarge wehten die schwarzen und weißen Federn des Helms des Verblichenen, sein erprobter ritterlicher Degen mit dem edlen Gefäß lag auf dem Sarge. In die umflorte kupferne Urne, welche ein Officier hinter dem Sarge nachtrug, war das Herz des Todten eingeschlossen, wie er es gewollt. Man hatte seinen letzten Willen in allen Punkten erfüllt: die damit betrauten Aerzte hatten die Section und chemische Zersetzung seiner Eingeweide bewirkt, und der Leichenzug bewegte sich nicht einem Kirchhof entgegen, vielmehr auf die drei riesigen Pyramiden im Westen des Schlosses zu. Die nördlichste von ihnen war das Ziel des Zuges. Sie erhebt sich aus der Mitte eines Sees. In ihr wollte der Fürst den letzten Schlaf thun. Eine provisorisch gezimmerte Brücke führte uns über den See hinüber an ihren Fuß, Wir standen vor dem in denselben hineingetriebenen Stollen einem schmucklosen mit einfachen Bohlen ausgeschalten Raum von etwa acht Kubikfuß Größe.

Das war der Rest der Herrlichkeit, die den Verstorbenen bis dahin umgeben. Dort wurde sein Sarg, mit der Urne darauf, beigesetzt. Der dienstthuende Prediger weihte den Tumulus als Gottesacker ein und sprach die letzten Gebete. Unter den Ehrensalven, welche herüberkrachten, nahmen die Leidtragenden den letzten Abschied von dieser Stätte der Trauer und mit sich nur das Gedächtniß an den Entschlafenen und als äußeres Zeichen vielleicht ein grünes Blatt aus seinen letzten Kränzen.

Als wir von der Leichenfeier in das Innere des Parkes zurückkehrten, begegneten uns überall die Spuren der Hand des Verstorbenen, welche in Wort und Zeichen die Erinnerung an verehrte und geliebte Wesen wach zu halten und auch die ideale Schönheit zu verkörpern bestrebt gewesen war. Hier die Büsten Friedrich Wilhelm’s des Dritten, Stein’s und des Fürsten von Hardenberg. Dort der offene Tempel mit der goldenen Statuette der Henriette Sontag. Und

„Marmorbilder steh’n und schau’n mich an –“

– ein Bild aus altclassischer Vorzeit – Grazien und Sylphiden vor der Gemmenhalle, Nereiden im Schilf und an den Wassergestaden, Oreaden auf den Hügeln. Dort drüben ein Denkmal mit der Inschrift.

„Hier ruht die treuste Seele, welche ich auf Erden gefunden habe –“

– es gilt dem Lieblinge des Fürsten, einer Neufundlandsdogge, welche wohl mit der Lord Byron’s zu vergleichen gewesen sein mag. Dann hier im Gebüsch ganz nahe am Schloß, hart am Wege, eine Tafel, auf der es heißt:

„Hier ruht Adschameh, meine vortreffliche arabische Stute, brav, schön und klug.“

Alles, was unserm Blick begegnete, bildete einen Commentar zur Geschichte des Lebens des Verewigten, und wir gedachten lebhafter als je zuvor der Stunden, in denen er uns einen Einblick in dasselbe gestattet hatte.

Wenn ich an dieser Stelle diesen Erinnerungen laut Ausdruck gebe, so thu’ ich es aus eigenem Bedürfniß sowohl, als auch, um dem Leser zu Dem, was er über den berühmten Todten gehört oder gelesen, einen interessanten und gewiß willkommenen Beitrag zu liefern.

Durch einen früheren Aufsatz in diesem Blatte (siehe Jahrgang 1863, Nr. 27, worin auch des Zwerges Erwähnung geschehen ist) bin ich der Pflicht enthoben, hierbei näher auf des Fürsten Naturschöpfungen im Parke Branitz einzugehen, die zwar denen in der an den Prinzen Friedrich der Niederlande verkauften Herrschaft Muskau an Bedeutung nachstehen, dennoch aber von dem eminenten Talente ihres Gründers dadurch das beste Zeugniß ablegen, daß er sie aus todtem Sande hervorgerufen hat, während ihm bei denen in Muskau die Natur des Ortes dankbar entgegengekommen war. Ich will mich vielmehr hier lediglich auf die überaus interessante Person des großen Mannes und einige Züge aus seinem Leben beschränken.

In den Monaten des Erwachens und Lebens in Baum und Blüthe den Park zu Branitz durchstreifend, hatte ich, bevor ich Gelegenheit fand, dem Fürsten näher zu treten, ihn öfter in den Anlagen umherwandeln gesehen. Seine hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt trug, wie die Goethe’s, den Stempel der Unnahbarkeit auf der Stirn. Ein weiter syrischer Mantel von schwarzer Seide umwallte seine Schultern, ein hoher englischer Hut bedeckte das von einem schneeweißen, seidenartig seinen Barthaar umsäumte Gesicht, So stand er da und prüfte die eben begonnenen oder beendeten Gartenarbeiten. So ordnete er Veränderungen an und dictirte dem stets an seiner Seite befindlichen kleinen Herrn seine Bemerkungen, um sie später zu Hause näher zu berathen. Einige [165] Schritte zurück folgte ein Diener und in der Nähe hielt des Fürsten Equipage, ein Tilbury, ein Phaëton oder sonst ein anderes Phantasiegefährt, mit zwei hohen Rossen der edelsten Race bespannt, die ungeduldig schäumten und in die Stangen bissen und mit den Hufen scharrten. Hatte der Fürst hier seine Uebersicht gewonnen, so stieg er ein und war im nächsten Augenblicke an einem andern Ende des Parkes, um dort weitere Untersuchungen anzustellen. Gestattete es ihm sein körperliches Leiden, so stieg er, seines hohen Alters ungeachtet, auch wohl zu Pferde und umkreiste mit der Schnelligkeit des Hirsches seine Besitzungen. Dann war er ein Anderer geworden, die Zeiten seiner Parforcejagden, seiner Fuchshetzen, seiner Wettrennen schienen zurückgekehrt und Mann und Roß ein Ganzes zu sein.

Der Fürst erfreute sich bis an seinen Tod eines frischen, klaren und lebendigen Geistes. Zehrend an den reichen Erinnerungen vergangener Jahre, lebte er in seiner letzten Lebenszeit ein durchaus regelmäßiges, wenn auch nicht pedantisch an die Stunde gebundenes Stillleben. Ihm verdankte er wohl mit sein hohes Alter. Ernstes Studium, besonders der Geschichte, Philosophie und Botanik, wechselte mit schöngeistiger Lectüre ab. Er zog es vor, die Zeit, während welcher die Welt draußen lärmte und sich geschäftig mühte, der Ruhe zu widmen, welche ihm so wohl that, und vermochte es dafür, zu jeder Stunde der Nacht zu erwachen, um mit voller Geisteskraft zu arbeiten oder zu studiren. Er that es oft allein, ohne seinen Vorleser zu wecken.

Ein Liebling der Höfe und Freund der Koryphäen aller Länder, beherbergte sein Dach nicht selten Könige und Prinzen und Träger gefeierter Namen in den Gebieten der Kunst und Wissenschaft. Es ist noch nicht allzulange her, daß Namen wie Varnhagen van Ense und Ludmilla Assing unter den letzteren genannt wurden. Der Fürst hatte ja einen so bedeutenden Ruf und in und um sich so viel Anziehendes, daß man gern bei ihm einkehrte. Neben seinen ernsten und Erholungsstudien folgte er aber auch den Ereignissen des Tages mit Interesse. Er liebte es in dieser Beziehung, das Urtheil Anderer zu hören. In den letzten Jahren großenteils an das Zimmer gefesselt, versammelte er zu diesem Zwecke jeweilig des Abends in seinem Schlosse größere oder kleinere Gesellschaften aus der Stadt zu frugalen, aber ausgesuchten Soupers. Er verstand es dabei vortrefflich, die Elemente des Kreises so zusammenzusetzen, daß eine zwanglose Conversation ermögliche wurde. Er schloß selbst Männer aus dem Volke nicht aus, wenn sie sich irgendwie im Dienste des Gemeinwohls hervorgethan hatten oder Züge der Originalität und des Strebens verriethen. Bei der Unterhaltung wartete er ruhig, bis der Gast sich ausgesprochen hatte, wenn dies auch einmal schwerer von Statten ging. Nie unterbrach er ihn und keine Miene des Gesichts verrieth Ungeduld oder Zweifel oder gar Ueberlegenheit, aber aus seinen Fragen und Einwürfen sah man dann wohl, wie er auf allen Feldern des Wissens zu Hause war und welches Vergnügen es ihm machte, sich in allen Dingen zu informiren und unter Umständen belehren zu lassen. Dann kam er wohl selbst auf seine Erlebnisse, seine Reisen zu sprechen, und man lauschte mit Vergnügen seinen Erzählungen. Der Fürst erschien bei solchen Gelegenheiten in der Regel in seiner beliebten häuslichen Tracht, einem kleidsamen, gänzlich orientalischen Costüme. Bei solchen Soupers standen die Bedienten in weißen Handschuhen, aufmerksam und des Winks gewärtig, hinter den Stühlen. Ihre Bewegungen, ihr ganzes Verhalten straff und fest eingeschult, ihre Gesichter kalt und eisern, kein Zug verrieth den geringsten Grad von Vertraulichkeit zwischen Herr und Diener, wie dies in ähnlichen Verhältnissen bei einem langjährigen Zusammenleben nicht selten vorzukommen pflegt. Es herrschte in Allem eine minutiöse Hausordnung.

Nach dem Souper zog man sich in das Rauchzimmer zurück, wo Pfeifen und Cigarren, nach dem Belieben der Gäste, bereit lagen und der Mokka eingenommen wurde. Hier war die Unterhaltung noch freier und ungebundener und es bildeten sich zu diesem Zwecke auch wohl Gruppen. Immer aber blieb der Fürst der Mittelpunkt des Gesprächs. Er war in jeder Beziehung mäßig im Genuß. Nach dem Souper pflegte er aus einer Houka, einem Tschibuk oder Nargileh türkischen Tabak zu rauchen, nahm auch den Mokka nach der Art der Orientalen: eine kleine Tasse voll, ohne jede Zuthat, aber sehr stark, denn das Mehl der Bohne blieb in dem Aufguß und wurde vor dem Schlürfen darin aufgerührt. Es ist dies nicht Jedermanns Geschmack, der Fürst aber freute sich, wenn er einmal einen Gast fand, der ihm darin Bescheid thun und mit ihm türkisch rauchen und Kaffee trinken konnte. Nicht weit über zehn Uhr trat dann in der Regel ein Diener ein und meldete lakonisch: „Der Wagen ist angespannt!“ – es war das Zeichen, daß der Abend beendet und der Gast entlassen war. In Ausnahmefällen, wenn der Fürst sich nicht wohl oder ermüdet fühlte, die Gesellschaft aber noch munter war, zog er sich um diese Stunde auch wohl zurück, die Gäste freundlich einladend, sich ohne ihn noch weiter zu amüsiren. Beim Abschied war der Fürst so angenehm, wie beim Empfange, und wer dann in der prächtigen Equipage Seiner Durchlaucht nach der Stadt zurückkehrte, der schwelgte unterwegs noch im Nachgenuß der eben erlebten Stunden.

Wen der Fürst bei sich empfing, den verließ jener erste Eindruck der Unnahbarkeit in der ersten halben Stunde der Unterhaltung, um dem Gefühl des Wohlseins und der Sicherheit Platz zu machen. Ich erinnere mich noch sehr wohl dieses Gefühls, als ich zum ersten Mal dem Fürsten auf seinem Schlosse begegnete. Es war ein wunderschöner Maientag mit „seidenen Lüften und seidenen Düften“, da ich in Begleitung eines Freundes, der den Fürsten gleichfalls noch nicht persönlich kannte, durch den im vollsten Schmuck prangenden Park ging und über die von den prächtigsten Blumen gezierte Rampe die Treppe des Schlosses empor stieg. Der Diener meldete uns Seiner Durchlaucht und öffnete vor uns die Thür, um auf einen Wink seines Gebieters augenblicklich wieder zu verschwinden. Wir waren in ein kleines Gemach getreten. Eine tropische Hitze umwirbelte uns. Trotz des sonnigen Wetters draußen war das Zimmer stark geheizt. Zu Anfang glaubten wir uns in den Orient entrückt, so fremd war die ganze Scene, welche sich uns darbot, Wohin das Auge fiel, traf es die sonderbarsten Gegenstände, meist orientalischen Ursprungs. Dicke Teppiche von bunten Farben und merkwürdigen Zeichnungen brachen das leiseste Geräusch des Fußes. Schwere dunkle Jalousien vor den Fenstern wehrten den Sonnenstrahlen. An den Wänden überall Vorhänge und kostbares fremdländisches Geräth, Möbel aus überseeischen Hölzern, kunstvoll geschnitzt, vergoldet. Hinter einer Portière ein schräges Feldbett, in Lanzenstangen hängend, mit rothseidenen Decken, davor eine Löwenhaut, darüber ein großer Sombrero mit niederhängenden Straußenfedern, türkische krumme Säbel, indische Yatagans, Flinten, Revolver und Pistolen aus allen Reichen der Welt und von den erdenklichsten Constructionen; Oelgemälde, Miniatur- und Pastellbilder, Aquarellen von Studien im Orient. Wenn jetzt Scheherazade mit ihrem Gefolge von Odalisken aus irgend einer Wandtäfelung lautlos eingetreten wäre, um uns ein neues Märchen zu erzählen, es hätte mich nicht befremdet. Auch mein Begleiter schien von diesen Betrachtungen noch ganz befangen, da winkte uns der Fürst freundlich, näher zu treten und auf einem Divan ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er selbst saß auf einer Ottomane am Fenster, neben ihm stand ein Tisch von herrlicher Mosaikarbeit, auf welchem die verschiedensten Gegenstände zum bequemen Gebrauch bereit lagen. Seine Kleidung war ganz orientalische ein schwarzseidener Kaftan, rothseidene Pantalons, gelbe Maroquinpantoffeln.

Wir hatten ein Gespräch über die verschiedensten Gegenstände, aber schon nach wenigen Minuten fühlte ich mein Herz weniger heftig pochen, als ich immer wieder in des Fürsten wundervolle blaue Augen blickte, welche, je länger wir uns unterhielten, ich weiß nicht wovon mehr strahlten, ob von Freude und Erinnerungsseligkeit, oder von Güte, oder von Sanftmuth oder von dem Feuer der Jugend. Auf seiner hohen faltenlosen Stirn lag der echteste Seelenadel, seine Stimme hatte einen außerordentlich weichen, melodisch lieblichen Klang, seine Gedanken waren so originell, wie genial, und was er sprach, zeugte von Wärme und Empfindungsfülle einer edeln Brust, wie von der philosophischen Gelassenheit seines Gemüths. Er hatte soeben Schopenhauer gelesen und das Buch aus der Hand gelegt.

„Sie sehen,“ sagte er, meinem auf das Buch gehefteten Auge folgend, „ich rüste mich zu der letzten Reise – es wird Zeit. Aber ich bin gefaßt und ruhig, ich habe nichts mehr auf unserer Mutter Erde zu vollbringen, ich habe sie gründlich studirt und bis auf das letzte Geheimniß überall die Winke der Allmacht verstanden – bald werde ich auch dieses verstehen. Das Leben an sich“ – äußerte er im weitern Verlauf – „ist nichts Werthvolles, ich habe mich mit ihm abgefunden, ich habe es betrachtet wie ein angenehmes Geschenk von einer unbekannten freundlichen Hand – [166] aber es ist doch im Ganzen sehr eintönig und für den Forscher in seinen Hauptbedeutungen stumm und verschlossen. Ich habe recht viel zwar in ihm erfahren, aber umkehren möchte ich nicht, es wäre denn, daß ich es in seinen besten Phasen noch einmal mit der Geschwindigkeit eines Vogels oder Fisches durchmessen könnte. Aber ich möchte einmal ohne Schmerzen sterben, schnell, ohne ein langes Krankenlager, so wie mein Freund, Graf Putbus, gestorben ist, oder wie Herr von Fronsac, der Sohn des Cardinals Richelieu – so mitten im Wohlsein und in der Freude, mitten in einer heitern Gesellschaft. Nur keinen Schmerz, ich kann ihn durchaus nicht vertragen, denn ich bin eine sehr feine und sensible Natur – ganz, wie meine gute Mutter war, die mich mit vierzehn Jahren gebar. Daß ich nun schon in den Achtzigern stehe, das schreibe ich ihr zu, sie erreichte dasselbe Alter. Auch mein Vater war ein gesunder, starker Mann; leider starb er schon in den Fünfzigern an einem Steinleiden. – Was mich anlangt, ich habe nicht die leiseste Furcht vor dem Tode. Anders hier mein Freund Schopenhauer! – wie oft hatte ich ähnliche Gespräche mit ihm! – aber er war ein unverbesserlicher Hypochonder; er hatte eine solche Scheu vor dem Tode, daß er, glaube ich, daran allein gestorben ist!“

Was einmal nach seinem Ableben mit seiner Hülle geschehen sollte, beschäftigte ihn mehr. Er wollte in seinem Testamente anordnen, daß man sie verbrenne. Hierbei kamen wir auf Glaubenssachen, auf die Unsterblichkeit der Seele, auf die Ansichten des Sokrates, Moses Mendelssohn’s, und auf die Polemiker der Neuzeit ist dieser Richtung, namentlich aus Büchner’s „Kraft und Stoff“. Der Fürst äußerte sich dahin:

„Unsere Hoffnung ist unser Glück; Glück ist nur in absoluter Seelenruhe denkbar und eine Ruhe der Seele müßte die Seelenthätigkeit nicht ausschließen, wenn das Glück zum Bewußtsein kommen soll, ohne welches es bedeutungslos wäre. Das Fortleben der Seele läßt sich nicht ohne die Voraussetzung des Gedächtnisses an das Vergangene und dieses wieder nicht ohne die Nerventätigkeit des Gehirns begreifen. Die Phantasie hält den Menschen die verschiedensten Spiegel vor das geistige Auge: die Indier waren glücklich in dem Glauben an die gänzliche Vernichtung des Körpers und der Seele und erblickten darin die vollkommenste Ruhe und Seligkeit. Mein Freund Goethe hatte wieder die eigenthümliche Besorgniß, ein stärkerer Geist könnte den seinigen nach dem Tode seines Körpers gewaltsam an sich reißen und in sich aufnehmen und ihn auf diese Weise vernichten. Man darf aber an solche Dinge nicht das secirende Messer des Verstandes setzen; es ist besser für uns, auf die Sprache des Herzens zu hören, weil wir darin den einzigen Trost, eben die Hoffnung, und darin wieder das Glück finden.“

In unseren weiteren Unterhaltungen bemerkten wir, wie der Fürst unendlich mehr in den Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit, als in der Gegenwart lebte. Was seit seinem Scheiden von der Bühne des lebendigen Welttheaters geschehen, und seine eigenen Beziehungen dazu, betrachtete er als unwesentliche Staffage zu jenen und zog aus ihnen nur Parallelen zu denselben. Er hatte im Allgemeinen wenig Gedächtniß und Gluth dafür: er war eben gesättigt. Aber die Berührung seiner Vergangenheit, namentlich seiner Reisen, belebte ihn augenblicklich. Er hatte in seiner eigenen Bedeutsamkeit selbstredend mit den berühmtesten Zeitgenossen verkehrt, hatte sie aufgesucht oder war von ihnen aufgesucht worden. Fiel in dieser Richtung eine Andeutung, so ertheilte der Fürst die interessantesten Aufschlüsse. Einmal wurde der Gefährlichkeit des Reisens in Griechenland Erwähnung gethan. Es waren kürzlich einige dort reisende englische Gentlemen von Räubern auf eine barbarische Weise ermordet worden.

„Armes Hellas!“ meinte der Fürst, „Lord Byron hat ihm vergeblich Gut und Blut geweiht; es ist nicht zu erwarten, daß es noch einmal aufblühen wird bis zur Höhe seines alten Glanzes; ein herrliches Land! man muß es gesehen haben mit seinen Trümmern, um Byrons schwärmerische Liebe dafür zu begreifen; ich habe Byron zwar nur einmal in Venedig gesehen, aber in Griechenland habe ich tausendmal an ihn gedacht. Ueberall fielen mir seine Verse ein, wenn ich etwas fand, was ihnen zum Stoff gedient. Seine Zeichnungen sind greifbar und so poetisch, wie sachgemäß.

Aber das Volk ist sehr verkommen, heute vielleicht noch mehr, als zu meiner Zeit. Damals gab es zwar auch schon Räuber dort, aber sie waren doch ritterlicher, als jetzt. Es waren die Klephten, welche in den Gebirgen ihr Unwesen trieben. Von ihrem Chef waren einige schöne Züge von Edelmuth im Umlauf. Das Alles reizte mich, ich beschloß, sie aufzusuchen. Ich hatte in meiner Jugend einen unüberwindlichen Hang zum Abenteuerlichen und zu allerlei Wagnissen. Das lag so in meiner Natur. Ich habe nie einen Augenblick an die möglichen Folgen und Gefahren gedacht. Erst nachher erschrak ich manchmal, wenn sie glücklich bestanden waren. So damals in Griechenland. Ich ließ mich eines Tages durch einen Bauer bei dem Haupte der Klephten zu Gast einladen. Ich wurde angenommen und ritt mit einigen Dienern in das Gebirge. In einer Schlucht wurde ich von einer Vedette des Häuptlings angehalten. Ich wies mich aus. Sie that einen Signalschuß und in wenig Augenblicken war ich mitten unter den Räubern. Sie schienen sehr gut disciplinirt zu sein denn sie gaben mir in Reih’ und Glied auf ein Zeichen ihres Führers eine Grußsalve, daß die Felsen dröhnten. Ich habe mich dann einen ganzen Tag unter ihnen abgehalten; sie brieten mir einen Hammel und auch edler Wein fehlte nicht. Als ich sie am andern Morgen verließ, begleitete mich ihr Häuptling bis auf das geebnete Feld: es war ein brauner, verwilderter Kerl, in einer phantastischen Tracht, aber von scharfen, intelligenten Zügen. Er zog höflich seinen großen Hut beim Abschied, eine neue Salve krachte zu uns herüber. – Ich hatte den Leuten natürlich ein gutes Gastgeschenk hinterlassen,“ fügte der Fürst lächelnd hinzu.

Wir kamen auf das ewige Thema von Minne und Frauenanmuth und Schönheit. Der Fürst war in seiner Jugend, namentlich am sächsischen Hofe, ein Liebling der Damen gewesen. Er bestätigte das und meinte: „Ich habe die Frauen der halben Welt gesehen. In ganz Griechenland fand ich nur zwei annähernd classisch-schöne, die eine war eine Patrizierin in Athen, die andere eine Bäuerin auf dem Lande. Aber alle werden, was Seele und Gemüth anlangt, von unseren deutschen übertroffen. Schade, daß ihre Körperschöne durch die bedauerliche Racenkreuzung schon sichtlich zu verlieren anfängt; wenigstens erinnere ich mich, daß die Frauen in meiner Jugend eine größere Bewunderung eingeflößt haben, als die jetzigen.“

Der Fürst hatte sich bei seiner Rückkehr aus dem Orient vier Sclavinnen mitgebracht, auf welche er bei dieser Gelegenheit zu sprechen kam.

„Ich hatte sie in Afrika auf dem Sclavenmarkt gekauft,“ erzählte er, „ich zahlte für jede nur etwa hundert Thaler nach unserm Gelde. Sie haben mir viel Vergnügen und Zerstreuung gewährt. Sie gaben mir vielfach Aufschluß über die Sitten und Gebräuche ihrer Heimath. Wenn sie badeten, geschah es in einem Bassin und ich pflegte auf dessen Rand zu sitzen und ihnen zuzusehen wie sie im Wasser plätscherten und sich ergötzten – ländlich sittlich! Ich nahm sie mit nach Deutschland, zunächst nach Wien, aber sie wurden mir bald zu lästig und ich verschenkte drei von ihnen. Lady Esther Stanhope nahm eine davon mit nach Syrien und dem Libanon, wo sie sich ansiedeln wollte. Ich behielt nur eine. Sie war die Tochter eines Fürsten, welcher im Kriege mit einem Nachbarstamme besiegt und gefallen war. Seine Söhne wurden, nach dem dortigen Gebrauch, auf dem Schlachtfelde getödtet, seine Frauen und Töchter in die Gefangenschaft geführt und verkauft. Ich fand in dieser jungen Negerin einen so feinen Tact und eine so gute Erziehung, daß ich einen viel bessern Begriff von der Bildung jener Wüstenvölker bekam. Ich konnte sie, ohne mich ihrer zu schämen, beständig bei mir haben. In Wien bildete sie das Tagesgespräch; wenn ich mit ihr zu Pferde den Paraden beiwohnte, wurde sie von den Officieren umschwärmt, sie begleitete mich in die Gesellschaften, in welche ich und sie mit mir geladen war. In kurzer Zeit begriff sie deutsche Sitten und Manieren in welchen ich sie unterrichtete, und lernte es sehr leicht, englisch zu essen, das heißt mit dem Messer und der Gabel. Es war ein liebliches Wesen, glänzend schwarz von Farbe, mit den kleinsten Füßen und Händen, die ich je gesehen habe. Ueberdies hatte sie Witz und Geist. Ich konnte sie zu manchen Geschäften besser brauchen, als meine männliche Dienerschaft. So ritt sie mir und meinem Troß immer eine Tagereise voraus und bereitete mir die Stationen. Sie war darin äußerst gewandt. Ich hatte sie zu diesem Behufe in ein männliches Mamelukengewand gesteckt, ähnlich wie ich selbst es damals trug.

[167] Ich hatte sie gewürdigt, mit mir an einem Tisch zu speisen. Sie begriff die Bedeutung dieser Gunst sehr wohl. Dafür war sie mir aber auch so ergeben, daß sie für mich gestorben wäre. Aber sie war leidenschaftlich, wie alle Orientalen. Eines Tages wollte ich sie strafen, weil sie launenhaft und kalt gegen mich gewesen war. Ich sagte ihr: ‚Du wirst von morgen an mit den Dienern speisen!‘ – aber ich bereute es im nächsten Augenblick, als sie, wie von einem jähen Schmerz elektrisirt, aufsprang, zur Wand eilte, wo meine Waffen hingen, mit Blitzesschnelle einen Dolch aus der Scheide riß, mit funkelnden Augen vor mich hintrat und sich vor meinen Augen niederzustechen drohte, wenn ich dabei beharre, ihr diese Schmach anzuthun. Ich kannte diese Augen, ich wußte, daß sie diese Drohung wahr machen würde – ich wollte sie nicht verlieren, mußte also nachgeben und that es. Aber ich hatte nie wieder Veranlassung, über sie zu klagen. Schade, daß sie mir in kurzer Zeit starb. Diese Wesen aus der Wüste können einmal unser Klima nicht vertragen, sie gehen ein, wie Blumen, ohne krank zu sein. Ich verlor auf diese Weise auch meinen Mohren und ein prächtiges Dromedar. Das war ein treffliches Thier, an Hunger und Durst gewöhnt; ich habe mehr als einmal täglich dreißig Meilen auf seinem Rücken zurückgelegt: ich saß in einem bequemen Stuhl und konnte weit hinein in die Ebene blicken. Pferde hätte ich zu solchen Märschen andauernd gar nicht verwenden können.“

Sie Alle sind in Muskau begraben und man erzählt sich noch heute besonders von jener lieblichen Sclavin, wie sie, im Federkleide auf einem weißen Zelter reitend, nicht von der Seite des Fürsten wich, ihn auf allen seinen Ritten begleitete und ihr Pferd so gewandt regierte, wie er das seine. (Schluß folgt.)

Ein fahrendes Lazareth.
Von Fr. Hofmann.
1. Der Sanitätszug, wie er in’s Feld zieht.

Was wohl die französischen Bewohner der Ortschaften an der Eisenbahn von Chalons nach Toul in der letztvergangenen Weihnacht zu sehen glaubten, als eine lange Wagenreihe mit einer ihren Augen neuen, aber unverständlichen Beleuchtungspracht an ihnen vorüberfuhr? Aus den Fenstern von mehreren Wagen leuchteten die deutschen Christbäume mit allem Lichter- und Zuckerschmuck des heimathlichen Kinderwunsches auf die verdutzten Gesichter im fremden Lande hinaus. Und hätten sie erst die Gruppen drinnen gesehen, wie Alle über dem Anblick des Bäumchens selig waren und wie die Augen auch vieler blasser bärtiger Gesichter wieder in Kinderfreude glänzten, gar Mancher würde wenigstens einen Theil seines Hasses gegen die Landesfeinde verloren haben.

Die lange Wagenreihe bildete einen jener Sanitätszüge, die gegenwärtig von Deutschland aus in’s Feld geschickt werden, um Verwundete und Kranke auf eine möglichst gute Weise aus den Lazarethen im Feindeslande in die Heimath zurückzubringen.

Eine Gruppe solcher Leidensgefährten war an jenem Abende um die Christbäume versammelt, welche in mehreren der Wagen, namentlich dem der Beamteten des Zuges, das Herzensbedürfniß der von ihren Familien getrennten Männer geschmückt und beleuchtet hatte. Einer derselben erzählte mir, wie freudig der Abend in diesem seltsamen Kreise begonnen, und welche tiefe Ergriffenheit endlich Alle beherrscht habe, als Einer das alte liebe „O Tannebaum, o Tannebaum!“ angestimmt. Das Liedchen verlor sich in einzelne Stimmen, wie der berühmte Abschied der Esterhazy’schen Capelle. Die Verwundeten und Kranken aber blieben heiter, fuhren sie doch in heimathlicher Liebespflege dem Vaterlande entgegen.

Unser großer Krieg gewährte mehr, als alle früheren Kriege, stets ein Doppelbild: daheim harrt die begeisterte Nation auf jede Regung des Telegraphen; während der Sieg bei Leipzig erst nach Wochen in ganz Deutschland bekannt worden war, trug jetzt noch am Tage der Schlacht der Blitz am Draht die Siegeskunde aus Frankreich nach Berlin und sofort rauschte der Jubel durch alle deutschen Gauen, die Siegesfahnen wurden ausgesteckt, die Straßen wimmelten von frohen Menschen und die Vergnügungslocale faßten die glücklichen Zecher kaum. Ganz anders sah es am andern Ende des Bildes aus, wohin von dem strahlenden Glanze kein Schimmer mehr fiel, auf den fernen Schlachtfeldern. Ich schreibe diese Zeilen an einem der fernsten Orte vom Vaterlande, in Orleans. Hierher wurden täglich die Verwundeten aus den Gefechten an der Loire gebracht – und auf welche Weise mußte dies geschehen! Mir wurden Fälle erzählt, wo zwei- bis dreitausend Verwundete auf offnen Eisenbahnwagen, an denen Wände und Fußböden zerbrochen und durchlöchert waren, mit wenigen oder gar keinem Stroh bedeckt und mit ebenso armseligen Decken versehen, meilenweit in einer Kälte von zehn Grad fortgeschafft werden mußten, und als zur Heizung der Locomotiven das Feuerungsmaterial ausging, schleppten erbärmliche Pferde die Wagen noch zwölf Stunden weiter; von Nahrung, von einem erwärmenden Bissen in dieser ganzen Zeit keine Spur, – und so mußten, es war nicht anders möglich, die armen wunden Männer und Jünglinge nur allzu oft bis zu einer schützenden Stätte geschafft werden, wo ein Lazareth endlich diejenigen aufnahm, welche auf solcher Fahrt nicht gestorben waren. Welche Summe von Elend bei einem einzigen derartigen Transport – und welche unschätzbare Wohltat dagegen die Krankenfahrt im Sanitäts- oder Lazarethzuge!

Die Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit dieser Sanitätszüge hört aber nicht etwa mit dem Kriege auf, – im Gegentheil, jetzt, wo es, wenn der Friede unsere Heere heimführt, vor Allem gilt, viele Tausende verwundeter und kranker deutscher Soldaten nicht ungeschützt der französischen Krankenpflege zu überlassen, sondern sie sobald als möglich wenigstens in den Machtbereich der Deutschen zu transportiren, jetzt ist die Aufstellung möglichst vieler derartiger Sanitäts- oder Lazarethzüge eine der ersten Pflichten der Dankbarkeit gegen unsere Helden. Man täusche sich nicht über die Zahl der Unglücklichen, die sehnsuchtsvoll dieser Wohlthat entgegensehen. In Orleans allein liegen durchschnittlich sechs- bis siebentausend Verwundete und Kranke, die ganze Stadt ist nur ein großes Lazareth. Aber dasselbe gilt von allen nach West und Nord an den Bahnen liegenden Städten und Ortschaften; in Toury bei Orleans hat die Ueberfüllung schon den Hospitalbrand herbeigeführt! – Von den Insassen all’ dieser Lazarethe muß man sich deren Erlebnisse erzählen lassen, – wahrlich, man schaudert dann vor dem Gedanken zurück, Siege, die durch solche Opfer errungen worden, durch Fahnen und Feste zu feiern – man möchte Jedem, der einen unnöthigen Groschen in Deutschland ausgiebt, zurufen: Sündige nicht! Lege ihn zu den Gaben, welche für die Verwundeten bestimmt sind! Vor Allem aber, Ihr Reichen und in der werkthätigen Vaterlandsliebe Hervorragenden, sorgt mit dafür, daß die große Zahl der deutschen Verwundeten und Kranken in Frankreich auf die unschädlichste, sicherste und bequemste Weise nach der deutschen Heimath gebracht werden könne. Das Mittel dazu ist ja gegeben, es sind dies eben die Sanitätszüge.

Bekanntlich hat der große nordamerikanische Krieg die neue Verwundetentransport-Einrichtung in’s Leben gerufen. Leider ist, wie so oft, auch diese Nachahmung etwas spät bei uns versucht worden, und noch immer bedarf es der Anregung, um sie aus kleinem Anfange zu der nothwendigen Ausdehnung zu bringen. Bis jetzt sind etwa dreißig Sanitätszüge im Gange. Von diesen sind zehn von Preußen ausgerüstet, die übrigem von Württemberg (die ersten), Hamburg, Frankfurt a. M. etc. Die preußischen Sanitätszüge, von der Medicinalabtheilung des königlichem Kriegsministeriums in’s Leben gerufen, haben als nächste Oberbehörde die drei Evacuations-Commissionen zu Epernay, Forbach und Weißenburg. Diese Evacuations-Commissionen sind deutsche Militärbehörden, welchen aus allen vom Kriege berührten Städten und Ortschaften von den Militärärzten Anzeige gemacht ist, in wie weit die betreffenden Orte zur Einrichtung von Lazarethen tauglich sind. Dazu gehört die Bezeichnung der dazu passenden Häuser und die Zahl derselben, die Angabe der dort aufzubringenden Betten, Matratzen, Decken etc., und danach wird die Zahl der Verwundeten und Kranken bestimmt, die den einzelnen Ortschaften zugetheilt werden kann. Selbstverständlich hat jede der drei Evacuations-Commissionen ihr Bereich, dessen Grenzen ich jedoch

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Das Innere des Forts La Briche vor St. Denies, am 30. Januar 1871. Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.
Caserne. Pulvermagazin. Casematen.

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WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [170] nicht anzugeben vermag. Die Listen der Verwundeten und Kranken aller Lazarethe ihres Bereichs geben zugleich nach Nummern die Grade der Genesung der Lazarethinsassen an, und nach diesen bestimmen dann diese Commissionen das Maß der Räumung (Evacuation) der Lazarethe durch den Weitertransport der Transportablen bis zu deutschen Lazarethen oder in die Heimath.

Die Medicinal- und Lazarethbedürfnisse sind in reichem Maße jedem Truppentheile mitgegeben und zur zeitweisen Ergänzung derselben an bestimmten Orten Depots errichtet. Die Ortsapotheken der Lazarethplätze bleiben demnach unberührt vom Kriegsbedürfniß, und dies kann als eine nicht geringe schonende Rücksicht für die Bewohnerschaften angesehen werden.

Eine zweite Behörde, von welcher auch die Sanitätszüge ihre Weisungen zu empfangen haben, sind die Linien-Commissionen, welche jedem einzelnen Zuge auf den Bahnen des gesammten Kriegsbereichs in Frankreich und Deutschland ihre Fahrpläne zuzutheilen haben. Die Central-Linien-Commission hat ihren Sitz in Kassel; unter ihr stehen alle übrigen Linien-Commissionen; da ihnen alle Störungen durch Brückensprengungen, Schienenaufreißen etc. auf den Bahnen ihres Bezirks sofort gemeldet werden müssen, so sind sie allein im Stande, jedem Zuge, der zum Beispiel Kranke nach der deutschen Grenze hin befördern will, die Route vorzuschreiben, welche derselbe augenblicklich benutzen kann.

Und nun wollen wir den Zug und seine Einrichtung selbst betrachten. Ein preußischer Sanitätszug besteht in der Regel aus achtundzwanzig Wagen, nämlich: zwanzig Krankenwagen, dem Verwaltungswagen, dem Küchen-, dem Proviant-, zwei Depôt-, dem Holz- und Kohlenwagen, einem Wagen für die Aerzte und einem für die Diaconissinnen. In dem zur Fahrt geordneten Zuge nimmt der Küchenwagen die mittelste Stelle ein, neben ihm stehen der Verwaltungs- und der Proviantwagen, nach beiden Seiten hin folgen dann je zehn Krankenwagen unmittelbar aufeinander, an der Spitze derselben fährt der Wagen der Aerzte, am Ende der der Diaconissinnen und den Schluß des ganzen Zugs bilden die Depôt- und der Holz- und Kohlenwagen.

Sämmtliche Wagen, von dem der Äerzte- bis zu dem der Diaconissinnen, haben ihre Ein- und Ausgänge an der Schmalseite innerhalb des Bahngeleises und sind durch Brücken und Geländern so miteinander verbunden, daß der ganze Zug in der Wagenmitte einen langen Gehweg bietet, so daß von dem Aerztewagen und der Küche aus jederzeit und bei schnellster Fahrt in jeden Krankenwagen zu gelangen ist. Um die Kranken vor Luftzug zu schützen, ist innerhalb der Wagen an jeder Thür ein starker Vorhang (eine sogenannte getheilte Portière) angebracht, den man erst, wenn die Thür wieder geschlossen ist, bei Seite schiebt, um den Raum zu betreten. Die ganze Gehbahn der Wagen ist mit starken Läufern von Wachstwill belegt.

Ein Gang durch die Krankenwagen überzeugt uns, daß einer so eingerichtet und ausgestattet ist, wie der andere. Jeder zeigt auf seinen beiden Langseiten je drei gleichgroße Abtheilungen und jede derselben enthält zwei Lagerstätten, welche an vier starken, vom Boden bis zur Decke des Wagens reichenden Pfosten so hängen, daß die eine anderthalb Fuß vom Boden entfernt ist und die zweite in der Mitte des Raumes zwischen dieser und der Decke schwebt. Jedes Bett ist eine Trage oder Bahre, wie sie auch zum Transportiren der Verwundeten vom Schlachtfelde gebraucht werden; zwei je acht Fuß lange Stangen sind durch Querhölzer und Gurte verbunden und mit einem beweglichen Kopfende versehen, welches mittelst zweier gezahnter Bügel nach dem Wunsche des Kranken hoch und niedrig gestellt werden kann. Diese Bahren sind mit vortrefflichen Matratzen und Leinenbetttüchern belegt, und starke Wollendecken stehen dem Kranken nach seinem Bedürfniß zu Gebote. Alle Betten hängen mit ihren Stangenenden mittelst Tragriemen in Gummirollen, oder in Federhaken, Spiralfedern, an deren unterem Ende der Rand der Oese sitzt, in welcher der Lederriemen zur Aufnahme der Tragstange hängt. Da die Vorrichtung so getroffen ist, daß die Stangen selbst bei starker Erschütterung des Wagens nirgends anstoßen können, so ist eine schaukelnde Bewegung das Aeußerste, was der Kranke zu erdulden hat; dieses Wiegen des Lagers ist aber für die Mehrzahl der Verwundeten ein angenehmes, auch das alte Kind gern einschläferndes Gefühl.

Wenn unser Kranker sich auf seinem Lager zurecht gelegt hat, so findet er in handlicher Entfernung über sich ein Netz befestigt, in welchem er die unentbehrlichen Kleinigkeiten des Lebens, wie Taschentuch, Tabaksbeutel und -Pfeife oder Cigarren, Schnupftabaksdose, Notizbuch, Brieftasche u. dgl. unterbringen kann. Für seine sonstige Bedienung ist in jedem Wagen ein Krankenwärter oder „Heilgehülfe“ angestellt, der auf einem der Betten desselben sein Nachtlager hat; während der Nacht haben besondere Wachen, alle halben Stunden den Rundgang durch alle Wagen zu machen, um nach den Kranken zu sehen, ihre Wünsche zu befriedigen und, im Winter, das Feuer in den Oefen zu erhalten.

Diese Oefen nehmen den Raum von einem Bettenpaare in Anspruch. Können nämlich in der warmen Jahreszeit in den sechs Abtheilungen jedes Wagens zwölf Betten Platz haben, so nimmt in der Winterzeit den mittlern Bettraum einer Wagenseite der Ofen ein, dem zur Linken der Holz- und Kohlenkasten steht, zur Rechten ein Wasserfaß unter einem Tischchen, das für die Wasch- und sonstigen Reinigungsapparate zur Aufbewahrung dient. Von den zehn Betten jedes Wagens ist eines für den Wärter oder Heilgehülfen bestimmt, so daß jeder Wagen neun, folglich der ganze Zug von zwanzig Krankenwagen hundertachtzig Kranke aufzunehmen vermag. Rechnet man dazu die dazu gehörigen zwanzig Wärter und das Arzt-, Diaconissinnen- und Verwaltungs- nebst dem Küchenpersonal, so kommt eine Zugbesatzung von zweihundertsieben bis zweihundertzehn Mann heraus, die täglich fünfmal aus einer fahrenden Küche ihre Nahrung zu empfangen hat. Sicherlich verdient diese Kücheneinrichtung eine nähere Betrachtung.

Der Küchenwagen ist besonders die Freude aller Frauen, welche dem Zuge die Aufmerksamkeit eines Besuchs schenken. Wie jeder andere Wagen durch den Durchgang in zwei Hälften getheilt, zeigt er, vom Verwaltungswagen aus besucht, in der Mitte der rechten Seite sein Hauptstück, den eisernen Kochheerd, aus der bekannten Kayser’schen Maschinenfabrik in Berlin. Derselbe hat eine Länge von fünf und eine Höhe und Breite von je drei Fuß, zwei Wasserkasten von Messing mit Hähnen, ein Kochloch mit Ringen für Kochtöpfe von einem Viertel Quart bis zu bedeutender Größe, einen Bratofen mit Einsatzschieber für zwei Pfannen und eine Wärmeröhre mit drei Etagen. Die Koch- und Bratgefäße haben ihren Aufbewahrungsort in einem Repositorium zur Linken des Heerdes.

Rechts vom Heerd dient ein Repositorium von derselben Größe, zur Aufbewahrung der nöthigen Porcellan- und Glaswaaren, den Eckraum des Wagens nimmt ein großes, viereckiges, mit Zink ausgeschlagenes Behältniß zur Reinigung sämmtlichen Küchengeschirrs ein; das Geschirrbrett zum Ablaufenlassen des gereinigten Geschirrs ist rechts zum Ausklappen an die Wand angebracht.

Dem Kochheerd gegenüber, die Mitte der anderen Wagenseite einnehmend, steht der große Anrichtetisch mit zwei Schubkästen, der eine für Küchenmesser und Beile, der andere für die täglich zu wechselnde Küchenwäsche; über dem Küchentisch hängen die Wagschale, um für jede Person des Zugs die bestimmten Fleischportionen abzuwägen. Zur Rechten und Linken des Anrichtetisches sind in zwei gleichgroßen Repositorien die für jeden der zehn Krankenwagen vor und hinter dem Küchenwagen erforderlichen Porzellanenen Trinkbecher in Lattenverschränkungen so aufgestellt, daß sie beim Fahren nicht aneinanderschlagen können; darüber liegen in Charnieren je zehn hölzerne Präsentirteller, groß genug, um die für jeden Krankenwagen nöthigen Speisegeräthe oder Trinkbecher auf einmal zu befördern.

Die linke Wagenecke dieser Seite nimmt das große Wasserreservoir von Zink ein, das etwa sechszig Trage- (sogenannte Pferde-)Eimer Wasser faßt. Die beiden rechten Wagenecken sind für Bänke, Eimer, und sonstige Küchenbedürfnisse reservirt. – Vor jeder der beiden Wagenthüren, auf dem Trittbrette (Plattform) ist ein mit Zink ausgelegter Eiskasten zu ärztlichem Bedarf, sowie zugleich zur Conservirung von Fleisch und dergleichen befestigt.

Wie in jedem Wagen ist auch im Küchenwagen ein Verzeichniß aller in ihm enthaltenen Gegenstände angeschlagen; die Leser erlassen mir aber die Aufzählung des ganzen Inventariums, von den Quirlbrettern bis zu den Saucièren, Compotièren, Butterbüchsen und Zuckerdosen; ein Blick in eine größere Gasthofsküche giebt ihnen dafür Ersatz. Der Unterschied zwischen beiden ist eben nur der, daß jene feststeht und jedes Bedürfniß von außen her sofort befriedigen kann, während die unsere in die Welt hineinfährt. Und Alles, was sie braucht, bei sich haben muß.

Für die Möglichkeit dazu haben die drei folgenden Wagen zu sorgen:

[171] 1) Der Magazinwagen, der, wie bereits bemerkt, seinen Platz neben dem Küchenwagen einnimmt. Er hat zu beiden Seiten des (zweiundeinhalben Fuß weiten) Durchgangs vier Kammern, die verschließbar und mit festen Gestellen versehen sind, um mit Sicherheit während der Fahrt die in Säcken, Kisten, Fässern, Flaschen und Gläsern aufbewahrten Vorräthe aller Art zu lagern. Zwei dieser Kammern enthalten sämmtliche Leinen- und Wollensachen, die zur Ausrüstung des Zugs, zur Bekleidung und Pflege der Kranken etc. aufgespeichert sind, ingleichen das Reservegeschirr für dieselben. – In den beiden anderen Kammern sind sämmtliche Materialwaaren und Getränke, wie sie zur Speisung und Verpflegung der Kranken erforderlich sind, angehäuft. Von der speciellen „Nachweisung“ dieser „Ausrüstungsgegenstände“ theilen wir nur einige Hauptzahlen mit, um unsern Lesern einen Begriff von der Reichhaltigkeit derselben zu geben. Im Verzeichniß zerfallen sie in A. Oekonomie-Utensilien, B. Chirurgische Utensilien und Bandagen und C. Materialien.

Zu A gehören unter Anderem zweihundertzwanzig Leib-Matratzen zu acht Pfund Füllung, vierzig Kopfmatratzen von Roßhaar zu drei Pfund Füllung, sechshundertsechszig wollene Bettdecken, vierhundertsiebenzig ordinäre Bettlaken, zweihundertzwanzig Halstücher, zweihundertachtzig ordinäre Handtücher, zweihundertzwanzig Hemden, zweihundert Paar wollene Socken, ebensoviel wollene Jacken und Taschentücher, fünfundsiebenzig Leibbinden, sechszig Ellen Wachsleinwand, vierzig Schlummerrollen, zwanzig Sitzkissen (für Kranke, die sich durchgelegen haben), fünfzehn Armkissen, vierzig Steckbecken und in entsprechender Zahl Krankenröcke und -Hosen, Flanellmäntel, Arm- und Fußbadewannen, Wärmflaschen, Waschbecken und alle zur Reinigung der Menschen, der Zimmer und der Geschirre nöthigen Schwämme, Besen, Lappen etc. – Zu B gehören zwanzig graduirte (das heißt nach einhalb, ein bis vier Theelöffel und einhalb bis ein Eßlöffel Inhalt durch Querstriche bezeichnete) Porcellanbecher, eine reichliche Menge Verbandzeug, Schwämme, Spritzen, Eiterbecken, die Apparate zum Gypsverbande und alle nothwendigen chirurgischen Instrumente. Daran schließen sich Apparate an, um Desinfektionen vorzunehmen. – C endlich enthält einen Vorrath von je fünfzig Pfund Hafergrütze, gebranntem Kaffee, Weizengries, Salz, Butter, Backpflaumen, weißem Zucker und Cacaomasse, je 25 Pfund Zwieback, englisches Biscuit, condensirte Milch, präservirtes Ochsenfleisch, Kalbsbraten, Kalbscarbonnade und Fleischextract, die entsprechenden Vorräthe von Reis, Thee, Schinken, Kartoffeln, Sago, Eiern, Citronen, comprimirtem Gemüse, Gewürz, zweihundertfünfzig Flaschen Bordeauxwein, ingleichen Cognac, Jamaica-Rum, Capwein, sechshundert Siebenachtel-Quart baierisch Bier, zweihundert Halbe Selterwasser und endlich Waschseife, Lichte, Wachsstöcke, kurz ein ziemlich vollständiges Materialwaarengewölbe, wie es vielleicht manche kleine Stadt nicht aufzuweisen hat.

2) Zur Ergänzung dieses Magazinwagens, namentlich um alle größeren Raum in Anspruch nehmende Kisten und Fässer und für längere Fahrzeit aufgenommene Vorräthe unterzubringen, sind dem Sanitätszuge noch zwei Depôtwagen beigegeben, wozu man gewöhnliche Güterwagen benutzt. Gegenwärtig sind in denselben etwa noch zweihundert Wolldecken, vierzig Matratzen, zwanzig Tragbahren, sechszig Gummiringe und dergleichen placirt; außerdem dienen sie zur Aufnahme der schmutzigen Wäsche und des nothwendigen Materials zur Ergänzung der einzelnen Theile der Eisenbahnwagen in einem Werkzeugs- und Reserve-Werkzeugskasten; auch finden sich da ein Paar Wagenwinden, Taue, Leinen und Leitern, um bei einem etwaigen Unglücksfall sofort das nöthige Rettungsmaterial bei der Hand zu haben.

Diesen Depôtwagen schließt sich der Kohlenwagen an, der mit Steinkohlen, Koaks und gespaltenem Holz für den Bedarf sämmtlicher Wagen beladen ist. –

Auf dem einen Flügel der Krankenwagenreihe befindet sich der Wagen der Diaconissinnen. Auch er hat zwei Ein- und Ausgänge für den allgemeinen Durchgang durch die ganze Wagenreihe, ist aber durch eine Bretterwand mit Schiebthür in zwei Abtheilungen geschieden, von welchen die eine als Wohn-, die andere als Schlafzimmer dient, und die beide mit dem nöthigen Comfort ausgestattet sind. Das Wohnzimmer hat einen Ofen, zwei Tische und vier Stühle, das Schlafzimmer zwei Betten, zwei verschließbare Wandschränke, eine Waschtoilette und das Closet.

Den andern Flügel der Krankenwagenreihe bildet der Wagen des zugführenden Arztes, ein bequemer Salonwagen, dessen innerer Raum in drei Abtheilungen geschieden ist: ein Wohnzimmer mit Sophas, Schreibtisch, Ofen und Stühlen, ein Schlafzimmer mit zwei Divans, die als Lagerstätten dienen, und zwischen beiden, durch Schiebthüren getrennt, auf der einen Seite die Waschtoilette, auf der andern Seite das Closet.

Neben dem Küchenwagen finden wir endlich den Wagen des Verwalters, der zugleich die Apotheke und die chirurgischen Instrumente des Zugs enthält. Derselbe ist eingetheilt: in das Wohnzimmer, welches mit einem Kochofen, einem Bureau, einem Regal, einem Tisch und vier Stühlen versehen ist; – in das Schlafzimmer, welches durch eine hölzerne Wand mit verschiebbarer Thür vom Wohnzimmer getrennt und mit zwei Betten (Eisengestelle mit Matratzen und Wollendecken), zwei verschließbaren Wandschränken und einem Waschtisch ausgestattet ist; – und einem Vorraum, welcher auf der einen Seite zu einem Closet führt, auf der andern eine Bank für den dienstthuenden Wärter hat. – Dieser Wagen wird gewöhnlich zugleich als Aufenthalt der Herren Aerzte und des Verwalters benützt, weil von ihm aus, als im Mittelpunkt des ganzen Zugs befindlich, sämmtliche Wagen leicht zu controliren sind.

Und am Schreibtische eines solchen Wagens saß ich im Bahnhof zu Orleans, um den Lesern der Gartenlaube diesen Artikel zu liefern; sie werden mir nun gern erlauben, ihnen auch Einiges von der Her- und hauptsächlich von der Heimfahrt mit den Verwundeten und Kranken zu erzählen.




Blätter und Blüthen.

Ein Veteran der Freiheit. An demselben Tage, an welchem wir die vorletzte Nummer der Gartenlaube mit dem Artikel „Wie Mühlhausen französisch wurde“ herausgaben, erhielten wir die betrübende Nachricht, daß dessen Verfasser, Jakob Venedey, unser langjähriger, treuer Mitarbeiter, nach kurzer Krankheit aus dem Leben geschieden sei. Zwar daß sein Zustand bedenklich gewesen, war uns schon vorher bekannt geworden: die Gattin Venedey’s hatte uns geschrieben, daß unsere letzten Briefe diesem nicht mehr übergeben worden seien wegen seiner schweren Erkrankung. Er selbst hatte in den letzten Wochen in den Briefen an uns wiederholt geklagt und eine zweite Reise, die er auf unsern Wunsch nach Straßburg unternehmen sollte, wegen Unwohlseins stets auf’s Neue hinausgeschoben – dennoch war es unmöglich, auch nur zu ahnen, daß der Hintritt eines Mannes so nahe sein sollte, der sich eben noch mit den weitgreifendsten Plänen und mit Arbeiten trug, die auf Jahre hinaus seine ganze Thätigkeit reichlich in Anspruch genommen hätten.

Wie Jakob Venedey mitten in Sorge und Arbeit dem Leben entrissen wurde, so war dieses auch in seiner ganzen Dauer nur Sorge und Arbeit gewesen; aber beide hatten nur Einem Ziele, Einem Preise gegolten: der Freiheit des von ihm über Alles geliebten Vaterlandes. Mit Venedey ist wieder einer jener wackern Schaar in das Grab gesunken, welche, die Seele mit den Idealen der Freiheitskriege genährt, gegen den Despotismus, die Reaction und die Polizeiherrschaft angekämpft haben bis auf’s Blut, mit dem Einsatz der persönlichen Freiheit und unermattet, bis jene finsteren Mächte zu Boden gerungen sein würden. Diesen Kampf hielt Venedey für den Zweck seines Lebens und ihm ist er, ein ehrlicher, begeisterter Streiter, ein fest in sich gegründeter, unwandelbarer Charakter, treu geblieben bis an sein Ende. Lehrend und streitend, so ist er seinem Volke immer vorangewandelt und so wird er auch in dessen dankbarem Gedächtniß fortleben.

Es ist wohl anzunehmen, daß sich in Venedey’s Nachlaß zahlreiches, werthvolles Manuscript vorfindet, wie auch eine Correspondenz, deren Reichhaltigkeit noch dadurch an Werth gewinnt, daß Venedey mit den bedeutendsten Staatsmännern und Schriftstellern Frankreichs wie Deutschlands in dauerndem Verkehr stand. Der Vollendung nahe dürfte die Arbeit sein, welche, hervorgerufen durch die großen Ereignisse der Gegenwart, ihn in der letzten Zeit am lebhaftesten beschäftigte, und die unter dem Titel „Ein dreißigjähriger Federkrieg um den Rhein, gegen Freund und Feind“ schon demnächst an die Oeffentlichkeit treten sollte. Ebenso reifte in Venedey während der letzten Monate der Gedanke, eine Darstellung der Erlebnisse von 1830–1848 in Paris zu schreiben, welche ähnlich wie die „deutschen Republikaner unter der französischen Republik“ die deutschen Freiheitsbestrebungen von 1830–1848 umfassen und dann auch unter dem Titel „die deutschen Republikaner unter dem Julikönigthum“ ein Ganzes bilden sollten. Es ist tief zu bedauern, daß es Venedey nicht mehr vergönnt war, Hand an dieses Werk zu legen, das eine reiche Fundgrube für den Historiker zu werden versprach. Um so mehr aber muß der Wunsch rege werden, daß wenigstens das vorhandene und, wie es scheint, bereits geordnete Material dem deutschen Volke nicht verloren gehe, das auch das Unfertige und Unvollendete als ein theueres Vermächtniß begrüßen wird.

[172] Aber auch ein anderes Vermächtniß des Heimgegangenen hat sein deutsches Volk anzutreten: die Pflicht der Sorge für seine Lieben. Venedey hat sechszehn Jahre in glücklicher, nur von seinem Schicksal getrübter Ehe gelebt. Zwei Söhne sind noch der Erziehung bedürftig. Es ist doppelt schmerzlich, daß die Kunde von der Noth, in welcher der treue deutsche Kämpfer seine Lieben zurückgelassen, uns zugleich mit den Ausbrüchen politischer Rohheit mitgetheilt wird, mit welchen man nicht einmal die Sterbestunde eines Venedey verschonte. Als Schriftsteller wie als Volks- und Parlamentsredner hat Venedey stets seine politische Ueberzeugung offen und klar ausgesprochen; die Geschichte und seine eigene Erfahrung hatten ihm, als der Streit, ob „durch Freiheit zur Einheit“ – oder „durch Einheit zur Freiheit“, die Deutschen in zwei Lager auseinanderhetzte, seine Stelle auf der Seite der ersteren angewiesen, und in der Folgetreue seiner Logik hatte auch er sich gegen die zwangsweise Einverleibung von Elsaß-Lothringen in Deutschland ausgesprochen. Indeß war er Realpolitiker und deutscher Patriot in gleichem Maße und genug, um nicht aus Principienreiterei einen Windmühlenkampf zu beginnen. Nachdem durch den großen Kampf des deutschen Volks die Einheit errungen war, beugte er sich dem Beschluß der Mehrheit, überzeugt, daß der Kampf für die Freiheit nun von selbst beginnen werde. Und das ist’s, was man einem Venedey als Verrath vorzuwerfen wagte. Seine Frau schreibt aus Badenweiler über Venedey’s Ende: „Während seiner neuntägigen Krankheit glaubte er auf der Tribüne zu stehen. Er sprach Tag und Nacht von den Rechten des Volkes, besonders für die Glaubensfreiheit. Sein letztes Wort war: ‚Luxemburg muß deutsch werden, Lothringen französisch bleiben?‘ Elf Tage vor seinem Tode wurde er in anonymen und unterzeichneten Briefen des Verraths angeklagt: Bismarck solle ihn bezahlen. Und hätte er nicht selbst am 10. Januar unser Silberzeug auf dem Leihhause in Freiburg versetzt, so hätte ich ihn nicht begraben lassen können.“ Bedarf es mehr als dieser wenigen Worte, um das deutsche Volk daran zu mahnen, was es seinem Geschichtschreiber, Kämpfer und Dulder schuldig sei?

Sogar die „Wespen“ verläßt der Scherz vor einem solchen Grabe; sie schmücken es vielmehr mit dem folgenden poetischen Kranze:

Ein Held der Freiheit und der Wissenschaft,
Vom Volk in guten und in schlimmen Stunden
Als treuer Eckardt sonder Falsch befunden,
Der nur im Dienst des Volkes wirkt und schafft,

So strittest tapfer Du und heldenhaft.
Und ward Dir nie ein Lorbeerkranz gewunden,
Dir galt es gleich, Dich schmückten Deine Wunden
Und das Bewußtsein Deiner edlen Kraft.

Doch ach! zu lange wüthete der Streit,
In dem die beste deutsche Kraft verdorben.
Es brach Dein Herz im Zwist der eh’rnen Zeit.

Jedoch den höchsten Ruhm hast Du erworben:
Dein Leben war dem Vaterland geweiht,
Ihm bist Du auch den Heldentod gestorben[WS 1]!




Aus dem Fort La Briche vor St. Denis haben wir in der letzten Nummer schon die Ansicht der Riesenkanone nach einer Zeichnung von Wilhelm Heine gebracht; heute erhalten wir eine Illustration, welche das Innere des genannten Forts darstellt, und dazu folgende Zeilen:

„Welche Zerstörung St. Denis erfahren, habe ich Ihnen neulich schon mit Stift und Feder geschildert; diese Schilderung mag aber durch das Bild, das ich Ihnen heute schicke, und welches das Fort La Briche sammt Caserne und Pulvermagazin darstellt, ergänzt werden. Verwüstung ringsum. Unsere Granaten haben gräulich gewirthschaftet. Einen Augenblick, da ich das Fort betrat, stand ich wirklich betroffen von dem Anblick der Zerstörung, der sich mir rings bot; dann wandte ich mich vom Eingange links und stieß, an einer Menge sauber geschichteter Haufen von Bomben und Granaten vorbei, zunächst auf die Caserne, welche auch auf meinem Bilde die äußerste linke Seite einnimmt. Der Aufenthalt in ihr muß während des Bombardements sehr unbehaglich, er muß zuletzt unmöglich gewesen sein: denn in einem solchen Trümmerhaufen, als welcher die Caserne jetzt vor mir stand, läßt sich eben nicht mehr hausen. Zerschossene Protzkasten, Lafetten, leere Fässer bedeckten zu Hunderten den Boden und an den freien Stellen ringsherum in den Bastionen hatten die eingefallenen Granaten unzählige tiefe Löcher aufgewühlt. Am ärgsten war das Pulvermagazin mitgenommen, auf meiner Zeichnung im Mittelpunkt.

Alle Maßregeln, die man bei einem solchen Bau zu beobachten hat, waren hier wohl verzehnfacht im Auge behalten worden; es war ein ganz gehöriges Blockhaus, das da zum Schutz des kostbarsten Materials aufgeführt worden war, und dennoch, ich glaube, wenn unsere Artillerie noch acht Tage lang in so verheerender Weise ihre Geschosse hereingeworfen hätte, so wäre auch das Pulvermagazin von La Briche mit einigen Hundert Rothhosen noch in die Luft gegangen. Es ist nur zu loben, daß der Besatzung des genannten Forts diese Himmelfahrt erspart blieb. Jetzt waren rings umher Artilleristen und Pionniere daran, in dem zerstörten Fort aufzuräumen und wieder Hausordnung zu schaffen. Aber das mußte vorsichtig geschehen, denn in dem aufgewühlten Boden lauerte als tückischer Feind manche nichtcrepirte Granate, die ein ganz außerordentliches Recht darauf hatte, mit Schonung angefaßt und auf die Seite geschafft zu werden, wenn nicht der eine oder der andere brave Soldat riskiren wollte, selbst jetzt noch, mitten im Waffenstillstand, um die Freude, in Paris einzuziehen, auf die rascheste und einfachste Weise von der Welt zu kommen.“


Der mythische Kutschke. So hingebend an die Menschheit kann keine andere Nation sich erweisen, wie die deutsche. Während bei unseren guten Nachbarn, den Franzosen, ein Herr Michel Chasles hundertfünfzigtausend Francs für nagelneue „alte Handschriften“ ausgiebt, – das erinnert so sehr an das alleweil neue Paar alter Stiefel des Sandwirths für reisende Engländer in einer Tiroler Bergkneipe –, nur um die französische Naturforscherehre über die Italiens und Deutschlands zu erheben; während die Engländer ihren Ossian zwar in Nebel zerrinnen lassen, aber selbst diesen noch als nationalen Ehrenschleier festhalten; während die Griechen ihrem Homer zwar sieben Geburtsorte geben, aber selbst wenn sie sieben Homere dafür erhielten, keinen einzigen davon hergeben würden zur allgemeinen Ehre der Menschheit: all diesen nationalparticularistischen Thatsachen gegenüber giebt der Deutsche nicht nur seinen Wilhelm Tell, der bekanntlich noch unter „Kaiser und Reich“ stand und folglich ein Deutscher war, der historischen Forschung preis, sondern sogar seinen Kutschke, den großen Kutschke und sein noch größeres Lied überantwortet er dem Secirmesser der Alterthumsmänner der ganzen Erde – zum Besten der deutschen Invalidenstiftung und im Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig.

Hier mehr als irgend einmal gilt das treffliche Wort: „Wer’s nicht selbst sieht, glaubt es nicht!“ – Was war die Weisheit der französischen Akademie der Wissenschaften, als sie in dem Schmierhefte eines ungezogenen deutschen Buben die ersten Spuren mexikanischer Keilschrift erkannte, gegen die Sprach- und Quellenkunde unseres Wilhelm Ehrenthal, des Verfassers der kleinen Schrift, vor welcher wir mit dem größten Erstaunen stehen, und seiner gelehrten Herren Mitarbeiter an diesem Meisterstück der Polyglottie! Nur der Deutsche ist fähig, all seine Gelehrsamkeit zusammenzunehmen, um eine seiner Berühmtheiten der ganzen Menschheit zu schenken; nur er vermag es, sich von seinem Liebsten aus Humanitätszwecken zu trennen; nur er überwindet es, sein „Kutschkelied auf der Seelenwanderung“ vor aller Welt darzustellen.

Es ist aber auch eine Freude für ein deutsches Gemüth, die herrlichen Verse vom Herumkrauchen des Napolium in dem Busche etc. nicht nur in alt- und plattdeutscher Zunge, sondern auch in griechischem, lateinischem und hebräischem Urtext, ja selbst in persepolitanischer Keilschrift, in einer Hieroglypheninschrift und in einem ägyptischen Todtenbuch wiederzufinden, wobei mit überzeugendem Geschick der Beweis geliefert wird, daß Orpheus und Kutschke nur Eine Person sind. Sogar eine Sanskritstrophe ist entdeckt worden, welche den wesentlichen Inhalt des Kutschkeliedes zusammenfaßt. Daß dasselbe ein Weltlied ist, wird uns immer klarer, je mehr wir sehen, daß es ebenso gut im Vulgär-Arabischen, wie im Isländischen, ebenso im Altfranzösischen, wie im Provençalischen als alte Perle kriegerischer Volkspoesie glänzt.

Es hieß offenbar einem längst gefühlten Bedürfniß abhelfen, daß unser Weltlied in einem Uebersetzungsanhang auch noch den heutigen Holländern, Dänen, Engländern, Russen, Polen, Litthauern, Oberwenden, Italienern, Spaniern und Franzosen mundgerecht gemacht worden ist.

Den Schluß des wundervollen Werkchens bildet ein wirkliches Bild, eine von H. Kff. in Karnak am 2. December 1869 genommene Abbildung zweier Säulenknäufe nebst Fries, auf welchem letzteren Napoleon im Busch herumkrauchend und von dem behelmten Kutschke entdeckt, auf deren ersteren sinnreich sein Schicksal dargestellt ist, bis es ihn endlich ganz unten zum schwermüthigen Mann zusammengedrückt hat. So schön schließt das Ganze!
F. H.

Die Gartenlaube als Kriegsursache. Was der römischen Priesterschaft möglich war, hat das Haupt derselben durch das Concil und nach demselben offen gezeigt; das wissen wir, denn wir Alle haben es gesehen. – Was aber einer bekannten Richtung der protestantischen Geistlichkeit noch Alles möglich werden wird, läßt sich nur ahnen und liegt für uns hinter unheimlichem Nebel verborgen. Es bleibt uns nichts übrig, als die einzelnen Thatsachen, durch welche die Ziele angedeutet werden, künftig stets zu veröffentlichen.

In der Nähe des weimarischen Städtchens Weida liegt das meiningische Dorf M… Dort verwaltet das Amt der Seelsorge ein junger Mann, welcher es mit seiner religiösen Pflicht im Einklange fand, nicht nur den deutschen Krieg gegen Frankreich als ein Strafgericht des Himmels zu bezeichnen, sondern auch deshalb ausdrücklich zu wünschen, daß die Franzosen in’s Land gekommen wären, um die sündige Welt nach Gebühr zu züchtigen. Und was ist an dem weltlichen Verderbniß schuld, das er in seiner Gemeinde eingebrochen sieht? Das eine Exemplar der Gartenlaube, welches der Schullehrer hält und den Gemeindemitgliedern zum Lesen mittheilt! Es wird uns versichert, daß dieser Geistliche deshalb auf Absetzung des Lehrers angetragen habe; aber auch die Gemeinde richtete eine Eingabe an die Oberbehörde, in welcher sie die Bitte aussprach, ihr den Lehrer zu lassen und den Pfarrer zu nehmen.


Kleiner Briefkasten.

L. A. E. in Wien. Sie haben vollkommen Recht: Anzeigen wie die der Firma A. Friedmann im „Neuen Wiener Tageblatt“ vom 30. Januar dieses Jahres beleidigen die Moral auf das Gröblichste. Es ist kaum anzunehmen, daß der Drucker des Blattes die schamlosen Vignetten auf eigene Faust der Anzeige des Herrn Friedmann vorgesetzt hat; doch gehört gewiß jeglicher Mangel an Selbstachtung dazu, wenn eine Firma durch solche Mittel die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken sucht und unter solche Inserate ihren Namen zu setzen wagt. Vignetten wie diese sind ungestraft nur in Wien und Paris noch möglich.

W. H. in P. u. v. A. Die Adresse ist einfach: Herrn Dr. Roderich Benedix in Leipzig.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Heinrich Laube erzählt in seinen Erinnerungen an Pückler-Muskau folgenden hochherzigen Zug von dieser Frau: Sie war eine geschiedene Gräfin Pappenheim und liebte ihn sehr. Er ist ihr Ideal gewesen, an welchem ihre ganze Seele hing bis zu ihrem Tode. Daß sie auch von ihm geschieden worden, das hat in ihrem Herzensverhältnisse gar nichts bedeutet. Sie selbst hat ihm den Vorschlag der Scheidung gemacht. Er besaß nämlich einen unhemmbaren Trieb des Schaffens, und begann in Muskau die großen Anlagen ohne Rücksicht auf die Geldkräfte, welche Muskau gewährte, und welche für diese riesigen Anlagen unzureichend waren. So gerieth er in Schulden, und da sagte die Fürstin eines Tages: „Dein Geist verkümmert hier unter solcher Bedrängniß, suchen wir einen Ausweg! Du bist in der Blüthe Deiner Kraft, suche Dir in England eine reiche Frau, damit Du weiter schaffen kannst; ich trete zurück, indem wir unsere Ehe auflösen. Mein Freund wirst Du immer bleiben, auch wenn Du nicht mehr mein Gatte bist.“ Er sträubte sich natürlich; aber es geschah so, und er ging nach England. Von da schrieb er an sie, an seine Lucie, die „Briefe eines Verstorbenen“, welche ihn berühmt machten. Er suchte wohl kaum eine Frau, und er fand auch keine. So kam er zurück und rief: „Nun, Lucie, können wir uns zum zweitenmale trauen lassen!“ „Das würde lächerlich erscheinen,“ erwiderte sie, „und ist ja auch nicht nöthig. Die formelle Scheidung bedeutet uns nichts, und wir bleiben beisammen, als ob sie nicht geschehen wäre.“ So wurde es denn auch. Sie war älter als er und war eine vortreffliche Dame, gesegnet mit allen schönen Eigenschaften großen Adels, mit großem Sinn und großer Milde, und ausgerüstet mit dem edlen Berufe zum Regieren. Beruf ist die angeborene Fähigkeit: in’s Werk zu setzen; edler Beruf ist der hinzutretende Drang: Gutes und Schönes ins Werk zu setzen. Die Tochter Hardenberg’s hat diesen edlen Beruf einer jetzt schwindenden Adelsmacht in allen Lagen ihres Lebens ausgeübt, auch in den Lagen ökonomischer Bedrängniß, Es war ihr eine Lebenstendenz: fördersam zu wirken auch über den Kreis der naheliegenden persönlichen Interessen hinaus, fördersam zu wirken dem Ganzen und Großen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: gestorbeu