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Die Gartenlaube (1868)/Heft 11

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[161]

No. 11.   1868.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich bis 2 Bogen.0 Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Wort.
(Fortsetzung.)


„Sieh, Du bist schlau, Vater Peter,“ entgegnete Friedrich. „Also eine reiche Bauerntochter soll ich mir freien, willst Du? Wär’ nicht übel. Aber ich fürchte, in der Stadt haben sie mir den Geschmack verdorben für eine von Euren Landschönheiten in Holzschuhen und braunem Friesrock und mit schmutzigen, schwieligen Händen, so Eine könnt’ eine Million haben, der Friedrich nähm’ sie nicht.“

„Aber was redest Du denn so heimtückisch und thust, als ob gar nichts wäre … warst doch sonst nicht so versteckt und ein Duckmäuser.“

„Ein Duckmäuser? Was fällt Euch ein, alter Tillmann; der Ausdruck streift an’s Unparlamentarische, wie wir in der Caserne sagen.“

„Ja, Peter, Du fährst auch gleich so heraus!“ sagte hier Mutter Gertrud, die am Tische stehen geblieben war, um der Wendung dieses Gespräches zu folgen.

„I, was soll ich denn nicht herausfahren,“ rief Vater Tillmann dagegen, „ich denk’, gegen so alte Freunde thut man nicht heimlich. Wir wissen ja doch, daß Du eins bist mit Deiner Marianne.“

„Mit meiner Marianne? Mit welcher Marianne?“ fragte Friedrich auf’s Aeußerste überrascht.

„Nun, mit der Marianne vom Herbothof, und der Herbotbauer, wenn sie auch sein einzig Vorkind ist, will sie Dir ja geben … man weiß auch weshalb und was ihn so willig macht; er ist ja schon lang hinter der Anna drein, und die Anna will ihn erst, wenn die Marianne vom Hofe fort ist, und da die Marianne …“

Der Soldat sah den Wirth an mit einem Ausdruck, als frage er sich, ob unter die Veränderungen, welche seit seiner Abwesenheit im Dorfe vorgekommen seien, auch eine bedeutende Veränderung, die mit den Geisteskräften des Vaters Tillmann vorgegangen, gehöre. Und dann sah er Mutter Gertrud an – Mutter Gertrud aber sah aus so unverändert dumm-gutmüthig, wie sie vor Jahren gethan; und da sie auch nicht mit einem: „Ja, Peter, Du redest auch immer so aberwitzig!“ dazwischen fuhr, was sie gewiß gethan haben würde, wenn Vater Tillmann nur einen Scherz vorgehabt hätte, so rief Friedrich aus:

„Aber da möchte Einer ja alle vierzehn Nothhelfer zusammenrufen, um ihm beizustehen, daraus klug zu werden. Die Marianne und die Anna und der Herbotbauer – zum Henker, Vater Tillmann, was soll denn das Alles?“

„Siehst Du, Peter, Du fällst auch immer so mit der Thür in’s Haus,“ sagte Mutter Gertrud, „der Herbotbauer hat Dir ja gleich gesagt, es sollt’ noch geheim bleiben, daß der Friedrich die Marianne bekommt.“

„Das hat Euch der Herbotbauer wirklich selber gesagt?“ fiel Friedrich ein.

„Ganz gewiß hat er mir’s gesagt,“ rief Vater Tillmann, „was sollt’ er denn nicht? wir kennen uns ja von langen Jahren her und sind immer die besten Freunde gewesen; der hat keine Geheimnisse vor mir. Und im Uebrigen weiß es ja auch schon die ganze Bauernschaft.“

„Nun, dann,“ sagte Friedrich lachend, „dann ist der Herbotbauer entweder verrückt, oder es muß irgendwo in der Welt einen Namensvetter von mir geben, oder gar einen Doppelgänger, der um seine Marianne gefreit hat … denn ich, das kann ich Euch versichern, hab’s nicht gethan, und die Marianne kenn’ ich gar nicht, so zu sagen heißt das – denn als Schulkind hab’ ich sie freilich gesehen, wie Alle, die zum Dorfe gehören.“

„Meinethalb, wenn Du’s abreden willst, thu’s. Aber es ist nicht schön von Dir, daß Du’s gegen Deinen alten Freund thust. Man weiß schon weshalb. Du sollst bald Oberfeuerwerker oder dergleichen werden, sagen sie, und dabei könnt’s Dir schaden, wenn’s zu früh bekannt würde, daß Du heirathen willst, denn beim Militär haben sie die verheiratheten Leute nicht gern … das wissen wir hier auf dem Dorfe auch. Aber sag’ einmal, wozu wärst Du denn nach so langen Jahren in’s Dorf gekommen, wenn nicht dazu?“

Als Vater Tillmann diese verfängliche Kreuzfrage an den Unterofficier der reitenden Artillerie stellte, sah er sehr schlau aus und lächelte spöttisch. Es war klar, er hatte Friedrich gefangen.

Und in der That, Friedrich fühlte sich ein wenig gefangen, als er antwortete:

„Um ganz anderer Dinge willen. Die Frau von Thorbach hat mir sagen lassen, daß sie mir eine Mittheilung zu machen habe.“

Er sah voraus, daß Vater Tillmann diese Erklärung seines Kommens äußerst unwahrscheinlich finden und ungläubig aufnehmen werde, und in der That, Vater Tillmann zuckte lachend die Achseln. „Kann mir’s denken,“ rief er aus, „daß Du darum kommst … ja, ja, wird wohl Alles seine Richtigkeit haben. Die Frau von Thorbach ist eben von der Reise zurückgekehrt und hat Last und Arbeit genug auf den Armen, jetzt, wo der alte Herr von Stromeck gestorben ist – kann mir’s denken, daß sie pressirt ist, gleich den ersten Tag den Herrn Friedrich sich herauskommen zu lassen…“

„Nun weshalb nicht?“ gab Friedrich lachend zur Antwort.

[162] „Ihr Leute im Dorfe hier seid ihr wahrscheinlich alle viel zu schlau, und sie läßt sich einen aus der Stadt kommen, von dem sie weiß, daß er ihr nur die Wahrheit über ihre Sachen sagt.“

Vater Tillmann antwortete hierauf nicht; er war entweder in seinen persönlichen Gefühlen durch das Mißtrauen, oder in seinen moralischen durch die Unwahrheit gekränkt, welche sein Gast ihm gezeigt, und deshalb stand er auf und ließ Mutter Gertrud Raum, den Tisch zu decken und Friedrich sein Abendessen aufzutragen.

Friedrich aber grübelte über die verwunderliche Behauptung nach, welche sein Wirth mit solcher Bestimmtheit aufgestellt. Die Sache selbst freilich focht ihn nicht sehr an. Wenn der Bauer Herbot selber erzählte, er habe ihm seine Tochter versprochen, so konnte er ihn nicht daran hindern, es lag weder eine Beleidigung seiner militärischen noch seiner bürgerlichen Ehre darin; im Gegentheil, der Herbotbauer war ein angesehener Mann, sein Hof war einer der größten in der Bauernschaft und die Marianne, seine einzige Tochter erster Ehe, war ein hübsches rosiges Kind gewesen, auffallend fein für solch’ ein Landgewächs … aber gerade darüber gerieth Friedrich in’s Grübeln. Er dachte daran, daß er an dem Tage, wo Marianne zur ersten Communion gegangen, ihr in der Kirche gegenüber gesessen und daß er sie damals betrachtet hatte; es dämmerte die Erinnerung in ihm auf, daß er sich gesagt, sie sei die hübscheste von all’ den weißgekleideten bräutlich geschmückten Backfischen in Kranz und Schleier, und keine sah so zierlich, so rosig und so sanft aus wie diese selbe Marianne vorn Herbothofe; diese Marianne, die jetzt mit Gewalt seine Braut sein sollte – die ganze Bauernschaft wollte es so, hatte Vater Tillmann ja gesagt.

Friedrich überkam dabei ein seltsames Gefühl. Der Gedanke, ein weibliches Wesen, und wäre es uns auch vorher noch so fremd und unbeachtet geblieben, sein nennen zu dürfen, hat einen eigenthümlichen Reiz und Zauber für einen Mann, es weckt eine Ader der in seiner Seele schlafenden Zärtlichkeit und setzt die Saite des Liebesbedürfnisses in stille, sanfte und verführerische Schwingungen … es ist immer sehr gefährlich, sich mit solchen Versicherungen überfallen zu sehen, wie die waren, welche Vater Tillmann mit so genauer Kenntniß der Thatsachen unserem Unteroffizier von der reitenden Artillerie auf den Kopf zugesagt hatte.

Und bei Friedrich doppelt. Denn Friedrich war ein eigenthümlicher Mensch, auch er hatte sein Liebesbedürfniß, wie alle andern bewaffneten Söhne des Vaterlandes, aber er hatte einen aristokratischen Geschmack, und in der Lebenssphäre, in welcher er hätte Eroberungen machen können, war ihm nie ein Wesen aufgestoßen, welches genug von den anziehenden Eigenschaften besaß, die seine wählerische Phantasie von seinem Ideale verlangte. Und so war Friedrich ganz sicherlich der einzige Unterofficier in seinem Regimente, dessen Herz noch so jungfräulich war wie damals, als er sein heimathliches Dorf verlassen.

Doch waren die Gedanken und Empfindungen, welche seiner Wirthe Versicherungen in ihm erweckt, nicht heftiger und erregender Art. Sie hinderten ihn, als er sich zur Ruhe begeben, nicht, sofort in einen gesunden Schlaf zu sinken; die Gestalt Mariannens wob sich nicht einmal in seine Traumbilder, falls er deren hatte; und als er am andern Morgen erwachte, hatte er Marianne Herbot vergessen. Er wurde erst an sie wieder erinnert, als er im Gastzimmer von seiner Wirthin begrüßt wurde, die ihm sagte, daß der Peter schon in den Wiesen beim Heuen sei – der Peter sei immer so rastlos zum Fortkommen, wenn’s draußen Arbeit gebe, setzte Frau Gertrud hinzu, die es zu den Pflichten einer treuen Lebensgefährtin zu rechnen schien, ihres Gatten Thaten, Meinungen und Eigenschaften mit ihren kritischen Randglossen zu versehen.

Als es auf dem Thurm der Dorfkirche zehn Uhr schlug, trat Friedrich seine Wanderung nach dein Schlosse Stromeck an. Der Edelhof lag zwanzig Minuten vom Dorfe entfernt, in einem Park, der eine fruchtbare Thalsenkung ausfüllte; eine Allee von alten Eichen führte fünf Minuten lang auf das freundliche, weiße, mit grünen Jalousien versehene und mit Balconen geschmückte Landhaus zu, welches in der ganzen Bauernschaft nicht anders als „das Schloß“ genannt wurde … der alterthümliche, eine Stunde weit am andern Ende der Bauernschaft liegende, mit breiten Gräben und grauen Thürmen versehene, ziemlich verfallen ausschauende Edelhof, von welchem der Hauptmann von Mechtelbeck stammte, hieß dagegen „die Burg“.




5.

Einige Tage vor diesem, an welchem wir Friedrich auf dem Wege zum Schlosse erblicken, hatte die Beschließerin auf Haus Stromeck einen Brief ihrer jungen Gebieterin, der Frau von Thorbach, aus Karlsbad bekommen, worin diese ihre Ankunft ihr für einen der folgenden Tage anzeigte und ihr allerlei Aufträge über häusliche Einrichtungen gab. Außerdem enthielt der Brief folgende Stelle.

„Und nun noch Eins. Denken Sie sich, liebes Fräulein Runde, welche merkwürdige Mittheilung mir Doctor Rostmeyer in einem Geschäftsbriefe, den ich eben von ihm erhalte, macht. Er schreibt mir: ,Und da Sie nun nach dem Heimgange Ihres Herrn Vaters in alle seine Verhältnisse und Verpflichtungen eintreten, so darf ich Ihnen auch Eines, was Ihnen bisher unbekannt geblieben sein dürfte, nicht verschweigen. Ihrem Herrn Vater ist vor Jahren eines schönen Morgens ein Findelkind auf die Schwelle gelegt worden. Es ist das keine angenehme Bescheerung, und obwohl Ihr Herr Vater keinen Augenblick angestanden hat, seine Christenpflicht an dem armen ausgesetzten Geschöpf zu thun, so hat er doch seines Rufes willen und vielleicht noch aus andern Gründen Sorge getragen, daß die Sache auf’s Strengste geheim gehalten werde. Derselbe vertraute Diener, der das Kind gefunden, hat es mir, dem bewährten Rechtsbeistand und Geschäftsführer Ihres Herrn Vaters, überbracht; ich habe es bei zuverlässigen Leuten erziehen lassen und bisher für sein Fortkommen gesorgt, die Geldmittel hat Ihr Herr Vater regelmäßig bewilligt, so daß die Art Vormundschaft, die ich geführt habe, von meiner Seite durchaus kein Verdienst hatte; ich erlaube mir aber anzufragen, ob Sie, gnädige Frau, gewillt sind, auch diese Erbschaft Ihres Herrn Vaters zu übernehmen; ich würde alsdann die Ehre haben, Näheres über Namen, Aufenthalt und bisherige Situation unseres Findelkindes mitzutheilen?

„Sie können sich denken, liebe Runde, wie mich das frappirt hat. Mein Vater hat ein Findelkind angenommen, aber Herrn Doctor Rostmeyer überlassen, dafür zu sorgen. Das arme Geschöpf! Was mag daraus geworden sein? O, diese Männer! Wenn sie die ‚Geldmittel‘ hergeben, glauben sie genug gethan zu haben. Ich denke, meine Verpflichtungen gegen das junge Mädchen nicht so leicht zu nehmen. Ich will selbst sehen, was daraus geworden ist, was man daraus bilden, wie man für seine Zukunft sorgen kann. Ich habe gleich an Rostmeyer geantwortet, daß ich im Begriff stehe, abzureisen, daß er mir sofort das Findelkind zusenden solle, daß ich es in Stromeck bereits vorzufinden hoffe und daß mich die Sache im höchsten Grade interessire. Es wird sich also vielleicht noch vor meiner Ankunft mit einigen Zeilen Rostmeyer’s auf Stromeck melden; nehmen Sie es in diesem-Falle wohl auf und sorgen dafür, bis ich komme.“

Fräulein Runde, die Beschließerin, hatte nach dieser Anweisung ihrer Gebieterin insofern verfahren, als sie für das Findelkind ein Zimmerchen hergerichtet. Aber es war vor ihrer Herrin, die schon am vorgestrigen Abend eingetroffen, nicht angekommen. Frau von Thorbach hatte gleich danach gefragt und gemeint, der Doctor Rostmeyer, der bei der Nachricht von ihrer Ankunft sich bald einstellen werde, würde es wohl selbst ihr zuführen wollen.

Als Friedrich Haus Stromeck erreicht hatte und über die Stufen einer kleinen Portaltreppe den breiten mit Marmorplatten ausgelegten Flur betrat, in welchem in zwei Flüchten eine blankgebohnte Treppe in das obere Stockwerk hinaufführte, fand er einen dienstbaren Geist in Gestalt einer Hausmagd, welche eben beschäftigt war, mit einem Staubbesen die Ecken der Treppenstufen sehr sorgfältig auszukehren. Friedrich wandte sich an sie; er sagte, daß er von Doctor Rostmeyer gesandt und mit einigen Zeilen an die gnädige Frau versehen sei.

Das Mädchen sah neugierig die Gestalt des vor ihr stehenden Unterofficiers an, dann den Kopf hebend rief sie laut aus:

„Fräulein Runde!“

„Was giebt es?“ erwiderte eine ziemlich scharfe Frauenzimmerstimme, die durch eine nur angelehnt stehende Thür links auf dem ersten Treppenabsatz, welche Friedrich erst jetzt bemerkte, herabtönte.

„Da ist Jemand mit einem Briefchen vom Doctor Rostmeyer an die gnädige Frau. Ist die gnädige Frau zu sprechen?“

„Ist die Person da? … ja, mein Gott, ich bin ja beim Ankleiden, führ’ sie nur auf das Zimmer, welches für sie zurecht [163] gemacht ist; ich komme gleich,“ rief die Stimme ein wenig ärgerlich zurück, und zugleich wurde die Thür von innen eilig zugeschlagen.

Die Magd warf noch einen, wie es Friedrich schien, etwas verwunderten und fragenden Blick auf ihn zu und sagte dann:

„Kommen Sie nur.“

Damit ging sie die Treppe hinauf, bog oben in einen Corridor ein und schritt bis zum Ende desselben. Hier öffnete sie eine Thür vor Friedrich und sagte:

„Treten Sie hier nur ein und warten ein wenig, Fräulein Runde wird gleich kommen.“

Damit zog sie die Thür hinter ihm zu.

Friedrich befand sich in einem langen, schmalen, einfenstrigen Zimmer, das sehr hübsch, aber einfach und mit schlichten Meubeln ausgestattet war; rechts stand ein kleines mit blendend weißem Linnen überzogenes Bett und dahinter ein allerliebster, mit weißem Zeug umhangener kleiner Toilettentisch.

Wenn, wie die Stimme hinter der Thürspalte her angedeutet hatte, dies Zimmer für ihn hergerichtet sein sollte, fand Friedrich es von einer überflüssigen Zierlichkeit. Mit seiner Casernenstube stand es in einem merkwürdigen Contrast.

Am oberen Ende desselben, links, stand eine Thür halb geöffnet.

Friedrich warf seine Mütze auf den Tisch und schritt dann dem Fenster zu; aber er hatte dieses noch nicht erreicht, als seine Schritte plötzlich gehemmt wurden, er vernahm das Rauschen eines Kleides, ein paar trippelnde Schritte, und aus dem Nebenzimmer heraus blickte ein ziemlich hübsches, wenn auch ein wenig verblühtes, von blonden Korkzieherlocken umwalltes Mädchengesicht.

Das Gesicht drückte bei dem Anblicke des Unterofficiers das äußerste Erstaunen aus, die blauen, ein wenig wässerigen Augen waren so rund, wie sie sich schwerlich in Momenten größerer Ruhe zeigten.

Mit einem „O du meine Güte!“ fuhr sie zurück … dann, wie sich fassend, aber sehr ängstlich und rasch aufathmend, erschien sie wieder, trat ganz aus die Schwelle und sagte:

„Um´s Himmels willen, wer sind Sie, wie kommen Sie hierher?“

„Es thut mir leid, Fräulein, daß ich Sie erschreckt habe,“ versetzte Friedrich, seinerseits ein wenig verlegen, „aber man hat mich hier hereingewiesen, das Zimmer soll für mich bestimmt sein …“

„Für Sie … für Sie bestimmt? … ist denn … aber das kann ja nicht sein … dies Zimmer ist für ein junges Mädchen bestimmt, das hier erwartet wird und das ich neben mich und unter meinen Schutz nehmen soll, und nun weist man Sie hierher …! ist die alte Runde toll geworden?“

„Es muß dann ein Mißverständniß obwalten,“ sagte Friedrich lächelnd, „und wenn der Gedanke, daß Sie mich unter Ihren Schutz nehmen sollen, Sie so empört, so will ich gern gehen.“

„Bleiben Sie nur, ich will gleich zur Runde gehen.“

„Ich weiß nicht, wer Fräulein Runde ist, aber ich habe gehört, daß sie just Toilette macht und keine Audienzen giebt. Auch brauchen Sie sich nicht zu ängstigen, Fräulein, ich warte nur, bis ich die gnädige Frau gesprochen habe, und dann werde ich wohl sogleich wieder abziehen.“

„Nun, dann werde ich hier die Thür schließen,“ sagte die Zofe, und mit einem langen prüfenden Blick, den sie auf den stattlichen Soldaten warf, verschwand sie in ihrem Zimmer. Nachdem sie die Thür hinter sich geschlossen, hörte Friedrich, wie sich rasch drüben ein Nachtriegel vorschob.

Er trat an’s Fenster und blickte in den Park aus der Rückseite des Hauses hinaus. Etwa fünf Minuten lang. Dann vernahm er, wie der Nachtriegel behutsam drüben wieder zurückgezogen wurde; die Thür öffnete sich leise und der Kopf mit den Korkzieherlocken blickte wieder in sein Zimmer hinein, mit Augen, die weit weniger rund waren als vorher.

„Sie haben vielleicht schon einen langen Marsch gemacht – wünschen Sie eine Erfrischung?“ sagte sie.

„Ich danke Ihnen, Fräulein,“ versetzte Friedrich; „ich komme heute nur aus dem Dorfe.“

Das Fräulein verschwand; die Thür schloß sich wieder, der Nachtriegel schob sich abermals vor.

Abermals vergingen einige Minuten. Dann erfolgte abermals das Friedrich schon bekannte Geräusch am Schlosse. Abermals ging die Thür auf und das junge Mädchen kam herein. Sie ging zu dem Toilettentisch, nahm ein Glas von demselben und sagte:

„Entschuldigen Sie – ich hatte mein Glas hier stehen lassen.“

„O bitte, ich hoffe nicht, daß ich Sie irgend genire,“ antwortete Friedrich.

Das junge Mädchen schritt rasch wieder auf ihre Thür zu, dann, an ihrer Schwelle, zauderte sie; die Hand auf den Drücker ihres Schlosses, fragte sie:

„Sind Sie hier erwartet, daß man Ihnen gesagt hat, es sei ein Zimmer für Sie hergerichtet?“

„Ich denke, ich bin’s,“ versetzte Friedrich; „der Doctor Rostmeyer sendet mich mit einem Billet an die gnädige Frau; das ist Alles, was ich weiß.“

Das junge Mädchen schien so verwundert über diese Antwort, daß sie das Schloß der Thür fahren und beinahe ihr leeres Trinkglas aus der Hand fallen ließ.

„Der Doctor Rostmeyer? … Sie? … Sie sind doch nicht … nein, das ist ja nicht möglich … das junge Mädchen? …“

„Das junge Mädchen bin ich nicht,“ erwiderte Friedrich lachend, „welches junge Mädchen meinen Sie?“

„O, es ist ein …“ Die Zofe stockte, indem sie ein wenig erröthete; auch wurde sie der Antwort überhoben, denn die vordere Thüre öffnete sich und eine höchst elegante, in schwarze Seide gekleidete, fein und zierlich gebaute und auffallend hübsche junge Dame von lebhaften Bewegungen rauschte herein; gleich hinter ihr wurde eine ältere, fast um einen Kopf größere magere weibliche Gestalt, ebenfalls in einem schwarzen Kleide, sichtbar.

„Hier soll sie sein!“ rief die Dame eifrig aus, „aber wo ist sie denn – wer ist dies, wer ist dieser Mann?!“ Sie fuhr bei diesem Ausruf erschrocken zurück.

„Um Gottes willen, das ist ja ein Unterofficier!“ rief in kreischendem Tone die ältere zu gleicher Zeit.

„Ein Unterofficier von der reitenden Batterie des * Artillerieregiments,“ sagte Friedrich, über diese Ausrufe befremdet und deshalb in ziemlich militärischem Meldeton.

„Ein Unterofficier!“ sagte mit der Betonung eines wahren Entsetzens die erste Dame.

„Gnädige Frau, ich war auch so verwundert,“ warf hier die Zofe dazwischen.

„Sprechen Sie doch, was dies bedeutet, wie Sie hierher kommen, was Sie wünschen!“ rief die ältere Dame aus.

„Aber mein Gott,“ sagte Friedrich betroffen, die drei so erschrocken vor ihm stehenden weiblichen Wesen ansehend, „was ist denn eigentlich, was die Damen so überrascht? Der Doctor Rostmeyer trug mir durch ein paar Zeilen auf, dies Billet hier“ – Friedrich zog es hervor – „der Frau von Thorbach zu …“

„Der Doctor Rostmeyer … Ihnen? Aber er schrieb mir doch, mein’ ich, von einem Mädchen! Das sind Sie ja gar nicht!“

„Dieser Vorwurf ist mir noch nicht gemacht worden,“ antwortete Friedrich, „aber es ist allerdings richtig!“

„Das ist aber doch abscheulich!“ fuhr die ältere Dame, das Fräulein Runde, dazwischen.

„Abscheulich, daß ich kein Mädchen bin?“ sagte Friedrich, dem die Sache jetzt lächerlich vorkam. „In der That, hätte ich bei meiner Geburt ahnen können, daß Sie’s so übel nehmen würden, so …“

„Es ist richtig,“ rief jetzt die gnädige Frau, die unterdessen das Billet des Doctor Rostmeyer an sich genommen, aufgerissen und die wenigen Worte, welche es enthielt, überflogen hatte, „es ist das Pflegekind meines … des Doctors … aber Sie haben Recht, Runde, es ist abscheulich, uns so in die Irre zu führen … ich erwarte ein junges Mädchen, und es ist ein Unterofficier von der reitenden Artillerie … das ist denn doch zu toll, das ist ja unerhört, was beginne ich nun mit Ihnen? sagen Sie mir das um’s Himmels willen…“

Die kleine Frau schien außer sich, sie schien über diese unerwartete Wendung der Dinge den Kopf verloren zu haben.

„Jedenfalls,“ rief die Zofe, die zweckmäßig finden mochte, dem Zorn ihrer Gebieterin zu secundiren, „jedenfalls, hoff’ ich, beginnt Fräulein Runde damit, ihn hier auszuquartieren …“

[164] „Weshalb sagten Sie’s denn nicht gleich unten im Hause?“ eiferte Fräulein Runde in die Worte der Zofe hinein.

„Ja, sehen Sie, ich hoffte, man sähe mir’s an!“ versetzte Friedrich trocken.

Die Zofe begann jetzt plötzlich zu lachen, während Friedrich zu Frau von Thorbach gewendet fortfuhr:

„Es thut mir sehr leid, gnädige Frau, daß ich so wenig im Stande bin, Ihren Erwartungen von mir zu genügen. Aber ich meine, es ist das ja kein Unglück – da, wie sich herausstellt, Alles ein Mißverständniß ist, so will ich sofort wieder gehen und auch nicht bedauern, den Weg gemacht zu haben. In Folge der Weisung, welche mir der Doctor Rostmeyer gab, erhielt ich vom Herrn Hauptmann Mechtelbeck einen Urlaub auf acht Tage, und eine solche freie Zeit weiß Unsereins immer und unter allen Umständen angenehm zu benutzen. Wenn Sie mich also entlassen wollen, so …“

„Nein, nein, gehen Sie nicht,“ fiel lebhaft die junge Gebieterin von Stromeck ein, die bei der Erwähnung des Namens, den Friedrich zuletzt ausgesprochen hatte, plötzlich die Farbe veränderte und einen Schritt näher trat. „Ihr Hauptmann ist Herr von Mechtelbeck?“ fragte sie darauf mit ein wenig unsicherer Stimme.

„So ist es, gnädige Frau.“

„Er weiß, daß Sie zu mir gegangen sind, daß ich Sie herbescheiden ließ? …“

„Ich mußte es ihm melden, um Urlaub zu bekommen.“

„Und Sie wollen jetzt gehen? Nein, nein, warten Sie, warten Sie!“ sagte sie nachdenklich. „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie …“

„Daß ich kein Mädchen, sondern Unterofficier bei der reitenden Artillerie bin …“ ergänzte Friedrich.

„Nun ja, so hätte ich Sie nicht hierherkommen lassen. Aber am Ende bleibt die Sache doch wie sie ist, wenn ich auch jetzt nicht so unmittelbar ausführen kann, was ich beabsichtigte. Ich wollte … und ich will noch …“

Die gnädige Frau stockte … sie konnte doch Friedrich nicht sagen, daß sie ihn unter ihre Flügel nehmen, für ihn sorgen wolle … und sie konnte doch auch nicht gut mit ihm von dem ursprünglichen Umstand sprechen, durch den sie sich verpflichtet glaubte, für ihn zu sorgen und sich seiner anzunehmen … sie stand eine Weile verlegen da, wurde bald roth, bald blaß und sagte endlich:

„Nein, gehen sollen Sie nicht; wir wollen Sie nur ausquartieren. Liebe Runde, bringen Sie den Herrn vorläufig nach unten in das Zimmer am Flur, sorgen Sie dort für ein Frühstück, und Sie,“ richtete sie sich wieder an Friedrich, „thun mir den Gefallen, dort zu warten, bis der Doctor Rostmeyer kommt, nach dem ich heute Morgen schon sandte; ich werde ihm meine Aufträge geben und er wird mit Ihnen reden … versprechen Sie es mir?“

Friedrich verbeugte sich.

„Folgen Sie nur hier dem Fräulein Runde, vielleicht sehen wir uns noch, ehe Sie Stromeck verlassen. Adieu …“

Frau von Thorbach machte eine gnädige Neigung mit dem Kopfe und ging. Friedrich folgte der großen mageren Dame den Corridor und die Treppe wieder hinab.

Diese führte ihn unten in ein freundliches Empfangzimmer, welches nach vornheraus lag und den Blick die Allee hinauf gewährte, die auf Haus Stromeck zuführte.

„Setzen Sie sich hier, ich werde Ihnen Erfrischungen senden!“ sagte die Dame mit ihrer scharfen Stimme, welche sie sich durchaus keine Mühe gab durch ein wenig Freundlichkeit zu mildern.

„Werde ich lange auf den Doctor Rostmeyer warten müssen?“ fragte Friedrich dagegen; „sonst ziehe ich vor zu gehen, woher ich gekommen bin.“

„Der Doctor Rostmeyer wird wahrscheinlich in der nächsten halben Stunde hier sein, und Sie haben doch gehört, wie die gnädige Frau wünscht …“

„Nun ja,“ versetzte Friedrich trocken, „meinethalben!“

Die Dame ging und ließ Friedrich Zeit, sich der verdrießlichen und gereizten Stimmung zu überlassen, welche sich seiner bemächtigte. Das Betragen der drei weiblichen Wesen, welche ihn zornig eifernd umstanden hatten, außer sich darüber, daß er kein junges Mädchen sei, war ihm zuerst sehr lächerlich vorgekommen; jetzt fühlte er sich im Ganzen sehr schlecht hier in dem Schlosse aufgenommen, wohin er doch gerufen worden war. Daß man sich über ihn getäuscht, war doch nicht seine Schuld, und es war doch merkwürdig, ihn so eigentlich für nichts und wider nichts den langen Weg machen zu lassen. Die Spannung auf das, was die Frau von Thorbach ihm mitzutheilen habe, hatte er sich ganz vergeblich gemacht – kurz, es war doch eine verdrießliche Geschichte, und Friedrich nahm sich vor, dem Hauptschuldigen, dem Doctor Rostmeyer, ohne Umschweif seine Meinung zu sagen.

(Fortsetzung folgt.)




Der Erbe Liszt’s.


Wenn heutzutage von Claviervirtuosen die Rede ist, so äußern ältere Musikfreunde wohl einmal: was wollen sie Alle nach ihm, nach Liszt! Mehr als zehn Finger hat keiner, und was mit zehn Fingern menschenmöglicherweise zu leisten ist, hat dieser Titane geleistet. Neues, über ihn Ragendes ist absolut nicht mehr, im besten Falle nur dasselbe wieder zu bringen. Dasselbe aber in der Kunst zum zweiten Mal erscheinend, ist schon nicht mehr Dasselbe in seiner Wirkung.

Glücklicherweise können solche Gedanken nur in den Köpfen alter, übersättigter Musik-Gourmands auftauchen und hätten nur Sinn, wenn der Künstler ewig lebte und seine Zeitgenossen mit ihm. Aber jener wie diese, sie kommen und gehen. Vorüber, unaufhaltsam vorüber ziehen die kleinsten, unbedeutendsten wie die größten, staunenswerthesten Erscheinungen auf dieser Erde durch die nimmer ruhenden Stunden. Und so zeigen sich immer neue Generationen, die auch genießen, und immer neue Künstler, die auch wirken wollen. Darf man nun wohl annehmen, daß mit Liszt der äußerste Punkt der Technik des Clavierspiels erstiegen worden, so ist doch eben so gewiß, daß, seit jener Heros sich zurückgezogen, unter allen gegenwärtigen Claviervirtuosen Anton Rubinstein neben Karl Tausig der hervorragendste ist. Dazu kommt noch sein gediegenes und eigenthümliches Wesen als Componist. Da er nun eben wieder auf einer großen Kunstreise begriffen ist, auf welcher er so außerordentliche Triumphe feiert, so glauben wir den Lesern der Gartenlaube keine unangenehme Gabe zu bieten, wenn wir hier das Bild des gefeierten Künstlers nebst einer kurzen Biographie desselben vorführen.

Anton Gregor Rubistein ward am 18. November 1829 zu Wechmotymetz (?), einem Dorfe bei Jassy, an der Grenze Rußlands geboren. Sein Großvater war Israelit, sein Vater aber wurde im griechisch-nichtunirten Glauben erzogen, den auch unser Künstler bekennt. Anton’s Eltern lebten in glänzenden Verhältnissen, geriethen aber später über ihre Besitzungen in Rechtsstreitigkeiten, die eine empfindliche Schmälerung ihres Vermögens zur Folge hatten. In seiner frühesten Jugend offenbarte Anton bereits jene beiden Haupteigenschaften, die für seinen Lebensgang maßgebend wurden: ausgesprochenen Hang zur Musik und consequentes energisches Hinstreben auf ein bestimmt in’s Auge gefaßtes Ziel.

Seine Mutter, eine hochgebildete Frau, jetzt noch als Lehrerin an einem kaiserlichen Erziehungsinstitute in Moskau thätig, leitete der Kinder ersten Unterricht und unterwies ihre beiden jüngsten Söhne speciell im Clavierspiel, worin sie Meisterin war. Denn auch Nicolai, der nächstältere Bruder, zeigte eben so viel Vorliebe wie Talent zur Musik. Theils Verhältnisse, vornehmlich aber der Wunsch, für eine höhere Ausbildung der Kinder zu sorgen, veranlaßte die Eltern zur Übersiedelung nach Moskau. Hier erhielten die Knaben geregelten Unterricht in der Musik. Mit Anton begann er im sechsten Lebensjahre, und schon zwei und ein halb Jahr nachher gab er sein erstes öffentliches Concert in

[165]

Anton Rubinstein.

Moskau. Das Aufsehen, welches der Wunderknabe bei dieser Gelegenheit erregte, war ungeheuer, und von allen Seiten angegangen, ließen ihn die Eltern in Begleitung seines Lehrers Villoing im August 1839 eine Reise nach Paris antreten. Obwohl aber das zehnjährige Kind auch in dieser Weltstadt große Sensation erregte, so war der bedächtige Vater doch noch unschlüssig, ob er den Sohn gänzlich der musikalischen Laufbahn widmen sollte, wohl erkennend, daß nur das ungewöhnliche Talent auf dem so ungeheuer gesteigerten Gebiete der Tonkunst sich bemerkbar machen könne. Da war Liszt beim zweiten Concerte Rubinstein’s im Herz’schen Saale anwesend. Das Spiel des genialen Jungen enthusiasmirte ihn dermaßen, daß er nach beendetem Vortrag den Knaben zu sich erhob und küßte, ausrufend: „Der wird der Erbe meines Spiels!“ Die Versammlung brach in ungeheuren Jubel aus, und acht Tage sprach Paris von nichts als dieser Scene. Anderthalb Jahr wurden nun daselbst die eifrigsten Studien getrieben, wozu Liszt selbst beiräthig war. Darauf wurde die erste große Kunstreise durch England, Holland, Schweden und Deutschland unternommen, die Ruhm und pecuniären Gewinn einbrachte. Alsdann, in die Heimath zurückgekehrt, brachte Anton ein Jahr im elterlichen Hause zu. Im Jahr 1844 kamen die Söhne in Begleitung der Mutter, da der kränkliche Vater zurückbleiben mußte, nach Berlin, um bei Dehn ihre theoretisch-musikalischen und an der Hochschule ihre wissenschaftlichen Studien zu vollenden.

Nicolaus, der ältere Bruder, widmete sich später dem Unterrichtsfache und leitet jetzt in Moskau das Conservatorium und die Concerte desselben. Anton entwickelte sich im Laufe seiner nahe zweijährigen Studien bei Dehn immer entschiedener und warf sich mit aller Begeisterung auf das Studium der Meisterwerke und der Composition. Höchst wohlthätig auf ihn wirkte die Bekanntschaft mit Mendelssohn-Bartholdy, der dem fünfzehnjährigen Jüngling warme Sympathie zeigte. Inmitten dieser künstlerisch bewegten Zeit starb Anton’s Vater. Die Mutter mußte ihrer übrigen Kinder wegen nach Moskau zurück. Anton sah sich so ihrer ferneren Unterstützung beraubt und auf seine eigene Kraft angewiesen. Er wandte sich 1845 nach Wien, wo er sich mit Unterrichtgeben ziemlich kümmerlich durchbrachte, doch alle seine freie Zeit der Composition widmete. Hier und dann in Ungarn, welches er mit dem so unglücklich endenden Flötisten Heindl[1] bereiste, entstanden der Mehrzahl nach die Compositionen, zum Theil nur im Entwurf, die später erst, unter ganz anderen Umständen, veröffentlicht wurden. Indessen stellte sich, da seine Wünsche sich nicht schnell genug realisiren wollten, eine trübe, hoffnungslose Stimmung ein, die ihn an die Auswanderung nach Amerika denken ließ. Es war jedoch nur eine hypochondrische Anwandlung, deren er bald Meister wurde. Die Donner von 1848 trieben ihn von Wien hinweg; er ging wieder nach Berlin und bald in seine Heimath zurück.

Von nun an nahm des jungen Künstlers Schicksal eine günstigere Wendung. Er gewann sich durch sein Talent die Huld der Großfürstin Helene von Rußland. Sie nahm ihn in ihren Dienst als Kammervirtuos, zu dem sich später die Stellung eines [166] Vorspielers und Hofconcertmeisters der Kaiserin gesellte. Ein eigenthümlicher Zufall zwang ihn, seine vielen früher theils entworfenen, theils ausgeführten Werke von Neuem zu componiren. Auf der Reise nach Petersburg nämlich mußte er die Kiste, welche seine sämmtlichen Manuscripte enthielt, an der Grenze zurücklassen, weil man in den Noten eine geheime revolutionäre Chiffreschrift argwöhnte, wie denn dergleichen geheime Correspondenzen damals wirklich vorgekommen sein sollen. Man hielt ihn für einen Emissär und er war nahe daran, nach Sibirien transportirt zu werden. So mußte er sich längere Zeit in Petersburg verborgen halten, bis es ihm gelang, seine kritische Lage durch den Grafen Melhorsky, seinen Gönner, zur Kenntniß der Großfürstin gelangen zu lassen, wodurch von weiterem Vorgehen gegen ihn abgelassen wurde. Aber seine Manuscripte waren trotz aller Nachforschungen nicht wieder zu erlangen, und er hat sie niemals wieder gesehen. Und so sah sich Rubinstein genöthigt, an die Wiedergeburt des Verlorenen zu gehen, was ihm auch mit Hülfe seines eminenten Gedächtnisses größtentheils gelang. Diese Thätigkeit,, verbunden mit neuen Schöpfungen, die jetzt in ununterbrochener Folge hervorquollen, hielt ihn bis zum Jahre 1851 in Petersburg gefesselt.

Nun erachtete es Rubinstein an der Zeit, mit seinen Werken vor die Welt zu treten. Von seinen beiden Gönnern mit Mitteln großmüthig versehen (der Graf allein machte ihm ein Reisegeschenk von zweitausend Silberrubeln), trat er drei Jahre später selbstständig seine erste Rundreise als Virtuos und Componist nach Deutschland, Frankreich und England an. Als Virtuos feierte er überall Triumphe, während mit seltener Ausnahme die Kritik sich seinen Compositionen, zumal im Beginn, gegnerisch, um nicht zu sagen erbittert feindlich zeigte. Indessen hatten die Leipziger Verleger eine gesundere Ansicht, sie veröffentlichten seine Werke und honorirten sie gut. Jetzt erschienen Rubinstein’s Compositionen aller Art massenhaft auf dem Musikmarkte, was ihm von mancher Seite den Vorwurf des Vielschreibers zuzog. Bedenkt man indessen, daß diese Werke in einer längeren Reihe von Jahren entstanden und nur die Verhältnisse eine Herausgabe auf einmal mit sich brachten, so erschien dieser Vorwurf grundlos. Der uns vergönnte Raum erlaubt nicht, allen seinen Hin- und Herfahrten ausführlich zu folgen. Wir wollen nur einige Hauptmomente kurz berühren. 1856 war er zu den Feierlichkeiten der Krönung des Kaisers nach Petersburg zurückgerufen worden. Hier componirte er seine Jubelouverture, für deren Widmung er vom Kaiser mit einem kostbaren Juwel belohnt wurde. Im Gefolge der Großfürstin ging er mit nach Nizza, machte dann wieder eine größere Kunstreise, wobei er immer fleißig componirte, meist große Werke, z. B. ein Oratorium, „das verlorene Paradies“, eine große Oper, „die Kinder der Haide“, für Wien.

Rubinstein’s Stellung in Petersburg, sowie auch sonstige Verhältnisse daselbst hatten sich inzwischen derart gestaltet, daß er es unternehmen konnte, einen lange gehegten Plan mit Aussicht auf Erfolg in’s Werk zu setzen. Von mächtigen Gönnern unterstützt, stand binnen Jahresfrist die „Russische Musikgesellschaft“ als eine mit künstlerischen Kräften und Geldmitteln reich dotirte Anstalt vollständig in’s Leben gerufen da, und ein Jahr später war auch das alle Fächer der Tonkunst umfassende Conservatorium in Wirksamkeit gesetzt. Für beide Institute hat er eine aufopfernde und für die dortigen Zustände heilsame Thätigkeit entwickelt. Als Leiter des Conservatoriums z. B. oblag ihm nicht nur das Gesammte der Verwaltung, sondern auch die Organisation und Ueberwachung des Unterrichtes, die Abhaltung der Zöglingsübungen, endlich die Ertheilung des Compositionsunterrichts.

Bei dieser erdrückenden Beschäftigungsfülle gab er noch Privatunterricht und fand Zeit für’s Componiren. Es entstanden in dieser Epoche die lyrische Oper „fera mors“ (in Dresden gegeben), zwei Clavierconcerte, eine große zwei- und eine gleich große vierhändige Clavierphantasie, Kammermusik, Chöre, Lieder, Clavierstücke, die Symphonien in A- und C-dur („Ocean“) etc. Eine so aufreibende Thätigkeit konnte nur aus der hingebendsten Liebe zu den von ihm geschaffenen und zu so hoher Blüthe gebrachten Anstalten hervorgehen, und sie macht es zugleich erklärlich, daß ein Eingreifen anderweitiger, mit seinen Tendenzen im Widerspruch stehender Einflüsse ihn bestimmen mußte, diese Schöpfungen zunächst sich selbst zu überlassen.

Es erübrigt nur noch, von dem Componisten Rubinstein, wie er heute vor uns hintritt, ein gedrängtes Bild zu entwerfen.

Bei der ungeheueren produktiven Kraft, die in diesem Künstler lebt und wirkt, kann man den Culminationspunkt seiner Entwickelung, so bedeutend und ausgeprägt seine Individualität bereits erscheint, noch nicht absehen; sicher steht er aber, auf gewissen Gebieten, jetzt schon nicht unter den Epigonen, sondern als ein Unicum da.

Seine Erfindung ist von vollster Ursprünglichkeit, schwunghaft, nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe, männlich, gesund, tief und warm, groß und gewaltig. Er beherrscht alle Formen und Mittel mit Leichtigkeit, sein Geschmack ist von ausgesuchter Feinheit, seine Richtung durchaus edel. Fassen wir den allgemeinen Charakter der Rubenstein’schen Musik, seine Art und Weise in Tönen zu denken und zu fühlen, in’s Auge, so müssen wir diese als eine der Entwickelung des modernen Bewußtseins vollkommen angemessene, ja gewissermaßen als den Ausdruck dieser Entwickelung selbst erkennen. Die Breitzügigkeit seiner Melodie, der Reichthum und die Feinheit seines harmonischen Gebahrens stempeln ihn im edelsten Sinne zum modernen Künstler, der vorzugsweise auf absolut musikalischem Boden steht.

In seinen Gesangcompositionen sucht er nicht die sogenannte Melodie der Sprache, sondern die Melodie des Gefühls. Zu der Höhe, philosophische Ideen in seinen Instrumentalcompositionen auszudrücken, vermag oder will er sich nicht erheben; hingegen analogisirt er die mannigfaltigsten Stimmungen des Gemüths in prägnanten Weisen. Am nächsten schließt er sich der Richtung Mendelssohns und Schumann’s an, insoweit als bei einem originellen Talent von einem Anschluß die Rede sein kann. Als Melodiker ist Rubinstein weniger elegisch-sentimental als Mendelssohn, weniger verdüstert als Schumann, kraftvoller als Beide. Seine Musik ist vorwiegend wohlgelaunt; manchmal wird sie verdrossen, jammernder Weltschmerz ist ihr aber fremd. Jenes gewisse strengmarkirte, entschieden auftretende, scharfgeschnittene Relief seiner Themen und die phantasiereiche, immer neu erscheinende Umwandlung derselben erinnern an Beethoven’s Geist und Kunst, – der natürliche Zauber seines Gesanges an Schubert’s tiefgemüthvoll hervorströmenden Melodienquell.

Daß Rubinstein einen bedeutenden Fond gediegener literarischer, wissenschaftlicher und socialer Weltbildung, daß er im Umgange den Mann der feinsten Weltbildung und umfassende Belesenheit zeigt, wird Jeder wissen, der in näheren Verkehr mit ihm zu treten Gelegenheit hatte und hat. Als Mensch ist Rubinstein ein offener, gerader Charakter, im Umgange von gewinnender Liebenswürdigkeit, bescheiden, ohne seinem Werthe etwas zu vergeben, im Gespräche geistreich, mitunter witzig, wohlwollend im Urtheil, gegen Freunde mittheilsam, im Allgemeinen mehr ernst als heiter. Vor zwei Jahren hat er sich mit einer jungen Russin aus vornehmer Familie verheirathet.

Als Clavierspieler ist Rubinstein so oft besprochen worden, daß nur Wiederholung möglich wäre. Er steht, seit Liszt in dieser Richtung der Öffentlichkeit entsagte, ohne Rivalen da. Wer ihn auf seiner jetzigen großen Rundreise zu hören Gelegenheit hat, wird dieses Urtheil bestätigen.




Eines deutschen Mannes Bild.

2. Grenchen.

Im December 1830 brach, vorzüglich durch die Bemühungen des trefflichen Munzinger, im Kanton Solothurn das Regiment der Geschlechter zusammen und mit ihm die alte „gute“ Zeit der Ausbeutung des Volkes durch Einzelne, der Rechtspflege, die mehr Unrechtspflege war, der vernachlässigten Verkehrsmittel, der verkommenen Schulen. Mit energischer Hand griff die siegreiche liberale Partei ihr Reformwerk an, mit Zähigkeit widerstand demselben die besiegte, indem sie dabei von der Geistlichkeit unterstützt wurde, die nichts versäumte, um das Volk gegen die neue Ordnung der Dinge aufzureizen. Namentlich mußten mehrere Gemeinden [167] gewaltsam dazu gebracht werden, Schulen einzurichten. Später dankten sie dem Landammann für diesen Zwang. Daß es auch ohne äußere Nöthigung ging, wenn der rechte Mann sich fand, die Gemüther praktisch aufzuklären, soll hier durch einen Abschnitt aus dem Leben des Mannes gezeigt werden, der im ersten Capitel dieser Mittheilungen zu charakterisiren versucht wurde.

Am Ostermontag 1838 wurde in der Kirche von Grenchen, der größten Gemeinde des Kantons, ein Lehrer für die neuerrichtete Bezirksschule eingeführt. Die Gemeinde war katholisch, der Lehrer Protestant und aus politischen Gründen aus Deutschland nach der Schweiz übergesiedelt. Sein Name aber war Karl Mathy, derselbe, der zehn Jahre später deutscher Reichsminister war und abermals zwanzig Jahre später als Premier von Baden starb.

Grenchen, durch ein jetzt aus der Schweiz und dem Elsaß vielbesuchtes Heilbad ausgezeichnet, liegt in den Vorhügeln des Jura über der Thalebene der Aar in einer Gegend von ebenso lieblichem als großartigem Charakter. Im Vordergrund das Dorf, das sich in einzelnen Häusern und Gruppen von solchen, von Gärten und Saatfeldern umgeben und von den Armen eines schnellen, klaren Baches durchflossen, den Berg hinaufzieht. Im Westen die Spiegel der Seen von Murten, Neuenburg und Biel. Im Osten und Süden die weißen Riesenhäupter der Alpenkette. Die Einwohner nähren sich als Ackerwirthe, Sennen und Waldarbeiter. Sie sind ein hochgewachsener, kräftiger Menschenschlag von echtem Alemannenblut, fleißig, geschickt, sich in jeder Lage zurecht zu finden, und von so urthümlicher Ehrlichkeit, daß verschlossene Thüren bei ihnen unbekannt sind und daß es ein Unerhörtes war, als vor etlichen Jahren einmal im Dorfe eine Uhr gestohlen wurde. Nur einen Mangel hatte in den Augen des gesitteten Europäers der Grenchner: er stand im Rufe unbändiger Wildheit und starker Neigung, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Das war der Ort und das Volk, wo Mathy von jenem Ostermontag an das Schulscepter führen sollte. Es war etwas aus den Leuten zu machen, aber es war – wie wenigstens ferne Freunde besorgten – auch Gefahr vorhanden, daß die wilden Grenchner dem Apostel der Aufklärung das Schicksal des heiligen Bonifacius bereiteten oder, deutlicher gesprochen, den fremden Ketzer kurzweg todtschlugen.

Es ist wahr, die Gemeinde hatte die Bezirksschule freiwillig errichtet, und der Lehrer war der Mann ihrer Wahl. Aber diese Wahl war nur die der Mehrheit gewesen, und auch diese Mehrheit, aufgeweckten Sinnes zwar, aber ungebildet, hatte keinen rechten Begriff von dem Nutzen guten Unterrichts. Die Minderheit aber, angestachelt von den Ultramontanen, trug dem neuen Lehrer bitteren Groll entgegen. Die schwarze Presse schmähte ihn, den Gemeinderath, die Regierung in der ihr geläufigen Weise. Die Geistlichen in Grenchen wurden angewiesen, nach Möglichkeit, gegen die Schule zu wirken. Sie leisteten darin Einiges, aber nicht viel. Der Pfarrer war als stattlicher Mann von Einfluß auf die Frauen, allein statt zu streiten, zog er vor, in Ruhe und Behagen sich mit Geigenspiel zu vergnügen. Er hielt eine Anzahl Knaben vom Besuch des Unterrichts ab und setzte niemals einen Fuß in die Schule. Der Caplan hatte seine Freude an Landwirthschaft und Bienenzucht und kümmerte sich nur, so viel er mußte, um theologische Dinge oder sonst um wissenschaftliche Gegenstände. Im Uebrigen war er ein guter Mensch, der zugab, daß es einem rechtschaffenen Nichtkatholiken im Jenseits wie guten Heiden gehen könne, und welcher der Schule nicht gefährlich war. Auch die benachbarten Franciscaner, fleißige und gelehrte Leute, waren ihr eher förderlich als hinderlich.

Aber es gab bedenklichere Elemente im Orte. Zunächst war ein großer Theil der Frauen gegen die Neuerung überhaupt, dann gegen den ketzerischen Wolf im katholischen Schafpferch. Dann waren vorzüglich Leute, welche durch die neue Ordnung der Dinge aus Gemeindeämtern verdrängt worden, Feinde der Schule, und unter diesen gab es recht tückische Gesellen. „Von einem derselben,“ so erzählt Mathy selbst, „nahm ich die Milch für den Hausbedarf. Die Kinder erkrankten, sie glühten im Fieber; wir erfuhren, daß uns die Milch von einer kranken Kuh gegeben worden und daß die Verkäufer sich dessen rühmten.“

Die Ränke dieser Gegner bewirkten, daß die Schule zuerst nur ein Dutzend Schüler zählte, wenig für eine Gemeinde, die über zweitausend Mitglieder hatte und von Dörfern umgeben war, denen die Anstalt ebenfalls offen stand. Erst die Leistungen der Schule konnten ihr bessern Willen gewinnen. Doch kam vorher einige Verstärkung. Das reformirte Nachbardorf Lengnau im Kanton Bern fragte bei den katholischen Solothurnern an, ob Knaben aus ihm der Besuch der Bezirksschule gestattet sei, die Antwort lautete bejahend, und alsbald erschien von dort ein Zuwachs von acht bis zehn jungen Leuten. Dieses Beispiel wirkte auf die solothurner Nachbardörfer. Es stellten sich einzelne Schüler aus Staad, Bettlach, Selzach, später selbst aus dem französischen Jura ein.

Der Zuzug von außen stimmte allmählich auch das Uebelwollen gegen die Schule in Grenchen selbst einigermaßen um, und nach einiger Zeit hatte die Anstalt schon gegen vierzig Zöglinge. Mathy änderte den vorgeschriebenen Unterrichtsplan nach dem Bedürfniß um und fand nicht nur die Billigung der Regierung, sondern dieselbe sprach auch den Wunsch aus, es möge an den übrigen Bezirksschulen ebenso gehalten werden. Im Sommer hielt er nur von sechs bis zehn Uhr Schule, damit die Knaben noch zu Haus- und Feldarbeiten verwendet werden konnten. Die Lehrgegenstände beschränkte er in der Zahl, gab ihnen aber mehr Inhalt. Mit Eifer wurden deutsche und französische Sprache, Geschichte und Geographie, Arithmetik und Geometrie betrieben, und es war eine Freude, zu sehen, „wie weit man in kurzer Zeit fähige naturwüchsige Knaben bringen kann, wenn man allen Schwulst wegläßt, die Dinge einfach darstellt und den Einzelnen in seiner geistigen Arbeit zweckmäßig unterstützt“.

Für besonders Befähigte that der Lehrer etwas mehr als vorgeschrieben. Er gab ihnen in besondern Stunden Unterricht im Lateinischen und benutzte diese Gelegenheit, um ihren Gesichtskreis zu erweitern und ihren Lerntrieb zu leiten. Sie bildeten einen Kern, welcher der Schule festeren Halt gab; denn ihr ernstes gesetztes Wesen imponirte Allen. „Ich habe in den drei Jahren meines Lehramts“, so berichtet Mathy, „nie eine Strafe verhängt. Verhielt sich ein Knabe faul oder unwahr, so pflegte ich der Ermahnung zur Besserung die Andeutung beizufügen, daß die übrigen Schüler keine schlechten Burschen unter sich dulden würden. Es ist wohl vorgekommen, daß nach Beendigung der Stunde, in welcher eine solche Warnung nöthig geworden, von geringer Entfernung her Töne, die nicht gerade Jubel bedeuteten, zu meinen Ohren drangen; allein ich unterließ es, mich nach der Ursache zu erkundigen.“

Noch war kein Jahr verflossen, als man im Dorfe merkte, daß die Schule nütze. Die begabteren Knaben wurden vielfach zum Schreiben und Uebersetzen deutscher und französischer Briefe, zur Prüfung und Abfassung von Rechnungen und Aehnlichem in Anspruch genommen. Man sah sie auf dem Felde Messungen vornehmen und Höhen oder Entfernungen trigonometrisch bestimmen. Man hörte einen Knaben von fünfzehn Jahren vor versammelter Gemeinde eine Rede für seinen in Gant gerathenen Vater halten, und derselbe sprach mit solchem Ausdruck, solchem Geschick und solcher Wärme, daß den harten Männern Die Thränen in den Bart rollten. „So lernen sie reden in der Schule,“ sagte man. Von da an stand die Anstalt fest, und als im zweiten Jahr der Landammann mit mehreren Mitgliedern des Regierungsrathes auf Mathy’s Wunsch eine Prüfung der Schüler vornahm und Alles gut ging, war die Schule als eingelebt in die Gemeinde zu betrachten.

Die Osterzeit des Jahres 1840 brachte den Grenchnern eine große Leistung der Schule. In früherer Zeit halten sie ähnliche Stücke aufgeführt, wie das bekannte Passionsspiel in Oberammergau, eine Sitte, die allmählich außer Uebung gekommen war. Jetzt erinnerten Knaben den Lehrer daran, äußerten ihm den Wunsch, wieder einmal etwas der Art zu haben, und baten ihn um Rath, wie das zu machen. Er überlegte die Sache, erkundigte sich weiter, wie man es mit jenen Darstellungen gehalten, und schlug endlich das vaterländische Trauerspiel „Hans Waldmann“ zur Ausführung vor, welches die bekannte Geschichte jenes Bürgermeisters von Zürich zum Gegenstände hat, der in seiner Vaterstadt als Brecher der Adelsherrschaft und Reformator auftrat, dann aber die Volksgunst verlor und schließlich enthauptet wurde. Der Vorschlag gefiel, da es dem Stücke nicht an aufregenden Scenen, Aufständen, Gefechten, Kettengeklirr und Waffengerassel fehlte, und die Schüler gingen rüstig an das Werk. Sie bildeten mit älteren Burschen einen Verein mit Vorstand, Seckelmeister und Schreiber, vertheilten mit [168] Geschick die Rollen, schrieben sie aus und machten sich an’s Auswendiglernen. Den Winter hindurch gab es häufige Proben, die von Mathy geleitet wurden und Manche, besonders aber die Darsteller der Hauptfiguren, ganz erheblich förderten, so daß sie später das höchste Lob ernteten. Daneben aber hatte dieser künstlerische Eifer noch anderen guten Erfolg. Mit frohem Erstaunen berichteten die Gemeinderäthe, daß im Orte, was seit Menschengedenken unerhört, nicht eine einzige Schlägerei vorkomme. Die Burschen saßen eben nicht in den Wirthshäusern, sondern zu Hause, um ihre Rollen einzuüben, oder sie waren bei der Einrichtung des Theaters beschäftigt.

Das letztere entstand in einem Flügel des Badehauses. Den Plan zur Bühne erdachte der Maler Disteli in Solothurn, der auch die Zeichnungen zu den Costümen lieferte. Das nöthige Holz wies der Gemeinderath im Walde an, wo es die Burschen fällten, um es zur Verarbeitung in Bretter nach der Sägemühle zu schleppen. Zu Dekorationen verhalf das Unglück eines Schauspieldirectors, der in Biel vor seinen Gläubigern mit Hinterlassung seiner Theatergeräthschaften flüchtig geworden. Die höhere Kunstfertigkeit erfordernden Costüme baute der Dorfschneider mit seinen Gesellen, die übrigen wurden von den Mädchen und Frauen Grenchens beschafft. Die Helme und Harnische, Schwerter, Spieße und Hellebarden lieferte der reiche Schatz des Solothurner Zeughauses, ja die Regierung lieh aus demselben sogar eine alte Feldschlange aus den Burgunderkriegen.

Im Februar war man so weit, daß man die Theaterzettel austragen konnte. Endlich kam der Tag der ersten der drei Aufführungen, zu denen man sich theils aus dem Wunsche, sich recht vielen Menschen zu zeigen, theils um die Einnahme zu mehren, entschlossen hatte. „Es war Sonntag, der 15. März 1840. Schon am Mittag war das Dorf in Bewegung. Um zwei Uhr ordneten sich die Schauspieler zum Zuge, welcher sich dann auf der alten Landstraße, die sich von Grenchen nach dem Bade, in dessen Gebäude die Aufführung stattfand, an der Höhe hinaufzieht, in Marsch setzte. Noch bedeckte Schnee den Boden, aber die Sonne schien hell. Voran ein Wagen mit einer Blechmusikbande aus Fulda, welche gerade die westliche Schweiz bereiste und jetzt einen feierlichen Marsch spielte. Dann die Ritter und Reisigen, Zwei und Zwei in glänzenden Burgunderharnischen, wohl an die vierzig Pferde. Dann wieder Wagen, geschmückt mit Tannenzweigen und Bändern, besetzt mit den Frauen und Jungfrauen aus Adel und Volk. Den Schluß des Zuges bildete das Fußvolk mit seiner Kanone. Es war kein schlechtes Bild aus alter Zeit. Die Waffen erglänzten im Sonnenschein, und die Gestalten hoben sich scharf von der blendenden Schneedecke.“

Die Aufführung begann gegen drei Uhr und währte etwa vier Stunden. Der Erfolg war ein außerordentlicher. Das gefüllte Haus spendete lauten Beifall. Der Dirigent, Lehrer Mathy, verlebte hinter den Coulissen ängstliche Augenblicke, wenn die kämpfenden Recken trotz aller Ermahnungen mit den langen, scharfen Schwertern aufeinander losschlugen, daß die Funken stoben, indeß lief Alles gut ab. Auf das Spiel folgte ein Abendessen der Acteurs und der Dorfhonoratioren, dann ein Ball. Noch um Mitternacht tanzten die Ritter in ihren schweren Rüstungen, die sie zu Mittag angelegt hatten – ein glänzender Beweis, daß dieses Geschlecht den Vätern, die bei Murten und Granson gefochten, an Körperkraft nicht nachstand.

Glücklich, wie diese erste Vorstellung des „Hans Waldmann“, verliefen auch die beiden folgenden. Das ganze Unternehmen aber hatte die Folge, daß der neue Schulmeister auch in die fröhlichen Erinnerungen des Schweizerdorfes hineinwuchs. Das Haus, in dem er wohnte, stand an der alten Landstraße, dahinter befand sich ein kleiner Obstgarten, hinter diesem eine Wiese, die Futter für zwei Ziegen lieferte. Zu ebener Erde war Mathy’s Wohnstube, im ersten Stock der Schulraum und ein Fremdenzimmer.

Der nähere Umgang des Lehrers mit den Männern des Dorfes kam auch der Schule zu Gute, für deren Bedürfnisse jetzt reichlicher gesorgt, wurde. Die Schüler wetteiferten in Aufmerksamkeiten gegen die Kinder ihres Lehrers. Sie bestellten seinen Garten, mähten ihm sein Heu und brachten es ein, von ihnen erhielt er die frühesten Erdbeeren und, wenn der Bach gefischt wurde, die schönsten Forellen. Ihr Eifer im Lernen wuchs fortwährend. „Die deutschen und französischen Aufsätze der Fähigeren,“ schreibt Mathy in den Erinnerungen, die hier ausgezogen sind, „durften sich sehen lassen. Sie lösten Gleichungen zweiten Grades mit Leichtigkeit, erklärten die Einrichtung der Uhr, der Mühle und der Dampfmaschine, wie die Gesetze, auf denen ihre Wirkung beruht, und lasen im Cornelius Nepos und Cäsar. Der Unterricht in der vaterländischen Geschichte wird in der Schweiz überall sorgfältig betrieben, doch nur in den glänzenderen Partien. Die Schlachten bei Morgarten, Sempach und Murten kennt jedes Kind. Aber die Unterthänigkeit ihrer Regenten, die französischen Pensionen und Gnadenketten werden gewöhnlich mit Stillschweigen Übergängen. Mir schien es zweckmäßig, das Licht nicht ohne den Schatten zu geben.“

Mathy hielt es für Pflicht, seinen begabteren Schülern weiter zu helfen. Schon vor dem Schlusse des zweijährigen Cursus seiner Anstalt zeigten sich zwei derselben reif für die Cantonsschule in Solothurn, die neben der gelehrten Abtheilung auch eine technische besaß. Da die jungen Leute unbemittelt waren, so mußte auch für ihren Unterhalt gesorgt werden. Mathy sprach deshalb mit dem Landammann und dem Rath für das Erziehungswesen und hatte die Freude, zu sehen, daß dieselben sich zur Unterstützung der Betreffenden bereit zeigten. Auch ein zweites und ein drittes Paar wurde auf diese Weise untergebracht und weiter gefördert. Für die später für die höhere Lehranstalt Gereiften mußte Mathy sich nach andern Mitteln umsehen. Er rieth ihnen, sich an die Capuziner in Solothurn zu wenden, welche durch ihre Vorschriften verbunden waren, armen Studirenden Wohnung und Kost zu geben. Sie folgten dem Rath und hatten es nicht zu bereuen. Aber Landammann Munzinger empfand das übel. Als der Lehrer ihn das nächste Mal in seinem Laden besuchte – der erste Beamte des Cantons, der spätere Bundespräsident der Schweiz, war nämlich Kaufmann –, fragte er verdrießlich, ob Mathy nicht wisse, daß den Knaben bei den Capuzinern Grundsätze eingeprägt würden, die nicht die seinigen seien. „Das weiß ich wohl,“ wurde ihm erwidert, „aber ich weiß noch mehr. Einmal, daß Schüler leben müssen, wenn sie lernen sollen, dann, daß Knaben, welche zwei Jahre bei mir gewesen, so verdorben sind, daß ihnen kein Capuziner mehr hilft.“ – „Dann bin ich auch zufrieden,“ sagte Munzinger.

Das Jahr 1840 brachte Deutschland und der Schweiz den Franzosenlärm. Das Wetter verzog sich, die Kriegswolken schwanden, aber sie hinterließen in Deutschland eine Bewegung in den Gemüthern, welche den nationalen Gedanken in den Vordergrund treten ließ und der eine Reihe politisch erregter Jahre folgte. Diese Zeit führte auch Mathy in das Vaterland zurück. Freunde riefen ihn; im Gefühl, nützen zu können, entsprach er dem Rufe. Aber „es kostete längeren innern Kampf“. Zu Weihnachten ging er. Die Trennung von den Schülern machte er kurz ab. Er schenkte jedem ein Buch, sagte ihnen Lebewohl und entfernte sich schnell.

„Es war ein kalter dunkler Wintermorgen,“ so erzählt Mathy das Ende dieser charakteristischen Episode seines Lebens, „als wir vom Wirthshause, in welchem wir die letzte Nacht zugebracht, abfuhren. Groß war unsere Ueberraschung, als wir in der frühen Stunde und der grimmigen Kälte die Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, gedrängt vor dem Hause und längs der Landstraße stehen sahen. Sie wollten uns noch einmal die Hand drücken, sie riefen Lebewohl zu, und noch andere Rufe vernahm ich: ,Es ist gefehlt, daß Ihr von uns fortgeht.’ – ,Ihr müßt wiederkommen.’ – ,Ihr sollt das Bürgerrecht haben.’ Sie hoben die Kinder in die Höhe: ,seht ihn noch einmal, seht ihn noch einmal!’ Die Peitsche knallte und der Wagen fuhr davon.“

Mathy ist wiedergekommen zu seinen Grenchnern, mehr als ein Mal, auch von Leipzig aus. Das Solothurner Dorf gehörte zu seinen liebsten Zielpunkten in den Sommerferien, Ob man ihm noch das Bürgerrecht in der Gemeinde verliehen, weiß ich nicht. Er bedurfte seiner nicht, er hatte sich das Bürgerrecht in den Herzen erworben, hier wie allenthalben, wo er gelebt. „Es ist gefehlt, daß Ihr fortgeht,“ sagten ihm auch in Leipzig die trüben Blicke der Freunde in der Scheidestunde, als er in den Wagen gestiegen, der ihn der Heimath zuführen sollte. „Es ist gefehlt, daß Ihr fortgeht,“ werden alle Guten in Baden gegen das Schicksal geklagt haben, als er die letzte Reise antrat in das unbekannte Land, das sie die ewige Heimath nennen.



[169]

Englische Sitten.

Beobachtungen und Randglossen. Von Arnold Ruge.
1. Essen und Trinken.

Die Sitten eines Volks sind seine lebendige Verfassung. Wir wollen die Sache hier aber populär nehmen und den Contrast, der augenfällig genug ist, hervorheben. Es ist nur zu verwundern, daß dies nicht schon öfter und schärfer geschehen ist. Wir beginnen billig mit der Selbstschöpfung des Menschen, mit dem Essen und Trinken. Rind und Schöps waren den weisen Aegyptern lebengebende Götter, sie sind es, richtig verstanden, noch heute, und stehen bei den Engländern entschieden oben an, womit nicht gesagt sein soll, daß gekochte Schinken hier keine Verehrer fänden.

Als ich 1849, nach der glänzenden, aber verunglückten Demonstration des 13. Juni gegen die Unterdrückung der römischen Republik durch die französische, Paris zu verlassen hatte, wußte ich in der That nicht gleich, wo ich eine Zuflucht finden sollte. Da erhielt ich einen Brief von meiner Freundin Josephine d’Alquen aus Arnsberg, die mich an ihren Bruder, den Dr. Friedrich d’Alquen in London empfahl. Dies brachte mich zu dem ersten Versuch, in England eine neue Heimath zu gründen. Ich reiste ab. In Ostende fand ich den Londoner Dampfer, und hier begann meine erste Bekanntschaft mit dem englischen Leben. Für meine Sachen dachte ich auf dem Schiff eine Marke zu bekommen: „ich würde sie schon wiedererkennen“, hieß es. Da die Fremdenbill noch existirte, so machte der Capitain eine Liste der Fremden; als ich ihm bemerkte, er habe meinen Namen nicht richtig geschrieben, erwiderte er: „Schon gut, schon gut! Name ist Name!“ und damit schlug er seine Mappe zu. Vor der Abfahrt wendete ich mich an den Schaffner und verlangte ganz continental „eine Portion“ von dem mächtigen Rinderbraten, der neben mehreren andern enormen Fleischschüsseln auf dem Tische stand. „Das steht Ihnen Alles zu Diensten,“ antwortete er und zeigte auf den reich beladenen Tisch, „schneiden Sie sich ab, bedienen Sie sich nach Gefallen. Was für Bier wollen Sie haben?“ Ich ließ ihn eine halbe Porter holen, den hatte man mir gegen die Seekrankheit empfohlen, und dachte: das wird eine schöne Rechnung geben. Die Rechnung wurde aber durch diese Ungezwungenheit nicht größer, es war nur der Unterschied der Sitte; bei uns die vorgeschnittenen Portiönchen, hier eine Reihe Fleischberge erster Größe, wie ich sie bis dahin allerdings noch nie mit Augen gesehen hatte.

Und ich sollte bald Vertrauen zu dem neuen System fassen; denn die Kölner Eisenbahn schüttete ein Rudel Engländer in die Cajüte, die mit einem heimischen Abendessen umzuspringen wußten. „Nun, das laß ich mir gefallen,“ rief Einer von ihnen aus, „da bekommt man doch wieder einmal ordentlich zu essen. Auf dem verwünschten Continent steht man hungriger vom Tische auf, als man sich niedersetzt. Sie waschen Einem den Magen mit warmem Wasser aus, das sie eine Suppe nennen, und dann überschwemmen sie das ausgekochte Fleisch noch mit Brühe, um Einen zu einem vergeblichen Essen zu verführen. Gott sei Dank, daß wir ’mal wieder einen ordentlichen Braten vor uns haben!“ Und nun ergriff er ein Messer, welches ich für den Säbel des Capitäns angesehen hätte, und schnitt uns Allen Scheiben Fleisch vor, auf denen wir die ganze Magna Charta hätten niederschreiben können. Es ist wahr, mit Befriedigung sieht man diese Fülle zu seiner Verfügung, aber am Ende rechnet der englische Wirth ganz richtig: der Gast kann doch nicht mehr als sich satt essen, und dafür zahlt er so und so viel.

Einigen Einfluß auf das Eßvermögen mag die Sitte, große Braten und ganze Käsebrüche vor sich zu sehen, denn aber doch haben. Man ißt hier mehr, vornehmlich mehr Fleisch und mehr trockene substantielle Kost, als auf dem Continent. Suppen werden wenig cultivirt, Saucen ebenfalls nicht; und ich finde mich nach achtzehnjährigem Aufenthalt diesen trocknen Substanzen gegenüber, wie z. B. kaltem Rinderbraten und großen rauchenden mehligen Kartoffeln, noch oft in Verlegenheit. Die großen mehligen Kartoffeln halten die Engländer für die besten. Die Spanier senden jetzt im Frühjahr schöne gelbe kleine Kartoffeln herüber, ehe hier noch welche reif werden. Dies ist die vollkommene Frucht, etwas ganz Ausgezeichnetes! Man kauft sie aber sehr billig, weil – sie nicht englisch und nicht mehlig sind. Alles, was in England wächst, gilt für feiner und besser, sogar die Trauben, die doch nur im Treibhause reif werden. Ein Bekannter von mir – ein alter Thor freilich – reiste eigens nach Paris, um Louis Napoleon eine große Traube aus seinem Treibhause zu bringen. Man hielt ihn lange hin, weil man ein Attentat hinter diesem Unsinn witterte. Als er endlich vorgelassen wurde, war die loyale Traube schon angefault, aber der Kaiser wußte dennoch die – Gesinnung zu schätzen, die sie ausdrückte.

Die Suppen, die man hier in England schätzt, sind dann meist ebenso nahrhaft und sättigend, wie die Fleischgerichte; so die Turtle- und Mockturtle- und Ochsenschwanz-Suppe. An diese derbe Kost, die nebenbei auch gehörig gepfeffert wird, hat der Neuling sich erst zu gewöhnen, ehe sie ihm bekommt. Keine Nation ist fester von dem Lehrsatz überzeugt: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, als die englische. Mit Gepränge wird das Fleisch, das Geflügel, alle Eßwaaren, zu Weihnachten die Rosinen in den Schaufenstern ausgestellt. Ganze Berge von Rosinen sind an den Glasfenstern aufgeschüttet; kein Schaufenster des Continents beherbergte je dergleichen. Weihnachten, das Geburtsfest der jungen Sonne, ist zum Roastbeef- und Puddingfest geworden, wobei natürlich auch etwas Besseres getrunken wird, als gewöhnlich, das Weihnachtsbier, jede Art um einen merklichen Grad verbessert. Ein Geflügelhändler ziert um Weihnachten sein Haus von oben bis unten mit Geflügel. Dazwischen hängt die Stechpalme, Holly, mit rothen Beeren, und das Gas hat die ganze Schaustellung glänzend hervorzuheben. Ebenso strengt sich der Fleischerladen an – die Fleischerläden sind hier nicht aus den Straßen auf einen Fleischmarkt verbannt – ganze Hammel mit roth- oder blauseidenen Rosetten verziert, werden ausgehängt, den berühmten Saddle of Sussex Mutton (Sussexer Hammelrücken) nach außen, der besser sein soll, als Rehrücken, und ungewöhnlich große prachtvolle Rinderbraten von fünfundzwanzig bis fünfzig Pfund sieht man auf den Marmorplatten dieser Läden zur Schau gestellt. Auch zeigt es sich bald, daß diese Künstler für Kenner gearbeitet. Es bilden sich Gruppen vor solchen Ausstellungen, würdigen sie und wissen das Gute dieser Welt in dieser Form sehr zu schätzen. Hierbei ist zu bemerken, daß die Verehrung vor dem guten Braten auch einen officiellen Ausdruck erlangt hat. Das Lendenstück vom Ochsen heißt „Sir Loin“, gleich dem deutschen „Freiherr von der Lende“. Heinrich der Achte, auch sonst ein Schlächter, vollzog diesen Ritterschlag an dem Lendenstück. Wenn Einer den Titel Sir erhält, wird er noch heute zum Ritter geschlagen und so ein Bruder des Lendenstücks; aber hony soit qui mal y pense! Beide Leistenstücke zusammen, der Rücken mit den beiden Sir Loins oder der doppelte Sir Loin heißt dann Baron of beef, das heißt, der Rindsbaron. Ihre gegenwärtige Majestät ist eine große Liebhaberin von Rinderbraten, ja, sie soll ihn dem feinsten Wildpret vorziehen. Von dem letzten Festochsen kam der Baron in ihre Küche; er wog hundert Pfund, und es war kein Kochofen groß genug, ihn zu braten. So spottet der Baron der unzureichenden Vorrichtungen unserer Civilisation und deckt einen Mangel in der Verfassung Altenglands auf.

Große saftige Roastbeefs und Plumpudding sind allerdings Gerichte, die nach Deutschland verpflanzt zu werden verdienten. Plumpudding ist Rosinenpudding. Der Engländer nennt nämlich die Rosinen kurzweg plums, Pflaumen, und es sollte mich nicht wundern, wenn Mancher dies Ingredienz seines Nationalgerichts für eine einheimische Frucht hielte, wie er die spanischen Weine ohne Weiteres „unsere englischen Weine“ nennt! Und warum sollten die Deutschen sich nicht an diese Gerichte gewöhnen? Sagt doch schon der große Dichter:

„An gute Kost gewöhnt der Mensch sich leicht,
Wenn Du der schlechten gänzlich ihn beraubst.“

Bei aller Anerkennung der englischen Verfassung hinsichtlich des Essens und Trinkens, muß man aber doch sagen, daß sie im Essen eben so abergläubisch sind wie in ihrer Metaphysik. Sie essen absolut nichts, was sie „roh“ nennen, und wenn es roh ist, [170] so nennen sie es nicht so. Ich schenkte einem Freunde eine Büchse voll Kieler Sprotten und lobte sie ihm sehr. Er versprach auch wirklich, sie zu versuchen, aber nach langer Zeit fand ich, daß er keine einzige angerührt und sie alle hatte verderben lassen. Geräucherten Lachs rösten sie vor dem Feuer. Unglaublich, aber leider wahr! Spickhäringe werden nur geröstet gegessen! Spickaale rühren sie nicht an. Rohen Schinken – westfälischen Schinken halten Manche für Bärenschinken, wie er in einigen Schulbüchern aufgeführt wird, – geräucherte Schlackwurst Spickgans – „welch ein Gräuel, das Alles ungekocht zu essen; die Deutschen sind doch rechte Barbaren!“ Die Anschovis in Oel, die in hermetisch verschlossenen Blechbüchsen herüber kommen, haben sich dagegen eingebürgert, als wären sie gekocht, was Viele zur Beruhigung ihres Gewissens glauben.

Ein Bekannter von mir und ein werther Freund und Genosse dieses Exils versüßte sich dasselbe und heirathete eine Engländerin.

„Sie ist ohne alle Vorurtheile, verlangt nicht einmal, daß ich mit ihr in die Kirche gehen soll.“

„So? Ißt sie denn auch geräucherte Delicatessen?“

„Natürlich!“

Aber er irrte sich. Als ich ihm einen Spickaal aus Hamburg mitbrachte, erschrak sie vor dem Gedanken, daß er genießbar sein sollte, und er mußte ihn allein verzehren. So lange Ich das Vergnügen gehabt, mit ihr gelegentlich zu Tische zu sein, hat sie nichts Geräuchertes angerührt, das nicht vorher geröstet gewesen wäre oder wovon wir nicht gewissenloser Weise versichert hätten, es sei vor dem Räuchern gekocht worden, zum Beispiel von der Braunschweiger Wurst.

Einmal traf mich ein englischer Freund vor einem Teller saurer Milch. Ich bot ihm auch einen an. „Verdorbene Milch? Pfui!“ rief er aus, und er ist sonst ein artiger und freisinniger junger Mann, ein Dissenter von den Dissenters, wie der brave John Bright. Man sollte denken, es wäre doch Einer zu verführen, einmal geräucherten Lachs oder westphälischen Schinken zu kosten; aber nein! Sie sind darin, wie die Juden, es ist ihnen buchstäblich ein Gräuel. Und nun vollends die Froschkeulen! Die Franzosen gelten für halbe Cannibalen, daß sie sie essen. „Die gräulichen Froschfresser, die Franzosen!“ sagen die Engländer. Die Franzosen sind so boshaft, ihnen nachzusagen, die meisten Froschkeulen in Paris würden von Engländern verzehrt, aber zu Hause leugneten sie es. Man muß sich nur wundern daß sie frische Austern essen, die doch sicherlich nicht gekocht aus der See kommen. Ebenso muß man sich wundern, wie sie alle die Häringe unterbringen, die an ihren Küsten gefangen werden, da sie durchaus keine gesalzenen Häringe essen, sondern sie erst alle anräuchern, nachdem sie gesalzen sind, und dann rösten. Dagegen essen sie bekanntlich rohen Sellerie, und die lang aufgeschossenen zarten Salatblätter tunken sie oft nur in Salz. Unser Kopfsalat soll, nach England verpflanzt, in einigen Jahren sich als solchen Blättersalat naturalisiren; auch der Sellerie wächst üppiger in diesem feuchten Klima. Seacale, Seekohl, ist mir nur hier vorgekommen; er ißt sich wie Spargel und wird meist ohne unmittelbaren Zulaß der Sonnenstrahlen gezogen. Den Spargel läßt man grün aufschießen; doch findet man ihn auch wie bei uns gezogen und gestochen.

Der Engländer ißt sehr regelmäßig, er macht sich mehr zum Sclaven der Uhr, als wir. Seine Tischsitten sind abweichend. Die Tischgenossen finden verschiedene Schüsseln vor sich, von denen aus sie sich gegenseitig vorschneiden oder vorlegen; Jeder findet ein Salzfaß neben sich; Port und Sherry werden herumgeschoben. Bei großen Gesellschaften treten Kellner und Bediente ebenso auf, wie bei uns. Man ißt mit der Linken und führt nur die Gabel zum Munde; das Messer an die Lippen zu bringen, ist barbarisch. Fisch ist mit Brod in der Linken und der Gabel in der Rechten zu essen. Der Pfeffer ist in einer Streubüchse, es wird sogar Cayennepfeffer genommen; jedes Salzfaß hat seinen Löffel; eigene Buttermesser, eigene Brodmesser, hölzerne Brodteller; jede Weinart hat eigene Gläser, es giebt also Portgläser, Sherrygläser, Claretgläser, Hockgläser (Gläser für Rheinwein), Champagnergläser; natürlich auch eigene geschliffene Flaschen, Decanters, zu jeder Weinart. Unbegreiflich ist es mir bis jetzt geblieben, wie man nach dem Champagner Porter trinken kann, der schäumend in vergoldeten Bechern herumgegeben und nicht verschmäht wird. Es gehört überhaupt eine heroische Anstrengung dazu, so etwas wie Porter zu trinken, aber die Sitte setzt es durch, gerade wie das noch viel unbegreiflichere Tabakrauchen, welches, beiläufig gesagt, hier noch sehr unter dem Druck der Damen liegt, die den „Gestank“, wie sie sich fanatisch ausdrücken, in den Wohnzimmern durchaus nicht dulden.

Wenn man unter das englische Volk kommt, ist man höchst angenehm überrascht von den vielen eigenthümlichen Charakteren, und, ihnen gegenüber, von einem unerschöpflichen Humor und Witz, der, vornehmlich in Volksversammlungen, meistens sehr schlagend zum Vorschein kommt. Als Edwin James, der berühmte Advocat, sich für den Londoner District Marylebone in’s Parlament wählen ließ, sagte er: „Ich kann in Euer Viertel ziehen, ich bin unverheiratet.“ – „O, Du alter Sünder!“ unterbrach ihn einer von den Wählern. Mit diesem Humor anglisiren sie sogleich das Fremde und wenden Einheimisches in Witzworte um. So heißt der Corso des Königs in Hydepark, Route du Roi, jetzt Rotten row, faule Allee, und die Buffetiers des Königs Beefeaters (Rindfleischesser), der Omnibus ist der Bus und sein Kutscher der Bustreiber, D. D., Doctor of Divinity, d. h. der Theologie, liest das Volk gottloser Weise Double Donkey, Doppelesel.

Fast alle Thiere werden bei menschlichen Vornamen genannt, wie Tom Cat, Thoms der Kater, Billy goat, Wilm der Bock etc. Ganz merkwürdig ist die Titulatur mit bloßen Buchstaben. So heißt M. P. Member of Parliament; man sagt aber auch wirklich: er ist M. P., D. D., L. D., Doctor Juris, M. D., Doctor der Medicin, indem man nur die Buchstaben ausspricht. Ueber Sir Loin und Baron of beef haben wir schon gesprochen. Hochheimer und nach ihm alle Rheinweine sind Hock, Xeres und darnach alle spanischen Weißweine sind Sherry, Oporto und aller iberische Rothwein ist Port. Porter beißt the heavenly wet, das himmlische Naß; Old mild, nämlich Ale alt und milde, ist Grany (die Großmutter); Old and bitter (Ale), alt und bitter ist mother-in-law (Schwiegermutter); Old Tom, alter Kater, ist eine gute Art Genèvre, der davon so gut geworden sein soll, daß zufällig ein alter Kater hineingefallen.

Das unmäßige Trinken ist in den höheren Ständen nicht mehr so arg, als früher, wo solche Ausdrücke entstanden, als: he is a seven bottle man, he is only a four bottle man (er kann sieben, er kann nur vier Flaschen vertragen). Von dem starken Trinken nach Tische schreibt sich die Sitte her, daß die Damen beim Nachtisch aufstehen und die Tafel allein verlassen, wo ihnen denn der Hausherr die Thür zu öffnen hat. Man öffnet hier nämlich denen, die sich verabschieden, die Thür, während man sie bei uns eher vom Fortgehen zurückzuhalten sucht. Die höheren Classen also betrinken sich jetzt seltener, als sonst, doch habe ich gehört, daß ein Arzt sagte: „Nicht nach Tische, ich will morgen kommen!“ Was sagen die deutschen Aerzte zu dieser Bequemlichkeit?

Die niederen Classen sieht man hingegen häufiger durch die Straßen taumeln. Ich fand einmal zwei Arbeiter vor mir, die mir den Bürgersteig sperrten und sich wiederholt herzlich die Hand schüttelten ohne loszulassen. „Gute Nacht!“ rief der Eine, „Gute Nacht!“ der Andere. Dann begann der Erste von Neuem, und sein Freund wiederholte ganz empfindsam den Abschiedsruf; aber ihre Freundschaft ließ es nicht zum Scheiden kommen. Cicero hat doch Recht, dachte ich, nur gute Menschen können innige Freunde sein. Endlich mochten sie wohl finden, daß sie mich denn doch zu lange aufhielten; sie ließen sich los und Jeder fiel nach seiner Seite vom „himmlischen Naß“ überwältigt in das irdische und rollte darin umher, bis der unerbittliche allgegenwärtige Schutzmann ihnen zu einer dunkeln Schlafstelle auf dem Stroh der Polizeiwache verhalf. Die englischen Biere sind im Grunde alle zu stark, und je nach der Ernährung des Trinkers kann ein geringes Maß schon berauschen Da sie verhältnißmäßig viel zu theuer sind (ein Seidel Porter drei, ein Seidel Ale vier, ein Seidel Old mild sogar sechs Silbergroschen), wenn man sie nicht im Fasse kauft, so ist es höchst wahrscheinlich, daß alle Fälle von Angetrunkenheit mit viel geringerer Schoppenzahl bewirkt werden, als bei uns, wo man weniger Trunkenheit auf der Straße gewahr wird, als hier.

Gegen die Trunkenheit, aus der sehr viele Gewaltthaten entspringen, gefährliche Schlägereien und besonders Wifekicking and Wifekilling, daß die Ehefrauen mit Füßen getreten und [171] todtgeschlagen werden, gegen diese geselligen und häuslichen Uebelstände, die natürlich folgten, wenn am Löhnungstage die Frau den Eheherrn aus der Schenke holen mußte, um noch etwas Geld für die Woche zu retten, gegen diesen Krebsschaden der Gesellschaft entstanden zuerst die Mäßigkeitsvereine. Diese wollten aber nicht durchschlagen, denn was war mäßig, was unmäßig? Es wurden daher die Total Abstinence-Vereine, die gänzliche Enthaltsamkeit übten, daraus. Jeder Theilnehmer that ein Gelübde, gar keine berauschenden Getränke mehr zu trinken. Die Gesellschaft scheint zu blühen, hält Versammlungen und Sonntags Predigten im Freien oder in Sälen. Sie haben Gesänge und Gesangbücher und eigene Lieder; eines drückt den festen Entschluß aus, die Abschaffung des verruchten Alkohols durchzusetzen. Sie geben manchmal große Theegesellschaften. Dadurch sind sie zu dem Spottnamen Teatotallers gekommen, den sie selbst adoptirt haben. Die Beredsamkeit, die Macht der Beweisführung, die Schlagfertigkeit ihrer Führer und Redner ist bewundernswürdig. Wird man nicht überzeugt, so ist man doch verblüfft. Sie beweisen echt englisch ihr ganzes System aus der Bibel und behaupten kurzweg, daß all’ der Wein von Vater Noah bis zur Hochzeit von Cana gar kein Wein, sondern Most gewesen wäre, und Most, glauben sie, berausche nicht. Wie sie Noah weiß brennen, erinnere ich mich nicht mehr, daß sie es aber fertig bringen, hab’ ich erlebt.

Durch diese energische Bewegung, die nur als Gegenstoß gegen die Gräuel der Trunkenheit entstehen konnte, ist sehr viel Gutes gestiftet worden. Dennoch ist es bekannt und wahr genug, daß sie sich zum Fanatismus und zur Tyrannei gesteigert hat. Sie hat in Nordamerika in einigen Staaten die Mehrheit der Repräsentanten erlangt und Verbote gegen alle Spirituosen erlassen, ja, sie macht in England Anstrengungen, es zu ähnlichen Gesetzen zu bringen. Wer nun aus demokratischern Gottlosigkeit nicht an den Nutzen der edlen Lords glaubt, der wird doch stutzig werden, wenn er sich überlegt, daß die edlen Lords sich sicherlich weder ihre Wein-, noch ihre Bierkeller .verbieten lassen werden, also eine Schutzwehr gegen die Tyrannei der Temperanzler sind. Es wäre möglich, daß sie nichts dagegen hätten, wenn dem gemeinen Volk aller Alkohol verboten würde, aber den edlen Lords, das ist nicht denkbar. Und wäre es nicht schade, wenn ein Bier (Old mild), welches erst im dreißigsten Jahr gezapft werden darf – nach dem Testament irgend eines braven alten Lords – nun wegen plötzlichen Bierverbotes im neunundzwanzigsten Jahr in die Gosse laufen müßte? Bei dem Gedanken an ein solches Attentat gegen den Gott Soma muß jedem Bierfreunde die Kehle trocken werden und die Laus über die Leber laufen. Alle Standesvorurtheile schwinden angesichts einer solchen Barbarei.

Der Eingewanderte, besonders der unfreiwillige, wird leicht noch eine Zeit lang die heimische Lebensart in England fortsetzen, Kaffee trinken, Suppen essen und sich für den Durst an’s Wasser halten. Aber der Arzt wird bald dazwischen treten mit der Warnung: „Sie leben zu ärmlich. Trinken Sie Porter, das himmlische Naß, das Götter und Menschen stärkt; essen Sie mehr Fleisch; trinken Sie Thee, wie wir, und essen Sie gebratenen Speck zum Frühstück!“ (Wie die Eskimos Thran trinken, um sich zu erwärmen, so braucht man hier vielleicht mehr Fettspeisen.) Statt aller Medicin ist mir wörtlich diese Diät verordnet worden, als ich das erste und einzige Mal hier krank wurde; und ich finde, daß ich – genesen bin, – ob post hoc oder propter hoc, das zu entscheiden überlasse ich unserm Freunde, dem Dr. Bock.

Gebratnen Speck und Bier frühstückte noch die Königin Anna; überhaupt aß man zur Zeit einer geringeren Civilisation in England viel mehr Schweinefleisch, der Fortschritt zu dem Könige des Fleischerladens, dem Gott Aegyptens, zu der Sünde des Rindfleischessens, die den Indiern ein solcher Gräuel an den Engländern ist, war, nach Buckle, dem berühmten Verfasser der Geschichte der Civilisation etc., auch ein Fortschritt in der Civilisation. Leider hat Buckle diesen wichtigen Gesichtspunkt nur andeuten können, die gründliche Ausführung findet sich nirgends in seinem Nachlaß.

Philipp der Zweite, der Gemahl der katholischen Maria, aß sich bekanntlich jedes Mal in englischem Schinken krank, wenn er herüberkam, um nachzusehen, wie seine Schöne die englischen Ketzer bediente. Leider genas das Ungethüm allemal wieder in der orthodoxen Luft der spanischen Autodafés, sonst hätten die guten Yorkshire-Schinken der Welt die Ausrüstung und das Scheitern seiner Armada erspart?

Jedermann weiß, daß hier in England gar kein Roggenbrod gegessen wird; neuerdings ist das Weißbrod noch glänzend verbessert worden durch das gelüftete Brod, ein Maschinenbrod von außerordentlicher Zartheit und Weiße; nächstdem ist das hausbackne Hefenbrod, unterschieden vom Bäckerbrod, das nicht mit Hefen gebacken wird, das beste. Dennoch werden auf dem Continent eine Menge feiner Gebäcke hergestellt, die sich hier durchaus nicht einbürgern wollen, nicht einmal die Zwiebacke und die Hörnchen.

Im Ganzen lebt der Engländer besser und mehr aus dem Vollen, als die continentalen Völker, aber in vielen Dingen ist eine Ausgleichung der Unterschiede das Richtige. So hat man sogar neuerdings die Einführung des Schwarzbrodes in Anregung gebracht, bis jetzt freilich ohne Erfolg.





Bilder aus den deutschen Alpen.

Nr. 2. Kirchfahrt auf oberbairischem Gebirgssee.

Flocken wirbelten, ich saß im Pelzmärtelcostum auf einem Bauernschlitten und eilte von München aus den Bergen zu.

„Welcher Unsinn!“ seufzte die alte Tante, als ich von dannen ging. Sie frug mich nicht lange: wohin? und wenn es der Leser thut, bin ich bei Gott in Verlegenheit. Denn wer mitten im Januar und mitten im Schneegestöber auf einer Landstraße fährt, dem vergeht alle Geographie. Die Landschaft bekommt etwas so Utopisches, etwas so Verflachtes und Verallgemeinertes, daß man glauben könnte, man sei überall und nirgends. Alles Individuelle wird zugeschneit, alle Eigenthümlichkeit steckt im Nebel. Wüßt’ ich es nicht, daß hinter Holzkirchen die Berge stehen, gesehen hätt’ ich sie nimmermehr; und wären nicht die blauweißen Wegzeiger ganz officiell im Graben gestanden, so hätt’ ich dies weite Blachfeld dem Czaarenreiche zugewiesen. – Wie gesagt, die Gegend hat etwas unbestreitbar Sibirisches, und wer dort den Bauern betrachtet in seiner weißen Wolldecke, welcher eben „Guten Abend“ brummt, der glaubt auch an Eisbären.

Der Bauernschlitten fuhr gen Tegernsee, – ich auch. Selten zog ein Wanderer oder ein Gefährt an unserm Schlitten vorbei, nur ein flinker Einspänner machte eine dankenswerthe Ausnahme. Aus dem Pelzmagazin in seinem Innern winkte eine Hand mit flüchtigem Gruße, und das ist eine Hand, die viel Gutes thut. Es war der wohlbekannte hochverdiente Aesculap dieses Thales.

Manchmal war der Kutscher in Gedanken vertieft, aber das merkte ich immer erst, wenn wir umgeworfen hatten. So alle Stunden kam es einmal vor, wie eine regelmäßige kühlende Medicin, und als ich bei „Guggemos“ absteigen wollte, rollte ich direct zur Thür hinein.

Wohl mancher der freundlichen Leser kennt das „Hotel zum Guggemos“ in Tegernsee aus eigener Anschauung. Aber jetzt schaut es sich anders an, als in den Sommertagen, wo die fremden Herren auf der Bank vor dem Hause mit den Beinen baumeln und ihren Bädeker studiren, während die Dämchen drinnen durch Toilette glänzen. Jetzt sieht man keinen Bädeker und keine Toiletten vor dem Haus und ich glaube – nicht einmal die grüne Bank.

Es war Abend geworden und ich trat ein in’s Herrenstübchen. Ueber dem blanken Tisch hing die Petroleumlampe, die sich so siegreich wie keine andere Entdeckung in unseren conservativen Bergen verbreitet hat. Hier waren die „Herren“ versammelt, und die Hunde der Herren krabbelten unter dem Tisch herum und machten mir ihr Compliment. Da sah ich den „Cäsarl“ wieder und den „Kuno“ und „Bausen“, den mir zürnenden Dachshund. Die Gebieter aber, die wohlbekannten, schüttelten mir die Hand, und das war ein freudiger und freundlicher Willkomm für mich.

„Nun, was treiben Sie immer?“ hieß es auf beiden Seiten,

[172] und als das Register der Todten und der Lebendigen erschöpft, als die Wahlen zum Zollparlament erörtert waren, da trat eine tiefe Pause ein. Wenn der „Tarok“ nicht wäre, dann würden die Berge noch viel einsamer sein, und manchmal hörte man nichts als das Fallen der Karten und die tiefen Athemzüge derer, denen es schmeckte. Ohne Eile „ging der Engel durch’s Zimmer“, und wenn ich ein altdeutscher Maler wäre, dann würd’ ich seine Gestalt im Hintergrunde zeichnen, etwa neben jener der liebenswürdigen Wirthin.

Das Leben der Eingebornen, das echte Bauernleben ist im Winter ein ungeheuer abgeschlossenes, zurückgezogenes. Die Arbeit der Frauen liegt im Hause und die Männer begeben sich zu dieser Zeit in die tiefste Wildniß der Berge, um das Holz aus Schlitten herauszuschaffen.

Ohne Zweifel ist der Schlitten das wichtigste Fuhrwerk von allen, im Gebirge. Nicht nur weil der Winter dort acht und der Sommer blos vier Monate dauert, sondern weil er selbst im Sommer nie ganz in Urlaub kommt. Von den steilen Wiesenhängen, wo die Mäher fast lebensgefährlich stehen, wird das Heu im Schlitten herabgebracht. Auch der Hirsch, der im sommerlichen Hochwald erlegt wird, kommt also’ zu Thale, und die breiten niedrigen Schlitten, die quer mit Tannenästen bedeckt werden, heißen geradezu Hirschschlitten, Im Winter, wo die ungeheuren Schneemassen die Unebenheiten des Terrains ausgleichen, werden die meisten Theile des Berges dem Transport erst zugänglich. Tausende von Klaftern, die nicht das Wasser unentgeltlich spedirt, führt der Schlitten ihrer Bestimmung entgegen. Bei kleineren Lasten und auf steileren Wegen ist keine Bespannung möglich. Kutscher und Pferd besteht in derselben Person, und zum Einhalten hat man die sogenannten „Sperrtatzen“, die sich wie eiserne Krallen in den Boden wühlen. Trotzdem kommt durch Ueberstürzen manches Unglück vor, und Mancher ward geschleift oder zerschnitten von den eisernen Beschlägen.

Zum Personentransport sind vor Allem die kleinen sogenannten „Beinschlitten“ üblich, bei welchen statt der Eisenbeschläge glatte Knochen aufgesetzt werden. Sie haben ein Sitzbrett in der Höhe von drei Fuß, aber ohne Lehne und werden geritten, indem zwei eisengespitzte Stäbe zugleich die Richtung und die Bewegung geben. Auf diesen „Boanlschlitten“ hält die „reifere Jugend“ bisweilen Wettrennen ab, wobei es nicht nur Gewinnste, sondern auch Verluste – von großen Zehen und kleinen Fingern und anderen nützlichen Dingen giebt. Denn der Boanlschlitten wirft gerade so gut ab, fällt ebenso schön in die Grube und geht gerade so leicht durch, wie das kostbarste englische Rennpferd. Auch die bausbackigen oberbairischen Jockeys sind auf ihre Virtuosität genau so stolz, wie der athemlose ausgehungerte Lenker des Gladiateur.

Dieser Corso der Boanlschlitten ist eine Hauptunterhaltung an jenen einsamen Winterstätten, wo die Rubrik „Vergnügen“ noch nicht besteht, wo es keine „öffentlichen Lustbarkeiten“ giebt und manche Ortschaften wenigstens in Bezug auf das Amüsement ganz der Selbstverwaltung überlassen sind.

Bei Weitem malerischer, und vielleicht darum seltener, sind indeß die niedrigen Schlitten, die aber nur an manchen oberbairischen Seen gebraucht werden und die der Fahrende aufrecht leitet statt rittlings zu sitzen. Sie sind meist von beschränkterem Umfang, höchstens für ein Paar gebaut, und wenn dies ein „zärtliches Paar“ ist, so wird es wohl sehr mit solcher Bauart einverstanden sein.

Auch das Schlittenrecht, welches bekanntlich in einer Naturalleistung (in einem Kuß) besteht, kommt im Gebirge fleißig zur Anwendung und dehnt sich ohne Zweifel auch auf diese niedrigste Form des Schlittens aus.

Ganz besonders ist dieselbe (die Form, nicht die Naturalleistung) auf dem Staffelsee zu Hause und reicht selbst nach Osten bis auf den Chiemsee herüber. An den Seen, die tiefer in den Bergen liegen, beim Tegernsee, Königs- und Achensee, ist sie viel seltener.

Das ist nun freilich ein frisches pittoreskes Bild, wenn, wie dies unser Bild darstellt, die elastische Gestalt des verwegenen Burschen sich aufrichtet und über seinen Schützling beugt, wenn die scharfe Luft pfeift und der Mantel im Winde flattert, der blaue Mantel, den schon der Vater getragen hat! Das ist fast eine Luftfahrt und keine Eisfahrt mehr, so kühn ist hier die Stellung, so frei die Bewegung!

Manneslang sind die beiden Dirigentenstäbe, und Gott sei gnädig, wenn das Fuhrwerk aus dem Tact kommt! Lustige Zurufe tönen hier und dort, wo der Schlitten vorübersaust, und das Dirndl denkt sich wohl manchmal: „Mit Einem, der’s so kann, werd’ ich sicher gut fahren.“ Aber ducken muß man sich! –

Nur ausnahmsweise frieren die oberbaierischen Seen schon um Dreikönig zu, wie Heuer, das Entstehen des Eises ist aber stets ein gewaltiger Vorgang, ein revolutionäres Ereigniß, ein Staatsstreich in der Natur. Die Decke bildet sich bei Nacht, und wer drinnen in seinem Bette liegt, der hört ein Ringen und Stöhnen, ein Toben und Heulen, als ob draußen einer gefesselt würde. Am Morgen liegt dann der helle feste Spiegel vor unseren Blicken. Die Gegend bekommt dadurch so etwas Zusammengewachsenes, ein so strammes Gepräge, als ob die Berge förmlich hineingefroren wären in den See.

Ehe man das Eis zu betreten wagt, wird eine Gasse in demselben ausgehauen, in der die Schiffe von einem Ufer zum andern fortgeschoben werden. Dann wandert der erste Leichtfuß über die schwankende Decke, aber manches Opfer liegt zwischen ihm und den vierspännigen Wagen, die zuletzt den mauerdicken Weg betreten. Von den Martertafeln, deren tragikomische Inschriften die Verunglückten besingen, gelten sechszig Procent denjenigen, die im Eise zu Grunde gingen. Auf einer derselben steht folgender Nekrolog:

„Ich, Johann Koch bin im Schlitten gekommen,
Hat das Eiß mich mitgenommen,
Mein sterblicher Leib ist erfroren im Eiß,
Meine Seell verbrennt im Fegfeuer heiß.
Hl. Maria, Bitt für uns!“

Nach seiner Gesammtanlage paßt auch der echte eigentliche Gebirgsländer nicht auf’s Eis. Im Geröll der Felsen, da klammern sich eiserne Muskeln fest, da giebt die massive elastische Gestalt ihm Sicherheit, aber für den glatten bodenlosen Boden des Eises paßt die Art seines Ganges nicht. Darum ist auch die Species Schlittschuhläufer im Hochgebirge wenig verbreitet, und nur die Honoratioren und das Zünglein der Cultur haben hier etwas nachgeholfen. Auch das Eisschießen ist mehr ein Vergnügen der Honoratioren und des Bürgerstandes, als der eigentlichen Bauern. Die Gehöfte derselben liegen meist weit ab vom See, und dann hat der Bauer einen Zug von aristokratischer Abgeschlossenheit. „Mein Haus ist meine Burg“ heißt es auch hier, und er kommt nur herunter zum Herrgott oder zum Bier. Andere Formen des geselligen Bedürfnisses als die Kirche und das Wirthshaus sind noch ziemlich unentwickelt – und andere Formen des Vergnügens als das dolce far niente noch ziemlich unbeliebt. Der Gegensatz zwischen der strengen Arbeit und dem strengsten Nichtsthun ist noch nicht wie bei den Städtern durch die wuchernde Fülle der Passionen, der Liebhabereien, des Dilettantismus ausgefüllt. Die einzige Jagd macht eine Ausnahme; im Uebrigen kann der Bauer nichts als arbeiten und faulenzen, aber Beides auch recht. Diese Entwickelung, diese Extreme von Knechtschaft und Souveränität sind das nothwendige Resultat seiner jahrhundertlangen Leidensgeschichte.

Am Sonntag ist der Bauer ein Herr. Da rüsten sich die Schlitten zur Kirchfahrt und es mag ihm die Andacht wohl leichter werden, wenn er auch sein Mädel aufsitzen läßt. Das Wort: „Ihr sollt den Herren suchen“ ist auf dem Lande von jeher so verstanden worden, daß die Bewohner des linken Ufers auf das rechte in die Kirche gehen und umgekehrt, und so fliegen denn die Schlitten von allen Himmelsrichtungen aneinander vorüber. Da heißt es sicher regieren mit der kühnen Stange, denn wenn zwei solcher Weltkörper aus der Bahn gerathen und zusammenstoßen, dann giebt es blutige Meteore.

Ganz besonders gefährlich sind die kleinen offenen Stellen, da wo sich am Seegrund Quellen finden, die man „Kelchbrunnen“ heißt und die durch die Bewegung das Gefrieren hindern. Wehe Jedem, dem die Sonne oder der tiefe Nebel dies blendende Grab verdeckt, er stürzt mit Sturmeseile in einen unermeßlichen Abgrund. So sind die Kirchenglocken Manchem zum Grabgeläut geworden.

Die meisten Unglücksfälle ereignen sich indessen auf dem Chiemsee, wo auch der Brauch der Kirchfahrt am stärksten in Uebung steht. Grauenvoller noch sind die Tiefen des Königssees

[173]

Eiskirchfahrt auf den oberbairischen Seen.
Nach der Natur gezeichnet von Ph. Sporer.

[174] bei Berchtesgaden, und es mag denen, die zur Nacht nach Bartholomä hinüberfahren, wohl schreckenvoll zu Muthe sein, wenn es stöhnt und kracht und der himmelhohe Watzmann seine Schatten über das blanke Eisfeld wirft. Wir mir erzählt ward, ist auch einst Roß und Wagen hier versunken, als sie des Abends von einem Festschmaus heimkehrten, und nur wie durch Wunder sind der Knecht und die Frauen gerettet worden. Auch am Chiemsee ist Einer entronnen, der meilenlang zwischen Tod und Leben ging. Im März, als der See mit Schnee bedeckt und das Eis darunter schon so mürbe war, daß Niemand mehr es zu betreten wagte, ging ein italienischer Bilderhändler, der keine Ahnung von einem See hatte, schnurgerad auf die Fraueninsel los und trug Gepäck von mehr als einem Centner mit sich. Drüben sahen sie ihn kommen und riefen ihm zu, daß er unter brechendem Eise sei. Es mag wohl ein Henkersgang gewesen sein, bis er die Insel erreichte! –

Was hätte wohl die Tante geseufzt, wenn sie mich bei der Bergpartie auf die Bodenspitze gesehen hätte, bei sechs Fuß Schnee und sechszehn Grad Kälte! – Welcher Unsinn! …

Diesmal war’s blauer Himmel und wir stiegen an der Westseite empor, wo der Berg so steil und felsig ist, daß kein Schnee sich halten kann. Der kommt erst auf der zweiten Etage, auf der Beletage, wo man die schöne Aussicht hat, wo im Sommer der grüne Sammetteppich liegt, statt nackter steinerner Staffeln. Blendend hell lag die Mittagsonne über den weißen Matten, todtenstill lag die Welt im Thal Darunter. Ein Jäger geleitete mich, sonst war kein menschliches Wesen sichtbar; nur die langen tiefgetretenen Spuren des Wildes sah man im Schnee, wo das Füchslein vorbeihuscht und das scheue Birkhuhn flattert. Auch für das Ohr ist es eine grauenhafte Oede. Wenn das Rollen der Steine aufhört, wird es athemlos stille. Der Berggeist schläft. Durch die hundertjährigen Tannen aber fährt der Wind mit kurzen Stößen, und das sind die Athemzüge des Schlafenden – die kolossalen Stoßseufzer der Natur. Andächtig entzückt – demüthig stand ich in diesem winterlichen Tannenwald und horchte. – Wie gebleichtes Greisenhaar hing das lange fahle Waldhaar von den Aesten, und die Aeste stöhnten und streckten sich im Winterschlaf. Wenn dann der. Wind vorüberfuhr, dann wurden alle Töne wach vom feinsten Flötenklang bis zum wilden Posaunenstoß. Jeder Stamm ist ein Glied in der Riesenorgel der Natur, und die Musik, die aus ihr erschallt, ist das ewige Lied vom Werden und Vergehen. Die Tiefe der Jahrhunderte liegt in diesem Gesang – es ist die „neunte Symphonie“ des Waldes.

Droben auf der Spitze machte der Wind die Honneurs und nahm mir Hut und Mantel ab, ehe ich mich’s nur versah. Hier oben sieht man hinunter auf drei Seegebiete, vor Allem auf den Tegernsee, den ein leises Nebelgrau umschleierte. Blau und lustig lachte der Schliersee herüber, aber der Spitzing lag unten wie ein öder melancholischer Gedanke.

Mir war als blickten mich drei Freunde mit verschiedenem Blicke an, und das berühmte Gedicht des Mirza Schaffy von den Augen ging mir durch die Seele:

Ein graues Auge
Ein schlaues Auge,
Des Auges Bläue
Bedeutet Treue,
Aber des schwarzen Aug’s Gefunkel
Das ist, wie Gottes Wege, dunkel.

Der ganze ungeheuere Bergkessel lag da wie ein verschneites Grab, und die Almhütten schauten kaum mit den Dächern hervor. Kein Juhschrei scholl; kein Läuten tönte. Im Sommer ist da unten lustiges Leben, wenn die Matten rings um den schwarzen Bergsee grünen und die Alpenglocken so lieblich klingen. In diesen Tagen entfesseln sich dann die ganzen Wunder der Bergespracht, da liegt die Junischwüle mit ihrem blauen summenden Zauber auf diesen Wäldern, da schaut der Hirsch in die Mondnacht hinauf, und Jäger und Wildschütz schleichen auf heimlichen verschlungenen Pfaden. Lustig flackert vom kleinen Alpenheerd das Heimgartfeuer und der tönende Jodler verhallt in blauen Fernen. Ist dies dasselbe Land? Jetzt giebt es nur zwei Farben in der Natur, das tiefe Schwarz der Wälder und das blendend weiße Schneefeld; die ganze Scala der Nuancen, die milden reichen Stufen des Grünen fehlen. Die Landschaft hat etwas peinlich Schroffes, sie tritt uns entgegen wie ein Mensch, dessen Wesen immer zu den Extremen greift, dem die feingemischten wohlthuenden Mitteltöne fehlen.

Unter uns sauste ein Rudel Gemsen vorüber, die unser Anblick in die Flucht geschlagen. Aber die Flucht war so disciplinirt, so strategisch geschickt, daß sie mancher Compagnie zum Vorbild dienen dürfte.

Früh kamen die tiefen blauen Schatten des Nachmittags und bis an den Hüften im Schnee kletterten wir den Grat entlang, um auf der höchsten Spitze die Feierstunde zu erleben, wo der Tag zum Abend wird, wo die Nacht geheimnißvoll heraufsteigt. Diese Secunden sind die zartesten im Menschenleben, wie im Leben der Natur. Immer schwärzer ward der Spitzingsee, das schwarze Auge, immer enger zog sich das rosenfarbene trügerische Strahlennetz um die Häupter der Berge. Nur noch die obersten Gipfel glühten, sie flehten mit brennender Stirn um den Tag, um das Leben! Dann verzogen sich ihre Züge – auch die Berge haben ein Antlitz und dies Antlitz erbleichte. Nie hab’ ich die Nacht so kommen sehen – ich hielt den Athem an wie vor einem Sterbebette. Ein Raubvogel schwebte gewaltig durch die Dämmerung; fernhin tönte dumpf das Echo eines Schusses aus dem Thale. Durch den verschneiten Berghang stiegen wir hinab über Stämme und Felsblöcke, über Schnee- und Eiswüsten. Hinter den Riesenzinken der Rothen Wand aber klimmte der Mond empor, und der funkelte mit seinem grünen Lichte und blitzte so verführerisch, als wollt’ er sagen: Was ist aller Tag vor meiner Herrlichkeit! Ein Singen und Summen scholl in Felsen und Tannen, daß mir ganz bange ward. Durch jede Mondnacht tönt ein Sirenengesang.

Carl Stieler.





Die Freundin eines edlen Menschen.

Von Ludwig Kalisch.

Der Einfluß edler Frauen auf hochbegabte Männer gehört zu den wohlthuendsten Erscheinungen in Literatur und Kunst, in der Geschichte und im Leben der Gegenwart. Unsere großen Dichter, unsere gepriesensten Künstler und Weisen stimmen überein in der Anerkennung dieser heilvollen Wirksamkeit, die in Goethe’s Spruch gipfelt: „Das Ewigweibliche zieht uns hinan!“ Ein solches Emporziehen aus dem sich selbst genügenden Dahinleben zu seinem so bedeutenden schriftstellerischen Berufe hat auch Ludwig Börne, der berühmte geist- und charaktervolle, freisinnige Publicity, erfahren, und wir begehen nur eine Erinnerungsfeier der Dankbarkeit, wenn wir unseren Lesern das Bild der Frau vorführen, die mit ihrem Herzen den Geist eines Börne zur Tatkraft zu erheben und bis an sein Ende zu stärken und zu erquicken vermochte.

Ich lernte Madame Strauß, die Freundin Börnes, im Jahre 1849 kennen. Sie lebte damals sehr zurückgezogen in Fauteuil, jenem als Lieblingssitz vieler ausgezeichneter Geister weltberühmt gewordenen Dorfe am Eingang zum Boulogner Wäldchen bei Paris, und empfing nur einige Freunde und politische Gesinnungsgenossen. Ich muß gestehen, daß mein erster Besuch bei ihr mich etwas enttäuschte. Ich hatte mir eine von Geist sprudelnde Dame vorgestellt, deren Unterhaltung wie ein Raketenfeuer prasseln würde, ich sah aber nur eine Frau, die im Gespräch mehr sich als Andere belehren wollte und die in ihren Bemerkungen eine sehr warme Empfindung, doch nichts weniger als einen lebhaften Geist verriet. Sie befragte mich viel über die deutschen Zustände und äußerte dabei, sie habe eine große Freude empfunden, als sie in den Blättern gelesen, daß in den Märztagen die in Frankfurt versammelte Jugend eine Ehrenwache vor Börnes Geburtshaus gestellt. Börne war der Ausgangspunkt, war der Zielpunkt aller ihrer Gespräche. Sie bezog Alles auf ihn, sie leitete Alles von ihm ab. Sie lebte nur in der Erinnerung an ihn, und diese Erinnerung ließ sie das Leben ertragen.

Mein erster Besuch bei ihr, der mehrere Stunden gedauert

[175] hatte, war die Einleitung zu einem freundschaftlichen Verhältniß, das meinen ersten Aufenthalt in Paris höchst angenehm machte. Ich speiste jeden Sonntag in Auteuil und sah auch während der Wochentage Madame Strauß sehr häufig. Ich hatte gehört, daß sie es gewesen, die ihren Freund veranlaßt hatte, die Schriftstellerfeder zu ergreifen, und ich fragte sie, ob dem wirklich so sei?

„Das ist wahr,“ erwiderte sie. „Börne hatte die Gewohnheit, mir bei seinen Besuchen von seiner Lectüre zu berichten; er war indessen mit derselben selten zufrieden. Die damalige Tagesliteratur war auch in der That nicht geeignet, seinen Geist zu. befriedigen oder ihm eine besondere Achtung vor der Gesinnungstüchtigkeit der Schriftsteiler einzuflößen. Da habe ich wieder recht dummes Zeug gelesen sagte er gewöhnlich, und indem er die Schrift nannte, schüttelte er eine solch’ beißende satirische Lauge über dieselbe und ließ dabei so viel Witzfunken sprühen, daß ich nicht müde ward, ihm zuzuhören.

Eines Tages nun – es war im Jahre 1817 – als er wieder seinen Unwillen über ein so eben erschienenes Buch in humoristischer Weise ausdrückte, diesmal aber noch geistvoller, noch witziger sprach, sagte ich ihm: Männer von Talent und Ueberzeugung sollten der Talent- und Charakterlosigkeit nicht allein das Wort gönnen. Das Publicum liest eben das, was man ihm bietet, und es würde gewiß eine bessere Lectüre wählen, wenn begabte Männer ihm eine solche böten. Sie sollten schreiben!‘

,Das will ich auch thun‘ antwortete er, und bald darauf erschien seine ,Wage‘, die so viel Aufsehen erregte und seinen Namen, so schnell berühmt machte. Mich überraschte der glänzende Erfolgs dieser Zeitschrift durchaus nicht, ich war vielmehr fest überzeugt, daß ein Mann, der so geistvoll sprach, auch geistvoll schreiben und sich bald einen weiten Leserkreis erwerben würde. Börne’s Unterhaltung,“ fuhr sie fort, „war eben so reich an witzigen, humoristischen Wendungen, wie seine Schriften. Er sprach ebenso geistvoll, wie er schrieb, aber er entfaltete seinen Geist im Gespräch nur vor denen, für die er ein besonderes Interesse hatte.“

Eines Tages klagte mir Frau Strauß über Augenweh. Ihr Gesicht hatte durch das Lesen und Abschreiben der Börne’schen Manuskripte sehr gelitten. Börne schrieb eine fast mikroskopische Hand. Die Buchstaben sind so klein und dünn und die Zeilen so dicht, daß sie auch dem schärfsten Auge eine große Anstrengung bereiten. In seinen Pariser Briefen, die bekanntlich an die Frau Strauß gerichtet waren, hat Börne mit dem Raum noch mehr gegeizt. Frau Strauß zeigte mir die Originalbriefe. Es war an denselben fast kein Rand zu bemerken, nur die für das Siegel bestimmten Stellen waren leer gelassen. Frau Strauß copirte diese Briefe mit der ihr eigenthümlichen Gewissenhaftigkeit und mit der Verehrung, die sie vor dem Talente ihres Freundes hegte. Sie behielt die Originale, und die Abschrift wanderte zu Campe nach Hamburg. Als ich diese Briefe sah, drückte ich meine Verwunderung aus, kaum ein Wort in denselben gestrichen zu finden.

„Börne hatte die Gewohnheit,“ sagte sie, „seinen Gegenstand reiflich zu durchdenken und vollständig im Kopfe auszuarbeiten, so daß er beim Schreiben wenig oder nichts mehr änderte.“

Auf meine Frage, ob Börne auch mit anderen Personen in Briefwechsel gestanden, antwortete sie, daß er wohl hie und da, wo es die Höflichkeit oder eine buchhändlerische Angelegenheit nothwendig erheischte, einen Brief schrieb, sonst aber mit Niemandem eine Correspondenz unterhalten. „Wie er im Gespräch sich nur dann gehen ließ,“ fuhr sie fort, „wenn er sich in vertrautem Freundeskreise befand, sonst aber äußerst wortkarg war, so konnte er auch blos brieflich mit denen verkehren, denen er innig zugethan war. In seiner Jugend hatte er eine Leidenschaft zu der Gattin des Hofraths Herz in Berlin gefaßt, in dessen Haus er einige Zeit als Student gewohnt. An diese Frau hatte er eine Reihe glühender Briefe gerichtet. Ich wandte mich an sie, um sie zur Veröffentlichung dieser Briefe veranlassen; sie versicherte aber, dieselben verbrannt zu haben.“

Frau Strauß hielt die hinterlassenen Manuscripte Börne’s, als die kostbarsten Reliquien, hoch und theuer; wenn indessen ein warmer Verehrer desselben sich von ihr verabschiedete, schnitt sie wohl ein Streifchen von denselben ab und schenkte es ihm zum Andenken. Dies geschah nicht ohne gewisse Feierlichkeit. Sie that dann, als ob sie einen Coupon von einem bedeutenden Werthpapiere gelöst hätte. Ein solcher Papierstreifen war gewöhnlich den Aphorismen Börne’s entnommen und enthielt einen abgeschlossenen Gedanken.

Als die Familie Strauß von Frankfurt a. M. nach Paris übersiedelte, theilte Börne mit derselben die Wohnung. Er war schon sehr leidend und bedurfte der sorgfältigsten Pflege, die ihm natürlich auch zu Theil wurde. Bei diesem vertrauten Zusammenleben hatte Frau Strauß die Gelegenheit, das edle Herz ihres Freundes genauer kennen zu lernen. Eines Tages’ kommt Börne tief ergriffen aus seinem Studirzimmer und gesteht über einen Vorfall geweint zu haben, den er so eben in den Denkwürdigkeiten der Frau Campan gelesen. Bei den Hochzeitfestlichkeiten Ludwig des Sechszehnten nämlich befand sich auf der Place de la Concorde, wo unter dem furchtbaren Gedränge so viel Menschen umkamen, ein Brautpaar. Der Bräutigam, in verzweifelter Besorgniß um das Leben seiner Braut, bittet diese im entsetzlichen Wirrwarr, sich auf seine Schultern zu stützen. Zwei Arme schlingen sich um seinen Hals. Mit der ungeheuersten Anstrengung trägt er die Bürde auf seinem Rücken, und als er, dem Gedränge entkommen, die Gerettete auf eine Bank niederläßt, sieht er, daß er eine Unbekannte gerettet. Seine Braut war ein Opfer des Todes geworden!

Börne war an demselben Tage schwermüthig und niedergeschlagen.

Sei es Ueberdruß, sei es seine immer mehr überhandnehmende Krankheit, genug: Börne schrieb in Paris sehr wenig und außer der Übersetzung der „Worte eines Gläubigen“ von Lamennais und „Menzel der Franzosenfresser“ hat er dort keine deutsche Schrift verfaßt; hingegen schrieb er ziemlich viel französisch, „Sein erster französisch geschriebener Artikel,“ sagte mir Frau Strauß, „war eine Kritik des deutschen Bauernkrieges von Wachsmuth. Er las ihn mir und meinem Manne vor, und als wir unsere Bewunderung darüber aussprachen, rief er: ,Ja wohl, Euch gefällt er, aber Raspail wird gewiß darüber spotten?“ Strauß brachte den Artikel zu Raspail, der damals den „Réformateur“ redigirte, mit dem Auftrage Börne’s, jede nöthige Stiländerung daran vorzunehmen, den Sinn aber unverändert zu lassen. Raspail las den Artikel und ließ ihn sogleich, ohne auch nur eine Silbe daran zu ändern, im Réformateur abdrucken. Für dasselbe Blatt schrieb Börne auch einen Artikel über, oder vielmehr, gegen Heine und gab dann die „Balance“ heraus. Börne’s sämmtliche in französischer Sprache geschriebene Artikel wurden nach seinem Tode gesammelt und mit einer von Cormenin geschriebenen Vorrede herausgegeben.

Wer es versucht hat, in einer fremden Sprache zu schreiben, namentlich in der schweren französischen, die nur selten ein Ausländer mit Geschmack und Eleganz handhaben lernt, kennt die außerordentlichen Schwierigkeiten, die sich diesem Versuche entgegenstellen. Börne hat indessen mit seinen französisch geschriebenen Artikeln wahrhaftes Aufsehen erregt und seinen Namen, der schon vorher in den demokratischen Kreisen Frankreichs mit Hochachtung genannt worden war, auch außerhalb dieser Kreise bekannt gemacht. Die Franzosen verehrten in ihm den großherzigen Schriftsteller, der die Culturbestrebungen Frankreichs und Deutschlands vermitteln, der beide Länder durch das Band der Eintracht verknüpft sehen wollte, weil er durch diese Eintracht allein die Freiheit und den Frieden in Europa für gesichert hielt. Börne liebte Deutschland so heiß wie irgend Einer, aber er glaubte nicht, daß, wenn man Deutschland liebt, man Frankreich nothwendig hassen müßte. Die Deutschtümelei und die Franzosenfresserei erregten seinen Zorn. Unter den Franzosen war es besonders der Bildhauer David von Angers, der sich ihm in innigster Freundschaft anschloß. David liebte Deutschland und theilte die politischen Ansichten Börne’s. Er verfertigte Börne’s Büste in Marmor, eine der gelungensten Arbeiten des Künstlers, die er nach dem Tode Börne’s für dessen Grab auf dem Père Lachaise in Bronze ausführte.

„Gegen Goethe,“ sagte mir eines Tages Frau Strauß, „hegte Börne einen Groll, der mit den Jahren wuchs.“ Die olympische Ruhe Goethe’s erschreckte ihn. Er verkannte dessen Dichtergröße durchaus nicht, er war aber darüber empört, daß ein solches Genie sich nicht an die Spitze der Freiheitspartei stellte. Er, dessen ganzes Leben einem Parteikampfe gewidmet war, den er mit großer Leidenschaft führte, wollte überall nur leidenschaftliche Parteikämpfer sehen. Die Ruhe Goethe’s, die er irgendwo steinerne Ruhe nennt, schien ihm hassenswerther als die heftigste Reaction. Er sah darin eine herzlose Gleichgültigkeit. Dies war freilich ein großer Irrthum, der jetzt, wo so viele Börne’sche Standpunkte glücklich überwunden, noch größer erscheinen [176] muß. Börne liebte von Goethe’s Werken nur den Werther, Götz von Berlichingen und Egmont. Diese Dichtungen las er mit Vergnügen und hielt sie sehr hoch, weil er in denselben viel Jugendfeuer und die Sprache der Leidenschaft fand. Die übrigen Schöpfungen des großen Dichters ließen ihn kalt. Wilhelm Meister erregte sogar seinen Unwillen, und selbst Faust konnte ihm keinen Beifall abgewinnen. Er äußerte zu wiederholten Malen, daß seine Ansichten über dieses Werk von denen aller Anderer abwichen, und er würde sie gern mittheilen, wenn seine gereizten Nerven es ihm gestatteten. Seine Nervenleiden wuchsen indessen mit jedem Tage und erlaubten ihm selten, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Das Schreiben wurde ihm am Ende unmöglich, da er, wie er sagte, mit dem Blute seines Herzens und dem Safte seiner Nerven schrieb. Er gehörte zu den Naturen, in denen der Geist ätzend auf den Körper wirkt. Er wußte sehr wohl, daß die politische Polemik ihn aufgerieben und ihn abgehalten, nach anderen Richtungen hin zu wirken. Das erfüllte ihn mit Kummer. Eines Tages, und zwar kurz vor seinem Tode, ging er, mit beiden Händen sich den Kopf haltend, eine Weile im Zimmer auf und ab und rief dann mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes: „Gott! ich hätte noch so viel zu sagen über Welt und Menschen, aber die leidige Politik gönnt mir nicht Ruhe noch Rast.“

Nach dem Tode Börne’s zog Frau Strauß nach Auteuil und kam nur nach Paris, wenn sie durch eine dringende Angelegenheit dazu genöthigt wurde. Fast beständig war sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und stöberte in den Handschriften Börne’s herum. Sie gab damals die zwei letzten Bände seiner hinterlassenen Briefe heraus, und diese Beschäftigung regte sie noch mehr auf. Ich befand mich einst im Lesecabinet in der Passage de L'opera, als Strauß zu mir kam und mir mittheilte, daß seine Gattin mich draußen erwarte. Ich fand sie in großer Angst und am ganzen Leibe zitternd. Und was war die Ursache dieser fürchterlichen Bestürzung? Sie hatte soeben die zwei Bände der hinterlassenen Briefe vom Verleger erhalten und in denselben viele Druckfehler gefunden. Sie hielt die Auflage für verstümmelt und fürchtete eine Niederlage für den Ruhm ihres Freundes. Ich hatte große Mühe, sie zu trösten und ihr begreiflich zu machen, daß seit der göttlichen Erfindung Gutenberg’s kaum ein Buch gedruckt worden, in welchem nicht sinnentstellende Druckfehler zu finden, daß die Werke Goethe’s und Schiller’s gar viele Druckfehler enthielten und daß das Publicum sich nicht daran stieße. Um sie aufzuheitern, zählte ich ihr eine Reihe komischer Druckfehler auf und hatte endlich das Vergnügen, sie etwas beruhigt zu sehen.

Das Publicum kennt von dem Briefwechsel Börne’s mit der Frau Strauß nur seine Briefe, nicht die ihrigen. Sie hat auch niemals ihren Freunden eine von ihr geschriebene Zeile mitgetheilt. Ich glaube indessen, daß sie auf Börne mehr durch die seltenen Vorzüge ihres Herzens als durch ihre geistigen Eigenschaften gewirkt habe. Wie anregend sie in frühern Jahren gewesen sein muß, sollte ich einst selbst erfahren. Ich war mit mehreren Freunden an einem Sonntag bei ihr zu Tische. Es wurden, da die Hitze sehr groß war, einige Siphons eau de Seltz servirt, und ich, der ich an das wirkliche Selterswasser gewohnt war, fand dieses künstliche Mineralwasser herb und beißend. Ich machte dabei die Bemerkung, daß die Fabrik nicht die Werkstätte der Natur zu ersetzen vermöge, und mochte vielleicht für diesen Gemeinplatz eine glückliche Form gefunden haben. Nach einigen Secunden sagte mir Frau Strauß: „Was Sie eben gesagt, ist sehr hübsch, und Sie sollten es niederschreiben.“ Ich nickte bejahend; sie kam aber während der Tafel noch einige Male darauf zurück und ich mußte ihr endlich versprechen, sogleich bei meiner Rückkehr den Gedanken auf’s Papier zu werfen.

Unbegrenztes Wohlwollen war der Hauptzug ihres Charakters und bekundete sich in Allem, was sie sprach. Man weiß, wie sehr Heine in seinem Buch über Börne sie mißhandelte, wie grausam er ein reines edles Verhältniß in den Schmutz zu treten und die Lacher auf seine Seite zu ziehen suchte. Nun, man hat oft von Heine bei Frau Strauß gesprochen, niemals aber habe ich von ihr ein hartes Wort gegen ihn äußern hören. Sie sprach im Gegentheil immer voll Bewunderung von seinem Talente und erzählte gern von seinem ersten Besuch bei ihr in Frankfurt, als er, mit Börne innig befreundet, ihr ein Exemplar, seines Buchs der Lieder überreichte. Einmal, da man auf Heine’s Schrift gegen Börne zu sprechen kam, sagte sie lächelnd, sie begreife nicht, warum Heine ihr ein blatternarbiges Gesicht angedichtet; ob denn ein Weib blos durch ein blatternarbiges Gesicht das Zwerchfell der Männer erschüttern könne? Sie wenigstens finde gar nichts Komisches daran, ein armes Wesen durch die Spuren einer fürchterlichen Krankheit entstellt zu sehen.

Frau Strauß war nicht blatternarbig und hatte auch nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem Zerrbilde, das Heine als ihr Portrait gegeben. Sie war, als ich sie kennen lernte, eine etwas untersetzte Matrone mit sanften, schwermüthigen Gesichtszügen, die sich nur selten belebten. Ihre Stimme hatte etwas Sympathisches. Man hörte gern zu, wenn sie sprach, und war überzeugt, daß ihr die Worte aus dem Herzen kamen.

Frau Strauß war nicht nur sehr wohlwollend, sie war auch sehr wohlthätig. Die Reaction von 1849 hatte unzählige Deutsche in’s Exil getrieben. Viele von ihnen kamen nach Paris und befanden sich in der traurigsten Lage. Die edle Frau half, wo sie helfen konnte, ohne es an die große Glocke zu hängen, ohne jemals der Opfer, die sie gebracht, auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Die Unglücklichen, denen sie das schwere Loos zu erleichtern suchte, erfuhren nicht, woher ihnen die Wohlthat kam. Frau Strauß ließ ihre Spenden den Hülfsbedürftigen durch vermittelnde Personen zufließen, auf deren Verschwiegenheit und Zartgefühl sie rechnen konnte, und erst nach ihrem Tode hat man erfahren, wie freigebig sie gewesen.

Im Juli 1850 ging ich nach England. Ich verabschiedete mich von ihr mit der Ahnung, sie nicht wieder zu sehen. Die siegreiche Reaction versenkte sie in düstere Schwermuth, die mit jedem Tage bedenklicher wurde. Sie fürchtete beständig von den Häschern des Despotismus überwacht zu sein, und als die Nachricht von dem Staatsstreich zu ihr gelangte, hüllte sich ihr Geist in ewige Nacht. Noch mehrere Jahre siechte sie hin, bis endlich ein milder Tod ihr Auge schloß. Daß größere Publicum kennt die Freundin Börne’s kaum dem Namen nach, sie verdient es aber gewiß, zu Deutschlands edelsten Frauen gezählt zu werden.





Opferstock für Ostpreußen.

Es gingen ferner ein: V. v. Inten in Ottomont 2 Thlr.; B. in Hiltorp 6 Thlr.; Kessow in Neubrandenburg 2 Thlr.; aus Liebenberg 2 Thlr. 15 Sgr.; H. L. m Wehlen 20 Sgr,; aus Hard bei Bregen; (7 Fr. 54 C.) 4 Thlr. 27 Sgr.; zwei Schüler in Neumünster und Zürich 5 Thlr. 10 Sgr.; Ungenannt aus Leipzig 5 Thlr.; auf einem Maskenball in Annaberg gesammelt 6 Thlr. 20 Sgr.; aus Neu-Arad 15 fl. öster.; bei einer Theatervorstellung im Mädcheninstitute zu Kirchheimbolanden ges. 16 fl. rhein.; Halbertrag eines Concerts im Schützensaale zu Apolda 22 Thlr.: H. R, in Wittenberg 50 Thlr.; Kunigunde aus H. 1 Thlr.; F. E. M. in Frankfurt 1 fl. rhein.; K, in Arnstadt 2 Thlr.; Sammlung in Hundshübel 6 Thlr. 31/2 Sgr.; Heinr. Koy in Tarnow 5 fl. öster.; aus Oberfrohna 1 Thlr.; von einer kleinen Gesellschaft in Gladbach 4 Thlr. 15 Sgr.; aus Stauchnitz 10 Thlr.; I. E. St. in Fulda 10 Thlr.; Rottmayer in Wien 2 Thlr.; N. N. in Triest 3 fl. öster.: F. in Meerane l Thlr.; Marquardt in Großenhain 1 Thlr.; Ida Preuß in A. 10 Sgr.; Gemeinde Göbschelwitz bei Leipzig 20 Thlr.; H. L. in Sülz 4 Thlr.; L. O. in Ch. 1 Thlr.; bei einer heitern Fasnachtsfeier der Gesellschaft Reunion in Kötzschenbroda 21 Thlr.; A. K. in B. 20 Sgr.: B. P. in Weimar 1 Thlr.; A. C in Koblenz 2 Thlr.; aus der Sammlung der Plemperie in Leipzig beim carnevalistischen Konzert 9 Thlr. 4 Sgr.; zwei Abonnenten der Gartenlaube in Paris 20 Thlr.; beim Turner- Maskenball in Jeßnitz 3 Thlr.; Theatervorstellung des Lesekränzchens in Riesa 19 Thlr. 101/2 Sgr.; Sammlung bei dem Fastnachtsfeste der „Euterpe“ in Buchholz 10 Thlr. 25 Sgr.; Sammlung des wissenschaftlichen kaufmännischen Vereins „Börse“ in Zwickau 33 Thlr. 20 Sgr.; aus der Sammelbüchse der Starke'schen Apotheke in Lindenau 12 Thlr. 171/2 Sgr.; von weiblichen Dienstboten des Herrn Falkensteiner und von drei Arbeitern in Kitzbüchel (Tirol) 3 fl. 24 kr.; von einem, der sich schämt, so spät etwas geschickt zu haben 1 Thlr.; M. und A. 1 Thlr.; aus Deutschlands Ostmark die Wiener Burschenschaft „Silesia“ 30 fl. öster.; ein deutsches Herz im fernen Ungarland 3 fl. öster.; ein Abonnent ans Belgien 10 Thlr.; A. K. in Nenzerheim 2 Thlr.; 2 Sgr.; K. B. in J. 2 Thlr.; vom Stiftungsfest des Gesangvereins zu Langwelmsdorf bei Stolpen 7 Thlr. 27 Ngr. 1 Pfq.; aus Diebach (21 fl.) 12 Thlr.

Von diesen Eingängen sind sofort abgesandt worden: Lehrer Gundrich in Gaudischkehmen 30 Thlr.; Provincial-Comité in Königsberg 150 Thlr.; John Reitenbach in Plicken (Bürger- und Bauernfreund) 150 Thlr.


  1. Derselbe wurde, an einer Schießhütte vorüberfahrend, von einer abprallenden Kugel getödtet.