Zum Inhalt springen

Die Gartenlaube (1867)/Heft 33

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[513] No. 33.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Das Geheimniß der alten Mamsell.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


„Besinnen Sie sich, Felicitas!“ sagte der Professor mit beschwichtigender, aber völlig erloschener Stimme. „Wüthen Sie nicht gegen sich selbst wie ein kleiner ohnmächtiger Vogel, der sich lieber den Kopf einstößt, ehe er sich in das Unabänderliche fügt… Verhaßte Fesseln! … Kommt es Ihnen denn gar nie zum Bewußtsein, daß Sie mir unsäglich wehe thun mit Ihren harten, rücksichtslosen Worten? … Sie sollen frei sein, völlig frei in Ihrem Denken und Handeln, nur beschützt und behütet, wie – ein zärtlich geliebtes Kind … Felicitas, Sie sollen jetzt erkennen lernen, wie es ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt… Nur noch dies eine Mal werde ich als gebietender Vormund auftreten, erschweren Sie mir die nöthigen Schritte nicht durch Ihren Widerstand, der Ihnen ganz und gar nichts helfen wird – das erkläre ich Ihnen entschieden. Ich werde die Angelegenheit in meine Hände nehmen und Ihr Uebereinkommen mit der Hofräthin Frank rückgängig machen.“

„Thun Sie das!“ stieß Felicitas mit bebenden Lippen fast heiser hervor – aus ihrem Gesicht schien der letzte Blutstropfen entwichen. – „Aber auch ich werde handeln, und Sie können sicher sein, daß ich mich bis zum letzten Athemzug wehren werde!“

Nie in ihrem jungen, schwergeprüften Leben hatte ein solcher Sturm ihr Inneres durchtobt, wie in diesem Augenblick. Es tauchten plötzlich neue, unbekannte Stimmen in ihr auf, die mächtig mitsprachen in diesem Aufruhr – es war, als seien sie nur der Widerhall seiner innigen, beschwörenden Worte. Wie eine dunkle Gewitterwolke hing eine furchtbare Gefahr über ihrem Haupt, und – das fühlte sie instinctmäßig – sie mußte sich um jeden Preis von ihm losreißen, wenn sie nicht dieser Gefahr rettungslos verfallen wollte… War es doch jetzt schon, als habe er eine unbegreifliche Gewalt über ihr ganzes Wesen, als schlüge jedes harte Wort, das sie ihm sagte, schmerzend auf ihr eigenes Herz zurück.

Er hatte bis dahin ihre Hände festgehalten, und während sie sprach, ruhte sein Blick durchdringend auf ihren Zügen, die für einen Augenblick rückhaltslos das leidenschaftlich erregte Innere des Mädchens wiederspiegelten – den Augen dieses Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse und Vorgänge der Menschenbrust offenbaren müssen, als die einer, wenn auch noch so stolzen, doch gerade vermöge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten Mädchenseele. … „Sie werden nichts ausrichten!“ sagte er plötzlich gelassen, mit einer fast heiteren Ruhe. „Ich habe die Augen offen und mein Arm reicht ziemlich weit … Sie entgehen mir nicht, Felicitas! … Hier in X. lasse ich Sie auf keinen Fall, und – ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn zurückreisen.“

Die Gartenthür hatte längst geknarrt, aber das Geräusch war den Sprechenden entgangen. Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor, daß Frau Hellwig im Salon warte, auch die Frau Regierungsräthin lasse ihn recht sehr bitten, zu kommen.

„Ist sie unwohl?“ fragte der Professor rauh, ohne sich nach der Kammerjungfer umzuwenden.

„Nein,“ entgegnete sie verwundert, „aber die gnädige Frau wird bald fertig sein mit dem Kaffee, den sie selbst kocht – sie wünscht, der Herr Professor möchte ihn recht frisch trinken … der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im Salon.“

„Nun gut, ich werde kommen,“ sagte der Professor, aber er machte keine Anstalt, zu gehen. Vielleicht hoffte er, Rosa solle sich wieder entfernen, darin irrte er sich jedoch. Das Mädchen machte sich mit Aennchen zu schaffen, die jammernd und wehklagend die Händchen zusammenschlug über alle die „todtgetretenen Blümchen“ auf dem Rasen. Endlich schritt er mißmuthig den Damm hinab.

„Halten Sie sich nicht so lange hier auf,“ rief er nach Felicitas zurück. „Der Wind wird stärker, er bringt uns möglicherweise ein Gewitter. Kommen Sie mit Aennchen in das Gartenhaus.“

Er verschwand hinter den Taxuswänden. Felicitas aber durchschritt hastig die ganze Länge des Dammes. In ihrem sonst so klaren Kopfe wirbelte es chaotisch durcheinander. Sie rang vergebens nach der nöthigen Fassung und Ruhe, um ihre augenblickliche Lage übersehen und Herr derselben werden zu können… Also sie sollte ihr Joch weiterschleppen, und nicht genug, daß man ihr jedwede Selbstständigkeit auf lange Zeit hinaus verweigerte, sie sollte sogar in seiner unmittelbaren Nähe leben, jahrelang täglich mit ihm verkehren – als ob das nicht die furchtbarste Aufgabe wäre, die ihr je gestellt werden konnte! … Hatte sie nicht Alles gethan ihm zu beweisen, daß er ihr in tiefster Seele verhaßt sei, daß sie unversöhnlich bleiben werde ihr Lebenlang? War es nicht gerade deshalb die raffinirteste Grausamkeit, sie in der Weise fesseln zu wollen? … Nein, tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von Frau Hellwig mißhandeln lassen, als auch nur einen einzigen Monat länger mit ihm zusammensein, der eine wahrhaft dämonische Macht ihr gegenüber entfaltete. Schon allein seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu verwirren – der unbeschreiblich milde und warme Ton, den er jetzt immer annahm, berührte jede Fiber ihres [514] Herzens und machte es heftiger klopfen – das war natürlicherweise der alte Haß, der sich aufbäumte, aber mußte sie nicht schließlich an diesem einen so furchtbar erregten und fortwährend genährten Gefühl physisch und moralisch zu Grunde gehen? … Die neulich erzählte Vision hatte ihr viel zu denken gegeben, jetzt wurde ihr die einzige mögliche Lösung durch die Worte bestätigt: „Felicitas, Sie sollen jetzt erkennen lernen, wie es ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt!“

Er beabsichtigte jedenfalls, trotz ihrer entschiedenen Erklärung, in ihren Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen, später eigenmächtig über ihre Hand zu verfügen, sie sollte an irgend einen Mann, den er wählte, gebunden werden – damit war sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht, welches er allerdings eingesehen hatte, gut gemacht – das Herz drehte sich ihr um bei dieser Vorstellung. … Wie vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht! Konnte er irgend einen Menschen zwingen, sie zu lieben? Er selbst hatte eine unglückliche Neigung und ging deshalb einsam durch das Leben; mit diesem Entschluß gestand er seinem Herzen große Rechte zu – es durfte entscheiden über seine ganze Zukunft. … Er sollte sehen, daß auch sie für sich selbst genau dasselbe Vorrecht beanspruchte, daß sie sich nicht verhandeln ließ wie eine Waare. … Was hielt sie ab, sofort zu der Hofräthin Frank zu gehen und sich unter deren Schutz zu flüchten? .. Ach, da war ja der kleine, graue Kasten, der kettete sie fester an das unselige Haus, als es irgend ein menschlicher Wille vermocht hätte – um seinetwillen mußte sie ausharren bis zum letzten Augenblick.


23.

Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grübeln des jungen Mädchens. Sie nahm schmeichelnd Felicitas’ Hand und zog sie den Damm hinab. Der Wind sauste bereits mit großer Gewalt durch die Baumwipfel, er fuhr auch stoßweise und bissig in die geschützteren Regionen – erschrocken beugten sich die kleinen, schüchternen Grasblumen vor dem Störenfried. Ueber die Sonne hin jagten einzelne Wolkengebilde, deren Schatten sich für Momente wie dunkle Riesenflügel über die Kies- und Rasenplätze hinstreckten, Rosenblätter wirbelten hoch in den Lüften, und selbst die starren Taxuspyramiden neigten sich, steif und gravitätisch wie alte Hofdamen.

Da war es gemüthlich im schützenden Haus. Felicitas setzte sich auf einen Gartenstuhl in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor. Die Thür der kleinen Küche und auch die des Salons standen weit offen. Es ließ sich wohl nicht leicht etwas Anmuthigeres denken, als die Regierungsräthin, indem sie „das wirthliche Hausmütterchen“ repräsentirte. Sie hatte eine reichgarnirte, schwarzseidene Latzschürze vorgebunden, in dem blonden Lockengeringel, nahe am Ohr, wiegte sich eine Rose mit dunkelpurpurnem Kelch – sie war offenbar im Vorübergehen vom Strauch genommen und wie in absichtsloser Selbstvergessenheit placirt worden, das war von allerliebster Wirkung. Unter dem festonartig aufgenommenen Kleid bewegten sich die kleinen, in zimmetfarbenen Stiefelchen steckenden Füße mit kinderhafter Leichtigkeit und Grazie, auch der augenblickliche Ausdruck des rosigen Gesichts war der eines glückseligen, harmlosen Kindes, das mit wichtigem Eifer ein ihm anvertrautes Amt versieht – wer hätte bei diesem vollendeten Gepräge unschuldsvoller Naivetät an die Bezeichnung „Wittwe und Mutter“ denken mögen!

Während sie am Küchenheerd wirthschaftete, war im Salon zwischen Frau Hellwig und dem Rechtsanwalt ein lebhaftes Gespräch im Gange – es drehte sich um das Testament der alten Mamsell. Heinrich und Friederike hatten dem jungen Mädchen bereits versichert, daß die „Madame“ nichts mehr spreche und denke, was nicht mit der unglücklichen Testamentgeschichte zusammenhinge. Felicitas sah für einen Augenblick das Gesicht der großen Frau, es erschien ihr merkwürdig grau und gealtert, auch in ihrer Art und Weise zu sprechen lag eine ungewohnte Hast – Grimm und Groll hatten offenbar noch die Oberhand in dieser tief alterirten Frauenseele.

Der Professor betheiligte sich nicht an der Unterhaltung, ja, es schien, als gleite sie völlig unverstanden an ihm ab. Er durchschritt, die Hände auf den Rücken gelegt und wie in tiefen Gedanken verloren, unausgesetzt die ganze Länge des Salons, nur wenn er an der offenen Thür vorüberkam, hob er den Kopf, und ein prüfender Blick fiel auf das arbeitende Mädchen in der Hausflur.

„Ich beruhige mich mein Lebelang nicht, mein lieber Frank!“ wiederholte Frau Hellwig. „Ja, wenn nicht jeder Groschen von den Hellwigs sauer erworben gewesen wäre! Aber nun kömmt da vielleicht irgend ein verkommenes Subject und verjubelt in kurzem die Ersparnisse eines ehrbaren Hauses – zu welcher Segensquelle hätte dies Geld in unseren Händen werden müssen!“

„Aber, Tantchen,“ begütigte die junge Wittwe, die eben mit der dampfenden Kaffeekanne eintrat und die Tassen füllte, „da vertiefst du dich nun wieder in die leidige Geschichte, die dich so sichtbar angreift – du wirst dich noch krank machen. … Denke an deine Kinder, und auch an mich, Tantchen, um unsertwillen suche zu vergessen!“

„Vergessen?“ fuhr Frau Hellwig auf. „Niemals! Dafür hat man Charakter, welcher leider der jüngern Welt immer mehr abhanden kömmt,“ – ein vernichtender Blick streifte ihren auf- und abwandelnden Sohn. – „Die Schmach eines erlittenen Unrechts geht mir in Blut und Nerven über – ich kann’s nicht verwinden. … Wie magst Du mir nur mit solchen abgedroschenen Phrasen kommen! Du bist doch manchmal entsetzlich oberflächlich, Adele!“

Das Gesicht der Regierungsräthin verfärbte sich, ein trotzig herber Zug erschien um ihren Mund, und die Tasse, die sie Frau Hellwig hinreichte, klirrte in ihrer Hand, aber sie besaß doch Selbstbeherrschung genug, um die malitiöse Antwort, die sich unverkennbar auf ihre Lippen drängte, zu unterdrücken.

„Den Vorwurf verdiene ich ganz gewiß nicht,“ sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen sehr sanft. „Niemand kann sich diese Abscheulichkeit mehr zu Herzen nehmen, als ich. Nicht allein, daß ich für dich, liebe Tante, und die beiden Vettern den pecuniären Verlust beklage – es ist für das weibliche Gemüth auch stets ein bitterer Schmerz, wenn es der moralischen Versunkenheit begegnen muß … Da hat diese alte, tückische Person unter dem Dach ihr halbes Leben lang darüber nachgedacht, wie sie wohl ihre nächsten Verwandten am empfindlichsten kränkt. Sie ist aus der Welt gegangen, unversöhnt mit Gott und den Menschen, und ein Sündenregister auf der Seele, das ihr den Himmel verschließen muß auf ewig – schrecklich! … Lieber Johannes, darf ich dir eine Tasse Kaffe einschenken?“

„Ich danke,“ antwortete der Professor kurz und setzte seinen Weg fort.

Felicitas’ Händen war die Arbeit entfallen. Sie lauschte athemlos den Worten des verleumderischen Mundes da drinnen. Wohl wußte sie durch Heinrich, daß die Welt hart und verdammend über die geheimnißvolle alte Mamsell urtheilte; aber es geschah zum ersten Mal, daß sie selbst Zeugin eines solchen Ausspruchs war. … Wie schoß ihr das Blut siedend nach den Schläfen! Jedes Wort traf ihr Herz wie ein Messerstich – das waren Schmerzen, die sie um die Todte litt, schneidender noch, als das Trennungsweh selbst!

„Inwiefern die alte Dame gesündigt hat, weiß ich nicht,“ meinte der Rechtsanwalt. „Uebrigens, nach Allem, was ich höre, kann ihr Niemand etwas Positives nachweisen – die Klatschchronik unserer guten Stadt begnügt sich mit dunklen Ueberlieferungen… Ihr Nachlaß dagegen beweist unzweifelhaft, daß sie eine originelle Frau von ungewöhnlichem Geist gewesen sein muß.“

Frau Hellwig lachte höhnisch auf und wandte dem kühnen Vertheidiger verachtungsvoll den Rücken.

„Mein bester Herr Rechtsanwalt, es ist die Aufgabe Ihres Berufs, die schwärzesten Vergehen weiß zu waschen, und da, wo bereits die gesammte Welt mit Recht verdammt hat, noch Engelsunschuld zu finden – von dem Standpunkt aus läßt sich Ihr Urtheil begreifen,“ sagte die Regierungsräthin unbeschreiblich malitiös. „Ich kenne dagegen ein anderes, das mir – verzeihen Sie – ungleich maßgebender ist – Papa hat sie gekannt. Ein Starrkopf ohne Gleichen, hat sie ihren Vater buchstäblich zu Tode geärgert. Wie gleichgültig sie ferner gegen ihren guten Ruf gewesen ist, beweist ihr scandalöser Aufenthalt in Leipzig, und mit dem ungewöhnlichen Geist, wie Sie ihn nennen, ist sie auf die entsetzlichsten Abwege gerathen – sie war ein Freigeist, eine Gottesleugnerin.“ –

In diesem Augenblick sprang Felicitas empor und trat auf die Schwelle der Salonthür. Die Rechte gebieterisch ausgestreckt, das sonst so bleiche Gesicht mit einer glühenden Röthe übergossen, stand sie dort, schön und zürnend wie ein Racheengel. Die rosigen [515] Lippen, die unbedenklich, mit unglaublicher Sicherheit so furchtbare Anklagen aussprachen, verstummten unwillkürlich vor dieser Erscheinung.

„Eine Gottesleugnerin ist sie nie gewesen!“ sagte das junge Mädchen entschieden, und ihre Augen hafteten flammend auf dem Gesicht der Verleumderin. „Ja, sie war ein freier Geist! Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder einen zerbrechlichen Glauben in Gottes Werken; denn sie wußte, daß da jeder Weg auf Ihn zurückführte. Der Conflict zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften beirrte sie niemals. Ihre Ueberzeugung wurzelte nicht im Buchstaben, sondern in Gottes Schöpfung selbst, in ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu denken, in dem selbstständigen Wirken und Schaffen des unsterblichen Menschengeistes. … Sie ging nicht wie tausend Andere in die Kirche, um Gott im eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten; aber wenn die Glocken läuteten, da stand auch sie in der Stille demüthig vor dem Höchsten, und ich zweifle, daß Ihm das Gebet Derer lieber ist, die stündlich seinen Namen anrufen und mit denselben Lippen den Namen des Nächsten ans Kreuz schlagen!“

Der junge Frank hatte sich unwillkürlich erhoben; er stützte seine Hand auf die Stuhllehne und blickte mit einem fast ungläubigen Ausdruck nach dem muthigen Mädchen hinüber.

„Sie haben die räthselhafte Frau gekannt?“ fragte er wie mit zurückgehaltenem Athem, als Felicitas schwieg.

„Ich habe täglich mit ihr verkehrt.“

„Das sind ja allerliebste Neuigkeiten!“ sagte die Regierungsräthin. Diese Bemerkung sollte ironisch klingen; aber die Stimme der jungen Frau hatte bedeutend an Sicherheit verloren, und eine auffallende Blässe bedeckte für einen Augenblick das schöne Gesicht. „Dann wissen Sie ohne Zweifel auch manches piquante Geschichtchen aus der Vergangenheit Ihrer verehrungswürdigen Bekanntschaft zu erzählen?“ frug sie in studirt nachlässigem Ton, während ihre Hand mit dem Kaffeelöffel spielte.

„Die Dame hat nie über ihr vergangenes Leben mit mir gesprochen,“ entgegnete Felicitas ruhig. Sie wußte, daß sie einen furchtbaren Sturm heraufbeschworen hatte – es galt jetzt, ihn besonnen, mit kühlem Blut erwarten.

„Wie schade!“ bedauerte die junge Wittwe, ironisch den Lockenkopf hin- und herwiegend – die blühende Farbe war bereits in ihre Wangen zurückgekehrt. „Ich bewundere übrigens Ihr vortreffliches Schauspielertalent, Caroline! Sie haben ja diese geheimen Zusammenkünfte reizend zu maskiren gewußt… Lieber Johannes, bereust Du auch jetzt noch Deine vermeintlich falsche Beurtheilung dieses Charakters?“

Der Professor war überrascht im Salon stehen geblieben, als das junge Mädchen auf der Schwelle erschien. Ihre vertheidigenden Worte, herb, geißelnd und doch schwungvoll, sprangen ihr förmlich von den Lippen – diesem scharf logischen Geist, der sich offenbar unausgesetzt übte, fehlte es doch nie am sofortigen, schlagenden Ausdruck. Die letzte beißende Frage der Regierungsräthin blieb unbeantwortet. Der Blick des Professors hing unverwandt an Felicitas – er lächelte, als er sie, bei aller Selbstbeherrschung, doch unter jenen Nadelstichen aufzucken sah.

„War das Ihr eigentliches Geheimniß?“ frug er hinüber.

„Ja,“ antwortete das junge Mädchen, und ihr ernstes Auge leuchtete auf – kam ihr doch, wunderbar genug, bei dem Klang dieser Stimme urplötzlich die Ueberzeugung, daß sie nicht allein stehen werde in dem unausbleiblichen Kampfe.

„Sie wollten später mit der alten Tante zusammenleben, und das war das Glück, das Sie erhofften?“ frug er weiter.

„Ja.“

Wäre die Regierungsräthin nicht zu lebhaft mit der ‚entlarvten Heuchlerin‘ auf der Thürschwelle beschäftigt gewesen, sie hätte erschrecken müssen über den vollen Glücksstrahl, der aus den Augen des Professors brach und sein tiefernstes Gesicht in nie gesehener Weise verklärte.

Fragen und Antworten waren bisher mit Blitzesschnelle erfolgt und hatten Frau Hellwig keine Zeit gelassen, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen. Starr wie ein Steinbild lehnte sie in ihrem Stuhl; der Strickstrumpf war ihren Händen entglitten, und das schneeweiße Knäuel rollte unbeachtet bis in die Mitte des Salons.

„Das ist eine höchst interessante Entdeckung für mich!“ rief der Rechtsanwalt, indem er sich Felicitas rasch näherte. „Fürchten Sie ja nicht, daß auch ich in die muthmaßlichen Geheimnisse der Verstorbenen dringen will, das sei fern von mir! Aber vielleicht sind Sie im Stande, mir Anhaltspunkte zu geben bezüglich der unbegreiflichen Lücken im Nachlaß –“

Gott im Himmel, sie sollte über das fehlende Silber verhört werden! Sie fühlte, wie ein Beben ihren ganzen Körper durchlief, ihr Gesicht wurde weißer als Schnee – bestürzt schlug sie die Augen nieder; in diesem Moment war sie allerdings das vollendete Bild einer Schuldbewußten.

„Als leidenschaftlicher Musikfreund und Autographensammler bin ich eigentlich seit der Testamenteröffnung in einer gelinden Aufregung,“ fuhr der Rechtsanwalt fort, nachdem er, betroffen durch die auffallende Veränderung im Aeußeren des Mädchens, momentan gezögert hatte. „Das Testament erwähnt ausdrücklich eine Handschriftensammlung berühmter Componisten – wir suchen sie jedoch vergebens. Es wird von vielen Seiten behauptet, die Verstorbene habe an Geistesstörung gelitten, dieser Theil der Hinterlassenschaft sei ein Hirngespinnst, eine Chimäre. Haben Sie je eine solche Sammlung im Besitz der alten Dame gesehen?“

„Ja,“ sagte Felicitas aufathmend, aber auch zugleich tief erbittert über diese Behauptung. „Ich habe jedes Blatt gekannt.“

„War sie reichhaltig?“

„Sie umfaßte hauptsächlich alle Namen des vorigen Jahrhunderts.“

„Eine Bach’sche Oper – ich halte diese Bezeichnung für einen Irrthum – wird mehrfach in dem Testament erwähnt; können Sie sich nicht ohngefähr auf den Titel dieses Werkes besinnen?“ examinirte der Rechtsanwalt in höchster Spannung weiter.

„O ja,“ versetzte das junge Mädchen rasch. „Auch darin hat sich die Verstorbene nicht geirrt. Es war eine Operette. Johann Sebastian Bach hat sie für die Stadt X. componirt, und sie ist im alten Rathhaussaal aufgeführt worden. Der Titel lautet: ‚Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens.‘“

„Nicht möglich!“ rief der junge Mann, er prallte förmlich zurück im Uebermaß des Erstaunens. „Diese Composition, die für die musikalische Welt eine Art Mythe ist, sollte in der That existiren?“

„Es war sogar die von Bach eigenhändig geschriebene Partitur,“ fuhr Felicitas fort. „Er hatte sie einem gewissen Gotthelf von Hirschsprung geschenkt, und durch Erbschaft war sie später in die Hände der Verstorbenen gekommen.“

„Das sind ja unschätzbare Enthüllungen! – Und nun beschwöre ich Sie auch, mir zu sagen, wo diese Sammlung sich befindet.“

Da stand sie plötzlich vor einer Klippe. Empört darüber, daß nun auch noch Tante Cordula’s klarer Geist angezweifelt wurde, hatte sie Alles aufgeboten, die abscheuliche Verleumdung zu widerlegen. Im Vertheidigungseifer war ihr nicht eingefallen, zu welchem Ausgangspunkt ihre Beweisführungen nothwendig kommen mußten… Jetzt mußte sie auf diese peinliche Frage direct antworten … sollte sie geradezu lügen? Das war unmöglich!

„Soviel ich weiß, existirt sie nicht mehr,“ sagte sie leiser, als sie bisher gesprochen.

„Sie existirt nicht mehr? Damit wollen Sie doch wohl nur sagen, daß sie nicht mehr im Zusammenhang vorhanden ist?“

Felicitas schwieg. Sie wünschte sich Meilen weit fort aus dem Bereich dieses leidenschaftlichen Drängers.

„Oder wie!“ fuhr er bestürzt fort, „wäre sie in Wirklichkeit vernichtet? Dann müssen Sie mir auch erklären, wie das geschehen konnte.“

Das war eine qualvolle Lage. Dort saß die Frau, die durch ihre Aussage compromittirt wurde… Wie oft war in Augenblicken leidenschaftlicher Aufregung ein häßliches Rachegefühl gegen ihre herzlose Peinigerin in ihr aufgeflammt! Sie hatte dann gemeint, es müsse süß sein, dies abscheuliche Weib auch einmal leiden zu sehen… Jetzt stand sie vor einem solchen Moment – sie konnte die große Frau beschämen, sie einer ungesetzlichen That überführen… Wie wenig hatte sie sich selbst, den Adel ihrer Natur gekannt – sie war vollständig unfähig, sich zu rächen! … Verstohlen sah sie hinüber nach ihrer Feindin, ein wahrhaft tigerartiger Blick begegnete dem ihren – das beirrte sie nicht.

„Ich war nicht zugegen, als die Sammlung vernichtet worden ist, und kann deshalb auch nicht das Geringste aussagen,“ erklärte sie so fest und entschieden, daß man sofort erkennen mußte, [516] sie werde sich nie zu irgend einer Mittheilung herbeilassen. … Diese Handlungsweise sollte ihr theuer zu stehen kommen, denn jetzt brach das Gewitter los, das bis dahin dumpf grollend über ihrem Haupt geschwebt hatte. Frau Hellwig war aufgestanden, sie stützte beide Hände auf den Tisch, und ihre Augen funkelten wahrhaft dämonisch aus dem farblosen Gesicht.

„Elendes Geschöpf, glaubst Du, mich schonen zu müssen?“ rief sie mit zornbebender Stimme. „Du unterstehst Dich, zu denken, ich hätte Ursache, irgend eine meiner Handlungen vor der Welt zu verbergen, und Du müßtest die Hehlerin machen, Du?“ – Sie wandte verachtungsvoll den Kopf weg und richtete ihre grauen Augen mit der wiedergewonnenen Kälte und stolzen Ueberlegenheit auf den Rechtsanwalt. „Eigentlich bin ich gewohnt, nur Gott, meinem Herrn, Rechenschaft abzulegen von meinen Thaten,“ sagte sie. „Was ich thue, geschieht in seinem Namen, zu seiner Ehre und zur Aufrechterhaltung seiner heiligen Kirche. Aber Sie sollen trotzdem erfahren, mein lieber Frank, was aus jenen ‚unschätzbaren‘ Papieren geworden ist, lediglich aus dem Grunde, damit die Person dort nicht einen Augenblick in dem Wahn bleibt, ich hätte irgendwie Gemeinschaft mit ihr. … Die verstorbene Cordula Hellwig war eine Gottesleugnerin, eine verlorene Seele – wer sie vertheidigt, der beweist nur, daß er denselben Weg wandelt. Statt zu beten um den verlorenen Frieden, betäubte sie die Stimme ihres Gewissens mit dem Gift weltlicher Musik voll sträflicher Sinnenlust. Selbst am Sonntag entweihte sie mein stilles Haus mit ihrem sündhaften Treiben; tagelang saß sie vor den unseligen Büchern, und je mehr sie sich hinein vertiefte, desto halsstarriger und unzugänglicher wurde sie für mein Bestreben, sie zu retten. … Seit jener Zeit kenne ich keinen sehnlicheren Wunsch, als diese nichtswürdige Menschenerfindung, an der Gott keinen Theil hat, und welche die Seelen vom Weg des wahren Heils verlockt, von der Erde vertilgen zu können – ich habe die Papiere verbrannt, mein lieber Frank!“

Diese letzten Worte sprach sie mit erhobener Stimme und dem Ausdruck eines unsäglichen Triumphes.

„Mutter!“ rief der Professor entsetzt und eilte auf sie zu.

„Nun, mein Sohn?“ frug sie zurück mit einer Geberde der Unnahbarkeit. Ihre ganze Gestalt streckte sich – sie stand dort wie in Erz gepanzert. „Du willst mir offenbar den Vorwurf machen, daß ich Dich und Nathanael um dies kostbare Erbtheil gebracht habe,“ fuhr sie mit unbeschreiblichem Hohn fort. „Beruhige Dich, ich habe längst beschlossen, die paar Thaler aus meiner eigenen Casse zu ersetzen – Ihr seid da jedenfalls im Vortheil.“

„Die paar Thaler?“ wiederholte der Rechtsanwalt; er bebte vor Zorn und Entrüstung. „Madame Hellwig, Sie werden das Vergnügen haben, Ihren Herren Söhnen baare fünftausend Thaler hinausbezahlen zu müssen!“

„Fünftausend Thaler?“ lachte Frau Hellwig auf. „Das ist lustig! Diese elenden, beschmutzten Papiere! … Machen Sie sich nicht lächerlich, lieber Frank!“

„Diese elenden, beschmutzten Papiere werden Ihnen theuer zu stehen kommen, wiederhole ich!“ versetzte der junge Mann, indem er sich zu beherrschen suchte. „Ich werde Ihnen morgen eine eigenhändige Notiz der Verstorbenen vorlegen, die den Werth der Handschriftensammlung auf volle fünftausend Thaler angiebt – das Bach’sche Manuscript nicht mit gerechnet; verstehen Sie mich recht, Madame Hellwig – in welch bösen Handel Sie sich durch die Vernichtung dieses in der That unschätzbaren Wertes, den Hirschsprung’schen Erben gegenüber, verwickelt haben, das läßt sich noch gar nicht absehen!“ Er schlug sich im Uebermaß der Empörung mit der Hand gegen die Stirn. „Unglaublich!“ rief er. „Johannes, in diesem Augenblick erinnere ich Dich an meine Behauptung, die ich vor wenig Wochen aufgestellt habe, – schlagender konntest Du nicht überführt werden!“

Der Professor antwortete nicht. Er war an ein Fenster getreten und wandte das Gesicht nach dem Garten. In wie weit ihn die Beweisführung seines tieferregten Freundes traf, das ließ sich nicht ermitteln.

Einen Moment schien es, als ob Frau Hellwig begriffe, daß sie muthwillig ein unabsehbares Gefolge von Unannehmlichkeiten sich selbst heraufbeschworen habe; ihre Haltung verlor plötzlich das starre Gepräge der Unfehlbarkeit und unerschütterlichen Zuversicht, und das spöttische Lächeln, das sie zu behaupten suchte, war nur noch eine Verzerrung der Lippen. Aber wie hätte je der unerhörte Fall eintreten können, daß die große Frau in die Lage gekommen wäre, irgend einen Schritt zu bereuen? Sie handelte ja stets im Namen des Herrn, da war kein Irrthum, kein Fehlgehen möglich. Sie faßte sich rasch.

„Ich erinnere Sie an Ihren eigenen Ausspruch von vorhin, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie kalt und förmlich; „man bezichtigt die Verstorbene mit vollem Recht der Geistesstörung – es dürfte mir nicht schwer werden, genügende Beweise dafür zu bringen. … Wer will mich denn überführen, daß jene geradezu lächerliche Werthangabe nicht im Wahnsinn niedergeschrieben worden ist?“

„Ich!“ rief Felicitas rasch und entschieden, wenn auch ihre Stimme im Widerstreit der Empfindungen bebte. „Diese Angriffe werde ich von der Todten abzuwehren suchen, so lange ich kann, Madame Hellwig! Nie mag es wohl ein gesünderes, lichtvolleres Denkvermögen gegeben haben, als sie besessen hat – meine Aussage wird freilich nicht in Betracht kommen; aber wenn es Ihnen auch gelingt, jeden Beweis für die ungetrübte Geistesklarheit der Verstorbenen umzustoßen, so sind doch noch die Mappen da, in denen die Sammlung gewesen ist – ich habe sie gerettet! Jede derselben enthält auf der inneren Seite das vollständige Inhaltsverzeichniß; bei jedem einzelnen Autographen ist mit strenger Genauigkeit angegeben, wann, von wem und zu welchem Preis derselbe angekauft worden ist.“

„Ei, da habe ich mir ja einen vortrefflichen Gegenzeugen groß gefüttert!“ stieß Frau Hellwig hervor. „Aber jetzt werde ich mit Dir in’s Gericht gehen! … Also Du hast es gewagt, mich jahrelang mit beispielloser Frechheit zu hintergehen? Du hast mein Brod gegessen, während Du mich hinter meinem Rücken verhöhntest? Von Thür zu Thür hättest Du betteln gehen müssen, wenn ich nicht war! Fort aus meinen Augen, Du ehrlose Betrügerin!“

Felicitas wich nicht von der Schwelle. Es sah aus, als wachse die zarte Gestalt unter den Vorwürfen, die zu ihr hinübergeschleudert wurden; ihr Gesicht war todtenbleich; nie aber hatte es so entschieden den unbeugsamen, furchtlosen Geist des Mädchens ausgedrückt, als in diesem Augenblick.

„Den Vorwurf, daß ich Sie hintergangen habe, verdiene ich!“ sagte sie mit bewunderungswürdiger Fassung. „Ich habe vorsätzlich geschwiegen und hätte mich lieber zu Tode mißhandeln lassen, ehe auch nur eine Andeutung über meine Lippen gekommen wäre – das ist wahr! Trotzdem stand dieser Vorsatz auf sehr schwachen Füßen – ein gutes, herzliches Wort aus Ihrem Munde, ein wohlwollender Blick allein hätten ihn umzustoßen vermocht, denn nichts widerstrebt mir mehr, als ein scheues Verbergen meiner Handlungen. … Ein sündhafter Betrug aber war es nicht! Wer würde wohl die ersten Christengemeinden Betrüger nennen, weil sie in Zeiten der Verfolgung heimlich und gegen das Verbot zusammenkamen? – Auch ich mußte meine Seele retten!“ Sie schöpfte tief Athem und ihre braunen Augen richteten sich mit einem energischen Ausdruck auf das Gesicht der großen Frau. „Ich wäre in bodenlose Nacht versunken, ohne das Asyl und den Schutz, den ich in der Dachstube gefunden habe. … An den ewig zürnenden und strafenden Gott, zu welchem Sie beten, Madame Hellwig, der eine Hölle neben sich duldet, und welcher seine Kinder zum Bösen verführt, um sie zu prüfen und dann strafen zu können, an dieses unversöhnliche höchste Wesen konnte ich nicht glauben. … Die Verstorbene hat mich zu dem Einzigen hingeleitet, der ganz Liebe und Erbarmen, Weisheit und Allmacht ist, und der allein herrscht im Himmel und auf der Erde… Der Trieb zum Lernen, die Wißbegierde lag unbesiegbar in meiner Kinderseele – hätten Sie mich verhungern lassen, Madame Hellwig, es wäre nicht so grausam gewesen, als Ihr unermüdliches Bestreben, meinen Geist zu knebeln, ja, ihn systematisch zu tödten… Verhöhnt habe ich Sie nicht hinter Ihrem Rücken, denn nie ist auch nur Ihr Name da droben über meine Lippen gekommen, aber Ihre Absichten habe ich vereitelt – ich bin die Schülerin der alten Mamsell gewesen!“

„Hinaus!“ rief Frau Hellwig ihrer nicht mehr mächtig und zeigte nach der Thüre.

„Noch nicht, Tantchen!“ bat die Regierungsräthin dringend und erfaßte den ausgestreckten Arm der großen Frau. „Du wirst doch einen so kostbaren Augenblick nicht unbenutzt vorübergehen lassen! … Herr Rechtsanwalt, Sie haben vorhin Ihrer Pflicht als ‚leidenschaftlicher Musikfreund‘ vortrefflich genügt; hiermit ersuche ich Sie, mit demselben Eifer zu inquiriren, wo die fehlenden

[517]

Das Eiereinsammeln auf der Möveninsel im Kunitzer See bei Liegnitz.

[518] Schmuck- und Silbergegenstände stecken – hat Eine die Hand dabei im Spiel gehabt, so ist es Jene dort!“

Der Rechtsanwalt näherte sich dem jungen Mädchen, das sich krampfhaft mit der Linken an der Thürbekleidung festhielt, er bot ihr mit einer Verbeugung den Arm und sagte freundlichernst: „Wollen Sie mir erlauben, Sie in das Haus meiner Mutter zu führen?“

„Hier ist ihr Platz!“ klang es plötzlich laut und entschieden von den Lippen des bis dahin lautlos schweigenden Professors. Er stand hochaufgerichtet neben Felicitas und hielt ihre Rechte fest in seiner Hand.

Der junge Frank wich unwillkürlich zurück – beide Männer maßen sich einen Augenblick schweigend, in dem seltsamen Blick, den sie austauschten, lag durchaus nichts mehr von dem Gefühl ruhiger Freundschaft.

„Ah bravo, zwei Ritter auf einmal, das ist ja ein reizendes Bild!“ rief die Regierungsräthin auflachend – eine Tasse flog zerschmetternd auf den Boden, in jedem anderen Augenblick würde Frau Hellwig diese „Unachtsamkeit“ der jungen Wittwe bitter gerügt haben, aber jetzt stand sie bewegungslos vor Grimm und Ueberraschung.

„Es scheint, ich komme heute oft in den Fall, an die Vergangenheit appelliren zu müssen,“ unterbrach der Rechtsanwalt bitter gereizt die momentane Stille. „Du wirst Dich erinnern, Johannes, daß Du Dich Deiner Autorität mir gegenüber vollständig entäußert und mich zu dem jetzigen Schritt ermächtigt hast?“

„Ich leugne nicht ein Iota davon,“ antwortete der Professor kalt. „Wünschest Du eine bündige Erklärung für diese meine Inconsequenz, so stehe ich Dir jederzeit zu Diensten – nur hier nicht.“

Er zog Felicitas von der Schwelle fort und trat mit ihr in den Garten.

„Gehen Sie jetzt in die Stadt zurück, Felicitas,“ sagte er, und seine einst so eisig kalten, stahlgrauen Augen ruhten mit unbeschreiblicher Innigkeit auf dem Gesicht des jungen Mädchens. „Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, arme kleine Fee! … Nur noch eine einzige Nacht sollen Sie unter dem Dach meiner Mutter zubringen – von morgen ab beginnt ein neues Leben für Sie!“

Er zog ihre Hand, die er noch festhielt, wie unbewußt näher an sich heran, dann ließ er sie fallen und trat in das Haus zurück.


(Fortsetzung folgt.)




Eine schlesische Möveninsel.


An einem der herrlichsten Maimorgen, wie ihn Touristen nur wünschen können, fuhr ich mit dem Frühzuge von Breslau nach Liegnitz. Bekannt mit dem Bilde, welches die links hinziehenden Sudeten am fernen Horizonte zeichnen, zog ich es vor, meine Blicke rechts der niederschlesischen Ebene zuzuwenden. Außer den mit Eichenwaldungen eingefaßten Oderufern und den dann und wann zum Vorschein kommenden Wimpeln und Masten vorübersegelnder Oderkähne bot eigentlich die Gegend kein hervorragendes landschaftliches Interesse. Erst hinter der Bahnstation Spittelndorf, da wo Moor und Sand humusreichem Boden weichen, wirkt das Bild trotz des gänzlich ebenen Terrains anziehender. Hier wechseln stattliche Dörfer mit reichbebauten Fluren und dazwischen tritt die liebliche Erscheinung zweier zur Liegnitzer Seengruppe gehöriger Seen. Von dem einen, kleineren, dem Jeschkendorfer See, konnte ich nur sehr flüchtig Notiz nehmen – die Fahrt ging schnell –, der andere, größere, der Kunitzer See, weilte länger vor meinen Blicken und zog überdem durch eine mit zahlreichen weißen Vögeln umkreiste Insel meine ganz besondere Aufmerksamkeit auf sich. Ich beschloß, nähere Bekanntschaft mit dieser Erscheinung zu machen.

In Liegnitz stieg ich also ab, besorgte meine nöthigsten Geschäfte und gönnte mir dann im Gasthofe zum Rautenkranze eine kurze Mittagsrast. Ich bedauerte die Wahl dieses Hotels nicht und zwar deshalb, weil mir hier das Problem der vogelumkreisten Insel zur Lösung kam: es waren Möveneier vom Kunitzer See servirt worden. Ihr Geschmack schien wenig von dem der Hühnereier abzuweichen; nur kleiner und theurer kamen sie mir vor. Dennoch verzehrte ich sie vergnügt als seltene Delicatesse.

Punkt zwei Uhr bestieg ich die Droschke und nach einer halben Stunde hatte ich Kunitz erreicht, ein stattliches Dorf mit durchweg massiven Häusern, die dem Dorf von fernher ein stadtähnliches Ansehen verleihen. Vom Wirthshause aus konnte man den See schon spiegeln sehen, da er hart ans Dorf grenzt. Sofort begab ich mich hinab zu demselben und kam eben in dem günstigen Augenblicke an, als eine Gesellschaft dreier Herren sich zur Abfahrt nach der Insel rüstete. Bereitwilligst wurde mir die erbetene Mitfahrt gestattet.

Der Himmel war hell, fast kein Lüftchen rührte sich, die Fläche des Sees erschien schwach gekräuselt, sein Wasser graugrün. Nach acht Minuten hatten wir den halben Weg zu der im Südosten des Sees gelegenen Insel, welche kaum über das Niveau des Wassers sich zu erheben schien und ihr Vorhandensein nur durch Randgesträuche und ab- und zufliegende Vögel documentirte, erreicht.

Noch war unsere Ankunft den Inselbewohnern unbemerkt geblieben. Nur ihre schwimmenden Cameraden wichen vorsichtig zur Seite oder flogen einzeln auf; der scheue, hier wohl seltene Hauben-Taucher verschwand stets, noch ehe wir seiner recht ansichtig werden konnten, unter Wasser, um an irgend einem andern Punkte unvermuthet wieder zu erscheinen; ebenso das weißblässige Wasserhuhn.

Eine Annäherung bis auf fünfhundert Schritt änderte Nichts in der Physiognomie der Insel. Jetzt aber wurden wir bemerkt und zwar zuerst von den unfern des Inselrandes zwischen Schilfrohr sich tummelnden Stockenten, welche in Reihen zu beiden Seiten der Insel, die Alten den Jungen voraus, abschwenkten, sodann von den am Rande selbst sitzenden Möven, die nun laut schreiend in mäßige Höhe sich erhoben und hier verweilten. Je näher wir kamen, desto größer wurde das Contingent der auffliegenden Möven, deren Nothgeschrei das Signal zum Erheben zunächst aller derer wurde, welche die uns zugekehrte Seite der Insel bevölkerten. Wir landeten an der Ostseite derselben, welche, um namentlich für die Enten geschützte Brüteplätze zu schaffen, mit einzelnen Saalweiden und Holundersträuchern bepflanzt worden ist. Davor befindet sich hier wie auf allen Seiten der nur einen Fuß über den Seespiegel sich erhebenden Insel ein Gürtel von Schilfrohr und Kolben, zwischen welchem die Taucher ihr schwimmendes, kunstlos aus Rohr- und Binsenresten bereitetes Nest befestigen. Wir sahen mehrere derselben, von ihren Eigenthümern natürlich im Stich gelassen.

Als wir die Insel betreten hatten, bat uns der mitfahrende sehr unterrichtete herrschaftliche Beamte, der umherliegenden Eier halber vorsichtig weiter zu gehen. Wir folgten ihm und fanden die Mahnung gerechtfertigt. Denn nach wenigen Schritten befanden wir uns auf einer hoch mit Gras und Kräutern bewachsenen Wiese; nur eine solche ist nämlich die etwa fünf Morgen große Insel. Der üppige über zwei Fuß hohe Graswuchs ist namentlich ein Product der Triebkraft des Guano, von welchem man in zwei Jahren circa zweihundertundfünfzig Fuder weggefahren hat. Zwischen und in den Gras- und Kräuterbüscheln liegen die Eier der Möven, welche ein wenig kleiner und spitzer als Hühnereier und von graugrüner mit dunkelbraunen Flecken durchsprengter Färbung sind. Es lagen nie mehr als zwei oder drei derselben beieinander, zum Theil auf ebener Erde ohne besondere Unterlage, zum Theil auf Gras- und Rohrresten. Ganz allerliebst kamen mir die erst ausgekrochenen Möven vor, sie glichen in der Färbung ihres Gefieders, das auf gelblichem Grunde überall braune Längsflecke zeigt, mehr der Eierschale, der sie entschlüpft, als ihrem spätern Colorit. Scheu krochen die armen Dingerchen zur Seite.

Inzwischen hatten die Herren ihre Büchsen in Anschlag gelegt. Ein Knall – und die ganze ornithologische Bevölkerung der Insel erhob sich mit einem immensen Schreien und Spectakeln in die Luft. Man hatte Noth, sich auf gewöhnliche Sprechweise zu verständigen, und durfte des herabfallenden Unraths halber nicht zu ungenirt aufblicken. Es war ein effectvoller Moment, dieses plötzliche Erheben des Gros, dieses Lärmen, Kreisen, Auf- und [519] Niederwogen, dieses Durcheinander, ein überaus reicher Lohn für die geringen Opfer der Excursion, wohl der bildlichen Darstellung werth.

Jeder folgende Schuß unter die fliegende Masse war in Bezug auf das Allgemeinbild wirkungslos, nur daß sie in der Richtung des Schusses momentan auseinander stob und sich höher erhob. Der Ornitholog nennt die hier zu Tausenden nistende Mövenart Larus ridibundus, Lachmöve. Hätte sie nicht Schwimmfüße, so würde ein flüchtiger Blick sie leicht für eine weiße Taube mit dunkelbraunem Kopf, graublauem Rücken und schwarzgesäumten Schwingen halten. Bekanntlich ist die Lachmöve gerade kein seltener Gast auf dem europäischen Festland; sie ist der wahre Spatz unter dem zum Theil sehr stolzen Geschlechte der Möven, ein unruhiges federfestes Kerlchen, das den Schnabel auf dem rechten Fleck hat und sich nicht genirt, so weit Flüsse und Seen ihm nach dem Süden hinwinken, selbst bis nach Ungarn, Italien und zum schwarzen Meere hin vorzudringen und seiner außerordentlich fruchtbaren Nachkommenschaft häusliche Heerde zu gründen. Ebenso ist sie in Amerika einheimisch geworden, in diesem Lande des Ueberflusses ein Pionier des Eierhandels der Zukunft, wo die Thiere des Waldes den Menschen vieler Städte Platz gemacht haben werden.

Da es im Interesse der Möven-Erhaltung liegt, in der Brütezeit möglichst selten und dann nur auf kurze Zeit die Insel zu betreten, so wurde das Signal zur Abfahrt gegeben und nur in Eile noch eine mineralogische Curiosität der Insel, ein grabhügelförmiger Granitblock (Rolandsfelsen) besichtigt, worauf wir die Rückfahrt antraten. Bald darauf stellte sich auch das normale Leben auf der Insel wieder her und die seitwärts echappirten Enten-Colonnen kehrten zurück. Unterwegs erfuhr ich über das Sammeln der Möveneier und ihre Verwerthung Folgendes. Die Möven kommen Ende März und ziehen im August wieder fort. Die Sammelperiode ist hauptsächlich der April, die Schonezeit der Mai und Juni. Der Sammler nimmt jedes Ei, das er findet. Die Menge der Eier steigt gradatim von zwanzig bis dreißig Schock täglich. Bei einem Jahresertrage von nahezu dreihundert Schock beträgt der Baarwerth ca. vierhundertfünfzig Thaler: eine ziemlich sichere Einnahme, die nur dann in Frage gestellt wird, wenn das Ablesen der Eier zu lange andauert. Letzteres ist auch hier während der Brütezeit am nachtheiligsten, weil alle der Brutwärme wenn auch noch so kurze Zeit ausgesetzten Eier sich nicht lange, oft nur wenige Tage halten. Daß das Einsammeln und Verpacken der Eier selbst seine besonderen Schwierigkeiten hat, ist klar, weil eben alle Vortheile der monarchischen Ordnung eines Hühnerhofs unerzielbar sind in dieser Möven- und Enten-Anarchie.

Nach genommener Rundschau über den nur im Osten von niedrigen Hügeln begrenzten, fünfhundert Morgen großen, eine Stunde im Umfange haltenden See, dessen Welse und Karpfen gesuchte Kaufsartikel der Liegnitzer sind, führten uns die Ruderer zum Lande. Den mir zugedachten Jagdantheil einer Möve nahm ich gern als willkommenes Andenken an die heutige schöne und überaus interessante Kahnpartie von meiner freundlichen Gesellschaft, die sich nun verabschiedete, an. Der Eilzug führte mich Abends spät wieder an der nun todtstill gewordenen Insel vorüber und Breslau zu.




Die National-Tabakspfeifen.
I.


Die allgemeine Aufmerksamkeit, welche der Tabak seitens der gebildeten Welt vom socialen und fiscalischen Punkte der Betrachtung auf sich lenken sollte, dieselbe verdient er noch mehr vom historischen Gesichtspunkte, denn daß das Rauchen, Kauen, Schnupfen und Trinken des Tabaks seit den ältesten Zeiten bei den meisten Stämmen der alten und neuen Welt gebräuchlich war, geht aus vielen Umständen hervor, z. B. aus den Formen der Pfeifen und Schnupfdosen, den Namen und der Gebrauchsweise, welche bei fern von einander lebenden Stämmen merkwürdige Uebereinstimmung zeigen – sowie aus der Zubereitung und dem Anbau eigenthümlicher Arten. Ja, vielseitige Beschäftigung mit dem Gegenstande hat mir die Ueberzeugung verschafft, daß dieses Kraut nicht allein in staatlicher, sondern auch in religiöser Beziehung bei den Alten unter vielen Namen eine wichtige Rolle spielte und daß die Alten sehr schätzenswerthe, leider aber sehr verstümmelte Werke über den Anbau und Handel desselben uns hinterlassen haben, wozu unter andern die „Pflanzengeschichte“ von Theophrast und die „Naturgeschichte“ von Plinius gehören, wie ich in meiner so eben erscheinenden Schrift: „Die Verfälschung alter Werke nachgewiesen in einem Entwurfe zur Geschichte des Tabaks“ beweise.

Ursprünglich nichts anderes als ein medicinisches Instrument, hat die Tabakspfeife ihre anfängliche Bedeutung verloren und ist ein Luxusgegenstand geworden, dessen Gestalt und Einrichtung bei den Völkerstämmen beider Welten höchst mannigfaltig ist. Trotz dieser Mannigfaltigkeit bemerkt man jedoch, daß bei vielen Nationen die Tabakspfeife eine gewisse Form hat, welche diesen Völkern, seitdem sie uns bekannt sind, immer eigenthümlich gewesen ist, was um so mehr zu berücksichtigen ist, da noch Niemand die Annahme einer europäischen Sitte, zumal einer solchen, die so vieles Unangenehme mit sich bringt, in Asien nachgewiesen hat, ferner in jenen Gegenden die Mode unbekannt ist und auch, wo diese herrscht, die Erfahrung lehrt, daß Volkssitten und Einrichtungen nur schwer von ihr beeinflußt werden.

Die Gestalt der Tabakspfeife, welche bald aus einem Stücke, bald aus mehreren besteht, wird zum Theil durch die Lebensweise, Sitten, Gewohnheit, Klima und Tabakssorten bestimmt, denn bald wird der Rauch verschluckt – zu welchem Zwecke man Köpfe mit geringem Fassungsmaß gebraucht –, bald auf die gewöhnliche Weise eingeathmet, bald liebt man starken Tabak wie die Briten, die deßhalb kleine Pfeifenköpfe haben, andererseits würden Nomaden auf ihren Reisen die langen Rohre und die schwere Huka sehr lästig finden.

Der Stoff, aus welchem die Tabakspfeifen verfertigt werden, ist gleichfalls sehr verschieden, denn bald ist es eine Art Erde oder Thon von weißer, gelber, rother, schwarzer und anderer Farbe, bald ist es Murscham (Keffekil), Porcellan, Stein, wie Achat und Karneol, oder Talk, Glas, Metall, Holz, Muschel und dergleichen. Nicht minder verschieden ist der Stoff, aus welchem man die Rohre fabricirt, denn bald benutzt man dazu Pfefferrohr oder Spindelbaum, Jasmin, welschen Kronjasmin, spanischen Holunder, Ahlbaum, Maßholder, Schneeball, Lucienholz, Heckenkirsche, Weichsel und Tamarisken, bald chinesischen Bambu.

Vergleichen wir die Pfeifen der Völker, von denen wir in dieser Hinsicht einige Kenntniß haben, so lassen sich zwölf Arten von Nationalpfeifen unterscheiden, nämlich die persische, indische, chinesische und afrikanische Wasserpfeife, die kleine Gyps- und Thonpfeife, nebst ihrem Stiele aus einem Stücke gearbeitet,

Fig. 1. Kaliân.

die nordamerikanische, die Tschibuk, die Porcellanpfeife, Dinkapfeife, ungarische, russische Pfeife und die Gansa.

Die Kaliân oder Kaliuhn, wie die persische Wasserpfeife heißt, besteht aus einem Behälter zur Aufnahme des Wassers, womit derselbe etwa zu drei Viertheil (Fig. 1.) gefüllt wird. In dieses Gefäß bringt man die Enden zweier Rohre, wovon das eine, welches am oberen Ende den Kopf für den Tabak trägt, fast bis auf den Boden des Gefäßes herabreicht – damit der Rauch längere Zeit brauche, indem er durch das Wasser geht – während das Ende des anderen, nämlich des Mundrohres, nicht fern von der Oberfläche des Wassers steht. Beide Rohre treten durch dieselbe Oeffnung in den Behälter ein, welcher luftdicht verschlossen sein muß. Beginnt man zu rauchen, so zieht man die Luft in dem Gefäße, so wie etwas Wasser, eine Strecke das Mundrohr herauf, wodurch ein [520] gurgelndes Geräusch entsteht und der Rauch aus dem Kopfrohre vermöge des Luftdruckes in das Gefäß hinabgedrückt wird. Auf seinem Wege wird derselbe abgekühlt, von unangenehmen Eigenschaften befreit und steigt in den luftleeren oder halbluftleeren Raum, von wo er in den Mund gelangt. Der Wasserbehälter, meist ein ovales Gefäß mit langem Halse, ist wie der Kopf oft schön gearbeitet und besteht entweder aus Glas oder Silber und anderen oft vergoldeten Metallen oder Erdarten und ist oft mit farbigen Blumen verziert, so wie auch geschmackvoll emaillirt; ja diejenigen Kaliân, welche die Fürsten bei großen Audienzen und anderen pomphaften Gelegenheiten gebrauchen, sind oft mit sehr werthvollen Juwelen bedeckt. Man hat verschiedene Arten und mancherlei Namen für sie. In Betreff des Mundrohres unterscheidet man von ihr zwei Arten, nämlich die Desta mit geradem, oft buntem Rohre aus Bambu oder Holz, von 1–1½ Fuß Länge, welche unbequem ist, da sie wegen der Kürze des Rohres in der Hand gehalten werden muß – und die Karnji, welche ein langes, biegsames Rohr wie die Huka hat. Zuweilen besteht der Wasserbehälter aus einem Flaschenkürbis (Kakab der Perser, Hukwa der Chinesen) – wie bei den Persern und Somali – oder aus einer entrindeten und ausgehöhlten Kokusnuß (Nargili hindustanisch, seltener Nardschili, Argili), wie bei den ärmeren Hindu, Arabern und Persern, weshalb diese Pfeife den Namen Nargili trägt. Diese Kokospfeife entspricht der Desta der Perser und Gose der Aegypter, welche die Kaliân oder Karnji „Schischa“ nennen.

In jenem Theile Arabiens, welchen Burton kennen lernte, ruht die Schischa gewöhnlich auf einem Dreifuße; anderwärts aber stellt man sie auf ein breites Gefäß, damit Asche und Kohlen den Teppich nicht besudeln. Selten raucht man lange aus derselben, denn das Wasser wird bald stinkend und brechenerregend, weßhalb es gewöhnlich nach dem jedesmaligen Gebrauche erneuert wird. Auch ist zu bemerken, daß man bei dem Gebrauche den Rauch tief in die Lunge einathmet und daß Raucher, welche an diese Art Pfeife nicht gewöhnt sind, Husten bekommen, wie man überhaupt dem Gebrauche derselben (zumal wenn man Hanf oder Hanftabak in ihr raucht) Lungen- und Leberleiden zuschreibt.

Fig. 2. Huka, die indische Wasserpfeife.

Der Tabak, welcher in der Wasserpfeife geraucht wird, eignet sich nicht für die Tschibuk, das heißt die gewöhnliche Pfeife, denn er schmeckt darin sehr schlecht, wie andererseits der beste Tschibuktabak seinen Werth in der Kalian verliert. Persien und Hindustan erzeugen viel Tombak oder Tombeki – wie vorzugsweise der Wasserpfeifentabak im Gegensatz zum Tüttün, das heißt Tschibuktabak, genannt wird – und ihr Erzeugniß wird in großer Menge nach Syrien, Arabien und Ostafrika versandt. Ehe man ihn raucht, wird er vorschriftsmäßig zubereitet, indem man ihn (oft mehrmals) mit einem Stücke nassen Linnens und dergleichen wäscht und in noch feuchtem Zustande in den Kopf thut, worauf man etwas trockenen Tabak darüber streut. Zuweilen bildet man eine Paste aus Tabak mit Rosenwasser und grobem braunem Zucker und formt dieselbe zu Kugeln oder einem Klumpen, auf welchen man mehrere glimmende Kohlen legt, welche wie bei dem Opiumrauchen, so lange man raucht, nicht entfernt werden. Die ärmere Classe, für welche guter Tombak zu theuer ist, bedient sich in Syrien gemeinen Tabaks, welcher die Stärke und andere Eigenschaften besitzt, die der Kaliantabak verlangt. Denselben befeuchten sie entweder mit Dips und Wasser oder mit einem Aufguß von Rosinen, wobei sie zuweilen Haschisch und Schiera (Hanfpräparate) fügen, welche den Rauch berauschend machen. Es giebt Leute, welche in den Straßen der größeren Ortschaften Arabiens, Syriens etc. herumgehen, die Kaffeehäuser mit den so gefüllten Pfeifen besuchen und die Rauchlustigen gegen eine Kleinigkeit einige Züge daraus thun lassen.

Die Kalian hat den Vorzug, daß man sie auf der Reise während des Reitens ununterbrochen rauchen kann, und zu diesem Zwecke werden Vornehme von einem Diener begleitet, welcher dieselbe, zu Fuße oder zu Pferde, trägt. Ker Porter gab 1821 die Beschreibung eines solchen Zuges, welcher an die Darstellung gewisser Reitergestalten in den Ruinen zu Nakschi Rustan erinnert; er schreibt: „In dem fürstlichen Zuge waren auch Peschkidmats (d. h. Diener, denen die Sorge für das Rauchgeräth obliegt), welche an und für sich nebst ihren Pferden und Geräthschaften eine hervortretende Figur in der bunten Cavalcade spielten. An jeder Seite des Sattels hing ein Paar cylindrischer Lederbehälter, wovon der eine die Kalian nebst Zubehör enthielt, während an der anderen Seite des Thieres an einer Kette, welche bis an den Bauch reichte, ein eiserner Topf voll glimmender Kohlen und ihm gegenüber eine große lederne Flasche mit Wasser hing, da dieses nebst Feuer bei dem Gebrauch der Kalian unentbehrlich ist.“ Die Reise-Schischa, welche in Arabien gebraucht wird, ist nach Burton ein in zwei Abtheilungen geschiedener Zinnkanister, dessen untere Hälfte für das Wasser, dessen obere für den Tabak bestimmt ist. Der Deckel ist durchlöchert, um das Feuer zu nähren, und eine kurze Hukaschlange ragt an der einen Seite hervor. Sie hängt in einem Lederbeutel am Sattel, wie man es an den Bildern der genannten Ruinen bemerkt.

Fig. 3. Chinesische Wasserpfeife.     Fig. 4. Afrikanische Basutopfeife.

Es kann kein Zweifel bleiben, daß die Wasserpfeife vor 1492 in Gebrauch war; auch ist nicht zu übersehen, daß die Wasserpfeife für eine Art Tabak bestimmt ist, welcher, in Europa und Amerika unbekannt, nur in gewissen Gegenden, zumal den genannten, erzeugt wird. Von diesen beziehen die Ostafrikaner, welche Ueberfluß an anderem Tabak haben, aber an den Genuß der Wasserpfeife gewöhnt sind, ihren Bedarf an Tombeki aus Hindustan. Wenn nun nicht bestritten werden kann, daß die Wasserpfeife sehr lange in Gebrauch ist, so könnte man doch behaupten, daß ehedem nur Hanf oder Stechapfel darin geraucht worden sei; allein auch dies ist höchst unwahrscheinlich, da heutigen Tages sämmtliche Völker Tabak in ihr rauchen, der Hanfraucher den Tabak seinem Hanfe gegenüber höchst unwirksam findet, er mithin unter keiner Bedingung den ersteren dem Hanfe vorziehen würde, endlich da der Tabak vor 1492 in Asien bekannt war, wie ich in meiner bereits erwähnten Schrift nachweise.

Die Huka oder die indische Wasserpfeife (Fig. 2.) ist ein schweres Geräth, dessen Wasserbehälter gewöhnlich aus schön verziertem oder vergoldetem Glase, oder edlen Metallen, geschmackvoll emaillirt, besteht. Der Kopf für den Tabak ist meist aus Gold oder Silber verfertigt und oft mit Edelsteinen geschmückt; das Mundrohr, aus Leder bestehend, hat 15–39 Fuß Länge und ist mit Sammet und dergleichen und mit Gold- oder Silberfäden durchwirkt. – Die chinesische Wasserpfeife, meist aus Messing fabricirt, aus welcher haarfein geschnittener Tabak geraucht wird, ist Fig. 3. dargestellt.

Fig. 5. Hügel-Damarapfeife.

Die afrikanische Wasserpfeife ist entweder eine Basutopfeife (Fig. 4), oder eine Hakuïnpfeife (Fig. 5). Erstere ist dem Werke von E. Casalis entnommen, welcher dreiundzwanzig Jahre als Missionär im südlichen [521] Afrika lebte und unter Denjenigen, welche über diese Gegenden geschrieben haben, einer der Wenigen ist, welche das hohe Alter des Tabakgebrauchs daselbst nicht in Abrede stellen. Nach ihm haben die Pfeifen der Basuto überall dieselbe Form: sie bestehen aus einem Kopfe von weichem Steine, welcher vermittelst eines Bambusrohres mit einem Antilopenhorne in Verbindung steht, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist und an dessen weiter Mündung beim Rauchen die Lippen angelegt werden. Dagegen pflegt das Volk der Hakuïn oder Hügel-Dammara, wie mehrere andere in Afrika, auf ähnliche Weise zu rauchen, wie ältere und neuere Reisende es bei manchen Völkern Amerikas und Nordasiens sahen. C. J. Anderson schreibt darüber: „Die Art, wie die Hakuïn rauchen, ist wesentlich verschieden von der Rauchweise der Hindu, Moslem und Christen, denn anstatt den Rauch einfach einzuathmen und dann durch Mund und Nase denselben auszustoßen, verschlucken sie ihn. Der Hergang ist zu eigenthümlich, um übergangen zu werden: eine geringe Menge Wasser wird in ein großes Horn, meist das des Kudu (einer Art Antilope), von 3–4 Fuß Länge gegossen, eine kurze Thonpfeife mit Tabak oder Dacka (Hanf) gefüllt und unfern der Spitze des Hornes in eine Oeffnung, welche die Verbindung mit dem Inneren des Hornes herstellt, eingesetzt. Ist dies geschehen, so bilden die Anwesenden einen Kreis und erwarten unter tiefem Schweigen, offenen Mundes und mit freudestrahlenden Augen, bis an sie die Reihe kommt. Der Angesehenste unter ihnen hat gewöhnlich die Ehre den ersten Zug daraus zu thun. Von dem Augenblicke an, da seine Lippen die Mündung des Hornes berühren, scheint er alles Bewußtsein zu verlieren und gänzlich von dem Genuß überwältigt zu sein. Da wenig oder kein Rauch seinem Munde entweicht, so ist die Wirkung bald zu sehen: seine Gesichtsmuskeln ziehen sich zusammen, sein Auge verliert den Glanz und den Ausdruck, sein Mund bedeckt sich mit Schaum, sein ganzer Leib zuckt und nach wenigen Secunden liegt er zu Boden. Man gießt etwas Wasser auf seinen Leib – nicht selten thut es Freundes Mund – und zieht ihn gewaltsam am Haare oder klopft seinen Kopf kräftig mit der Hand. Diese für ihn etwas unangenehme Behandlung hat meist in wenigen Minuten den gewünschten Erfolg, doch sind Fälle bekannt, in welchen der Ueberladung des Körpers mit diesem giftigen Rauche auf der Stelle der Tod folgte.“

Fig. 6, 7 und 8. Grabhügelpfeife vom Sciatoflusse in Ohio.     Fig. 9. Virginische Grabthonpfeife.     Fig. 10. Florida Grabthonpfeife.

Der Bergbewohner Hindostans, welcher es zu lästig findet, die Nargili auf seinen unwegsamen Pfaden mit sich zu schleppen, gräbt ein Loch in den feuchten Lehmboden, welches als Pfeifenkopf dient und zu welchem unter der Erde ein Gang führt, in welchen das Rohr, wodurch er den Rauch zieht, eingesetzt wird. Eine ähnliche Art zu rauchen wird von den Kirgisen berichtet, welche zuweilen an einem zum Liegen bequemen Orte ein Loch in die feuchte Erde graben und dasselbe mit Tabak füllen, worauf die ganze Gesellschaft ihre Rohre durch die Erde in dieses mit Tabak gefüllte Loch einführt und auf dem Bauche liegend den Rauch einathmet. Eine Eigenthümlichkeit und zugleich ein Beweis der Beständigkeit der Gewohnheiten ist der Umstand, daß die Wasserpfeife – so viel mir bekannt – weder an der Westseite Mittelafrikas noch in Amerika gebraucht wird.

Die celtische Pfeife, die kleine Thon- und Gypspfeife, mit ihrem Stiele aus einem Stücke bestehend, ist die Nationalpfeife der Franzosen, Holländer, Briten, Iren und Schotten, doch findet sie sich auch in Schweden, unter den Zigeunern Ungarns, in Amerika (ehedem bei den Irokesen, Caraiben) und in Westafrika bei den Ashanti, in Senegambien, auf der Gold- und Elfenbeinküste. Ihr Alter ist ein sehr hohes, denn man sieht sie in dem schottischen Hochlande auf einem Stein, in dem Munde eines Hundes, abgebildet, auf welchem die Jahreszahl 1510 steht – man fand sie in dem Gemäuer der Kirkshallabtei, welche lange vor 1492 errichtet ward, so wie in vielen anderen sehr alten Gebäuden Britanniens und Irlands – ferner zwischen den Kinnladen eines Menschenschädels zu Bannoktown in letzterem Lande, bei dem Aufräumen der Ruinen des Heidelberger Schlosses, in sogenannten Hünengräbern im Osnabrück’schen, sowie unter Ueberresten, welche unzweifelhaft aus der Römerzeit stammten. Meist haben diese alten Pfeifen einen Kopf mit sehr kleiner Höhlung, so daß sich die Vermuthung aufdrängt, es sei damals Sitte gewesen, den Rauch zu verschlucken. Zahllose Pfeifen dieser Art findet man in England und Schottland, zumal aber in Irland, bei dem Pflügen, unter Schutt etc., welche Fairy-, Clurican-, Elfen- und Danepipes genannt werden und nach dem Glauben des Volkes aus uralter Zeit stammen. – Zu dieser Art Pfeifen kann man auch die Gansa der Mongolen und Chinesen stellen, welche einen kleinen Kopf enthält und aus einem Stücke (Messing, Kupfer, Eisen) verfertigt ist – so wie die Thonpfeife der westlichen Araber.

An diese Classe schließt sich eine andere: die sechste, welche in mehreren Formen den Stämmen Nordamerikas eigen war und gegenwärtig noch ist; doch unterscheiden sich die alten, meist steinernen Pfeifen dieser Classe, welche man in großer Anzahl in der sogenannten „Moundcity“ am Sciatoflusse, County Roß, Ohio, sowie in anderen Grabhügeln Nordamerikas gefunden hat, dadurch, daß sie ein sehr kleines Loch zur Aufnahme des Tabaks haben. Ob dieselben ohne Rohr gebraucht wurden, läßt sich nicht entscheiden, da dieselben möglicherweise aus brennbaren Stoffen bestanden und deshalb durch das Feuer zerstört werden mußten. Drei dieser Pfeifen stellen Fig. 6, 7 (Tukan, welcher die tropischen Gegenden Amerikas nicht überschreitet), 8 dar, welche nach den Abbildungen von Squier und Davis gezeichnet sind. Fig. 9 zeigt eine Thonpfeife mit mittelamerikanischem Muster, welche in einem virginischen Grabhügel gefunden wurde, Fig. 10 eine von einem solchen in Florida.




Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
Nr. 8. Marizko die Slovakin.


Am 15. Juli des vorigen Jahres hatte die siebente preußische Division (Magdeburger) unter dem Befehle des Generallieutenant von Franseky die Hauptstadt Mährens, das lustige Brünn, verlassen, um vorerst die Thaya-Linie und den Eisenbahnknoten Lundenburg zu besetzen, demnächst aber auf Preßburg zu marschiren, die Verbindung des Benedek’schen Corps mit Wien zu verhindern und eine Basis für die eigenen Operationen jenseits der Donau, namentlich gegen die feindliche Hauptstadt zu gewinnen.

Südlich von Lundenburg längs der Eisenbahn, bei einer wahrhaft tropischen Hitze, staubbedeckt, in langen Colonnen zogen die sonnenverbrannten Bataillone und Schwadronen dahin, unaufhaltsam der ungarischen Grenze zu. Mehr und mehr zurück trat schon der feenhaft schöne Felskegel bei Nikolsburg zur Rechten des Wegs, während links wie ein Traumgebilde, in langen, kaum sichtbaren Curven aus dem blauen Aether heraus bereits die Umrisse der kleinen Karpathen hervorschauten. Und war es denn [522] nicht ein Traum, daß die preußischen Feldzeichen nun, nach so wenigen Wochen bereits an der Grenze Ungarns wehten? Nein, kräftiger und bestimmter setzen sich schon die Berge da drüben gegen den Himmel ab, glühender brennt hier bereits die Sonne, als bei uns daheim, hier wächst im Kalkstaube am Wege schon die Rebe und der Kukuruz – anderes Land und andere Leute!

Bei Ravensburg[WS 1] hatte die Division die äußersten Spitzen des Cavaleriecorps des Prinzen Albrecht passirt und marschirte nun, in der Erwartung auf den Feind zu stoßen, auf Dürnkrut, ein Städtchen an der March. Während gegen Mittag das Gros der Division auf einer Wiese östlich dieses Ortes die Bivouacs bezog, seine Laubhütten baute und die tagtägliche Kuhfleischsuppe bereitete, wurden eine Schwadron des Magdeburgischen Husarenregiments, zwei Compagnien Infanterie und eine Batterie an die March detachirt, um als Flankendeckung gegen alle etwaigen Angriffe von dorther zu dienen. Nachdem wir ein dichtes, schattiges Gehölz passirt hatten, welches uns bisher jede Aussicht benahm, lag unmittelbar vor uns der schlammige, trübfluthende Fluß mit seinen steilen, lehmigen Ufern und jenseits desselben breiteten sich weite Grasflächen aus, über welche hinweg fessellos bis zu den fernen Karpathen die Blicke streiften, weit, weit hinein in’s Morgenland.

Ein betäubendes Hurrah brach plötzlich los. Einem gemeinsamen Impulse folgend hielt das Detachement und schaute dort hinüber und sah sich doch nicht satt an dem neuen, fremdartigen Anblicke. Wie ein riesengroßer, smaragdgrüner Teppich, meilenweit und so flach wie ein See, breitete sich der saftige Wiesengrund ohne jede Unebenheit oder Unterbrechung vor unseren staunenden Blicken aus. Ringsumher war kein Baum, kein Haus zu sehen, nur einige Tümpel mit wehendem Schilfe zeigten sich und ganz am Horizonte, wie eine Palissadenreihe, eine schnurgerade Allee, die Chaussee von Göding nach Preßburg. Der tiefblaue, schön geschwungene Höhenzug der kleinen Karpathen, hinten im Osten noch überragt von höheren, kaum erkennbaren Gebirgsstöcken, rahmte dieses Grasmeer ein und bildete den malerischen Abschluß desselben.

Drückend heiß brannte die Sonne hernieder, ganze Fluthen von Licht und Glanz verschwenderisch herabsendend, und in dieser Hitze schien die Fläche sich zu beleben, das Gras in langen Wellen zitternd sich zu bewegen, gleich dem Ocean. Lautlose Stille rings umher. Kaum aber hatten unsere Augen eine Minute lang den so unerwarteten Anblick überschaut, als auch schnell wie der Wind einige Reiter die Reihen verließen und das Ufer auf und nieder galoppirten, um eine Fuhrt zu suchen. Aber vergebens, überall war das Wasser zu tief oder der Grund zu schlammig, und ein kecker Officier, der mit Zuruf und Sporen sein bäumendes Roß weiter hineintrieb in die hochaufspritzende Fluth, hätte um ein Haar seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt.

Es war in der That fatal. Dort drüben, kaum dreitausend Schritte vor uns, auf dem weiten Anger, in Heerden ohne Zahl weideten Pferde und Rinder, von slovakischen Hirten bewacht, die in ihren leinenen Gewändern, die wehende Halina malerisch um den Nacken geschlungen, auf ihren kleinen Steppenpferden pfeilschnell diese Heerden umkreisten und mit ihren langen Peitschen in Ordnung hielten. So mancher von unseren Gäulen lag bei Benateck und Chlum erschossen, nirgends hatten wir bisher Gelegenheit gehabt, diese empfindlichen Lücken wieder auszufüllen, und nun, da dicht vor uns Hunderte von Pferden weideten, wo es schien, als brauchte man nur die Hand nach ihnen auszustrecken, hinderte uns der tückische Fluß dieselben zu erreichen. Was war zu thun?

Noch galoppirten dort drüben die Hirten arglos hin und her, noch spitzten die Mutterstuten mit der blechernen Schelle nicht mißtrauisch die scharfen Ohren, augenscheinlich waren wir bisher noch unbemerkt geblieben im tiefen Schatten der Bäume, indessen –

„Einen Führer her,“ rief da der Rittmeister ungeduldig, „schnell einen Führer!“ und fort sprengten ein Unterofficier und zwei Mann, die Carabiner auf der Lende, nach dem Städtchen. Alles schaute ihnen nach in gespanntester Erwartung.

Doch sieh’ da, etwas weiter stromaufwärts, aus einem schmalen Waldwege heraus, treten jetzt langsam zwei Slovakenmädchen und ein alter Mann, Hacke und Spaten auf der Schulter, und nähern sich dem Flusse. Einen Augenblick lang bleiben sie halten, der Alte streift seine weiten Beinkleider herauf, die Dirnen schürzen sich hoch die rothen Röcke empor und nun – o Freude, schreiten sie alle Drei, Einer hinter dem Andern, in den Fluß. Vorauf geht behutsam tastend der alte Slovak, sorgsam den Grund mit dem Hackenstiele sondirend, ihm nach waten die stattlichen Mädchen. Mancher Husar schaute heimlich lachend dort hinüber, wo jene eben das steile Ufer emporklimmend und schüttelnd und stampfend ihre brennendrothen Gewänder ausschwenken.

Nun aber wird es mit einem Male unter den Bäumen lebendig. Im Handumdrehen sind die Fouragirstränge von den Sätteln losgemacht, die Schwadron stürzt sich das Ufer hinab und einen Augenblick später folgen die grünen Husaren schäumend und spritzend durch die so ahnungslos verrathene Fuhrt den rothen Slovakendirnen, die nun, jene plötzlich gewahr werdend, zum Tode erschrocken einen Augenblick wie versteinert stehen bleiben, dann aber, Spaten und Karst von sich werfend, wie aufgescheuchte Rehe eilenden Fußes zu entfliehen suchen.

Jedoch umsonst, denn schnell sind sie überholt, rechts und links jagen jubelnd die preußischen Reiter schon an ihnen vorüber und athemlos, mit klopfenden Herzen bleiben sie stehen, das Schrecklichste über sich ergehen zu lassen. Da reitet der Rittmeister auf goldglänzendem Fuchshengste wie der Blitz an sie heran, wirft ihnen lachend einen blanken preußischen Thaler vor die Füße und ruft gut gelaunt: „Schönen Dank euch hesca holka!“ und ehe sie nur Zeit haben, sich von ihrem Erstaunen zu erholen, bevor die Mädchen noch wagen die dunklen Augen zu dem Officier zu erheben, sprengt dieser schon wie ein Feuerstreifen wieder über die weite Pußta dahin, seinen Husaren nach, die er in mächtigen Sprüngen einholt. Wie verzaubert, festgewurzelt am Erdboden stehen die beiden Slovakinnen und sehen den Husaren nach, wie dieselben, sich in zwei Linien theilend, in flüchtigem Galopp dahinjagen.

Jetzt haben auch die Hirten die feindlichen Reiter erblickt, wiehernd begrüßt eine Mutterstute die fremden Pferde und einen Augenblick später erhebt sich ein furchtbarer Lärm, Alles ist Geschrei und Verwirrung. Blitzschnell umkreisen die Csikos ihre Heerden und lassen die schweren Peitschen sausend den Thieren um die Köpfe fahren, daß diese sich hoch aufbäumen, zähnefletschend fahren die bösen Wolfshunde zwischen die Rinder mit scharfem Bisse, Alles umsonst. Schon kommen rechts und links die Husaren dahergesprengt, als wüchsen sie aus dem Erdboden, Hirten und Heerden überholend; in weitem Bogen umfassen sie dieselben, immer näher und näher umkreisen sie sie und jetzt mit hochgeschwungener Rechten stürzen sie sich mit lautem Halloh auf den wirren Knäuel, daß die Erde bebt. Einige Minuten lang hört man nur ein entsetzliches Durcheinander von Thier- und Menschenstimmen, Fluchen, Wiehern, Bellen, Brüllen, Jubel und Gelächter, bis sich endlich das Chaos entwirrt und die Husaren mit etwa zwanzig gelassoten Pferden lustig von dannen traben, während ihnen die armen Hirten erschrocken und betrübt nachschauen.

Noch steht am Flusse der alte Slovak mit den beiden Mädchen, die das ganze Unheil angerichtet hatten, und starren sprachlos dort hinüber, noch haben sie sich nicht erholt von ihrem Schrecken, gewaltig noch pocht das Herz unter dem faltigen Hemde, da kommen die Preußen mit ihrer Beute schon wieder zurückgetrabt, rufend und winkend, setzen spritzend durch die Fuhrt und verschwinden spurlos drüben im Schatten der Bäume. Langsam beugt sich endlich eines der beiden Mädchen zur Erde und hebt das große, blanke Geldstück auf, welches ihr der glänzende Officier zugeworfen hatte; kopfschüttelnd, halb ängstlich, halb erfreut, betrachten es die Drei, dann aber schreiten sie flüchtigen Fußes über die weite Ebene, hin zu den betrübten Hirten und ihren geplünderten Heerden. –

Etwas stromabwärts von Dürnkrut, dicht an der March, steht unter hohen Linden ein kleines Fährhaus. Für gewöhnlich liegt vor demselben eine große Fähre, die an einem Drahtseil hin- und hergezogen wird. Sie vermittelt den Verkehr zwischen Oesterreich und Ungarn für die hiesige Gegend, denn auf acht Meilen Weges, zwischen Göding und Anger, giebt es keine feststehende Brücke über den Fluß. Diese Fähre nun hatten die Oesterreicher auf ihrem Rückzuge zerstört, das Drahtseil aber abgeschnitten und in’s Wasser geworfen, und so waren denn die preußischen Pioniere eben in vollster Thätigkeit, die Verbindung zwischen beiden Ufern durch eine Pontonbrücke wieder herzustellen. Vor dem Fährhäuschen auf einer Bank im Schatten der Bäume saßen ein ziemlich beleibter [523] Stabsarzt und ein bildhübscher, junger Artillerie-Officier, welche zusahen, wie die Kanoniere oberhalb der Brücke ihre Geschütze durch Erdaufwürfe deckten und dazu gemeinsam aus einem Glase eine Limonade tranken, bestehend aus Wasser, Rum und sauerem Lieferungswein.

„Wäre es Ihnen reckt, Doctor,“ hub nach einer längeren Gesprächspause der Officier an, „wenn wir zur Abwechselung ‘mal eben nach Ungarn hinübergingen? die Brücke ist gleich fertig.“

„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete dieser, seinen Maserkopf ausklopfend; „diese verdammten Kirschblätter,“ fuhr er dann kopfschüttelnd fort, „schmecken auch gar zu cannibalisch; wenn man doch nur erst einmal wieder eine ordentliche Pfeife Tabak hätte!“

„Und ein Stück Brod „fügte der Officier hinzu.

„I, mit dem Brode, das geht noch eher,“ erwiderte Jener, „wir haben ja Fleisch, aber Tabak! wer kann bei dieser abscheulichen Hitze existiren ohne eine Pfeife Tabak!“

„Na, trösten Sie sich, Doctor,“ lachte der Artillerielieutenant und stand von seinem Sitze auf, „jetzt rücken wir nach Ungarn hinüber und in drei Wochen, wenn’s Glück gut ist, liegen wir Beide beim Großtürken im Quartier, rauchen aus seinen Gala-Tschibuks und lassen uns von den reizendsten Odalisken die Fliegen fortwedeln.“

Damit zog er den Stabsarzt mit sich fort und Beide schritten über die eben vollendete Brücke hinüber.

„Wetter noch einmal, ist das hier heiß in Ungarn!“ hub der corpulente Arzt an, als er das steile Ufer drüben glücklich erklommen hatte und sich den Schweiß von der Stirn abtrocknete. „Des ist ja hier wie in einem Backofen, das höhere Affenklima – puh! Aber originell, pittoresk,“ fuhr er fort, „das muß man sagen. Sehen Sie einmal zum Beispiel da drüben die stolzen Silberreiher über dem Schilfe, und diese Jejend hier ist doch janz anders als bei uns herum in Salzwedel.“

„Ja, das will ich meinen,“ sprach der Officier lächelnd, „das ist hier so ein kleiner Vorgeschmack der Pußta. Am meisten aber interessiren mich die Leute hier, in ihren malerischen Trachten. Schauen Sie nur ‘mal da drüben das Mädchen an, welches, wie es scheint, auf uns zukommt, wie hübsch sie aussieht, welch’ herrlicher hoher Wuchs, welch’ graziöse Bewegungen!“

„In der That, nicht übel, wirklich pittoresk,“ erwiderte der Doctor, während ein schlankes, sonnverbranntes Mädchen von etwa siebenzehn Jahren schnell auf die beiden Männer zukam.

Lustig flatterte ihr beim Gehen der kurze, rothe Rock um das wohlgeformte Bein, unter dem schneeweißen Kopftuche hervor schaute ein hübsches, gebräuntes Gesicht mit einem Paar großer, dunkler Augen, den Busen bis zum Hals hinauf verhüllte züchtig das grobe Hemde, zierlich gestickt und in Falten gelegt. Wie die Slovakin näher heran kam, hob sie die gefalteten Hände empor, schaute halb bittend, halb ängstlich die beiden Preußen an und murmelte einige unverständliche Worte. Ihre Blicke wanderten dabei wie suchend von Einem zum Andern. Plötzlich ergriff sie schnell die fette Hand des Doctors und führte sie, ehe dieser es noch verhindern konnte, an ihre Lippen.

„Nanu!“ rief der Stabsarzt und wurde ordentlich verlegen, „was will denn die kleine Hexe? Laß doch los!“

Doch schnell wie der Blitz war das Mädchen mit bittender Geberde schon an den Officier herangetreten, sie erfaßte mit ihren braunen kleinen Händen dessen Rechte und drückte sie einen Augenblick lang fest an ihren Busen, wobei sie mit flehender Geberde wieder einige Worte murmelte.

Ganz roth vor Schreck, zog der Officier seine Hand zurück, aber wer beschreibt sein namenloses Erstaunen, als er nun gewahr wird, daß er einen blanken preußischen Thaler in derselben hält. Ganz sprachlos stand er da und besah bald das Geldstück, bald das Mädchen, das mit leidenschaftlichen Geberden unverständliche Worte sprach. Der Doctor lachte aus vollem Halse.

„Donnerwetter, des is wirklich jut!“ rief er in der besten Laune, „und einen janz richtigen Thaler, den sie Ihnen da schenkt. Du bist ja ein janzes Wettermädel von einer Hexe, was red’st Du denn da? – he? – Nix resommi, nix resommi!“

Je mehr der Doctor lachte, desto mehr verlor die braune Dirne alle Scheu. Sie trat auf denselben zu, erfaßte seinen Arm, schaute ihm eindringlich mit ihren dunklen, sprechenden Augen in’s Gesicht und deutete bald nach der Pußta, bald auf den Thaler in des Lieutenants Hand, bald auf den Wald am andern Ufer des Flusses.

„Verstehen Sie das, werther Freund?“ frug der Doctor immer noch herzlich lachend.

„Nicht eine Silbe,“ antwortete Jener, „auf meine Ehre, das Mädchen ist rein des Teufels. Was will sie nur mit dem Thaler hier sagen?“

„Ja, wenn ich das wüßte, Verehrtester! Aber eine jöttliche Geschichte das! Schenkt Ihnen mir nichts dir nichts einen Thaler. Es is grauenhaft, was Sie für Glück haben beim schönen Geschlecht. Nicht wahr, liebe Kleine, hübscher Kerl, gefällt Dir wohl, was?“ und dabei kniff der gutgelaunte Stabsarzt das Mädchen in die braune Backe.

Diese aber lächelte, warf den letzten Rest von Furcht von sich und immerfort nach der Brücke deutend, sprach sie eifrig: „Vamos pan, vamos! – Nach Brucken, nach Brucken!“ und leicht wie eine Gazelle sprang sie den Männern voraus nach der Brücke, nur ab und zu sich umschauend, ob diese ihr auch folgten.

Und der Stabsarzt und der Officier schritten hinterher und zerbrachen sich darüber die Köpfe, was dies Mädchen eigentlich von ihnen wollte, am meisten über den geschenkten Thaler, und an Neckereien unterwegs ließ es der Doctor nicht fehlen. So kamen sie zu dem Fährhause, wo eben die Frau des Schiffers in dem kleinen Rahmen der Hausthür sichtbar wurde. Auf diese zu eilte jetzt die Slovakin mit Hast, ergriff beide Hände derselben und begann eindringlich in sie hineinzureden.

Geduldig standen die Männer und hörten den Worten des Mädchens zu, die sich wie ein Strom aus ihrem hübschen Munde ergossen, sie staunten über den gewaltigen Fluß ihrer Rede und die sprechenden Blicke und Geberden, welche dieselbe begleiteten. Endlich, hochroth und klopfenden Herzens, schwieg die Slovakin, nur ihre Augen wanderten noch mit stummer Bitte hin und her und blieben endlich mit einem unbeschreiblich seltsamen und lieblichen Ausdrucke auf dem hübschen Officier haften.

Und nun begann die Frau ihre Uebersetzung – schnell löste sich das Räthsel: die Husaren hatten ihren Verwandten zwanzig Pferde fortgenommen. Diese wären nur arme Hirten und für die Pferde verantwortlich, sie kämen in’s Unglück, wenn sie die Thiere nicht wieder zurückerhielten. Die beiden Männer möchten doch bei ihren Landsleuten Fürbitte für die armen Slovaken thun, dann wollte Marizko, so hieß die Kleine, dem schönen Officier auch das Geldstück schenken, welches sie heute Morgen von einem Husaren erhalten hätte. Und während nun Marizko von Neuem zu bitten begann, fielen in ihren Discant sieben bis acht Baßstimmen im Chor mit ein, und die beiden Preußen erblickten eben so viele Männer, in dem phantastischen Slovakenkleide, mit Gesichtern braun wie Mahagoni, die auf ihre Stäbe gelehnt um sie herum standen; dies waren die Hirten, des Mädchens Verwandte.

Eine halbe Stunde später hatten diese Männer fünfzehn von den requirirten Pferden, die zu klein oder zu schwach für den Dienst waren, zurückerhalten, über die anderen aber einen Schein empfangen; schwatzend und lachend kamen sie mit denselben zur Fähre. Marizko aber weigerte sich standhaft, den Thaler wieder zurückzunehmen, bis endlich der Officier eine eben aufgeblühte Rose aus dem Gärtchen des Fährhauses pflückte und dazu legte. Dann nahm das Mädchen Blume und Geldstück mit einem unendlich süßen Blicke des Dankes. Einen Augenblick später schon saß sie auf dem Rücken eines der kleinen Steppengäule, gleich darauf trappelte die Cavalcade über die Schiffbrücke, erklomm den Uferrand und jagte wie der Wind in die Pußta hinein, und schnell entschwand sie den Blicken Derer, die ihr nachschauten.

Der Abend brachte ein schweres Gewitter, die Nacht kam; ganz durchnäßt und hungrig lag der junge Officier in seinen Mantel gehüllt in einer kleinen Hütte aus Bretern und Zweigen, welche die Hand seines Burschen kunstlos ihm gebaut hatte. Nach elf Uhr ließ der Regen nach, am Flusse flackerten wieder die Feuer, die Kanoniere lagen bei ihren geladenen Geschützen und drüben jenseits der Brücke, bis an die Knöchel im Wasser standen die schützenden Doppelposten, weit vorgeschoben auf der Pußta. Eben war der Officier im Begriffe einzuschlafen, schon begannen leichte Traumgebilde ihn zu umgaukeln, als er plötzlich neben sich etwas rascheln hörte und wieder erwachte. Er schaut auf – eine [524] menschliche Gestalt verdunkelt den Eingang der kleinen Hütte und zeichnet sich grell gegen das Feuer ab, welches am Ufer unstät auf und ab flackert.

„Wer ist da?“ ruft der Erwachende. Keine Antwort. „Wer ist da?“ fährt er empor. Da faßt eine warme, kleine Hand die seinige, unverständliche Worte von Mädchenlippen hört er flüstern dicht vor seinem Ohre, einen Augenblick lang preßt sich ein kleiner Mund süß auf den seinen. Und „Marizko, Marizko!“ ruft wonnetrunken der Officier, „reizende Marizko!“ und streckt die Arme empor, das liebliche Mädchen zu umfassen, aber seine Arme fassen nur die leere Luft, wie ein Schatten war die Slovakin entflohen, die Hütte war leer.

„Wach’ ich denn oder träume ich?“ murmelt der Officier und springt vom Lager auf, reibt sich die Augen und tritt schnell vor die Hütte. Aber Alles ist still, Niemand zu sehen. Drüben brennen die Feuer, rings umher liegen die Soldaten in ihre Mäntel gehüllt und schlafen; nichts regt sich weit und breit.

Früh am anderen Morgen erwachte der Artillerie-Lieutenant nach unruhigen Träumen, der Trompeter blies Reveille, die Feuer waren heruntergebrannt, drüben hinter den Karpathen färbte sich der Himmel bereits purpurroth. Er will sich erheben, da faßt seine Hand etwas Kaltes. Er schaut hin, und siehe da, neben seinem Lager steht ein dicker, bunt bemalter Krug und daneben liegt ein Strauß, drei rothe prachtvolle Rosen. Ganz wunderbar wird es dem Officier um’s Herz, als er die Blumen nimmt und an seine Lippen drückt.

„Also doch Marizko!“ spricht er leise vor sich hin, „also war’s kein Traum!“ und steckt die Blumen an seine Brust.

„Sie sind ja heute so merkwürdig langweilig, Verehrtester,“ sprach der Stabsarzt beim Rendezvous zu seinem Freunde, dem blonden Artillerie-Officier, „was ist Ihnen denn?“

„Wollen Sie nicht einmal trinken, Doctor?“ erwiderte dieser, ohne dem Frager eine Antwort zu geben, und holte aus dem Marketender-Fuhrwerk heraus eine dickbäuchige irdene Flasche mit merkwürdigen Malereien.

„Nanu, werther Freund, was ist denn das? Donnerwetter, wo haben Sie denn den her? das ist ja ein prachtvoller Ungarwein, so was habe ich in meinem Leben noch nicht getrunken!“ Und weiter bekam der Doctor keine Antwort, denn der Gefragte hatte nun seinerseits den Krug ergriffen, trank durstig von dem goldenen Nektar und: „Auf Dein Wohl, Marizko!“ murmelte er dabei mit seltsam bewegtem Herzen.




Diesseits und jenseits der Alpen.
Illustrirte Erinnerungen von L. Löffler.
II.
Villen und Kneipen am Comersee. – Wirthshaus zum „schlechten Wein“. – Das modernisirte Mailand. – Der Opfer fordernde San Carlo Borromeo. – Rückfahrt zum Comersee. – Menaggio mit den Bettelhänden. – Der Garibaldianer von Lugano. – Ein Kloster als Hotel. – Mauthbeamten-Logik. – Die Purzelbäume am Lago maggiore. – Englische Garibaldianer. – Confiscirte „Post“-Gesichter. – Rückkehr in die Schweiz mit italienischen Nachklängen.


Eine Fahrt nach Mailand war beschlossen, und die herrlichen Ufer des Comersees zogen an uns als Wandelbild vorüber, bald reich bebaut, bald schroff und felsig. Hier die Villa des extravaganten Engländers auf einem ganz isolirten Vorsprunge und nur per Wasser zu besuchen, dort die Stelle des erst kürzlich versunkenen Hauses, von dessen Versinken man weiter keinen Grund anzugeben weiß, als daß eben der Grund fehlt. Dann folgen die Olivenplantagen in dem Grau-grün unserer heimischen Weiden. Eine abgetragene Alte mit mißtönend summender Spieluhr hatte bei irgend einer Station den Dampfer bestiegen und trippelte brandschatzend umher, während mir der joviale Fabrikant aus Bergamo die Geheimnisse des Comersees mittheilte. Er kannte alle Villenbesitzer und wußte alle Kneipen, erklärte aber, daß er niemals mehr überrascht worden sei, als in Varenna, wo er als Aushängeschild die Worte gefunden: „Al vino cattivo“ (Zum schlechten Wein). Der Wirth habe ihm jedoch, auf seinen erstaunten Ausruf, sehr verschmitzt die Erklärung gegeben, daß, wenn er behaupten würde, guten Wein zu haben, ihn gewiß die ganze Welt schlecht finden würde, wogegen jetzt Jeder beim Kosten ausriefe: „Der ist ja vortrefflich,“ und er auf diese Weise reichlichen Zuspruch habe.

Vorbereitungen zum Mittagsmahl in Porlezza.

Como machte einen lustigen bewegten Eindruck. An dem freien heiteren Hafen war Markt, und das lebhafte Volk wälzte sich herum um den Omnibus, welcher uns durch die Stadt nach der Eisenbahn zu Camerlata führte. Die weiße sonnige Chaussee dorthin ließ uns die ganze Freude südlichen Staubes genießen, in welchem, gleich Phantomen, einzelne Gestalten umherirrten, die den Koth der Pferde so eifrig sammelten und sich gegenseitig streitig machten, als ob es die glänzendsten Perlen auf Meeresgrund gewesen wären.

Mailand wird binnen Kurzem eine moderne Stadt sein, denn man steht im Begriff, die alten rumpeligen Bauten, welche einen Charakter verleihen, abzureißen und großartige Viertel entstehen zu lassen. Der Dom, dieses Meisterwerk der Architektur, den man jetzt fast nur aus der Froschperspective betrachten kann, wird dadurch allerdings frei gelegt – aber Mailand wird seine Eigenthümlichkeiten nur stückweise und versteckt aufbewahren. Hitze lag in den Straßen, als wir in die kühlen Räume des Theaters „della Scala“ stiegen, um am hellen Mittag einmal die sechs Logenreihen ohne die viertausend Zuschauer zu sehen, die darin Platz haben.

Brera, Municipium, Arena, Arco della pace, Terracotta-Fabrik – jedes war vortrefflich, groß, erhaben, aber schließlich wurde man der auf Accord arbeitende Tagelöhner. Geistig übersättigt und auch hinlänglich angestrengt durch das lucullische Mal im Hotel de la ville, fühlten wir uns so eigentlich wieder ganz Menschen vor einem der Cafés auf der Piazza della Scala. Hier genoß ich wieder ganz den Zauber südlichen Lebens. Die laue Nacht, der Sternenhimmel, der Mandolinschläger mit der Arie aus dem „Barbiere“ und der neapolitanischen „Barcarole“, dazwischen [525] der Ausrufer des „Pungolo“ („Stachel“, eine Zeitung); die lästigen, wie Fliegen zudringlichen Blumenmädchen, die Cigarrenstummelsucher und die rothblusigen Garibaldianer. Alles sitzt oder steht bunt durcheinander, während die schrille Stimme der Kellner in das Local hineinruft: una, due, tre tazze etc. – Es war ein lebendiges Bild, würdig des Abschlusses mit Mailand!

Markt in Lugano.

Unser Wagen wartete bereits am Morgen der Abreise, als ich noch schnell die dem Hotel gegenüberliegende Kirche San Carlo Borromeo besuchte, und ich erwähne dieselbe nicht etwa ihrer Architectur, sondern ihres Patrons wegen. Besagter Herr steht nämlich als lebensgroßes plastisches und bemaltes Brustbild auf einem Kasten, der die Spenden der Eintretenden aufnimmt, und sieht mit zwar freundlichem, doch scharfem Blick auf die Hand des Opferers. Nicht nur als unerwartet machte der so dem Leben wiedergegebene Heilige auf mich die unheimlichste Wirkung, sondern er erregte auch ein Gefühl des Widerwillens bei jeder abermaligen Betrachtung, und noch heute werde ich den Eindruck jenes Kopfes nicht los.

Unechter Garibaldianer und amerikanischer „Reverend“ am Lago maggiore.

Mit einigen Herren, welche, mit den langen Mailänder Cigarren im Munde, turnierenden Rittern ähnlich sahen, fuhren wir zurück nach Camarlata, übernachteten noch einmal in Bellaggio und gondelten am Morgen hinüber nach Menaggio. Auf dem kleinen Marktplatze umstanden uns Pferde, Fischer, Fuhrleute und Esel, und letztere wurden unsere Reisegefährten; nur gelangten sie, auf steileren Seitenwegen, früher zur Höhe der Berge als wir. Zwischen Steinmauern hindurch und unter Kastanien, Nüssen, Wein und Feigen fuhren wir durch das enge schmutzige Städtchen, wahres Steingekrümel, aus dem sich, wie aus Gewohnheit, bettelnde Hände ausstreckten. Es ist die rein mechanische, beim Herannahen eines Fremden unwillkürliche Bewegung, da unmöglich angenommen werden kann, daß der Reisende halten soll, aussteigen und zwei Treppen hinaufkriechen, um ein paar Centesimi los zu werden. Es ist der Ausdruck naivster Unverschämtheit!

Bei Donner, Blitz und Regenguß langten wir gegen Mittag unter der Säulenhalle des Albergo del Lago in Porlezza an, mit welcher Stadt wir das Ufer des Luganer See’s erreicht hatten. Aus der Küche drang uns der eigenthümliche Fettgeruch der italienischen Frittura entgegen und dieser, im Verein mit der dicken, behäbigen Wirthin, den lachenden geplatzten Feigen, den Fischen und den uns umschnurrenden Katzen rief Erinnerungen in mir wach an jene sonnige Zeit, als ich, siebenundzwanzig Jahr alt, den Süden dieses gottgesegneten Landes durchzog. Meine Nase gebot mir übrigens, dem widerlichen Duft bald zu entfliehen; vor dem Hause winkte mir außerdem ein neues Bild, denn das lebhafte Interesse, welches ein wohlhäbiger Geistlicher dem Abschlachten der Fische für die Küche hier widmete, war ganz geeignet, das meine für ihn zu erregen.

Ein junger Garibaldianer von guter Familie, der, des Friedens wegen entlassen, hier mit einigen Gefährten dem Fischfange nachgehen wollte, gab Veranlassung zu politischen Bemerkungen, die nicht allzu sehr den Enthusiasmus bekundeten, den wir bezüglich der Prussiani in Italien zu finden glaubten. Die jungen Leute sprachen unterrichtet und begeistert, ohne in die Rodomontaden auszubrechen, die man wohl öfter zu hören bekommt, und nicht ohne eine scharfe Kritik gingen sie über die Maßregeln der eignen Regierung hinweg. Das gemeinschaftliche Frühstück hatte uns angenehm den Gewitterschauer vorüberziehen lassen, die Zeit der Abfahrt war da und wiederum ging es auf das Dampfboot, welches uns über einen der romantischsten norditalischen Seen nach seiner Mutterstadt Lugano trug.

Wir hielten vor dem stolzen Kloster Santa Maria degli Angeli, die Hausglocke tönte und die dienenden Brüder stürzten herbei. Durch einen großartigen Wirrwarr von Treppen und Gängen wurden wir in die uns bestimmten Zellen geführt, worauf man uns einlud, in das Refectorium zu folgen. So mochte es einst geheißen haben. Jetzt ist die Zeit trivialer und der Prior heißt nun einfach Herr Beha, die dienenden [526] Brüder sind Kellner und die gottgeweihte Stätte trägt, den Anforderungen der Gegenwart gemäß, den Namen „Hotel du Parc“. Nur die zum Kloster gehörige kleine Kirche hat ihren Beruf nicht gewechselt. Die Giebelwand in derselben zeigt eine wunderbare Freske von Luini, in der besonders Zeichnung und Charaktere den Eintretenden überraschen. Es ist eine kolossale, überreiche Composition der Kreuzigung Christi, mit den Jahreszahlen 1530–1534 versehen.

Dem Gasthause gegenüber, unmittelbar am See, erhebt ein „Tell“ drohend den Pfeil, ein Memento mori anderer Art. Die marmorne Statue ist von Bela, einem in jener Gegend sehr bevorzugten Künstler, welcher Eleganz mit tüchtiger Praxis vereint. Lugano selbst, denn unsere Wohnung lag am Ausgange desselben, ist durch seine die Straßen bildenden Arcaden eine höchst malerische Stadt und der hier abgehaltene Markt bot die mannigfaltigsten Bilder. Leider ist auch hier jede Originalität des Costüms untergegangen und nur die Schwarzröcke, theils in Tuch, theils in Borsten, Eins das Andere kaufend, zeichneten sich in dem Gedränge aus, das in der Mitte der Straßen wogte.

Wir verließen Lugano, um die uns gerühmte Villa Ciani zu besuchen. Sie bot allerdings eine herrliche Aussicht auf den ruhigen See, aber die Indiscretion, mit der man die heiligsten Stücke einer Damentoilette auf der Freitreppe zum Trocknen ausgebreitet hatte, führte den schwärmenden Geist in den Schmutz der Realität zurück. – „Feuer regnete vom Olymp herab“, als wir Lugano verließen und auf der weißen blendenden Straße einer ziemlich nachdrücklichen Visitation italienischer Mauthbeamten preisgegeben waren. Nur die etwas gewagte Folgerung, daß, da in dem einen Koffer keine Cigarre, auch in dem anderen keine seien, half uns schneller über den Aufenthalt hinweg. Mit Luvino erreichten wir den gefeierten Lago maggiore. Wie saß es sich schön unter dem Zelte, in der milden balsamischen Seeluft bei den Südfrüchten und dem Feuerweine! Was schoß die Luviner Jugend vor uns in der Sonne für Purzelbäume, um auch von ihrer Seite unsere Stimmung zu heben! Welch’ triumphirendes Finale dieses Actes bildete der quäkende Trompeten-Leierkasten! Und dann – wie gierig eilte Alles herbei und streckte die Hand aus und trug den Eigennutz zur Schau!

Viel Leben war auf dem Dampfschiff, mit dem wir nach kurzem Intermezzo aufbrachen, und wir sahen die grünen Berge und die weißen Städtchen mit ihren Bogengängen auftauchen und verschwinden. So kamen wir nach Intra und nach Pallanza, und da lagen die Inseln, deren Namen fast schon dem Kinde mit einem Hauch von Poesie umgeben waren, die Isola bella und Isola madre.

Isola bella, Schauplatz der Erzählung einer unserer tiefsten und abenteuerlichsten Dichter, ist ein ebenso abenteuerliches Gebilde des Grafen Vitale Borromeo. Ganz in dem barocken Stile seiner Zeit (Ende des siebzehnten Jahrhunderts) ist die kleine Zauberinsel eine Verkörperung der Gärten Armida’s; das einst dem Cupido geweihte Eiland richtete er zu einem Versteck der Schwärmerei und Liebe ein, und der von Rhododendren, Citronen- und Camelienbäumen beschattete Garten, dessen Gänge aus großen, zopfigen Blumen von bunter Mosaik bestehen, heißt noch heute giardino d’amore. Ueppigkeit der Phantasie und der Vegetation paaren sich mit der Verschrobenheit jener ausschweifenden Periode.

Das naturwüchsige Pendant hierzu und die zweite der Inseln ist Isola madre. Sie besuchten wir an dem herrlichen Morgen des 22. August, als der Simplon mit dem Schneehaupte so lustig aus dem dunkelblauen Aether über die Vorberge in den azurnen See blickte. Die Kunst ist hier wenig vertreten, dagegen versetzt uns der Duft einer uns fremden Pflanzenwelt in die ferne Zone der Tropen. Unser Hauptquartier war das Hotel zu Stresa, an dem Ufer des Sees gelegen. Vor demselben rekelten sich die Engländer, während ein amerikanischer Reverend, die Personification klerikaler Stutzerei, gleich einem Pfau umherstolzirte. Jedoch als Ausbund der Lächerlichkeit zeigte sich an der Table d’hote ein Garibaldianer in seiner rother Blouse, mit arbeitsscheuen, aristokratischen Händen und fatiguirtem Gesichtsausdruck, welcher auch jenem überseeischen Volke angehörte und den Krieg als ein einigermaßen aufregendes Vergnügen mitgemacht hatte. Aber selbst die puppenhafteste Staffage konnte den Zauber des Ortes nicht unterdrücken. Nach einigen glücklichen Tagen verließen wir Inseln und Gondeln und bestiegen wieder das große Schiff. Die Gesellschaft glich dem Kehrichthaufen nach einem Festgelage. Brauchbares genug, aber nichts Ganzes. Nur die confiscirte Physiognomie, welche mich umkreiste und mir jetzt einen italienischen, dann einen französischen und deutschen Brocken zuwarf und mir in letzter Sprache eine Fahrgelegenheit anbot – schien Beides in sich zu vereinigen. Wir unterzeichneten einen Contract, welcher auf den ominösen Namen Maddalena Meschino lautete und der Alles versprach und schließlich – wenig hielt. Man muß sich vor solchen vagabundirenden Unterhändlern gerade in Italien und der Schweiz besonders hüten, da sie sich durch ihr bestechendes Aushängeschild noch einer ganz speciellen Contravention schuldig machen; sie nennen sich „Post“, ohne dazu berechtigt zu sein.

Gegen Mittag gelangten wir nach Magadino und bald hatten wir die letzten lombardischen Grenzposten erreicht. Wir waren nun wieder auf schweizerischem Gebiet, aber immer noch winkten uns die unzähligen Schilder entgegen mit „si alloggia bene nel albergo di …“ oder „vino e birra etc. etc.“ Wahres Gerümpel kleiner Ortschaften, die für unsern großen Reisewagen kaum passirbar schienen, lagen, wie deren Bewohner, auf dem sonnigen Grase, und unter goldig-grünen Rebengehängen wälzten sich die schwarzäugigen Kinder auf Mist und starrten mit offenen Mäulern die Fremden an. Selbst der alte arbeitsame Schmied hebt den wuchtigen Hammer vorläufig nicht wieder, sondern nickt erst dem Vetturino zu und wartet, bis der Wagen wieder auf der durchglühten Chaussee ist, über der die Sonne so senkrecht steht, daß der geringe Schatten der Gegenstände kaum aus deren Basis herauskriecht. Ausgedörrt an Leib und Seele kamen wir nach Bellinzona, über welches hinweg uns die drei mächtigen Burgen, einst drohende Vesten schweizerischer Landvögte, entgegenstarrten.




Blätter und Blüthen.


Ein seltenes Zwillings-Paar. (Keine Erfindung.) Als ich im Jahre 1849 als avancementslustiger, einjährig gedienter Unterofficier mit der Berliner Landwehr gen Baden marschirte, aber aus verschiedenen nicht ganz militärischen Gründen nicht hinkam, bezog ich einst mit einem Detachement von zwölf Mann auf dem vom Dorfe isolirt belegenen Gute eines reichen Bauern in der Nähe von Iserlohn Quartier. Der Eigenthümer – triviales Spiel des Zufalls – hieß Schultze und war in allen seinen Manieren und Handlungen ein Westphale von echtem Schrot und Korn. Als er uns anmarschiren sah, kam er uns an der Spitze von Knechten und Mägden entgegen, schüttelte treuherzig erst mir, dann jedem Manne und dann nochmals mir die Hand, und obgleich wir nur noch höchstens zweihundert Schritte bis zum Gehöft hatten, so litt er doch nicht, daß wir unsere Tornister und Gewehre weiter trugen. Wir mußten Alles seinen Leuten übergeben, und dann führte er uns unter der wiederholten Versicherung, daß wir es bei ihm gut haben sollten, in sein Haus. Und er hat Wort gehalten, der brave Mann.

Ein großes hallenartiges Gemach mit zwölf Betten stand für die Soldaten, für mich ein fast elegant möblirtes Zimmer bereit. Keiner von uns durfte sich selbst bedienen; Knechte und Mägde holten Wasser, reinigten Zimmer, Kleider und Stiefel, machten die Betten, kurz, wir lebten, als hätte er Jeden einzeln bei sich zu Gaste geladen. Obgleich unser braver Wirth stets bei unsern Mahlzeiten zugegen war und, wie ein Feldherr in der Schlacht, uns unablässig zu neuem Einhauen anfeuerte und mit freudestrahlenden Augen unsere Heldenthaten betrachtete, durch die wir Berge und Schanzen von denkbar delicieusestem Schinken und Pumpernickel erstürmten und Bäche und Ströme von vorzüglichstem Schnaps, Bier und Wein auszutrocknen versuchten, so waren wir doch nie im Stande, das vorhandene Material zu bewältigen. Jedem braven Soldaten will ich einen solchen Quartiergeber wünschen! Mir ist seines Gleichen nicht wieder vorgekommen.

Vor dem Hause, die Fenster meines Zimmers beschattend, stand die schönste Linde, die ich je gesehen. Schon von Weitem war sie mir und selbst meinen Leuten durch ihre Größe, Form und Blätterpracht aufgefallen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an diesem Ideal einer Linde. Als ich am ersten Tage gegen Abend an mein Fenster trat, saß der Bauer vor der Thür und schaute mit unbeschreiblichem Wohlgefallen in das mächtig über ihm sich wölbende Blätterdach. Ich ging hinaus, setzte mich zu ihm und sprach ihm meine Bewunderung des herrlichen Baumes aus. Sein Gesicht verklärte sich noch mehr, er sah mich freudig an, nickte mehrmals mit dem Kopf und sagte dann mit tiefgemüthvollem Tone:

„Ja, ja, Herr Unterofficier, das ist auch mein Stolz und meine Freude! So ein feiner Stadtherr, wie Ihr, der kann sich vielleicht kaum denken, daß ein schlichter, roher Bauer einen Baum so lieben kann, wie Weib und Kinder, Gott verzeihe mir die Sünde! Aber seht, Herr, das hat so seine eigene Bewandtniß mit mir und dieser Linde. Mein Vater war in Berlin geboren, hatte die Landwirthschaft erlernt und stand als Inspector im Dienste des benachbarten Grafen; bei einer Kirmeßfeier lernte [527] er meine Mutter, die einzige Tochter ihrer Eltern, kennen. Sie gefielen sich, die Alten sagten Ja, bald war die Hochzeit und am 1. Januar 1800, als die alte Uhr da drinnen eben mit dem letzten Glockenschlage den Ablauf des Jahres 1799 verkündet hatte, wurde ich geboren, das erste und einzige Kind meiner Eltern. Als mein Vater mich tüchtig abgeküßt und dann der Mutter zurückgegeben hatte, sah er beim Scheine der Lampe unter dem Bette ein grünes Hälmchen stehen. Es war ein ganz junger Keim, der während der Nacht aus einem Lindenkern in der Dielenritze emporgeschossen sein mußte, denn noch Tags zuvor war das Zimmer gekehrt worden. ‚Sieh, Frau, wir haben Zwillinge bekommen!‘ sagte mein Vater, hob das Keimchen sorgsam aus der Dielenritze heraus, zeigte es meiner Mutter, pflanzte es in einen Blumentopf und, als das Frühjahr kam, in den Garten. Ich gedieh und das Bäumchen gedieh. Schlank wie eine Tanne schoß es empor, und als es in’s sechste Jahr ging, mußte ich es, natürlich mit Hülfe meines Vaters, an seine jetzige Stelle pflanzen. Da ist es denn gediehen, wie kein anderer Baum weit und breit umher. Ich liebte den Baum wie meinen Bruder und habe die größte Zeit meines Lebens unter seinem Dache verlebt. Alle Leute rings im Lande wissen das, nannten uns die Zwillinge und das Gut den Zwillingshof!

Als ich zwanzig Jahr geworden, mußte ich Soldat werden und wurde zur Garde in Berlin geschrieben. Was soll ich Ihnen sagen? So lieb ich die Eltern hatte, der Abschied von der Linde wurde mir schwerer, als der von ihnen. Und wie hab’ ich mich während der drei langen, langen Jahre nach dem Baum gesehnt und gebangt! Und als ich ihn endlich wiedersah, da – ich kann Ihnen die Freude nicht beschreiben – und doch erkannte ich ihn kaum wieder, solch’ ein Riese war er geworden. Bald darauf lernte ich ein hübsches Mädchen kennen. Wir waren uns gut und wollten ein Paar werden, die Alten hatten nichts dagegen und so wäre Alles ganz gut gegangen, aber da war ein junger Bauer unten im Dorfe, der Stolthäuser, der hatte ihr schon immer nachgestellt und als er sah, daß ihm das nichts half, da schwur er mir Rache. Nachts darauf hörte ich das Geräusch einer Säge vor dem Hause. Nichts Gutes ahnend ergreife ich ein tüchtiges Scheit Holz, renne hinaus und finde drei Kerle, die eben dabei sind meine Linde dicht über der Wurzel abzusägen. Das fuhr mir wie Blei in die Glieder! Ich stand wie fest gewachsen und ließ das Scheit fallen.

Als die Schurken das Geräusch hörten, sprangen sie nach allen Seiten davon. Jetzt kam ich zur Besinnung und rannte dem Einen – es war der Bube, der Stolthäuser – bis zum Dorfe nach, aber er hatte einen zu großen Vorsprung, und sobald er das Dorf erreicht hatte, war er auch verschwunden.

Ich eilte nun zu meinem Baume zurück. Fast bis zur Hälfte war der Stamm durchschnitten! Seht, Herr, da meinte ich, das Herz müßte mir brechen! Ich warf mich in’s Gras und weinte wie ein Kind. Wie lange ich so gelegen, weiß ich nicht. Endlich stand ich auf, reinigte die Wunde so gut es ging, verklebte sie ringsum mit Baumwachs und deckte dann darüber Erde. Alles das geschah wie im Traume, als wenn mir alle Knochen mit Blei ausgegossen gewesen wären. Am schwersten aber war mir der Kopf, ich mußte mich wieder zu Bette legen und schlief gleich ein. Als ich erwachte, waren – volle drei Monate vergangen! Ich hatte das hitzige Nervenfieber gehabt und in den schrecklichsten Fieberphantasien gelegen. Was soll ich Euch weiter sagen, Herr? Drei Jahre lang krankte der Baum. Die Zweige starben nicht ab, aber besonders auf der Seite nach dem Hause zu, wo die Wunde saß, trieben sie nur spärliche, kleine, gelbliche Blätter. Jedesmal, wenn der Frühling nahte, fürchteten wir, er werde abgestorben sein. Und wie der Baum, so ich. Ich blieb schwach und siech und es war kein Zweifel, wenn der Baum starb, so war’s auch mit mir vorbei.

Ich war stumpf gegen Alles. Es machte mir fast gar keinen Schmerz, als ich hörte, mein Mädchen habe schon während meiner schweren Krankheit erklärt, sie wolle keinen Verzauberten zum Manne haben. Und, als sie sich bald darauf von dem schlechten Kerl, dem Stolthäuser, heimführen ließ, da dankte ich Gott, daß er mich vor solcher Frau bewahrt hatte. Es war auch kein Segen in ihrem Hause. Sie erlitten große Verluste an ihrem schönen Eigenthum. Ihr reicher Kindersegen ward zum Fluch, denn Alle mißriethen. Die Dirnen sind leichtfertig, die Jungen liederlich. Als die Alten starben, theilten sie die Erbschaft, verthaten sie sinnlos und gingen dann in alle Welt. Nur der Aelteste, der bei der Theilung das Meiste und den Hof erhielt, blieb hier. Er ist fleißig, das ist wahr, und hat es wieder zu Etwas gebracht, aber ist er auch nicht gerade ein Verbrecher, ein schlechter Kerl ist er doch, und – Gott führt seine Geschöpfe wunderlich – denkt Euch nur, er läuft meiner Else nach und hat um sie geworben. Aber das Mädel mag den gift’gen Kerl nicht ausstehen und ich – ich gäbe sie ihm nicht und wenn sie ihn noch so gern möchte! Doch, ich wollte Euch ja von meiner Linde erzählen. Endlich, im vierten Jahre nach jener Nacht, trieb der Baum wieder schöne, kräftige Blätter, und von da ab wurde es auch mit mir besser. Seitdem ist er wie ein Segen Gottes gediehen. Von weit und breit kommen die Leute, um den herrlichen Zwilling am Zwillingshof zu sehen, der seinem Bruder so sehr über den Kopf gewachsen ist. Auch in dem Hause, das er so riesig überragt und prächtig beschattet, war Segen. Ich führte ein braves Weib heim, und wenn sie mir auch nur ein Kind, die Else, gebar, so ist die doch so lieb und wohl gerathen, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, wie mehr Kinder mich glücklicher machen könnten. Freilich hatte ich mir früher immer einen tüchtigen Stammhalter gewünscht; na, der liebe Gott hat’s nicht gewollt, da muß der Mensch sich fügen. Und am Ende, was heißt ‚Stammhalter‘? Mein Name ist ja doch unsterblich. Denn daß die Schultze’s aussterben werden, das wird doch wohl Niemand behaupten wollen! Wer meine Else haben will, der muß in’s Haus ziehen und wie ein braver Sohn mir den Hof abnehmen. Dann denke ich noch manchen glücklichen Abend unter meinem lieben Zwillingsbruder zu verleben, und nur der Gedanke schmerzt mich, daß ich einst nicht meine letzte Ruhestätte unter seinem Dache finden kann. Seht, Herr, so ein Baum, der kann noch zwanzig Generationen beschatten und ich hoffe, er wird es, aber ich, das ist kein Zweifel, ich müßte auf der Stelle sterben, wenn der Baum umgehauen würde. Der Mensch soll nicht an Zauberei glauben, doch hier, hier ist so was im Spiele! Nun, wie Gott will. Er sieht und lenkt alle Dinge, er muß auch wissen, wozu er dies gethan!“

Die einfache und doch so verständige Erzählung des Bauern, verbunden mit dem gemüthvollen Ton seiner Stimme, machte auf mich einen tiefen Eindruck. Wir verstanden uns und wurden gute Freunde. Auch die Bäuerin, eine stille, sanfte, schmucke Frau, gewann mich lieb, noch lieber aber die schöne Else. Jetzt noch, nach achtzehn Jahren, wird es mir schwer, davon zu schreiben, und da es nur zum Theile hierher gehört, so sei es möglichst kurz.

Das Mädchen war weit über ihren Stand gebildet. Wir liebten uns unaussprechlich. Die Eltern willigten mit Freuden ein. Sobald ich vom Militär frei käme, sollte ich zu ihnen ziehen, die schöne Else heirathen und den Zwillingshof verwalten, welcher in Rücksicht auf sein schönes Gestüt, seine prachtvollen Heerden und ausgedehnten Ländereien weit eher in die Kategorie der Rittergüter als der Bauernhöfe gehörte.

Zwölf Tage lagen wir dort in Quartier wie im Paradiese, da kam Marschordre. Es war Sonntag und Kirmeß im Dorfe. Wir waren Alle zugegen. Der Bauer Stolthäuser, der meiner Else nachstellte und schon wiederholt versucht hatte, sich an mich zu reiben, war auch dort. Er suchte offenbar Streit mit mir; ich ließ mich aber darauf nicht ein, und da er es immer weiter trieb, ich auch die Geduld zu verlieren fürchtete, so brachen wir auf, um nach Hause zu gehen. Kaum jedoch waren wir hundert Schritte gegangen, als er uns einholte, ohne Weiteres über mich herfiel und mir mit einem Messer mehrere nicht unbedeutende Wunden beibrachte. Ich streckte ihn mit einem wohlgezielten Faustschlag besinnungslos zu Boden. –

Der Zwillingsbauer war außer sich vor Entrüstung. Trotz meiner dringenden Abmahnungen ließ er Stolthäuser festnehmen und dem Gerichte überliefern, welches ihn unter Annahme mildernder Umstände zu achtmonatlichem Gefängniß verurtheilte. Als er nach demselben abgeführt wurde, schwur er dem Bauer und Allem, was diesem lieb war, den Untergang.

Zehn Monate später, als ich mich mit meinem Bataillon auf dem Rückmarsch nach Berlin befand, schrieb mir Else, Stolthäuser sei, nachdem er seine Gefängnißstrafe abgebüßt, in das Dorf zurückgekehrt. Sie bat mich dringend, recht bald zu kommen, denn sie habe eine unerklärliche und unüberwindliche Herzensangst. Da unser Bataillon in den nächsten Tagen ausgekleidet werden sollte, so war an einen Urlaub nicht zu denken, und obgleich eine trübe Ahnung sich auch meiner bemächtigte, so blieb nur doch nichts übrig, als geduldig zu warten. Zwei Tage darauf meldete mir meine Braut, Stolthäuser habe seinen Hof verkauft und das Dorf verlassen, sie aber könne einer erdrückenden Angst dennoch nicht Herr werden. Alle meine Bemühungen, die wenigen Tage früher entlassen oder doch beurlaubt zu werden, blieben ohne Erfolg. Inzwischen waren wieder acht Tage vergangen. Wir sollten am nächsten Mittag in Königs-Wusterhausen eintreffen; da brachte mir ein Brief Else’s die traurige Bestätigung der Richtigkeit unserer bösen Ahnungen. Als eines Morgens der Bauer vor die Thüre getreten, hatte er den Stamm seines Zwillings in einer Breite von nahezu vier Fuß gänzlich von Rinde entblößt und über die Hälfte mit einer Säge durchschnitten gefunden. Bei diesem Anblick war der starke Mann vom Schlage getroffen zu Boden gestürzt. Gegen Mittag hatte sich ein heftiger Wind erhoben, der, immer stärker wehend, sich in den Baum fing und ihn mit furchtbarem Gekrache niederbrach. Der Bauer, welcher bis dahin regungslos auf seinem Lager gelegen, richtete sich bei dem Krachen empor, breitete die Arme aus, bewegte den Mund, als wolle er sprechen, sank aber, ohne einen Laut von sich zu geben, zurück und – war todt.




Gute Landkarten gehören heutzutage zum täglichen Brod der Bildung, und unsere Geo- und Kartographen lassen im Verein mit dem Buchhandel es sich eine Ehrensache sein, dem Volke Gutes zu bieten. Die geographischen Institute in Weimar, Gotha und Hildburghausen sind noch in gedeihlicher Thätigkeit, während in Berlin der Verlag von Dietrich Reimer mit einer ganzen Reihe größerer und für das Zeitbedürfniß geschickt gewählter Wand-, Hand-, Special-, Reise-, Eisenbahn- und Sprachkarten von trefflicher Zeichnung und geschmackvoller Ausstattung neuerdings den Markt besetzt. Wenn Herr Reimer in der correcten und schönen Ausstattung seiner Karten in der bisherigen Weise fortfährt, so wird er bald die bereits erreichten Leistungen des Perthes’schen Instituts noch überholt haben. Seine große Wandkarte von Deutschland in seiner dermaligen politischen Gestaltung zum Schul- und Comptoirgebrauch ist wirklich ein Wandschmuck, von H. Kiepert entworfen, von zweckentsprechender Auswahl der Orte, deutlicher Schrift und gutem sorgfältigem Colorit. Dasselbe gilt von Kiepert’s Specialkarte von West-Deutschland (Maßstab 1:666,666) und der Reisekarte „vom Rhein bis Paris“. Die von Carl Zimmermann entworfene Eisenbahnkarte bringt das große mitteleuropäische Schienensystem bis zu den jüngsten Bauten, und ebenso correct ist die Karte vom Preußischen Staate mit besonderer Berücksichtigung der Communicationen vom Technischen Eisenbahnbüreau des Handelsministeriums bearbeitet. Der Reimer’sche Karten-Verlag verdient demnach die volle Beachtung des Publicums.




Peter, mein Rabe. Ein Beitrag zu der Frage: „Handeln die Thiere nur mit Instinct, oder auch mit Ueberlegung?“ Ich lebte längere Zeit auf einer Besitzung des Barons *, unweit Riga. Ein Bauernjunge, der mir schon öfter Vögel, junge Eichhörnchen und andere Thiere zugeführt hatte, brachte mir eines Tages einen Raben, der so arg zerzaust war, daß er sich kaum bewegen konnte. Der Junge hatte ihn im Walde gefunden. Ich nahm ihn auf mein Zimmer und pflegte ihn, so gut es nur gehen wollte. Bald erholte er sich und stolzirte neben mir, wenn ich im Zimmer auf und ab ging, und als seine gelähmten Flügel die alte Spannkraft wieder gewonnen, flog er aus in’s Freie, erst in kleineren, dann in größeren Strecken, [528] doch kehrte er stets nach dem Hause zurück, in welchem man ihm eine so gute Pflege hatte zu Theil werden lassen. Er zählte bald zum Hausbestande, hörte und antwortete durch ein kurzes Krächzen auf den Namen Peter und lebte in unbeschränkter Freiheit, kam und ging, wann und wohin es ihm beliebte. Machten wir einen Ritt in die Umgegend, so war er stets unser Begleiter; fuhren wir, so umkreiste er den Wagen, flog voraus, kam zurück und setzte sich abwechselnd auf den Bock zum Kutscher, dessen blanke Rockknöpfe untersuchend, oder er ließ sich auf den Rücken eines Pferdes nieder und beschäftigte sich mit den Silberbeschlägen des Geschirrs. Für blanke Gegenstände hatte er eine unüberwindliche Leidenschaft. Mit einem Geldstück konnte man ihn locken, wohin man ihn nur haben wollte. Für mich schien er eine besondere Anhänglichkeit bewahrt zu haben; er machte mir häufig Besuche, und waren die Fenster meines Zimmers geschlossen, so pochte er an die Scheiben, bis ich ihm öffnete. Dann war es oft lustig, zu beobachten, welche Manöver er ausführte, um hinter meinem Rücken irgend etwas Blankes zu erreichen. So lange ich dicht bei ihm war und ihn im Auge behielt, war er die Tugend selbst, und die beweglichen Blicke, mit denen er jede Wendung meines Gesichts verfolgte, waren oft in hohem Grade ergötzlich.

Als ich einmal in mein Zimmer trat, welches ich vor kaum einer Minute verlassen hatte, sah ich den schwarzen Gesellen von meinem Schreibtisch, der dicht am Fenster stand, schnell davonfliegen. Diese eilige Flucht war verdächtig. Ich hatte Geld, in kleinen und großen Silberstücken, auf den Tisch gelegt, ohne an das offene Fenster und den diebischen Peter zu denken; beim Nachzählen entdeckte ich denn auch, daß bereits über fünf Rubel von der Summe fehlten. Ich suchte im Zimmer umher, fand aber nichts, und doch war es unmöglich, daß er in so kurzer Zeit das Gestohlene nach einem entfernt liegenden Versteck gebracht haben konnte. Aber wo war das Versteck? Um dieses zu ermitteln, mußte ich ihn nothwendig noch mehr von dem Gelde stehlen lassen. Peter saß auf einem nahestehenden Baume und blinzelte nach meinem Zimmer. Ich ließ das Geld liegen und versteckte mich, Fenster und Tisch im Auge behaltend. Es dauerte nicht lange, so war er da, blieb eine Weile im Fenster und kam dann vorsichtigen Schrittes auf den Tisch, nahm eilig ein Geldstück, ging damit zum Fenster, legte es nieder und kehrte zurück. Nachdem er das zweimal wiederholt, sprang ich hinzu, untersuchte das Fenster und fand außerhalb auf einem Mauervorsprung das Gestohlene in einer langen Reihe sorgsam niedergelegt. Er hatte offenbar erst so viel als möglich aus dem Zimmer schaffen wollen, um dann ungestört den ganzen Schatz nach einem sicheren Versteck bringen zu können.

Von allen Bewohnern des Hauses begegnete ihm keiner so unfreundlich, wie die Gouvernante, eine Französin. Sie stand mit dem schwarzen Gesellen immer auf feindlichem Fuße und schlug nach ihm, sobald er es wagte, in ihre Nähe zu kommen. Die heftige Französin sollte aber bald erfahren, was es heißt, einen Raben zu beleidigen.

Wir wandelten eines Nachmittags am Ufer eines Waldsees umher, und der schwarze Bursche war wie gewöhnlich in unserer Nähe. Die Gesellschaft hatte sich in verschiedene Gruppen getheilt; die Französin stand unweit des Wassers mit einer Freundin in sehr eifrigem Gespräch. Schon seit einigen Minuten war mir das Benehmen Peter’s aufgefallen; er hatte sich mehrere Mal vorsichtig der Gouvernante genähert, und ich kannte seine Manieren zu genau, um nicht vorauszusehen, daß er hier eine Spitzbüberei auszuführen beabsichtige. Meine Neugierde war groß und ich ließ ihn gewähren. Die Gouvernante hatte keine Ahnung von seiner Nähe.

Plötzlich ging er nach dem Wasser und machte in einer seichten Stelle sein ganzes Gefieder naß, reckte darauf einige Mal seinen Kopf empor und lief dann pfeilschnell auf die Gouvernante zu, beugte sich behutsam, um den Saum ihres aufgeschürzten Kleides nicht zu berühren, sprang auf ihren Fuß, die zierliche Form desselben nicht beachtend, und schüttelte sein nasses Gefieder gehörig ab. Die Gouvernante fiel mit einem Schrei des Schreckens ihrer Freundin in die Arme, und mein Peter machte sich davon. Ob er auch mit dem Schnabel nach dem schönen Fuß gepickt, ist mir unbekannt geblieben.

Noch eines Stückchens will ich erwähnen, welches zwar nicht für die besondere Ueberlegungsgabe des Thieres zeugt, das aber seiner Komik wegen Manchem interessant sein dürfte.

Wir hatten uns Alle zum Thee versammelt, der an schönen Sommertagen immer auf der Terrasse eingenommen wurde. Zu dem mannigfachen Backwerk, das stets zum Thee gereicht wurde, gehörten auch kleine, zusammengelegte Butterbrödchen, etwa von der Größe und Dicke eines Thalers. Diese fehlten heute, und nur der leere Teller stand auf dem üblichen Platz. Die Baronin fragte, doch der Diener behauptete, den Teller hochbelegt auf den Tisch gesetzt zu haben. Es wurde Ersatz gebracht und die Sache hatte damit ihr Bewenden. – Der Baron, ein ruhiger, behäbiger Mann, saß an einem Ende der Terrasse auf einer Bank und las die neuesten politischen Nachrichten. Als er geendet, faltete er die Zeitungen zusammen und wollte damit in die Seitentaschen seines bequemen Hausrockes, fuhr jedoch schnell und erschrocken mit den Händen zurück und fand bei einer näheren Untersuchung beide Taschen mit den so geheimnißvoll verschwundenen Butterbrödchen gefüllt. Das allgemeine Erstaunen war im Augenblick eben so komisch wie gerechtfertigt, löste sich aber sofort in große Heiterkeit auf, als ich bemerkte, daß Niemand anders diese That vollbracht haben könne, als Peter. Und so war es denn auch. Ein Beamter des Hauses hatte von einem Fenster aus die ganze Durchführung dieses Schelmenstreichs mit angesehen. Die offenen Taschen in den Rockschößen, die, über die Rückseite der Bank gelegt, fast bis zur Erde gereicht hatten, waren gar zu verlockend für Peter gewesen.
K. A.




Nicht Künstler, sondern Municipalrath. Im Pariser Stadthause befindet sich ein Saal, der mit prachtvollen Fresken von der Hand Eugen Delacroix’ geschmückt ist. Delacroix war Mitglied des Municipalrathes von Paris. Als nun vor Kurzem mehrere zur Ausstellung nach Paris gekommene Fremde die schönen Säle des Hotel de Ville besichtigten, frug eine der bei der Gesellschaft befindlichen Damen im Friedenssaal den Huissier, welcher den Cicerone spielte, wie der Künstler heiße, der die Frescomalereien ausgeführt habe.

„Madame, das ist kein Künstler, sondern ein Municipalrath!“ entgegnete mit strenger Miene der Huissier.




Erklärung. In Nr. 26 Ihrer Zeitschrift bringen Sie Auszug einer Analyse meiner Stollwerck’schen Brust-Bonbons des Dr. Wittstein in München, welche aller Wahrheit und allem Rechte buchstäblich widerstrebt. Jene Behauptungen habe ich auf das Thatsächlichste in allen Theilen widerlegt und mich zur Zahlung von „eintausend Thaler Pr. Crt.“ an die Armen Münchens bereit erklärt, wenn der Verfasser seine Aussagen aufrecht erhalten könne. Bei der anerkannten ehrenwerthen Haltung Ihres Blattes halte es für Ihre Pflicht, die Hand zur völligen Aufklärung Ihrer Leser in dieser Angelegenheit zu bieten, weshalb ich kein Fehlgesuch zu thun glaube, indem ich die Aufnahme dieser Zeilen erbitte.
Franz Stollwerck.




Kleiner Briefkasten.


C. H. in New-York. Man hat hie und da aus Gefälligkeit gegen die Augen neue orthographische Ausnahmen gestattet; die Regel selbst bleibt deshalb nach wie vor richtig. Sie können also so gut bei „Seeen“ bleiben, wie Andere bei „Knieen“, und bei „Schifffahrt“, wie Andere bei „Stillleben“, „Sperrrad“, „Brennnessel“.

K. L. in L. Von dem Arnoldi’schen Obstcabinet wird vom 1. October d. J. ab eine Lieferungsausgabe à 21/3 Thlr. (die Lieferung sechs Früchte mit Beschreibung enthaltend) ausgegeben werden. Den Debit dieser werthvollen Sammlung (siehe Gartenlaube, Nr. 18, Immerfrisches Obst) besorgen die Buchhandlungen von Thienemann in Gotha, Hoffmann in Weimar und Eupel in Sondershausen.

F. in Stolpmünde. Gold-Else von E. Marlitt ist, wie bereits früher erwähnt, durch jede Buchhandlung zu dem Preise von 1 Thlr. 21 Ngr. zu beziehen.




Lugau!

Trotzdem wir seitens der Redaction keine Aufforderung zu directen Einsendungen von Gaben für die Hinterbliebenen der armen Opfer des Lugauer „Unglücksschachtes“ ausgesprochen haben, beehren dennoch unsere Leser von allen Seiten uns mit dem Vertrauen, die Ueberbringer ihrer Spenden an das Hülfscomité in Lugau zu sein. Wir übernehmen sehr gern dieses Ehrenamt, halten uns dafür aber auch verpflichtet, von dem genannten Hülfscomité uns gefällige und öffentlichen Gerüchten gegenüber beruhigende Auskunft über die bisher befolgte und für die Zukunft beplante Verwendungsweise der Unterstützungssummen zu erbitten und diese unserem großen Leserkreise mitzutheilen. Einstweilen geben wir den Aeußerungen der Geber, welche mit den Gaben zu uns gelangt sind, in nachstehender Quittung Raum, können aber die Bemerkung nicht unterlassen, daß, wenn es wahr ist, daß bis jetzt die Summe von sechszig Tausend Thalern eingegangen ist, von den Zinsen dieses Capitals wohl jede der vierundvierzig Wittwen wöchentlich 1 Thlr. 10 Sgr. erhalten kann, – was bleibt aber für die hundert Waisen?

Für die Hinterlassenen der verschütteten Lugauer gingen ein: Von Mitgliedern der Grundschützen und Privatleuten in Guben 6 Thlr.; Verein für Gartenbau in Coburg 1 Thlr.; von den Arbeitern der Baumwollweberei in Zöschlingsweiler in Baiern 32 Thlr. Ein Bravo diesen wackeren Cameraden! G. C. u. Comp. in Frankfurt a. M. 20 Thlr.; von den Mitgliedern der Gesellschaft Bürgerverein in Lützen 23 Thlr.; D. D. in Melle 3 Thlr.; A. G. aus Bernburg 1 Thlr.; N. N. in Lissa 2 Thlr.; Sammlung beim Schützenschießen in Culmbach, übersandt durch Buchhändler Blumröder 18 Thlr. 7 Ngr. 5 Pfg.; von einem Kinde, welches in Folge eines Sturzes lebensgefährlich darniederlag und jetzt seiner Genesung entgegengeht (durch Kirchenrath Müller in Meiningen) 1 Thlr.; Ertrag einer Stadtcollecte in Ohrdruff, übersandt durch Dr. Krügelstein 68 Thlr.; aus der Deyl’schen Abendgesellschaft in Braunschweig 10 Thlr. Es heißt in dem Briefe: „Es ist übrigens nicht allein Ansicht der genannten Abendgesellschaft, welcher auch ehemalige Gruben-Directoren aus Westphalen angehören, sondern des gesammten hiesigen Publicums, daß die eingehenden Gelder zur sofortigen ersten Hülfe an die betreffenden Personen in gehöriger Weise vertheilt werden müßten, die Lugauer Bergwerksgesellschaft dagegen vom Staate gezwungen werden müsse, die Kosten für die fernere Ernährung der Familien der Verschütteten zu tragen. In Preußen, wo die Bergwerksarbeiten von Staatsbeamten überwacht werden, ist ein solches Unglück schwerer möglich.“ Erste, vierte, fünfte, sechste und siebente Classe der Töchterschule in Köthen und Lehrer Fitze 15 Thlr. 5 Ngr.; Sammlung der Bäcker-Innung in Dresden, durch den Oberältesten Jentzsch 25 Thlr. 2 Ngr. 5 Pfg.; ein Mädchen am Rhein 1 Thlr.; C. Erdmann in Châtelet (Belgien) 10 fl.; bei der Einweihung des Eiskellers der Schreyer’schen Bierbrauerei in Bernburg 11 Thlr.; Sammlung in einem geselligen Kreise in Buckau, übersandt durch Bürgermeister Thieme mit dem Motto: „Gedenke auch im Kreise der Geselligkeit der Unglücklichen“ 40 Thlr.; Sammlung des Credit-Cassen-Vereins in Forst 51 Thlr. 22 Ngr. 5 Pfg.; vom Musikcorps des königl. preußischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 11 und der Civil-Capelle zu Cassel, Ertrag eines Concerts im Schaub’schen Garten 170 Thlr.; von der Redaction des Casseler Tageblattes 8 Thlr.

Summa 511 Thlr. 29 Sgr.
Die Redaction der Gartenlaube.




Inhalt: Das Geheimniß der alten Mamsell. Von E. Marlitt. (Fortsetzung.) – Eine schlesische Möveninsel. Mit Abbildung. – Die National-Tabakspfeife. I. Mit Abbildungen. – Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege. Nr. 8. Marizko die Slovakin. – Diesseits und Jenseits der Alpen. Illustrirte Erinnerungen von L. Löffler. II. Mit Abbildungen. – Blätter und Blüthen: Ein seltenes Zwillings-Paar. – Gute Landkarten. – Peter, mein Rabe. – Nicht Künstler, sondern Municipalrath. – Erklärung. – Kleiner Briefkasten. – Lugau.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)