Zum Inhalt springen

Die Gartenlaube (1865)/Heft 26

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[401]

No. 26. 1865.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Die Moderatoren.
Erzählung aus Texas.
Von Fr. Gerstäcker.
(Fortsetzung.)

Jenkins wehrte sich wie rasend, er biß und trat um sich, aber der Uebermacht war er nicht gewachsen, und wie er das endlich fühlte, wurde er still und ließ Alles geduldig mit sich machen, was sie wollten. Nur die Zähne biß er fest zusammen, und die rollenden Augen traten ihm fast aus den Höhlen. Die Bande wußte aber ihre Sache vortrefflich anzugreifen. Die Arme wurden dem alten Mann aufgeschnürt und dann um den Stamm des niedrigen Baumes gelegt und drüben wieder befestigt, so daß er diesen umfassen mußte, wobei ihm nur so viel Freiheit blieb, sich darum hin zu bewegen. Das Jagdhemd hatten sie ihm vorher von den Schultern gerissen, und Nelly selber stieß einen Angst- und Schmerzschrei aus, als der erste mit voller Wuth und Bosheit geführte Schlag auf die Schultern des Unglücklichen niederfiel, so daß schon im nächsten Augenblick das helle Blut sein Hemd färbte.

Jenkins rührte und regte sich jedoch nicht. Ein Indianer am Marterpfahl hätte die über ihn verhängten Qualen nicht stoischer ertragen können, als der alte Mann zwischen seinen Peinigern stand. Schlag auf Schlag folgte, aber kein Laut kam über seine Lippen, und dadurch allein vielleicht entging er dem Schwersten, denn sein Henker gerieth zuletzt in so furchtbare Wuth und Aufregung, daß seine Streiche wohl rasch hinter einander und schwer auf den Rücken des Opfers niederfielen, indeß deshalb aber auch lange nicht so tief und gefährlich einschnitten, als wenn er kaltblütig den Hieb berechnet hätte.

Da fiel plötzlich weit drüben im Wald ein Schuß, möglich, daß nur ein Jäger dort zufällig nach einem Stück Wild geschossen, aber die Bande horchte überrascht auf und selbst Netley hielt, überhaupt vollkommen außer Athem, mit Schlagen ein.

„Jungens,“ sagte der Führer, „ich denke wir haben uns hier lange genug mit dem alten Schuft herumgeärgert; die Zeit vergeht und wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen. Packt auf, was ihr habt, und dann fort!“

„Aber erst häng’ ich den alten Cujon an den nächsten Baum,“ schrie Netley; „so lange er lebt, geh’ ich hier nicht vom Platz. Einen Strick her – Einer von Euch einen Strick!“

„Wir können uns das bequemer machen,“ lachte der Führer boshaft. „Seine Frau wird sich doch nach ihm sehnen. Schafft ihn ins Haus, bindet ihn dort mit fest und dann steckt die Bude an.“

Ein wildes Jauchzen antwortete dem teuflischen Vorschlage, allein der Führer hob warnend die Hand. Er fühlte sich hier nicht mehr sicher.

„Ruhe jetzt!“ sagte er, „Ihr wißt am Besten, wie nöthig es ist, daß wir noch heute und morgen ungestört sind, macht rasch. Ins Haus mit dem Burschen und knebelt Beide gut, daß sie nicht schreien und Hülfe herbeirufen können, und dann Feuer in das Nest!“

Wie ein Bienenschwarm fuhren die Buben untereinander. Ihr Hauptmann hatte Recht, und wenn ihnen jetzt, wo sie im Begriff standen, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ein unberufenes Auge auf die Spur gekommen wäre, hätte es ihren ganzen Plan noch im Augenblick des Gelingens vereiteln oder doch stören können. Vier von ihnen schnitten deshalb den Mißhandelten los, faßten ihn und trugen ihn ins Haus. Der alte Jenkins lag machtlos in ihren Armen. Die Anderen hatten im Nu die spärliche Beute aufgegriffen und der Führer selbst löste Nelly von dem Baum ab, an den man sie gebunden hatte, und brachte sie zu einem der Pferde.

„O Massa, um Gottes willen,“ flehte das arme Mädchen, „ich bin ja wahr und wahrhaftig keinem Menschen davon gelaufen.“

„Dir geschieht Nichts, mein Schatz,“ sagte der Mann als einzige Antwort, „wenn Du Dich nämlich ganz still und ruhig verhältst und vernünftig bist; wirst Du aber im Geringsten laut, dann gnade Dir Gott! – weiter brauch ich Dir Nichts zu sagen – und nun komm.“

Nelly zitterte vor Angst und Entsetzen, allein sie wagte keine Widerrede, denn sie fühlte recht gut, in welche Hände sie gefallen war. Einen Willen hatte sie ja auch noch nie gekannt, seit ihrer Geburt, und schweigend, nur mit stillen Thränen, die sie nicht zurückhalten konnte und um die sich der Bube wenig kümmerte, gehorchte sie den Befehlen.

Die Bande, die sich fälschlich Regulatoren nannte, war indessen im Hause selbst beschäftigt, den teuflischen Anschlag auszuführen. Die beiden alten Leute waren bald gebunden, so daß sie sich selber nicht mehr helfen konnten. Einige rissen mittlerweile das trockene Moos aus den Betten und schichteten es um den Kamin her auf, dürres Holz gab es ebenfalls genug, die Stühle und der Tisch wurden darüber gestürzt und, wie sie mit Allem fertig waren, eine Hand voll Moos in die noch im Kamin glimmenden Kohlen geworfen. Das flackerte lustig auf und hatte im [402] Nu die anderen brennbaren Stoffe gepackt, und als die Flamme hell und züngelnd emporloderte, sprangen die Mörder nach ihren Pferden und schwangen sich in die Sättel.

Einer von ihnen hatte auch den alten Fuchs herbeigebracht und an die Leine genommen.

„Was willst Du denn mit der alten Kracke, Ned?“ rief der Führer, der daneben stand. „Die Bestie ist doch wahrhaftig nicht des Mitnehmens werth.“

„Sollen wir sie zurücklassen?“

„Bah,“ sagte der Bube, indem er sein Bowiemesser aus der Scheide zog und es dem armen Thier zwischen die Rippen stieß, „laß die Leine los, den Aasgeiern haben wir doch mit unserem Feuer den Spaß verdorben und sind ihnen einen Ersatz schuldig. Sie mögen sich daran eine Güte thun – und nun fort. Wir haben schon zu lange gezögert.“

Mit den Worten schwang er sich hinter der Negerin auf’s Pferd, und wenige Secunden später, während der dichte, schwarze Qualm aus der angezündeten Hütte emporstieg, war der wilde Schwarm im Unterholz verschwunden, nur die entsetzlichen Spuren seines Verbrechens in dem zerstörten Frieden dieses Platzes zurücklassend.


5. Die Moderatoren.

Der Theil des Jenkins’schen Wohnhauses, an dem der Kamin lag, fing schon an lichterloh zu brennen. Dichter Rauch quoll aus den überall offenen Ritzen der zusammengelegten Stämme und schon leckte die züngelnde Flamme hervor, als eine scheue dunkle Gestalt aus dem Gebüsch kroch. Wie sie die Lichtung erreichte, blieb sie stehen – es war Sip – sah sich scheu um und rannte dann auf das brennende Haus zu.

Wäre der innere Raum geschlossen gewesen, so hätte der Rauch die darin Festgebundenen lange erstickt, ehe sie die Flamme selbst nur erreichte. So aber fand jener überall, wohin er drang, freien Durchzug, und da er nach oben preßte, blieb auch, für jetzt wenigstens noch, der untere Raum, in dem die beiden alten Leute gefesselt lagen, frei davon.

Sip, der Negerbursche, der jetzt zu ihrer Rettung herbeieilte, sprang, unbesorgt um seine eigene Sicherheit, mitten in den Rauch hinein, und ein Blick hier bestätigte das Entsetzlichste, das er nur gefürchtet haben konnte. Im Anfang hielt er auch Beide schon für todt, denn der Rauch und vielleicht auch Angst und Aufregung hatten sie betäubt, als er aber den ersten Körper, seinen alten Herrn, auffaßte, um ihn hinauszutragen, und fand, daß er gebunden war, erwachte in ihm der Gedanke an die Möglichkeit einer Rettung. Im Nu hatte er die Banden mit dem Messer, das er im Gürtel trug, durchschnitten und den Bewußtlosen auffassend, schleppte er ihn vor die Thür an die freie Luft und sprang dann zum zweiten Male hinein, seiner Herrin denselben Liebesdienst zu leisten.

Und Nelly, war auch sie hier festgebunden? Vergebens suchte er in dem brennenden Gebäude nach ihr, aber er wußte auch, daß die schlechten Menschen einen armen Nigger, der so viel hundert Dollars werth war, nicht nutzlos umbrachten. Was sie damals gedroht, hatten sie heute ausgeführt und Nelly war für immer für sie verloren.

Doch nicht mit nutzlosen Klagen verlor er seine Zeit. Die beiden im Haus stehenden Eimer mit Wasser goß er in die Gluth, daß ihn der Qualm fast zu ersticken drohte, sprang dann zum Bach und holte mehr, riß die brennenden Scheite heraus, warf sie in’s Freie und dämpfte endlich das Feuer, das noch nicht Zeit gehabt hatte, zu den trockenen Schindeln emporzulecken. Dann eilte er zu den Befreiten zurück und jubelte laut auf, als er dem offenen, auf ihn gerichteten Blick seines Herrn begegnete.

„Sip,“ sagte dieser leise, „braver Bursch!“

„Armer, armer Herr!“ rief der Neger und die Thränen liefen ihm an den schwarzen Backen nieder, „o die grausamen, schlechten Buckras, die bösen weißen Männer! – Indianer hätte mehr Mitleiden mit armer Frau gehabt.“

„Laß sein, Sip,“ sagte Jenkins, der eine andere Meinung von den Rothhäuten hatte, „Indianer machen’s auch nicht besser; aber gieb mir Dein Messer, so, das ist recht, daß ich erst die Stricke hier von den Armen bekomme und – wie haben sie meiner armen Alten mitgespielt! Hast du Wasser?“

„Hier, Massa, ganzen Eimer voll.“

„Hast Du das Feuer im Haus gelöscht?“

„Alles aus, Massa, hat nur ein Bischen gekohlt.“

Der Alte wandte hierauf seine ganze Aufmerksamkeit seiner Frau zu, die er im Arme hielt und der er Stirn und Schläfe wusch, bis sie die Augen wieder aufschlug und jetzt ein lindernder Thränenstrom, als sie den Gatten frei und gerettet sah, ihrem fast zu Tod geängstigten Herzen Luft machte und es erleichterte.

Der alte Jenkins hielt sich jedoch nicht lange mit Worten auf. Sobald er nur die Frau dem Leben wiedergegeben hatte und sah, daß er für sie nichts weiter zu besorgen brauchte, denn ihre kräftige Natur sollte wohl bald jede Schwäche besiegen, stand er auf und ging in sein Haus, um selber dort nachzusehen, wie weit die Verwüstung sich erstreckt hatte.

Seine Büchse, sein Messer, er suchte sie vergebens, aber auch nicht lange. Nur einen flüchtigen Blick warf er danach umher, dann trat er in die linke Ecke, wo noch ein altes Messer in einer Spalte stak, schob es sich in den Gürtel und schritt wieder hinaus vor das Haus, zu dem kleinen Dogwood, der ihn bei seiner Schmach gehalten. Nicht einen Blick warf er dort umher, sein Herz war jeder Sentimentalität fremd, nur den Hut nahm er auf, der ihm herabgefallen, und wandte sich dann zu seinem alten Fuchs, der langgestreckt und verendet vor dem Hause lag.

„Armer Alter!“ sagte er, indem er ihm den Zaum abnahm und sich umhing, dabei aber auch noch die daran geschlungene Leine um seinen Gürtel befestigte. „Du warst ihnen wohl zum Stehlen zu schlecht und aus bloßem Muthwillen haben sie dich umgebracht. Aber laß nur sein, mein Alter, ich gleiche deine Rechnung mit aus, sei nicht ängstlich, wir werden quitt werden, ehe vierundzwanzig Stunden vergehen, oder – ich liege so kalt und starr wie du da,“ setzte er leise mit zusammengebissenen Zähnen hinzu.

„Du willst doch nicht schon wieder fort, John?“ bat die Frau, als sie ihn so gerüstet sah, „soll mich die Angst hier verzehren?“

„Glaubst Du, daß ich eine Nacht in diesem Walde ohne Büchse sein möchte?“ entgegnete ihr der Gatte; „nein, hab’ keine Sorge, heute kehren die Schurken nicht hierher zurück, denn sie glauben ihre Arbeit gethan, und daß Du sie morgen nicht mehr zu fürchten brauchst, dafür, Alte, laß mich sorgen.“

„Und zu Fuß, mit Deinem armen, zerschlagenen Rücken willst Du fort? Wenn Du nun im Walde krank und schwach wirst?“

„Sorge Dich nicht um mich. Da ich das ertragen habe, ficht mich auch nichts Anderes mehr an.“

„Und wohin willst Du?“

„Nach Brownsville. Die Nachbarn sind heute Abend alle dort versammelt, und noch in der Nacht kehren wir hierher zurück und bringen Dir ein Bett mit.“

„Noch in der Nacht hierher?“

„Erschrick nicht, wenn Du uns kommen hörst. Es sind Freunde und morgen, will’s Gott, befreien wir diese Gegend von jenen Schuften.“

„Und sind die nicht lange geflüchtet? und unsere arme, arme Nelly!“

„Laß gut sein, Alte. Leb wohl!“ sagte Jenkins. „Sip, paß’ mir gut auf, mein Bursch, dann darfst Du auch morgen früh mitgehen und Nelly suchen helfen,“ und mit den Worten wandte er sich ab, um in den Wald hineinzugehen, blieb aber schon nach den ersten Schritten wieder stehen. Hatte er Etwas vergessen? Seine Büchse fehlte ihm. Die Zähne aufeinanderbeißend, setzte er seinen Weg fort.

Hatten die Schufte aber etwa auch sein Pony gefunden und es – mißhandelt und vollkommen hülflos – im Wald zurückgelassen? Nein, Gott sei Dank, das wenigstens war ihrer Raubgier entgangen. Er fand es noch auf seinem alten Weidegrund, ging zu ihm, legte ihm den Zügel an, stieg langsam, mit Hülfe eines umgebrochenen Baumstammes, auf den Rücken des Thieres und sprengte dann, was das Pony laufen konnte, durch den Wald.




In Brownsville hatten sich inzwischen die Squatter verabredetermaßen wieder eingefunden, um sich heute ihre bis dahin gemachten Entdeckungen mitzutheilen und weitere Schritte zu berathen. Schon war es ziemlich spät geworden, und Jenkins fehlte noch immer und von den Uebrigen aber hatte Niemand etwas Erhebliches [403] erfahren, nichts wenigstens, was auf eine directe Spur der Verbrecher führen konnte. Auch Ashley war mitgekommen. Er sah noch bleich und erschöpft aus, mit blutunterlaufenen Augen und finster zusammengezogenen Brauen. Er allein machte auch einen Vorschlag zum Handeln.

Als ihn die Bande überfiel, hatten sie zusammen von Jonesboro gesprochen; dorthin, oder wenigstens der Richtung zu, führten auch die meisten Fährten und der Backwoodsman schwor in wildem Grimm, daß er, wenn er nur einen der Buben dort anträfe, das ganze Nest in Brand stecken und von der Erde vertilgen wolle.

Dagegen stimmten aber die Uebrigen, so lange sie nicht wenigstens einen festeren Halt für ihren Verdacht hatten, als nur die ungefähre Richtung der Fährten. Man wußte nicht einmal ganz genau, ob es die nämlichen Pferde seien, die sie dort gespürt, und Jäger oder Landsucher durchkreuzten ja nach allen Richtungen den Wald. Von den Männern aber, die Ashley damals überfielen, hatte dieser nicht einen Einzigen gekannt oder sich erinnert, ihn früher in der „Range“ gesehen zu haben. Netley war ebenfalls nicht dabei gewesen, das wußte er gewiß, auch der Mann mit dem abgeschnittenen Ohre nicht. Ashley fand das übrigens ganz natürlich.

„Sie hätten mich sonst nicht dürfen leben lassen,“ setzte er mit fest zusammengeknirschten Zähnen hinzu, „wenn ich auch nur einen der Schufte erkannt hätte; denn daß ich dem nicht wieder von der Fährte gegangen wäre, so lang ich noch athmete, das durften sie etwa wissen.“

„Jungens,“ sagte Billins, der schweigend und nachdenkend auf seine Büchse gelehnt dagestanden hatte, „ich will Euch einmal etwas sagen. Jenkins war einer der Eifrigsten von uns Allen und Feuer und Flamme für die Sache, und daß er jetzt nicht da ist, gefällt mir nicht. Dem haben sie schon einen ersten Besuch abgestattet und einen zweiten angedroht; wenn der Teufel am Ende sein Spiel haben sollte –“

Klappernde Hufschläge unterbrachen ihn, und als sich Alle rasch und neugierig dorthin wandten, sprengte der alte Jenkins, auf vollständig triefendem Pferde, das Gesicht todtenbleich, die Haare wirr um die Stirn flatternd, das Hemd zerfetzt von Dornen und mit Blut bedeckt, mitten zwischen die erschreckt zur Seite eilende Schaar hinein, erst hier sein wildgehetztes Thier einzügelnd.

„Jenkins!“ schrieen die Backwoodsmen wie aus einem Munde, „um Gotteswillen, Mensch, wie seht Ihr aus, wo kommt Ihr her?“

Der Alte antwortete ihnen nicht. Er sah sich stier im Kreis um und wäre jetzt von seinem Pferde heruntergefallen, wenn sich nicht zehn, zwölf Arme zu gleicher Zeit ausgestreckt hätten, ihn zu unterstützen. Sie ließen ihn sanft auf die Erde nieder; aber der Alte war keine Natur, die sich leicht von einer Schwachheit besiegen ließ. Nur mit dem Aufhören der scharfen Bewegung des Rittes, die seine Nerven in Thätigkeit gehalten, war es ihm schwarz und schwimmend vor den Augen geworden. Jetzt schon, noch ehe er den Boden vollständig erreicht und während ein paar der Leute nach Wasser und Whisky sprangen, gewann er seine Besinnung wieder.

„Es ist gut, Kinder, ich danke Euch, ’s ist schon vorbei, ich bin ein Bischen stark geritten und mein Rücken schmerzte.“

„Aber was ist mit Euch geschehen?“ rief Ashley, „Ihr seid ja mit Blut bedeckt?“

„Gepeitscht,“ knirschte der Alte zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch.

„Gepeitscht, Ihr?“ schrieen Alle wild durcheinander, „von wem?“

„Von den Regulatoren,“ lachte der Alte höhnisch vor sich hin. „Aber erst einen Becher Whisky, Jungens, ich fange schon wieder an eine ganze Menge verdammter Sterne und Regenbogen zu sehen, auch einen Bissen zu essen möcht’ ich, seit heute Morgen bin ich noch nüchtern.“

„Die Regulatoren!“ Wie ein wilder Aufschrei ging indessen der Ruf durch die Versammlung und die tollsten nur denkbaren Flüche und Verwünschungen brachen von den Lippen der Männer bei dem Namen. Was sie aber bald rasend machte, war, daß sie keinen Halt von den Feinden wußten, die nur wie ein Gespenst hier und da zu einem Verbrechen auftauchten, um gleich darauf spurlos im Walde zu verschwinden.

Jenkins ließ sie toben; er trank von dem ihm gebrachten Whisky, der ihm neue Kräfte zu geben schien oder doch wenigstens mit wohlthätiger Aufregung auf ihn einwirkte, und verschlang gierig die ihm gebrachten Speisen, beantwortete aber in der Zeit keine der an ihn gerichteten Fragen und winkte nur immer abwehrend mit der Hand, ihn in Ruhe zu lassen. Endlich war er fertig.

„Gebt mir eine wollene Decke, Einer von Euch, mich fängt an zu frösteln, und die Hunde haben mir Alles mitgenommen.“

Das Verlangte war alsbald gebracht; er wickelte sich hinein und während er auf einem alten Baumstumpf saß und Alle, selbst die Frauen jetzt umherdrängten, um seine Erzählung mit anzuhören, stattete er ihnen mit kurzen einfachen Worten einen Bericht über das Geschehene ab. Er verschwieg Nichts, setzte aber auch Nichts hinzu, und die Thatsachen waren schon an sich entsetzlich genug, um die Hörer zu grenzenloser Wuth anzutreiben. Allein wohin? Jetzt theilte er ihnen die Entdeckung mit, die er an dem nämlichen Morgen gemacht, kurz, aber mit so scharfen klaren Worten, daß ein Zweifel an dem Thatbestand nicht mehr möglich blieb.

Und das was er erzählte, so weit es das eigentliche Terrain betraf, ergänzte Ashley, der selber, als er hierher zog, jene Schilfstrecken durchwandert hatte, weil er früher einmal beabsichtigte, eine Holzstation für die schon damals beginnende Dampfschifffahrt auf dem Red River anzulegen. Er kannte den Grund und Boden dort genau, auch jene Slew, die eine Strecke vorher, ehe sie in den Red River einmündete, links ausbog und dann in ein Gewirr von eingebrochenem Holz hineinströmte, so daß von dieser aus keine directe Verbindung mit dem Strome selber möglich war. Aber ein Platz zu einem Versteck war dort allerdings, und er selber hatte in jenen Tagen ein großes Rindendach dort aufgebaut und ein paar Nächte darunter gelagert. Die Idee einer Ansiedlung an jener Stelle gab er aber doch zuletzt wieder auf, denn die Mosquitos waren zu arg und die Dampfer blieben aus, da sich das unten im Red River befindliche sogenannte Raft (zusammengeschwemmte Baumstämme, die sich da angewaschen) wieder verstopfte und eine lange Zeit keine Boote passiren ließ.

Hatten also die Verbrecher jenen Platz wirklich zu ihrem Versteck gewählt, so schwur Ashley Stein und Bein, daß sie nirgend anderswo sitzen könnten, als unter seinem eigenen alten Rindendache, und saßen sie dort, so waren sie auch gefangen, wenn man ihnen nur den Weg nach dem Strom abschneiden konnte. Dazu gab es indeß ein Mittel. Vor allen Dingen mußten sie sich Joe’s Canoes versichern und diese mit einem Theil ihrer Leute bemannen. Die Anderen stürmten dann den Platz, und so war es in der That möglich das Raubnest, das ihnen Allen hier Verderben drohte, aufzuheben und zu zerstören.

Border machte jetzt den Vorschlag, morgen am Tag alle die aufzubieten, die sie erreichen könnten, und übermorgen nachher einen gemeinsamen Angriff auszuführen.

„Uebermorgen?“ schrie da Jenkins, „und glaubt Ihr, daß übermorgen auch noch ein Mann von jenen Schuften da drinnen sitzt, noch ein Haar von unseren Pferden zurückgeblieben ist? Nein, bei Gott nicht; die Frechheit, mit der sie den Ueberfall bei mir, der ich in ihrer nächsten Nähe wohne, ausgeführt und die Sorglosigkeit selber, mit der sie mich und meine arme Alte auf grausame Art um’s Leben bringen wollten, zeigt deutlich, daß ihnen Nichts mehr daran liegt, wie viel Lärm in dieser Gegend über eine solche That geschlagen wird. Nein, die sind zum Abfallen reif, und nicht übermorgen oder selbst nur morgen, noch diese Nacht, noch diesen Abend, jetzt, in dieser Stunde müssen wir aufbrechen, wenn wir sie überhaupt erwischen wollen.“

„Alle Teufel,“ sagte Border lachend, „das hieße allerdings Schlag auf Schlag, aber ich glaube, Jenkins hat Recht, und das würde dann auch in Zukunft diesen Herrn Regulatoren die Ueberzeugung beibringen, daß sie nicht lange ungestraft ihr Wesen treiben dürfen.“

„Regulatoren!“ schrie Ashley, „und sollen wir dulden, daß diese Canaillen den ehrlichen Namen von Regulatoren, vor dem sie selber aus den Staaten herüber flüchteten, entweihen? Bei Gott, von jetzt an kann ihn kein rechtlicher Mann, solchen Schurken gegenüber, mehr in Texas führen.“

„Dann nehmen wir einen anderen,“ sagte Jenkins, „‚Moderatoren‘ wollen wir uns nennen und von jetzt ab einen festen [404] Bund gründen und regelmäßige Versammlungen halten, und seid versichert, wenn wir heute damit beginnen, jene Buben in ihrer noch geträumten Sicherheit zu fassen und zu vernichten, so wird der Name der Moderatoren für derlei Gesindel ein eben solcher Schrecken in Texas werden, wie es der der Regulatoren für sie in Arkansas war.“

„Gut, Jenkins!“ rief Ashley, „dann nehmt Ihr auch die Führung unseres neuen Bundes, und ich will Euch treu zur Seite stehen. Ich glaube, wir sind dabei ohnedies die Aeltesten unter allen Nachbarn und haben Beide ein Hühnchen mit diesen Herren zu pflücken. Wann wollen wir fort?“

„Jetzt gleich,“ sagte der alte Mann von seinem Sitz aufspringend, „jede Minute, die wir versäumen, kann uns den Fang aus den Zähnen reißen.“

„Aber Sie doch nicht mit den Wunden!“ warf Mrs. Border ein, denn alle Frauen der kleinen Ansiedlung hatten sich um den alten Mann geschaart, „eher lasse ich Sie nicht fort, Mr. Jenkins, bis ich Sie nicht verbunden habe.“

„Ach was, Madame,“ entgegnete der zähe Alte, „so lange halte ich schon noch aus, bis wir die Hunde gezüchtigt haben, und nachher ist’s immer Zeit genug, an die alten Knochen zu denken.“

„Und wenn Euch unterwegs doch eine Schwäche ankommt,“ rief Border, „so haben wir den Führer verloren, denn von zwei Seiten müssen wir angreifen und Ashley kann nur auf einer sein.“

Der Alte wollte sich noch weigern, wurde aber überstimmt, und wahrlich, es that Noth, daß nach seinen Wunden gesehen wurde, noch dazu da man gar nicht wußte, welchen Anstrengungen man wieder entgegenging. Auch nur der zähe Körper, die eiserne Constitution eines Backwoodsman hätte solche Mißhandlung unerschüttert ertragen können, und erst als sie ihm das mit geronnenem Blut bedeckte und schon fest auf den Rücken geklebte Hemd mit warmem Wasser ablösten und dann den ganzen Rücken mit Branntwein wuschen, wurde er todtenbleich und lag ein paar Minuten bewußtlos. Doch auch diese Schwäche überwand der Alte. Er kam bald wieder zu sich, leerte einen halben Becher heiß gemachten Whisky auf einen Zug, ließ sich dann seine Wunden bepflastern und ordentlich verbinden, borgte sich frische Wäsche und verlangte, als der Verband noch nicht einmal fertig angelegt war, schon nach einer Büchse und Kugeltasche, um nicht zu viel Zeit zu versäumen.

Die Kugeltasche konnte er sich aber nicht einmal umhängen, weil ihn der Riemen drückte; er gürtete sich dieselbe um die Hüfte und gab jetzt keine Ruh, bis er die Männer zum Aufbruch gerüstet sah.

Betten für seine Frau, da ihm die Regulatoren ja Alles mitgenommen, hatte ihm Mrs. Border indessen schon zusammengeschnürt, weiches Moos hing überall genug an den Bäumen, das konnte sein Sip in einer halben Stunde genügend sammeln, und eben sank die Sonne hinter den dichten Wipfeln der Bäume, als die wilde Schaar der „Moderatoren“ zu ihrem Rachezug ausritt, der das Land von seiner Geißel befreien sollte.

Kein Mann blieb in Brownsville zurück. Selbst seine Neger hatte Border bewaffnet, und als Jenkins die kleine Schaar überblickte, zählte er einundzwanzig wehrhafte Männer und wußte, daß sie jetzt einer doppelten Zahl der Schurken überlegen wären. Doch mit so Vielen hatten sie es nicht einmal zu thun. Bei der Plünderung seines Hauses waren nur neun gewesen und man durfte annehmen, daß sich die größte Zahl der Verbrecher dabei betheiligt hatte. Jedenfalls wußten sie das gute Recht auf ihrer Seite und brannten vor Begierde mit dem Feind zusammenzutreffen.

Die Richtung nahmen Alle zunächst nach Jenkins’ Haus, das sie überhaupt passiren mußten, und von dort aus sollte dann der gemeinsame Angriff so geordnet werden, daß sie sich mit der Morgendämmerung auf ihren bestimmten und verschiedenen Posten befanden, um von dort aus gemeinschaftlich und mit einem Mal den Schlag zu führen. So nur war es möglich, daß die Verbrecher nicht vorher Warnung der ihnen drohenden Gefahr erhielten und sich der Strafe durch die Flucht entzogen.

Es wurde etwa Mitternacht, ehe sie Jenkins’ Haus erreichten, und leise Flüche und Verwünschungen murmelten die Männer in den Bart, als sie hier das Unheil sahen, das jene Buben angerichtet; nur Jenkins selber war der Ruhigste von Allen und schien alles Erlittene in dem einen Gefühl bald befriedigter Rache zu vergessen. Sein Rücken schmerzte ihn furchtbar, aber kein Laut der Klage kam über seine Lippen und er ordnete Alles an und dachte an Alles.

Netley war der, der ihn gepeitscht, er hatte ihn gut genug gekannt; dessen Haus mußte also, da es außerhalb des Schilfbruchs lag, vor allen anderen durchsucht werden. Ashley aber übernahm das, denn von jener Slew aus führte ein Weg oder Pfad in den Bruch hinein, den er allein kannte und auf dem es auch nur möglich war in das Dickicht zu dringen. Wurde der besetzt, so konnten die Verbrecher nach dieser Richtung nimmermehr entfliehen.

Billins überkam die Führung der Canoes und sechs Mann mit, um sich dort noch durch Joe und dessen Neger zu verstärken. Der alte Schwarze bei Joe sollte, wenn nöthig, als Lootse dienen, um die Mündung jener Slew zu besetzen, welche sein Herr damals zur Ansiedlung wählen wollte. Hatten die Verbrecher wirklich Canoes, so konnten sie nur von da aus ihre Flucht versuchen und dann mochten die Büchsen der Verfolger unter ihnen aufräumen.

Jenkins selber übernahm die Führung des kleinen Trupps, der von dort aus, wo er den Pfad entdeckt, also von Osten her, während Ashley die westliche Seite besetzt hielt, vordringen sollte.

Billins hatte den weitesten Weg und die meisten Vorbereitungen nöthig, sollte deshalb etwa um zwei Uhr Morgens aufbrechen, Ashley ihm etwa eine Stunde später folgen und Jenkins dann, ziemlich mit diesem zu gleicher Zeit zu der Slew hinüberschneiden und an dieser hinauf bis zu dem Fußweg vordringen. Jenkins und Ashley geriethen dadurch allerdings etwa anderthalb Meilen auseinander, aber wenn sie geräuschlos und vorsichtig ihren Weg verfolgten, durften sie hoffen sich wenigstens so weit einander zu nähern, daß sie gegenseitig das Knallen der Gewehre hören und dadurch auch den genauen Platz des Kampfes bestimmen konnten.

Keinesfalls blieb ihnen etwas Anderes übrig, als diesem klar und einfach vorgelegten Plane zu folgen, und sie durften unter solchen Maßnahmen bestimmt darauf rechnen, wenigstens einen Theil der Gauner in ihre Gewalt zu bekommen. Daß sich die anderen dann nicht wieder in diesem Theil von Texas blicken ließen, blieb außer Zweifel.

(Fortsetzung folgt.)[1]




Ein seltner Mönch.[2]
Von Gustav Steinacker.

Wer in den dreißiger Jahren an einem Sonntagmorgen zwischen neun und elf Uhr zu Pest in der Nähe des Franziscanerplatzes und des daselbst befindlichen Klosters seine Straße zog, dem mußte nothwendig jenes ungewöhnliche, still und feierlich dahinfluthende Menschengewoge auffallen, das seine Richtung nach oder aus der dort gelegenen Franziscanerkirche nahm. Er sah in der Nähe des Portals eine ganze Reihe schimmernder Carossen halten und das Ende der Predigt abwarten, um die derselben

[405]

Pater Joseph Stanislaus Albach.

mit beiwohnende vornehme Welt heimzufahren, während die übrige Menschenmenge, die über keine Carossen zu gebieten hatte, sich in endlosem Strome aus den Haupt- und Seitenthüren des Gotteshauses drängte und nach allen benachbarten Straßen, ja selbst nach den entlegensten Stadtvierteln hin vertheilte.

Wer sich nun aber, sei’s aus Andacht, sei’s aus Neugierde oder Gewohnheit, bewogen fühlte, noch vor Beginn der Predigt mit einzutreten in die geweihten Hallen, der fand, kam er nicht eine ganze oder halbe Stunde früher, in den um die Kanzel herum bis an den Hochaltar hinan dicht besetzten und gefüllten Räumen der keineswegs kleinen Kirche nach vielfachem Drücken und Drängen kaum mehr ein Plätzchen zum Stehen, geschweige denn zum Sitzen. Von den bereits Versammelten hatte gar Mancher erst einer ganz gewöhnlichen Franziscanerpredigt in ungarischer Sprache, die der betreffende Zuhörer oft nicht einmal verstand, sowie einer darauf folgenden katholischen Messe mit beigewohnt, blos um für die sich daranschließende deutsche Predigt einen sichern und bequemen Platz zu gewinnen. Und so war und blieb es volle zehn Jahre, von 1828 bis 1838, einen Sonntag wie den andern, im Winter wie im Sommer, bei gutem wie bei schlechtem Wetter.

Man fand da bei genauerer Umschau nicht nur alle Stände, Alters- und Gesellschaftsklassen, sondern auch alle Nationen und Confessionen der ungarischen Hauptstadt mehr oder weniger vertreten. Man gewahrte in den Logen und Gitterstühlen der Empore neben der streng lutherischen Erzherzogin Maria Dorothea, geb. Prinzessin von Würtemberg, der dritten Gemahlin des damaligen Palatins Erzherzog Joseph, die ersten und gefeiertsten Namen aus den Reihen der ungarischen Magnaten; neben der schöngeputzten eleganten Welt von Pest die ernsten Männer der Wissenschaft, neben dem schlichten Bürger und Handwerker im deutschen Rocke den bärtigen Magyaren in seinem reichverschnürten Attila mit dem ungarischen Kalpag. Neben dem behäbigen Ordensbruder und der andächtig ihren Rosenkranz betenden, eifrigen Katholikin erblickte [406] man in großer Menge Protestanten, A. B. und H. B., wie sie in Oesterreich genannt werden (d. h. augsburgischen und helvetischen Bekenntnisses), ja sogar den jüdischen Rabbiner, der, selbst ein beliebter und vielbesuchter Kanzelredner, mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Wort und jeder Bewegung seines Musters und Vorbildes folgte.

Offenbar war es nicht blos der Reiz der Neuheit und der Mode, der eine so zahlreiche und verschiedenartige Zuhörerschaft jahrelang um die Kanzel in der Franziscanerkirche versammelte. Es war, wenigstens bei der großen Mehrzahl, wirklich ein religiöses Interesse, ein religiöser Zug, allerdings im Sinn und Geiste der damaligen Zeit. Es war die Verehrung für die Person des Predigers, es war die geistige Macht seines Wortes weit mehr, als der besondern Kirche, in deren Dienst er stand, was diesen Zauber ausübte. Das sah man an dem Eindruck, den seine Rede auf die dichtgeschaarten Reihen der Zuhörer hervorbrachte; ein Eindruck, der weniger auf das Gefühl, als vielmehr auf den Geist und Willen wirkte, sich weniger in empfindsamen Thränen der Rührung, als in tiefernsten Mienen, in leuchtenden Blicken, in einer bis zum Schluß – und die Predigt dauerte gewöhnlich ihre volle Stunde und darüber – stets gespannten und gesteigerten Aufmerksamkeit, ja nicht selten bei besonders kraftvollen Stellen in einem leisen Gemurmel begeisterter Zustimmung und gegenseitigem Zunicken selbst unter sonst einander ganz Unbekannten äußerte. Ueberhaupt war es ein unsichtbares Geistesband, das die hier Versammelten mehr oder weniger unter einander verknüpfte. Man hatte seine Kirchenbekanntschaften, man grüßte sich beim Begegnen auf der Straße, ohne sich zu kennen, ohne eben mehr von einander zu wissen, als daß man sich sonntäglich in der Franziscanerkirche an derselben Stelle stehen oder sitzen sah.

Und er, der solche Manchem vielleicht ganz unbegreiflich dünkende Macht ausübte, er, den, wo er sich nur zeigte, Jedermann mit liebevoller Ehrerbietung grüßte, zu dessen Religions- und wissenschaftlichem Unterricht für ihre Zöglinge sich jede Erziehungsanstalt, in dessen Beichtstuhl sich die halbe Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt drängte, er, dessen Name noch jetzt in ganz Ungarn voll Verehrung genannt wird und dessen zur Tradition gewordene Wirksamkeit einen fruchtbaren Samen gestreut hat für die Ernte kommender Geschlechter – wer war er?

Ein schlichter, aber geistig hochbegabter, in seinem Wandel sittlich strenger Priester aus dem Orden des heiligen Franz von Assisi, deutscher Sonntagsprediger an der Kirche des Ordens zu Pest; ein Franziscaner, wie es freilich nur wenige gegeben hat und geben wird, mit Namen Joseph Stanislaus Albach, vom Volke gewöhnlich nur Pater Stanislaus oder Pater Albach genannt.

Ueber die früheren Lebensumstände des berühmten Franziscaners herrscht ein eigenthümliches Dunkel. Er selbst war in seinen Mittheilungen darüber äußerst zurückhaltend, selbst gegen seine vertrautesten Freunde, wie er es überhaupt nie liebte, über sich selbst viel zu sprechen. Er war am 28. Januar 1795 in Preßburg geboren, wo sein Vater, wenn ich nicht irre, in fürstlich Esterházy’schen Diensten stand. Die Sage, die so geneigt ist, das Jugendleben ausgezeichneter Männer mit ihren Dichtungen auszuschmücken, macht ihn zu einem natürlichen Sohn des damals lebenden alten Fürsten, der in diesem Punkte arg berüchtigt war, und stützt sich dabei unter Anderem auf die allerdings auffallende Thatsache, daß Stanislaus ebenso, wie sein einziger Bruder, angeblich in Folge eines mütterlichen Gelübdes, schon in zarter Jugend, ehe Beide noch die volle Bedeutung des verhängnißvollen Schrittes zu beurtheilen vermochten, dem Kloster geweiht wurde, der Eine als Franziscaner, der Andere als Benedictiner. Beide an Herz und Geist sowie in der treuesten Liebe zu ihrer Mutter verwandte Brüder liebten sich innig und standen fortwährend mit einander in Briefwechsel.

Seine Bildung erhielt Albach am katholischen Gymnasium und der geistlichen Präparandenanstalt seiner Vaterstadt. Wie dürftig dieser Unterricht von Haus aus gewesen, darüber wußte derselbe später noch Manches zu erzählen. Das Beste schöpfte er jedenfalls aus sich selbst und einem eifrigen, unermüdlichen Privatstudium während seines wechselnden Aufenthaltes in den verschiedenen Ordensstationen. Mit besonderer Vorliebe trieb er naturwissenschaftliche Studien, namentlich Botanik, Mineralogie und Meteorologie. Erstere pflegte er besonders in den letztern Jahren, während seines Aufenthaltes in Eisenstadt, auf seinen täglichen, meist fünf- bis sechsstündigen Wanderungen über Berg und Thal, die letztere durch ein sorgfältig bis an sein Ende geführtes Tagebuch, das blos meteorologische Beobachtungen und Notizen enthielt. Anderweitige Aufzeichnungen, Briefe und Papiere gab er mit weiser Vorsicht gewöhnlich der Vernichtung preis.

Sein freundliches, liebevolles Wesen verleugnete sich auch auf der Straße beim Erwidern der ihm von allen Seiten gespendeten Grüße nicht, vornehmlich aber äußerte es sich der Kinderwelt gegenüber, die er besonders warm im Herzen trug. In seiner stets von innen verschlossenen Zelle stand ein schöner Flügel, denn er war ein leidenschaftlicher Freund der Musik, die er fleißig übte, wie denn Natur, Kunst und Wissenschaft, als treue Begleiter auf seinem Lebenswege, ihm Ersatz boten für so manche schmerzlichen Kämpfe, Leiden und Entbehrungen, welche besonders durch andauernde Kränklichkeit sein Leben trübten. Nicht geringen Trost fand er auch in seiner Wirksamkeit als Prediger und Seelsorger, besonders seit seiner Versetzung nach Pest, wo ihm bald die allgemeinste Anerkennung zu Theil wurde und er mit den ersten, berühmtesten Männern Ungarns in Berührung trat. Zu seinen wärmsten Freunden gehörte auch der große Regenerator seines Vaterlandes, Graf Stephan Széchényi.

Die katholische Hierarchie hatte ein Interesse, ihn ungestört gewähren zu lassen, obgleich der Inhalt seiner Predigten keinen specifisch katholischen Charakter trug. Es schmeichelte ihr der Glanz, den seine vielbesuchten Vorträge über den Orden und die katholische Kirche verbreiteten, sie wollte es außerdem mit dem Adel auf dem Landtage nicht verderben, und überdies beobachtete Albach die kluge Tactik, sich, um seines so segensreichen Wirkungskreises nicht verlustig zu gehen, jeder Polemik gegen kirchliche Dogmen gänzlich zu enthalten.

Um so entschiedener trat er dagegen wider die sittlichen Gebrechen der Zeit auf, wobei er mit offenem Freimuth keinen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig kannte. So hielt er denn auch einmal im Jahre 1838 eine fulminante Predigt über den Ahnenstolz und geißelte mit unerbittlicher Strenge den Hochmuth und das frivole Treiben so vieler Großen in und außerhalb seines Vaterlandes. Das Unglück wollte, daß aber gerade der durch seinen Stolz bekannte damalige Judex Curiae, Graf Cz., in der Kirche war und unwillkürlich so mancher Blick der Zuhörer sich auf ihn richtete. Graf Stephan Széchényi, der ebenfalls der Predigt beiwohnte, äußerte sich mit Rücksicht auf diesen Umstand sogleich sehr besorgt über die Folgen dieser Predigt für seinen Freund und meinte, nun stehe er für nichts.

Er hatte nur allzuwahr geweissagt, denn bald darauf erfolgte die Versetzung – zwar nicht Albach’s allein, sondern, um den Schritt zu maskiren und weniger auffallend zu machen – des gesammten Ordenspersonals von Pest in das Kloster nach Eisenstadt. Alle Verwendungen einflußreicher Freunde, alle Petitionen der über den Verlust ihres geliebten Franziscanerpredigers untröstlichen Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt waren vergebens. Albach sah Pest nicht wieder, wenigstens nie mehr in seiner frühern Wirksamkeit. Auch die später wiederholte Bitte der Pester Bürgerschaft an den Primas, ihn wenigstens zeitweise zur Abhaltung von Fastenpredigten nach Pest zu senden, blieb erfolglos. Nur einmal noch war es dem gefeierten Kanzelredner vergönnt, durch sein diesfälliges Auftreten abermals, wenn auch nur für kurze Zeit, segensreich zu wirken und das Land mit seinem Ruhme zu erfüllen. Der auch als deutscher Dichter bekannte Erzbischof von Erlau, Ladislaus Pyrker, hatte durch den Ruf in früherer Zeit so viel Außerordentliches über die Beredsamkeit unsers Franziscaners vernommen, daß er dem Wunsche, ihn auch einmal predigen zu hören, nicht widerstehen konnte. Er äußerte denselben bei Gelegenheit des nächsten Landtags gegen den damaligen Primas und veranlaßte diesen, Albach zur Abhaltung der Fastenpredigten nach Preßburg kommen zu lassen. Dies geschah. Albach folgte diesmal der Einladung, und hielt einen Cyclus von Predigten über Glaube, Liebe, Hoffnung, worin er die ganze Macht seiner hinreißenden Rednergabe zusammenfaßte, indem er besonders auch die rechte Liebe zum Vaterlande in ergreifendster Weise abhandelte. Die gebildete Bevölkerung Preßburgs, seiner Vaterstadt, sowie die Landtagsabgeordneten strömten in seine Vorträge, und die letztern [407] reichten sich darnach die Hand zum Bunde und gelobten, in solchem Geiste für das Wohl des Vaterlandes zu wirken.

Dem Primas aber sammt den übrigen anwesenden hohen geistlichen Würdenträgern mochte es bei Albach’s Predigten oft grün und gelb vor den Augen geworden sein, ohne daß sie es gleichwohl wagten, die Reihenfolge derselben durch Entfernung des Redners gewaltsam zu unterbrechen. Dagegen wußten sie dafür zu sorgen, daß Albach seitdem nie wieder in die Lage kam, die Kanzel zu besteigen oder Fastenpredigten zu halten.

Welches lebhafte Gefühl Albach, wie für Recht und Wahrheit überhaupt, so insbesondere auch für die literarische und polilische Wiedergeburt seines Vaterlandes Ungarn in sich trug, geht am deutlichsten aus einer Stelle seines unterm 8. November 1841 an mich gerichteten Briefes hervor.

„Doch nun wollen wir ein bischen zanken. – – – Daß Sie mich auch noch als schlechten Patrioten verschreien, dafür brechen wir einst eine Lanze, die aber nicht schwerer, als zwei bis drei Pfund sein darf. Ich, der der ungarischen Sprache das freudigste Gedeihen wünscht, (verstände ich sie nur besser!) ich, der über eine Erscheinung in der ungarischen Literatur, wie Baron Eötvös ‚Carthausi‘[3] ist, eben so froh erstaunt, als von Bewunderung für des Verfassers Genie durchdrungen war – ich, der den Plan der Einigung beider protestantischen Confessionen mit der allerregsten Theilnahme begleitet – ich endlich, dessen (seit ich das ‚Pesti Hirlap‘ kenne und lese) höchster Heiliger am ungarischen Himmel Kossuth ist, dem jedes Wort dieses echten ‚Menschen‘ (nur eines bisher ausgenommen, wo er mir nicht weit genug ging) aus tiefster Seele genommen ist, ich, der – wie oft! – in seinem Kämmerchen aufjubelt, daß endlich auch in Ungarn die heiligen Worte Wahrheit und Gerechtigkeit verstanden und gewogen zu werden beginnen und einen Verfechter wie Kossuth gewonnen haben … ich ein schlechter Patriot?! – Ne, hören Sie man, det is zu arj!! – Wohl steht mir die deutsche Literatur ungleich höher, als die ungarische, und wird auch diese wahrscheinlich immer überragen; wohl gilt mir die ungarische Sprache nicht als Triumph der Eitelkeit, insofern damit wieder ein Milliontheil der Menschheit sich brüstend sagen kann: ‚Auch ich habe mein Eigenes‘; noch weniger als neue oder doch fester zu begründende Schranke zwischen den Kindern einer Erde – in all diesen Bezügen machen mich solche Erscheinungen nur traurig und unser Verurtheiltsein zum Nichtvollkommenwerden auf Erden beklagend – aber sie gilt mir als Mittel der Einigung in unserm Lande, des Compacterwerdens feindlichen Einflüssen gegenüber, der größern Sicherung der Constitutionalität, womit – vorausgesetzt, daß der Segen der Constitution nicht ein Kastensegen und somit die schreiendste Ungerechtigkeit bleibe, sondern ein allgemeiner werde – allerdings viel Positives, viel Schönes und Gutes im Sinne der reinsten Humanität gewonnen ist. Habe ich in meinem letzten Schreiben Anderes hierüber von mir ahnen lassen, so habe ich mich entweder schlecht ausgedrückt, oder Sie wollen mir nur den Nichtpatriotismus aufreden. Darum in Ihrem Nächsten entweder Widerruf, vagy Kardra! [oder auf Säbel!] Das ist ein besonderes Edict, sagen die Chinesen.“

Albach’s körperliches Befinden besserte sich im Verlauf des folgenden Jahrzehentes, während dessen unsere Correspondenz ununterbrochen ihren Fortgang hatte, leider nicht. Trotz dieses körperlichen Leidens blieb aber die Schwungkraft seines Geistes ungelähmt und ungebrochen. Den deutlichsten Beweis davon liefert ein vierzehn Seiten langer, höchst interessanter, Albach’s innerstes Wesen klar bezeichnender Brief vom 29. und 30. Juni 1848, aus welchem wir nur einige wenige Stellen hier mittheilen können.

… „Ich wußte, daß Du mir einst schreiben würdest; einst, wenn die ersten Sturmwogen des Europa durchschütternden ‚Weltgerichts‘ sich einigermaßen gelegt haben würden … In den ersten Wochen war ich fort und fort in zitternder, aber unendlich wohlthuender Aufregung und schwebte und schwelgte in stiller Seligkeit, wie nie in meinem Leben. Die endlichen Offenbarungen des großen Geistes der Gerechtigkeit, an dessen Dasein man während Louis Philipp’s Zeitepoche beinahe hätte verzweifeln mögen, ergriffen mich mit einer Allgewalt, erfüllten mich mit einer Freudigkeit – ach, was sind die matten Worte gegen der Seele brennendes Entzücken!“

„Denke Dir, mein lieber Gustav,“ schließt der Brief, „die dermaligen politischen Umwälzungen dringen mit ihrem Geiste bereits selbst durch unsere dicken Klostermauern. Laut Brief an mich fordert man auch in unserm Orden Umgestaltungen (die allerdings höchst Noth thäten) und hat mir die Ehre angethan, mich behufs Verwirklichung derselben vertrauensvoll zum nächsten Provincialvorsteher wählen zu wollen. Habe aber abgelehnt, theils meiner Kränklichkeit wegen, theils weil ich alles Umgestalten für überflüssig erachte, da ich der Aufhebung der Orden, will sich anders der dermalige Geist der Zeit nicht ein Dementi geben, was ich nicht besorge, mit Zuverlässigkeit entgegensehe. Ob ein paar Jahre oder Jahrzehnte früher oder später, aber geschehen wird es, muß es, so gut wie das Aufhören alles Einflusses der Geistlichkeit auf das Schulwesen. Geschähe Beides nicht, wäre es ein Unglück und Freiheit und wahre Bildung nährten ihre größten Feinde immer freiwillig in dem eigenen Schooße. In welchem Sinne ich denn auch meinen Brüdern geantwortet.“

Ueber den Inhalt der Albach’schen Briefe aus den Jahren der eingetretenen Reaction in Ungarn, sowie über die Stimmung und die persönlichen Anfechtungen, von welchen sie Kunde geben, gehen wir hinweg, so anziehend und belehrend auch eine oder die andere Mittheilung daraus erschiene. Nur die allgemeine Bemerkung sei hier erwähnt: „Auch über uns arme Leute hat der herrschende Arimansgeist seine Segnungen bereits zu verbreiten begonnen. Uns alten Leuten werden nun innere Missionen gehalten, uns Predigten vorgesagt, die wir eben so gut selber halten könnten etc., mit einem Worte das Mittelalter wird in optima forma zurückzuführen versucht. Eine der nächsten Folgen davon ist, daß die Clausur auf’s Strengste handzuhaben befohlen ist, was wieder die angenehme Folge hat, daß ich z. B. Deine Frau nicht mehr werde in meinem Kämmerlein empfangen können.“

Im April 1851 ward mir endlich die langerhoffte Freude zu Theil, den theuern Freund auf einige Monate zum Besuch bei mir in Triest zu sehen. Im ersten Augenblick erkannte ich ihn wegen des ungewohnten Civilanzugs, dessen er sich dabei bediente, um allein und ungestörter, als es in der „Uniform“ des Ordens möglich gewesen wäre, nach Herzenslust umher flaniren zu können, nicht wieder, als er, im Aussehen sehr verändert, stumm und schweigend vor mir stand; aber als ich den ersten Ton seiner Stimme vernommen, lagen wir uns mit Thränen der Rührung in den Armen. Es waren schöne, unvergeßliche Tage, die Tage dieses Wiedersehens und Zusammenseins, obgleich vielfach getrübt durch des Freundes Krankheitsleiden, das er aber mit bewundernswerther Stärke trug und von dem er am wenigsten zu sprechen liebte. Nur bedingte dasselbe eine Lebensweise, die uns kaum die Abendstunden zu gemeinsamem Genuß vergönnte. Fünf bis sechs Stunden mußte der einmal daran Gewöhnte täglich wandern, wollte er nicht von den heftigsten Schmerzen geplagt sein, vielleicht auch mir, um sie leichter zu ertragen. Des Mittags genoß er fast nie Etwas, lebte überhaupt beinahe ausschließlich von Kaffee und ausnahmsweise etwas Suppe. Er war gewöhnt, im Bett bis tief in die Nacht hinein zu lesen, dagegen erst spät aufzustehen, so daß uns auch die Morgenstunden dadurch verloren gingen. Er litt es nicht, daß seinetwegen die Hausordnung im Geringsten gestört werde, und hatte sich’s ausdrücklich ausbedungen, daß sich Niemand viel um ihn kümmern dürfe. In diesem Punkte trieb er die Zartheit oft bis zum Eigensinn, der keinen Widerspruch duldete. Seine geringen Bedürfnisse bestritt er selbst, und wollte man ihn nicht aufbringen, mußte man ihn in diesem Punkte ruhig gewähren lassen.

Großen Eindruck machte auf ihn während seines Triester Aufenthaltes die von mir angeregte Bekanntschaft mit Byron’s Schriften, namentlich dessen Dichtung „Kain“, in der er viele Berührungspunkte mit seinen eigenen Anschauungen fand.

Wahrhaft rührend war die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe zur Natur, die ihm Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen seines Lebens bot und zu einer unversiegbaren Quelle der reinsten Freuden wurde. Sprach er von ihr, so belebten sich seine Züge und der Strom seiner von den reichsten Kenntnissen und Erfahrungen zeugenden Rede fluthete in höchst fesselnder und spannender Weise dahin. Als Gesellschafter war er in seinen wenigen schmerzensfreien Stunden von hinreißender Liebenswürdigkeit und als [408] Freund ein Gemüth voll Hingebung, Opferwilligkeit und Treue, erprobt wie lauteres Gold.

Im Spätherbst 1851 schieden wir von einander, um uns nie mehr wiederzusehen. Seine rege Theilnahme an des Freundes spätern Schicksalen blieb unverändert, auch als sein zunehmendes Körperleiden, das sich vollends zum Magenkrebs mit Gichtanfällen ausgebildet hatte, ihm nur noch selten die Feder zu führen gestattete. Sein letzter Brief datirt vom 6. Januar 1853 und am 12. November desselben Jahres verschied der Treffliche nach unsäglichen Schmerzen. Ueber seine letzten Stunden habe ich trotz aller Bemühungen nichts Näheres in Erfahrung bringen können. In ihm ging ein reicher, in schweren Leiden und harten Seelenkämpfen geprüfter Geist, ein edles, für alles Wahre, Gute und Große hochbegeistertes, liebewarmes Herz der Welt verloren, aber das Gedächtniß dieses Franziscaners, der als leuchtendes Meteor am Himmel seiner Zeit und seines Vaterlandes glänzte, wird nicht untergehen im Herzen seiner Freunde und seines Volkes, so wenig, wie der Geistessame, den er ausgestreut, zur Ernte einer bessern Zukunft.




Ein demokratischer Fürstensohn.

Er hat nicht mehr gesehen, was seine Seele rang,
Das Vaterland erstehen aus Jammers Ueberschwang.
Doch ist er auch gestorben für’s deutsche Vaterland
Und hat den Kranz erworben, der Ehre höchstes Pfand.
 E. M. Arndt.

Es ist das schöne Streben der freisinnigen Blätter unserer Zeit, das deutsche Volk zu echter Bürgertugend anzuregen, zu einer Vaterlandsliebe, die nicht einseitig darauf bedacht ist, Veraltetes und einer schöneren Entwickelung Nachtheiliges niederzureißen, sondern auch dafür besseres Neues aufzubauen. Der Neubau muß aber auf wahre Bürgertugenden gegründet, das Streben nach der Größe und Erneuerung des Vaterlandes auf das Gefühl, „Wahres und Edles“ zu wollen, gestützt sein. Eine Freiheit, welche die Tugend nicht zur Geleiterin hat, ist falsch in ihrem Ursprung und unheilvoll in ihrer Wirkung.

Um aber das Streben nach bürgerlicher Freiheit und einer schöneren Gestaltung des Vaterlandes in den Herzen des Volkes auf echte Bürgertugend zu bauen, scheint es sehr geeignet, demselben Bilder aus der Vergangenheit vorzuführen, besonders aus einer jüngst entschwundenen Zeit, die den Grundstein zu dem Streben gelegt hat, welches eben den besseren Theil der deutschen Nation erfüllt. Es ist aber auch eine Pflicht der Dankbarkeit, der herrlichen Ahnen zu gedenken, der Männer und Frauen, die ihr irdisches Gut und ihr Leben für nichts geachtet haben, als das Vaterland verlangte, dieses für seine Wohlfahrt hinzugeben.

Doch nicht allein darum führen wir heute dem Leser das hehre Bild eines echten deutschen Fürstensohnes, der seine Liebe zu seinem Vaterlande mit dem Tode besiegelt hat, vor die Seele, sondern auch darum, weil uns in den Anschauungen und Aussprüchen desselben eine so echte Bürgertugend entgegenleuchtet, wie wir sie auch in der Jetztzeit in jedes deutsche Herz fester und fester einpflanzen möchten, weil seine gelegentlichen Aeußerungen treffend Verhältnisse berühren, die jetzt noch bestehen – und endlich auch, weil dieser Fürstensohn, fürchten wir, von Wenigen aus seinem eigenen Stande durch ein ehrenvolles Andenken als Vorbild eines echten deutschen Fürsten, wie er sein soll, geachtet wird. Aus den Mißhelligkeiten, die ihm im Leben für seine Anschauungen bereitet wurden, müssen wir leider auf die Gegenwart schließen. So mag sich denn ein dankbares Volk um so inniger des hehren Fürstensohnes, an dem Bild seines Lebens und seiner Gesinnungen erfreuen und von seinem Geist etwas in den eigenen herübernehmen.

Es ist der Prinz Victor von Neuwied, er, dem, wie die Zeitungen berichten, demnächst in Neuwied ein Denkmal erstehen wird. Er war unter neun Kindern des Fürsten Friedrich Karl (geb. 1741) und der Fürstin Marie Louise (geb. 1747, vermählt 1766) der zweitjüngste Sohn (geb. 6. Novbr. 1783). In der Erziehung dieses Fürsten zeigt sich wieder der Einfluß, den eine treffliche, verständige Mutter auf ihre Kinder auszuüben vermag. Sie pflanzte demselben nicht allein frühzeitig einen ernsten Eifer für Kunst und Wissenschaft ein, sondern auch eine innige Liebe zu dem Vaterlande. Sie benutzte die Tradition des Fürstenhauses nicht, ihrem Kinde jenen hohlen Adelsstolz einzupflanzen, der so gar nicht mehr in unsere Zeiten paßt und nur noch ein Gefühl des Mitleids erweckt, sondern zur Pflege ritterlicher Tugenden und sittlicher Größe. Wie diese deutsche Frau, deren Andenken wir mitehren wollen, dachte, dafür mögen ihre eigenen Worte zeugen.

Im Jahre 1801 war Prinz Victor von Neuwied als Stabscapitain bei dem Regiment Erzherzog Karl in die österreichischen Kriegsdienste getreten, sowohl durch große Geistesgaben, wie körperliche Schönheit ausgezeichnet. Er trat dort ein, begleitet von den sittlichen Rathschlägen einer theuren Mutter, die sie dem scheidenden Sohne mitgab:

„Handle, wie Einer, der Gott und Unsterblichkeit glaubt, d. h. lebe rechtschaffen und tugendhaft. Sei Deiner Pflicht getreu. Thue Recht in allen Stücken und gegen alle Menschen. Liebe die Wahrheit. Sei treu in Deinen Zusagen, dankbar gegen Freunde und Wohlthäter, verschwiegen, vorsichtig. Vor Lastern brauche ich den sich seiner Menschenwürde bewußten Jüngling nicht zu warnen. Du weißt, wie unglücklich die Wollust macht und wie gefährlich der erste Schritt dazu ist. Fliehe, wie die Pest, Alles, was dazu Gelegenheit giebt. Schaffe Dir gute und belehrende Bücher an und verwende die Dir vom Beruf gelassenen Stunden auf’s Lesen derselben. Suche die Bekanntschaft der besten Menschen aus allen Ständen; kurz, lerne, wo Du lernen kannst. Den Umgang edler, wohlerzogener Frauenzimmer suche ja auf; sie tragen sehr viel zur Bildung eines jungen Mannes bei. Erlaube Dir keine Nachlässigkeiten in ihrer Gesellschaft. Sei höflich, aufmerksam, beleidige nie. Verbanne alle Zweideutigkeiten aus Deinen Gesprächen, – dies aber auch in Männergesellschaften. Werde ein Jüngling, an dem alle Guten ihre Lust sehen, dessen Mutter alle Mütter beneiden müssen.“

Der Prinz machte nun den Krieg von 1805 mit. Wir entnehmen aus einem Briefe, den er am 18. September an seine Mutter schrieb, eine Stelle, die ein schönes Licht auf die Vaterlandsliebe des jungen Officiers wirft:

„Es ist unverzeihlich, wenn Preußen noch immer ruhig zusehen wollte. Was wird noch aus dem Vaterlande werden? Ringsum Disharmonie unter uns! Wenn doch ein Bernhard von Weimar aufstände, der alle Tapfern vereinigte, um den uralten Namen zu erhalten! Ich glaube, die allereingefleischtesten … müssen sich doch erinnern, daß wir eine Sprache sprechen und daß der Verlust der deutschen Ehre auch ihr eigener Verlust ist. Denken Sie sich unser schreckliches Loos, wenn es zu einer Theilung käme und wir sollten den Schimpf erleben, unter französische Herrschaft zu gerathen! Oesterreichische oder preußische Oberherrschaft wäre viel leichter zu ertragen und eine Theilung unter diesen beiden Mächten eher zu wünschen. Sie würde auch vor der Nachwelt keinen Schandfleck auf die Nationalehre werfen, da wir von den eigenen Landsleuten beherrscht würden. Wir wären doch vor der schimpflichen Behandlung unserer Nachbarn sicher und das Interesse zerfiele nur in zwei Theile, wo es jetzt in vierhundert (reichsunmittelbare) Gebiete zerfällt. Die Zukunft geht mit großen Dingen schwanger, allein ich glaube, daß sie auf keinen Fall die Lage des Reichs verbessern werden. Wenn man Grundsätze hat und diesen treu bleiben will, so kann man in dieser Lage nichts Anderes thun, als sich an das Reichsoberhaupt und an seine kriegerischen Fahnen anschließen, für sein Land streiten und, wenn es das Schicksal will, dafür sterben, um sein trauriges Ende nicht zu überleben.“

Nachdem sich der Prinz in mehreren Gefechten ausgezeichnet, wurde er in der Schlacht bei Ulm, die durch Mack verloren ging, gefangen. Den Anfang des Frühlings 1806 brachte er dann in Neuwied bei der Mutter zu und begab sich darauf nach Wien zurück.

Sehr wichtig und für unser ernstestes Nachdenken wohl geeignet ist seine Anschauung über die neuere Art der Kriegführung. Er sagt darüber:

[409] „Ich bilde mir ein, daß die neuere Art, den Krieg zu führen, eine natürliche Entwickelung der Feuertaktik ist, die früh oder spät erfolgen mußte. Diese neuere Taktik führt dahin, daß zerstreut fechtende Infanterie ebensoviel geschlossene besiegen muß, wenn beide ihre Schuldigkeit thun; ferner macht sie es unnöthig, daß man die neuen Soldaten lange zu ihrem Handwerk vorbereite; sie hat endlich der Ueberzahl ein erstaunliches Uebergewicht über die Minderzahl verschafft. Aus diesen Eigenschaften der neueren Kriegsführung schließe ich nun, daß ein Volk, das ernstlich will, jede feindliche Armee, die in sein Land einrückt, besiegen muß. Wenn nun, wie ich ferner glaube, die stehenden Armeen allein schuld an der despotischen Gestalt aller Staaten und hierdurch an der Herabwürdigung des Nationalcharakters und der Vaterlandsliebe sind, so wird vielleicht diese eiserne Periode der Uebergang sein zur Herstellung freier Verfassungen und durch diese zur Wiedereinsetzung der bürgerlichen und patriotischen Tugenden in ihre ewigen Rechte. – Es ist das einzige Mittel, den schändlichen Egoismus und Kosmopolitismus zu stürzen, die Gesinnungen zu vereinigen und endlich aus den Trümmern der veralteten Reiche Nationalstaaten in freier Verfassung hervorgehen zu machen. Dann wird man keine Tyrannen und Sclaven mehr sehen, sondern freie Bürger werden nach Art unserer Urväter gewaffnet in der gesetzgebenden Versammlung das Wohl des Staates berathen. Keine stehenden Heere werden mehr dem Despotismus zum Werkzeug dienen. Unter dem mächtigen Schutz der Freiheit werden Künste und Wissenschaften blühen und die Menschheit wird mit Riesenschritten sich der Vollkommenheit und dem Zustand der Glückseligkeit nähern, deren sie auf diesem Planeten fähig ist.“

Nicht minder beherzigenswerth ist ein anderes Wort von ihm:

„Es ist tröstlich, zu sehen, wie das allgemeine Unglück in allen Gegenden von Deutschland den kleinlichen Provincialgeist, den elenden Haß der Religionsparteien, sogar, wie mir scheint, die große Spaltung, die das nördliche vom südlichen Deutschland trennte, aufhebt. Oesterreich und Preußen lernen sich endlich als Brüder des alten Deutschlands kennen; sie fangen an, einzusehen, daß ihre bisherige Eifersucht die Ursache ihres Unterganges wird. Die gemeinschaftliche Schmach tilgt jedes andere Gefühl, und ich glaube, daß große Resultate entstehen werden, wenn der aufgeblasene Uebermuth unserer Unterdrücker diese glückliche Stimmung erst wird zur Reife gebracht haben.

Könnte ich doch die Großen mit meinem Feuer anstecken. Aber leider sind sie aus keiner feuerfangenden Materie geschaffen, – sie sind kalt wie Marmor.“

Der Prinz von Neuwied wurde um seiner Gesinnungen willen und, wie er selbst sagt, weil er mit der geächteten Familie F. umgegangen sei, von Wien weg auf ein kleines Dorf Langenloys, ein wahres Rattennest, wie er es selbst nennt, beordert. Hier in der Einsamkeit befolgte er den Rath seiner treuen Mutter und beschäftigte sich eifrig mit der Lectüre guter Bücher. Unter Anderem las er auch mit Vorliebe die „Fragmente zur neuesten Geschichte des Gleichgewichts von Europa“ von Gentz.

Der Prinz nahm an den nun folgenden Kämpfen Theil und wurde 1809 nach der verlornen Schlacht bei Eckmühl bei dem Dorfe Weinring, unweit Regensburg, nach einer verzweifelten Gegenwehr, wobei ihn sein treuer Feldwebel Fensel mit dem eignen Körper schützte, gefangen. Er wurde zuerst nach Landshut gebracht, dort längere Zeit in der Festung in strengem Gewahrsam gehalten, dann nach Straßburg übergeführt, wo ihm eine mildere Behandlung zu Theil wurde.

Ein Schriftsteller, der diese Zeit herber Gefangenschaft des Prinzen schildert, knüpft die schöne Bemerkung daran: „Der Prinz Victor schreibt aus seiner Gefangenschaft: ,Ich weiß nicht, welche Zaubermacht mir bei allem Elende immer die Hoffnung aufrecht erhalten hat. Ich kann auch jetzt nicht verzweifeln, ja niemals war ich mehr von der kurzen Dauer der gegenwärtigen Stürme überzeugt!’ Diese Zaubermacht war sein Gottesglaube und sein heller Blick in die Geschichte, welche das Gewissen der Menschheit ist. In dem Herzen dieses Jünglings schlug wie in Wenigen das Herz der Zeit; sein Rechtsgefühl lag in seinem Leben in und mit der Geschichte der Menschheit, des Volkes, in welcher die Wurzeln unseren Liebens und Leidens und die Weissagungen unserer Zukunft liegen. Das ist in der That der wesentliche und unvergleichliche Vorzug jener uralten, vaterländischen Familien, daß sie einen ausgesprochenen Antheil an der Geschichte des Vaterlandes haben, daß ihre Kinder, wenn sie Geschichte lernen, ihre eigne mitlernen, daß also die Lehre der Geschichte, das ganze Leben derselben in frischer Unmittelbarkeit auf sie übergeht, daß sie persönlich im Zusammenhang einer lebendigen Tradition stehen. Aber wie Viele machen von diesem Vorzuge den bewußten, vorurtheilsfreien Gebrauch! Die gewiß am wenigsten, welche, auf den Lorbeeren ihrer Väter ruhend, Ahnen zählen und Stammbäume malen, welche, die Exemtion als die Hauptsache betrachtend, in der inneren und äußeren Absonderung die Behauptung ihrer Prärogative suchen. Möchten sie doch Alle, welche echte Ritterehre suchen, in solch ein deutsches Herz von echtem Schrot und Korn, von urältestem und höchstem deutschen Adel hineinsehen, welches von Sehnsucht brennt, seinen Adel nicht allein zu behalten, sondern ihn dem ganzen Volk einzuhauchen, die patriotische Idee in Jedem nach seinem Stand und Beruf lebendig zu machen! Denn die allein sind wahrhaft adelig, in welchen die patriotische Idee lebt und das ganze Leben gestaltet, welchen König und Vaterland mehr, tausendmal mehr werth sind, als Alles, was sie sind und haben.“

Nachdem Prinz Victor, auch aus der zweiten Gefangenschaft befreit, eine Zeit lang bei seiner Mutter verweilt hatte, trat er wieder in die österreichischen Dienste. Im Gefühl, ein guter Bürger und ein trefflicher Soldat zu sein, schmerzte es ihn um so mehr, als er bemerkte, daß man ihn absichtlich zurücksetzte und ihm jedes Avancement versagte. Da faßte er den Entschluß aus dem österreichischen Dienst auszuscheiden und nach Spanien zu gehen, dessen Volk ihn durch seinen Allgemeinkampf gegen Napoleon begeisterte. Als aber der Prinz um seine Entlassung nachsuchte, fand er warme Fürsprecher, und der Kaiser selbst bat ihn zu bleiben und ernannte ihn zum Major. Der Prinz nahm nun zwar sein Gesuch zurück, allein da ihm für Deutschland jede Hoffnung geschwunden war, schützte er eine Reise nach dem Orient und Griechenland vor, um dennoch seinen Plan auszuführen, nach Spanien zu gehen und dort erfolgreicher gegen die Macht Napoleon’s mitkämpfen zu können. Vor seiner Abreise schrieb er noch einmal einen Brief an seine Mutter und Geschwister, aus welchem wir die Stelle hervorheben:

„Alles mein Sehnen, Dichten und Trachten ist und bleibt auf unser geliebtes Deutschland gerichtet, dessen Wohl bei Allem, was ich unternehme, mein letzter Zweck ist.“

Er begab sich auf einer fünfmonatlichen Reise über Ofen, Adrianopel, Constantinopel, Smyrna und Malta nach Cadix. Mit vielen ausgeschiedenen österreichischen und preußischen Officieren nahm er nun Antheil am Kampf gegen Napoleon und zeichnete sich in mehreren Gefechten so aus, daß ihm die goldene Medaille zu Theil wurde.

Seine Mutter machte ihm in einem Briefe einen Vorwurf darüber, daß er Deutschland verlassen. Er äußert sich dagegen in folgenden Worten:

„Es liegt ein so mächtiger Trost in der Idee, frei zu sein und bei der allgemeinen Schwäche und Nachgiebigkeit seinen Grundsätzen nachzuleben. Schimpft einst die Nachwelt über die Trägheit unserer Zeitgenossen, so können Alle, die meinen Weg wandeln, ohne Reue zurücksehen auf ihr Leben, und kommt eine bessere Zukunft für das Vaterland, woran ich nicht zweifele, so können wir uns sagen, daß auch wir aus allen Kräften dazu beitragen und also auch unseren Antheil an dem verbreiteten Glück haben. – – – Können wir das alte Haus nicht mehr repariren, so reißen wir es lieber ein und bauen ein neues in einem besseren Geschmack. Natürlich ist es, daß wir den Einsturz einer so alten Wohnung, unter deren schirmendem Dach wir aufgewachsen sind, betrauern; wenn wir es jedoch recht bedenken, so war es wirklich zu eng und zu beschränkend für uns. Sie wundern sich vielleicht, diese Sprache von mir zu hören; allein ich war immer erst Deutscher und dann Oesterreicher.“

Der Prinz stand als Oberstlieutenant und Adjutant bei dem Regiment Utoni unter dem Befehl des Obergeneral Campo Verde. Im Januar 1812 commandirte er bei S. Felio de Codinas eine eigene Brigade. Es kam am 27. Januar zum Kampfe mit den Franzosen. Der Prinz in der Avantgarde wurde bald handgemein mit ihnen. Er, unter den Vordersten kämpfend, erhielt zwei Bajonnetstiche durch die rechte Wange; trotzdem commandirte er weiter. Da wurde er von einer Musketenkugel getroffen, welche [410] die Brust durchdrang. Nach gewonnener Schlacht trugen sechzehn Mann des Regiments Tarragona vor der Avantgarde her den Sterbenden nach Castel de Sol. Hier starb er ruhig am folgenden Tag, umgeben von vielen befreundeten Officieren.

Als der General, der zu Bette lag, die Todeskunde vernahm, legte er, überwältigt von Schmerz, die Hand vor die Stirn und verhüllte sein Haupt mit der Decke; schweigend zeigte sich sein Schmerz tiefer, als es Worte gethan haben würden. Am 30. Januar wurde die Hülle des Gefallenen feierlich in der Kirche beigesetzt.

So ist das Bild des edlen deutschen Fürstensohnes an unsrer Seele vorübergezogen, und wen hat sein Leben und Streben nicht mit der innigsten Theilnahme erfüllt, welches deutsche Herz fühlt sich nicht ergriffen beim Hinblick auf sein frühes Ende? Aber hat es uns nicht zugleich bei der Betrachtung der Vaterlandsliebe und der politischen Anschauungen des Fürstensohnes wie etwas Seltsames, Fremdartiges überkommen, daß er, der Fürstensohn, uns solche Gesinnungen offenbart hat? Es ist nicht gut, daß uns das seltsam dünkt, es wäre besser, wenn wir das sehr natürlich fänden. Doch wir wollen diesem Gedanken nicht weiter nachgehen. Vieles von dem, was jener edle Fürstensohn geglaubt und gehofft hat, ist in Erfüllung gegangen, und das mag uns wieder in der Ueberzeugung stärken, daß ein Streben, welches aus wahrer Vaterlandsliebe und Bürgertugend entspringt, dem Vaterland nicht verloren geht.

Wir wollen das Andenken des gefallenen Helden mit den Worten Arndt’s ehren, die, wie dem Schreiber dieses, vielleicht auch manchem Leser eine Thräne in das Auge drängen:

Da ist der Held gefallen in jenem großen Jahr,
Als des Tyrannen Wallen gen Moskau schaurig war;
Er hat nicht mehr gesehen, was seine Seele rang,
Das Vaterland erstehen aus Jammers Ueberschwang.
Doch ist er auch gestorben für’s deutsche Vaterland
Und hat den Kranz erworben, der Ehre höchstes Pfand;
Den Kranz, wodurch die Freien im Himmel herrlich stehn,
Die gegen Tyranneien durch Feu’r und Eisen gehn.
Drum schreibt die deutsche Treue mit goldnem Strahlenschein
Dich, kühner Schlachtenleue, in ihre Tafeln ein;
So lang in festen Kreisen noch Mond und Sonne reist,
Wird man Dich, Siegreich (Victor) preisen, wo man die Freiheit preist.
O, Land der Catalanen, so stolz und ritterlich,
In dir pries seine Ahnen der Victor Siegerich,
In dir hat er vergossen sein junges, frisches Blut,
In dir ist ausgeflossen sein Leben und sein Muth.
O, Land der Catalanen, du Land der alten Kraft!
Stets wehten deine Fahnen für hohe Ritterschaft;
Drum Klagen weint und Sorgen hier keinem Ritter nach,
Hier schläft er wohlgeborgen bis an den jüngsten Tag.   F. B.




Schwarze Melancholie.

Von E. V.

Jedes Land hat eine Krankheit, welche sein ausschließliches Eigenthum ist, welche vielleicht dann und wann in andern Ländern ebenfalls auftritt, aber unter einem platten Dutzend Namen, verblaßt und verflacht und vereinzelt, kurz, nicht mehr als Nationalkrankheit mit herkömmlicher Berechtigung. So hat Indien das gelbe Fieber, Italien die Malaria-Krankheiten, England den Spleen, und die russischen Länder haben die „schwarze Melancholie“. Viele haben sie schon mit dem Spleen verglichen. Aber schwarze Melancholie und Spleen sind so himmelweit verschieden! Der Spleen wälzt sich wie ein faules Ungeheuer aus dem Nebel heraus und äußert sich in verschlossenem Murrsinn, stumpfem Hinbrüten, in Menschenscheu, Todesgedanken und endlich in einem Pistolenschusse, der in zwei oder drei Häusern von Leicestersquare widerhallt und der dann, nachdem er in einer kleingedruckten Columne der Times ein schwaches Echo gefunden hat, zu den vergessenen und bald zu den nie dagewesenen Dingen gehört. Die schwarze Melancholie dagegen erzeugt sich in feuchten Moderstoffen; sie schleicht in den unheimlichen Gängen alter Steppenschlösser; sie brüllt aus dem Sturme, der über die Haiden von Azow braust; sie lauert in der Atonie des farb- und lichtlosen Himmels der ruthenischen und walachischen Länder; sie dunstet aus den unheimlichen Gräbern auf, deren Erdschollen der Aberglaube aufwühlt; sie steht wie ein Gespenst hinter dem Opfer und faßt es mit unerbittlicher Hand; sie sträubt ihm das Haar empor und treibt es ruhelos hin und her. Die schwarze Melancholie äußert sich im Gegensatze zum Spleen in einer fieberhaften Furcht vor dem Tode, in der Einbildung, von Gespenstern umringt zu sein, in einem krampfhaften Jagen nach fröhlicher Gesellschaft, in einem krankhaften Entsetzen vor Einsamkeit und Finsterniß.

Ich habe in den polnischen und russischen Ländern schon oft dergleichen Melancholiker gesehen, habe aber nur ein einziges Mal in meinem Leben einen näheren Umgang mit einem solchen Geisterseher gewagt, und mir ist wahrhaftig alle Lust benommen, den Versuch ein zweites Mal zu riskiren.

Graf George Kypreanitsch Kras … ist einer der reichsten Gutsbesitzer der Bukowina. Seine Freunde, Gäste und Schmarotzer nannten ihn (sobald er den Rücken gewendet hatte, natürlich!) einfach verrückt, während seine Dienerschaft sich mit der Andeutung begnügte, ihr Herr habe die „schwarze Melancholie“. Er war ein sehr blasser, recht hübscher, noch junger Mann, welcher selten lachte, aber fortwährend lächelte. Dieses Lächeln war jedoch kein Zeichen des Frohsinns, sondern ein permanentes, nervöses, unwillkürliches Zittern und Zucken seiner Lippen, welches Einem auf die Dauer gespensterhaft vorkam und an das man sich sehr schwer gewöhnte. Die Aerzte sagten, es sei eine Folge physischer Schwäche und Blutleere. Ich hatte ihn in Czernowitz bei einem beiderseitigen armenischen Freunde kennen gelernt und Seine melancholische Erlaucht hatte soviel Gefallen an meiner Wenigkeit gefunden, daß sie mich auf die graciöseste Weise von der Welt ersuchte, ihr für einige Monate auf ihr einsames Schloß in den schönen sonnenblumenbewachsenen Bergen der Bukowina zu folgen.

„Mein Arzt ruft mich auf’s Land, und ich will den Winter dort zubringen,“ sagte er.

„Sie werden sich mit dem Narren einsperren?“ fragte mich eine entsetzensbleiche Gouvernante im Fensterwinkel.

„Warum nicht, sobald er mich nicht beißt?“ antwortete ich achselzuckend.

Aber als ich Abends mit meinem Armenier am Kamin saß, fragte ich ihn doch mit einer etwas unsicheren Stimme, worin denn eigentlich die „schwarze Melancholie“ des guten Grafen George bestehe – denn für gewöhnlich sah man ihm dieselbe ganz und gar nicht an – und erfuhr zu meiner größten Ueberraschung, daß er sich einbilde, einmal von einem Vampyr angesaugt worden zu sein.

Von einem Vampyr angesaugt! Wenn man Dir das in einem Salon Deutschlands erzählt, lieber Leser, so wirst Du darüber ebensogut lachen, wie ich. Aber Ort und Umgebung haben einen unglaublichen Einfluß auf den Geist. In einem Kreise von Ungläubigen glaubt man sicher an nichts. Ist man aber von aufrichtigen Gläubigen umgeben, so lacht man wenigstens nicht über die Märchen, die für sie Glaubensartikel sind, und unser Haar sträubt sich gefällig mit empor. In der Bukowina, der Moldau und in den russischen Ländern nun liegt der Glaube an die Vampyre[4] in der Luft wie eine Malaria, deren Ansteckung [411] Du nicht widerstehen kannst, mag auch Deine Vernunft sagen und schreien und raisonniren, so viel sie will. Der Himmel ist so ganz anders dort, so schwer, so verschlossen, wir athmen da nicht unter unserem blauen Firmamente, und unser gedrückter Geist klebt an den Schneeklumpen und kann sich nicht mit zwitschernden Vögeln weit über den irdischen Aberglauben hinaus in den sonnigen Aether erheben.

Aus Alledem folgt, daß die Nachricht von der „seltsamen“ Melancholie mich nicht allzu angenehm berührte, ja, daß ich einen Augenblick schwankte, ob ich mich mit dem guten Grafen George wirklich tête-à-tête in seinem Eulenneste begraben solle. Aber die Schilderung der wundervollen Orangerie, der prachtvollen Erard’schen Pianos und der weichen Schaukelstühle von Krasów (so hieß das Schloß des melancholischen George Kypreanitsch Kras …) bestimmte mich.

„Und übrigens kommen die Anfälle seiner Melancholie stets nur im Winter, sobald der Schnee wirbelt.“

Ich flog also mit dem ersten Sonnenstrahle nach Krasów. Das Schloß war einsam, altmodisch, der Park dicht, verwildert, in allen Ecken standen Rococokästen, in denen ich nach Belieben herumkramen konnte; auch waren stets Nachbargäste da, vor Allem der Arzt Dr. Plazowski aus dem nahen Städtchen Krasów, ein sehr finsterer, aber ausnehmend gelehrter Mann mit großem Erzählertalente, der neben seiner Berufsbeschäftigung hauptsächlich den Aberglauben der verschiedenen Völker studirte und sich besonders mit Vorliebe auf das Studium der Vampyre geworfen hatte, wodurch er beim Grafen natürlich hoch in Gnaden kam. Ganze Abende hindurch hielt er uns mit den blutrünstigsten Schilderungen in Schrecken, die mir, beiläufig gesagt, für den Zustand des Grafen ganz unpassend erscheinen wollten.

Im Sommer wird die Zeit nie zu lang und man hat für die Melancholie und die Langeweile selten oder nie eine Stunde übrig. Es liegt sich so gut im weichen Rasen, im blauen Schatten der breitästigen dunkelgrünen Linden und Kiefern, man zankt in sonnenstillen Höfen oder in kühlen Marställen mit faulen, blaugestreiften Bedienten herum und Abends spielt man die sehnsüchtigen Liebeslieder des unvergleichlichen Jerzy Lubomirski. Das hilft über manchen Tag hinweg.

Aber jeder Sommer macht endlich einem Herbste Platz. So auch jener. Als die ersten Blätter fielen, zerstoben die nachbarlichen Gutsbesitzer in alle vier Winde und spannen sich in ihre gemüthlichen Residenzpaläste ein. Einer nach dem Andern wirbelte davon, wie die dürren Blätter, die der Herbstwind im Parke unter meinem Fenster aufwirbelte, nur wir blieben noch immer in dem finster, kalt und unheimlich gewordenen Schlosse. Ich dachte übrigens auch an’s Fortfliegen.

„Suchen Sie den gnädigen Herrn bald in die Stadt zu bringen,“ flehte mich der alte Kammerdiener Jendrik an, „sonst haben wir die Hölle! Sobald der erste Schnee fällt, fängt die schwarze Melancholie an, und dann kann man nur wahnsinnig werden oder davonlaufen – eine andere Alternative giebt’s nicht. Wir wechseln fast jährlich die Zimmerbedienten. Und nur die Stadt und die Theater und die Bälle und die Zukiernien[5] zerstreuen den gnädigen Herrn. Er ist seit fünf Jahren nicht über den September hier außen geblieben – aber es hat ihn Ueberwindung gekostet, denn das Schloß übt gerade um diese Zeit eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn aus – wie der Doctor Plazowski behauptet.“

Ich gähnte dem Grafen allabendlich in’s Gesicht; ich benahm mich unausstehlich und redete ihm zu, er solle nach Jassy, gehen – ich kündigte ihm meine eigene Heimreise nach Mähren an. Das Alles half nichts. „Sie dürfen mich jetzt nicht verlassen,“ sagte er mit seinem nervösen, zuckenden Lächeln, „das wäre undankbar von Ihnen. Ich muß wieder einmal einen Winter hier zubringen, denn der Doctor hält es für nöthig, mich wieder einmal zu ‚beobachten‘. Und allein halte ich’s hier nicht aus. Wenn’s einmal zu schneien angefangen hat, darf ich ja stets erst um zwei Uhr früh einschlafen, sonst würde man mich einmal todt finden. Und allein kann ich nicht wach bleiben. Sie müssen mir helfen, mir Geschichten erzählen, wir werden Schach spielen … Bleiben Sie!“

Der Graf sprach das ganze Jahr über sehr geistreich, sarkastisch und witzig. Es war das erste Mal, daß er wie ein Verrückter sprach. Der Armenier hatte Recht gehabt, als er mir von der totalen physischen und psychischen Veränderung erzählt hatte, die das Nahen des Winters bei dem Geisteskranken hervorbrachte. Das Zittern seiner Lippen war zu einem förmlichen Zucken geworden, seine Augen hatten, wie ich jetzt bei dem ungewissen Dämmerlichte halb furchtsam aufschaute, jeden Ausdruck und ihre schöne glänzend blaue Farbe verloren. Sie waren leer und stier geworden. Sein Gesicht war seltsam beweglich und seine Gesten waren hastig, unruhig. Vielleicht bildete ich mir das Alles nur ein, aber das widerhallende, dunkelgewordene Zimmer wurde mir mit einem Male unheimlich und ich trat auf den dämmerhellen Balcon hinaus, ohne das Gespräch fortzusetzen.

Es stand mir frei, den andern Tag schon abzureisen. Aber hätte ich mich nicht selber auslachen müssen? Es wäre ja eine förmliche Flucht gewesen und wirklich undankbar – ja mehr als undankbar: lächerlich. Und wenn der Aufenthalt in dem Schlosse auf den furchtsamen melancholischen Grafen den Zauber des Schlangenblickes ausübte, so schien er mich wahrhaftig ein wenig angesteckt zu haben, denn auch ich hatte ein seltsames, gruselndes Vergnügen an meiner eigenen Furcht und an meiner sich so unheimlich gestaltenden Umgebung.

Und die Herbstblätter fielen dichter, und die Tage vergingen und wurden finsterer und kälter und trauriger, und ich hüllte mich täglich in dickere Plaids, und Graf George und ich wurden auf unseren Spaziergängen täglich schweigsamer und schweigsamer. Eines Nachmittags hatten wir den Park verlassen und gingen stumm nebeneinander den kleinen See entlang, dessen Oberfläche ganz mit gelben und braunen Blättern bedeckt war. Die Aeste der Bäume starrten schon kahl und leer in die Höhe, und der Himmel lag schwer und weiß und niedrig über uns.

Plötzlich blieben ich und George zugleich stehen und starrten in die Nebelluft hinaus und mein Herz begann stärker zu pochen und ich faßte unwillkürlich seinen Arm. Ich erschrak sonderbarerweise vor einer ganz natürlichen Sache: leichte weiße Schneeflocken umwirbelten uns, anfangs spärlich, dann immer dichter – es war der erste Schnee in diesem Jahre. Ich schaute auf den Grafen. Er war noch blässer als sonst und folgte den tanzenden Flocken mit seinen leeren, unruhigen Augen. – Wenn ich gewußt hätte, dieser Schnee sei der Vorbote einer freien Nacht, in welcher alle bösen Geister ihr Spiel haben durften, und daheim erwarte uns hinter der Thür des Salons ein grinsendes Gerippe mit dem eigenen Kopfe unter dem Arme, ich hätte nicht mehr erschrecken können, als jetzt, wo ich der Worte des alten Jendrik gedachte: „Mit dem ersten Schnee kommen die ersten Anfälle der Melancholie.“

„Kehren wir um?“ fragte ich, unwillkürlich leiser sprechend.

George Kypreanitsch antwortete nicht. Er schüttelte nur den Kopf, nahm meinen Arm unter den seinigen und zog mich weiter. Wir spazierten in dem leichten Gestöber noch eine Stunde herum, bis nach dem Wäldchen hinaus und durch den Park wieder zurück. Als wir im Schlosse ankamen, war es schon ganz finster geworden. Die Diener, die uns in den Gängen begegneten, schauten uns mit stummen, furchtsamen Blicken an, der alte Jendrik, der die Lampe vorantrug, nickte mir zu. Beim Souper klapperten die Messer und Gabeln wie Todtenbeine und George Kypreanitsch sprach noch immer kein Wort.

„Ich fühle mich heut unwohl. Sie werden auf meinem Zimmer [412] schlafen, Mario. Ja?“ sagte er endlich beim Dessert, indem er seine leeren Augen einen Moment auf mich richtete. Ich konnte kaum ein Ja hervorbringen.

„Aber würde Ihnen Jendrik nicht mehr nützen?“ fügte ich hinzu.

„Ich will aber nicht schlafen. Und mit Jendrik kann ich nicht plaudern. Ich darf nicht schlafen, verstehen Sie?“

Der geistreiche spöttische Gesellschafter war weg, verschwunden, und ein total Verrückter war an seine Stelle getreten. Der Graf war wirklich ein doppeltes Wesen, wie ihn mir der Armenier geschildert hatte.

„Jendrik, was thut er denn in solchen Sturmnächten, wie die heutige ist?“ fragte ich im Corridor den Kammerdiener, während die Bora an den Fensterflügeln rüttelte und durch die Kamine pfiff wie in einem englischen Moderomane. Der Alte war selig, wenn er geheimnißvoll thun konnte. „Ach Gott, nichts! Er wehrt sich nur gegen das Einschlafen und läßt Einem keine Ruhe und schwatzt fort und sieht Gespenster; und läßt man ihn einschlummern, so fährt er nach einigen Minuten mit einem Schrei in die Höhe und stürzt aus dem Zimmer und schreit, der Vampyr hänge ihm am Halse, und rebellirt Alles aus dem Schlafe und kriegt seine Krämpfe und der Doctor muß geholt werden, und der schüttelt den Kopf und sagt: es seien allerdings alle Anzeichen des Vampyrismus vorhanden, und diese Bestätigung wirft den gnädigen Herrn in neue Krämpfe. Aber der Arzt hat uns gesagt, man müsse auf die fixe Idee eingehen, sonst stehe er für nichts. Also um Gotteswillen, stimmen Sie nur bei, wenn der gnädige Herr Etwas sieht, und lassen Sie ihn beileibe nicht einschlafen. So will’s der Herr Plazowski.“

„Wirklich, Jendrik?“

„Jawohl. Vor fünf Jahren, als der Herr Graf zum letzten Male den Winter hier zubrachte, hatte er sich einen ungarischen Edelmann mitgebracht, einen Säufer und Schlemmer, und da sind sie die ganze Nacht hinter der Flasche gesessen, sind aber auch regelmäßig gegen Morgen eingeschlafen, und die Anfälle waren täglich da. Warum mußte aber auch der Teufelsdoctor den gnädigen Herrn zum ‚Beobachten‘ herlocken! Ueberhaupt, wollen Sie Etwas wissen, Herr Chevalier?“ fügte der Alte mit seiner fatalsten und geheimnißvollsten Miene hinzu.

„Nun, Jendrik?“ fragte ich gespannt.

„Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich ebenfalls von dem Vorhandensein eines Vampyrs überzeugt bin, und wollen Sie wissen, wer dieser Vampyr ist?“

„Jendrik!“

„Der Herr Doctor Plazowski selber.“

Das Schlafzimmer war sehr gemüthlich hergerichtet. Das Feuer loderte, feiner Ambrastaub war in die Flammen geworfen worden und durchduftete sanft das Gemach, die Wachskerzen brannten ruhig auf dem Guéridon, und die funkelnden Weinkaraffen vollendeten das gemüthliche Stillleben. Ich lag müde auf dem Divan. „Wäre es nicht besser, wenn Sie sich zu Bett legten, George Kypreanitsch?“ fragte ich, „Ihr Unwohlsein scheint fieberhaft zu sein – und das verlangt Ruhe, Schlummer und eine Schale heißen Thees.“

Der Graf saß in einem Fauteuil und las den „Pan Podstoli“ des Ignaz Krasicki. Er legte das Buch auf das Tischchen neben sich und fuhr mich ungeduldig an. „Sie haben mich also noch nicht verstanden? Ich habe das Fieber, ja, aber ich kenne meinen Zustand und die Mittel.“ Er schaute sich, während er sprach, von Zeit zu Zeit scheu um. Das Zucken seiner Lippen war zu einem nervösen kichernden Tone geworden, der mich im Verein mit dem heulenden Sturme draußen beinahe zum Wahnsinn brachte. Ich wandte mich scheu von dem Grafen ab. „Verzeihen Sie, daß ich Sie in Ihrer Lectüre gestört habe.“

„Nein. Ich will nicht mehr lesen. Plaudern wir.“

Er setzte sich auf die Divanecke, die noch frei war, und summte vor sich hin.

„Haben Sie schon einen Vampyr gesehen?“ fragte er dann plötzlich.

Nous y voilà! Ich war so erschrocken, wie ein kleines Kind, aber anstatt um Hülfe zu schreien, antwortete ich so ruhig als möglich: „Nein. Es giebt auch keine.“

Er stand auf und fing an im Zimmer auf und ab zu schreiten, wobei er jeden Augenblick den Kopf umwandte; es war, als fühle er hinter sich ein Wesen, welches er umsonst zu erblicken strebte, und ich folgte unwillkürlich stets der Richtung seiner Blicke. Und so auf und ab eilend und sich umsehend und manchmal zu mir tretend, erzählte mir der schreckliche Mensch, daß er einst von einem Vampyr heimgesucht worden sei, und nur die Geschicklichkeit Plazowski’s habe ihn von gänzlicher Verblutung gerettet. Er beschrieb mir, daß man beim Nahen des Gespenstes einen unwiderstehlichen Schlafreiz verspüre. Man fühle ein kühlendes Fächeln und einen angenehmen Kitzel am Halse. Der Doctor habe ihn, wie gesagt, durch eine heroische Cur und nebenbei durch Anwendung des Weihwassers gerettet; aber sobald der erste Schnee falle, der (wie in einer alten Krakusen-Chronik, die ihm Plazowski geliehen habe, zu lesen sei) die Todten wecke, fühle er wieder deutlich die Nähe des Gespenstes, und nur Wachen und Gesellschaft könne ihn schützen. Und es sei hinter ihm. Er fühle das Fächeln und Flattern des durstigen Unholds – nur sehen, sehen könne er ihn nicht.

„Erzählen Sie mir eine Geschichte, Mario, eine heitere Geschichte. Sie sollen morgen alle Ihre Lieblingsspeisen haben und den ganzen Tag schlafen können! Ich bin krank, wissen Sie. Oder spielen Sie mir den Arditi-Walzer.“

Seine Stimme war heiser, hastig, gepreßt; sein Auge stier und roth umrändert, sein Gesicht wachsbleich. Der starke, graziöse, distinguirte Mann, den ich bei den rauschenden Klängen einer Mazurka in einem brillanten Salon von Czernowitz kennen gelernt hatte, war eine gebrochene, verwirrte, verrückte, von Entsetzen geschüttelte Creatur geworden. Es zuckte und riß in allen seinen Gliedern und ein Schauer durchfröstelte ihn. Da zum ersten Male lernte ich die furchtbare, unabweisbare, tyrannisch zerstörende Gewalt der schwarzen Melancholie kennen, die auf so intensive Art nur in den ruthenischen Ländern auftritt. Sie äußert sich zwar nur in Anfällen, welche in bestimmten Perioden wiederkehren und für die übrige Zeit weder geistige noch körperliche Spuren zurücklassen, aber die Anfälle selbst sind grauenhaft. Die Nacht, wo ich furchtsam und selbst in Fieber gejagt dem auf und ab wankenden, zitternden, unruhigen, seufzenden Grafen tändelnde Walzer vorspielte und Anekdoten von dem geizigen Leo Sapieha und den römischen Pulcinellen erzählte, wird mir unvergeßlich bleiben.

Zwei Tage später reiste ich ab. George Kypreanitsch mußte bleiben. Der Arzt sagte, eine Reise im Winter sei bei dem geschwächten Zustande und der Blutleere des Grafen gefährlich. Der gute Doctor Plazowski bezog, beiläufig gesagt, für den Besuch ein Honorar von zwei Ducaten. –

Zwei oder drei Jahre später traf ich den Grafen in Jassy als den alten, geistvollen, etwas sarkastischen Cavalier wieder, als welchen ich ihn kennen gelernt hatte. Ich fragte mich mit Erstaunen, ob das wirklich derselbe Mann sei, der in jener längstvergangenen Sturmnacht vor einem Nichts wie ein Kind gezittert hatte.

„Sie sind immer wohlauf, Monseigneur?“ fragte ich ihn en passant zwischen einer Partie Yerrilage und einem Contretanz.

„O ja, Duschinka. Ich bin jetzt ganz gesund.“

„Und was macht Krasów?“

Er lachte. „Ich habe keine Idee davon. Ich bin seit drei Jahren nicht dort gewesen. Ich fürchte mich vor dem Doctor. Sie wissen vielleicht nicht, daß ich mich verheirathet habe. Meine Frau hat mich von der schwarzen Melancholie nicht anders zu retten gewußt, als indem sie Krasów verkaufte und die Clausel in den Contract setzte, daß ich von dem neuen Besitzer nie zur Jagd eingeladen würde.“




Ich glaube, daß am Ende doch der alte Jendrik Recht hatte, der den gelehrten Doctor Plazowski für den eigentlichen und echten Vampyr hielt, welcher dem armen George Kypreanitsch zwar kein Blut, wohl aber so viel Ducaten wie möglich ausgesaugt hatte.




[413]

Kritische Situation auf der Sauhetze.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Otto Eberlein.

[414]
Der entscheidende Posten in der Schlacht von Belle Alliance.

Wenn wir Deutschen mit gerechtem Stolze in diesem Jahre das fünfzigjährige Jubiläum der Schlacht von Belle Alliance feiern, so gebührt einem deutschen Helden, der, obgleich in einer untergeordneten Stellung, doch sehr viel zum Gewinne dieser Schlacht beitrug, vorzüglich mit unser dankbares Andenken, obgleich der Name desselben in den Schilderungen der großen Schlacht kaum beiläufig genannt wird.

Dieser Mann ist Georg Baring, damals Major bei der unter Wellington mitfechtenden deutschen Legion, vor Ende seines Lebens Generallieutenant Freiherr von Baring. Schon als dreizehnjähriger Knabe in die hannoverische Armee eingetreten, kämpfte er mit dieser tapfer in Brabant und organisirte, nach Auflösung der hannoverischen Truppen im Jahre 1800, eine eigene kleine Freischaar, die er von Elsfleth im Oldenburgischen glücklich nach England hinüberführte. Hier zuerst zum Capitain in der englischen deutschen Legion ernannt, nahm er mit dieser unter Wellington namentlich am Kriege in Spanien Theil und begleitete, zum Major des zweiten leichten Bataillons bei der zweiten Brigade der deutschen Legion unter dem Obristen von Ompteda, welche zur dritten Division unter dem General Carl August von Alten gehörte, erhoben, die englische Armee auch im Jahre 1815 wieder nach Belgien, als Napoleon, von Elba zurückgekehrt, die Ruhe Europas auf’s Neue gefährdete. Hier war es, wo er die Vertheidigung eines der wichtigsten Posten erhielt.

Dieser Posten war eine elende Meierei, la Haye Sainte, unmittelbar vor dem Centrum der englischen Armee an der Hauptchaussee nach Brüssel liegend, welche Napoleon passiren mußte, wenn er seinem erklärten Willen gemäß am 19. Juni als Sieger in die Hauptstadt Belgiens einziehen wollte. Ompteda und Alten standen hinter ihm, und ein Hohlweg war zwischen seiner Stellung und dem Gros der deutschen Legion. Die Meierei bestand aber blos aus einem Wohngebäude und einem mit schwachen Mauern und Scheunen umgebenen Hofe, aus welchem zwei große Thore und drei Thüren in’s Freie führten. Vorn gegen den Feind zu war ein Obstgarten nur mit einer lebendigen Hecke umgeben, hinten ein Gemüsegarten eben so schlecht vertheidigt. Die Thür der großen Scheune war noch dazu verbrannt und stand dem Feinde ganz offen. Dies war die Festung, welche Baring mit nur sechs Compagnien seines Regiments, die nicht mehr als vierhundert Mann zählten, so lange als möglich vertheidigen sollte, um Blücher Zeit zu lassen, dem englischen Heer zu Hülfe zu kommen, wenn dieses von der Hauptmacht Napoleon’s angegriffen würde. Was erfolgt wäre, wenn Baring diesen Posten nicht behauptet hätte – es ist nicht schwer zu sagen: das Centrum der englischen Armee wäre wahrscheinlich vor Blücher’s Ankunft durchbrochen und Blücher wäre zu spät gekommen! Und was dann?

Wer wäre freilich bei einer solchen Aufgabe nicht verzweifelt, besonders da Baring den 16. Juni, auch vorausgeschickt, nahe bei Ligny stand und nach der Niederlage eines Theiles des Blücher’schen Heeres unter schrecklichem Gewitterregen mit seinen völlig durchnäßten Truppen erst am 17. Juni Abends um zwölf Uhr den ihm angewiesenen Posten beziehen konnte! Dazu kam, daß man ihm keine Schanzgeräthschaften, „keine Hacke“, zurückgelassen hatte, weil noch ein anderer Posten, das festere Schloß Houguemont, vor dem rechten Flügel der englischen Armee noch mehr verschanzt werden sollte, und das Maulthier, welches noch Schanzgeräthe trug, Tags vorher abhanden gekommen war. Er konnte daher nichts weiter thun, als eine Barrikade auf der Chaussee aufwerfen, die Mauer mit Schießlöchern versehen und Haus, Hof, Scheune und Gärten mit seinen wenigen Leuten regelmäßig besetzen.

Nachdem Napoleon schon um eilf Uhr des 18. Juni einen vergeblichen Angriff auf den rechten Flügel der Engländer und das vor demselben liegende festere Schloß Houguemont hatte machen lassen, beschloß er, Nachmittags gleich nach zwölf Uhr das Centrum zu sprengen. Daher rückten um diese Zeit, die Plänkler voran, zwei geschlossene Colonnen vom d’Erlon’schen Corps unter Doncelot gegen la Haye Sainte an. Baring ließ seine Leute sich niederlegen und vom Obstgarten aus erst auf sie schießen, als sie ganz nahe waren. Der erste Schuß der Feinde zerschoß ihm den Zügel des Pferdes dicht vor der Hand, der zweite tödtete den Major Bösewil ganz in seiner Nähe. Dann, als er seine Leute an der Scheune zusammengezogen hatte, wurde seinem Pferde ein Bein zerschmettert, so daß er ein anderes, das seines Adjutanten, besteigen mußte. Endlich, als er schon fast der Uebermacht erlag, kam der Obrist-Lieutenant Klenke mit dem Lüneburgischen Bataillon ihm zu Hülfe, worauf er sogleich wieder angriff und die Feinde unter dem Hohngelächter der Seinigen sich zurückzogen. Ebenso vertheidigte er sich glücklich gegen den Angriff der Kürassiere und Dragoner vom Ney’schen Corps und la Haye Sainte war gerettet. Doch hatte dieser Angriff ihm große Opfer gekostet. Von seinen wenigen Officieren waren drei todt und sechs verwundet, weshalb ihm auf sein Ansuchen zwei Compagnien vom ersten leichten Bataillon unter den Hauptleuten v. Gilsa und v. Marschalk zur Verstärkung geschickt wurden.

Der zweite noch wüthendere Angriff der Franzosen erfolgte schon eine halbe Stunde später vom Bachela’schen Corps in zwei geschlossenen Colonnen. Wegen ihres Andringens in Masse traf nun jede Kugel und „begnügte sich selten mit einem Opfer“. Dennoch stürzten die Franzosen unter dem Ausrufe „Vive l’Empereur!“ auf die Mauer und ergriffen die Büchsen, welche aus den Schießlöchern hervorragten, um sie den Deutschen zu entreißen. Andere, welche die Thore aufzubrechen suchten, wurden getödtet. Der härteste Kampf jedoch entspann sich an der großen offenen Scheunenthür, die aber durch siebenzehn bald aufeinander liegende erschossene Franzosen selbst mit geschützt wurde. Um vier Uhr folgten dann noch verschiedene Schwadronen, Kürassiere, Uhlanen, Dragoner und Husaren, welche das englische Centrum sprengen sollten und dicht bei der Meierei vorbeizogen. Baring ließ nun seine Leute ihr ganzes Feuer auf die Reiter richten und tödtete viele, während auch die englische Cavalerie der in Carrés aufgestellten Infanterie zu Hülfe kam. Da stob wieder unter dem Hurrah tapferer Vertheidiger der Meierei die französische Cavalerie auseinander, und die Angreifer der kleinen Festung folgten den Fliehenden. Baring wurde bei diesem Angriffe sein zweites Pferd unter dem Leibe erschossen und er mußte sich ein neues auffangen lassen, was er mit frischem Muthe bestieg.

Der dritte Angriff (Ney’s) erfolgte eine Stunde später. Baring hatte jetzt leider gefunden, daß der größte Theil seiner Munition schon verschossen sei; er bat um neue, aber vergeblich. Napoleon wollte nun um jeden Preis Houguemont und la Haye Sainte, welche ihn so sehr am weiteren Vordringen hinderten, durch Feuer vernichten, und wirklich gelang es seinen Truppen, Houguemont durch Raketen bis auf das untere Geschoß abzubrennen und Feuer auch durch die offene Thür von la Haye Sainte zu werfen, worauf bald ein furchtbarer Dampf die tapfere kleine Besatzung erschreckte. Keine Löschapparate, nicht einmal Eimer, fanden sich auf dem Hofe; allein Baring verlor dennoch den Kopf nicht. Statt neuer Munition waren ihm zweihundert Nassauer zu Hülfe geschickt. Sie trugen Feldkessel auf ihren Tornistern, und Baring ließ durch diese das Wasser herbeischleppen, was zugleich mit dem Blute mancher tapfern Vertheidiger wirklich auch den Brand löschte. Keiner, selbst verwundet, verließ seinen Posten. „Ein Hundsfott,“ so hieß es, „der von Ihnen weicht, so lange der Kopf noch oben ist!“ Nach fast anderthalb Stunden mußten die Franzosen wieder abziehen.

Jetzt aber fand Baring, daß nur noch drei oder vier Patronen für jeden Mann übrig seien. Er forderte daher noch dringender, als zuvor, neue Munition, und als dieses wieder vergeblich war, so erklärte er, daß er ohne diese, auf’s Neue angegriffen, sich nicht länger halten könne. Die Leute achteten nicht auf ihre ungeheure Anstrengung und verrammelten die Löcher, welche die Kanonenkugeln in die Mauern geschossen hatten. Jetzt, sagt Baring, hätte er die Kanonenkugel gesegnet, welche seinem Leben ein Ende gemacht hätte. Aber mehr als das Leben stand auf dem Spiele, und die ungewöhnliche Gefahr erforderte ungewöhnliche Anstrengung und Festigkeit.

Ein neuer Angriff der Doncelotschen Division, der vierte, erbitterter noch als die früheren wegen des hartnäckigen Widerstandes der kleinen Heldenschaar, erfolgte gegen sechs Uhr Abends. Es gelang den Franzosen wieder, Feuer in die offene Scheunenthür zu werfen. Der entstehende Brand wurde [415] abermals gelöscht. Nun fehlte es aber Baring’s Leuten fast gänzlich an Patronen; der Feind, dies merkend, griff desto kühner an. Er brach keck in eine der Thüren ein, allein die Eindringlinge wurden durch Bajonnete getödtet. Da erstiegen die Franzosen die Mauern und Dächer und schossen von da sicher auf Baring’s vertheidigungslose Leute. Dann drangen sie auch durch die große offene Thür der Scheune, und Baring, welcher jetzt sich nicht mehr halten konnte, beorderte seine Leute, sich durch die enge Flur des Hauses zurückzuziehen und im Garten zu sammeln. In dieser engen Passage wurden Viele, Freunde und Feinde, getödtet, und im Garten blieb ihm nichts Anderes übrig, als die ihm zu Hülfe geschickten Leute einzeln nach ihren Corps sich zurückziehen zu lassen. Er selbst begab sich mit dem geringen Reste seines Bataillons nach dem Hohlwege nahe der Meierei und schloß sich den zwei Compagnien des ersten leichten Bataillons der englisch-deutschen Legion unter dem Obrist-Lieutenant von Busche an, der diesen Paß vertheidigte.

An diesem Hohlwege begann der Kampf von Neuem, denn Napoleon lag Alles daran, durch Ney, „le plus brave des braves“, das englische Centrum zu sprengen und so die Hülfe der Preußen abzuschneiden. Jetzt sah Baring zuerst seinen Freund, den Capitain Marschalk, fallen, dann den Lieutenant Albers, dann zwei andere seiner Cameraden, die den Leuten Muth einsprachen, schwer verwundet. Ihm selbst wurden vier Kugeln in den Sattel und der Hut vom Kopfe geschossen. Die französische Reiterei, die der im Hohlwege versteckten kleinen Schaar bis auf zwanzig Schritt im Galopp sich näherte, erhielt jedoch eine solche Salve, daß sie in Unordnung zurückstob. Neue Infanterie bedrängte jetzt aber aus dem genommenen la Haye Sainte die Vertheidiger des Passes. v. Alten wurde dabei so verwundet, daß er vom Schlachtfelde weggetragen werden mußte; Baring wurde sein drittes Pferd unter dem Leibe erschossen, und dieses drückte sein linkes Bein so tief in den durch Regen erweichten Lehmboden, daß es ihm unmöglich war, sich wieder loszumachen. Man hielt ihn für todt. Endlich, unterstützt durch einen seiner Leute, kroch er bis zum nächsten Bauernhause, wo ein mitleidiger Engländer ihm ein neues Pferd einfing und hinaufhalf. Er ritt zurück, fand indeß den Hohlweg, der unterdeß wegen Mangel an Munition von der deutschen Legion ebenfalls hatte aufgegeben werden müssen, verlassen, hörte von einem ihm begegnenden Officier, daß auch Ompteda gefallen sei, und wurde so in die traurigste Stimmung versetzt; aber unmittelbar darauf erscholl ein allgemeiner Ruf Victoria! Victoria! und Vorwärts! Vorwärts! Welcher Wechsel der Situation! Baring, „der noch keine Leute wieder hatte“, denn von seinen vierhundert Tapfern waren nur zweiundvierzig bei der Einnahme von la Haye Sainte noch übrig, und auch diese waren jetzt nicht mehr bei ihm, schloß sich dem ersten Husarenregimente an, welches den Feind verfolgte, kehrte Abends auf das Schlachtfeld zurück, schlief auf einem Bündel Stroh zwischen einem gefallenen Soldaten und einem todten Pferde und begrub mit den Seinen am andern Morgen seine tapfern Cameraden und werthen Freunde, worunter auch der Oberst v. Ompteda sich befand. Von fünfundzwanzig seiner Officiere, welche die nun wiedergenommene Station la Haye Sainte mit ihm vertheidigt hatten, waren ihm nur neun übrig geblieben.

Dies ist die kurze, größtentheils aus seiner eigenen Feder geflossene Erzählung von der Vertheidigung der Meierei la Haye Sainte, welche der That eines Leonidas und seiner dreihundert Spartaner an die Seite gestellt werden kann.

Unsere Leser wissen, daß es Blücher war, der die Entscheidung des großen Tages brachte – obschon man auch in deutschen Geschichtbüchern leider die Schlacht noch immer nur nach dem Dorfe zu nennen pflegt, wo der englische Heerführer sein Hauptquartier hatte. Es war fünf Uhr, als Blücher’s Kanonen zuerst von Frischermonts Höhen donnerten, damals noch von der französischen Armee für die Kanonen Grouchy’s gehalten. Daher Napoleon’s letzter gewaltiger, aber doch vergeblicher Versuch, das englische Centrum zu sprengen. Aber erst um sechs bis sieben Uhr konnte die Hauptmacht der Blücher’schen Truppen ankommen, gerade zu der Zeit als la Haye Sainte aufgegeben werden mußte, doch die deutsche Legion im Hohlwege sich noch hielt. Jetzt erst führte Napoleon seine alte Garde gegen Blücher in’s Feuer. Vergebens! Auch diese wurde geschlagen. Um acht Uhr Abends reichten sich Blücher und Wellington in dem Hauptquartier des nun flüchtigen Napoleon’s die Hand, und Blücher konnte am folgenden Morgen an seinen alten Freund Knesebeck schreiben: „Mein Freund. Die Schönste Schlagt ist geschlagen. Der herrlichste Sieg ist erfochten. Das Detallie wird er volgen, ich denke, die Bonapartische Geschichte ist nun wohl für lang wider zu ende. La Bellalliance, den 19. früh. Ich kann nicht mehr schreiben, denn ich zittre an alle glieder. Die anstrengung war zu groß.“

Wir fragen noch einmal, was wäre geschehen, wenn der tapfere Baring seinen Posten nicht so lange gehalten hätte? Welchen andern Ausgang dürfte die Schlacht, welche andere Gestaltung vielleicht das Schicksal Europas erhalten haben?

Die Belohnung erfolgte auch schon auf dem Schlachtfelde. Baring erhielt für seine kräftige Mitwirkung einen Orden[6] und wurde zum Obristlieutenant ernannt. Seine nachherige Laufbahn nach geschlossenem Frieden fassen wir in wenig Worte zusammen.

Baring, jetzt vierzig Jahr alt, wurde nach seiner Rückkehr in seine Vaterstadt hochgeehrt, in den Freiherrnstand erhoben und zum Obristen avancirt. Im Jahre 1832 wurde er General-Major und Commandant von Hannover, welchen Posten er, geehrt und geliebt von seinen Cameraden und dem Volke, sechzehn Jahre lang verwaltete. Im Jahre 1836 erhielt er bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums vom Könige Wilhelm dem Vierten von England einen Ehrensäbel und einen ähnlichen von seinen Officieren. Im Jahre 1846 wurde er Generallieutenant.

Sein Tod erfolgte am 27. Februar in Wiesbaden, wohin er sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit mit den Seinigen begeben hatte, am Schlage. Seine Bestattung geschah unter soldatischen Ehren, auch im Beisein von mehreren Nassauern, welche er vor dreiunddreißig Jahren in la Haye Sainte zur tapfern Mitvertheidigung dieses wichtigen Postens durch Wort und That angefeuert hatte und die damals zufällig sich in demselben Bade mit ihm befanden. Möge das Beispiel dieses eben so tapferen wie rechtlichen und bescheidenen Mannes unsere Jugend, wenn es früher oder später einmal wieder Noth thun sollte, zu ähnlichen Thaten entflammen!




Blätter und Blüthen.


Aus Mendelssohn-Bartholdy’s Leben. Unter den großen Componisten unserer Zeit steht wohl keiner dem Herzen des deutschen Volkes näher und ist ihm schwerlich einer lieber, als Mendelssohn-Bartholdy. Die Erinnerung an ihn bleibt uns theuer nicht blos um seiner Tonschöpfungen willen, die jedes edlere Gemüth erfreuen und erheben, sondern namentlich auch um des Charakters willen, den er überall geoffenbart. Wir wollen hier von dem Werth der Mendelssohn’schen Compositionen nicht sprechen; der Zweck dieser Zeilen ist vielmehr nur der, einen Zug aus dem Leben dieses Mannes der Vergessenheit zu entreißen und ein spätes Kränzchen auf sein Grab zu legen.

Es war im heißen Sommer von 1842, als im Züricher Tagblatt unter den Namen der angekommenen Fremden eines Tages auch Mendelssohn-Bartholdy’s Name stand. Kaum war seine Anwesenheit bekannt, so beeilten sich die hervorragendsten aus der namhaften Zahl der Züricher Musiker und Musikfreunde, den Künstler in seinem Gasthofe zu besuchen und ihn in einzelne gewählte Kreise einzuladen. Mendelssohn wies diese Einladungen eben so höflich wie entschieden zurück. Seine Gesundheit war damals schon angegriffen, eine Schweizer Reise sollte ihm zur Erholung und Stärkung dienen, und die Aerzte hatten ihm jede ernstliche Thätigkeit auf’s Strengste untersagt. Da machte ihm auch der Director des dortigen Blinden-Instituts seinen Besuch und stellte ihm vor, daß in seiner Anstalt einige musikalisch begabte Zöglinge sich befänden, die sich schon mehrfach und mit Beifall von Seiten des Publicums im Setzen von Liedern, Chören etc. versucht hätten, daß ihm aber alles daran liegen müsse, das Urtheil eines so kompetenten Richters zu vernehmen sowohl über ihre Begabung als über ihre seitherigen Arbeiten. „Ich habe andere Einladungen zurückgewiesen,“ erwiderte der Künstler, „aber zu Ihren Blinden werde ich kommen.“ Und in der That, er kam. Der Anblick der Blinden ergriff ihn, und nachdem er sie auf’s Freundlichste gegrüßt, wurden ihm einige ihrer Compositionen vorgetragen. Mit sichtlichem Interesse, ja mit Rührung hörte er, die Partitur in der Hand, den Blinden zu und namentlich ein größerer Chor war’s, der ihm wohl gefiel. Nachdem er sein Lob ausgesprochen und einige Stellen als besonders gelungen hervorgehoben hatte, äußerte er gegen den Director, daß an der Begabung der Componisten nicht zu zweifeln sei, und ermahnte die letzteren, eifrig fortzuarbeiten und sich an ernsthafte Texte zu halten. Eine in der Partitur angebrachte Correctur [416] bemerkend, fragte Mendelssohn, von wem sie herrühre, und als man ihm den Namen nannte, äußerte er freundlich lächelnd: „Die Correctur ist allerdings begründet; der Satz ist so richtiger; aber wie es ursprünglich hieß, war es schöner, treffender,“ und zu dem blinden Componisten gewendet, rieth er ihm: „lassen Sie sich durch Correcturen nicht irre machen; das gebildete musikalische Ohr bedarf der Regeln nicht mehr, es ist sich selbst Maß und Regel.“ Um das Glück der wenigen Anwesenden, von welchen Niemand den Muth gehabt hätte, den Künstler um etwas Weiteres zu bitten, vollständig zu machen, bat er seinerseits um die Erlaubniß auf dem Piano Etwas spielen zu dürfen. Er setzte sich nun an’s Clavier und spielte eine jener wundervollen freien Phantasien, durch die er so oft seine Freunde entzückt hat. Wie leuchtete der Blinden Antlitz, als mitten im Strome des Vortrags die Hauptgedanken des von ihnen so eben gesungenen Chores auftauchten! Wir Alle hätten den liebenswürdigen Mann umarmen und an’s Herz drücken mögen. Unter den besten Wünschen für die Anstalt und das Wohlergehen ihrer Zöglinge nahm er Abschied, Keiner von uns sah ihn wieder, schon wenige Jahre später nahm ihn der Tod hinweg; aber er lebt fort, wie in seinen prachtvollen Werken, so in der Erinnerung, in der Liebe derer, die ihn sahen und hörten. Der Blinde aber, dem der Meister damals so freundlich zugesprochen, befindet sich noch jetzt in jener Anstalt, verehrt den Stuhl, auf dem der Dahingegangene gesessen, als theure Reliquie und nennt ihn den „Mendelssohn-Stuhl“. Sch. in B.




Ein trauter Winkel im Alpenlande. Gar mancher der Leser unsers Blattes denkt jetzt wohl an einen hübschen gemüthlichen Ort, wo er seine Sommerfrische abhalten, seine Ferienwochen genießen könne, vermag aber in der Ueberfülle schöner Plätzchen, die ihm winken, nicht zur Entscheidung des Wohin? zu gelangen. Vielleicht ist ihm darum der Fingerzeig willkommen, welchen ihm der nachstehende Brief eines alten bewährten Mitarbeiters an den Herausgeber der Gartenlaube bietet.

„… Und wenn Sie nun nach den vielen Jahren einmal wiederkommen und ein so recht schönes und freundliches Stillleben von vierzehn Tagen oder drei Wochen oder auch länger in der Schweiz, und zwar nicht weit von dem lieben und herrlichen Zürich, verbringen wollen, dann, mein lieber Freund, wüßte ich einen gar wundervoll reizenden und heimlichen Platz für Sie. Sie kennen den freundlichen Marktflecken Lachen am Zürichersee; die Dampfschiffe halten dort dicht unter den weithin glänzenden Kuppeln der Doppelthürme seiner Kirche. Sie kennen aber noch nicht das Wäggithal, in das ein bequemer Weg von Lachen aus Sie führt. Das wilde, großartige Klönthal kennen Sie freilich wieder; aus dem Wäggithal kommt man hinein, und also auch kommt man aus dem Klönthal in das Wäggithal, und da war einmal ein richtiger Berliner, der bisher seine Reisen nur bei Gropius gemacht hatte, der war zuerst in dem Klönthal gewesen und die riesige und wilde Natur hatte ihn fast mit Schrecken erfüllt, und wie er nun in das Wäggithal trat, da rief er verwundert aus: „Ach, hier kommt man doch in ein natürliches Thal!“ Der Mann hatte Recht, und Sie haben da das Thal, das Stunden lang, bald eng, bald an einzelnen Stellen eine halbe Stunde breit, so still und heimlich zwischen den Bergen sich hinzieht, die bald sanft sich abdachen, bald steil in die Höhe steigen, die in dem vorderen Theile des Thales mit Obstbäumen bedeckt sind, auf denen in dem hinteren Thale die Buche und der Ahorn mit ihrem dunklen Laube sich erheben und zwischen den Felsen in seltener Menge und Pracht die Alpenrose blüht, während das schönste Grün unten die Wiesen bedeckt. Dahin sollen Sie, mein Freund; in der Stille, in dem Frieden, in der Frische dieses Thales sollen Sie sich ausruhen und wieder stärken zu den weiteren Mühseligkeiten des Lebens, denen auch der Herausgeber der Gartenlaube nicht entgehen kann. Es ist nur ein einfaches Hirtenthal, dieses Wäggithal: es hat aber seit einigen Jahren seinen Comfort, welchen auch ein Leipziger, selbst wenn er verwöhnt wäre, nicht verachten wird. Im Jahre 1862 hat ein Herr Hegener ein geräumiges, bequemes, reizend gelegenes Curhaus in dem Hinterthale aufbauen lassen. Denn damit diesem schönen Thale nichts fehlt, hat es auch ein Gesundheitsquellwaser, das nach chemischen Untersuchungen, namentlich des hiesigen Professors der Chemie, Johannes Wislicenus – des Sohnes unseres Freundes G. A. Wislicenus – ein Quellwasser von so ungewöhnlicher Reinheit, wie man es in natürlichem Zustande wohl nicht wieder finden mag; es soll daher auch die doppelte Wirksamkeit der berühmten Pfäfferser Quellen haben, und schon mancher Badegast hat in den drei letzten Jahren seine Gesundheit dort wieder erlangt. Der Wirth des Curhauses ist übrigens darum kein vornehmer und theurer Badehotelwirth geworden. Sie werden eine freundliche und billige Aufnahme in dem schönen Curhause im Wäggithale finden, und wenn Sie, bevor Sie selbst kommen, manchen Anderen, der von dem neuen Curhause noch nichts weiß, darauf aufmerksam machen wollen, so lassen Sie diese Zeilen in der Gartenlaube abdrucken mit dem Namen ihres Schreibers und Ihres alten Freundes Temme.“




Philanthropie während des Krieges. Ein Herr in New-York hat mit großer Sorgfalt eine kleine Broschüre verfaßt, die eine Uebersicht aller von dem amerikanischen Volke während des Krieges zu philanthropischen Zwecken gelieferten Beiträge enthält und welche im Ganzen folgende Summe ausweist:

„Die Gesammtbeiträge von Staaten, Grafschaften und Städten zur Hülfe und Unterstützung von Soldaten und ihrer Familien betrugen über einhundert siebenundachtzig Millionen Dollars (187,209,608 Doll. 62 Cent); die Beiträge von Vereinen und einzelnen Personen für die Pflege und den Comfort von Soldaten beliefen sich auf über vierundzwanzig Millionen (24,044,865 Doll. 96 Cent); die gleichzeitige Beisteuer für Nothleidende im Auslande betrug 380,140 Doll. 74 Cent, und die Beisteuer für Freigelassene, für die durch den Auflauf im Juli Beschädigten und weiße Flüchtlinge betrug 639,633 Doll. 14 Cent, was mit Ausschluß der Auslagen des Gouvernements eine Gesammtsumme von mehr als zweihundert Millionen Dollars (212,274,259 Doll. 49 Cent) ergiebt.“

Diese Zahlen sind ein lautredender Beweis von den großen Hülfsquellen und der werkthätigen Menschenfreundlichkeit des nordamerikanischen Volkes. Bemerkenswerth aber ist außerdem noch, daß während diese liberalen Beiträge zum Besten von Soldaten und deren Familien stattfanden, die gewöhnlichen Gegenstände mildthätiger Nächstenliebe keineswegs außer Acht gelassen wurden. So wurde für die Bedürfnisse der Armen aufmerksam Sorge getragen; alle die großen wohlthätigen, philanthropischen und Missions-Organisationen in Nordamerika wurden kräftig unterstützt und in wirksamer Thätigkeit erhalten. Ja, viele von ihnen haben während des vierjährigen Krieges größere Beiträge erhalten, als zu irgend einer Zeit vorher während der ganzen Dauer ihres Bestehens.




Kritische Situation auf der Sauhetze. Den Freunden der Gartenlaube ist der Name Otto Eberlein kein fremder mehr. Sie werden auch in dem umstehenden köstlichen Genrebilde, das der Künstler unlängst vollendet hat, den frischen Humor, die heitere Laune wieder finden, welche seine „Unerlaubte Jagd“ auszeichneten. Jede Deutung des Bildes ist überflüssig, Scene und Gestalten dolmetschen sich selbst.




Ein neuer deutscher Nationalverein. Unter Bezug auf den in Nr. 23 unseres Blattes veröffentlichten Artikel „Zur Rettung unserer Seeleute. Ein nachmaliger Mahnruf an das deutsche Volk. Vom Corvettencapitän Werner“ machen wir Alle, denen diese hochwichtige Nationalangelegenheit am Herzen liegt, auf den in Nr. 25 der „Deutschen Blätter“ veröffentlichten Aufsatz „Ein neuer deutscher Nationalverein“ aufmerksam, der, aus der Feder eines bekannten Publicisten, gelegentlich der Versammlung in Kiel die Sache von Neuem und auf’s Wärmste der Beachtung des deutschen Volkes empfiehlt. D. Red.




Ehre wem Ehre gebührt! Ohne unsere Schuld ist in der Unterschrift in der in vorletzter Nummer unserer Zeitschrift enthaltenen Abbildung der Dresdener Sängerfesthalle der Name des Architekten Herrn Giese als des Miterbauers dieser Festhalle weggelassen worden. Wir bedauern dies herzlich und bitten die Leser, jene Unterschrift nach dieser Berichtigung vervollständigen zu wollen. Die Red.




Berichtigung. In dem in Nr. 24 enthaltenen Artikel „Eine Dichterhochzeit“ haben sich leider einige kleine Irrthümer eingeschlichen, die wir hiermit berichtigen.

Auf S. 373 wird der Vorname von Schiller’s Vater mit Johann Friedrich angegeben, während es Johann Caspar heißen muß, und auf S. 375 Caroline von Wolzogen als Verfasserin von „Agnes von Sicilien“ genannt, während bekanntlich das ehedem vielgelesene Buch von Schiller’s Schwägerin den Titel „Agnes von Lilien“ trägt. D. Red.


Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das zweite Quartal. Wir ersuchen daher die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das dritte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.




Die bekannten vortrefflichen Beiträge eines Roderich Benedix, Beta, Bock, Brehm, Fr. Gerstäcker, Georg Hiltl, Alfred Meißner, Melchior Mayr, Max Ring, Arnold Schloenbach, Herman Schmid, Levin Schücking, Temme, Karl Vogt, Ludwig Walesrode, Franz Wallner etc. etc. werden nach wie vor der Gartenlaube zur Zierde gereichen. Unter den im nächsten Vierteljahre zum Abdrucke kommenden Artikeln wollen wir unter andern nur auf die nachstebenden aufmerksam machen:

Balbina. Ein Nachtstück von Franz Hederich. – Ruth. Novelle von W. Jenssen. – Gleich und Gleich. Erzählung aus dem Ries von Melchior Mayr. – Eine Novelle von Levin Schücking. – Die blaue Tiefe, von Karl Vogt. Mit Illustrationen. – Ein preußischer General und kein Gamaschenheld. Mit Portrait. – Vor siebentausend Jahren, von Wilhelm Hamm. – Ein Heldenweib in der Unionsarmee. II. und folg. Mit Illustration. – Die Jäger auf dem Hochkaltern, von Heinrich Noé. Mit Illustration. – Morse oder Caselli. Technische Skizze von R. Herzberg. – Ein Flüchtling in London, von Gustav Rasch. Mit dem Portrait Louis Blanc’s. – Die Vogelsprache, von Wilhelm Hamm. – Negerleben. Skizze von Friedrich Gerstäcker. – Aus meiner Bilderstube, von Franz Wallner. – Eisstatuen und Pechmasken. Zur Geschichte der russischen Civilisation, vom Verfasser der „Schwarzen Melancholie“. – Aus der Geschichte der deutschen Burschenschaft. Mit Illustration. – Rundköpfe und Stuarts in der Schweiz. – Die Judengasse in Frankfurt a. M., von G. L. Kriegk. Mit Illustration. – Ein entlarvter Reformator, von E. Peschier. – Es ist doch schön auf Hochschulen! Erinnerungen einen alten Burschenschafters. – Die Mutter Gottes. Ein Beitrag zur geheimen Geschichte der Revolution, von Georg Hiltl. – Der schlimmste Tag im Leben des alten Dessauers, von Ferdinand Pflug. – Der letzte Todte aus Weimars großer Zeit. – Eine berühmte Frau des vorigen Jahrhunderts, von Arnold Schloenbach. – Mein Affe, von Prof. Br–u in Z… – Ein treuer Freund der Freiheit und der Gartenlaube. Mit Portrait.

Alle Postämter und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an.
Leipzig, im Juni 1865. Ernst Keil. 

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ganz der Praxis der Gartenlaube zuwider, sind wir genöthigt die vorstehende Erzählung in das neue Halbjahr hinüberlaufen zu lassen. Uebrigens wird in nächster Nummer außerdem eine neue Novelle beginnen.
    Die Redaction.
  2. Die jüngst in Pest erschienene sechszehnte Auflage eines in ganz Ungarn und weit darüber hinaus seine Herrschaft unter der katholischen Bevölkerung trotz alledem und alledem seit fünfunddreißig Jahren unausgesetzt behauptenden „katholischen Gebetbuches („heilige Anklänge“), welches durch den in ihm wehenden Geist, wie durch die seltene Popularität seines schon vor zwölf Jahren verstorbenen berühmten Verfassers ein eigenthümlich bedeutsames Schlaglicht auf die religiösen Stimmungen und neuesten Concordatskämpfe in Oesterreich zu werfen geeignet erscheint, veranlaßt uns, nicht länger mit der Veröffentlichung des vorstehenden Artikels zu zögern, von dem wir voraussetzten, daß er auch in außerösterreichischen Kreisen ein rein menschliches und culturhistorisches Interesse erregen dürfte. Unser Mönch macht eine so hervorstechende Ausnahme von der Regel, daß wir, denen man unablässig Animosität gegen das katholische Priesterthum zum Vorwurf zu machen pflegt, es für unsere Pflicht erachten, den großen Kreis unserer Leser mit dieser Zierde des katholischen Clerus näher bekannt zu machen.
    D. Red.
  3. „Der Karthäuser“ ein psychologischer Roman, und zugleich das erste bedeutende Dichterwerk des damals noch jugendlichen gefeierten Dichters.
  4. Die Serben, die Walachen, die Moldauer, die Armenier, die Russen, die Montenegriner und die Griechen theilen den Glauben an die Vampyre. Die ersten Christen schon glaubten, daß der im Kirchenbann Gestorbene im Grabe keine Ruhe habe. Er stehe des Nachts wieder auf, suche nach Nahrung und bleibe dabei immer frisch und schön.
    Die Vampyre liegen (nach dem Dafürhalten obiger Völker) im Grabe mit dem Gesichte nach unten. Ihre Wangen glühen, ihr Auge ist glänzend und offen. Sobald die Nacht hereinbricht und der Vollmond auf die Gipfel der Karpathen und auf die Steppen von Azow niederglänzt, erheben sie sich aus dem Grabe. Sie betäuben die Schlafenden und saugen ihnen das Blut aus. Die Vampyre werden fett, ihr Blut bleibt warm und roth, und sie schwitzen im Grabe am Munde, am den Lenden und am Magen Blut aus. Sobald ein Vampyr ein Haus betreten hat, weicht alle Ruhe aus demselben. Man hört in den ruthenischen Bezirken schauerliche Beschreibungen von dem Aufruhr, der sich in der entsetzten Natur in solchen Nächten kundgiebt, wo ein Vampyr sich vorbereitet, sein Grab zu verlassen. Die alten Leute erzählen, daß es Einem dann gerade so vorkommt, als habe die Natur eine menschliche Stimme und könne menschliche Gestalten annehmen; es wimmert und stöhnt in den Lüften, und die hohen Bäume und Büsche und Steinblöcke gleichen lauernden Unholden, und die jagenden Wolken ballen sich zusammen wie ein Gebirge über den Bergen, und aus dem Grabe des Vampyrs ertönt ein Schmatzen, als ob sich ein Schwein am vollen Troge sättige. In den Gängen des bedrohten Hauses braust der Sturm, als sei er darin gefangen und suche einen Ausweg, die Hunde verkriechen sich und die entsetzten Bewohner schleppen Heiligenbilder aus der Kirche herbei und besprengen die Thüren mit Weihwasser.
    In Polen herrscht der Glaube, daß man auch durch die Kleider eines Vampyrs den Vampyrismus erben könne. In der Moldau und der Bukowina gräbt man die Vampyre aus, schneidet ihnen den Kopf ab, mischt ihr Blut mit Mehl und macht Kuchen daraus, deren Genuß vor dem Vampyrismus schützen soll. Im Orient reißt man den verdächtigen Leichnamen das Herz aus der Brust. In Weißrußland schlägt man vielen Gestorbenen einen Nagel in den Kopf, um sie unschädlich zu machen. Auch legt man ihnen einen Rosenstock mit in’s Grab, weil man glaubt, daß sie dadurch am Aufstehen gehindert werden, da das Kleid sich in den Dornen verwickeln muß. Am Grauenhaftesten ausgeschmückt und am Tiefsten im Volksglauben eingewurzelt erscheint dieser Spuk in den rumänischen Ländern, auf den griechischen Inseln und im Balkangebirge. Bei den Serben heißen die Vampyre Bukodlaken, bei den Walachen Muróni, in Griechenland βροντoλάκκοι oder τυμπανιτα, bei den Moslim heißen sie Guls, in Polen upirowe.
  5. Zuckerbäckerläden, welche die Stelle der Kaffeehäuser vertreten.
  6. Welcher Orden dies war, gerieth selbst bei der Familie später in Vergessenheit. Der bescheidene Mann sprach so wenig von seinen Auszeichnungen, daß er nur im Allgemeinen sagte: „Er habe seine Orden redlich verdient.“