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Die Gartenlaube (1867)/Heft 51

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[801] No. 51.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Heimath.
Eine Novelle in Briefen von Adolf Wilbrandt.
Briefe Friedrich’s an seine Schwester.
Fortsetzung.


Vierter Brief.

Wirst Du Dich nicht schon über das Postzeichen auf dem Couvert verwundert haben? Ja, meine liebe Julie, – noch bin ich hier. Warum? Weil ich ein gutes Herz habe, liebe Schwester; weil ich meine Jugendfreundin nicht in ihrer Elendigkeit verlassen wollte; weil ihre Erkrankung – doch ich muß es Dir, damit Du mich verstehst, zusammenhängend erzählen.

Schon vor jenem ernsten Abend, Julie, dessen Schilderung Dich so lebhaft gerührt hat, war Anna zuweilen bleich und matt gewesen (sonst ist sie immer blühend und gesund), aber Niemand hatte darauf geachtet, sie selber am wenigsten. Ich bemerkte nur, daß sie gern allein war, daß sie ihre Bekannten und Freundinnen mehrmals ablehnte, während sie gegen mich – das muß ich ihr nachsagen – sich liebenswürdiger, weicher, herzlicher zeigte, als zuvor. Ich war zwei Tage verreist, um in G… einen meiner Jugendfreunde zu besuchen. Als ich zurückkam, war mein erster Gang in das Haus vor dem Mühlenthor; denn diese letzten Tage sollten noch ganz den alten Freundschaften und Erinnerungen gewidmet sein. Es war kurz nach Tisch; ich fand Anna allein, sie saß auf dem Sopha, kläglich blaß, auf ihrem Schooß alte vergilbte Briefe ausgebreitet, und las und hatte Thränen in den Augen. Sowie sie mich sah, raffte sie die Briefe zusammen, versuchte zu lächeln und sagte: „Die Tante schläft, aber es ist schön, daß Du kommst,“ und wollte aufstehen, um die Briefe und die Thränen zu verbergen. „Anna,“ sagte ich, „wozu Dich wieder verstecken? Bin ich es denn so gar nicht werth, Dich ernst und bewegt zu sehen?“ Sie ward wieder purpurroth; dann aber kam die ganze Blässe zurück, ihre Augen standen voll neuer Thränen und sie hauchte hervor: „Du hast Recht. Ich habe in den Briefen meiner Mutter gelesen. Warum soll ich nicht traurig sein? Ich habe ihr Grab so lange nicht gesehen. Jetzt ist Alles voll süßer Blumen, – nur ihr Grab nicht. Ich möcht’ es besuchen, Friedrich, in dieser Stunde, es freundlich ausschmücken. Aber ich glaube,“ setzte sie matt und schwermüthig hinzu, „ich bin zu schwach, um allein hinauszugehen.“

„Wie,“ sagte ich erschrocken, „bist Du unwohl, Anna?“

„Das nicht,“ erwiderte sie, „aber matt bin ich, seltsam matt, wie ich mich gar nicht kenne. Und es ist etwas weit hinaus.“

„Könntest Du nicht eine Deiner Freundinnen bitten?“

„Nein,“ sagte sie hastig, „zum Grab meiner Mutter geh’ ich nicht mit den Menschen, nur allein.“ Dann setzte sie zögernd hinzu: „Nur mit Dir möcht’ ich hin, – wenn ich Dir nicht lästig falle. Du hast sie noch gekannt, Du bist auch nicht wie die Andern!“ Darauf wurde sie wieder stumm. Ich drückte ihr die Hand, bot ihr meinen Arm und führte sie hinaus.

Es war uns wohl Beiden seltsam, so miteinander auf der Landstraße, an den letzten Häusern vorbei, unter den alten Linden dahin zu ziehen. Sie suchte darüber zu scherzen, aber so oft uns ein Mensch begegnete, erröthete sie und sah fest auf den Boden. „Ich halte aus,“ sagte sie plötzlich und blickte mich mit einem reizend schwermüthigen Lächeln an; „ich will’s einmal versuchen, mir nichts aus den Menschen zu machen!“ Sie hatte sich, ehe wir gingen, drei schöne Blumenkränze über den Arm gehängt, die sie am Morgen gewunden hatte. Die schwüle, regenschwere Luft, der farbiggraue Himmel, die tiefe Beleuchtung stimmten ganz zu ihrem ernsten Unternehmen, und wie sie so langsam und bleich dahinging, konnte man sie nicht ohne Rührung betrachten. Ein paar Frauen saßen am Wege und boten uns Trauerkränze aus gemachten Blumen an, aber Anna wandte sich fast leidenschaftlich hinweg, zog mich weiter und sagte: „Diese todten Blumen sind mir schrecklich; will man denn nicht die armen stillen Gräber ein wenig lebendig machen?“ Dabei ließ sie mich los und that ein paar Schritte dem Bach entgegen, der sich an der Straße vorbeiplaudert, und pflückte dort noch eine Hand voll Vergißmeinnicht, um sie auch auf der Mutter Grab zu legen. So kamen wir hin. Als wir uns dem kleinen grünen Hügel näherten, warf sie mir einen bittenden Blick zu, den ich verstand. Ich blieb an der schönen, uralten Linde stehen, die so mitten auf dem Friedhof ihre ungeheure Krone über die nachbarlichen Gräber ausbreitet, wie eine Henne die Flügel über ihre Küchlein, gedachte meiner eigenen Todten und nahm mir vor, ihnen morgen die gleiche Liebe anzuthun, und überließ unterdessen Anna ihren einsamen Gefühlen. Als ich endlich zu ihr hinüberblickte, sah ich sie an der Mutter Grab hingesunken und in Thränen zerfließend.

Ich ließ sie sich ausweinen; sie richtete sich nach einer Weile wieder auf, wusch sich die Augen mit dem letzten Rest des Wassers, mit dem sie den Hügel und die Blumen begossen hatte, und kam zu mir zurück, um heimzugehen. Sie klagte, sie sei noch matter, als zuvor, aber eine unendliche Weichheit lag auf ihren Augen und um die Lippen, und sie fing an, von unserer ersten gemeinsamen Jugendzeit nach ihrer Verwaisung zu reden. Eine Erinnerung rief die andere wach, und uns fielen abwechselnd hundert kleine Erlebnisse und Stimmungen ein, an die wir nie mehr gedacht hatten. [802] Ich sagte endlich scherzend: „O Anna, damals warst Du liebenswürdig!“ Sie nahm es ernst und antwortete: „Ich hab’ es verlernt, das ist wahr!“ Und nach einer Weile: „Ich hätte in Eurem Hause bleiben sollen, oder hinaus in die Welt!“ Ich unterdrückte einen Seufzer, der sich mir unwillkürlich auf die Lippen drängte. Wie mit Einem Blick sah ich ihren ganzen schmalen Lebenslauf, der mir wie der kleine, eingeengte, langsame, nur von den blauen Vergißmeinnicht ein wenig verschönte Bach neben der Straße erschien, und dachte schwermüthig, wie das Alles anders hätte kommen können. Sie ließ mich eine Weile schweigen, dann fragte sie: „Denkst Du an Deine Schwester?“

„Nein. Warum?“

„Ich möchte sie wohl kennen lernen,“ sagte sie leiser.

„Du solltest sie einmal auf ihrem Landsitz besuchen, Anna. Sie ist eine sehr freundliche Wirthin.“

„Ich suche Niemand auf,“ antwortete sie, „der nicht nach mir verlangt.“

„O,“ sagte ich, „sie möchte Dich auch kennen lernen. Ich schreibe ihr oft von Dir.“

Sie blickte mit einem seltsam traurigen Lächeln: „Du? Da wird sie wohl alle Lust verloren haben, mich kennen zu lernen!“

„Anna,“ sagte ich, „bist Du nun wieder die alte Närrin?“ Sie sah mich groß mit verwunderten, zurechtweisenden Augen an. „Verzeih’ mir das Wort,“ setzte ich hinzu; ich war wieder in der Sprache unserer Backfischzeit. „Aber wirklich, Anna, Ihr solltet endlich miteinander bekannt werden. Ihr könntet mir dann gemeinschaftliche Briefe nach Italien schreiben.“

„Italien, immer Italien!“ murmelte sie und wandte sich hinweg. Dann sagte sie auf einmal hastig: „Du willst fort, wann reisest Du ab?“

„In wenigen Tagen.“

„Morgen?“

„Nein,“ sagte ich, „Du hörst, in wenigen Tagen.“

Nun verstummte sie wieder. Sie war so seltsam erregt; ich fühlte, wie sie mich ansteckte. Ich wollte eben die schwüle Stille mit einer vielleicht zu herzlichen Aeußerung unterbrechen, als von den Tannen her, auf der anderen Straße, die mit der unseren zusammentraf, die Cousinen und die kleine Freundin herankamen und sie lachend anriefen. Anna blieb in neuem Erröthen stehen. Ich bemerkte, wie sie auf einmal an allen Gliedern zu zittern anfing. Die Mädchen blickten uns Beide abwechselnd an, verzogen die Mundwinkel, stießen sich gegenseitig mit den Ellenbogen, begrüßten uns mit einem eigenthümlichen Lächeln, und ich fühlte, wie mir jeder Blutstropfen in Wallung gerieth. Ich warf ihnen mühsam ein paar Worte hin, die ihnen unsere Wanderung nothdürftig erklären sollten, und dachte: könnt’ ich sie umbringen! Auf einmal rief Cousine Emma: „Aber wie Du blaß wirst! Was ist Dir?“ Ich sah Anna wieder an; da stand sie schwankend wie ein Lilienstengel im Wind, das kreidige Weiß auf den Lippen, und war im Begriff, die Augenlider zu schließen.

Du denkst Dir meine Bestürzung, Julie! Mein erster, widriger Gedanke war: wie nun diese Geschöpfe sich das Alles zurechtlegen werden! mein zweiter, Hülfe zu schaffen. Wir stützten sie, wir fragten, was ihr fehle. Sie verlangte nur heim. Aber an Gehen war bei dieser Schwäche nicht zu denken. Sie kam ein wenig wieder zu sich und warf einen Blick auf mich, der mir wirklich durch Mark und Bein ging. Endlich entschloß ich mich, so hart es mich ankam, sie mit den Frauenzimmern allein zu lassen und einen Wagen zu holen. Ich war so verwirrt, daß ich den nächsten, der mir entgegenkam, fast hätte vorbeifahren lassen. Als ich dann mit dem Gefährt zu der Stelle zurückkam, wo sie gegen einen Baum gelehnt, ein wenig zusammengefallen, wie ein welkes Schneeglöckchen dastand und mir mit matten Augen entgegensah, fühlte ich die herzlichste Freude – so hatte mich der plötzliche Anfall in Angst versetzt – sie doch noch aufrecht, noch lebendig zu sehen. Wir halfen ihr in den Wagen hinein, die Mädchen setzten sich ihr gegenüber, man ließ mich dankend stehen, rollte im Staub davon, und so hatte dieser seltsame Trauergang sein trauriges Ende.

Gegen Abend erkundigte ich mich, wie es ihr gehe. Der Arzt war da gewesen, er hatte versichert, eine ernstliche Erkrankung sei nicht zu fürchten, es sei offenbar nur eine wunderliche Erschöpfung und Ermattung, die Nerven seien verstört, das werde vorübergehen. Sie beginnt denn auch, sich langsam zu erholen, aber so langsam, daß ich nun schon acht Tage darüber verloren habe. Stehen und Gehen wird ihr sauer. Im Bett will sie auch nicht liegen; lesen, sich vorlesen lassen, das ist ihr liebstes Vergnügen. Und so ist es denn mein Amt, ihr täglich gute Bücher zu bringen; nur gute, andere will sie nicht, und was ihr die Freundinnen vom Verleiher in’s Haus schleppen, legt sie still bei Seite. Aber am glücklichsten ist sie, wenn ich ihr vorlese. Da werden ihre Augen höchst lebendig und die horchsamen Lippen schließen sich so schön. Ihre Blässe kleidet sie gut, der Ausdruck ihres Gesichtes hat an Geistigkeit unendlich gewonnen, seit ich sie zum ersten Male wiedersah.

Ja, liebe Julie, noch bin ich nicht abgereist. Es ist mir widerwärtig, sie jetzt den andern Menschen zu überlassen, deren Gegenwart sie nur belastet, davonzugehen, ohne sie genesen zu wissen – kurz, ich habe meinen Entschluß noch nicht gefaßt, wozu es weiter erklären. Meine Pflichten drängen mich nicht. In Rom brauch’ ich nicht vor einem Monat zu sein. Ich hatte vor, langsam über Südfrankreich hinzuschlendern, jetzt werde ich vielleicht diesen Umweg aufgeben, das ist Alles. Ach, Julie, ich fühle mich so seltsam hin und her gezogen! Doch genug davon, wir sind nicht die Herren unseres Schicksals, wir thun ja, was man uns eingiebt.




Fünfter Brief.

Liebe Julie, ich brüte über Deinen letzten Brief in der aufgeregtesten Stimmung. Du hast mich aus meiner Ruhe aufgeschreckt. Du hast es mir mit Deiner unerbittlich sicheren Hand gleichsam auf die Stirn geschrieben, daß ich nur noch die Wahl habe, entweder – Ernst zu machen, oder davonzugehen. „Aus Deinen Briefen,“ schreibst Du, „erseh’ ich es deutlich, daß hier nicht länger gespielt werden darf!“ Julie, diese Worte haben mich seit gestern zum unruhigsten, verworrensten, unseligsten Menschen gemacht. Ja, ich sehe wohl, es muß ein Ende gemacht werden. Ich will fort, ich will fort. Zwar das Gerede der Leute kümmert mich nicht. Ich bin zu stolz, mir von den Zungen und Gesinnungen und Vorurtheilen der kleinen Menschen mein Leben vorschreiben zu lassen. Darum hab’ ich es auch verschmäht, Dich von den Sticheleien zu unterhalten, die mir reichlich zu Theil geworden, von den Vettern und Basen aus unser Beider Verwandtschaft, die sich mit heuchlerischen Kratzfüßen eingemischt, von den Blicken, dem Achselzucken, dem Aufpassen, an’s Fenster Fahren, Zusammenzischeln. Wohl ihnen, daß sie an ihrem Mitbürger, der sie von Herzen verachtet, wenigstens eine unerschöpfliche Unterhaltung haben! Nur einmal, an einem dieser letzten Tage, hab’ ich irgend einer Frau Gevatterin, die mir geradeheraus zur Verlobung glückwünschte, meine Meinung gesagt: daß ich nicht gesonnen bin, mir durch die niedrige Denkart der Menschen ein herzliches, altes, wohlerprobtes Freundschaftsverhältniß vergiften zu lassen. Da ist denn die Giftkröte wieder davongewatschelt… Aber sei ruhig, Schwester, ich seh’ es dennoch ein, ich muß fort. Ich werde gehen. Ich werde den Staub von meinen Füßen schütteln und wieder hoch aufathmen, wenn ich in freier Luft bin.

Es ist wahr – da Du es wissen willst – ich bin der einzige junge Mann, der in dem Hause so vertraulich verkehrt. Nur Anna’s Musiklehrer ausgenommen, den guten Walter, einen langjährigen Hausfreund, der immer schwarz gekleidet geht, sie mit Blumensträußchen und eigenen Compositionen beschenkt und sonst ein stiller, weichmüthiger, etwas melancholischer Mensch ist. Ihm beklatscht man seine Besuche und seine langgedehnten Musikstunden nicht, weil er mit einem anderen Mädchen, einer Jugendliebe, schon halb verlobt gesagt wird. Ich freilich, bei dem dies Beides zusammenfiele – was für ein dankbarer Stoff für unsere Spießbürger und Gevatterinnen, Julie, und wie würden sie schmunzeln! O, mir sträubt sich Alles, wenn ich nur daran denke. Es würde im ganzen Nest eine grenzenlose Schadenfreude sein. Wie sie mir die Hände schütteln und mir dabei in’s Gesicht lachen würden, und mit ihren fetten Fingern auf den „Italiener“ zeigen, der wieder eingeheimst sei, und daß es den vornehmen, jungen Gelbschnäbeln so zu ergehen pflege! Nein, nein! Dieses letzte Vergnügen wenigstens sollen meine geliebten Mitbürger nicht an mir erleben.

Ich bin so grimmig, Julie, so verstimmt, so voll Unmuth – – Ja, es ist Zeit, daß ich gehe. Es ist hohe Zeit. Mein Herz, denk’ ich, ist frei; aber ob auch das andere.… Ich sage nichts weiter; erlaß mir’s. Es wird mich noch eine harte Stunde [803] kosten. Es wird ihr schwer sein, mich, halb genesen, wie sie ist, ziehen zu lassen, nachdem uns eine seltsame, trauliche Zeit wieder an einander gewöhnt hat. Ihre hastige Röthe, wenn ich komme, ihre liebliche, sanfte Beruhigung, wenn ich ihr vorlese, und wenn ich gehe, ihr letzter stummer bittender Blick, daß ich nicht anders kann, als bald wieder da sein – das Alles merke ich wohl. Nun hört sie mich auch gern und ruhig an, wenn ich ihr von Italien, von Rom, von meinen heiligsten Erbauungsstunden im Pantheon, auf dem Forum, in der Campagna erzähle. Ihre ganze Seele fliegt mit hinaus, ihr alter Reisetrieb, der sie als Kind zur Schwärmerin machen konnte, ist wieder erwacht, und zuweilen, wenn die Fülle der Erinnerungen mich zu warmer Beredsamkeit dahinreißt, wird sie wie die Birke im Frühling: der frische Lebenssaft drängt unaufhaltsam nach oben und quillt in Thränen hervor.

Ja, Julie, ich mußte heute in lächelnder Rührung an sie denken – so, wunderlich der Vergleich Dir klingen mag – als ich in meiner Wirthin Gärtchen stand und an einem ihrer grün angestrichenen Blumenstöcke, an dem einzigen Pünktchen, wo der Pinsel des Anstreichers nicht gehaftet hatte, ein Harzthränchen hervorgequollen sah. Ich wischte es neugierig ab, es duftete so kräftig wie das Harz im Walde. Gutes Holz, dachte ich, man hat dir nun schon so lange Luft und Leben genommen, dich zu gemeiner Nützlichkeit verschnitten, dir mit dem künstlichen Firniß alle Poren verstopft; nur eine einzige hat man aus Zufall offen gelassen, – und der Mai kommt und aus dieser einzigen Pore bricht der Saft des Lebens wieder hervor! Konnte mich das nicht nachdenklich machen, Julie? Und ist es so ein einfacher, leichter Entschluß, den armen Baum, den ich meine, seinem mörderischen Schicksal zu überlassen?

Doch – mir fällt dabei ein, was Du am Schluß Deines Briefes schreibst: daß unsere Freundin, Frau Amanda, nach Italien reisen will und sich nach einer angenehmen Gesellschafterin umsieht. Glaubst Du nicht, liebe Julie, daß sie an Anna finden könnte, was sie wünscht? und daß es ihr nicht eine beständige Freude und Erquickung sein würde, der armen Gefangenen für eine Weile zur Freiheit zu verhelfen und ihre gute Seele sich in guter Luft entfalten zu sehen? Was meinst Du? Mir, das bekenn’ ich Dir, würde es einen großen, harten Stein vom Herzen wälzen.

Doch nun zum Scheiden, zum Scheiden! Leb’ auch Du wohl, meine geliebte Schwester. Mich ruft mein Glück, das ich schon so lange versäumt und verzögert habe; ach, wir Menschen, wir Menschen!




Sechster Brief.

Wünsche mir glückliche Reise, Julie! Nun endlich geh’ ich, man hat es mir leichter gemacht, als ich armseliger Hasenfuß gedacht hatte! – Seltsame, unglaubliche Erlebnisse liegen hinter mir, fast möcht’ ich mich in die Finger beißen, um mich sicher zu machen, daß ich nicht aus dem Traum rede. Traum! O, ein zu lange fortgesponnener Jugendtraum ist nun ausgeträumt; ich reibe mir noch die Augen, und nur an der juckenden Narbe fühl’ ich noch, daß ich Gefahr lief, mehr davon zu tragen als eine heilbare Wunde.

Ja, es ist mir wundersam ergangen, Schwester! Ich habe Dir ein beschämendes Bekenntniß abzulegen, und Du bist der einzige Mensch, gegen den ich es ablegen könnte… Doch wozu die Vorreden? Ich hatte schon gestern Abend abfahren wollen. Alles war vorbereitet, den Nachmittag hatte ich der Tante versprechen müssen bei ihr zu verbringen. Als ich hinkam, fand ich noch einen zweiten Gast, den schwarzen Walter, von dem ich Dir geschrieben, den langweiligen Menschen. Ich gestehe, daß seine Gegenwart in dieser Abschiedsstunde mir vom ersten Augenblick an zuwider war, wie wenn ich den Ausgang geahnt hätte! Die gute Tante hatte am hellen Nachmittag eine duftende Bowle auf den Tisch gestellt, fuhr noch mit dem großen Löffel darin herum, kostete ein Mal über das andere und ließ dann ihrer Zunge keine Ruhe, uns zum Trinken zu spornen. Das Mädchen saß in der Ecke, mit stillem Lächeln, aber bleich und stumm; Walter starrte in sichtbarer Aufregung auf die Tischecke, und mir, das muß ich bekennen, war recht erbärmlich zu Muthe. Ich hätte diesen Menschen so gern noch etwas Warmes, Liebes, Herzliches gesagt, und doch fühlte ich fort und fort, wie sehr ich dabei Gefahr lief, über die Grenze zu gehen, und so ward ich nur immer stiller und stiller und erlahmte bald, unsere gedämpfte, schwere Stimmung durch mühsame Scherze zu erleichtern. Dazu der Wein zu so ungewohnter Zeit, und nach dem warmen Regen die heiße Schwüle, die von draußen hereindrang. Ich mußte mich endlich in’s offene Fenster legen und rang nach Luft.

Als ich mich wieder zurückwandte, waren Walter und die Tante verschwunden und schienen im Nebenzimmer leise mit einander zu sprechen, und ich war mit Anna allein. Sie saß noch in ihrer Ecke und hatte die Hände vor die Augen gelegt. Um uns her war es so still, daß man fast das leise Lüftchen hören konnte, das durch’s Fenster hereinkam und durch’s Schlüsselloch hinausglitt. Meine Beklemmung wuchs. Aus reiner Herzensangst war ich drauf und dran, neben sie hin zu treten und den Arm um ihren Hals zu legen und sie zu fragen: „willst Du mein sein?“ Aber unwillkürlich, Julie, schüttelte ich den Kopf; eine tiefe Stimme im Innersten flüsterte mir lebhaft und immer lebhafter zu: „Deine Freiheit, Deine Freiheit! Diese enge Welt! Verkaufe Dein Leben nicht!“ Ich war so erregt, so aufgewühlt, daß bei diesem Gedanken meine Stimme plötzlich zu tönen anfing. Ich erschrak vor mir selbst, Anna aber fuhr auf, warf ihre verwirrten Augen umher und sah mich an. Das Gefühl brannte mich, daß ich nun um jeden Preis etwas sagen müsse. Ich fing an, wie schön diese Zeit gewesen, wie ungern ich sie abbräche. „Anna,“ sagte ich endlich, „willst Du mir gut bleiben?“

„Warum sollt’ ich nicht?“ gab sie kurz zur Antwort.

„Du mußt meine liebe Schwester bleiben.“

Sie sah zur Seite und nickte.

„Wirst Du mir nicht zuweilen schreiben?“ fragte ich, um die Stille zu unterbrechen.

Sie suchte nach einem Wort, dann antwortete sie: „Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich ehrlich sein will,“ brachte sie mühsam hervor, „und das kann ich nur, wenn ich schweige.“

„Ich verstehe Dich nicht, Anna!“

„Wär’ es das erste Mal?“

„Wie,“ fragte ich, „wirst Du wieder bitter gegen mich, in der letzten Stunde?“

Sie antwortete herb: „Ich? bitter gegen Dich? Wie sollt’ ich – wie käme mir das in den Sinn?“ Auf einmal trat sie auf mich zu, sah mir in die Augen und fragte: „Wann kommst Du wieder?“

„Ich weiß nicht,“ sagte ich stockend. „Ich habe noch nicht daran gedacht. Es werden wohl Jahre darüber hingehen, Anna.“

Sie wiederholte langsam: „Du hast noch nicht daran gedacht!“ Und nach einer Pause setzte sie hinzu: „Ich weiß genug.“ Und damit starrte sie zum Fenster hinaus.

– Liebe Julie, ich erzähle Dir das Alles wörtlich und ehrlich, so bitter schwer es mir wird! Mir war sehr unheimlich zu Muthe. Immer drängte es mich, sie anzurufen, aber was konnte dann noch folgen, als das eine Wort, das ich nicht sagen wollte! Endlich trat die Tante aus dem Nebenzimmer herein, aber mit einem unerhört ernsten Gesicht; sie sah die beiden Schweigenden traurig an und schwieg. Um etwas zu thun, stellte ich mich an den Tisch und leerte mein Glas. Die Tante gab dem Mädchen einen Wink, den ich nicht verstand, machte sich am Clavier zu schaffen und fuhr dann an mir vorbei, in die Küche hinaus. Nun endlich bewegte sich auch Anna von der Stelle, wo sie wie eine Bildsäule gestanden hatte, und schwebte leise in das andere Zimmer, und ich war allein.

Das Unerträgliche meiner Lage brachte mich fast von Sinnen. Soll ich so gehen? dachte ich und fühlte den bangen Schweiß an den Schläfen heruntertröpfeln; soll das mein Lebewohl sein? Und so könnte es enden? Ich hörte, wie Walter nebenan mit gedämpfter, aber eindringlicher, erregter Stimme zu Anna sprach; ein unaussprechliches Gefühl packte mich an, ich konnte diese Stimme, dieses Geflüster nicht länger aushalten und schlich hinaus, die Treppe hinunter und halb taumelnd am Fluß entlang meinem Hause zu.

So konnt’ ich nicht abreisen, das war das Einzige, was ich klar empfand. Ich schlenderte so dahin und ließ mich willenlos von meinen wechselnden Gefühlen, wie von warmen und kalten Quellen, überströmen. Es fing eben an zu dämmern, die Luft war so weich, so schmeichelnd, meine kleine Madame Winter saß mit einer Nachbarin auf der Sommerbank vor unserer Thür und lachte so herzlich, vor allen Häusern waren die grünen und weißen [804] Bänke voll plaudernder Mädchen, die Kinder spielten auf den breiten Trottoirs, die kleinsten krochen auf den Kellerluken herum, es war Alles so wohlig, so fröhlich, die Menschen konnten nirgends glücklicher sein. Ich sagte der kleinen Dame, ich würde heut’ noch nicht abreisen; ein vergnügtes Lächeln ging über ihr ganzes Gesicht. Das that mir wohl – ja, Julie, lache mich aus – und schon ein wenig beruhigt ging ich weiter. Ich war wieder ein Kind. Ich hätte mich fast zu den Frauen gesetzt, um mit ihnen zu plaudern. Ich fühlte mich unsäglich einsam und allein. Und indem ich so vorüberging – ich will mir nichts ersparen, Schwester, mögen mir auch vor Scham die Backen brennen – indem ich so weiter ging, stieg auf einmal wie eine Wasserblase in mir der Gedanke auf: Und wenn du hier bliebest? Wenn du ganz hier bliebest, und Anna würde dein Weib? – Die Worte klangen mir im Ohr, als hätte eine fremde Stimme sie gesprochen; ich setzte mich in meinen schnellsten Schritt – lache nur, lache nur – wie um ihnen zu entfliehen, aber sie zogen neben mir her, wie der Mond neben einem laufenden Kind, das ihm zuvorkommen will. Ich blieb endlich stehen, um etwas Athem zu schöpfen und meiner armen gehetzten Seele Ruhe zu predigen. Da stand ich gerade vor der Hausthür des „kleinen Heinrich“, und indem ich hinübersah, entdeckte ich, daß die kleine Gestalt im Zimmer, nahe am offenen Fenster, im hellen leinenen Kittel rastlos auf und nieder fuhr wie ein Stempel im Schwung. Mitten in meiner dumpfen Verstörtheit mußte ich auflachen. Der Gute turnte und führte offenbar die schöne Uebung aus, auf den Zehen stehend in die Kniee zu sinken und sich wieder emporzuschnellen. Ich eilte weiter, damit er mein Lachen nicht hörte. Willst du auch so endigen? dachte ich im Gehen; soll das dereinst für dich einsamen Junggesellen an goldenen Sommertagen auch dein Feierabend-Vergnügen sein, dreißig Mal hinter einander die Kniebeuge zu machen? Mir wurde so kindlich wehleidig zu Muth, wie wenn ich wirklich ein Zwillingsbruder des armen Heinrich wäre, wie wenn ich mein Heimathsstädtle nie verlassen, nie die Luft der alten Römer geschmeckt hätte. „Mach’ einen Gang um die Stadt,“ sagte ich zu mir, „das wird dich wieder aufrichten, du weinerlicher Säugling!“ Aber wie hatte ich mich geirrt! Unter den alten hohen Bäumen, an der verfallenen Mauer entlang, an den halbverschütteten Gräben, meinen alten Spielplätzen, erwachten alle die verspotteten Stadtgrabengefühle; tausend Erinnerungen streichelten mich, ich sah meine Eltern, meine Gespielen, meine kleine „Braut“, die zärtliche Anna, um mich her, mir ward so weich und so wehe. Die dämmernde Nacht legte sich brauner um die Mauern und Thürme, die hinabsinkende Mondsichel erschien mir wie die ausgeblichene Sonne jener Jugendzeit, die noch einmal die alten Wonneplätze zu vergolden suchte, und zwei kindliche, knabenhafte Thränen standen mir im Auge, die ich mit einem Gefühl zerdrückte, Schwester, als hätt’ ich nun Allem, was mir lieb war, die Augen für immer zugedrückt.

Endlich lenkte ich wieder dem Hause der Tante zu, es möchte daraus werden, was da wolle… O, diese Erregung, als ich wieder vor der schmächtigen hohen Thür stand und zu den schon erleuchteten Fenstern hinaufsah – ganz mit der beklemmten Brust, dem fassungslosen Gefühl, mit dem ich vor so vielen Jahren – –

Aber wie soll ich Dir das erzählen, liebste Schwester, was nun folgt? Gott, wie wird mir’s so schwer! Wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke, da ich nun oben in die Thür trat, in meiner Knabentrunkenheit zu Allem entschlossen, – und Anna mir an Walter’s Arm entgegenkam! Nein, erlaß mir den Rest, thu mir die Liebe, Alles zu errathen.

(Am anderen Morgen.) Der Brief ist noch nicht fort; ich konnte gestern nicht weiter. Heute Abend reise ich ab. Mein Kopf ist elend, Alles wird mir schwer; aber es muß ja sein! – Ja, liebe Julie, Anna ist verlobt, und damit endet unsere Geschichte. In jener Stunde hatte er um sie angehalten. Bemerke die Ironie des Schicksals! – O, doch dem Himmel sei Dank, ich bin nun wieder frei, frei wie der Vogel, dem man unerwartet die Thür seines Käfigs geöffnet – hinaus, hinaus!

Wie er mir sie vorstellte als seine Braut, und was ich darauf gestammelt und wie ich wieder hinauskam, – das Alles weiß ich nicht mehr. Ein Traum ist klares Bewußtsein gegen so ein betäubtes Erwachen. Ich sehe nur ihr blasses, todtenblasses Gesicht und ihr Lächeln – Julie, was für ein Lächeln! – Lebe wohl.




Siebenter Brief.

Ich sitze in einem Wirthshauszimmer in der Residenz, liebe Julie, sitze, lauf’ umher, werfe mich auf’s Sopha, laufe wieder, trommele an den Fensterscheiben, singe und lache – und weiß nicht, werd’ ich diesen Brief zu Ende schreiben oder nicht? Juliette, ich habe die seltsamste Eisenbahnfahrt erlebt, die mein armes Gehirn sich hätte erträumen können!

Es war also heute Abend geworden und ich reiste ab, und zwar in der allerkläglichsten Verfassung. Mir schlotterte meine Seele; ich fühlte nun erst ganz, wie fest ich mich in einem gewissen Hause vor dem Mühlenthor eingewurzelt hatte. Italien – ich werde schon wieder lächerlich, Julie – Italien erschien mir in weiter Ferne wie ein Gerüst, auf dem man zu spät gekommene Liebhaber hinrichtet. Einsam und auf Seitenwegen, wie ein Verbrecher, schlich ich dem Bahnhof zu und hatte wirklich so ein Gefühl, wie wenn mein letztes Stündlein geschlagen und das Armesünderglöcklein schon zum zweiten Mal geläutet hätte. Eben wollte ich einsteigen, als ein Junge herantrat und mir einen Brief übergab. Ich sehe die Aufschrift an, glaube die Hand eines meiner Jugendfreunde, der Cigarrenhändler geworden, das heißt eine unbezahlte Rechnung, zu erkennen und stecke sie ruhig ein, und wir Beide – der Brief und ich – rollen davon. Ich drücke mich in eine Ecke und mache die Augen zu, um jeder Anrede auszuweichen, und versuche, nach alter Uebung, durch ein halbschlafendes Hinbrüten, meinen erbärmlichen Gefühlen wenigstens die scharfe Spitze abzubrechen. Aber diesmal gelang es schlecht. Unbeweglich stand es mir vor der Seele, daß ich so abschiedlos davongegangen, so besiegt, so in die Flucht geschlagen – und Sie und ihr trauriges, blasses Lächeln.

Julie, bei dieser Stelle bin ich wieder aufgesprungen und umhergerannt. O, warum schreib’ ich Dir? warum kann ich nicht plötzlich die Hand auf Deine Schulter legen und Dir sagen: es ist vorbei, ich werde sie glücklich sehen und glücklich sein? Zwinge Dich, liebe Seele, schreibe, schreibe! – Ja, ich schreibe. Ich hatte mehrere Stationen hinter mir, das Land und die Nacht flogen vorüber, eine gewisse dumpfe Traurigkeit begann mich wie eintöniger Ammengesang einzulullen. Mir kamen – wie es so geht – ein paar italienische Verse in’s Ohr, die ich einmal in Siena von einem blinden Sänger gehört und in mein Taschenbuch geschrieben hatte. Sie stimmten wunderbar zu meiner Verfassung, es war mir eine Wollust, sie mir vorzusagen, in ihrem schwermüthigen Wohllaut zu schwelgen, aber ich blieb stecken, mein Gedächtniß versagte. Ungeduldig griff ich endlich nach meinem Taschenbuch, um sie bei dem flackernden Licht unserer Wagenlampe nachzulesen, und zog dabei den ganz vergessenen Brief mit heraus, glaubte nun auf einmal eine andere Handschrift zu erkennen, öffnete ihn – und las.

„Mein Freund!“ (ich muß ihn Dir abschreiben, Wort für Wort.) „Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen eine Mittheilung zu machen, die vielleicht das Glück zweier Menschen bewirken kann, wenn ich auch mein eigenes zu Grabe trage. Als ich mich durch eine plötzlich groß gewordene Neigung hinreißen ließ, um unsere gemeinsame Freundin Anna zu werben, glaubte ich mich überzeugt zu haben, daß Sie an ihre Hand keinen Anspruch machten, glaubte auch annehmen zu dürfen, daß Anna’s Herz noch frei sei. Indessen schon Ihr Benehmen, mein Freund, als Sie uns verlobt fanden, Ihr schlecht verhehltes Entsetzen, Ihre hastige Flucht und Anna’s Ergriffenheit hatten mich mehr als nachdenklich gemacht. Heute Nachmittag aber hat mich ein Geständniß vollends aufgeklärt, das unsere kurze Verbindung nothwendig wieder aufhebt. In einer Stunde, die für mich vielleicht die schwerste unseres ganzen Lebens war, hat sie mir unter vielen Thränen erklärt, sie habe sich gelobt, nie mehr gegen irgend einen Menschen unehrlich zu sein, und am wenigsten gegen mich. Sie habe gestern in einer unglückseligen, bis zur Sinnlosigkeit verdüsterten Stimmung sich hinreißen lassen, meine Frage an ihr Herz zu bejahen; heut müsse sie mir sagen, daß sie unfähig sei, mir dieses Wort zu halten, daß sie es nur gegeben, um ihrem Gefühl für einen Andern zu entrinnen, daß sie mir ihre unselige Uebereilung abbitte, daß sie unglücklicher sei, als ich jemals werden könne. Mehr bedurfte es nicht, um mir meine Handlungsweise auf’s Klarste vorzuzeichnen und das herbeizuführen, was ich nun thue, indem ich Ihnen schreibe. Ich war nicht ohne Schuld, ich hätte es bemerken müssen, daß sie einen Andern liebte. Mein Schicksal hoffe ich mit der Zeit zu verwinden. Ihnen Glück zu wünschen vermag ich nicht; lassen Sie

[805]

Wie sich die Gartenlaube das Christfest der Kinder in Johann-Georgenstadt denkt.
Nach Motiven von der Brandstätte gezeichnet von C. Heyn.

[806] sich daran genügen, daß ich als ein ehrlicher Mann Ihnen bereitwillig und offen aus dem Wege trete.“

Ich hatte diesen Brief kaum gelesen, Julie, so sprang ich auf und rief: Halt! wie wenn ich, statt im Eisenbahnwagen, in einer Kutsche säße. Die ganze fahrende Gesellschaft sah mich wie einen Tollgewordenen an, lächelte, zischelte; mir war Alles gleich, ich hatte genug zu thun, mir klar zu machen, daß ich warten und aushalten müsse, bis der Dampfwagen so gefällig sein werde, still zu stehen. Endlich hielten wir, ich sprang hinaus und wollte sogleich zurückfahren. Nun besann ich mich erst, daß vor dem andern Morgen kein Zug mehr dahin abgehe. Und so stand ich nun da und mußte, wohl oder übel, mit meiner grenzenlosen Erregung, meiner Erwartung, meinem angstvollen Glücksgefühl in ein Gasthaus wandern und die lange Nacht wie angekettet verwachen. Und da sitz’ ich und schreibe. Ja, meine Julie, ich habe sie lieb über Alles, und mein muß sie werden! Nun ist es heraus aus dieser närrischen, verhangenen Brust, und klar steht’s mir vor Augen. Sie soll nicht unglücklich sein! Sie soll erfahren, daß ich ein Mensch von ernsten, treuen, ganzen Gefühlen bin, daß ich sie unsinnig liebe. Ja, nun weiß ich es, und die ganze Welt soll es wissen. Auf dieser Hand will ich sie tragen, ihr Reich soll das meine sein, ihre Blumen will ich begießen, ihre Lieder mit ihr singen, ihr Lachen mitlachen, ihre Thränen wegflüstern – und wo wir sind, ist die Welt! Was gilt mir Rom? Was soll ich jenseits der Berge? Ein Mensch, ein Mensch, und alle Ruinen, alle Felsenstädte, alle duftigen Fernen sind ein Schattenspiel, das vor dem Strahl eines beseelten Blicks verschwindet! –

Ach, und dieser Walter, dieser Unglückliche – hat er Dich nicht gerührt? Guter, edler Mensch, laß mich Dich in Gedanken drei Mal umarmen! Wär’ er ein Römer, Julie, er hätte seinen Nebenbuhler mit einem untadelhaften Stiletstich bei Seite geräumt; er ist ein Deutscher und zerdrückt verschämt seine Thränen und sagt mir: nimm sie hin! Wie vergelt’ ich ihm das? Was kann ich thun, als daß ich ihm im stillen Herzen meine Liebe erkläre und mir heilig gelobe, das Mädchen, das er lieb hat, unsäglich glücklich zu machen?

O wär’ es erst Tag und läg’ ich an ihrem Fensterplatz zu ihren Füßen!




Achter Brief.

Gute Nacht! Julie, ich habe mein Schicksal versucht, und nun ist es aus. Für immer aus und vorbei! Lebe wohl, ich bin schon unterwegs; aus Rom schreib’ ich Dir mehr, jetzt versagt mir Alles. Meine blinde Hoffnung hatte mich betrogen. Es sollte nicht sein, man war ohne Zweifel zu gut für mich – o, ohne Zweifel! – Ich weiß nicht, was ich schreibe; lebe wohl. Mir ist, als ob die Erde unter mir wankte und bebte. Ein kleiner Zusammensturz aller Dinge, das wär’ es jetzt, was mir wohlthäte! – Bleib’ Du mir treu. Gute Nacht.

(Schluß folgt.)


Der letzte Gast.
Von P. Kummer.


Die ersten Schneeflocken stöberten vom grauen Novemberhimmel und drinnen dampfte die Schüssel, um die meine Kinder saßen wie die Oelzweige. Ich sprach von der Wehmuth und Freude, mit welcher der erste Schnee das Gemüth berühre, aber der Jubel überwiege, denn hinter diesem flockigen Vorhange, der vor die Sommerfreuden falle, thuen sich das Christfest und die Schlittenbahn, die duftende Hyacinthe am Fenster und alle die unaussprechliche Traulichkeit der Winterszeit auf. Ich protestirte gegen die Worte Walter’s von der Vogelweide, der blos ein Dichter sei, wo er spreche: „Könnt’ ich verschlafen im Winter die Zeit, wach’ ich derweilen, so ist es mir leid!“ So ich, als meine brave Gattin mir freudig eifrig einfiel: „Aber seht nur, mit dem ersten Schnee zugleich der letzte Gast!“ Eine letzte Fliege saß, wie ein Spatz am Fenstersims, am Rande der Schüssel und streckte den Rüssel und leckte, als ob sie Fug und Recht und Sitz und Stimme da habe, wo die Familie sich versammelt, – die letzte von den Myriaden ihres Geschlechts, die längst verschwunden waren. Und wie der Onkel Tristram Shandy’s – in des berühmten englischen Humoristen Lorenz Sterne gleichnamigem Roman – als man in seiner Gegenwart eine Fliege tödten wollte, sagte: „Thut ihr nichts, der Schöpfer hat sie auch geschaffen,“ und sie ergriff und zum Fenster hinausfliegen ließ, so nahm ich den letzten Gast in Schutz und hieß ihn achten und ehren. Er hat sich nachmals am warmen Ofen gütlich gethan und ist da noch manchmal gesehen.

Ich liebe sie, die ehrliche Stubenfliege, nicht nur als Mensch, dem sie ein Mitgeschöpf ist, sondern auch als wissenschaftlicher Dipterensammler, der das Leben und die Eigenschaften der Dipteren (Zweiflügler) fleißig beobachtet hat und um deswillen die Stubenfliege vor unzähligen anderen ihres Gleichen zu berühmen weiß. Ich liebe sie, die ein Weltbürger ist und keinem Orte eines Erdtheiles fehlt, wo irgend nur Menschen sich angesiedelt haben. Wohin ich in und außerhalb Deutschlands nur je gekommen bin, habe ich sie gefunden und bin an die Heimath erinnert worden. Sie proclamirt die Freizügigkeit als ein göttliches Recht. Und so findet sie sich in den Colonistenhäusern Australiens, in den Missionsstuben am Cap der guten Hoffnung, in den Werkstätten der Chinesen und in den Stuben und Ställen der Pflanzer Amerika’s. Sie achtet auch nicht Hoch oder Niedrig: in den Sälen der Fürsten findet sie sich ein und fühlt sich nicht wohler, als in der dumpfig niedrigen Wohnung des Tagelöhners; und sie fragt nicht nach dem Ansehen der Person: die wackere Magd im Gehöfte umschwebt sie in gleicher Zuthulichkeit, wie die sammetne Dame inmitten ihrer elegantesten Soirée, und der Arbeit des Gelehrten schaut sie mit derselben Ausdauer zu, wie dem ehrsamen Handwerker bei seiner Mühe. Das Alles ohne Scheu. Du kannst dich ihr auf Spannenweite nahen, und sie fliegt nicht auf, wie andere Fliegenarten, die Bombyliden, Sylphiden etc., die, auf Blumen saugend, schon auf mehrere Schritte die leiseste Nähe des Menschen fliehen; du kannst sie wegjagen, und sie kommt wieder; du kannst einen ganzen Schwarm, der auf schwarzem Pelzwerke lagert, aufscheuchen, und in wenigen Minuten ist dies von Neuem furchtlos von ihm in Besitz genommen. Sie sind nicht klug, wie die Schlangen, denn sie entziehen sich der Gefahr deiner Hand und deiner ledernen Waffe nicht, selbst nachdem sie an gefallenen Cameraden deren Gefährlichkeit kennen gelernt, sondern sie sind nur ohne Arg, wie die Tauben. Sie vertrauen dem Menschen, in dessen wohnlichen Schutz sie sich begeben haben und mit dem sie seit Jahrtausenden zusammengelebt, und sind durch ihr Benehmen ein Loblied auf die menschliche Nachsicht und Güte.

Du meinst: Wären sie blos Gäste! ich ehre den Gast, wofern er das Gastrecht nicht verletzt. Aber geradezu unleidlich ist das Betragen der Stubenfliege, drum mag ich sie nicht. Ihr Sündenregister? Nichts leichter zu geben als das! Sie beschmutzen die goldenen Bilderrahmen, die Spiegel, sind unreinlich, wo wir Reinlichkeit lieben. Sie stechen oft auf schmerzliche Weise. Sie legen ihre Eier in das Fleisch und andere Speisen. Sie summen auf das Störendste, wenn schon die Hitze uns plagt. Sie hindern selbst den kürzesten Mittagsschlaf, – ich mag sie nicht, mich ärgert nicht nur zuweilen, sondern stets die Fliege an der Wand, in der Luft und wo sie nur sein mag.

Gemach, mein Bester, rechne der ehrlichen Stubenfliege – musca domestica – nicht zu, was zumeist Andere verschulden. Vielleicht kennst du sie gar nicht; eine einfache Lupe genügt, sie von den nächstverwandten Fliegen zu unterscheiden. Der Rüssel ist nur wenig vorstehend, abwärts gerichtet; die vierte Flügellängsader beugt nicht bogenförmig, sondern winkelig zur dritten Längsader auf; die Schienen der mittleren Beine sind auf der Innenseite ohne Borsten; die Stirn des Männchens ist nie so schmal, daß sich die Augen berührten. Nun kann sie deiner Kenntniß nicht entgehen; die Vergehen, die du ihr schuld giebst, sind groß, aber du wirst finden, sie treffen sie kaum oder gar nicht. Gut, [807] sie soll die goldenen Rahmen und selbst die Titelschildchen deiner Bücher verunreinigen, es mag dies ein dunkler Flecken an ihr sein. Aber keine Uebertreibung der Anklage! Hast du sie auch auf der That ertappt? Sieh’ sie genau an nach obigen Kennzeichen; sicherlich ist sie es selten, zumeist ist der Thäter eine kleinere Art mit gelbem Hinterleibe und schwarzer Mittelstrieme darauf, die vierte Flügellängsader beugt vorn gar nicht zur dritten auf; kurz, es ist ein ganz anderer unsauberer Geist, die gemeine Homalomyia canicularis[WS 1]; ihr Werk sind hauptsächlich die Tüpfelreihen, über die du schmälst.

An sich selbst ist die Stubenfliege vor Allem ein Muster der Reinlichkeit. Betrachte sie, wie sie mit Behendigkeit die vorderen Beinchen erhebt und Backen, Stirn und Fühler putzt, dann ebenso die Hinterbeinchen und mit ihnen, die mit dichtgereihten Härchen besetzt sind, wie mit einer Bürste bald von oben, bald von unten die Flügel streicht und jedes Stäubchen abbürstet. Wie wir den Faulen zur Ameise schicken, so können wir zum Unreinlichen sprechen: „Gehe hin zur Fliege und lerne von ihr!“

Und stechen soll die Stubenfliege? Eher wird die Sonne aus ihrer Bahn weichen. Sie kann es eben nicht, denn ihr fleischiger, vorn saugnapfartiger Rüssel ist nur zu mattem Saugen von Flüssigkeiten oder von löslichen Stoffen, wie Zucker, die sie durch einen Saft aus ihrem Rüssel flüssig macht, eingerichtet. Fange den lästigen Gast, und du wirst eine zwar ähnliche, aber breitere graue Fliege mit ausgespreizteren Flügeln erkennen und am Kopf einen stets wagerecht vorgestreckten, hornigen, nadelförmigen Rüssel. Es ist Stomoxys calcitrans. Tödte sie, wenn du für den geringen Stich mit dem Augenblicksschmerze den Tod für eine angemessene Strafe hältst.

Wie die Stubenfliege dir nicht durch Stechen gastrechtbrüchig zu nahe kommt, so auch deinen Speisen nicht mit ihren Eiern. Sie ist anspruchslos: Kehricht, Düngerstätten, schon in Fäulniß übergegangene vegetabilische und animalische Substanzen sind die Geburts- und Kindheitsstätten, aus denen die beflügelte Psyche sich emporschwingt. Und sie ist eine Wohlthäterin deiner Gesundheit damit, denn ihre Larven nähren sich von den fauligen Substanzen und ersparen dir das immerhin unbewußte Einathmen der daraus sich mannigfach entwickelnden Miasmen. Die Uebelthäter sind vielmehr Andere, denen man auf den ersten Blick alle Rücksichtslosigkeit zutraut. Die Fleischvorräthe sucht die nicht Eier, sondern gleich lebendige Maden gebärende stahlblaue Schmeißfliege, Calliphora vomitoria, und mit ihr in gleicher Tactlosigkeit die Fleischfliegen, Sarkophagen, welche durch ihre Größe – einige Arten sieben Linien lang – und die braun, schwarz und weiß schillernden Würfelflocken auf dem Hinterleibe an Fenstern, sonnigen Mauern und Gartenzäunen genugsam auffallen. Nur die Naschhaftigkeit ist Sache der Stubenfliege. Kaum ist das Mittagsmahl aufgetragen, so sitzt sie da, aber sie leckt bescheiden nur am Rande der Schüssel und findet am zahlreichsten erst sich ein, wenn die Teller leer sind und Niemand nach den daran hängen gebliebenen Atomchen von Saft mehr fragt. Kaum ist beim Kaffee die Zuckerdose geöffnet, so sieht es der lustige Chor und lagert drauf und schleckt und leckt und saugt. Wie manche Laune regen sie da an, sie drängen sich weg gegenseitig, sie setzen sich schelmisch aufeinander, sie putzen sich und sind unermüdlich.

Du gönnst dem Canarienvogel beim Kaffee sein Zuckerstückchen, warum nicht ihnen, die nur wenig wollen? Und ob sie auch ein unbescheidenes Theil nähmen, sie bringen es wieder ein, wenn du sie nur in Dienst zu nehmen weißt. Ich will dabei ein alterprobtes Mittel meiner wirthlichen Gattin verrathen. Steht ein Dienstmädchen im Verdacht, sich an der Zuckerdose eigenmächtig das Leben zu versüßen, oder sind die Kinder auf die Probe zu stellen, ob sie im Geheimen von der verbotenen Frucht gekostet haben, so sperrt sie einfach eine Fliege in die Zuckerdose. Ist das Thier beim Oeffnen am folgenden Tage noch drinnen, so war der Verdacht ungegründet und die Prüfung bestanden. Was oft alle Weisheit Salomonis nicht an das Licht bringt, das fördert so die kleine Fliege zu Tage!

Daß sie aber durch ihr Summen Dich störe, das Nervensystem durch die Unablässigkeit unerträglich aufrege, du glaubst es selber kaum und weißt, daß die blaue Schmeißfliege, die in gewitterschwüler Luft wie toll umher summt, es auch nur ist, welche, in der Stube eingeschlossen, jenes lästige, monotone Summen hervorbringt. Wohl hat auch die Stubenfliege, wie es das Merkmal aller Zweiflügler ist, an Stelle eines zweiten, hinteren Flügelpaares zwei Schwingkölbchen, geknöpfte Nietchen, welche wir als unausgebildete Hinterflügel ansehen müssen, mit denen die Thierchen beim Fliegen gegen die dürren Glasflügel schlagen, wodurch zumeist das Summen und Schwirren entsteht, das draußen in Feld und Wald uns so wohlgefällt. Die durch den Flügelschlag schnell gepeitschte Luft kommt nicht minder in Betracht. Aber bei der Stubenfliege sind die Theilchen zu klein, die Flügel zu zart. Du müßtest dich absolut anstrengen, um dich dadurch stören zu lassen.

Allein ganz rein können wir sie doch nicht waschen. Was eine Tugend ist, wird an ihr zum Fehler: ihre Zutraulichkeit, ihre liebkosende Nähe. Unsere Freundschaft hält ihrer Freundschaft nicht die Wage, und darum wird sie uns lästig. Sie umfliegt uns und wir wollen Ruhe haben; sie zeigt sich uns massenhaft und wir hätten an einer einzigen genug; sie wischt und leckt uns den Schweiß von der Stirn und macht es so eifrig und berührt mit ihren rauhen Füßchen unsere Haut, daß es uns geht wie jenem Herrn in der Thierfabel mit seinem Esel Baldewein; wir wollen ausruhen und in der Hitze die Augen schließen, sie läßt es nicht zu. Freilich, das Mittagsschläfchen zu stören, das wiegt am schwersten! Aber wie wäre sie befriedigt, wenn wir einen Schleier über das Gesicht legten und sie uns blos umschweben könnte!

Sonderbare Thiere, die auch akrobatische Künstler ohne Gleichen sind! Du hast schon oft dein Verwundern gehabt, wenn du müßig auf dem Sofa lagest und der Fliege zusahest, die an der Decke die Füße nach oben gerichtet mit vollendeter Seelenruhe hing oder ging, oder die an der spiegelglatten Fensterscheibe auf und ab spazierte und selber nicht ahnte, daß sie damit das so feststehende Gesetz der Schwerkraft zu Schanden zu machen drohe. Leihe dir jedoch von einem Freunde ein Mikroskop, wenn du leider dies wichtige Aufklärungsinstrument noch nicht selber besitzen solltest, und sieh’ dir die Füße der Fliege an! Der Fuß der Fliege, der Tarsus, besteht aus sechs Gliedern, von denen das letzte mit einem wunderbaren Apparate versehen ist, durch welchen die Sache ihre Erklärung erhält. Es sind daselbst nämlich zunächst zwei hornartige bewegliche Krallen, wie Vogelkrallen, angebracht, mit denen das Thierchen an kleinsten Erhöhungen, also auf allen rauhen Flächen sich anklammern kann. Daneben aber sind zwei dünnhäutige Expansionen, die Haftläppchen, von denen man früher meinte, dieselben wirkten als Sauger und bei jedem Tritte sauge die Fliege damit sich fest, am bequemsten an glattesten Flächen. Die Oberfläche der Haftläppchen ist mit feinen Härchen besetzt, und bei Anwendung stärkerer Mikroskope hat man an den Enden dieser Härchen geringe Erweiterungen erkannt, welche durch ausschwitzenden Saft feucht erhalten werden und somit alle als Saugscheiben dienen. Dergestalt ist es eine ganze Anzahl von Saugern, die an jedem Haftläppchen wirken, und die Haftläppchen selbst haben als Zweck nur, Träger der Saughaare zu sein und vielleicht auch, die Krallen vor dem Abgenutztwerden zu schützen.

Nimm außerdem noch die Lupe zur Hand und betrachte die ganze Fliege einmal, wie es denn billig zu fordern ist, daß Jeder die gewöhnlichsten Dinge um sich her, so weit sich’s thun läßt, kenne. Es kann dir der akrobatische Künstlerschmuck auch am Kopfe der Stubenfliege nicht entgehen, die zwei Federbüsche, welche das Thierchen hin und her bewegt. Es sind die gefiederten Fühlerborsten, die seitwärts am obersten eirunden Gliede der dreigliederigen Fühler oder Antennen stehen. Diese Antennen und Federn haben aber nicht nur Schönheits-, sondern für den Sammler auch Werth zur systematischen Bestimmung einer Fliege. Die Natur pflegt nur das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden. Und jene Antennen und Antennenborsten sind im vollen Sinne des Wortes Fühler, durch welche das Thierchen äußere Wahrnehmungen macht. Farben und Formen nimmt die Fliege durch das aus zahlreichen Prismen zusammengesetzte Auge wahr, worüber viel zu sagen wäre. Aber womit hört sie, riecht sie etc.? Aus der Analogie mit andern Insecten läßt sich abnehmen, daß auch bei der Fliege äußere Einwirkungen, wie Schall, Gerüche, durch die Antennen empfunden, aufgefangen werden. So zieht der Käfer bei einem Geräusche seine Fühler zusammen, nachdem er sie aufhorchend gewissermaßen erst spitzte. Ich habe oft Ichneumonen, jene Schlupfwespengattung, beobachtet, wenn sie eine Raupe [808] an einem Baumstamme gefunden hatten, die sie auserkoren, ihre Eier hineinzulegen. Bedenklich schritten sie auf derselben auf und ab, mit den gesenkten Fühlern die Oberfläche der Raupe wählig betastend und prüfend, sei es, an welcher Stelle sie am besten ihre Eier ablegen könnten, sei es, was ich als wahrscheinlicher anzunehmen Gründe habe, ob schon eine andere Schlupfwespe ihre Eier abgesetzt habe. Außerdem sind bei den Fühlern am Grunde des dritten Gliedes sehr feine Oeffnungen zu beobachten und auch der anatomische Bau der Fühler ist nicht so ganz einfach, so daß durch dieselben eine Vermittelung äußerer Einwirkungen stattfinden kann. Aber die Fühler geben als der Sitz der feinsten Empfindungsmasse, wie der Schwanz und das Ohr bei vielen Vierfüßlern, die Empfindung, Freude, Unmuth, Furcht etc. kund. Der mißmuthige Maikäfer hat die Schnurrblättchen zusammengelegt, doch je munterer er wird und je mehr er zum Fliegen sich anschickt, desto lebhafter fahren dieselben auseinander. Ich meine, bei den Fliegen ähnliche Gemüthsandeutungen mannigfach beobachtet zu haben.

Sind wir zu Ende? Bewahre, kaum angefangen haben wir! Wir haben von dem Flügelgeäder, den Beinen, dem Auge, dem Innern, von der Verwandtschaft mit den Würmern, denen die Fliege in den ersten Entwickelungsstufen zweifelsohne angehört, noch nichts gesagt. Es ist jedoch genug, wenn der werthe Leser erkannt hat, daß das elende Insect nicht uninteressant ist und mehr Geheimniß darin steckt, als unsere Weisheit sich träumen läßt. Aber was sich wissen läßt von den alltäglichsten Naturdingen um uns her, das sollte, je nach seinem Vermögen, Jeder wissen.

Durch das Wissen wird auch die rechte Würdigung kommen, und man wird von der ganzen Natur zuletzt mit klarem Bewußtsein sprechen können: „ich liebe sie!“ Mit dem „letzten Gaste“ schwindet uns dann eine wundersame Welt von drolligen, traulichen Lebewesen wieder einmal dahin.




Deutschlands erster Improvisator und sein Loos.
Von Friedrich Hofmann.


Der fünfte März des Jahres 1825 war ein Tag geheimer und darum doppelt schwerer Sorge für eine Mutter in Hamburg. Niemand im Hause durfte ahnen, was sie drückte, Niemand bemerken, wie sie den Reisekoffer des geliebten Sohnes packte, letzterer am wenigsten. Je näher der Abend kam, desto banger wurde ihr um’s Herz, desto gepreßter der Seufzer: „Fort muß er, wenn’s mißlingt! Keinen Tag darf er länger in Hamburg bleiben!“ – Und als die siebente Stunde schlug, sandte sie einen treuen Diener mit einem vertrauten Auftrage ab und schritt nun in unbeschreiblicher Unruhe von Zimmer zu Zimmer, bald zum Koffer und bald wieder zum Fenster, des Dieners Rückkehr erharrend.

Was hat diese Mutter so tief bewegt? Welche Gefahr stand ihrem Sohne bevor?

Eine Gefahr, an welche dieser selbst keinen Augenblick gedacht, als er das in Deutschland Gewagteste unternommen hatte: sich dem öffentlichen Urtheil preiszugeben durch das erste Auftreten in einer für die Deutschen ganz neuen Kunst, für welche ihnen nicht nur die durch sie bisher bevorzugten Nationen, sondern die Deutschen sich selbst von je alle Befähigung abgesprochen hatten. Ein junger, in weiteren Kreisen noch völlig unbekannter Dichter trat heute zum ersten Male öffentlich als Improvisator in deutscher Sprache auf, und dieser Dichter war jener Mutter Sohn.

Es wird nicht überflüssig sein, ehe wir die Leistungen des ersten deutschen Improvisators darstellen, über das Wesen der improvisatorischen Kunst selbst das Nothwendigste vorauszuschicken. Jeder Improvisator muß Dichter sein; während aber der Dichter sein Gebilde, einerlei, ob er den Stoff dazu aus sich geschöpft oder ob er ihm von außen geboten ist, in möglichster Ruhe ausbaut, die rechte Stimmung abwartet, sich volle Zeit nimmt, mit Schwierigkeiten des Rhythmus und des Reims zu kämpfen, streicht, ändert und feilt nach Gefallen und erst das vollkommen fertige Gedicht an die Oeffentlichkeit bringt, kann der Improvisator, welcher sein Talent öffentlich verwerthet, sich die Stunde nicht wählen, wo er für seine Augenblicksschöpfungen „disponirt“ ist; die Zeit ist vorher bestimmt, der Saal gefüllt, die Aufgabe wird gegeben und hundert Augen sind auf das Antlitz gerichtet, hinter dessen Stirn sofort der Geist Das poetisch gestaltet, was der Mund in fertiger Form ausspricht. Gerade dies Einheitliche des Schaffens und Preisgebens ist das Wesentliche der Improvisation. Es giebt wohl Dichter, welchen ein gutes Gedächtniß gestattet, bei irgend welchen gesellschaftlichen Gelegenheiten sich ein Gedicht im Kopfe fertig zu machen und dann vorzutragen: dies ist nicht improvisirt, es ist die gewöhnliche, nur raschere und die Niederschrift der Arbeit entbehrende poetische Production; der Improvisator läßt seine Dichtung vor unseren Augen und Ohren entstehen, er denkt gleich in Rhythmus und Reim, und das Publicum lebt sein Dichten mit.

Hohe Würdigung haben die Improvisatoren da längst gefunden, wo ihre eigentliche Heimath ist, in Italien und Spanien; dort sind die berühmtesten Improvisatoren sogar auf dem Capitol gekrönt und an Fürstenhöfe gezogen, hier von ihren Vaterstädten hochgeehrt worden. Nur den nordischen Völkern schien eine solche Geistesfähigkeit versagt zu sein. Denn die Leber- und andere gesellschaftlichen Reimspielereien wird man nicht hierher ziehen wollen; weit eher hätte der freie Schnaderhüpflgesang bei unseren Alpenvölkern darauf hindeuten können, daß die Kunst der freien Dichtung den Deutschen nicht ganz versagt sei. Indeß wagte, wenigstens öffentlich, Niemand gegen das herrschende Vorurtheil aufzutreten. Um so erfreulicher ist es, daß gleich der Erste, der dies unternahm, sich und uns den Ruhm erwarb, daß er als einer der größten Improvisatoren aller Zeiten und Völker anerkannt ist, und eben darum werden unsere Leser mir um so bereitwilliger zu einer näheren Betrachtung dieser denkwürdigen Erscheinung und des Mannes selbst und seines späteren Schicksals folgen, als die Tage seines höchsten Glanzes in eine für das Nationalehrgefühl der Deutschen so traurige Zeit fielen, daß eine Würdigung seines Verdienstes von diesem Standpunkt aus gar nicht möglich war, ja es vielmehr möglich wurde, daß die ganze gegenwärtige Generation von den großartigen Erfolgen einer so seltenen deutschen Geisteskraft nichts mehr weiß.

Was ich hier über ihn mittheile, ist nicht blos aus fremdem Material, sondern zum größten Theil aus eigener Erinnerung an den persönlichen Umgang mit ihm geschöpft, dessen ich mich Jahre lang zu erfreuen hatte.

Oskar Ludwig Bernhard Wolff ist der Name dieses Mannes. Wir suchen ihn gleich in Hamburg auf, wo wir ihn, den Sohn wohlhabender Eltern des Kaufmannsstandes (er ist am 26. Juli 1799 zu Altona geboren), nach in Berlin und Kiel vollendeten natur-, schönwissenschaftlichen und Sprachstudien als Lehrer bei zwei verschiedenen Erziehungsanstalten finden. Ein neckisches Spiel hatte ihn dort in gesellschaftlichem Kreise zum ersten Versuch geführt, als Capuziner den Anwesenden eine gereimte Bußpredigt zu halten; das Gelingen derselben regte in ihm die Ueberzeugung an, daß er die Gabe der freien Dichtung in weit höherem Grade besitze, als er selbst geglaubt hatte. Als er dies in vertrauterem Kreise einmal äußerte, sagte ihm eine Dame, die durch ihr musikalisches Talent in der Gesellschaft glänzte: „Versuchen Sie es doch, Sie können es gewiß.“ Diese Herausforderung nahm Wolff sofort unter der Bedingung an, daß sie ihn in freier Phantasie auf dem Flügel begleite und Niemand als eine Freundin von ihr dem Versuche beiwohne. So geschah es. Wolff erzählt (in der autobiographischen Vorrede zur Gesammtausgabe seiner Schriften[1]) diesen für die improvisatorische Kunst in Deutschland entscheidenden Augenblick so:

„Wir versammelten uns dazu an einem der nächsten Nachmittage; das aufgegebene Thema war das Lob deutscher Dichtkunst; sie präludirte, und durch ihr herrliches Spiel aufgeregt und fortgerissen, fiel ich ihr in die Töne und sprach ohne Anstoß fort, gedrängt von den Bildern und Anschauungen, die in mir aufstiegen, die poetische Form unbewußt gestaltend, wobei sie mich [809] nun in Accorden, gleichsam nur tragend, begleitete. – Durch diese ungewohnte geistige Aeußerung wurde ich jedoch so exaltirt, daß ich mich plötzlich außerhalb aller Ruhe befand und, um diesen mir selbst fremden Zustand zu enden, in der Mitte abbrach und vom Stuhle aufsprang, auf welchem ich bisher, äußerlich unbeweglich, neben ihr gesessen hatte. Die beiden Frauen schwiegen lange, wie ich, theils erstaunt, theils ergriffen; endlich bemerkte die geistig gleichfalls hochstehende Freundin: ob ich wohl wisse, daß ich namentlich die letzte Hälfte in durchaus regelmäßigen Stanzen gesprochen habe? Das war mir völlig neu, denn während des Improvisirens ruht überhaupt mein sonst so starkes Gedächtniß, hinsichtlich des eben Geschaffenen, gänzlich, und ich erinnere mich nur des Inhalts und der Wendung des Hauptgedankens, nie aber, oder höchstens in ganz seltenen Fällen, wo ich von dem plötzlich Entstandenen selbst überrascht werde, der Form und der Worte. Es gab mir also um desto mehr zu denken, wie überhaupt die ganze Erscheinung mich seltsam bedrängte und mir viele Fragen erzeugte, deren Lösung mich nicht ruhen ließ. Ich eilte in das Freie, um mit mir selbst etwas in’s Klare zu kommen, nachdem ich beiden Freundinnen gelobt hatte, die Sache sehr ernst zu behandeln und das Talent, als ein mir vom Himmel zugefallenes Geschenk, mit dankbarer Liebe zu pflegen.“

So würdig eines neuen Triumphes des deutschen Geistes begrüßten diese edlen Menschen die neue Erscheinung. Für Wolff selbst wurde sie zur Quelle peinigender Unruhe, die ihn zu strenger Selbsterforschung trieb und zu rastlosen Studien über Alles, was er über Improvisation und Improvisatoren auftreiben konnte. Dabei erweiterte sich der Kreis der Eingeweihten mit den fortgesetzten Versuchen; namentlich wurden die Tonkünstler Clasing und Albert Methfessel, der damals in Hamburg lebte, beigezogen; beide begleiteten fortan, abwechselnd mit der genannten Dame, die Improvisationen auf dem Pianoforte. Clasing ist längst todt, aber Methfessel, der Dreiundachtzigjährige, flammt noch heute in Begeisterung auf, so oft Wolff und jene Hamburger Tage vor seinem geistigen Auge aufsteigen. „Ich glühe, wenn ich daran denke, wie selig am Pianoforte ich in Hamburg neben ihm saß und wie wir Gedanken, Rhythmen, Strophen, ganze Lieder in ganz consequenter Formbildung einander, er mir von den Tasten und Klängen, ich ihm von den Lippen, ablauschten. Ein einziges Zeichen oder zwei Worte, und ganze Scenen traten in oft wunderbarem Zusammenhange vor dem Zuhörer auf. Noch jetzt denke ich mit Entzücken der ihm gestellten Aufgabe: ‚Ein Morgen vor dem Ausbruch des Vesuv‘. Hier bildete er eine Barcarole von sechs bis sieben Strophen mit immer wechselnden Rhythmen, die er streng durchführte. Es war zu merkwürdig, zu wunderbar! Seine Geistesbildung, seine Phantasie, seine Sicherheit, Alles wirkte zusammen. Seine musikalische Auffassungskraft war ganz geeignet, meine Andeutungen sogleich zu verstehen. Ja, wir haben in der That köstliche Feierstunden mit einander verlebt!“ So schreibt mir Methfessel, die ehrwürdige Thüringer Nachtigall in Braunschweig. Manches herrliche Lied Beider entstand damals im Moment, das sich später über ganz Deutschland verbreitete. Wer kennt nicht das in Wort und Ton so herzensfrische „Wo möcht’ ich sein?“

Trotz dieser großartigen Erfolge trieb doch nur fremdes Unglück Wolff in die Oeffentlichkeit. Fürchterliche Sturmfluthen hatten im Winter von 1824 auf 1825 an den Küsten der Niederelbe und Schleswig-Holsteins oft Hab’ und Gut von Tausenden in einer Nacht verschlungen und das Elend war groß. Da eilte Alles in jenem niedersächsischen Volke mit seinen Gaben herbei, Jedes nach seinem Vermögen, und Wolff weigerte sich auf den Wink der Freunde keinen Augenblick, zum Besten der Verunglückten mit Clasing und Methfessel die erste öffentliche improvisatorische Soirée zu geben.

Das war jener Abend des fünften März 1825, und unsere Leser werden nun die Besorgniß jener edlen Mutter in Hamburg an jenem Tage gerechtfertigt finden. Wolff, der liebevolle, bis zum letzten Hauche für die Mutter begeisterte Sohn, eilte gleich nach der Soirée zu ihr, um ihr den glücklichen Ausgang zu verkünden. Sie hatte ihn bereits (durch den Diener) erfahren, ging ihm mit jubelndem, von der Angst befreitem Herzen entgegen – und entdeckte ihm ihre Fürsorge, zeigte ihm den gepackten Reisekoffer. – „Wie tief dies mich rührte – wie könnte ich das beschreiben, wie es nur beschreiben wollen!“ ruft Wolff in jener Autobiographie aus, die Niemand ungelesen lassen sollte, dem das Bild eines reinen Geistes ein Seelenlabsal ist.

Selbst der rauschende Beifall, welchen Wolffs höchst gelungene Improvisationen über die beiden Aufgaben „Dante im Exil“ und „Byron’s Tod“ in dieser Soirée fanden, konnte ihn nicht über den wahren Werth seines Talentes beruhigen, und er beschloß deshalb, in Berlin sich die Entscheidung darüber zu holen. Er trat dort zuerst in der sogenannten Mittwochsgesellschaft, dann noch in zwei öffentlichen Soiréen auf, deren letzter die ganze königliche Familie beiwohnte. Diese und Männer wie Chamisso, Hitzig, Karl Seidel, Friedrich Förster, Wilhelm Müller ehrten das neue Talent mit warmer Anerkennung; „die größte Freude,“ erzählt Wolff, „machte mir Devrient, der, als ich bei der liebenswürdigen Caroline Bauer, und von ihr musikalisch begleitet, ein von ihm gegebenes Thema zu lösen versuchte, plötzlich aufsprang und mir, da ich kaum die Hälfte erreicht, in die Rede fiel, mit den Worten: ‚Hören Sie auf, um Gotteswillen, ich halte es nicht länger aus; es macht mich wahnsinnig, daß Jemand im Stande ist, so rasch zu denken, während ich kaum vermag, seinen Worten zu folgen, und so unfähig zu allem Produciren bin ohne langes Besinnen!‘“

Diese Anerkennungen bestärkten ihn in der Ueberzeugung, daß es seine Pflicht sei, sein Talent nach Kräften auszubilden und in die Oeffentlichkeit zu tragen. Immer rasch in der Ausführung seiner Entschlüsse, löste er sein Verhältniß als Lehrer auf, zog sich in die Einsamkeit des Landlebens zurück und arbeitete und übte sich rastlos bis zum Herbst, wo er, gegen Ende Octobers, seine erste Improvisatorfahrt antrat. Diese führte ihn über Bremen, Hannover und Celle nach Braunschweig und Wolfenbüttel. Ueberall erntete er rauschenden Beifall, seine Reise glich einem Triumphzuge, aber trotz alledem konnte er zu keiner Selbstzufriedenheit mit seinen Leistungen kommen; es fehlte ihm etwas, das er nicht zu ergründen vermochte, und eben deshalb stand sein Sehnen fortwährend nach dem Altmeister deutscher Dichtkunst, von dem allein er das rechte Urtheil erwarten konnte, nach Goethe.

Diesem Drange folgend, eilte er von Braunschweig unaufhaltsam in der strengen Winterkälte nach Weimar.

„Andächtig, wie ein Grieche, der in ein Pantheon trat, bin ich hier eingefahren,“ erzählt Wolff. Kaum aus dem Wagen gestiegen, bat er in einigen Zeilen Goethe um die Erlaubniß eines Besuchs. Er wurde auf den folgenden Mittag bestellt – und so jung war er noch, trotz seiner sechsundzwanzig Jahre, daß er zur bestimmten Stunde vor Herzpochen kaum die Treppe zu Goethe’s Zimmer ersteigen konnte und vor der Thür sich erst sammeln mußte. Goethe empfing ihn „mit förmlicher Freundlichkeit“, erwiderte aber auf Wolff’s Bitte, ihm eine Probe geben zu dürfen, um endlich das von ihm so sehr ersehnte Urtheil zu hören: „Es würde mich zu sehr zerstreuen.“ Tief betrübt über eine so ganz verfehlte Hoffnung, stieg Wolff die Treppe wieder herunter, fand aber bald Trost bei der Hofräthin Schopenhauer, die, mit Goethe’s Wesen besser vertraut, meinte: „Haben Sie nur Geduld, er wird Sie schon von selbst auffordern.“ So geschah es. Nachdem Wolff mehrmals in engerem Kreise, vor der großherzoglichen Familie und öffentlich aufgetreten war und namentlich durch die dramatische Behandlung des Sujets „der Sturz des Montezuma“ ungewöhnliche Sensation hervorgerufen hatte, lud ihn Goethe’s Schwiegertochter ein, bei ihr am folgenden Tage zu speisen, aber vorher sie präcise um zwölf Uhr zu besuchen. Wolff stellte sich pünktlich ein, irrte sich jedoch in der Localität und trat, als auf sein Anklopfen „Herein“ gerufen worden, in ein Zimmer, in welchem er zu seiner großen Verlegenheit Goethe allein antraf. Und nun wollen wir diesen wichtigen Vorgang Wolff selbst erzählen lassen:

„Als ich mich entschuldigte, nicht zu ihm gewollt zu haben, sagte er sehr mild: ‚Nun, Sie können aber doch etwas bei mir altem Manne bleiben und später zu den jungen Damen hinausgehen.‘ Dann sprach er sogleich über mein Talent und fragte mich: ‚Wollten Sie mir nicht auch etwas sprechen?‘ Ich bezeigte meine Bereitwilligkeit, bemerkte jedoch, daß ich vor ihm allein ängstlich sein würde. Er ging nicht darauf ein, sondern entgegnete: ‚Setzen Sie sich dort an den Flügel; nehmen Sie aber die Brille ab, sie sticht mich.‘ Ich that nach seinem Wunsche, und nun sagte er: ‚Schildern Sie mir einmal Ihre Rückkehr nach Hamburg und zugleich Hamburg selbst.‘ Die Aufgabe kam mir allerdings seltsam [810] vor, doch wagte ich, aus zu großer Ehrfurcht, nicht, etwas zu bemerken, und begann auf der Stelle. Nie in meinem ganzen Leben bin ich so befangen gewesen: die Gedanken drängten sich zwar in Masse herzu, die Reime waren, wie immer, zur Hand, aber die Sprache wurde mir so schwer, als müßte ich die Worte wie mit einem Schöpfrade aus der tiefsten Brust herausholen. Allmählich besiegte ich diese Befangenheit, die mir physisch allein hinderlich war, etwas; ich führte nun meine Empfindung bei dem Wiedersehen der Meinigen in einer zwar einfachen, aber strengen Form, mit gekreuzten Reimen und daran sich schließenden Doppelreimen, durch und wollte nun zu dem objectiven Theil übergehen und die Schilderung mit der Beschreibung eines Abends auf dem Jungfernstiege beginnen und dann im Gegensatz einen Morgen im Hafen und einen Mittag an der Börse zubringen; da traten mir aber plötzlich Erinnerungen an allerlei komische, in Hamburg wohlbekannte Personen, welche stereotype Besucher obiger Promenade waren, vor die Sinne und drangen sich mir so nachdrücklich auf, daß ich sie gar nicht von mir schütteln konnte. Dies verwirrte mich, ich fühlte, daß ich aus dieser wunderlichen humoristischen Stimmung nicht heraus könne, und fürchtete, er werde es übel empfinden, wenn ich ihr freien Lauf ließe. Unwillkürlich hielt ich mitten in der Rede inne, sprang vom Stuhl auf, trat zu ihm und sagte, ohne recht zu wissen, was ich that: ‚Excellenz, ich kann nicht weiter, ich habe mich lange nach diesem Augenblick gesehnt und jetzt, wo er eingetreten ist, lähmt mir die Angst die Herrschaft über mich selbst, ich will lieber vor tausend Zuhörern improvisiren, als vor Ew. Excellenz allein.‘

‚Nun, nun,‘ erwiderte Goethe, ‚beruhigen Sie sich. Was mir mein gnädigster Herr, die Kinder und der Kanzler über Sie gesagt haben, ist wahr; Sie besitzen ein schönes und seltenes Talent und wissen es mit Geschick und Bescheidenheit zu behandeln; aber Sie leiden an einem Fehler, an dem die jetzige ganze Jugend krankt und der Sie zurückbringt, statt Sie zu fördern, weil er Sie über das, was Sie geben, täuscht. Was Sie mir da geschildert haben, sollte Hamburg sein, aber es konnte ebensogut Naumburg oder Merseburg oder jedes andere Burg sein; Hamburg war das nicht, und Hamburg ist doch so eigenthümlich, daß man es mit zwei Strichen zeichnen kann.‘

Ich verstand ihn sogleich und erzählte ihm, wie es mir eben wunderlich ergangen sei.

‚Ei,‘ versetzte er, ‚da hätten Sie sich nicht sollen irren lassen.‘

Als ich nun bemerkte, daß ich gern, wo ich es nöthig fände, vorherrschend objectiv verfahre, und ihm als Beispiel meine dramatische Improvisation vom gestrigen Abend anführte, in die ich eine detaillirte, im Augenblick erfundene Beschreibung der mexicanischen Götzenbilder verflochten, versetzte Goethe:

‚Das war recht gut, man hat mir davon gesagt, aber das ist es noch nicht, solche Beschreibungen haben immer etwas Subjectives; ich meine noch etwas Anderes. Denken Sie darüber nach, wenn Sie meinen, daß Ihnen mein Rath nützen könne, und nun gehen Sie zu meinen Kindern hinauf, wo Sie erwartet werden.‘“

Goethe und Eckermann setzten am folgenden Abend die Verhandlung über den Gegenstand, der ganz Weimar bewegte, fort. Goethe sagte unter Anderem: „Ich bin aufrichtig gegen ihn (Wolff) gewesen, und wenn meine Worte auf ihn gewirkt und ihn angeregt haben, so ist das ein sehr gutes Zeichen. Er ist ein entschiedenes Talent, daran ist kein Zweifel, allein er leidet an der allgemeinen Krankheit der jetzigen Zeit, an der Subjectivität, und davon möchte ich ihn heilen. Ich gab ihm eine Aufgabe, um ihn zu versuchen. ‚Schildern Sie mir,‘ sagte ich, ‚Ihre Rückkehr nach Hamburg.‘ Dazu war er nun sogleich bereit und fing auf der Stelle in wohlklingenden Versen an zu sprechen. Ich mußte ihn bewundern, allein ich konnte ihn nicht loben. –“ Goethe wiederholt, was wir bereits wissen, von der Hamburger Eigenartigkeit etc., und fügt im Verlauf des Gesprächs hinzu: „Ich bin gewiß, wenn es einem improvisatorischen Talent, wie Wolff, gelänge, das Leben großer Städte, wie Rom, Neapel, Wien, Hamburg, London, mit aller treffenden Wahrheit zu schildern und so lebendig, daß sie (das Publicum) glaubten, es mit eigenen Augen zu sehen, er würde Alles entzücken und hinreißen. Wenn er zum Objectiven durchbricht, so ist er geborgen, es liegt in ihm, denn er ist nicht ohne Phantasie. Nur muß er sich schnell entschließen und es zu ergreifen wagen.“

Wolff hatte den Muth zu dem Griffe und that ihn mit der Gründlichkeit und Energie, die ihn immer bei seinen Studien leiteten. Er hatte die Wahrheit in Goethe’s Fingerzeig erkannt und säumte keinen Augenblick, die neue Bahn einzuschlagen, so schwer sie ihm auch anfangs wurde. Formell hatte er ja längst sein Talent nach allen Richtungen hin gebildet und nicht allein es dahin gebracht, lyrisch, episch und dramatisch zu improvisiren, sondern auch sich jede Beschränkung, wie z. B. eigenthümliche Strophenbildung, bestimmte Wörter und Reime, mit denen angefangen oder geendet werden sollte, und dergleichen Spielereien mehr, zugleich mit dem Thema vorschreiben zu lassen, ohne daß ihn dies im Mindesten störte.

So hatte denn der erste deutsche Improvisator alles Mögliche gethan, um vom größten deutschen Dichter nicht blos bewundert, sondern auch gelobt zu werden. Was würde in jedem andern Lande, als Deutschland, jetzt dieses Mannes Loos gewesen sein? Würden die Medicäer Italiens ihm eine Lehrerstelle angeboten haben, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er von dem nun des höchsten Glanzes würdigen Talente durchaus keinen öffentlichen Gebrauch mehr mache?

In Deutschland ist dies möglich gewesen, mit dem ersten deutschen Improvisator ist es geschehen. Daß er selbst in dieses Zusammenbinden seiner Flügel gewilligt, ist nicht ihm als Schuld anzurechnen. Eine Schuld fällt überhaupt auf keine der betheiligten Personen, sondern auf die deutschen Verhältnisse. Einen Improvisator hatte endlich Deutschland, aber für diesen fehlte das unbefangen empfangende Volk oder ein ihn sogleich in seine rechte Ehre einsetzender Hof. Karl August und Goethe waren alte Herren geworden, von einer großen, reichen Vergangenheit gesättigt, von Verehrung übersättigt, zogen sie in ihren Gewohnheitskreis nicht mehr Neues, namentlich, wenn es sie zu sehr zu „zerstreuen“ drohte. Und trotz der Erlauchtheit ihrer Geister waren sie doch nicht frei von dem allherrschenden Vorurtheil, welches in der öffentlichen und öffentlich bezahlten Ausübung einer so rein persönlichen Kunst, wie das Improvisiren es ist, etwas mit der Ehrsamkeit der bürgerlichen und der Würde einer amtlichen Stellung Unvereinbares erblickte. Wäre Wolff ein reicher Mann gewesen, wie gern würde er ganz Deutschland mit seinem Talent um keinen andern Lohn erfreut haben, als den der Anerkennung, wie er denn später noch oft äußerte, daß nie ein verdienter Lohn ihn höher entzückt habe, als der jenes Augenblicks in Wolfenbüttel, wo seine Improvisation schönen Augen Thränen entlockt hatte. Aus einer tüchtigen bürgerlichen Familie entsprossen und gewöhnt an den Erwerb als Lehrer und Schriftsteller, erfüllte ihn, trotz aller öffentlichen Lobeserhebungen, mehr und mehr ein Widerwille gegen die Nothwendigkeit, seine hohe Begabung zu Markte zu tragen. Darum nahm er die ihm angetragene Professur am Gymnasium in Weimar sofort an; mußte er doch bei der damals noch allgemeinen zunftstolzen Abgeschlossenheit des Gelehrtenthums vom bürgerlichen und öffentlichen Leben befürchten, bei einer späteren Rückkehr von den Brettern der Oeffentlichkeit zu demselben nicht mehr als vollgültig angenommen zu werden! – Der Arme! Er ahnte nicht, daß dieses Unglück bereits fertig war.

Wolff improvisirte nur noch in Leipzig und Dresden, nahm dann in Hamburg, wo er den ersten Lorbeer errungen, in einer letzten Soirée von der öffentlichen Ausübung seines Talentes Abschied[2] und trat am 9. Mai 1826 sein Amt in Weimar an. Im Jahre 1832 siedelte er als Professor der neuern Sprachen und Literaturen nach Jena über.

Als akademischer Lehrer war Wolff eine geradezu epochemachende Erscheinung. Die Mehrzahl der Professoren huldigte [811] damals noch der Unsitte des Dictirens, als lebten sie noch vor den Zeiten der Buchdruckerkunst; die meisten übrigen lasen – wie ihre Thätigkeit amtlich auch genannt wird – aus ausgearbeiteten Heften vor; nur wenige begleiteten ihr Compendium mit frei vorgetragenen Erklärungen. Der philosophische Geist, der früher die akademische Jugend Jenas erhoben, war verschwunden, der politische gewaltsam niedergedrückt, das Brodstudium nahm Alles fast ausschließlich in Anspruch. Da kam Wolff – und öffnete uns in der Fülle der Facultätswissenschaften verschmachtenden jungen Leuten die frische belebende Quelle der schönen Literatur. Ich war von 1834 an Wolff’s Schüler und muß jedes Wort unterschreiben, was einer meiner Commilitonen aus jener Zeit über Wolff sagt: „Wer es, wie wir, gesehen hat, wie damals selbst die weitesten Räume die anströmende Menge seiner Zuhörer nicht fassen konnten und mit welcher Ausdauer und Begeisterung die Vorlesungen über Literatur, die Erklärungen der shakespearischen und goethe’schen Dramen unter dem fast noch ungekannten Zauber der freien blühenden Rede entgegengenommen wurden, der wird es nicht bestreiten, daß eine Reihe von Jahren hindurch von Wolff die kräftigsten Impulse ausgegangen sind, den Kreis der akademischen Studien über das Maß des Nothwendigen und Nothdürftigen hinaus zu erweitern.“ Ihn unterstützte dazu Alles: die Vorzüge der Jugend, einer edlen, schönen Männlichkeit, der wohlthuende Reiz der nordischen Zunge, ein volltönendes Organ, die feinste Bildung und Umgangsform und eine in seinem Fache außerordentliche Gelehrsamkeit. Die slavischen ausgenommen verstand er alle europäischen Sprachen und deren Hauptdialecte, mit besonderer Vorliebe hatte er das Holländische, Vlämische, Schwedische, Spanische und Portugiesische getrieben, im Englischen, Italienischen und Französischen improvisirte er die längsten Dichtungen.

Aber all’ dieses Wissen und Können war für ihn in dem kleinen Jena ein unfruchtbares Gut. Dazu reichte seine geringe Besoldung kaum zur Deckung der Bedürfnisse seiner Bibliothek hin, die sehr bedeutend waren, wenn er auf dem weiten Gebiete seines Berufs, für den die ärmlich dotirte Universitätsbibliothek ihn nicht unterstützen konnte, mit allen neuen Erzeugnissen vertraut sein wollte. Da nun Gesetz und Vorurtheil ihm den Erwerb mit Hülfe seines improvisatorischen Talents untersagten, so mußte er rastlos zur Feder greifen: er war der treueste, fleißigste „Pflüger mit dem Geiste“. Ich weiß, daß er selten weniger als zwölf Stunden täglich am Schreibtisch saß, studirend und producirend mit der großen Selbstbeherrschung und Ausdauer und der Macht über seine Stimmung, die ihn als Improvisator ausgezeichnet hatte.

Diesem Fleiß Wolff’s und seiner vollendeten Formgewandtheit verdanken wir eine Reihe lyrischer, epischer, dramatischer und erzählender Werke, die wohl verdienten, in einer Auswahl und zum Besten seiner Hinterbliebenen dem deutschen Volke von Neuem vorgeführt zu werden. Dazu gehören sein „Abälard und Heloise“, „Einhundert Bilder und Lieder“, „Träume und Schäume des Lebens“, „Dämmerstunden“ und vor Allem sein „Cid“, das vollendetste Werk seiner Dichterkunst und Gelehrsamkeit. Sein Roman „Mirabeau und Sophie“ erlebte in kurzer Zeit zwei Auflagen. Seine „Briefe auf einer Reise nach Paris“ sind noch jetzt geistreiche Muster für jeden Feuilletonisten. Von seinen literarhistorischen und Sammelwerken, für die ihn seine außerordentliche Belesenheit und sein Sammeleifer ganz besonders befähigten, sei hier nur sein berühmter „Poetischer Hausschatz des deutschen Volks“ erwähnt, der unter seiner Hand dreiundzwanzig Auflagen erlebte und dem Verleger sicherlich eine hundertfältige Ernte eintrug. Und wie sinnig und ächt dichterisch ging Wolff dabei zu Wege! Nicht galt es ihm die leichte Arbeit, die Heroen der Literatur in breiten Auszügen vorzuführen, sondern die versteckten, vergessenen und begrabenen Perlen hervorzuholen, auch wenn sie von armen, namenlos gebliebenen Dichtern herrührten. „Wem auch nur ein gutes Lied gelungen ist, der verdient mit ihm im Volke fortzuleben,“ das rief er uns, seinen Schülern und jungen akademischen Freunden zu, die wir alle für ihn und sein Werk mit suchten in den reichen Schätzen seiner Bibliothek. So ist das Buch entstanden, und das daran mitarbeitende Herz fühlte das Volk heraus und machte es zu seinem Liebling. „Ihm verdankt die deutsche Literatur eine außerordentliche Verbreitung auch im Ausland, und nur Wenige wissen seine Verdienste durch diese Thätigkeit würdig zu schätzen“ – ruft die „Weserzeitung“ unserm Wolff nach. Nicht geringeren Werth haben seine Volksliedersammlungen, vor Allem seine „Halle der Völker“, denn als Volksliederübersetzer wird er nur schwer erreicht werden.

Was war nun der Erfolg so großartiger Thätigkeit? Welche Früchte trug so rastloses Schaffen[,] so hohe Begabung, so umfassendes Wissen? – Keine andern, als daß die Wogen aus dem Meere der Sorgen und Bedrängniß immer höher an ihm emporschlugen, und ohne seine oder der Seinen Schuld, denn ein so fleißiger Mann konnte nur ein eingezogenes nüchternes Leben führen, und einer Familie, in welcher der Geist der edelsten Bildung waltete, war die Gefahr nutzloser Vergeudung fremd. Vielleicht in der Hoffnung, daß sein improvisatorisches Talent sich dankbarer verwerthe, als seine Feder, erwarb er sich im Herbste 1843 die Erlaubniß, noch einmal als Improvisator aufzutreten. Sein Weg führte ihn diesmal nach Süddeutschland und bis Wien, und wie bei seinem ersten Adlerflug in Berlin die Königsfamilie, so ertheilte ihm hier, achtzehn Jahre später, das Kaiserhaus den Lorbeer. Aber seinen gedrückten Verhältnissen war damit nicht aufgeholfen; man sah ihn ringen und ließ ihn im Meer der Sorgen untergehen.

Er starb am 16. September 1851. – Und was hat die Gegenwart auf seinen Grabstein geschrieben?

So traurig sein Gang zum Grabe war, – noch viel trauriger ist’s auf seinem Grabe. – Undank und Beschränktheit suchen ihn der Vergessenheit zu überliefern. Was Wolff als Improvisator geleistet, – wer spricht noch davon? – Aber daß er Improvisator gewesen, hat sein literarisches Wirken wie ein Fluch verfolgt. Es schien förmlicher Beschluß der damals regierenden Kritik zu sein, Wolff’s poetische Schöpfungen todt zu schweigen und seine gelehrten Arbeiten mit Achselzucken zu behandeln, – er producirte ja so rasch und viel, der Improvisator, wie konnte da etwas Gutes an den Sachen sein? Wohl nie haben Vorurtheil und Neid in häßlicherem Bunde gegen einen Mann gestanden, als gegen Wolff!

So ist denn der Lorbeer des Improvisators verdorrt und der des Dichters ihm kaum gegönnt worden. Seine Volksliedersammlungen, seine reizenden Uebersetzungen werden von allen späteren Sammlern benutzt, aber man nennt seinen Namen nicht. Die neueste Auflage des „Hausschatzes“ führt zwar noch Wolff’s Namen, aber ihn selbst hat der neue Herausgeber aus der Reihe der Dichter desselben gestrichen, – er ist somit aus seinem eigenen Hause hinausgeworfen. – Und ganz im Geiste dieser Behandlung seines Andenkens ist die Schillerstiftung mit demselben verfahren: der Wiener Vorstand hatte – nachdem er sich erst brieflich in Deutschland erkundigt, wer denn eigentlich dieser etc. Wolff gewesen und was er geschrieben – der Wittwe desselben für drei Jahre je hundert Thaler ausgesetzt. Diesen Ehrensold hat man gewissenhaft nach Ablauf der drei Jahre der siebenzigjährigen halb erblindeten Greisin wieder entzogen, denn man mußte „eine Reihe von bisher Betheiligten streichen, um einer noch größeren Reihe von neuen Petenten Platz zu machen,“ d. h. man mußte einem Lebenden fünfhundert Thaler aufdrängen, und dazu mußten die armen Wittwengroschen geopfert werden! – –

Nimmt man endlich noch hinzu, daß der einst so gefeierte Lehrer und viel umworbene Gelehrte in dem akademischen Jena ein so stilles, schmuckloses Begräbniß fand, wie es keinem noch so obscuren Studenten zu Theil wird, so steht wohl das Bild der trauernden, verlassenen Familie des Mannes, in dessen Mißhandlung solche Harmonie herrscht, in der richtigen Färbung vor unseren Augen. Wolff war einer der edelsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe, und seine Familie war sein einziges Glück. Die innigste Liebe umschloß Alle in dem prächtigen Kreise, welchen stets die schönsten Blüthen der Dichtkunst vieler Nationen erhoben. Ja, welch’ ein Leben ist an uns vorüber gegangen! Wie glänzend das Aufsteigen, wie rosen- und dornenreich der Gang, wie düster das Ende! So wäre wirklich für ihn die Dichtkunst ein Fluch gewesen?

Nein! Sie war im Leben sein Trost und wird im Tode seine Ehre bleiben. Das deutsche Volk hat ein so entschiedenes Rechtsgefühl, daß die Sache eines Unterdrückten nur vor sein Forum gebracht zu werden braucht, um der Gerechtigkeit für ihn sicher zu sein. Das haben wir hiermit gethan. Wir haben erwiesen, daß O. L. B. Wolff uns Deutschen die Ehre errungen [812] hat, uns des größten Improvisators aller Zeiten und Völker rühmen zu können, daß er als Dichter Schönes geschaffen, als Gelehrter und Schriftsteller die Perlen der Volkspoesie vieler Länder gesammelt und für die Kunde der deutschen Literatur im Ausland höchst verdienstvoll gewirkt hat. Ich bin überzeugt, daß es nur dieser Nachweisung bedurfte, um das bis jetzt einsam, schmucklos und vergessen gewesene Grab im Gottesacker zu Jena fortan zu einer besuchten und geschmückten Stätte zu erheben. Heute ist’s noch so traurig bei dem dreifachen Grabe, unter welchem Wolff neben seiner Mutter und einem Töchterlein schlummert; die Abendschatten von den hohen Denkmälern der alten Fechtmeister von Jena und die Blätter der Thränenweide eines Nachbargrabs fallen auf dasselbe; kein Stein nennt den Namen des Dichters, nur der treue Epheu schlingt seinen Rahmen um das öde Bild. Aber wir werden es erleben, daß die Gartenlaube sich abermals als das Blatt der That bewährt. Ihre Leser, die schon einen stattlichen Theil der deutschen Nation bilden – und zwar rings um die Erde, – werden die Leiden der Verkennung eines reichen und edlen Geistes nachempfinden und es sich zur Herzenssache machen, durch die Erneuerung seines Andenkens ihm sein Recht und seinen Lieben die höchste Wohlthat zu erweisen.

Mir aber erlaube man ein Geständniß. So oft mir die Ehre zu Theil wird, einen Artikel für die Gartenlaube zu schreiben, greife ich mit dem Bewußtsein zur Feder, daß dies für Millionen Leser geschieht. Dieser Gedanke ist, wie kein anderer, geeignet, bei der Wahl des Stoffs wie der Form an Ernst und Gewissenhaftigkeit zu mahnen: die weite, fast unabsehbare Wirkungssphäre des Blattes verpflichtet dazu. Nie aber bin ich ernster und doch freudiger an eine Arbeit gegangen, als an die vorliegende: erfüllte sie mich doch mit dem Gefühl der Genugthuung, im Namen Tausender von dankbaren Schülern des geliebten Lehrers zu sprechen, einem verkannten deutschen Mann die ihm versagte wohlverdiente Würdigung, einem Dichter den ihm vorenthaltenen Lorbeer wahren zu helfen und damit beizutragen, daß die Gartenlaube sich von Neuem bewähre als das, was sie schon so vielen vom Unrecht Unterdrückten und Verfolgten gewesen ist: eine Herberge der Gerechtigkeit.




Skizzen aus dem Land- und Jägerleben.
Wort und Bild von Ludwig Beckmann.
1. Der schwarze Peter.


Um übergroßen Erwartungen von Seiten des freundlichen Lesers von vorn herein vorzubeugen, bemerken wir zunächst, daß der Held unserer kleinen Erzählung nicht etwa eine Art Raubschütz, Schinderhannes oder Chef einer Schmugglerbande ist, sondern ein braver Edelhirsch, der seiner Zeit dem gräflich von X.’schen Damwildparke zu besonderer Zierde gereichte. Er hieß einfach „Peter“, und da er sehr dunkel gefärbt war, erhielt er das Prädicat: „der Schwarze“. Der schwarze Peter war in jüngern Jahren eigentlich ein grundgemüthlicher Kauz, der sich in seinen zahlreichen Mußestunden vorzugsweise mit Wiederkäuen beschäftigte, allein mit den Jahren ward er allmählich unzuverlässiger, ängstigte die Besucher des Parkes durch seine Zudringlichkeit und respectirte zuletzt nur noch den alten Parkwärter. Sobald dieser sein lautes: „Wull’ Du ’mal ’rrruht!“ erschallen ließ, war’s mit Peter’s Courage plötzlich vorbei, denn jener Zuruf pflegte der unmittelbare Vorläufer einiger wohlberechneten Peitschenhiebe zu sein.

Zu den besonderen Eigenheiten Peter’s gehörte seine Abneigung gegen alle Neuerungen – es war eine durchaus conservative Natur. Jede Veränderung oder Ausbesserung an den zahlreichen Brücken, Stegen und Verlattungen im Park erregte seinen Unwillen und gar häufig hatte er in der Nacht das neue Bretterwerk wieder heruntergearbeitet, welches Zimmermann und Schreiner mühsam bei Tage hergestellt. Einst hatte der kunstsinnige Besitzer des Parkes eine Anzahl sogenannter „Naturbänke“ aus ungeschälten, weißen Birkenstämmchen, mit Eichenrinde verziert, nach eigner Zeichnung anfertigen und an den malerischsten Punkten im Parke aufstellen lassen. Am nächsten Morgen fand man sämmtliche Bänke in ihre Urbestandtheile zerlegt, auf dem Rasen zerstreut, oder im Wasser umhertreibend, ja einzelne Knittel waren hoch in’s Gezweige der Bäume geschleudert und dort hängen geblieben! Als ich am Morgen nach diesem Vorfalle früh in den Park trat, hörte und sah ich schon von Weitem, wie der Wärter sich vergebens abmühte, den Hirsch in eine Einzäunung zu treiben, welche von nun an sein beständiger Aufenthalt sein sollte. Peter hatte dicht neben dem Eingang Stellung genommen; mit dem Rücken gegen das Pfahlwerk gelehnt, den Kopf mit dem mächtigen Geweih tief herabgesenkt, stand er da und wehrte sich ritterlich gegen die hageldicht heransausenden Birkenknittel und sonstigen Bruchstücke der Naturbänke, welche ihm vom Wärter unablässig zugesendet wurden.

Bis jetzt hatte der Hirsch noch jeden Wurf vollständig mit dem Geweih parirt, oft genügte eine kleine Seitenbewegung des Kopfes, um das herankommende Projectil weit seitwärts abzuprellen oder hoch in die Luft wirbeln zu lassen. Als ich mir aber ebenfalls einen Arm voll „Naturhölzer“ gesammelt und dem Wärter secundirte, ward es dem Peter doch allmählich zu heiß, er machte plötzlich Kehrt und stürmte in wilder Flucht in seinen Zwinger, der sich sofort hinter ihm schloß.

Als der Hirsch bereits in die Brunst getreten war, verließ ich einst zu später Abendstunde die mitten im Park belegene Behausung des Wärters und schritt heimwärts durch die hohen, dunklen Kiefern, fortwährend bemüht, den unscheinbaren Fußpfad beim unstäten Licht meiner kleinen Blendlaterne im Auge zu behalten. Es war völlig windstill und ich wunderte mich sehr, das Geschrei des Hirsches nicht wie gewöhnlich aus der Ferne herüber schallen zu hören. Kaum einen Flintenschuß von der Ausgangspforte entfernt, glaubte ich ein leises klitscherndes Geräusch hinter mir zu vernehmen, wie dies wohl ein Stück Wild im ruhigen Gange durch das Zusammentreffen der Schalen mit dem Geäster hervorbringt. Ich dachte unwillkürlich an die Möglichkeit eines Rencontre mit dem schwarzen Peter, welcher jetzt die schönste Gelegenheit haben würde, Revanche zu nehmen. Ich kannte sein Gedächtniß für empfangene Beleidigungen und erinnerte mich, daß er einst, scheinbar ohne jede Veranlassung, einen Arbeiter mitten unter seinen Gefährten aufgesucht und mit den Vorderläufen niedergeschlagen hatte. Der Mann bekannte später, daß er einige Wochen früher dem Hirsche ein Stück glimmenden Feuerschwamms auf die Nase gelegt hatte.

Während ich diesen unerquicklichen Betrachtungen nachhing, ließ sich das erwähnte Klitschern abermals vernehmen. Ich drehte mich um und richtete meine Laterne bald hoch, bald niedrig, bald links und rechts, anfänglich vergebens. Endlich glaubte ich in einiger Entfernung ein starkes Stück Wild auf dem Fußpfade zu entdecken, ob aber Hirsch oder Thier, war nicht zu unterscheiden. Ich sollte nicht lange in Zweifel bleiben, denn mein unheimlicher Begleiter kam langsam gerade auf mich zu. Es war richtig – der schwarze Peter, welcher, der Himmel mochte wissen wie, aus seinem Zwinger entkommen war. Mit steifem, feierlichem Schritt, den Kopf gesenkt, kam er heran. Ich bemerkte sofort, daß er das Gehör zurückgekniffen hatte, was immer ein Zeichen übler Laune ist, und sah mich rasch nach einer Deckung um. Zum Glück standen die Kiefern an diesem Orte nicht vereinzelt, sondern horstweise beisammen, und wenn es mir gelang, die nächste Gruppe zu erreichen, war ich wenigstens vor dem ersten Anlauf geschützt. Vorsichtig rückwärts tretend, setzte ich zunächst meine Laterne nieder und sprang dann mit einem Satz hinter die schützenden Kiefernstangen. Ich hatte die sentimentale Idee, der Hirsch werde sich mit der brennenden Laterne beschäftigen, bis ich mich in der Stille davon gemacht, allein ich war kaum hinter den Kiefern, als Peter auch schon von vorn dagegen prallte, daß es klappte. Dann begann er mit dem Geweih zu drücken und zu bohren, mit dem Kopf in derselben Stellung verharrend, während sein Hintertheil im Halbkreis hin und her traversirte. Bald knickte und krachte hier und dort ein dürrer Ast im Dickicht, was bei der nächtlichen Stille einen gewaltigen Lärm verursachte und zu meiner größten Freude das Wachthündchen des Parkwärters zu einem heillosen

[813]

Der schwarze Peter bei der Attake.

[814] Gebell anreizte. Gleich darauf hörte ich, wie der Parkwärter das Fenster aufstieß, um die Ursache des Lärmens zu erforschen, und auf meinen lauten Zuruf erschallte sofort sein: „Wull’ Du ’mal ’rrruht!“ Peter stutzte, und als der gefürchtete Ruf abermals erscholl und er den Alten aus der Hausthür treten hörte, machte er Kehrt und trabte eiligst durch die hohen Kiefern davon. Ich hörte, wie er unten in der Wiese ein starkes Rudel Damwild aufscheuchte, wie der ganze Troß gleich fernem Donnergepolter über die Wiese dahinstürmte und nun mit lautem Geplätscher durch den Bach setzte; dann war Alles still. Ich nahm meine Laterne vom Boden auf, rief dem Alten „gute Nacht“ zu und trat aus der Pforte des Parkes mit dem Vorsatze, künftig hübsch bei Tage heimzukehren.

Daß mit Peter aber auch bei Tage nicht mehr zu spaßen war, zeigte sich am nächsten Morgen. Die Magd des Parkwärters hatte – trotz der Warnung des Alten – sich schon früh aufgemacht, um aus dem nahen Bache Wasser zu holen. Da erscheint plötzlich der Peter am jenseitigen Ufer. Das Mädchen flüchtet eine nahe Anhöhe hinan, um in einer dort befindlichen Wildhütte Schutz zu suchen, allein der Hirsch war in zwei Sätzen durch den Bach und würde sie im nächsten Moment erreicht haben, wenn dem Mädchen in diesem Augenblicke die bis dahin krampfhaft festgehaltenen Wassereimer nicht entfallen wären. Diese kollerten dem Hirsche auf dem schmalen, abschüssigen Wege entgegen und während Peter sich mit den Eimern herumbalgte, gelang es dem Mädchen, die Hütte zu erreichen.

Auf ihr Hülfegeschrei eilte endlich der alte Parkwärter herbei, welcher den Hirsch in einer höchst lächerlichen Situation vor der Hütte erblickte. Er trug nämlich auf der einen Geweihstange einen der schweren Wassereimer und bemühte sich vergebens, dieses lästige Anhängsel los zu werden. Wahrscheinlich hatte dieser Umstand das Mädchen allein gerettet. Der Hirsch wollte den ihm entgegenrollenden Eimer einfach zur Seite schleudern, schlug aber glücklicherweise die Geweihstange gerade zur obern Oeffnung des Eimers hinein und mit Zertrümmerung des Bodens unten wieder heraus, so daß der hohle Cylinder bis auf die Mittelsprosse der Geweihstange getrieben wurde. Der eiserne Reifen aber hatte sich unter dem Augsprossen verfangen und so kam es, daß Peter noch fast acht Tage lang mit seinem Eimer umherstolzirte. Peter’s Einzäunung ward nun dermaßen verbarricadirt, daß an ein abermaliges Entwischen nicht zu denken war. Erst gegen Ende Februar, nachdem er sein Geweih abgeworfen, ward er wieder in den Park gelassen. Kurz zuvor ereignete sich ein drolliger Vorfall, der hier noch in Kürze Erwähnung finden möge.

Die meisten Besucher des Wildparks konnten nicht unterlassen, den eingesperrten Peter im Vorübergehen zu necken. Besonders zeichnete sich in dieser Beziehung ein junger Engländer aus, der bei dem Geistlichen des Ortes in Pension war und jeden Nachmittag zu bestimmter Stunde erschien, um sich mit dem Hirsche zu amüsiren. Sobald der gereizte Hirsch mit dem Geweih gegen die Umzäunung anrannte, ergriff der junge Mann die äußersten Enden der Stangen und versuchte den Kopf des Hirsches herunterzudrücken.

Ich wunderte mich sehr, daß der Parkwärter diese Neckereien völlig ignorirte, allein dieser erwiderte lachend: „Lassen Sie den Engländer nur wirthschaften, – ich wette, er bricht dem Peter heute oder morgen eine Stange ab, sie sind alle beide schon wacklig! Das giebt ’n Hauptspaß; er hat mir ’mal erzählt, in Schottland würden die Hirsche so alt, daß ihnen dickes Moos auf dem Geweih wüchse. Er hat also gar keine Ahnung, daß der Hirsch alle Jahre das Geweih wechselt – na, der wird ’n Schrecken kriegen!“

Was der Alte prophezeit, ereignete sich richtig schon am nächsten Nachmittage. Peter hatte anfänglich gar keine Lust mit dem Engländer zu boxen, gab indeß zuletzt der Herausforderung nach und lehnte vorsichtig mit dem bereits in der Trennung begriffenen Geweih gegen die Einzäunung. Der junge Mann griff herzhaft zu, drückte – knacks! brach die Stange und der Hirsch rannte davon, den Kopf, der durch den plötzlichen Verlust der einen Stange völlig aus dem Gleichgewicht gekommen war, ganz schief tragend, während ihm der rothe Schweiß von der Bruchstelle über die silbergrauen Wangen herabrieselte. Ein schauerlicher Anblick für den jungen Mann, der, sprachlos vor Schrecken, mit offenem Munde da stand und bald die am Boden liegende Stange, bald den in höchster Aufregung umhertrabenden Peter anstarrte.

„Donnerwetter – das ist aber ’ne schöne Geschichte,“ fing jetzt der Wildmeister an zu fluchen, „Himmel Sackerment, was wird der Graf sagen, daß Sie ihm den ganzen Hirsch verschändet haben! Nun laufen Sie nur gleich zum Tiemann,“ (so hieß der Thierarzt des Ortes) „vielleicht kann der noch helfen. Aber rasch, nehmen Sie die Stange mit!“

Der Engländer raffte die abgeworfene Stange auf und trabte davon. Der Zufall wollte, daß der Besitzer des Parkes gerade in der Nähe war, und als derselbe den ihm unbekannten jungen Mann mit der Geweihstange aus dem Parke eilen sah, erschien ihm die Sache verdächtig und er schickte den ihn begleitenden Jäger ab, den vermeintlichen Dieb anzuhalten. Dieser kam bald zurück, den Engländer am Arme führend, der dem Grafen schon von Weitem fortwährend zurief: „Indeed, Sir – I did not mean to do it, I just touched it!“ („Wirklich, Herr, ich habe es nicht mit Absicht gethan, ich griff gerade daran!“)

Der Graf wußte natürlich anfangs nicht, was das Alles zu bedeuten habe, bis endlich der Parkwärter hinzutrat und unter allgemeinem Gelächter den Hergang erzählte. Der Engländer aber verschwand und ward seit jenem Tage nicht wieder im Parke gesehen.

Im nächsten Herbst fand der schwarze Peter – der nun bereits zum stattlichen Zwölfer herangewachsen war – ein unerwartetes tragisches Ende. Um seinen Harem zu vergrößern, hatte man noch einige Stück Wild aus dem Mecklenburgischen kommen lassen. Außer diesen weiblichen Thieren war nun aus Mißverständniß vom Absender auch ein Hirsch geschickt, welcher am nächsten Tage zurückgehen sollte und bis dahin in einem kleinen Zwinger, der unmittelbar an Peter’s Einzäunung grenzte, untergebracht wurde. Der neue Ankömmling war bei Weitem jünger und geringer als Peter – ein „Schneider von Geburt“, wie sich der Parkwärter ausdrückte – und bezeigte eine entsetzliche Furcht vor seinem Nachbar, der bereits in voller Brunft war, unaufhörlich schrie und sich vergebens abmühte, zu dem fremden Hirsche zu gelangen. Die Scheidewand zwischen den beiden Einzäunungen ward daher noch Abends spät durch eingeschobene Stangen und Balken verstärkt.

Am nächsten Morgen fand man den schwarzen Peter steif und starr, mit zwei tiefen Wunden hinter dem linken Blatte mitten unter der Scheidewand liegen, so daß die vordere Körperhälfte in der Einzäunung des fremden Hirsches und das Hintertheil noch in seinem eigenen Zwinger lag. Er hatte die unterste Stange der Scheidewand zertrümmert und dann versucht, sich an einer moorigen Stelle des Bodens unter der Verlattung durchzuarbeiten, um zu dem fremden Hirsche zu gelangen. Dieser aber, die ihm drohende Gefahr erkennend, hatte in der Angst der Verzweiflung den ihm an Stärke weit überlegenen Peter sofort angegriffen und ihm die beiden Augsprossen der ganzen Länge nach in die Brusthöhle gejagt.

Der jugendliche Sieger hatte sich mit dieser kühnen That die Rückreise in’s Land der Obotriten erspart; er trat an Peter’s Stelle als „Platzhirsch“ im Parke ein und residirt dort im Kreise einer zahlreichen Nachkommenschaft noch heute.




Blätter und Blüthen.


Skizzen aus Nordamerika. I. Eine Schülerin in einem fashionablen Damenpensionate. Im Herbste des Jahres 186* kam ich als Musiklehrer an das „Ladies-Seminar“ zu N., einem nahe den Quellen des Hudson romantisch gelegenen Dorfe. Das Seminar bildete, wie alle derartigen amerikanischen Institute, zwar auch junge Mädchen zu Lehrerinnen aus, die Mehrzahl seiner Schülerinnen indessen, meist wohlhabenden Familien angehörig, hielt sich dort nur auf, um ihrer Bildung einen gewissen Grad von Firniß zu geben. Es wurde deshalb auch von jeder Neuankommenden erwartet, daß ihre Kenntnisse eine genügende Grundlage hatten, wie denn überhaupt nur erwachsene junge Damen dort aufgenommen wurden.

Unter meinen Schülerinnen war eine Miß P., die ich in den ersten Tagen, nachdem ich sie kennen gelernt, für ziemlich blasirt hielt. Wie ich später erfuhr, war sie die Tochter eines der reichsten Fabrikanten in Connecticut und dessen verwöhnter Liebling. In ihrem Aeußeren hatte sie [815] wenig von der specifischen Yankeeerscheinung, mit ihren blonden Locken und blauen Augen mochte sie wenigstens für eine deutsche Uebersetzung derselben haben gelten können. Blasirt war sie aber nicht, und ich nahm bald wahr, daß sich hinter ihrem schmachtend-gleichgültigen Wesen ein innerer Schmerz verbarg. Ich setzte denselben auf Rechnung ihrer zarten Constitution, zerbrach mir übrigens nicht besonders den Kopf darüber.

Zu den Weihnachtsfeiertagen reisten fast sämmtliche jungen Damen nach Hause. Für den kleinen Kreis der Zurückbleibenden fanden damals die gemeinschaftlichen Morgen- und Abendgebete – das Seminar wurde ganz im Neu-England-Stile, d. h. mit puritanischer Frömmigkeit, betrieben – nicht in der Capelle, sondern im Parlor statt. Dabei wurde denn eifrig dafür gebetet, daß die heimfahrenden Damen von keinen Eisenbahnunfällen betroffen würden, was in Amerika jedenfalls ein ziemlich gerechtfertigter Wunsch ist, und zugleich die Bitte eingeschaltet, daß Alle wohlbehalten zurückkehren möchten. Ob nun dieses letztere Gebet blos auf die Unglücksfülle hinzielte oder in Beziehung zum Budget der Anstalt stand, das durch plötzliches Ausbleiben unliebsame Störungen erleiden konnte, dürfte schwer zu ermitteln sein, jedenfalls trafen die jungen Damen ziemlich pünktlich nach Neujahr wieder ein, und in einigen Tagen befand sich Alles wieder im alten Geleise.

Miß P. kehrte nicht sogleich zurück, es lief vielmehr eine telegraphische Depesche ihres Vaters ein, des Inhaltes, daß seine Tochter augenblicklich krank sei, jedoch wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen würde, und bald nachher erschien sie auch selber, noch leidender als früher aussehend, so daß sie auch den ganzen Tag auf ihrem Zimmer blieb. Nur Mittags und Abends kam sie in das Empfangszimmer, um die Besuche eines jungen Herrn anzunehmen, der zugleich mit ihr angelangt und im Hotel abgestiegen war. Herr G.…d – dies war sein Name – war, obgleich ein hübscher und elegant gekleideter Mann, nicht allzu einnehmend; er erinnerte irgendwie an jene fein gekleideten jungen Leute, die man den ganzen Tag vor den New-Yorker Hotels stehen sieht und von denen man nie recht weiß, wie sie es eigentlich anfangen, immer so elegant aufzutreten. Dabei trug er eine gewisse offenherzige Biederkeit zur Schau, die man jedoch bald als unter dem Drucke einer gewissen Befangenheit stehend erkannte.

Nach einigen Tagen Aufenthalt reiste er ab, war jedoch bald wieder da, wurde aber nun im Seminar lästig, und so hörte ich eines Abends zufällig, wie sich der Principal kurzweg die Ehre seiner künftigen Visiten verbat.

Als ich am nächsten Mittag von einem Spaziergange zurückkehrte, begegnete mir Herr G.…d in der Straße. Wir waren uns früher vorgestellt und ich sah, wie er mich anreden wollte. Mit einem flüchtigen Gruße wollte ich an ihm vorübergehen, doch er hielt mich an.

„Auf ein Wort, mein Herr.“

„Sie wünschen?“

„Wollten Sie mich durch eine Gefälligkeit verbinden?“

„Sehr gern, wenn – –“

„O bitte, nur ein kleiner Auftrag! Sagen Sie meiner Frau –“

„Ihrer Frau?“ fragte ich erstaunt.

„O, ich vergaß, jawohl meiner Frau, es ist die Dame, welche Sie unter dem Namen Miß P. kennen. Bitte, sagen Sie ihr, daß ich sie heute Abend um sieben Uhr mit einem Wagen am Hotel erwarte.“

„Mein Herr, ich denke gar nicht daran, einen solchen Auftrag auszuführen.“

„Sie weigern sich. Warum?“

„O sehr einfach, ich bin kein Botengänger von – Unbekannten.“

Dieses „Unbekannten“ mußte wohl etwas ironisch ausgefallen sein, denn er fuhr hoch auf, sagte aber dann ruhiger:

„Sie wollen also in der That nicht?“

„Nicht im Entferntesten.“

Entrüstet ging er ab, in seinem Herzen wahrscheinlich Feuer und Flammen gegen den verd– Deutschen speiend.

Zu Hause angekommen, erzählte ich dem Principal das wunderliche Gespräch und bat ihn um Aufklärung des Vorfalls. Er nahm mich mit sich in die Bibliothek und theilte mir hier das Nähere mit, so weit es ihm bekannt war.

Herr G.…d, der kein anderes Geschäft hatte, als auf den Tod eines reichen Großvaters zu warten, hatte einen starken Eindruck auf Miß P.’s Herz, aber einen desto unvortheilhafteren auf das Gemüth ihrer Eltern gemacht. Die Vorstellungen derselben halfen nichts, dienten im Gegentheil nur dazu, die Flamme noch heißer zu schüren, und so entschloß man sich endlich, das liebeskranke Mädchen in das entfernte Seminar zu schicken, damit sie dort ihren edlen Ritter vergäße. Derselbe bewog sie aber zu einer heimlichen Heirath, und auf der Reise zum Seminar ließ sie sich mit ihrem Geliebten in der Trinitykirche zu New-York trauen. Die Eltern hatten keine Ahnung davon, waren aber zu Weihnachten, als ihre Tochter sie umzustimmen suchte, durchaus nicht zu bewegen, ihre Meinung zu ändern, und so reiste die junge Dame höchst unglücklich wieder nach N. zurück.

Sie führte außer einigem eigenen Gelde mehrere hundert Dollars zur Bezahlung ihrer Pension mit sich, und ihr Gemahl bewog sie, erst etwas mit ihm zu reisen, ehe sie wieder in das Institut ging. Um keine Nachfragen von dort zu veranlassen, schickte er die fingirte Depesche nach N., die dort auch durchaus nicht angezweifelt wurde. Die Reise war indeß kürzer, als er gedacht, weil seine Frau sich ganz entschieden weigerte, das ihr zur Bezahlung der Pension anvertraute Geld anzugreifen, un so mußte er wohl oder übel einwilligen, sie zum Seminar zurückkehren zu lassen, da er ihr keine Häuslichkeit anbieten konnte. Nach einigen Tagen entschloß er sich, seinem Schwiegervater ein offenes Geständniß zu machen; er reiste deshalb zu ihm, hatte jedoch nur den unvollkommenen Erfolg, daß er zur Thür hinausgeworfen wurde. Entrüstet reiste er wieder nach N., der Principal des Seminars aber, welcher inzwischen den wahren Stand der Dinge erfahren hatte, verbot ihm einfach das Haus.

Jetzt verschwor Herr G.…d sich hoch und theuer, daß er aller Welt zum Trotz seine Frau haben wolle; die ganze Welt war leider nur eigensinnig und wollte nicht an seine Verheirathung glauben. Der Notar, an den er sich wandte, weigerte sich, hülfreiche Hand zu bieten, antwortete vielmehr auf die Frage, ob er denn kein öffentlicher Notar sei: „Ja, aber nur für Leute, die ihm gefielen, und er – Applicant – gefalle ihm ganz und gar nicht.“

Unter diesen Umständen blieb dem erzürnten Ehemann nichts weiter übrig als sich an das Gericht in W. zuwenden. Da ihm jedoch Niemand im Dorfe Pferde geben wollte, so mußte er die neun Meilen zu Fuß im Schnee laufen. Vor Gericht konnte man natürlich nicht Partei gegen ihn nehmen, und da er vollgültige Beweise seiner Heirath beibrachte, so gab ihm der Richter einen mit writ of habeas corpus; d. h. einen Befehl, auf Grund dessen ihm seine Gemahlin ausgeliefert werden mußte. Miß P. oder vielmehr Frau G.…d, wie wir sie jetzt nennen können, die sich in der letzten Zeit gar nicht hatte blicken lassen, sah sehr niedergeschlagen aus, und als sie gerade abreisen wollte, erschien ihr Schwager mit der Botschaft, daß sie von ihrem Vater verstoßen sei und nie wieder vor sein Angesicht kommen dürfe. Die junge Frau, welche ihren übereilten Schritt wohl schon sehr bereute, fiel bei dieser Nachricht in Ohnmacht, und ein hitziges Fieber bedrohte ernstlich ihr Leben. Allgemein bedauert, reiste die Dame ab, die sich durch ihre leidende Sanftheit viele Freunde erworben hatte, und wir freuten uns herzlich, als wir nach einiger Zeit vernahmen, daß der Zorn des Vaters gegen seinen Liebling wohl nicht ewig dauern würde. Der Gemahl soll dagegen keine Aussicht auf Amnestie haben, er hat sich daher mit wilder Energie aufs das Studium der Rechte geworfen.

Dem Seminar that diese Episode keinen Eintrag; vielmehr sahen die Eltern, daß ihre Töchter dort gut aufgehoben waren. Charakteristisch ist aber eine Aeußerung des Principals: „Wenn ich jedem jungen Manne gleich seine angebliche Frau ausliefern wollte, so würde ich in vierzehn Tagen meinen Thee ganz allein trinken können.“




Warnung für Auswanderer. Im Anfang des Monats August d. J. verließen zwei Männer, ein gewisser Martin (Luxemburger von Geburt) und ein Engländer, Namens Scotland, die Stadt Lima in der südamerikanischen Republik Peru, in der Absicht, Deutsche zur Auswanderung dahin zu verleiten.

Die Regierung jenes Staates suchte nämlich die Ländereien im Innern der Republik, welche noch im wüsten Urzustande daliegen, zu colonisiren. Von früheren Versuchen, die eigenen Unterthanen zu einer Niederlassung in jenen Districten zu bewegen, hatte sie abstehen müssen; wegen der weltbekannten Trägheit der Peruaner und weil die rauhen, über wilde Schluchten und reißende Bergströme führenden Verbindungswege, zu deren Restauration die Regierung weder Geld noch taugliche Leute hatte, Jeden zurückschreckten. Da blieb denn nichts Anderes übrig, als Ausländer anzuwerben, und welche wären dazu wohl besser passend als die Deutschen? Arbeitsam und unermüdlich, wie der Deutsche ist, versprach er, der Obrigkeit (vom nationalen Standpunkte aus betrachtet, keineswegs zu seinem Ruhme) ein guter, geduldiger Unterthan zu werden, der im Schweiße seines Angesichts dem fremden Lande neue Erwerbsquellen eröffnen und mit seiner Hände Arbeit das fremde Volk zum Wohlstande führen würde.

Schon um die Mitte der fünfziger Jahre trafen auf Veranlassung und unter Führung eines Deutschen, Damian von Schütz, dreihundert Einwanderer, Tiroler und Rheinländer, in Lima ein, um Niederlassungen am oberen Amazonenstrome zu gründen. Schütz hatte es wohl ganz ehrlich mit den Leuten gemeint, ehrlicher gewiß als die peruanische Regierung, die keine ihrer großen Versprechungen gehalten hatte. Z. B. sollten die Colonisten bei ihrer Ankunft eine gute Straße nach dem Innern vorfinden, statt dessen war noch kein Spaten zum Bau einer solchen in Bewegung gesetzt, und auch noch heute sind die Wege, wenigstens bis auf wenige Stunden vor der Hauptstadt, blos schmale Maulthierpfade, verfallener und verwahrloster als dazumal, und werden es auch wohl bleiben, bis einmal einer der Präsidenten selbst darauf den höchsteigenen Hals bricht. Das Geld zum Bau der Straße war von gewissenlosen Beamten zu anderen, wahrscheinlich privaten Zwecken verwandt werden! Genug, nichts war für die Aufnahme der Colonisten gethan, und diese konnten nun selbst sehen, wie sie fortkämen.

In Lima schon waren viele (etwa der dritte Theil) zurückgeblieben, um auf andere Weise ihren Unterhalt zu verdienen, weil sie sich durch die Wortbrüchigkeit der peruanischen Regierung von ihrem Contracte entbunden glaubten. Die übrigen, unter denen sich auch viele Weiber und Kinder befanden, langten nach Ueberwindung großer Gefahren und Strapazen bald an einer Stelle, einem Bergabhange, an, wo selbst die Maulthierpfade aufhörten, und jetzt begann für die Armen eine arge, schwere Zeit.

Da saßen sie hoch oben in den Schneeregionen der Anden und klopften Steine! Wie manche Thräne mag dem Auge der Mutter entfallen sein, wenn sie auf ihr Kind blickte, das sie einer trüben Zukunft entgegenführte; wie manchen Fluch über die Verlockungen der Werbeagenten mögen dort die Lippen eines Vaters hervorgepreßt haben, sah er Weib und Kind hungernd und vor Frost zitternd in gänzlicher Ermattung zusammenbrechen! Zwei lange, lange Jahre der Drangsal und der Gefahren verflossen, ehe ein Platz gefunden war, wo sie sich ansiedeln konnten, und nicht Wenige waren inzwischen den Beschwerden erlegen.

Der Hauptzweck der Regierung, einen Handelsweg nach den atlantischen Staaten Südamerikas für die Producte einer am oberen schiffbaren Amazonenstrome zu gründenden Colonie zu erschließen, war aber nicht erreicht, denn die junge Niederlassung lag noch weit von den schiffbaren Gewässern des großen Stromes entfernt, und durch nichts waren die Ansiedler zu bewegen, ihr kleines, geschütztes Thal wieder zu verlassen und noch länger die Beschwerden eines Marsches in der Wildniß zu ertragen.

Jetzt nun sollen von Neuem Einwanderer nach Peru geschafft werden, um die Pläne der Regierung auszuführen, und die beiden Eingangs genannten [816] Männer haben sich zu deren Heranziehung erboten. Sie wollen fünftausend Personen anwerben und erhalten pro Kopf hundertundfünfzig Soles, werden also durchaus kein schlechtes Geschäft machen, wenn es ihnen gelingt, eine solche Anzahl zu bethören.

Leider sind es größtentheils gerade die tüchtigsten Kräfte, der Kern des deutschen Volkes, welche am leichtesten zu gewinnen sind; thatkräftige Männer, die drüben, wenn auch mit harter Arbeit, den Wohlstand ihrer Familien gründen, den Keim zum Glücke ihrer Kinder legen zu können glauben. Daher ist es Pflicht jedes Menschenfreundes, jedes Deutschen, vor den Verlockungen der Anwerbenden zu warnen. Denn was erwartet die mit frohen Hoffnungen Ankommenden? – Harte, unbelohnte Arbeit und Gefährdung von Gut und Leben. Handel und Gewerbe liegen in Peru darnieder wie noch nie zuvor. Die Regierung ist gezwungen, um sich Geld zu verschaffen, dem Volke immer neue und größere Steuern und Lasten aufzulegen, wodurch sich das Murren und die Unzufriedenheit fortwährend mehren. Unzählige Revolutionen haben die socialen Verhältnisse des Landes gänzlich zerrüttet; Raub- und Mordgesindel treibt selbst in der nächsten Nähe der Hauptstadt sein Unwesen, und die niedere Bevölkerung rückt, geistig wie leiblich, einer gänzlichen Verkommenheit immer näher.

Möchten darum sämmtliche deutsche Zeitungen es für eine nationale Pflicht erachten, diese Warnung durch Aufnahme in ihre Spalten zu verbreiten!




Die Brüder O’Donnell. Bei Gelegenheit des kürzlich erfolgten Ablebens des spanischen Marschalls O’Donnell dürfte es nicht uninteressant sein, Einiges über dessen Familie zu hören. Dieselbe stammt aus Irland, wie schon das O vor dem Namen verräth, und drei Brüder suchten in Spanien ihr Glück zu machen, aber nur einem gelang dies. Der älteste hat sich keinen berühmten Namen erworben, der zweite war eben der jetzt verstorbene Herzog von Tetuan, welcher eine glänzende politische und militärische Carriere machte, die allgemein bekannt ist. Der jüngste Bruder, ein muthiger, unerschrockener Charakter, hätte vielleicht ebenfalls eine bedeutende Laufbahn vor sich gehabt, wenn ihm dieselbe nicht allzufrüh abgeschnitten worden wäre. Von ihm wollen wir vornehmlich erzählen.

Zur Zeit des Erbfolgestreites in Spanien hatte er für das Kind Isabella Partei ergriffen und gehörte demnach zur Partei der „Christinos“; bei irgend einem Scharmützel in dem Guerillakriege wurde er von dem berühmten Carlistenführer Zumalacarreguy gefangen genommen. O’Donnell betrachtete dies fast als einen glücklichen Zufall, denn Zumalacarreguy war sein Jugendfreund und ehemaliger Mitschüler von einer Kriegsschule her; die beiden Freunde hatten sich seit Jahren aus den Augen verloren und feierten nun ein freudiges Wiedersehen. Zumalacarreguy nahm den Freund mit in sein eigenes Zelt, bewirthete ihn nach Kräften und sagte ihm, nachdem sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählt:

„Deine Gefangenschaft wird nicht lange dauern, lieber Freund, ich schicke noch heute einen Parlamentär zu dem General der Christinos, um wegen Auswechselung der Gefangenen zu verhandeln, und so kannst Du morgen schon wieder in Freiheit sein.“

Der Parlamentär wurde auch wirklich abgesandt und entledigte sich seiner Mission. Der Christinosgeneral aber, ein unkluger und roher Mensch, antwortete dem Parlamentär: „Ich will Dir zeigen, wie ich mit Rebellen unterhandle!“ Und sofort ließ er vor den Augen des Parlamentärs sämmtliche gefangene Carlisten erschießen, worauf der Abgesandte empört zu seinem Chef zurückkehrte.

Am folgenden Morgen trat Zumalacarreguy mit etwas verlegener Miene in sein Zelt und fand da seinen Gefangenen, der sich eben die Frühstückschocolade prächtig schmecken ließ. Still setzte er sich ihm gegenüber.

„Was hast Du?“ frug O’Donnell. „Hast Du schlecht geschlafen? War Deine Chocolade angebrannt oder was ist Dir sonst? Du siehst ja ordentlich verstört aus.“

„Mein Gott, ja,“ entgegnete der Carlistenchef, „ich bin wirklich sehr verdrießlich, denn ich habe Dir eine schlechte Nachricht mitzutheilen. Der General der Christinos hat vor den Augen des Parlamentärs sämmtliche Gefangene niederschießen lassen, und ich sehe mich nun gezwungen, Repressalien zu üben. Du wirst also in einer Stunde mit den Anderen erschossen, so leid es mir thut.“

O’Donnell hörte dies ruhig an und erwiderte dann: „Nun, das ist ja ganz natürlich, da brauchst Du Dir doch wahrlich keine Scrupel weiter darüber zu machen. Du kannst nicht anders; ich würde auch so thun. Gieb mir nur noch ein paar Cigaretten und Schreibmaterialien, damit ich einen Brief schreiben kann, den Du später besorgen wirst.“

Als er den Brief geschrieben, kam die Mannschaft, um die Gefangenen abzuführen. O’Donnell stand auf, schüttelte Zumalacarreguy noch einmal die Hand, zündete sich eine Cigarette an und ging, sich erschießen zu lassen.




Wieder Einer! Viele von Denen, die der Sturm des Jahres 1848 hinweg aus Deutschland fegte und die jetzt draußen in der Fremde und weit über den Meeren sich mühsam eine neue Existenz erkämpften, werden es mit Trauer vernehmen, daß einer ihrer treuesten Freunde, der Besitzer der Rheinländischen Weinstube in Leipzig, Heinrich Kaltschmidt, nun auch heimgegangen ist. Sein Name hatte nicht nur eine locale Bedeutung. In seiner Restauration versammelten sich einst – wie beim seligen Werner im Hahn – die politischen Flüchtlinge aller Nationen, um unter seinem Vorsitz und mit seinem gewichtigen Rath über die nächsten Ziele ihrer Flucht und die dazu nöthigen Mittel zu berathen. In dem Hinterstübchen seines Locales sind in diesen und in den späteren Jahren bis auf die Neuzeit herauf in Gegenwart der besten deutschen Männer Beschlüsse gefaßt und zur Ausführung gebracht worden, die in ganz Deutschland Aufnahme und Anerkennung fanden. Er selbst, dessen Demokratie nicht erst aus dem achtundvierziger Jahre stammte, nahm an Allem den lebhaftesten und innigsten Antheil und seine Meinung ward oft zur maßgebenden. Mit mehr als gewöhnlicher Bildung und einem haarscharfen Verstande verband er eine Entschiedenheit und Consequenz der Gesinnung, wie sie jetzt in den Zeiten des Rechnungtragens immer seltener wird. Dabei war er ein Mann der That, nicht nur der Phrase. An seinen frischen Grabeshügel können gar Manche hintreten und in sein stilles Haus ihm den Dank nachrufen, daß er sie gerettet vor langjährigem Gefängniß und Zuchthaus, oft mit eigener Gefahr – er hat die eine That mit mehrmonatlichem Gefängniß gebüßt –, oft mit Hülfe seiner nächsten Freunde, oder auch durch seinen klugen Rath und durch geschickte Irreführung der Verfolger von der Spur des edlen Wildes. Selten nur sprach er davon und nur Wenige wissen, was er gethan, zu einer Zeit, wo er selbst noch um seine eigene Existenz kämpfte. Er war eben ein ganzer Mann, und wenn er auch nie eine öffentliche Rolle gespielt: das Andenken an seine stille, aber thatkräftige Wirksamkeit wird sich nicht mit dem Deckel seines Sarges schließen.
K.




Für den Weihnachtstisch in Johann-Georgenstadt.
(Siehe Abbildung auf Seite 805.)


Das ist ein Wunsch, den wir in Bild und Wort hiermit aussprechen, den wir unserem gesammten Leserkreis an’s Herz legen und zu dessen Verwirklichung wir den Betrag unserer letzten Sendung von 204 Thalern an das Hülfscomité ausdrücklich bestimmt haben. Es giebt kein ärmeres Geschöpf auf Gottes Erde, als ein armes Kind zur Weihnachtszeit, wenn ihm von dem freudenreichen Feste kein einziger Strahl in’s Herz fällt, nicht die geringste Gabe es an das heilige Christkindlein erinnert, das „vom Himmel her“ zu aller Kinder Freude gekommen ist. Die Aermsten aller Armen im ganzen deutschen Vaterlande sind aber jetzt ganz gewiß die armen Kinder in Johann-Georgenstadt, deren abgebrannten Eltern Alles fehlt, Haus und Bett, Brod und Arbeit, wo der Fleiß vergeblich nach Verdienst ausgeht und die bitterste Sorge sich fremder Barmherzigkeit in die Arme werfen muß! Hier gilt’s, den Weihnachtsbaum in glücklicheren Kreisen zu schmücken und hinaufzutragen in den so schwer heimgesuchten Gebirgsort; hier gilt’s, reichlich und rasch zu spenden, um in den Kreis ihrer höchsten und reinsten Freude womöglich alle armen Kinder zu ziehen! Eben deswegen haben wir unsern Zeichner an Ort und Stelle geschickt, um unseren Lesern ein zugleich örtlich getreues Bild zu geben, wie ein solches Fest vor unseren Augen steht. Möge es nun zu recht voller und schöner Wirklichkeit werden!

Es gingen ferner ein: Von W. M. in Gröbzig 3 Thlr.; C. S. in Meiningen 1 Thlr.; Ernst Dörflinger in Guben 1 Thlr.; W. Siedersleben in Dessau 5 Thlr.; Rechenfehler eines Bankiers 2 Thlr.; Ertrag eines Concerts des Männergesangvereins in Oberoderwitz 15 Thlr.; durch Braumeister Vogel und Kaufmann Schleitner in Oschatz 4 Thlr. 5 Sgr.; O. Harlen in Dresden 1. Thlr.; Lesekränzchen in Buckau 2 Thlr.; von Torgau 5 Thlr.; ein Unbekannter in Meerane 1 Thlr.; –h– in Neuhaldensleben 2 Thlr.; Ertrag einer Sammlung in Milwaukie (Wisconsin) durch die Herren J. Neustadtel, H. Haertel und G. E. Weiß 161 Thlr., mit dem herzigen Wunsche des Briefes: „Wir wünschen, daß Johann-Georgenstadt und unser altes Vaterland, für welches die Liebe in unsern Herzen niemals erlöschen wird, auf lange, lange Jahre vor einer ähnlichen Calamität bewahrt werden möge.“
Die Redaction.




Inhalt: Heimath. Novelle von Adolf Wilbrandt. (Fortsetzung.) – Der letzte Gast. Von P. Kummer. – Deutschlands erster Improvisator und sein Loos. Von Friedrich Hofmann. – Skizzen aus dem Land- und Jägerleben. Wort und Bild von Ludwig Beckmann. 1. Der schwarze Peter. Mit Illustration. – Blätter und Blüthen: Skizzen aus Nordamerika. 1. Eine Schülerin in einem fashionablen Damenpensionate. – Warnung für Auswanderer. – Die Brüder O’Donnell. – Wieder Einer! – Für den Weihnachtstisch in Johann-Georgenstadt. Mit Abbildung.




Nicht zu übersehen!


Mit nächster Nummer schließt das vierte Quartal und der fünfzehnte Jahrgang unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen (sechzehnten) Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen.

Leipzig, im December 1867.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Jena, Fr. Mauke, 1841.
  2. Nach Wolff haben sich als öffentliche Improvisatoren in Deutschland hervorgethan: Maximilian Langenschwarz, der bei großer Begabung und Gewandtheit leider sich vom Hang zum Humbug nicht frei erhielt und dadurch der Würde der seltenen Kunst schadete; Eduard Beermann, der in glücklichen Stunden Gutes leistete; Eduard Volkert, dessen treffliches Talent von Armuth und Sorge erdrückt wurde und der (1865) zu Schwabach im Armenhause starb. Der ausgezeichnetste deutsche Improvisator der Gegenwart ist Wilhelm Herrmann aus Braunschweig, der würdigste Nachfolger und dankbarste Verehrer seines großen Vorgängers Wolff. Er hat sich bis jetzt auf das lyrische und epische Fach beschränkt, leistet im Ernsten wie im Komischen Vortreffliches und erfreut namentlich im Sonnet und im Akrostichon oft durch überraschende Geistesblitze und reine, anziehende Sprache.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jetziger Name „Fannia canicularis“