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Die Gartenlaube (1868)/Heft 42

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[657]

No. 42.   1868.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Süden und Norden.
Eine baierische Dorfgeschichte von 1866.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Wie im Fluge breiteten sich die Preußen auf- und abwärts am Ufer aus, um eine geeignete Stelle für den Uebergang zu finden. Die auf der Brückenbarricade befindlichen Schützen sahen sich bald auch von den Seiten beschossen und waren genöthigt, sich hinter die Geschütze zurückzuziehen. Die anderen Abtheilungen in den Arcaden des Cursaales, in den Promenaden des Gartens und im Ufergebüsch unterhielten indessen ein lebhaftes Feuer, indem sie mit wohlgezielten Kugeln manchem Gegner, der sich furchtlos oder übermüthig zu weit vorgewagt, den Rückweg ersparten.

Auf ein Knie niedergelassen, mit geröthetem Angesicht, ließ Ambros gleichmüthig wieder und wieder seinen Stutzen knallen, wie er es sonst wohl beim lustigen Scheibenschießen gethan; kein Gedanke stieg in ihm auf, daß auch ihn ein Geschoß, wie er sie hinübersendete, von drüben erreichen könnte. Kaltblütig, als wäre es das Schwarze in der Scheibe, nahm er seinen Gegner auf das Korn und mußte an sich halten, bei dessen Falle nicht in lautes Juchzen auszubrechen, wie es am Schießstand üblich, wenn der Schuß den Punkt getroffen und die Maschine geweckt hat.

„Wenn das weiter nichts ist,“ rief er dem neben ihm stehenden Cameraden, dem feinen Studenten, zu, „dann ist net so viel dahinter. Aber wie wird denn das werden? Wenn wir net hinüber und die Preußen net herüberkommen, da können wir einander ein paar Tag lang anschauen und viel Pulver verpuffen! Ich hab’ mir den Krieg anders vorg’stellt, viel lustiger, daß sich ’was rührt und sich einem das Blut rigelt.“

Der junge, schlanke Jäger, dem am Abend zuvor die traurige Weise vom Morgenroth durch den Sinn gegangen war, handhabte nicht minder eifrig seinen Stutzen und war eben daran, eine Patrone zu öffnen. „Ja wohl,“ sagte er, halb als Antwort, halb vor sich hin, „auch im Kriege geht die Poesie verloren, wie überall. Der Bauer ackert und drischt mit dem Dampfe, statt des gemüthlichen Posthorns pfeift die Locomotive, und für das lustige Laden des Gewehrs und den springenden Ladstock überholen sie uns da drüben und setzen die Patrone fein still und heimtückisch von hinten in’s Rohr. Was wohl der alte Dessauer sagen würde, wenn er aufstände und sähe, wie sie schießen – ohne eisernen Ladstock, auf dessen Erfindung er sich so viel zu gut gethan! Wir werden es ihnen wohl bald ablernen müssen, aber es ist doch schade um den Ladstock und um das Laden! Nicht einmal die alten Lieder taugen mehr, weil sie nicht mehr wahr sind. Wie könnte man dann noch das Lied vom treuen Camerad singen: ,Will mir die Hand noch reichen, dieweil ich eben lad’?“

Ein unarticulirter Laut unterbrach ihn in dem halblauten Gesang. Mit flüchtigem Seitenblicke gewahrte Ambros, wie der Stutzen den Händen des durch die Brust Getroffenen entglitt; wie er mit diesen, als suche er einen Gegenstand, um sich daran anzuhalten, in der Luft herumtastete und dann zusammenknickte, mit einem schweren Seufzer im letzten Athemzuge das junge Leben verhauchend.

Ein schmetterndes Hornsignal gellte von der Stadt her und gab den zerstreuten Plänklern das Zeichen, sich zu sammeln.

„Da hilft wohl nichts mehr,“ sagte Ambros, indem er flüchtig hinzutrat und den Todten betrachtete. „Da kann kein Bader in der Welt mehr ’was ausrichten. Der hat’s überstanden, Gott geb’ ihm die ewige Ruh’! Aber was ist denn das?“ rief er den Schützen zu, welche von allen Seiten laufend herbeikamen. „Warum wird denn zum Sammeln g’blasen? Das heißt ja zurückgehen!“

„Das heißt,“ erwiderte der eben vorüberkommende Oberjäger, beinahe athemlos vor Beleibtheit und von der Anstrengung des Laufens, „das heißt, daß die Preußen richtig über den Steg bei der Lindenmühle da unten gegangen sind und daß sie uns in den Rücken kommen, wenn wir uns nicht weiter zurück aufstellen.“

„Na, hab’ ich’s net g’sagt?“ rief Ambros, indem er sich dem Zuge anschloß. „Wenn sie nur net auch noch das G’länder hätten stehen lassen. Wir haben es ihnen doch gar zu kommod’ g’macht!“

„Wer hätte aber auch das denken sollen?“ erwiderte laufend und keuchend der Oberjäger. „Die Kerle können ja klettern wie die Katzen, und die Schützen dort am Lindenbaum waren auch zu weit aufgestellt und haben sie nicht aufhalten können. Ihre Zimmerleut’ sind voraus, so keck, als wenn’s gar keine Kugeln gäbe und als wenn drunten gar kein Wasser wäre. Aber wir wollen’s doch noch wieder gut machen,“ rief er, die kleine Schaar, die sich sammelte, um sich aufstellend. „Wir wollen ihnen jetzt noch entgegen und sie zurückwerfen oder wenigstens aufhalten, so lang’ es geht. Vorwärts, Cameraden!“

Die muthigen Burschen folgten dem Rufe des Oberjägers; sie wollten sich nicht nachsagen lassen, daß sie ruhig zugesehen, wie der Feind vor ihren Augen den Uebergang erzwang. Mit Hurrahruf und gefälltem Bajonnet stürzte sich die kleine Schaar gegen den Eingang des Steges, über welchen eben eine größere Schaar der Feinde angerückt kam und sie mit einem Regen von Kugeln überschüttete, der mit unheimlichem Sausen so dicht unter die vorstürmenden [658] Plänkler einschlug, daß er sie nach allen Seiten niederwarf und nach wenig Augenblicken nicht ein Drittheil davon mehr aufrecht stand. Der dicke Oberjäger war unter den Vordersten gewesen; er war auch einer der Ersten, welche fielen, er hatte es wahr gemacht, daß er sich nicht schlecht finden lassen werde, wenn es gelte.

Die wenigen Übriggebliebenen mußten erkennen, daß sie außer Stande waren, den Uebergang aufzuhalten, und daß längerer Widerstand sie nur nutzlos einem sicheren Tode aussetzen würde.

Sie wichen daher der Uebermacht und zogen sich plänkelnd und unter wohlgezielten Schüssen langsam zurück. Unter den Letzten befand sich Ambros, den sein kaltes Blut auch hier nicht verließ.

Es kam ihm beinahe lustig vor, wie die Kugeln so dicht um ihn herumpfiffen, und lachend rief er: „Ho, ho! Das thut ja hellicht net anders, als wenn im Auswärts ein Imp’ (Bienenstock) zu schwärmen anfangt!“

Unaufhaltsam waren inzwischen die Preußen auch gegen das Bollwerk auf der steinernen Hauptbrücke vorgegangen. Die in der Straße postirten baierischen Truppen mußten fürchten, in der Flanke gefaßt zu werden, und konnten nicht umhin, auf ihren Rückzug aus der nicht mehr zu haltenden Stadt bedacht zu sein. Die Geschütze fuhren ab, um hinter derselben eine neue, bessere Stellung zu finden. Hart hinter den Abziehenden drangen die Preußen in lichten Schaaren von allen Seiten nach, und ein erbitterter Kampf wälzte sich Schritt für Schritt durch die Straßen, eine Reihe wilder, nicht zu beschreibender Einzelgefechte, bis es endlich den Baiern gelungen war, sich am südlichen Ende der Stadt noch einmal festzusetzen, wo der mit hohen Mauern umgebene Kirchhof einen festen, willkommenen Stützpunkt bot. Viele von den tapfern Vertheidigern lagen todt und verwundet neben den Leichen der Feinde, die sie zahlreich zu sich niedergestreckt; eine große Anzahl hatte von der überraschend und schnell ausgeführten Ueberrumpelung nicht eher Kenntniß erhalten, als bis es zu spät war und sie sich in den Häusern, die sie zur Vertheidigung besetzt hatten, vom Feinde eingeschlossen und angegriffen sahen. Es blieb ihnen kein anderes Loos, als Gefangenschaft oder Tod.

Auch Ambros hatte mit den zersprengten Schützen den Weg durch Gärten und zwischen Gartenhäusern nach dem Kirchhof hin eingeschlagen, unablässig verfolgt von den immer dichter nachrückenden Preußen und ihren ruhelos vorausschwärmenden Plänklern.

Ihre sicheren Schüsse stürzten noch Manchen auf den Rasen oder in die Gartenbeete; aber auch die wackeren baierischen Schützen ließen es an tapferem Widerstand nicht fehlen: jeder Baum wurde zum flüchtigen Bollwerk, jede Mauer zum Walle, jeder Graben zur Brustwehr, um sich noch einmal gegen den Feind zu setzen und, wenn es auch unmöglich war, den Andrang der Uebermacht aufzuhalten, ihn doch jeden Schritt durch Wunden und Tod theuer genug erkaufen zu lassen.

Je heftiger und wilder das Gefecht entbrannte, je näher und schauerlicher die gräßlichen Bilder des Todes und der Zerstörung vor seinen Blicken sich entrollten, desto gelassener wurde Ambros; aber desto schrecklicher kam es ihm mit jeder Minute vor, daß er sich von einer Schaar Männer verfolgt sah, die er im Leben nie gesehen, denen er nie ein Leid gethan, und die doch mit einem Ingimm auf ihn eindrangen, als wäre er ihr verhaßtester Feind, – desto mehr that es ihm leid, diese Menschen, welche ihm alle gesund, kräftig und stattlich gegenüberstanden, und die ihn nie beleidigt, zur eigenen Vertheidigung verletzen und tödten zu müssen, wie auf der Jagd ein schädliches Raubthier. Durch eine wunderbare Verkettung der Gedanken kam es ihm plötzlich in den Sinn, wie er vor einigen Wochen auf der Hochplatte neben der schiechen Wand gestanden: er sah die erlegte Gemse vor sich liegen und glaubte Günther’s Stimme zu hören, wie er klagte, daß es unrecht sei, so weit heraufzusteigen, um so viel Kraft und Schönheit zu vernichten. War es doch nur ein Thier gewesen, dem diese Klage gegolten, und nun sah er vor und um sich so viele kräftige Schönheit zernichtet, so viel schöne Kraft zerstört – sah so viele wackere Herzen leiden und brechen, und in seinem einfachen, im Grunde gutartigen Gemüthe stieg die Ahnung auf von der ganzen, himmelschreienden Entsetzlichkeit des Krieges, und zum ersten Male fiel wie ein Bleigewicht der Gedanke auf sein Herz, daß er sich selbst in diesen Kampf gedrängt! Es war nicht Furcht, was ihn anwandelte, wohl aber eine bittere Regung der Reue, doch es blieb bei der flüchtigen Regung des Augenblicks, denn gleichzeitig mit dem Erinnern an die Hochplatte war auch ein Laut an sein Ohr gedrungen, der ihn nicht minder an jene Stunde mahnte, – aus den Reihen der immer näher kommenden Füsiliere war das Rufen einer Stimme erklungen, die er schon gehört zu haben glaubte. „Sollte das Günther sein?“ zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn, und der auflodernde Grimm schlug über der weichen Regung zusammen. Wenn er es wäre! Wenn sein persönlicher Gegner ihm wirklich gegenüberträte als Feind, Aug’ in Auge und Stirne gegen Stirne … Eben war er mit den Gefährten hinter einer langgezogenen Gartenhecke angelangt und sah gegenüber in halber Schußweite die aufgelösten preußischen Colonnen anrücken, um mit gefälltem Bajonnet die Schützen aus dem Gebüsch zu vertreiben und auf den letzten Halt innerhalb der Kirchhofmauern zurückzuwerfen.

Ein Officier, ein stattlicher Man, vor der Front herschreitend, wies mit dem Degen dahin und forderte mit lauter, mächtiger Stimme zum Angriff auf.

In Ambros’ Händen bebte der Stutzen, als er ihn sah. „Ist das net –“ murmelte er hastig, indem er in die Patrontasche griff. „Ja, wahrhaftig, ich irr’ mich net – das ist der Fremde, der mich in unsern Bergen nach dem Weg über’n Gamskogel g’fragt hat – der Landkartenzeichner! Also hab’ ich doch Recht g’habt: er ist als Gast in unserm Land g’wesen und hat uns heimlich auskundschaften wollen … Na, wart’, Spion! Dir will ich den kürzesten Weg zeigen, wenn’s auch mein’ letzte Kugel ist!“ Er drückte ab, und schwer getroffen, lautlos stürzte der Officier zu Boden.

Die Truppe stutzte einen Augenblick über den Fall des Führers, aber auch nur einen Augenblick; im nächsten schon stürmte sie mit lautem Hurrah gegen das Gebüsch vor und hatte es mit wenigen Schritten umflügelt; was nicht stürzte, war gezwungen, eilig hinter der Kirchhofmauer Schutz zu suchen.

Einer der Letzten war Ambros, der langsam und Schritt für Schritt zurückwich; wenn er sich auch verschossen hatte, war er doch stets bereit, den andrängenden Gegnern im Einzelnkampfe mit Haubajonnet oder Kolben zu stehen. Schon war er nicht mehr ferne von den äußersten Häusern, hinter welchen er sich geborgen zurückziehen konnte, und wendete sich um einen letzten Busch herüber, da sah er auf die Entfernung von wenigen Schritten einen Füsilier sich gegenüber, der, Einer der äußersten des rechten Flügels, das Zündnadelgewehr schußfertig an der Hüfte, in stürmendem Eilschritt vorging. Ein Ruf der Ueberraschung klang von den Lippen Beider; eines Gedankens Dauer lagen beiderseits die Waffen regungslos in ihren Händen.

„Herr Günther!?“ rief dann Ambros, der zuerst Worte fand. „So sind Sie’s wirklich und kein Geist? So bin ich doch net umsonst mit’gangen, und wir können Abrechnung halten mit einander!“

Schußbereit, aber ruhig stand der junge Mann. „Du bist’s, Ambros!“ rief er. „Traurig, daß wir uns so wiedersehen – aber ich will Dir nicht begegnet sein. Das ist keine Verletzung meiner Soldatenpflicht, wenn ich an Dir vorübergehe.“

„Vorübergehen?“ keuchte Ambros, dem die gewohnte, sinnverwirrende Gluth wieder zu Kopfe stieg. „Glaub’s schon, daß Sie das möchten; aber ob ich Ihna vorüberlaß’, das ist eine andere Frag’. Mir ist’s ganz recht, daß wir da so z’samm kommen. Jetzt können wir ausmachen, was wir ausz’machen haben.“

„Besinne Dich, Ambros!“ rief Günther hastig entgegen. „Ich habe nichts mit Dir abzumachen. Zieh’ Dich zurück, sag’ ich noch einmal; ich will nicht Gewalt brauchen gegen Dich.“

„So, Gewalt wollen Sie net brauchen?“ knirschte Ambros. „Aber Ihre Kniff’ und Pfiff’ haben Sie schon gegen mich und meine Leut’ gebraucht – da haben Sie sich nicht besonnen? Wohl haben wir zwei ’was abzumachen mit einander und viel noch dazu! Wer hat mich aus ’m Haus und aus der Heimath vertrieben, als wie Sie? Wer hat mir mein ganz’ Leben zernicht’t, hat mir mein Lieb’ g’nommen und mein Glück, als wie Sie? Und net einmal für sich hab’n Sie’s gethan, nein, bloß zu Ihrem schlechten Zeitvertreib! Wer, als Sie, hat mich unglücklich g’macht und das Tonerl dazu? Wehr’ Dich, heimtückischer Preuß!“ rief er wüthend. „Wenn ich auch keine Kugel mehr hab’, so schlag’ ich Dich mit ’n Kolben nieder wie einen tollen Hund.“

„Du bist selber toll und siehst nicht, daß Du in meiner Macht bist. Es kostet mich nur einen Fingerdruck an meinem [659] Gewehr, um Dich niederzustrecken – aber ich will Dich schonen; ich will Dein Blut nicht! Das Unglück, das leider gekommen ist, hab’ ich nicht verschuldet.“

„Meinen Sie, ich fürcht’ mich vor Ihrem Feuerspielzeug da? Mit einem Sprung bin ich doch über Ihnen!“

„Nun denn, wenn es gekämpft sein muß,“ rief Günther, in dessen Angesicht ebenfalls die Erbitterung emporzuwallen begann, „so soll es sein; aber mein Wille ist es nicht. Ich will nicht schießen, weil Du keine Kugel mehr hast; ich habe ein Bajonnet wie Du; also – zurück, Wahnsinniger!“

Wild schlugen die Gewehre zusammen; die Klingen daran klirrten gegen einander. Wohl war Ambros dem Gegner an wilder Kraft überlegen; aber dieser wußte den Abstand durch die Gewandtheit auszugleichen, mit der er das Gewehr handhabte und, hin und wieder sich wendend, rasch die Stöße des Gegners abwehrte. Dennoch gelang ihm dies nicht immer, und bald drang ihm die Bajonnetspitze tief in die linke Schulter. Einen Augenblick wankte er; aber die Gefahr begreifend, nahm er seine volle Kraft und Geschicklichkeit zusammen. „So geht es denn um Leben und Leben!“ rief er und fing, als Ambros die ganze Wucht seines blinden Zornes zu einem entscheidenden Schlage zu sammeln schien, denselben als gewandter Fechter so kräftig auf, daß der schon während des Gefechtes schadhaft gewordene Stutzen des Jägers am Laufe brach und ihn wehrlos dem Gegner gegenüberstellte.

„Du bist wehrlos,“ sagte Günther. „Ergieb Dich jetzt oder fliehe! Ich sag’ es Dir noch einmal: Ich will nicht wissen, daß wir uns begegnet sind.“

„Ergeben? Ich mich Dir ergeben?“ schrie Ambros außer sich. „Wer sagt Dir, daß ich wehrlos bin? Ich bin’s nit, so lang ich noch einen Arm rühren kann, um Dich mit den Händen zu erwürgen …“ Mit wildem Sprunge stürzte er sich auf den verhaßten Gegner, um ihn im verzweifelten Ringkampfe zu umfassen – aber in Mitte desselben stürzte er mit grellem Aufschrei zusammen; er hatte das von Günther zur Abwehr vorgehaltene Bajonnet sich tief in die Brust gerannt. Ein Blutstrom schoß hervor. Das Auge fest auf den Gegner gerichtet, schien er noch ein Wort des Fluches sprechen zu wollen; aber die Lippen vermochten nicht mehr, es hervorzustoßen, und wie sterbend schloß er die Augen.

„Du hast es selbst begehrt, Unglücklicher!“ sagte Günther. „Wälze nicht mir die Schuld zu, daß es so gekommen – ich hätte es anders gewollt.“ Er bückte sich zu dem Gefallenen nieder und versuchte, ihn aufzurichten. Jetzt erst fühlte er den heftigen Schmerz seiner Armwunde. Das Blut strömte in starkem Gusse aus derselben, dunkel umflorten sich seine verschwimmenden Augen, und mit einem Seufzer sank er neben Ambros zur Erde.

Unbekümmert um die Beiden ging das Gefecht seinen blutigen Gang.

Der Abend brach bereits herein, als die siegenden Preußen die ganze Umgebung der genommenen Stadt nach den Gefallenen und Verwundeten durchsuchten. Die kühler werdende Abendluft hatte Günther aus der Ohnmacht geweckt, in welche Schmerz und Blutverlust ihn versenkt hatten. Auch Ambros hatte noch nicht zu leben aufgehört; sein Puls ging noch schwach, wenn auch das Bewußtsein vollständig geschwunden war. Trotz der schweren Wunde setzte die Kraft der gesunden Natur und der unverdorbene Körper der Vernichtung einen hartnäckigen, wenn auch vom Arzte der Ambulance nach kurzer, flüchtiger Untersuchung für vergeblich erklärten Widerstand entgegen. In dem nämlichen Saale, nur durch wenige Lagerstätten von einander getrennt, wurden die Doppelfeinde untergebracht. Für Günther mit seiner, wenn auch starken und schmerzhaften, Fleischwunde zeigte sich bald, daß keine Gefahr vorhanden; er bedurfte nur der Erholuug und Ruhe, um wieder Kraft zu sammeln und einer etwaigen Lähmung des Armes vorzubeugen. Schon nach wenigen Tagen war er wieder im Stande, das Bett zu verlassen.

Ambros dagegen war noch immer beinahe ununterbrochen in demselben bewußtlosen und schlafähnlichen Zustande gelegen, nur selten öffneten sich die starren Augen, und wenn es geschah, war es unverkennbar, daß sie nicht sahen und nicht erkannten, was ihn umgab; die Wahngebilde eines heftigen Wundfiebers hielten ihn unerbittlich umstrickt.

So waren ein paar Wochen vorübergegangen, und einem flüchtigen Beschauer wäre es kaum mehr möglich gewesen, die Spuren des Unheils zu erkennen, welches über die schönen, friedlichen Fluren dahingezogen war. Im Thale und die Höhen hinan, auf welchen der Kampf bis an die nächsten Dörfer sich ausgetobt hatte, haben lange schon die Massengräber sich friedlich über Freund und Feind geschlossen als letzte, einträchtige Ruhestätte; an Straßen und Häusern begannen die Kugelspuren und sonstigen Zeichen der Zerstörung wieder zu verschwinden, und nur in den Spitälern blieben noch lange die traurigen Beweise zurück, mit welch’ hartnäckiger Erbitterung von beiden Seiten um den Sieg gerungen worden war, wie viele unglückiche, brave Menschen dabei Leben und Gesundheit eingesetzt und nichts gewonnen hatten, als einen frühen schmerzlichen Tod oder ein verkümmertes Leben als siech gewordene Männer oder Krüppel.

Eines Abends, als eben der Arzt durch den Saal seine letzte Runde machte, begann Ambros sich zu regen; er schlug die Augen auf, sprach einige Worte mit dem Wärter und verlangte zu trinken. Sein Blick war sichtbar klarer geworden, und mit dem Ausdruck unverkennbaren Behagens schlürfte er den kühlenden Trunk; aber wieder war es nur ein flüchtiger Augenblick der Sammlung und Erholung; denn über den Arm des Wärters hin fiel das Auge des Kranken auf Günther, welcher theilnehmend näher getreten war, und wie mit einem Schlage kehrte das Fieber mit seinem Wahne zurück. Nur mit Anstrengung vermochte Ambros einen Laut aus der wunden Brust hervorzustoßen, während die Augen im Feuer der alten Wildheit aufloderten. „Da ist er wieder!“ keuchte er endlich. „Thut mir ihn weg. – Muß ich ihn denn überall finden, den Teufel? Lache nur, weil Du wohlauf bist und gesund! Komm’ her, wenn ich daliegen muß auf den Tod … ich nehm’ es auf mit Dir … Du sollst sie nicht haben, Teufel … ich werfe Dich hinunter über das Gewänd …“ Beim ersten Laute war Günther hinweggeeilt; Ambros rang einen Moment mit dem Wärter, der ihn zurückhielt – er wollte aufspringen und auf den Verhaßten losstürzen, aber dann verließ ihn die Kraft und lallend sank er auf’s Lager und in den alten Zustand zurück.

Während der Arzt herantrat, nach Veranlassung und Zusammenhang des Vorfalls zu fragen, kam der Wärter mit der Meldung herein, daß zwei fremde Frauenspersonen vor der Saalthür stünden, die einen Verwundeten zu besuchen gekommen seien. „Sie müssen weit her sein,“ sagte er; „denn die Kleider, welche sie tragen, sind in der ganzen Gegend unbekannt.“

„Zu welchem Verwundeten wollen sie?“ fragte der Arzt. „Es ist schon spät, und der Besuch kann die Ruhe der übrigen Kranken stören. Es wird wohl bis morgen Zeit haben.“

„Der Besuch gilt dem baierischen Jäger,“ sagte der Wärter, „dort in der Ecke, der den Bajonnetstich in die Brust bekommen hat. Es sind wohl Mutter und Schwester, die ihn besuchen wollen, oder es ist gar sein Schatz, weil sie so verweinte Augen hat.“

„Erinnern Sie sich, Herr Doctor,“ sagte Günther, leise hinzutretend, „daß auf meine Veranlassung an die Angehörigen des Unglücklichen, die mir bekannt sind, geschrieben und ihnen Nachricht von seinem Zustand gegeben wurde!“

„Ganz recht,“ entgegnete gleichgültig der Arzt; „wenn es den angeht, dann erleidet die Sache allerdings keinen Aufschub. Ich glaube nicht, daß der Bursche den Morgen erlebt. Da ist der Besuch noch gerade recht gekommen. Wollen Sie,“ fuhr er, sich zu Günther wendend, fort, „es vielleicht übernehmen und die Frauen hereinführen, da Sie doch mit ihnen bekannt zu sein scheinen?“

Günther kämpfte einen Augenblick mit sich selbst. „Nein,“ sagte er dann, „es wird besser sein, wenn ich ihnen nicht begegne. Es würde sie und mich zu sehr erschüttern und doch nichts fruchten. – Ich will beiseite gehen, damit ich ihnen nicht zu Gesicht komme – wenigstens für heute nicht.“

Der Arzt wendete sich dem nächsten Bette zu, und auf den Wink des Wärters, der die Thüre leise öffnete und zur Stille aufforderte, trat die Funkenhauser Bäuerin ein, hinter ihr Tonerl. Man sah es der Frau an, wie sauer ihr der Gang wurde, den sie machen mußte; aber sie hielt sich tapfer aufrecht; das Mädchen dagegen hinter ihr schwankte, als ihr die Luft des Krankenzimmers entgegenschlug; aus dem einst so lachenden Angesicht war alle Fröhlichkeit gewichen, und der Wärter hatte wohl Recht: man sah es den Augen an, daß sie viel geweint hatten und bitterlich.

[660] „O du liebe Mutter vom Birkenstein!“ rief die Bäuerin schmerzlich, als sie den Leidenden bleich und entstellt vor sich liegen sah. „Ist’s denn menschenmöglich, daß dies der Ambros ist, der gute, brave Bursch, der noch vor ein paar Wochen dag’standen ist, so frisch und g’sund wie ein Kirschbaum?“

Tonerl konnte nicht sprechen. Schweres Schluchzen erschütterte ihre Brust; wie unwillkürlich sank sie am Bettrande in die Kniee und beugte das thränenübergossene Antlitz auf die kaltfeuchte Hand des Verwundeten nieder. „Ambros!“ rief sie weinend, „hörst mich nimmer? Das Tonerl ist da! ich bin bei Dir – Ambros – Ich will Dich um Verzeihung bitten für Alles, was ich Dir angethan hab’ – daß ich Dein gut’s, treu’s G’müth so von mir gestoßen und veracht’t hab’. Schau mich nur noch ein einzig’s Mal an und sag’, daß Du mir verzeihst! Ich bin hart g’nug g’straft, auch ohne das, davon ist Gott mein Zeug’!“

Waren es die heißen Thränen, welche die Hand des Leidenden überströmten, oder hatte die bekannte Stimme eine solche Gewalt über die entschwindenden Lebensgeister, – Ambros öffnete noch einmal die schweren Augenlider, sein Blick traf das Antlitz der Bäuerin; er streifte über dem gebeugten Haupte des Mädchens hin und ein unbeschreiblicher Ausdruck der Seligkeit und des Glückes brach aus den dunklen Augen hervor. „Was? Die Bas’ kommt zu mir!“ flüsterte er. „Das ist schön; das freut mich … Und Du bist auch da, Tonerl, und Du weinst wohl gar um mich? Das macht mir das Sterben leicht.“

„Red’ net vom Sterben, Vetter!“ sagte die Bäuerin. „Du wirst vielleicht schon wieder werden. Du mußt halt ein recht’s Vertrauen fassen zu der heiligen Mutter vom Birkenstein; die hat schon noch viel größere Wunder gewirkt.“

„Nein, Bas’,“ sagte Ambros mit leichtem, traurigem Kopfschütteln, „was in meiner Brust zerrissen ist, das wird net wieder ganz. Ich spür’s, das Bajonnet ist zu tief ’neingegangen; er hat gar z’ fest zug’stoßen, der Herr Günther.“

„Wer?“ rief die Funkenhauserin. „Wer, hast Du g’sagt?“ und die wenigen Silben blieben ihr beinahe auf der Zunge haften. Toni starrte ihn entsetzt und wie versteinert an: die Thränen in ihren Augen standen einen Augenblick still.

„Der Günther,“ wiederholte Ambros matt. „Ihr kennt ihn ja, den Herrn Schulze, der unser Gast g’wesen ist auf dem Funkenhauserhof … Wir sind mit einander z’samm ’kommen und haben abg’rechnet mit einander.“

„Das auch noch!“ stammelte Toni halblaut und tastete, dem Umsinken nahe, um sich. „Mir wird so schwarz vor den Augen; ich glaub’, mir wird net gut.“

„Das macht die Luft von der Krankenstube und die Alteration,“ sagte der Wärter. „Ich führ’ die Jungfer ein wenig hinaus an die frische Luft; da wird ihr schon wieder besser werden.“ Er that’s; Toni wankte hinaus, und mit Augen, die wie zwei erlöschende Kohlen funkelten, blickte Ambros der Verschwindenden nach.

„Sie hat ihn noch immer gern, Bas’,“ stammelte er. „Daß ich sterben muß, das kränkt sie viel weniger, als daß es der Günther ist, der mir das gethan hat …“

„Denk’ jetzt net an solche weltliche Sachen!“ rief die Bäuerin. „Jetzt ist zu ernsthaften Gedanken Zeit. Mach Ordnung mit unserem Herrgott! Ambros – denk’ an die Ewigkeit!“

„Ich kann net, Bas’,“ jammerte er. „Das hat mir wieder einen Stich ’geben, mitten durch’s Herz, der brennt mehr als die Wunden von dem spitzigen Eisen – so kann’s höllische Feuer net brennen. Sie hat mich amal gern g’habt, Bas’; ich weiß’s g’wiß, von Herzen gern, bis der Preuß’ ’kommen ist mit seine Schmeichelwort’ und seine schönen Reden – der hat sie verkehrt und hat mir ihr Herz gestohlen und ihre Lieb’, und jetzt nimmt er mir auch noch mein jung’s Leben! Und ich kann mich net rächen an ihm und kann’s ihm net vergelten!“

„Scham’ Dich, Ambros,“ sagte die Bäuerin ernst, „daß Du so abscheuliche Reden führst! Ist Dein ganz’ Christenthum verloren ’gangen in der kurzen Zeit von Dein’ Soldatenleben? Denk’ an die Ewigkeit, denk’ an’s Beten! Schau, ich will bei Dir bleiben, Ambros, und will Dir vorbeten.“ Sie hatte sich auf den Rand des Lagers gesetzt und ein altes, vergriffenes Büchelchen mit großgedruckten Gebeten und unscheinbaren Holzschnitten hervorgezogen; sie blätterte und wollte eben anfangen zu lesen. Darüber fiel ein Blatt heraus und flog auf die Decke.

Ambros griff darnach, schaute es an, und wie in den Tagen der Kraft und Gesundheit trieb ihm das Blut die letzten seiner Wellen in’s Angesicht. „Die heilige Philomena!“ hauchte er, und aus seinem Auge brach ein Glanz des Friedens, wie ein plötzlicher Sonnenstrahl durch das Gewölk bricht. „Die Heilige vom Seitenaltar in unserer Kirchen daheim, – die Fräul’n!“

Es war das letzte Aufflackern der erlöschenden Flamme gewesen. Mühsam hob er die erlahmende Hand und streckte sie der Bäuerin und Tonerl entgegen, die gefaßter eben wieder in’s Zimmer trat. Sie ergriff seine Hand; ihr letzter Druck durchzitterte sie. Fest und starr hing sein Auge an ihr, aber nicht mehr feindlich und bitter wie zuvor; immer heller, immer verklärter brach der Strahl der Liebe daraus hervor. Um seinen Mund breitete sich ein versöhnendes Lächeln – noch wenige Augenblicke, und er hatte vollendet.

In wort- und thränenloser Rührung verließen die Frauen den Saal und traten auf den von trüben Laternen beleuchteten Vorplatz hinaus; hart an der Schwelle, so nahe, daß die Begegnung nicht mehr zu vermeiden war, stand ihnen Günther gegenüber.

Einen Augenblick blickten sie sich schweigend und überrascht an. Günther machte eine Bewegung, als ob er sich nähern wollte; ein Wort schwebte auf seinen Lippen; die Bäuerin aber wies ihn mit heftig abweisender Geberde zurück. Toni verbarg ihr verstörtes Angesicht in ihrem Tuche; dann schritten sie an ihm wie an einem Fremden vorüber. „Ein Begegnen auf Nimmerwiedersehen,“ sagte er dann vor sich hin, trat an die Thür und schaute den Dahinschreitenden nach in die Nacht, die draußen sich niedergesenkt hatte, finster und sternenlos.

(Fortsetzung folgt.)




Ein Londoner Kummerhof.

Die gebildete Industrie darf heutzutage gar keine Abfälle und schädlichen Kummer- und Kehrichtstoffe mehr kennen und dulden. Allerdings wußte man dies schon lange und deutsche Gelehrte, wie Pettenkofer etc., führten den wissenschaftlichen Beweis dafür wohl noch eher, als die Engländer; aber Letztere warteten nicht auf diese Bestätigung der Wissenschaft, sondern kämpften schon seit mehr als einem halben Jahrhundert immer massenhafter und siegreicher gegen den alten gefährlichen Drachen alles gesunden Lebens und frischen Fortschritts. Wie man aus stinkendem Theer die prachtvollsten Farben und kostbarsten Wohlgerüche, aus den ekelhaftesten Lumpen nicht nur warme, sondern auch schöne neue Kleider, aus allen Theilen gefallener Gäule die werthvollsten Dinge des Nutzens und der Niedlichkeit bereiten, aus verhaßten Cloakenflüssigkeiten durch einen noch neuen chemischen Proceß Werthe von zwei Silbergroschen um mehr als vierhundert Procent erhöhen kann, so weiß man in England auch allerhand Kummer und Kehricht, der sich bei uns zu Drachenburgen anhäuft und den Niemand umsonst haben will, in allen Theilen vermittels der großartigsten Industrie auf das Vortheilhafteste zu verwerthen und zu lachenden Geld- und Lebensquellen zu veredeln.

Da man in Deutschland die genialen Bücher von Charles Dickens wohl eben so gern liest, wie die besten Romane unserer eigenen Schriftsteller, wird der goldene Kummermann (the golden dustman) aus seiner letzten großen Schöpfung: „Unser beiderseitiger Freund“ auch in Deutschland keine unbekannte Größe geblieben sein. Wir sehen ihn im Geiste, den kleinen, knurzigen Krösus mit dem Stock im Arm, sehen die geheimnißvollen, ungeheuren Müllhaufen, aus denen sein Vater und Vorgänger die Haufen goldener Pfunde destillirte, und die gierigen Erbschleicher, welche sich gegenseitig um diese goldhaltigen Kummerhaufen zu betrügen suchen, und haben dadurch wohl schon eine mehr ideale Vorstellung von solchen englischen Müllgeschäften gewonnen. Mancher Leser mag dabei geglaubt werden, daß der goldene Dustmann und seine Haufen von Müll und Geld mehr Kinder der eigenthümlichen

[661]

Ein Londoner Kummerhof.
Nach der Natur aufgenommen von Dammann.

[662] humoristischen Muse, als Riesen der Wirklichkeit seien. Wir wollen deshalb, also aus literarischen, wie praktischen Gründen, einen solchen Londoner wirklichen Kummerhof genauer in Augenschein nehmen.

Es giebt deren natürlich in großer Menge und zum Theil von fabelhaftem Umfange; doch wollen wir keinen der größten besuchen und selbst das Riesengeschäft Ferguson’s im Westen Londons, des berühmten Millionärs aus Staub, unbeachtet lassen, um an einem kleineren, übersichtlicheren Nebengeschäfte dieser Art zu zeigen, was selbst mit geringen Anfängen und wirthschaftlicher Ausdauer gleichsam nebenbei aus allerhand Kummer für Gold und Freude gewonnen werden kann. Ein solches kleines, noch ziemlich neues Geschäft finden wir weit draußen im Nordosten mitten zwischen den herrlichsten Landschaften und grünen Gebüschen auf einer Halbinsel des Themsenebenflusses Lea.

Wo hier vor einigen Jahren noch liebliche Blumen dufteten, erheben sich jetzt unförmliche und durchaus nicht wie Blumen duftende Haufen, aus denen geschäftige Hände fortwährend Geld machen, während die Behörden Ost-Londons früher jährlich große Summen ausgeben mußten, nur um diese Drachensaat aus den Häusern und Höfen los zu werden. Da fiel es einem pfiffigen Bierwirth ein, sich draußen die Halbinsel mit dem Blumengarten zu kaufen, Landungsbrücken für Kähne anzulegen und für die Erlaubniß, den Kummer aus den Häusern fortzuschaffen, noch beträchtliches Geld zu bieten. Dies wurde natürlich mit Freuden angenommen, und so verwandelte sich der einsame Blumengarten in einen blühenden Kummerhof mit goldenen Früchten für eine ganze Arbeitercolonie.

Fast auf allen Straßen Londons sieht man jeden Vormittag schmutzige Karren dahinrumpeln und hört daneben weit und breit das unmelodische Dust ahoi! (Kummer her!) Das Hausmädchen oder die Hausfrau, welche nun die in der Regel sehr praktisch versteckte oder wenigstens bedeckte Müllgrube gelehrt wissen will, braucht nur einen Wink zu geben, und die beiden Männer befreien das Haus, sehr häufig durch eine ebenfalls sehr praktisch angebrachte Hinterthür, im Nu von allem Kummer und bezahlen auch bei etwaiger Concurrenz mehrerer Geschäfte noch eine Kleinigkeit dafür. Unser Bierwirth beschäftigt jetzt gegen dreißig solcher Karren, von denen manche täglich zwei Ladungen auf seinen Kummerhof bringen. Andere Lasten kommen zu Wasser. Der Hof besteht aus zwei Abtheilungen, von denen die erste Schlick von Chausseen und Straßen, die zweite den eigentlichen Kummer oder Müll, d. h. Kohlenasche, Kehricht, Küchenabfälle, allerhand Scherben von Glas, Porcellan und Töpferei mit gelegentlich dazwischen gefundenen silbernen Löffeln und goldenen Ringen und verschiedenen geltenden Münzen aufnimmt. Jeder ankommende Karren wird durch einen einfachen Mechanismus auf den Haufen gezogen und unter furchtbarer Wolkenbildung „ausgeschossen“, weshalb auch jeder Haufen ein Schuß genannt wird. Ein solches ausgeschossenes Gebirge sieht zwar nicht sehr malerisch ans, aber wir finden auf der linken Seite unserer Abbildung doch eine Ansicht des Chimborasso unseres Kummerhofes.

Die Verwandlung dieser Kummerhaufen in Geld und Geldeswerth ist zwar selbst eine sehr kummervolle, aber sehr einfache und lohnende Arbeit. Männliche Fäuste und Rücken tragen immer große Körbe voll von den Haufen zu umstehenden Vertreterinnen des schönen Geschlechts und füllen deren Siebe damit, einfache, runde Drahtsiebe mit langen, unten offenen Säcken darunter, welche blos zur Minderung des Staubes beitragen sollen. Jedes solche Sieb wird von vier Händen geschüttelt, welche ihre Arbeit so oft unterbrechen, als auf dem Siebe irgendwie dicke und werthvolle Gegenstände zum Vorschein kommen. Diese werden mit schnellem, geübtem Auge nach Rang und Werth gewürdigt und demgemäß in verschiedene umherstehende Körbe vertheilt. Aus diesen Körben wird es von Jungen auf die verschiedenen sortirten Kummerhaufen getragen, wie wir auf der rechten Seite unserer Abbildung einen bewundern können, wenn wir dazu die gehörige ästhetische Bildung haben.

Rechts im Vordergrunde erhebt sich ein Häufchen Unglück, bestehend aus alten Blechsachen und sonstigen metallischen Invaliden der Küche. Der große, alte Kasten daneben enthält allerlei Kostbarkeiten der Schneider- und Bekleidungskunst auf der ersten Stufe zu neuer Veredelung aus tiefster Erniedrigung, nämlich Lumpen, die in England, beiläufig gesagt, als solche schon einen viel höheren Werth haben, als unter uns Deutschen. Weiter im Hintergrunde auf derselben Seite machen sich die Hütten zur Aufbewahrung von allerlei Geräthschaften und dahinter ein Haufen von pflanzlichen und fleischlichen Küchenabfällen bemerklich, welche der vorn liegende, halb verhungerte Hund schon nach besten Kräften zu verwerthen sucht. Auch lassen es die Männer, Frauen und Kinder, welche hier nicht selten in ganzen Familien arbeiten, nicht an scharfer Kritik dieser Haufen gefundener Delicatessen fehlen, um Alles, was sich irgendwie noch entweder unmittelbar oder durch neue culinarische Künste in eine Macht gegen den barbarischen Hunger verwandeln läßt, gehörig zu verwerthen. Zur Erhebung aller dieser verhaßten Abfälle des Lebens aus ihrer tiefsten Erniedrigung auf die erste „unterste“ Stufe der Veredelung geben sich natürlich nur Menschen auf der niedrigsten Stufe der Bildung und des Elends her. Wenn man daher wahre Schreckens- und Jammergestalten, massenhaft verkörperten Hohn auf die gebildete Menschheit und unseren Jahrtausende langen Fortschritt in Cultur und Bildung kennen lernen will, so besuche man diese Londoner Kummerhöfe.

Wir finden hier einige Andeutungen davon. Man sehe sich diese Gestalten in Beinkleidern an. Das sind auch Männer, sogar freie Engländer; sie nennen diese Lumpen auf ihrem Körper sogar nach ihrem ehemaligen Ursprünge Hemd, Hut, Hosen etc., und selbst die Stiefeln ohne Oberleder und Sohlen heißen noch Stiefeln. Die Vertreterinnen des schönen Geschlechts sind nicht selten Kummer und Auswurf unsittlichen Freudenlebens in Sammet und Seide und nächtlicher Champagner-Orgien. Sieht dieses schlanke Weib mit noch einigen Spuren ehemaliger Schönheit und Unschuld in ihrem runzligen Schmutzgesichte nicht noch frech und herausfordernd von ihrem Müllsiebe auf den unerwarteten Besuch, wie einst in den Blüthentagen ihres nächtlichen Gewerbes? Und die Jüngere daneben hat noch ihren Forscherblick für das klingende Silber oder Gold in den Taschen ihrer ehemaligen Taugenichtse und Opfer. Die kleinen Schmutzhaufen, unter denen man halbnackte Kindergestalten verschleiert findet, sind natürlich junge Sprößlinge von Eltern, die sich meist blos immer selbst getraut haben, und verrathen deutlich, daß sie schon von der Wiege an auf den Hund gekommen sind, mit welchem sie übrigens in rührender Zärtlichkeit selbst bei großem Hunger ihre Leckerbissen theilen. Selbst ihnen können wir einen gewissen Grad von Achtung nicht versagen, wie diese ganze Müllverwerthungs-Industrie durch Umwandelung von allerhand werthlosen, schädlichen und selbst tödtlichen Stoffen in neue Werthe auf unsere Anerkennung und Nachahmung gerechten Anspruch machen kann. Diese kummervollen Familien arbeiten täglich ihre zwölf Stunden auf der niedrigsten Stufe aller Thätigkeit in jedem Wind und Wetter, in höchster Hitze und tiefster Kälte, wobei die Männer täglich fünfundzwanzig, die Frauen zwölf und die Kinder etwa fünf Silbergroschen verdienen. Das ist ein jämmerlicher Lohn, aber ohne solche Müllindustrie würden sie wahrscheinlich längst gestorben und verdorben sein oder als Verbrecher, Kranke und Elende der gesunden Gesellschaft zur Last fallen.

Die Leute arbeiten unter einem Flügel- oder vielmehr „Hügelmann“, der sie beaufsichtigt und bezahlt und dafür einen Gewinnantheil erhält, d. h. etwa sieben Silbergroschen für jeden abgeladenen Karren und alle metallischen, Glas-, Knochen- und Lumpenbestandtheile des sortirten Kummers. Derselbe wird in vier Hauptsorten getheilt: erstens Erde, d. h. die feingesiebte Asche mit allen sonstigen staubigen Bestandtheilen, welche einen sehr guten Stoff zu Backsteinen liefern. Diese werden getrocknet und dann mit einer zweiten Sorte des Mülls gebrannt, nämlich zweitens den gröberen und doch noch kleinen Bestandtheilen von Kohlen und Coaks, welche, zwischen die Steine locker geschichtet, nun von unten auf durch Luftzug in Gluth gebracht, langsam verbrennen und so die Steine gründlich härten. Daher heißt diese Sorte von Müll kurzweg draft oder Luftzug. Die dritte, der harte Kern, aus allerhand Scherben und metallischem Gerümpel bestehend, ist sehr geschätzt und willkommen für unterste Lagen bei Chausseebauten und sonstigen Wegeverbesserungen, während die vierte, der weiche Kern, nämlich allerhand pflanzliche und thierische Küchenabfälle, zu mächtigem Dünger der Felder und Marktgärten verarbeitet wird. Zu dem Müll befinden sich immer auch noch große Mengen von unverbrannten größeren und kleinen Kohlenstücken, die natürlich sehr gut brennen und verhältnißmäßig billig [663] verkauft werden, weshalb sie ärmeren Leuten sehr willkommen sind. Die gelegentlichen goldenen und silbernen Funde darin sollen eigentlich an den Herrn abgeliefert werden, verschwinden aber meist zwischen den Lumpen der Siebeweiber. Von den metallischen Bestandtheilen, alten Nägeln, Bruchstücken von eisernen und metallischen Kochgeschirren, Bratpfannen etc. wird auch schönes Geld gemacht, da sie in vielen Werkstätten, wo Eisen und sonstige Metalle verarbeitet werden, einen Vorzug vor frischem Material genießen, der chemischer Natur sein soll. Die vielfältige Verwerthung der Knochen und Lumpen ist auch bei uns bekannt genug, doch in England viel ausgebildeter, da die verächtlichen Fetzen wollener, baumwollener oder gemischter Art bis auf die letzten Fasern theils wieder zu Shoddy oder Mungo versponnen und verwebt werden und selbst der daraus geschüttelte „Teufelsstaub“ für chemische Zwecke oder wenigstens als Dünger die lohnendste Verwendung findet.

Der Chaussee-Schlick wird nach gehöriger Sichtung hauptsächlich zu Bindemitteln bei allerhand Bauten und zum Häuser-Anwurf benutzt, und verdient wegen seiner größeren Härte und Wasserdichtigkeit durchaus den Vorzug vor den gemeinen Kalk- und Sandmischungen, womit in Deutschland selbst große Prachtbauten oft locker und liederlich zusammengeklebt werden.

Durch diese Andeutungen wird es uns wohl schon klar geworden sein, daß aller Kummer und Kehricht aus seiner tiefsten Erniedrigung und Pestilenzialität wieder zu nützlichen Werthen erhoben und veredelt wird. In London leben Tausende von Menschen davon, die sonst selbst als Kehricht verkümmern würden, und die Herren solcher Geschäfte werden nicht selten zu „goldenen Dustmännern“ und zwar auf ganz redliche Weise, da sie für das Geld, welches sie ernten, die Ernten in Feldern und Gärten vermehren und alle sonstige Müllproducte, die sie verkaufen, den Kunden auch wieder Geld und Gewinn bringen.

Sehen wir uns das kleine Nebengeschäft unseres Bierwirthes, als finanzielles Unternehmen, etwas näher an. Alle seine Kosten belaufen sich auf etwa drei Schillinge oder einen Thaler für jede Ladung. Da nun täglich im Durchschnitt vierzig ankommen, hat er hundertundzwanzig Schillinge oder vierzig Thaler Tageskosten. Aus diesen vierzig Fudern gewinnt er durch Sieben dreißig Ladungen „Erde“ und „Luftzug“, die, à vier und einen halben Schilling, für hundertfünfunddreißig Schillinge verkauft werden. Der harte und der weiche Kern werfen täglich fünfzehn, also zu Obigem gezählt hundertundfünfzig Schillinge täglich ab. Sonach bleiben nach Abzug der Ausgaben dreißig Schillinge oder zehn Thaler täglicher Reingewinn übrig, was jährlich über vierhundertundfünfzig Pfund, also etwa dreitausend Thaler ausmacht. Davon müssen noch hundert Pfund für jährlichen Pacht abgezogen werden. Unter allen Umständen bezieht der pfiffige Bierwirth aus seinem kleinen schmutzigen Nebengeschäfte mindestens zweitausend Thaler ganz reinliches Geld, und macht sich dadurch außerdem nach den verschiedensten Seiten verdient und nützlich.

Die goldenen Dustmänner Londons und sonstiger englischer Städte lassen die Häuser und Höfe durch ihre dienstbaren Geister immer frisch und fleißig von den Nestern der modernen Drachen und ihrer jungen Brut befreien und zaubern aus diesen Kummerhaufen, zum Vortheil unserer Gesundheit, für alle Bewohner stets neue Kostbarkeiten des Lebens und Wohlstandes hervor. Da man nun in London und fast allen englischen Städten auch stets mit Millionen von Wasser- und Dampfkräften dafür sorgt, daß die feuchten und flüssigen Brutbetten der epidemischen Krankheitsdrachen immer ausgespült und gereinigt werden, und man ganz neuerdings auch die kostbare Entdeckung gemacht, aus den unschädlichen unterirdisch davongespülten Cloakenflüssigkeiten die reinen Düngerwerthe durch einen wohlfeilen chemischen Proceß herauszufischen, so sollte man sich in Deutschland, wo Berlin und andere große Städte während der Sommermonate thatsächlich wie die Pest geflohen werden, da die Drachen, in giftigen Lachen gezeugt und weit und breit sich sonnend auf warmem Grunde, mit ihres Athems giftigem Wehen die Luft verpesten, wohl endlich auch entschließen lernen, den Kampf mit diesen Drachen aufzunehmen.

Wir haben viele ritterliche, adelige Geschlechter mit alten Stammbäumen, auf welche mancher Hoflieferant und Bankier als neues Reis gepfropft wird. Wir brauchen, wir verlangen gegen die sich immer mehrenden Heerden von Lindwürmern, Typhus- und Choleradrachen ein neues, kühnes Rittergeschlecht von Helden, die sich gewiß von selbst finden werden, wenn die hohe obrigkeitliche Bewilligung zur Ausführung solcher Heldenthaten nicht mehr durch Mangel an Einsicht und gutem Willen vereitelt wird.

In England leuchten Tausende von Lichtern für diese Einsicht und brennen unzählige Dampfkessel zur Anfeuerung unseres Muthes. Man lerne sie benutzen, dann wird es bald kühne Ritter geben, die wir ehren, und manchem werden wir zurufen, wie dem Schiller’schen:
„Ein Gott bist Du dem Volke worden!“




Eine kleine Republik in der Ostsee.
Reiseskizze von Friedrich Pilzer.
(Schluß.)


Die Mitglieder der in unserer Gesellschaft befindlichen „Rigaer Liedertafel“ hatten den Runoer Cantor gefragt, ob es erlaubt sei, daß sie in der Kirche durch vierstimmigen Männergesang eine Art Gottesdienst verrichteten. Der Cantor meinte, die Runoer hätten zwar soeben ihren Sonntag-Nachmittags-Gottesdienst gehalten, und das Singen sei sonst nur seine, des Cantors Sache, aber die Herren aus Riga würden gewiß schöner und auch recht feierlich zu singen verstehen, so möchten sie nur die Gemeinde durch ihren Gesang erbauen. Alsbald schallte die hölzerne Wölbung des kleinen von Menschen überfüllten Gotteshauses von Kreuzer’s unsterblichem „Das ist der Tag des Herrn“ wieder, dem noch eine zweite seriöse Composition folgte. Die Gesichter der Runoer Männer und Frauen leuchteten in Andachtswonne. Besonders fiel mir die mächtige Gestalt eines Jünglings auf, dessen jugendlich strotzende Kraft nur gebändigt erschien von dem mystischen Dämmer eines halbwachen religiösen Empfindens. Diese rauhen Hände, die gewohnt sind, mitten in den Eisbergen des winterlichen Meeres mitleidlos die tödtliche Harpune auf die Seehunde zu schleudern oder das ebenso verderbliche Feuerrohr gegen diese Opfer fest und sicher zu führen, waren jetzt andächtig gefaltet, und das in Sturm und Gefahren gebräunte kühne Antlitz, zu dessen beiden Seiten das dunkelblonde Haupthaar aus einem natürlichen Scheitel dicht und glatt herabfiel, hatte in diesem Augenblick den milden frommen Ausdruck eines Kindes. Nachdem der Gesang vorüber war, wurden dem Cantor sechsundzwanzig Rubel übergeben, – das Ergebniß einer Collecte, welche während der Fahrt in unserer Gesellschaft für die Kirche veranstaltet worden war. Der Cantor erzählte, daß die letzte vor fünfzehn Jahren zum Besuch auf der Insel gewesene Gesellschaft ebenfalls der Kirche ein Geldgeschenk gemacht habe. Als der improvisirte Gottesdienst beendigt war, wurde die Menge von dem hellen Geläute der kleinen Kirchenglocke hinausbegleitet.

Da ein Pastor, von dessen Mittheilungen ich mir so manchen Aufschluß über Geschichte und Eigenthümlichkeiten des Runoer Völkchens versprochen, nicht vorhanden, die Pastoratswohnung kurz vor Entlassung des letzten Geistlichen abgebrannt war, und der Cantor mir erklärte, keinerlei Chronik zu besitzen, so blieb ich noch einige Augenblicke in der Kirche, in der Hoffnung, daß vielleicht die stummen, ärmlichen Reliquien und Zierrathe derselben mir einige interessante Mittheilungen machen würden. Ganz hatte ich mich nicht geirrt, obwohl meine Ausbeute gering war. Ich sah daselbst nämlich vor der verhältnißmäßig großen Altarnische das lebensgroße, zwar von der Zeit ziemlich mitgenommene, aber, wie mir schien, von gediegener Künstlerhand gemalte Bild eines Ritters in anscheinend fürstlicher Tracht, welche auffallenderweise, wenn der Mantel und die Schmucksachen hinweggedacht werden, beinahe die jetzige Tracht der Runoer Männer darstellt. Auf meine Fragen erwiderten mir die Einwohner, es sei Herzog Wilhelm von Kurland, der gegen das Volk von Runoe sehr gut gewesen sei. Was sie in sich widersprechenden Versionen weiter von ihm erzählten, war sagenhafte Tradition.

[664] Ich mußte mich mit dieser dürftigen historischen Wahrnehmung begnügen, zumal mir die schließliche Unfruchtbarkeit meines Suchens, als ich aus dem stillen Kirchlein heraustrat, recht drastisch durch den vom Dorfe her lustig erschallenden Walzer, den unsere Musik jetzt spielte, vor die Seele gezaubert wurde. Auf dem sanft emporsteigenden Rücken einer von Fichten, Ellern und Birken angenehm beschatteten Anhöhe bis zum Fuße derselben hatte sich eine große Anzahl der Besucher in den verschiedensten Gruppen gelagert. Gegenüber befanden sich, von kleinen mit Obstbäumen etc. versehenen Gärten unterbrochen, die ersten Häuser des hier beginnenden Dorfes, vor denen die spielenden Musiker aufgestellt waren, und dazwischen hatten Einwohner und Fremde einen Kreis gebildet, in welchem junge Kaufleute, Literaten, Beamte etc. mit den Runoerinnen nach dem Tacte eines fröhlichen Walzers herumtanzten. Die Paare flogen sicher, und auffallenderweise auf dem schlecht parquettirten holperigen Wiesenboden so rhythmisch gewandt, daß ich meinen Augen kaum trauen mochte. Da war von den ergötzlichen Miseren, die sich so oft bei der ungleichen Zusammensetzung der Paare aus städtischen und ländlichen Tänzern ereignen, nichts zu finden. Die Runoerinnen bewegten sich trotz der schwerfällig aussehenden „Pasteln“, womit ihre Füße bekleidet waren, so leicht und bewahrten selbst in dem rapiden Tempo eines ausgelassen stürmischen Galopps eine so gefällige ungezwungene Haltung, wie ich es bei hiesigen lettischen oder russischen Bäuerinnen niemals gefunden habe; und diese Runoerinnen hatten doch sammt und sonders bis dahin nur nach der höchst mittelmäßigen Musik ihrer Väter und Brüder, die zugleich die Functionen der Dorfgeiger ausüben, getanzt. Es liegt viel Naturgabe in diesem eigenthümlichen Völkchen. Ich sollte hiervon und von ihrer Intelligenz noch Ueberraschenderes erfahren, als ich einige ihrer Wohnungen und Werkstätten besuchte.

Nachdem sich mein Erstaunen über die auf einer nordischen Insel gewiß auffallende Fertigkeit und Leidenschaft ihres Tanzes einigermaßen besänftigt, erwachte in mir das Verlangen, nun auch die Wohnungen dieser eigenthümlichen Menschen kennen zu lernen. In Gesellschaft eines Reisegefährten und eines alten Runoers begab ich mich in’s Dorf, in der selbstverständlichen Ueberzeugung, im Innern der Häuser, den hohen Gestalten der Bewohner entsprechend, wenn auch keine mächtigen Hallen, so doch wenigstens hohe geräumige Gemächer zu finden. Ich hatte mich aber sehr getäuscht, denn ich fand nichts als dunkele niedrige Zimmer, die zwar geräumig waren, dafür aber auch mehreren Familien zugleich zur Wohnung dienen. Es giebt in Runoe Stuben, in denen Nachts fünfzehn Personen zu gleicher Zeit schlafen, das Elternpaar und verheirathete Söhne nebst ihren Frauen und jüngeren Geschwistern. Daß es eine Welt giebt, in der hieran sittlicher Anstoß genommen werden würde, scheint ihnen völlig unbekannt zu sein; eine junge Frau mit ihrer jüngeren unverheiratheten Schwester, welche wir in einer von vier Familien bewohnten Stube trafen, gaben uns über diese Einrichtungen in der unbefangensten harmlosesten Weise die ausführlichsten Berichte.

Es ist deshalb kein Wunder, daß wir nach allen Eindrücken, welche die Bewohner auf uns gemacht, von der unangetasteten Reinheit ihrer Sitten die beste Meinung empfangen mußten. Die Kunst des Verstellens und Komödiespielens gegen Fremde scheinen die Frauenzimmer wenigstens nicht zu verstehen, und auch bei den Männern kann dieselbe Angesichts ihrer rauhen und kühnen Arbeit psychologisch gewiß nur in sehr geringem Grade vorausgesetzt werden. Diplomatie ist ja fast nur eine Errungenschaft der Civilisation. Der Manneskraft und Kühnheit pflegt die Verstellung gewöhnlich recht sauer zu werden. Die Männer mögen schlau und geldgierig sein, wie man ihnen nachsagt. Man darf dann aber auch nicht vergessen, welch’ einen Werth das Geld für sie hat. Es ist ja das Einzige, wodurch sie auch im Verkehr mit der Welt die Freiheit und Selbstständigkeit zu wahren vermögen, die sie von Jugend an auf ihrem Eiland gewohnt sind. Ich glaube nicht ganz fehlzugehen, wenn ich die Untugenden, die man ihnen nachsagt, sofern sie dieselben wirklich besitzen, auf ihren Insular-Egoismus zurückführe, der, so natürlich und unausbleiblich er bei ihnen erscheint, allerdings viel Herbes, sogar bis zur Inhumanität Gehendes im Gefolge haben kann. Ich erinnere an die im zweiten Abschnitt meines Berichtes mitgetheilten Worte des Bauern: „Dann binden wir ihn in ein Boot und fahren ihn an einen anderen Strand.“ Dieses ist überhaupt das letzte Auskunftsmittel, welches sie bei Vergehen anwenden, die so arg sind, daß sie in ihrem auf mündlicher Ueberlieferung beruhenden, wahrscheinlich ziemlich primitiven und harmlosen Strafcodex gar keinen Paragraphen dafür haben. Unverbesserliche oder reuelose Unsittlichkeit, Faulheit oder Feigheit bei der schweren gefahrvollen Arbeit des Seehundfanges bestrafen sie, wenn nichts mehr helfen will, durch Aussetzung des Betreffenden an einen fremden Strand. Fremd nennen sie jedes nicht Runoe’sche Meeresufer.

Während der Regierungszeit des Czaaren Nicolaus ist es vorgekommen, daß sie einen ihrer Landsleute wegen irgend eines Verbrechens, das hier vielleicht mit einigen Monaten Zuchthaus, möglicherweise auch gar nicht bestraft worden wäre, auf diese Weise nach Riga brachten. Sie waren, wie gewöhnlich in jedem Sommer, in ihren kleinen Böten mit Seehundsfellen, Thran, Fischen etc. angekommen, hatten ihre Verkäufe und Einkäufe besorgt, und waren wieder fortgefahren. Da fiel es auf, daß sich Einer von ihnen noch immer auf der großen Dünabrücke herumtrieb und sich aus Hunger schließlich auf’s Stehlen legte. Es stellte sich heraus, daß er ein Deportirter war. Die Behörde ließ ihn sofort durch ein Lootsenboot wieder seiner Heimath zuführen und den Runoern sagen, daß sie ihre Verbrecher gefälligst bei sich behalten möchten, da Riga deren selbst schon genug zu beherbergen habe. Es dauerte nicht lange, so trieb sich der Runoer Delinquent wieder auf der Rigaer Dünabrücke umher. Abermaliger Rücktransport durch die diesseitige Behörde. Was thaten jetzt die Häupter des Runoe’schen Volkes? Sie machten sich in ihren kleinen Böten auf nach Petersburg und beschwerten sich beim Kaiser über das Benehmen des Rigaer Civil-Gouverneurs, der ihren Verbrecher immer und immer wieder zurückschicke.

„Was kommt Euch in den Sinn?“ erwiderte der Kaiser; „wie würde es Euch gefallen, wenn man plötzlich die livländischen Verbrecher nach Runoe bringen würde? Man bringt überall seine Verbrecher bei sich unter.“

„In unserem Lande nicht, Herr Kaiser,“ erwiderte der Runoer Sprecher, „in unserem Lande ist es Gesetz, daß die Verbrecher an einen anderen Strand gebracht werden, und wir kommen, Dich, Herr Kaiser, zu bitten, daß Du diesem Gouverneur in Riga verbietest, unsere Gesetze zu ändern.“

„Das ist allerdings etwas Anderes,“ erwiderte der strenge Herr Kaiser Nicolaus, dem die Runoer Burschen ein unsägliches Vergnügen bereiteten, „wenn das in Eurem Lande Gesetz ist, dann muß der Gouverneur in Riga gehorchen.“

Und so geschah es; Riga mußte den verbrecherischen Insulaner aufnehmen, der später ein sehr tüchtiger Matrose geworden sein soll.

So halten die Runoer alle Länder, nur nicht ihre Insel, für den Aufenthalt von Verbrechern geeignet, eine Anschauung, die gewiß das wunderbarste Gemisch von Egoismus, Naivetät und Dünkel repräsentirt. Jedoch kommen, wie gesagt, Fälle, in denen die Runoer zum Deportiren in civilisirte Länder greifen, höchst selten vor, weil die Veranlassungen dazu bei ihnen immer etwas Unerhörtes sind. Der Letzte, dem eine derartige Ehre zu Theil wurde, war, wie sie erzählen, ihr letzter Pastor. Trotzdem sie ihn nämlich wiederholt aufgefordert hatten, da er ihnen nicht mehr gefiele, einen neuen Seelsorger aus Schweden zu verschreiben und dann zu gehen, hatte er doch keines von beidem gethan, und deshalb wurde er in ein Boot gesetzt und nach Arensburg gebracht, in Folge dessen sie noch heute ohne Pastor sind.

Bezüglich ihrer Sittengesetze haben sie mir unter Anderem Folgendes mitgetheilt: Wenn ein Bursche und ein Mädchen sich in Liebe vergehen, so müssen sie sich heirathen, dürfen nicht in der Kirche, sondern nur auf der Straße vor derselben getraut werden, und der junge Ehemann muß dann schließlich noch fünf Rubel Strafe in die Kirchencasse bezahlen. Damit ist aber die Sache vollständig abgethan und das Paar ist gleich angesehen mit allen übrigen Eheleuten. Auf meine Frage, ob denn in den zwei Jahren, die sie ohne Pastor seien, sich gar keine Heirathslustigen gefunden und was diese armen Leute anfingen, wurde mir geantwortet: „Wenn der neue Pastor kommt, werden sie Alle auf der Straße getraut.“

„Und die fünf Rubel?“

„Müssen sie Alle bezahlen.“

Doch zurück in die Wohnungen. Unser alter Begleiter führte uns auch in seine eigene Behausung und Werkstätte, wo wir zu [665] unserem Erstaunen sahen, wie viel Intelligenz und Fleiß dieses Völkchen besitzt. Sie verfertigen ihre Jagdflinten, ihre undurchdringlichen hohen Wasserstiefeln von Seehundsleder, ihre Kleider etc. selbst. Sie sind ferner Zimmerleute, Tischler, Bäcker, Weber, Klempner, Schmiede etc., also auch, was die Handwerke betrifft, unabhängige, ganz selbstständige Leute. Aber sie wissen dies auch und scheinen es gern auszusprechen. In unserem alten treuherzigen Führer entdeckte ich sogar einen Renommisten, wie man ihn ausgebackener nicht in der civilisirtesten Stadt findet. „Von wem,“ fragte ich ihn, „haben Sie aber alle diese Fähigkeiten gelernt?“

„Von Gott,“ antwortete er mit mehr Selbstbewußtsein, als mir Angesichts der Bescheidenheit, welche im Uebrigen die Einwohner zeigten, nothwendig erschien. Schließlich nahm er eine feierliche, vielverheißende Miene an, die mich höchst erwartungsvoll stimmte, und sagte nicht ohne Pathos: „I kann ook sriewen“ (ich kann auch schreiben).

Eine Eigenthümlichkeit, die unsern Respect vor dem alten Tausendkünstler noch erhöhte, war das häufige Begleiten seiner Antworten mit recht treffend angewandten Citaten aus der Bibel. Wir hatten es mit einem Gelehrten der Insel zu thun, und er wußte, daß er uns durch eine solche Summe von Fähigkeiten imponiren würde. Von ihm, der früher selbst lange Jahre Lehrer und Cantor gewesen war, erfuhren wir auch, daß der Cantor die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, daß aber die wirkliche Erwerbung dieser Kenntnisse für den einzelnen Runoer Sprößling nicht obligatorisch sei. Er meinte, nicht jeder Mensch habe Kopf und Lust, sich „gedruckte oder geschriebene Kenntnisse“ zu erwerben, aber arbeiten könne ein Jeder. Was zum Seehundsfang oder zur Arbeit auf der Insel gehöre, lerne jeder Runoer, und wenn der Knabe sechszehn Jahre alt sei, dann treffe er mit der Flinte auf ziemlich weite Entfernung einen Gegenstand, der wie ein Kopeken groß sei, und das sei dann der Beweis, daß er mit zur Seehundsjagd fahren könne. Die Erziehung und auch einen Theil des Unterrichts leiten die Mütter. Bei unserm Wege durch’s Dorf sahen wir in der Ferne Kornfelder. Der Alte sagte, daß auch Kartoffeln und Rüben auf der Insel gut gedeihen. Ihre Viehzucht beschränkt sich auf Kühe, Schweine, Gänse und Hühner. Bei Besichtigung der verschiedenen Häuser, welche ich auf dem Gange durch’s Dorf zu sehen bekam, bemerkte ich, daß sie alle ziemlich egal gebaut und eingerichtet sind. Jede Wohnung besteht aus einem großen rußig schwarzen Vorraum, der zum Räuchern der Fische bestimmt ist und dem jungen Volke bei schlechter Witterung und im Winter zum Tanzen dient, dann der großen Wohnstube, deren Wände mit Betten besetzt sind, und einem Nebenzimmer, welches als Werkstätte und Ablegekammer benutzt wird. Ihre Betten sehen sauber aus und stechen vortheilhaft gegen das Düster der niedrigen Stuben ab, welche, weil die Häuser durchgängig ohne Schornstein gebaut sind, oft durch ihre kleinen Fenster einen großen Theil des Rauches hinauslassen müssen, der seinen Weg in’s Freie eigentlich durch die Hausthür nehmen sollte.

In diesen unwohnlichen niedrigen und düstern Räumen sitzen die Frauen während der einsamen Wintertage am Spinnrocken und am Webestuhl, während die Männer, ganze Tagereisen weit von ihnen entfernt, der schrecklichsten Gefahr des oft so tückischen winterlichen Meeres preisgegeben sind. Bei dem matt und unheimlich roth flackernden Schein einer Lampe, wie sie das erste Menschenpaar nicht primitiver und unvollkommener haben konnte, nämlich eines dünnen Kienholzspahnes, nähen die schlanken Mädchen Kleider für ihre Väter und Brüder oder arbeiten, ohne noch zu wissen, wer ihr künftiger Ehegenosse sein wird, an ihrer Aussteuer, mit deren Anfertigung die Runoerinnen schon im frühesten Kindesalter beginnen. Dann kommt der Tag, an welchem sie die Männer von ihrer Fahrt zurückerwarten. Klopfenden Herzens eilen die Frauen, Jungfrauen und Knaben mit geladenen Flinten an’s Ufer, um mit spähenden Augen einer Wiederkehr entgegenzuharren, die oft noch fraglicher ist, als die aus einem Kriege. Doch plötzlich tauchen am Horizont Punkte auf, die, näher und näher kommend, sich zu einer Flottille von kleinen Böten vergrößern. Sehnsucht führt die Steuer und Sehnsucht schlägt die Ruder. Darum kommen sie auch so rasch der einsamen Insel näher, und jetzt erdröhnen am Ufer aus der Menge Flinten unzählige Freudenschüsse; doch die Herzen der Runoerinnen beruhigen sich erst, wenn sie sehen, daß die Männer und Jünglinge, die zur Seehundsjagd auszogen, auch allesammt zurückkehren und gute Beute mitgebracht haben; denn oft fehlt dieser Jüngling oder jener Mann, der den Gefahren des Unternehmens zum Opfer gefallen ist. Ja, der alte Runoer, der mir dieses mittheilte, erzählte, daß vor vielen, vielen Jahren einmal eine ganze solche Jagdexpedition ausgeblieben und die Bewohnerzahl der Insel dadurch sehr bedeutend decimirt worden sei.

Jedenfalls haben die Runoer durch die Gefahr ihrer Arbeit ein weit größeres Wohlgefühl des Lebens und genießen ihre Existenz viel mehr, als den meisten Bauern des Festlandes möglich ist. Ein Dutzend Mal jährlich seine Existenz dem gähnenden Todesschlunde des mit Eisbergen bedeckten Meeres abzuringen, und dann eben so oft mit schwerer Beute in den holden Frieden der Heimath und in das milde Antlitz der Treue und Liebe hineinzuschauen – das ist ohne Frage Glück, um so größeres Glück, als es sich so oft erneuert und die Menschen so frisch, so klar, so kräftig erhält.

Als wir von unserer Wanderung durch’s Dorf nach dem improvisirten Tanzplatz zurückkehrten, drehten sich die Paare noch immer in der Runde. Doch der Capitain mahnte zur Heimkehr. Wir waren vier Stunden auf der Insel gewesen und zogen jetzt, von den Bewohnern begleitet, zurück zum Ufer. Eine Menge junger Runoerinnen hatten auf diesem Wege ihren städtischen Tänzern den Arm gereicht, um so jene so plötzlich erfolgte trauliche Verbindung verschiedener Culturepochen bis zum letzten Augenblicke festzuhalten. Nachdem eine große Anzahl runoe’scher Frauen und Mädchen unser Schiff neugierig besichtigt, trat dasselbe die Rückfahrt nach Riga an, wo wir Abends elf ein halb Uhr anlangten. Die fast spiegelglatte See, der klare Himmel und eine durch die mehr als befriedigten Reiseerwartungen erzeugte überaus gemüthvolle Stimmung unter den Fahrgästen waren die prächtigen Requisiten zu einem freundlichen Abschlusse der kleinen so interessanten Seereise.




Die drei preußischen Wehs.

Die großen Ereignisse, durch welche in diesem Augenblick Spanien die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht, decken das Bild einer Günstlingswirthschaft auf, die allerdings hinsichtlich ihrer Versündigung gegen Staats- und Volkswohl ihres Gleichen sucht. Wir kennen indeß kein Land, dessen Geschichte sich rühmen könnte, ganz frei von ähnlichen Bildern zu sein. Wenn wir nun gerade in dieser Beziehung Preußen durchaus nicht mit Spanien, wo die Weiberherrschaft das Staatselend herbeiführte, in gleiche Linie stellen dürfen, so ist dennoch auch ihm das Unglück nicht erspart worden, durch freche Abenteurer und unfähige Günstlinge seiner Fürsten beherrscht und dem Verderben nahe gebracht zu werden. Schon der Vorgänger des großen Kurfürsten ließ sich von seinem Minister, dem Grafen Schwarzenberg, leiten, der notorisch im Solde Oesterreichs stand und eine verrätherische Rolle spielte. Diese Günstlings-Wirthschaft erreichte jedoch ihren Höhepunkt unter dem ersten König Friedrich, dessen Minister, der berüchtigte Kolbe von Wartenberg, im Verein mit seinen ergebenen Creaturen, den Grafen Wittgenstein und Wartensleben, ein verrufenes Kleeblatt bildete, welches der damalige Volkswitz mit dem Namen der „drei Wehs“ belegte, da der Anfangsbuchstabe dieser Camarilla von einem „W“ gebildet wurde.

Johann Casimir von Kolbe stammte aus einer heruntergekommenen pfälzischen Familie von Adel und trat noch sehr jung in die Dienste der Pfalzgräfin von Simmern, einer geborenen Prinzessin von Oranien. Bei einem Besuche, den dieselbe ihrer Schwester, der Gemahlin des großen Kurfürsten, abstattete, kam der gewandte Höfling nach Berlin, wo er sich durch sein einschmeichelndes Wesen zu empfehlen wußte. Ein Anerbieten, in die Dienste Brandenburgs zu treten, konnte er damals nicht annehmen, da er mit seiner galanten Gebieterin in einem zärtlichen

[666] Verhältnisse lebte. Erst nach ihrem Tode, der kurz vor dem Ableben des großen Kurfürsten erfolgte, nahm er die Stelle eines Schloßhauptmanns und Oberstallmeisters an, worauf er bald zum Oberkammerherrn befördert wurde, so unentbehrlich wußte er sich seinem neuen Gebieter zu machen!

Der Kurfürst Friedrich der Dritte zeichnete sich besonders durch seine Prachtliebe und unbegrenzte Eitelkeit aus, die ihn auch hauptsächlich zur Annahme der preußischen Königskrone trieb. Seine erste Prinzensorge war die Stiftung des Ordens de la générosité, und das höchste Ziel seines damaligen Ehrgeizes war – der englische Hosenbandorden, um den er seinen eigenen Vater beneidete. Im Anfange seiner Regierung überließ er sich ganz der Leitung seines früheren Erziehers, des verdienstvollen Eberhard Dankelmann, dem er wegen Rettung seines Lebens zum größten Danke verpflichtet war. Derselbe war von Geburt ein Bürgerlicher und wurde auf Wunsch des Kurfürsten von dem Kaiser Leopold mit seinen sieben Brüdern in den Freiherrnstand erhoben, nachdem er seine Ernennung zum Grafen abgelehnt hatte, um mit seinen Brüdern in gleichem Stande zu verbleiben. Streng gegen sich und Andere, sparsam und gewissenhaft, vermehrte Dankelmann die Staatseinkünfte, indem er Handel und Ackerbau beförderte, so daß er mit Recht von seinen Zeitgenossen der „preußische Colbert“ genannt wurde.

Hochgeachtet und vom Volke geliebt, war der würdige Minister ein Dorn in den Augen der damaligen Junkerpartei, welche ihm seine bürgerliche Abkunft und sein entschiedenes Auftreten nicht verzeihen konnte. Seine Feinde vereinigten sich zu seinem Sturz; an ihrer Spitze befand sich der undankbare Herr von Kolbe, der hauptsächlich dem arglosen Dankelmann seine schnelle Beförderung und hohe Stellung zu verdanken hatte. Die Gelegenheit ließ sich leicht finden, und die Verschworenen benutzten die bekannte Verschwendungssucht und Eitelkeit des Kurfürsten, um den treuen Diener zu verderben. Die Prachtliebe des Gebieters, besonders die Erhaltung eines unverhältnißmäßigen Hofstaates und eines zahlreichen Heeres verschlangen die Revenuen des Landes und leerten den Staatsschatz. Dankelmann rieth zu Ersparnissen und sah sich genöthigt, ernste Vorstellungen zu machen, wobei er vielleicht den Ton des früheren Erziehers nur zu sehr vorwalten ließ. Mit schlauer List nährte Kolbe den unausbleiblichen Zwiespalt, indem er die gereizte Stimmung des Kurfürsten durch scheinbar absichtslos hingestreute Bemerkungen und hämische Einflüsterungen noch zu schärfen verstand. „Dankelmann,“ sagte der Kurfürst bei einer solchen Gelegenheit, „will den Kurfürsten spielen, doch ich werde ihm zeigen, daß ich selbst Herr bin.“

Der treue Diener ahnte seinen nahen Fall. Bei einem Feste in seinem Hause auf dem Werder in Berlin, welches jetzt „das Fürstenhaus“ heißt, trat der Kurfürst in das Arbeitszimmer Dankelmann’s, dessen Einrichtung und schöne Gemälde er laut bewunderte. „Alles, was Ihre Hoheit hier sehen,“ entgegnete der Minister, „wird bald Ihr Eigenthum sein.“ Als aber der Kurfürst verwundert ihn nach dem Sinne dieser räthselhaften Worte fragte, antwortete er: „Ich werde in Ungnade fallen, gefangen gesetzt und aller meiner Würden und Aemter beraubt werden. Aber eines Tages wird meine Unschuld an den Tage kommen und Ihre Gnaden werden mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Gerührt sah der Kurfürst seinem ehemaligen Erzieher in das würdige Gesicht, dann ergriff er ein auf dem Tische befindliches Neues Testament und schwor, solches solle nimmer geschehen, „so wahr – – “ Aber Dankelmann unterbrach ihn und ließ ihn nicht den Schwur vollenden, indem er behauptete, es werde dennoch so kommen, da der Kurfürst selbst ihn nicht vor den Feinden schützen könne.

Nur zu bald sollten seine Befürchtungen in Erfüllung gehen. Auf Anstiften der Junkerpartei wurde dem Kurfürsten von dem Kammermohren und Hofnarren eine Schaumünze in die Hände gespielt, welche die Freunde und Verehrer Dankelmann’s ihm zu Ehren prägen ließen. Auf der einen Seite war das Wappen der Familie, ein wachthabender Kranich, auf der anderen das Siebengestirn der „Plejaden“, eine Anspielung auf die sieben Brüder Dankelmann, am Himmel über einer Stadt angebracht.

Dieser Anblick genügte, um die Eitelkeit des Kurfürsten so sehr zu verletzen, daß er bald darauf den ausgezeichneten Staatsmann unter den frivolsten Vorwänden verhaften und wie einen gemeinen Verbrecher auf die Festung Spandau und später nach Peitz bringen ließ, wo er Jahre lang schmachtete und erst nach dem Tode des Kurfürsten die Freiheit erlangte, nachdem er ohne Recht und Urtheil seines ganzen Vermögens beraubt worden war.

Nach dem Sturze des ehrlichen Dankelmann wurde der zum Reichsgrafen von Wartenberg erhobene Herr von Kolbe der allmächtige Minister des Kurfürsten. Mit ihm kam die schamloseste Günstlingsherrschaft zur Regierung, indem dieser das Land aussog und sich mit dem Blut und Schweiße des armen Volkes bereicherte. Er selbst bezog ein festes Gehalt von hunderttausend Thaler, ungerechnet der Geschenke und Bestechungen, die er von allen Seiten erhielt und zu erpressen wußte, so daß er in kurzer Zeit ein Vermögen von mehreren Millionen aufhäufte. Um sich für die Zukunft zu sichern, beredete er den Kurfürsten ihm eine Urkunde auszustellen, durch welche er im Voraus von jeder Rechenschaft für seine Amtsführung entbunden wurde.

Die Hälfte der Staatseinkünfte wurde durch die Unterhaltung des Heeres verschlungen, die über zwei Millionen betrug, während die ganzen Revenuen sich auf vier und eine halbe Millionen Thaler beliefen. Fast eben so große Summen forderte der verschwenderische Hof, der einen nie vorher gekannten Luxus entfaltete. Das Gefolge des Kurfürsten war so groß, daß zu seiner Krönungsreise nach Königsberg in Preußen allein dreißigtausend Pferde zum Vorspann gebraucht wurden, während die damit verbundenen Festlichkeiten viele Millionen erforderten. Um dem fortwährenden Geldmangel abzuhelfen, wurden die drückendsten Steuern auferlegt, sogar eine Perrücken-, Karossen- und Schweineborstensteuer. Aber das Alles reichte nicht hin, und so suchte der Minister stets nach neuen Quellen, um die Ansprüche seines Gebieters und seine eigene Raubsucht zu befriedigen. Er nahm keinen Anstand, die wichtigsten Aemter den Meistbietenden zu überlassen und gegen Subsidien das Blut und Leben der eigenen Landeskinder an fremde Fürsten im Kriege zu verkaufen, wie es später der berüchtigte Landgraf von Hessen in dem nordamerikanischen Freiheitskampfe that. Ja, ein Werkzeug des Ministers machte dem Kurfürsten den Vorschlag, die elf Tage, die bei Annahme des neuen verbesserten Kalenders im Februar 1701 ausfielen, den Beamten an ihrem Solde abzuziehen, was er jedoch mit den Worten zurückwies: „Ich will, daß meine Leute mich nicht chicaniren, ich sie aber auch nicht.“

Während Graf Wartenberg sich in dieser Weise bereicherte und der Hof von einem Fest zum andern taumelte, starben Tausende durch Hunger und Pest, die, von Polen eingeschleppt, die Ostseelande zwischen der Memel und der Oder verwüsteten. Die Provinz Preußen verlor allein durch sie zweihundertsiebenundvierzigtausend Menschen, ein Drittel ihrer Bewohner, in Königsberg starben siebentausend, in Danzig zweiunddreißigtausendsechshundert Menschen und viele Städte und Dörfer in Pommern verloren fast ihre sämmtlichen Einwohner. Noch trauriger sah es auf dem platten Lande ans, wo die strengen Jagdgesetze zur Schonung des Wildes den Landmann seiner Saaten beraubten und oft zur Verzweiflung trieben. Jeder Versuch, diesem unerträglichen Zustand ein Ende zu machen, wurde auf das Härteste bestraft, und als eine Anzahl von einsichtsvollen Männern, an deren Spitze der Feldmarschall Barfuß, die Grafen Dohna, Lottum, Dönhoff und der Hofmarschall von Wersen standen, den Minister wegen seiner Unterschleife, Erpressungen und Gewaltthaten anklagten, mußten sie ihr Erkühnen mit Gefängniß, Verbannung vom Hofe und Dienstentlassung büßen.

Mehr als je beherrschte der frivole Günstling seinen verblendeten Herrn, unterstützt von seiner intrignanten Gemahlin, welche die Tochter eines Schiffers Nickers aus Emmerich im Herzogthum Cleve war. Ihr Vater, der nebenbei eine gemeine Winkelschenke hielt, benutzte die Reize seiner Töchter, um die Gäste herbeizulocken. So lernte sie auf einer Reise der kurfürstliche Kammerdiener Bidecap kennen, der sich in die schöne Katharina verliebte und sie mit sich nach Berlin führte. Hier sah sie Herr von Kolbe und knüpfte mit der nur zu gefälligen Frau ein Verhältniß an, worauf sie sich von ihrem Manne scheiden ließ und den Günstling so zu fesseln wußte, daß er sie wirklich heirathete. Das ränkevolle Weib erhielt mit der Zeit Zutritt am Hofe und wurde sogar die Titular-Favorite des Kurfürsten, nicht nur mit Bewilligung, sondern hauptsächlich auf Betrieb ihres würdigen Gatten, der keinen Anstand nahm, den Neigungen seines Gebieters, der auch in dieser Beziehung seinem Vorbilde, Ludwig dem Vierzehnten von Frankreich, nacheiferte, die eigene Ehre zu opfern. Indeß soll sich nach glaubwürdigen Berichten das Verhältniß [667] lediglich, darauf beschränkt haben, daß der Kurfürst, der seine Gemahlin, die berühmte Sophie Charlotte, aufrichtig und treu geliebt hat, nur zu gewissen Stunden des Tages in einer besonderen Galerie des Schlosses mit seinen Favoriten gravitätisch auf und nieder ging, um die Mode jener Zeit mitzumachen, zu der an jedem Hofe auch eine wirkliche oder Titular-Favorite gehörte.

Einmal zu dieser Höhe gelangt, kannte das würdige Paar keine Grenzen mehr für seinen Stolz und Uebermuth. Die frühere Schifferstochter forderte und verlangte den Vortritt vor allen Damen am Hofe, und selbst die Herzogin von Holstein verkaufte ihr für eine Summe von zehntausend Thalern dieses Recht, so daß ihr nur die Prinzessinnen des königlichen Hauses vorgingen. Die stolzen märkischen Damen von Adel mußten sich fügen oder sich zurückziehen. Selbst die Königin Sophie Charlotte hatte von der Frechheit dieser Parvenue zu leiden, da sie zu stolz und ehrenwerth war, der Gräfin den Zutritt zu ihren geistreichen Kreisen zu gestatten, und sich mit ihren Vertrauten und Freunden über die ungebildete Titular-Favorite moquirte. Die Letztere rächte sich dadurch, daß sie Zwietracht zwischen dem hohen Paare säete und außerdem die Einkünfte der Königin durch den Günstling schmälerte. Es kam selbst zu argen Auftritten und Conflicten mit den Frauen der fremden Gesandten. Bei der Taufe einer neugeborenen Prinzessin verlangte die Gräfin Wartenberg wie gewöhnlich den Vortritt vor allen übrigen eingeladenen Damen. Diesen unverschämten Ansprüchen wollte sich Frau von Lintlo, die Gemahlin des holländischen Gesandten, nicht fügen. Hinter einer Draperie versteckt, nahm sie den günstigen Augenblick wahr, um der Gräfin zuvorzukommen. Diese erholte sich jedoch bald von ihrer Ueberraschung und packte die Gesandtin bei ihrem Kleide, um sie zurückzuzerren. „Frau von Lintlo,“ so erzählt ein Augenzeuge, „machte jedoch eine geschickte Wendung, that einen Seitensprung und richtete im Kopfputz der Gräfin eine große Unordnung an, welche von der Gräfin durch einige Rippenstöße ripostirt wurde.“

Dieser Damenkampf drohte eine ernste politische Verwickelung herbeizuführen. Die Gräfin verlangte und erhielt die gewünschte Satisfaction, indem der Gesandtin der fernere Besuch des Hofes verboten und eine feierliche Abbitte von ihr gefordert wurde. Als der Gesandte dagegen opponirte, erließ Graf Wartenberg eine Note an die Generalstaaten, worin er drohte, die im Dienste der Generalstaaten stehenden preußischen Hilfstruppen zurückzuziehen; gleichzeitig erließ er an den commandirenden General den Befehl, Alles zum Rückmarsch anzuordnen. Unter diesen Umständen sah sich Frau von Lintlo durch die Instruktionen der Generalstaaten gezwungen, ihrer Gegnerin öffentlich eine vorher genau stylisirte Abbitte zu leisten.

Aber nicht immer war die Gräfin so glücklich, das Feld zu behaupten. Die zweite Gemahlin des Königs war nicht so nachsichtig wie die liebenswürdige Sophie Charlotte, die sich mit einigen Spöttereien begnügte. Als die Königin mit ihren Damen, unter denen sich auch die Favorite befand, an einem Teppich arbeitete, ließ diese sich von ihrem eigenen Bedienten den Kaffee in einer silbernen Tasse serviren. Ueber diese maßlose Unverschämtheit erzürnt, befahl ihr die Königin, sich mit ihrem Bedienten zu entfernen und ihren Kaffee zu Hause zu trinken. Da die Gräfin sich jedoch nicht stören ließ, rief die wüthende Königin einen Lakaien, um „diese Frau da“ und ihren Bedienten aus dem Fenster zu werfen. Auch die russische Gesandtin, Gräfin Matuoff, war nicht geneigt, den frechen Ansprüchen der Gräfin zu weichen. Bei einem Diner, das der Ersteren zu Ehren gegeben wurde, weigerte sich die Favorite zu erscheinen, wenn ihr nicht vorher der Vortritt zugestanden würde. Da dem Könige damals viel an der Freundschaft des russischen Hofes lag, so mußte sich in diesem Falle die Gräfin Wartenberg, wenn auch mit Widerstreben, zur Abbitte bequemen.

Solche Vorfalle mußten auf die Länge der Zeit selbst den gutmüthigen König auf das Treiben seines Günstlings aufmerksam machen und sein unbegrenztes Vertrauen erschüttern. Dazu kamen noch Klagen gegen Wartenberg und seinen Anhang. Diesmal trat der Kronprinz selbst, dem bei seiner Sparsamkeit die Verschwendung des Günstlings besonders verhaßt war, an die Spitze einer Partei, welche um jeden Preis den Minister entfernen wollte.

Die gefährliche Rolle des Anklägers übernahm der „ehrliche Kamecke“, ein biederer, anspruchsloser Mann, der dem verblendeten Könige die Augen öffnete. Durch das Schicksal des unglücklichen Werfen gewarnt, richtete er seine Beschuldigungen nicht direct gegen den Grafen Wartenberg, sondern gegen den Grafen Wittgenstein, dessen ergebenste Creatur. Kamecke führte nämlich den Beweis, daß Wittgenstein sich eigenmächtig eine Gehaltszulage von fünftausend Thalern zugetheilt, große Summen, die zur Unterstützung der durch die Pest heimgesuchten Provinzen bestimmt waren, unterschlagen und außerdem siebenzigtausend Thaler, die der König für die abgebrannte Stadt Crossen bewilligt, für sich zurückbehalten habe. Wittgenstein wurde für schuldig befunden und auf die Festung Spandau gebracht, trotzdem er sich in seiner Vertheidigung auf die Befehle des Grafen Wartenberg berief. So groß war die Wuth des erbitterten Volkes, daß bei seiner Abführung ihn seine militärische Begleitung vor Mißhandlung schützen mußte.

Bald folgte ihm der Günstling nach, obgleich der König nur ungern in seine Entlassung willigte. Der Graf, welcher seine Schwäche nur zu gut kannte, forderte nur noch einmal seinen Gebieter zu sehen; er ließ sich vor ihm auf ein Knie nieder und bat ihn flehentlich, ihm nicht seine Gnade zu entziehen, da er lieber sterben als den Anblick seines gütigen Herrn missen wolle. Es gelang ihm in der That, den gutmüthigen Friedrich bis zu Thränen zu rühren; er umarmte den Grafen und schenkte ihm noch einen Ring im Werthe von sechsundzwanzigtausend Thalern, aber trotzdem blieb er fest, indem er die Nothwendigkeit der Trennung einsah und deshalb den Grafen vom Hofe verbannte. Vor seiner Abreise schrieb er noch einmal dem König und ersuchte ihn, seinen Palast in der Poststraße und den Garten Monbijou, den die Gräfin nach dem Tode der Königin Sophie Charlotte zum Geschenk erhalten hatte, sowie sein kostbares Porcellan-Cabinet von ihm annehmen zu wollen. Der König bewilligte dies Gesuch, ließ ihm aber den vollen Werth der Schenkung in baarem Gelde auszahlen. Mit dieser Summe und den Millionen, die er dem Lande abgepreßt, zog sich der gestürzte Günstling nach Frankfurt am Main zurück, wo er unangefochten bis zum Jahre 1712 lebte und bis zu seinem Tode noch eine Pension von vierundzwanzigtausend Thalern bezog. Seine Bestrafung konnte nicht erfolgen, da er von jeder Verantwortung durch die oben angedeutete Urkunde freigesprochen wurde, deren bemerkenswerther Passus lautet: „daß, wenn bei des Oberkämmerers Verwaltung der Domänen und Schatullengüter irgendwelche Unrichtigkeiten in den Rechnungen, Versäumnisse und Vernachlässigungen der kurfürstlichen Interessen vorkommen sollten, nicht er, der Oberkämmerer, sondern die Subalternen zur Verantwortung gezogen werden sollten.“

Auch Graf Wittgenstein wurde schon nach einem halben Jahre wieder von der Festung entlassen, mußte aber achtzigtausend Thaler Strafgelder zahlen und das Land meiden. Trotz dieser milden Behandlung erhoben seine Standesgenossen Beschwerde beim Kaiser, indem sie dem Könige das Recht bestritten, einen deutschen Reichsgrafen, der in seinen Diensten und Sold stand, zu bestrafen, auch wenn er ein notorischer Verbrecher und überführter Betrüger wäre. Der Dritte in dem sauberen Bunde, Graf Wartensleben, war ein gutmüthiger Mann, nur gegen den allmächtigen Günstling allzu nachgiebig und gefällig; er wurde deshalb nur seiner Aemter entsetzt und vom Hofe verwiesen. Die verbannte Favorite begab sich nach dem Ableben ihres Gatten nach Paris, wo sie ihr Leben fortsetzte und so viele Liebschaften hatte, daß man, wie sie selbst frivol von sich rühmte, eher die Muscheln am Strande von Scheveningen zahlen könne, als ihre galanten Abenteuer.

Trotz aller Beweise schwerer Schuld bewahrte der König dem gefallenen Günstling eine fast unbegreifliche Freundschaft. Am Tage, wo die Leiche des Grafen Wartenberg laut seiner testamentarischen Anordnung nach Berlin gebracht wurde, um in der dortigen Parochialkirche beigesetzt zu werden, vergoß Friedrich Thränen der Trauer und ließ sich längere Zeit von Niemand sprechen. Das preußische Volk aber bewahrte dem Günstling und seinen Creaturen ein wohlverdientes schimpfliches Andenken durch den Namen der „drei Wehs“.

R.



[668]
Ein Denkstein für aller Deutschen Edelstein.

„Ich will lieber ein Stück trocken Brod mit dem ärmsten deutschen Bauer in der Hütte essen, als in der glänzendsten Herrschaft von Fremden abhängen“. – Dieser hochherzige Ausspruch eines der treuesten und muthigsten deutschen Vaterlandsfreunde in den Tagen der schwersten Kämpfe gegen mächtige innere Gegner und den stärksten äußeren Feind deutscher Staats-Selbstständigkeit möge alle Deutsche wieder einmal an eine noch unbezahlte Schuld der Dankbarkeit erinnern.

Das projectirte Denkmal für Karl von Stein.
Nach einer Photographie.

Die Gartenlaube hat den Freiherrn Karl von Stein als das deutsche Musterbild eines patriotischen Staatsmanns ihren Lesern schon zweimal vorgeführt, im Jahrgang 1855 und mit noch genaueren und eingehenderen Zügen 1859, beidemale mit Hinzugabe der Abbildung seines edlen Angesichts. Können wir auch jener Darstellung heute nichts Neues hinzufügen, so hat der hohe Werth Stein’s doch die Probe bestanden, daß die imponirendsten Thaten, Ereignisse und Personen der Gegenwart ihn nicht in Schatten zu stellen vermochten. Nicht wenige politische Größen von Ehedem sind heute glanzlos von ihren Höhen gesunken, für das Auge des Volks und für die Geschichte: Karl Stein, der wahre deutsche „Frei-Herr“, ragt um so höher und glänzender empor, je mehr sich Parallelhäupter zum Vergleich mit ihm aufstellen. Das deutsche, nicht das preußische Volk allein, hat noch heute in ihm seinen treuesten Freund zu verehren und es erhob ihn zu einem seiner Lieblinge durch die Ehrenbezeichnungen, die es an seinen Namen knüpft: dieser Stein wird ewig ihm bleiben

Alles Bösen Eckstein,
Alles Guten Grundstein,
Aller Deutschen Edelstein!

Wenn Männer sich bemühen, einem so hochverdienten Kämpfer ein Denkmal zu errichten, so werden wir, die möglichst allgemeine Theilnahme dafür zu erregen, für unsre Pflicht halten; denn ehrt man die Besten durch Denksäulen, so ist man eine solche vor Allem Stein schuldig. Und auch die passendste Stelle dazu ist längst gefunden.

[669]

Stadt und Burg Nassau, mit Stein’s Denkmal.
Nach einer Photographie.

[670] An dem Berghang unter den Ruinen der Burg Nassau liegen die Reste der Stammburg des Stein’schen Hauses. In ihren Umgebungen auf „dem Stein“ war man gegen Ende der siebenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschäftig, die Schönheiten der Natur noch durch Kunstanlagen zu erhöhen. Die Seele dieser Arbeiten war die Mutter unseres gefeierten Staatsmannes, deren Bildniß, in den Sälen des Familienschlosses in Nassau aufbewahrt, das Gepräge einer hohen Frau trägt, geschaffen und würdig die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Um die Burgruinen, wo an den moos- und epheubewachsenen Mauern hin Laubgänge von Fruchtbäumen angelegt waren, schuf sie neue herrliche Spaziergänge und Pavillons, von denen man die schönsten Aussichten auf die Lahn, ihre Thäler und Berge genoß.

Einer dieser Pavillons, ein Rest wohl noch jener Anlagen, nimmt auf einem Vorsprunge der Höhe die Stelle ein, die zur Errichtung eines Steindenkmals bestimmt ist, dem er den Platz räumen wird. Die nassauischen Landsleute Stein’s, die zuerst im Herbst 1857, an seinem hundertjährigen Geburtsfeste, den Entschluß faßten, Deutschland aufzurufen zur Errichtung eines Denkmals für den großen Mann, gingen von der Ueberzeugung aus, daß Stein’s Heimath die berechtigtste Stelle sei für ein eigentlich nationales, von allen deutschen Stämmen gemeinsam erhöhtes Monument zu Ehren des Staatsmannes, dessen gewaltige Thaten, dessen Bestrebungen für die Unabhängigkeit der Völker in Wahrheit dem deutschen Gesammtvaterlande angehörten und diesem die Schuld einer gemeinsamen Dankbarkeit auferlegten. Auch beharrten jene Männer bei ihrem Gedanken noch dann, als man in Wetter Hand anlegte an ein Denkmal zum Gedächtniß der provinciellen Wirksamkeit Stein’s in Westphalen, und in Berlin an ein Staatsdenkmal, das dem Kranz der Standbilder jener Kriegshäupter sollte eingereiht werden, denen wir den siegreichen Ausgang der Befreiungskriege danken. Schien doch gleichsam Stein selbst, als er zum Andenken an die deutschen Freiheitskriege neben dem freiherrlichen Schlosse in Nassau den Thurm erbaute, in dessen Innerem die Büsten der drei Befreierfürsten aufgestellt und die Gedenktafeln an alle die bedeutenden Momente der schicksalvollen Jahre 1812 bis 1815 angebracht sind, die heimathlichen Umgebungen seines Geburtsortes als die einzige natürliche Oertlichkeit für ein Denkmal, das ihm die nationale Erinnerung setzen möchte, bezeichnet zu haben!

Auf der Ansicht der Gegend, die unser Blatt zugleich mit dem Entwurfe des Denkmals den Lesern vorlegt, ist das Monument, das erst werden soll, bereits an seiner Stelle eingetragen. Man sieht leicht, wie die Berghöhe, die von dem Thurme der Burg Nassau gekrönt ist, den landschaftlichen Mittelpunkt – nicht dieser bildlichen Aufnahme, wohl aber der Gegend – bildet; man erkennt dann ebenso bald, daß von der Bergspitze herab bis zu der thurmumgebenen Eisenbahnbrücke über die Lahn das Denkmal wieder, mit den Ruinen der Burg Stein zusammen, den mittleren Punkt einer förmlichen Kette von monumentalen Bauwerken einnimmt, die man von jenseits der Lahn, von der Stadt Nassau her, in noch deutlicherem Ueberblicke vor sich hat.

Die Natur dieser Oertlichkeiten: der Vorsprung der Felsplatte, auf der das Denkmal stehen wird, aus der waldbewachsenen Höhe, die ihn um zwei Dritttheile überragt, die Sichtbarkeit der Stelle in weite Ferne nach den beiden Thälern der Lahn und des Mühlbachs hin, deren Zusammenfluß der Pavillon bisher überschaute und künftig das Denkmal überschauen wird, die Mittelstelle zwischen den zwei augenfälligen Alt- und Neubauten auf der Höhe und in dem Thale, bedingte einen entsprechenden Umfang des Denkmals, eine gewisse Größe und Mächtigkeit seiner Verhältnisse, wenn es sich nicht kleinlich verlieren sollte. Entschied man sich, ein Standbild an so ausgesetzter Stelle zu errichten, so bedurfte es ohnehin eines architektonischen Schutzes gegen die Unbill der winterlichen Witterung. Baurath Zais hat den gothischen Ueberbau entworfen, der zu diesem Schirmdache für die Statue bestimmt ist. Er war ursprünglich noch größer, thurmartiger angelegt; allein die leidige Unzulänglichkeit der Mittel nöthigte zu bescheidener Beschränkung. Diese größere Einfachheit muß indessen dem neun und einen halben Fuß hohen Standbilde entschieden zu Gute kommen, das sich in der Mitte der weiteren Bogenöffnungen zwischen den schlankeren Eckpfeilern um so wirkungsvoller herausheben wird. Die Werke des architektonischen Kunstveteranen und des jugendlichen Bildhauers, Pfuhl in Berlin, werden sich, wie sie im einträchtigen Verständniß entworfen sind, ausgeführt in eben so erfreulicher Uebereinstimmung verbinden und ergänzen; die photographische Ansicht, die wir abbilden, mag eine ungefähre Vorstellung davon geben. Das Werk, wenn vollendet, wird der reizenden Gegend zur neuen Zierde gereichen; es wird ein Anziehungspunkt für die Tausende von Gästen werden, die jährlich das nur fünfzehn Minuten entfernte Ems besuchen. Möchte nun nur die Vollendung rasch von Statten gehen. Die Arbeiten haben nach allen Richtungen hin begonnen; der neue Ausruf des Heidelberger Vollzugsausschusses, an dessen Spitze Dr. Pagenstecher sen. und Gervinus stehen, wendet sich – wie wir ihm wörtlich entnehmen – „noch einmal an alle deutschen Herzen, welche die großartige Wirksamkeit des edlen Mannes für die innere und äußere Freiheit des Vaterlandes in treuem Andenken tragen, mit der Bitte, dies begonnene Werk zur frohen Vollendung fördern zu helfen. Die vorhandenen Mittel decken noch kaum die vereinbarten Vertragssummen, geschweige die unausbleiblichen Mehrkosten; die beiden Künstler haben sich in einer ruhmwürdigen Uneigennützigkeit an ihr Werk begeben, ohne eine Gewähr, ja ohne eine Aussicht auf irgend einen Entgelt. – Der Ausschuß hegt das feste Vertrauen, daß das deutsche Volk die gleiche Gesinnung theilen und ihm auf diesen Aufruf die noch fehlenden Mittel sowohl zur Hinausführung des Denkmals, als zu einem würdigen Kunstpreis für die trefflich entworfenen Werke der beiden Künstler freudig steuern wird.“

Ist es nicht erhebend, daß die beiden Künstler „ohne eine Gewähr, ja ohne eine Aussicht auf irgend einen Entgelt“, in bloßem patriotischen Ehrgeize an ihr Werk gegangen sind? Aber ist es nicht eben so beschämend für uns, wie es erhebend ist? Das Heidelberger Comité hat sich über zehn Jahre bemüht, seine Sammlungen zu erhöhen, ohne durchschlagende Erfolge. War es, weil die Denkmale in Wetter und Berlin die Theilnahme Preußens abzogen? War es, weil Oesterreich sich ausschied, das doch dem Manne für seine Herstellung aus der französischen Bedrückung so viel wie alle Anderen verpflichtet war? War es, weil die Natur der Wirksamkeit des Mannes, um dessen Gedächtniß es sich handelt, der großen Volksmasse nicht in der Art zum Verständniß nahe liegt, wie die eines Luther und Schiller? War es, weil unglückliche Kriegsjahre die friedliche Arbeit der Sammler zwei Mal gewaltsam störten? Die Sammlungen haben sich bis jetzt nicht über zwölf- bis dreizehntausend Gulden erhoben. Die Künstler haben mit Vertrauen zu dem Comité begonnen, das Comité mit Vertrauen zu dem deutschen Volke, dem es in seinem letzten Aufrufe an die Ehre greift.

Wir fordern daher alle Freunde der Gartenlaube, die ja ohne Ausnahme auch Freunde der guten Sache sind, auf, ungesäumt mit der Hand in den Säckel zu fahren und endlich den Tribut der Dankbarkeit für den bewährtesten deutschen Staats- und Volksmann öffentlich in sichere Hand niederzulegen. Wer seinen Opferpfennig bereit hält, wird nach einem Opferstock nicht lange zu suchen haben.




Blätter und Blüthen.

Das Erdbeben an der Westküste von Südamerika im Jahre 1868. Vor ungefähr zehn Jahren verließ der Verfasser der nachstehenden Schilderung als sächsischer Officier das Vaterland und ist seitdem viel in Südafrika, Nord- und Südamerika gereist. Während des großen Bürgerkrieges befand er sich im Dienste der Vereinigten Staaten, arbeitete sodann als Militäringenieur in der argentinischen Republik und pachtete später die chilenische Insel Juan Fernandez. Gegenwärtig befindet er sich in Lima, und auf einer Fahrt an den dortigen Küsten schrieb er für die Gartenlaube die Schilderungen nieder, die wir, trotz der vielen ihnen zuvorgekommenen Zeitungsberichte über denselben Gegenstand, hier mittheilen, weil sie auf der eigenen Anschauung von mehreren unserer deutschen Landsleute beruhen.

Caldera, den 19. August 1868.

Unsere Küste hat soeben eine Erschütterung erfahren, wie sie schrecklicher vielleicht nie stattgefunden. Es ist diesmal kein einzelner Punkt, welcher vom Erdbeben heimgesucht wurde, sondern eine lange Reihe bewohnter Plätze, und sie alle liegen verheert und verödet.

Ich befand mich am 16. August in Valparaiso, wo die Luft so [671] heiß und drückend war, daß man allgemein einen vulcanischen Ausbruch befürchtete. Am genannten Tage lief Nachricht. ein daß bei Concepcion und Jomé, zwei Häfen im Süden Chiles, das Meer weit über seine gewöhnlichen Grenzen gestiegen und stellenweise drei Meilen tief in’s Land getreten sei. Großer Schaden wurde den Kornspeichern und Wohnhäusern zugefügt und mehrere Fahrzeuge litten Schiffbruch. Am 17. Abends brach ich im Dampfer Paita nach Callao auf. Den 19. gegen zwei Uhr Nachmittags warfen wir vor Caldera Anker, und hier erreichten uns, von Norden her, Briefe, welche allgemeine Bestürzung erregten. Die ganze Westküste bis weit hinauf nach Peru war von einem fürchterlichen Erdbeben geschüttelt worden und hatte an vielen Stellen Einbrüche des Meeres erfahren müssen. Cobija, Arica, Islay, Mejillones, Iquiqoe, Ilo, Pisco, Pisagua und Chala, so theilte man uns mit, lägen ganz oder theilweis in Trümmern. Der Bruder eines unserer Passagiere kam an Bord und beglückwünschte ihn das nackte Leben gerettet zu haben, sein Geschäft war gänzlich untergegangen. Drei Kriegsdampfer gingen auf der Rhede von Arica verloren, die peruanische „America“ und die Vereinigten-Staaten-Schiffe „Wateree“ und „Fredonia“, letzteres mit Mann und Maus. Der Compagnie Steamer „Santiago“ ist dem Untergange auf wunderbare Weise entgangen. Aus Callao kommend befand er sich am 13. Abends, dem Tage des Erdbebens, vor Chala und sein Capitän berichtet Folgendes an den unseren: „Wir lagen an zwei Ketten sicher vor Anker, als plötzlich ein Stoß verspürt wurde, der. uns glauben ließ, wir seien fest auf einen Felsen gerathen. Die Passagiere drängten sich ängstlich um mich und wollten wissen, was geschehen sei. Im nächsten Augenblicke wand und krümmte sich bereits das Fahrzeug, als ob es aus Gummi gemacht sei. Wir wurden sämmtlich an zwei Fuß hoch emporgeworfen und fielen zu Boden. Auf allen Gesichtern stand tödtlicher Schreck geschrieben. Ich forderte eben den zitternden Steameragenten auf, sich in meiner Cajüte durch ein Glas Branntwein zu stärken, da rissen unsere Ankerketten, als ob sie dünne Drähte seien, und das zurücktretende Meer wusch uns seewärts. Wir hatten Dampf genügend, um den Versuch zu machen, das Weite zu gewinnen, aber im nächsten Augenblicke trug uns bereits die zurückfluthende ungeheuere Welle widerstandslos dem Ufer entgegen und warf uns, hoch über die Küstenklippe, in den jenseitigen Busen. Erst dann gelang es uns das offene Meer zu erreichen. Unsere Rettung ist wunderbar. Arica liegt in Trümmern; wo Chala stand, rollt das Meer; Iquique ist nur zum kleineren Theil erhalten; noch weiß Niemand, wie weit nach Norden sich die Verheerung erstreckt, denn aus Callao fehlen Nachrichten.“ Soweit der Brief des Capitäns.

In Caldera an Land gegangen, trafen wir bald Flüchtlinge aus dem Norden, unter Andern den deutschen Photographen Reitze, welcher sich zur Zeit der Katastrophe in Arica aufhielt und dort sein sämmtliches Eigenthum verlor. Der Stadtrath von Copiapo sammelt Lebensmittel die Hungernden zu unterstützen, und der amerikanische Kriegsdampfer „Kearsage“ schickt sich an nach Arica aufzubrechen. In Iquique, wo sämmtliche Condensirmaschinen verloren gingen, soll großer Wassermangel herrschen. Auch Caldera erfuhr heftige Stöße, und die Einwohner befanden sich bereits auf der Flucht nach dem Küstengebirge, doch geschah nichts Ernstes. Reitze’s Bericht aus Arica lautet ungefähr folgendermaßen: „Ich befand mich am Abend des 13. kurz nach fünf Uhr ruhig in meinem Hause und war eben beschäftigt einige Bilder zu entwickeln, als sich schnell hinter einander mehrere Erdstöße wahrnehmen ließen. Mein chilenischer Gehülfe, die allgemeine Furcht seiner Landsleute vor terremotos theilend, stürzte auf die Straße hinaus und ich war im Begriff ihn zur Rückkehr zu bewegen, als das Erdbeben so heftig wurde, daß mich ein Gefühl überkam, als ob ich jähem Schwindel verfiele.

In’s Freie gelangt, bewegte sich unter mir der Boden, als ob er flüssig sei, wie die Meereswelle. Von da ab bleibt mir nur wenig Erinnerung. Ich weiß, daß der Kirchthurm fiel, eben als ich auf dem Marktplatze anlangte. Ich kletterte verzweiflungsvoll über die stets sich häufenden Trümmer und strebte, das Rauschen des empörten Meeres hinter mir, den Bergen zu. Es war das vollständige Bild der Sündfluth; mir standen die Haare zu Berge. Ueberall Wehklage und Jammer; Mütter, die ihre Kinder suchten, und Frauen ohne Gatten. Wer seine gesunden Glieder rettete, war froh, denn rings gab es fürchterliche Verstümmelungen. Auf den Küstenhügeln verbrachten wir eine angstvolle Nacht, geschreckt durch die stets sich wiederholenden Erdstöße, deren wir über zwanzig zählten. Am nächsten Morgen war von unseren Wohnungen nichts zu entdecken – die Stadt war ein großer Schutthaufen, keine Straße mehr kenntlich. Alles, was ich von meiner Habe rettete, war eine – Reitpeitsche, welche mir der blinde Zufall wiedergab. Bis zu meiner Abreise mit dem englischen Dampfer hatte man fünfunddreißig Leichen gefunden.“

Wir nahmen in Arica mehr Kohlen ein, als gewöhnlich, und versahen uns reichlich mit Wasser, um den Nothleidenden in Iquique helfen zu können, so daß es spät Abends war, als wir wieder in See gingen.

Cobija, den 21. August 1868.

Früh am Morgen kamen wir in Cobija an, wo wir das chilenische Kriegsschiff Covadonga antrafen. Noch sind wir nicht auf dem eigentlichen Schauplatze der Zerstörung angelangt, denn Iquique haben wir in der Nacht passirt. Trotzdem sind wir im Besitz zuverlässiger Nachrichten von dort, denn Flüchtlinge sind an Bord gekommen und der chilenische Befehlshaber brachte gestern erst Hülfe nach dem hartbedrängten Orte. Drei Viertel der Stadt liegen in Trümmern, viele Menschenleben werden beklagt und Hunger und Durst sind allgemein. Der Verlust eines einzigen deutschen Hauses (Gildemeister u. Co.) wird auf viermalhunderttausend Thaler veranschlagt. In Iquique fand das Erdbeben siebenzehn Minuten nach fünf Uhr statt und dauerte vier Minuten, ehe es irgend welche Unterbrechung erfuhr. Hierauf erfolgte das Zurücktreten des Meeres, welches den Arm zwischen dem Festlande und der vorliegenden Insel gänzlich trocken ließ. Auf diese Weise bildete sich eine ungeheure Welle von circa sechszig Fuß Höhe, welche plötzlich wie eine Wand gegen das Land anrückte. Diese Welle kam aus Süd-West und schlug Alles nieder, was ihr in den Weg kam. Ueber einhundert Personen sollen verunglückt sein. –

Arica, den 22. August. 1868.

Wir sind auf dem Schauplatz der Verwüstung angelangt. Der Anblick spottet jeder Beschreibung. Arica, welches wohl siebentausend Einwohner zahlte, ist ein Trümmerhaufen und eine verarmte Menge irrt obdachlos am Ufer. So tiefgreifend war das Werk der Zerstörung, daß sich die Stätte nicht wiederfinden läßt, wo ein Haus gestanden, so groß die Gewalt der empörten Wellen, daß die schweren Geschütze der Inselbatterie bis an’s Festland geschleudert wurden, wo sie tief im Sande liegen. Vier Schiffe, wovon zwei schöne Kriegsdampfer, sitzen am Ufer, sechszehn Fuß überm Wasser! Drei andere liegen in der Rhede begraben. Die America verlor vierundvierzig Mann, die Wateree zwei, die Fredonia ging mit siebenundzwanzig Mann unter und die Barke Chanarcillo verlor acht. Eisenbahnschienen, Waggons, Maschinenstücke, Lafetten, Hausrath, Kinderwäsche, Kisten und Fässer, todte Lastthiere und verstümmelte Leichen liegen in grausenhaftem Chaos durcheinander. Der Gestank ist ekelerregend. Der Stoß fand auch hier kurz nach fünf Uhr statt und ward bald darauf vom Hereinbrechen des Meeres gefolgt, welches seine gewöhnlichen Grenzen mehr als fünfzig Fuß überstieg. Mehr als dreihundert Menschenleben werden beklagt. Auch Tacna und Arequipa, letzteres eine Stadt im Innern von über vierzigtausend Einwohnern, sind heimgesucht worden: Die Stöße dauern noch heute, also neun volle Tage nach dem ersten Ausbruche, fort, obgleich nur schwach. Dem Erdbeben gesellte sich bald Feuersbrunst zu, und die entfesselte Leidenschaft des Pöbels, welche in den reichlich vorhandenen geistigen Getränken kräftige Nahrung fand, vollendete, was die Wuth der Elemente etwa unvollständig gelassen. Eine Stadt nach der Plünderung kann sich diesem Bilde des Schreckens selbst annähernd nicht vergleichen. Durch alle Gräuel des amerikanischen Bürgerkrieges habe ich kein so fürchterliches Bild vor mir gehabt. Noch blühen einige Blumen in einem halbverschütteten Garten, dessen zierliche Anlagen Zeugniß ablegten von der Sorgfalt der früheren Bewohner. Alles war gefallen, wie man es verlassen, und machte einen unbeschreiblich wehmüthigen Eindruck auf mich. Ich fand Briefe, Wechsel, Waarenstücke allenthalben zerstreut; die trunkenen Wachen schützten das Eigenthum nur nothdürftig. Soweit die Nachrichten nach Norden reichen, reicht die Verheerung, wir werden ihre Ausdehnung erst in Callao beurtheilen können.

Callao, den 25. August 1868.

Wir sind am Ziele unserer Reise angelangt und sehen mit Freude, daß Callao, zum Theil wenigstens, der vernichtenden Hand des Schicksals entgangen ist. Trotzdem hat die Stadt bedeutend gelitten, jedoch weniger durch Erdbeben, als durch Wasser und Feuersbrunst; drei Straßen sind niedergebrannt und die geängstete Bevölkerung ist größtentheils nach Lima geflüchtet. Auch die Hauptstadt zitterte eine ganze Nacht, und die traurigen Nachrichten aus Arequipa finden sich nur zu sehr bestätigt. Unzählige Häuser liegen dort am Boden und vierhundert Menschen fanden ihren Tod. Gleichzeitig wird ein großer Brand aus Guayaquil berichtet. Wahrlich, die Hand des Schicksals hat schwer auf dieser Küste gelastet! Der Mittelpunkt der Bewegung scheint in der Nähe von Arequipa gelegen zu haben, und allenthalben ist der eigentliche Schaden weniger durch das Erdbeben, als durch das austretende Meer und durch Feuersbrunst verursacht worden.

Robert Wehrhan.


Die Heimath von Ulysses S. Grant, dem gegenwärtigen Präsidentschaftscandidaten der republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten von Amerika, ist die Stadt Galena in Davies County im Staate Illinois. Bekanntlich betrieb Grant hier vor Beginn des Secessionskampfes in Gemeinschaft mit seinem Vater ein blühendes Gerbergeschäft. Als der Bürgerkrieg – wesentlich durch Grant’s Heldenthaten – beendigt war, erbauten die Bürger von Galena dem sieg- und ruhmgekrönten General, ihrem früheren Stadtgenossen, ein schönes Haus, welches sie ihm, vollständig meublirt und wohnlich eingerichtet, zum Präsent machten. Das Haus ist nicht übermäßig elegant und kostbar gebaut, es ist einfach aus Mauersteinen aufgeführt; aber es hat eine prächtige Lage. Es liegt an dem östlichen Ufer des Galenaflusses auf einem ziemlich hohen Hügel, der eine wundervolle Aussicht auf die rings umher liegenden reichen Fluren gewährt. Das Haus ist zweistöckig und enthält, ausser den Küchen- und Vorrathsräumen, neun bis zehn Zimmer, die nicht übermäßig groß sind. Das Empfangszimmer (parlor) z. B. ist zwanzig Fuß lang und sechszehn Fuß tief; von hier führt ein kleiner Kreuzgang (cross hall) nach dem Speisezimmer. Dem Empfangszimmer gegenüber befindet sich eine leidliche, gut ausgestattete Bibliothek. –

Mitte September 1868 befand sich General Grant nebst seiner Frau, deren Vater, Herrn Dent, der bereits einundachtzig Jahre zählt, und seinen zwei Kindern, einer zwölfjährigen Tochter und einem neunjährigen Sohne, hier in diesem Hause, welches er der Liebe und der Achtung seiner Mitbürger verdankt. „Ich wollte eigentlich einen Badeort, z. B. Saratoga oder Long Branch, besuchen,“ sagte er zu einem Freunde, allein bei reiferem Nachdenken zog ich hierher, in dies Haus, das ich – der Exgerber – der Liebe meiner guten Nachbarn und Mitbürger verdanke. Ich sehne mich nach wohlthuender Ruhe, nach guten Freunden und aufrichtigen Herzen, und wo kann ich diese sicherer und besser finden, als in Galena?“

Außer seiner Familie hatte Grant auch noch seinen Adjutanten, den General Comstock, bei sich, der ihm die Besorgung seiner Amtsgeschäfte erleichterte.

Die Zeit vertrieb sich Grant außerhalb des Hauses namentlich durch Spazierenreiten und durch den Besuch der Orte, wo er seine alten Freunde zu finden hoffen konnte. Niemals sah man ihn ohne eine Cigarre, denn das Rauchen ist ihm bekanntlich zur Leidenschaft geworden.

Besucher nahm er ungern an, wenn es nicht alte Freunde waren; auch redete er nicht gern von politischen Dingen. Als eines Tages die [672] Rede auf die im November d. J. stattfindende Präsidentenwahl kam, erklärte er: „Ich möchte nicht gern meine gegenwärtige Stellung aufgeben; sie gefällt mir und ich kann in derselben meinem Vaterlande nützen. Dennoch aber mußte ich wohl dem Andringen von vielen meiner Freunde, die treue und wahre Patrioten sind, nachgeben und als Präsidentschaftscandidat für die Partei auftreten, die sich mit Recht am meisten rühmen kann, daß die Rebellion durch ihre Anstrengungen zu Boden geworfen worden ist. Ich bin der Ansicht, daß kein Mensch stets gerade das thun kann und darf, was er wohl am liebsten thun möchte. Da, ich nun aber einmal Candidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten bin, so möchte ich meinem Gegner auch nicht unterliegen.“

Und wie die Sachen gegenwärtig stehen, unterliegt es kaum einem Zweifel, daß Grant, der, während der Wahlsturm über das weite Gebiet der nordamerikanischen Union dahinbrauste, ruhig in seinem Hause in Galena lebte, der achtzehnte Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Das Wort, womit er den Brief, worin er die ihm angetragene Candidatur annahm, schloß, tönt durch die ganze Union in allen loyalen Herzen wieder: „Let us have peace – Lasset uns Frieden haben!“

R. D.


Keine verfälschte Chocolade mehr! In wahrhaft beunruhigender Weise nimmt die Verfälschung der Lebensmittel immer mehr überhand. So sehr diese Erscheinung unserer Zeit zur Beschämung gereichen muß, so sehr sie unsere Gesundheit, unser Leben gefährdet, so erfreuend und beglückend erscheint aber auch das Gefühl, welches die Einsicht in uns erregt, daß die prüfende Chemie diesen Schwindel Schritt für Schritt verfolgt und ihn nicht allein aufzudecken sucht, sondern auch der Allgemeinheit die Mittel zu verschaffen strebt, daß sie selbst zu prüfen und selbst sich zu wahren vermöge.

Ein jeder von diesen, wo möglich ebenso leicht ausführbaren, als zuverlässigen Prüfungswegen verdient aber zweifellos die allgemeinste Beachtung, zumal wenn er uns dazu verhilft, einen der wichtigsten, unentbehrlichen Nahrungsstoffe in seinen Verfälschungen zu erkennen. Zu den längst in fast allen Bevölkerungschichten unentbehrlich gewordenen Nahrungsmitteln gehört die Chocolade, und es war daher um so mehr zu bedauern, in welcher erschreckend mannigfaltigen und großartigen Weise gerade ihre Verfälschung in letzterer Zeit betrieben wird. Es gab oder giebt vielmehr gar nicht selten im Verkauf Chocoladesorten, welche von wirklicher Cacaomasse gar keine Spur enthalten.

Um so erfreulicher ist es daher, daß der Chemiker Reinsch ein Verfahren mitgetheilt hat, mit Hülfe dessen man jede Verfälschung der Chocolade leicht und sicher erkennen kann, und das zugleich so einfach ist, daß jede Hausfrau es selbst anzustellen vermag. In einem sauberen Töpfchen wird ein Theil der fraglichen Chocolade mit zehn Theilen Wassers zum Kochen erhitzt; die Brühe läßt man erkalten und seiht sie durch reines, über einem Trichter aufgespanntes Löschpapier. Hier bleibt die Masse der Chocolade zurück und es zeigen sich folgende Merkmale: Von reiner, unverfälschter Chocolade läuft das Wasser ziemlich schnell ab, erscheint klar, hellroth und schmeckt angenehm süß nach Cacao; die aus dem Löschpapier zurückgebliebene Masse muß nach dem Trocknen als ein leichtes, röthlich-braunes, nicht zusammenbackendes Pulver zurückbleiben. Von verfälschter Chocolade tropft die Flüssigkeit nur langsam ab, ist trübe, schmutzig-gelb, von widerlich süßem Geschmack; die auf dem Löschpapier zurückgebliebene Masse bildet einen zähen Kleister, der desto zäher, je schlechter die Chocolade ist, der nur sehr langsam austrocknet und der als zusammenklebende Masse erscheint.

Ueber die fast zahllosen Verfälschungen der Chocolade wolle man in meiner „Waarenkunde für die Frauenwelt I.“ nachlesen, um auch für etwaige noch andere Erscheinungen bei dieser Probe ein Verständniß zu finden.

Karl Ruß.


Die frechste Curirschwindelei ist die Dittmann’sche Loh-Cur, mit der angeblich alle nur möglichen, ja sonst ganz unheilbaren Krankheiten curirt werden können und durch welche der Krebs noch im letzten Stadium so geheilt wird, daß ein Wiederkehren desselben nicht denkbar ist, weil nämlich die Cur nicht auf Medicin, sondern auf Ernährung beruhen soll. Das Hauptmittel Dittmann’s ist, außer der Lohbadecur, ein „Kraftpulver“, welches als starkes Nahrungsmittel vorzugsweise auf die Unterleibsorgane so belebend und stärkend wirken soll, daß die Krankheiten, deren Ursachen sich im Unterleibe befinden, schnell und leicht beseitigt werden. Und aus was besteht dieses Kraftpulver? Es ist ein Gemisch aus Loheabkochung, welche bei starker Hitze zu einem Pulver eingetrocknet und mit Gerstenkraftmehl versetzt ist. Man bereitet es, wenn man fünfzig Theile trockenes Eichenrindenextract in hundertundfünfzig Theilen Wasser löst, mit achtzig Theilen Gerstenkraftmehl und vierzig Theilen Dextrin mischt, erwärmt, zur Trocknen eindampft und dann noch fünfzig Theile des genannten Extractes hinzufügt, scharf trocknet und pulvert.

Ueber die Dittmann’sche Cur schreiben die von den DDr. Haqet und Jacobsen redigirten „Industrie-Blätter“ – eine nicht genug zu empfehlende Wochenschrift für Fortschritt und Aufklärung auf den Gebieten der Gewerbe der Hauswirthschaft, Gesundheitspflege etc. –: „Dittmann will einmal ein schlimmes Bein gehabt und dasselbe mit Eichenloheabsud curirt haben. Dieser glückliche Erfolg hat ihn, einen naturwüchsigen Gerber, zum Aesculap gemacht und ihm die Gewißheit gegeben, daß sein Eichenlohe-Präparat ein Mittel für Alles, was Krankheit heißt, sei. Er weiß, daß die Eichenlohe die leicht zu Fäulniß neigenden Felle in Leder, welches der Fäulniß und Zersetzung widersteht, verwandelt; warum sollte, so denkt er, die Eichenlohe nicht auch auf die menschlichen Organe in gleicher Weise kräftigend und conservirend einwirken? Wenn ich, sagt er sich, den kranken Menschen innerlich und äußerlich gerbe, so muß doch die Constitution desselben ebenso dauerhaft werden wie die der Thierfelle. Im Uebrigen mag er sich, auf die Unzahl dummer und leichtgläubiger Menschen bauend, überlegt haben, daß das Menschengerben weniger anstrengt und besser rentirt als das Fellegerben.“

Gott bewahre uns vor Schnapsmischern, Brauern und Gerbern, wenn sie ihre Handwerkskunst als Heilkünstler an dem kranken Menschen versuchen wollen! Ich dächte, man hätte schon genug an curirenden Schustern, Postsecretairen, alten Bauerweibern und sauren Gurkenhändlern.

Bock.


Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmers hatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkte ich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am unteren Ende des Netzes auf Beute lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an’s Netz, daß sie sich mit ihren Füßen und Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am unteren Ende des Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahre Eigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampf zwischen beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aber dem Eindringlinge nichts anhaben und mußte sich bald zurückziehen. In einiger Entfernung jedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte noch einmal auf die freche Eigenthumsverletzerin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes, wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfange nicht, wie ich mir dieses Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sache klar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wo sich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlauf um das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sich von Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe war unterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch an einem Faden. der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslief. An diesem kletterte sie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute getödtet und kunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: mit einem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit den anderen klammerte sie sich an die Trümmer des Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfes zwischen Frechheit gepaart mit Stärke auf der einen Seite und Schwäche gepaart mit List auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt und Gespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinne nichts anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ort aufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte.

C. P.


Der Pistolenschuß. So eben geht uns die Notiz zu, daß die unter obigem Titel in Nr. 40 veröffentlichte Skizze „aus den Erinnerungen eines russischen Officiers“ nicht ganz neu und in einer ähnlich lautenden Form, angeblich aus dem Französischen, bereits veröffentlicht sei. Uns wurde dieselbe von ehrenwerther Seite als eine Uebertragung aus dem Russischen angeboten und veranlaßte uns lediglich das interessante Sujet, von unserem von je strenge gewahrten Princip, Uebersetzungen von den Spalten der Gartenlaube fern zu halten, in diesem Falle abzuweichen. Da es uns nicht einfallen kann, selbst so kleinen Beiträgen, wie der genannte, den Charakter eines Originals beilegen zu wollen, wenn sie diese Bezeichnung nicht verdienen, so constatiren wir ausdrücklich den fremden Ursprung der Skizze, die übrigens, wie wir hören, allgemein angesprochen hat.

D. Red.

Inhalt: Süden und Norden. Von Herman Schmid (Fortsetzung.) – Ein Londoner Kummerhof. Mit Abbildung. – Eine kleine Republik in der Ostsee. (Schluß.) – Die drei preußischen Wehs. – Ein Denkstein für aller Deutschen Edelstein. Mit Abbildungen. – Blätter und Blüthen: Das Erdbeben an der Westküste von Südamerika im Jahre 1868. – Die Heimath von Ulysses S. Grant. – Keine verfälschte Chocolade mehr! – Die frechste Curirschwindelei ist die Dittmann’sche Loh-Cur. Von Bock. – Zur Charakteristik der Spinnen. – Der Pistolenschuß


Gekrönte Preisschrift!

Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig ist soeben erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Anleitung zur Pflege der Zähne und des Mundes nebst einem Anhang: Ueber künstliche Zähne von Dr. W. Süersen, Zahnarzt in Berlin. Herausgegeben vom Central-Verein deutscher Zahnärzte.

Fünfte neu durchgesehene Auflage. Elegant broschirt. Preis 15 Ngr.