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Die Gartenlaube (1867)/Heft 15

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[225]

No. 15.   1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.      Vierteljährlich 15 Ngr.      Monatshefte à 5 Ngr.


Die Herrin von Dernot.
Von Edmund Hoefer.
(Fortsetzung.)


Der Weg, der sich bisher immer im Thale fortgezogen, wand sich jetzt eine leichte Höhe hinan, welche dennoch weit genug emporragte, um der rastenden kleinen Gesellschaft – Eugenie und Joseph, die den Vorausschreitenden nachgeschlendert waren, standen nun gleichfalls bei ihnen droben – eine freiere Aussicht über die Reviere, hier in den Hintergrund des sich immer mehr verengernden Thals, und dort auf die hügelige Gegend zu erlauben, durch welche die Wanderer damals ihrem Reiseziel entgegengezogen waren. Es war wiederum ein reizendes Bild. Dernot’s von der Sonne überstrahlter Bau schaute ernst, fast trotzig, von seiner Höhe herunter; drüben sah man den Hügelrücken, hinter dem die Mühle liegen mußte, und noch weiterhin erkannten Eugeniens helle Augen in dem leisen Duft, der die Ferne erfüllte, die hervorragende Kuppe und die ihre ganze Umgebung überragende alte Eiche des Vorbühl.

Da sie so standen und schauten und Leopold ihnen diesen und jenen Punkt der Gegend nannte, richtete sich Joseph’s Neufoundländer wieder an Esperance’s Seite auf und sah gegen die Fortsetzung des Pfades hinab, der sich nach wenigen Schritten im Gebüsch verlor. Gleich darauf sprang auch der Hühnerhund des jungen Jägersmannes daraus hervor und unmittelbar folgte dieser selber, da er die Gesellschaft sah und erkannte, einen Moment stutzend und dann sie artig mit geschwungenem Hut begrüßend.

„Reinen Mund,“ sagte Leopold leise. „Vergeßt nicht, ich gelte hier für einen Verwandten der Frau Katharina.“

„So haben Sie sich wirklich nicht durch den Regen verscheuchen lassen aus dem alten, unheimlichen Nest da droben?“ redete der Herantretende heiter mit wiederholtem Gruß, und sein dunkles Auge, das die Fremdlinge überflog, heftete sich mit Interesse auf Esperance. „Und wie ich Gott Lob sehe,“ fügte er hinzu, „ist Ihnen unsere Flucht durch das Unwetter nicht schlecht bekommen. Ich fürchtete beinah –“

„Sie leugnen zwar, daß Sie ein Dernoter sind,“ unterbrach Esperance ihn schalkhaft, „aber ich glaube, Sie sind’s dennoch, mein Herr! Ein Fremder wäre sicher nicht so ungalant gewesen, drei, vier Tage lang gar nicht nach seinen Schützlingen zu sehen. Bei euch Dernoter Bären freilich ist das etwas Anderes und ganz hergebracht, Herr Burgsheim – habe ich nicht Recht?“

Der junge Mann vertheidigte sich heiter, die Uebrigen mischten sich in die Unterhaltung, wenn auch Leopold sich meistens schweigend und, wie es Eugenien erschien, beobachtend zurückhielt. Man schritt fröhlich weiter und ließ sich von dem gegendkundigen Begleiter gern auf schöne Punkte und anmuthige Aussichten aufmerksam machen. Und von Schritt zu Schritt, von Wort zu Wort, möchte man sagen, verstärkte sich der angenehme Eindruck, den die erste Begegnung mit dem Fremdling hinterlassen hatte. Wie er sprach und urtheilte, erklärte und harmlos plauderte, alles verrieth neben einer wirklichen und tüchtigen Bildung Kenntnisse, Geschmack und sogar den künstlerischen Blick, einen klaren Kopf und ein warmes, gesundes Herz. Und andererseits bewiesen die Unbefangenheit, mit welcher er sich der Unterhaltung mit seinen Begleitern überließ, und der sichere Tact, mit dem er jede unschickliche Vertraulichkeit vermied, deutlich genug, daß er auch in der Gesellschaft eine gute Schule durchgemacht haben mußte.

Esperance zumal überließ sich diesem ansprechenden Eindruck augenblicklich mit ihrer vollen Fröhlichkeit und Harmlosigkeit, aber auch Joseph und Eugenie fanden sich heiter zu einer freundlichen Hingebung an den neuen Bekannten vermocht, welche, wie leicht Beide im Kreise der Ihren das Leben auch zu nehmen pflegten, Fremden gegenüber sonst kaum in ihrer Weise lag. Die erste Begegnung und der Gang durch den Gewittersturm hatte Alle freilich rasch einander genähert, und die seltsame Situation, in welche die jungen Leute durch ihren Reiseeinfall gerathen waren, erleichterte, neben des Fremdlings durchaus schicklichem Auftreten, auch ihrerseits die Fortsetzung dieses Verkehrs.

Das Beste war jedenfalls, daß selbst Eugenie, in der ein gewisses Standesgefühl vielleicht am stärksten ausgeprägt war, in der Begegnung mit dem Jägersmann nur etwas Ansprechendes und nichts von dem zu empfinden vermochte, was man als unbehaglich hätte zurückweisen müssen oder als bedenklich in der Zukunft zu bereuen haben könnte. Man trennte sich endlich in der Nähe des Schlosses auf das Freundlichste, nachdem man für den folgenden Tag einen neuen längeren Ausflug verabredet hatte.

„Haben Sie eine Ahnung, Cousin, wer oder was dieser Burgsheim eigentlich ist, oder wie er gerade hieher gekommen?“ fragte Eugenie, da sie in der Dämmerstunde bei einander waren – ohne die „Herrin von Dernot“, welche bald nach ihrer Rückkehr in’s Haus zu Frau Katharine gegangen war.

Leopold schüttelte den Kopf. „Sie müssen nicht vergessen, Eugenie,“ versetzte er, „daß ich zwar schon seit einigen Wochen hier, von Anfang an aber aller Welt als ein obendrein kränklicher Verwandter Katharinens entgegengetreten bin. Mit den Leuten im Dorf drunten, mit dem Förster und dem alten Müller hatte ich so gut wie keinen Verkehr und erfuhr von den hiesigen Verhältnissen fast gar nichts – schon weil man auch im Schloß wenig davon redet und ich bei meinen Arbeiten kaum Zeit und [226] Interesse dafür übrig habe. Mit dem Förster und seinem Gehülfen bin ich indessen wohl einmal zusammengetroffen, und der junge Mann hat mir als ein Mensch von Herz, Kopf und Bildung stets einen angenehmen Eindruck gemacht. Weiter hab’ ich über ihn kaum nachgedacht, und noch weniger ihn gefragt, was ihn etwa hierher geführt. In Zeiten, wie wir sie jetzt in Deutschland erleben,“ fügte er mit finsterem Lächeln hinzu, „muß man’s nicht allzu genau mit Jemand nehmen, der sich auf einige Zeit aus eurer großen Welt zurückzieht. Und übrigens, Cousine, giebt es hier ja auch eine völlig genügende Erklärung: daß die Forsten in ausgezeichneter Cultur sind, sieht jeder Fachmann auf den ersten Blick und ebenso, daß hier Alles vorhanden ist, was sich ein Lernender für seine Ausbildung nur wünschen kann. Ich glaube nicht, daß Burgsheim es anderswo besser treffen könnte.“

„Er ist ja obendrein ein Verwandter des Müllers,“ bemerkte Joseph.

Leopold sah lebhaft auf. „Woher wissen Sie das, Vetter?“ fragte er.

„Der alte Bär nannte ihn Du und verkehrte überhaupt mit ihm wie – wie mit einem Kinde des Hauses.“

„Das ist mir neu,“ erwiderte der Andere in nachdenklichem Ton und sein Auge blickte sinnend vor sich nieder. „Danach muß ich mich weiter erkundigen, denn wenn das zuträfe, würden wir, glaub’ ich, allen Grund haben, vor dem Burschen auf der Hut zu sein.“ Und da er die überraschten Blicke der Geschwister bemerkte, setzte er in einem eigenthümlichen, man hätte sagen mögen, abweisenden Tone hinzu: „Ich weiß wenig mehr von diesen Dingen, als daß Augustin Besseling uns Treuensteinern von jeher nicht freundlich gesonnen war und nicht nur mit dem Vater, sondern auch schon mit dem Großvater ein Mal über das andere in Streit gerieth – weshalb, ob ursprünglich mit Recht oder Unrecht von seiner Seite, ist mir nicht genau bekannt. Das ist indessen auch ziemlich gleichgültig, da seine Feindschaft und seine fortgesetzten – sage ich Wühlereien und Chicanen unableugbar sind.“

Als die beiden Vettern später allein waren, fragte auch Joseph in einem fast verlegenen Ton und mit forschendem Blick auf den Verwandten: „Cousin, ist Ihnen die Aehnlichkeit zwischen Esperance und dem Jäger nicht aufgefallen?“

Und Leopold entgegnete achselzuckend: „Ich bin zu kurzsichtig, um dergleichen leicht zu bemerken, doch schien es auch mir heut’ Nachmittag so zu sein und ich dachte einen Augenblick – vollends, da Sie der Verwandtschaft mit dem Müller erwähnten, – an eine alte verschollene Geschichte, allein ich kam sogleich wieder davon zurück. Es muß doch wohl nur ein Spiel der Natur sein. Denn der Burgsheim ist nach meiner Schätzung fünf-, vielleicht sechsundzwanzig Jahre alt, und das – stimmt nicht zu jener Sage, ja es widerspricht ihr beinah.“

„Und diese – Sage?“ fragte Joseph voll Interesse. „Hängt sie auch mit dem Müller und seiner Feindschaft zusammen?“

Leopold wiegte ablehnend das Haupt. „Lassen wir das,“ sagte er. „Das sind Dinge, die keinenfalls uns angehen, und von denen man überhaupt nicht mehr spricht. – Es ist aber wunderlich,“ fügte er munterer und einigermaßen spöttisch hinzu, „wie Ihr Alle auf diesen Burgsheim versessen seid; als ob es etwas ganz Unerhörtes, daß man einmal in einfachen Verhältnissen einem gebildeten und höflichen Menschen begegnen könne! – Ich bin wirklich neugierig, ob jetzt nicht auch meine Schwester mit einer Frage herausrückt.“

Aber Esperance fragte nicht und erwähnte des Fremdlings überhaupt kaum vor den Ihren, oder doch nur in der gleichgültigsten Weise.

Ob Leopold sich, wie er es verheißen, bei Frau Katharine nach Burgsheim weiter erkundigt, erfuhren die jungen Leute nicht – er äußerte sich in keiner Weise mehr über den Jägersmann oder den Müller, obgleich der Erstere an den beiden folgenden Tagen viele Stunden lang in ihrer Gesellschaft war. Doch bemerkten die Geschwister, daß Leopold nicht nur auf all ihren kleinen Streifzügen und beinah bei jedem Schritt ins Freie beharrlich dabei war, sondern daß er auch in der Stille den Jäger aufmerksam beobachtete, sich bei weitem häufiger als am ersten Tage an der allgemeinen Unterhaltung betheiligte, ja auch allein mit Burgsheim und zwar so munder plauderte, wie man’s dem ernsten und meistens einsilbigen Mann kaum zugetraut hatte. Was und ob er überhaupt etwas dabei erkundete, erfuhr man von ihm ebensowenig, als ob er zu einem anderen Urtheil über den Fremden gelangt sei.

An Burgsheim selber wurde keine Veränderung, geschweige denn etwas bemerkbar, das seine Begleiter hätte zur Vorsicht mahnen sollen. Seine Heiterkeit, seine Einfachheit und Offenheit hier, seine Bildung und sein Tact da zeigten sich zu jeder Stunde und bei jeder Gelegenheit in gleicher, ansprechender Weise, und man durfte es nicht nur Esperance zu gut halten, wenn sie überall durch That und Wort bekundete, daß sie sich glücklich fühle, sondern mußte auch wohl zugestehen, daß man in einer solchen Einsamkeit und einem so engen Kreise schwerlich irgend jemals frohere, weder im Innern noch von außen gestörte, harmonischere Stunden verleben könne.

Wenn einer von allen ohne Betrübniß an das immer näher rückende Ende dieses sorglosen Lebens zu denken schien, so war dies nur Joseph, an dem je länger, desto mehr eine gewisse Ungeduld oder gar Gereiztheit bemerkbar wurde; in seine Neckereien, ja selbst in die einfachsten Gespräche mit seiner schönen Cousine klang zuweilen ein fast scharfer Ton hinein, und gegen Burgsheim ließ er sich ein paar Mal zu Aeußerungen fortreißen, die man, gelinde gesagt, unfreundlich, wo nicht beinah wegwerfend heißen mußte und die nicht blos den Jäger selbst verwundert aufsehen ließen.

Auf Esperance freilich übte das Eine wie das Andere eine durchaus andere Wirkung aus, als Joseph sie vermuthlich beabsichtigt hatte. Sie lachte den Cousin gewöhnlich lustig aus – sie denke nicht an den Aufbruch! – oder wies ihn, wiederum lustig, in seine Schranken zurück; nur die Stellung, die er Burgsheim gegenüber einnahm, schien sie kalt zu lassen, oder vielmehr von ihr gar nicht bemerkt zu werden.

Indessen meinte doch auch Leopold an einem der nächsten Tage, da die Schwester schon wieder Pläne auf morgen machte, einmal kopfschüttelnd: „Für einen Scherz scheint es mir jetzt genug, Kind. Ihr seid nach meiner Rechnung acht bis neun Tage von Hause fort, und der Vater darf –“

Das Blut schoß ihr in die Wangen. „Du bist unbarmherzig!“ rief sie aus und in ihr Auge trat etwas wie ein Schatten. „Wie weißt Du denn, ob es ein Scherz ist, der mich hierher gebracht und mich hier festhält? Ich nehme meine Herrschaft sehr ernsthaft. Gönne mir doch meine junge Herrlichkeit. Es ist daheim so langweilig, so eng; hier bin ich frei. Und sie glauben uns jetzt auch in den besten Händen, drüben bei Schauensteins: ich ließ durch Anna einen Brief an Tante Kunigunde gelangen, der es so meldet. – Fort von hier will ich noch nicht,“ schloß sie. „Ich lebe jetzt erst auf, und dem Bären dort –“ ihre Hand deutete hinab, wo am Fuß der Höhe die Mühlengebäude lagen – „sind wir auch noch einen Besuch schuldig.“

„Den würde ich an Ihrer Stelle unterlassen, gnädiges Fräulein,“ sagte Burgsheim, der eben mit den beiden Anderen herankam. Er hatte auch heut die Gesellschaft geführt, und sie standen nun auf dem sogenannten Mühlenberge, von dem aus man die beiden Thäler überblickte, welche sich dem Schlosse zu vereinigten. Der Jäger setzte seine Rede indessen nicht fort, denn beim ersten Blick hinab, wo die eigentliche Landstraße völlig übersehbar hinlief, rief er verwundert aus: „Die Herrschaften erhalten Besuch. Eine solche Euquipage kann nur zu Ihnen wollen.“ – Und in der That, man sah’s deutlich genug, daß der Wagen, welcher eben die große Brücke des Mühlenbachs passirte, elegant war und von wahren Prachtpferden gezogen wurde.

Indem rief auch schon Eugenie: „Beim Himmel, der da neben dem Kutscher auf dem Bock muß unser alter Jonas sein!“

„Du phantasirst,“ sagte Esperance, welche ihre Augen vergeblich anstrengte, finster. „Sollten sie uns wirklich schon entdeckt haben?“

Es verging eine kleine Pause; der Wagen fuhr diesseits rasch weiter. „Laßt uns heim,“ sprach Leopold; „wer es auch sei – er fährt zum Schloß.“

Und Esperance, in deren Gesicht sich plötzlich ein Zug von überraschender Härte bemerkbar machte, versetzte auch in wunderhartem Tone: „Gut, so laßt uns heim! Bisher spielte ich die Herrin, jetzt will ich sie sein. Von Ihnen nehme ich noch nicht Abschied,“ fügte sie hinzu, Burgsheim die Hand bietend. „Wir sehen uns jedenfalls wieder – ich habe noch viel von Ihnen zu erfragen. – Vorwärts!“


[227]
6. Der letzte Abend.

„Also wirklich gewußt, Jonas? Nicht blos gedacht?“ fragte sie, und zwischen den Brauen zeigten sich ein paar kleine Falten. „Gewußt? Wie aber, von wem? Weiß der Vater denn auch, daß Leopold –“

Der alte Leibjäger zuckte zusammen. „Fräulein,“ unterbrach er Esperance lebhaft, „ich sah den Mann nur so obenhin, aber er kam mir wirklich fast wie der junge Herr vor. Ist er’s?“

„Er ist’s,“ erwiderte sie und ihr Auge begegnete fest dem seinen. „Dein Bruder hat ihn bei sich aufgenommen und ihm ein Asyl gegönnt. Ich fand ihn hier, er verbarg sich auch vor mir – vor mir, Jonas, ist’s nicht, daß Einem das Herz brechen möchte? – Und nun kommt Ihr, auch ihn wieder zu verjagen?“

„Das ist nicht richtig,“ versetzte Jonas hart; „von uns verjagt ihn keiner, Fräulein. Sie können es an dem Schwachkopf, dem Tobias, sehen.“

„Schäme Dich, Jonas, es ist Dein Bruder, und er hat den Muth gehabt, den meinen bei sich Ruhe finden zu lassen.“

„Ja, er muß freilich wohl seine heimlichen Meriten haben, denn wen der Schloßengel zum Mann nehmen mochte –“

„Wer?“

„Der Schloßengel, so hießen wir vordem die Katharine, und sie verdiente es, sie war brav und sauber. Aber was ich sagen wollte – wo es den jungen Herrn gilt, bin ich dabei, selbst gegen die Excellenz. Der weiß noch von damals her, wie es mit mir steht. Wie Sie mit dem Kammerherrn fertig werden, weiß ich nicht. Er steckt mehr als je mit dem Baron zusammen. – Kann’s übrigens nicht leugnen,“ fügte der Alte hinzu, „daß ich selber gern ein paar Tage hier bliebe – hätten Sie mich nur statt der Kammerkatze mitgenommen, Fräulein! – Es geht etwas vor, der Herr ist gar zu wild und grimmig; und ich schwör’ darauf, das hängt wieder einmal mit Dernot und dem alten Stänker, dem Augustin, zusammen. Nur ein paar Tage, und ich brächt’s heraus. Der Herr, wie grimmig er ist, faßt es nicht recht an. Man muß dem Augustin ans Zeug greifen, oder er thut’s bei uns, Fräulein.“

Esperance, welche diesen Worten mit einer fast düsteren Aufmerksamkeit gefolgt war, erhob sich. „Du erhältst diese Tage,“ sagte sie, „gleich viel wie; nütze sie gut. Und vor allen Dingen, was Du entdeckst, erfahre auch ich. Vergiß nicht, ich bin die Herrin von Dernot.“ Sie nickte ihm zu und verließ raschen Schrittes das Gemach. –

„Endlich, mein schönes Kind, endlich!“ rief Herr von Brose ihr entgegen, als sie ein paar Augenblicke später in das Zimmer trat, das man ihm angewiesen hatte – seit Meister Tobias durch das Eintreffen der jungen Herrschaften überzeugt worden, daß man Dernot noch nicht ganz vergessen und aufgegeben habe, hatte er den vernachlässigten Räumen mehr Sorge als bisher zugewendet, und der Kammerherr sah sich daher ganz leidlich placirt und würde sich, zumal nach dem angreifenden Reisetage, ganz behaglich gefühlt haben, hätte er sich nach seinem Ausdruck in der verflossenen Stunde nur nicht so vollständig isolirt gefunden.

„Aber Dernot ist das Schloß der Feenmärchen,“ sagte er kopfschüttelnd. „Als ich vorhin zu Ihnen hinabeilte, waren Sie verschwunden, war niemand zu finden. Selbst der Schloßengel war fort, und ich hatte es nur meinem guten Gedächtniß zu danken, daß ich dies Zimmer wiederfand und durch das Zöfchen die Botschaft von Ihnen erhielt. Und nun kommen Sie gar zu mir,“ schloß er, ihre Hand ergreifend und gegen die Lippen erhebend. „Ich wollte auf Flügeln –“

Sie zog die Hand zurück und ihr Auge lachte ihn schalkhaft an. „Papa Brose, Sie saßen zwölf Stunden auf dem Wagen – da werden selbst unsereinem die Flügel lahm. So kam ich denn halb aus Erbarmen, halb aus Politik. Sie sollen keinen gar zu schlimmen Eindruck erhalten – es sieht drüben bei uns grauslich aus. Eugenie ist so wild, und Joseph raucht seines Cigarre nach der anderen. Morgen wird sich unser Salon in besserem Lichte zeigen.“

„Morgen – hm! – Aber Joseph, sagen Sie? Ist das der Cousin Herrenroth? Den haben Sie hier?“

„Freilich, lieber Kammerherr, den verschrieben wir uns zum Cavalier auf dieser Entdeckungsreise. Wie hätten wir’s sonst gewagt, Papa!“

„Sehen Sie, sehen Sie! Das war recht, das war fein! Der Vater liebt und achtet den jungen Mann, er erwartete ihn und wollte ihn Ihnen nachschicken. Das wird Ihren Empfang zu einem ganz freundlichen machen.“

Sie sah ihn mit einem halb nachdenklichen, halb forschenden Blicke an. „Der Papa ist also wirklich und selbst grimmig, nicht blos die Tante?“

Herr von Brose schüttelte ein wenig sein kleines Haupt. „Mein liebes Kind – ich darf es Ihnen nicht verbergen, Excellenz sind wirklich, wie Sie es heißen, grimmig, so, daß es uns erschreckte, obgleich wir“ – und er zuckte mit leichtem Lächeln die Achseln – „nicht leugnen können, daß er eine Art von Grund hat, ungeduldig zu werden. Denn ihr wilden Kinder habt’s doch wohl ein wenig zu arg gemacht! Und darum,“ fügte er hinzu, und in seinem runzelvollen Gesicht zeigte sich neben all dem Wohlgefallen auch ein gewisser ernster Zug, „darum dürfen Sie wirklich nicht viel von morgen reden. Es ist eine angreifende Tour, allein was hilft’s? Der Papa erwartet uns morgen Abend daheim.“

„Das bedauere ich von ganzem Herzen,“ sagte sie, das Köpfchen wiegend. „Es soll sehr widerwärtig sein, umsonst zu warten.“

„Mein theures Kind!“ – der Kammerherr sah wirklich erschrocken aus; „Sie denken doch nicht –“

„Hier zu bleiben? Einige Tage noch ganz gewiß, Herr von Brose. Wir hatten anfangs ganz schlechtes Wetter, und somit vermochte ich meinen Zweck noch nicht zu erreichen.“

„Zweck – ich bitte Sie, Zweck! Was kann Ihnen die Reise hieher, was der Aufenthalt in diesem öden alten Nest anders sein, als ein lustiger Einfall des jungen, übermüthigen Köpfchens!“

Ihr Auge blitzte ihn an. „Respect, mein Herr! Es ist mein Haus, das Sie da heruntersetzen! Was wissen Sie, was ich hier suchte, was ich hier fand! Und wäre es nur Ihr ‚Schloßengel‘ gewesen. Apropos, Papa, hat Jonas Ihnen den Titel genannt?“

„Ach,“ versetzte Herr von Brose mit einem milden Lächeln, „ich erinnerte mich seiner noch selber. Katharine war wirklich eine Ausnahme und verdiente diese Bezeichnung.“

„Also waren Sie schon hier, Papa?“

„Ja, leider, muß ich wohl sagen,“ erwiderte er mit einem sanften Wiegen des Hauptes. „Es ist lange her, Ihr Vater und ich waren in der ersten Intimität, jung und lustig. Da hausten wir hier ein paar Wochen – und verloren Lust und Vergnügen.“

„Ei, sieh da!“ rief sie mit dem Ausdruck der Ueberraschung, „da waren Sie also bei jenen Ereignissen, die dem Papa Dernot verhaßt machten?“

„Mein liebes Kind, lassen wir das!“ sagte der Kammerherr und strich mit den Fingern über Augen und Stirn, aber vorsichtig, so daß er die Perücke nicht berührte.

„Nein, lassen wir das nicht!“ versetzte sie noch immer im vorigen Tone und hörbar gespannt. „Da können Sie mir ja am Ende die Aufklärung geben, die ich hier bisher vergeblich suchte!“ Und ohne auf die Bestürzung zu achten, die aus seinem weit geöffneten Auge sprach, fügte sie hinzu: „Also, was verfeindete damals den Papa mit dem alten Augustin Besseling, und was ist an der Sage, daß man uns, mir, sogar den Besitz von Dernot streitig machen könnte?“

Einen Augenblick zeigten sich die Züge des alten Herrn noch unter dem Eindruck der Bestürzung; dann aber wich dieselbe vor einer immer deutlicher hervortretenden Mißbilligung, der sich sogar ein nicht zu verkennender Verdruß beimischte, und er entgegnete in auffällig herbem Ton: „Ich verstehe von dem allen nur, daß Ihr Vater völlig Recht hat, wenn er diesen Ausflug überhaupt nicht goutirt und, da er vernahm, daß derselbe nach Dernot gerichtet war, wirklich zu zürnen begann. Ich weiß nicht, was man Ihnen in’s Köpfchen gesetzt, allein ich sehe auch wieder, daß die alte Sage richtig: es spukt in Dernot und selbst die klügsten Köpfe werden davon beherrscht! – Mit einem Wort, liebes Kind,“ brach er milder ab, „schlagen Sie[WS 1] des Vaters Verstimmung nicht allzu gering an. Sie wissen wohl, daß eine solche Verstimmung bei ihm stets ihr Bedenkliches hat, selbst für Sie, mein Kind. Ihre Tante und ich waren daher auch ganz glücklich, daß er nicht selbst reiste, sondern mich gehen ließ. Verlieren wir jetzt aber diesen Vortheil nicht, liebes Kind. Morgen –“

„Wollen wir heiter sein, Kammerherr, und auf das Glänzendste [228] unsern Hof halten,“ fiel sie ihm munter, ja fast ein wenig spöttisch in’s Wort. „Ich verheiße Ihnen die wunderbarsten Ueberraschungen und Unterhaltungen, und nehme keine Weigerung an! Gelt, Papa, Sie sind doch ein galanter Mann? Sie müssen Ihrem Schloßengel guten Tag sagen, und dürfen – ich erlaube Ihnen das! – meiner Cousine den Hof machen – sie wird fügsamer und sanfter sein als in Heitersberg; Heimlingen steht Ihnen hier nicht im Wege, und überdies schmachtet sie nach ein wenig Adoration –“

„Aber mein theures Kind!“ suchte Herr von Brose diesen Redefluß zu unterbrechen.

„Ja, nicht wahr, ich verdiene wirklich einen freundlichen Blick? Aussichten, wie sie gar nicht schöner gedacht werden können und nicht leicht wiederkehren möchten! Aber ich habe noch mehr! Sie wollen doch gewiß auch meinem armen verbannten Bruder einmal die Hand –“

Er starrte sie weit geöffneten Auges an. „Ihr Bruder, mein theures Kind –?“

„Ja, denken Sie, ich entdeckte hier meinen Bruder Leopold, den Verbannten, und fühle mich ganz glücklich, ihm bei mir ein Asyl bieten zu dürfen. Apropos, Papa Brose,“ setzte sie stets in gleichem Tone hinzu, aber ihr Auge ruhte mit eigenthümlicher Festigkeit auf ihm, „davon wissen Sie sicher auch mehr als ich und müssen mir erzählen – Sie sehen, wie nothwendig wir noch hier bleiben müssen! Daheim fänden wir nimmer Zeit und Gelegenheit zu all solchen Mittheilungen. Und wenn Sie nun endlich dazu rechnen, daß sich hier auch noch etwas gegen uns vorbereitet oder gar schon vorbereitet hat und vielleicht demnächst ausbricht, so müssen Sie selber gestehen, daß Ihnen selten Gelegenheit geboten wurde, all Ihre Vorzüge als Cavalier und galanter Herr, als alter gewiegter Hofmann und Diplomat, als ebenso alter Freund des Hauses, als Versöhner der beiden so traurig Entzweiten, als Ritter der Damen und Schützer des zarten Geschlechts, so in das allerglänzendste Licht zu stellen. Gelt, Papa Brose, ich dächte, das Alles kann Ihnen die Wahl zwischen dem momentanen Zürnen Seiner Excellenz und der ewigen Gnade seiner Tochter nicht schwer machen. Da, seien Sie entzückt und küssen Sie meine Hand!“ schloß sie mit einem von Schelmerei leuchtenden Blick und reichte ihm die feinen Finger mit einer, man durfte sagen, fürstlichen Bewegung. „Fidèle et sans reproche – erster Ritter der Dame von Dernot!“

Man konnte es dem armen Kammerherrn nicht verdenken, daß Wesen und Worte des jungen, in diesem Moment obendrein strahlend schönen Mädchens ihn um seine ganze erprobte Haltung brachten und ihn von der ersten Bestürzung zur Bewunderung und von dieser zu einer Verblüfftheit fortrissen, welche beinah zu einer vollständigen Confusion wurde. Herr von Brose war allerdings ein alter Freund des Barons Treuenstein und, abgesehen von den früheren, nur ihnen Beiden bekannten Beziehungen und gemeinsamen Erlebnissen, auch als solcher mit dem Staatsmann und dessen Familie stets in Verbindung geblieben. Esperance hatte er bereits als kleines Kind kennen gelernt und sie seitdem mehr als einmal wiedergesehen, wenn sie auf den Reisen, welche der Vater selten ohne sie und ihre Cousine machte, an den Hof gelangte, bei dem Brose angestellt war, und gewöhnlich daselbst mit den Ihren einige Zeit zu verweilen pflegte.

Er hätte also Gelegenheit genug gehabt, das junge Mädchen in seiner Eigenartigkeit zu beobachten und sich von Jahr zu Jahr mehr entwickeln zu sehen. Allein die Begegnungen waren trotzdem nur flüchtige gewesen und die Beobachtungen – ganz abgesehen davon, daß Esperance doch immer noch ein freilich reizendes und reichbegabtes Kind und daß der Kammerherr überhaupt nicht der Mann des Nachdenkens war – vereinzelte und ziemlich oberflächliche geblieben, und seit Brose die Freunde zum letztenmal gesehen, war überdies eine mehrjährige Pause eingetreten. In dieser Pause reifte das Mädchen zur Jungfrau, und der Kammerherr war, da er neulich auf Schloß Heitersberg mit ihr zusammentraf, nicht wenig durch das überrascht gewesen, was aus der Kleinen geworden. Aber auch hier waren es endlich doch nur ein paar Stunden gewesen, da Esperance schon am nächsten Morgen zu ihrer wunderlichen Reise aufbrach, und er hatte sie jetzt im Grunde zuerst und so zu sagen funkelnagelneu vor sich. Was er nun wirklich begriff und erkannte, war, daß er seinen ersten Operationsplan, nach dem er es je nach Umständen mit sanfter Ueberredung oder mit Berufung auf die Autorität und das Zürnen des Vaters versuchen wollte, für jetzt aufgeben müsse. Und zugleich dankte er Gott, daß der Minister nicht selber im einsamen Schloß und vor der eigensinnigen Tochter stehe – wir wissen freilich nicht, ob blos aus Schonung und Theilnahme für den alten Freund.

Also temporisiren und beobachten – auch die Anderen, welche dem jungen Mädchen hier nahestanden, und besser und vorsichtiger, als er es bisher für nöthig gehalten. Und wenn denn die Reise auch noch um einen oder zwei Tage verschoben werden mußte – was that’s am Ende? Der Vater drüben in der Residenz würde sich nun, da er den Aufenthalt der Kinder und sie obendrein unter Aufsicht und Schutz des Freundes wußte, schon zur Ruhe geben. Er hatte, wie Brose gut genug bemerkt, so viel und so Unlustiges zu thun, daß er alles Uebrige, was nicht dringend nothwendig, sich gern aus dem Wege geräumt sehen dürfte.

Nicht nur Joseph, sondern auch Eugenie, und zwar diese zumeist, hatten übrigens längst erkannt, daß in und mit Esperance neuerdings eine große Veränderung vorgegangen war, und Beide ließen sich keinen Augenblick durch die Lust und den gelegentlichen Uebermuth täuschen, welche während der letzten blauen Tage das Mädchen ganz in der alten Weise zu beherrschen schienen. Hatte doch selbst Leopold, der die Schwester jetzt erst kennen lernte, schon aus manchen, wenn auch noch so leisen, doch immerdar eigenthümlich widersprechenden Zügen schließen müssen, daß sich in dem jungen Wesen trotz all der anscheinenden Offenheit und Sorglosigkeit etwas verberge, das ihre Natur zu Zeiten tief niederdrückte. Von einer Erklärung war um so weniger die Rede, als Esperance alle dahin zielenden verblümten oder offenen Fragen und Versuche entweder gar nicht zu verstehen schien oder mit der größten Unbefangenheit verspottete. Nur daß es mit Dernot zusammenhing, meinte Eugenie annehmen zu dürfen. „Denn wenn ich recht darüber nachdenke,“ sagte sie zu Leopold einmal in diesen Tagen, „bin nicht ich die Anstifterin dieser Reise, sondern Esperance selber ist’s. Sie hat von Dernot und Allem, was dazu gehört, zuerst und so oft geredet, daß ich nach und nach wohl auf den Einfall kommen mußte, uns dies einmal selber anzusehen.“

„Ja, ja,“ hatte der ernste Mann kopfschüttelnd erwidert, „ich begreife am Ende die Neugier oder das Verlangen, das so ein junges, lustiges, übermüthiges und vor Allem niemals an Beschränkung gewöhntes Menschenkind nach etwas spürt, das ihm gehören soll und ihm bisher dennoch, dazu mit allerlei geheimnißvollen Nebenumständen, entzogen blieb. Ich verstehe auch von zwei solchen Strudelköpfen, wie die Euren, den lustigen Einfall und diesen Ausflug auf eigene Hand. Aber dem Verlangen ist jetzt genug geschehen. Was fesselt sie noch an dies traurige alte Haus? Was läßt ihr dies einfache, abwechslungslose Leben nicht langweilig werden? Wie kann selbst meine Gegenwart und die Liebe zu mir sie so lange fest halten, bis ihr Vater mit Recht zürnt und sie zur Rückkehr zwingt? – Sie giebt mir auf das Alles leider ebenso wenig Antwort als Ihnen, Cousine, oder versteht mich vielmehr gar nicht. Ist es am Ende dennoch eine bloße Laune?“

Eugenie schüttelte den Kopf. „Wie Sie eben sagten, Cousin: es müßte hier doch irgend etwas geben, was auch nur eine solche so zu sagen im Gang erhalten könnte. Aber ich weiß nichts dergleichen. Denn“ – und die Dame erröthete ein wenig und ihr Blick wurde eigenthümlich kalt – „das Interesse für diesen Herrn Burgsheim, das Joseph entdeckt haben will –“

Leopold machte eine abweichende Bewegung, lächelte jedoch nur dazu, ohne sich auf eine andere Erwiderung einzulassen.

Am heutigen Abend aber sollte er plötzlich die stets vergeblich gesuchte Erklärung erhalten und zwar von der Schwester selbst. Als Leopold den Kreis der Anderen schon eine Weile verlassen hatte und, über seine Begegnung mit dem ihm von früher wohl bekannten Brose nachdenkend, in seinem Zimmer auf- und abging, öffnete sich, ohne daß er einen nahenden Schritt vernommen hätte, geräuschlos seine Thür und Esperance stand vor ihm.

„Hör’ an,“ sagte sie ohne ein erklärendes Wort, ihr Auge blickte dunkel, und der schimmernden Röthe auf ihren Wangen entsprach der rasche und bewegte Ton, „unterbrich mich nicht, antworte auch nicht, sondern höre nur, denn ich habe mich drüben mit dem Vorgeben entfernt, daß ich müde sei und in’s Bett wolle,

[229]

Musäus sammelt Märchen.
Originalzeichnung von C. E. Döpler.

[230] und wenn sie auseinander gehen, muß Eugenie mich wenigstens im Schlafzimmer finden. Morgen wird es Dir an Zeit zur weiteren Besprechung mit mir nicht fehlen. Ich weiß, daß Ihr Alle nicht klug aus mir werdet und erfahren möchtet, was mich hier zurückhält. Es ist mehr als ein leerer Einfall oder ein noch leererer Trotz.

„Im August fand ich einmal, da ich mir aus des Vaters Zimmer etwas holen wollte, eine Schublade seines Schreibtisches geöffnet, die ich bisher gar nicht gekannt und die sich mit Papieren gefüllt zeigt. Ich war neugierig – oder heiß’ es eine Ahnung! – und griff nach dem obersten. Es war ein Brief aus dem Jahre 1840 und enthielt die lakonische Anfrage, wie Seine Excellenz über die alten, ihm bekannten Punkte denke? Der Betreffende lebe und werde, ob auch noch in der Ferne, wohl im Auge behalten. Von einem Aufgeben der alten Ansprüche sei keine Rede. Es hänge von Excellenz ab, ob er durch billiges Nachgeben die Sache ausgleichen oder durch Fortsetzung des bisherigen Widerstandes die Aufdeckung der ganzen alten schmählichen Geschichte und die offene Verfolgung der unverjährbaren Rechte des Betreffenden erzwingen wolle. – Ein Name war nirgends genannt, ein Ort nicht angegeben.“

„Ich legte den Brief hin und nahm das folgende Schriftstück – ich bekenne Dir, Leopold, daß ich schon weniger neugierig als bestürzt war, solche Geheimnisse im Besitze meines Vaters zu finden. – Dies war datirt vom Jahre 1800 und von hier, von Dernot aus, und ein Brief des Barons August an seinen Bruder, unseren Großvater. Er war kurz und meldete, daß der Schreiber sein Testament gemacht habe –“

(Fortsetzung folgt.)




Ein alter Liebling der deutschen Jugend.


Unter den Männern, welche das Weimar der Herzogin Amalie und ihres Sohnes Karl August zum strahlendsten Glanzpunkt deutschen Geisteslebens erhoben, wird jetzt selten auch Derjenige mitgenannt, dessen Andenken wir mit diesen Zeilen und dem sie schmückenden Bilde erneuen wollen. Neben dem Viergestirn „Goethe, Schiller, Herder, Wieland“ erblaßten alle anderen Weimarischen Lichter am Literaturhimmel, wenn sie auch der öffentlichen Beachtung deshalb nicht entgingen. Dennoch war es dem Einen beschieden, eine nicht geringe Zeit lang den Herzen der gesammten deutschen Jugend – ja wir dürfen dazu die jugendfrisch gebliebenen Herzen jedes Alters rechnen – näher zu stehen, wenigstens im Hause ihr viel intimerer Liebling zu sein, als jene vier öffentlich Alleingefeierten, und dies Alles war ihm gelungen durch einen einzigen glücklichen Griff in die Schätze unseres Volksthums. Wir meinen Musäus und seine Volksmärchen der Deutschen.

Schon zwanzig Jahre vor dem ersten Erscheinen der Volksmärchen war Musäus als erzählender und humoristisch-satirischer Schriftsteller aufgetreten, aber alle diese Schriften, wie verdienstlich sie an sich waren und als wie geistvoll und formgewandt ihr Verfasser sich durch sie erwies, sind dennoch mit seinem Namen bis heute über der Fluth der Vergessenheit erhalten worden nur durch seine Volksmärchen und durch die aus ihnen am reinsten sprechende Originalität und Liebenswürdigkeit seines Charakters.

Diese Volksmärchen heißen nicht blos „Volksmärchen der Deutschen“, sondern sie sind ein so deutsches Buch, wie nur je eines von einem Deutschen geschrieben worden. Wollen wir alle guten und schlimmen Eigenschaften unsers Volkscharakters kennen lernen, wir finden sie darin, alle übertragen auf die lebensvollsten, dem Leben selbst abgelauschsten Gestalten, und jede Gestalt bleibt sich treu in ihrem Wesen durch alle Wandelungen ihres Schicksals und ihrer Erscheinung bis zum Ende. Und diesem Gesetze strengster Correctheit in der Griffelführung sind nicht nur die Menschen dieser Märchen unterworfen, auch die spukenden Geister, die gespenstischen Geschöpfe uralter Volksphantasie müssen sich ihm beugen, sie müssen, trotz der kühnsten Extravaganzen und muthwilligsten Launen, die der Dichter ihnen gestattet, sich menschlich behandeln lassen, menschliche Seiten herauskehren, um unserer Theilnahme auch für ihr Schicksal werth zu sein. Wir durchleben in und mit jedem dieser Märchen, kein einziges ausgenommen, Stunden seligsten Selbstvergessens, wandern mit dem Geiste glücklicher Kinder durch die zaubervolle Wunderwelt und ahnen kaum, mit welcher wahren Kunst sie aufgebaut und ausgeschmückt ist.

Es ist aber noch ein anderer Zauber mit im Spiele, wenn wir zu unseren lieben Volksmärchen immer wieder zurückgelockt und dann so schwer von ihnen losgelassen werden: das ist der Zauber der Sprache, an der noch manche Generation sich bilden kann, ehe die Zeit über eine solche Frische, Kraft und Schönheit Herr wird; und endlich sind diese Märchen nicht Spielsachen für kleine und große Kinder, sondern Spiegelbilder des menschlichen Lebens, aus denen die lieben Menschen sich selbst und das, was ihnen zum Wohl und zum Uebel gereicht, so klar erkennen, wenn sie wollten, wie vom väterlichsten Lehrer und Führer auf dem Wege durch’s Leben.

So sind unsers Musäus’ Volksmärchen. Und wenn man nun über seine Persönlichkeit erfährt: „daß er sich in Aller Herzen stahl und man in Weimar nur den Professor Musäus zu nennen brauchte, wenn man ein freundliches Gesicht sehen wollte,“ so wird man sich gern in seine nächste Nähe bis in sein Haus und seine Familie führen lassen.

Folgen uns denn die Leser zu einem Besuch bei dem alten Liebling der deutschen Jugend. Ein Student hat ihn von Jena aus gemacht, wo er in der Mitte der achtziger Jahre in demselben Hause am Markte (der Hofapotheke, die später durch den originellen Wilhelmi in so eigenthümliche Beziehungen zu Weimar und seinen Größen gekommen ist) wohnte, wo dreißig Jahre früher Musäus gewohnt haben soll. Letzteres versicherte ihn eine alte Magd, die noch aus jener Zeit im Hause diente und große Stücke auf „ihren berühmten Professor“ hielt, der sie noch immer begrüße und beschenke, so oft er nach Jena komme. Einen Gruß von dieser alten Magd benutzte nun der Student zur Einführung bei Musäus. Ich gestehe mit freudigem Gefühl, daß dieser Bruder Studio mein Großvater war. Die Schilderung des Besuchs fasse ich aus meiner Knabenerinnerung zusammen, aus alten Tagebuchblättern und Briefen des Großvaters an seine Eltern, lasse aber auch später von mir in Jena und Weimar Erfahrenes dabei nicht unbeachtet und sage zugleich Moritz Müller, dem Verfasser eines trefflichen „Lebens- und Schriftsteller-Charakterbildes des Musäus“ Dank, der mir das vom Großvater in die junge Seele gelegte Dichterbild, wie noch kein Anderer, herrlich wieder aufgefrischt hat.

Der Großvater erzählt also:

„Ich paßte den Herrn Professor auf dem Weg nach seinem Garten ab, richtete die Grüße der alten Magd aus und sagte ihm, daß sie mich zu ihm sende, worauf er zu mir sprach: ‚Kommen Sie und sagen Sie mir vor Allem, wer Sie sind, was Sie studiren, wo Sie wohnen und was Sie wünschen, falls ich Ihnen dienen kann.‘ Während ich, neben ihm dahinschreitend, das Meinige vorbrachte, betrachtete ich meinen berühmten Nachbar recht genau und fand, daß die Alte mir ihn wahr geschildert hatte. Der Rock des Herrn Professors war freilich verschabt und grau, die Krause schief unterm Hals und das Haupt übel frisirt, aber was zwischen der schlechten Locke und Krause hervorsah, das war ein Mannesantlitz, unter dessen Brauen bei aller Liebe, Freundlichkeit und Güte ein Geist hervorleuchtete, der mich Studentlein den Respect nicht vergessen ließ, trotzdem der beredte Mund weder mit lateinischer noch griechischer Gelehrsamkeit um sich warf. Ich sehe es im Geist noch heute, dieses große, freie, Vertrauen predigende Auge, den sehr hübsch geformten Mund, die hohe Denkerstirn, die kühn heraustretende Nase und die Jugendfrische, die über dem ganzen Antlitz wie im Ton der Stimme herrschte. Und wie imponirte mir durch die Bestimmtheit und Schärfe seiner Fragen, die sich mit seiner Freundlichkeit gar wohl vertrug, der tüchtige Pädagog und der Mann von ungewöhnlichem Wissen und Denken! Als wir einige Schritte auf schattenlosem Wege gegangen waren, spannte Musäus seinen Regenschirm zum Schutz gegen die stechende Sonne über uns Beide aus. Er gestattete es, daß ich ihm die Last abnahm, denselben [231] zu tragen, ich fühlte einen Stolz darüber, den Schirm über ein solches Haupt zu halten, und trotzdem wir ein wunderlich aussehend Paar vorstellen mochten und allerlei Leute uns begegneten, so sah ich doch keine spöttische Miene; sondern alle zogen ehrerbietig oder freundlich den Hut vor dem Mann mit dem grauen alten Rock unter dem Regenschirm.

‚Also ein Theologe!‘ sagte er, nachdem ich geendet und die üblichen Entschuldigungen ausgesprochen. ‚Das freut mich. Ich bin’s von der Universität her auch. Die theologische Laufbahn stand wie ein heller Weg zum Himmel vor mir, und eine gar würdige Hand, die meines Oheims Weißenborn (erst Superintendent in Allstädt, dann Generalsuperintendent in Eisenach), führte mich auf demselben. Eisenach ist in ganz Deutschland die schönste Geisteswiege für den protestantischen Theologen: Luther läuft als Currentschüler mit uns in den Gassen herum und thront als unsterblicher Reformator auf der Höhe der Wartburg, und gehen wir zu einem Throne hinaus, zu welchem wir wollen, überall predigt die herrliche Natur die Ehre Gottes. Meine besten Predigten sind mir in und um Eisenach gelungen.‘

‚Aber warum sind der Herr Professor nicht bei der Theologie geblieben?‘ fragte ich.

‚Daran ist das Tanzen schuld,‘ erwiderte er lächelnd. ‚Sie staunen? Die Sache ist hier längst bekannt. Ich habe mich als Candidat einmal zu einem Tänzchen verführen lassen, und deshalb nahmen mich die Bauern von Farnrode nicht zum Pfarrer an. Um mich nicht mehr solchen Zurückweisungen auszusetzen, habe ich es vorgezogen, Schulmeister[1] zu werden, und darf doch nun mit Ehrlichkeit fröhlich sein, wie ich’s allezeit gern gewesen bin.‘

Wir standen vor seinem Gärtchen und er hieß mich mit eintreten. Sobald er die Thür hinter sich hatte, knöpfte er seine Weste auf. Dann zeigte er mir sein Gartenhäuschen mit der reizenden Aussicht auf das Thal und die Stadt oder das Städtchen, was Weimar damals noch war. ‚Und dort drüben sehen Sie die Fenster meiner Wohnung,‘ sagte er, mit einem Stock mir die Richtung anzeigend.

‚Der Herr Professor schreiben wohl an zwei Werken zugleich?‘ fragte ich, als ich auf seinem Arbeitstische zwei Schriftstücke sich gegenüberliegen und vor jedem einen Stuhl hingestellt sah.

‚Nein, mein Bester. Hier arbeitet, häufig mit mir zugleich, mein Neveu, ein sehr genialer junger Mann. Es ist gar schön, an einem solchen Kopf gleichsam die Gedanken über die Stirn laufen zu sehen. Er wird noch Aufsehen in der Welt machen; er heißt Kotzebue.‘

Musäus führte mich dann zu seinem Tempelchen unweit des Gartenhäuschens. Es war mit einigen Statuen ausgeschmückt und davor ein freier Platz, der sich durch einen Tisch und einige Stühle als Gesellschaftsplätzchen anzeigte. Auch von hier war der Blick von der Höhe in das belebte Thal sehr reizend.

‚Hier muß sich’s herrlich dichten!‘ meinte ich. Aber er: ‚Mit Nichten! Hier ist gut sein zum Einsammeln von Gedanken und Gefühlen, aber diese trägt man dann ins Gartenhäuschen an den geschützten Schreibtisch, denn der Honig wird im Stock gemacht.‘

‚Und was für Honig!‘ fuhr ich heraus, um dem berühmten Mann auch etwas Schönes über seine Werke zu sagen. Er aber sah mich da mit einem Blicke an, als ob er andeuten wollte: ‚Ei, ei, nun bläst der gar in die Complimententrompeten!‘ Ich fühlte das Rothwerden im Gesicht und da fiel mir gerade das Urtheil der alten Magd über die Volksmärchen ein, so daß ich hell auflachen mußte.[WS 2] Ich hatte nämlich, ehe ich den Besuch bei Musäus wagte, vorher seine bis dahin gedruckten Bücher gelesen. Von dem Volksmärchen waren erst ein paar Bändchen da, die mich damals schon in der Seele erquickten, und daraus las ich auch der Alten einmal vor. Ihre Begeisterung für ihren berühmten Professor hatte sie natürlich nie aus dessen Schriften gesogen, sondern die persönliche Liebenswürdigkeit des Jünglings hatte sie erzeugt und der spätere Ruf des Mannes groß gezogen. Als ich ihr nun aus den Märchen vorlas, gerieth sie geradezu in Entrüstung, glaubte nicht an diese Bücher und blieb dabei: so dummes Zeug könne ihr berühmter Professor gar nicht machen. – Das erzählte ich nun Musäus. Seine Freude darüber war außerordentlich. Er flog vor Lachen zwischen den Blumenbeeten hin und her, daß die Stachelbeeren an den Stauden wackelten. Dann plötzlich zum Ernst übergehend, sprach er fast mit Rührung von der geistigen Armuth des Volkes, das seine schönsten Schätze nicht kenne, und erklärte mir ausführlich Plan und Zweck, die ihn bei der Abfassung seiner Märchen leiteten. Darüber war es Mittag geworden, und ich mußte ihn nach seiner Wohnung begleiten.

Die Frau Professorin erwartete uns an der Treppe, ihre Augen lachten, wie die ihres Mannes, und standen ihrem liebevollen Antlitz gar gut. Sie war mit sonntäglicher Haustracht angethan, Alles reinlich und nett. Musäus stellte mich als einen Abgesandten seiner alten Magd in Jena vor, was mir eine sehr herzliche Aufnahme eintrug. Auch Karl und Gustav, die beiden Söhnchen, von denen das letztere, ein gar feines bleiches Kindchen, bald nachher gestorben sein soll, gaben mir ein Händchen.

Die Wohnstube, in die man mich führte, war sehr einfach ausgestattet, wie bei allen Bürgerlichen damaliger Zeit, aber Alles sah blank aus. Jetzigen Luxus, wie ein Canapee und Fenstervorhänge, habe ich, wenigstens in dieser Stube, nicht gesehen. Am Tisch saßen wir schon wie alte Bekannte beisammen. Während die Frau Professorin ihrem Gemahl die Serviette umband, konnte sie die hausmütterliche Bemerkung nicht unterdrücken: ‚Aber, lieber Musäus, nun bist Du heute an einem Festtag wieder mit der alten Leibwäsche und dem alten Rock fortgegangen; ja, Du hast Dich so eilig fortgemacht –‘

‚Freilich,‘ unterbrach Musäus sie mit triumphirendem Lachen, ‚sonst hättest Du mich herausgeputzt, daß ich mich vor jedem Rosenstock und jedem grünen Sitzplätzchen hätte scheuen müssen.‘

‚Aber hast Du denn an der Coburger Erfahrung noch nicht genug? Man hat Dich gewißlich zu keinem Thore hineingelassen, weil Deine Toilette recht gräulich verwahrlost gewesen …‘

‚Was, in Coburg?‘ fragte ich erstaunt.

‚Jawohl,‘ erwiderte Musäus, ‚aber das hatte mit meinem Exterieur gar nichts zu schaffen. Ich will’s Ihnen kurz erzählen. Ich spazierte über den Thüringerwald und fuhr dann mit der Post nach Coburg, um dort mit einem Freund zusammenzutreffen. Am andern Morgen will ich mir die nächste Umgebung der Stadt besehen. Ich wandele zum ersten besten Thore hinaus und frage die Schildwache nach dem Weg, um bei einem andern Thore wieder hereinzukommen. An diesem andern Thore verweigert man mir aber den Einlaß, weil ich zum Spazierengehen keinen Paß mitgenommen. Ich muß zu dem Thore zurückkehren, zu dem ich herausgegangen bin. Dort ist währenddeß die Schildwache abgelöst und der neue Mann läßt mich ohne Paß auch hier nicht wieder ein. Ich erhalte schließlich die Weisung, mich an das Thor zu begeben, zu dem ich gestern Abend hereingefahren sei. Das war ungefähr das entgegengesetzte Ende der Stadt, und ich hatte nun Gelegenheit, viel freie Natur zu genießen, wenn ich nicht fast ärgerlich geworden wäre. Aber selbst an diesem dritten Thore wollte Niemand mich hereinfahren gesehen haben, ich stand wie für immer herausgesperrt da, bis nach etwa einer Stunde ein Soldat dort auf die Wache kam, der meine richtige Hineinfuhr bezeugte. Und so ging mir denn endlich dieses Thor auf.‘

Das Abenteuer erregte natürlich allgemeine Heiterkeit. ‚Ja, ja,‘ bemerkte die Frau Professorin, ‚Se. Excellenz der Herr Geheimerath von Goethe haben sich halbtodt darüber gelacht.‘[2]

‚Hätt’ es gar nicht nöthig gehabt,‘ scherzte Musäus, ‚das könnte dem Fremden hier ebenso geschehen. Muß doch Jedermann, der durch ein Thor zu Wagen ein- oder auspassirt, auch wenn es ein geborenes Weimarer Kind ist, dem Thorschreiber Namen und Stand angeben, damit es dem Herzog gemeldet werden kann. Sogar der Herr Minister steigen deshalb gewöhnlich mit Frau von Stein vor dem Thore aus und ein, damit nicht alle diese Spazierfahrten zur höchsten Kenntniß kommen.‘

‚Aber sonst,‘ bemerkte ich, ‚soll doch der Hof mit den Herren Gelehrten sehr gut stehen, besonders seitdem Herr von Goethe das fürstliche Privattheater eingerichtet.‘

‚Man hat schon vor Goethe’s Ankunft bei Hof Komödie [232] gespielt,‘ erwiderte Musäus, ‚durch Goethe ist natürlich das Alles erst in höheren Flor gekommen, wie ich ganz genau weiß, denn ich spiele sehr häufig selbst mit.‘

‚Jawohl, und man giebt ihm immer solche Rollen, die dem Charakter seines alten grauen Rockes entsprechen –‘ fügte die Frau Professorin hinzu, erntete dafür aber einen so komischen strafenden Blick des Gemahls, daß sie ihm begütigend die Wangen streichelte und, wie um aus der Schußlinie seiner Antwort zu kommen, den Knaben einen Stuhl zum Fenster rückte, wo sie, nach der Mahlzeit, sich an der Ausschau erlustirten. – Musäus hatte währenddeß die Gläser frisch gefüllt und stieß mit mir an auf sein liebes Jena. Damit erwachten viele schöne Erinnerungen an seine Studentenjahre, die er so ergötzlich erzählte, daß ich in dieser Stunde meiner eigenen Jugend froher ward, als ich’s meine ganze Zeit in Jena gewesen. Und wie freute sich die Frau Professorin über jede Lust, die ihr lieber Mann genossen! Das gefiel mir besonders wohl. Da erschallte plötzlich mitten in unserer Unterhaltung Karl’s Stimmchen zum Fenster hinaus: ‚Rippler, Rippler, rau, rau, rau!‘

‚Oho, mein alter Tambour, mein Märchenerzähler geht vorüber,‘ rief Musäus. ‚Und Du, Karlchen, verspottest ihn auch, wie die bösen Jungen auf der Gasse? Ei, ei! Geschwind trage ihm einen Groschen hinunter! Dem Mann bin ich viel Dank schuldig, er hat mir manchen guten Stoff für meine Volksmärchen geliefert, nicht wahr, liebe Frau?‘

‚Ja, Herr, das muß wahr sein. Freilich hat er mir manchmal die Stube arg verpestet mit seinem schlechten Tabak, aber seitdem mein Musäus seine Volksmärchen schreibt, ist’s um Vieles besser mit uns geworden. Winke mir nur nicht ab, jetzt bin ich daran. Ja, lieber Herr, Sie glauben nicht, wie mein Musäus und ich uns einschränken und abplagen mußten in unserer ersten Zeit. Wie manche liebe Nacht arbeitete mein armer Mann an Gelegenheitsgedichten herum und gab Unterrichtsstunden, so viel nur der Tag Zeit dazu ließ, um dem Haushalt aufzuhelfen, und ich arbeitete fast nicht weniger, um von Kostgängern einen kleinen Gewinn zu ziehen und damit der Schmalhans nicht allein Küchenmeister bei uns würde. Fast alle seine Reisen nach Jena und Gotha und selbst noch weiter hat damals mein Musäus zu Fuße machen müssen, weil ihm das Fahren zu theuer war; und von Gotha hat er sogar dem Karlchen ein Steckenpferd mit heimgetragen den langen Weg bis Weimar. Und Kleider und Leibwäsche wollten auch besorgt sein, besonders wegen der Hoffestlichkeiten. Wie manchmal kamen wir von dem Glanz und der Herrlichkeit des fürstlichen Privattheaters von Tieffurt oder Ettersburg, und fanden daheim die liebe Noth, wenn es auf das Monatsende losging oder alle Gröschlein für den Hauszins gespart werden mußten. Laß mich nur gar ausplaudern, lieber Musäus, die Wahrheit macht uns keine Schande. Ja, seitdem mein Mann die Volksmärchen zu schreiben angefangen, ist auch das äußere Glück bei uns eingekehrt. Anfangs verstand ich’s freilich nicht und war manchmal ärgerlich, wenn er oft Kinder von der Straße und alte Weiber mit nach Hause brachte, die ihm Märchen erzählen mußten, und er bezahlte jedes Märchen mit einem Dreier.[3] Wie aber das erste Bändchen gedruckt war, ging mir erst ein Licht über die Sache auf. Denken Sie nur, drüben im Gärtchen auf dem Tisch lagen schon einmal achtundsechszig harte Thaler Honorar auf einmal von dem Herrn Commissionsrath Ettinger in Gotha, und ein andermal siebenzehn und ein halber Louisd’or vom schönsten Gold, und wieder einmal kommt der Herr Commissionsrath da zur Thür herein und sagt: ‚Frau Professorin, bringen Sie mir einen Topf aus der Küche, er braucht nicht ganz klein zu sein.‘ Ich wundere mich zwar über den Einfall, stelle ihm aber doch ungefähr ein Zweimaßtöpflein auf den Tisch. Er aber zieht nun aus allen Taschen so viel silberne Münzen hervor, daß der Topf beinahe voll geworden wäre. Und das Alles hatte mein braver Musäus mit seinem Fleiß verdient! Sie glauben nicht, wie das eine Frau glücklich macht!‘

Und dabei reichte sie ihrem Gatten die Hand hin. Aus Musäus’ Augen schimmerte es wie emporquellende Rührung. ‚Jetzt ist’s die schönste Zeit, daß Du gehst,‘ dachte ich da, erhob mich rasch, ließ mich auch durch kein Bitten rühren, auch nicht durch die Einladung für den Nachmittag in den Garten binden, und ging als ein Mensch, der um eine schöne Erinnerung für sein ganzes Leben reicher geworden, nach Jena wieder hinüber.

Wenige Jahre später las ich die Nachricht vom allzufrühen Tod des herrlichen Mannes. Als ich später sein Bild bekam, hatte ich zwei stille Festtage im Jahre mehr. Jeden 29. März, dem Tage, wo er 1735 in Jena geboren war, erhält das Bild seinen grünen Kranz, und jeden 28. October, wo er 1787 in Weimar starb, seinen schwarzen Flor. Wenn ich einmal sterbe, so vermache ich Dir, Fritz, das Bild, dazu aber auch die Verpflichtung, es, wie ich, zur stillen Familienfeier eines der edelsten Familienmenschen mit Kranz und Flor zu schmücken.“

Das ist des Großvaters Erzählung. Er ist nun auch schon lange todt, aber sein Vermächtniß wird noch heute in Ehren gehalten.

Friedrich Hofmann.




Photographien aus dem Reichstag.
II.


Im Weißen Saale des Königsschlosses spielte sich nur die effectvolle Eröffnungsscene des Norddeutschen Reichstages ab, der eigentliche Schauplatz von dessen Wirksamkeit liegt anderswo. Dahin wenden wir uns jetzt. Da Ihr eigentlicher Reichstagsschilderer noch immer durch seine Parlamentsgeschäfte in der Fortsetzung der begonnenen Skizzen verhindert wird, so gestatten Sie mir wohl, daß ich einstweilen Ihre Leser in das „Haus“ einführe.

Mit einem Gefühl, welches mit gewöhnlicher Neugierde nichts zu thun hat, interessiren wir uns für die Männer, in deren Händen das Geschick Deutschlands liegt, und betreten die Räume, in denen das Norddeutsche Parlament seine so bedeutungsvollen Sitzungen hält. Das stattliche Gebäude in der Leipziger Straße Nummer drei, wohin wir uns begeben, entspricht nicht ganz den Vorstellungen eines Versammlungshauses für die Vertreter des deutschen Volkes, da es nur provisorisch zu diesem Zweck benutzt wird. Die äußere Façade erinnert an die überwundene Zopfperiode, obgleich die Geschmacklosigkeiten derselben entweder glücklich vermieden, oder durch spätere Restauration beseitigt worden sind. In den innern Räumen befinden sich die verschiedenen Bureaux und der mäßig große Sitzungssaal, in dem bis vor Kurzem das preußische Herrenhaus getagt oder vielmehr – genachtet hat.

Die Wände sind schmucklos, pompejanisch-roth gestrichen, die Decke ist in Felder getheilt, mit einfachen Rosetten von Stuck geziert, der Raum beschränkt, die Beleuchtung gerade ausreichend, dagegen die Ventilation mangelhaft, so daß bald eine drückende Schwüle, bald eine rheumaerzeugende Zugluft herrscht. An drei Seiten befinden sich die Tribünen für das Publicum und die Logen für den Hof und die Diplomatie. Einige niedrige Stufen führen zu einer Nische, die von einem gewölbten Bogen gebildet wird und gleichsam wie in der Kirche das Allerheiligste repräsentirt. Hier befindet sich der Präsidentenstuhl und das Bureau für die Beisitzer, die sehr beschränkte und darum unbequeme Rednerbühne, daneben der Tisch für die Stenographen. Zu beiden Seiten sitzen auf erhöhten Stühlen die Bundes-Commissarien an grünen Tischen. Der ganze übrige Saal wird von den Reichstagsmitgliedern eingenommen und zwar in der gewohnten Weise, daß die conservative Partei die rechten, die liberale mit ihren verschiedenen Fractionen die linken Bänke behauptet, während die Annectirten und Bundesgenossen sich auf den hintersten Plätzen niederlassen.

Bevor die Sitzung beginnt, sind bereits die Tribünen für das Publicum dermaßen überfüllt, daß man nur mit größter Mühe einen Platz erhalten kann. Die Mehrzahl muß den Verhandlungen stehend beiwohnen, da der Raum nicht auf eine so große Zuhörermenge berechnet ist. Die Debatten des sonst hier ansässigen Herrenhauses waren so wenig verlockend und so selten [233] besucht, daß, wie der Berliner Witz behauptet, sich hier nur Liebende zum Rendezvous einstellten, weil sie sich vor jeder Störung sicher fühlten. Das ist jetzt anders geworden und der Andrang so stark, daß nur wenig Begünstigte ein Billet erlangen und von den mehr als sechshunderttausend Einwohnern, welche Berlin zählt, kaum zweihundert das Glück genießen, die Vertreter der deutschen Nation zu hören und zu sehen. Dieser Uebelstand ist um so beklagenswerther, weil die stenographischen Berichte nur ausnahmsweise in die Hände des Publicums gelangen, die Mittheilungen der Zeitungen aber blos ein verstümmeltes Bild geben und das gedruckte Wort niemals die gesprochene Rede in ihrer lebendigen Unmittelbarkeit zu ersetzen vermag. Die Zuhörer selbst gewähren ein interessantes Bild und bieten dem Beobachter hinlängliche Gelegenheit, die politischen Strömungen und die öffentliche Meinung kennen zu lernen. Hier sitzt ein wohlgesinnter, für Bismarck schwärmender Landjunker neben einem entschiedenen Demokraten, dort ein neugieriger Fremder, der seinen aufmerksamen Nachbar durch fortwährende Fragen nach den hervorragendsten parlamentarischen Größen stört, Freunde und Landsleute eines Deputirten, welche auf den Augenblick lauern, wo der Cicero ihres Kreises das Wort ergreifen und einen Triumph feiern wird, von dem sie in der Heimath erzählen können. Auch das weibliche Geschlecht ist hier vertreten und man muß in der That die Ausdauer bewundern, mit welcher diese Damen oft mehrere Stunden die drückende Hitze und das Gedränge ertragen. Bei wichtigen Verhandlungen und entscheidenden Abstimmungen nehmen die Tribünen lebhaft Theil, die gespannten Gesichter, die bald hoffnungsvollen, bald getäuschten Physiognomien, die unwillkürlichen Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung verrathen hinlänglich die innere Erregung und man kann darnach leicht auf das politische Glaubensbekenntniß der Einzelnen schließen.

Minder besucht ist die Diplomaten-Loge, wo man nur selten einen fremden Gesandten, einen höheren Officier oder einen jungen Attaché in untadliger Toilette und gelben Glacéhandschuhen sieht. Dagegen ist die sonst verlassene Hofloge fast immer angefüllt. Nur selten fehlt der Kronprinz, der mit großer Aufmerksamkeit der Debatte zu folgen scheint und meist von Anfang bis zum Ende den Sitzungen beiwohnt. Schwerlich wird ein Fremder in dem bescheidenen jugendlichen Officier mit den wohlwollenden, angenehmen, aber keineswegs imponirenden Zügen den tüchtigen Feldherrn und preußischen Thronfolger ahnen; eben so wenig wie in der anmuthigen, zwar elegant, aber einfach gekleideten Dame an seiner Seite die beliebte Kronprinzessin Victoria. Beide tauschen von Zeit zu Zeit einen Blick des Einverständnisses, ein vertrauliches Lächeln, wodurch sie ihr Interesse an den Verhandlungen verrathen. Auch der Prinz und die Prinzessin Karl von Preußen sind eifrige Besucher des Norddeutschen Parlaments, das jedenfalls sich in den hohen und höchsten Kreisen einer größeren Gunst zu erfreuen scheint als das preußische Abgeordnetenhaus. Von fürstlichen Gästen sieht man hier zuweilen die Großherzoge von Weimar und von Baden, von denen besonders der Letztere einen überaus guten Eindruck durch sein schlichtes, freundliches Wesen macht. – Gegenüber der Tribüne befindet sich die Journalisten-Loge, wo die Vertreter der Presse, darunter manche bekannte und interessante Persönlichkeit, mit der Feder in der Hand die Verhandlungen nachschreiben und redigiren; eine Arbeit, deren Schwierigkeit und anstrengende Mühe gewiß nur wenig Zeitungsleser ahnen, abgesehen von der damit verbundenen Gefahr, da selbst die wortgetreue Veröffentlichung der gehaltenen Reden nicht vor Verfolgung und Strafe schützt.

Unterdeß haben sich die Mitglieder des Reichstags allmählich zu der bevorstehenden Sitzung eingefunden, zum Theil ihre Plätze eingenommen, zum Theil verschiedene Gruppen gebildet. In der vordersten Reihe bemerkt man auf der rechten Seite des Hauses einige höhere Officiere in ihren Uniformen. Der Jüngste von ihnen, eine kräftige Gestalt mit einer offenen soldatischen Physiognomie, den dunklen Schnurrbart in die Höhe gedreht, in kleidsamer blauer Husarenjacke ist der Prinz Friedrich Karl, der siegreiche Feldherr in den Kriegen gegen Dänemark und Oesterreich. Mit militärischer Gewissenhaftigkeit übt er die Pflichten eines Deputirten und obgleich er meist mit der Rechten stimmt; bewahrt er sich doch die vollkommene Freiheit seiner Meinung, indem er nicht selten, wie z. B. bei der Frage über die Zulassung des Abgeordneten Moritz Wiggers, seiner besseren Ueberzeugung ohne jede Parteirücksicht folgt. Dort der ältere General, eine schlanke, etwas vorgebeugte Gestalt, auf der ein geistig feiner Kopf mit schlichten, grauen Haaren ruht, ist der berühmte Stratege von Moltke. Sein kluges, von zahlreichen Falten und Fältchen durchfurchtes Gesicht, der forschende, bald beobachtende, bald nach innen gekehrte Blick verrathen combinirenden Verstand und tiefes Nachdenken, mehr den gelehrten, sinnenden Rechenmeister als den praktisch ausführenden Krieger. Sein Gegenbild ist der tapfere General von Steinmetz, eine echte Soldatennatur, wettergebräunt, fest, gedrungen, mit straffer Haltung, trotz des Alters und der silberweißen Haare jugendlich frisch, in seinen Bewegungen und in der ganzen Haltung der Repräsentant militärischer Disciplin und Tüchtigkeit, mit einem naiven Anstrich, der sich unwillkürlich auch bei der Ausübung seiner jetzigen ungewohnten parlamentarischen Functionen kund giebt. Zwischen diesen beiden Gegensätzen nimmt der General Vogel von Falckenstein eine vermittelnde Stellung ein, indem er in seiner ganzen ritterlichen Erscheinung mit energischer Thatkraft eine seinem Rang entsprechende höhere Bildung zu verbinden weiß. Von allen diesen gefeierten Feldherren haben bis jetzt nur Moltke und Falkenstein Proben ihrer Beredsamkeit abgelegt, die andern scheinen nach den vollbrachten Thaten das Wort zu verschmähen, obgleich die großen Führer des Alterthums, ein Themistokles und Cäsar, nicht nur auf den Schlachtfeldern durch das Schwert, sondern auch in den Volksversammlungen und im Staat durch ihren Geist glänzten.

Weit zahlreicher als der Militärstand ist die hohe Aristokratie vertreten, welche vorzugsweise auf den ersten Bänken der rechten Seite ein ansehnliches Contingent von Herzögen, Fürsten und Grafen liefert. Wenn schon dieselben bis auf wenige Ausnahmen zur conservativen Partei gehören, so ist doch die Zeit und besonders das Jahr 1866 auch an unseren „kleinen Herren“ nicht spurlos vorübergegangen. Auch in ihren Ansichten und in ihrer politischen Stellung ist eine mehr oder minder bedeutende Wandlung eingetreten und macht sich die Spaltung bemerkbar, von der eben so gut die Conservativen wie die Liberalen in Folge der letzten Ereignisse ergriffen worden sind. Durch diesen inneren Zersetzungsproceß ist die sogenannte freie conservative Fraction entstanden, welche ungefähr die Stellung der englischen Tories einzunehmen sucht, überzeugt, daß ein starres Festhalten an den feudalen Grundsätzen früher oder später den Untergang des Adels herbeiführen muß. An ihrer Spitze steht der Herzog von Ujest, dessen staatsmännisches Talent gerühmt wird. Derselbe ist ein eleganter Herr, eben so sicher im Parlament, wie im Salon und in der Gesellschaft, wo er manchen Triumph gefeiert haben soll. Sein Vater war der bekannte Fürst von Hohenlohe, ein großer Musikfreund, der auf seinen Gütern in Oberschlesien eine förmliche Colonie von Musikern gegründet hatte und eine ausgezeichnete Capelle unterhielt. Auf derselben Bank sitzt der Herzog von Ratibor, einer der liebenswürdigsten Cavaliere, Verehrer der Kunst und selbst talentvoller Maler, der mit geschickter Hand während der Sitzung die hervorragendsten Mitglieder des Reichstages treffend ähnlich porträtirt. Seine Schwester, eine Prinzessin von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, hat ihrem früheren Zeichenlehrer, dem talentvollen Hofmaler Lauchert, aus Neigung und mit Zustimmung ihres erlauchten Bruders die Hand gereicht. Eine gleiche politische Richtung wie die beiden Genannten vertreten noch die Grafen Bethusy-Huc und Renard, dessen volles rosiges Gesicht einen höchst behaglichen Eindruck macht. Auch diese Herren scheinen den Spruch zu beherzigen, daß Reden Silber, Schweigen Gold sei, nur Graf Bethusy macht zuweilen eine Ausnahme, obgleich er keineswegs durch rhetorisches Talent sich auszeichnet.

Der Führer dagegen der streng conservativen Fraction ist Graf Eberhard von Stolberg-Wernigerode, der sich als Commandeur und Kanzler des Johanniterordens in dem letzten Kriege wahrhafte Verdienste um die Pflege der Verwundeten auf den Schlachtfeldern und in den Lazarethen erworben hat. Die eigentliche Seele der Feudalen ist ein Bürgerlicher, der bekannte Geheimrath und frühere Redacteur der Kreuzzeitung, Herr Wagener. Derselbe wurde 1815 geboren, studirte in Berlin die Rechte und arbeitete unter dem reactionären Präsidenten Senfft von Pilsach bei der Regierung zu Frankfurt an der Oder an den Meliorationsanlagen. Als Consistorialassessor in Magdeburg wurde er durch das Ministerium Schwerin im Jahre 1848 zum Austritt aus dem Staatsdienst veranlaßt, worauf er die [234] Neue Preußische Zeitung gründete und mit eben so vielem Geist wie Geschick die feudalen Interessen vertrat, wobei er allerdings in der Wahl seiner Waffen nicht gerade allzu scrupulös und bedenklich war. Zum Lohn für seine mannigfachen, offenen und geheimen Dienste erhielt er bekanntlich von der kleinen, aber mächtigen Partei das Rittergut Dummerwitz zum Geschenk. Nach seinem Rücktritt von der Redaction wurde er später unter dem Ministerium Bismarck zum vortragenden Rath ernannt. Als Redner zeigt Herr Wagener eine rücksichtslose Dreistigkeit, die selbst bei seinen Gesinnungsgenossen zuweilen Anstoß erregt. Sein fließender Vortrag hat jedoch etwas Monotones, Trockenes, wie seine ganze knöcherne und wenig sympathische Gestalt, doch müssen selbst seine Gegner seinen scharfen Verstand anerkennen. In seinen Ausdrücken ist er nicht besonders wählerisch und seine Bilder sind nicht eben glücklich und geschmackvoll, so wenn er von der „Vollblutstute Germania“ spricht, oder die Verfassung „nicht eine Parlaments-, sondern eine Regimentstochter“ nennt. Von allen Conservativen hat er der socialen Frage die größte Aufmerksamkeit geschenkt und sich vielfach den Arbeitern genähert, um aus einer solchen gefährlichen Verbindung politisches Capital zu machen und die ihm verhaßte Bourgeoisie einzuschüchtern. Jedenfalls ist Herr Wagener seit dem Tode Stahl’s, mit dem er sich jedoch in keiner Weise vergleichen läßt, das bedeutendste Mitglied seiner Partei und ein durchaus nicht zu unterschätzender Gegner, da es ihm weder an politischer Begabung noch an energischer Kühnheit fehlt. Auf derselben Seite sieht man noch den Fürsten von Pleß, einen der reichsten Grundbesitzer Schlesiens, und den Fürsten Lichnowsky, den Bruder jenes abenteuerlichen, aber genialen Felix Lichnowsky, den ein tragisches Geschick bei dem Volksaufstande in Frankfurt am Main ereilte. Die Aehnlichkeit zwischen Beiden scheint mehr eine äußere als innere zu sein und sich lediglich auf eine gewisse Lebenslust zu beschränken. Nicht unerwähnt darf unter den Conservativen Herr von Blankenburg bleiben, dessen Erscheinung und Beredsamkeit stets mit der gebührenden Heiterkeit begrüßt wird, obgleich sein Humor in letzter Zeit, seitdem er eine ministerielle Schwenkung gemacht, wesentlich gelitten hat. Auch Herr Hans Köster, der Dichter verschiedener unaufgeführter Dramen und Gatte einer einst berühmten Sängerin, geht mit der Rechten durch Dick und Dünn, während er durch seine pathetischen Reden eine unbewußte Komik entfaltet.

Im Ganzen erscheint jedoch die conservative Partei im Norddeutschen Parlament, wo sie die Majorität hat, minder schroff, weniger energisch und kampflustig, als im preußischen Herrenhause. Die Gewalt der Thatsachen und der unabweisbare Einfluß der Regierung hat die Principien erschüttert, die starren Consequenzen abgeschwächt und dem eigentlichen Junkerthum die Spitzen abgebrochen, so daß ihm eine unausbleibliche Krisis droht. Auch hier wiederholt sich das Schauspiel der Inconsequenz, der Schwankung und des Abfalls, welche die beginnende Auflösung, zugleich aber die Neubildung dieser Partei auf einer gänzlich veränderten Basis bedingen, wenn dieselbe nicht früher oder später ein klägliches Ende, trotz ihres vermeintlichen Sieges, nehmen will.

Das allgemeine directe Stimmrecht ist die täuschende Lorelei, welche das Junkerthum in den Abgrund zieht. Nicht ungestraft darf man selbst den Schein der Freiheit annehmen; sie rächt sich nicht nur an ihren Feinden, sondern auch an ihren falschen Freunden.




Ein Bauer als Dichter.


Durch die öffentlichen Blätter läuft seit dem Februar d. J. eine andeutende Nachricht von einem Bauer, der als Romandichter auftrete. Ein echter Bauer – als echter Dichter? unerhört! Aber die Sache ist richtig und so merkwürdig, daß sie durch das deutsche Weltblatt der deutschen Welt genauer mitgetheilt zu werden verdient. Der Unterzeichnete ist zufällig im Stande, genaue Auskunft zu geben, und freut sich es thun zu können, auf Wunsch des Herausgebers dieses Blattes, der damit meinem Wunsche entgegenkam. Mir ist, als müßte die deutsche Welt, die gerade jetzt, auch über die Meere hinweg, wohl so etwas wie das Gefühl Einer großen Familie gewinnt (oder gewinnen kann) – ein Gefühl, das keinem Volke länger abhanden gekommen war, als dem deutschen, und zu dem doch kein Volk mehr bestimmt scheint als das deutsche, falls es wahr ist, was man vom Gemüthe des Germanenstammes sagt – mir ist, als müßte die deutsche Welt daran Theil nehmen wie an einem nationalen Familienereigniß.

Die Nachricht kam von Leipzig, ich weiß nicht von wem, und von hier geht auch die Dichtung in Buchform aus, eben in diesen Tagen. Der Dichter aber, der Bauer wohnt weit von hier, fast in dem südwestlichsten Winkel des deutschen Bodens, der Linie nahe, wo die romanischen Laute und die romanische Art beginnen, in Vorarlberg. Und wirklich in einem Winkel wohnt er und ist geworden, was er ist, in einem der verstecktesten Alpenthäler, und zwar im hintersten Dorfe des Thales, in Schoppernau, bis wohin nicht einmal eine Fahrstraße führt; selbst dem 17. Jahrhundert wäre der Fahrweg nur ein schlechter Feldweg gewesen, den ich vor einigen Jahren da wanderte, als ich zufällig den Bauer-Dichter kennen lernen sollte. Er ist aus diesem Winkel eigentlich auch noch nicht herausgekommen, hat von der Welt außer seinen großartigen, aber engen Alpenthälern noch nichts gesehen als Bregenz und Lindau, von wo man über den blauen See hinausblickt in schwäbische, alemannische Land, wo im Hafen Dampfer einlaufen mit bairischer, würtembergischer, badischer, schweizerischer Flagge. Ja wie in aller Welt konnte in dieser Enge und Entlegenheit aus einem Bauer ein literarisch so weit durchgebildeter Mann werden?!

Er mag das nachher selbst erzählen, wie er mir’s in Kürze brieflich erzählt hat; es ist zugleich der denkbar glänzendste Beweis, welche – Wunder in unserer wunderbaren Zeit geschehen können durch die Druckpresse, den Buchhandel, die Eisenbahnen, welchen Samen sie säen können, wo der Boden dazu bereitet ist. Mich aber lasse der freundliche Leser zunächst von meiner erwähnten Wanderung etwas vorplaudern, die uns zu ihm führen wird.

Es war eine Erholungsreise, die mich im Juli 1863 dorthin führte. Mein Ziel war das Schoppernau nahe obere Allgäu, wo bei einer befreundeten Leipziger Familie, die sich dort eben eine Sommerfrische gegründet hatte, der eigentliche Aufenthalt sein sollte. Der Büchermensch aber wollte dabei doch auch ein Stückchen Alpenwelt mit eigenen Füßen schmecken und zwar ein möglichst leichtes; das mußte aber auch auf der Hinreise abgemacht werden, weil nachher das bevorstehende große Turnfest den Leipziger unerbittlich pünktlich zurückforderte, und so ließ mich der Zufall meinen Hinweg nicht durch die zwar anziehendern Tiroler Berge, sondern über den oberen Bodensee und durch den Bregenzer Wald legen, durch das Thal der Bregenzer Ach aufwärts, das auf der Karte zuletzt so hübsch gerade auf das äußere Walserthal im Allgäu stößt, durch das man dann nach Oberstorf niedersteigt; den großen Riegel der Allgäuer Alpenkette zwischen beiden sieht und spürt man ja auf dem Papier nicht so. Und wie der Zufall in freundlichster Gewogenheit mir den Plan machte, so schmückte er mir die Ausführung mit den angenehmsten Erlebnissen und Bekanntschaften, unterwegs vom Zaun gepflückt. So gleich von Lindau aus am schönsten Morgen den See entlang nach Bregenz (ein freundlichster Gruß nach Lindau auf diesem Wege mitgeschickt ist vielleicht verstattet vor Post und Verleger, und wenn der durchkommt, dann auch gleich einer nach Lingnau, Feldkirch, zwei nach St. Gallen).

Der erste Vorschmack von unsers Dichters Heimath kam mir in Schwarzach, durch einen Leitartikel der Feldkircher Zeitung, der das Glockenläuten bei Gewittern bekämpfte. Da war denn gleich zu empfinden, was geistig das Land bewegt, ein Kampf der neuen Zeit mit der alten, der mich im Gefühl um zwei oder mehr Jahrhunderte zurückversetzte. Ein mit Post anlangender Arzt aus dem Lande, der sich während dieser meiner Gedanken an mich anschloß, nahm, als er in mir den Norddeutschen merkte, so bald als möglich Gelegenheit zu der Erklärung, daß man sie, die Vorarlberger, und besonders die Bregenzerwälder, ja nicht mit den Tirolern verwechseln müsse. Man will eben von Tirol aus das Land geistig und geistlich umschaffen, tirolisch machen, was die maßgebenden Mächte dort unter Tirolisch verstehen – und die Natur wehrt sich tapfer dagegen, die Natur des Landes wie der Leute. Das Land neigt [235] mit seiner Gestaltung nach dem Rheinthal, dem Bodensee, der Schweiz hin und ist von Tirol durch hohe Pässe geschieden. Die Leute aber sind von ganz anderem Stamm, anderer Mundart, die Tiroler bairisch von Stammesart, die Vorarlberger alemannisch.

Doch zunächst zu meinem Arzte zurück. Wir reisten zusammen weiter, die Berge hinauf in’s Oberland; es wurden eine Reihe Grundfragen durchgesprochen in Ernst und Scherz, und aus Allem klang bei ihm eine wahre Sehnsucht nach dem geistigen Deutschland da draußen, eine jugendliche Begeisterung für das große Vaterland, das sie wie hinter einer hohen Mauer für sich liegen fühlen; „ein deutscher Bruder aus Sachsen“ stellte er mich mit ganz eigner Wärme in Alberschwende beim Abschied einem Bekannten vor.

Im ersten Nachtquartier der Wanderung, Bad Reute, saß ich Abends mit zwei Schweizern, die für morgen mit mir wandern wollten, beim Tirolerwein. Als Vierter saß bei uns der Wirth, der Arzt, selbst ein Landeskind, obwohl er mir mehr wie ein aus Norddeutschland draußen Eingewanderter vorkommen wollte (hielt er doch kurze preußische Zucht mit Zubetteschicken und Lichtauslöschen). Als er uns nach unserm Programme für morgen fragte und wir den Schrecken als Ziel nannten, machte er uns mit einer gewissen Wärme den Vorschlag, wenn wir in Schoppernau ein Viertelstündchen Zeit übrig hätten, im ersten Hause links am Wege vorzusprechen, da würden wir einen interessanten jungen Bauer finden, Namens Felder, von dem jetzt eine Dorfgeschichte gedruckt würde; ein in Wien drunten lebendes gelehrtes Landeskind nähme sich ihrer an, Dr. Jos. Bergmann, der sich die Correcturbogen zuschicken ließe. Der Arzt brachte das selber vor fast wie ein fröhliches Familienereigniß des Ländchens, und für uns war das ja ein Fund, der uns das Interesse an Land und Leuten ganz eigenthümlich vertiefte und für morgen eine hohe Freude in Aussicht stellte. Ein Bauer selbst, der aus dem Bauerleben Bilder schriebe! Das ist ja wohl noch nicht dagewesen. Der muß es ja am besten können!

Trotzdem wäre dieser Besuch morgen schwerlich zur Ausführung gekommen, da wir dann verspätet und erlebnißsatt an Schoppernau vorüber gingen; aber mein Reisefreund Zufall griff auch hier ein. Die angesammelte goldne Reisestimmung brach nämlich auf der letzten Station vorher beim Mittagsmahle zu ihrer Blüthe aus. Es war in Au, dem letzten größeren Dorfe des Thales. Wer konnte dafür, daß da die Wirthin im Rößle ein Mahl aufsetzte, wie man es hier nimmer vermuthen konnte, daß der goldige Gumpoldskirchner so trefflich dazu stimmte und die drei Geister und Gemüther tiefer aufschloß, als es daheim zu geschehen pflegt; dazu Citherspiel und Gesang aus Jungfrauenmund, die in Lust und Ernst wahrhaft ergreifend das tiefste Leben vollends in uns aufregten, das eben von der Wanderung so frisch und schön bereichert war – durchs Fenster blickte groß und ernst der Didamskopf herein ins ausgetäfelte Herrenstüble. Da war denn Naturgenuß und Culturgenuß im vollendetsten Gemisch; auch Culturhumor fehlte nicht, da z. B. der Wirth mich einmal fragte: das Leipzig läge wohl in Frankreich? Es war eben eine jener Stunden, wo sich eine „Stunde“ über drei, vier Stunden hinzieht – aber sie hätte uns ohne den guten Zufall um die Hauptsache gebracht. Als einer von uns an den Schoppernauer Dichter dachte und nach ihm fragte, da fand sich, daß er selbst schon da war, wie bestellt; es war zufällig Sonntag und er saß in der Bauernstube nebenan. Herein gebeten kam er denn, fast scheu beobachtend, mit seinem Bierglase an unsere schwelgerisch aussehende Tafel, eine schmächtige Gestalt, nicht in der echten Landestracht, ein junger Mann in der Mitte der Zwanzig, mit hoher Stirn und klar ernstem Gesichtsausdruck, die Spuren von schweren Geisteskämpfen, ja Leiden in den festen, hagern Zügen, durch die doch beim Sprechen ein eigner Humor spielte, wie auch aus der klaren, männlichen Stimme tiefer Ernst und selbstsicherer Humor zugleich herausklangen.

Was wir zusammen sprachen, was er sprach, ist mir freilich größtentheils entfallen über der Fülle von Erlebnissen, welche die Reise und das übrige Jahr brachten. Er machte gefragt Andeutungen über seine Dorfgeschichte, über seine Lectüre, wobei Gotthelf, Auerbach, Schiller genannt wurden. Auch die sociale und geistige Stellung des Bauernstandes wurde berührt. Aber der Zufall, der das so künstlich gefügt hatte, hätte wohl mit unserer Benutzung der Gelegenheit unzufrieden sein müssen; wir konnten freilich auch nicht ahnen, wer eigentlich vor uns saß in der schlichten Tracht und Haltung. Als ich dann aber von der Reise heim gekommen und das Buch erschienen war: Nümmamüllers und das Schwarzokaspale, ein Lebensbild aus dem Bregenzerwalde, von Franz Michael Felder. Lindau, Stettner 1863 – so wurde es alsbald gekauft, und als ich nach längerm Zaudern (der Titel zog mich nicht an) auch zum Lesen kam, ja da fand sich ganz etwas Anderes, als ich erwartet hatte. Nicht eine Art Nachbildung von Gotthelf’s Stil, wie mir vorschwebte, sondern etwas ganz Eigenes, Neues. Vor Allem hatte man den Eindruck, daß der Verfasser in naivster Weise schrieb (wie Schiller das Wort naiv braucht), gar nicht an Leser dachte, am wenigsten an norddeutsche oder Romanleser vom Fach, höchstens an seine Landsleute, für die beiläufige Winke darin stehen, wie sie besser leben könnten als bisher. Dabei machte das Erzählte den Eindruck der vollsten Wahrheit oder Wirklichkeit in einer Weise, daß mir immer wieder das Gefühl kam: das kann ja gar nicht erfunden sein! Das Schwarzokaspale muß der Dichter selber sein! Beschlich mich doch dabei der Gedanke, der Dichter könne eigentlich keine zweite Geschichte wieder so schreiben, weil er so wahrheitsvoll nur eine haben könne, seine eigene. Die Geschichte selbst ist von der höchsten Einfachheit, eigentliche Verwickelung fehlt gänzlich, die Erzählung geht gleichmäßig fort, fast wie ein Gebirgsbach über mäßiges Steingerölle dahin plätschert. Und doch war ich davon ganz eigenthümlich innerlich entzückt, und nicht nur ich, auch Freunde und Bekannte, bei denen ich eifrig für Lesen des hier wie sonst wenig beachteten Buches warb, allerdings doch nicht alle, es fanden’s auch welche gar zu einfach.

Da ich nun zufällig zugleich bei der Fortsetzung des Grimmschen Wörterbuchs betheiligt bin und das Buch von schönen Belegstellen zu lexicographischem Gebrauch voll war, so machte ich Auszüge für das deutsche Wörterbuch. Und als der Fall das erste Mal vorkam, daß ich Stellen brauchen konnte, zufällig gleich fünf auf einer Seite (Band 5, Spalte 490), so fügte es der Zufall weiter, daß Felder dabei dicht neben Schiller zu stehen kam. Das sollte der gute Bauer sehen! fiel mir ein, als ich das vor mir sah. Ja, laß es ihn doch sehen! antwortete es in mir. Und ich schickte ihm den Bogen unter Kreuzband, zweifelnd ob das Blatt sich wirklich dort hinter finden würde in den Thalwinkel. Es erfolgte auch lange nichts darauf, ich hatte es schon vergessen. Da auf einmal, im März vorigen Jahres, kam folgender Brief an mich, der auf einmal helles Licht brachte. Ich ändere außer einigen Weglassungen gar nichts daran, und damit das der Leser sicher fühle, auch nicht an der Orthographie; wegen der Fehler, die dadurch stehen bleiben (wenn es Setzer und Corrector übers Gewissen bringen ihre Pflicht einmal zu verletzen), kann ich wohl den Leser und Freund Feldern mit der Erklärung beruhigen, die ich als Philolog hiermit abgebe, ich möchte sagen auf Amtseid: daß diese Fehler geschichtlich genommen sämmtlich keine Fehler sind, sondern Reste älterer Schreibweisen, die in frühern Jahrhunderten einmal Mode und Regel waren, im 18., 16., ja im 14. (z. B. das k für ck).

„Verehrtester Herr H.! Schon oft gedachte das Bregenzerwälder Bäuerlein der schönen Stunde, in der es das Glück hatte Sie in Au anzutreffen. Doch würde es wol nie gewagt haben, sich brieflich an Sie zu wenden, hätte nicht Ihre gütige Zusendung vom Juli v. J. ihm Muth gemacht, ja es aufgefordert, Ihnen für diesen werthen Beweis Ihrer Theilnahme recht herzlich zu danken.

Ich arbeitete nun noch mit mehr Lust als vorher. Ich benützte jeden Augenblick, den mir die Feldarbeit frei ließ, für meine Lieblingsbeschäftigung. Ich wünschte mit meinem „Bregenzerwälder Lebens- und Charakterbild aus neuester Zeit“ recht bald fertig zu werden, um Ihnen dasselbe mit der Antwort zu übersenden.

Villeicht hab ich mich zu sehr angestrengt, habe dem von der Bauernarbeit ermüdeten Körper zu wenig Ruhe gegönnt. – Ich wurde krank und meine Feder blieb länger als ein Vierteljahr unberührt liegen.

Jetzt, während es draußen stürmt und tost, sucht sich jeder auf seine Weise die Zeit zu verkürzen. Jetzt kann ich zuweilen ganze Tage am Schreibtische sitzen, und da erwacht dann wieder der alte Wunsch, der Welt ein Wenig von meiner lieben Heimath zu erzählen.

[236] In der hiesigen Schule erhielt ich vor vierzehn Jahren erbärmlich Ohrfeigen, weil ich regelmäßig eine „Schoppernauer Schulzeitung“ schrieb, die dann zuweilen im halben Dorfe herumkam. Doch auch das hat mich nicht heilen können von meiner „wunderlichen Sucht“, jetzt, nachdem die Blätter für literarische Unterhaltung den Wunsch aussprachen, daß ich auf dem glücklich betrettenen Wege tüchtig vorwärts schreiten … möge, hab ich erst recht zu lernen, zu arbeiten und zu – leben angefangen …

Mit dem Schwarzokaspale hat dieses [das neue] Werk sehr wenig Aehnlichkeit, und doch könnte man es in gewissem Sinn eine Fortsetzung des Ersteren nennen: dort sehen wir einen armen Burschen emporkommen, hier haben wir einen Emporgekommenen, der nun Fortschritt und Freiheit predigt, einen s. g. Freimaurer, der „schlechte Grundsätze aus der bösen Welt hereinbrachte“ und sich nun bei den altgläubigen Aermeren sowohl als bei den besitzstolzen Reichern verfeindet macht.

Die Wege in unser abgeschlossenes Thal werden von Jahr zu Jahr besser; immer näher heran braust das Dampfroß und immer lauter klopft der Zeitgeist an. „Herein!“ rufen einige, „draußen bleiben!“ schreien viele. Der Geist scheint sich denn auf Augenblicke zu entfernen, der alte Friede aber kehrt nicht mehr zurük. Was einmal in der Luft ligt, findet seinen Weg auch über die Berge.

Die Hauptpersonen meiner Erzählung sind keine Dorfgeschichthelden, keine Tolpatsche … sondern es sind ganze Gemüthsmenschen oder kluge Köpfe die mit Gott und der Welt handeln und schachern. Und warum nicht? Der Pfarrer kennt seine Leute und richtet seinen Unterricht für sie zurecht, wobei es ihm denn freilich zuweilen passirt, daß er durch Belzebub den Teufel austreiben will.“

Folgt die ausgesprochene Besorgniß, dort zu Lande einen Verleger zu finden für das Werk, „welches unser Völklein nicht nur im Processionsschmuck, sondern auch in seiner Alltäglichkeit darstellt und errathen läßt, warum der so talentvolle Bregenzerwälder bei Weitem nicht das wird, wozu er das Zeug hätte. Ihre werthe Zusendung hat mir den Muth gegeben, mich vertrauensvoll an Sie zu wenden mit der Bitte: Wenn Sie glauben sollten, daß meine Arbeit es verdient, mir, dem Nahmen und Freundlosen zu rathen und zu helfen. Wohl kenne ich den Nahmen manches tüchtigen Verlegers, aber ich fürchte, daß z. B. Herr … in Leipzig u. A. die Arbeit des Bäuerleins ungeprüft zurükschiken würden. Ich lebe recht glücklich als Bauer, und nur das ärgert mich, daß wenigstens hier herum der Bauer gar keinen Theil haben soll an den Errungenschaften der Civilisation, daß er überall schon zum Voraus abgewiesen wird. Oft hat mich das so geärgert, daß ich selbst kaum begreife, warum die schrundenvolle arbeitsmüde Hand nicht schon längst Buch und Feder wegwarf. Doch das geht mir nicht so leicht als vielen meiner Landsleute! Wem sollte ich hier meine Gedanken mittheilen als meiner lieben Frau und dem Papir.

Welchen Werth mein neues Werk als Dichtung hat, können Andere besser beurtheilen, ich glaube es einen nicht ganz werthlosen Beitrag zur deutschen Völkerkunde nennen zu dürfen. … Eine Antwort von Ihnen würde mich sehr sehr glücklich machen. Auch dann, wenn Sie dem Bäuerlein zurufen sollten: Schuster bleib beim Leisten. Der von Glück und Freunden Umgebene ahnt nicht, wie gern unser Einer die Hand erfaßte, die sich ihm freundschaftlich entgegenstrekt; doch Sie werden meine Kühnheit entschuldigen und werden mir wenigstens rathen, wenn ich Ihre Hülfe nicht verdienen sollte.

Doch ich habe schon zu lange Ihre theure Zeit in Anspruch genommen! Mit den herzlichsten Grüßen an Sie – und – wage ich beizusetzen, an die vielen mir Theuren in Leipzig, die ich aus ihren Schriften kennen und schätzen lernte.

Hochachtungsvoll ergebenst               
Ihr um Antwort bittender          
Franz M. Felder
     in Schoppernau, Post Bezau, Vorarlberg.“

Ich denke, der Leser wird es nach allem Vorigen nicht unbegreiflich finden, wenn ich sage, daß mir der Brief ein Herzensfest war, wie nur einer eins erleben kann. Aber auch das war klar: dem Bäuerlein mußte Hülfe werden um jeden Preis. Alle meine Freunde und Bekannten, denen ich den Brief vorlas, bestätigten mich in meiner Empfindung, und auch die nächste Hülfe war rasch gefunden. Tags darauf konnte ich nach Schoppernau schreiben, daß der erste Verleger, zu dem ich begreiflicher Weise ging, Hr. Dr. S. Hirzel, zum Verlag sich von freien Stücken erbot, nur bewogen durch das Vorlesen des Briefes. So kommt es, daß Felders „Sonderlinge“, so heißt das neue Buch, von Leipzig aus in die deutsche Welt gehen, eine Erzählung eines unbekannten süddeutschen Bauers aus einem norddeutschen Verlag, der hauptsächlich nur der strengen Wissenschaft dient. Nur der Krieg hat den Druck um ein halbes Jahr verzögert.

Aber die Hauptfrage des Lesers ist noch übrig: wie konnte denn ein solcher Bauer in einem solchen Orte solche Bildung erwerben? Darauf giebt Felders zweiter Brief an mich einige Auskunft, den ich gleichfalls, doch mit größeren Lücken, dem Leser nicht vorenthalten darf; er zeigt den Dichter überraschend noch von einer ganz andern Seite. Er schrieb am 22. März 1866:

„Der 18. März, der Tag an dem ich Ihren so erfreulichen Brief erhielt, ist einer der schönsten meines ganzen Lebens! … Leichter jedenfalls wird mir nun Alles werden, nachdem Sie mir so freundschaftlich die Hand reichten. … Glauben Sie mir: Jubelnd reichen mit mir noch viele Vorarlberger Ihnen im Norden die Hand über alle Schlagbäume hinüber. Schon bevor das Banknotenunwesen unser Völklein, das mit dem „Ausland“ (Deutschland) lebhafter verkehrt als mit dem Kaiserstaat, arm und mißtrauisch machte, hieng der Bregenzerwälder mit Leib und Seele an Deutschland und es ist ihm fast unmöglich, gewisse Heldenthaten unserer Nachbarn der Tiroler, zu denen man uns so gerne zählt, zu begreifen.

Meine Freude über Ihren Brief haben die Meinen und einige Freunde, biedere herzgute Bregenzerwäldler Bauern und Handwerker, mit mir getheilt. Gelehrte und studirte Freunde hab ich nicht auser einem Bruder meiner Frau, einem Beamten den ich vor 5 Jahren kennen lernte. Sonst hat sich niemand um mich gekümmert als meine Gegner; niemand hat mich geleitet, nachdem ich einmal den Pfarrer auslachte, als der mich vor der Luft aus Norden warnte, „von der man so leicht den Schnupfen bekomme.“ Ich soll eben bei der Mistgabel bleiben, darüber sind unsere Studirten eins geworden. …

Ja das ist eben unser Elend, daß sie alle von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden uns von einander reißen, und diese auf künstliche Weise großgezogene Selbstsucht … ists eben, was ich in den Sonderlingen darzustellen suche. Der Schauplatz meiner Darstellung ist ein ungemein enger, der Grundgedanke des Werkchens aber ein deutscher. …… Ein Einzelner kann dagegen nichts ausrichten [gegen die bevormundende Trennung von oben], vor allem muß im Bauer der Geist der Gemeinsamkeit, des deutschen Genossenschaftswesens gewekt werden. Ich darf sagen daß ich da für unser Ländchen schon manches gethan habe, was auch anerkannt wird und nicht ganz fruchtlos bleiben zu sollen scheint. Obwohl ich mich hauptsächlich mit der s. g. schönen Literatur beschäftige, so bin ich doch überzeugt, daß es in Vorarlberg wenige gibt, die die Schriften der Schulzeschen und Lassaleschen Richtung, die von Liebig, Carey so fleißig lesen als ich. Auch ist meine kleine Bibliothek von einigen hundert Bänden Gemeingut der ganzen Gegend …

Sie wünschen etwas von meinem Lebens und Bildungsgang zu erfahren. …

Das Glück und der Friede meiner ersten Lebensjahre wurde sogar dadurch nicht gestört, daß ein Artzt mich in betrunkenem Zustand um das eine Auge brachte. Da kam das Jahr 48. Ich war damals 9 Jahre alt und hörte das erste Mal von Mord und Krieg erzählen. Selbst mein Vater, ein ächter Bauer, las jetzt eine Zeitung und mir wurde bald der wöchentlich einmal kommende Bothe [der aus Bezau von der Post Briefe und Zeitungen holt] wichtiger als die Oebstlerin.[4] Der Lärm verging bald – aber ich und der Vater waren nicht mehr die Alten. Wir hatten nun erfahren, daß hinterm Berge auch Leute wären. Halbe Nächte lasen wir um die Wette. Unsere Hausbibliothek enthielt eine 300jährige Legende, Leben und Thaten Schinderhannes, Genofeva und alte Kalender, wir entlehnten daher Altes und Neues, was wir nur auftreiben konnten.

[237]

Die Burg Wettin, das Stammschloß der sächsischen Fürsten.

[238] Wehmuthsvoll gedenke ich dieser schönen Abende, in denen wir die alten Heldensagen aus Volksbüchern mitsammen lasen, bis die Mutter uns zu Bette schikte. Ach, sie waren bald vorüber; am 13 Februar 49 starb der Vater am Schlagfluß und wurde als Leiche heimgebracht. Nachher hab ich nie mehr mit Kindern gespielt. Ich blieb daheim, half der Mutter arbeiten, da unsere Mittel uns nicht erlaubten, einen Knecht anzustellen. Mein einziger Zeitvertreib war und blieb das Lesen. Ich habe nie eine andere Schule besucht, als die zu Schoppernau, wo der Lehrer damals jährlich 70 Gulden „Lohn“ erhielt und im Sommer als Maurer und Anstreicher im Schweise des Angesichts sein Brot verdiente.

Im Jahre 53 erhielt ich eine Nummer des Dorfbarbirs, um ein Stücklein Seife einzuwikeln. Ich las das Blatt, bestellte es und wurde dann auf die Gartenlaube verwiesen. Diese hat mir zuerst von unseren Dichtern und Denkern erzählt. Im Jahre 57 bekam ich Lust, die damahls bei Kotta erscheinenden deutschen Classiker zu bestellen. Das Geld dazu hab ich mir mit Holzziehen, Schindelnmachen und als Ziegenfellhändler verdient. Aber je mehr ich nun lernte, desto weniger paßte ich in die Welt, in der ich leben mußte. O, viel Kraft hab ich gebraucht zum Widerstand gegen die vom Pfarrer und Vorsteher wider mich gestimmte öffentliche Meinung. … Ich wurde verbittert; als ich im Jahre 58 zum erstenmal nach Lindau kam und nun wieder in die enge Heimath zurük sollte, blickte ich wehmütig über den Bodensee und suchte – mit allerlei Gedanken die Stelle, wo er am tiefsten sein mochte.

Die Liebe hat mich gerettet und mit meinem Schicksal versöhnt. Ich lernte in Au ein Mädchen kennen, das von seinem Bruder mancherlei gelernt hatte, und das wie wenige fähig war mich zu verstehen und Freude und Leid mit mir zu theilen. Das Haus dieses Mädchens, in dem noch sieben Geschwister lebten, war der Sammelplatz aller jungen Leute. Man schertzte und lachte, ich wurde ganz ein Anderer und lernte die wakern Wälder wieder schätzen und lieben. Ich fing an, unsere Sprüchwörter und Redensarten zu sammeln. Ich schrieb ein kleines Wörterbuch und staunte dabei selbst über den Reichthum unserer Mundart,[5] ich dichtete einige „Volkslieder“, die jetzt hie und da gesungen werden, und meine Heimath wurde mir immer lieber. Das Schwarzokaspale schrieb ich wie vieles andere nicht zum Zwek der Veröffentlichung, erst der Bruder meiner Frau hat mir Muth dazu gemacht.

Seitdem lese ich so viel mir Zeit und Geldmittel erlauben. Hier muß ich leider sogar die Zeitungen alle selbst anschaffen … Die Augsburger Allgemeine Zeitung halte ich mit einem Wirthe in Bezau, die Blätter für literarische Unterhaltung, Roman-Zeitung u. s. w. aber muß ich alein halten [dem ist seitdem abgeholfen]. … Jetzt beziehe ich die ausländischen Classiker (von Meyer) da ich sie leider nur in Uebersetzungen lesen kann. … Entschuldigen Sie den durch Sie so Glücklichen, daß er es schon wieder wagte u. s. w.“

Ich muß mit Gewalt abbrechen, so reizt es mich zu Mittheilungen aus seinen weiteren Briefen, die zunehmen an Gehalt und neuerdings auch an Heiterkeit. Aber es ist genug, um ungefähr sehen zu lassen, daß in dem Leben dieses Bauern ein modernstes – Heldenleben vorliegt, an dem sich staunend zu weiden das deutsche Volk ein Anrecht hat, die gelehrte Hälfte wie die nicht gelehrte. Sein ganzes Heldenthum ist freilich hier noch nicht zu übersehen, noch nicht mit welchen inneren und äußeren Kämpfen und Nöthen er sich herausarbeiten mußte aus einer Tiefe und aus Hindernissen, worin und worunter hundert Andere in gleicher Lage zu Grunde gegangen wären und gewiß Mancher schon zu Grunde gegangen ist, wie er dabei sich selbst umgeschaffen hat aus einem bloß Denkenden, Träumenden, der Welt Abgewandten in einen frischen Mann der kühnen und zähen That, der seinen ganzen reichen Geist nun einsetzt nicht für die eigene Ehre, sondern tiefbescheiden zum Besten Aller in den Aufgaben des Augenblicks und der nächsten Nähe, wie er, kaum fertig mit jenen ungeheueren Aufgaben (ein Achtundzwanzigjähriger und Einäugiger!), schon kühn und umsichtig daran geht, auch seine Landsleute heraus und herauf zu ziehen aus geistiger, sittlicher und socialer Noth, wie er dazu kämpft mit den entgegenstrebenden Gewalten über und mitten unter der Gemeinde, zu ihrer Fortbildung eine Lesebibliothek gründet gegen den Willen des Pfarrers, und sie selbst belehrt, zur Hebung ihrer Selbstständigkeit und des Ertrags ihrer Arbeit das neue Genossenschaftswesen praktisch einführt in die Erwerbszweige seines Ländchens, an einer Viehversicherungsgesellschaft arbeitet, Versammlungen abhält, Statuten verfaßt, und neben allem dem das Feld[6] und die Kühe selbst besorgt, und über allem dem als Dichter vorwärts strebt, so daß ihm jetzt schon die „Sonderlinge“ als in dem und jenem fremd geworden erscheinen. Und welcher kaum glaubliche Fortschritt erscheint dem Schwarzokaspale gegenüber in den Sonderlingen! jenes ist ein Idyll, diese ein rechtes Drama, mit entschiedenstem Hereinklingen des erhabensten Tragischen; jenes ist ein Lebensbild aus seinem Ländchen, in diesen wächst aus dem localen Charakterbilde ein deutsches Zeitbild heraus, in dem brennende geistige, sittliche, gesellschaftliche Zeitfragen mit echter Dichterhand behandelt und im tiefsten Sinne gelöst werden. Etwas heitere Lebensfülle vermißt der Leser vielleicht hie und da darin – kein Wunder nach dem furchtbar bittern Ernste, der diese Seele erzogen hat. Und doch, wie sie schon im Schwarzokaspale oft in reizender Weise anklingt, so schreibt er mir von einer tiefinneren Heiterkeit, die man dem neuen Werke, das er unter der Hand hat, schon im Entwurfe anmerken werde; von ernster, gediegener Lebensfülle aber strotzen auch die „Sonderlinge“, und echter Humor klingt auch da vielfach an.

Wie ich es dem Geschicke danke, daß es mich diesen Mann hat lassen kennen lernen, so muß es, denk ich mir, Tausende erfreuen, von ihm zu erfahren und künftig an ihn denken zu helfen. Unsere Vorfahren waren des Glaubens, aus ihrer Vorzeit her, daß schon dies Denken an einen ihm helfe und nütze; das liegt uns noch jetzt dunkel gefühlt im Hintergrunde, wenn wir beim Abschied zu einem Freunde sagen: „Denk an mich!“ Solches Denken an einen wird selten besser angewandt worden sein, als hier. Auch der Verleger der Gartenlaube hat schon an ihn gedacht und hat ihn, erwärmt von nur wenigem, das in Folge meines Redens von ihm durch Hörensagen an ihn kam, als Mitarbeiter für dies Blatt gewonnen, und Felder meldet mir darauf mit Freude – was? „Ich werde nun die meinen etwas schwachen Körper allzusehr anstrengenden sogenannten Würgerarbeiten, Holzziehen u. dergl., einen Tagwerker verrichten lassen, da solche hier für sieben Ngr. leicht zu bekommen sind. Ich selbst habe früher für diesen Lohn allerlei gethan, nur um die Classiker und die Gartenlaube zu verdienen.“ – Aber auch wenn er das lebensgefährliche Holz- und Heuziehen von den Bergen herunter über Abgründe hinweg, die nur durch Lawinen ausgefüllt sind, nicht mehr selbst besorgt - daß ein Mann, der Gestalten schaffen kann wie in den Sonderlingen Franz, der Senn, Barthle, Mariann, den Tag über mit Milch und Mist zu thun hat, das – ist nicht in der Ordnung, so gern er es auch macht. Ich kann mir keine Seele wieder denken, an die das Reale und das Ideale in so furchtbar schroffem Gegensatze herantreten, Vermittelung verlangend. Freilich hat er die Kraft zu dieser schwersten Aufgabe, die einem Menschen werden kann, das zeigt sein Thun und Dichten, – aber gewiß, die Zukunft wird ihm die Arbeit leichter machen, daß die edle Kraft freier werde für die höheren Aufgaben.

Leipzig, Ende März 1867.
Dr. Rud. Hildebrand.




Eine Fürstenwiege.


„An der Saale kühlem Strande stehen Burgen stolz und hehr!“ singt Franz Kugler’s altes Studentenlied, das die prächtigen, weitbekannten Ruinen von Saaleck und Rudelsburg meint. Aber noch gar manches denkwürdige Schloß aus alter Reichszeit findet der Wanderer, der von der Merseburger Au saalabwärts schreitet durch die reiche Niederung der Braunkohlen, des Salzes [239] und des Zuckers. Und das geschichtlich berühmteste von allen erhebt sich dort jenseits auf einem niedrigen Hügelzug am rechten Ufer des hier breit und gemächlich hinfließenden Stroms, der vom Fichtelgebirg herab das schöne, sagenreiche, waldbekränzte Thüringen durcheilt. Allein nichts erinnert mehr an den prosaischen Gebäuden auf der Höhe dort drüben, daß sie die Wiege eines altberufenen Herrscherstammes gewesen sind, der zu Zeiten die Welt mit den Namen seiner Helden und Weisen erfüllte. Unscheinbar liegt es da, jenes Gehöft, das sich auf den Ringmauern einer ehedem „stolzen und hehren Burg“ erhebt, welcher freilich die Kühnheit der Lage, das Ländergebietende, gefehlt hat, das so viele Stammschlösser von Regentenhäusern auszeichnet. Nicht alle Adler indessen flogen aus der Wolkenhöhe zu Thal, viele siedelten sich auch an im bequemeren Neste der Ebene, oder höchstens nur um Ellen über dem Alltagsvolk erhöht, das ihnen tributpflichtig geworden war nach dem Gesetze des Stärkeren oder Klügeren.

Es ließe sich eine hübsche, deutsame Parallele schreiben von den Stammburgen der Herrscher; denen auf Felsengipfeln: Staufen, Habsburg, Zollern, Frauenberg (Würtemberg), Zähringen, Nassau, und den andern auf Hügeln oder im Flachland: Wittelsbach, Altorf (Guelfen), Nanzig (Lothringen), Oldenburg, Cassel und Mikilinborg – jene dort drüben stellt sich in die Mitte, dem Thale nah. Wie heißt sie? Der Landmann hat ihren Namen vergessen und erwidert auf die Frage: „Der Winkel!“ –„Und das Städtchen zu Füßen?“ – „Das ist Wettin an der Saale, wo das Bergamt ist und das Kohlenwerk.“ – Aber der vorübergehende Lehrer bleibt stehen und deutet hinüber: „Das ist das Stammschloß des Hauses Wettin, der Sachsenfürsten; und dort auf jenem Berge gen Osten, dessen mit Gebäuden gekrönter Gipfel im Sonnenstrahl weit hinausfunkelt über das flache Land, liegt ihre Stammgruft. Es ist der Lauterberg, aber von dem darauf erbauten Kloster zum heiligen Petrus längst der Petersberg genannt.“ Wenn man die Stadt Halle auf der Magdeburger Straße verlassen hat, dann erblickt man dicht westlich die Ruine einer dritten Burg der Wettiner: Giebichenstein. Vor allen deutschen Burgen gebührt ihr der Namen ‚Kerkerveste‘, in ihren Thürmen und Verließen waren gar stolze, hohe Herren verwahrt, Herzog Ernst von Schwaben, der Empörer gegen seinen Stiefvater, Kaiser Konrad den Zweiten; Gottfried der Bärtige von Lothringen, Gemahl der holdseligen Beatrice von Tuskien; Landgraf Ludwig von Thüringen, der Springer genannt, weil er der Gefangenschaft durch kühnen Sprung hinab in die Saale entrann, und der wilde Hans von Mannsfeld, der letzte Raubgraf in diesem dereinst im Stegreifthum so wohl bestellten Gau. Wer von dem Kegel des Petersbergs hinausblickt bis auf das Schlachtfeld von Leipzig, der übersieht ein schönes Stück Weltgeschichte!“

Zunächst aber doch die alte Grafschaft Wettin. Diese, den Kern der späteren Sachsenreiche bildend, mochte ungefähr acht bis neun Quadratmeilen umfassen, ihre Grenzen zogen sich von Halle nach Delitzsch, Bitterfeld, Zörbigk (Sorbenburg), Löbejün und Könnern; gen Westen stieß sie an die Grafschaft Mannsfeld. Der ganze Landstrich war, wie die Ortsnamen zum größten Theil noch heute verkünden, ehedem von Sorben und Wenden, slavischen Völkerschaften, bewohnt, welche jedoch früher vom Heidenthum bekehrt und germanisirt wurden, als ihre Brüder im Osten und Nordosten. Auch der Name „Wettin“ scheint ein slavischer zu sein, er klingt dem serbisch-bulgarischen]] „Widdin“ verwandt; ähnliche Ortsbezeichnungen finden sich genug in slavischen Ländern. Zum ersten Mal taucht er auf im zehnten Jahrhundert. Zwar hat beflissene Stammbaumsucht den alten Sachsenherzog Wittekind, den energischen Gegner Kaiser Karl’s des Großen, zum öfteren mit der Burg Wettin in Verbindung zu bringen gesucht, aber es ist ihr trotz des Gleichklangs nicht gelungen. So viel wissen wir aus alten Chroniken, daß Buzzo, ein Graf von Merseburg, und Sohn des tapferen Markgrafen Burghard von Thüringen, der im Jahre 908 bei Eisenach in wilder Schlacht den von den Sorben zu Hülfe gerufenen einbrechenden Ungarnhorden erlegen war, der Stammvater der Grafen von Wettin gewesen ist, als deren erster im Jahr 957 sein Enkel Dietrich auftritt, der verbürgt sichere Ahnherr der Dynastie.

Aber hinauf in den uralten Burgring. Zu sehen ist da oben nicht viel mehr, nur zu träumen. Die stolze Veste ist gebrochen und die Nützlichkeit steht breiten Fußes auf dem Schutt tausendjähriger Erinnerung. Kaum daß man noch die Spuren der einstigen Größe entdeckt. Man wird enttäuscht, wenn man ragende Thürme, verfallende Rittersäle, düstere Verließe erwartet; das Alles hat der Zahn der Zeit und die Hand des nachbessernden Geschlechts verwischt und begraben. In den meisten großen alten Schlössern umgab die mächtige Ringmauer gewöhnlich zwei Theile: den Hof mit dem Palas, den Kemenaten und Gaden, und den Berchfrit (Beffroy), die eigentliche wehrhafte Burg oder die Citadelle des Ganzen. So war es auch in Wettin. Ein ungewöhnlich fester und starker runder Thurm – seine Mauern hatten zwanzig Fuß Durchmesser – bildete den Kern des inneren Burghofs, der durch die Letze mit dem Zwinger verbunden war; er wurde abgebrochen im Jahr 1695 durch den damaligen Lehnsträger Eberhard Freiherrn von Dankelmann, früher Günstling, Oberpräsident und Minister Kurfürst Friedrich’s des Dritten von Brandenburg; zwei Jahre später war er in Ungnade gefallen und verlor das Burglehn – eine geheimnißvolle Geschichte! Schloß Wettin blieb im Besitz der Sachsenfürsten und deren Vettern, der Grafen von Brehna, nur bis zum Jahr 1288. Unter allen seinen Besitzern ragt heldenhaft hervor der große Markgraf Konrad von Meißen. Er war es, der das Rautensträuchlein zum starken Baum erzog; er, der „von der Neisse bis nach Thüringen alles Land beherrschte,“ war so recht das Bild eines echten deutschen Fürsten mit allen Tugenden und Fehlern. Er ist der eigentliche Stifter der noch bestehenden Sächsischen Herrscherfamilien gewesen; neben den Welfen, Askaniern und Zähringern schwang er sein Haus, zum Theil auf Kosten der Ersteren, zu einer glänzenden Höhe.

Konrad war ein biderber Ritter, dem Kaiser und Reich leistete er jederzeit bereitwillig Heeresfolge, er metzelte in majorem Dei gloriam die Heiden nieder, die Preußen, Wilzen, Obotriten, Polabinger, Warnaber, Lingionen und wie die nordöstlichen wilden Völker alle hießen, und reinigte sich von Sünden durch eine Wallfahrt nach dem heiligen Grabe; er stiftete das St. Peterskloster auf dem Lauterberg und trat, nachdem er sein Land unter fünf Söhne getheilt, als Mönch in dasselbe ein; glücklicherweise trug er blos ein Jahr lang die Kutte; als sie dem leidenschaftlichen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten Manne zu schwer ward, legte er sich hin und starb. Die Raute aber grünte frisch und lustig fort bis zum Jahr 1485, in welchem sich ihr Stamm trennte und das Haus Wettin sich in die Albertinische und Ernestinische Linie spaltete. Die Stammburg war ihm da schon seit zwei Jahrhunderten entfremdet. Denn Otto der Zweite, Graf zu Brehna und Wettin, schenkte sie zugleich mit Salzmünde – heut’ eine der ruhmwürdigsten Stätten deutschen Gewerbfleißes! – im Jahr 1288 an das Erzstift Magdeburg. Von diesem erkauften um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Kaspar aus dem Winckell und Fritz Koppo von Ammendorf das Burglehn Wettin zuerst gemeinschaftlich, bis es hundert Jahre später an die erstere Familie allein fiel, nicht ohne schwere Händel mit dem wilden Hans von Mannsfeld. Von da ab erhielt die Burg den Namen „der Winkel“ nach dem ihrer Besitzer. Im Jahr 1680 fiel Wettin an Brandenburg und ist nunmehr eine preußische Domäne. – Schon die Markgrafen von Meißen hatten Burggrafen zu Wettin sitzen, die Odalriche und Krozuch (Krosigk), unter den Erzbischöfen wurden dieselben Burghauptleute und mit den Gütern und Zinsen belehnt; am längsten blieb die Familie von Trotha im Genuß des Wettin’schen Burglehns. –

Die Steine können viel erzählen, aber unsere Zeit horcht nicht mehr geduldig zu, sondern meint mit Goethe: „Amerika, du hast es besser, als unser Continent, der alte, hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte; dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.“ Ja wohl wär’ es ein unnütz Erinnern, an Alles zu denken, was diese Trümmer gesehen haben. Viele ihrer Herren sind unnatürlichen Todes gestorben, das Schwert, der Dolch, auch der Giftkelch haben unter ihnen ihre Rolle gespielt, es fehlte nicht an schauerlichen Familiendramen. Aber es war doch im Ganzen ein gesundes, kräftiges Geschlecht, das Männer erzeugte. Auf gar manchen ihrer Nachkommen weilt der Blick des Deutschen mit Wohlgefallen: auf Friedrich dem Streitbaren, dem ersten Wettiner, der die Kurwürde trug, dem Gründer der Leipziger Universität; auf Friedrich dem Weisen, auf Johann dem Beständigen und Johann Friedrich, den bekenntnißtreuen Helden der Reformation; auf Moritz, dem tapferen Bewahrer der Freiheit des evangelischen Glaubens; auf August dem Ersten, auf dem kühnen Führer der Schlachten [240] Bernhard, auf dem deutschen Patrioten und Dichterfreund Karl August – aber wir schreiben hier keine Geschichte. Nur ein einfach Rautenblättlein haben wir pflücken wollen auf der Höhe, wo vor Zeiten die Burg stand, welcher die Sachsenherrscher entstammen. Daß für ihre Restauration nichts geschieht, darf nicht befremden, es ist nichts mehr da zu erhalten und zu pflegen. Für die Kirche auf dem Petersberg, wo seine Ahnen ruhen, that König Johann von Sachsen viel.

Einförmig ist die Aussicht von der Höhe des sächsischen Stammschlosses. Ueberall wirbeln qualmende Rauchsäulen empor, die Atmosphäre hat den eigenthümlichen brenzlichen Geruch der ganzen Provinz Sachsen; die Industrie vereinigt sich hier mit der Landwirthschaft zum Todtschlag aller Romantik. Und dennoch knüpfen sich merkwürdige Gedanken, Ideenverbindungen hier oben zusammen. Jenseits des Flusses steigen in der Abenddämmerung Thürme auf – dort ward geboren und starb der Bergmannssohn, der das verschüttete Gold des deutschen Geistes muthig hervorholte aus dem tiefen Schachte, den grimmige Gnomen und Kobolde hüteten – ganz nahe standen sich die Wiege Martin Luther’s und die Wiege des Hauses Wettin!




Blätter und Blüthen.


Erzherzog Stephan und der Kreishauptmann. In den vierziger Jahren, zur Zeit da Erzherzog Stephan als Statthalter in Prag fungirte, lebte in einer Kreisstadt Böhmens ein Kreishauptmann (Kreisvorsteher), der nur wenig an seinen Beruf, destomehr aber an seine Bequemlichkeit dachte und diese allmählich so weit trieb, daß er nicht nur nie vor zwei Uhr Nachmittags im Amte erschien, sondern auch den strengen Befehl ergehen ließ, ihn unter keinem Vorwande in seiner Morgen- und Mittagsruhe zu stören. Eine Folge davon war, daß die in den entfernteren Gegenden des Kreises ansässigen Leute, welche die Schlichtung ihrer Angelegenheiten auf das Kreisamt rief, sich wegen des späten Erscheinens des Amtsvorstehers gewöhnlich in der unangenehmen Lage befanden, am nämlichen Tage nicht mehr in ihren Heimathsort rückkehren zu können, und so nebst der Zeitversäumniß auch noch ein mehr oder minder kostspieliges Nachtquartier der Laune des Kreishauptmanns als Opfer bringen zu müssen.

Als endlich Beschwerden darüber bis an das Ohr des Statthalters gelangten, beschloß dieser sogleich, sich selbst von der Grundhaltigkeit dieser Angaben Ueberzeugung zu schaffen. Frühmorgens, ohne daß ein Nichteingeweihter etwas davon gewahrte, wurden zwei seiner besten Pferde in einen unscheinbaren Wagen gespannt, und fort ging’s gegen die Kreisstadt, wo der Prinz gegen Abend anlangte, unerkannt in einem Gasthofe abstieg und sich daselbst beim Nachtmahl in das heitere Gespräch der Stammgäste mengte. Hier gab er vor, ein Prager Industrieller zu sein, am nächsten Morgen den Kreisvorsteher sprechen, jedoch frühzeitig wieder abreisen zu müssen, um Prag noch vor Nacht erreichen zu können.

Allgemeine Heiterkeit folgte auf diese in entschiedenem Tone ausgesprochene Willensäußerung, und dem sich erstaunt stellenden Prinzen wurde dieselbe damit erklärt, daß es leichter sei, den Mond mittels eines Luftballons, als eine Audienz beim Kreishauptmann vor zwei Uhr Nachmittags zu erreichen.

„Nun, wir werden sehen,“ entgegnete der vermeintliche Industrielle und brach von diesem Gegenstande ab.

Am nächsten Vormittage erschien er auf dem Kreisamte und begehrte den Amtsvorsteher zu sprechen, worauf ihm der Bescheid: „Kommen Sie nach zwei Uhr wieder,“ und über sein weiteres Dringen nur ein bedeutungsvolles Achselzucken der Beamten als Antwort zu Theil wurde.

„Versuchen wir einen anderen Weg,“ dachte sich der Prinz, wendete sich an den Amtsdiener und bat denselben, ihn beim Amtsvorsteher zu melden.

„Na, da bekäm’ ich einen schönen ‚Putzer‘,“ erwiderte dieser; „den will ich nicht riskiren.“

„Auch nicht für diese Fünf-Gulden-Note?“ bemerkte der Prinz, seine Brieftasche hervorziehend und die Note dem Amtsdiener in die Hand drückend.

„Ich will’s versuchen, aber Sie werden sehen, es wird nichts nützen,“ entgegnete der Letzter, verschwand sodann, erschien jedoch sogleich wieder mit der Antwort: „Meinen ‚Putzer‘ hab’ ich, aber ausgerichtet hab’ ich nix.“

„Nun, lieber Freund, so übergeben Sie diese Karte dem Herrn Kreishauptmann, wenn er um zwei Uhr im Bureau erscheint.“

Einige Minuten später befand sich der Erzherzog in seinem schnell dahin fliegenden Wagen auf der Rückreise nach Prag.

Wer schildert den Schrecken und Jammer des bisher so unbeugsamen Kreisoberhauptes, als ihm um zwei Uhr die Karte mit dem ihm wohlbekannten Namenszuge des Erzherzogs vom Amtsdiener überreicht wurde! Seine Entlassung mit all’ ihren grauenhaften Consequenzen, Schande, Spott, Armuth etc. trat ihm wie ein riesiges Gespenst vor die Seele. Der Prinz war fort; was nun thun? Noch ein letzter Hoffnungsschimmer blieb übrig, nämlich schleunigst nach Prag zu eilen und die Gnade des Prinzen zu erflehen.

Der nächste Postzug entführte auch richtig der Kreisstadt ihr weltliches Oberhaupt. In Prag zur Audienz sich meldend, wurde er auf den nächsten Tag beschieden, und als er zur bestimmten Stunde sich wieder einfand, hieß es: „Se. kaiserliche Hoheit haben heute keine Zeit, kommen Sie morgen.“ Und so ging’s fort, von einem Tag zum andern, eine volle Woche hindurch, bis er, der Verzweiflung bereits nahe stehend, endlich vom Erzherzog empfangen wurde. Stammelnd vor Bangigkeit, brachte er die Bitte vor, Se. Hoheit möge in Berücksichtigung seiner armen Familie statt der verdienten Entlassung wenigstens die Pensionirung mit der ohnedies karg bemessenen Gebühr in Gnaden über ihn verhängen.

„Für diesmal,“ antwortete ihm der Prinz gutmüthig, „lassen wir es beim bloßen Schrecken bewenden, aber hüten Sie sich ein zweites Mal Anlaß zu einer Klage zu geben.“

Mit frohem Herzen kehrte der Kreishauptmann in seine Heimath zurück. Ob diese herbe Lection ihre Wirkung verfehlt hat, ist weiter nicht bekannt geworden.




Jesuitenwechsel. Als die Jesuiten, nachdem Maria Theresia in ihre Vertreibung gewilligt hatte, aus Wien eilig abgezogen waren und man ihre ehemalige Wohnung betrat, fand man bei zufälligem Umherstöbern in einem vergessenen Winkel eines vergessenen Kämmerchens eine Kiste, angefüllt bis obenhin mit lauter weißen Papierschnitzelchen, die in einzelnen Fächern sorgfältig vertheilt waren. Es konnten das unmöglich dorthin zusammengeworfene Abfälle sein, denn dem widersprach die Art der Aufbewahrung wie namentlich der Umstand, daß jedes Fach nur Schnitzel von ganz bestimmter Form enthielt; es konnten auch keine Schriftstücke sein, denn als man sie mit Chemikalien behandelte, um zu sehen, ob sie nicht etwa mit sogenannter unsichtbarer Schrift bedeckt seien, ergab sich, daß sie ganz rein und weiß waren – aber was war es denn? Es waren, wie man später erfuhr, Wechsel, vollständige Wechsel.

Hatte nämlich irgend ein Kaufmann, der auf eine entfernte Messe reisen wollte, dort größere Baarsummen auszuzahlen, deren Mitsichschleppen bei der großen Unsicherheit mancher Landstraßen, wenn nicht geradezu thöricht, doch immer gefährlich gewesen sein würde, so wandte er sich an den Rector der Jesuiten seines oder des nächsten Ortes, der ihm dann folgendermaßen – freilich nur in dem Fall, daß der Kaufmann gut empfohlen oder doch sonst Grund vorhanden war, ihn sich durch harmlose kleine Gefälligkeiten zu verpflichten – aus der Verlegenheit half. Er gab ihm, nachdem der Kaufmann ihm selbst die betreffende Summe ausgezahlt hatte, ein solches auf der Reise leicht zu transportierendes und leicht zu versteckendes Papierchen, das, je nach der Größe der Summe, die es bedeuten sollte, verschieden zugeschnitten war, und händigte dabei dem Wechselnden die genaue Adresse des Jesuiten jenes Ortes, den der Kaufmann besuchen wollte, ein. Kam dieser nun hier an, so ging er zu dem ihm Angewiesenen und präsentirte ihm sich und das Blättchen. Der Jesuit holte dann aus besonderen Fächern mehrere Häufchen auch von Schnitzeln und suchte so lange darin herum, bis er ein dem mitgebrachten Stückchen vollkommen ähnliches Duplicat fand, aus welches hin er nach sorgfältigster Vergleichung dem Kaufmann die ganze eingezahlte Summe ohne irgend einen Abzug von Discontokosten einhändigte. Es war dies die einfachste und auch häufigste, weil gesuchteste Art des Jesuitenwechsels, von welchem es außerdem aber noch eine Menge von Anwendungen gab.

Obwohl man gar nichts Näheres über die Vertheilungsart der Zettel und die Mittheilung ihres Werthes für die entferntesten Orte weiß, so ist doch das Verfahren insoweit von höchstem Interesse, als sich auch daraus der Schluß ziehen läßt, wie fest und ineinander greifend die Organisation der Jesuiten schon zu einer Zeit gewesen sein muß, zu der sie noch die Welt beherrschten und nicht, wie heute, wo der heilige Geist siegreich gegen alle Dunkelmänner stürmt, sich genöthigt sahen, Carré zu formiren.




Kleiner Briefkasten.

A. S. in Berlin. Sie irren nicht, wenn Sie vermuthen, daß der Titel unseres neulichen Artikels: „Das Wiener Chormadel“ nicht von dem Verfasser desselben herrührt. Es ist vielmehr unser Werk, wir glauben aber die Bedeutung der großen Künstlerin nicht besser charakterisiren und würdigen zu können, als indem wir die kleinen Anfänge betonen, aus denen sie sich durch eigene Kraft zu ihrer derzeitigen Stellung in der Künstlerwelt emporgearbeitet hat, und halten den gewählten Titel für das größte Compliment, das wir ihr zu machen im Stande sind.

G. Fr. in St. Geduld bis zur nächsten Nummer, in welcher das große Bild aus dem Berliner Reichstage erscheint.




Inhalt: Die Herrin von Dernot. Novelle von Edmund Hoefer. (Fortsetzung.) – Ein alter Liebling der deutschen Jugend. Von Friedrich Hofmann. Mit Illustration. – Photographien aus dem Reichstag. II. – Ein Bauer als Dichter. Von Dr. Rud. Hildebrand. – Eine Fürstenwiege. Mit Abbildung. – Blätter und Blüthen: Erzherzog Stephan und der Kreishauptmann. – Jesuitenwechsel. – Kleiner Briefkasten.




Die Deutschen Blätter, Literarisch-politische Feuilleton-Beilage zur Gartenlaube. Nr. 14 enthalten: Gespenster-Humbug der Gegenwart. – Umschau: Luxemburg. – Scandalöse Buchhändler-Speculation. – Fünfundzwanzig neue Heilige. – Heinrich Beta. – Vor der Eröffnung. – Zur Erinnerung an eine trübe Zeit. – Eine Encyklopädie der Frauenarbeit.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Musäus wurde 1763 herzoglicher Pagenhofmeister und 1769 Professor am Gymnasium in Weimar.
  2. Goethe behagte dieses Abenteuer so, daß er es vom Hofmaler Kraus bildlich darstellen ließ und unter dem Gemälde einige Verse anbrachte. Er verehrte es später der Frau Musäus, die ihren Mann am 12. Mai 1786, wie er selbst gesteht, „auf das Angenehmste“ damit überraschte. Er selbst hat sein Coburger Erlebniß unter dem Titel „Die lästigen Polizeianstalten für Spaziergänger“ beschrieben und Kotzebue es in „Musäus’ nachgelassene Schriften“ mit abdrucken lassen.
  3. Eine solche Scene stellt unsere Illustration vor.
  4. Es wächst gar kein Obst im Thale, auch gar kein Getreide, nur Heu und Holz; Aepfelbäume fand ich zwar in den Gärten beim Hause, aber auf Befragen ward mir die Antwort, man ziehe sie nur der Blüthe wegen.
  5. In einem andern Briefe äußert er: „Ich habe meine Freude an den Bildern, die bei unsern vielbedeutenden Witz- und Kraftworten vor mir entstehen und sich gleich zu regen und zu rühren anfangen.“
  6. Sie nennen es Feld, es ist aber nur Wiese und Wald gemeint.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Se
  2. Vorlage: muße