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Die Gartenlaube (1859)/Heft 5

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 5.   1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.       Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der gelbe Handschuh.

Von Louise Ernesti.
(Schluß.)


Rosalba war eine Italienerin. Sie war lebhaft, sie war rachsüchtig, sie wurde von ihren Leidenschaften beherrscht; aber sie war nicht böse, nicht unedel. Als sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, umarmte sie das Mädchen und, einen Kuß auf ihre Stirn drückend, sagte sie:

„Von jetzt an nicht mehr meine Magd! Wer so malt, ist mir ebenbürtig, ist meine Schwester. Ich grüße Dich, Magdalena.“

„Zu viel Glück!“ rief das Mädchen und küßte die Hand der Signora Rosalba.

„Also Deine Eltern sind nicht aus Padua, wie ich glaubte?“

„Doch; aber der Name, den ich führe, ist ein angenommener.“

„Ein angenommener? – Und wer bist Du? – Wie heißt Du?“

„Laßt das mein Geheimniß bleiben, Signora! Ihr habt nun so viel erfahren; laßt Euch daran genügen.“

Mit diesen Worten entschlüpfte das Mädchen und ließ Rosalba – unschlüssig, was sie jetzt thun solle – zurück. Sie fragte sich, ob sie das wundersame, geheimnißvolle Geschöpf länger bei sich behalten oder Magdalena je eher, je lieber fortschicken solle. Sie ging in ihrer Erinnerung alle die Momente durch, wo ihr das Betragen des jungen Mädchens auffällig gewesen war, wo sie sich über deren Zerstreutheit, über ihr Wegbleiben über die angegebene Stunde, ohne daß kund ward, wo sie unterdessen geweilt, zürnend geäußert hatte; jetzt war Alles erklärt – Magdalena hatte gemalt! – Ein Dienstmädchen, dessen Hand soeben den Kehrbesen geführt, hatte gleich darauf den Farbenstift so meisterhaft über die Pergamentfläche geleitet. Das war eine Seltsamkeit!

Rosalba Carriera fand, daß es ihre Pflicht sei, sogleich die Gräfin Cosel von der Entdeckung in Kenntniß zu setzen, und diese Mittheilung als ein geeignetes Mittel zu gebrauchen, sich die verscherzte Gnade wieder zu erwerben.


Die Gräfin Cosel hatte kaum von Rosalba Carriera den wahren Zusammenhang mit dem Bilde erfahren, als sie vor Begierde brannte, die junge talentvolle Künstlerin kennen zu lernen. Sie befahl, daß Magdalena augenblicklich vor ihr erscheinen solle, und diese kam.

Die Gräfin lag auf einem Ruhebette. Ein grünes Sammetkleid umhüllte ihre herrliche junonische Gestalt; ein Perlendiadem schmückte ihren schönen Kopf und mit kostbarem Schmucke waren auch die Arme geziert, von denen der eine leicht ihr so stolz und kühn erhobenes Haupt stützte. Sie war umgeben von dem größten Glanze und jenem raffinirten, ausgesuchten Luxus, den sie liebte und mit dem ihr königlicher Freund diese anspruchsvolle Frau überschüttete. Ihr Antlitz war der Thüre zugewandt und ihre brennend schwarzen Augen richteten sich forschend und durchbohrend auf die eintretende Künstlerin.

Sie sah ein einfach gekleidetes Mädchen vor sich, das im Anstande etwas Ruhiges und Sicheres, im Gesicht etwas Feines und Edles hatte. Die blühendste Jugend umhüllte die Gestalt; die Arme waren voll gerundet, die Hände klein, das Haar in reicher glänzender Fülle auf dem Nacken in einen Knoten geschlungen.

Im Herzen der Gräfin lebten Verwirrung und Zorn auf. Es war ihr über alles Maß unangenehm, daß das Räthsel mit dem Bilde sich so löste. – Wer war die Freche? Wie durfte sie es wagen, das Bild des Königs und zwar so zu malen, wie sie es gemalt hatte, – mit dem Auge einer Liebenden! – Wenn der König dies erführe! Dieser für weibliche Reize so empfängliche König, – dieser August der Starke, der schönen Frauen gegenüber nur zu sehr August der Schwache war!

Eine Menge widriger Bilder jagten sich durch das Gehirn der Gräfin, indem sie, unschlüssig, was sie sagen sollte, mit finstern hochmüthigen Blicken das Mädchen betrachtete.

„Wer ist Sie?“ stieß sie endlich scharf und heftig heraus.

„Magdalena Carlatti!“

„Der Vater?“

Keine Antwort. Nochmals fragte die Gräfin und sie bekam wieder keine Antwort. Dann rief sie zornig:

„Sie hat das Bild des Königs gemalt? – Wo hat Sie Gelegenheit gehabt, Seine Majestät zu sehen?“

„Hier im Hause.“

Die Gräfin biß sich auf die Lippe. Sie riß an den Schleifen ihres Gewandes. Endlich konnte sie sich nicht mäßigen und rief voll Heftigkeit:

„Unverschämte! – Wie hat Sie es wagen dürfen, den König zu malen? – Den König! Ha – den König!“

„Gräfin, ich fand, daß ich kein besseres Modell hätte wählen können. Der König ist ein schöner Mann.“

„So? – Findet Sie das“?“ rief leichenblaß mit einem kleinen kurzen Lachen die Gräfin.

„Ja, das finde ich.“

„Aus meinen Augen, Freche!“ schrie außer sich vor Zorn und Wuth Frau von Cosel. „Man wird Sie in’s Zuchthaus sperren, Landstreicherin, die Sie ist!“

[58] „Ich fürchte Niemand!“ entgegnete das junge Mädchen ruhig,

„Mit diesem Bilde,“ fuhr die Gräfin fort, „hat Sie sich an den König machen wollen, um ihn anzubetteln. Diese elenden Fremden, die unsere Stadt überschwemmen und unsere Taschen leeren, sie sind sich Alle gleich; ein Gesindel, das man, je früher, desto besser, hinaustreiben sollte, mit der Peitsche, wenn nicht anders! – O, ich kenne diese frechen Geschöpfe, die, auf ein hübsches Lärvchen bauend, hierherkommen, um ihr Glück zu machen. – Ich kenne sie.“

„Gewiß, Gräfin, werden Sie sie kennen! Und warum, wenn ich sonst wollte, warum sollte mir nicht glücken, was Anderen so gut geglückt ist, daß sie jetzt in Palästen wohnen? Ich habe mir wenigstens nicht den Vorwurf zu machen, wie Sie, daß ich eheliche Bande zerrissen und mich von meinem Manne habe abkaufen lassen.“

Frau von Cosel antwortete nicht; fast ohnmächtig vor Aufregung und Wuth, wankte sie zur Klingel, um ihre Diener herbeizurufen.

Das junge Mädchen vertrat ihr den Weg. Mit fester Stimme sagte sie:

„Halt, nicht weiter! Keine Beschimpfung. – Ich bin altadeligen Geschlechts, wie Sie, Gräfin! Ich bin die Tochter des Grafen Coccini. Der venetianische Gesandte weiß um meine Verhältnisse, er bewahrt meine Papiere. – Senden Sie zu ihm, überzeugen Sie sich von der Wahrheit meiner Worte, und bis Sie Antwort erhalten, werde ich dieses Haus nicht verlassen.“

Ohne die Gräfin eines weiteren Grußes zu würdigen, schritt sie aus der Thüre.

Man kann sich denken, daß Frau von Cosel nicht zögerte, sich Gewißheit zu verschaffen. Sie schrieb an den Gesandten ein flüchtiges Billet, das kurz die Angaben des Mädchens enthielt, und bat um rasche Antwort.

Statt eines Schreibens kam der Gesandte selbst und durch sein Zeugniß wurde Magdalena als Gräfin Coccini anerkannt, für die sie sich ausgegeben.

Der Gesandte hatte eine längere Unterredung unter vier Augen mit der Gräfin Cosel. Die gehaltreichen Ereignisse dieses Tages schlossen damit, daß Magdalena im Wagen des Gesandten den Palast verließ und daß die Gräfin Cosel ihr eine kalte, ceremoniöse Verbeugung machte, ohne ein Wort der Entschuldigung über das Vorgefallene beizufügen.

Der Vorfall mit dem Bilde, die Scene im Cosel’schen Palais wurde bekannt und die Geschichte machte großes Aufsehen.

Rosalba Carriera ließ es sich angelegen sein, die genaueren Details der Thatsache selbst zu verbreiten. Sie besuchte ihre ehemalige Zofe und überschüttete sie mit Schmeicheleien und Liebkosungen, Jedermann wollte das Wunder an Talent und Schönheit sehen und man drängte sich, die Bekanntschaft der jungen Gräfin Coccini zu machen.

Unter den Neugierigen war der König August nicht der Letzte. Es schmeichelte ihm, daß ein junges Mädchen von blendender Schönheit und vornehmer Geburt sein Bild, in stiller Neigung für ihn, verstohlen gemalt.

Er sah Magdalena und sie gefiel ihm; doch zeigte er dieses Wohlgefallen nicht, um die Gräfin Cosel nicht zu beleidigen und das junge Mädchen nicht in Gefahr zu bringen, da er die Eifersucht und Rachsucht seiner Geliebten kannte.

Magdalena bezog eine schöne Wohnung, richtete sich kostbar und geschmackvoll ein und galt jetzt öffentlich für das, was sie so lange heimlich gewesen – für die Schülerin der Carriera.

Der Gesandte gewährte ihr seinen Schutz und seine Gemahlin betrachtete die schöne Venetianerin wie ihre Tochter.

Man erfuhr jetzt, daß der Graf Coccini aus einer der ersten Familien der Republik stamme, nur diese eine Tochter habe, die im elterlichen Hause wie ein seltener Schatz gehütet wurde und deren Launen man auf alle Weise schmeichelte.

Schon früh zeigte das Mädchen eine ausschließliche Vorliebe für die Kunst, und besonders waren es die kleinen zierlichen Bilder Rosalba Carriera’s – wie sie sie damals malte –, die das schöne Kind zur Nachahmung reizten. Der Vater wollte ihr Lehrer in der Kunst geben, sie bestand aber darauf, der Rosalba Schülerin zu werden.

Dies in’s Werk zu setzen, war ein Ding der Unmöglichkeit, denn schon hatten zahllose Beispiele bewiesen, daß die Künstlerin keine Schüler oder Schülerinnen annehme.

Magdalena, gewohnt, ihren Willen durchzusetzen, und durch das Abenteuerliche des Unternehmens gelockt, hatte endlich den Plan gefaßt, den wir sie haben ausführen sehen. Die Dienste, die sie der Carriera leistete, waren leicht und bequem und von der Art, daß allenfalls eine Grafentochter sie übernehmen konnte.

Die Künstlerin gewann das junge Mädchen lieb, das etwas Stolzes, Abgeschlossenes und Sicheres im Benehmen hatte, und so waren drei Jahre vergangen, ohne daß Gebieterin und Dienerin nur ein einziges Mal Ursache gehabt, mit einander unzufrieden zu sein.

Magdalena hatte in dieser Zeit ihre Studien vollendet. Sie hatte sich zur Künstlerin ausgebildet und demnach erreicht, was sie gewollt. Der Zufall, der die Entdeckung herbeiführte, kam nicht zu früh. Schon hatte Magdalena manchmal in letzterer Zeit auf dem Punkte gestanden, sich Rosalba, die ihr mehr Freundin als Gebieterin war, anzuvertrauen; doch durch kleine Zufälligkeiten war das Geständniß stets verhindert worden.

Für den Fall, daß durch irgend ein drohendes Begegniß Magdalena gezwungen war, ihre gefährdete Person, den Namen, den sie trug, und somit die Ehre ihres Hauses vor Unbill zu schützen, hatte der Graf, ihr Vater, dem in jeder großen Hauptstadt residirenden Gesandten Kenntniß von dem wahren Namen und dem Stande seiner Tochter gegeben.

Sie hatte bis dahin nicht nöthig gehabt, von dieser Vorsichtsmaßregel Gebrauch zu machen, bis die ausbrechende Wuth der Frau von Cosel sie eine Mißhandlung oder wenigstens unauslöschliche Demüthigung befürchten ließ und ihr denn kein anderes Mittel, sich zu retten, übrig blieb.

Doch die Gefahr für Magdalena sollte erst jetzt beginnen.

Durch die Spione, mit denen die Gräfin den König umgab, erfuhr sie, daß August die schöne Venetianerin öfter sähe. Nimmermehr konnte die stolze, allgewaltige Geliebte die empörenden Worte vergessen, die diese Fremde an sie zu richten gewagt; nimmermehr vergessen, daß sie den König für sich gewonnen und daß sie sich im sicheren Besitze ihres Triumphes, jedem Angriffe hohnsprechend, dicht neben ihrer Nebenbuhlerin niedergelassen! So keck und kühn hatte bis jetzt keine Frau gewagt, sich mit ihr zu messen, so fest und sicher war noch keine aufgetreten, wie diese junge stolze Venetianerin!

Die Wuth der Gräfin war desto stärker, je ohnmächtiger sie war. Auf welche Weise sollte sie eine Rivalin stürzen, die das Interesse der ganzen Stadt für sich gewonnen hatte und auf dem besten Wege war, ihr das Herz des Königs zu rauben?

Trotz Allem mußte etwas geschehen, – Alles mußte daran gesetzt werden, um Magdalena zu beseitigen, denn Gräfin Cosel wollte siegen, sie wollte nicht fallen! Nach langem, tiefem Nachsinnen ließ die eifersüchtige, rachsüchtige Frau ihren Leibarzt kommen.

Dies war ein schlauer, in den Künsten der Höfe ergrauter, Italiener. Seine vorzüglichste Kunst bestand darin, die Natur der Gifte studirt zu haben, um die passenden Schutz- und Gegenmittel anzuwenden. August hatte ihn auf seinen Reisen in Italien kennen gelernt und ihn zu sich kommen lassen zu einer Zeit, wo er sich einbildete, daß man ihm mit Gift nach dem Leben trachtete.

Als diesen Fürsten diese Besorgnis; verlassen hatte, sank auch das Ansehen des Doctor Volta, und zuletzt war er kaum mehr als ein vergessener Charlatan, dem man keine Patienten anvertraute, weil man gewiß war, daß er sie nicht würde zu behandeln verstehen.

Gräfin Cosel, die in ihren müßigen Stunden ein wenig Alchymie, Astrologie und Medicin trieb, begünstigte den alten Mann und machte mit ihm zusammen Experimente, die darauf hinausliefen, zuweilen eine Katze zu vergiften, ein Prognostikon zu stellen, oder in einem kleinen Schmelztiegel Gold hervorzubringen, das man schon vorher hineingethan hatte.

Diese Beschäftigungen waren unschuldiger Natur gewesen; allein die Gräfin wußte aus der Geschichte der Frauen von Neidschütz – dieser unter der vorigen Regierung der teuflischsten Hexenkünste angeklagten und von August selbst verfolgten Mutter und Tochter – daß selbst in Sachsen, nicht blos in Italien nur Frankreich, das Gift an den Höfen der Fürsten eine Rolle gespielt. Es lag ihr daher nahe, ob ein solch kleiner Versuch nicht auch jetzt und unter den obwaltenden Umständen zu wagen sei.

[59] Um zu diesem Ziele zu gelangen, erforschte Frau von Cosel in einem Gespräche mit dem alten Doctor, was er über die Natur der Gifte wußte und wie er über die sympathetischen Künste dachte.

Der Alte trug ein gelehrtes Verzeichniß aller schädlichen mineralischen und vegetabilischen Stoffe vor, und begleitete höchst ergötzlich jedes einzelne Gift mit einem Geschichtchen, wie, an wem und wodurch es gewirkt hatte. Dabei passirten die rohen, wie die gebildeten Völker die Revue, und kein Volk der Erde gab es, das nicht durch irgend ein gelungenes Experiment vertreten war. Zuletzt, nachdem er die scandalösen Liebhabereien der römischen Kaiserinnen, die sich ihrer Gatten und ihrer Geliebten zu entledigen gewußt, abgethan, endigte er mit den kleinen Neckereien in Arsenik und Blausäure, welche die galanten Frauen in Paris Eine der Andern bereiteten. Die Gifte, die Katharina von Medicis zu bereiten verstand, und die so feiner Natur waren, daß sie nicht tödteten, sondern nur die Schönheit zerstörten, beschäftigten die Aufmerksamkeit der Gräfin ganz besonders. Sie sagte endlich scherzend, sie wünsche ein Paar solcher Handschuhe zu besitzen, die, inwendig mit einem sublimirten Pulver bestreut, der Haut alsbald eine häßliche Röthe beibrächten, die sich über die Arme und zuletzt über Gesicht und Hals verbreiteten und eine unheilbare, oft mit Erblindung begleitete Hautkrankheit nach sich zögen.

Doctor Volta, dem schon einmal durch ein ähnliches Ansinnen an seine Kunst ein häßlicher Proceß erwachsen war, – der, es fehlte wenig, ihn an den Galgen gebracht – weigerte sich anfangs standhaft, ein Paar Handschuhe, die die Gräfin aus ihrem Vorrath ihm reichte, auf diese Weise zu präpariren. Als aber die Dame nicht nachließ und große Belohnungen versprach, willigte er ein, doch unter der Bedingung: daß dieses schädliche Präparat durchaus nicht gegen ein Mitglied des königlichen Hauses angewendet werden dürfe, und dann: daß dabei seiner nie erwähnt werde.

Für Beides gab ihm die Gräfin Wort und Handschlag.


Nach einigen Tagen überbrachte der Italiener die verlangten Handschuhe, und reich beschenkt entließ ihn Frau von Cosel.

Sie nahm sich aber wohl in Acht, das Bestellte näher zu prüfen, und betrachtete das furchtbare Mittel zu ihrem Zweck nur aus der Entfernung mit einer Art scheuen Respects, indessen auch mit wohlgefälliger, lächelnder Miene. Mit einer feinen Zange faßte sie dann die Handschuhe an und verbarg sie wiederum in dem Kästchen, in welchem sie gelegen und ihr überreicht worden.

Die ersten Feste des Carnevals waren nahe. Die Damen, welche den Hof besuchten, ließen sich elegante Roben und Kopfzeuge aus Paris kommen. Da damals noch nicht feststehende Läden in Gebrauch waren, so wurden einzelnen wandernden Krämern, welche die Straße durchzogen und in den Häusern Einlaß fanden, die neuangekommenen und in Magazinen aufgestapelten Gegenstände anvertraut. Der Frauenputz wurde von Frauen umhergetragen, und unter diesen Weibern gab es schlaue Unterhändlerinnen aller Art. Kein Haus, wo blühende Töchter oder schöne Frauen lebten, war sicher, daß mit einem neuen Putz-Modestück nicht auch ein Briefchen einwanderte, das bestimmt war, gefährliche Verbindungen anzuknüpfen.

Gräfin Cosel beauftragte ihre Kammerfrau die ihre Vertraute und ihr treu ergeben war, in der Verkleidung einer solchen Unterhändlerin das Kästchen mit den Handschuhen an Magdalena Cuccini zu besorgen, und harrte dann in teuflischer Ruhe der Entwickelung des von ihr eingeleiteten Drama’s.

Unterdessen wuchs August’s Leidenschaft zu der schönen Venetianerin und die ihrige zu ihm in gleichem Maße.

Ueberdrüssig der Eifersucht, der herrschsüchtigen Laune und des ewigen Ränkespiels der Frau von Cosel, dachte der König in der That daran, diese zu verstoßen und jene an ihren Platz zu setzen.

Der Hof sah einer Katastrophe entgegen. Die schöne Schülerin Rosalba Carriera’s war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und sie war die Königin der Feste, die jetzt gefeiert wurden.

Plötzlich vernahm man, daß die schöne Magdalena durch ein Unwohlsein an’s Zimmer gefesselt sei.

Die Natur des Unwohlseins kam nicht zur Kenntniß des Publicums. Es erfuhren nur die Vertrautesten des Hofes, daß ein plötzliches, der Pest gleichkommendes Uebel die Unglückliche befallen und daß ein entstellender Ausschlag die Oberfläche ihres Körpers auf eine Weise bedecke, daß sie für ihre genausten Bekannten fast unkenntlich geworden.

Alles floh die Arme! Nur Rosalba Carriera wachte an ihrem Bette und blieb, bis Magdalena der Tod von ihrem Leiden erlöste. Auch war es nur Rosalba Carriera, die es wagte, laut und unumwunden auszusprechen, daß hier ein verruchtes Verbrechen im Spiele sei.

Die alten Geschichten von Vergiftungen wurden jetzt wieder hervorgesucht; August selbst wurde so widrig durch diesen Vorfall berührt, daß er bald nach dem Tode der jungen Venetianerin Dresden und seinen Carneval verließ und nach Warschau ging. Man behauptete, daß er sich vor der Cosel fürchte, der er das Schlimmste zutraute.

Das allgemeine Urtheil brandmarkte die Gräfin; allein jeder Beweis fehlte, und die Mächtige triumphirte auch hier über ihre Feinde, wie sie stets zu triumphiren gewohnt war! – Sie wollte August nach Warschau folgen, doch ein Befehl des Königs hieß sie in Dresden zurückbleiben.

So hatte ein schönes, seltsames, interessantes Wesen rasch die Erde verlassen; so hatte eine anmuthige Geschichte im Verlauf des Winters begonnen und ein trauriges, schreckliches Ende genommen.

Die Bilder und die Nachlassenschaft Magdalena’s erbte Rosalba Carriera. Unter dieser Nachlassenschaft befand sich ein „gelber Handschuh.“ Er flößte Rosalba durch den ihm eigenthümlichen Geruch Verdacht ein, und sie entsann sich, daß ihre Freundin ihn getragen, als sie zum letzten Male öffentlich bei einem Hoffeste erschienen war. Rosalba Carriera bewahrte ihn sorgfältig, um ihn, wenn sie einst aus dem Lande entfernt und nach Italien zurückgekehrt sei, der gelehrten Gesellschaft der Aerzte zu Bologna vorzulegen. Sie beabsichtigte dann, wenn sich ihr Verdacht bestärkte, öffentlich als Anklägerin gegen die Gräfin Cosel aufzutreten; denn Niemand anderes konnte ihrer Meinung nach die That vollbracht haben, die sie ahnte.

Der bald hierauf erfolgte Sturz der Gräfin Cosel und ihre Verbannung ließ dieses Unternehmen nicht zur Reife kommen. Doch eine Rache nahm Rosalba schon in Dresden an der gefürchteten Mächtigen. – Sie malte die drei Parzen, und Atropos, diejenige Parze, welche den Lebensfaden abschneidet, war das sehr ähnliche Portrait der Gräfin Cosel.

Diese Bilder sind in der Dresdner Gallerie. Sie hängen in dem Cabinet der Pastellgemälde, das vorzugsweise die Schöpfungen Rosalba Carriera’s enthält.

Die Sage erzählt ferner, daß die beiden andern Parzen, Klotho und Lachesis, die Portraits der Rosalba und Magdalena wären, und schenkt man dieser Tradition Glauben, würde dann in einem kleinen Raume zusammengedrängt die verfolgte Tugend, ihre Verfolgerin und ihr Schutzengel sich dem Beschauer darstellen, und diese Geschichte im Cyklus jener drei Bilder abgeschlossen sein.




Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 7. Die Jagd in den Hochalpen.
(Schluß.)


Mit trotziger Gebehrde schlug der kampfbegierige Hirsch sein stolzes Geweih – es war ein Zwölfender – an die Stämme einzeln stehender, verkrüppelter Fichten, so daß die Schale in langen Streifen ringsumher abflog und die Wipfel erzitterten. Dann trollte er mit vorgestrecktem, reichgemähntem Halse eine kleine Strecke vor, um das abseits getretene Schmalthier zum Trupp zu treiben, und umkreiste den letzteren. Mit in die Höhe gehaltenem Kopfe und emporgezogener Oberlippe die Atmosphäre seiner Auserwählten wollüstig einschlürfend, ließ er hinterher den Ruf erschallen, der jeden etwaigen Nebenbuhler schrecken sollte. All’ dieses leidenschaftliche [60] Gebahren hob seine Gestalt, wie sie gerade während dieser Zeit beim Hirsche in der That am großartigsten ist. Dazu kam noch die jetzt besonders malerische Färbung des Haares, so daß er mit seinem hellgrauen Kopfe und der dunklen struppigen Mähne am Halse nur noch mächtiger und durch den schwarzen Moorbodenschlamm, in dem er sich kurz vorher gefühlt und der die ganze untere Hälfte seines Leibes, so wie die Läufte schwarz gefärbt hatte, wahrhaft dämonisch erschien. Wohl eine halbe Stunde lang genoß ich so die Lust, den Herrscher des Gebirges zu bewundern, der jeden Schritt seiner gleichgültigen Schönen eifersüchtig bewachte, sie immer und immer trieb, oder seine Wuth, namentlich wenn er einen andern Hirsch, der drüben über dem Thale stand, hörte, durch Schlagen mit seinem Geweih gegen Baum und Strauch kund gab. Man wurde versucht zu glauben, die Stangen müßten vom Kopf herunterbrechen, so weit klirrend schallten die Schläge.

Die Sonne stieg indessen höher und höher und veranlaßte das Wild, sich etwas thalabwärts dem Walde zuzuziehen. Mit tief gehaltenem Kopfe zog der Hirsch hinterher, dann und wann murksende Töne ausstoßend, bis Alle meinen Augen entschwanden. Jedenfalls waren sie zu Holze, vielleicht nach dem Brunftplatz hingezogen und hatten sich niedergethan; denn von nun an war der Hirsch verstummt. Für mich auf meiner einsamen Zinne war’s jetzt Zeit zu anderen Betrachtungen. Vorzüglich beschäftigte mich die Frage, wie ich wieder hinunterkommen würde. Jenseits ging’s zwar weniger tief, aber um so steiler, ja sogar überhängend hinab. Es blieb mir daher nichts Anderes übrig, als da wieder hinunter zu klettern, von wo ich gekommen war. Als ich mich dazu anschickte, beschlich mich ein ähnliches Gefühl, wie es Jeder wohl öfters im Traume gehabt: man ist auf eine schöne Stelle wie durch Zaubergewalt versetzt worden, aber ach, auch abgeschnitten vom gefahrlosen Boden – dazwischen liegen finstere Schrecknisse. Dem Träumenden helfen dann bisweilen Flügel oder im schlimmsten Falle ein jäher Sturz, von dem man mit Herzklopfen erwacht. Doch hier war ich schon wach, und wenn ich auch nicht gerade Herzklopfen hatte, so war mir doch auch nicht eben behaglich zu Muthe. Nachdem ich mich, da ich einmal oben war, noch gehörig umgesehen, denn es war zauberhaft schön, ging ich an’s Werk des Hinabsteigens. So viel war mir klar: auf das Gebüsch konnte ich mich verlassen; denn ich glaube, man kann eher ein Drahtseil zerreißen, als so einen Laatschenast abbrechen. Mein aus den Knabenjahren, in denen ich ein verwegener Kletterer war, angenommenes System – einen Fuß von dem eingenommenen Standpunkte niemals eher wegzusetzen, bis nicht die Hand einen sicheren Halt gefunden, und eben so nicht eher eine Hand freizumachen, bis nicht der Fuß wieder festen Boden gefaßt – ließ mich leichter, als ich geahnt hatte, und ohne Unfall auf ungefährliches Terrain kommen.

Mit wahrem Behagen setzte ich mich nun hin, um das Geschehene in meinem Skizzenbuche als Motiv festzustellen und nach der Natur zu zeichnen. So kam der Nachmittag unter immerwährend wechselnden, herrlichen Eindrücken heran.

Da mir die Wege im Gebirge, wie gesagt, vollkommen unbekannt waren und ich nicht Lust hatte, die Kletterei über Schluchten und Hänge zurück auf dem Wege, wo ich gekommen war, von Neuem zu beginnen, beschloß ich, gerade hinab in das Thal zu steigen, um so wenigstens den Vortheil der Neuheit zu haben. Das Rauschen eines Wassers unten, vermuthlich die Riß, ließ mich keine Verirrung befürchten. Gedacht, gethan. Erst mußte ich noch steinige und grasige Hänge hinabklettern; dann aber schritt ich über eine verlassene Alm dem Walde zu, der mich bald aufnahm. Er war, wie nur ein Urwald gedacht werden kann. Während das moosige Terrain in seinen Linien eine längst untergegangene Baumgeneration ahnen ließ, lagen ihre Nachfolger gebrochen und untereinander gewürfelt, mit Moos und Flechten überzogen, in ihren Formen noch da. Aber wie morsche Mumien beim Berühren zusammenfallen, so auch diese Scheingebilde des Waldes. Stieg man über sie hin, so sank man bis an die Kniee und weiter ein; – es war Humus, – Staub der Verwesung! Ein drittes erstorbenes Geschlecht, das am Boden lag oder wohl noch stand, war zwar Holz, doch morsch und bot den Spechten die willkommensten Speisebehälter. Wie von Kugeln zerschossen, zeigten diese Stämme unzählige cirkelrunde Löcher, die jene Vögel, welche hier ihr Eldorado haben, mit den Schnäbeln gemeißelt hatten, um mit ihren spitzen Zungen die Larven aus dem Holze zu holen. Die lebenden Bäume endlich, und zwar vom Greisen- bis zum Kindesalter herab, beschatteten den ernsten Friedhof, auf dem auch sie ihrer Erfüllung entgegenharrten. Hier war‘s still, so still, daß man sich athmen hören konnte; denn kein Hauch bewegte die Nadeln der alten Tannen und Fichten, so wie die goldigen Blätter des Ahorn und der Buche, die hier schon auftraten. Wie in einem Zauberschlafe standen die ehrwürdigen Häupter mit grünlich-weißen Flechtenbärten, die unbeweglich an ihnen herabhingen. Nur das Rauschen des Wassers in der Tiefe unten unterbrach das heilige Schweigen, denn nicht einmal ein Vogel ließ sich vernehmen. Und doch, – wie beredt sprach diese stille Stunde von der ewigen Liebe und Güte des Schöpfers und von dem Glücke, Mensch zu sein!

Ohne Aufenthalt verfolgte ich über Moos und Stämme, Steine und Bäche meinen beschwerlichen Weg. Wie das Schreien des Hirsches seiner vermeinten Nähe halber mich verlockt hatte, emporzuklimmen, so erging es mir bergab mit dem Rauschen des Wassers, das ich auch viel näher vermuthete, als es in der That war. Wenn ich zuversichtlich glaubte, bald unten zu sein, da kam ich an einen Vorsprung, von dem aus ich noch in die blaue Tiefe sah und ausbiegend wieder die minder steilen Hänge suchen mußte. Bei diesem Niedersteigen hatte ich nochmals die Freude, einen Hirsch mit Wild, und zwar ganz nahe, bei mir vorüberziehen zu sehen. Vorsichtig, um sie nicht zu stören, blieb ich stehen, so daß sie ruhig, ohne mich bemerkt zu haben, weiterzogen. Endlich fand ich, nachdem ich einem ausgetrockneten Gießbachbett gefolgt war, einen Pfad, der freilich nicht breiter als einen Fuß war, mich aber doch, wenn auch nicht immer auf die bequemste Weise, weiter leitete. Manchmal kam ich an ganz verteufelt knapp hinunterschießenden Stellen vorüber, die, waren sie auch vielleicht nicht höher, als ein vierstöckiges Haus, doch vollkommen genügt hätten, dem Hinunterfallenden ein offenes Grab zu sein. Es dauerte indessen nicht lange, so sah ich die Riß, allerdings noch ziemlich tief unten, und mit verdoppelter Eile steuerte ich abwärts. Nach einiger Zeit erreichte ich das Thal, zwar eine hübsche Strecke weiter stromabwärts, als ich beabsichtigt hatte; aber ich befand mich mit heiler Haut unten, und das war mir die Hauptsache. Dennoch merkte ich, fast möchte ich sagen, zum ersten Male in meinem Leben, daß die Fahrt meine Beine angegriffen hatte, denen ich, um gerecht zu sein, nachrühmen kann, sich sonst kein ungebührliches Bemerkbarmachen zu Schulden kommen zu lassen. Bald darauf saß ich in meinem Hotel und ließ mir’s nach den überstandenen Strapatzen und Entbehrungen wohlschmecken, ohne der Art der Bereitung nachzugrübeln.

Am andern Tage, als ich mich abermals zu Excursionen aufmachte, hatte ich durch einen zufälligen Umstand das Glück, die Aufmerksamkeit des Jagdherrn, des Herzogs von Coburg, der bereits anwesend war, auf mich zu ziehen. In einer längeren Unterredung gab sich das lebendigste Interesse für Kunst, Poesie und Natur, wodurch sich der reich begabte und selbstschaffende edle Fürst, wie bekannt, so sehr auszeichnet, kund. Die Gunst dieser Begegnung hatte die Folge, daß ich von dem Herzog mit einer Einladung zum Frühstück auf dem Pürschhause Steileck beehrt wurde und dadurch Gelegenheit erhielt, ein Jagdschauspiel von wahrhaft dramatischer Großartigkeit zu sehen.

Auf halbem Wege nach dem genannten Pürschhause, wohin mich der Kammerdiener des Herzogs, Herr Wenzel, in dem ich einen humoristischen, gebildeten und kunstsinnigen Mann kennen lernte, führte, schloß sich uns ein Jäger des Herzogs an, ein echter Gebirgsjäger, der bereits ein Haselhuhn (diese Thiere kommen hier häufig vor) geschossen hatte. Zwei vortreffliche Schweißhunde folgten ihrem Führer auf dem Fuße und bildeten mit der kräftigen Jägergestalt in ihrem malerischen Costüm eine lebendige Staffage. Einen Hirsch, auf den er durch seinen Schrei aufmerksam gemacht worden, entdeckte Moosrainer, so hieß der Sohn des Gebirges, alsbald mit scharfem Späherauge. Drüben am rasigen Hange, am Rande eines alten Fichtenbestandes, zeigte sich der Hirsch mit mehreren Stücken Wild. Deutlich sah man ihn gegen junge Bäume schlagen, daß die Wipfel sich peitschend hin- und herbewegten. Es war dieser Hang nach der Aussage der beiden mich Begleitenden, denn auch Herr Wenzel besaß eine ganz ungewöhnliche Ortskenntniß hier im Gebirge, nicht weit vom Pürschhause Steileck, und ungefähr auf Schießweite zog sich ein Pürschpfad hin, den man bereits erkennen konnte, und auf dem der Herzog jeden Augenblick erscheinen konnte, da er schon vor uns aufgebrochen war. So lange wir den Hirsch beim Fortschreiten in Sicht behielten, hafteten unsere Augen unverwandt an ihm, so wie das Ohr dem scharfen Knall der Büchse [61] entgegen lauschte. Es erfolgte jedoch nichts, und wir beeilten uns deshalb, so schnell als möglich nach Steileck zu gelangen, von wo aus Alles zu übersehen sein sollte. Bald erreichten wir das wunderbar schön gelegene Pürschhaus, Der Herzog war mit seinem Leibschützen schon oben und beobachtete denselben Hirsch, der uns in so große Aufregung versetzt hatte. Hier wurde ich von dem Herzog auf das Huldvollste empfangen und in das Pürschhaus eingeführt, von wo aus man jedenfalls eine der seltensten Aussichten hat, die wohl überhaupt das Gebirge bieten kann. Ueber das Rißthal hinweg in ein Seitenthal, irre ich nicht, Johannesthal genannt, schweifte das Auge hinüber, um in duftig blauen, edelgeformten Gebirgslinien zu schwelgen. Ein Wasser, das im Thale fließt, schlängelte sich wie ein silbern glänzendes Band dahin. Mit voller frischer Bewunderung machte mich der hohe Jäger auf diese herrliche Natur aufmerksam und auf Augenblicke wurde der Hirsch vergessen. Doch es durfte nicht gezögert werden. Der Herzog beschloß, nach dem Hirsch zu pürschen, und führte dies, nachdem er noch die nöthigen Befehle an die Jäger ertheilt hatte, sofort aus. Ebenso rasch als vorsichtig verschwand er auf kurze Zeit thalabwärts, um bald an der jenseitigen Lehne, jedoch weit ab vom Hirsch wieder zu erscheinen. Mit wunderbarer Behendigkeit und nicht weniger Sicherheit und Behutsamkeit klimmte der ritterliche Waidmann zur Seite des Hirsches empor, um über ihn zu kommen und so von oben mit gutem Winde auf Schußweite sich heranpürschen zu können. Mit Herzklopfen verfolgte ich, das Fernglas vor dem Auge, jede Bewegung des Jagdherrn, um dann schnell wieder nach dem Hirsch zu sehen, ob dieser noch ruhig sei. Der ahnte nicht, daß ihm der Tod so nahe; doch zog er dem Wilde nach in einem Streifen hoher alter Fichten, die von Unterwuchs umgeben waren, so daß man von Steileck nichts mehr vom Wilde sehen konnte. Auch dem Herzog schien es nicht besser zu gehen, und die Instructionen, die der Leibschütz und Moosrainer hatten, nämlich durch Handbewegungen anzudeuten, wo sich der Hirsch befinde, waren nicht mehr ausführbar. Da entschlossen sich die beiden Jäger, auf eigene Verantwortung hin zu manövriren, um so ihrem Gebieter den Hirsch zu Schuß zu bringen. Und es gelang.

Jagdschloß des Herzogs von Gotha im Hinterriß.

Während der Leibschütz mit einem anwesenden Treiber die entgegengesetzte Flanke, an der der Herzog stand, deckte, um den Hirsch am dortigen Herausziehen zu verhindern, pürschte Moosrainer geradezu auf den Hirsch los, um von ihm bemerkt zu werden und ihn zur Flucht zu veranlassen. Das doppelte Interesse, mit dem ich dies Alles beobachtete, sollte sich bald bis zur höchsten Spannung steigern. Das Wild hatte von Moosrainer Wind bekommen und wurde flüchtig. Erst kam ein Stück nebst Kälbchen, dann ebenso noch ein Thier, und ihnen folgte eines ohne Kalb. Sie kletterten über ein ausgetrocknetes Gießbachbette hinweg, um höher hinauf zu steigen. Eine kleine Pause, – und es erschien der Hirsch selbst. Den Kopf gerad aus, nicht hoch über den Körper tragend, eilte er dem Trupp nach. Jetzt mußte er, so viel ich von meinem Standpunkt aus beurtheilen konnte, dem Herzog schußgerecht sein! Mich ergriff dabei förmlich das Hirschfieber, als stände ich selbst mit der Büchse in der Hand bereit, das edle Thier zu erlegen. Unverwandt verfolgte ich den Hirsch mit den Blicken, um den Moment, wenn er die Kugel bekäme, nicht zu versäumen. Plötzlich wich der Hirsch links vom Trupp ab, und schon glaubte ich, da ich keinen Schuß vernahm, er habe den Schützen in Wind bekommen und wolle einen andern Wechsel annehmen, als der Schuß donnernd zu mir herüberhallte. Er hatte bereits vorher getroffen. Nur wegen der Entfernung hatte ich die Wirkung der Kugel so viel früher gesehen, bevor ich den Schuß hörte, und darum das Abgehen vom Trupp – ein, wie ich aus Erfahrung wußte, sicheres Zeichen des Getroffenseins – für etwas Anderes gehalten. Nicht weit mehr ging der Hirsch, so sah man, wie es ihm an’s Leben ging und er nicht mehr zu steigen vermochte. Zwar versuchte er es, aber schon fing er an zu taumeln; dennoch hielt er sich noch, und mühsam wendete er die letzten Kräfte an, seinem Schicksale zu entgehen. Aber es war nicht mehr möglich. Fast nur gleitend, rückwärts weichend, wurde er immer unfähiger, sich zu halten, und indem er den Versuch zum Emporklimmen erneuerte, erfaßte es ihn wie mit unsichtbarer gewaltiger Hand und hob ihn aus, so daß er, sich hoch überstürzend, zusammenbrach und nun in rasendem Fall und mit lawinengleich reißender Schnelle die Gebirgslehne hinabstürzte, An einem dichten Laatschengebüsche gewann der rollende, mächtige Körper Halt, und ich glaubte ihn nun dort zerrissen hängen bleiben zu sehen – da raffte sich, wahrhaft gespenstig, das edle Thier noch einmal halb empor – doch der Tod, mit dem es kämpfte, klammerte sich an das ihm verfallene Opfer und, wieder zusammenbrechend, rollte es mit neuem Schwunge vollends hinab bis ziemlich auf den schon erwähnten Pürschpfad, wo es verendet liegen blieb.

Mit gemsengleicher Geschicklichkeit war der Herzog seiner stürzenden Beute gefolgt, und kam bald nach ihr auf dem Wahlplatze an. Natürlich litt es auch mich nicht an meinem stillen Amphitheater, denn wie von einem solchen aus hatte ich der tragischen Scene zugeschaut, sondern ich lief, was ich konnte, hinzu. Auch die Jäger kamen ihrem kühnen Herrn nach. Leuchtenden Auges, ein Typus ritterlich männlicher Kraft, in seiner ganzen Erscheinung das Urbild eines echten Jägers, stand der fürstliche Waidmann an dem von ihm erlegten Recken, dessen mit mächtigem Geweih gekrönter Kopf noch den vollen Zornesausdruck des kampfbereiten Verfechters seines Harems besaß, während andererseits der Tod einen wehmüthigen schmerzlichen Zug hinzugefügt und das gebrochene Auge mit smaragdenem, mattem Glanze übergossen hatte. Noch vor einer Stunde war der herausfordernde Ruf des nun auf immer Verstummten erklungen – und unwillkürlich empfand ich Trauer, ein so prächtiges Thier gefällt zu sehen. – Doch so fühlt man nur ohne Büchse!

Einen höchst malerischen Anblick gewährte es, wie der Hirsch auf einer rasch hergestellten Trage von den kräftigen Männergestalten der Jäger, so wie des baumlangen und urmarkigen Treibers – er hieß Jackel – auf schmalem, steinigem Pfade nach dem Pürschhaus getragen wurde.

Ein echtes Waidmannsfrühstück, aus Gems- und anderm Wildpret [62] bestehend, bildete einen angenehmen Abschluß zu dem eben Erlebten. Bei dieser Gelegenheit besprach der hohe Jäger manches früher erlebte Ereigniß in seiner ihm eigenthümlichen lebendig frischen Weise. Nachdem ich nach eingenommenem Mahle den Hirsch mehrmals gezeichnet hatte, wobei der Herzog in der Beurtheilung von Auffassung und Stellung mehr den Kenner, als den bloßen Liebhaber bekundete, verabschiedete ich mich von meinem hohen Wirth und wurde mit dem Versprechen, an bevorstehenden Gemsjagden Theil nehmen zu dürfen, huldvoll entlassen.

Der Herzog blieb, während ich in das Thal hinabstieg, auf dem Pürschhause, um am Abend oder am andern Morgen nochmals pürschen zu gehen. Und wirklich schoß der unermüdliche Waidmann an demselben Abend noch einen Hirsch von zwölf und Tags darauf einen von vierzehn Enden. An demselben Morgen, als dies geschah, stieg ich auf Befehl des Herzogs abermals nach Steileck und kam eben noch zur rechten Zeit an, um ihn auf einem Pürschpfad dahin klettern zu sehen, wie er drei Gemsen, die drüben an einem Hange standen, zu beschleichen im Begriff war. Das Resultat war diesmal kein günstiges, da die Gemsen vorzeitig flüchtig wurden. Der Herzog schoß zwar nach, jedoch ohne Wirkung; wenigstens kam Moosrainer, der mit dem Schweißhunde sofort nachspürte, erfolglos zurück. Da der Pürschpfad nach der Riß hinunterführte, die Zeit aber bereits vorgerückt war, und an diesem Tage die Frau Herzogin nebst Gefolge erwartet wurde, so stieg der Herzog vollends hinab. Hiermit waren die Pürschgänge nach dem Hirsch beendigt; der fürstliche Jäger hatte während seiner Anwesenheit sieben jagdbare Hirsche geschossen. Außerdem waren vom Grafen Erbach, einem Gaste, der noch einen andern Theil des weiten Jagdgebietes des Herzogs durchstreift hatte, zwei Hirsche und ein Gemsbock geschossen worden.

Natürlich benutzte ich meine Anwesenheit auf einem an Naturschönheiten so überaus reichen Punkte, mein Skizzenbuch zu füllen, obgleich das Wetter sehr bedenklich wurde. Die Wolken fingen an sich zu ballen und wogten schon um die Felsenkuppen herum, so daß sie selten einmal die dunkelstarrenden Gebirgshäupter sehen ließen. Noch verhielt ich mich oben, endlich aber mußte ich mich doch auf den Weg machen, da sich das Wetter immer drohender gestaltete. Mehr und mehr verdüsterte sich der Himmel. Dazu fing der Sturm an, brausend durch die alten Tannen zu jagen, daß es knarrte und krachte, und die tiefgehenden Wolken vor sich herzutreiben, bis sie sich in heftigem Regen entluden, der peitschend zur Erde niederstürzte. Wald und Gebirge, soweit man letzteres erkennen konnte, lagen im tiefsten, finstersten Tone da – ein Bild der schwersten Melancholie. Während dieses düstergrauen Nachmittags, an dem der Regen in Strömen niederrauschte, donnerten aus dem Thale herauf die Freudenschüsse, welche die Fürstin bei ihrer Ankunft willkommen hießen. Als ich unten ankam, prangten die Spitzen der Fichten am Wege mit Sträußen von „Edelweiß“, die man zu Ehren des hohen Paares dahin gesteckt hatte. Im Schloßhofe lagen vier Hirsche, welche der Herzog geschossen, auf der Strecke und gaben dem festlichen Empfang im Jagdgebiete die sinnbildliche Weihe.

Ich suchte meinen, wenn auch nicht trauten, doch wenigstens warmen Heerd im Hinterrißer Hotel auf, und hing meine triefende Jupe in den Rauchfang, um sie am andern Tage wieder verwenden zu können. Eine etwas verdächtig angealterte Jupe meines Wirthssohnes wurde einstweilen Stellvertreterin der meinen, bis mich mein Bett über die Kürze alles menschlichen Thuns nachzudenken veranlaßte. Noch im Schlafe setzten die geschäftigen Träume meine philosophischen Betrachtungen fort, die sich freilich, nach ihrer Art, so sehr in ein Spiel der Phantasie verwandelten, daß sie mir das Deckbett als einen quer über den Bauch gelegten Fidibus gaukelten.




Schlittenfahrer.
Von Berthold Sigismund.
Russen. – Deutsche. – Lappländischer Pulk. – Sibirische Narten. – Hundeschlitten der Eskimos. – Die drei Schlittenfahrer: Wrangell – Kane – Taylor.


Wie viel schöner ist doch eine Schlittenfahrt, als eine Reise zu Wagen! Sanft und lautlos, wie ein Kahn, ohne das lästige Rumpeln und Stoßen der Räderfahrzeuge, gleiten die Eichenholzkufen über die Schneebahn dahin. Die Schneestraße wird, verschieden von den Erdstraßen, durch häufiges Befahren stets verbessert, denn der Stahlbeleg der Schlittenkufen wirkt wie Polirstahl. Gegen die Sommerhitze ist man im Wagen wenig oder nicht geschützt; dagegen bieten sich für den Schlitten allerlei treffliche Mittel, sich vor den Einflüssen der Temperatur zu schützen. Selbst bei der strengsten Kälte und dem wildesten Stöberwetter befindet man sich, durch Pelzwerk und Schneemaske verwahrt, ganz behaglich. Der rasche Wechsel der Landschaften, die man durchfliegt, erinnert an eine Fahrt auf einem Flußdampfer. Selbst die Pferde scheinen sich der leichten und raschen Bewegung zu erfreuen; so sehr auch der Dust sie bepudert, sie traben „des Rennens begierig“ dahin und schütteln lustig ihre mit Schellen begangenen Schärpen, So sanft und rasch, ebenso gefahrlos ist auch die Fahrt, Niemandem ist auf dem Schlitten, wie auf Dampfwagen und Schiffen, bange. Man weiß ja, daß das Umgeworfenwerden kaum mehr ist als ein Spaß; man wühlt sich behend aus dem Schneebette hervor und steigt ohne Groll und Angst lachend wieder ein. Endlich ermüdet keine Art des Reisens weniger, als eine Schlittenfahrt. Sobald man die etwas steif und kühl gewordenen Unterthanen wieder in die rechte Verfassung gestampft hat, fühlt man sich wohl und munter, für Ceres- und Bacchusgabe empfänglich und zur geselligen Freude trefflich gestimmt.

Mit Recht ist darum der Schlitten das beliebteste Fahrzeug fröhlicher Leute und heiteren Kreisen vom starken und schönen Geschlechte so werth, wie nur im Sommer der von den Dichtern so oft besungene Kahn. Die meisten geselligen Lustreisen, die muntersten Aufzüge werden zu Schlitten veranstaltet und wenn der deutsche Carneval in gar vielen Stücken dem italienischen nachsteht, so hat er sicher den Vortheil, daß sich ein Maskenzug viel bequemer und anmuthiger auf Schlitten halten läßt. Der Sitz hinter dem Schlittenkasten („die Pritsche“) ist schon durch seinen Namen dem Harlekin geweiht, und gleich den Helden der Fastnacht tragen die Schlittenpferde Schellen.

Seltsam, daß man von keinem Schlittenmaskenzuge liest, welcher die verschiedenen schlittenfahrenden Völker der nördlichen Halbkugel darstellt.[1] Lassen wir einmal einen solchen Zug vor unserer Phantasie vorübergehen, indem wir uns ausbedingen, daß einzelne Schlitten, die uns am meisten interessiren, einen kleinen Halt vor uns machen!

Den Zug eröffnet, wie billig, dasjenige Volk, welches im Schlittenfahren obenan steht, die Russen. Die Engländer, welche sich so gern als die geschicktesten Rosselenker rühmen, entbehren wunderlicher Weise der Schlitten; selbst bei den Kindern sah ich keine, obgleich, wenigstens im nördlichen England, der Schnee nicht selten eine dauernde, treffliche Bahn bietet. Der Russe jagt mit drei nebeneinander gespannten Pferden, über welche sich ein mit Glocken behangener Reif wie ein Triumphbogen spannt, außerordentlich schnell daher; er hat vielleicht auf einer Schlittenwettfahrt, wie sie in seiner Heimath gebräuchlich sind, den Sieg davon getragen. Die russischen Pferde werden nicht geschont; schon öfter ist man in vierzig Stunden von Petersburg nach Moskau gefahren.

Der mit einer trefflichen Wildschur umhüllte, an den Winter gewöhnte Slave sitzt mit ganz anderer Behaglichkeit in seinem Schlitten, als der nach dem Brande von Moskau im Schlitten heimwärts jagende Napoleon, den Vernet gar grämlich dreinblicken läßt.

An den russischen Schlitten reihen sich eine Anzahl deutscher Schneefahrzeuge, von dem einfachsten aus Holz und Strohgeflecht bestehenden Bauerschlitten an bis zu dem prächtigen Staatsschlitten welcher eine Muschel oder einen Schwan darstellt und mit einem Tigerfelle bedeckt ist. Der hintenaufsitzende Rosselenker zeigt seine Kunst mit der langen Peitsche, die er zum gewaltigen Knalleffecte schwingt.

[63] Die nun folgenden Schlitten kündigen sich durch das sonderbare Knacken und klappen der Hufe ihrer Zugthiere an. Diese erscheinen uns von fern wie Hirsche und erinnern uns an des westphälischen Königs Hieronymus Hirschgespann; aber in der Nähe zeigt ihr gedrungener Körper, ihr großes, mit handförmigen Schaufelsprossen versehenes Geweih, ihr langes Winterhaar, das am Unterhalse eine Mähne bildet, daß es Rennthiere sind, die wir noch nie lebendig gesehen, weil diese Polarthiere schon das Klima von Stockholm oder Petersburg nicht aushalten. Auf gutem Wege wird das Rennthier zwar (wie glaubwürdige Augenzeugen den gewöhnlichen Sagen gegenüber behaupten) vom Pferde übertroffen; aber im bahnlosen Schnee, wo ein Pferd in kurzer Zeit ermüdet sein würde, trabt es, begünstigt durch seinen wie für den Schnee gebauten Huf, munter und rüstig dahin. Ausgezeichnet ist dies Schlittenthier durch seine Genügsamkeit (es begnügt sich mit wenig Heu und sogar mit bittern, von andern Thieren verschmähten Flechten, die es von den Bäumen rupft oder aus dem Schnee scharrt) und durch seine Kunst, den Weg zu finden, den es, flüchtig dahin galoppirend, unter der Schneedecke spürt. Dagegen hat es auch seine Unarten; wenn ihm der Weg zu schwierig ist, bockt es und schlägt aus, dreht seinen Kopf rückwärts und weigert sich störrisch, zu ziehen. Auffallend ist uns sein Geschirr; der am Kummt befestigte Zugriemen geht nämlich unter dem Bauche zwischen den Schenkeln zum Schlitten. Die Lenkschnur ist am linken Geweih befestigt.

Der erste Rennthierschlitten ist ein lappländischer Pulk, ein wahres Schneeschiff, von kahnförmiger Gestalt und wie ein Kahn auf einem Kiele dahingleitend. Er schwankt deshalb einem Schiffe ähnlich herüber und hinüber, und der ohne Bank darin Sitzende bedarf vieler Uebung und Geistesgegenwart, um das Gleichgewicht zu erhalten. Ein Neuling wird sehr bald umgeworfen und oft an dem Zügel, den er um das Handgelenk geschlungen hält, geschleift. Der im Schlitten sitzende Lappe trägt einen Pösk aus Rennthierfell, d. h. eine Art lange Pelzblouse, die um Nacken und Handgelenke dicht schließt, eine Boa von Eichhornschwänzen und stattliche Fausthandschuhe.

Die nachfolgenden Rennthierschlitten sind sibirische Narten, ähnlich den unsrigen, aber ohne alles Eisen. Der Kasten ist aus Weidenruthen geflochten und mit Riemen festgebunden, welche das Gefährt haltbarer machen, als jedes andere Bindemittel; die hölzernen Kufen sind künstlich übereist, und ihr Eisbeleg thut einen ganzen Tag sogar bessere Dienste, als unsere Stahlschienen.

Die verschiedenen Insassen dieser asiatischen Schlitten gehören den sibirischen Völkerstämmen der Tungusen, Samojeden und Tschuktschen an. Sie sind alle so dicht in Pelz gehüllt, daß sie wie Bären aussehen; wir können uns aber bei ihrem Vorüberziehen nicht einmal die Zeit nehmen, die Züge ihrer Gesichter, welche auf den ersten Blick an fremde Menschenracen erinnern, näher zu betrachten. Sie könnten uns manches Interessante erzählen von ihren Schlittenreisen, namentlich die Tschuktschen, deren Schlitten ein Gestell aus Treibholz und Kufen aus Wallfischknochen haben. Es sind diese Leute die vorzüglichsten Kaufleute Sibiriens, welche Schlitten reisen, die fünf bis sechs Monate dauern, nach den großen Handelsplätzen des westlichen Sibiriens machen, um hier Tabak und Eisen einzuhandeln, die sie, auf leichten Booten über die Behringsstraße fahrend, den amerikanischen Eskimos verkaufen. Eine sechsmonatliche Schlittenfahrt bei einer Kälte, wo das Quecksilber gefriert und ein durch die Luft fliegender Rabe einen Dunstschweif hinter sich läßt, fast wie eine Locomotive; eine solche Fahrt in menschenleeren Wüsteneien, wo man Tags über mit halb schneeblinden Augen fast nichts sieht, als kahle Schneeflächen, und Nachts unter einem Lederzeltchen oder gar nur in einem Schneeloche schlafen muß, und als Nahrung fast nichts hat, als gedörrte Fische und dann und wann eine Tasse schlechten Thee – unter diesen Bedingungen möchte wohl auch der Leser, den jedes Schellenklingeln auf der beschneiten Gasse an’s Fenster lockt und ihm einen Sehnsuchtsseufzer erpreßt, nicht an der Schlittenpartie Theil nehmen.

Der Zug der Rennthierschlitten ist zu Ende. Aber wo bleiben die amerikanischen? Deren gibt es nicht. Die Polarvölker Amerika’s, die Eskimos, haben bis heute noch nicht versucht, eins der auch bei ihnen wild vorkommenden Rennthiere zu zähmen. Ein unheimliches Geheul kündigt ihre Zugthiere an; es sind Hunde, deren sich auch mehrere nordasiatische Völker, unter anderen die Kamtschadalen, bedienen.

An einem Schlitten sind sieben bis vierzehn Hunde, und zwar gewöhnlich hinter einander gespannt. Die etwa 22 Zoll hohen Polarhunde sehen dem Polarwolfe zum Verwechseln ähnlich, sie haben dichtes und langes Haar und spitze Schnauzen und Ohren. Selten bellen sie, ihr gewöhnlicher Laut ist ein widriges Geheul. Sie sind bissig und tückisch; der von der Peitsche Getroffene beißt oft seinen Vorgänger und dieser gibt die empfangene Unbill dem nächsten weiter; beim Anschirren vergreifen sie sich auch wohl an ihrem Herrn. Bei der Fütterung sind sie zänkisch, beim Anschirren widerspenstig. Sie erhalten fast ausschließlich getrocknete Fische zur Nahrung, Morgens eine kleine, Abends eine volle Mahlzeit; nach Wrangell hat einer des Tages an acht bis zehn Heringen genug. Auch im Dienste vor dem Schlitten treiben sie gern Allotria; wenn sie ein Rennthier wittern, so jagen sie über Stock und Stein der Spur nach, unbekümmert darum, was aus ihrem Herrn wird.

Aber alle diese übeln Eigenschaften werden durch ihre Kraft, Flinkheit und Ausdauer überwogen. Sechs bis acht Hunde ziehen (nach Parry) einen mit fünf bis sechs Personen besetzten Schlitten, der an 1000 Pfund wiegt, in einer Wintertagereise zehn geographische Meilen weit; gut gefüttert durchlaufen sie in einer Stunde zwei geographische Meilen. Vier Hunde ziehen einen Schlitten mit, drei Mann und Gepäck vier bis sieben Meilen, bei gutem Wege gar zwölf Meilen weit. Bei sehr hartem Wege werden ihre Füße durch übergezogene Lederstrümpfe geschützt. Sie sind vortreffliche Pfadfinder. Gar häufig würden die Führer, die sich in den kahlen Schneegegenden hauptsächlich nach den Gestirnen richten müssen und obendrein zuweilen halb oder ganz schneeblind sind, rathlos umherirren, wenn ihre Hunde nicht so feine Spürnasen hätten. Durch diese Spürkraft erkennen sie auch das Herannahen der Schneestürme, und der Reifende bleibt, wenn seine Hunde Uebles prophezeien, lieber in der schlechtesten Herberge, um einem solchen „Hundewetter“ nicht unterwegs zu begegnen. Noch sicherer erkennen sie den Ort einer ganz verschneiten Herberge. Gelangt man an die Stelle der Nachtrast, so, werden die Hunde an aufgepflanzte Lanzen angebunden und gefüttert; statt des Getränkes dient ihnen Schnee. Sie scharren sich ein Nachtlager in die Schneedecke, wenn sie der Mensch nicht einladet, als Bettwärmer dicht neben ihm zu lagern. Das Fahren mit einem Dutzendgespann muß viel schwerer sein, als das Lenken eines Viergespannes von Pferden. Die Hunde rennen mit rücksichtsloser Hast jeden Abhang hinab; oft verwirren sie sich in den Zugriemen (sie sind nicht, wie die Rennthiere, sondern wie unsere Botenhunde angeschirrt); oft und namentlich dann, wenn einer einen Hieb mit der Peitsche erhält, entsteht ein bösartiger Krawall, weshalb der Fuhrmann seine achtzehn Fuß lange Peitsche selten gebraucht und lieber mit Zurufen regiert.

Wenn der im ersten Schlitten sitzende Eskimo vor uns hielte, uns mit Tima Tima grüßte und ausstiege, um uns seinen Schlitten zu zeigen, so würden wir zuerst sein plattes, gelbliches, wenig versprechendes Gesicht anstaunen und dann vielleicht in Lachen ausbrechen über seine Kleidung. Seine Ober- und Unterkleider von Pelz geben ihm ein unförmliches Aussehen und possierlich geling hängt hinten an seinem Ueberzieher ein echter Schwanz, der uns sogleich an den Frack des Dr. Eisele erinnert. Aber so unschön seine Kleidung auch aussehen mag, so zweckmäßig ist sie; der Eskimo, der buchstäblich nicht über Zehn zählen kann, entwickelt in der Kunst, seiner traurigen Heimath alle möglichen Comforts abzugewinnen, ein wahres Genie. Dies zeigt auch sein Schlitten. Er ist 12 Fuß lang, 2 Fuß breit und 2½  Fuß hoch, vorn ist er nach oben gekrümmt. Die Kufen sind schmal, mit Wallfischknochen belegt und dick übereist. Das Gestell, aus Treibholz oder ganz aus Knochen, ist durch Flechsen oder Riemen aus Seehundsfell zusammen und mit den Kufen verbunden.

Die Beschaffenheit der übrigen Hundeschlitten, welche asiatischen Stämmen angehören, näher zu betrachten, haben wir nicht Zeit. Aber einem Hundeschlitten, der in seinem Aeußeren wenig Auffallendes hat, müssen wir doch noch einen Blick schenken. Es ist der, auf welchem die Bewohner des von Roß entdeckten amerikanischen Landes Boothia felix fahren. Das Merkwürdige daran sind die Kufen, die eßbar sind. Sie werden im Sommer nicht weggeworfen oder verbrannt, sondern verspeist; sie bestehen nämlich aus gedörrten Lachsen, welche zu Rollen zusammengebunden, wie Wurstmasse, mit einer schlauchartigen Haut überzogen und dann dick übereist werden.

Unsere Heerschau über die slavischen, germanischen, sibirischen und polaramerikanischen Schlitten ist nun vorüber, und ich bitte den [64] freundlichen Leser, der sie mit angesehen, nur noch um Geduld für ein paar Worte. Ich möchte diejenigen, welche gern Schlitten fahren und – vielleicht als Ersatz für eine ihnen Versagte Schlitten-Partie – wenigstens in der Phantasie an interessanten Schlittenreisen Theil nehmen wollen, an drei Männer erinnern, welche wohl von allen Gebildeten die größten Reisen zu Schlitten gemacht und dieselben am anziehendsten erzählt haben.

Der älteste ist der deutsch-russische Erdumsegler Wrangell, der während seiner sibirischen Fotschungsreisen auf den Schneeflächen des unwirthbaren Landes und auf der Eisdecke des ödesten Meeres viele gefährliche Schlittenfahrten mitgemacht hat. Seine Reisebeschreibung ist eine für Winterabende sehr geeignete Unterhaltung.

Wenn man Wrangell’s Reisebeschreibung als das Heldengedicht der Schlittenfahrer bezeichnet, so muß man die des Amerikaners Kane das Drama derselben nennen. Die von ihm erzählten Schlittenfahrten sind keineswegs lustig zu lesen; im Gegentheil wird das Herz des Lesers öfters zu innigem Mitleiden gerührt oder zu beklemmender Bangigkeit gepreßt. Es waren die schwersten Entbehrungen und schrecklichsten Leiden zu erdulden; Schneeblindheit, Frost, Hunger, Ermattung, Körper- und Geisteskrankheiten rieben einige seiner Genossen auf; verfielen doch selbst einige neufundländer Hunde, welche die Schlitten zogen, in Zufälle, welche Starrkrämpfen und Delirien glichen. Aber aber alle diese Schrecken erhebt uns die Bewunderung, die wir für den einzigen Mann fühlen, der in menschenfreundlichem und wissenschaftlichem Eifer so Großes wagte und so ausdauernd und genial durchsetzte. Ueberdies war er nicht ein starrer, kalter Held, wie Feldherren und Capitaine oft sein mögen, sondern ein gemüthlicher, heiterer Mann, ein so liebenswürdiger Charakter, daß ihn die Reisebeschreibungen lesende Jugend lieb gewinnen wird, wie ihren Robinson.

Der dritte Schlittenfahrer, der Amerikaner Bayard Taylor, der seine Reisen auf Pferde- und Rennthierschlitten in seinem vor Kurzem erschienenen kleinen Buche: „meine Winterreise durch Lappland“ erzählt, hatte auch mancherlei Ungemach zu erdulden, das einem nicht besonders Muthigen eine solche Reise verleiden würde. Er muß viel durch Frost leiden, erfriert die Nase, wird vielfach umgeworfen und geschleift erkrankt unterwegs und muß dennoch Tage lang Vorwärts fahren, um eine passende Ruhestatt zu finden. Er erträgt alle Beschwerden und Leiden zwar mit männlichster Tapferkeit und setzt seinen Plan, im Winter Lappland zu bereisen, was ihm die Stockholmer als Unmöglichkeit geschildert hatten, glücklich durch. Aber dennoch würde man ihn nicht neben jene erstgenannten Schlittenhelden stellen dürfen, welche viel gefährlichere Abenteuer bestehen mußten, wenn er nicht durch eine Eigenschaft jene überträfe, die ihn uns ganz besonders lieb und werth macht. Das ist sein prächtiger Humor. Er erzählt seine oft über den Spaß gehenden Abenteuer mit einer solchen jovialen Laune, wie wir etwa aber ein Nachtlager in einer Sennhütte scherzen, und die Schlichtheit seiner Erzählung läßt uns sogleich die Ueberzeugung gewinnen, daß er diese gute Laune ebenso gut bei der Reise selbst bewahrt habe. Er ist der vorzüglichste Humorist unter den Schlittenreisenden, und wer sich an einem Winterabende ergötzlich unterhalten und zu wohlgemuthem Ertragen der Beschwerden des Winters und des Lebens überhaupt anregen will, der wird an Bayard Taylor den rechten Gesellschafter finden.


Grünhörner.


„Was ist ein Grünhorn?“ höre ich von allen Seiten ausrufen.

Diese Neugierde ist eine wohlberechtigte, und ich will sie ohne Umschweife befriedigen, obwohl ich befürchten muß, der obligaten deutschen Gründlichkeit kaum Genüge leisten zu können.

Das „Grünhorn“ ist kein vierfüßiges, von der Natur gehörntes, sondern ein zweibeiniges Thier, welches schon den Gelehrten des Alterthums bekannt war und von einem derselben als ein Vogel ohne Federn bezeichnet wurde, welches aber erst den europäischen Boden verlassen und nach Amerika auswandern muß, um sich dort Hörner aufsetzen zu lassen und trotz seiner Federlosigkeit oft weidlich gerupft zu werden.

Die Amerikaner, welche eine solche Vorliebe für Spitznamen haben, daß sie sich selbst bald „Brother Jonathan“, bald „Uncle Sam“ nennen, haben auch für den Europäer in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in der neuen Welt, wo er sich wenig oder gar nicht in die Verhältnisse zu schicken weiß und, als hätte er wirklich Hörner, überall anstößt, den Namen „Grünhorn“ erfunden. Jeder Einwanderer, er mag den Bogen des Herkules gespannt oder das Perpetuum Mobile zu Stande gebracht haben, muß sich diesen Namen gefallen lassen, und er wird nach einigen Jahren selbst gestehen müssen, daß er ihn mit vollem Rechte getragen habe.

In dem Folgenden will ich dem deutschen Publicum einige Bilder aus dem Grünhornleben vorführen. Meine Mühe wird reichlich belohnt sein, wenn es mir gelingen sollte, durch diese sachliche Erläuterung das zu ersetzen, was in der wörtlichen mangelhaft ist.

Bevor ich zu der Zeichnung des Grünhorns in seinen verschiedenen Gestalten schreite, will ich im Interesse des besseren Verständnisses einige Haupteigenschaften desselben erwähnen. Das Grünhorn ist vor Allem hoffnungsreich, das heißt, es langt in Amerika mit der zuversichtlichsten Erwartung an, in Kurzem ein schönes Haus, ein blühendes Geschäft, eine ansehnliche Fabrik oder doch wenigstens eine niedliche Farm zu besitzen. Diese Eigenschaft verliert sich in sehr kurzer Zeit und macht einer kolossalen Hoffnungslosigkeit Platz, und wir könnten wohl sagen: das Grünhornthum hört dann auf, wenn der Einwanderer nichts mehr zu hoffen und zu fürchten hat.

Ferner ist das Grünhorn fest überzeugt, daß es die Verhältnisse in Amerika sehr wohl kenne, vielleicht besser als die vernagelten Yankee’s, die nie ein „Handbuch für Auswanderer“ und all’ die übrigen schönen Reisebeschreibungen gelesen haben. Mit andern Worten: Jedes Grünhorn lebt in der vollen Ueberzeugung, daß es kein Grünhorn sei, und nimmt diese Benennung sehr übel auf. Trotz dem aber bringt es Tage lang zu, um sich bei Freunden, Bekannten und Landsleuten Raths zu erholen, und sagt man ihm, daß man einem Grünen nicht rathen könne, weil er gewöhnlich einem wohlgemeinten Rathe keine Folge leistet, so wird man als verknöcherter Yankee und herzloser Egoist verschrieen.

Endlich mögen wir noch als eine Cardinaltugend des Grünhorns sein unbegrenztes Mißtrauen erwähnen. Das Grünhorn traut in Amerika Niemandem, und es würde sich seine eigene Nase abschneiden, wenn es wüßte, daß sie die „Pläne“ verraten könnte, die sein Kopf mit außerordentlicher Fruchtbarkeit hervorbringt. Indessen hat dieses Mißtrauen wieder eine besondere Eigenthümlichkeit, nämlich die, sich blos gegen ehrliche Leute geltend zu machen, während die abgefeimtesten Betrüger, die stets nur die „Pläne“ des Grünhorns „ausarbeiten“ und „erweitern,“ mit einem Unmaß von Zutrauen bedacht werden.


I.
Va. La. Mo.

Auf einem jener prachtvoll ausgestatteten Dampfschiffe, welche zwischen New-York und den Küstenstädten des Südens fahren, befanden sich zwei junge Deutsche in einer blos aus Amerikanern bestehenden Reisegesellschaft.

An ihrer Kleidung, Haltung und Manier konnte man schon auf den ersten Blick schließen, daß sie Deutsche, und zwar „grüne“, das heißt erst kürzlich eingewanderte Deutsche seien, die mit den Landessitten theils noch unbekannt, theils noch nicht befreundet sind.

Wie es gewöhnlich „Grüne“, und besonders deutsche Grüne zu thun pflegen, brachten unsere Neophyten den größten Theil der Reise auf der äußeren Plattform und Ergehungsgallerie des Schiffes zu, wo ihre Blicke die schönen Küstenpunkte aufzufangen suchten, an welchen das Schiff in seinem Laufe vorüberkam. Erst als die matte Novembersonne sich hinter schwarze Wolken zurückzog, und diese zum Ueberfluß ihr Bischen Naß dem Ocean zuträufelten, suchten die Neugierigen die schützenden Räume des reich decorirten und mit allem möglichen Comfort eingerichteten Salons auf, wo sie, der englischen Sprache unkundig, an der Unterhaltung der Gesellschaft keinen Antheil nehmen konnten, sich in eine Ecke [65] zurückzogen, und in einer kleinen Entfernung von einander auf Stühlen Platz nahmen.

Obwohl wir unsere Helden, ohne sie angesprochen oder sonst genauer kennen gelernt zu haben, als Deutsche und „Grüne“ bezeichneten, scheinen sie selbst sich gegenseitig bisher ganz unbekannt geblieben zu sein, was übrigens dadurch zu erklären ist, daß sie so grün waren, sich gegenseitig für Yankee’s anzusehen, und also kein Gespräch mit einander anknüpften. Erst zufällig, und zwar durch die Vermittelung eines wirklichen Amerikaners, wurden die beiden Landsleute gewahr, daß sie Landsleute seien. Dieser Amerikaner glaubte nämlich einem der Deutschen im Vorbeigehen auf den Fuß getreten zu sein, und wendete sich um Entschuldigung bittend an ihn um den Worten: „I beg your pardon, Sir!“ Der Deutsche, der diese Worte nicht verstand und ihre Veranlassung nicht kannte, antwortete etwas verlegen mit der Frage: „Was wünschen Sie, mein Herr?“ Der Amerikaner nahm dies für eine versöhnliche Redensart und gab sich zufrieden, der andere Deutsche aber, durch diese Worte aufmerksam gemacht, näherte sich seinem Landsmann und fragte:

„Sie sind ein Deutscher?“

„Wie Sie hören,“ erwiderte der Andere.

„Das ist mir sehr angenehm,“ meinte jener. „Es ist so fürchterlich langweilig, wenn man mit Niemandem ein Wort sprechen kann. Die englische Sprache will mir trotz meiner eifrigen Vorstudien“ – alle Grünhörner haben gewaltige Vorstudien in der englischen Sprache gemacht – „nicht recht von der Zunge, und ich muß gestehen, das unfreiwillige Stillschweigen seit der Einschiffung in New-York fing bereits an, mir recht unangenehm zu werden.“

„Sie stiegen also auch in New-York ein?“

„Wie Sie sagen. Und Sie?“

„Ich ebenfalls.“

„Sind vielleicht in New-York etablirt?“

„O nein! Ich bin erst seit vier Tagen im Lande und eben jetzt auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung.“

„Sonderbar, wie das zusammentrifft! Ich bin ebenfalls erst vor vier Tagen in New-York an’s Land gestiegen, wo ich mir nur eine sehr kurze Erholung gönnte, da ich es kaum erwarten konnte, in die Arme meiner Lieben zu eilen.“

„Sie reisen zu Ihren Eltern?“

„Nein! – oder doch – wie man’s nehmen will. Ich reise zu meiner Braut, deren Eltern bald auch die meinigen werden sollen.“

„Nun, das ist doch wahrlich, als wenn wir uns zusammen beredet hätten. Ich reise ebenfalls zu meiner Braut und hoffe, noch heute süße Küsse zu ernten.“

„Und das Ziel Ihrer Reise?“

„Ist Richmond.“

„Richmond?“

„Ja wohl, Richmond.“

„Aber das ist ja köstlich! Wir kommen Beide vor vier Tagen aus Deutschland, steigen in New-York in ein und dasselbe Schiff und gehen Beide nach Richmond, Jeder seiner Braut entgegen.“

„Sie gehen also auch nach Richmond?“

„Gewiß! und zu meinem Mädchen – doch Sie sollen sehen! – Ein solches Mädchen – aber ich führe Sie bei meiner Braut ein und Sie mögen selbst urtheilen.“

„Nehmen Sie sich in acht, lieber Freund, denn ich werde dort jedenfalls Ihre Höflichkeit erwidern und Sie auch meiner Braut zuführen. Haben Sie diese gesehen, so könnten Sie sich leicht von der exclusiven Verehrung der Ihrigen zurückkommen.“

„Sie entschuldigen, lieber Landsmann! Ich will gewiß Ihrer lieben Braut, die ich, ohne sie zu kennen, ehre und schätze, nicht zu nahe treten, aber wenn Sie erst meine Amalie gesehen haben –“

„Es ist jedenfalls eine gute Vorbedeutung für meine Braut. daß sie wenigstens denselben Namen hat, wie die Ihrige!“

„Wie? Auch Ihre Braut heißt Amalie?“

„Ich glaube nicht, daß Ihnen das unangenehm sein wird?“

„O, gewiß nicht! Aber es ist doch sonderbar, daß unsere Verhältnisse so viele Aehnlichkeit zeigen. Es sieht fast so aus, als wären wir Doppelgänger. Dürfte ich auch den Familiennamen ihrer lieben Braut erfahren?“

„Sehr gern. Meine Braut ist eine geborene Müller.“

„Und wohnt in Richmond? Und in welcher Straße?“

„In der Washington-Straße.“

„Was, in der Washington-Straße?“

„Ich sehe nicht ein, was Sie denn so sehr in Staunen setzen kann. Meine Braut heißt Amalie Müller und wohnt in Richmond in der Washington Street. Wie sie mir schreibt, hat ihre Straße noch keine Nummern, weil noch nicht viel Häuser darin stehen, doch werde ich das Haus leicht erfragen können.“

„Und woher ist Ihre Braut?“

„Sie sind in der That neugierig! – Doch ich will Ihnen vollständig Genüge leisten. Meine Braut ist aus Berlin; sie wanderte vor einem Jahre mit ihren Eltern aus und wohnt jetzt in der Washington Street in Richmond in den Vereinigten Staaten von Nordamerika; ich war zur Zeit ihrer Auswanderung noch unter Vormundschaft und konnte die Einwilligung meines Vormundes nicht erlangen. Sobald ich frei wurde, machte ich meine Habseligkeiten zu Gelde und bin jetzt auf dem Wege zu meiner Braut, mit der ich mich in einigen Wochen verheirathen werde.“

„Das werden Sie wohl bleiben lassen, mein Herr! so lange es mir belieben wird, meine Ansprüche auf Amalie Müller aus Berlin, gegenwärtig in Richmond in Amerika, geltend zu machen. Ich muß Ihnen sagen, daß es entweder ein unzeitiger Spaß oder eine maßlose Arroganz ist, sich als den Verlobten eines Mädchens auszugeben, mit dem Sie gewiß nie in nähere Bekanntschaft, viel weniger in ein derartiges Verhältniß getreten sind. Diese Amalie Müller, die Sie für Ihre Braut auszugeben belieben, ist bereits seit drei Jahren mit mir verlobt; vor einem Jahre, als sie auswanderte, hatte ich meiner Militairpflicht noch nicht Genüge geleistet; nun, da ich frei bin, eile ich in die Arme meiner Geliebten und will sehen, wer mich daran verhindern wird!“

„Es ist mir leid, daß ich meine Briefe in meinen Koffer gepackt habe, den ich erst bei der Landung des Schiffes erhalten kann. Ich könnte Ihnen dann leicht beweisen, wie wenig Sie berechtigt sind, mich der Arroganz oder schlechten Witzmacherei zu zeihen, und wie es mir eher zukäme, Ihnen diese Schimpfworte in’s Gesicht zu schleudern.“

„Herr, das ist zu viel! – Ich sage Ihnen, Sie müßten mir geradezu meine Briefe von Amalie stehlen, wenn Sie Ihren lügnerischen Angaben einen Schein von Wahrheit geben wollten!“

„Mein Herr, Ihr Benehmen ist impertinent! Und wenn Sie mit Ihren blödsinnigen Angriffen auf meine Ehre und die Ehre meines Mädchens nicht aufhören, so werde ich Sie wie einen dummen Jungen züchtigen!“

Es wäre hier zwischen den heißblütigen Teutonen wahrscheinlich zu Thätlichkeiten gekommen, hätte nicht eben die Schiffsglocke ihr Geläute und der eintretende Conducteur seine Baßstimme ertönen lassen: Richmond!

In Amerika, wo „Time is money“ (Zeit ist Geld) nicht nur eine Phrase, sondern Wahrheit ist, dauert der Aufenthalt der Dampfschiffe selbst an größeren Stationen nur einige Minuten. Noch bevor man an die Station kommt, wird alles für diese bestimmte Gepäck auf’s Verdeck gebracht und dort nahe an der Ausgangsstelle aufgehäuft; bei der Ankunft wird es mit fast unglaublicher Schnelligkeit an’s Land gebracht und die etwa bereit liegenden Frachtgüter an Bord genommen; und nun beginnen die Räder wieder ihre rauschende Bewegung, um den schwimmenden Palast einem anderen Hafen auf eben so kurzen Besuch zuzuführen.

Dies hatten unsere Landsleute bereits bei mehreren Landungen mit angesehen, und als die Glocke und die Stimme des Conducteurs ertönte, dachten sie an ihre Selbsterhaltung oder vielmehr an ihre Gepäckerhaltung, und entfernten sich mit gegenseitig durchbohrenden Blicken aus dem Salon.

Am Landungsplatze wurden die beiden Bräutigams bald durch die wogende Menge von einander getrennt, doch dauerte es nicht lange, so wurden sie von ihrem Schicksale wieder zusammengeführt.

Beide nämlich konnten sich nur so weit verständlich machen, daß sie nach der „Washington Street“ gehen wollten. Es wurde ihnen also die Richtung angegeben und nach langem Hin- und Herbiegen gelangten endlich Beide, aber an verschiedenen Punkten in die gesuchte Straße. Hier angelangt, gerieth der Eine in eine Bierkneipe, wo man in Amerika stets sicher sein kann, Deutsche zu finden; der Andere ging vor einer offenstehenden Victualienhandlung vorbei, wo er zwei deutsche Frauen miteinander sprechen hörte, und trat ein, um sich nach seiner Braut zu erkundigen; allein auch hier [66] gestaltete sich das Schicksal der Reisenden ganz gleich, denn weder im Lagerbiersalon, wo man angab, jeden Deutschen in der Straße zu kennen, noch in der Victualienhandlung, wo man nicht minder mit der Statistik der Straße vertraut war, wollte man etwas von einer Familie Müller wissen.

Da indeß die Reisenden mit unzerstörbarer Festigkeit darauf bestanden, daß eine Familie Müller in dieser Straße wohnen müsse, so wurden sie in die benachbarten Wohnungen gewiesen, wo sie vielleicht über die unbekannte Familie etwas Näheres erfahren dürften.

Diese Erkundigungen führten zwar nicht zu dem gewünschten Resultate, allein dadurch wurde die Angelegenheit bald unter den Deutschen der Straße bekannt, und da es sich endlich herausstellte, daß zwei Reisende nach einer und derselben Familie fragten, die ihres Wissens in der Straße gar nicht existirte, so wurden dadurch die Reisenden selbst wieder zusammen- und eine Gruppe von Müßiggängern herbeigeführt.

Nun wurde über den Gegenstand unter freiem Himmel hin und her debattirt, und zwischen der disputirenden Menge nahmen sich die gegeneinander halb noch erbitterten, halb durch ihre mißliche Lage ausgesöhnten Reisenden aus, wie zwei Proceßführende, die von ihrem Advocaten so ausgesogen werden, daß sie schon gerne ihren Streit aufgeben möchten und nur durch die Ermuthigungen ihrer „Rechtsfreunde“ daran verhindert werden.

Das hätte noch lange so währen mögen, wäre nicht ein junger Mann, der Sohn eines in der Stadt wohlbekannten deutschen Kaufmanns, durch die Straße gekommen und Zeuge der improvisirten Volksversammlung geworden, nach deren Ursache er sich angelegentlich erkundigte.

Der junge Mann sah bald ein, daß sich aus diesem Gewirr kein klarer Begriff über das Vorgehende herauslösen ließ; er lud daher die Reisenden ein, ihm auf sein Zimmer zu folgen.

Nachdem ihm dort beide eine und dieselbe Geschichte erzählt hatten, fragte der junge Mann, ob sie nicht etwa Briefe bei sich hätten, in welchen ihre Bräute die Adresse ihrer Aufenthaltsorte angegeben, worauf er zur Antwort erhielt, daß sie zwar solche Briefe hätten, doch wären dieselben in den Koffern, welche sie bei dem Magazinbeamten an der Dampfschifflandung zurückgelassen, weil sie es für zweckmäßiger hielten, erst die Wohnung ihrer Angehörigen aufzusuchen, und dann ihr Gepäck nach dem genauer bezeichneten Orte holen zu lassen.

„Also,“ meinte der junge Mann, „müssen Sie vor Allem Ihre Koffer holen lassen; damit wir die Briefe sehen können. Seien Sie nur ganz ungenirt, und lassen Sie dieselben hierher auf mein Zimmer tragen.“

Alle Grünhörner haben eine Eigenschaft gemein, nämlich gegen Jedermann ohne Unterschied des Glaubens, Alters, Geschlechts oder der gesellschaftlichen Stellung mißtrauisch zu sein. Bevor man Europa verließ, hat man so viel von Betrug, Schwindel, Raub und Diebstahl gehört, die auf den Ankömmling ist Amerika lauern; der Herr Onkel, der sehr viel Zeitung liest, und der Herr Nachbar, der selbst einen Pathen in Amerika hat (der ihm aber nie einen Brief geschrieben), haben so eindringlich vor den „amerikanischen Yankee’s“ (als wenn es auch europäische Yankee’s gäbe) gewarnt, daß der Ankömmling in jedem zweibeinigen Thier einen Yankee, in jedem Yankee einen Strauchdieb und Halsabschneider sieht. Auf den Antrag, ihre Koffer in ein unbekanntes Haus bringen zu lassen, standen daher unsere Grünhörner etwas verblüfft da und wechselten fragende Blicke mit einander. Der Deutsch-Amerikaner, der diese Blicke zu deuten wußte, kam ihren Besorgnissen entgegen, und indem er ihnen eine Karte hinhielt, deutete er durch das Fenster auf ein gegenüber liegendes Haus, und sagte:

„Sehen Sie jenen Laden, meine Herren! Es ist eine deutsche Apotheke, in welcher Sie nach dieser Karte Erkundigung einziehen können.“

Die Fremden brachten hierauf stotternd einige Entschuldigungen hervor, worauf sie sich entfernten und nicht lange darauf mit ihren Koffern und Reisetaschen in der Wohnung des freundlichen Jünglings eintrafen. Hier wurden sogleich die Koffer geöffnet und die Briefe von Amalie Müller aus der Washington Street in Richmond hervorgeholt; aber kaum hatte der Deutsch-Amerikaner einen Blick in dieselben geworfen, als er in ein nicht enden wollendes Gelächter ausbrach, und erst nach einiger Zeit konnte er sich beherrschen und den verblüfften Fremdlingen zurufen:

„Aber, meine Herrn, haben Sie denn nicht bemerkt, daß Ihre diversen Bräute zu dem Ortsnamen Richmond noch zwei verschiedene Buchstaben hinzugefügt hatten? Die eine schreibt: „Washington Street, Richmond La.“, die andere: „Washington Street, Richmond Mo.“, Sie aber, meine Herrn, sind weder in „Richmond La.“ noch in „Richmond Mo.“, sondern in Richmond Va.

Die Fremden standen noch immer da mit dem Ausdruck der Verblüfftheit im Gesichte. Der freundliche Jüngling fuhr fort:

„Ich will Ihnen das gleich zurecht legen, meine Herren! In den Vereinigten Staaten gibt es Ortsnamen, die, weil sie von gewissen politischen oder sonstigen Berühmtheiten herkommen, oft zu Dutzenden anzutreffen sind; so gibt es eine Unzahl von Franklins, Jeffersons, Jacksons, Monroes, Livingstons, Richmonds u. s. w. Um nun diese Orte näher zu bezeichnen, so stellt man den Staat oder gar die County (Grafschaft) hinzu, in der sich die sobenannten Städte oder Dörfer befinden, die Namen der Staaten aber werden gewöhnlich nur in einer bereits conventionellen Abkürzung gegeben. So heißt La. = Louisiana, Mo. = Missouri, und Va. = Virginia. Sie, meine Herren, hätten sollen der Eine nach Richmond in Louisiana, der Andere nach Richmond in Missouri reisen; wahrscheinlich haben Sie sich aber in New-York blos nach Richmond erkundigt, und da versteht man immer die große und blühende Hauptstadt des Staates Virginien darunter. Daß Ihre Bräute beide Müller heißen, kann keinen Deutschen verwundern, und eine Washington Street fehlt nur in wenigen Städten und Dörfern der Union. Ich lade Sie nun ein, sich bei mir einige Tage auszuruhen, und ich will Sie dann selbst mit Reisegelegenheiten versorgen, die den Einen nach Nordwesten, den Andern nach Südwesten bringen sollen. Freilich werden Sie jeder einige Hundert Meilen zurückzulegen haben, bis Sie in den Armen ihrer liebenswürdigen Bräute den Lohn für Ihre Mühsale finden, aber seien Sie beide sicher, daß Sie keine Nebenbuhler, sondern nur „Grünhörner“ sind.“




Dresden’s Wintergarten.
Von Ferd. Stolle.

Noch ruhte der Frühjahrswinter des Jahres 1858 graukalt; eintönig, mit seinen öden Wolken, gefrornen Erdschollen und streiflichternden Schneelaunen über dem erstarrten Elbthale; noch wehete der verschrieene Ostwind in nervöser Beharrlichkeit aus den Felsen der sächsischen Schweiz – als in den letzten Tagen des Februar die Bewohner der Haupt- und Residenzstadt Dresden in ihrem Anzeigeblatte die Nachricht und Einladung erhielten, daß auf dem bekannten, schön am linken Elbufer gelegenen Gartengrundstücke, „Elisens Ruhe“ genannt, ein Herr Hermann Lüdicke einen Wintergarten in’s Leben gerufen und dem Publicum geöffnet hatte.

Wintergarten –?! Der Name war nicht ganz unbekannt; man entsann sich, von dergleichen Etablissements in England, Frankreich, Rußland, selbst in einigen Städten Deutschlands in den Zeitungen gelesen zu haben. Aber Dresden, wozu hier ein Wintergarten, wo Frühling und Sommer in so reichem Maße ihr Blumenfüllhorn über das glückliche Elbthal ausschütten? Dresden, wo die Kunstgärtnerei und Blumenzucht bereits eine solche Höhe erreicht; wo kein Mangel an zahlreichen Gewächshäusern, Blumenausstellnugen; wo Hunderte von Gärten kunstreich angelegt, sauber gepflegt, blumenreich leuchten und duften in den schönen Zeiten des Jahres – wozu hier noch ein Wintergarten? Ist hierzu ein Bedürfniß vorhanden? – So fragte wohl Mancher und hielt es nicht der Mühe werth, von der Einladung im Anzeiger Gebrauch zu machen, zumal dieselbe von einem für den Dresdner Familienvater bedenklichen Entree von fünf Silbergroschen begleitet war. – Wozu bezahlen, was wir im Sommer umsonst haben? So fragte wohl Mancher und ließ den angekündigten Wintergarten mit derselben [67] Gemüthsruhe auf sich beruhen, als handle es sich um einen neu angelegten Kegelschub.

Unter den hundertzehntausend Seelen der Hauptstadt aber gab es doch Einige, die von einem andern Genius belebt wurden, und diese gingen, um dies für Dresden noch nicht dagewesene Etablissement in Augenschein zu nehmen – und als sie zurückkehrten, floß ihr Mund über ob der geschauten Pracht und Herrlichkeit, und ihre Mittheilungen klangen wie ein Märchentraum aus Tausend und Einer Nacht.

Unter bewandten Umständen war es denn kein Wunder, wenn auch Einsender zu dem Wanderstabe griff und, da bekanntlich bei schlechtem Wetter in Dresden keine Droschke zu haben, tapfer mit Sturm und Regen kämpfte, um das angebliche Paradies zu erreichen.

Als er den prosaischen Ziegelschlag im Rücken und sich der Blick weitete, wie lagen doch Berg und Thal, Strom und Landschaft, Baum und Strauch im tiefen Winterschlafe – wie schaute Alles so erstorben, trostlos, ungastlich; wie riß der Sturm so rücksichtlos in den Falten des schützenden Ueberwurfs; wie peitschte unerbittlich der naßkalte Schnee in’s Angesicht – und fünfhundert Schritte weiter, welche Wandlung, welch überraschender Zauber! Der Wanderer war in den Wintergarten getreten. So eben noch kämpfend mit allen Chicanen des nordischen Himmels, umfing ihn plötzlich ein behaglich grüner, umfriedeter Frühlingsdom, dessen Stille nur durch das Geriesel der Quellen, durch das angenehme Rauschen der Springbrunnen und durch leisen Vogelgesang, der wie Frühlingstraum die kleine, grüne, stille Welt durchzog, unterbrochen wurde. – Hatte ihn eine gütige Fee von der eisumgürteten Elbe, aus dem winterrauhen Mitteldeutschland mit einem Male in einen Palmengarten am Ganges, in ein Frühlingsthal Afghanistans, in einen Urwald der neuen Welt versetzt? – Da standen sie und streckten aus dem grün-fröhlichen Moose Brasiliens, das wie ein immer frischer Teppich diese Räume durchzieht, ihre grünen Arme hoch empor, die Kinder fremder Himmel. Da rankten und umarmten sich in südlicher Gluth, Leidenschaft und Ueppigkeit die wildfremden Geschlechter ferner Zonen. Wer zählt ihre Namen, beschreibt ihre Formen? Diese Palmen in reicher Mannichfaltigkeit, in seltenen Species und auserlesenen alten Exemplaren mit ihren federartigen majestätischen Kronen; diese Bananen mit ihren himmelanstrebenden Riesenblättern; diese Arorideen in ihrer imposanten Entfaltung; diese glockenförmige Yucca; diese zahlreichen Arten der wasserfallähnlichen Dracäneen, der Pincenecticien, Begonien und Amaryllen; diese capriciösen Launen und Humoresken des großen Blumendichters, die Orchideen' –!

Und dieser ganze Reichthum einer tropischen Pflanzenwelt, von Meisterhand geordnet, geschmackvoll gruppirt, mit besonderer Liebe und Sorgfalt gepflegt, mit künstlichen Felsen versehen, wo die schönsten Farrenkräuter ihre grünen Hände ausstrecken, von künstlichen Quellen umrieselt, in beständiger Frische und vermittelst Wasserheizung in ununterbrochener angenehmer, warmer Atmosphäre erhalten, durch Glasdächer vor den barbarischen Launen des Nordhimmels geschützt, von sechs Fuß breiten, sauber gehaltenen Gängen durchschnitten, mit Ruhebänken und lauschigen Plätzchen versehen – eine liebe grüne Wildniß, ein Zauberpark, in welchem man sich unter ferne Himmel träumen kann – das ist das Warm- oder Palmenhaus, welches die erste Abtheilung des Dresdner Wintergartens bildet.

Wenden wir uns jetzt zur Linken und treten vermittelst einer Glasthüre, in die zweite Abtheilung. Der Thermometer sinkt um einige Grad, eine frischere Luft umweht uns, und eine weniger fremde, aber um so reizendere Flora begrüßt uns; obschon auch hier in manchen Geschlechtern und namentlich in den zahlreichern Arten der reizend gebauten Akazien, in den Agaven und Araucarien die Himmel Amerika’s und Neu-Hollands nicht zu verkennen sind. Die Rhododendren in ihren reichen Blüthenglocken leuchten hier in erlesenen Exemplaren in unvergleichlicher Schöne, während man auf den geschmackvoll decorirten Blumenetageren zur Rechten, Linken und im Hintergrund an kleinern Pflanzen und Blumen die Mannichfaltigkeit der Mutter Natur, ihre feine Spitzenarbeit an Blatt und Blüthe, so wie ihre Farbenpracht und Schöne nicht genug bewundern kann.

Doch treten wir jetzt in das wahre Blumenparadies des Dresdner Wintergartens, in die der zweiten Abtheilung gegenüber gelegene und ebenfalls durch eine Glasthür vom Palmenhaus getrennte dritte Abtheilung.

Hier leuchtet der Himmel der Camellien und Hyacinthen, der Rhododendren und Azaleen in seltener Vollendung, in reichster Pracht, in tausendfältiger Schöne. Wie goldne Sterne blinken die schönen Blumen Japans aus dunkelm Laubgrün. Kein Königsmantel kann prächtiger gestickt sein, als diese dunkelgrünen Laubwände. Es ist ein Blumenfeuerwerk, worin die Riesenbouquets hervorbrechender Hyacinthen die blühenden Girandolen bilden. Und welche Mannichfaltigkeit bekundet hier die Malerin und Bildnerin Natur! Vom tiefen Nachtdunkel bis zum reinsten Schneekleide, vom ernsten Nordlichtpurpur bis zur holdseligen Morgen- und Rosenröthe; von der stolz gebietenden, üppigen Königin bis zum einfachen, schüchtern-bescheidenen Blumenkinde, in tausendfältiger Abstufung und Schattirung – Alle finden hier ihre Vertreter.

Die etagerenartigen, wunderbar zartgearbeiteten Christbäumchen der Acuarien finden sich in dieser dritten Abtheilung in noch kostbarern Exemplaren vor. Dasselbe gilt von den zahlreichen Akazienarten südlicher Zonen. Noch reicher geschmückt als in der zweiten Abtheilung erheben sich die Blumenetageren in den von Camellien und Rhododendron umblühten Boskets; während sich die Erika’s und die Epacris in ihren zahlreichen Arten, wie feine Bijouterie und Perlenarbeit, in dem schönen, mit ungemeinem Geschmack geordneten Ganzen liebenswürdig gruppirt finden.

Die Krone dieses Blumentempels aber bildet unbestritten jene im Hintergrunde des großen Camellienganges aus Hunderten von Hyacinthen und Azaleen gewirkte, von Rhododendren umblühte und von Lorbeerbäumen – deren zwei über hundert Jahre zählen – umrahmte große kostbare Altardecke, die da leuchtet und duftet in wahrhaft bezaubernder Schöne, und auf welche die Göttin Flora lächelnd herniederschaut. – Fürwahr, wenn man Jemand träumend auf eine der hier befindlichen Ruhebänke niederlegen und durch eine sanfte Musik erwecken wollte, er müßte, die Augen aufschlagend und diese Blumenpracht erschauend, sich für gestorben halten und glauben, im Paradiese zu erwachen.

Wo aber solche Blumenpracht leuchtete, und zwar in einem Reichthume und einer Fülle, in einer Ordnung und Aufstellung, wie sie bisher in Dresden – ohne den unterschiedlichen geschmackvollen Blumenausstellungen zu nahe zu treten – in solchem Grade noch nicht dagewesen war, konnte es nicht fehlen, daß sich der Wintergarten alsbald des zahlreichsten Besuchs von Seiten der Bewohner Dresdens und Fremder zu erfreuen hatte. Von der königlichen Familie und den höchsten Gesellschaftskreisen herab bis zu dem einfachen Bürgersmanne fand dieses neuerstandene Blumeneden seine Freunde und Bewunderer; und während man sich einerseits der hier aufgestellten Pracht und Herrlichkeit erfreute, erstaunte man andererseits, daß diese blühende Schöpfung das Werk eines - Privatmannes, der viele Tausende nicht gescheut, um sie in’s Leben zu rufen.

Der Wintergarten entfaltet seine reichste Pracht und Schöne zur Zeit der Camellien-, Hyacinthen-, Rhododendron- und Azaleenblüthe, wo er durch die mit ihm in Verbindung stehenden funfzehn Gewächshauslinien, welche gleichsam die ungeheueren Reserven bilden, mehrere Monate lang in ununterbrochener Frische, Pracht und Herrlichkeit erhalten wird und ein Blumenparadies darbietet, wie solches selbst die reichste und schönste Rosenblüthe in unseren Sommergärten nicht zu geben vermag. Schon der Contrast - außen Winter, Sturm und Kälte – im Innern wohlthuende Wärme, freundliches Klima und rings nichts als Blumen in prachtvoller Entfaltung, übt einen Eindruck, wie solchen kein Blumengarten des Frühlings und Sommers zu gewähren im Stande ist.

Möge daher Niemand, der Dresden zur Blüthezeit seines Wintergartens besucht, diese paradiesischen Räume undurchwandert lassen.

Das aus Eisen und Glas aufgeführte Gebäude des Dresdner Wintergartens mißt in seiner Länge dreihundert englische Fuß und umfaßt einen Flächenraum von zwanzigtausend Quadratfuß. Es ward von seinem Besitzer, wie erwähnt, mit ungemeinem Kostenaufwande in unverhältnißmäßig kurzer Zeit gebaut und mit Tausenden und Abertausenden von Topfpflanzen geschmückt. Dieser Wintergarten, mehr ein Werk der Liebhaberei seines Besitzers, der mit seltener Liebe und Hingebung der Erziehung, Pflege und Cultur der Kinder Flora’s sich widmet, als des pecuniären Gewinnes, steht, wie schon oben erzählt, mit funfzehn Gewächshauslinien, sowie mit großen, zwanzig Morgen Landes umfassenden Park- und Gartenanlagen, wo ununterbrochen zwölf Kunstgärtner Beschäftigung finden,

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Die Blumenhalle des Dresdner Wintergartens.

in Verbindung. Diese schönen, wohlgepflegten Anlagen, auf welche hundertjährige Buchen und Ulmen ihre Schatten werfen, bieten dem Natur- und Blumenfreunde, namentlich zur Zeit der Rosenblüthe, großen Genuß; wie denn in ihnen eine auch während der Sommermonate ununterbrochene Blumenausstellung stattfindet.

Für auswärtige Blumenfreunde diene daher zur Nachricht, daß von diesem großartigen Etablissement aus auch ein weit verbreiteter Pflanzen- und Blumenhandel, im Großen, wie im Einzelnen, und zwar auf sehr billige, exacte und reelle Weise betrieben wird. Der sehr reichhaltige Katalog mit beigefügten Preisen ist unentgeltlich zu beziehen durch den Gründer und Besitzer, Herrn Hermann Lüdicke aus Elisens Ruhe bei Dresden.

Da es mit zu den Aufgaben der patriotischen und gemeinnützigen deutschen Presse gehört, vaterländischen Unternehmungen, wo deutscher Geist, Fleiß und Geschmack, deutsche Kunst edle Blüthen treibt, die verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung zu widmen, so konnte dem Dresdner Wintergarten ein Platz in der Gartenlaube nicht vorenthalten werden.



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Palmenhaus des Dresdner Wintergartens.


Ein Tag in Mailand.
Von G. R.
Auf dem Dom zu Mailand. – Ein alter Palast. – Das Officier-Kaffeehaus. – Italiener und Deutsche. – Geschichte zweier Officiere. – Giardini publici. – Politik im Theater.

Es war ein warmer, sonnenstrahlender Herbsttag, ein Herbsttag, wie ihn nur der Süden kennt. Kein Wölkchen war am Himmel, und der Himmel glich einem azurblauen Dome, der sich von den blauen Bergzügen der Apenninen über der grünen, lombardischen Ebene und über den tausend Statuen und gothischen Spitzen des weißen Marmordomes in Mailand bis zu den funkelnden Gletschern und weißglänzenden Schneefeldern der Schweizer Alpen wölbte. Der Boden dieses großen Domes der Natur war eine der blühendsten und schönsten Ebenen der Welt, die lombardische Ebene; die Säulen, welche seine Gewölbe trugen, waren die höchsten und größten in Europa, die weißen Riesenhäupter des Montblanc, die begletscherten Gipfel des Simplon, der große, graue, schneegefleckte Granitriese [70] des St. Gotthardt und die schneeumhüllte Pyramide des Monte Rosa, und in ihm leuchtete die strahlende, warme Sonne Italiens. Und doch war es schon Anfang November in der Zeitrechnung des Kalenders, während die Natur einen Frühlingstag zu feiern schien.

Ich stieg auf die oberste Gallerie des Domes. Unter mir lag die große, prächtige Stadt, welche die Italiener mit Recht und mit Stolz „la grande“ nennen, Mailand.

Erlassen Sie mir heute die Schilderung dieses unvergleichlichen Rundblickes auf den Marmorwald von Statuen, gothischen Thürmen, Kirchen, Denkmälern und Thoren! Ich will Ihnen nicht die Stadt, sondern nur deren Zustände, das Leben schildern und nur vorübergehend das Nöthigste berühren.

Welch’ ein Gemisch von Straßen, Palästen, Zinnen und stolzen alten Gebäuden! Dort das graue, mit Mauerzinnen gezierte alte Gebäude, halb Castell, halb Caserne, ist das alte Schloß der Mailänder Erzbischöfe und Herzöge, der Visconti und der Sforza. Hier wohnten Giovanni und Galeazzo Visconti, die Mäcene der Wissenschaft und Kunst, die Freunde Petrarca’s, welche den Bau des Marmordomes begannen; hier ließ sich der tapfere Franz Sforza, der Eidam des letzten Visconti, zum Herzoge von Mailand krönen; hier schwelgte sein Sohn Galeazzo Maria, hier empfing einer seiner Nachkommen vom deutschen Kaiser Mailand als Lehn. Das alte Schloß hat eine reiche und große Vergangenheit. Jetzt ist es eine österreichische Caserne, wie das alte Feudalschloß der Scaliger bei Verona, und dient als Befestigungswerk gegen die Stadt, wenn sich diese gegen die österreichische Herrschaft empört.

Das altersgraue Gebäude steht auf einem weiten, wüsten Platze. Bis zum Jahre 1849 war der große Platz mit prächtigen Baumgruppen und Alleen bedeckt. Als Radetzky zur Schlacht bei Novara auszog, ließ er die stattlichen Bäume sämmtlich niederhauen, nicht, wie die Reiseberichte erzählen, um der Besatzung „Licht und Luft“ zu verschaffen, sondern um auf die Stadt nöthigenfalls mit Kanonen zu feuern und einen plötzlichen Angriff und Ueberfall des Castells besser verhindern zu können. Dem Castell gegenüber, an der andern Seite der Piazza d’Armi, erhob sich der schöne Triumphbogen, der Arco della Pace, ein hohes Marmorthor mit drei Durchgängen, welches der Kaiser Napoleon im Jahre 1804 als Schluß der Simplonstraße baute. Auf der Plattform stand die Friedensgöttin, auf einem Wagen gezogen von sechs Pferden. Die Friedensgöttin ist ein Napoleonischer Hohn. Als wenn Frankreich Italien jemals Frieden gebracht hätte, oder jemals Frieden bringen wollte! Die Friedensgöttin des Onkels ist eine ebenso große Lächerlichkeit, wie die Freiheitsgöttin des Neffen, welche derselbe an ihre Stelle setzen zu wollen heuchelt! Ein Volk, welches von der Unterstützung des französischen Kaiserthums die Freiheit erwartet, ist nicht werth, daß es die Segnungen der Freiheit jemals genießt. Mit Recht sagt eine der angesehensten preußischen Zeitungen: „Nach solchen Spielen mit Versprechungen, Verfassung, Recht, Gesetz, nach solchen Sympathien für Sclavenhalterei, Pfaffenregiment und Präfectenthum ist die sogenannte Fahne freier Nationalitäten eine unmögliche Posse geworden, die sogar für den Leichtsinn der Franzosen zu fratzenhaft ist.“

Lange stand ich oben und blickte mit Staunen und Bewunderung auf das großartige Bild, eben so eigenthümlich und eben so schön, wie das Bild, welches sich unter mir aufrollte, als ich in Venedig auf dem Campanile di San Marco stand. Wie würde Kaiser Friedrich Barbarossa, der stolze Hohenstaufe, erstaunt gewesen sein, wenn der Genius der Zukunft damals, als er vor fast siebenhundert Jahren Mailand von Grund aus zerstören und Salz auf die Mauertrümmer streuen ließ, vor seinem geistigen Auge dies reiche, lebensvolle und glänzende Bild entrollt hätte!

Langsam stieg ich hinab, zuerst auf der Schneckenstiege der durchsichtigen Pyramide der Guglia, auf deren Spitze die eherne kolossale Statue der heiligen Jungfrau steht, der Maria nascenti, der die Kirche geweiht ist, dann durch den Statuenwald und durch die Reihen zahlloser Thürme, Pfeiler, Bogen und Arabesken hinab in das Innere der Kirche. Durch die große Eingangspforte verließ ich dieselbe und ging über den Domplatz in das Café Mazza. Das Café Mazza liegt gerade an der Ecke, wo sich der prächtige Corso Francesco auf den Domplatz mündet. Man überblickt, unter den Säulen des Porticus sitzend, welcher sich vor dem Café an der rechten Seite des Domplatzes hinzieht, den ganzen Platz und den Corso Francesco. Seit dem Jahre 1848 nennt man in Mailand des Café Mazza das Officier-Kaffeehaus. Jede Stadt in der Lombardei hat ein solches Officier-Kaffeehaus; es ist das Café, was von den Officieren, aber auch nur von den Officieren der Garnison besucht wird. Kein Italiener besucht das Officier-Kaffeehaus. Vor dem Jahre 1848 war dies anders. Von einer solchen gesellschaftlichen Trennung, wie, seitdem die Lombardei nach dem Aufstande von der österreichischen Armee wieder erobert wurde, zwischen den Officieren und den Bewohnern der Städte eingetreten ist, war keine Rede. Seit dieser Zeit bilden die Officiere der österreichischen Armee in der Lombardei eine Gesellschaft für sich, mit der alle Beziehungen Seitens der Lombarden abgebrochen sind. Man weicht ihnen aus und vermeidet mit der größten Consequenz jede gesellschaftliche Berührung. Kein Name, kein Rang, kein Stand, keine Empfehlung öffnet ihnen die Häuser der italienischen Aristokratie oder der lombardischen Bürger. Ich habe in Verona und Venedig Officiere aus den ersten österreichischen Familien kennen gelernt, welche seit sechs Jahren mit ihrem Regiment in der Lombardei standen, und niemals ein Haus besucht hatten. Sie waren während dieser langen Zeit nie in Gesellschaft gewesen, sie hatten nie getanzt, sie hatten nicht einmal mit einer Dame von Stande gesprochen.

Der junge Baron v. K., aus einer der ersten böhmischen Familien, Rittmeister in einem Uhlanenregiment, ein hübscher, liebenswürdiger und sehr gebildeter junger Mann, war aus Prag mit seinem Regiment nach Verona dislocirt. Seine Mutter war aus einer der angesehensten lombardischen Adelsfamilien. Er kannte die unangenehmen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Lombardei, er tanzte gern, sprach gern mit schönen Frauen und ging gern in Gesellschaft; er hatte sich deshalb von seiner Mutter und von andern in Prag wohnenden Adelsfamilien viele und gute Empfehlungen nach Verona mitgebracht, und gab sich alle Mühe, gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Es gelang ihm in keinem einzigen Falle. Vermittelst seiner Empfehlungsbriefe ließ er sich vorstellen; man nahm ihn an, aber man empfing ihn so kalt, so förmlich, so gleichgültig, daß er in keinem Hause zum zweiten Male erscheinen konnte. Man lud ihn auch nirgends an, seinen Besuch zu wiederholen; selbst die Verwandten seiner Mutter thaten es nicht. In keine einzige Gesellschaft während der ganzen Saison wurde er geladen. Wer ihm von den Herren und Damen, an welche er empfohlen war, auf der Straße, auf der Promenade, im Theater begegnete, grüßte ihn oder erwiderte seinen Gruß mit Höflichkeit, aber so kalt, so förmlich, daß auf den Gruß keine Anrede folgen konnte. Nach monatelangen, vergeblichen Bemühungen gab er seine Versuche, Gesellschaften zu besuchen, auf und ging in das Officier-Kaffeehaus an der Piazza di Brera. Ich stellte den Baron zwei englischen Damen vor, deren Bekanntschaft ich unterwegs gemacht hatte.

„Sie hätten mir gar keine größere Freude erzeigen können,“ sagte er zu mir; „seit den vier Jahren, wo ich hier bin, habe ich mit keiner Dame von Stande mehr gesprochen. Ich sehe nur meine Verwandten und die Damen, an welche ich empfohlen war, in ihren glänzenden Equipagen vorüberfahren. Sie blicken mich an, als wenn sie mich nie gesehen hätten. Es ist unerträglich!“ –

Diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind gewiß unerträglich, und um so unerträglicher für einen jungen Mann von Geist, Bildung und Geschmack, dem gesellschaftlicher Umgang auch außer den Kreisen seiner Cameraden Bedürfniß geworden ist. Aber dieser gesellschaftliche Umgang ist in den lombardischen Städten nicht zu bewerkstelligen. Der Baron von K. war nur einer von den vielen Hunderten, welche in dieser Beziehung eben so unglücklich waren, wie er, und unter dem Druck der schrecklichsten Langeweile seufzten. In den Kaffeehäusern, in den Conditoreien und in den Gasthöfen sind die Verhältnisse ganz dieselben, und während der letzten zehn Jahre ganz dieselben geblieben. Kein Italiener knüpft mit einem Officier eine Unterhaltung an, Niemand setzt sich zu ihm an den Tisch, Niemand spricht mit ihm. So sind die Officiere in jeder lombardischen Garnison dahin gekommen und auch folgerichtig dazu gedrängt worden, sich ein Kaffeehaus auszusuchen, welches sie allein besuchen, und dieses Kaffeehaus nennt man denn vorzugsweise das Officier-Kaffeehaus. Ich fand diese Officier-Kaffeehäuser nicht allein in den großen Städten, in Venedig, Mailand, Vicenza, Padua, Bergamo, Brescia, Mantua, ich fand sie auch in den kleinsten Ortschaften, z. B. in Laveno, in Varese, in Tirano. Kein italienischer Signor, kein Bürger besucht die Officier-Kaffeehäuser; man kann immer darauf rechnen, daß derjenige, den man im schwarzen Rock dort antrifft, ein Fremder ist.

So war es auch heute im Officier-Kaffeehaus in Mailand, [71] im Café Mazza. Ich sah nur weiße Uniformen. Doch nein, da sehe ich einen Herrn in einem Civilanzuge, der die Augsburger Allgemeine Zeitung liest. Seiner Figur, seinem Haar und seinem mir halb zugewandten Profil nach scheint er wirklich ein Italiener zu sein. Neugierig gehe ich zu ihm heran. Er sieht auf, und ich erkenne den Grafen T., einen meiner Bekannten aus Venedig. Er hatte in Brescia gehört, daß ich nach Mailand gereist sei, und dachte mich im Officier-Kaffeehaus zu finden. Graf T. war halb ungarischer, halb italienischer Abkunft, und sein Herz schlug für Italien. Wir begrüßten uns, erfreut, uns sofort in Mailand wiederzufinden – der Graf war erst vor einer Stunde angekommen – und setzten uns draußen, vor der Thüre des Café’s unter dem Porticus nieder. Die Rauchdemonstration hatte noch nicht ihren Anfang genommen; wir zündeten uns die langen, schwarzen, italienischen Cigarren an, und schauten auf den Domplatz und auf den Corso Francesco, der heute von Spaziergängern und Equipagen wogte.

Es traten bald noch einige Officiere meiner Bekanntschaft hinzu, und einer derselben stellte den Oberlieutenant von G. vor, der bei einem deutschen Regiment in Lemberg stand und in Mailand auf Urlaub war. Auch er stammte von seiner Mutter her aus einer lombardischen Adelsfamilie. Er war ein eleganter, angenehmer junger Mann.

„Werden Sie lange in Mailand bleiben, Herr v. G.?“ fragte ich ihn.

„Lange?“ erwiderte er, mich etwas verwundert ansehend. „Noch in dieser Woche reise ich in meine Garnison zurück.“

„Warum denn so schnell?“ fragte ich wieder. „Gefällt es Ihnen in Mailand nicht oder ist Ihr Urlaub schon zu Ende?“

„Nein,“ sagte er. „Mein Urlaub dauert vier Wochen. „Aber was soll ich hier? Meine Cameraden habe ich gesehen und gesprochen. Meine Verwandten empfangen mich nicht. Keiner meiner Besuche ist erwidert worden, und wo ich war, hat man mich so kalt aufgenommen, daß ich mit Anstand nicht zum zweiten Male kommen kann. Man verzeiht mir nicht, daß ich, dessen Großmutter eine Italienerin war, in der österreichischen Armee diene. Ich sage Ihnen, das ist unerträglich. Ich reise noch in dieser Woche ab.“

Es war die Geschichte des Rittmeisters v. K., nur in einer neuen Auflage. Der junge Mann sah sehr verstimmt und verdrießlich aus. Er hatte wohl Recht, wenn es ihm in dem prächtigen Mailand nicht gefiel.

Wir schwiegen darüber still und plauderten von andern Dingen.

„Kennt einer der Herren den Herzog Litta?“ fragte ich.

Der Herzog Litta ist bekanntlich einer der reichsten und vornehmsten lombardischen Edelleute. Er betheiligte sich in der energischsten und umfassendsten Weise an dem Aufstande im Jahre 1848 und floh nach der Einnahme Mailands durch den Feldmarschall Radetzky nach Sardinien. Seine sämmtlichen Güter, Paläste und Schlösser wurden confiscirt und sequestrirt. Sein Palast in Mailand wurde in eine österreichische Caserne umgewandelt. Ganz derangirt in seinen finanziellen Verhältnissen, unterwarf er sich vor drei Jahren, wurde begnadigt, in seine sämmtlichen Güter und Besitzungen wieder eingesetzt und bewohnt jetzt seinen Palast in Mailand. In der ganzen deutschen Presse war damals viel von der Unterwerfung und Begnadigung des Herzogs die Rede. Sein Beispiel steht aber sehr vereinzelt da und beruht auf vielfachen persönlichen Gründen und Verhältnissen.

„Wollen Sie den Palazzo Litta sehen?“ fragte mich einer der Officiere, der mit dem Grafen T. sprach. „Es wohnt einer unserer Generale dort, mit dessen Adjutanten ich befreundet bin. Ich werde Sie nach Tische hinführen.“

Ich nahm das Anerbieten dankend an.

„Hat denn der Herzog Umgang mit der lombardischen Aristokratie?“ fragte ich.

„Umgang?“ erwiderte mir der Hauptmann verwundert. „Wie können Sie denken? Er steht ganz allein. Niemand geht mit ihm um. Niemand verzeiht ihm seine Unterwerfung. Und doch mußte er. Er war ganz derangirt. Auch ist er ein etwas beschränkter und schwacher Herr. Aber kommen Sie, meine Herren, wir wollen in die Giardini publici gehen. Heute ist dort Musik, und Sie können die schöne Welt von Mailand sehen. Es ist hier schrecklich langweilig.“

Wir standen sämmtlich auf und gingen den Corso Francesco und den Corso Orientale hinab nach den Giardini publici. Der Corso Francesco und der Corso Orientale sind die reichsten und prächtigsten Straßen von Mailand, die Mailänder Boulevards. Reiche Läden, Magazine, Kaffeehäuser, hohe Häuser mit Marmorbalkonen und glänzenden Spiegelscheiben bilden ihre beiden Seiten, ich kann ihren Anblick nur mit dem der Pariser Boulevards vergleichen. Obschon die eigentliche Saison für Mailand erst später beginnt und die meisten Adelsfamilien noch auf dem Lande waren, hatte der wunderbar schöne Novembertag sie dennoch mit einer Fluth von Equipagen und Spaziergängern bedeckt. Doch bemerkte ich unter den Tausenden, welche an uns vorübergingen oder vorüberfuhren, Niemanden, der mit einem Officier sprach oder ging, oder der auch nur grüßte. Auch die Soldaten gingen einzeln oder zu Paaren. Keiner ging mit einem Bürger oder einem Mädchen, kein einziger. Wir gingen plaudernd die lange prächtige Straße hinab, da fuhr eine glänzende Equipage vorüber. In dem Wagen saß eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen von großer Schönheit. Es war mir, als wenn die Damen zu uns herübersahen. Der Lieutenant v. G. grüßte.

„Kennen Sie die Damen, Herr v. G.?“ fragte ich.

„Es ist meine Tante und meine Cousine,“ sagte er. „Ich habe wirklich nicht bemerkt, ob sie wieder gegrüßt haben. Ich machte bei ihnen meinen ersten Besuch. Sie haben mich nicht eingeladen, wiederzukommen. Was hilft mir das nun, daß ich eine so schöne Cousine in Mailand habe?“

Wir kamen in den öffentlichen Garten, in die Giardini publici. Er liegt am Ende des Corso Orientale, an der Porta Orientale, noch innerhalb der Stadt und bildet an heiteren Tagen einen Hauptspaziergang für die Mailänder Bürger. Auch heute war der Garten viel besucht. Seine schönen, langen Alleen wogten von Spaziergängern, Herren und Damen. In der Mitte der breiten Allee, welche den Garten von Westen nach Osten durchschneidet, war ein österreichisches Musikcorps aufgestellt und führte einige italienische Musikstücke in vortrefflicher Weise aus. Die Musikbanden der meisten österreichischen Regimenter sind vortrefflich eingeübt. Sie sind besser, als ich sie in irgend einer anderen europäischen Armee gefunden habe. Alles ging plaudernd, horchend und seine Bekannten grüßend oder ansprechend hin und her, oder hatte sich auf unabsehbare Reihen von Rohrstühlen, welche zu beiden Seiten der Allee aufgestellt waren, niedergelassen. Die ganze schöne Welt von Mailand ging an uns vorüber. Es war, wie in Paris im Tuileriengarten in der Allée des Feuillants. Schöne Frauen mit großen dunkeln Augen, mit prächtigem Haar, hohe und edle Gestalten schwebten zu Hunderten an uns vorüber. Wenn die Mailändischen Frauen auch nicht alle schön sind, wenn ihre Gesichtszüge auch nicht den antiken Ausdruck der Römerinnen haben, so haben sie jedenfalls schöne, prächtige Augen, reiches Haar, und ihre Gesichtszüge tragen einen nationalen Typus, an dem es den deutschen Frauen so sehr mangelt. Ihre Gesichter haben Ausdruck und Leben, ihre Augen verrathen Feuer und Leidenschaft. Uns sah keine dieser schönen Frauen an, keine grüßte uns, sie kamen und gingen zu Hunderten an uns vorüber, ohne daß ein Blick auf uns fiel.

„Was sagen Sie zu unsern Damen?“ fragte mich einer der Officiere. „Nicht wahr, wundervoll? Es ist ewig schade, daß wir mit ihnen nicht in Frieden leben. Aber sie sind für uns wie nicht da.“

„Ist es denn gar nicht möglich, hier in Mailand irgend wie Bekanntschaft anzuknüpfen?“ fragte ich.

„Ausnahmsweise, ja, mit einem Bürgermädchen,“ war die Antwort. „Die sind gerade nicht durchweg so consequent. Aber die Ausnahmen sind doch selten und dann darf es Niemand wissen. Oeffentlich würde keine Einzige wagen, sich mit uns zu zeigen.“

Es war auch hier im öffentlichen Garten, wie überall. Die Officiere und Soldaten gingen einzeln oder zusammen hin und her, oder saßen gruppenweise auf den Stühlen. Um jede Gruppe von Stühlen war es aber ganz leer. Erst in einiger Entfernung saßen oder standen Gruppen von Mailänder Bürgern, Frauen und Mädchen. Ich habe auch in dem ganzen großen Garten, in dessen Gängen und Alleen doch heute viele Tausende von Menschen versammelt waren, während zwei Stunden keinen einzigen Menschen gesehen, der einen schwarzen Oberrock trug und der mit einem Officier oder Soldaten sprach oder ging oder neben ihm saß. Ich und der Graf T. waren die einzigen – und unter unseren schwarzen Röcken schlugen auch italienische Herzen.

Es war drei Uhr. Die Musik war vorüber, die Spaziergänger hatten sich zerstreut oder waren nach Hause gegangen und der Garten war leer. Auch wir gingen den Corso Orientale und den [72] Corso Francesco zurück, dann über den Domplatz und speisten beim Rebecchino, der bekannten Trattorie in der Nähe des Domes. Der Graf und ich tranken den Kaffee in dem Akaziengarten der Cova, neben der Scala. Wir trafen dort viel Gesellschaft, Mailänder Bürger mit ihren Frauen und Töchtern, welche ihren Café nero tranken, den der Italiener bekanntlich ein halbes Dutzend Mal des Tages trinkt, und setzten uns zu ihnen. Der Graf erzählte ihnen, daß er Italiener sei, und sagte, ich sei Franzose. Wir wurden auf das Freundlichste und Zuvorkommendste behandelt, das ganze kalte abstoßende Wesen, was ich Morgens in dem öffentlichen Garten bemerkt hatte, war verschwunden. Der Italiener ist immer freundlich und zuvorkommend. Ist man mit ihm bekannt oder ihm empfohlen, so ist man auf’s Beste aufgenommen. Man darf nur kein Tedesco sein. Dann hört alle Freundschaft und alle Herzlichkeit auf. Er ist dann eben so kalt, gleichgültig und zurückgezogen, wie er kurz vorher noch herzlich und freundlich war. Wir sahen hier im Garten der Cova davon ein eclatantes Schauspiel. Einer der Officiere kam, uns aufzusuchen. Verwundert sah er uns mitten unter einer Gesellschaft am Tische sitzen. Er trat heran, redete uns in deutscher Sprache an, setzte sich sogar zu uns, und nach wenigen Minuten saßen wir an unserem Tische allein. Die Menschen, mit denen wir so eben in der lebendigsten, fast herzlichen Unterhaltung waren, hatten unseren Tisch und den Akaziengarten verlassen.

Es war während dem Abend geworden. Wir gingen nochmals den Corso Francesco auf und ab. Die eingetretene Herbstkälte hatte die Spaziergänger von der Straße verscheucht; desto voller war’s in den Cafés und Conditoreien. Hunderte von Gaslaternen, Lampen und Reverberen strahlten ihr Licht über die Straße, und spiegelten ihre Flammen in den Spiegelscheiben und in den glänzenden Schaufenstern. Der Anblick war prächtig, wie in der Rue Richelieu oder auf dem Boulevard des Italiens. Auf einem an eine Mauer geklebten Theaterzettel war in der Scala die Norma und ein neues Ballet angezeigt. Wir beschlossen in die Scala zu gehen.

Das Theatro della Scala, ist das Theater in Mailand, auf dem die Opern und Ballets gegeben werden. Es ist ein prächtiges Theater, nach dem San Carlo-Theater in Neapel das größte in Italien, fast zu groß für die Stimme, wenn dieselbe nicht einen bedeutenden Fond hat. Signora Pasta und viele Sänger und Sängerinnen ersten Ranges in Italien haben sich ihren Namen in der Scala gemacht. Ich habe schon viele große und schöne Theater in Europa gesehen, in Paris, in London, wie in Berlin und Wien; dennoch war ich von der einfachen und doch großartigen Pracht dieser Räume überrascht. Der Grund der Wände ist weiß, alle Verzierungen, Figuren und Arabesken sind golden, die Seitenwände und Rückwände der Logen sind in bunten Farben gehalten und luxuriös ausgestattet, da jede Loge ihren Eigenthümer hat, und derselbe jeden möglichen Luxus an Spiegeln, Statuen und Bildern auf den kleinen Raum seiner Loge verwendet. Das Theater ist in Italien zugleich der Gesellschaftssaal der ganzen vornehmen Welt. Sehen und hören ist nur dann Hauptsache, wenn der Abend eine besondere Kunstleistung bietet; sonst macht man sich in seinen Logen Besuche, conversirt miteinander und lorgnettirt und begrüßt seine Bekannten, oder macht neue Bekanntschaften. Das Scalatheater braucht viel Licht; aber wenn die Hunderte von Flammen auf allen Armleuchtern, auf allen Kronleuchtern und in allen Logen brennen, wenn die Wände in einem Meer von Licht strahlen, dann bietet das Scalatheater einen zauberischen Anblick. Das Theater war heute gefüllt, alle Armleuchter und Lampen flammten, Madame Lafond sang die Norma, und Norma ist eine Lieblingsoper der Italiener. Die Italiener sind Patrioten, sie schwärmen für ihr Land, für ihre Kunst, für ihre Musik und ihre Componisten. Verdi ist kein Componist ersten Ranges, aber Verdi ist der einzige Componist von Bedeutung in Italien, der jetzt lebt, und die Italiener schwärmen für ihn, weil er Italiener ist. Es liegt unleugbar viel Großes in dieser nationalen Schwärmerei; die Deutschen könnten viel davon gebrauchen. Wäre der geniale Richard Wagner, unbedingt einer der größten Componisten, welche die Natur je geschaffen hat – wenn er nicht der größte ist –, ein Italiener, er würde vergöttert werden, statt daß wir in Deutschland seine Musik kritisiren. Wenn ich Verdi’s Musik nicht anerkennen wollte, erwiderte man mir:

„Die Deutschen können Verdi’sche Musik nur nicht singen; hören Sie Verdi’sche Musik in Italien, und Sie werden ihre Schönheit erkennen.“

Also Madame Lafond sang die Norma. Die Oper hatte noch nicht begonnen. Wir gingen in das Parquet und setzten uns auf eine der drei ersten Bänke. Die drei ersten Bänke im Parquet, gleich hinter dem Orchester, waren von den Officieren eingenommen; sie sind ein für allemal von ihnen belegt. Es sind hier dieselben Gründe vorhanden, wie bei den Kaffeehäusern, und die Officiere haben deshalb bescheidener Weise die drei ersten Bänke im Parquet genommen, für die Oper und das Ballet jedenfalls die ungünstigsten Plätze.

Wir hatten uns kaum gesetzt, als die Ouvertüre begann. Der Vorhang erhob sich. Die Introduction und das erste Recitativ gingen ziemlich unbeachtet vorüber. Dann trat Norma auf uns trat unter die heilige Eiche. Sie wurde rauschend empfangen. Diese langdauernden Bravo’s und diesen Applaus kennt man nur in Italien. Das kalte deutsche Publicum hat davon gar keinen Begriff. Madame Lafond war Französin von Geburt, sie war eine schöne Frau, hatte den Kopf einer Sphinx, eine prächtige Stimme, und ihr Gesang war voll hohen dramatischen Ausdrucks. Ihre Norma hatte die Auffassung der Malibran, großartig, leidenschaftlich und edel. Sie sang die casta diva mit unvergleichlichem Ausdruck und Reinheit. Zehnmal wurde sie nach dem ersten Acte gerufen. Alles schien heute im Theater nur ein musikalisches Interesse zu haben, obschon man mir gesagt hatte, daß man politische Demonstrationen befürchte. Nur einmal kam der nationale Haß der Italiener während des ersten Actes zum Vorschein. Die Adalgisa wurde, wie überall, von einem jungen Mädchen gesungen, welche neben dieser Norma nicht von Bedeutung war. Sie sang das Duett mit der Norma mit vielem Feuer und vielem dramatischen Ausdrucke. Ich und einige Officiere applaudirten ihr, da wurde im Parquet gezischt. Ich meinte, es sei eine Intrigue, applaudirte stärker und forderte die Herren, welche in meiner Nähe waren, auf, mir beizustehen. Es geschah; aber nun begann das Zischen mit erhöhter Heftigkeit nicht allein im Parquet, sondern auch in den Logen. Ich war immer noch der Meinung, es sei eine Demonstration gegen die Sängerin, wurde empört und suchte den Applaus durchzusetzen. Da trat ein älterer Officier heran und bat uns, mit dem Applaus aufzuhören.

„Sie wissen ja, meine Herren,“ sagte er, „man zischt dort ja nur, weil wir applaudiren. Hören wir auf, wir können der Signora nur schaden.“

Der zweite Act der Oper ging nicht so ruhig vorüber. Das Auftreten des Chores, der den Kampf gegen die römischen Legionen fordert, war von rauschendem Beifall und von fortwährendem Applaus begleitet, und als der Schlachtgesang begann, als die Worte „guerra, guerra“ ertönten, erreichte die Demonstration ihren Höhepunkt. Man konnte kaum die Worte des stark besetzten Chors unterscheiden, so heftig wurde der Applaus und das Bravorufen.

„Sangue, Sangue! Le galli che scuri
Fino al tronco bagnate me son.
Sovre i flutti del Ligeri impuri,
El gorgoglia con funebre suon!
Srage, strage, sterminio, vendetta,
Gia comincia, si compie, si affretta.“

zu deutsch (in freier Uebersetzung):

„Zu den Waffen! Die Rache, sie winkt,
Bald der Boden Römerblut trinkt.
Wie die Mistel der Sichel erlieget,
Sei der Römer durch Schwerter besieget!
Stürzt die Adler, beschneidet die Schwingen,
Tödtet Alles, was Waffen noch trägt.“

So sang der Chor auf der Bühne. Und das Beifallsrufen, die Bravo’s und der Applaus im Parquet und in den Logen wollte gar kein Ende nehmen.

Dann sang der Chor weiter:

„Come biade da falci mietute
Sian di Roma le schiere cadute.“

zu deutsch (in freier Uebersetzung):

„Laßt in das Lager der Römer uns dringen,
Wo das Herz unsers Todfeindes schlägt.“

Das Bravorufen tönte nun wie ein lange anhaltender Donner, und dazwischen hörte man die Rufe „viva l’Italia“ Die anwesenden Officiere benahmen sich sehr ruhig und gemessen. Es geschah vernünftigerweise nichts, um die Demonstration zu unterbrechen oder zu verhindern, die Aufregung ging vorüber, und, als Sever gefangen in Irminsuls Hain geführt wurde, war wieder eine lautlose Stille in dem großen Theater. Man horchte nur dem großartigen Gesange Norma’s, und der Applaus feierte nur die Sängerin.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Auf der südlichen Halbkugel, selbst in dem rauhen, schneereichen Feuerlande, gibt es keine Schlitten, wahrscheinlich blos deshalb, weil es an Zugthieren fehlt.